I Einleitung in:

Mario Thieme

TV auf Abruf, page 9 - 12

Lösen Mediatheken das klassische Fernsehen ab?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4315-8, ISBN online: 978-3-8288-7250-9, https://doi.org/10.5771/9783828872509-9

Tectum, Baden-Baden
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9 I Einleitung 1 Thematischer Hintergrund „Es ist noch gar nicht so lange her, da stand das gemeinsame Fernseherlebnis im Mittelpunkt der häuslichen Mediennutzung. Das eigene Fernsehgerät war ein Privileg und die gesamte Familie, gerne auch mit Nachbarn oder Freunden, versammelte sich im Wohnzimmer vor dem Fernseher, beispielsweise um eine Show oder einen Krimi zu schauen, der am nächsten Tag Gesprächsthema war. Das Programmschema strukturierte den Tag und schaffte Gemeinschaften oder zumindest gemeinschaftliche Erlebnisse. Fernsehen war der familiäre Mittelpunkt, das neuzeitliche Lagerfeuer.“1 Mit diesen Worten erinnerten sich Birgit van Eimeren und Beate Frees zurück an eine Zeit, die mit der Medienrealität von heute nicht mehr viel zu tun hat. Medien werden individueller genutzt, weil die Angebote – nicht zuletzt mithilfe des Internets – zahlreicher und fragmentierter sind. Außerdem kommt dem eigenen Fernsehgerät neben neuen Technologien wie dem Laptop, dem Tablet und dem immer beliebter werdenden Smartphone kein Privilegstatus mehr zu. Es verfügt nicht mehr alleine über einen Bildschirm, der in der Lage ist, Bewegtbild abzuspielen. Die modernen Geräte erlauben das Schauen von Sendungen mit zeitlicher und örtlicher Souveränität. Notwendige Voraussetzung dafür ist das Internet, welches mehr und mehr den medialen Alltag der Menschen bestimmt und der linearen Fernsehnutzung zunehmend Konkurrenz zu machen scheint. „Video on Demand ist derzeit eines der heißesten Themen der Medienbranche“2, stellt die Vermarktungsgesellschaft IP Deutschland fest. Und das ist nicht erst seit gestern der Fall, denn Ralf Kaumanns, Veit Siegenheim und 1 van Eimeren & Frees 7-8/2010a: 350 2 IP Deutschland 2015 10 Insa Sjurts fragten schon vor mehr als einem Jahrzehnt, als Onlinevideos noch in den Kinderschuhen steckten, in ihrem Buch „Auslaufmodell Fernsehen?“: „Welche Perspektiven hat das Fernsehen in einer digitalen Medienwelt? Ist das traditionelle Fernsehen ein Auslaufmodell im Wettbewerb mit Online-Angeboten?“3 2 Fragestellung und Struktur der Arbeit Der Videorekorder als erste Möglichkeit zeitversetzt fernzusehen konnte dem linearen Fernsehen zumindest nichts anhaben, obwohl ihm durch die Einführung der einst neuen Technologie „eine düstere Zukunft vorausgesagt“4 wurde. Ob die moderneren und praktikableren Mediatheken dem herkömmlichen TV die Vorherrschaft nun streitig machen und wie sie sich im Vergleich zu anderen Bewegtbildanbietern im World Wide Web behaupten, ist die Fragestellung dieser Arbeit. Um sie adäquat beantworten zu können, beschäftige ich mich zunächst mit dem Uses-and-Gratifications-Approach, „[that] argues that people bend the media to their needs more readily than the media overpower them”5. An sich würde sich für die theoretische Herleitung etwa auch die Consumer Theory anbieten, geht diese doch ebenso von bewussten, von individuellen Präferenzen geleiteten Konsumentenscheidungen aus, für die Mediatheken und Bewegtbild auf Abruf generell stehen. Jedoch ist der Nutzen- und Belohnungsansatz medienspezifischer und die Grundlage für Intermediavergleiche, weshalb er sich für diese Arbeit besser eignet. Ein solcher Intermediavergleich soll mir anschließend dazu dienen, herauszufinden, welchen gesellschaftlichen Stellenwert das Fernsehen gegenüber dem Internet(fernsehen) hinsichtlich verschiedener Kriterien (noch) hat. Danach bette ich Mediatheken notwendigerweise in den allgemeinen Trend zum Video-on-Demand, an dem auch andere Onlinebewegtbild- Akteure maßgeblich beteiligt sind, ein und erkläre, wie dieser durch steigende Internetnutzung und technischen Fortschritt möglich wurde. Abschließend erörtere ich empirisch, wie erfolgreich die Videocenter der Fernsehsender im Gegensatz zu ihren linearen Pendants sind, indem ich ihre offiziell gemessenen Klickzahlen linearen Einschaltquoten gegenüberstelle. 3 Kaumanns & Siegenheim & Sjurts 2008: 5 4 Krupp & Breunig 2016: 21 5 Katz & Haas & Gurevitch 1973: 164 – 165 11 3 Forschungsstand Die aller fünf Jahre erhobene, repräsentative Langzeitstudie Massenkommunikation vergleicht die Massenmedien in Deutschland – also auch das Fernsehen und das Internet – bezüglich unterschiedlicher Faktoren, auf die im Laufe der Arbeit näher eingegangen wird. Ihre Gesamtergebnisse erscheinen als Buch6, Einzelergebnisse werden thematisch differenziert als Artikel in der Medienfachzeitschrift Media Perspektiven veröffentlicht7. Zwar geht die Langzeitstudie auch auf Onlinevideos ein, detailreicher und regelmäßiger untersucht diese jedoch die jährlich erscheinende ARD/ZDF Onlinestudie. Seit dem Jahr 2015 informieren die Septemberausgaben von Media Perspektiven gesondert über ihre Resultate bezüglich Bewegtbildnutzung im Internet. Nicht minder ausführlich behandelt dies der ebenfalls jährlich im Herbst als Buch herauskommende Digitalisierungsbericht der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM). Seine Ergebnisse verweisen auf gleiche Tendenzen wie die der Onlinestudie, jedoch unterscheiden sich beide im Detail, was mit unterschiedlichen Untersuchungsmethoden zu tun hat.8 Dass ich mich für die Onlinestudie entscheide und den Digitalisierungsbericht weitestgehend unberücksichtigt lasse, liegt daran, dass erste über einen längeren Zeitraum vergleichbare Ergebnisse liefert. Media Perspektiven berichtet zudem in einer jeden Märzausgabe über die „Tendenzen im Zuschauerverhalten“, die aus dem jeweils vergangenen Jahr abzulesen sind. Zwar liegt der Fokus hier auf dem linearen Fernsehen, es gehört aber auch eine schlichte Auflistung der je zehn meistgestreamten Sendungen in den Mediatheken der vier zuschauerstärksten Fernsehsender dazu. Hanna Puffer ging erstmals einen Schritt weiter und beschäftigte sich in dem Anfang des Jahres 2018 erschienenen Artikel „Internetfernsehen als Herausforderung und Chance“ gesondert mit den Videoplattformen der TV- Anbieter.9 In der Analyse der Hitlisten beschränkte sie sich jedoch erstens auf den relativ kurzen Zeitraum Januar bis April des Jahres 201710, zweitens berücksichtigte sie nur die Sender Das Erste, ZDF, RTL und ProSieben, und drittens zog sie ausschließlich Höchstwerte heran. Auch die Medienmagazine Quotenmeter und DWDL berichten ab und zu über quantitative Auffälligkeiten der Mediathekennutzung.11 6 Vgl. Krupp & Breunig 2016: 372 7 Vgl. ebd.: 373 – 374 8 Vgl. o. V. 2017: 55 – 56 9 Vgl. Puffer 2018: 2 – 9 10 Vgl. ebd.: 6 11 Vgl. z.B. Sanchez 2016; Mantel 2018 12 Diese Arbeit hingegen vergleicht einen viel längeren Zeitraum von über vier Jahren, untersucht Durchschnitts- anstatt nur Bestwerte und setzt die Klickzahlen mit linearen Einschaltquoten ins Verhältnis. Bis ich diesen empirischen Teil abhandle, ist zunächst eine theoretische Abhandlung vonnöten.

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Zusammenfassung

ragt man (junge) Menschen nach ihrem Videokonsum, scheinen sich alle über eines einig zu sein: Streaming ist in, Fernsehen dagegen out. Während Netflix und Amazon Prime Abermillionen Abonnenten haben und YouTube-Clips milliardenfach geklickt werden, laufen den TV-Sendern scheinbar die Zuschauer davon. Früher ließ sich die Couchpotato berieseln und saß pünktlich zur Primetime vor der Flimmerkiste, um – oft in geselliger Runde – mittelklassige Shows oder Krimis zu schauen. Heutzutage stellt sich der moderne Internetnutzer sein Programm selbst zusammen und bingewatcht lieber die brandneue Staffel der aktuellen Lieblingsserie. Zeit, Ort und Gerät spielen dabei offenbar keine Rolle mehr.

Um den Anschluss nicht zu verlieren, investieren öffentlich-rechtliche und private Fernsehkanäle viel Geld und Mühe in den Ausbau ihrer Videocenter. Dieses Buch untersucht, ob die Internetableger von ARD, RTL, ZDF, ProSieben & Co. mit dem Trend zum Video-on-Demand mithalten können und ob sie das lineare Fernsehen verdrängen.