Content

Einleitung in:

Boris Hogenmüller

Melchioris Cani Vindicationes, page 1 - 12

Einleitung, Text und Übersetzung

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4281-6, ISBN online: 978-3-8288-7248-6, https://doi.org/10.5771/9783828872486-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Die 1563 in Salamanca postum1 erschienene Schrift De locis theologicis des Dominikanertheologen Melchior Cano (1506/09–1560) stellt aufgrund ihrer speziellen Thematik ein zentrales Werk der modernen systematischen Theologie dar.2 Das bis heute nicht enden wollende Interesse3 an Canos Schaffen zeigte sich bereits früh, wofür die zahlreichen Nachdrucke des 16. Jahrhunderts ein lebendiges Zeugnis abgeben. Allein in den Jahren zwischen 1563 und 1585 sind insgesamt sechs Editionen zu verzeichnen: Salamanca 1563, Löwen 1564, Venedig 1567, erneut Löwen 1569 und Köln 1574 wie auch 1585.4 Mit Beginn des 17. Jahrhunderts lassen sich darüber hinaus weitere 25 Ausgaben belegen, in denen neben De locis theologicis Canos bereits 1550 in Salamanca publizierten Relectiones5 enthalten sind6: Köln 1605, Paris 1662, Köln 1678, Lyon 1704, Padua 1714, 1720, 1727 und 1734, Venedig 1739, Passau 1740 und 1746, Wien 1754, Venedig 1759, Madrid 1760, Padua 1762, Ma- 1 Die Erstausgabe erfolgte nach Canos Tod im Jahr 1563 in Salamanca auf Veranlassung des Großinquisitors von Spanien, Fernando de Valdés y Salas, dem der Dominikaner das unvollendete Werk übereignet und dediziert hatte, vgl. Belda Plans (2006) LXXXV–LXXXIX; Hogenmüller (2017). 2 Vgl. Körner (31994) Sp. 924–925. 3 Ich möchte an dieser Stelle auf die chronologische Aufzählung der zahlreichen Studien, die in den vergangenen 200 Jahren erschienen sind, verzichten und auf das letzte Kapitel dieses Buches verweisen. Dort ist unter der Rubrik „Weiterführende Literatur“ eine annähernd vollständige Auflistung der wichtigsten Publikationen zu finden. 4 Caballero (1871) 373–377; Belda Plans (2006) LXXXVI. 5 Neben De locis theologicis liegen veröffentlicht folgende Schriften vor: Relectio de sacramentis in genere und Relectio de sacramento poenitentiae (Salamanca 1550); Tradado de la Victoria de sí mismo (Valladolid 1550); Canos Voten auf dem Konzil von Trient in den Konzilsakten (1551) (= CT VII/1,124–127. 261–264. 387–390); Canos Gutachten für den Kaiser: Parecer de Fr. Melchor Cano sobre la guerra con el Papa Paulo IV (1556); La censura de Melchor Cano y Domingo de Cuevas al Catacismo y otros escritos de Carranza (1559); vgl. dazu auch Lang (1925) 7; Belda Plans (1982) 27; Körner (1994) 71–75. 6 Caballero (1871) 373–377; Gutiérrez (1951) 829. 831; Belda Plans (2006) LXXXVI. 1 drid 1764 und 1770, Passau 1776, Madrid 1776, 1780, 1785, 1791 und 1792, Rom 1890 und 1900.7 Neben durchaus positiven Äußerungen hinsichtlich der Konzeption und Auswahl der loci wurden im Laufe des ausgehenden 16. und 17. Jahrhunderts die Stimmen der Kritiker immer lauter und zahlreicher – insbesondere von jesuitischer Seite, deren erklärter und unversöhnlicher Gegner der Spanier Zeit seines Lebens geblieben war8 –, die verschiedene Stellen innerhalb der loci monierten, anprangerten, kritisierten und bisweilen sogar als anstößig verurteilten. In dieser durchaus hitzig geführten Diskussion erschien 1714 in Padua eine neue Ausgabe der von Cano verfassten Schriften, die von dem französischen Dominikanertheologen François-Jacques-Hyazinth Serry (1658–1738) besorgt und ergänzt worden war. Darin wurde erstmals vor Canos eigenen Schriften ein umfangreicher, 14 Kapitel umfassender Prolog angeführt, dessen Zusammenstellung alle späteren Herausgeber Canos Ordensbruder Serry selbst zugeschrieben haben.9 Ziel dieses Vorworts war es, die verschiedenen theologisch-literarischen Vorwürfe und Kritikpunkte, die im Laufe der knapp 150 Jahre nach Erscheinen der Editio princeps an Canos Hauptwerk aufgekommen und geäußert worden waren, zu sammeln und im Einzelnen zu widerlegen. In die Geschichte eingegangen ist der Prolog unter dem Titel Melchioris Cani Vindicationes, Quibus nonnullorum in ejus libros de locis Theologicis accusationes refelluntur. Unter dem Begriff der Vindicatio ist im 16. Jahrhundert grundsätzlich eine „Rechtfertigung“ gegenüber bzw. „Widerlegung“ von negativer Kritik (querela, querimonia, censura) bzw. Anklagen (accusationes, criminationes) zu verstehen. Ihrem Anschein nach besitzt die Vindicatio gerichtliche Präsenz, hauptsächliche Verwendung jedoch findet sie im literarischen Kontext, wofür verschiedene ähnlich lautende Werke als Zeugen stehen (u. a. aus dem Jahr 1523 die Responsio ad convicia Martini Lutheri des Sir Thomas More, die den Untertitel Vindicatio Henrici Octavi trägt). Ähnliche Absicht verfolgten auch 7 Die letzte in Madrid 2006 erschienen und von Juan Belda Plans besorgte spanische Ausgabe der loci bietet neben einer spanischen Übersetzung auch den lateinischen Text, der auf der Homepage der „Bibliotheca De Autores Christianos“ (BAC) eingesehen werden kann (www.bac-editorial.com). Dieser jedoch orientiert sich entgegen der Behauptung nicht an der Editio princeps des Jahres 1563. 8 Vgl. Hogenmüller: Jesuiten (2013) 389–396. 9 Fermín Caballero gibt explizit zu verstehen [(1871) 375], dass Serrys Ausführungen in den Vindicationes erstmals in der 1720 in Padua erschienenen Ausgabe zu verzeichnen sind. Dem ist entgegenzuhalten, dass bereits in der früheren Ausgabe von 1714 die Vindicationes Teil der Edition waren [so auch Belda Plans (2006) LXXX- VI]. Caballeros Angabe ist somit falsch. Einleitung 2 die im Jahr 1601 erschienenen Schriften des Heidelberger Theologen David Pareus [Wängler] (Calvinus orthodoxus, sive vindicatio Calvini de Trinitate et Divinitate Christi) und des Johannes Piscator [Fischer] (Appendix ad Analysis Matthaei. Vindicatio a falsa expositione Roberti Bellarmini). Im Jahr 1649 ver- öffentlichte Kardinal Pietro Sforza Pallavicino gegen die Vorwürfe des Julius Clemens Scotti eine Verteidigung der Jesuiten, deren Titel Vindicationes Societatis Jesu, quibus multorum accusationes in eius institutum, leges, gymnasia, mores refelluntur lautet. Ebenso ist eine Schrift von Johann Amos Comenius aus dem Jahr 1659 bekannt, die Vindicatio famae et conscientiae überschrieben ist und eine Schutzschrift gegen an Comenius gerichtete Vorwürfe darstellt. In Serrys Konzeption sind die Vindicationes somit schriftliche Rechtfertigungen gegen Kritikpunkte, die im Vorfeld ebenso schriftlich vorgebracht worden sind. Der innere Aufbau der einzelnen Vindicationes als solcher folgt einer erkennbaren, von Serry konzipierten Systematik. Nach der grundlegenden Analyse des Sachverhalts und der Identifikation der kritisierten Textstellen in den loci werden, den Regeln der argumentatio folgend, neben theologischen Argumentem gerade auch zahlreiche historische Belegstellen als Zeugen einer positiven Sichtweise auf die kritisierte Passage angeführt. Entnommen sind diese den Werken angesehner Historiker, Theologen wie auch den Dekreten und Verlautbarungen verschiedener kirchlicher Institutionen, die entweder ähnliche Ansichten wie Cano vertraten, den spanischen Dominikaner in der jeweiligen Kontroverse bestätigten oder sogar verteidigten. Den Abschluss jeder Vindicatio bildet im Anschluss daran in Form einer conclusio die endgültige Widerlegung des ursprünglichen Kritikpunktes. Nicht selten sind darin auch Serrys eigene Gedanken zu finden, mit deren Hilfe er den gegenüber Cano ge- äußerten Vorwurf schließlich als widerlegt beurteilt. In der Wahrnehmung der modernen Forschung zur Kirchengeschichte erscheinen die Vindicationes als interessantes, doch zu selten beachtetes literarisches Produkt. Sie gelten gleichsam als Beleg wie auch lebendiges Zeugnis einer sich um die Diskussion der theologischen Orte erhebenden wissenschaftlichen Diskussion des ausgehenden 16. und insbesondere 17. Jahrhunderts, die insbesondere Melchior Canos stringente und durchaus abgrenzende Auffassung theologischer Fragestellungen widerspiegelt. Einleitung 3 1. Der Autor der Vindicationes – François-Jacques-Hyacinthe Serry OP (1658–1738) Geboren wurde François-Jacques-Hyacinthe Serry am 04. April 165810 im französischen Toulon als Sohn eines Marinearztes. Mit etwa 15 Jahren – wahrscheinlich im Jahr 1673 – trat Serry in den Dominikanerorden in Marseille ein, dem sein Onkel, Tommaso Serry, angehörte. Auf Weisung des Ordens begab sich Serry recht bald nach Paris, um dort seine zuvor begonnenen Studien in Philosophie und Theologie fortzusetzen und abzuschließen. In Paris wurde der junge Dominikaner Schüler von Noël Alexandre, der in der Theologie vor allem aufgrund seines kirchengeschichtlichen Werks von Bedeutung war. Der Eindruck, den der große Gelehrte auf den jungen Franzosen hinterlassen hatte, dürfte wohl der Auslöser dafür gewesen sein, dass Antoine Cloche, Ordensmeister der Dominikaner (1686 – 1720), Serry später für einen moderaten Anhänger der gallikanischen Bewegung erachtete. Mit 31 Jahren verließ Serry im Jahr 1690 Paris und begab sich nach Rom, wo er unter Kardinal Paluzzo Paluzzi Altieri degli Albertoni als Theologe und Konsultor der Indexkongregation fungierte. Im Jahr 1696 kehrte Serry nach Frankreich zurück und wurde im folgenden Jahr 1697 an der Sorbonne zum Doktor der Theologie promoviert. In dasselbe Jahr fällt auch die Berufung als Professor der Theologie an die Universität Padua, deren berühmten Lehrstuhl er bis zu seinem Tod am 12. März 1738 innehatte. Einen Ruf an die Casanata in Rom 1702 hatte Serry abgelehnt. Zu den unbestrittenen Hauptwerken gehört die in Löwen im Jahr 1700 zunächst vierbändig erschienene Historia congregationum de auxiliis divinae gratiae, die Serry unter dem Pseudonym Augustin Le Blanc verfasst hat. Die Veröffentlichung rief in der Folge vielfache Reaktionen insbesondere von jesuitischer Seite hervor, auf die Serry zunächst einzeln antwortete11. Die Nachhaltigkeit und Hartnäckigkeit12 der Kritiker jedoch führten letztendlich dazu, dass Serry sich veranlasst sah, im Jahr 1709 eine zweite, auf die endgültige An- 10 Das Geburtsdatum ist nicht gesichert. Ebenso möglich erscheint auch das Jahr 1659 vgl. dazu u. a. Tenge-Wolf (32000) Sp. 490; Hogenmüller (2012) 83–85 und (2017) 332–333. 11 Auf die bis 1702 von jesuitischer Seite anonym erschienenen Schriften Questions importantes und Errata de l’ Histoire des congrégations De auxiliis antwortete Serry mit den Opuscula L’ Histoire des congrégations De auxiliis justifiée 1702 und Le correcteur corrigé 1704. 12 Als bekannteste Schrift gegen Serrys Historia congregationum erschien im Jahr 1707 in Antwerpen die unter dem Pseudonym Theodorus Eleutherius verfassten Historiae controversiarum de divinae gratiae auxiliis des Jesuiten Livinus de Mayer. Einleitung 4 zahl von fünf Bänden erweiterte Ausgabe zu edieren. Der vollständige Titel lautete nun Historia congregationum de auxiliis divinae gratiae sub summis pontificibus Clemente VIII et Paulo V in quatuor libros distributa et sub ascititio nomine Augustini Le Blanc Lovanii primum publicata: nunc autem magna rerum accessione aucta; insertisque passim pro re nata, adversus nuperos oppugnatores, vindicationibusque, asserta, defensa, illustrata. Cui praeterea accedit liber quintus, superiorum librorum Apologeticus, adversus Theodori Eleutherii eodem de argumento Pseudo-Historiam, Auctore et defensore F. Jacobo Hyacintho Serry ord. Praed. doctore Sorbonico, et in Serenissiumae Reipublicae Venetae Academia Patavina theologo primario.13 Zuvor hatte er in Rom im Jahr 1692 begonnen, die Werke seines spanischen Ordensbruders Melchior Cano (1506/09 – 1563) herauszugeben. Insbesondere dessen Hauptschrift De locis theologicis hatte aufgrund ihrer offenen Polemik gegenüber der Societas Jesu harsche Kritik von jesuitischer Seite hervorgerufen. Diese Angriffe abzuwehren und zu entkräften, sah sich Serry nun seinerseits bei der Edition der Werke seines Vorgängers gezwungen. 13 Neben einem kleineren auf Latein erschienenen Traktat D. Augustinus summus praedestinationis et gratiae doctor a calumnia vindicatus, das sich gegen das von Jean de Launoy verfasste und 1702 postum erschienene Buch Véritable tradition del' Eglise sur la Prédestination et la grâce richtete, sind folgende Werke zu nennen, in denen Serry hauptsächlich jesuitische Ansichten angegriffen hat: Schola Thomistica Vindicata seu Gabrielis Danielis S.J. Tractatus theologicus adversus gratiam se ipsa efficiacem, censoriis animadversionibus confutatus, Köln 1706, Vrai sentiment des jésuites touchant le péché philosophique, Löwen 1711, Divus Augustinus divo Thomae conciliatus, Padua 1724, Monachatus D. Thomae Aquinatis apud Cassinenses antequam ad domenicanum praedicatorum ordinem se transferret historica dissertatio, Lyon 1724, und Ambrosii Catharini vindiciae de necesaria in perficiendis sacramentis intentione, Padua 1727. Daneben sind die Exercitationes Historicae, Criticae, Polemicae de Christo, eiusque Virgine Matre, Venedig 1719, indiziert am 11. März 1722, wie auch das enkomiastische Gedicht auf Noël Alexandre Carmen eucharisticum in laudem R. P. Natalis Alexandri magistri sui erschienen. Im Zuge der Diskussion der Bulle Unigenitus Dei filius (1713) verfasste der französische Theologe die beiden indizierten Schriften Theologia supplex coram Clementem XII Pontifice Maximo Clementinae Constitutionis „Unigenitus Dei Filius“ explicationem atque intelligentiam rogans, Köln 1726, die am 14. Januar 1737 auf den Index gesetzt wurde, und De Romano pontifice in ferendo de fide moribusque judicio falli et fallere nescio eodemque conciliis oecumenicis auctoritate potestate jurisdictione superiori: dissertatio duplex, Padua 1732, indiziert 1733. Erst nach seinem Tod im Jahr 1738 sind Praelectiones theologicae-dogmaticae-polemicae-scholasticae habitae in celeberrima Patavina Academia, Padua 1742, in fünf Bänden erschienen; diese enthalten eine große Anzahl von Disputationen zu verschiedenen theologischen Problemstellungen, über die Serry während seiner Zeit an der Universität zu Padua gelesen hatte. 1. Der Autor der Vindicationes – François-Jacques-Hyacinthe Serry OP (1658–1738) 5 Nach jahrelanger gründlicher Ausarbeitung erschien dementsprechend in der 1714 in Padua veröffentlichten Ausgabe der Opera omnia Melchioris Cani erstmals ein ausführlicher, 14 Kapitel umfassender Prolog, der auf die Hauptvorwürfe (accusationes) von Canos Gegnern antworten wollte. 2. Der Beklagte – Melchior Cano OP (1506/09–1560) Melchior bzw. Melchor Cano wurde am 6. Januar 150914 (oder 1506)15 in Tarancón in der Diözese Cuenca oder in Pastrana in der Provinz Guadalajara16 als Sohn des Juristen Fernando Cano und dessen Frau Maria Delgado del Valle17 geboren. Im August des Jahres 1524 trat er mit 15 Jahren in den Dominikanerorden ein und begann im Jahr 1527 das Studium der Theologie und Philosophie in Salamanca und Valladolid unter Diego de Astudillo und Francisco de Vitoria. Letzterem folgte er 1546 als Professor für Theologie in Salamanca nach. Cano lehrte zunächst ab 1533 im Konvent San Gregorio in Valladolid Philosophie, ab 1536 dort auch Theologie. 1542 wurde er zum Professor für Philosophie an die Universität Alcalá de Henares berufen. In den Studienjahren 1546/47 und 1547/48 las er über das Vierte Sentenzenbuch des Petrus Lombardus, woraus die beiden Relectiones (de sacramentis in genere, 1548; de sacramento poenitentiae, 1549) hervorgegangen sind. Auf Veranlassung Kaiser Karls V. wurde der Dominikaner am 30. Dezember 1550 als Konzilsberater nominiert18 und nahm am zweiten Teil des Konzils von Trient (1551/52) teil. In den Beratungen über die Eucharistie, die Buße und zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe meldete er sich zu Wort, wie aus den Erwähnungen 14 Vgl. zur Diskussion des Geburtsortes Pérez Ramírez (1984) 95–128; zur Diskussion des Geburtsjahres Caballero (1871) 183–189; dazu Belda Plans (2006) XXXIII; ders. (2013) 2. 15 Juan Belda Plans gab sein Buch zu Canos 500. Geburtstag heraus, spricht jedoch von seinem Tod im Alter von knapp 52 Jahren [Belda Plans (2006) LXIV und (2013) 33]. 16 Vgl. Lang (1925) 2. Dem gegenüber tritt Juan Sanz y Sanz (1959) dafür ein, dass Cano in Pastrana, wo dessen Vater ab 1510 als Jurist tätig war, geboren ist. Dieses Datum scheint allerdings aufgrund einer Verwechslung falsch zu sein, vgl. Körner (1994) 71 Anm. 6. 17 Vgl. Caballero (1871) 43. 18 Die Gründe dafür liegen wohl in Canos Arbeiten über die Sakramente (1546/1547: Relectio de sacramentis in genere; 1547/1548: Relectio de sacramento poenitentiae), denen die nachfolgenden Sessionen des Konzils gelten sollten, vgl. Körner (1994) 72. Einleitung 6 in den Konzilsakten hervorgeht.19 Nach der Rückkehr vom Tridentinum wurde Cano von Papst Julius III. zum Bischof der Kanarischen Inseln ernannt (1553). Cano wies dieses Amt jedoch zurück, verzichtete in der Folge sowohl auf das Bistum als auch auf seine Professur in Salamanca (1553/54) und zog sich in den Konvent Piedrafita bei Avila zurück. 1554 wurde er Rektor des San Gregorio-Kollegs in Valladolid und 1557 Prior von St. Esteban in Salamanca. Seine ebenfalls in dieses Jahr fallende Wahl zum Ordensprovinzial wurde nicht durch den Papst bestätigt. Im Jahr zuvor (1556) war Cano nach Rom berufen worden – wohl auffgrund einiger Äußerungen, die das Missfallen Papst Paul IV. hervorgerufen hatten. Cano jedoch verzögerte die Abreise und besuchte Rom erst im Jahr 1560, nachdem Pius IV. Papst geworden war. Freigesprochen von allen Vorwürfen, erhielt Cano im gleichen Jahr nach seiner erneuten Wahl zum Ordensprovinzial die endgültige päpstliche Bestätigung. Unrühmlich ist Canos Auftreten am 21. Mai 1559 während der Vollstreckung des Urteils der Spanischen Inquisition (Autodafé) in Valladolid, in dessen Rahmen er die Predigt gehalten hat.20 Am 30. September21 1560 verstarb Melchior Cano überraschend im Alter von 51 Jahren im Kolleg Petrus Martyr in Toledo.22 Weder die genaue Ursache seines Todes noch sein Grab sind bekannt. 3. Der Gegenstand der Kritik – De locis theologicis, Salamanca 1563 Als Canos Hauptwerk gilt – in der modernen Forschung unangefochten – die zwölf Bücher umfassende Schrift De locis theologicis. Die Editio princeps erschien 1563 postum, herausgegeben von Matías Gastio, in Salamanca. In den heute bekannten zwölf Büchern – Cano selbst plante die Abfassung von 14 Büchern, sein plötzlicher Tod verhinderte jedoch die Vollendung – wurde erstmals in der Geschichte der Theologie der Versuch unternommen, aus dem reichen Fundus der Orte (loci) diejenigen auszuwählen, die der 19 Vgl. Körner (1994) 72: „In der 13. Session meldet er sich am 9. September 1551 zum Sakrament der Eucharistie zu Wort, in der 14. Session am 24. Oktober 1551 zum Bußsakrament und in der 15. Session am 9. Dezember 1551 zur Frage des Opfercharakters der Heiligen Messe […].“ 20 Vgl. dazu Townsend (1846) 453–458. 21 Nach einer Angabe in der 14. Vindicatio in der Ausgabe von H. Serry (Padua 1714) starb Cano am 6. November 1560. 22 Zum Todesort vgl. Caballero (1871) 43. Vgl. zu Canos Biographie die ausführliche Darstellung bei Lang (1925) 2–12; Körner (1994) 71–73; Belda Plans (2013) 2–33; Doskey (2018) 14–51. 3. Der Gegenstand der Kritik – De locis theologicis, Salamanca 1563 7 Theologie eigen sind, und ihrer inneren Stärke und Bedeutung im Hinblick auf die Disputation anzuordnen. Den Prinzipien Rudolph Agricolas folgend und gleichzeitig auf theologische Fragen anwendend, legte Cano zehn „Orte der Theologie“ fest, die ihrer Rangfolge nach geordnet, in den nachfolgenden Büchern behandelt werden. Aus der Definition der argumentativen Kraft (vis) des diskutierten Ortes soll schließlich bestimmt werden, aus welchem Ort argumenta certa bzw. lediglich argumenta probabilia entnommen werden können. Canos Auswahl nach gibt es sieben der Theologie eigene (proprii loci) und drei weitere, ‚fremde‘ (alieni loci) Orte, die, obwohl sie der Theologie nicht zu eigen sind, der Theologe ebenfalls einzusehen hat: die Philosophie, die Autorität der Naturphilosophen – damit sind die alten heidnischen Philosophen wie Plato und Aristoteles gemeint – und die Autorität der Profangeschichte. Obgleich es sich um ‚fremde‘ Orte (loci alieni) handelt, enthalten auch sie zuverlässige (argumenta certa) oder zumindest wahrscheinliche Argumente (argumenta probabilia), weshalb ihnen Autorität in der theologischen Diskussion zugesprochen werden muss. Folglich ist der Theologe dazu angehalten, beide Quellen (fontes) von Argumenten zu verwenden, um in jeder Diskussion in Sachen des Glaubens (res fidei) Erfolg zu haben. Um die Praktikabilität seiner Methode zu beweisen, gibt Cano im Anschluss an die ersten elf Bücher im XII. Buch (De locorum usu in Scholastica Disputatione) drei verschiedene konkrete Anwendungsbeispiele, von denen das letzte besonders hervorsteht. Darin nämlich wird der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele (De immortalitate animae) nachgegangen, bei deren Beantwortung nach Canos eigener Aussage in der Diskussion beide Arten von Argumenten verwendet werden müssten, würden doch zur endgültigen Widerlegung des Gegners sowohl argumenta propria als auch argumenta aliena benötigt werden. Canos neues Theologieverständnis beeinflusste die sich etablierende systematische Theologie in den nachfolgenden Jahrhunderten maßgeblich und regte gerade im 17. und 18. Jahrhundert immer wieder namhafte Theologen – Gaspard Juénin, Girolamo Buzi, Johann Opstraet und Benedict Stattler – dazu an, weitere, sich in Anordnung und Gewichtung abgrenzende Traktate über die „Orte der Theologie“ zu verfassen. 4. Die Gliederung der Vindicationes Die Vindicationes untergliedern sich in insgesamt 14 Einzelkapitel. Das erste Kapitel behandelt im Gegensatz zu den anderen jedoch keine Anschuldigun- Einleitung 8 gen (accusationes), die gegen einzelne Passagen vorgebracht worden sind, sondern besteht aus insgesamt 17 positiven Stellungnahmen namhafter Theologen und Historiker über Cano und dessen Werk. Darunter finden sich neben Dominikanern – Domingo Báñez und Serafino Razzi – interessanterweise auch berühmte Theologen wie Kardinal Sforza Pallavicino und Antonio Possevino aus dem Jesuitenorden (Caput Primum. Egregia virorum illustrium de Melchiore Cano testimonia). Die weiteren, daran anschließenden 13 Kapitel hingegen thematisieren in extenso jeweils einen einzelnen, von Canos Gegnern angeführten Kritikpunkt, indem die monierte Passage in den loci zunächst identifiziert und deren richtiges Verständnis erklärt wird, so dass die Anschuldigung letztlich als nichtig beurteilt werden kann. Um an dieser Stelle einen Überblick über die accusationes der Einzelkapitel zu gewähren, seien die geäußerten Anschuldigungen kurz umrissen: Der erste zu widerlegende Kritikpunkt im zweiten Kapitel betrifft den Vorwurf, Cano habe sowohl Gregor den Großen und seine Aussagen in den Dialogi als auch Beda Venerabilis in der Angelorum historia angegriffen (Diluitur prima in Melchiorem Canum accusatio, de laeso Gregorio Magno in Dialogis, et Venerabili Beda in Anglorum Historia). Im dritten Kapitel widerlegt Serry den Vorwurf, Cano habe Gregor erneut in dessen 31. Brief kritisiert (Altera Criminatio refellitur, de eodem Gregorio laeso in Epistola 31). Kapitel IV setzt sich mit Canos vermeintlicher Kritik an Thomas von Aquin, den Doctor Angelicus, (Tertia de laeso Doctore Angelico accusatio depellitur) auseinander, woran sich in Kapitel V die Rechtfertigung gegenüber der Klage anschließt, Cano habe dem heiligen Hieronymus widersprochen (De oppugnato Divo Hieronymo querela refutatur). Die Anschuldigung, Cano sei bei der Verwendung der Akten der Sechsten Synode leichtfertig gewesen, wird in Kapitel VI entkräftet (De actis sextae Synodi oecumenicae oscitanter lectis, ac temere usurpatis querimoniae diluunter). Canos Äußerungen über den Spender des Ehesakraments, die zu einiger Kritik geführt haben, werden im Anschluss in Kapitel VII sehr ausführlich relativiert (Cani sententia de Sacramenti Matrimonii administro ab aemulorum censuris eximitur). Kapitel VIII wiederum rechtfertigt die Meinung des Spaniers hinsichtlich Christi Trauer während der Passion (Pia Melchioris Cani sententia De Christi Domini tristitia in passione, a reprehensorum morsibus vindicatur). 4. Die Gliederung der Vindicationes 9 Der Nachweis gerechten Verhaltens gegenüber dem Protomärtyrer Stephanus ist Thema des neunten Kapitels (Melchior Canus Divo Stephano Protomartyri nequaquam injurius ostenditur). Kapitel X setzt sich mit den Vorwürfen auseinander, Cano habe die Bezeichnung Societas Iesu kritisiert (Accusatio de vellicato nomine Societatis Jesu depellitur), und widerlegt sie. Im elften Kapitel konkretisiert Serry, welche Art von Unfehlbarkeit des päpstlichen Urteils Cano bei der Anerkennung religiöser Institutionen bestritten hat (Judicii Pontificii in Religiosis institutis approbandis indeficientia, qualis a Melchiore Cano negata sit, explicatur). Die aufgekommene Klage über Canos leichtfertige Herabsetzung des heiligen Augustinus hinsichtlich der Unsterblichkeit und des Ursprungs der Seelen wird in Kapitel XII zunächst dargestellt und anschließend zurückgewiesen (De S. Augustino temere depresso, circa immortalitatem, et originem animarum, querela repellitur). Im vorletzten Kapitel werden Canos vermeintlich ungerechte Äußerungen gegenüber den Päpsten Pius II. und Sixtus IV. näher betrachtet (De Commissis invicem Romanis Pontificibus Pio II. et Sixto IV.), während in Kapitel XIV seine vermeintliche Kritik an jenen Päpsten widerlegt wird, denen er Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit bei der Einschränkung von Heiligengeschichten vorgeworfen habe (De objecta Pontificibus negligentia, et oscitantia in castigandis Divorum historiis). 5. Text und Übersetzung Die Grundlage des lateinischen Textes und auch der vorliegenden Übersetzung ist die Ausgabe der Melchioris Cani Opera, Padua 1714, in der erstmals das einleitende Kapitel der Melchioris Cani Vindicationes, quibus nonnullorum in ejus libros de locis Theologicis accusationes refelluntur abgedruckt wurde. Das Druckbild, die Orthographie und Interpunktion der ursprünglichen Ausgabe wurden bewußt weitgehend beibehalten, Abkürzungen des lateinischen Textes sind in der deutschen Übersetzung zur Verbesserung der Lesbarkeit aufgelöst worden. Die Bezifferung der Stellenangaben wurde übernommen und bisweilen im deutschen Text korrigiert bzw. konkretisiert. Die Zeichensetzung der lateinischen Version entspricht dem ursprünglichen Text der Ausgabe Padua 1714. Sämtliche Zitate sind im lateinischen Text kursiv gedruckt. Im deutschen Text werden sie nach den einschlägigen Zitationsregeln kenntlich gemacht. Ebenfalls kursiv gedruckt sind die Titel der zitierten Werke im Übersetzungstext. Zur Vereinheitlichung wurden bewusst die lateinischen Einleitung 10 Titel beibehalten. Die latinisierten Personennamen des lateinischen Textes werden in der Übersetzung in der geläufigen deutschen Version widergegeben, biographisch-bibliographische Erläuterungen zu den genannten Personen sind im Index Nominum zu finden. 5. Text und Übersetzung 11

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die in Salamanca 1563 postum erschienene Schrift De locis theologicis des spanischen Dominikanertheologen Melchior Cano (1509–1560) stellt aufgrund ihrer speziellen Thematik ein zentrales, doch gleichzeitig auch umstrittenes Werk der modernen systematischen Theologie dar. Daher ist es kaum verwunderlich, dass im Laufe des ausgehenden 16. und 17. Jahrhunderts die Stimmen der Kritiker immer zahlreicher wurden, die verschiedene Stellen innerhalb der Loci als mitunter anstößig verurteilten.

In dieser durchaus hitzig geführten Diskussion erschien 1714 in Padua eine weitere Ausgabe der von Cano verfassten Schriften, die von dessen französischem Ordensbruder François-Jacques-Hyazinth Serry (1658–1738) erstellt und ergänzt worden war. Canos eigenen Schriften nämlich wurde in dieser Ausgabe ein umfangreicher, 14 Kapitel umfassender Prolog vorangestellt, dessen Konzeption Serry selbst zugschrieben werden muss. Ziel dieses Vorworts war es, die verschiedenen theologisch-literarischen Vorwürfe und Kritikpunkte zu widerlegen. In die Geschichte eingegangen sind die Rechtfertigungen unter dem Titel Melchioris Cani Vindicationes, Quibus nonnullorum in ejus libros de locis Theologicis accusationes refelluntur.

Die vorliegende Ausgabe bietet erstmals neben einer Einleitung in die Thematik der Vindicationes und der Neuedition des lateinischen Textes, orientiert an der Ausgabe Padua 1714, eine moderne deutsche Übersetzung mit literarischen Erläuterungen zu den im Text angeführten Quelltexten.