1. „Literatur, die anders ist, die nicht dazu gehört“. Diskurse über den Begriff „Migrationsliteratur“ in:

Annabelle Jänchen

Die dritte Stimme, page 13 - 26

Migration in der jüngeren deutschsprachigen Literatur

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4314-1, ISBN online: 978-3-8288-7251-6, https://doi.org/10.5771/9783828872516-13

Tectum, Baden-Baden
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1. „Literatur, die anders ist, die nicht dazu gehört“6 Diskurse über den Begriff „Migrationsliteratur“ In den frühen 1980er Jahren verstanden sich ausländische Autor/innen in Deutschland als Gastarbeiterliteraten, darunter Franco Biondi, Jusuf Naoum, Rafik Schami, Suleman Taufiq und Gino Chiellino. Biondi und Schami erarbeiteten ein Manifest der „Literatur der Betroffenheit“.7 Sie forderten darin eine Auflösung nationaler Kategorisierung von Literatur zugunsten einer multinationalen Be trachtung. Um 1990 wurde der Begriff der Gastarbeiterliteratur vermehrt vom Begriff der Migrationsliteratur abgelöst,8 was jedoch kaum zu einer Aufhebung der Kategorisierung von Literatur nach Herkunft führte. Noch heute kritisieren Autor/innen wie Marica Bodrozic, Sasa Stanisic oder Terezia Mora die Einord nung ihrer Literatur als „Migrationsliteratur“. Anders als die Gastarbeiterliteraten bemängeln sie jedoch in erster Linie, dass ihre Literatur immer als „anders“, nie jedoch einfach nur als deutsche Literatur wahrgenommen wird. 1.1 Die Rezeption des Begriffs bei Autor/innen mit Migrationshintergrund ,,[F]ragwürdig, rassistisch und paternalistisch“9 — das sind die plakativen Begriffe, mit denen die in Aserbaidschan geborene Autorin Olga Grjasnowa den Begriff der Migrationsliteratur beschreibt. Auch für den in der Türkei geborenen Autor Feridun Zaimoglu ist die ein ,,tote[r] Kadaver“10 und „Ekelbegriff'11. Beide be mängeln, dass der Begriff die Autor/innen einzig über ihre nicht-deutsche Her kunft definiere, statt über ästhetische und thematische Gemeinsamkeiten. Grjas nowa fordert eine Entkategorisierung von Literatur: „Wenn man einfach den 6 o.V . „O lga G rjasnow a findet Label ,M igrationsliteraturi unsäg lich“ 2017. 7 Vgl. B iond i, F ranco/Scham i, R afik (1981): „L iteratur der B etroffenheit. B em erkungen zur G ast arbeiterliteratur“, in: Schaffem icht, Christian (Hrsg.): Z.u M ause in d er Fremde. F in M usländerlesebuch. F ischerhude: A telier im B auernhaus, S. 124f. 8 Vgl. etw a R eeg 1988, R ösch 1992. o.V . „O lga G rjasnow a findet Label ,M igrationsliteraturi unsäg lich“ 2017. 10 Z aim oglu/A bel 2006, S. 162. 11 E bd., S. 166. 13 Begriff Migrationsliteratur streichen und Literatur übrig bleiben könnte“12. An dere Autor/innen begehren weniger drastisch gegen die Kategorisierung ihrer Li teratur aufgrund ihrer Herkunft auf, fordern jedoch die Auflösung bestimmter Zuschreibungen, die aus der Zeit der Gastarbeiterliteratur noch heute auf sie an gewendet würden. Sie wehren sich gegen das Verharren im Dazwischen, auf das ihre Literatur in der Wissenschaft reduziert werde und die Funktion als Nischen literatur in der Rezeption. Poetische Einfälle würden ihnen aberkannt und als bloße Übersetzungen aus der Muttersprache verstanden.13 Die in Kroatien gebo rene Schriftstellerin Marica Bodrozic kritisiert vor allem das Konzept der Fremd heit, das ihr als Migrantin und Autorin zugeschrieben wird: Eigentlich habe ich eher den Eindruck, dass ich mich hier überhaupt nicht fremd fühle und dass mich das Wort ,Migration‘ oder ,Migrationsliteratur‘ ein bisschen hinauswirft aus einem Zustand, in dem ich mich längst befinde: ei nem Zustand der Normalität im Umgang mit der Sprache, mit der Literatur, mit meinem Leben in einer Stadt wie Berlin.14 Dieser Kritik schließen sich die meisten ihrer Kolleg/innen an. Terezia Mora etwa hat „nichts dagegen, Ungarin zu sein — zur Hälfte —, aber ich habe etwas dagegen, in Deutschland bis ans Ende meines Lebens die Berufs-Fremde geben zu müs sen.“15 Navid Kermani, als Sohn iranischer Einwanderer in Deutschland geboren, fühlt sich „ständig von ethnisch-deutscher Seite in die Fremden-Ecke gescho ben“.16 Er spricht der Migrationsliteratur dennoch eine Sonderposition zu, insbe sondere gegenüber der deutschsprachigen Literatur ohne Migrationshintergrund: Die Welt, die in den Büchern der hier versammelten Autoren auftaucht, die politischen Erfahrungen dahinter — Revolutionen, Kriegsgefangene, Kriegs gefallene in der eigenen Familie — all dies macht aber unsere politischen oder literarischen Biografien vielleicht reicher. Zumindest könnten wir aus einem größeren Archiv schöpfen als andere deutsche Autoren unserer Generation. Und diese Literatur mit einem anderen kulturellen Blick, geschrieben von Au toren, die keine rein deutschen Biografien haben, interessiert mich auch als Leser mehr als vieles, was an jüngerer Literatur aus rein westdeutscher Sicht geschrieben wird.17 Er zeigt, dass Migrationsliteratur als „Literatur mit einem anderen kulturellen Blick“, deren Sonderstatus nicht negativ konnotiert ist, als reichhaltig verstanden 12 Ebd. 13 Vgl. ebd ., S. 51. 14 M arica Bodrozic zit. nach B raun 2010. 15 o.V . „Ich bin ein T eil der deutschen L iteratur, so deutsch w ie K afka“ o. D. 16 Ebd. 17 Ebd. 14 werden sollte. Auch der aus Bosnien und Herzegowina18 stammende Autor Sasa Stanisic verwehrt sich einer Kategorie der Migrationsliteratur nicht gänzlich, wenn er in seinem Essay „Three Myths of Immigrant Writing: A view from Germany“ (2008) versucht, Fehleinschätzungen dieser Kategorie aufzuklären und Literatur aus seiner Sicht als Immigrant genauer zu umreißen. Er beschreibt drei Mythen, die über Migrationsliteratur verbreitet werden und die es zu entkräften gelte: „Myth 1: Immigrant literature is a philological category of its own, and thus comprises a fruitful anomaly in relation to national literatures.“19 Es sei, so Stanisic, grundsätzlich falsch, von der einen Migrationsliteratur zu sprechen, da die hierunter gefassten Autor/innen, deren Biografien sowie sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründe und ihre Literatur so stark variierten, dass es kaum möglich sei, sie in einer Kategorie zu versammeln. Stattdessen schlägt er vor, Migrationsliteratur«« in Pluralen, in neuen, kleineren Einheiten zu denken. Wie Grjasnowa plädiert er außerdem für eine Konzentration auf Inhalte anstelle von Autorenbiografien: „The goal of objective judgment should be to overcome the fixation on an author's biography and move to a thematically-oriented view of the work.”20 Mit seinem zweiten Mythos problematisiert Stanisic Thematiken, die der Mig rationsliteratur zugeschrieben werden: „Immigrant literature deals monothematically with migration and multicultural issues. Immigrant authors have a closer and thus more authentic perspective on related questions“.21 Hier deutet sich an, was die Literaturwissenschaftlerin Marie-Noelle Faure als „Exotismus-Falle“ bezeich net: Den Autor/innen mit Migrationshintergrund werden bestimmte Charakteris tika wie Authentizität und die Rolle eines Sprechers für ein Migrantenkollektiv zugeschrieben.22 Um dieser Falle zu entgehen, so schreibt Stanisic, sollte nicht nur der Teil des Werkes eines Autors betrachtet werden, der von autobiografischen Migrationserfahrungen berichtet, sondern auch das Werk danach, wenn die „exilestory“ bereits erzählt ist.23 Eine solche Verschiebung des Fokus findet sich in den literarischen Arbeiten Stanisics wieder,24 doch ob dies eine gängige Entwicklung ist, bleibt zu prüfen. Der dritte von Stanisic beschriebene Mythos befasst sich mit dem für die Mig rationsliteratur vielleicht wichtigstem Thema, der Sprache: „An author who 18 Z um Z eitpunkt von Stanisics G eburt noch Teilrepub lik der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslaw ien . 19 Stanisic 2008. 20 Ebd. 21 Ebd. 22 Vgl. 2015 , S. 49. 23 Vgl. Stanisic 2008. 24 Sein autobiografisch geprägter D ebütrom an W ie d er S o ld a t d a s G ram mofon repariert (2006) erzählt die G eschichte eines Jun gen , der in den 90er Jah ren aufgrund des Bosnienkrieges m it seinen E ltern nach D eutsch land flüchten m uss. D er zw eite R om an V or dem F es t (2014) dagegen w idm et sich einem uckerm ärkischen D o rf und dessen Bew ohnern — ein W erk , das inhaltlich kaum einer L iteratur der M igration zugeschrieben wird. 15 doesn't write in his mother tongue enriches the language he has chosen to write in“.25 Vielmehr sei das Schreiben selbst, so Stanisic, eine Fremdsprache, die immer wieder neu erlernt werden müsse. Die Stimme des Erzählers, die verbalen Cha rakteristika der Figuren und der Rhythmus des Textes müssten neu gefunden wer den. Außerdem sei eine Bereicherung der Sprache (etwa durch Wortneuschöp fungen) nicht ausschließlich die Aufgabe von Immigrant/innen: „Writers, indeed anyone, can (and should) use the privilege to make a language bigger, better, and more beautiful by planting a wordtree here or there, one never grown before“.26 Das Exotische, das Fremde, die Figur des Grenzgängers, der entwurzelten Person, gefangen in einer Situation des Dazwischen, die die Stimme eines Mig rantenkollektivs vertritt, das sind die mit der Migrationsliteratur verknüpften Kon zepte, welche Autor/innen wie Grjasnowa und Stanisic bemängeln. Sie fordern, um mit Faure zu sprechen, eine „Neubestimmung des Deutschseins, das Hetero genität und Hybridität miteinbeziehen würde.“27 In diesem neuen Verständnis wären, so Stanisic, „Immigrant authors [...] no longer a marginal phenomenon, but a significant reference point with almost-mainstream qualities (a good thing, because it rids the work of the exotic).“28 Bis auf Navid Kermani sind alle der oben genannten Autor/innen Preisträ ger/innen des Adelbert-von-Chamisso-Preises der Robert Bosch Stiftung, der bis zu seiner Einstellung im Jahr 2017 als ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen Rezeption von Migrationsliteratur galt.29 1984 wurde der Preis auf Initiative von Harald Weinrich und der Robert Bosch Stiftung für bedeutende Beiträge zur deut schen Literatur von Autor/innen nichtdeutscher Muttersprache gestiftet und jähr lich vergeben. Zu Beginn richtete er sich an Werke der Gastarbeiterliteratur, später entwickelte sich der Begriff der „Chamisso-Literatur“30. Die Robert Bosch Stif tung erhoffte sich durch die Förderung von Schriftsteller/innen mit Migrations hintergrund neue Perspektiven für die deutsche Literatur zu schaffen und das Zu sammenleben von Deutschen und Ausländern zu stärken.31 Diesen Ansprüchen gerecht zu werden, stellte den Chamisso-Preis jedoch vor allem vor das Problem der Zuordnung. Die Preisbeschreibung änderte sich im Laufe der Jahre immer wieder: So wurden aus Autor/innen „nichtdeutscher Muttersprache“ zunächst 25 Stanisic 2008. 26 Ebd. 27 2015, S. 54. 28 Stanisic 2008. T erezia M ora erh ie lt 2000 den Förderpreis, M arica Bodrozic 2003 und O lga G rjasnow a 2015. Sasa Stanisic erh ie lt 2008 den H auptpreis, Feridun Z aim oglu 2005. Später w ar Zaim oglu außer dem ju rym itg lied . 30 Z ur w issenschaftlichen B earbeitung des B egriffes siehe etw a Lam ping, D ieter (2011): „D eutsche L iteratur von n icht-deutschen Autoren. A nm erkungen zum B eg r iff der ,C ham isso-L iteratur“c, in: C ham isso— V iele Kulturen — eine Sprache. R obert Bosch Stiftung, M ärz 2011/5, S. 18-21 oderH odaie , N azli/M alaguti, S im one (2017): „Z ur E inführung: D ie C ham isso-L iteratur“ , in: Z eitsch rift f ü r ln tcrkültürellenV remdsprachenünterricht. A pril 2 0 1 7 / l,J a h rg an g 2 2 , S. 1-5. 31 Vgl. E sselborn 2004 , S. 317f. 16 Autor/innen, die „aus einer Einwandererfamilie stammen oder Deutsch in einem nichtdeutschen Sprach- oder Kulturraum erlernt haben“32 und später „auf Deutsch schreibende Autoren, deren Werk von einem Kulturwechsel geprägt ist und die ein außergewöhnlicher, die deutsche Literatur bereichernder Umgang mit Sprache eint.“33 Doch allerhand Fragen blieben offen: Sollte die Biographie der Autoren, ihre Staatsangehörigkeit, die Fremd- oder Zweitsprache Deutsch, das Leben in Deutschland entscheidend sein? [...] War ein Gefühl der Zugehörigkeit, ein Integrationswunsch, die Hoffnung auf kulturelle Synthesen vorausgesetzt? Sollte auf deutsch oder in einer Sprach mischung [...] oder teilweise oder gleichzeitig in der fremden Muttersprache geschrieben und (selbst?) übersetzt werden? Welche Themen und Inhalte — etwa Kulturunterschiede oder existentielle Erfahrungen der Fremde und Dis tanz — wurden konkret erwartet? Wie weit konnten dann vielleicht auch deut sche Autoren, die über Arbeitsmigranten und Ausländer in Deutschland schreiben, berücksichtigt werden? [...] Entsprachen Inhalte, literarische Spra che und Formen eigenkulturellen oder deutschen Traditionen, oder war ge rade eine ,multikulturelle‘ Mischung typisches Merkmal?34 Die zahlreichen Divergenzen haben dazu geführt, dass der Preis 2017 zum letzten Mal vergeben wurde. Im Begleitheft zur Preisverleihung 2017 heißt es außerdem, dass die ausgezeichnete Literatur, obschon zu Beginn noch ein Nischenprodukt, heute „integraler Bestandteil des deutschsprachigen Literaturbetriebs“35 sei. Der Preis habe zwar vor allem finanzielle Bedeutung für die Arbeit der Autor/innen, fördere aber, so Cornelia Zierau, „die Gettoisierung und Marginalisierung dieser Literatur“.36 Das Ende des Chamisso-Preises soll zu einer Gleichbehandlung von Autor/innen mit Migrationshintergrund führen und sie aus ihrer restriktiven Zu ordnung zur Nischen-Literatur und „Fremden-Ecke“ befreien. 32 Zit. nach ebd., S. 317. Vgl. W ebsite der R obert Bosch Stiftung, verfügbar unter: h ttp ://w w w .bosch-stiftung.de/ de/pro jekt/adelbert-von-cham isso-preis-der-robert-bosch-stiftung (27.03.2019) 34 E sselbom 2004, S. 320. 35 D ü n g 2017, S. 51. 36 2009, S. 28. 17 1.2 „M igrationsliteratur“ als Forschungsgegenstand der Germ anistik37 Beschäftigt man sich mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Ter minus Migrationsliteratur, so stößt man auf zahlreiche Untersuchungen, die eine Begriffsentwicklung seit Mitte des 20. Jahrhunderts rekapitulieren. Diese skizzie ren einen Verlauf von Gastarbeiterliteratur über Ausländerliteratur hin zu Migra tionsliteratur und darüber hinaus.38 Die verschiedenen, manchmal synonym ver wendeten Begriffe wie „Literatur zwischen den Kulturen“, „Literatur der Fremde“, „Brückenliteratur“ und „Randliteratur“ kennzeichnen Migrationslitera tur als Literatur im „Spannungsverhältnis zwischen ,fremder‘ Herkunft, Identi tätsverlust und -suche, zwischen Sprachlosigkeit und Suche nach neuen sprachli chen Ausdrucksformen“.39 Oft werden diese Begriffe in einer chronologischen oder strukturierten Entwicklung dargestellt, die meisten überlappen sich aber so wohl inhaltlich als auch zeitlich. Sie stellen eher ein Potpourri an Termini dar, die teilweise auf Gleiches referenzieren, sich häufig aber auch voneinander abgrenzen oder dies zumindest anstreben. Migrationsliteratur taucht in dieser Ansammlung an Begriffen erst spät auf, wurde seitdem jedoch eingehend diskutiert. Eine der frühsten Auseinandersetzun gen führte Heidi Rösch in ihrer Dissertation zur Migrationsliteratur im interkulturellen Kontext (1992). Sie definiert diese Art der Literatur als belletristische Gegenwarts literatur, in der sich Migrant/innen gesellschaftskritisch äußern, Ursachen und Folgen von Migration dokumentieren und einen Beitrag zur Multikulturalisierung leisten.40 Rösch unterscheidet Migrantlnnenliteratur, die durch die Herkunftsnatio nalität der Autor/innen bestimmt werde,41 Kiteratur gum Thema Arbeitsmigration, die Migration rein inhaltlich zum Thema mache42 und Migrationsliteratur als diejenige, die sich weder nur durch die Biografien der Autor/innen, noch durch den inhalt lichen Gegenstand der Migration allein bestimmen lasse. Der inhaltliche Schwer punkt dieser Texte liege auf der Darstellung eines Übergangs in eine kulturell, sprachlich und räumlich fremde Umgebung aus Perspektive einer unterdrückten Minderheit.43 Die von Rösch untersuchten Autor/innen schreiben mehrheitlich 37 E in V ergleich m it den E rgebnissen anderer Philo logien wäre durchaus in teressant, kann aber aufgrund des begrenzten Um fangs h ier n icht realisiert werden. Für eine G egenüberstellung der ForschungsSituationen von G erm anistik und A nglistik siehe etw a H öfer, S im one (2007): turelle E r^ähk erfahren : ein 'Vergleich % w isch en d er deutschsprach igen M igranten litera tu r un d genpostk o lon ia lenV itera tu r. Saarbrücken : V D M V erlagD r. M üller. 38 Siehe etw a Chiellino 2000b, S. 387ff. sowie B lioum i, A g la ia :,„M igrationsliteratur4, ,in terkulturelle L iteratur4 und ,G enerationen von Schriftste llern4. E in Problem aufriß über um strittene B egriffe“ , in: WeimarerBeiträge2 0 0 0 / 4 ,Ja h rg a n g 4 6 ,S . 595-601. 39 H ille 2005, 242f. 40 Vgl. R ösch 1992, S. 8f. 41 H eid i R ösch berichtet schon 1989 von A utor/innen die sich dagegen w ehren , in erster L inie aufgrund ih rer H erkunft und ihrer B iografie e iner literarischen G attung zugeordnet zu w erden (vgl. 1992, 31): D ie V orw ürfe G rjasnowas und ih rer G eneration sind also keineswegs neu. 42 Vgl. R ösch 1992, S. 34. 43 Vgl. ebd ., S. 12. 18 nicht in ihrer eigentlichen Muttersprache. Dementsprechend scheinen Werke der Migrationsliteratur, die nicht von Autor/innen mit Migrationshintergrund ge schrieben werden, eher eine Ausnahme zu bleiben. Weitere von Rösch genannte Charakteristika unterstreichen diese These: Migrationsliteratur emanzipiere sich gegen die Unterdrückung gesellschaftlicher Randgruppen,44 sei aber auch eng mit dem Konzept der Fremde verbunden, das „dieser Literatur eine Art metaphori schen Ort bzw. Gehalt jenseits der Bezugsgesellschaften eröffnet“.45 Auf formaler Ebene ermögliche der Begriff der Migrationsliteratur neue li teraturwissenschaftliche Herangehensweisen an entsprechende Texte, die sich nicht mehr auf die Auseinandersetzung mit Inhalten beschränken, sondern litera rische Formen sowie Produktions- und Rezeptionsprozesse einbeziehen.46 Röschs Untersuchung zeigt, dass die Problematik, die Olga Grjasnowa themati siert, nicht unbekannt ist. Beide fordern, dass entsprechende Schriftsteller/innen nicht mehr subkulturelle Nischen ausfüllen und einer exotischen Bereicherung dienen, sondern Akzeptanz und gleiche Rechte in der Gesellschaft verdienen. Mit ihrer verallgemeinernden Annahme, Migrationsautor/innen seien stets Teil einer Minderheit, wiederspricht Heidi Rösch Olga Grjasnowa jedoch. Letztere erwartet keinen „Ausländerbonus“, sondern eine Gleichbehandlung mit deutschen Au tor/ innen. Rösch widmet sich eher dem gesellschaftskritischen Potential der Mig rationsliteratur, das Fehlentwicklungen in Kultur und Gesellschaft aufzeigt und Ansätze für Gegenbewegungen bietet. Auch in jüngeren Untersuchungen wird der Begriff der Migrationsliteratur häufig als beste Option des Begriffs-Potpourris gewählt. Klaus Schenk, Almut Todorov und Milan Tvrdik sprechen sich in ihrem Sammelband Migrationsliteratur. Schreibweisen einer interkulturellen Moderne (2004) aufgrund der begrifflichen Offen heit für Migrationsliteratur aus — als „Grenzbegriff, als literarische Perspektivierung von Grenzgängen.“47 Die Herausgeber deuten indes eine Tendenz an, nach welcher Möglichkeiten der Ab- und Eingrenzung in der interkulturellen Literatur schwinden: „Schreibweisen der Migrationsliteratur werden zunehmend zu dem, was sie sind: Schreibweisen einer kulturellen Vielfalt der deutschsprachigen Lite ratur“.48 Claire Horst befindet den Begriff der Migrationsliteratur in ihrer Untersu chung Der weibliche ~Rmum in der Migrationsliteratur (2007) trotz aller Kritik als sinn voll, da eine Untersuchung von Literatur dieser Kategorie zu erhellenden Ergebnissen führen [kann] — wenn der Aspekt der Migration nicht nur ein Detail der Autorinnenbiografie ausmacht. Wenn außerdem die Wanderung, die Mobilität als ein konstituierendes Element der modernen 44 Vgl. ebd ., S. 204. 45 E bd., S. 93. 46 E bd., S. 36. 47 S. VIII. 48 E bd., S. IX. 19 Lebensweise angesehen wird, ist die Literatur mehrsprachiger Menschen mit größerer Welterfahrung beispielhaft für zeitgenössische Literatur überhaupt.49 Die Themen, die die von Horst untersuchten Werke dominieren (Fragen der Zu gehörigkeit, Selbstverortung, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Raumwahrneh mung, Grenzüberschreitung) seien weniger Teil der Migration, sondern vielmehr Fragen der Moderne. Daher sieht sie in der Migrationsliteratur keine exotische Sondergruppe, sondern einen Teil der deutschsprachigen Literatur, der sich mit der Zugehörigkeit von Individuen zu verschiedenen Kulturkreisen auseinander setzt.50 Karin Hoff macht in Literatur der Migration — 'Migration der 'Literatur (2008) darauf aufmerksam, dass häufig gar nicht die Werke selbst, sondern die Rezen senten die Migration in den Mittelpunkt stellen und erweitert so die Diskussion um Migrationsliteratur um den Einfluss der Literaturkritik.51 Eva Hausbacher bevorzugt in ihrer 'Poetik der Migration (2009) den Begriff der Migrationsliteratur, da er „die größte semantische Neutralität und Offenheit für transkulturelle Hybridität zum Ausdruck“52 bringe. Migrationsliteratur nach Hausbacher meint ausdrücklich Literatur von Migrant/innen, die von den beson deren Umständen ihrer Entstehung gekennzeichnet ist.53 Demnach ist diese Lite ratur immer schon durch ihre Personengruppe charakterisiert und wird mit be stimmten Stoffen und Themen assoziiert, leistet zwangsläufig eine Art der Kul turvermittlung und ist autobiografisch geprägt.54 Hausbacher beschreibt sie au ßerdem als Texte der Situation des Dazwischen, zwischen Identität und Alterität, Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen. Die Spannung, die zwischen diesen Dif ferenz-Polen entsteht, bringt fest geglaubte Grenzen in Bewegung, macht ein deutige Identitätszuschreibungen unmöglich, bringt Gleichzeitigkeiten, Mehr fachzugehörigkeiten und Unsicherheiten ins Spiel, die sich u.a. in diversen Brüchen in der Narration, Grenzüberschreitungen in der Raum- und Zeitge staltung und Desorientiertheit der Helden äußern kann.55 Sie betrachtet Migrationsliteratur der 90er Jahre in Abgrenzung zu historischer Emigrationsliteratur56, die von Vertreibung und Exil erzähle und überwiegend im Opferdiskurs verhaftet bleibe. Sie orientiere sich stark an der Nationalliteratur des Herkunftslandes, während sich Migrationsliteratur vermehrt an Literatur und 49 S. 8f. 50 Vgl. ebd ., S. 10. 51 Vgl. S. 8. 52 H ausbacher 2009, S. 25. 53 Ebd. 54 Vgl. ebd ., S. 26. 55 E bd., S. 27. 56 D ie B eze ichnung der russischen E m igration (,,em igracija i£) bezieht sich zum eist auf die erste H älfte des 20. Jahrhunderts, als aufgrund des bo lschew istischen Sieges ein großer T eil der geisti gen E lite gezw ungen w ar, Russland zu verlassen und im E xil zu leben. 20 Kultur der Aufnahmegesellschaft anlehne.57 Nicht mehr Leid und Heimatlosigkeit im fremden Land bilden die zentralen inhaltlichen Aspekte der Texte. Stattdessen zeigt Migrationsliteratur hybride Lebensentwürfe — „between cultures, amid languages, across borders“.58 Ihr Leben in zwei Welten und ihre kulturelle Gespaltenheit setzen Künstler/innen demnach in ihren Werken um und intervenieren so „gegen hegemoniale Darstellungsformen“.59 Ihre Literatur zeige multiple Identitätskon struktionen und bewege sich weg von der dualistischen Vorstellung von „eigen“ und „fremd“: Während Texte von Emigranten von einer gewissen Nostalgie geprägt sind, die sich vom Ort der früheren Heimat nicht lösen kann, zeichnen sich Texte vom (Im-)Migranten dadurch aus, dass sie in die Fremde einzudringen („en tering in“) und sie zu begreifen suchen. Dazu gehören Neugier und die Fä higkeit, sich auf eine verkehrte Welt einzulassen — „the Sensation of having your world turned upside down or inverted“ [.]60 57 Vgl. H ausbacher 2009, S. 33. 58 H aw ley 1996, S. 8. 59 H au sb ac h er2 00 9 ,S . 135. 60 E bd., S. 29. 21 1.3 Kritik an der „M igrationsliteratur“ und alternative Konzepte Der Überblick über den Begriff der Migrationsliteratur in der Germanistik zeigt, dass der größte Mangel in der Zuschreibung einer Andersartigkeit und Nichtzu gehörigkeit bestimmter Autor/innen zur deutschen Literatur besteht. Daher gibt es eine Reihe kritischer Stimmen, die alternative Konzepte vorschlagen. Carmine Chiellino etwa geht in seinem Handbuch Interkulturelle Literatur in Deutschland (2000) davon aus, dass deutsche Literatur als „Monokultur“ nicht existiert und dass das von ihm untersuchte Phänomen der „interkulturellen Literatur“ so alt sei wie die deutsche Literatur selbst.61 Sein Konzept findet in der Literaturwissen schaft häufig Anwendung. Helmut Schmitz beispielsweise definiert interkulturelle Literatur als eine neue Form des Schreibens nach dem Ende des Kalten Krieges, als Literatur, die die Gegensätze von ,Fremd‘ und ,Eigen‘, Einheimischem und Fremden unterläuft, als eine Literatur der Hybridität und der Patchwork-Identitäten, die sowohl den Gegebenheiten der Globalisierung angemessener sei als auch der multikulturellen Situation in Deutschland selbst. Eine Literatur also, die zum einen die Illusion einer homogenen kulturellen Identität als auch nicht-bipo lare und hierarchische Begegnungen mit dem Fremden erfahrbar macht, die Fremdheit artikuliert und die Festschreibung von Fremdheit unterläuft.62 Der interkulturelle Roman ist laut Chiellino ein Werk, in dem eine Figur ihre in unterschiedlichen Kulturen erworbenen Erfahrungen zusammentrage und so ihr ,,eigene[s] interkulturelle[s] Gedächtnis“ aufspüre.63 Chiellino untersucht Erzähl perspektive, Gestaltung und Sprachlatenz verschiedener Werke und fokussiert sich damit nicht auf die Biografien der Autor/innen und bloße Inhalte. Er geht davon aus, dass die Gestaltung der Erzählperspektive nicht nur als Erzählrahmen dient, sondern Interkulturalität ausdrücken könne.64 Als Kernaspekte interkultu reller Romane nennt er neben Zwei- oder Mehrsprachigkeit die Thematisierung von sozialen und historischen Kulturkonflikten und die Darstellung von Lebens läufen, die mit der Geschichte eines Landes eng verwoben sind.65 Es gehe stets um die Begegnung zweier räumlich voneinander getrennter Kulturen, dement sprechend sei auch Reiseliteratur interkulturell.66 Schmitz greift Chiellinos Gedan ken zum interkulturellen Roman auf, äußert jedoch auch Kritik am Begriff, da er hier eine begriffliche Unschärfe vermutet und den Versuch paradox findet, „be grifflich etwas zu fassen, was sich der präzisen Identifikation sperrt.“67 Die Idee der interkulturellen Literatur impliziere „eine Symmetrie und Gleichberechtigung 61 2000a, S. 51. 62 2009, S. 8. 63 2001, S. 108 64 Vgl. ebd ., S. 108. 65 Vgl. ebd ., S. 117. 66 Vgl. ebd ., S. 118. 67 2009, S. 10. 22 zwischen Kulturen [...] , die nicht existiert.“68 Mit der Überbetonung von Themen wie Entwurzelung und Hybridität laufe man Gefahr, die tatsächlichen sozialen Gegebenheiten zu verfehlen.69 Chiellino ist sich dieser Kritik indes bewusst und formuliert selbst eine Frage, die an Olga Grjasnowas Forderung an die Migrati onsliteratur erinnert: „Wenn in einem interkulturellen Roman das erzählt wird, was in jedem anderen Roman stattfinden kann, wozu die analytische Mühe, doch eine Abgrenzung zu benachbarten Romanen wie Bildungsroman oder histori schen Roman zu vollziehen?“70 Er beantwortet seine Frage damit, dass es zu den Aufgaben der Literaturwissenschaft) zähle, eigene und fremde Werte differen ziert zu vermitteln und dabei eine Art Paritätsgrundsatz zwischen den Kulturen zu bewahren und zu stärken.71 Die interkulturelle Literatur sei das nötige Werk zeug dazu. Marie-Noelle Faure greift Chiellinos Konzept der interkulturellen Literatur auf und entwickelt daraus die Idee der Ankunftsliteratur.72 Sie teilt interkulturelle Literatur im deutschsprachigen Raum in drei zeitliche Etappen: Dekonstruktion (Gastarbeiterliteratur der 1960er bis 80er Jahre), Rekonstruktion (1990er Jahre) und Neuidentifikation (Nullerjahre).73 Während die Literatur der ersten Etappe vom Schock und der Entwurzelung und die der zweiten vom Ausbrechen aus der Opferrolle und der Übernahme einer Vermittlerfunktion zwischen den Kulturen geprägt waren, sei die dritte Phase vornehmlich gekennzeichnet durch Hybridität und Inter- und Transkulturalität. Es handle sich nicht um Migrationsliteratur, son dern um „Ankunftsliteratur“, die „sich durch eine ganz andere Herangehensweise an die Literatur und an Sprache aus[zeichnet]: Kreativität, Literarizität und Musi kalität stehen nun im Vordergrund.“74 Ankunftsliteratur scheint genau das zu be schreiben, was Autor/innen wie Marica Bodrozic fordern, einen Zustand der Normalität. Eine ähnliche Idee steht hinter Brigitte Schwens-Harrants Ankommen (2014), einer Sammlung von Texten und Gesprächen. Hier sollen Autor/innen ausdrücklich nicht „diesem Koordinatensystem zugeordnet werden, das da heißt ,Migrationsliteratur‘“.75 Es geht um das Ankommen in einem Territorium und ei ner Gesellschaft. Julya Rabinowich verknüpft den Begriff wie Bodrozic vor allem mit dem Raum der Großstadt: Ankommen bedeutet, dass man, wenn man durch die Straßen einer Stadt geht, diese Straßen so gut kennt wie seine Wohnung, dass man sie blind abgehen kann und weiß, wo man sich befindet, dass man weiß, welche Stimmung in 68 Ebd. 69 Vgl. ebd ., S. 11. 70 C hiellino 2 0 0 1 ,S . 119. 71 Vgl. ebd. 72 D er B eg riff steht n icht m it dem der A nkunftsliteratur innerhalb der D D R -L iteratur in Z usam m enhang. 73 Vgl. Faure 2015, S. 44. 74 E bd., S. 53. 75 Schw ens-H arran t 2014, S. 12. 23 welchen Bezirken und welchen Teilen dieser Stadt herrscht, dass man weiß, welche Art von Leuten man in welchen Lokalen trifft, dass man versteht, was angedeutet, aber nicht ausgesprochen w ird .. .76 Für den aus Bulgarien stammenden Autoren Ilja Trojanow war das Ende des Chamisso-Preises absehbar: „Es gibt keine Chamisso-Literaturmehr, sondern nur das Hineinwachsen der deutschsprachigen Literatur ins Weltliterarische mit Hilfe der Agenten der Weitläufigkeit und Mehrsprachigkeit.“77 Trojanow deutet hier einen weiteren Trend an, der Texte — wie das bereits in anderen Nationalliteraturen gän giger ist — unter dem Motto „Weltliteratur“ versammelt. Der Begriff, den schon Goethe beschrieb,78 kursiert heute unter dem Kollektivum „neue Weltliteratur“ als eine Bezeichnung für im Zeitalter von Migration und Globalisierung entstehende Texte, die aufgrund sprachlicher, inhaltlicher oder formaler Aspekte nicht mehr nur einer Nationalliteratur zugeordnet werden können, also transnatio nal sind, z.B. von Emine Sevgi Ozdamar, Salman Rushdie oder Michael Ondaatje.79 Schmitz sieht im Begriff der postkolonialen Weltliteratur einen Hinweis dafür, dass Migrationsliteratur ihren Sonderstatus verliert.80 Nach Sigrid Löfflers Defini tion scheint sich Weltliteratur jedoch wenig vom Begriff der Migrationsliteratur zu emanzipieren. In ihrem Werk Die neue 'Weltliteratur und ihre großen Erzähler (2014) beschreibt sie jene zwar als „dynamische, rasant wachsende, postethnische und transnationale Literatur, eine Literatur ohne festen Wohnsitz“81, stellt jedoch grundlegend Bezüge zu den Biografien der Autor/innen her und beschreibt ihre Texte als „Literatur der Nicht-Muttersprachlichkeit“ und „Literatur mit Ak zent“.82 Autor/innen werden wieder in die unerwünschte Fremden-Ecke ge drängt, wenngleich „die Romane und Erzählungen der Migranten die Normen, Werte und literarischen Traditionen des bisher dominierenden Westens systema tisch infrage“ stellen.83 Das letzte Konzept, auf das hier verwiesen werden soll, ist die transareale Li teraturwissenschaft, wie Ottmar Ette sie vorschlägt. Denn, so Ette, [m]igratorisches Schreiben ist keine Migrantenliteratur mehr, sondern vekto risiert gewohnte und von nationalen Institutionen geschützte 76 Zit. nach ebd., S. 9. 77 T ro janow 2009. Zu G oethes B egriff der W eltliteratur, der m it der heutigen transkulturellen V erschm elzung nur zum T eil vergle ichbar ist, siehe H ausbacher 2009 , S. 108f. 79 H öfer 2013. 80 Vgl. 2009 , S. 12. 81 L ö ff le r2 0 1 4 ,S . 17. 82 E bd., S. 15. 83 E bd., S. 14. 24 Grenzziehungen in einer so grundlegenden Weise, dass sich das jeweils Nati onale zunehmend seines Ortes (und seines Wortes) nicht mehr sicher sein kann.84 Ette fragt nach einer Poetik der Bewegung und betrachtet Literatur dafür aus dem Blickwinkel der TransArea Studies, die er definiert als Bewegungen zwischen unterschiedlichen Areas — wie etwa der Karibik, dem Maghreb oder Südostasien — [...] , wobei der Begriff der Area [...] durchaus unterschiedlich genutzt wird und ebenso eine Weltregion wie einen spezifi schen Kulturraum bezeichnen kann.85 Gegenüber dem Begriff des Transnationalen hat der Begriff des Transarealen den Vorteil, dass er nationale Grenzen aufhebt, während ,„transnationale Literaturwissenschaft‘ im eigentlichen Sinne nur im Kontext eines weit fortgeschrittenen Nationalbildungsprozesses gedacht werden“ kann.86 Das Transaereale ziele viel mehr darauf ab, ein weltweites Verflochtensein zu perspektivieren.87 Weiterhin gehe es in den TransArea Studies „weniger um Räume als um Wege, weniger um Grenzziehungen als um Grenzverschiebungen, weniger um Territorien als um Re lationen und Kommunikationen“.88 Ette bezeichnet diesen Blickwinkel, der sich für Bewegung und Transfers als Auslöser für Transformationen interessiert, als transversal. In der folgenden Analyse literarischer Texte wird sich diese Arbeit keinem der vorgestellten Konzepte vorrangig anschließen. Vielmehr soll versucht werden, die jeweiligen Stärken der verschiedenartigen Konzepte für die folgenden close readings zu verinnerlichen. Da Begrifflichkeiten oft unumgänglich sind, soll mit den noch am wenigsten wertenden Begriffen der transkulturellen Literatur (mit ihrem Schwerpunkt auf Sprache statt auf Herkunft) und des von Ette vorgeschlagenen „migratorischen Schreibens“ gearbeitet werden, das zwar Migration impliziert, sich aber nicht explizit auf die Herkunft der Autor/innen bezieht, sondern eher für Literatur in Bewegung in einer globalisierten, vernetzen, migratorischen Welt steht. 84 2004, S. 251. 85 2012, S. 40. 86 Ebd. 87 E bd., S. 41. 88 Vgl. ebd ., S. 47.

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Zusammenfassung

Längst gelten Werke von AutorInnen mit Migrationshintergrund nicht mehr als Nischenprodukt der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im Gegenteil: Die Diskussion um die Existenz einer Literatur der Migration führt zu zahlreichen Kontroversen in der literarischen Öffentlichkeit.

Hier macht sich vor allem eine neue Generation von AutorInnen bemerkbar, die während der Migration noch Kinder waren. In ihren Texten erschaffen sie Figuren, die auf der Suche nach ihrer ethnischen, sprachlichen, religiösen, geschlechtlichen und nationalen Zugehörigkeit ihre individuellen Migrationserfahrungen nie ganz überwinden können. Und doch wehren sich die AutorInnen vehement gegen die exotisierende und marginalisierende Einordnung ihrer Werke als Migrationsliteratur. Vor dem Hintergrund etablierter Topoi russisch-deutscher Migrationsliteratur werden Texte von Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann und Dimitrij Kapitelman hinsichtlich inhaltlicher und formaler Schwerpunkte mit dem Fokus auf Heimatkonstruktionen, Identitätskonzeptionen und Raummodelle analysiert.