V Empirische Untersuchung: Fernsehen vs. Mediatheken in:

Mario Thieme

TV auf Abruf, page 62 - 81

Lösen Mediatheken das klassische Fernsehen ab?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4315-8, ISBN online: 978-3-8288-7250-9, https://doi.org/10.5771/9783828872509-62

Tectum, Baden-Baden
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62 V Empirische Untersuchung: Fernsehen vs. Mediatheken 1 Vorbemerkungen Volker Herres fragte schon im Jahr 2006: „Wenn die Technik dem Einzelnen ermöglicht, jederzeit zu entscheiden, was er wann sehen will, warum sollte er sich dann noch Fernsehprogramme mit Werbeunterbrechungen ansehen oder seinen Tagesverlauf nach der Programmabfolge eines Anbieters richten?“ Er glaubte, die Zuschauer übernähmen künftig „die Macht“.301 Heute steht diese Frage umso mehr im Raum. Viele sprechen von einem „Trend zur Delinearisierung der TV-Nutzung“302 und erkennen Rezeptionsgewohnheiten, die sich „fortschreitend von linear zu nicht-linear“303 verschöben. Das klassische Fernsehen erleide einen Bedeutungsverlust, der nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein kaum zu stoppender Prozess sei.304 Seinen Rangablauf erwartete die Mehrheit der Online-Videoanbieter sogar schon bis zum Jahr 2020, wie der Web-TV-Monitor aus dem Jahr 2017 verrät.305 Dabei gilt in der Medienbranche doch der vor einem Jahrhundert von Wolfgang Riepl, ehemaliger Chefredakteur der Nürnberger Zeitung, aufgestellte Grundsatz, was sich einmal etabliert habe, könne nicht aussterben.306 „Die Frage, ob die neuen Medien die alten verdrängen, wird schon lange in der Öffentlichkeit und Wissenschaft diskutiert. Denn in der Vergangenheit hat es immer wieder Befürchtungen gegeben, dass aufkommende neue Medien die alten ersetzen werden.“307 Bisher war dem nicht so, schaut man sich die 301 Herres 2006: 8 302 Herres 2014: 6 303 die medienanstalten (KEK) 2016: 148 304 Vgl. Dammler 2018: 178 305 Vgl. BLM & LFK 2017: 61; vgl. BLM & LFK 2015: 41 306 Vgl. Meier 2013 307 Stark 2014 63 Beispiele Zeitung, Radio oder Kino an, denen jeweils jähe Enden vorausgesagt wurden, als modernere Technologien auf den Markt kamen. „Aber besitzt das Rieplsche Gesetz auch im digitalen Zeitalter noch Gültigkeit?“308 Denn dadurch, dass sich das Internet vom reinen Textmedium zu einer multimedialen Plattform als universelles Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsmedium gewandelt hat, scheint es besonders großes „Verdrängungspotenzial“309 zu besitzen. Gegen eine Verdrängung sprechen die schon erwähnt stabil auf sehr hohem Niveau befindlichen 217 Minuten täglicher Fernsehkonsum, auf die ein Deutschsprachiger im Jahr 2018 kam. Um der Frage, ob das klassische Fernsehen durch Video-on-Demand abgelöst wird, näher auf den Grund zu gehen, vergleiche ich im Folgenden linear generierte Einschaltquoten mit Klickzahlen, die auf Abruf in Mediatheken zustande kamen. Dieser Vergleich bietet sich an, weil die Videoplattformen der TV-Sender deren direkte Abbilder im Ausspielweg Internet sind. Fernsehsender beispielsweise Streamingdiensten gegenüberzustellen wäre hingegen unzulässig, weil sich vermeintlich sinkende Zuschauerzahlen nicht unmittelbar mit dem Erfolg von Streamingangeboten in Verbindung bringen lassen. Zwar haben Netflix & Co. viele Produktionen im Sortiment, die auch über den Äther geschickt werden. Doch in Ermangelung veröffentlichter Abrufwerte fehlen eindeutige Bezugspunkte, die bei Mediatheken aber vorhanden sind. Der Start des ZDF begründete die Einführung einer Messung von Zuschauerzahlen im Jahr 1963. Seit dem Jahr 1985 ist sie in der Hand der GfK, welche zunächst nur die öffentlich-rechtlichen Veranstalter erfasst hatte. Um aber keine anderen Messsysteme aufkommen zu lassen, entschieden sich ARD und ZDF dafür, Privatanbieter mit ins Boot zu holen.310 „Die Grundidee, dass ein Markt am besten funktioniert, wenn die Austauschbeziehungen auf der Basis einer gemeinsamen Währung stattfinden, setzte sich durch.“311 Mit dem Beitritt der beiden damals noch einzigen Privatkanäle RTL und Sat.1 entstand im Jahr 1988 die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF). Heute besteht das Panel aus mindestens fünf Tausend täglich berichtenden Haushalten mit 10.500 Personen. Das bildet die Fernsehnutzung von 38,19 Millionen TV-Haushalten beziehungsweise 75,08 Millionen Menschen ab drei Jahren ab.312 Das elektronische Gerät, über das alle teilnehmenden Haushalte verfügen, misst sekundengenau. Jedes An-, Aus- und Umschalten wird erfasst und 308 Ebd.; vgl. Krupp & Breunig 2016: 11 309 Stark 2014 310 Vgl. Reinhold & Buß 1994: 609 311 Müller 2004: 28 312 Vgl. die medienanstalten (KEK) 2016: 86 64 die aufgezeichneten Daten nachts über die Telefonleitung an das GfK- Rechenzentrum geschickt, sodass täglich aktuelle Zahlen zur Verfügung stehen.313 Guido Schneider konstatierte im 2013er Digitalisierungsbericht: „Das Fernsehpanel wurde in den vergangenen Jahren zwar beständig weiterentwickelt“314, zum Beispiel im Jahr 2009 durch die Messung von Recordern315, „trotzdem kann es nicht mehr alle Fragen zum Bewegtbildkonsum beantworten. Der Grund ist ganz einfach: Das Publikum sitzt heute nicht mehr nur vor dem klassischen Fernseher, es konsumiert auch immer mehr Videos im Internet“316. Deshalb misst die AGF nun auch die Mediatheken-Klickzahlen und weist diese seit dem Jahr 2014 auf ihrer Homepage aus.317 Dargestellt werden die pro Kalenderwoche jeweils zehn meistabgerufenen Videos aller beteiligten öffentlich-rechtlichen und privaten Publisher.318 Zugrunde liegt ein Panel, bei dem mindestens 20 Tausend Leute in ihrem Computer einen Software- Meter installiert haben. Zudem findet eine Zensus-Erhebung statt. Dabei muss der Videoanbieter in den Player einen Messcode einbauen, der die Anzahl der abgerufenen Streams zählt.319 Erfasst (aber nicht veröffentlicht) wird jeder Start, jede Pause, jeder Stopp und jede Position im Video, ob an bestimmte Stellen gesprungen wird oder einzelne Sequenzen wiederholt angeschaut werden.320 2 Virale Hits Hanna Puffer behauptet, dass Mediatheken im Allgemeinen allen Fernsehveranstaltern eine höhere Gesamtreichweite ihrer Produktionen ermöglichen. Einzelne Beispiele belegen, dass sie dies sogar in einem hohen Maße tun können. So fand die Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“, die nach Fernsehausstrahlung im Jahr 2013 viel Nachhall verursachte, in der ARD Mediathek ähnlich viele Interessenten, nämlich jeweils circa zwei Millionen.321 313 Vgl. Darkow & Lutz 2000: 85, 88 314 Schneider 2013: 24 315 Vgl. Engel & Niederauer-Kopf 2014: 554 316 Schneider 2013: 23 317 Vgl. https://www.agf.de/agf/imfokus/ 318 Vgl. https://www.agf.de/daten/videostreaming/hitlisten/ 319 Vgl. Schneider 2013: 25 320 Vgl. Hofsümmer & Engel 2013: 271 321 Vgl. Woldt 2013: 115 65 Ein älterer Fall ist die Sendung „Johannes B. Kerner“ vom 9. Oktober des Jahres 2007, in der die umstrittene Autorin Eva Herman das Fernsehstudio verlassen sollte. Dieser Umstand sorgte für einen medialen Wirbel und trieb somit auch die Abrufe in der ZDF Mediathek in die Höhe. Zwölf Prozent von der Gesamtnutzung der Talkshow konnte dort generiert werden.322 Bei einer Einschaltquote im linearen Fernsehen von erfolgreichen 2,65 Millionen Zuschauern bei der Erstausstrahlung323, die 81 Prozent der Gesamtzuschaueranzahl ausmachten324, ergaben sich daraus also 390 Tausend Streams. Wenn man bedenkt, dass laut Camille Zubayr und Heinz Gerhard heute mehr als 300 Tausend eine Seltenheit sind325, war dieser Klickwert beachtlich für eine Zeit, in der Mediatheken noch nicht sonderlich entwickelt waren. Auch zwei jüngere Beispiele beweisen, dass wenn eingeladene Talkgäste Fernsehstudios unerwartet verlassen und dies in der nachgelagerten Berichterstattung viel diskutiert wurde, das Interesse der Bevölkerung groß ist, die entsprechende Sendung nachzugucken. So geschehen erstens im Juli des Jahres 2017 bei „Maischberger“: Im Gespräch über die Ausschreitungen beim Hamburger G20-Gipfel eckten die Diskutanten Wolfgang Bosbach und Jutta Ditfurth an – mit dem Resultat, dass erster sich der Diskussion trotz massiver Überredungsversuche vonseiten der Moderatorin entzog. 1,71 Millionen verfolgten den Disput live auf ihren Fernsehgeräten und für dieses Format au- ßerordentliche 336 Tausend im Anschluss im ARD-Onlinependant. Als zweites ist „Wie geht’s, Deutschland?“ zu nennen, das im September desselben Jahres gesendet wurde. Zu Gast war AfD-Politikerin Alice Weidel, die von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer dazu aufgefordert wurde, sich von ihrem angeblich rechtsradikalen Co-Spitzenkandidaten Alexander Gauland zu distanzieren und daraufhin nicht weiter Teil der Gesprächsrunde sein wollte. 120 Tausend Mal streamten Zuschauer die Talkshow anlässlich der damaligen Bundestagswahl im Nachhinein und verschafften ihr immerhin den fünften Platz auf der Hitliste der meistrezipierten Inhalte der ZDF Mediathek in der entsprechenden Kalenderwoche.326 Zwar steht die Klickzahl in keinem Verhältnis zu den 2,55 Millionen erreichten Fernsehzuschauern, erwähnenswert ist sie aber vor dem Hintergrund, dass Diskussionsrunden für gewöhnlich nicht in den Streamingcharts landen, weil sie im Allgemeinen weitaus niedrigere Werte generieren. Für einen anders gearteten viralen Hit, der die Hitliste der ZDF Mediathek mit weitem Abstand anführte, sorgte eine Mitte Mai des Jahres 2016 ausge- 322 Vgl. van Eimeren & Frees 2008: 354 323 Vgl. Weis 2007 324 Vgl. van Eimeren & Frees 2008: 354 325 Vgl. Zubayr & Gerhard 2016: 145 326 Vgl. AGF-Hitliste Kalenderwoche 36/2017 66 strahlte Ausgabe von „Neo Magazin Royale“. Es handelte sich hierbei um die erste Sendung, die nach Moderator Jan Böhmermanns Eklat mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan lief und allein deshalb schon eine hohe lineare Einschaltquote erwarten ließ. Zudem wurden in dieser Folge kritikwürdige Produktionsmethoden des bekannten RTL-Formats „Schwiegertochter gesucht“ aufgedeckt, die im Anschluss öffentlich für Zündstoff sorgten. 620 Tausend Zuschauer verfolgten „Neo Magazin Royale“ an dem Abend der Ausstrahlung, eine gute Quote für den kleinen Sender ZDFneo.327 Unüblich hohe 409 Tausend Streams in den folgenden Tagen sorgten somit also für insgesamt über eine Million Menschen, die diese Episode rezipierten.328 Hervorzuheben sind auch Einzelfälle der Sendungen „Berlin – Tag & Nacht“ sowie „Köln 50667“, welche seit dem Jahr 2011 werktäglich im Vorabendprogramm von RTL2 laufen. Im Sommer des Jahres 2015 verzeichneten mehrere Episoden herausragende Abrufraten, die einen erheblichen Anteil an den jeweiligen Gesamtreichweiten ausmachten. In der Spitze wurden 341 Tausend Klicks für das Scripted-Reality-Format aus der Hauptstadt gemessen, was ein Viertel der insgesamt erzielten Reichweite ergibt, wenn man die durchschnittliche TV-Zuschauerzahl des Jahres 2015 in Höhe von 1,02 Millionen heranzieht.329 Folge 684 des rheinländischen Ablegers wurde eine Woche später rund 307 Tausend Mal geklickt, was sogar annähernd einem Drittel des Wertes entspricht, der sich aus der Summe des linearen und zeitversetzten Ausspielweges ergibt.330 Abgesehen von solchen Einzelfällen: Verhelfen Mediatheken auch ganzen Sendereihen zu höheren Gesamtzuschauerzahlen? Und [s]chadet eine Präsenz auf Videoplattformen der Quote im linearen Programm“331 gar, wie Andreas Egger und Birgit van Eimeren einmal fragten? Die nachfolgend angestellten Beobachtungen jeweils zweier Formate, die in den Videocentern der acht größten nationalen Free-TV-Hauptprogramme zu den gefragtesten gehören, sollen eine Antwort geben. 3 Erfolgreiche Sendereihen 3.1 ZDF Nicht nur die zuvor erwähnte „Neo Magazin Royale“-Folge hatte mithilfe der ZDF Mediathek eine hohe Gesamtreichweite; das Format wird generell ver- 327 Vgl. Kyburz 2016 328 Vgl. AGF-Hitliste KW 19/2016 329 Vgl. Abbildung 22 330 Vgl. Abbildung 23 331 Egger & van Eimeren 2016: 113 67 hältnismäßig häufig gestreamt und schaffte im Laufe der Jahre einen starken Aufschwung. Im Jahr 2014, als die Sendung den Zusatz „Royale“ noch nicht im Titel trug, kam sie innerhalb von sieben Tagen nach Erstausstrahlung bei ZDFneo auf durchschnittlich rund 57 Tausend nachträgliche Abrufe. Innerhalb von zwei Jahren stiegen sie um mehr als das Doppelte. Die Highlight- Folge vom Mai des Jahres 2016 hievte die Klickrate fortan auf ein deutlich höheres Niveau. Denn bis auf eine Ausnahme332 generierte die Late-Night- Show on demand weit über 100 Tausend Aufrufe, was bis zu jenem Datum seltener der Fall war. Mittlerweile nähern sich viele Episoden der 200- Tausend-Marke. Manche überschreiten diese auch, wie beispielsweise eine Sonderausgabe vom 5. April 2018333, die mit 243 Tausend Klick die zweitmeistgesehene Folge der „Neo Magazin Royale“-Mediathekenhistorie ausmacht. Es fällt auf, dass sich die durchschnittlichen Klicks, die im Jahr 2018 schon dreimal so hoch waren wie vier Jahre zuvor, parallel zu den linearen Einschaltquoten positiv entwickelt haben. Diese lagen damals nämlich bei nur 160 Tausend pro Erstausstrahlung und waren später mit 350 Tausend mehr als doppelt so hoch. Ein Drittel der Gesamtzuschaueranzahl erreicht man über das Online-Videocenter.334 Bei keiner anderen Sendung im öffentlichrechtlichen Fernsehen beziehungsweise in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken ist das Verhältnis zwischen linearer und non-linearer Darbietung ausgeglichener. Die „heute-show“ ist die mit weitem Abstand meistgestreamte Produktion, sowohl in der ZDF Mediathek als auch im Vergleich mit den übrigen Internetplattformen. Das war jedoch noch nicht immer der Fall: „Germany’s next Topmodel“, „Der Bachelor“, „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ und „Tatort“ lagen zeitweise vor der von Oliver Welke moderierten Freitagabendshow. Staffel neun aus dem Jahr 2014 verzeichnete etwa 141 Tausend Klicks im Durchschnitt, Staffel elf brachte es ein Jahr später auf circa 29 Tausend mehr. Die TV-Einschaltquote stieg kontinuierlich an, von einst 3,17 Millionen auf 3,71 Millionen im Jahr 2016. Doch die Klickrate zog nicht mit und sackte von etwa 170 Tausend im Jahr 2015 auf knapp 155 Tausend im Jahr 2016 ab. Erst Staffel 15, die zwölf Monate später erschien, brachte einen Aufschwung – und zwar in massiver Weise: 293 Tausend Mal wurde jede Folge geklickt, was beinahe einer Verdopplung im Gegensatz zu Staffel 13 gleichkommt. Gleichzeitig knackte die klassische Zuschauerzahl erstmals die Vier-Millionen-Grenze, welche auch im Jahr 2018 nicht unterschritten wurde. Im Gegenteil: Die Satireshow baute den linearen Rezipientenanteil aus, jedoch auf weit niedrigerem Niveau als im Internet. Denn hier schlugen für je- 332 Vgl. AGF-Hitliste KW 49/2016 333 Vgl. AGF-Hitliste KW 14/2018 334 Vgl. Abbildung 24 68 de Ausgabe der 17. Staffel eine halbe Million Zuschauer und mehr zu Buche. Damit löste man den ewigen Platzhirsch „Germany’s next Topmodel“ im Jahr 2018 ab. Aber auch wenn es sich hierbei um einen hohen Abrufwert handelt, macht die Mediathekennutzung der „heute-show“ nur einen Anteil von aufgerundet zwölf Prozent der Gesamtnutzung aus.335 3.2 RTL Ein Format, das ähnlich stark von der Online-Bewegtbildnutzung im Jahr 2018 profitierte, ist „Der Bachelor“, das seit dem Jahr 2012 jedes Frühjahr mittwochs beim Privatsender RTL zur Primetime über die Bildschirme flimmert. Schon seitdem die AGF-Hitlisten veröffentlicht werden, zählt die Datingshow zu den beliebtesten Sendungen auf Abruf. Nach Heidi Klums Modelcasting rangierte sie bis zum Jahr 2016 stets auf Platz zwei und wurde im Jahr 2017 nur durch die „heute-show“ auf Platz 3 verwiesen. Nichtsdestotrotz zeichnete sich entsprechend der gesunkenen RTL-Einschaltquote auch im World Wide Web ein Abwärtstrend ab. Aus rund 268 Tausend Aufrufen im Jahr 2014 wurden drei Staffeln später nur noch etwa 158 Tausend. Im gleichen Zeitraum ging auch die TV-Zuschauerzahl um beinahe eine Million zurück. Im Jahr 2018 erholte sich „Der Bachelor“ jedoch, sodass dreieinhalb Millionen Interessierte die Rosenvergabe bei herkömmlicher Ausstrahlung verfolgten, vor allem aber bei TV Now ein Spitzenwert zustande kam, der die bis dahin erfolgreichste vierte Staffel haushoch übertrumpfte. Je 377 Tausend Mal riefen Rezipienten die insgesamt neun Episoden im Schnitt ab, wobei die Auftaktfolge mit 280.140 Klicks den schlechtesten Wert darstellte336, Ausgabe drei mit 441.348 Streams den besten337. Rechnet man die lineare Variante mit der nicht-linearen zusammen, ergibt sich eine Gesamtreichweite von 3,877 Millionen, von der also etwa ein Zehntel zweiter zuzuschreiben ist.338 Bei der zweiten untersuchten RTL- beziehungsweise TV-Now-Show handelt es sich um „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“, die seit vielen Jahren Mitte bis Ende Januar täglich in der Late-Prime-Time live auf Sendung geht, eine der erfolgreichsten Produktionen im nationalen audiovisuellen Rundfunk ist und im RTL-Web-Ableger nach „Der Bachelor“ den Ton angibt. Die achte stellte mit fast acht Millionen Zuschauern die erfolgreichste von allen bisherigen Staffeln dar.339 Auch auf TV Now kam sie auf die meisten Klickzahlen 335 Vgl. Abbildung 25 336 Vgl. AGF-Hitliste KW 2/2018 337 Vgl. AGF-Hitliste KW 4/2018 338 Vgl. Abbildung 27 339 Vgl. Sanchez 2014 69 im Vergleich zu den drei Folgejahren. Um die 210 Tausend Abrufe erzielte das im Volksmund genannte „Dschungelcamp“ damals. Die vom 16.01.2015 bis 31.01.2015 ausgestrahlte neunte Staffel schaffte es nur noch auf circa 166 Tausend durchschnittliche Klicks bei 6,74 Millionen entgegenstehenden Fernsehzuschauern. Der Negativtrend setzte sich fort: Die im Frühjahr 2017 gesendeten Episoden bildeten mit 135 Tausend Online-Zuschauern das Schlusslicht. Bemerkenswerterweise verhalten sich die Trendkurven der Einschaltquote und der Abrufzahlen nicht gleich. Denn als sich die von Sonja Zietlow moderierte Sendung mit Staffel zehn im Jahr 2016 aus dem linearen Quotentief befreite, stieg die Internetnutzung nicht mit, sondern fiel stattdessen weiter. Und als im Jahr 2018 nur noch 5,62 Millionen Menschen vor den TV-Bildschirmen saßen, um Prominente im australischen Urwald zu beobachten, erzielte man bei TV Now einen Rekordmittelwert von 225 Tausend Klicks. Dennoch entsprechen diese nur etwa vier Prozent der Gesamtzuschaueranzahl der zwölften Staffel „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“.340 3.3 VOX VOX ist in der RTL Group der zweiterfolgreichste Kanal. Zu den bekanntesten Formaten des Vollprogramms gehören „Die Höhle der Löwen“ und „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“, welche beide im Jahr 2014 starteten, aber andere Erfolgsverläufe nahmen. Erstes begann mit durchschnittlich 1,84 Millionen Leuten, die dienstags zur besten Sendezeit einschalteten, wenn Unternehmensgründer medienwirksam ihre Ideen vorstellten. Der für den in Köln ansässigen Sender gute Wert konnte im Folgejahr auf über zwei Millionen ausgebaut werden. Doch erst die dritte Staffel manövrierte die Sendung in eine andere Quotenliga: Beinahe drei Millionen linear erreichte Zuschauer schlugen im Jahr 2016 im Durchschnitt zu Buche. Zwölf Monate später entstand ein fast genauso hoher Wert mit Staffel vier. On demand steigerte sich die Klickrate von Staffel eins mit 34 Tausend zu Staffel zwei mit 42 Tausend ebenfalls, aber der große Quotensprung, der bei VOX in der folgenden Saison gemacht wurde, blieb in der Mediathek aus: Mit 44 Tausend Views blieb man auf dem Vorjahreslevel. Erst Staffel vier, die im Jahr 2017 gezeigt wurde, verzeichnete auf Abruf ein klares Plus. 69 Tausend interessierten sich nachträglich dafür, ob Gründer und Investoren miteinander ins Geschäft kamen. Staffel fünf lag zwölf Monate später mit 73 Tausend sogar noch knapp darüber. Keine andere VOX-Produktion kann mit diesen Zahlen derzeit mithalten. 340 Vgl. Abbildung 28 70 Dennoch machen sie nur 2,4 Prozent der Gesamtleistung von „Die Höhle der Löwen“ aus.341 „Sing meinen Song“ war auch von Anfang an ein Erfolg für VOX. Staffel eins startete im Jahr 2014 mit 1,9 Millionen Rezipienten im klassischen TV. Die drei darauffolgenden Staffeln lagen sogar konstant über der Zwei- Millionen-Zuschauermarke. Die vom 24. April 2018 bis 19. Juni 2018 über den Äther geschickten Episoden mussten jedoch deutliche Verluste hinnehmen: 1,5 Millionen einschaltende Menschen sind für die Fernsehstation zwar immer noch ein zufriedenstellender Wert, aber verglichen mit den bisherigen Staffeln spricht Manuel Sanchez zurecht von einer „Enttäuschung“342. Enttäuschend ist auch der Abrufzahlentrend bei TV Now, der kontinuierlich negativ verlief und damit das konstante TV-Quotenniveau der ersten vier Staffeln nicht widerspiegelte. Von einst 81 Tausend verlor „Das Tauschkonzert“ mehr als die Hälfte der zeitversetzt Rezipierenden innerhalb von zwei Jahren. Die von Popstar Mark Forster präsentierte Musikshow verharrt seitdem bei etwas mehr als 30 Tausend Abrufen pro Folge einer Staffel. Im Jahr 2018 generierte man so nur 2,1 Prozent der Gesamtzuschauer und damit nur halb so viel wie es bei Staffel eins der Fall war.343 3.4 RTL2 Anders als alle anderen großen Vollzeitprogramme verfügt RTL2 über kein seit mehreren Jahren wiederkehrendes Primetime-Highlight, das auch regelmäßig in den Hitlisten der AGF-Streamingforschung weit oben steht. Zwar bringen es Formate wie „Frauentausch“, „Teenie-Mütter“ oder „Die Wollnys“ auf etliche Staffeln, doch die Resonanz im Internet hält sich in Grenzen. Stattdessen sind die jüngeren Formate „Love Island“ und „Naked Attraction“ on demand am beliebtesten. Weil jedoch beide erst seit dem Jahr 2017 existieren und deshalb kein Langzeitvergleich möglich ist, ziehe ich die Vorabend-Dauerbrenner „Berlin – Tag & Nacht“ sowie „Köln 50667“ heran, da sie den RTL2-Channel bei TV Now sonst stets dominieren. Die hauptstädtische Soap hat im Laufe der Jahre viele Zuschauer verloren. Im Jahr 2014 kam sie auf 1,13 Millionen Zuschauer im Durchschnitt. Während man sich im darauffolgenden Jahr noch über der Marke von einer Million halten konnte, liegen die linearen Einschaltquoten seit dem Jahr 2016 nur noch im sechsstelligen Bereich, seit dem Jahr 2017 sogar deutlich. Auch online kann nicht mehr der Erfolg des Jahres 2014 verbucht werden. Nicht 341 Vgl. Abbildung 29 342 Sanchez 2018 343 Vgl. Abbildung 30 71 einmal die Hälfte der 97 Tausend Webuser von früher sind noch übrig. Im Jahr 2018 lag der Wert nämlich bei rund 42 Tausend und somit auf dem Vorjahresniveau, obwohl klassisch durchschnittlich 50 Tausend Zuschauer hinzugewonnen werden konnten seit dem Jahr 2017. 4,7 Prozent der zusammengerechneten Zuschaueranzahl machte der Internetauftritt im Jahr 2018 aus. Vier Jahre zuvor waren es noch 7,9 Prozent.344 „Köln 50667“ erlebte auch sowohl einen linearen als auch einen nonlinearen Beliebtheitssturz. 710 Tausend Fernsehende konnte man noch im Jahr 2014 für das rheinländische Werktagsformat begeistern. Bis zum Jahr 2017 reduzierte sich die Zahl auf 560 Tausend. Von den Onlinern waren in den Jahren 2014 und 2015 noch jeweils über 86 Tausend zum Anklicken einer durchschnittlichen Folge zu bewegen. Wie im TV kam der große Fall im Jahr 2016: 35 Tausend Klicks stellten den Tiefpunkt der Sendung in der Mediathek dar. Von Januar bis Dezember des Jahres 2017 wurde das niedrige Niveau weitestgehend gehalten, entsprechend dem Linear-Zuschaueranteil. In der ersten Hälfte des Jahres 2018 erhob sich „Köln 50667“ aber plötzlich aus beiden Quotenlöchern. Die 18-Uhr-Ausstrahlung vermochte 650 Tausend Interessierte vor die Blickschirme zu locken und on demand kamen 60 Tausend zustande. Das Spitzenniveau des Jahres 2014 war damit allerdings nicht wieder erreicht, weder hinsichtlich der RTL2-Einschatquoten noch in Bezug auf die TV-Now-Klickraten.345 3.5 Sat.1 Die Programmfarbe von Sat.1, dem reichweitenstärksten Rundfunkanbieter der ProSiebenSat.1 Media SE, wird stark von der Castingshow „The Voice“ geprägt. Neben „The Voice of Germany” wird seit mehreren Jahren der Ableger „The Voice Kids“ gestrahlt und seit Ende des Jahres 2018 werden Musikinteressierte mit „The Voice Senior“ versorgt. Das ursprünglich aus den USA stammende Musikformat ist für den seit Jahren unter starkem Marktanteilsschwund leidenden Sender ein zuschauerintensiver Lichtblick. Zwar erreicht die altersunabhängige Version die meisten Rezipienten offline und online, aber weil es schon immer wechselweise bei ProSieben und Sat.1 lief, bietet sich für einen angemessenen Langzeitvergleich nur das Jugendpendant an. Dieses blieb zwischen den Jahren 2014 und 2017 im Rahmen von 2,6 Millionen bis 2,8 Millionen Zuschauern relativ stabil. Erst die sechste Staffel aus dem Jahr 2018 war quotenmäßig außer der Reihe: 2,45 Millionen schauten im Schnitt zu, wenn junge Gesangstalente in den Wettbewerb gegenei- 344 Vgl. Abbildung 31 345 Vgl. Abbildung 32 72 nander traten. Seit der vierten Staffel, die im Jahr 2016 ausgestrahlt wurde, scheint sich die Abrufzahl bei circa 58 Tausend eingepegelt zu haben. Mit zehn Tausend weniger Streams bildete Staffel drei zwölf Monate vorher den „The Voice Kids“-Tiefpunkt im Videoportal. Staffel zwei, die im Jahr 2014 schon im Fernsehen am besten abschnitt, wusste auch im Internet am meisten zu überzeugen. Der Mittelwert der neun produzierten Episoden lag damals nämlich bei 79 Tausend. Egal, welche der fünf gemessenen Staffeln man heranzieht: Der Publikumszuspruch über die Mediathek machte nie einen Anteil von mehr als drei Prozent der Gesamtperformance aus.346 Zu den erfolgreichsten Sendungen des ältesten deutschen Privatrundfunkveranstalters gehört auch das seit dem Jahr 2009 produzierte „The Biggest Loser“. Im Laufe der Zeit steigerte sich der Publikumszuspruch der Abnehmshow um ein paar Hunderttausend von wenigstens 1,72 Millionen auf seit dem Jahr 2017 über zwei Millionen Zuschauer. Im World Wide Web waren hingegen zwei Staffeln führend, die nicht über die höchsten linearen Einschaltquoten verfügten, nämlich die Staffeln sechs und acht aus den Jahren 2014 und 2016, welche auf 46 Tausend beziehungsweise 47 Tausend interessierte Onliner kamen. Zwar war die Klickzahl in Höhe von 32 Tausend entsprechend der TV-Resonanz mit 1,72 Millionen im Jahr 2015 am niedrigsten, doch die letzten beiden Staffeln neun und zehn waren bei 7TV mit 36 Tausend beziehungsweise 38 Tausend Aufrufen kaum gefragter – was widersprüchlich zu den erhöhten Werten des herkömmlichen Ausspielweges ist. Am insgesamt generierten Zuschaueranteil leistete die Präsenz des Formats in der Mediathek nur einen verschwindend geringen Beitrag von weniger als zwei Prozent – und das obwohl „The Biggest Loser“ schon zu den erfolgreichsten Sat.1-Produktionen im Internetableger zählt.347 3.6 ProSieben Wie im Fall von Sat.1 ist der Marktanteil vom Schwesternsender ProSieben seit Jahren fallend. „Germany’s next Topmodel“ ist die einzige aus Quotensicht hervorzuhebende Eigenproduktion, die jährlich zwischen Februar und Mai die Donnerstagabende füllt. Zwar konnte die Show in ihren Anfangszeiten noch eine größere Masse zum Einschalten bewegen, aber entsprechend der ohnehin gesunkenen Beliebtheit des Privatsenders kann er mit einer Reichweite von um die zweieinhalb Millionen Zusehern pro Staffel durchaus zufrieden sein. Die 13. Staffel des Modelcastings verbuchte mit 2,38 Millionen jedoch die bisher wenigsten auf lineare Weise erreichten Zuschauer. Ob 346 Vgl. Abbildung 33 347 Vgl. Abbildung 34 73 sich der Quotenverlauf weiterhin auf die Zwei-Millionen-Marke zubewegt oder das Jahr 2018 nur ein Ausreißer war wie das Jahr 2015 mit damals 2,42 Millionen Interessenten, dem in der Folgestaffel der Höchstwert von 2,73 Millionen folgte, werden die kommenden Jahre zeigen. Von einer Ermüdung der Onlinenutzung kann jedenfalls keine Rede sein. Denn bis auf die neunte Staffel des Jahres 2014, in der jede Woche 392 Tausend zumeist weibliche Rezipienten on demand den Weg zu Heidi Klum und ihren potenziellen Nachfolgerinnen fanden, schnitt die zwischen dem 8. Februar und 24. Mai 2018 ausgestrahlte Runde mit 385 Tausend am besten ab. Von größtem Interesse war dabei die karibische Auftaktfolge mit 515 Tausend Streams348, wohingegen die traditionell live auf Sendung gehende Finalshow nur 190 Tausend hatte. Dass die Siegerinehrungen wesentlich schlechter abschneiden als alle anderen Folgen, bewiesen schon die Vorjahre. Hier kommt offensichtlich die Anziehungskraft eines Liveevents zum Tragen, welches im Nachhinein seinen Reiz verliert. Das spiegelt sich auch in den TV-Quoten wider, die in einer jeden letzten Folge am höchsten sind. Die 2018er „Germany’s next Topmodel“-Staffel bewegte 2,77 Millionen zum Einschalten und Anklicken. 13,9 Prozent davon gingen auf die Webanwendung zurück.349 Nach dem „Neo Magazin Royale“ ist das der höchste Anteil an der Gesamtreichweite einer in Deutschland publizierten TV-Sendung. Von den zahlreichen US-amerikanischen Produktionen, die auf ProSiebens Sendeplan stehen, ist „Grey’s Anatomy“ eine der langlebigsten. Mehr als ein Dutzend Staffeln wurden schon gesendet. Im Gegensatz zu viel anderer Ware aus den Vereinigten Staaten, bietet der Veranstalter die Ärzteserie auch mehr als eine Woche nach Fernsehausstrahlung auf 7TV noch an. Die TV-Einschaltquoten sanken von Staffel zehn bis Staffel zwölf von einst 1,61 Millionen Zuschauer auf 1,37 Millionen, um in der darauffolgenden Saison wieder leicht zu steigen, sodass im Jahr 2017 1,41 Millionen gemessen wurden. Der Anstieg war aber nur von kurzer Dauer, denn die 2018er 14. Staffel verbuchte einen Negativrekord von etwa 1,27 Millionen. Auf Abruf schien „Grey’s Anatomy“ sein Level gefunden zu haben, das sich in 40 Tausend bis 50 Tausend Views pro Folge bemerkbar machte. Gerade die linear am schlechtesten gelaufene Staffel 14 überraschte dann aber mit einem plötzlichen Zuwachs um das Doppelte auf circa 82 Tausend. Das Plus im Internet glich somit die gesunkenen Fernsehwerte etwas aus. Sechs Prozent der insgesamt 1,35 Millionen Erreichten kamen aus dem Netz und damit mehr als je zuvor.350 348 Vgl. AGF-Hitliste KW 6/2018 349 Vgl. Abbildung 35 350 Vgl. Abbildung 36 74 3.7 kabel eins Wie RTL2 in der RTL Group ist kabel eins innerhalb der ProSiebenSat.1 Media SE das Vollprogramm mit dem geringsten Zuschaueraufkommen. Die beiden Konkurrenten liegen seit einem Jahrzehnt hinsichtlich ihrer Marktanteile in etwa gleich auf und verbuchten zuletzt 3 (RTL2) beziehungsweise 3,5 Prozent (kabel eins). Im Netz allerdings erzielt der in Grünwald ansässige Sender sehr viel bessere Ergebnisse als sein Unterföhringer Mitstreiter. Betrachtet man bei zweitem die innerhalb einer beliebigen Kalenderwoche zehn meistgeklickten Sendungen, bewegen sich diese oft nur im vierstelligen Bereich, wohingegen keine einzige Hitliste des Erstgenannten weniger als fünfstellige Zahlen vorzuweisen hat. kabel eins‘ einzige langlebige Ausnahme stellt „Rosins Restaurants“ dar, das seit der achten Staffel aus dem Jahr 2014 konstant über der Grenze von zehn Tausend Views pro Sendung liegt. Die Höchstwerte generierten die Staffeln 13 und 14 im Jahr 2017 mit 14 bis 15 Tausend Abrufen. Im Fernsehen erlebte das nach Starkoch Frank Rosin benannte Format ein staffelweises Auf und Ab des Publikumsinteresses. Tendenziell deutete sich in den untersuchten vier Jahren aber ein Rückgang an, der am deutlichsten in der zuletzt ausgestrahlten 15. Staffel erkennbar ist. Die erfolgreichste 2014er Staffel sieben wurde noch von 1,38 Millionen Menschen im Durchschnitt angesehen, welche online aber nur im vierstelligen Bereich landete. Vier Jahre später unterschritt man linear erstmals die Millionenmarke, bei 7TV wurden 12 Tausend Streams dokumentiert. Lediglich 1,3 Prozent machten diese an der Gesamtreichweite von „Rosins Restaurants“ aus.351 Eine ebenso seit geraumer Zeit im kabel-eins-Programm befindliche Produktion lautet „Mein Lokal, dein Lokal“. Sie ist werktags im Vorabendprogramm zu sehen und konkurriert unter anderem mit „Köln 50667“ um die Gunst des Publikums. Besonders dem Wechsel auf einen attraktiveren Sendeplatz zu verdanken, stieg die Zuschauerzahl von 380 Tausend im Jahr 2014 auf den Spitzenwert von 650 Tausend im Jahr 2016. Die Onlinereichweite stieg nicht parallel mit an. Im Gegenteil: Von 3,6 Tausend Klicks rutschte das Format, das die Frage „Wo schmeckt’s am besten?“ stellt, auf 2,8 Tausend ab. In Bezug auf den klassischen Übertragungsweg unterliegt die Zuschauerzahl seit dem Rekordjahr 2016 Schwankungen in der Zuschauerbeliebtheit. So sackte die Einschaltquote auf 540 Tausend im Jahr 2017 ab, um im laufenden Jahr doch wieder über die 600-Tausend-Schwelle zu treten. Die Abrufrate tangiert diese Unbeständigkeit nicht, denn der Kochwettbewerb verharrt hier bei einem durchschnittlichen Wert von rund drei Tausend Views 351 Vgl. Abbildung 37 75 pro Ausgabe. Zuletzt war das lediglich ein halbes Prozent an der Gesamtleistung von „Mein Lokal, dein Lokal“.352 3.8 Das Erste Das Erste setzt in seinem Nachmittagsprogramm seit vielen Jahren auf romantische Daily Soaps. Die erfolgreichste trägt den Namen „Sturm der Liebe“ und ist in ihrem Timeslot das meistgesehene Format im deutschen Fernsehen, auch wenn die Einschaltquote seit geraumer Zeit schwindet. So schalteten in den Jahren 2014 und 2015 noch über zwei Millionen Menschen ein, wenn die Sendung gegen 15 Uhr auf den Bildschirmen erschien. Im Jahr 2016 fiel man erstmals unter die Zwei-Millionen-Marke, mittlerweile liegt man deutlich darunter. In der Verlaufskurve der Onlineperformance spiegelt sich dieser Abwärtstrend hingegen nicht wider – das Gegenteil ist der Fall: Im Jahr 2014 gelangen 78 Tausend Klicks pro Episode, wobei gegen Ende des Jahres schon die ersten sechsstelligen Werte gemessen wurden. Innerhalb der nächsten zwölf Monate verdoppelte sich die Anzahl der Streams in der ARD Mediathek beinahe und liegt mit mindestens 151 Tausend bis zuletzt 163 Tausend auf einem konstant hohen Level. Einzelne Ausgaben waren sogar im Stande, mehr als 200 Tausend Interessierte zum Streamen zu bewegen – besonders am Ende des Jahres 2015.353 Aber auch wenn „Sturm der Liebe“ eines der beliebtesten Produktionen ist, auf die im Videoportal des öffentlichrechtlichen Veranstalters zurückgegriffen wird, konnten nie mehr als zuletzt 8,2 Prozent aller „Sturm der Liebe“-Fans über das Internet erreicht werden.354 „Tatort“ ist das mit großem Abstand meistgesehene regelmäßige Format im deutschen Fernsehen, kein anderes weiß mehr Zuschauer vor den heimischen Bildschirmen zu versammeln. Rückläufig war die Einschaltquote im Zeitverlauf dennoch. Im Jahr 2014 lag sie nämlich noch bei 9,56 Millionen, drei Jahre später fiel sie 650 Tausend Rezipienten niedriger aus. Im ersten Halbjahr 2018 kehrte die Krimireihe aber zur gewohnten Stärke zurück und übertrumpfte den Wert vom Jahr 2014 sogar minimal. Auch on demand stellt sie sich gut auf: Mit mindestens 154 Tausend bis zuletzt 193 Tausend Onlineviews ist die langlebige Produktion die meistaufgerufene im Netzableger des Ersten Programms. Dabei ist zu konstatieren, dass sich diese Durchschnitte aus Klicks zusammensetzen, die in ihrer Höhe unterschiedlicher nicht sein könnten. So liegen mehrere Ausgaben nur im fünfstelligen Bereich. Am wenigsten wurde für die Folge „Der Preis des Lebens“, die am 16 April 2017 352 Vgl. Abbildung 38 353 Vgl. AGF-Hitliste KW 46/2015 – 52/2015; vgl. KW 16/2017 354 Vgl. Abbildung 40 76 über den Äther geschickt wurde355, gemessen, nämlich 65 Tausend. Dem gegenüber stehen mehrere Abrufzahlen in Höhe von weit über 300 Tausend. Am höchsten war sie innerhalb einer Woche nach dem 8. November 2015, als „Schwanensee“ ausgestrahlt wurde. 463 Tausend Mal guckten die Mediathekenbesucher diesen „Tatort“.356 Auch die lineare Einschaltquote war mit 13,63 Millionen außergewöhnlich hoch. Dass ein großes Publikumsaufkommen im Fernsehen automatisch auch zu einer überdurchschnittlichen Anzahl von Mediathekenzuschauern führt, ist jedoch nicht pauschal zu schlussfolgern. Zwar verzeichnete beispielsweise „Schlangengrube“ sowohl den linearen als auch den Auf-Abruf-Bestwert des Jahres 2018 mit zwölf Millionen respektive 389 Tausend.357 Aber der im TV mit 7,65 Millionen am schlechtesten abgeschnittene „Tatort“ des ersten Halbjahres 2018 vom 3. Juni lag on demand mit 229 Tausend Aufrufen weit über dem aktuellen Durchschnitt von 193 Tausend. Auf der anderen Seite fuhren die Münsteraner Ermittler am 2. April 2017 mit 14,56 Millionen das beste Ergebnis seit dem Jahr 1992 ein, und die Klickzahl war mit 226 Tausend zwar überdurchschnittlich358, aber nicht so rekordverdächtig wie „Fangschuss“ auf lineare Weise war. Die nachgelagerte Onlinerezeption ist in Bezug auf das Gesamtergebnis absolut nachrangig. Im Mittel trug sie zu diesem höchstens zwei Prozent bei359, ein Prozentpunkt mehr erlangte man mit dem „Schwanensee“-Bestwert. 4 ZDF Mediathek Dass nicht nur die beiden Sendungen „heute-show“ und „Neo Magazin Royale“ im Internet gut ankommen und im Zeitvergleich immer öfter konsumiert wurden, sondern die ZDF Mediathek sich allgemein der größten Mediatheken-Beliebtheit erfreut und diese im Laufe der Jahre enorm zugenommen hat, verdeutlicht ein Blick auf die wöchentlich zehn am häufigsten gestreamten Inhalte im Trend der vier ersten Jahreshälften der untersuchten Jahre 2014 bis 2018.360 So wurden bis Juni des Jahres 2014 575 Tausend Klicks gemessen, die die Top Ten summiert hervorbrachte. Im Folgejahr kamen schon 175 Tausend mehr zustande. Die anschließenden zwölf Monate bewegte man sich auf gleichem Niveau. Dass die zehn Bestwerte des Videocenters des Zweiten Deutschen Fernsehens in einer Kalenderwoche addiert auf über eine Million 355 Vgl. AGF-Hitliste KW 15/2017 356 Vgl. AGF-Hitliste KW 45/2015 357 Vgl. AGF-Hitliste KW 21/2018 358 Vgl. AGF-Hitliste KW 13/2017 359 Vgl. Abbildung 41 360 Vgl. Abbildung 26 77 kam, passierte in den Jahren 2015 und 2016 jeweils nur einmal, was mit den Highlight-Produktionen „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ und „Ku’damm 56“ zusammenhängt, die in den jeweiligen Zeiträumen auf der Onlineplattform zur Verfügung standen und auch – für damalige Verhältnisse – stark nachgefragt wurden.361 Die Siebenstelligkeit war im Jahr 2017 dann keine Ausnahme mehr und wurde regelmäßig erreicht, auch ohne dass ein solches Fernsehevent vorgelegen haben muss. Der Mittelwert des besagten Jahres lag bei einer Million Views innerhalb von sieben Tagen in den ersten 23 Wochen. Das erste Halbjahr 2018 ließ diese Zahl aber weit hinter sich, denn in nur drei der ebenfalls insgesamt 23 untersuchten Kalenderwochen unterschritten die Grenze von zwei Millionen Aufrufen. In den Wochen elf und zwölf dokumentiert die Hitliste sogar weit über vier Millionen Netzuser, weil damals „Ku’damm 59“ offeriert und sehr viel konsumiert wurde. Natürlich verzerren beliebte Ausnahmeproduktionen wie diese den für das Jahr 2018 geltenden Wochen-Top-Ten-Wert von 2,52 Millionen; doch dass das Klickratenniveau der ZDF Mediathek generell enorm angestiegen ist, ist angesichts der meisten Kalenderwochen ohne besonderes Programmhighlight unbestreitbar. Denn auch gewöhnliche Formate wie „Der Bergdoktor“, „SOKO“, „Die Rosenheim-Cops“, „Herzkino“ oder „Der Staatsanwalt“, die seit dem Jahr 2014 regelmäßig in den Hitlisten auftauchen, verzeichnen heute höhere Zahlen als damals. 5 Livestreams Die Mediatheken aller untersuchten Anbieter enthalten für die Konsumenten neben Video-on-Demand auch die Möglichkeit, ihr klassisch über das Rundfunksignal ausgestrahlte Fernsehvollprogramm eins zu eins im Internet zu verfolgen. Die öffentlich-rechtlichen Veranstalter stellen dies kostenlos zur Verfügung. Aufgrund der Finanzierung über den Rundfunkbeitrag dürften sie grundsätzlich auch keine zusätzlichen Gebühren erheben. Anders verhält sich das bei den Privaten: TV Now bietet seine 13 Livestreams nicht frei an; wer sie nutzen möchte, muss sich einen Premium-Account zulegen, der monatlich etwa fünf Euro kostet. Circa drei Euro verlangte die ProSiebenSat.1- Konkurrenz einst. Seit Oktober des Jahres 2017 verfolgen die Unterföhringer jedoch die Kostenlos-Strategie: Ein einfacher Login mit den zuvor registrierten Daten genügt, um „die komplette Entertainment-Vielfalt von 7TV“362 mithilfe des sogenannten 7Pass, dem zentralen Anmeldeservice des Konzerns, 361 Vgl. AGF-Hitliste KW 02/2015; KW 11/2016 362 Vgl. https://www.7tv.de/ 78 zu erleben. Über die Smartphone- beziehungsweise Tablet-Applikation gehören auch die Livestreams der entsprechenden TV-Stationen zum Angebot. Sicherlich der Tatsache geschuldet, dass die Online-Liveübertragung bei TV Now nur im kostenpflichtigen Abonnement zugänglich ist, sind in allen bisherigen Hitparaden der AGF-Videostreamingmessung ausschließlich On- Demand-Inhalte zu finden, wenn es um die zur RTL Group gehörenden Kanäle geht. In den ARD und ZDF Mediatheken spielt das Liveprogramm ebenfalls keine Rolle – es sei denn es laufen – wie zuletzt im ersten Halbjahr 2018 – Massenphänomene wie Fußballspiele des DFB Pokals363, der UEFA Champions League364 und der FIFA Weltmeisterschaft365 als auch der Eurovision Song Contest366 oder ein einmaliges mediales Großereignis wie die royale Hochzeit im britischen Königshaus367. Die rund um die Uhr verfügbaren Streams der Sender ProSieben, Sat.1 und kabel eins allerdings machen einen erheblichen Anteil der jeweiligen Gesamtklickzahlen auf dem konzerneigenen Videoportal aus. Schon vor der Freischaltung für jedermann platzierten sie sich regelmäßig auf den mittleren bis hinteren Positionen der je zehn am öftesten ausgewählten Inhalte innerhalb einer Kalenderwoche. Seitdem das Schauen der Livestreams aber nicht mehr an den Abschluss eines Abonnements gebunden ist, führen sie die Charts in aller Regel an, und das mit oft großem Abstand zu den übrigen neun Rängen. Rechnet man ihre Views der ersten 23 Wochen des laufenden Jahres zusammen und bildet einen Mittelwert, tut das gleiche für die restlichen Hitlistenpositionen, welche logischerweise Abrufvideos sein müssen, und setzt beides ins Verhältnis zueinander, erkennt man das hohe Gewicht, das die Livekanäle in der ProSiebenSat.1-Mediathek haben. Wenn bei der „Roten Sieben“ nicht die Zeit des Programmhighlights „Germany’s next Topmodel“ ist, das – wie zuvor dargelegt – on demand sehr gefragt ist, kann der Livestream manchmal bis zur Hälfte einer summierten Top-Ten-Klickzahl ausmachen – und das, obwohl er ja nur eine von zehn Plätzen in der Auflistung einnimmt und neun weiteren gegenübersteht.368 Im ersten Halbjahr 2018 kam der ProSieben-Livestream auf durchschnittlich 22 Prozent. Beim sogenannten Bällchensender nahm er ein Drittel ein. Und bei 363 Vgl. AGF-Hitliste KW 16/2018: 18 364 Vgl. AGF-Hitliste KW 18/2018: 16; vgl. KW 21/2018: 16 365 Vgl. AGF-Hitliste KW 23/2018: 18 366 Vgl. AGF-Hitliste KW 19/2018: 18 367 Vgl. AGF-Hitliste KW 20/2018: 16 368 Vgl. AGF-Hitliste KW 03/2018; vgl. KW 23/2018 79 kabel eins ging sogar mehr als die Hälfte der Views auf das Konto des Online-Liveangebots, 72 Prozent waren es in der Spitze369.370 6 Fazit „Ein beträchtlicher Teil der Mediennutzung ist Gewohnheit oder sogar Ritual“371, meinte Schönbach im Jahr 2007. In Bezug auf das Fernsehen kann dieser Aussage auch heute noch zugestimmt werden, wenn man die Ergebnisse meiner empirischen Untersuchung anschaut. Auch wenn eine solch passive Freizeitgestaltung wie fernzusehen ein ausgesprochen negatives Image besitzt, wie Vorderer schon im Jahr 1992 wusste372, und was der Meinung des ZEIT Magazins nach mit der modernen Option, Mediatheken nutzen zu können, „noch ein wenig unschicker geworden“373 ist, lässt ein Großteil der Bevölkerung diese Möglichkeit verstreichen und sich lieber weiterhin von einem vorgegebenen Programmablauf berieseln. Keine Sendung im deutschen Fernsehen wird auf Abruf annähernd so oft geschaut wie bei der linearen Ausstrahlung. Der offenbar vorhandene Wunsch nach Passivität hängt Horst Opaschowski und Peter Vorderer zufolge stark mit dem typischen, viele Bevölkerungsschichten übergreifenden Feierabend zusammen.374 Eine Arbeitssitzung der ARD äußerte einmal Ähnliches: „[D]ie Mehrheit des Fernsehpublikums, die nach einem langen Arbeitstag den Abend vor dem Fernseher passiv genießen möchte, wird den Programm-Machern sicherlich erhalten bleiben.“375 Auch Berufseinsteiger, die aufgrund ihres jungen Alters Video-on-Demand gegenüber als besonders aufgeschlossen gelten, sprechen dem Fernsehen den positiven Aspekt zu, ihr Bedürfnis nach Abschalten und Herunterfahren zu befriedigen.376 Schon lange bevor das Internet die Mediennutzung zeit- und ortsunabhängig machte, differenzierte Alan Rubin zwischen ritualisiert-habitualisierten und instrumentellen Mediennutzern, wobei die einen als wenig aktiv und zielgerichtet eingestuft wurden, die anderen im Gegensatz dazu als aktiv, intentional und selektiv.377 Neuartiger sind die Begriffe „lean back“ und „lean 369 Vgl. AGF-Hitliste KW 13/2018 370 Vgl. Abbildung 39 371 Schönbach 2007: 264 372 Vgl. Vorderer 1992: 56 373 ZEIT Magazin 2016 374 Vgl. Vorderer 1992: 57 375 ARD Arbeitssitzung 2007: 6 376 Vgl. van Eimeren & Koch & Schröter 2017: 22 377 Vgl. Vorderer 1992: 66, 71; vgl. Schenk 2007: 705; vgl. Rubin 2000: 142 80 forward“, um diese Unterscheidung des Aktivitätslevels zu machen.378 Man könnte glauben, die Bewegtbildnutzung verschöbe sich angesichts der vielen neuen Möglichkeiten in Richtung des zweiten und die sogenannte Couchpotato sei eine aussterbende Spezies. Bei den allermeisten Formaten macht die non-lineare Alternative aber nur einen geringen Anteil an der Gesamtnutzungsrate aus – sowohl vor ein paar Jahren schon als auch heute noch, wie der Langzeitvergleich demonstriert. Nur ausnahmsweise können Produktionen von ihren Bereitstellungen in den entsprechenden Mediatheken nennenswert profitieren. Diese nennen sich „Neo Magazin Royale“, „heute-show“, „Germany’s next Topmodel“, „Der Bachelor“ (und dessen Ableger) sowie „Love Island“. Sie sind die einzigen, deren Online-Klickraten je zweistellige Prozentsätze zu den insgesamt erreichten Zuschauern beitragen. Selten kommt es vor, dass auch einmal einzelne Episoden auf Abruf die Gesamtreichweite beachtlich in die Höhe treiben können, so wie es vereinzelt bei „Berlin – Tag & Nacht“ und „Köln 50667“ der Fall war. Außerdem eignen sich die Videocenter der Sender, um skandalträchtige Geschehnisse nachzuschauen – wobei für diesen Zweck eher YouTube herhält. Dass viel gestreamte Sendungen sich negativ auf die klassische Fernsehrezeption auswirken, kann nicht behauptet werden. Vielmehr beflügeln sich Einschaltquoten und Klickzahlen gegenseitig oder sie fallen zusammen, wie unter anderem „Der Bachelor“, „Neo Magazin Royale“, „Tatort“ und die Dokusoaps von RTL2 beweisen. Einige Viewzahlen verharren aber auch schlicht seit Jahren auf gleichem Level, während es auf herkömmlichem Übertragungswege zu Schwankungen in der Publikumsresonanz kommt – siehe „Sturm der Liebe“, beide Sat.1-Formate „The Voice Kids“ und „The Biggest Loser“ sowie „Germany’s next Topmodel“ und die kabel-eins-Sendermarken „Rosins Restaurants“ und „Mein Lokal, dein Lokal“. Entsprechend ihrer Marktführung im herkömmlichen Fernsehen sind der Reihenfolge nach ZDF, ARD und RTL online am gefragtesten, wobei die ZDF Mediathek diejenige ist, die ihre allgemeine Beliebtheit im Laufe der letzten paar Jahre am erheblichsten steigern konnte. Im mittleren Feld sind die Abstände zwischen den Kanälen online nicht so groß wie linear: Sat.1, das eigentlich auf deutlich mehr Prozentpunkte Marktanteil kommt, performt bei 7TV nicht besser als die vermeintlich kleineren Marken VOX, ProSieben oder RTL2. Vermutlich hängt das mit dem jüngeren Image zusammen, das auf diese eher zutrifft als auf den Bällchensender – und der Gebrauch von Video-on- Demand ist bei Jüngeren eben generell stärker ausgeprägt. Von den größten acht TV-Stationen bildet kabel eins, obwohl es sonst mit RTL2 etwa gleichauf liegt, auf Abruf das absolute Schlusslicht; es spielt hier quasi keine Rolle. 378 Vgl. van Eimeren & Frees 7-8/2010b: 348; vgl. Schächter 36/2008: 46 81 Der einzige Klickwert, der bei kabel eins nicht nur knapp fünfstellig ist, ist der Livestream. Dieser führt auch bei den Schwesternsendern ProSieben und Sat.1 die jeweiligen Streaming-Hitlisten meist deutlich an, seitdem er kostenlos freigeschaltet wurde. Das beweist, dass einen Sendeplan zu verfolgen, nicht nur ein Phänomen der Rezeption über das althergebrachte Rundfunksignal ist, sondern auch im World Wide Web, welches doch eigentlich für zeitliche Unabhängigkeit steht, eine Anhängerschaft findet. Linearität spielt nun einmal der menschlichen Bequemlichkeit in die Hände, weshalb sie vermutlich Bestand haben wird.379 „Es gibt Menschen […], die immer noch gerne auf dem Sofa sitzen, sich zurücklehnen und gerne unterhalten werden wollen. Das ist eine Kernzielgruppe, die sich nicht ändert“, äußerte Thomas Ebeling, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Media SE in dem Zusammenhang.380 Schönbach formulierte den gleichen Gedanken ein Jahrzehnt früher so: „Medien dürfen […] mit einem bequemen, ja faulen Publikum rechnen. Es ist ein Publikum, das oft gar nicht nach etwas Bestimmtem sucht, sondern das gerne berieselt, ja versorgt werden möchte“ und fuhr fort: „Das Publikum kann also Passivität wollen, den bewussten Verzicht auf Aussuchen, Eingreifen, Uminterpretieren. Es gibt sich ganz bewusst in die Hände der Profis, vertraut ihnen, will seine eigenen Handlungsentscheidungen auf ein Minimum beschränken. Hier bleibt den traditionellen Medien eine überraschende Macht erhalten.“381 Die Mühe, die allzu viel Engagement erfordere, verderbe vielen den Spaß an Unterhaltung.382 Wie auch Peter Vorderer und Fritz Raff unterstreichen, braucht es beim Fernsehen nun einmal keine aufwendige Informations-, Planungs- oder Entscheidungsleistung, man kann einfach entspannen.383 379 Vgl. ARD Arbeitssitzung 2007: 6 380 Vgl. Niemeier & Lückerath 2017 381 Schönbach 2007: 265 – 266 382 Vgl. ebd. 383 Vgl. Vorderer 1992: 60; vgl. Raff 2006: 6

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References

Zusammenfassung

ragt man (junge) Menschen nach ihrem Videokonsum, scheinen sich alle über eines einig zu sein: Streaming ist in, Fernsehen dagegen out. Während Netflix und Amazon Prime Abermillionen Abonnenten haben und YouTube-Clips milliardenfach geklickt werden, laufen den TV-Sendern scheinbar die Zuschauer davon. Früher ließ sich die Couchpotato berieseln und saß pünktlich zur Primetime vor der Flimmerkiste, um – oft in geselliger Runde – mittelklassige Shows oder Krimis zu schauen. Heutzutage stellt sich der moderne Internetnutzer sein Programm selbst zusammen und bingewatcht lieber die brandneue Staffel der aktuellen Lieblingsserie. Zeit, Ort und Gerät spielen dabei offenbar keine Rolle mehr.

Um den Anschluss nicht zu verlieren, investieren öffentlich-rechtliche und private Fernsehkanäle viel Geld und Mühe in den Ausbau ihrer Videocenter. Dieses Buch untersucht, ob die Internetableger von ARD, RTL, ZDF, ProSieben & Co. mit dem Trend zum Video-on-Demand mithalten können und ob sie das lineare Fernsehen verdrängen.