III Intermediavergleich: Fernsehen vs. Internet in:

Mario Thieme

TV auf Abruf, page 22 - 34

Lösen Mediatheken das klassische Fernsehen ab?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4315-8, ISBN online: 978-3-8288-7250-9, https://doi.org/10.5771/9783828872509-22

Tectum, Baden-Baden
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22 III Intermediavergleich: Fernsehen vs. Internet 1 Fernsehen 1.1 Nutzungsmotive und Images Medienrelevante Bedürfnisse herauszufiltern bedeutet Rückschlüsse ziehen zu können, welche gesellschaftlichen Funktionen die einzelnen Medien erfüllen und welche Erwartungen die Menschen an sie haben.63 Wie sich zeigt, gelten für das Fernsehen starke Nutzungsmotive. So informieren sich über vier Fünftel der Personen ab 14 Jahren gerne über die zahlreichen Sender. Fast ebenso viele können sich beim Fernsehschauen gut entspannen und es macht ihnen schlichtweg Spaß. Auch stimmt weit über die Hälfte der Bevölkerung der Aussage ganz oder weitgehend zu, dass fernzusehen eine gute Möglichkeit ist, um sich abzulenken. Neben solch einfachen Bedürfnissen weiß das Medium andererseits aber auch als Ratgeber zu überzeugen: 56 Prozent erfahren darüber nützliche Dinge für den Alltag, wie sie selbst sagen. Das Fernsehen sehen zudem viele als gesellschaftlichen Themengeber an, nicht umsonst nutzen es 52 Prozent, um mitreden zu können.64 Zu Recht sprechen die Autoren der Langzeitstudie Massenkommunikation ihm also den Status eines Informations- und Unterhaltungsmediums zu65 - vor allem, weil 64 Prozent das Fernsehen konkret als informativ und ganze 89 Prozent als unterhaltsam bezeichnen66. Hohe Zustimmungswerte gibt es auch hinsichtlich Modernität, Vielseitigkeit, Lockerheit und Sympathie: Diese Eigenschaften treffen nämlich zu über 70 Prozent zu. Bis auf den Faktor Unabhängigkeit, den immerhin 57 Prozent, also mehr als die Hälfte, beim Fernsehen als gegeben ansehen, liegt kein Wert bei weniger als 60 Prozent – sei es 63 Vgl. ebd.: 137 64 Vgl. Abbildung 1 65 Vgl. Krupp & Breunig 2016: 139 66 Vgl. Abbildung 3a 23 in Bezug auf Anspruch, Objektivität, Aktualität, Glaubwürdigkeit, Kompetenz, Sachlichkeit oder kritisches Berichten.67 Diese Zahlen für sich betrachtet geben Fernsehschaffenden also keinen Grund zur Sorge. Entscheidend ist jedoch die Entwicklung im Langzeitverhältnis. Verglichen mit den vergangenen 15 Jahren sind die Werte von 2015 weniger positiv zu betrachten und stimmen für die Zukunft nicht sonderlich optimistisch.68 So sahen zwei Drittel der Deutschen im Jahr 2000 noch fern, um dem Bedürfnis des Mitredenkönnens nachzukommen; heute tut das nur noch knapp die Hälfte. Weniger als der Hälfte geht es noch darum, mithilfe des Fernsehens Denkanstöße zu bekommen. Dieser Wert lag anderthalb Jahrzehnte zuvor mit 58 Prozent noch elf Prozentpunkte höher. Genauso viel verlor das Medium als bedeutsame Informationsquelle und kritischer Berichterstatter. Zudem hält die Bevölkerung die TV-Kanäle im Gegensatz zu früher für weniger anspruchsvoll, modern und objektiv. Sie findet sie zudem weniger vielseitig, aktuell, glaubwürdig und kompetent. Die Menschen erfahren ihrem Gefühl nach weniger nützliche Dinge für den Alltag, wenn sie den Fernseher einschalten. Die Sendungen beziehungsweise die Journalisten wirken unsachlicher, unkritischer und viel unlockerer als noch zur Jahrtausendwende. Das Fernsehen hat an Sympathiepunkten eingebüßt und kommt sowohl dem Informations- als auch dem Unterhaltungsbedürfnis nicht mehr so gut nach, was auch die Autoren der Langzeitstudie Massenkommunikation gestehen müssen, auch wenn sie „das Zustimmungsniveau in Bezug auf Information und Spaß“ nur als „leicht gesunken“69 ansehen. In keinerlei Hinsicht konnte sich das Fernsehen verbessern, im Gegenteil: Bei allen erfragten Positionen schnitt es – zum Teil wesentlich – schlechter ab als einst. Nur zum Entspannen und um sich nicht allein zu fühlen, eignet sich das Fernsehen noch wie früher. Auch der Glaube an die Unabhängigkeit der Sender und Fernsehschaffenden ist im Vergleich zum Jahr 2010 relativ stabil geblieben. Ein Blick in die Zukunft verrät, dass das Fernsehen seinen Abwärtstrend vermutlich fortsetzen wird. Zwar würden genauso viele wie in den drei Erhebungen zuvor das Medium sehr stark oder zumindest stark vermissen (45 Prozent), wenn es durch technische Umstände oder Streik nicht mehr verfügbar wäre.70 Doch bezogen auf die Frage, ob Television „auch in Zukunft – trotz aller Veränderungen im Bereich Medien – seine Bedeutung behalten“71 wird, stimmen dem 90 Prozent zu, wohingegen es ein Jahrzehnt zuvor noch 67 Vgl. Abbildung 3 68 Vgl. Abbildung 1, 3 69 Krupp & Breunig 2016: 139 70 Vgl. Abbildung 5 71 Krupp & Breunig 2016: 348 24 95 Prozent der Probanden waren.72 Zweifelsohne sind neun von zehn Personen, die an den Fortbestand des Mediums glauben, noch viel. Dennoch fügen sich die verlorenen fünf Prozentpunkte in den Abwärtstrend ein, den das Medium allgemein durchlebt. Besonders in dem soziodemografischen Merkmal Alter zeigen sich erhebliche Unterschiede. Denn „[n]icht ganz so positiv wie die Gesamtbevölkerung beurteilt die jüngere Zielgruppe die Zukunft des Fernsehens“.73 Laut der Einschätzung der Leute im Alter zwischen 14 und 29 sind 83 Prozent der Ansicht, dass die privaten und öffentlich-rechtlichen Sender weiterhin eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spielen werden. Auch dies ist ein hoher Wert, jedoch ein deutlicher Unterschied zu der Erhebung, die fünf Jahre zuvor stattgefunden hatte. Damals waren noch mehr als neun von zehn Junge davon überzeugt, das Fernsehen habe eine positive Zukunft vor sich.74 Auch die Unentbehrlichkeit, die – wie erwähnt – bei der Gesamtbevölkerung seit einer langen Zeit stabil geblieben ist, ist bei unter 30-Jährigen nicht mehr so stark gegeben wie vor zwei Jahrzehnten. So hätte im Jahr 1995 das Fernsehen noch die Hälfte von ihnen mindestens stark vermisst. Zu dem Zeitpunkt war das ein neuer Höhepunkt und eine enorme Steigerung zu den 1980er Jahren gewesen, in denen sich nur knapp ein Drittel an das Medium gebunden gefühlt hatte. Vermutlich hängt das vor allem mit der starken quantitativen Zunahme von (privaten) TV-Sendern in der Zeit zusammen. Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Bindung an das Medium bei jungen Menschen aber kontinuierlich zurückgegangen. Gäbe es beispielsweise einen längeren Streik der Fernsehbranche oder das Medium wäre aufgrund technischer Gegebenheiten nicht mehr verfügbar, würde es 36 Prozent fehlen. Das bedeutet eine Verringerung im Gegensatz zu 1995 um 13 Prozentpunkte, wobei der größte Absturz innerhalb der vergangenen fünf Jahre passierte. Setzt sich dieser Trend weiter so rasant fort, könnte der Tiefpunkt, der mit 31 Prozent im Jahr 1985 aufgestellt wurde, bald wieder erreicht oder sogar noch unterschritten werden.75 Wie zuvor für die Gesamtbevölkerung formuliert, sind auch die 14- bis 29-Jährigen heute weit weniger motiviert, das Fernsehen zu nutzen, um medienrelevante Bedürfnisse zu befriedigen, als sie es noch vor ein paar Jahren waren. Auch in dieser Altersgruppe entspannt man zwar noch so gern und fühlt sich ebenso wenig allein beim Fernsehschauen wie vor 15 Jahren. Aber in allen anderen Belangen sank die Zustimmung teilweise massiv. Zum Beispiel schalten heute circa zwei Drittel die Sender ein, weil sie sich informie- 72 Vgl. ebd. 73 Ebd.: 220 – 221 74 Vgl. ebd.: 348 75 Vgl. Abbildung 5 25 ren möchten. Zeitlich isoliert betrachtet ist das für die Fernsehschaffenden eine wohlmöglich positiv zu bewertende Tatsache. Der Vergleich mit den drei vorangegangenen Untersuchungen der Studie offenbart allerdings einen drastischen Rückgang. So diente das Fernsehen zur Zeit des Millenniums noch 83 Prozent der Jungen dem Informationszweck, was 17 Prozentpunkte mehr ausmachte. Um denselben Wert schrumpfte der Sympathiewert von einst 78 Prozent auf nunmehr 61 Prozent. Sind die Sendungen und ihre Journalisten noch vielseitig, aktuell, informativ, kompetent oder kritisch, und kann man aus ihnen Nützliches für den Alltag ziehen? Die Zustimmungswerte für all diese Kriterien verringerten sich ebenso um eine jeweils zweistellige Prozentpunktzahl. Selbst weichere Attribute wie Unterhaltsamkeit, Lockerheit und Ungezwungenheit, für die vor allem die von jungen Leuten bevorzugt konsumierten Privatsender bekannt sind, sehen nur noch 85 beziehungsweise 64 Prozent der befragten Probanden beim Fernsehen gegeben, was aber anderthalb Jahrzehnte vorher noch 95 sowie 75 Prozent dachten.76 Die beschriebenen Entwicklungen zeigen eine deutlich zunehmende Abkehr in den Köpfen der Menschen, sowohl bei der Gesamtbevölkerung als auch in Bezug auf die Jungen. Spiegelt sich diese aber auch in ihrem Verhalten wider, das heißt: Schauen die Deutschen auch tatsächlich weniger fern? Und welcher Trend wird in Bezug auf die Reichweite des Massenmediums sichtbar? 1.2 Nutzungsdauer und Reichweite Im Jahr 1970 gab es mit den beiden bundesweit ausgestrahlten öffentlichrechtlichen Kanälen Das Erste und Das Zweite Deutsche Fernsehen sowie ein paar Dritten Programmen auf regionaler Ebene nur eine kleine Auswahl an Fernsehsendern. Damals, als das Farbfernsehen noch relativ jung war und noch nicht jeder einen Fernsehapparat besaß, lag die durchschnittliche Sehdauer bei allen Deutschen mit einem Lebensalter von mindestens 14 Jahren bei 112 Minuten am Tag.77 Bis Mitte der 1970er Jahre, als man mit einer Fernsehdichte von 93 Prozent allmählich von einer Vollversorgung sprechen konnte78, stieg die Zahl auf 125 Minuten an und blieb bis zum Ende der 1980er Jahre auf diesem Niveau79. In den 1990er Jahren flossen in die Statistik Ostdeutsche mit ein, die schon immer als Vielseher galten.80 Weiterhin 76 Vgl. Abbildung 2, 4 77 Vgl. Abbildung 6 78 Vgl. Trost 2016 79 Vgl. Abbildung 6 80 Vgl. Zubayr & Gerhard 2018: 102 26 gründeten sich im Zuge der Wiedervereinigung weitere öffentlich-rechtliche Drittprogramme in den Neuen Bundesländern, und die zahlreich aus dem Boden gesprossenen Privatsender wurden immer populärer. Auf technischer Seite etablierten sich neben dem klassischen Kabelfernsehen neue Übertragungsmöglichkeiten per Satellit und terrestrisch. Auf inhaltlicher Ebene verzichteten im Laufe des Jahrzehnts immer mehr Kanäle auf den Sendeschluss, das heißt, sie strahlten rund um die Uhr Sendungen aus und erreichten dadurch auch viele Zuschauer in den Randzeiten, also morgens, vormittags und nachmittags. Auch Programmlücken wurden geschlossen, Sendungen schlossen also nahtlos aneinander an.81 All diese Umstände trugen maßgeblich dazu bei, dass die Nutzungsdauer kontinuierlich anstieg und diese am Ende des Jahrzehnts mehr als drei Stunden ausmachte. Nach dem Jahrtausendwechsel brach der Konsum des Massenmediums nicht ab, im Gegenteil: Im Jahr 2002 wurde die Marke von 200 Minuten Fernsehen pro Person am Tag erstmals überschritten und fiel seitdem nie wieder darunter.82 Erk Simon, Dina Hummelsheim und Peter Hartmann nennen die fortschreitende Digitalisierung der 2000er und 2010er Jahre als triftigen Grund für die erweiterte Nutzung83, welche im Jahr 2011 mit 225 Minuten ihren absoluten Höhepunkt erreichte84. Schließlich konnte man mithilfe digitaler Empfangstechnik im Laufe der Jahre zwischen immer mehr Programmen auswählen. Ausschließlich digital verbreitete Sendeanstalten wie ZDFneo und Einsfestival wurden somit möglich und reihten sich in eine Vielzahl von Spartensendern ein, die unterschiedlichste Zielgruppen bedienten. Ob Musikfernsehen für die Jugend, Nachrichtenkanäle für die Wissbegierigen, Kinderprogramme für die Kleinen oder Männer- und Frauensender für die jeweiligen Geschlechter: Für jeden Geschmack wurde etwas geboten.85 Diese Fragmentierung des Fernsehmarktes sorgte für eine Verringerung des Lagerfeuer-Effekts und trieb stattdessen die individualisierte Verwendung voran. Immer modernere Fernseher mit hochauflösender Bildqualität und ansprechendem Flach- anstatt vorherigem Röhrendesign, sorgte für viele Neuanschaffungen. Die Geräte, die nicht mehr dem neuesten Stand der Technik entsprachen, wurden oft als Zweit- oder gar Drittgeräte in den Haushalten verwertet, das heißt in die Kinderzimmer gestellt.86 Im Zuge dessen konnten unterschiedliche Fernsehinteressen der Mitglieder verschiedener Generationen auf mehrere Zimmer verteilt werden. Die 81 Vgl. van Eimeren & Ridder 2011: 7; vgl. Breunig & van Eimeren 2015: 509 82 Vgl. Abbildung 6 83 Vgl. Simon & Hummelsheim & Hartmann 2011: 141 84 Vgl. Abbildung 6 85 Vgl. Simon & Hummelsheim & Hartmann 2011: 141 86 Vgl. Kessler & Kupferschmitt 2012: 623 27 Alleinnutzung stieg stark an und wirkte sich somit automatisch positiv auf die allgemeine Nutzungsdauer aus.87 In den 2010er Jahren blieb der Fernsehkonsum stabil auf einem hohen Niveau. 217 Minuten verbringt jeder Deutsche im Alter ab drei Lebensjahren täglich vor dem Fernseher.88 „Die Fernsehnutzungsdauer nimmt im Lebensverlauf stark zu und erreicht ihre Spitze in der Lebensphase des Ruhestandes“, beobachteten Simon, Hummelsheim und Hartmann schon vor Längerem.89 Daran hat sich bis heute nichts geändert. Differenziert man zwischen Personen, die unter 30 Jahre alt sind und solchen über 50, lässt sich ein massiver Unterschied feststellen. Letztere verbringen 315 Minuten am Tag vor dem TV-Bildschirm, wohingegen es die 14- bis 29-Jährigen nur 94 Minuten lang tun, also mehr als drei Mal weniger. Blickt man nur bis ins Jahr 2014 zurück, wird schon deutlich, wie weit die Schere allein in diesen wenigen Jahren auseinandergegangen ist. Damals konsumierten nämlich mit 124 Minuten die Jungen noch 30 Minuten mehr TV-Inhalte als im Jahr 2018. Bei den Alten wiederum handelte es sich einst um 291 Minuten, also noch 24 Minuten weniger als heute.90 Was die Reichweite des Mediums angeht, hatte es von Mitte der 1980er Jahre bis zum Jahr 2005 einen kontinuierlichen Aufstieg genossen. So lag der Wert im Jahr 1985 bei 72 Prozent der Personen ab 14 Jahren und 20 Jahre später bei 89 Prozent, womit er seinen Höhepunkt erreichte. Seitdem geht die Tagesreichweite deutlich nach unten. Laut Langzeitstudie Massenkommunikation betrug sie zur letzten Erhebung im Jahr 2015 noch 80 Prozent, was das Fernsehen auf das Niveau der frühen 1990er Jahre zurückwirft. Interessant ist auch hier wieder der Blick auf das Alter der Menschen: Wie für die Gesamtbevölkerung geltend, konnte auch bei den Jungen seit dem Jahr 1985 ein massiver Anstieg bis kurz nach dem Millennium verzeichnet werden. In dieser Zeitspanne von zwei Jahrzehnten ging es von ursprünglich 58 Prozent auf 83 Prozent im Jahr 2000 steil bergauf und blieb konstant so bis zum Jahr 2005. In den darauffolgenden zehn Jahren musste das Fernsehen aber einen starken Verlust hinnehmen. Mit nur noch 67 Prozent der täglich erreichten 14- bis 29-Jährigen liegt das Medium unter dem Wert von 1990. Von den Alten wurden 2015 noch 88 Prozent erreicht, was einen Abstieg um fünf Prozentpunkte zu den Rekordjahren 2005 und 2010 bedeutet, aber noch relativ konstant auf hohem Niveau ist.91 87 Vgl. ebd.: 625 – 627 88 Vgl. Abbildung 6 89 Vgl. Simon & Hummelsheim & Hartmann 2011: 143 90 Vgl. Abbildung 6 91 Vgl. Abbildung 7 28 Es stellt sich die Frage, ob das zunehmend schlechtere Abschneiden des Fernsehens durch ein anderes Medium oder mehrere andere Medien kompensiert wird – und wenn ja, durch welche(s)? 2 Internet 2.1 Nutzungsmotive und Images Betrachtet man die Nutzungsmotive und Images für Radio und Zeitung der letzten anderthalb Dekaden, ist festzustellen, dass die zwei klassischen Massenmedien ebenfalls sinkende oder zumindest gleich bleibende Tendenzen aufweisen.92 Beide würden den Deutschen zudem heute weniger fehlen als sie es in den 2000er Jahren getan hätten.93 Auch Nutzungsdauer und Reichweite sind mittlerweile nicht mehr so hoch wie sie es 15 Jahre zuvor waren.94 Das gilt übrigens auch für die nicht-tagesaktuellen Medien Bücher, Zeitschriften, Musikdatenträger wie CDs oder MP3s. Nur audiovisuelle Datenträger wie DVDs oder Blu-rays erreichten im Jahr 2015 ähnlich viele Zuschauer wie im Jahr 2000 und wurden von ihnen auch annähernd gleich lange genutzt – wobei sie im unteren einstelligen Prozentbereich ohnehin kaum Relevanz besitzen.95 Das einzige Medium, das im neuen Jahrtausend in jeglicher Hinsicht massiv profitierte, ist das Internet. Es „erfüllt ein Bündel von Gratifikationsleistungen und Funktionen“96, stellte Schenk schon vor etlichen Jahren fest. Diese Aussage gilt heute umso mehr, wenn man sich die Umfragezahlen der Langzeitstudie Massenkommunikation bezüglich Nutzungsmotive und Images vor Augen führt.97 Zwar erhält das Netz nur in viererlei Hinsicht Zustimmungswerte von mindestens der Hälfte der Gesamtbevölkerung, nämlich was Modernität (71 Prozent), Vielseitigkeit (61 Prozent), Aktualität (53 Prozent) sowie Lockerheit (50 Prozent) angeht, wohingegen das Fernsehen diese Schwelle für jedes Image bei weitem übersteigt.98 Aber die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre offenbart eine rasante Positiventwicklung, was – wie zuvor ausgeführt – vom Fernsehen nicht behauptet werden kann. 92 Vgl. Krupp & Breunig 2016: 294 – 301, 310 – 317 93 Vgl. ebd.: 288 – 289 94 Vgl. ebd.: 274 – 275, 277 – 278 95 Vgl. ebd.: 276, 279 – 280 96 Schenk 2007: 728 97 Vgl. Abbildung 8 – 11 98 Vgl. Abbildung 10, 1 29 Außer dass die Deutschen das Internet bedeutend moderner, vielseitiger, aktueller und ungezwungener finden als noch im Jahr 2000, sprechen sie ihm zudem auf der einen Seite weit mehr Unterhaltsamkeit, auf der anderen Seite aber auch einen viel höheren Informationsgehalt zu. Die Menschen schätzen die Berichterstattung im Netz viel kritischer ein und sagen, die Online- Journalisten seien glaubwürdiger, sachlicher, kompetenter und anspruchsvoller als damals. Generell findet die Bevölkerung ab 14 Jahren das Medium ungemein sympathischer als noch zu Millennium-Zeiten.99 Die Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen betrachtet, stellt man fest, dass alle Eigenschaften des Internets an sich schon viel höhere Zustimmungswerte aufweisen als wenn man die älteren Generationen einbezieht. So liegt hier kaum ein Imagewert unter 60 Prozent. Und auch in der Langzeitanalyse kann Online mit teilweise enormen Zuwachsraten überzeugen. Fanden zum Start des neuen Jahrtausends etwa die Hälfte der Jungen das Massenmedium einerseits aktuell und informativ sowie andererseits locker und ungezwungen, sind es mittlerweile drei Viertel, die dem Internet diese Eigenschaften zuordnen. Der Sympathiewert ist um 26 Prozentpunkte gestiegen und in Bezug auf die Fragen nach Vielseitigkeit und besonders Modernität, nähert sich das Netz zunehmend der Vollzustimmung bei jungen Leuten. Hervorzuheben ist seine gesteigerte Popularität, was die kritische Berichterstattung und den Unterhaltungsfaktor angeht. Ersteres ist mit heute 63 Prozent ganze 40 Prozentpunkte mehr als noch anderthalb Jahrzehnte davor. Unterhalten fühlen sich mittlerweile fast drei Viertel der unter 30-Jährigen durch Online-Aktivitäten, im Jahr 2000 konnte das nur circa ein Viertel von sich behaupten. Konkret ist hier eine Erhöhung um sagenhafte 45 Prozentpunkte zu verzeichnen.100 Wie flexibel das Internet sowohl als Informations- aber auch als Unterhaltungsmedium verwendet wird, zeigt sich nicht nur in solchen Images, sondern auch anhand der Nutzungsmotive. Schließlich geben neun von zehn Personen an, online zu gehen, um sich zu informieren und mehr als vier von fünf, um nützliche Dinge für den Alltag zu erfahren – egal, ob die Gesamtbevölkerung oder nur die Jungen betrachtet. Dass der Spaß aber auch nicht zu kurz kommt, belegen drei Viertel der Probanden der Langzeitstudie Massenkommunikation, die zuletzt angaben, das Internet bereite ihnen Freude. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind es 87 Prozent.101 Für 45 Prozent ist es zur Gewohnheit geworden, online zu gehen. In Anbetracht der Tatsache, dass man gemeinhin noch vom „neuen Medium“ spricht, ist dies eine bemerkenswerte Zahl. Zur Jahrtausendwende war das Internet nämlich bei weitem nicht so alltäglich für die Deutschen. Damals ga- 99 Vgl. Abbildung 10 100 Vgl. Abbildung 11 101 Vgl. Abbildung 8, 9 30 ben nur 17 Prozent als Nutzungsmotiv „weil es aus Gewohnheit dazugehört“ an. Von den Leuten im Alter zwischen 14 und 29 Jahren erhält der Faktor Gewohnheit sogar 68 Prozent Zustimmung, was eine Steigerung um ganze 43 Prozentpunkte ausmacht. Das ist dadurch zu erklären, dass die Jungen aus der aktuellsten Befragung mit dem Internet eher aufgewachsen sind als diejenigen, die zur Erhebung im Jahr 2000 noch Teenager beziehungsweise junge Erwachsene waren, als sich das Internet noch in seiner Anfangsphase der gesellschaftlichen Etablierung befand. Dazu passend fühlen sich Leute, die heute jung sind, stark an das Medium gebunden. 65 Prozent würden es vermissen, das sind erstens satte 48 Prozentpunkte mehr als im Jahr 2000 und zweitens viel stärker als den unter 30-Jährigen das Fernsehen fehlen würde (36 Prozent). Was die Gesamtbevölkerung anbelangt, liegt der Grad des Internetvermissens bei 40 Prozent. Das macht ebenfalls einen bemerkenswerten Sprung nach oben aus, nämlich um 32 Prozentpunkte von ursprünglich mageren acht Prozent. Zwar liegen die 40 Prozent noch unter den 45 Prozent, denen es fehlen würde, fernsehen schauen zu können, wäre dies durch technische Umstände oder einen Streik nicht mehr verfügbar. Doch wenn sich der Abwärtstrend des Fernsehens weiter fortsetzt beziehungsweise die Aufwärtstendenz des World Wide Webs anhält, ist es nur noch eine Frage von – vermutlich relativ kurzer – Zeit, bis das alte Medium entbehrlicher ist als das neue.102 Neben der Gewohnheit sticht zudem heraus, wie stark der Entspannungsfaktor und das Gefühl des Sich-nicht-allein-Fühlens angewachsen sind. Im Gegensatz zum Jahr 2005 gingen zehn Jahre später acht Prozentpunkte der Leute mehr online, um sich zu entspannen. In der jungen Altersgruppe ist der Anstieg noch offensichtlicher, wenn man die Jahre 2015 und 2000 miteinander vergleicht: Damals sagten noch 33 Prozent der 14- bis 29-Jährigen, „weil ich dabei entspannen kann“, heute stimmen dem 54 Prozent zu, also 21 Prozentpunkte mehr. Doppelt so viele Menschen, sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch bei den unter 30-Jährigen, fühlen sich mittlerweile weniger allein, wenn sie im Internet sind, als das noch ein paar Jahre zuvor der Fall war.103 Dass im Laufe der Zeit aufgrund von technischen Entwicklungen und erweitertem Angebot immer mehr Videos im Netz abrufbar geworden sind und diese auch stark nachgefragt werden, ist eine Erklärung für den starken Anstieg dieser beiden Nutzungsmotive. Schließlich kann man sich beim Konsumieren von Videos entspannt zurücklehnen und die virtuelle Anwesenheit von Protagonisten lässt einen vermeintlich weniger einsam fühlen. In dem Zusammenhang ist auch noch einmal auf die massiv zugenommene Unter- 102 Vgl. Abbildung 12, 5 103 Vgl. Abbildung 8, 9 31 haltsamkeit des Internets hinzuweisen, an der Internetvideos maßgeblich beitragen dürften, dienen sie doch zu einem großen Teil Unterhaltungszwecken. Wie schon für das Fernsehen, stelle ich nun ebenso das Internet anbelangend die Frage, ob sich neben den zuvor geschriebenen Entwicklungen der Internethype auch konkret im Nutzungsverhalten der User widerspiegelt, das heißt, ob sie tatsächlich mehr online gehen. 2.2 Verbreitung Als die ARD/ZDF-Onlinestudie im Jahr 1997 das erste Mal die Internetnutzung erforschte, war das Medium für die Deutschen noch Neuland. Damals nutzen gerade einmal 6,5 Prozent der Bevölkerung das seinerzeit noch junge Medium zumindest selten.104 Das entspricht 4,1 Millionen Menschen, die ihre ersten Online-Begegnungen zumeist im beruflichen Kontext hatten, konkret in Form von E-Mails. Diese Internetaktivität transferierte rasch von der Berufswelt ins Privatleben. Viele legten sich persönliche Accounts an und die E- Mail avancierte zur notwendigen Voraussetzung für die Existenz im virtuellen Raum, wie es Anette Mende, Ekkehardt Oehmichen und Christian Schröter beschreiben. Für viele war sie ein Anlass, sich im eigenen Haushalt überhaupt erst einen Internetanschluss einzurichten und es damit zu veralltaglichen.105 Bis zum Jahrtausendwechsel stieg der Internetkonsum deshalb auch massiv an: Mehr als ein Viertel der Leute mit mindestens 14 Jahren Lebensalter ging immerhin selten online, also über 18 Millionen. Der Digital Divide zwischen Jung und Alt kommt hier erneut deutlich zum Vorschein, denn im Jahr 2000 surfte ungefähr die Hälfte aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Personen ab 60 hingegen gerade einmal zu 4,4 Prozent.106 Die mit den E-Mails gestartete netzbasierte Kommunikation, die seit eh und je ein starker Treiber für Internetkonsum ist, weitete sich in den beginnenden 2000er Jahren auf Gesprächsforen und Newsgroups aus.107 So stieg die Nutzung bis zum Jahr 2003 noch einmal enorm an und über die Hälfte der Gesamtbevölkerung gab an, ab und zu online zu gehen – wobei wieder ein gravierender Altersunterschied zu nennen ist: Mehr als neun von zehn 14- bis 19-Jährigen standen nur 13,3 Prozent gegenüber, die sich mit dem Begriff Silver Surfer schmücken konnten.108 104 Vgl. Abbildung 13 105 Vgl. Mende & Oehmichen & Schröter 2013: 39 – 40, 42 106 Vgl. Abbildung 13 107 Vgl. Mende & Oehmichen & Schröter 2013: 42 108 Vgl. Abbildung 13 32 Waren E-Mails einst die „Minimalvariante des sozialen Profils“109, boten gegen Ende der 2000er beziehungsweise zum Start der 2010er Jahre soziale Netzwerke, allen voran StudiVZ und etwas später Facebook, die Möglichkeit, sich weitgehender virtuell zu profilieren und mit anderen zu vernetzen. Auch diese Erweiterung kommunikativer Möglichkeiten fand viel Anklang, sodass es nicht verwundert, dass es von den Jahren 2006 bis 2009 sowie von 2009 bis 2012 noch einmal zu großen Steigerungen von erst 7,6 und dann 8,8 Prozentpunkten kam und bis dahin schon drei Viertel beziehungsweise 53,4 Millionen der ab 14-Jährigen das Internet nutzten. Einmal mehr prägt die digitale Alterskluft diesen Durchschnittswert eklatant: Im Jahr 2012 erreichte die Internetnutzung der Jungen erstmals 100 Prozent, während Menschen mit 60 Jahren oder älter nur zu 39,2 Prozent angaben, das World Wide Web überhaupt in Anspruch zu nehmen.110 In den drei Folgejahren vollzog sich das Wachstum deutlich langsamer, aber dennoch stetig. Aus drei Viertel wurden bis zum Jahr 2015 vier Fünftel der Gesamtbevölkerung zu Onlineusern, das waren um die 56 Millionen. Bei jungen Leuten war keine Steigerung mehr möglich, aber die ältere Generation holte auf. Immerhin die Hälfte der ab 60-Jährigen nutze das Internet gelegentlich. Im Gegensatz zu ihren (potenziellen) Enkelkindern war das zwar ein niedriges Niveau, aber im Vergleich zu den Vorjahren eine Erhöhung um jeweils mehrere Prozentpunkte.111 Seit Mitte der 2010er Jahre hat das Internet Hochkonjunktur. Im Jahr 2016 lag der Userwert – unabhängig von der Altersklasse – bei 83,8 Prozent und seit dem Jahr 2017 bei rund neun von zehn Deutschen. Das ergibt in der Summe weit über 60 Millionen. Auf alle, die weniger als 60 Jahre alt sind, treffen sogar weit mehr als 90 Prozent zu; nur wer ein höheres Alter hat, surft seltener, nämlich etwa zu drei Viertel.112 Es gibt zwei hauptsächliche Erklärungen dafür, dass die Zahlen neuerdings so hoch ausfallen: Erstens wird seit Kurzem in der ARD/ZDF-Onlinestudie die Internetnutzung anders erfasst: Die Probanden wurden nach 15 konkreten Onlineaktivitäten gefragt, die im Falle der tatsächlichen Anwendung automatisch als Internetnutzung gewertet wurden. Zuvor wurde nur pauschal abgefragt, ob das Internet genutzt wird. Die Studienmacher vermuten, dass viele Befragte von Messenger-Diensten, allen voran WhatsApp, Gebrauch machen, ohne dass ihnen bewusst ist, dass es sich dabei um eine Internetanwendung handelt. Weil sie nun aber direkt nach Messaging gefragt wurden und dem häufig zugestimmt haben, gebe es weit weniger Offliner als 109 Mende & Oehmichen & Schröter 2013.: 39 110 Vgl. Abbildung 13 111 Vgl. Abbildung 13 112 Vgl. ebd. 33 mit der herkömmlichen Untersuchungsmethode hätte nachgewiesen werden können.113 Das zeigt den weiterhin hohen Stellenwert, den kommunikative Dienste bei Onlinern haben. In der Liste der beliebtesten Tätigkeiten, die im World Wide Web unternommen werden, ist Individualkommunikation – geschehe diese nun durch Chatten, E-Mails Schreiben oder Instant-Messaging per WhatsApp – mit Abstand Spitzenreiter hinsichtlich Nutzungsdauer und Tagesreichweite.114 „Nach wie vor ist das bewegte Bild der attraktivste Inhalt der Medienwelt“, schrieb die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich in ihrem 19. Jahresbericht aus dem Jahr 2017.115 So wundert es nicht, dass neben kommunikativen Elementen auch Videos im Internet viel genutzt werden. Sie sind der zweite maßgebliche Grund für den genannten Wiederaufschwung der Onlinenutzung seit dem Jahr 2015, wie ich im vierten Teil dieser Arbeit darlegen werde. Zuvor ziehe ich ein kurzes Fazit über die bisherigen Ausführungen. 3 Zwischenfazit Als Schenk in der dritten Auflage seines bedeutsamen kommunikationswissenschaftlichen Werkes „Medienwirkungsforschung“ aus dem Jahr 2007 die Ergebnisse der Langzeitstudie Massenkommunikation von den Erhebungen der Jahre 2000 und 2005 interpretierte, kam er zu dem Schluss, das Fernsehen sei den übrigen Massenmedien überlegen. Er schrieb: „Das Fernsehen hat ein breites Medienimage und erfüllt im direkten Medienvergleich die unterschiedlichsten Nutzungsmotive der Rezipienten am besten“.116 In Anbetracht der für das Jahr 2015 geltenden Werte kann diese Aussage immer noch getroffen werden, jedoch nicht mehr so eindeutig wie damals, und auch nur in Bezug auf die Gesamtbevölkerung. Denn in der jungen Generation ist das Ansehen des Internets höher und die 14- bis 29-Jährigen fühlen sich auch meist mehr motiviert, online zu gehen, um ihre medienbezogenen Bedürfnisse zu befriedigen, als dass sie dafür den Fernseher einschalten. Auch wenn Schenk vor all den Jahren von einer Überlegenheit des Fernsehens schrieb, war er sich damals schon darüber bewusst, dass das Internet im Laufe der Zeit profitieren würde – was nun tatsächlich auch der Fall ist. Seine kollektive Penetration seit der Jahrtausendwende führe schließlich zu Lernerfahrungen, die sich mehr oder weniger automatisch positiv auf die Ein- 113 Vgl. Koch & Frees 2017: 435 114 Vgl. ebd.: 439 – 440, 442 115 die medienanstalten (KEK) 2017: 6 116 Schenk 2007: 717 34 stellung der Menschen gegenüber dem Medium auswirken müssten. Bei den traditionellen Medien sei das zu ihren jeweiligen Anfangszeiten ebenso gewesen, so Schenk.117 Dass ein neues Medium, also aktuell das Internet, das Potenzial hat, den gesellschaftlichen Stellenwert eines klassischen Mediums, sprich: des Fernsehens, sogar streitig machen kann, wie sich momentan ja tatsächlich andeutet, erkannten Frederick Williams, Amy Friedman Phillips und Patricia Lum schon im Jahr 1985. Damals, als der weltweite Siegeszug das World Wide Web noch lange nicht abzusehen war, schrieben sie in ihrem Aufsatz „Gratifications Associated with New Communication Technologies“ Zeilen, die sich heute als wahr gewordene Zukunftsprognose für das junge 21. Jahrhundert lesen lassen: “Certainly, the proliferation of new communication technologies may affect the structure of communication in society and make available a greater range of choice for satisfying communication needs. Previously identified uses may shift to new media from old ones, providing fresh insights into the relationship between media use and gratifications.”118 In dem Kontext betonen Williams, Phillips und Lum die Anwendbarkeit des Uses-and-Gratifications-Approachs auch auf neue Kommunikationstechnologien, heute eben verkörpert durch das Internet.119 Thomas Ruggiero meint, der Ansatz sei heute sogar aktueller denn je, weil: „As new technologies present people with more and more media choices, motivation and satisfaction become even more crucial components of audience analysis.”120 An einer anderen Stelle seines Textes über die “Uses and Gratifications Theory in the 21st Century” fügt er hinzu: “As new communication technologies rapidly materialize, the range of possible topics for U&G research also multiplies.”121 Auch Cornelia Jers bezeichnet die Theorie als “besonders gut geeignet, um neue Kommunikationstechnologien aus der Perspektive des Nutzers zu erforschen.“122 Der Nutzen- und Belohnungsansatz erlebe mit dem Internet sogar eine neue Hochphase, vor allem in der Zeit des Web 2.0, in der die aktive Haltung des Rezipienten umso mehr im Vordergrund stehe.123 117 Vgl. ebd.: 728 118 Williams & Phillips & Lum 1985: 241 119 Vgl. ebd. 120 Ruggiero 2000: 14 121 Ebd.: 28 122 Jers 2012: 88 123 Vgl. ebd.: 88, 97

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Zusammenfassung

ragt man (junge) Menschen nach ihrem Videokonsum, scheinen sich alle über eines einig zu sein: Streaming ist in, Fernsehen dagegen out. Während Netflix und Amazon Prime Abermillionen Abonnenten haben und YouTube-Clips milliardenfach geklickt werden, laufen den TV-Sendern scheinbar die Zuschauer davon. Früher ließ sich die Couchpotato berieseln und saß pünktlich zur Primetime vor der Flimmerkiste, um – oft in geselliger Runde – mittelklassige Shows oder Krimis zu schauen. Heutzutage stellt sich der moderne Internetnutzer sein Programm selbst zusammen und bingewatcht lieber die brandneue Staffel der aktuellen Lieblingsserie. Zeit, Ort und Gerät spielen dabei offenbar keine Rolle mehr.

Um den Anschluss nicht zu verlieren, investieren öffentlich-rechtliche und private Fernsehkanäle viel Geld und Mühe in den Ausbau ihrer Videocenter. Dieses Buch untersucht, ob die Internetableger von ARD, RTL, ZDF, ProSieben & Co. mit dem Trend zum Video-on-Demand mithalten können und ob sie das lineare Fernsehen verdrängen.