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2 Thematische und theoretische Grundlagen in:

Reinhard Fischer

Mit Werten wirtschaften, page 9 - 84

Praxismodell Gemeinwohlökonomie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4310-3, ISBN online: 978-3-8288-7246-2, https://doi.org/10.5771/9783828872462-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Wirtschaftswissenschaften, vol. 89

Tectum, Baden-Baden
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Thematische und theoretische Grundlagen Begriffsverständnis – Definitionen Gemeinwohl und Gemeinwohlökonomie Gemeinwohl stellt auf das ab, was der Allgemeinheit dient im Gegensatz zu den individualistischen Interessen, die auf das Wohl des Einzelnen abzielen. Die folgenden Aussagen sollen eine Annäherung an den nicht scharf abgegrenzten Begriff des Gemeinwohls ermöglichen. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin formulierte bereits im 13. Jahrhundert: „Bonum commune est melior quam bonum unius“. Das Wohl der Gemeinschaft ist mehr wert als das Wohl des Einzelnen. Seither zieht sich der Gemeinwohlbegriff als Leitwert durch die christliche Soziallehre (Felber, 2014, 39). In Artikel 14 des deutschen Grundgesetzes heißt es zum (All-)gemeinwohl: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. (Bundestag, 1949). In der bayerischen Verfassung heißt es noch allgemeiner: Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl (Bayerische Staatsverfassung, 1998). Auf der Webpage des Vereins für Gemeinwohlökonomie sind weitere Beispiele für die Verankerung des Begriffes in den grundlegenden Rechtsnormen und Verfassungen einzelner Staaten angeführt: So nehmen einzelne Artikel in den Verfassungen von Italien, Spanien oder Kolumbien auf den Begriff des (All-)gemeinwohles Bezug. In außereuropäischen Kulturen sind die dem Gemeinwohl äquivalenten Konzepte das „Buen Vivir“ Lateinamerikas, das „Ubuntu“ Afrikas oder das „Dharma“ im Buddhismus (Verein für Gemeinwohlökonomie, 2017). Christian Felber umreißt die Kernelemente des Gemeinwohls mit einer ökologischeren und nachhaltigeren Wirtschaftsform als heute; mit mehr Regionalität, Subsidiarität und Krisenfestigkeit; mit mehr Verteilungsgerechtigkeit; mit mehr Kooperation und weniger Wettbe- 2 2.1 2.1.1 9 werb; mit mehr Menschenwürde und Wirtschaftsdemokratie. Darüber hinaus vertritt Felber jedoch auch die Ansicht, dass der Begriff keine a priori definierte Bedeutung aufweist und die Eckpunkte einer Gemeinwohlökonomie in demokratischen Entwicklungs- und Abstimmungsprozessen herausgearbeitet werden müssen (Felber, 2015, 8f). In dieses Horn stoßen auch Münkler/Fischer, welche darauf hinweisen, dass es in pluralistischen Demokratien keine substanzialistischen Gemeinwohldefinitionen geben kann. Vielmehr würden unterschiedlichste gesellschaftliche Akteure ihre Ansprüche in diversen politischen Arenen zur Geltung bringen wollen, indem sie auf das allgemeine Wohl Bezug nehmen. Sie verweisen überdies darauf, dass der dem Gemeinwohl komplementäre Begriff der Gemeinsinn sei. Gemeinwohl stellt hierbei auf den normativen Orientierungspunkt sozialen Handelns ab. Gemeinsinn wiederum ist die Bereitschaft des sozial Handelnden, sich an diesem normativen Ideal tatsächlich zu orientieren und seinen Anspruch auf soziale Verbindlichkeit in Verhalten und Handeln umzusetzen (Münkler, Fischer, 2001, 9).1 Der Begriff des Gemeinwohls ist nicht von der ganzheitlichen (holistischen) Ökologie zu trennen. Er geht vom Respekt vor der menschlichen Person aus, die grundlegende und unveräußerliche Rechte im Hinblick auf ihre ganzheitliche, also holistische Entwicklung hat. In der Konsequenz ist es die Pflicht der gesamten Gesellschaft – und insbesondere des Staates als institutionalisierte Manifestation dieser Gesellschaft – das Gemeinwohl zu verteidigen und zu fördern (Franziskus, 2015, 136f). Im Rahmen eines theologischen Denkgebäudes sind nämlich die Adressaten des Gemeinwohls die Menschen insgesamt (Offe, 2001, 65). Das Gemeinwohl ist auch im intertemporalen Sinn von Interesse. Es bezeichnet hier einen Zustand, aus dem heraus die Nachgeborenen beurteilen, ob die Vorfahren in verantwortungsvoller Weise, also auch mit Blick auf die Lebensbedingungen ihrer Nachfahren, gehandelt und entschieden, von daher ein wertvolles kollektives Erbe hinterlassen haben (Offe, 2001, 70). 1 Folgt man dieser Definition, wäre die Bezeichnung Gemeinsinnökonomie für die GWÖ vermutlich treffender, da sich die handelnden Personen an einem normativ nicht abgeschlossenen und somit vorläufigen, weil demokratisch laufend weiterentwickelten und niemals abschließend ausformulierbaren Ideal orientieren. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 10 Eine Annäherung an eine Definition von Gemeinwohl besteht in der Anlehnung an das magische Dreieck der Gerechtigkeiten: erstens die politische Gerechtigkeit, welche die Grund- und Freiheitsrechte der Gesetzesunterworfenen garantieren soll; zweitens die soziale Gerechtigkeit, die soziale Sicherheit und Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand gewährleisten soll; und schließlich die wirtschaftliche Gerechtigkeit, die darin besteht, dass durch effizienten Ressourceneinsatz das gesellschaftlich mögliche Wohlstandsniveau tatsächlich erreicht werden kann (Offe, 2001, 72). Letztlich sind es jedoch die Spielregeln der pluralistischen Demokratie und nicht die Tugenden ethisch hochmotivierter Bürger, welche das Gemeinwohl als niemals abschließend bestimmte und unter dem Vorbehalt der nächsten Wahlergebnisse stehende Größe hervorbringt (Offe, 2001, 73). Gemeinwohlbilanz In der Gemeinwohlökonomie sollen die Systemweichen der Marktwirtschaft von Gewinnstreben und Konkurrenzprinzip auf Gemeinwohlstreben und Kooperationsprinzip umgestellt werden. Der rechtliche Anreizrahmen soll nicht den Eigennutz maximieren, sondern das Gemeinwohl (Felber, 2015, 33). Die Gemeinwohlbilanz erstellt ein den Grundsätzen der Gemeinwohlökonomie verpflichtetes Unternehmen, um den eigenen Erfolg zu dokumentieren. Sie ist somit das zentrale Element der Gemeinwohlökonomie. Dabei geht sie über die den gesetzlichen Anforderungen genügende Finanzbilanz hinaus, bildet sie doch keine monetären Werte ab, sondern qualitative Leistungen. Sie soll das Ziel der Gemeinwohlökonomie, Geld nicht mehr als Zweck, sondern als Mittel zu begreifen in anschauliche Formen gießen. Sie dient daher als Instrument einer auf soziale, ökologische als auch ökonomische Zielerreichung gleichermaßen ausgerichteten Unternehmensführung. Nicht der Finanzgewinn steht im Fokus, sondern die Mehrung des Gemeinwohles. Nicht die Messung und Mehrung des Mittels (Geld) ist entscheidend, sondern die Erreichung der Ziele (Zweck) (Felber, 2015, 36). 2.1.2 2.1 Begriffsverständnis – Definitionen 11 Der individuelle Beitrag zum Gemeinwohl wird auf Basis der Gemeinwohlmatrix in siebzehn verschiedenen Kategorien (s. Anhang) definiert und bewertbar gemacht. Hierbei kann ein Unternehmen maximal 1.000 Gemeinwohlpunkte erreichen, jedoch nur für über die gesetzlichen Mindeststandards hinausgehende Aktivitäten. In der Praxis erstellt das Unternehmen die Gemeinwohlbilanz, lässt sie durch einen externen Prüfer testieren und veröffentlicht die erstellte und geprüfte Gemeinwohlbilanz (Verein für Gemeinwohlökonomie, 2017 (c)). Die Gemeinwohlmatrix 4.1 wird aus einer Kombination aus Werten und den Berührungsgruppen eines Unternehmens erstellt. Die Wertekategorien sind: – Menschenwürde – Solidarität – Ökologische Nachhaltigkeit – Soziale Gerechtigkeit – Demokratie, Mitbestimmung & Transparenz. Die Berührungsgruppen gliedern sich in: – Lieferanten – Geldgeber – Mitarbeiter inklusive Eigentümer – Kunden, Produkte, Dienstleistungen, Mitunternehmen – Gesellschaftliches Umfeld. Für wiederum 17 Negativkriterien (wie z.B. Verletzung der ILO-Arbeitsnormen) können Punkte abgezogen werden. Die Gemeinwohlbilanz soll in der Konsequenz ein CSR-Instrument werden, welches tatsächliche Wirkung entfaltet. Sie soll auf Basis der Werte der Gemeinwohlökonomie die zentralen Erwartungen der Gesellschaft an Unternehmen formulieren und deren Zielerreichungsgrad messen und sichtbar machen (Felber, 2015, 40ff). 2 Thematische und theoretische Grundlagen 12 Ethische/Holistische/Universelle Werte „Neue Werte für die Wirtschaft“. So nennt Christian Felber eines seiner Werke (Felber, 2008). Doch warum sollte die Wirtschaft neuer Werte bedürfen? Und welche Werte sollten das sein? Die Diskussion über Werte allgemein und spezifisch in der Wirtschaft droht sich rasch in Beliebigkeit zu verlieren. Welche Werte sind es wert, als verbindlicher Wertekanon von den Individuen gelebt und im Wirtschaftsleben angewandt und umgesetzt zu werden? Werte wie Freiheit, Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit oder Respekt können hier angeführt werden, welche wohl allgemeine Zustimmung erfahren dürften. Im heute vorherrschenden, von globalisiertem Wettbewerbsdruck geprägten Wirtschaftsleben wird mit diesen jedoch widersprüchlich oder unglaubwürdig verfahren (Opaschowski, 2008, 135). Werte kennzeichnen im ethischen Sinne eine Idee, eine Norm oder eine Verhaltensweise, die einem/einer Einzelnen, einer Gruppe oder Institution als erstrebenswert und wichtig gilt. In dieser noch nicht verallgemeinerten Beziehung sind diese Werte subjektiv, je verallgemeinerbar jedoch die Idee, Norm oder Verhaltensweise ist, umso objektiver wird der entsprechende Wert. Ethische Werte sind eher der immateriellen Sphäre zuzuordnen (Ditzfelbinger, 2015, 45). Bereits in der Aristotelischen Mesotes-Lehre bestimmen sich die Werte oder Tugenden aus einem Mittleren zwischen jeweiligen Extremen. In seiner Nikomachischen Ethik definiert Aristoteles sogenannte Kardinaltugenden: Tapferkeit als Mittleres zwischen Feigheit und Tollkühnheit; Weisheit als Mittleres zwischen der Torheit und der unbedingten Wahrheitssuche; Besonnenheit als Mittleres zwischen kopflosem Aktivismus und Gedanken- und Handlungsstarre; Gerechtigkeit als Mittleres zwischen dem Recht des Stärkeren und der gnadenlosen Anwendung einer unbarmherzigen Gerechtigkeit. Die goldene Mitte ist hierbei nicht mit Absolutheit zu bestimmen, vielmehr ist sie eine von Person zu Person unterschiedlich interpretierte Maßeinheit (Ditzfelbinger, 2015, 28f, 31). Die Herausforderung bleibt bestehen, die jeweilige persönliche Mitte in Freiheit und in Eigenverantwortung selbst zu finden und in der jeweiligen Situation konkret anzuwenden. Die Mesotes-Lehre geht dabei weit über die Kardinaltugenden hinaus. Im Grunde kann jeder Wert, jede menschliche Qualität nur dann 2.1.3 2.1 Begriffsverständnis – Definitionen 13 ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie sich in Spannung zu einem komplementären Wert befindet. Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu seiner entwerteten Übertreibung (Schulz von Thun, 2015, 96f). Felber (2015) spricht davon, dass jene menschlichen Werte, die im vertrauten Umgang zwischen Familienangehörigen und Freunden einen hohen Stellenwert besitzen und uns zu Wohlergehen verhelfen, auch im täglichen Austausch zwischen den Wirtschaftsakteuren die entscheidende Rolle spielen sollten: Vertrauensbildung, Ehrlichkeit, Wertschätzung, Respekt, Zuhören, Empathie, Kooperation, gegenseitige Hilfe und Teilen (Felber, 2015, 18). Der Kommunikationswissenschaftler und Psychiater Paul Watzlawick beschreibt jene Regel, mit der das (todernste) Spiel des Lebens beendet werden könnte mit verschiedenen Namen: Fairness, Vertrauen, Toleranz (Watzlawick, 2013, 129). Werte sind also die Leitsterne unseres täglichen menschlichen Handelns, sie führen den Einzelnen zum permanenten Abwägen, ob sein Bestreben nach eigener Bedürfnisbefriedigung auch im ökonomischen Lebensbereich in Einklang zu bringen ist mit den Anforderungen eines universale Gültigkeit beanspruchenden Prinzips. Ein solches ethisches Prinzip hat Albert Schweitzer so formuliert: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ (Schweitzer, 1996, 330).2 Business Case for Sustainability (BCfS) Der Business Case for Sustainability beabsichtigt und realisiert ökonomischen Erfolg durch (und nicht nur mit) einem intelligenten Design von freiwilligem ökologischen und sozialen Management. Es muss erstens auf freiwilliger Basis zur Lösung von aktuellen sozialen und ökologischen Fragestellungen beitragen und dabei über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Zweitens muss die Aktivität des Managements einen positiven Beitrag zum Unternehmenserfolg leis- 2.1.4 2 Auf heutige Wirtschaftsverhältnisse übersetzt könnte dieser Ausspruch lauten: Leben und leben lassen. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 14 ten und dieser Beitrag muss stringent argumentier- und herleitbar sein. Drittens erfordert der Business Case for Sustainability eine profunde Kausalverbindung zwischen einer bestimmten Management- oder Unternehmensaktivität und den sozialen und/oder ökologischen Effekten und dem ökonomischen Erfolg. Es existieren mehrere Treiber für den BCfS: direkt mit dem ökonomischen Erfolg verbunden ist die Kostenreduktion, z.B. durch reduzierte Materialerfordernisse, Energieeinsparungen oder weniger emissionsintensive Produktionsprozesse. Ein weiterer Treiber ist die Reduktion von technischen, sozialen, politischen oder Marktrisiken. Marktchancen werden durch Steigerung von Profitmargen und Verkaufszahlen adressiert, eine erhöhte Marktreputation oder eine Steigerung des Markenwertes werden als weitere Treiber für BCfS identifiziert. Indirekt wirkende Faktoren im Gegensatz zu den erwähnten direkt wirkenden Einflüssen sind dagegen die Attraktivität des Unternehmens zur Rekrutierung und Bindung von Mitarbeitern. Die Fähigkeit zur Innovation von Produkten und Prozessen durch eine Ermunterung zum ressortübergreifenden Denken und die Hereinnahme von Know-How der Stakeholder sind ein weiterer Treiber. Die Kernherausforderung bei der Identifikation, der Durchführung und dem Management von BCfS ist die Integration der drei Dimensionen von Nachhaltigkeit in marktorientierte Unternehmensaktivitäten, sowohl auf der strategischen Ebene, der Ebene der Unternehmensvisionen als auch in der operativen täglichen Umsetzung (Schaltegger, Lüdeke-Freund, 2013, 245-252). Ökologische, soziale und ökonomische Problemdimensionen Wie lassen sich nun jene neuzeitlichen Krisen beschreiben, welche durch unsere rational geprägte westliche Wirtschaftsweise verursacht und die als Ausdruck einer Wertekrise begriffen werden können? Hierbei ist es hinsichtlich der ökologischen Dimension aufschlussreich, sich die Zahlen zum globalen Anwachsen der materiellen Stoffwechselströme zu vergegenwärtigen. Zwischen 1950 und dem Jahr 2010 wuchs die Weltbevölkerung um den Faktor 2,7, der globale Materialverbrauch stieg von 5 t/a und Kopf auf 10,3 t/a und Kopf (t/cap/a). 2.2 2.2 Ökologische, soziale und ökonomische Problemdimensionen 15 Im frühen 21. Jahrhundert nutzte die Weltbevölkerung 68 Gigatonnen Materialien pro Jahr, zehnmal mehr als 100 Jahre zuvor. Würden sämtliche Gesellschaften auf dem Globus das Materialverbrauchsniveau der westlichen Gesellschaften erreichen, bedeutete dies eine Zunahme des globalen Materialverbrauchs auf 100 Gt im Jahr, ohne Zunahme der Weltbevölkerung und mit all ihren negativen ökologischen Implikationen, von Klimawandel bis hin zu Biodiversitätsverlust. Eine Trendänderung in Richtung eines nachhaltigeren Ressourcenverbrauchs erfordert die Überwindung der Trägheit des industriellen Materialverschwendungssystems (Schaffartzik et al., 2014, 96). Der Chemiker Paul Crutzen gilt als Schöpfer des Ausdrucks „Anthropozän“. Damit bringt er zum Ausdruck, dass die Eingriffe des Menschen in die Erdatmosphäre wie auch die Erdkruste zu gegenüber den natürlichen Vorgängen stark abweichenden Veränderungen führen. Diese werden ihre Auswirkungen in den nächsten Jahrtausenden zeigen und rechtfertigen somit die Definition einer eigenen geologischen Epoche – des Anhropozäns – als Ergänzung zum gegenwärtigen Zeitalter des Holozäns (Crutzen, 2002). Erstmals wird demnach ein Erdzeitalter durch die massiven und dauerhaft wirkenden Eingriffe einer auf ihr lebenden Spezies beschrieben. Das Konzept der planetaren Grenzen (s. Abb. 1) unternimmt den Versuch, für neun Schlüsselelemente anschauliche Grenzwerte (Planetary Boundaries) zu bestimmen, die nachhaltiges von nicht nachhaltigem Terrain trennen sollen. Diese neun Bereiche sind: Klimawandel, Verlust an biologischer Vielfalt, Veränderung der globalen Kreisläufe von Stickstoff und Phosphor, Ozeanversauerung, Beanspruchung der globalen Landressourcen, Belastung der Atmosphäre mit Aerosolen, weltweite Süßwassernutzung, Ozonloch und chemische Umweltverschmutzung. Die planetaren Grenzen sind am weitesten bei der Artenvielfalt überschritten, bei der durch menschliche Aktivitäten die natürliche Artensterberate um den Faktor 100 bis 1000 beschleunigt wurde. Beim Stickstoffkreislauf sind die definierten Grenzen ebenso überschritten. Bei der Zerstörung der Ozonschicht war die Lage bereits bedrohlich, hier wurde durch die Verabschiedung des Montreal-Protokolls im Jahr 1989 jedoch eine Trendwende vollzogen. (Rockström et al., 2009). Die weiteren Indikatoren verharren noch im grünen – das heißt ungefährlichen – Bereich. Hier stellt sich die Frage, wann die 2 Thematische und theoretische Grundlagen 16 derzeit beobachtbaren globalen Entwicklungspfade in den nächsten Jahren zu einer Überschreitung der Grenzen führen werden. Planetare Grenzwerte für neun Schlüsseldimensionen (Rockström et.al, 2009) Der Klimawandel befindet sich nach diesem Konzept ebenfalls auf dem Pfad der Grenzwertüberschreitung. Nach den für das IPPC durchgeführten Berechnungen ist im ökologisch bestmöglichen Fall eine langfristig anhaltende Erderwärmung von 2° C möglich. In den schlimmsten Fällen sind Steigerungen der globalen Mitteltemperatur im 8-Grad Bereich nicht auszuschließen. Nicht weniger als eine große zivilisatorische Transformation wird erforderlich sein, um die tatsächlich realisierte Erwärmung mit ihren allumfassenden Folgen im unteren Erwartungsbereich zu halten (Schellnhuber, 2015, 348ff). Die Rockström’schen Planetary Boundaries decken den ökologischen Bereich der Problemdimensionen ab, wodurch die weiteren Herausforderungen und Krisen noch nicht beleuchtet werden. Abbildung 1 2.2 Ökologische, soziale und ökonomische Problemdimensionen 17 Rogall et al. (2016) teilen die Herausforderungen des 21. Jahrhundert in drei grundlegende Dimensionen ein: – Ökologische Dimension – Ökonomische Dimension – Sozial-kulturelle Dimension Jeder dieser drei Grunddimensionen lassen sich fünf Kategorien zuordnen, welche den Bogen der Herausforderungen für die globale Gesellschaft spannen (Rogall et al., 2016, 348): Problemdimensionen im 21. Jahrhundert Ökologische Dimension Ökonomische Dimension Sozial-kulturelle Dimension Klimawandel Arbeitsmarkt hinsichtlich Arbeitsverfügbarkeit und -qualität Fehlentwicklungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Naturbelastungen durch sinkende Biodiversität und Schadstoffe Wirtschaftliche Entwicklung, Befriedigung von Grundbedürfnissen Armut/Demographischer Wandel und Urbanisierung Nicht-erneuerbare Ressourcen Inflation, externe Kosten und Konzentrationstendenzen Chancengleichheit bzw. Diskriminierung Übernutzung erneuerbarer Ressourcen Instabilitäten der Finanzmärkte und staatlichen Haushalte Globale Sicherheit Menschliche Gesundheit aufgrund ökologischer Belastungen Handlungsfähigkeit des Staates Technische Risiken Diese Übersicht verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Herausforderungen und lässt zudem die Verzahnung verschiedener Problembereiche erahnen. Der Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, spricht von einer verhängnisvollen Dreiecksbeziehung zwischen dem Menschen, dem Klimasystem und dem Element Kohlenstoff. Er beschreibt unsere Zivilisation auf dem Weg in die Selbstverbrennung – aus Gier, aus Dummheit und vor allem aus Versehen (Schellnhuber, 2015, 7). Doch wie kommt es zu diesem verhängnisvollen und folgenreichen Versehen des eigentlich weisen Menschen (Homo sapiens)? Brand/Wissen (2017) weisen darauf hin, dass vor allem in westlich geprägten Gesellschaften die Standards guten und richtigen Lebens im Tabelle 1 2 Thematische und theoretische Grundlagen 18 Alltag geprägt werden. Dabei sind sie Bestandteil umfassender gesellschaftlicher Verhältnisse, insbesondere von materiellen und sozialen Infrastrukturen. Diese von den Autoren so genannte „imperiale“ Lebensweise stellt sich über Diskurse und Weltauffassungen her, verfestigt sich in Praxen und Institutionen und ergibt sich aus sozialen Auseinandersetzungen in Staat und Gesellschaft. Grundsätzlich basiert sie auf Ungleichheit, Macht und Herrschaft, teilweise auch Gewalt und bringt diese gleichzeitig selbst hervor (Brand, Wissen, 2017, 45). Versehen also durch selbstvergessene Form der Lebensführung, die aus Mangel an Selbstreflexion das Gute (Leben) will und das Böse (Erwachen) schafft? Eine weitere Dimension des Versehens betrifft die Nicht-Vorhersehbarkeit von Ereignissen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten können, aber von den Betroffenen nicht oder nicht in im vollen Umfang wahrgenommen werden. Vier Gründe sind ausschlaggebend, warum Individuen und Gesellschaften nicht in ausreichendem Maß auf bevorstehende Bedrohungen reagieren. Erstens sieht eine Gesellschaft eine Bedrohung nicht voraus, bevor sie nicht eingetroffen ist. Zweitens wird das Problem möglicherweise auch dann nicht wahrgenommen, auch wenn es bereits eingetreten ist.3 Drittens wird nach Erkennen des Problems nicht nach einer adäquaten Lösung gesucht. Und viertens gelingen die endlich eingeleiteten Maßnahmen möglicherweise nicht (Diamond, 2011, Kap.14). Eine überraschende Erklärung findet sich für den dritten Faktor, das Ausbleiben der Suche nach Lösungen, auch wenn das Problem als solches erkannt wurde. Sie liegt im rationalen Verhalten der maßgeblichen Akteure und funktioniert nach der einfachen Formel „gut für mich und schlecht für alle anderen“ und wird auch als egoistisches Verhalten bezeichnet. Dieses wird speziell begünstigt, wenn entweder keine Gesetze zur Unterbindung dieses individuell-rationalen Verhal- 3 Eine Analogie zum in Zeit und Raum auf dem Globus sehr unterschiedlich wahrnehmbaren Klimawandel mag den zweiten Faktor verdeutlichen: wird ein Frosch in einen Topf mit kochendem Wasser gesetzt, so springt dieser aufgrund der wahrgenommenen Hitze sofort aus dem Wasser. Wird der Frosch jedoch ins kühle Wasser gesetzt und dieses langsam erwärmt, so stirbt der Frosch den Hitzetod. Er hat keine Rezeptoren für die Gefährlichkeit langsam ansteigender Wassertemperatur. Dieses Phänomen wird auch als „schleichende Normalität“ oder Gradualität bezeichnet. 2.2 Ökologische, soziale und ökonomische Problemdimensionen 19 tens bestehen oder deren Einhaltung nicht eingefordert wird. Eine besondere Form des individuell-rationalen, gemeinwohlschädlichen Verhaltens stellt die Tragödie der Allmende dar. Hier nutzen viele Verbraucher einen Gemeinschaftsbesitz, etwa Fischgründe. Existieren keine verbindlichen Regelungen für eine nachhaltige Nutzung dieses Gemeinschaftsbesitzes, so entspricht es der individuellen Nutzenmaximierung, den eigenen Nutzen auf Kosten aller anderen Nutzer zu maximieren, was schließlich zur Zerstörung des Gemeingutes führen kann (Diamond, 2011, Kap. 14). Der Konnex zur Gemeinwohlökonomie wird hier ansatzweise erkennbar. Regelungen sind ein Teil der Lösung. Doch auf Basis welcher Werte werden diese gefunden? Wie können allgemeinverbindliche Spielregeln definiert werden, nach denen individual-rationalistischer Egoismus zugunsten von sozialverträglichem Mehrwert zurückgedrängt werden kann? Doch zunächst zu den Grundlagen unseres gegenwärtigen, eher die Schattenseiten des menschlichen Verhaltensrepertoires fördernden Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. 4 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung Die Liebe zum Geld als Besitz […] wird als das erkannt werden, was es ist: ein ziemlich widerliches Leiden, eine jener halb verbrecherischen, halb krankhaften Neigungen, die man mit Schaudern an die Fachleute für Geisteskrankheiten verweist. J.M. Keynes Rationalität und Weltgesellschaft Die gegenwärtige Wirtschaftsordnung fußt ideengeschichtlich zu einem erheblichen Teil in der europäischen Auffassung einer rationa- 2.3 2.3.1 4 Mittlerweile wissen zwar viele Menschen, dass wir unser Gemeingut, nämlich unsere Lebensgrundlagen systematisch schädigen, wir buchstäblich den Ast absägen, auf dem wir sitzen, aber wir glauben es nicht. Anders gesagt: Intellektuell können wir den Zustand von Welt erfassen, emotionell lassen wir dieses Wissen nicht an unser Inneres heran. Zu einem ausgewogeneren Verhältnis von Kognition und Emotion als möglicher Teil einer holistisch begriffenen Lösung vlg. Kap. 2.4. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 20 len Welt, wie sie sich seit der hellenistischen Antike entwickelte. Rationalität wird von Silvio Vietta folgendermaßen definiert: „Rationalität ist eine Denkform, die durch Kausalität, Zielstrebigkeit, also eine möglichst zielführende Zweck-Mittel-Relation geprägt ist. Philosophisch versucht sie alles Seiende kausallogisch zu erklären und grenzt sich dabei ab von Sinnlichkeit und Emotionen. […] Rationalität tendiert zur Quantifizierung ihrer Denkschritte und Praxisanweisungen und durchdringt dabei alle Seinsbereiche, ist mithin eine auf Totalität ausgerichtete Denkform und Kulturpraxis. Die abendländische Rationalität ist selbst eine historische Erscheinung […], die sich im Verlauf ihrer Geschichte ständig fortentwickelt und die heutige Weltgesellschaft herbeigeführt hat. Als solche ist die abendländische Rationalität die Dominante der Weltkultur mit all ihren Problemen und Widersprüchlichkeiten“ (Vietta, 2016, 23f). Der entscheidende Faktor im Zusammenhang mit unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung dürfte nun darin gelegen sein, dass die seit den frühgriechischen Philosophen entwickelte Denkform der Abspaltung der Rationalität von anderen menschlichen Bewusstseinsformen wie Emotionalität oder Phantasie (letztere stellen fortan das Irrationale dar) auch in die Praxis des täglichen Lebens hereinwirkt und diese nach Maßgabe der Rationalität umgestaltet. Diese Umgestaltung betrifft so unterschiedliche Kultursektoren wie die Arbeit, die Kunst, den Krieg und die entsprechenden soziologischen Rollenbilder des Menschen in diesen Sektoren. In der Folge definiert die alle Daseinsformen und Weltgegenden durchdringende Rationalität auch die Wohlstandsstandards in der Form, dass diese direkt mit dem Entwicklungsstand der rationalen Zivilisation zusammenhängen und damit verbunden auch die Armutszonen als Defizitregionen der Rationalität kennzeichnet (Vietta, 2016, 17f). Die Abspaltung der Rationalität von anderen Bewusstseinsformen spiegelt sich in den beiden Begriffen von Reichtum wider. Einerseits dem materiellen, in Form von quantitativ messbaren Geld- oder anderen Eigentumswerten und andererseits dem geistig-emotionalen Reichtumsbegriff, welch letzterer die sogenannten inneren Werte (Glück, Fülle, Wohlbefinden,…) bezeichnet. Hierbei ist wiederum entscheidend, dass die abendländische Rationalitätskultur sich für den materiell geprägten Reichtum entschieden hat und diesen auch ohne 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 21 Unterlass im Rahmen ihres Systems produziert. Sie generiert ihren eigenen Begriff von Reichtum und bemisst solchen nach diesem Begriff. Damit wird materieller Reichtum systemimmanent. Er ist Ausdruck jener quantitativen Wertsetzungen, welche von der Rationalitätskultur erfunden wurden. Allen voran die Bemessung in Geldwerten, die wiederum eine gesellschaftliche Akzeptanz solcher Wertsetzungen voraussetzt (Vietta, 2016, 165f). Die so jahrhundertelang von den Europäern aufgrund ihrer im Vergleich mit den Eroberten rationaleren Kriegsführung in die Welt hinausgetragene Exploitationskultur ist in dieser Hinsicht kausallogisch nur folgerichtig. Nach 1945 erfolgt die Expansion der abendländischen Rationalitätskultur nicht mehr in erster Linie kriegerisch, sondern durch weltweite Assimilation ihrer Produktions- und Konsumptionsformen. Hier schließt sich der Kreis zu jenen globalen Krisen, welche wir in den ersten Kapiteln ansatzweise erörtert haben. Die Ausbeutung der Natur, welche die Rationalitätskultur von Anfang an begleitet hatte, geht in eine Phase gewaltigen Weltverbrauchs über (Vietta, 2016, 168), auch hier offenbar kausallogisch nur folgerichtig. In der Arbeitssphäre bedeutet Rationalität eine De-Individualisierung und Einordnung des Einzelnen in eine Ordnungsstruktur, welche durch die organisierende Rationalität vorgegeben wird und dem Einzelnen darin seinen Platz und seine Funktion zuschreibt. Die menschliche Arbeit ist nicht der Hauptproduktivitätsfaktor, sondern deren rationale Organisation. Je fortschrittlicher organisiert, desto effizienter und, vice versa, je weniger rational organisiert, desto unproduktiver erscheint das Wirtschaftswesen im Rahmen der Rationalitätskultur. Diese hat in den letzten Jahrzehnten die Weltökonomie in einen Prozess der Vereinheitlichung hineingerissen, welche alle anderen Wirtschaftsformen marginalisierte. Nur Vorreiter der Rationalisierung haben innerhalb dieses weltumspannenden Systems die Chance auf materiellen Wohlstand. Sohin sind Reichtum und Armut in ihrer räumlichen Verteilung das Ergebnis von regionalen Rationalitätsstandards, sowohl hinsichtlich des Produktionssektors als auch der staatlichen Organisation (Vietta, 2016, 200ff). Mit dem weltweiten Siegeszug der Rationalität geht eine Herabwürdigung jener Kulturen einher, die stärker in einer Dimension wur- 2 Thematische und theoretische Grundlagen 22 zeln, welche komplementär zur Rationalität existiert: der sinnlichen Wahrnehmung und Emotionalität (Vietta, 2016, 178). Die dominierende Logik ist heute jene des Profitmachens, der Kapitalakkumulation und der expansiven Wirtschaftsaktivitäten, der Naturausbeutung5 (Brand, Wissen, 2016, 38). Das (un-)ethische Element in der Wirtschaft The world has enough for everbody’s need, but not for everybody’s greed. Mahatma Gandhi Wenn es zur Ursachenforschung kommt, warum unsere gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftsordnung die niederen und unethischen Instinkte des Menschen besonders herausfordert, ist die 1705 verfasste Bienenfabel des Bernard de Mandeville richtungweisend. In dieser formuliert der holländische Arzt, dass Egoismus als zentrale Antriebskraft des Einzelnen auch dem Gemeinwohl zugutekommen würde. Das sogenannte Mandeville-Paradox gründet in der Ansicht, dass das Gemeinwohl aus dem absolut rücksichtslosen Gegeneinander egoistischer Individuen entspringe (Felber, 2008, 55f). Doch auch am Begründer der modernen Nationalökonomie, Adam Smith, kommt man, will man Ursachenforschung betreiben, nicht vorüber. In seinem 1776 erschienenen Werk „Wohlstand der Nationen“ vertritt er u.a. die These, dass sich das Wohl aller, die Wohlfahrt der Gemeinschaft (bonum commune) unmittelbar aus der Eigennutzmaximierung des Einzelnen ergebe, der jeweils für sich das selbst das beste Ergebnis anstrebe (bonum unius). Er formuliert das folgende Prinzip: „Wie nun jedermann nach Kräften sucht, sein Kapital auf den inländischen Gewerbefleiß zu verwenden, […] so arbeitet auch jeder notwendig dahin, das jährliche Einkommen der Nation so groß zu ma- 2.3.2 5 Man betrachte hier nur in bewusster Kontrastierung die Lebensform indigener Kulturen. Diese leben eine Subsistenzwirtschaft als Ausdruck einer Denkungsart, welcher jene westlich geprägte rationale Ausbeutungsform völlig fremd ist. Und zwar deshalb, weil sich die Mitglieder jener Kulturen absolut darüber im Klaren sind, dass sie mit ausbeuterischer Wirtschaftsweise nicht nur den Ast absägen, auf dem sie sitzen, sondern dass sie dieser Ast selbst sind (Weber, 2018). Konsequenterweise kämpfen indigene Kulturen heute weltweit um ihr Überleben. 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 23 chen, als er kann. Allerdings ist es in der Regel weder sein Streben, das allgemeine Wohl zu fördern, noch weiß er auch, wie sehr er dasselbe befördert. Indem er den einheimischen Gewerbefleiß dem fremden vorzieht, hat er nur seine eigene Sicherheit vor Augen, und indem er diesen Gewerbefleiß so leitet, das sein Produkt den größten Wert erhalte, beabsichtigt er lediglich seinen eigenen Gewinn und wird in diesen wie in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, dass er einen Zweck befördern muss, den er sich in keiner Weise vorgesetzt hatte. Auch ist es nicht eben ein Unglück für die Nation, dass er diesen Zweck nicht hatte. Verfolgt er sein eigenes Interesse, so befördert er das der Nation weit wirksamer, als wenn er dieses wirklich zu befördern die Absicht hätte. Ich habe niemals gesehen, dass diejenigen viel Gutes bewirkt hätten, welche die Miene annahmen, für das allgemeine Beste Handel zu treiben“ (Smith, 2013, 451). Wie ein volles Fass, in welches weiterhin Wasser gefüllt wird, überläuft, so fließt auch der Reichtum der Wenigen, indem sie noch mehr Reichtum anhäufen, auf alle über, zum Wohle aller. Egoismus ist daher das zentrale Wirkprinzip in der arbeitsteiligen Wirtschaft, denn nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Fleischers oder Brauers erwarten die Menschen ihr tägliches Brot, sondern von der Bedachtnahme auf deren eigene Interessen. Nicht Humanität ist die Antriebskraft der Wirtschaftstreibenden, und die Konsumenten sprechen nicht von ihren Bedürfnissen, sondern von deren Vorteilen (Smith, 2013, 21). In der Rezeption der klassischen Nationalökonomie gilt Smith seither als Vertreter des Konkurrenzprinzips. Die „unsichtbare Hand“ wurde zum geflügelten Wort all jener, die dem Markt zugutehalten, durch eine Art „höheren“ Automatismus das Beste für alle Marktteilnehmer zu gewährleisten. Hingegen findet sich der Ausdruck der „unsichtbaren Hand“ bei Smith nur im Zusammenhang mit der zitierten Textstelle. In seiner „Theorie der moralischen Gefühle“ aus 1759 heißt es dagegen unter anderem, dass sich moralisch zu verhalten heiße, sich zur Rechenschaft verpflichtet zu fühlen. Und diese Moral, so führt Smith aus, besteht u.a. aus Rücksicht auf den anderen, bei aller Selbstsucht das Wohlbefinden des Anderen mitzudenken. Diese Aussage stammt von dem „anderen“ Smith, der somit für als auch gegen das Gemeinwohlprinzip instrumentalisiert werden kann. Dem Autor scheint bei 2 Thematische und theoretische Grundlagen 24 Betrachtung der beiden Denkarten nicht weniger, als dass in der Wirtschaftswissenschaft über Jahrhunderte eine willentliche Verkürzung in der Interpretation des Smith’schen Denkens stattgefunden und lediglich der Konkurrenzgedanke Eingang in das moderne Denken der Mainstream-Ökonomen gefunden hat. Die anderen Aspekte des Denkens von Adam Smith werden (bewusst) ausgeblendet. Diese Sichtweise wird auch vom Ökonomen Stephan Schulmeister gestützt, der die These von Adam Smith als Ahnherrn der neoliberalen Denkungsart ins Reich der „dichterischen Schöpfung“ verweist. Im Namen der „unsichtbaren Hand“ wurden in den vergangenen Jahrzehnten die Finanzmärkte entfesselt. Dadurch erreichte die neoliberale Gegenreformation ihr Hauptziel, die Entmächtigung der Politik, insbesondere von Sozialstaat und Gewerkschaften – sie alle haben sich dem „Markt“ zu unterwerfen (Schulmeister, 2018, 55). Mit etwas intellektueller Redlichkeit würden sich die Vertreter der neoliberalen Gesinnung jedenfalls nicht auf Adam Smith berufen können.6 Radikaler Hedonismus und schrankenloser Egoismus hätten überdies nicht zu Leitprinzipien ökonomischen Verhaltens werden können, wenn nicht im 18. Jahrhundert ein grundlegender Wandel eingetreten wäre. In der mittelalterlichen Gesellschaft aber auch in vielen sogenannten primitiven Gesellschaften wurde das ökonomische Verhalten durch ethische Normen bestimmt. Das ökonomische Verhalten blieb ein Teil des allgemeinen menschlichen Verhaltens und war daher den Wertvorstellungen der humanistischen Ethik unterworfen. Der Kapitalismus des 18. Jahrhunderts machte schrittweise einen radikalen Wandel durch: Das wirtschaftliche Verhalten wurde von der Ethik und den menschlichen Werten abgetrennt. Der Wirtschaftsmechanismus wurde als autonomes Ganzes angesehen, das unabhängig von den menschlichen Bedürfnissen und dem menschlichen Willen ist – ein System, das sich aus eigener Kraft und nach eigenen Gesetzen in 6 Als „dichterischen Schöpfer“ macht Schulmeister Paul A. Samuelson aus, von dessen Standardwerk „Economics. An Introductory Analysis“ immerhin fünf Millionen Exemplare verkauft wurden. Damit hat er wesentlich zur marktreligiösen Überhöhung der Metapher von der unsichtbaren Hand beigetragen (Schulmeister, 2018, 50). Von Samuelson stammt auch der Ausspruch: „Es ist mir egal, wer die Gesetze einer Nation schreibt – solange ich ihre Volkwirtschaftslehrbücher schreiben kann“ (van Treeck, Urban, 2017, 29). 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 25 Gang hält. Das Elend der Arbeiter sowie der Ruin einer stetig zunehmenden Zahl kleinerer Unternehmen infolge des unaufhaltsamen Wachstums der Konzerne galten als wirtschaftliche Notwendigkeit, die man vielleicht bedauern konnte, jedoch akzeptieren musste wie die Auswirkungen eines Naturgesetzes (vgl. Kap. 2.3.5). Die zentrale Frage allen Wirtschaftens im Kapitalismus wurde: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Und implizit wurde die Antwort geliefert, dass alles, was dem Wachstum des Systems diene, auch das Wohl der Menschen fördere. Diese These wurde durch eine Argumentation abgestützt, wonach genau jene menschlichen Qualitäten, die das System benötigte – Egoismus, Selbstsucht und Habgier – dem Menschen angeboren seien. Sie seien somit nicht dem System, sondern der menschlichen Natur anzulasten. Gesellschaften, in denen Egoismus, Selbstsucht und Habgier nicht existierten, wurden als „primitiv“, ihre Mitglieder als „naiv“ abqualifiziert. Man weigerte sich anzuerkennen, dass diese Charakterzüge gerade nicht natürliche Triebe sind, die zur Bildung der Industriegesellschaft führten, sondern das Produkt gesellschaftlicher Bedingungen (Fromm, 2014, Einführung). Umgelegt auf die zeitgenössische Wirtschaftswelt wurden diese gesellschaftlichen Bedingungen konsequent rationalisiert und deren Notwendigkeit mit allerlei Theorien begründet. Die sogenannte Trickle- Down- oder Pferdeäpfeltheorie besagt, dass der Reichtum einiger weniger letzten Endes allen zugutekommt. Die Wohlhabenden geben ihr Geld irgendwann aus und dadurch sickert der Wohlstand der Reichen nach unten zu den Ärmeren. Die Woge (des Wohlstands) hebt alle Boote gleichermaßen an (Felber, 2008, 28). Die vorgenommene Differenzierung in ökonomische Vernunft und ethische Vernunft wiederum suggeriert, dass die ökonomische Dimension quasi im Außerethischen verortet ist. Die Profitmaximierung im Sinne Milton Friedmans wird dann zum Goldenen Kalb, an dem ethische (menschengerechte) Fragen scheitern müssen, will man rational und nicht irrational und wirklichkeitsfremd erscheinen. Ökonomische Strukturen sind jedoch Menschenwerk. Durch die strikte Sphärentrennung erfolgt eine a priori Sabotage von Änderungsphantasien bzw. –versuchen (Blessin, 2014, 423). Auch der gegenwärtige Papst beschäftigt sich mit den Ursachen unserer multiplen Krisen und macht als unethisches Element vor allem 2 Thematische und theoretische Grundlagen 26 einen alles umspannenden Anthropozentrismus aus, der für sich genommen noch nicht zu Fehlentwicklungen führen müsste, jedoch: „das enorme technologische Wachstum ging nicht mit der Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher“ (Franziskus, 2015, 98).7 Und weiter: „Es müsste einen anderen Blick geben, ein Denken, eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden“ (Franziskus, 2015, 103).8 Darlegung der kapitalistischen Funktionsweise und Auswirkungen derselben Freie Markwirtschaft kann nicht damit gerechtfertigt werden, dass sie gut für die Wirtschaft ist, sie kann nur damit gerechtfertigt werden, dass sie gut für die Gesellschaft ist. Peter F. Drucker Die kapitalistische Wirtschaft ist auf unbegrenztes Wachstum angewiesen. Ohne Wirtschaftswachstum kein Wohlstand für alle, so das gängige Credo. Abseits der Wirtschaftswissenschaften ist unbegrenztes Wachstum immer auf eine gehörige Portion Skepsis, wenn nicht Ablehnung gestoßen. Das Denkgebilde unbegrenzten Wachstums wird in der Naturwissenschaft als todbringend wahrgenommen und beschrieben. Der Systemkybernetiker Frederic Vester war Mitbegründer einer neuen Denkungsart, des vernetzten Denkens. Systeme sind durch Regelkreise von Rückkoppelungen einzelner Teilfaktoren eines Systems gekennzeichnet. Dabei sind positive Rückkoppelungen (Aufschaukeln- 2.3.3 7 In ganz ähnlicher Weise argumentiert auch der Philosoph Günther Anders in seinem Werk „Die Antiquiertheit des Menschen“. Der Mensch ist nicht in der Lage, mit seinen technischen Erfindungen in emotionaler Hinsicht „auf Augenhöhe“ zu bleiben. Er ist in seinen Möglichkeiten des Vorstellens antiquiert, rückständig gegenüber dem, was er herzustellen, zu produzieren vermag. Letztlich führt dieses Missverhältnis zu einer Zerstörung der Humanität. 8 Welch ein Unterschied in der Haltung gegenüber der Wahrnehmung von Mensch und Natur als Produktionsfaktoren, als monetär bewertbare und bewertete Kostenpositionen. Diese Haltung verdeutlicht den notwendigen Shift weg vom Egozentrismus hin zu einem Biozentrismus, der das Lebensförderliche in den Mittelpunkt stellt. 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 27 Abschaukeln) selbstverstärkende Mechanismen, die (grenzenloses) Wachstum begünstigen, etwa in Form von Krebszellen, die sich vermehren, bis der befallene Organismus stirbt. Negative, selbstregulierende Rückkoppelungen führen dagegen zu einem Austarieren eines Systems, es gibt hierbei kein unbegrenztes Wachstum. Natürliche Systeme bedienen sich häufig negativer Rückkoppelungen, um die Stabilität und Selbstregulation des (Öko-)Systems zu gewährleisten, z.B. die Regulation der Anzahl von Mäusen und deren Fressfeinden (Vester, 1991, 55-65). Das Prinzip organischen Wachstums zeichnet sich zunächst durch positive Rückkoppelung aus, welches nur vorübergehend auftritt und den nächsten Wachstumsstopp bereits in sich trägt. Ohne übergeordnete Kontrolle führt jedes Wachstum zur Katastrophe (Vester, 1991, 73f). Der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger, der sich sein Leben lang mit Umweltfragen befasst und unter anderem die Ökosteuer erfunden hat beschrieb, wie Wachstum als Grundvoraussetzung unseres Wirtschaftssystems quasi systemimmanent funktioniert: Ihn trieb die Frage um, ob der Kapitalismus auf das zerstörerische Wachstum verzichten könne. Seine Antwort lautete: Nein. Denn die "Investitionsketten" würden reißen, wie er es technisch ausdrückte: Firmen investieren nur dann, wenn sie Gewinne erwarten. Permanent steigende Gewinne ergeben sich im Zeitablauf durch das Zusammenspiel der drei Hauptakteure: Haushalte, Unternehmen, Banken. Haushalte konsumieren die infolge von Investitionen geschaffenen Produkte der Unternehmen und erhalten im Gegenzug Einkommenserhöhungen. Damit die Aufwärtsspirale anhält, muss über das Bankensystem permanent ein Zuwachs an Kapital in Form von Buch- und Papiergeld und eine externe Zufuhr von Naturressourcen gewährleistet sein. Gesamtwirtschaftlich sind die Gewinne identisch mit dem Wachstum (Binswanger, 2013, 119ff). Ohne Wachstum müssen die Unternehmen hingegen Verluste fürchten. Sobald aber Profite ausbleiben, investieren die Unternehmen nicht mehr, und ohne Investitionen bricht die Wirtschaft zusammen. Es würde eine unkontrollierbare Abwärtsspirale einsetzen, die an die Weltwirtschaftskrise ab 1929 erinnert: Arbeitsplätze gehen verloren, 2 Thematische und theoretische Grundlagen 28 die Nachfrage sinkt, die Produktion schrumpft, noch mehr Stellen verschwinden (Herrmann, 2015, 3). Insbesondere in börsennotierten Aktiengesellschaften führt der durch die quartalsmäßige Bilanzierung verstärkte Wettbewerbsdruck zusätzlich dazu, dass „finanzielles Kapital auf Kosten des sozialen und natürlichen generiert wird“. Da die finanziellen Kennzahlen vor allem mit dem Absatzwachstum korrelieren, verstärkt ein sich auf finanzielle Berichterstattung beschränkendes Rechnungswesen eine unternehmerische Orientierung an Wachstum (Posse, 2015, 52). Auch wenn Wachstumstreiber in einer globalen an anonymen Shareholder-Interessen ausgerichteten Aktiengesellschaft wesentlich stärker ausgeprägt sind, hat diese allgemeine Wachstumsorientierung somit auch starke Auswirkungen auf kleine und mittelständische Unternehmen. Denn AGs sind die dominierenden Wirtschaftsakteure im bestehenden Wirtschaftssystem und über den Wettbewerbsdruck legen sie allen anderen Unternehmen diese Wachstumsorientierung auf (Posse, 2015, 53). Die Wachstumstreiber bringen jedoch hohe Beharrungskräfte und Pfadabhängigkeiten mit sich, die dafür sorgen, dass die bisherige Wachstumsorientierung beibehalten wird, obwohl Fehlentwicklungen bekannt sind. Die Rückkopplungsstrukturen des Systems sorgen also für ein Festhalten an der Wachstumsorientierung (Posse, 2015, 54). Die alleinige Ausrichtung des Wirtschaftssystems auf die Wachstumsfixierung, welche zu einem immensen materiellen und finanziellen Wohlstand geführt hat, ging indes nicht mit einem Anstieg des allgemeinen Wohlbefindens oder der Lebenszufriedenheit einher. Mehr noch, führte das Wirtschaftssystem zu globalen Trends wie sozialen Unruhen, Terrorismus und Krieg (Marcus et al., 2010, 422). Der englische Wirtschaftshistoriker Richard Wilkinson hat herausgefunden, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Glücksempfinden der Menschen und der (Un-) gleichheit der Gesellschaft gibt. Er postuliert, dass die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich der Gesellschaft schadet und dass die Verringerung der sozio- ökonomischen Unterschiede zwischen den Menschen einer Gesellschaft der zentrale Stellhebel für eine Anhebung des subjektiven Glücksempfindens ist. Wirtschaftswachstum führt ab einem gewissen Aggregationslevel zu keiner weiteren Steigerung des Wohlbefindens, 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 29 weswegen die reichen westlichen Gesellschaften am Ende des Glückszuwachses durch Wirtschaftswachstum angelangt sind. Die sozialen Konsequenzen von ökonomischer Ungleichheit lassen sich anhand von Daten zu Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Mord- und Gefängnisraten, Vertrauenslevel oder psychischen Krankheiten belegen. Wilkinson folgert, dass das Weitertreiben des zunehmenden Statusdrucks in unserer Gesellschaft die Menschen nicht glücklicher machen wird (Wilkinson, 2010 (b), 14ff). Zusammenhang zwischen gesundheitlichen/sozialen Problemen und der Einkommensungleichverteilung (Wilkinson, 2010 (b), 15) Überschießende Tendenzen im Kapitalismus Wer in einer begrenzten Welt an unbegrenztes, exponentielles Wachstum glaubt, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom. Kenneth Boulding Abbildung 2 2.3.4 2 Thematische und theoretische Grundlagen 30 Der Kapitalismus der Jetztzeit versucht, Wachstum als Heilmittel für sämtliche gesellschaftlichen Probleme auszugeben. Doch durch unendliches Wachstum entstehen jene ökologischen Probleme, welche die Ressourcen- und Senkenthematik charakterisieren. Er verursacht darüber hinaus Verteilungsprobleme und verstärkt die soziale Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft (vgl. Kap. 2.2). Smiths „unsichtbare Hand des Marktes“, welche die Eigeninteressen der Einzelakteure zum größtmöglichen Wohl aller lenken soll, ist zum geflügelten Wort geworden, auf das sich vor allem Vertreter der neoliberalen Denkrichtungen berufen („The business of business is business“). Der Markt, der natürlich immer von Menschen mit ihren jeweiligen Interessen gebildet wird, hat erstens immer Recht und kann sich darum – zweitens – nicht irren. Markt- und Staatsversagen beweisen hingegen, dass Eigennutzmaximierung über diverse Rückkoppelungen mittelbar zu negativen Externalitäten und dem Ausbeuten von Gemeingütern führt (Busch, 2012, 4). Felber missfällt am Kapitalismus, dass durch das Ausnutzen von Machtgefällen in Marktbeziehungen in den Grundeinheiten des Wirtschaftens Vertrauen zerstört wird. Vertrauen jedoch ist ein öffentliches Gut und Bindemittel der Gemeinschaft. Der Kapitalismus zersetzt dieses Bindemittel. Er ersetzt Vertrauensbeziehungen durch fragwürdige Vertragsbeziehungen. Doch dieses Verhalten ist uns Menschen nicht evolutionär innewohnend, sondern weil wir dazu erzogen und täglich neu angespornt werden (Felber, 2008, 27). Effizienz, Gewinnstreben, Konkurrenzdenken, Wachstumsfixierung und vermeintlich vernunftgetriebenes Rationalitätskalkül prägen unsere gegenwärtigen Wirtschaftspraktiken. Eine wie auch immer geartete Einstellung gegenüber der Natur nicht nur als Ressourcenlieferant, sondern als eine eigenständige Dimension, mit der wir vielfältig verbunden sind, ist nicht opportun. Die Empfindungslosigkeit bezieht sich auch auf gesellschaftliche Beziehungen. Das System liebt nicht die Menschen, sondern nur ihre Arbeitskraft, ihre Fähigkeit zu produzieren und zu konsumieren (Boff, 2010, 194). Schon Karl Marx analysierte, dass sich der Kapitalismus von früheren Wirtschaftsordnungen durch das Streben nach Reichtum um seiner selbst willen unterscheidet: Im Normalfall sucht der Kapitalist den Profit, indem er Geld in Waren und dann wieder zurück in Geld 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 31 verwandelt, erhöht um den von der Arbeit geschaffenen Mehrwert (G(eld)-W(are)-G(eld)‘). Dies ist der realkapitalistische Ansatz, in welchem Unternehmer durch Produktion von Waren und Dienstleistungen Profit schaffen. Es gibt jedoch auch eine abgekürzte Form der Kapitalakkumulation. Im finanzkapitalistischen Ansatz stellt sich die Zirkulation (G-W-G‘) abgekürzt dar, ohne den Umweg über eine gehandelte Ware und wird zu G-G‘, Geld, das gleich mehr Geld ist (Schulmeister, 2018, 149f). Stephan Schulmeister beschreibt in seinem Hauptwerk „Der Weg zur Prosperität“9 die Abfolge von Prosperitäts- und Krisenphasen seit 1945 als Ausdruck der jeweils vorherrschenden (kapitalistischen) „Spielanordnung“. In der realkapitalistischen Spielanordnung liegt der Zinssatz unter der Wachstumsrate, die Profitrate des Realkapitals weit darüber. Diese Konstellation sowie stabile Wechselkurse und Rohstoffpreise lenken das Gewinnstreben auf Realinvestitionen (das in Produktionsmitteln angelegte Vermögen, Aktivseite der Bilanz). Bei anhaltend hoher Vollbeschäftigung sinkt die Ungleichheit. Insgesamt ist dies eine Phase der Prosperität, wie etwa von 1950 bis 1973. In der finanzkapitalistischen Spielanordnung („Bullen- und Bärenmärkte“) dominiert hingegen die selbstreferenzielle Geldvermehrung (G-G‘ in der Marx’schen Diktion). Der Zinssatz liegt über der Wachstumsrate, instabile deregulierte Finanzmärkte lenken das Gewinnstreben auf Finanzinvestitionen, die Profitrate des Realkapitals sinkt und damit das Wachstum der Realinvestitionen. Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Sozialabbau erhöhen die Ungleichheit. Es ist dies die Phase der Krise wie seit etwa 1980 (Schulmeister, 2018, 124f). Die Verteilungseffekte von Bullen- und Bärenmärkten erhöhen die Ungleichheit der Verteilung sowohl von Finanz- als auch von Immobilienvermögen. Ausgangspunkt hierfür ist das für den Finanzkapitalismus typische Verlagern der Altersvorsorge von staatlichen zu kapitalgedeckten (privatwirtschaftlichen) Systemen. In steigenden Finanz- 9 Der Titel ist in bewusster Anlehnung an den Nationalökonomen der österreichischen Schule Friedrich Hayek „Der Weg zur Knechtschaft“ gewählt. Während Hayek jedoch mit diesem Werk der neoliberalen Denkungsart Vorschub leisten wollte, geht es Schulmeister um die Einhegung des Finanzkapitalismus und die Stärkung des Realkapitalismus durch stärkere Sozialpflichtigkeit des Kapitals und strengere Regulierung der Finanzmärkte. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 32 märkten werden Menschen verführt, über ihre Verhältnisse zu leben. Sinken die Vermögenspreise und kommt es zu einer Rezession, verlieren Einkommensschwächere ihre Arbeit und lösen ihr Pensionskapital ganz oder teilweise auf. Die Wertpapiere gelangen in die Hände derer, die keine Not leiden. Diese partizipieren am meisten von nachfolgenden steigenden Vermögenspreisen (Schulmeister, 2018, 154f). Durch die Bildung von Finanzkapital allein kann eine Gesellschaft nicht zu mehr Wohlstand gelangen. Vielmehr gilt das Gegenteil: Die „unsichtbare Hand“ der freiesten Märkte (der Finanzmärkte) verschlechtert systematisch die gesamtwirtschaftliche Performance (Schulmeister, 2018, 132). Der Homo oeconomicus als theoretisches Gedankenmodell, ohne den diese freiesten Märkte nicht funktionieren würden, dient nun den Vertretern des neoklassisch/neoliberalen Denkgebäudes als das Referenzmodell des Menschen schlechthin. Der streng rational entscheidende und emotionslose Akteur ist jedoch nach Tomas Sedlacek deshalb so gefährlich, weil er eben Gefühle vollkommen ausblendet. Ist man „lediglich“ wütend, kann man in diesem Zustand jemanden umbringen. Aber man wird wahrscheinlich keinen Krieg beginnen oder eine Rasse auslöschen. Denn dafür braucht es einen kühlen Kopf. Die Menschen würden häufiger Verbrechen begehen, die aus rationalem Kalkül hervorgehen. Allein ein Homo oeconomicus zu sein, ist des Menschen nicht würdig (Sedlacek, Graeber, 2015, 47). Allein die Vorstellung, dass es einen Homo oeconomicus in der realen Welt tatsächlich gibt, trägt demnach zum Überschießen des Kapitalismus bei, weil er lediglich die Ratio anspricht und die emotionale Seite des Menschen völlig ausklammert (vgl. Kap. 2.4.2).Die unsichtbare Hand des Marktes, die vollkommene Rationalität – die haben wir im echten Leben noch nie kennen gelernt. Wir sind noch nie einem homo oeconomicus begegnet, aber jeder von uns ist einer“. Dadurch wird der Homo oeconomicus, zu einem extrem wirkmächtigen Mythos, etwas, das nie geschehen ist, aber ständig geschieht (Sedlacek, Graeber, 2015, 63). Wir sehen also, dass die Vorstellungskraft des Menschen erstens extrem wirkmächtig sein kann und es zweitens auch darauf ankommt, welche Vorstellungen vom Menschsein jeweils zum Tragen kommen und den Denkgebäuden zugrunde gelegt werden. 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 33 Große Transformation als Erweiterung des Begriffs der Nachhaltigkeit Karl Polanyi beschrieb in seinem Hauptwerk „Die große Transformation“ den Übergang zur Industrialisierung in Großbritannien als eine Veränderung sozialer, ökologischer, politischer und ökonomischer Gegebenheiten, welche darin gipfelte, dass die Wirtschaft nicht mehr wie vordem in die Sozialstrukturen der Gesellschaft eingebettet war („embeddedness“), sondern sich im Gegenteil der gesellschaftliche Raum der Marktlogik unterwarf, die Gesellschaft somit in die Wirtschaft eingebettet wurde. Diese Entbettung der Wirtschaft aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen mag auch darin zum Ausdruck kommen, dass ein Slogan der Wirtschaftsvertretung nach der Art „ Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ vor der großen Transformation wohl auf vollkommenes Unverständnis gestoßen wäre, da die Begrifflichkeiten eine Prioritätensetzung implizieren, die damals so nicht existierte und daher im Bewusstsein der Gesellschaft keine Manifestation erfuhr. Als das erste Element aus der langen Kette der wirtschaftlichen Verselbständigung gegenüber dem Gemeinwesen nennt Polanyi die sogenannten Einfriedungsgesetze aus dem 18. Jahrhundert, welche den Grundherren die exklusive Landnutzung ermöglichten. Die Landbewohner, welche die vordem allgemein zugänglichen Weiden für ihr Vieh nutzen konnten, wurden durch diese Revolution der Reichen gegen die Armen erst zu jenen Mittellosen, die fortan ihre Arbeitskraft in den Industriebetrieben der Städte verkaufen mussten und dadurch die beginnende industrielle Revolution überhaupt erst ermöglichten (Polanyi, 2010, 36ff). Soll der Industrialismus jedoch nicht zur Auslöschung der Menschheit führen, dann muss er den Erfordernissen der menschlichen Natur untergeordnet werden, so Polanyi (Brie, 2015, 37). Im Gegensatz zu frühen klassischen Ökonomen wie Adam Smith fand Polanyi nicht, dass freie Märkte quasi einem Naturgesetz entsprächen und regulierende Eingriffe des Staates erst später in Mode kamen. Er insistierte hingegen darauf, dass die liberale Marktverfassung selbst das Ergebnis politischer Interventionen sei, welche die Schutzzäune der merkantilistischen Periode niederrissen (Hank, 2014). 2.3.5 2 Thematische und theoretische Grundlagen 34 Auch hier zeigt sich, dass die der Wirtschaftssphäre zugrunde gelegten Spielregeln von Personen innerhalb von Institutionen der Gesellschaft verhandelt, eingeführt oder verändert werden und somit nicht im wertfreien Raum existieren. (s. Kap. 2.4.3). Die Fundamente gesellschaftlicher Existenz und Entwicklung wurden zu Produktionsfaktoren degradiert, somit einem strengen Rationalitätskalkül unterworfen (vgl. Kap. 2.3.1). Das Inwertsetzen von Natur und Arbeitskraft durch das Kapital untergräbt jedoch tendenziell die Grundlagen von Natur und Arbeit, da letztere Elemente einer komplexen biophysikalischen Dynamik sind (Brand/Wissen, 2017, 30). Natur und Arbeit werden vom kapitalistischen System, welches sich nur dem „Rationalen“ verpflichtet fühlt, über Gebühr beansprucht und in der Folge lösen reaktive Gegenbewegungen regelmäßig krisenhafte Entwicklungsdynamiken aus. Polanyi argumentiert weniger moralisch als systemisch: die Produktionsfaktoren Land, Arbeit und Kapital nennt er „virtuell“, sie haben ihre Wurzeln im sozialen Leben. Arbeit ist der Name für menschliche Betätigung; Land ein anderes Wort für Natur; und Geld ist eine Metapher für die Kaufkraft einer Gesellschaft. Land, Arbeit und Kapital gehören sohin in die Sphäre des alles tragenden Lebens und nicht auf partikulare Märkte handelbarer Güter wo sie aufgrund dieser Trennung dem Leben nur mehr mittelbar verbunden sind (Hank, 2014). Die Abtrennung von Lebens-Mitteln wie Land, Arbeit und Kapital vom Humanum und ihre Unterwerfung unter das Gesetz von Angebot und Nachfrage erfordert einen Preis: den der Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen. Das Absägen des Astes, auf dem man sitzt, hat letztlich seinen Ursprung auch in der großen Transformation, welche ein Produkt des abendländischen Rationalitätskalküls ist. Polanyis Verdienst besteht darin, dass er aufzuzeigen vermag, wie gesellschaftliche Umbrüche und Normveränderungen auf individuelle Rollen- und Identitätsvorstellungen rückzuwirken vermögen und die Utopie der Marktwirtschaft in die menschliche Selbstregulierung inkorporiert wird (Göpel, 2014, 71). Transformation der Gesellschaft hin zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Welt bedeutet letzten Endes nicht die eine „große Transformation“ wie sie etwa Karl Polanyi zur Beschreibung des kapitalisti- 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 35 schen Siegeszuges in den westlichen Gesellschaften formulierte, sondern viele sequenziell und parallel ablaufende Transformationsprozesse in unterschiedlichen Subsystemen (Göpel, 2014, 70). Polanyi versteht notwendige Transformation auch in dem Sinn, dass selbstregulierende Märkte überwunden und einer demokratischen Gesellschaft untergeordnet werden müssten. Die Große Transformation des 21. Jahrhunderts erfordert den Übergang zu einer nachhaltigen Solidargesellschaft (Brie, 2015, 76). Hierbei ist es essenziell zu erkennen, dass Opposition gegenüber dem Kapitalismus zu dessen eigenen internen Systemdynamiken gehört. Aber darüber hinausgehend ist die grundlegende Frage zu stellen, ob Gegentendenzen die Wirtschaft wieder in die Gesellschaft einbetten und damit anerkennen, dass Sozialbeziehungen die ultimative Matrix der menschlichen Existenz sind (Behrent, 2016, 451). Für Polanyi sind folgende Einstiegsprojekte in eine umfassende Transformation zur Einbettung der Wirtschaftssphäre in die Gesellschaft erforderlich: Unbegrenzte Rechte des Privateigentums sowie des Profitstrebens müssen beschränkt werden ebenso wie die Freiheit der willkürlichen Verweigerung von Erwerbsarbeit und die Freiheit der willkürlichen Entlassung. Am Gemeinwohl orientierte Unternehmen müssen gefördert werden (Brie, 2015, 78). Die Forderung nach Wiedereinbettung von Marktwirtschaft und Freihandel setzt aber auch bei der Etablierung von globalen Governance-Institutionen wie der nationalen Staatlichkeit gleicherma- ßen an (Kraas et al., 2016, 20). Der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltveränderungen formuliert: „Es muss eine neue Balance zwischen Markt und Staat hergestellt werden; die radikalen Varianten beider isolierter Ansätze sind gescheitert. Die Diversität von Steuerungsmechanismen in embedded markets kann dagegen die Resilienz von Wirtschaftssystemen stärken und Grundlage sozial-ökologischer Marktwirtschaften werden“ (Kraas et al., 2016, 34). Transformation ist aber auch ein Begriff, der ähnlich wie jener der nachhaltigen Entwicklung zunächst wenig Konkretes birgt. Sie kann – durchaus im Polanyi’schen Sinn – als fundamentale Veränderung verstanden werden, die Werte und Routineverhalten hinterfragt und vormalige Perspektiven verändert. Somit versteht sich Transformation im 2 Thematische und theoretische Grundlagen 36 Zusammenhang mit dem vorliegenden Betrachtungsgegenstand der Gemeinwohlökonomie als Erweiterung des Begriffs der Nachhaltigkeit. Dieser impliziert grundlegendere Änderungen als einen technologisch und von Innovationen getriebenen Übergang in eine kohlenstoffarme Gesellschaft. Er erfordert Pioniere des Wandels, wie ökologisch ausgerichtete Unternehmen (Brand/Wissen, 2017, 29f). Und er erfordert im Sinne Polanyis nicht eine marktkonforme Demokratie, sondern einen demokratiekonformen Markt (Hank, 2014). Wie soll jedoch Transformation – hin zu einer der Nachhaltigkeit verpflichteten Lebensführung – gelingen, wenn in der Gesellschaft die Voraussetzungen dafür nicht geschaffen werden können, da nichtnachhaltige Alltagspraxen auf unbewussten Voraussetzungen beruhen? Wie die unbewussten Sachverhalte ins Bewusstsein bringen? Ein erster Schritt bestünde möglichweise darin, die nicht-nachhaltigen Alltagspraxen auf einer Wissensebene zu bearbeiten, das heißt, diese erst einmal zu benennen, zu beschreiben und den Menschen Zusammenhänge zwischen der Lebenspraxis und den daraus resultierenden krisenhaften Erscheinungen in der eigenen und in weiterer Folge auch der Lebenssphäre Anderer zu vermitteln. Kann man also erwarten, dass die Menschen in ihrem Alltag auch die Probleme der Wachstumsgesellschaften berücksichtigen? Eine relativ simple, aber in der praktischen Umsetzung folgenreiche Antwort lautet: Wenn es gelänge, den Zusammenhang zwischen den Problemen der Wachstumsgesellschaft und den Alltagsproblemen der sie konstituierenden Menschen herzustellen, ließen sich Ansatzpunkte für eine politische Motivation hinsichtlich einer sozial-ökologischen Wende gewinnen (Brand, Wissen, 2017, 180). Dies bedeutete wohl auch die Wende hin zu einer sozialökologischen Transformation, der aktuell nicht nur die objektiv herrschenden Machverhältnisse und institutionellen Strukturen entgegenstehen. Auch der herrschende Diskurs ist in einer anderen Form zu prägen, eine ganz andere Form der „Erzählung“ war schon für Polanyi Teil der Transformation (Brie, 2015, 93). Die Erzählung, das Narrativ als mitentscheidender Baustein der Transformation: Backcasting oder Vorerinnerung als Blick aus der Zukunft zurück auf die Schritte, die man gehen musste, um das angepeilte Ziel zu erreichen, ist Teil dieser Erzählung. Vorerinnerungen sind 2.3 Triebelemente und Werte der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung 37 mentale Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes. Sie spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine ebenso wichtige Rolle wie real erlebte Vergangenheiten (Welzer, 2013, 136). Die Gemeinwohlökonomie bzw. die Gemeinwohlbilanz als Element der angesprochenen Diversität kann durchaus als ein Instrument zum Zwecke der gesellschaftlichen Transformation hin zu einer nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweise betrachtet werden. Im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss wurde im September 2015 empfohlen, das Gemeinwohlökonomiemodell sowohl in den europäischen als auch die einzelstaatlichen Rechtsrahmen zu integrieren. Ein auf das transformative Potenzial hinweisendes Element ist der explizit politische Charakter und das Bemühen um eine ordnungspolitische Verankerung der Gemeinwohlökonomie (Sommer et al., 2016, 237f). Eine definitive Verankerung der Gemeinwohlbilanz als rechtsverbindliche Form der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Rahmen der Nicht-Finanzielle-Informations-(NFI-) Richtlinie der EU fand jedoch nicht statt. Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du. Mahatma Gandhi Humanökologische Bedingungen für eine gesellschaftliche Transformation In sozialpsychologischer Hinsicht arbeiten Brand/Wissen (2016) mit der Begrifflichkeit der „imperialen Lebensführung“ heraus, dass Transformationen weg von der ausbeuterischen Form des Kapitalismus insbesondere deshalb besonders schwierig sind, da Produktions-, Distributions- und Konsumnormen tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und –praxen der Bevölkerung eingelassen sind. Nichtnachhaltigkeit ist demnach ein praktischer 2.4 2.4.1 2 Thematische und theoretische Grundlagen 38 Sachverhalt, der in der Regel unbewusst gelebt wird. Bewusste Akte des Handelns und Entscheidens beinhalten immer auch eine Vielzahl unbewusster sozialer Voraussetzungen. So werden Entscheidungen für den Autokauf auch davon beeinflusst, wie der öffentliche Verkehr ausgebaut ist, welche staatlichen Kauf- und Nutzungsanreize gesetzt werden, welche Männlichkeitsbilder vorherrschen oder wie stark gesellschaftliche Statuskonkurrenz ausgeprägt ist. Diese überindividuellen und nicht notwendigerweise bewussten Faktoren wirken sich auf die Kaufentscheidung aus. Bewusstes Handeln gründet also vereinfacht gesagt auf unbewussten Voraussetzungen (Brand, Wissen, 2016, 48f). Auch Sedlacek (2012) geht in seiner Ökonomie von Gut und Böse davon aus, dass die wichtigeren Elemente einer Gesellschaft oder eines Forschungsfeldes wie der Ökonomie in den Grundannahmen liegen, von denen die Anhänger eines bestimmten Systems unbewusst ausgehen. Diese Annahmen erscheinen den Menschen so offensichtlich, dass sie gar nicht wissen, was sie annehmen. Sie haben keinen Anlass, die Dinge anders zu betrachten als bisher10 (Sedlacek, 2012 ,20). Wie wir schon bei Vietta (vgl. Kap. 2.3.1) gesehen haben, ist durch die europäische Rationalitätsgeschichte der letzten 2500 Jahre eine wesentliche Dimension des Mensch-Seins beinahe ausgeblendet worden, in der modernen Wirtschaftswelt haben Emotionen und spirituelle Erfahrungen keinen Platz. Hier zählen Werte wie Effizienz, Gewinnori- 10 Übrigens ist es hier auch passend, Robert Musil mit der oftmals zitierten Unterscheidung in Realitätssinn und Möglichkeitssinn zu erwähnen. Diese Unterscheidung ermöglicht auch das Verstehen von Umwälzungen, die zunächst ignoriert, dann belächelt, dann bekämpft und in weiterer Folge übernommen oder eingeführt werden. „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist. Man sieht, dass die Folgen solcher schöpferischen Anlage bemerkenswert sein können, und bedauerlicherweise lassen sie nicht selten das, was die Menschen bewundern, falsch erscheinen und das, was sie verbieten, als erlaubt oder wohl auch beides als gleichgültig. Solche Möglichkeitsmenschen leben, wie man sagt, in einem Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven. Kindern, die diesen Hang haben, treibt man ihn nachdrücklich aus“. (Musil, 1978, Abschnitt 4). Wenn eine ausreichend große Zahl von Gesellschaftsmitgliedern (Möglichkeitsmenschen?) von einer Idee überzeugt ist, ist sie möglicherweise in der Lage den Mainstream zu transformieren. Insofern ist durchaus vorstellbar, dass eines Tages ein nachhaltiger Lebensstil Common Sense ist, sofern genügend Menschen in allen Gesellschaftsschichten sich diesem Lebensmodell verschrieben haben (vgl. Kap. 1) 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 39 entierung, Konkurrenzdenken. Die Vorstellung, wir könnten nach Gutdünken über die Ressourcen unseres Planeten verfügen, weil wir uns als Krone der Schöpfung wähnen, stellt uns außerhalb der Natur, über sie und gegen sie. Unser Verhältnis zur Natur ist oft ausschließlich utilitaristisch, denn sie hat in diesem Verständnis lediglich dann einen Sinn, wenn sie auf den Menschen hin orientiert ist (Boff, 2010, 192). Wie also den Übergang in der Wahrnehmung des Menschen schaffen? Die Transformation zu einer Lebenswelt, die nicht systematisch die Voraussetzungen für ihre eigene Existenz zerstört, bedingt auch die Transformation der menschlichen Auffassungen von „Welt“, sohin die Vorstellung dessen, wie ein Leben aussehen müsste, das Lebensgrundlagen nicht systematisch schädigt, sondern systematisch fördert. Boff plädiert für eine neue Ökologie des Humanen, bei der das Pathos in Form des Mitgefühls der Sympathie und des Erbarmens wieder einen zentralen Platz neben dem Logos einnimmt. Es geht um die Überwindung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes, der wesentlich durch Descartes („Ich denke, also bin ich“) in die Geisteshaltung der Neuzeit eingeflossen ist. Die grundlegende Struktur des Menschen ist nicht die Vernunft, sondern das Gefühl und das Empfindungsvermögen (Boff, 2015, 195). In der Umweltenzyklika Laudato Si heißt es, dass nach einer Phase irrationalen Vertrauens in den Fortschritt und das menschliche Können nun eine Phase eintritt, in der Teile der Gesellschaft ein stärkeres Bewusstsein und eine erhöhte Sensibilität entwickeln gegenüber dem, was unserem Planeten widerfährt. Der Papst spricht der in der abendländischen Rationalitätsgeschichte systematisch abgewerteten Emotio das Wort, wenn er meint, es gehe darum, das, was der Welt geschieht, schmerzlich zur Kenntnis zu nehmen und in persönliches Leid zu verwandeln, um zu erkennen, welches der Beitrag ist, den jeder Einzelne leisten kann (Franziskus, 2015, 35). Erich Fromm postuliert, dass eine radikale Änderung des menschlichen Verhaltens Grundvoraussetzung für dessen nacktes Überleben sei. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte hänge die physische Weiterexistenz der Menschheit von der radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab. Dieser Wandel des Herzens sei aber nur mög- 2 Thematische und theoretische Grundlagen 40 lich, wenn sich soziale und ökonomische Strukturen grundlegend wandeln und Mut und Vorstellungskraft in ausreichendem Maße vorhanden sind, um diesen Wandel voranzutreiben (Fromm, 2014, Einführung). Fromm formuliert sinngemäß, dass einer der gewichtigsten Einwände gegen das Ziel, Habsucht und Neid zu überwinden, nämlich der Einwand, dass diese in der menschlichen Natur verwurzelt seien, bei näherer Betrachtung stark an Bedeutung verliere. Habsucht und Neid seien nicht von Natur aus so stark, sondern infolge des allgemeinen Drucks, ein Wolf unter Wölfen zu sein. Sobald sich das gesellschaftliche Klima, die allgemeinverbindlichen Wertmaßstäbe geändert habe, werde auch der Übergang von der Selbstsucht zum Altruismus um vieles leichter sein (Fromm, 2014, Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft). Zukunftsforscher stellen fest, dass die Menschen in unsicheren Zeiten weniger an die Steigerung des Lebensstandards denken als an das Erreichen eines Mindestmaßes an sozialer Lebensqualität. Das materielle Wohlstandsverständnis ändert sich grundlegend. Für Deutschland gilt der Befund, dass Kinder mehr zu Mitmenschlichkeit als zu Konkurrenzdenken erzogen werden sollen und dass ein Wertewandel hin zu einem höheren Stellenwert für Sozialbeziehungen und Naturerleben als für die Anhäufung von materiellen Wohlstandsgütern eingesetzt hat (Opaschowski, 2008, 139ff). Lebensstandard ist eben etwas anderes als Lebensqualität. Weniger Materialität könnte die Voraussetzung für mehr Qualität sein. Wenn bei den Menschen in der Gesellschaft bereits längst ein Umdenken in Gang gesetzt hat, stellt sich die Frage, warum diese sich wandelnden Werte noch nicht im (globalen) Wirtschaftsgeschehen angekommen sind. Nötig erscheint hierzu eine rationale Einschätzung der Rationalität, um deren eigene Grenzen und Engführungen zu erkennen. Reichtum bemisst sich nicht in erster Linie in Quantitäten, sondern in den Qualitäten von sinnlicher Wahrnehmung, Emotionen und Phantasien. Rationalität tendiert zur Beengung von Individualität durch Disziplinierung und Kontrolle. Eine Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Individuen hin zu einer mehr holistischen Lebens- und Weltauffassung würde jene Freiräume eröffnen, in denen sich ein selbst bestimmtes und offenes Lebensgefühl entfalten kann, eine nachhaltige ökonomi- 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 41 sche Wohlfahrt. Somit ist ein Paradigmenwechsel der Rationalität vonnöten: Weg von einer ausbeuterischen, hin zu einer reflexiven und nachhaltigen Form der Rationalität. (Vietta, 2016, 216ff). In der wertebezogenen Spiritualität des gegenwärtigen Papstes geht es darum, von einer Haltung des Problemleugnens oder Resignierens abzustehen und sich einer universalen Solidarität hinzuwenden, bei der es der Talente und des Engagements aller bedarf. Eine vertiefte Hinwendung zur Umwelt-, Human- und Kulturökologie ist erforderlich, was vor allem die Erkenntnis einschließt, dass die Lebens- und Überlebensbedingungen auf komplexe Art miteinander verwoben sind, deren Zusammenhänge wir nie endgültig erkennen oder verstehen können. Nicht zuletzt bedarf es, um einer konstatierten oberflächlichen Fröhlichkeit zu entsagen, einer grundlegenden Hinwendung zu einer Ethik der Güte und der Ehrlichkeit (Franziskus, 2015, 31,123,186). Fasst man die Anforderungen an die vor uns liegende Transformation zusammen wird deutlich, dass die anstehenden Veränderungen weit über technologische und technokratische Reformen hinausreichen. Die Gesellschaften müssen auf eine neue Geschäftsgrundlage gestellt werden. Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung. Dieser Gesellschaftsvertrag muss eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie eine Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen (Zukunftsverantwortung) kombinieren. (WBGU, 2011, 2). Neuere Konzepte menschlicher Auffassungen von „Welt“ Mit allem, was lebt, sind wir durch Wesensverwandtschaft und Schicksalsgemeinschaft verbunden. Albert Schweitzer Unsere materialistisch determinierte Vorstellung von Welt hat uns seit vielen Generationen geprägt. Wir leben in einer Welt des Materialismus, der die Wirtschaftskreisläufe befeuert und uns Bedürfnisbefriedigung suggeriert. Bedürfnisbefriedigung ausschließlich in materieller Hinsicht. 2.4.2 2 Thematische und theoretische Grundlagen 42 Dies führt zu einer Weltsicht der „Nekrologie“. Die handelnden und die Macht konstituierenden Menschen vom Typ „Nekrosoph“ befassen sich mit Zahlen, Daten, Fakten; also toter Materie. Lebendig im Sinne einer Kultivierung auch des Immateriellen wird man aber erst durch die Befassung mit Lebendigem, seien es nun lebende Organismen oder die Vorgänge in der Natur. Unser System trennt aber systematisch das Tote von allem, was uns das Lebendige sinnlich erfahrbar werden lässt. Das System zwingt uns, rationaler, vernünftiger, effizienter, profitmaximierender zu werden. Was wir dabei schlicht und ergreifend übersehen ist, dass wir als Menschen Teil des natürlichen Kreislaufes sind und uns nur als Lebewesen begreifen können, die in permanenter Interaktion mit anderen Lebewesen und Lebendigem stehen. Einfacher ausgedrückt: Die Befassung mit totem Material lässt uns selbst weniger lebendig werden, die Befassung mit Leben lässt uns aber selbst lebendiger werden. Wer in der Wirtschaft nur mit toten Zahlen operiert und für keinen emotionalen Ausgleich sorgt, verliert das Gefühl für die Notwendigkeit des Lebendigen. Dies führt letztlich zur Wahrnehmung von Natur als Ressource für Gewinnmaximierung und zur Wahrnehmung von Menschen als Humankapital. Der Gedanke von Natur als eigenständigem, aus sich selbst heraus sinn- und werthaltigem Teil von „Welt“ oder der Gedanke einer Gesellschaft als Wertegemeinschaft ist für Menschen dieser Geisteshaltung nicht vorstellbar und daher nicht denkbar11. Es ist daher zu konstatieren, dass wir als Gesellschaft seit Langem an einem Verlust einer Sensibilität dem Lebendigen gegenüber laborieren. Es gibt jedoch – vor allem in den Naturwissenschaften – Ansätze, die deutlich über den Materialismus hinausweisen und eine völlig andere Sicht auf die Welt ermöglichen. Die Auffassung von Welt basiert in diesen Konzepten auf Lebendigkeit, auf der Vorstellung, dass sich der Mensch als lebendiges Wesen verwirklichen, seinen Gemeinschaftssinn ausleben möchte und durchaus im Einklang mit natürlichen Prozessen, mit seinem der Natur entsprungenen und mit Natur interagierenden Wesen stehen will. 11 Margareth Thatchers „There is no such thing as society“ mag als illustrierendes Beispiel dienen. 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 43 Ivan Illich hat sich bereits zur Zeit der „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome im Jahre 1972 mit der Notwendigkeit der Begrenzung von wachstumsfördernden individuellen wie gesellschaftlichen Strukturen zugewandt. Er nannte sein Konzept Konvivialität, im englischen conviviality. Der Terminus Konvivialität bedeutet für Illich die Summe aus technischen und instrumentellen Werkzeugen, deren sich der Mensch bedient. Werkzeuge sind demnach nicht nur Maschinen und Technologien, sondern auch institutionalisierte Prozesse wie Schul-, Gesundheits- oder Transportwesen (Illich, 1998, 41). Konvivialität meint eine Gesellschaft, in der diese Werkzeuge vernünftigen Wachstumsbeschränkungen unterliegen (Illich, 1998, 13f). Konvivialität als Konzept erklärt das Gegenteil von industrieller Produktion zur Norm. Sie soll für den autonomen und kreativen Umgang von Menschen mit ihrer Umwelt als Gegensatz zu den konditionierten Reaktionen von Menschen auf Anforderungen durch andere und Anforderungen durch eine künstliche Umwelt stehen. Konvivialität erhält nach Illich einen hohen ethischen Wert dadurch, dass sie individuelle Freiheit in persönlicher Interdependenz verwirklicht. Sie entstünde auf der Grundlage gesellschaftlicher Regelungen, die dem einzelnen den umfassenden und freien Zugang zu den Werkzeugen gewährleisten und diese Freiheit nur um der gleichen Freiheit eines anderen willen einschränken könnten. Sie zeichnet sich durch drei Grundwerte aus: das menschliche Überleben, die Gerechtigkeit und das selbstbestimmte Arbeiten. Die Voraussetzungen für die konviviale Arbeit sind strukturelle Regelungen, die eine noch nicht dagewesene Machtverteilung ermöglichen würden (Illich, 1998, 30ff). Die von Menschen genutzten Werkzeuge sind dann konvivial, wenn sie jedem, der sie benutzt, die bestmögliche Gelegenheit bietet, die Umwelt mit den Ergebnissen seiner Visionen zu bereichern. Ivan Illichs Konzept der Konvivialität stimmt in wesentlichen Punkten mit dem überein, was auch in der Gemeinwohlökonomie gelebt werden soll und will: die Beschränkung zu mächtig gewordener Werkzeuge durch Eliminierung als Zweck und Wiedereinsetzung als Mittel auf der Basis von der Allgemeinheit dienenden Wertvorstellungen: Eine konviviale Gesellschaft sollte es jedem ermöglichen, so autonom wie nur möglich mit Werkzeugen umzugehen, die in so geringem Maß wie möglich anderen unterstünden. Menschen empfinden nicht 2 Thematische und theoretische Grundlagen 44 nur Befriedigung, sondern Freude, wenn sie schöpferisch tätig sein können (Illich, 1998, 41). Dies kann durchaus im Sinne einer Beschränkung der Orientierung am Geld als Zweck und einer Ausrichtung am Lebendigen, dem Menschen Dienenden verstanden werden. Gerhard Frank argumentiert, dass in den letzten zwei Jahrhunderten Naturwissenschaft und Wirtschaft in wechselseitiger Beeinflussung das gegenwärtig dominierende materialistische Weltbild geschaffen haben. Damit ging eine fortschreitende Orientierung des Menschen am materiellen Wohlstand einher. Die dualistische – materielle wie immaterielle – Natur des Menschen bekam eine eindeutig materielle Schlagseite. Er erachtet jedoch die immaterielle Wertewelt – Glück, Freude, Unbeschwertheit, Frieden, Selbstentfaltung, geliebt sein als ebenso wichtig für die menschliche Entwicklung. Materiell kommt jeder Mensch mit einem Gefühl für Genügsamkeit auf die Welt. Die immateriell ausgelebte Seite des Menschen hat jedoch keine oder nur geringe Auswirkungen auf die Ressourcennutzung bzw. die Nutzung der Umwelt als Emissionssenke. Eine Welt, in der neben dem rein materiellen Dasein auch immaterielle Tugenden gelebt werden, weist folgende Kennzeichen auf: – Sie knüpft und stärkt reale Beziehungen und macht die Gemeinschaft widerstandsfähiger, belastbarer, hoffnungsfroher, hilfsbereiter gegenüber jenen, die der Hilfe bedürfen, weniger vorurteilsvoll und weniger anfällig für ideologische Hetze. – Je mehr immaterielle Kompetenz erlernt wird, umso geringer wird der Bedarf an konsumistischer, materieller Bedürfnisbefriedigung. – Immaterielle Entfaltung trägt zur Entschleunigung bei. – Glück hängt nicht vom Haben ab. (Materielles) Haben schließt andere von der Nutzung aus, (immaterielles) Sein benötigt geradezu den Anderen, um Glück entfalten zu können. Einheit im Erleben, als systematische Bedingung des Glücks setzt Teilen voraus (Frank, 2018, 237f). Er postuliert eine neue Qualität des Erlebens, welche sich durch Orientierung am Lebendigen auszeichnet: „Im Erleben schaffen wir die Bedingungen für unser Leben. Indem wir als Erlebende auf unsere Umwelt einwirken, sind wir es, die die Probleme schaffen, von denen die Medien tagtäglich berichten. Klimawandel, Ressourcenknappheit, Artensterben 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 45 u.v.m. – all das folgt aus unserem Lebensstil, der sich im Erleben jedes Einzelnen manifestiert. In der Art und Weise, wie du und ich träumen, denken, fühlen, handeln und in unseren Haltungen übereinstimmen. Der Schaden, den ich dem Leben zufüge, füge ich mir zu, weil ich ein Teil vom Leben bin. Er kommt wie ein Bumerang zurück und trifft mich dort, wo ich am verwundbarsten bin. In meinem Hoffen auf eine gute Welt, in meinem Sehnen nach einem guten Leben in einem friedlichen Miteinander auf einem unbeschädigten Planeten. Es braucht ein anderes Erleben, wenn wir damit aufhören wollen, uns selbst zu schaden. […]. Verhalten und Erleben sind identisch. Ich bestimme, was ich denke, träume, fühle, mit dir teile, mache und damit den Kreisläufen des Lebens zufüge. Unser Schicksal liegt in unseren Händen.“ (Frank, 2018, 244). Einer der engagiertesten Vertreter einer Hinwendung zum Biophilen, zu einer neu verstandenen und gelebten Lebendigkeit in der Beziehung des Menschen zu seinem Tun und zu seiner Weltstruktur, in welche jeder Einzelne eingebettet ist, ist der Biologe Andreas Weber. Sein Konzept des „Enlivenment“ ist getragen von der Frage, wie ein würdevolles Leben für den Menschen möglich wird, bei dem er in friedlicher Koexistenz und in Respekt mit der Natur leben und die planetaren Grenzen akzeptieren kann. In den Naturwissenschaften geht eben ein Paradigmenwechsel vor sich. Weg von einer reduktionistischen Weltsicht, welche Natur als deterministische Maschine von außen betrachtet hin zu einer „enlivened“ Sicht von Welt, welche den Menschen als tief eingebettet in ein Netz dynamischer, lebendiger und kreativer Beziehungen begreift. Subjektivität (im Gegensatz zur Trennung von Subjekt und Objekt), Empfindungsfähigkeit, Ausdruck, Werte und Autonomie befinden sich im Zentrum der Biosphäre. Und dies nicht als bloßer Ausdruck spekulativer Theorien, sondern zunehmend durch empirische Befunde bestätigt (Weber, 2013, 7). Der Homo oeconomicus als rationaler, nutzenmaximierender Marktteilnehmer ist das Narrativ, welches wir über uns selbst erzählen und das im Wechsel unsere Vorstellungen von Welt prägt und unsere Phantasien über mögliche Alternativen von vorneherein limitiert.12 Natürliche Prozesse sind hingegen äußerst ineffizient und höchst frei- 12 Das zeitgenössische Narrativ „There is no alternative (TINA)“ ist in individueller wie in gesellschaftlicher Hinsicht eines der abstrusesten, schädlichsten und haltlosesten Konstrukte, welches lediglich dem neoliberalen Zeitgeist und seiner Unter- 2 Thematische und theoretische Grundlagen 46 gebig im Produzieren von Überschüssen. Natur ist kein Nullsummenspiel, sondern eine expansive, kollaborative Entfaltung des Lebens selbst. Es ist im Lichte dieser neuen Erkenntnisse essentiell, die Auswirkungen unserer gegenwärtig dominanten ökonomischen Strukturen und deren Ökonomisierung sämtlicher Daseinsdimensionen genauestens zu untersuchen. Deren Prinzipien versagen in der Anerkennung der wissenschaftlichen Wirklichkeit des Lebens selbst – dass Leben und Lebendigkeit fundamentale Kategorien des Denkens und dass individuelle Erfahrung und Sinn bedeutende Wirklichkeiten von Ökosystemen sind, welche Gesetz, Politik und Institutionen anerkennen und fördern müssen. Die Errungenschaften der Aufklärung – unsere individuellen Freiheiten und Rechte – müssen mit der sich entwickelnden Vision des Enlivenment kombiniert werden, der Entfaltung der beziehungsvollen, ko-kreativen Kraft von autonomen Wesen (Weber, 2013, 8). In seiner Umweltenzyklika „Laudato si“ formuliert der Papst: „Diese Überzeugung (die Verbundenheit mit allem Lebendigen, Anm.) darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein,[…]. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.“ (Franziskus, 2015, 29).13 Denker wie Lynn Margulis, Francisco Varela, Humberto Maturana, Alicia Juarrero, Stuart Kauffman und Gregory Bateson haben zur Entwerfung der Menschen unter „die Märkte“ huldigt. Es ist hoch an der Zeit, dies zu entlarven und Gegenmaßnahmen der lebendig machenden Selbstermächtigung zu ergreifen. 13 Vergleiche die Ausführungen in Kapitel 2.3.1, die den Kontrapunkt zu diesen Sätzen bilden: Überbordende Rationalität und Ausblendung der irrationalen Anteile im Menschen als eine der wesentlichen Ursachen für die Krisen der Gegenwart. Irrationalität in Form von Phantasie und kreativer Emotionalität als wichtige Eigenschaften in Ergänzung zur Rationalität, um die Krisen effektiv anzupacken. Damit wir endlich auch glauben (können), was wir längst wissen (müssen). Und aus tiefster innerer Überzeugung heraus zu handeln beginnen. 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 47 stehung eines Bildes beigetragen, in der Organismen nicht länger als Maschinen betrachtet werden, die mit anderen Maschinen konkurrieren, sondern als natürliche Phänomene, welche sich selbst in materieller Hinsicht kreieren und entwickeln, während sie kontinuierlich Erfahrungen machen und diese ausdrücken. Lebendig sein ist diesen Forschern zufolge nicht eine Sache des Ursache – Wirkung – Denkens alleine, sondern ebenso sehr ein kompliziertes Zusammenspiel von Interessen und Gefühlen. Hirnforscher wie Antonio Damasi zeigen, dass Emotionen, nicht abstrakte Kognition, der Stoff sind, der unsere Hirne ausmacht. Insbesondere die Biologie als Wissenschaft vom Leben entdeckt, dass Empfindung und dessen Ausdruck nicht nur Begleiterscheinungen in Organismen darstellen, sondern vielmehr die Art und Weise sind, wie lebendige Wesen überhaupt existieren (Weber, 2013, 19). Letztlich bedeutet das Konzept des Enlivenment einen Paradigmenwechsel, die Überwindung der Cartesianischen Subjekt-Objekt- Trennung. Die Objektivierung der Tatsachen (als vorausgesetzte Bedingung aller modernen Wissenschaft), der von außen die Dinge betrachtende rationale und von daher unemotionale Beobachter wird abgelöst durch das denkende, mitfühlende Subjekt, das im Anderen eben nicht ein totes Objekt, sondern ein lebendiges Subjekt erkennt. Das bedeutet keinesfalls einen Rückschritt hinter die Errungenschaften der Aufklärung und auch keinesfalls die Abwendung von der Wissenschaft an sich. Aber es bedeutet, dass Wissenschaft insgesamt lebendiger wird, weil das Subjekt nicht ein totes Objekt, sondern im Gegenteil ein lebendiges Subjekt und die Interaktionen zwischen sich und dem anderen Subjekt untersucht und erlebt. Was für ein wundervoller Blick auf eine zukünftige lebendige Entwicklung von Welt. In der Geld als das begriffen wird, was es ist: tote Materie, die „nur“ ihren Zweck als Tauschmittel erfüllt und erfüllen soll. Und in der humanistische Grundwerte als Ausdruck echten menschlichen (Mit-)Empfindens gelebt anstatt von einem nekrophilen System unterdrückt zu werden.14 14 Der Autor ist sich völlig bewusst, sich hier wissenschaftlich „weit aus dem Fenster zu lehnen“, aber das haben schon andere – weitaus bedeutsamere Geister – vor ihm getan. Ich (lebendiges Subjekt – sic!) gebe das wieder, was ich mir als zukünftig neues (transformiertes) wissenschaftliches Paradigma sehr gut vorstellen kann, weil ich beobachte und empfinde, wohin die Überbetonung toter Materie in ihren 2 Thematische und theoretische Grundlagen 48 Der Handlungsrahmen einer transformierten Wirtschaft Frage nicht was die Welt braucht. Frage dich, was dich lebendig macht und dann geh und tu das Entsprechende. Howard Thurman Die Frage, ob der Mensch prinzipiell eher eigennutz- oder gemeinnutzorientiert ist, beschäftigt auch die Hirnforschung. In den letzten Jahren haben Verhaltensexperimente Zweifel daran genährt, dass die These des Menschen, der zuallererst an sich selbst denkt und durch diesen Mechanismus das Wohl der Allgemeinheit herbeiführt, aufrechtzuerhalten ist. Der Verhaltensökonom Ernst Fehr hat nachgewiesen, dass im Hirn die gleichen Belohnungsareale aktiviert werden, gleichgültig ob sich der Betreffende eigennützig oder altruistisch oder prosozial verhält. Nun ist die Frage, welches Verhalten der Einzelne konkret wählt, um sich hirntechnisch selbst zu belohnen. Die Experimente, welche Fehr in unterschiedlichen Kulturkreisen durchgeführt hat, zeigen eines ganz deutlich: egoistische Trittbrettfahrer gibt es überall und diese führen dazu, dass die anfänglich Kooperationsbereiten nach mehreren Experimentierrunden ihre Zusammenarbeit einstellen. Werden durch den Spielleiter jedoch Sanktionierungsmöglichkeiten geschaffen, die durch die Teilnehmer des Experimentes eigenständig angewendet werden können, so steigt der Grad der Kooperationsbereitschaft kontinuierlich an. Fehr argumentiert, dass es entscheidend darauf ankommt, wie wir unsere Institutionen gestalten und welche Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden (Singer, 2015, 143-153). Eine Wirtschaftsordnung, welche die Problematiken und Dysfunktionalitäten der gegenwärtigen weitgehend vermeidet, wird daher um die Schaffung der normativen und funktionellen Grundlagen eines ethisch-moralischen Wirtschaftens nicht herumkommen. In der philosophienahen Literatur zur Wirtschaftsethik wird die Auffassung ver- 2.4.3 lebenspraktischen Konsequenzen führen kann. Außerdem finde ich Interdisziplinarität überaus anregend. Darüber hinaus geben auch „alternative“ Wirtschaftswissenschaften wie die Verhaltensökonomie dem Menschen als lebendiges und durchaus widersprüchliches Wesen neues Gewicht und berücksichtigen dies in ihren Konzepten und Theorien. Diese neuen Auffassungen sind eben nur noch nicht im „Mainstream-Denken“ angekommen. 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 49 treten, dass es hinsichtlich ethischen Handelns in Verbindung mit der Ausübung von Wettbewerb zweier Ebenen bedarf, die sich bezüglich ihres Handlungsrahmens unterscheiden lassen. Der erste – individuelle – Handlungsrahmen wird durch die unmittelbar von den einzelnen Akteuren gesetzten Handlungen, deren Ziele, Motive und Interessen gekennzeichnet. Jene Handlungsweisen also, welche die Akteure selbst in der Hand halten. Die Mittel, die von den Akteuren eingesetzt werden sind beispielhaft die Preis- und Produktpolitik, das Betriebsklima, Werbemaßnahmen oder die Zahlung von Löhnen und Gehältern. Der zweite – systematische – Handlungsrahmen besteht in den Handlungsbedingungen, unter denen individuelles Handeln stattfindet, die der Einzelne jedoch nicht in der Hand hat. Hierzu zählen gesellschaftliche und kulturelle Voraussetzungen ebenso wie das klassische Geflecht von Gesetzen und Vorschriften, Wirtschaftsordnung und Justizapparat. So verstanden besteht Ethik in der Wirtschaft aus den individuellen Spielzügen und den allgemeingültigen Spielregeln.15 Nach dieser fundamentalen Unterscheidung ist es demnach möglich, Wettbewerb und Ethik simultan zu verwirklichen, indem ethische Prinzipien wettbewerbsneutral und ausbeutungsresistent in den Spielregeln inkorporiert werden, während der Wettbewerb in den Spielzügen angelegt ist. (Homann, Lütge, 2005, 27f). Theoretisch entbehrt diese Unterscheidung nicht einer gewissen zwingenden Logik. Sie ist dennoch zu kurz gedacht, denn sie berücksichtigt nicht die in ihr angelegte Schwäche in der Ausführung. Wenn der einzelne nicht ethisch-moralisch in seiner Handlungsweise sein muss, weil er dadurch von den externen Umständen angehalten wird, so schließt dies eine mechanistische Weltsicht, zumindest jedoch eine technokratische Meinung zur Entstehung der entsprechenden Handlungsrahmen, der Spielregeln mit ein. Denn diese fallen ja nicht vom Himmel, noch werden sie ohne Auseinandersetzung der zeitgenössischen Ideen und Leitsätze, somit frei von demokratischen Vorbedingungen geboren. Vielmehr entstehen die Handlungsrahmen, Gesetze, Vorschriften, gesellschaftlichen Bedingungen durch die Menschen, welche diese Gesellschaft bilden. Somit werden die Gesetze von Menschen gemacht, 15 Die Schulmeister’sche „Spielanordnung“ (vgl. Kap. 2.3.4). 2 Thematische und theoretische Grundlagen 50 die aufgrund ihrer Herkunft, Bildung und ihres Status einen gewissen Einfluss auf die Entstehung des Handlungsrahmens nehmen können. Und diese Menschen wiederum handeln unter dem Einfluss von Sitte, Moral, Ethik, so wie sie in ihrer jeweiligen individuellen Entwicklung eben geprägt worden sind. Der Handlungsrahmen entsteht daher nicht als exogen vorgegebenes Gebilde, sondern in der Auseinandersetzung unterschiedlicher Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen. Ob die Spielregeln ethischer oder weniger ethisch ausfallen ist daher eine Funktion der sie gestaltenden Akteure vor deren jeweiligen ethischen Selbstverständnis. Um die bestehende Regimestruktur zu ändern und zu einem Suchprozess in Richtung einer Postwachstumsgesellschaft beizutragen, können zukunftsfähige Unternehmen dort, wo ihr einzelbetriebliches Handeln an Grenzen stößt, sich vernetzen und auf andere gesellschaftliche Rahmenbedingungen hinwirken. Insbesondere in Bezug auf den nötigen kulturellen Wandel von Konsum- und Lebensstilen bedarf es eines Zusammenwirkens unterschiedlicher Akteure und Entwicklungen, wie die Transitions-Forschung aufzeigt. Aufgrund ihrer personellen und finanziellen Ressourcen haben Unternehmen diesbezüglich weitreichende Möglichkeiten (Posse, 2015, 81). Dass Unternehmen tatsächlich verschiedene Möglichkeiten haben, „es“ anders zu machen, bestätigt auch die Empirie. Der Epidemiologe und Ungleichheitsforscher Richard Wilkinson hat anhand zahlreicher Studien herausgefunden, dass es nicht nur den Staaten obliegt, durch die Gesetzgebung Ungleichheit zu verringern. Auch in Betrieben kann eine höhere Produktivität erreicht werden, wenn Mitarbeitern weitreichende Mitbestimmungsrechte eingeräumt werden (Wilkinson, 2010 (a)). Seit in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Wirtschaftsordnungen weitgehend liberalisiert und dereguliert wurden, werden Fragen des verantwortlichen Verhaltens von Unternehmen und die Verantwortung von Individuen diskutiert (Pech, 2008, 22). Dabei ist ethische Verantwortung im Spannungsfeld zwischen der Handlungsfreiheit des Einzelnen und den Handlungsbedingungen (Unternehmensverfassung, Marktbedingungen, Gesetzen und den Grundsätzen der Moral) zu verorten (Pech, 2008, 27f). 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 51 Eine Bewertung, ob eine Handlung nun verantwortlich war oder nicht kann nur bei Vorhandensein von Handlungsalternativen erfolgen. Wirtschaftsethik versucht nun Aussagen über das gute und gerechte Wirtschaften zu treffen. Unterteilt wird sie in Ordnungs-, Unternehmens- und Individualethik (Pech, 2008, 40). Peter Ulrich versteht seinen Ansatz zuallererst als grundlegende Kritik am herrschenden ökonomischen Rationalitätskonzept. Konstitutiv für seinen Ansatz ist der Versuch, die disziplinäre Trennung von Ökonomie und Ethik systematisch zu überwinden. Die ökonomische Theoretisierung und Herauslösung von Rationalitätskriterien war Vorbedingung für die Abtrennung von der praktischen Vorstellung davon, was gutes Leben ist. Die Polanyi’sche (Polanyi, 2010) große Transformation schreitet ungehindert voran und hat zur Folge, dass im Namen des Rationalitätsprinzips Handlungen gesetzt werden, welche dem praktischen guten Leben diametral entgegenstehen (vgl. Kap.2.3.5). Sein Ansatz bildet den Versuch einer normativen Idealtheorie vernünftigen Wirtschaftens (Pech, 2008, 120f). Sinn und Zweck des Wirtschaftens ist für Ulrich der Mensch. Zu seinem Nutzen soll alles wirtschaftliche Handeln geschehen. Eine vernünftige gesellschaftliche Wirtschaftsweise orientiert sich demnach sinnvollerweise an ihrer Lebensdienlichkeit. Das fragwürdige Verhältnis zwischen ökonomischer Sachlogik und ethischer Vernunft gilt es zu klären und lebensdienlich neu zu bestimmen (Pech, 2008, 122f). Etablierung einer anderen Unternehmenskultur Hoffnung ist nicht die Gewissheit, dass Etwas gut ausgehen wird, sondern das Wissen, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. Vaclav Havel Aus den Aus- und Hinführungen in den vorhergegangenen Kapiteln ergibt sich die Notwendigkeit eines anderen Wirtschaftens, einer Ökonomie, die nicht mehr auf den Fromm’schen Antrieben des Kapitalismus – Egoismus, Selbstsucht und Habgier – beruht, sondern jene Kräfte, welche nach den Erkenntnissen der Hirnforscher dem Menschen tatsächlich auch angeboren sind – Hilfsbereitschaft, Kooperation, Vertrauen – in das Verhalten der handelnden Akteure miteinbe- 2.4.4 2 Thematische und theoretische Grundlagen 52 zieht. Eine Ethik auf der Basis humaner Werte ist für unser Wirtschaften gefragt. Spaemann konstatiert ein Wiedererstarken der ethischen Disziplin durch einen Mangel an Sitte in berufsethischen Zusammenhängen und der Entstehung neuer Fragen nach Gerechtigkeit. Individuen, Unternehmen und Staaten erkennen, dass auftretende Konflikte mit wirtschaftlichen Aktivitäten zusammenhängen können und die Frage nach dem richtigen Handeln aufwerfen (Pech, 2008, 7). Peter Ulrich geht so weit, eine Beschränkung des Gewinnprinzips zu fordern, wenn die Erzielung des Profits nicht mit Individual- bzw. Unternehmens-/Wirtschaftsethik vereinbar ist. Ulrich misst der Individualethik einen herausragenden Stellenwert bei, wohl weil Wirtschaft für Ulrich immer auch einem Gemeinsinn dienen soll, der zwar abstrakt definiert werden kann, jedoch individuell-praktisch gelebt werden muss – als permanente Reflexion darüber, was nicht nur mir selbst nützt, sondern auch einem oder mehreren anderen. Wenn der Mensch also grundsätzlich mehr auf Kooperation (Singer, 2015) denn auf Konkurrenz angelegt ist, dann ist die Betonung der Individualethik nur folgerichtig. Bei Felber liest sich die Betonung der Individualethik folgendermaßen: „Smith’ Satz über Bäcker, Metzger und Brauer muss umgekehrt werden: Vom Wohlwollen – von der sozialen Verantwortung – des Bäckers, Brauers, Metzgers erwarten wir alle unsere tägliche Mahlzeit, nicht von der Verfolgung ihrer Eigeninteressen. Das Wohl der UnternehmerInnen ist systematischer Miteffekt ihres Gemeinwohlstrebens, weil ihr Wohl im Wohl aller inbegriffen ist, und nicht umgekehrt das Wohl aller ein Nebeneffekt privaten Gewinnstrebens ist. In keinem anderen gesellschaftlichen Bereich würden wir so einen Satz akzeptieren: „Nicht von Wohlwollen der LehrerInnen/ArztInnen/PolitikerInnen/Eltern erwarten wir unsere Gesundheit/Bildung/unser tägliches Brot, sondern davon, dass sie ihr eigenes Interesse verfolgen“ (Felber, 2008, 236). Die zentrale Frage lautet daher nicht, wie das Unternehmertum durch eine Änderung der ethisch-moralischen Handlungsleitlinien, der gesellschaftlich als „richtig“ empfundenen oder vorgegebenen Aktivitäten zur Steigerung des Gemeinwohls beitragen könne, sondern wie unter den gegenwärtigen multiplen Systemkrisen die Gesellschaft, und als Subsystem der Gesellschaft die Wirtschaft, das Ökonomische 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 53 so transformiert werden, dass beispielsweise die Wertbildung der sozialwirtschaftlichen, der solidarischen Dienste positiv und unverkürzt zur Geltung kommen können (Müller, 2011, 16). Die Stiftung Weltethos fordert in ihrem Manifest „Globales Wirtschaftsethos“ genau jene Werte ein, die auch von Felber’s Gemeinwohlökonomie gelebt werden wollen; die Goldene Regel der Gegenseitigkeit erfordert auch im Wirtschaftsleben wechselseitige Verantwortlichkeit, Solidarität, Fairness, Toleranz und Achtung von allen Akteuren. Fairness im Wettbewerb und Kooperation zum wechselseitigen Nutzen sind grundlegende Prinzipien einer sich nachhaltig entwickelnden Weltökonomie. In Artikel 10 heißt es explizit, dass Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit Werte sind, ohne die nachhaltige und Wohlfahrt fördernde Wirtschaftsbeziehungen nicht gedeihen können. Sie sind Voraussetzungen für die Bildung von Vertrauen im zwischenmenschlichen Miteinander sowie im ökonomischen Wettbewerb. Das Gewinnerzielungsprinzip wird nicht in Frage gestellt, da es die Voraussetzung zum wirtschaftlichen Überleben des Unternehmens darstellt. Jedoch schadet Korruption dem Gemeinwohl, da diese systematisch zu Fehlallokationen und zur Ressourcenverschwendung führt (Stiftung Weltethos, 2009). Bei Peter Ulrich stehen drei Postulate an zentraler Stelle, wenn es um die Etablierung einer Unternehmenskultur geht, welche nicht nur Profitstreben als alleinige Existenzberechtigung für Unternehmen gelten lässt: – Das Postulat innovativer geschäftsstrategischer Synthesen: Hierbei ist vom Unternehmen bei der Verfolgung des betriebswirtschaftlich Nützlichen eine Selbstreflexion über Handlungsalternativen gefragt, wodurch die verantwortbaren normativen Grundlagen der wirtschaftlichen Wertschöpfung reflektiert werden. – Das Postulat der dialogischen Unternehmenspolitik: Das Ziel ist eine konsensorientierte Unternehmenspolitik, die ein Entscheiden der internen wie externen Betroffenen im demokratischen Horizont einfordert. – Das Postulat der ordnungspolitischen Mitverantwortung: Die Einforderung von allgemeingültigen Spielregeln durch die Unternehmen steht über der Verfolgung von Partikularinteressen. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 54 Der systematische Ort der Moral ist bei Ulrich die unbegrenzte Öffentlichkeit aller Wirtschaftsbürger (Pech, 125f). Ulrich beurteilt überdies die grundsätzliche Möglichkeit bzw. Notwendigkeit von Wirtschaftsethik innerhalb der gegebenen marktwirtschaftlichen Ordnung. In der Praxis sind die beiden Ansätze der Sachzwang- und der Gemeinwohlhypothese zu unterscheiden. Dabei definiert die Sachzwanghypothese ethisches Verhalten unter dem gegebenen ökonomischen Rationalitätskalkül als unmöglich in praktisches Handeln integrierbar. Ulrich bezichtigt diesen Ansatz jedoch als reinen Denkzwang, denn Sachzwänge existierten nur im Rahmen der Naturgesetze. Dieser ökonomische Determinismus sei selbst eine normative Setzung. Bei der Gemeinwohlhypothese kommt hingegen die „unsichtbare Hand des freien Marktes“ ins Spiel, nach der wirtschaftsethisches Handeln nicht erforderlich ist, da das Verfolgen von Einzelinteressen im Ergebnis immer zum Wohle aller führt. Ulrich verwirft auch dieses Konzept als Metaphysik, die moralisches Handeln per se verunmöglicht (Pech, 2008, 132f).16 Vielmehr entwirft er ein zweistufiges Verfahren zur Etablierung einer Unternehmensethik als iterativen Prozess der kritischen Reflexion über die normativen Bedingungen. Auf der Ebene der Geschäftsethik wird die Verbindung von Ethik und betriebswirtschaftlichem Erfolg als tägliche unternehmerische Herausforderung begriffen. Die republikanische Unternehmensethik verpflichtet Unternehmen dazu, Ordnungspolitik mit Sinn für das Gemeinwesen zu betreiben und damit allgemeine Interessen vor das einzelwirtschaftliche Gewinnprinzip zu setzen. In der Konsequenz liest sich Ulrichs Ansatz der freiheitlich verfassten Bürgergesellschaft als ein dritter Weg zwischen dem marktorientierten Wirtschaftsliberalismus und einem staatsgetriebenen Wirtschaftssystem. Die Bürgerfrei- 16 Hier ist anzumerken, dass die Smith’sche Gemeinwohlhypothese gleichzusetzen ist mit dem Trickle-Down-Effekt, der eben nicht per se das Gemeinwohl aller zum Ziel hat, sondern lediglich annimmt, dass bei ausreichender Versorgung der Wohlhabenden mit Wirtschaftsgütern und finanziellen Mitteln auch die Minderbemittelten vom Überfluss profitieren werden. Dieses ist nicht das Verständnis von Gemeinwohl, wie ich es in Kapitel 2.1.1 umrissen habe. Zur allgemeinen Rezeption des Smith’schen Konzeptes der „unsichtbaren Hand“ vgl. Kap. 2.3.2. 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 55 heit ist höher zu werten als die Freiheit des Marktes oder der Administration (Pech, 2008, 135f). Ulrichs zweistufiger Ansatz der Unternehmensethik (Pech, 2008) Konzepte für alternatives Wirtschaften und gesellschaftliche Transformation Nachhaltige Ressourcennutzung verlangt eine andere Auffassung von Wirtschaft. Es gibt Konzepte , welche Wachstum in einer geänderten Form weiterhin als unabdingbar betrachten und es gibt solche, welche einem grundlegenden wirtschaftlichen Paradigmenwechsel das Wort reden, bei dem (quantitatives) Wachstum keine Rolle mehr spielt (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 2012). Ihnen gemein ist eine Abkehr von jenen Triebkräften, welche das gegenwärtige Wirtschaftssystem prägen (vgl. Kap. 2.3). Rogall (2012) fordert eine Entwicklung in den Grenzen der natürlichen Tragfähigkeit. Durch Einsatz politisch-rechtlicher Instrumente soll trotz moderater Wachstumsraten der Ressourcenverbrauch global Abbildung 3 2.4.5 2 Thematische und theoretische Grundlagen 56 gesehen um 50 % reduziert werden. Im Mittelpunkt steht eine nachhaltige Transformation der globalen Volkswirtschaften. Wesentlichste Voraussetzung für den Umbau ist die Forderung, wonach das Delta der Ressourcenproduktivität immer höher sein muss als das Delta des Bruttoinlandsprodukts. Nur so lässt sich in absoluten Größen Wirtschaftswachstum mit einem Rückgang des Ressourcenverbrauchs kombinieren. Um diese Formel über viele Jahre hindurch tatsächlich umsetzen zu können, sind folgende Voraussetzungen erforderlich: moderates Wirtschaftswachstum, Wachstums- und Schrumpfungsprozesse (z. B. Ausstieg aus fossilen Energieträgern), konsequente Umsetzung der Strategiepfade Konsistenz, Suffizienz und Effizienz (z.B. Neukonstruktion fast aller Industrieprodukte), Einführung eines Systems von Naturnutzungszertifikaten, konsequente Umsetzung der Ressourcenwende (z.B. Vermeidung von Ressourceneinsatz, Kreislaufwirtschaft, Einsatz von alternativen Stoffen) (Rogall, 2013, 100ff). Die „Steady State Economy“ geht auf den Wirtschaftswissenschafter Herman E. Daly zurück, der seinerseits auf Überlegungen von John Maynard Keynes aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufbaut. Im Zustand des Steady State ist eine Wirtschaft dann, wenn sie auf optimalem Niveau physisch nicht weiter wächst, sondern sich auf nachhaltigem Konsumniveau bei konstanter Bevölkerung weiterentwickelt. Die Gesetze der Thermodynamik spielen in diesem Konzept eine wesentliche Rolle. Der Menschheit steht ein begrenztes Budget an Energie mit niedriger Entropie (Maß der Unordnung) zur Verfügung. Wenn zuviel dieser Energie für wirtschaftliche Aktivitäten verwendet wird, beginnen die komplexen lebenserhaltenden ökologischen Systeme zu versagen. Auf dieser Basis kritisiert Daly die vorherrschende orthodoxe Wachstumstheorie. Drei Institutionen sind aus Daly’s Sicht zur Erreichung einer Steady-State-Economy erforderlich: eine Institution, welche beauftragt ist, die Bevölkerung konstant zu halten, zweitens eine Institution, die für einen konstanten physischen Kapitalstock sorgt (z.B. mittels handelbaren Zertifikaten für natürliche Ressourcen) und drittens eine Institution, die sich um mehr Verteilungsgerechtigkeit kümmert (z.B. durch Einführung von Obergrenzen für Einkommen und Vermögen). Im Ergebnis baut das Konzept auf marktwirtschaftlichen Grundsätzen auf (Bundesministerium für Landund Forstwirtschaft, 2012, 31ff). 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 57 Ein wesentliches konstituierendes Element betrifft die Systemgrenzen. Während die orthodoxe Wirtschaftswissenschaft unterstellt, die Wirtschaft sei das Gesamt- und die Natur lediglich ein Subsystem, so ist vom Standpunkt der Steady-State-Economy die Volkswirtschaft ein offenes Untersystem in einem endlichen, nicht wachsenden und stofflich geschlossenen Ökosystem. Eine Steady-State Wirtschaft zeichnet sich dadurch aus, dass der Materialdurchsatz innerhalb des Ökosystems auf einem konstanten Niveau verbleibt, bei dem die Umwelt weder über ihre Regenerationsfähigkeit hinaus ausgebeutet noch über ihre Aufnahmefähigkeit hinaus verschmutzt wird. Wächst die Wirtschaft über dieses Optimum hinaus, so steigen die ökologischen Kosten schneller als die Produktionsgewinne (Daly, 1995, 76f). Auch das Enlivenment-Konzept (vgl. Kap. 2.4.2) trägt dem Umstand Rechnung, dass materielles Wachstum in der Natur nicht unbegrenzt ist. Das „Bruttosozialprodukt“ der Biosphäre verharrt seit langem in einem stabilen Zustand. Die Ökologie der Natur ist eine steadystate Ökonomie. Der einzige Faktor in der Natur, welcher wächst ist die immaterielle Dimension, welche die „Erfahrungstiefe“ genannt werden kann: Die Diversität der natürlichen Formen und die verschiedenen Wege, Lebendigkeit zu erfahren (Weber, 2013, 18). Ansätze des Degrowth oder Postwachstum sind in ihren Ansätzen radikaler und fordern Schrumpfungsprozesse angesichts der Erfolglosigkeit bisheriger Maßnahmen zur Bekämpfung der nachteiligen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums. Hierbei steht das Gesundschrumpfen der Wirtschaft durch weniger Konsum und Produktion im Vordergrund. Das Wirtschaftswachstum wird als Problem und nicht als Lösungsweg identifiziert. Technologische Innovationen und die Steigerung von Ressourcen- und Energieeffizienz würden nicht ausreichen, weil Rebound-Effekte auftreten, die Produktion und Konsum weiter steigern. Jede Form von zusätzlichem Wachstum lenke von dem Widerspruch ab, dass Bruttosozialprodukt-Wachstum und eine Renaturierung auf ein nachhaltiges Niveau nicht miteinander vereinbar sind (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 2012, 34-40). Als neue Formen der Wirtschaft, welche das Wohlbefinden der Menschen ins Zentrum stellen, gelten neben der hier behandelten Gemeinwohlökonomie das südamerikanische Konzept des Buen Vivir, 2 Thematische und theoretische Grundlagen 58 die solidarische Ökonomie (z.B. fairer Handel) und die Transition-Bewegung. Allen diesen Ansätzen ist gemein, dass sie die Kommerzialisierung von weiten Bereichen des Lebens und daraus resultierende sinnentleerte Tätigkeiten kritisieren. Alle Ansätze sind bestrebt, die Gemeinschaft zu stärken und meist lokal oder regional im Rahmen von kollektiven Aktionen zu konsumieren und zu arbeiten. Dabei sind diese Ansätze selbst der Kritik ausgesetzt, in ihren Anti-Globalisierungstendenzen rückschrittlich zu sein und durch weniger Arbeitsteilung und ineffizientes Wirtschaften zu einer Verteuerung der Produkte zu führen (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 2012, 10f). In der Vielfalt der Ansätze liegt die Stärke der neuen Diskurse über ein anderes Wachstum sowie über Postwachstum. Der gemeinsame Bezugspunkt sind die sich mehrenden Krisen, die mit der weiteren Expansion des ressourcenintensiven Wachstumsmodells an Virulenz gewinnen, die zunehmende nicht-nachhaltige Verschuldung der öffentlichen Haushalte, die die politischen Gestaltungsspielräume massiv einschränken, sowie nicht zuletzt die Suche nach Wohlstandsmodellen, die im Sinne der Menschenrechte die materielle Grundversorgung aller Erdenbürger sicherstellen und zugleich über materielle Güter hinausweisen (Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 2016, 12f). Dieses Hinausweisen über die reine Orientierung an materiellen Gütern könnte tatsächlich den Kern eines anderen, eines werte- und menschenorientierten Wirtschaftens sein. Die Tatsache muss Anerkennung finden, dass die Wirtschaft keine wertneutrale Naturwissenschaft ist, die keinerlei Seele besitzt. Die Regel des freien Marktes lautet: Reguliere ihn nicht! Mische dich nicht ein! Er wird uns in die Zukunft führen! Komme ihm nicht mit moralischen Kategorien! Diese Auffassung von Marktverständnis ist für Tomas Sedlacek nicht akzeptabel. Um aus der Sackgasse heraus zu navigieren, muss dem Markt wieder eine Seele eingehaucht werden (Sedlacek, Graeber, 2015, 23). Und somit den Menschen, welche den Markt bilden. Der Ansatz der Gemeinwohlökonomie nimmt unter den zahlreichen alternativen Wirtschaftskonzepten mittlerweile einen prominenten Platz ein. Es scheint sich dabei im Vergleich mit anderen Konzepten um einen der weniger radikalen Ansätze zur Transformation unse- 2.4 Triebelemente und Werte einer zukünftigen Wirtschaftsordnung 59 res Gesellschafts- und Wirtschaftssystems zu handeln, insbesondere fühlt es sich der Marktwirtschaft verpflichtet. Allerdings auf einer fundamental anderen Wertebasis, die versucht, dem Menschen seine „wegrationalisierte“ Seele zurückzugeben. Die Gemeinwohlökonomie Die Gemeinwohlökonomie wurde von einer Gruppe von UnternehmerInnen rund um ATTAC Österreich auf der Basis des Buches von Christian Felber „Neue Werte für die Wirtschaft“ erarbeitet. Die wesentlichen Merkmale der Gemeinwohlökonomie sind (Verein für Gemeinwohlökonomie, 2018): 1) Die Gemeinwohl-Ökonomie ist der Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für alle. 2) Sie setzt die Menschenwürde, die Menschenrechte und die ökologische Verantwortung als Gemeinwohlwerte auch in der Wirtschaft um. 3) Wie diese Werte im unternehmerischen Alltag gelebt werden können, zeigt die Gemeinwohl-Matrix. Sie wird laufend weiterentwickelt und soll demokratisch entschieden werden. 4) Anhand der Matrix erstellen die Unternehmen eine Gemeinwohl- Bilanz. Im Gemeinwohl-Bericht erklären sie die Umsetzung der Gemeinwohlwerte sowie ihr Entwicklungspotential und nehmen eine Bewertung vor. Bericht und Bilanz werden extern überprüft und veröffentlicht. Damit werden die Leistungen für das Gemeinwohl bekannt gemacht. 5) Gesellschaftliche Unterstützung erfahren Gemeinwohl-Unternehmen zunächst am Markt durch VerbraucherInnen, KooperationspartnerInnen und gemeinwohlorientierte GeldgeberInnen. 6) Als Ausgleich für überdurchschnittliche Leistungen zum Gemeinwohl sollen Gemeinwohl-Unternehmen rechtliche Vorteile bei Steuern, Krediten und öffentlichen Aufträgen sowie im internationalen Handel erhalten. 7) Unternehmensgewinne dienen der Stärkung der Unternehmen sowie der Einkommenserzielung und der Alterssicherung der Unter- 2.5 2 Thematische und theoretische Grundlagen 60 nehmerInnen und der Beschäftigten, nicht aber der Vermögensvermehrung externer KapitalgeberInnen. So gelangen die UnternehmerInnen zu Freiräumen für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften, frei vom Druck zu größtmöglicher Kapitalrendite. 8) Dadurch schwindet der Drang zum Wirtschaftswachstum. Es öffnen sich Möglichkeiten für ein erfülltes Leben bei Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen. In der Arbeit können sich Wertschätzung und Fairness sowie Kreativität und Kooperation besser entfalten. 9) Mit der Begrenzung von Vermögensungleichheiten steigen die Chancen für die gleichberechtigte Teilhabe Aller am wirtschaftlichen und politischen Leben. 10) Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung lädt dazu ein, die Verwirklichung der genannten Werte in Wirtschaft und Gesellschaft mitzugestalten. Alle Ideen für eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung sollen in demokratischen Prozessen entwickelt, vom Souverän entschieden und in der Verfassung verankert werden. Der Verein für Gemeinwohlökonomie Der Verein für Gemeinwohlökonomie wurde im Juli 2017 in Wien gegründet. Mittlerweile unterstützen weltweit mehr als 2000 Unternehmen das Modell, über 400 haben eine Gemeinwohlbilanz erstellt. Die Gemeinwohlökonomie bezeichnet hierbei ein Wirtschaftsmodell, das auf gemeinwohlfördernden Werten aufgebaut ist. Sie soll als Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene dienen. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist nach Eigendefinition (Verein für Gemeinwohlökonomie, 2018): – auf wirtschaftlicher Ebene eine lebbare, konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen verschiedener Größen und Rechtsformen. Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohlorientierter Werte definiert. – auf politischer Ebene ein Motor für rechtliche Veränderung. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein gemeinwohl-orientiertes Wirt- 2.5.1 2.5 Die Gemeinwohlökonomie 61 schaftssystem. Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei die zentralen Werte. – auf gesellschaftlicher Ebene eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung mit anderen Initiativen. Sie versteht sich als ergebnisoffener, partizipativer, lokal wachsender Prozess mit globaler Ausstrahlung – symbolisch dargestellt durch die Löwenzahn-Sämchen im Logo. Die Gemeinwohlbilanz als Instrument zur Abbildung der sozialen und ökologischen Unternehmensaktivitäten Die Analyse der unternehmerischen Wachstumstreiber hat gezeigt, dass sich das Management hauptsächlich auf finanzielle Kennzahlen stützt. Um als Unternehmen zukunftsfähig zu sein, sind jedoch neben der Bilanzierung von finanziellen Belangen auch die Auswirkungen der ökologischen und sozialen Dimensionen unternehmerischer Aktivität zu berücksichtigen. Letztere bestimmen gleichberechtigt den Unternehmenserfolg. Für die Operationalisierung eines sogenannten Triple-Bottom-Line Accounting (vgl. Elkington, 1998, 69) gibt es verschiedene Konzepte wie beispielsweise die Gemeinwohlbilanzierung (Posse, 2015, 80). Dabei ist vorauszuschicken, dass die gängige Literatur in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit nicht alle Stakeholdergruppen als gleich bedeutend bzw. fördernd einstuft. So werden Lieferanten und der Handel als selten fördernd für Nachhaltigkeitsaktivitäten eines Unternehmens gewertet. Konsumenten werden hingegen als fördernd eingestuft. Die gesamte Supply Chain wurde hinsichtlich der Forderung nachhaltigen Wirtschaftens noch nicht gleichwertig durchdrungen (Colsman, 2016, 29). In der Gemeinwohlbilanz werden dagegen Lieferanten als zentrale Instanz und Berührungsfelder für ein Unternehmen gewertet und in der Matrix entsprechend berücksichtigt. 2.5.2 2 Thematische und theoretische Grundlagen 62 Gemeinwohlmatrizen bis 4.0 Der Verein für Gemeinwohlökonomie hat die Gemeinwohlbilanz über mehrere Jahre weiterentwickelt. Das Ziel, nicht den Finanzgewinn, sondern den unternehmerischen Beitrag zur Mehrung des Gemeinwohls zu messen, wurde von Beginn an verfolgt. Die Versionen 1.0 bis 3.0 wurde von den ersten 60 Unternehmen zur Erstellung der Gemeinwohlbilanz genutzt. Sie beinhaltete 18 Kriterien, nach denen das Unternehmen bewertet wurde (Version 2.0 wies dagegen noch 50 Kriterien auf). Anfang 2013 wurde die Bilanz 4.0 herausgegeben (Handbuch Gemeinwohlbilanz, 2015, 15f). Gemeinwohlmatrix 4.1 Ab Juli 2013 war die Matrixversion 4.1 in Verwendung, die vor allem eine Abschwächung der mathematischen Berechnungsmethode mit sich brachte. Sie misst den gemeinwohlorientierten Unternehmensbeitrag anhand von 17 Indikatoren. Dabei schneidet die Matrix Grundund Verfassungswerte – Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie – mit den Stakeholdern17 des Unternehmens: Mitarbeiter, Lieferanten, Kunden, Investoren, Natur und den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft als dem Souverän des demokratischen Staates (siehe auch Tabelle im Anhang). Die 17 Indikatoren sind (Handbuch Gemeinwohlbilanz, 2015): – A1: Ethisches Beschaffungsmanagement – B1: Ethisches Finanzmanagement – C1: Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung – C2: Gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit – C3: Förderung ökologischen Verhaltens der MitarbeiterInnen – C4: Gerechte Verteilung des Einkommens – C5: Innerbetriebliche Demokratie und Transparenz – D1: Ethische Kundenbeziehung – D2: Solidarität mit Mitunternehmen 2.5.2.1 2.5.2.2 17 In diesem Zusammenhang ist auch die „Mutter aller Stakeholder“ zu erwähnen, der Planet Erde selbst, und die verschiedenen Beziehungen und Rückbeziehungen des Unternehmens zu diesem (Høgevold, Svensson, 2012, 145). 2.5 Die Gemeinwohlökonomie 63 – D3: Ökologische Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen – D4: Soziale Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen – D5: Erhöhung der sozialen und ökologischen Branchenstandards – E1: Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte/Dienstleistungen – E2: Beitrag zum Gemeinwesen – E3: Reduktion ökologischer Auswirkungen – E4: Gemeinwohlorientierte Gewinnverteilung – E5: Gesellschaftliche Transparenz und Mitbestimmung Jeder Indikator wird in einen bis vier Subindikatoren mit den unterschiedlichen Relevanzstufen niedrig, mittel und hoch unterteilt. Jeder Subindikator beschreibt einen inhaltlichen oder organisatorischen Aspekt. Dabei soll die Frage beantwortet werden, inwieweit ein bestimmter Wert (z.B. ökologische Nachhaltigkeit) in Bezug auf einen bestimmten Stakeholder (z. B. die KundInnen) tatsächlich im Unternehmen gelebt wird. Die Bewertung eines Indikators und seiner Subindikatoren erfolgt dabei in vier Abstufungen: Erste Schritte (1-10 %), Fortgeschritten (11-30 %), Erfahren (31-60 %) und Vorbildlich (61-100%). In Summe ergeben alle Kriterien maximal 1000 Punkte. Pro Kriterium können maximal 90 Gemeinwohlpunkte erreicht werden. Negativkriterien führen zu Punkteabzügen. Dabei wird berücksichtigt, dass manche extrem gemeinwohlschädigenden Verhaltensweisen derzeit rechtlich legal sind. Wer zum Beispiel die Menschenrechte oder ILO- Kernarbeitsnormen verletzt, feindliche Übernahmen durchführt, Atomstrom erzeugt, Gewinne in Steueroasen deklariert und dadurch Steuern minimiert, Saatgut gentechnisch manipuliert oder Großkraftwerke in ökologisch sensiblen Regionen baut, erhält zwischen 100 und 200 Minuspunkte. Prinzipiell ist die Gemeinwohlbilanz für Unternehmen jeder Grö- ße, Rechtsform und Branche anwendbar. Der Verein hat jedoch die Matrix weiterentwickelt, da Kompensationseffekte auftreten können, die kritisch hinterfragt werden. So können etwa ökologische Schäden durch zusätzliche soziale Maßnahmen aufgewogen werden (Handbuch Gemeinwohlbilanz, 2015, 7-19). 2 Thematische und theoretische Grundlagen 64 Die Auswertung der Unternehmensbefragung in Kapitel 4 fußt auf dem Handbuch zur Gemeinwohlmatrix 4.1, da die befragten Unternehmen ihre Bilanz nach diesem Standard erstellt haben. Gemeinwohlmatrix 5.0 Im Jahr 2017 wurde die jüngste Version der Gemeinwohlmatrix als Handbuch für Unternehmen herausgegeben. Unternehmen, die schon einmal einen Gemeinwohl-Bericht auf Basis einer früheren Matrixversion erstellt haben, müssen nun berücksichtigen, dass einzelne Aspekte zu anderen Themen verschoben und neue Aspekte hinzugefügt wurden. Als Gründe dafür werden der vielfach geäußerte Wunsch nach mehr Klarheit und logischer Konsistenz sowie eine notwendige Anpassung an die EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung genannt. Wesentlich ist, dass kein Thema oder Aspekt verschwunden ist. Eine direkte Vergleichbarkeit der Berichte und Bewertungen mit früheren Versionen ist bei den betroffenen Themen und bei der Gemeinwohl-Punktezahl jedoch nicht möglich. Die wichtigsten Adaptierungen der jüngsten Version sind (Matrix- Entwicklungsteam, 2017): – Die Wertespalten Solidarität und soziale Gerechtigkeit wurden zusammengefasst, da es in der Vergangenheit immer wieder Abgrenzungsprobleme gab und beide Werte inhaltlich nah beieinanderliegen. – Die alten Indikatoren A1 und B1 wurden analog zu den übrigen Berührungsgruppen auf jeweils vier Themen aufgespalten. – Die Bezeichnungen von Indikatoren und Subindikatoren wurden an andere Standards angepasst und heißen nun Themen und Aspekte. – Die Berührungsgruppe der EigentümerInnen wurde mit jener der GeldgeberInnen zusammengefasst, da hier größere Überlappung als mit jener der Mitarbeitenden besteht. – Die Darstellung der Themen wurde vereinheitlicht, Bezeichnungen wurden an die neuen Inhalte angepasst. 2.5.2.3 2.5 Die Gemeinwohlökonomie 65 – Definitionen für Werte und Berührungsgruppen wurden ergänzt, damit wurde klargestellt, wie diese Begriffe im Handbuch verwendet werden. – Negativaspekte wurden den jeweiligen Themen zugeordnet. Bezüglich der Verwendbarkeit und Handhabbarkeit der Bilanz selbst ist die Ansicht feststellbar, dass sie ein effektives und innovatives, jedoch auch aufwendiges Tool sei. Das externe Audit ermöglicht überdies wertvolles Feedback und die Evaluierung der eigenen Zielsetzungen. Die Bewegung der Gemeinwohlökonomie ermöglicht das Knüpfen von Kontakten und erleichtert die Beantwortung von Fragen. Aufgrund ständig wechselnder und sich weiter entwickelnder Handbücher für die Erstellung der Bilanzen seien jedoch intertemporale und zwischenbetriebliche Vergleiche nur schwer möglich (Wiemer, 2015, 98). Kritik an der Gemeinwohlökonomie Offe (2001) moniert die definitorische Inbesitznahme des Gemeinwohlbegriffs durch einzelne Vertreter im politischen Spektrum, die mit unverhohlen republikanischem Pathos „das“ Gemeinwohl propagieren und dadurch eine Eindeutigkeit suggerieren, die keinen Dissens duldet. Offe nimmt Rückgriff auf Ernst Wolfgang Böckenförde, wonach der freiheitliche Verfassungsstaat von der Grundlage einer bürgerlichen Gemeinwohlorientierung zehre, die er nicht selbst garantieren könne. Vielmehr sei dem Staat einzig möglich, politikrelevante moralische Ressourcen zu fördern. Diese kommen in der Zivilgesellschaft zur Entfaltung, indem sich deren Akteure in Eigenverantwortlichkeit und Subsidiarität gemeinschaftsdienlich und gemeinwohlsinnig verhalten und engagieren. Das Gemeinwohl käme in dieser Hinsicht nicht durch ethisch klug handelnde Führungspersonen von „oben“ zum Tragen, sondern würde ganz im Gegensatz an der Basis und in der Alltagspraxis von Bürgerinnen und Bürgern geschaffen. Wer mit dem „Gemeinwohl" hantiert, muss darüber hinaus gegen den Verdacht gerüstet sein, politische Definitionsmacht nur zur Erlangung eigener Vorteile oder für eine Praxis von Tugendterror und (rassistischer) Diskriminierung zu missbrauchen (Offe, 2001). 2.5.3 2 Thematische und theoretische Grundlagen 66 Aus konstitutionenökonomischer Sicht hat der Felber’sche Ansatz die folgenden Schwachstellen. Durch den Entfall des Wettbewerbs als motivatorische Größe würde Innovation ein Produkt der Planung sein und nicht mehr ein weitgehend ergebnisoffener Prozess industrieller Forschung. Durch das Aushebeln der „unsichtbaren Hand“ würde auch die Innovationsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften leiden. Zudem scheint die Messung von gemeinwohlförderndem Verhalten ebenso wie differenzierte Belohnungen für Unternehmen innerhalb des Steuersystems ungleich schwieriger als die Messung von Finanzgewinnen. Darüber hinaus würden umfangreiche Prüfungssysteme nicht selten Einfallstore für Rent-Seeking und Korruption sein (Leschke, 2015). Niko Paech, seines Zeichens Postwachstumsökonom, gehen die Vorschläge der Gemeinwohlökonomie nicht weit genug. Er sieht in dem Modell eine an reinen Demokratie- und Verfassungsfragen ausgerichtete Neufassung des althergebrachten Wohlstandsmodells. Er bezweifelt, dass ein außer Kontrolle geratener Mobilitäts- und Konsumstil durch die Verpflichtung von Unternehmen auf ein eher diffuses Gemeinwohl eingehegt werden kann. Er ortet bei Felber den klassischen Fehler politisch links angesiedelter Gesellschaftsentwürfe: nämlich erstens die gerechtere Verteilung des Wohlstands auf dem Rücken der Ökologie auszutragen und zweitens die Rolle individueller Verantwortung unter einer Lawine von Systemzwängen zu verschütten (Paech, 2011, 72f). Für Horst Müller erweist sich das Konzept der Gemeinwohlökonomie überhaupt als Irrweg, da in naiver Weise auf die gesellschaftliche Verantwortlichkeit von Unternehmern gebaut und der Sozialstaat als wesentliches Korrektiv für die vom System Ausgeschiedenen für obsolet erachtet wird. Es sei zu wenig, Werte als Leitsterne in einer ansonsten bürgerlich-konservativen Wirtschaftsordnung zu etablieren und sich davon eine markante Änderung der wirtschaftlichen Fehlentwicklungen zu erwarten. Vielmehr sei eine grundlegende Transformation weg vom kapitalistischen Verwertungszwang hin zu einer Rekonfigurierung der sozial- und nationalökonomischen Praxis erforderlich (Müller, 2011). Die österreichische Wirtschaftskammer als institutionalisierte Vertretung der Unternehmenden hat ebenfalls kritisch zu den Grundzügen einer Gemeinwohlökonomie Stellung bezogen. Durch Felbers Ide- 2.5 Die Gemeinwohlökonomie 67 en wären die hart erkämpften Ideale der Aufklärung und die Freiheit der Menschen, wechselseitig vorteilhafte Tauschgeschäfte einzugehen gefährdet. Denn zentrales Element einer Marktwirtschaft sei nun einmal der Wettbewerb. Dieser sei kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um die Kooperation (sic!) und die Besserstellung aller zu fördern. Kooperation erweist sich empirisch nicht nur als vorteilhaft für alle Beteiligten wie das Beispiel von kartellhaften Preisabsprachen zeige. Unser Wirtschaftssystem zeichne sich durch eine Kombination von Kooperation und Wettbewerb aus, was Felber gänzlich ausblende. Für die Wirtschaftskammer sind die Felber’schen Ideen keine Alternative, sondern nur marxistische und sozialistische Aufgüsse verpackt in neue Worthülsen. (Schmidpeter, 2012). Der gesellschaftliche Sprengsatz einer zu einseitig definierten Sicht des Gemeinwohls – oder einer der Gesellschaft möglicherweise sogar aufgezwungenen Gemeinwohlorientierung – dürfte den Proponenten der Bewegung jedenfalls bewusst sein. Felber selbst schreibt, dass die Bedeutung des Gemeinwohls nur auf den drei Ebenen Investition, Unternehmen und Volkswirtschaft festgelegt werden soll (Felber, 2015, 39f). Wobei Felber generell den Ausbau der basisdemokratischen Institutionen und Prozesse anstrebt. Beispielsweise durch Schaffung demokratischer Konvente, wie Wirtschafts-, Bildungs- oder Demokratiekonvent. Letzterer soll nicht weniger als die Spielregeln der Demokratie neu schreiben. Hier nimmt Felber Bezug auf die Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09, die bei vielen Bürgern das Gefühl einer Sackgassen-Demokratie ausgelöst hat (Felber, 2015, 140ff). Wird auf die in Deutschland häufig zitierte „There is no Alternative – TINA“ Politik im Gefolge der Finanzkrise Bezug genommen, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier tatsächlich eine Sackgasse beschritten wurde, an deren Ende die demokratische Mitbestimmung nicht mehr vorhanden sein könnte. Dass die angesprochenen demokratischen Konvente dennoch mit dem Vorwurf des Legitimitätsproblems konfrontiert sein könnten, ist eine offensichtliche Folge der Notwendigkeit, dem Gemeinwohl letzten Endes auch praktische Relevanz, somit gesellschaftliche Wirkmacht zukommen zu lassen. Es wird daher an der Ausgestaltung der Konvente liegen, inwieweit diese zukünftig von der Gesellschaft als legitim erachtet werden. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 68 Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass die Gemeinwohlbewegung eine Erweiterung des gegenwärtigen Modells der repräsentativen Demokratie anstrebt und schon aus diesem Grund bei vielen Bürgerinnen und Bürgern auf Skepsis stoßen wird. Hier sei jedoch noch einmal auf Harald Welzer hingewiesen, der gesellschaftliche Transformationsprozesse eher von wenigen, dafür in allen gesellschaftlichen Schichten vertretenen Proponenten getragen und vorangetrieben begreift. Der Business Case for Sustainability Der Business Case für Nachhaltigkeit ist dadurch definiert, die Geschäftsrelevanz von Umwelt – und Sozialaspekten für das eigene Unternehmen systematisch zu identifizieren, zu analysieren und zu managen. In der konkreten Umsetzung muss jedes Unternehmen diese Relevanz für sich selbst definieren. Ein universelles Patentrezept ist dabei weder vorhanden noch erwünscht, denn gerade durch die individuelle Ausgestaltung des Nachhaltigkeitsmanagements erwachsen Chancen für Innovationen und Wettbewerbsvorteile (Schaltegger, Hasenmüller, 2005). Unternehmerische Nachhaltigkeit erschöpft sich nicht in einer singulären Anstrengung, sondern bedeutet für das Management, viele verschiedene Aktivitäten zur gleichen Zeit zu setzen (Høgevold, Svensson, 2012, 149). Innovative Geschäftsideen auszuarbeiten und umzusetzen ist hierbei Teil des Gesamterfolges. Die Frage, wie nachhaltigkeitsorientierte innovative Maßnahmen den ökonomischen Erfolg des Unternehmens im Sinne der Triple-Bottom-Line stärken können, bleibt dabei handlungsleitend. Der Zeithorizont Der Zusammenhang zwischen Corporate Social Performance (CSP) und Corporate Financial Performance (CFP) ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Diese Studien ergeben das gleiche Resultat, dass kein ursächlicher Zusammenhang zwischen den beiden Ausprägungen der Performance existiert, es aber auch zumin- 2.6 2.6.1 2.6 Der Business Case for Sustainability 69 dest keine klare Evidenz eines negativen Zusammenhangs gibt (Busch, 2012, 7) CSP Activities könnten sich nur in manchen Fällen, in manchen Unternehmen oder in bestimmten zeitlichen Rahmenbedingungen auszahlen (Busch, 2012, 8). Die den Zusammenhang untersuchenden Studien gehen dabei vor allem von einer kurzfristigen Perspektive aus, wie den Auswirkungen auf den Unternehmensgewinn im nächsten Jahr oder die Einschätzungen der Finanzmärkte kurze Zeit nach Durchführung einer Maßnahme. Diese Verkürzung der Perspektive könnte ein Grund für die mangelnde empirische Kausalität zwischen CSP und CFP darstellen. Der inverse Fall der Auswirkungen von nicht nachhaltigen Maßnahmen erfordert ebenfalls einen längeren Betrachtungshorizont, um den Zusammenhang evident werden zu lassen (Busch, 2012, 9). Wang und Bansal (2012) sehen für junge Unternehmen den Zusammenhang zwischen CSP und CFP klarer, wenn eine Langfristorientierung in der Strategie festgemacht werden kann. Eine Langfristvariante führt demnach zur Erkenntnis und zur Umsetzung von CSR Aktivitäten wie z.B. die Entwicklung verantwortungsvoller Produkte, dauerhaftere Beziehungen zu Stakeholdern und reduziert die Ablenkung der Manager durch die Durchführung von CSR Aktivitäten. Kurzfristig orientierte Unternehmen dagegen laufen Gefahr, CSR Aktivitäten als taktische Maßnahme ohne fundierten Bezug zur langfristigen Unternehmensstrategie durchzuführen (Wang, Bansal, 2012, 1147f). Die Herausforderung im aktuellen Managementgefüge ist der Wechsel von einer kurzfristigen (quartalsberichtsweise) profitorientierten Haltung hin zu einer langfristigen Wertschaffungsstrategie der Unternehmensaktivität (Busch, 2012). Dieser Shift hin zu einer langfristigen Orientierung hat positive Auswirkungen auf den Geschäftserfolg der Unternehmung. Eine definitive Entscheidung des Managements, sich über die bloße Erfüllung der bestehenden Gesetze hinaus unternehmerisch zu engagieren, zahlt sich auf lange Sicht aus. Damit einher geht die Steigerung der Reputation im Markt und in der Gesellschaft. Eine eigenständige Langfristausrichtung des Business auf Nachhaltigkeit ist entscheidend für die Erarbeitung von Vorteilen am Markt (Høgevold, Svensson, 2012, 151). 2 Thematische und theoretische Grundlagen 70 „Wann zahlen sich gemeinwohlorientierte Aktivitäten aus?“ scheint die angemessenere Frage zu sein als das abschließende „Zahlt es sich aus?“ Triple-Bottom-Line Success Die Bottom Line des Unternehmens ist es, Gewinne zu erzielen und so als Wirtschaftsunternehmen am Markt langfristig bestehen zu können (Felber, 2008, 224). Der Begriff der Triple-Bottom-Line erweitert den eindimensionalen – auf den ökonomischen Erfolg fixierten – Zugang zum unternehmerischen Handeln und rückt die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Handelns der Führungskräfte und Mitarbeiter des Unternehmens in den Fokus. Nachhaltigkeit wird oftmals mit Öko-Effizienz gleichgesetzt. Dies ist jedoch ein verkürzter Ansatz auf dem Weg zu wirklicher unternehmerischer Nachhaltigkeit und lässt einige wichtige Kriterien außer Acht (Dyllik, Hockerts, 2002, 130). Die wichtigste Erkenntnis auf dem Weg von der orthodoxen Managementtheorie, die sich allein auf den ökonomischen Erfolg des Unternehmens bezieht und kurzfristigen Erfolg verspricht, ist die Notwendigkeit der Einbeziehung des ökologischen und sozialen Kapitals. Alle drei Dimensionen des Triple-Bottom-Line Ansatzes sind miteinander verwoben und alle beeinflussen sich wechselseitig auf vielfache Weise (Dyllick, Hockerts, 2002, 132). Dabei garantieren konventionelle ökonomisch nachhaltige Unternehmen einen jederzeit ausreichenden Cash-Flow für ausreichende Liquidität und einen dauerhaft über dem Durchschnitt liegenden Ertrag für ihre Shareholder (Dyllick, Hockerts, 2002, 133). Ökologische Aspekte spielen keine oder eine deutlich untergeordnete Rolle. Dagegen nutzen ökologisch nachhaltige Unternehmen natürliche Ressourcen nur unterhalb deren natürlichen Reproduktionsvermögens oder unterhalb der Rate der Entwicklung von Substituten. Sie verursachen keine Emissionen, welche in der Umwelt über das Maß der Fähigkeit der Umweltmedien zur Assimilation oder Absorption hinaus akkumulieren. Darüber hinaus unterhalten sie keine Aktivitäten, die zur Zerstörung von Ökosystemdienstleistungen führen (Dyllick, Hockerts, 2002, 133). 2.6.2 2.6 Der Business Case for Sustainability 71 Dabei könnte besonders der Handel durch die Beachtung sozialer und ökologischer Auswahlkriterien in der Sortimentsgestaltung, die Zertifizierung von Lieferanten oder die kontinuierliche Information der Verbraucher über Produktionsprozesse und die Herkunft von Waren eine starke Position einnehmen (Colsman, 2016, 30). Sozial nachhaltige Unternehmen wiederum tragen zu einer Wertsteigerung innerhalb der Gemeinschaft, in der sie operieren bei, indem sie das „Humankapital“ der Individuen ebenso steigern wie das Sozialkapital der Gesellschaft. Sie managen das Sozialkapital in einer Weise, dass Stakeholder die Motivation für einzelne Handlungen ebenso weitestgehend verstehen wie das gesamte Wertegefüge des betreffenden Unternehmens (Dyllick, Hockerts, 2002, 134). Formen des Corporate Sustainability Managements Ökologisch und sozial nachhaltig agierende Unternehmen können der Motivation nach grundsätzlich in drei Kategorien unterteilt werden: – Aufgrund von gesetzlichen Zwängen Operierende (Gezwungene), – ethisch und philanthropisch normativ Angetriebene (Normative), – ökonomischen Erfolg durch instrumentelle Einbeziehung von ökologischen und sozialen Faktoren Suchende (Instrumentelle). In der ersten Kategorie versucht das Management lediglich, den gesetzlichen Vorgaben Genüge zu tun und verringert nur aufgrund dieser adaptiven Leistung an die Rahmenvorgaben ihren negativen ökologischen und sozialen Einfluss. Der Zweck des Unternehmens bleibt auf die Maximierung der Renditen gerichtet. Die Internalisierung externer Effekte zur Behebung von Marktversagen wird als staatliche Aufgabe interpretiert. So kann der externe Effekt des Klimawandels durch die (über-)staatliche Einführung des Emissionshandels in die Preisbildung internalisiert werden, was zu einer Reduktion der den Klimawandel verursachenden Treibhausgasemissionen führt. Dies ist jedoch eine Aufgabe der Politik, welche den Rahmen des Emissionshandelsgesetzes vorgibt.18 2.6.3 18 So handeln große Industrieemittenten sowie die (fossile) Energiewirtschaft innerhalb der EU seit 1.1.2005 mit Emissionszertifikaten, mit welchen die Erlaubnis 2 Thematische und theoretische Grundlagen 72 In der normativen Kategorie ist das Management von grundsätzlichen ethischen und philanthropisch orientierten Überlegungen geleitet. Diese werden ohne Rücksichtnahmen auf die ökonomischen Auswirkungen verfolgt. In diesem Ansatz wird vom Management erwartet, dass es freiwillig Maßnahmen setzt, welche keinen Profit generieren, vorausgesetzt, diese haben einen positiven Effekt auf die Gesellschaft. Die dritte Kategorie zeichnet sich durch Maßnahmen aus, die bewusst Profit erzielen will auf der Basis von ökologischen und sozialen Benefit generierendem Verhalten. Die Einbeziehung des ökonomischen Erfolgs ist das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zum normativen Ansatz. Das Management setzt dabei u.a. auf Maßnahmen zur Steigerung der Unternehmenserträge, Verbesserung der Kundenbeziehung, Stakeholder-Management zur Verbesserung der eigenen Positionen an den relevanten Märkten oder die Gewinnung von nachhaltigen Aspekten verpflichteten Konsumenten (Busch, 2012, 6). Obwohl die Gemeinwohlökonomie aufgrund ihrer stark wertorientierten Haltung wohl zunächst der normativen Motivationssphäre zugerechnet werden kann, wird jeder Unternehmer, der am langfristigen Fortbestand seines – womöglich von ihm selbst gegründeten und aufgebauten – Unternehmens Interesse hat, Gewinnerzielungsabsichten verfolgen. In der Konsequenz würde die Gemeinwohlökonomie als von Unternehmern maßgeblich beeinflusste Form der Corporate Social Responsibility in der Mitte zwischen normativen und instrumentellen Ansätzen des Sustainability Managements anzusiedeln sein (vgl. auch Kap. 4.4). Diese pragmatische Einschätzung entspricht auch dem Grundsatz, dass nachhaltige Entwicklung nicht allein durch philanthropische und korrektive Maßnahmen erreicht werden kann, wenn gleichzeitig die Geschäftsmodelle, Produktionsprozesse und Produkte unverändert bleiben. Es ist vielmehr darum zu tun, die Wertschöpfungsprozesse ökologischer und sozialer aufzusetzen (Beckmann, Schaltegger, 2014, 333). zum Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlendioxid, Methan und Lachgas erworben wird. 2.6 Der Business Case for Sustainability 73 Die traditionelle Sicht des orthodoxen Managements vertritt lediglich die Möglichkeit eines Trade Offs zwischen ökonomischem Erfolg und sozialem bzw. ökologischem Engagement (Schaltegger, 2012, 99). Dagegen sind Win-Win bzw. Triple-Win-Erfolge erzielbar. Die Herausforderung, welche sich individuellen Unternehmen stellt, liegt in der Suche nach neuen Formen der Zusammenarbeit mit Kunden, Vorlieferanten und auch den Konkurrenten (Elkington, 1994, 99). Bei Elkington zeichnet sich die gedankliche Vorwegnahme einer auf die Steigerung des Gemeinwohls abzielenden Ökonomie bereits ab. Die Verbindung von klassischem Nachhaltigkeitsmanagement bzw. Innovationen des Geschäftsmodells mit der Identifizierung von Business Cases for Sustainability passiert dort, wo die Suche nach ergebnissteigernden Sozial- oder Umweltaktivitäten mit dem klassischen Kerngeschäft verschmolzen wird (Porter, Kramer, 2011). Elkington bezeichnet das Geschäftsmodell sogar als die DNA des Business, welche die Geschäftsstrategie und die operativen Ergebnisse des unternehmerischen Handelns beeinflusst (Schaltegger et al., 2012, 105). In diesem Sinne finden sich ökologische und soziale Entrepreneure, die durchaus eine Gewinnorientierung mit den ökologischen bzw. sozialen Zielen verbinden. Diese nachhaltigen Entrepreneure zielen mit ihren Angeboten entweder auf einen Nischenmarkt oder auf einen Massenmarkt. Dabei werden die ökonomischen Ziele trotz oder gerade wegen der Verankerung von ökologischen bzw. sozialen Zielen erreicht – im Sinne eines Business Case für Nachhaltigkeit (Ahrend, 2016, 229). Eine Abgrenzung nicht-profitorientierter sozialer und ökologischer Unternehmer (im Sinne normativer Motivation) zu jenen mit Gewinnerzielungsabsichten (instrumentelle Motivation) stellt Abbildung 4 dar. Die Unternehmen der Gemeinwohlökonomie lassen sich nach dieser Unterteilung wohl am zutreffendsten als sowohl ökologisch als auch sozial ausgerichtet der gewinnorientierten Kategorie mit Fokus auf einen Nischenmarkt zuordnen. 2 Thematische und theoretische Grundlagen 74 Wirtschaftliche Ausrichtung nachhaltiger Geschäftsmodelle (Ahrend, 2016, 230) Der entscheidende Faktor, um auch in Gemeinwohlunternehmen Business Cases for Sustainability identifizieren zu können, liegt nun möglicherweise darin, das Geschäftsmodell des Unternehmens entweder schrittweise oder radikal zu ändern (Schaltegger, 2012, 106). Dabei sind Innovationen des Geschäftsmodells weitaus wichtiger als Prozessoder Produktinnovationen, welch letztere lediglich in der kurzen Frist Vorteile für das Unternehmen zeitigen (Schaltegger, 2012, 108). Strategische Ziele und Maßnahmen des Managements und in der Konsequenz die Ausrichtung des Geschäftsmodells müssen auf die Triple-Bottom-Line hin orientiert werden (Elkington, 1998; Norman and MacDonald, 2004). Ahrend (2016, 271) weist darauf hin, dass eine wichtige Erfolgsvoraussetzung gerade auch für der Nachhaltigkeit verpflichtete Unternehmer das Vorliegen eines Business Cases für das nachhaltige Geschäftsmodell ist. Das Interesse an nachhaltigen (sozialen) Geschäftsmodellen steigt dabei aus verschiedenen Gründen: Menschen verfolgen instinktiv das Ziel, die Lebensumstände nicht nur für sich selbst, sondern auch für Abbildung 4 2.6 Der Business Case for Sustainability 75 ihre Mitmenschen erträglicher zu gestalten; nachhaltig (sozial) agierende Unternehmen befinden sich nicht im Wettbewerb gegeneinander, sondern teilen Erfahrungen miteinander; zudem können in multinational agierenden Unternehmen positive Auswirkungen von (sozial) nachhaltigen Geschäftsmodellen auf die Unternehmensreputation und die Arbeitgeberattraktivität festgestellt werden (Yunus et al., 2010, 319). Die Aussagen der letzten Absätze lenken nun schlaglichtartig den Fokus auf die Bedeutung des Geschäftsmodells für ein Unternehmen, welches die Grundlage und die Rahmenordnung für sämtliche Aktivitäten bildet. In dieser Arbeit liegt der Fokus jedoch eindeutig bei den Business Cases for Sustainability. Die explizite Behandlung der Bedeutung des Geschäftsmodells würde hier deutlich den Rahmen sprengen. Nach Ahrend können jedoch die BCfS als Grundvoraussetzung für die Etablierung eines nachhaltigen Geschäftsmodells betrachtet werden. Insofern würde sich eine an die vorliegende Arbeit anschließende Untersuchung wohl mit der Etablierung nachhaltiger Geschäftsmodelle auseinanderzusetzen haben. Business Cases for Sustainability Definition (in Abgrenzung zum Business Case of Sustainability) Der Business Case for Sustainability ist durch eine intelligente Kombination von freiwilligen sozialen und ökologischen Maßnahmen zur Erzielung von ökonomischem Erfolg charakterisiert. Er ist durch drei Eigenschaften gekennzeichnet. – Ein über gesetzliche Vorschriften oder konventionelles Tagesgeschäft hinausgehendes Engagement des Unternehmens zur Lösung von sozialen oder ökologischen Problemlagen. – Das Engagement muss einen positiven Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten und in überzeugender Weise mess- und nachvollziehbar sein (z. B. erhöhte Kundenreputation, Kosteneinsparungen, erhöhte Wettbewerbsfähigkeit, Absatzsteigerungen. – Eine profunde Argumentation der kausalen Verbindung zwischen den freiwillig durchgeführten sozialen oder ökologischen Maßnah- 2.6.4 2.6.4.1 2 Thematische und theoretische Grundlagen 76 men und deren Effekte auf den unternehmerischen bzw. den Nachhaltigkeitserfolg. Im Unterschied dazu sucht der Business Case of Sustainability, der auch als „enlightened self interest“19 bezeichnet wird, ökonomischen Erfolg, der mit ökologischem und sozialem (parallel zum ökonomischen) Erfolg einhergeht (Beckmann, Schaltegger, 2014, 332). Ein Business Case for Sustainability rührt dagegen von einem intelligenten Design freiwilliger oder beinahe vollständig freiwilliger Maßnahmen sozialer oder ökologischer Natur her, der zu einem positiven Geschäftserfolg führt und auf klar benennbaren und abgrenzbaren Aktivitäten des Managements basiert (Schaltegger et al., 2012, 98). Er stellt damit die mentale und organisatorische Umkehrung zum Business Case of Sustainability dar. Die Herausforderung für das Management besteht demnach darin, jene ökologischen und sozialen Maßnahmen zu identifizieren, die den höchsten ökonomischen Nutzen bringen, und diese Maßnahmen kosteneffizient umzusetzen (Schaltegger, Hasenmüller, 2005, 7). Die unten stehende Abbildung veranschaulicht darüber hinaus den Zusammenhang zwischen dem ökonomischen, dem ökologischen und dem sozialen Element (Triple-Bottom-Line) und die wechselseitigen Beziehungen, die zu einem BCfS beitragen. Wird die Dimension des Business Case betrachtet, dann bezieht sich die Ökoeffizienz auf die Wertschöpfung des Unternehmens in Relation zu seinen aggregierten ökologischen Auswirkungen. Sie wird erreicht durch die Bereitstellung von kompetitiv bepreisten Gütern und Dienstleistungen, welche menschliche Bedürfnisse befriedigen, bei gleichzeitiger Reduktion der ökologischen Auswirkungen und Ressourcenintensität über den gesamten Produktlebenszyklus unter die ökologische Tragfähigkeit der Erde. Die Sozioeffizienz wiederum beschreibt den Zusammenhang zwischen der unternehmerischen Wertschöpfung und den Auswirkungen auf die sozialen Aspekte. Diese 19 In Anlehnung an die Ausführungen in Kapitel 2.4.2 würde ein „enlivened self interest“ nicht nur auf rationaler Basis ökologische und soziale Ziele verfolgen, sondern auch aus einer emotionalen Ergriffenheit oder tiefem Mitgefühl für die Umwelt und die Mitmenschen. Das Subjekt würde aus lebendigem Selbstinteresse andere Subjekte unterstützen, fördern, aufbauen, schützen, weil es ein vitales Verbundensein fühlt. 2.6 Der Business Case for Sustainability 77 Auswirkungen können sowohl positive wie negative Vorzeichen annehmen. Es geht im unternehmerischen Handeln darum, die negativen Effekte (z.B. Arbeitsunfälle, Menschenrechtsverletzungen) zu reduzieren und/oder positive Effekte (z.B. Schaffung von Arbeitsplätzen) zu steigern. Im Ergebnis wirken die Öko- wie die Sozioeffizienz in Richtung gesteigerter ökonomischer Nachhaltigkeit (Dyllick, Hockerts, 2002, 136). Überblick über die sechs Kriterien der unternehmerischen Nachhaltigkeit (Dyllick, Hockerts, 2002, 138) Die ökologische Dimension (Natural Case) wird durch die beiden Kriterien Öko-Effektivität und Suffizienz beschrieben. Öko-Effektivität berücksichtigt den Umstand, dass gesteigerte Ressourcenproduktivität trotzdem in weltweitem Maßstab zu einer Überschreitung der global verfügbaren Ressourcen und deren immer schnellerer Erschöpfung führt. So sank zwar durch Effizienzgewinne der durchschnittliche Verbrauch von Automobilen über die Jahrzehnte kontinuierlich, die Fahrleistungen sowie die Zahl der Fahrzeuge nahmen jedoch zu, sodass der Gesamttreibstoffverbrauch in die Höhe schnellte. Öko-Effektivität hätte dagegen die absolute Senkung des Treibstoffverbrauchs zum Ziel. Abbildung 5 2 Thematische und theoretische Grundlagen 78 Die Bedeutung des Kriteriums Suffizienz geht klar aus den individuellen Konsumentenentscheidungen hervor. Steigerungen im relativen Verbrauch von Motoren wurden durch den Kauf immer größerer und leistungsstärkerer PKWs zunichte gemacht. Die Gesellschaft muss also durch Suffizienz ihrer ökologischen Verantwortung gerecht werden. Dieses Kriterium wird daher auch von vielen Autoren als nicht in der Sphäre von Unternehmen gelegen erachtet (Dyllick, Hockerts, 2002, 137). Die Dimension des Social Case wird einerseits durch die Sozio-Effektivität beschrieben. Hier wird das Unternehmensverhalten nicht in seinen relativen Erfolgen gemessen, sondern in seinem absoluten positiven sozialen Beitrag, den ein Unternehmen vernünftigerweise beisteuern hätte können. Als Negativbeispiel kann die Pharmaindustrie erwähnt werden, die es verabsäumt, ihre Produkte armen Ländern zugänglich zu machen. Das ökologische Kapital andererseits wird durch die intergenerationelle Chancengleichheit verdeutlicht. Heutige Generationen verbrauchen Naturkapital in einer Weise, welche die Schäden dieser Ausbeutung den künftigen Generationen hinterlässt (Dyllick, Hockerts, 2002, 138). Der BCfS kann als zweidimensionale Herausforderung interpretiert werden, bei der einerseits die ökologische und sozial-gesellschaftliche Performance einerseits, aber auch der ökonomische Erfolg des Unternehmens andererseits gesteigert werden sollen. Eine Werthaltigkeit im Sinne der Triple-Bottom-Line, welche durch die jeweiligen unternehmerischen Aktivitäten erreicht wird. Die Herausforderung besteht dabei darin, die Kombination aus ökologischen und sozial-gesellschaftlichen Maßnahmen so zu wählen, dass für das Unternehmen tatsächlich ein wirtschaftlicher Erfolg verzeichnet werden kann. Das unten stehende Schaubild veranschaulicht den Zusammenhang. Ausgehend von einem Profit der Unternehmung P0 kann das Unternehmen nun zusätzliche Aktivitäten im Umwelt- bzw. Sozialbereich tätigen. Bei entsprechenden Tätigkeiten wird mit zunehmenden Aktivitäten auch der ökonomische Erfolg wachsen. Dies geschieht jedoch nicht unbegrenzt, da vorstellbar ist, dass das Unternehmen immer weiter Maßnahmen setzt, die jedoch den Gewinn nicht mehr steigern, sondern sogar schmälern. Die schraffierte Fläche bildet somit die im Sinne der Triple-Bottom-Line erfolgreichen Maßnahmenkombina- 2.6 Der Business Case for Sustainability 79 tionen des Unternehmens ab. Diese Maßnahmen sind daher im Sinne des BCfS zu identifizieren, zu analysieren und umzusetzen. Denkbar wäre auch, dass zusätzliche Aktivitäten ökologischer und sozialer Natur den Gewinn nicht erhöhen, sondern senken (punktierte Linie in der Abbildung). Die negativen Auswirkungen auf die Gewinnsituation verstärken sich mit jeder Zunahme entsprechender öko-sozialer Maßnahmen des Unternehmens. Diese Maßnahmen stellen jedoch keinen BCfS dar. Nichtsdestotrotz wird die Haltung der prinzipiellen Unmöglichkeit von BCfS von einigen Forschern vertreten. (Schaltegger, Burritt, 2005). Potenzielle Zusammenhänge zwischen ökonomischem Erfolg und öko-sozialen Maßnahmen (Schaltegger, Burritt, 2005) Der BCfS ist in dieser Hinsicht eine Win-Win Situation, bei der externe Nutzen von Produkten oder Dienstleistungen in private Nutzen bzw. Erträge übergeführt (internalisiert) werden müssen. Unterneh- Abbildung 6 2 Thematische und theoretische Grundlagen 80 men müssen Werte so konfigurieren, dass privater und öffentlicher Nutzen verbunden wird (Lüdeke, 2009, 48). Auf Kundenseite impliziert der BCfS eine ausreichend hohe Nachfrage, welche für das Unternehmen die Basis für profitable Nachhaltigkeitsinnovationen legt. Damit einher geht eine ausreichend hohe Zahlungswilligkeit der Konsumenten (Schaltegger, Wagner, 2011, 12). In diesem Sinne sind Unternehmen dazu aufgefordert, zusätzliche attraktive Vorteile für zahlungswillige Konsumenten anzubieten. Diese Vorteile können mit Gesundheitsvorsorge, Status, Kosteneinsparungen, ethischer Einstellung etc. assoziiert werden (Petersen, 2006, 401). Method Inc. produziert umweltfreundliche Reinigungsprodukte, die in einem gesättigten Markt, der auf Größenvorteile in der Produktion und niedrige Herstellungskosten fixiert ist, den Kundenbedürfnissen exakt entspricht (Schaltegger, Wagner, 2011, 12). In Fällen, in denen kein BCfS vorliegt, jedoch hoher sozialer Benefit zu erwarten ist, kann durch staatliches Eingreifen ein Marktversagen beendet werden. Die fixen Einspeisetarife im Zuge des Erneuerbare-Energien-Gesetzes stehen beispielhaft für ein solches ordnungspolitisches Eingreifen (Schaltegger, Wagner, 2011, 16). Hockerts (2015) untersuchte den Zusammenhang zwischen dem kognitiven Zugang der Manager zum BCfS und dem wahrgenommenen Grad der Corporate Sustainability Performance (CFP). Er leitet vier Diskussionsvorschläge aus seinen Untersuchungen ab: – Manager in Unternehmen mit einer höheren wahrgenommenen Nachhaltigkeitsleistung tendieren zu differenzierteren mentalen Modellen wenn es um den Business Case für Sustainability geht. – Manager in Unternehmen mit einer höheren wahrgenommenen Nachhaltigkeitsleistung tendieren zu stärker integrierten kognitiven Denkmodellen im Zusammenhang mit dem Business Case für Sustainability. – Kognitive Modelle des Business Case für Sustainability enthalten tendenziell mehr Verbindungen in Bezug auf risiko- und effizienzorientierte Kategorien als hinsichtlich Markenreputation oder neue Märkte/Umsatz. – Mit erhöhter wahrgenommener Corporate Sustainability Performance, werden die kognitiven mentalen Modelle von Managern in 2.6 Der Business Case for Sustainability 81 Bezug auf Risikoreduktion weniger integriert (Hockerts, 2015, 116f). Die Frage nach den Ansatzpunkten (Treibern), um den BCfS im eigenen Unternehmen zu verwirklichen wird im nächsten Kapitel thematisiert. Treiber des Business Case for Sustainability In der Praxis lassen sich verschiedene Erfolgsfaktoren, sogenannte Treiber für den Business Case identifizieren (Schaltegger et al., 2012): – Effizienzsteigerung bzw. Kostenreduktion – Reduktion von (Unternehmens-)Risiken – Umsatz- und Margensteigerung – Steigerung der Unternehmensreputation und des Markenwertes – Anziehungskraft auf (potenzielle) Mitarbeiter – Innovationsfähigkeit Diese Treiber sind Variable, welche den ökonomischen Erfolg des Unternehmens beeinflussen. Von daher können sie als Erfolgsfaktoren bezeichnet werden. Als Kategorien des Treibers „Reduktion von Risiken“ können Unfallrisiken, das Risiko von Rechtsstreitigkeiten, regulatorische Risiken, das Risiko von Kampagnen gegen das Unternehmen oder der Entzug der Betriebserlaubnis genannt werden. Zur Verdeutlichung des Treibers „Steigerung des Markenwertes“ dienen Kriterien wie Premium- Preise, Kundenakquisition und Kundenbindung sowie Kaufkraftanteile am Kundenbudget (Hockerts, 2015, 104f). Dabei werden als die wichtigsten Treiber Effizienz, Risikobeherrschung und Mitarbeitermotivation, mit nur geringem Abstand gefolgt von Reputation, genannt. Die zugehörigen Maßnahmen „ressourceneffizient produzieren“, „ökologisch-gesellschaftlich orientiertes Risikomanagement“, „Fördern der Mitarbeitermotivation“ und „Umweltbzw. Sozialmaßnahmen kommunizieren“ sind diejenigen, die am häufigsten durchgeführt werden. Als weniger wichtig werden Treiber wie Innovation, Kosten und Umsatz angesehen. Die zugehörigen Maßnahmen „Entwickeln neuer Bereiche mit Nachhaltigkeitsbezug“, „nachhaltiges Kostenmanagement“ sowie „Bewerben von umwelt- oder sozial 2.6.4.2 2 Thematische und theoretische Grundlagen 82 orientierten Produkten“ werden daher seltener umgesetzt (Colsman, 2016, 23). In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, dass z.B. Tesla sinkende Verkaufspreise für seine Elektrofahrzeuge als strategischen Business Case Treiber definiert. Durch sinkende Verkaufspreise wird eine steigende Zahl von Konsumenten in die Lage versetzt, die Produkte von Tesla zu kaufen und dadurch die fossil getriebenen Fahrzeuge mehr und mehr zu ersetzen. Weiter steigende Wettbewerbsfähigkeit bis hin zur Kostenführerschaft, eine herausragende Stellung als Technologieentwickler und Innovator sind weitere Treiber, die von Tesla als entscheidend für die Unternehmensentwicklung gesehen werden. Andererseits gewärtigen Energieversorger in Deutschland große Herausforderungen, um ihr Geschäftsmodell, welches auf eine Versorgungsinfrastruktur im Großmaßstab ausgerichtet ist, an die Energiewende mit ihren überwiegend dezentralen Erzeugungs- und Verteilungsstrukturen anzupassen. Photovoltaik-Anlagen werden häufig als Kleinanlagen auf Wohngebäuden errichtet, wofür die Energieversorger in ihren Geschäftsprozessen noch wenig ausgerichtet sind. (Lüdeke- Freund et al., 2016, 28). Eine Befragung von 64 Unternehmen, welche im Nachhaltigkeitssektor eine führende Position beziehen, ergab für den Treiber Unternehmensreputation und Glaubwürdigkeit den wesentlichsten Einflussfaktor für den Wettbewerbserfolg (Petersen, 2006, 405). Reputation fußt dabei auf folgenden Faktoren (Petersen, 2006, 410): – Glaubwürdigkeit – Vertrauen in das Unternehmen – die ökologische Qualität in der Lieferkette – Markennamen – die persönliche Reputation eines bekannten Unternehmers Die aufgeführten Treiber zu analysieren und die maßgeblichen Schlussfolgerungen zu ziehen und umzusetzen, ist für Unternehmen die wesentliche Herausforderung, um den Erfolg im Sinne der Triple- Bottom-Line erreichen zu können. Ein Business Case for Sustainability kommt dabei nicht von allein, er muss geschaffen und gemanagt werden (Schaltegger, 2012, 99). Theorie und Praxis zeigen, dass alle Unternehmen Business Cases for 2.6 Der Business Case for Sustainability 83 Sustainability generieren könnten, aber dieses Potenzial aufgrund verzerrter Buchhaltungs- und Managementsysteme nicht gehoben wird (Lüdeke-Freund et al., 2016, 20). Das Konzept des Business Case for Sustainability findet sich in der Literatur auch bei Porter und Kramer (2011, 2012), welche den „Shared Value“ propagieren. Im Unterschied zu CSR ist der Shared Value Ansatz umfassender, denn gerade der Einsatz für ökologische und gesellschaftliche Probleme diene den Interessen des Unternehmens. Der Shared Value Ansatz zeichnet sich wie der BCfS durch folgende Attribute aus (Porter, Kramer, 2012, 141): – Langfristige Ausrichtung. – Glaube an die wechselseitige Abhängigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. – Die Meinung, dass Unternehmen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen können und sollen. In der Berichterstattung kommt es zukünftig weniger auf das „Was?“ an, als vielmehr auf die Erweiterung hin zu einem „Was nun?“, bei dem sich Einsichten entfalten und aus den Ergebnissen gelernt wird. An den Stellen, die bereits Früchte tragen wird verstärkt angesetzt, in anderen, weniger erfolgreichen Bereichen wird korrigiert (Porter, Kramer, 2012, 149). Indem nun Treiber eines BCfS gezielt angesprochen werden, lässt sich der Unternehmenserfolg steigern. Oft werden von Unternehmen vor allem Nachhaltigkeitsmaßnahmen durchgeführt, die der Effizienzsteigerung, Risikobeherrschung, Mitarbeitermotivation und Reputation dienen. Dies stellt einen erheblichen Unterschied zu den in der Vergangenheit in der Literatur stark betonten Faktoren Kosten und Umsatz dar. Die Treiber „Mitarbeitermotivation“ und „Reputation“ betreffen das Bild des Unternehmens sowohl in der Innen- als auch in der Außenwahrnehmung. Diese Treiber anzusprechen kann das Anwerben und Halten von qualifizierten Beschäftigten erleichtern, die Produktivität steigern, die gesellschaftliche Anerkennung verbessern und bei der Investorensuche helfen (Colsman, 2016, 35). 2 Thematische und theoretische Grundlagen 84

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Viele Menschen spüren es aufgrund ihrer täglichen Erfahrungen in ihrem Arbeitsumfeld: die krisenhaften Erscheinungen rund um den Globus verlangen ein anderes, neues Wirtschaften. Die gegenwärtige neoliberal verfasste Wirtschaftsordnung gelangt an ihr natürliches Ende. Eine gesellschaftliche Transformation steht an ihrem Beginn. Sie könnte zu einer Reanimation der durch die ökonomische Mainstreamlehre höchst effizient entsorgten Seele führen und den wirtschaftenden Menschen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens rücken.

Das Buch beschreibt einerseits die in einem jahrtausendealten Rationalitätskalkül begründeten krisenhaften Erscheinungen der Gegenwart. Andererseits werden Lösungsmöglichkeiten vorgestellt, welche sich durch einen transformierten Ansatz auszeichnen. Im Mittelpunkt steht nicht mehr der Finanzgewinn um jeden Preis, sondern ein Wirtschaften, das dem Leben(digen) dient. Dieser Ansatz wird anhand der Gemeinwohlökonomie exemplarisch in der Praxis untersucht.