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Ribana Schmidt

Feministische und ethische Pornografie, page 97 - 116

Revolution einer Branche oder Randerscheinung?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4309-7, ISBN online: 978-3-8288-7243-1, https://doi.org/10.5771/9783828872431-97

Tectum, Baden-Baden
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Anhang 99 Quantitative Onlinebefragung Fragen 1. Wie alt bist du? 2. Beschäftigung 3. Wie ernährst du dich? 4. Sexuelle Ausrichtung 5. Gender 6. Wie häufig schaust du ca. Pornos? 7. Wenn ja, wo schaust du? 8. Wenn online, auf welchen Seiten? 9. Was sind deine Lieblingskategorien? 10.Bezahlst du für Pornographie? 11.Wie zufrieden bist du mit dem bestehenden Angebot? 12.Wenn du etwas ändern könntest, was wäre es? 13.Ist Pornographie ein besprochenes Thema in deinen Freundschaften und Beziehungen? 14.Was ist dir bei einem Porno wichtig? 15.Worauf legst du besonderen Wert? 16.Hast du mal etwas von feministischer Pornographie gehört? 17.Wenn ja, wo hast du davon gehört? 18.Konsumierst du Pornographie, die unter diesem Label vermarktet wird? 19.Wenn ja, wo? 20.Was stellst du dir unter feministischer Pornographie vor? (mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten) 21.Was verbindest du mit feministischer Pornographie? (Freie Antworten) 22.Hast du mal etwas von ethischer, nachhaltiger oder fairer Pornographie gehört? 23.Wo hast du davon gelesen/gehört? 24.Konsumierst du Pornographie, die unter diesem Label vermarktet wird? 25.Wenn ja, wo? 26.Was stellst du dir unter ethischer/nachhaltiger Pornographie vor? (mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten) 27.Was verbindest du mit ethischer, nachhaltiger oder fairer Pornographie? (freie Antworten) 28.Wärst du bereit, für fair produzierte Pornos Geld auszugeben? 100 29.Wenn ja, wieviel? 30.Wenn nein, warum nicht? 31.Welche dieser Seiten spricht dich am meisten an? (Lustcinema.com, luciemakesporn.com, pinklabel.tv).281 281 Der Original-Fragebogen und die Antworten Sammlung befindet sich als PDF auf der zu dieser Arbeit gehörenden DVD. 101 Expert*innen Interviews 1. Laura Méritt (Initiatorin des PorYes Awards in Europa) R: Wer bist du und was hast du mit Pornographie zu tun? L: Ich bin Laura Méritt und ich habe 2009 den Feminist-Porn-Award hier in Europa initiiert. Ich freue mich sehr, dass es wächst und wächst. R: Gab es viel Veränderung in den letzten Jahren? L: Ja. R: Kann man das irgendwie abmessen? L: Das kann man daran sehen, wie die Presse reagiert. Wir waren letztes Jahr im Hebbel am Ufer (großes Theater in Berlin) und hatten Full-House. Das heißt 580 Leute für einen Abend. Wir haben in einem Kino in Mitte mit 300 Leuten angefangen, welches auch in den letzten Jahren immer ausverkauft war. Das zeigt, dass da nicht nur ein großes Interesse ist, sondern dass die Leute wirklich sehen wollen, was PorYes heißt. Aber auch in den Mainstream-Medien wird das sehr gerne aufgegriffen. Nicht nur, weil Sex und Porno sowieso interessant sind, sondern diese Kombination von Feminismus und Sex und Porn. Und das haben wir in den letzten 10 Jahren erreicht. R: Wie war dein Einstieg in die Branche? Hattest du schon früher mit Pornographie zu tun? L: Ich habe Sexklusivitäten gegründet, einen der ersten feministischen Sexshops Europas. Und natürlich guckst du nicht nur nach Sex-Toys – sondern auch nach Sex und Porn und Büchern. Und vor 30 Jahren gab es da relativ wenig. Aber die Toys haben sich ja enorm verändert – da haben wir die Sexindustrie richtig revolutioniert. Und die Filme sind jetzt die letzte Bastion und seit 10, 15 Jahren dran. R: Und wo siehst du das in 10 Jahren? L: In 10 Jahren wird es einfach noch mehr Aufmerksamkeit auf Fair Porn oder Feminist Porn geben. Ich sage auch extra Fair Porn – weil diese Fairness ein Begriff ist, der extrem wichtig ist. Und das wird er sein - genau wie bei Bioläden, in denen die Leute zunehmend konsumieren werden, weil sie einfach bewusster konsumieren wollen. Diese Bewusstseinsarbeit, die haben wir geleistet. 102 R: Also ist das Label „Fair-Porn“ deiner Meinung nach der zukunftsweisendste? L: Es braucht nicht nur ein Label. R: Warum nicht? L: Weil ein Label eine Reduktion ist. Es gibt auch nicht nur einen Feminismus. Ich finde total wichtig, dass mit verschiedenen Mitteln auf die verschiedenen Ebenen durchgedrungen wird. Dieses interdisziplinäre, intersektionelle, dieses überall rein, ist feministisches Vorgehen. Ich bin sehr glücklich, dass es ganz verschiedene Begriffe gibt. Und natürlich ist feministisch ethisch – feministisch ist fair. Warum soll ich das Wort feministisch nicht nehmen? – Wir kämpfen seit 100 Jahren. Wir betonen auch, dass das synonym ist. Dass das menschenfreundlich ist, dass das natürlich ist, dass das für alle Gender ist, dass es für alle Kulturen ist. R: Aber benötigt nicht gerade das Wort „Feminismus“ Hintergrundwissen, um verstanden werden zu können? Vor allem in Sachen Pornographie? L: Jein. Also es ist natürlich noch so, dass viele Menschen mit Pornographie den Mainstream gleichsetzten und noch nicht mitbekommen haben, dass es auch was Anderes gibt. Und der Mainstream hat das Wort auch gut besetzt - nämlich negativ. Viele Frauen denken bei Porno direkt an „Spritz ins Gesicht“. Wir wissen das - wir sagen ja auch „wir machen PorYes“. Das ist ein anderes Wort, da wird klar, wir sind für Pornographie, es wird aber auch klar, dass es eine andere Art ist. Und natürlich gibt es noch Menschen, die das noch nicht mitbekommen haben - aber ich bin da ganz zuversichtlich. R: Also steht PorYes PorNo entgegen? L: Auf gar keinen Fall entgegen. Wir kämpfen ja nicht gegen. Also auch das ist eine Betonung, die wir in den letzten 5-10 Jahren gut rüber gekriegt haben, dass Feminismus vielfältig ist. Das ist ja gerade in der Öffentlichkeit nicht so recht angekommen, wo er durch entsprechende Medienberichterstattung reduziert wahrgenommen wurde. Und sehr negativ, so als wenn Feminismus eine Partei wäre. Das ist natürlich eine politische Entscheidung, Feminismus so darzustellen und nicht als vielfältig. In den letzten 10 Jahren ist einiges passiert. A.) Ist er vielfältig, B.) geht Feminismus mit Sex und Porno zusammen; C.) gibt es verschiedene Wege, Möglichkeiten und Mittel, Feminismus umzusetzen. Feminismus ist ein langer Prozess und es ist toll, dass wir schon so viel erreicht haben und auch so viel noch erreichen werden. 103 R: Generell zu PorYes – wer ist die Zielgruppe? L: Also auf jeden Fall alle. Aber in erster Linie arbeiten wir mit Erwachsenen (lacht). Die Zielgruppe sind erwachsene Menschen, die sich für eine andere Darstellung von Sexualität interessieren als der Mainstream. Und das sind viele! R: Habt ihr vor, die Branche zu revolutionieren? L: Ja natürlich. Na klar, das haben wir ja bei der Industrie mit den Sexspielzeugen schon hingekriegt. Jetzt sind halt die Filme dran. Eins nach dem anderen. (lacht) Wir haben immer darauf gesetzt in verschiedenen Stadtteilen, in verschiedenen Institutionen zu sein, zu wirken. Das heißt: wir waren mit Sexklusivitäten vorher in Berlin Mitte, wo viele Touris sind, wo sich viele Leute bewegen. Also keine Subkultur in dem Sinne, das ist ganz wichtig. Weil die Subkultur meistens schon Bescheid weiß. Wir machen das ganz bewusst. Wir sind an der Humboldt Universität, wir sind im Theater…Wir sind genau an den Stellen, wo die Leute sind. Und das ist auch wichtig! R: Baut sich das auch außerhalb Berlins aus? L: Ja, klar. R: Was macht ihr dafür? L: Es gibt zum einen unglaublich viele Anfragen – nicht nur von Universitäten – sondern von allen möglichen Bildungsinstitutionen, von Frauenorganisationen sowieso. Es gibt Kongressen, es gibt zunehmend Leute, die einfach solche Veranstaltungen mit anbieten wollen. Und wir machen ja auch Ausbildungen zu sexpositiven Referent*innen, die das auch weitertragen. Und das wird eben auch politisch gefüllt mit Inhalt. Das ist nicht nur Porn gucken, das reicht nicht. Also selbst wenn du nen Film zeigst und sagst „Also guckt euch das mal an, das ist ein feministischer Porno“. Die Leute sitzen da und gucken sich das an und denken sich „Okey…und jetzt?“ Es ist wichtig, in den Dialog zu gehen und zusammen zu arbeiten. Es reicht nicht, nur zu gucken. R: Also muss das neue Label erst noch erklärt werden? L: Ich weiß es nicht, ich würde nicht sagen, dass es an dem „neuen“ Label hängt, dass was erklärt werden muss. Ich glaube, dass insgesamt mehr geredet werden darf. Über Sexualität und die Vorstellungen und die eigenen Brillen. 104 R: Hast du das Gefühl, dass da in den letzten Jahren etwas passiert ist? Also, dass offener über Sexualität geredet wird? L: Naja das drüber reden ist immer noch ein Ding, das wenig passiert. Also wir haben ja jetzt im Internet tausende von Sexshops, wir haben die RTL-Gruppe, die in den Sexonlineshops drinnen steckt, die aggressive Werbung machen und und und. Wir sind jetzt wirklich so weit verbreitet. Jedes Produkt wird so groß angepriesen mit den tollsten Eigenschaften, die der Kapitalismus irgendwie zu beschreiben weiß. Da sehe ich schon, dass immer noch zu wenig „wirklich“ darüber geredet wird. Jenseits von der Vermarktung. Und ja, das ist besser geworden – Aber das ist lange noch nicht so… ich stell das halt immer wieder fest bei den Freudensalons, die wir jeden Freitag hier machen, es darf einfach noch mehr geübt werden, zu reden. Also und auch wirklich ehrlich zu reden. Und sich zu trauen darüber zu reden und festzustellen: „Oh, da habe ich ja noch eine ganz andere Sicht, das wusste ich ja überhaupt gar nicht“ Allein das zuzugeben. Und diesen Space zu schaffen, dass du es zugeben darfst und es nicht beschämend ist. Da ist ja auch ein unglaublicher Profilierungsdruck dahinter, sexy zu sein, alles zu wissen, lalala. Das ist ja nicht nur bei Teenies so. R: Wie lange dauert es noch? L: Ich glaube, dass es immer wieder Konstellationen gibt, wie beispielsweise jetzt in Amerika, die versuchen, die Rechte zu beschneiden. Ich glaube aber nicht, dass das tatsächlich passiert – also was du hier ja jetzt gerade siehst, ist, dass der Feminismus dermaßen auf die Straße geht. Und das ist ja ne Sache die über Jahrzehnte, Jahrhunderte erkämpft wurde. Und die Frauen überall in der Welt auf die Straße gehen. Das haben sie schon übrigens immer gemacht, die Revolutionen sind von Frauen gemacht. - Wenn es um soziale Belange ging. Von daher, das ist nicht zurückzudrehen. Das ist wie eine Urströmung, das kommt wieder hoch. Das sind ja auch diese ganzen Bewegungen zu mehr sozialem Miteinander, mehr sich spüren, das Interesse an Sexualität, das Zulassen. Das wird immer mehr. Das siehst du ja nicht nur hier – sondern insgesamt auch in den ganzen Magazinen…die sind voll davon. Zwar auf einer oberflächlichen Art und Weise. Aber sie greifen es ja auf. Und es hat sich schon einiges verändert. Und dazu hilft auch, zurückzugucken – also, wenn du zurückguckst kannst du sagen „Boah, was hat es sich schon toll geändert“ – wenn du nach vorne guckst, ist man manchmal ein bisschen „Oh Gott, wie lange dauert das denn noch?!) (lacht). 105 2. Toni Karat (Darstellerin und Regisseurin) R: Wer bist du und was hast du mit Pornographie zu tun? T: Ich bin Toni Karat und habe gerade einen lesbischen BDSM Porn abgedreht. R: Dein erster? Bzw. wie lange bist du schon in der Branche tätig? T: Also in der Form noch nicht. Ich bin eigentlich Fotografin, wollte aber jetzt mal einen Porn machen. R: Wie kam es dazu? T: Es ist ein Gemeinschaftsprojekt mit meiner Loverin. Wir wollten was machen, was genau dem entspricht, worauf wir selbst stehen. R: Hast du vorher im Mainstream gearbeitet? T: Nö. Also ich kenne die Sachen. Aber das ist mit ein Grund, was Anderes machen zu wollen. R: Was ist für dich wichtig am Set? T: Also an unserem Set war es wichtig, dass es keine Crew gibt. Keine Kameraleute, keine Beleuchter… das fiel alles weg. R: Hast du persönliche Grenzen, was du drehen willst? T: Ich würde nichts machen, was mich selber nicht anmacht, nur weil es gut aussieht… wir machen nur Dinge, die wir selber gut finden. R: Welches Label würdest du deinen Filmen geben? T: Sie sind auf jeden Fall feministisch. Allein in der Art, in der ich Sex habe, ist feministisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass „unfeministisch“ zu tollen Ergebnissen führt, das sieht man ja in der Industrie. Das ist sehr unfeministisch, da die Frauen zum Teil nicht mal richtig angemacht sind. Die kriegen halt Geld dafür. R: Habt ihr echte Orgasmen? T: Ja! Ich kann mich nicht erinnern, einen Porno aus der Industrie gesehen zu haben, indem die Frau auch echt kommt. Es gibt ja teilweise auch Ejakulations-Filme, da 106 hat man aber manchmal das Gefühl, dass das gefaked wird, indem die Frau einfach pisst. Für die Männer reicht es aber so. R: Ich versuche einen Unterschied zwischen feministische oder ethischer Pornographie herauszufinden. Siehst du einen? T: Weiß ich nicht… es gibt schon genug Leute, die bereits SM unethisch finden. Mit fällt es schwer überhaupt zu definieren, was „unethischer“ Porn ist. R: Es gibt ja auch Feministinnen, die ähnliches behaupten. T: Es gibt generell Leute, die nicht verstehen, dass BDSM normalerweise sehr konsensuell abläuft. R: Aber dennoch entscheidet ihr euch ja, unter feministischer Pornographie zu vermarkten. T: Ich bin einfach Feministin, deswegen könnte ich mir nicht vorstellen, einen unfeministischen Porno zu drehen. R: Braucht es denn unbedingt dieses Label? Es wird ja von der nicht komplett mit dem Thema vertrauten Außenwelt, oft auch missverstanden und mit Aussagen wie „wir machen keinen BDSM“, „Männer werden vergewaltigt“, oder ähnlichem assoziiert … Schließt dieses Label nicht potentielle UmdenkerInnen aus? T: Das kann schon sein. Es ist generell ein Problem, dass Feminismus oft so negativ konnotiert wird. Zu Unrecht - wer soll denn irgendwas gegen Feminismus haben?! Für mich muss es nicht dabeistehen, aber ich finde, so wie gerade über Feminismus diskutiert wird, gehört es dazu. Ich fände es ganz normal, nur so zu drehen. Schlimm genug, dass Feminismus noch nicht überflüssig geworden ist. Ist mir egal, wenn das Leute abschreckt, sie sollten es sich einfach angucken. R: Also produzierst du eher für ein „feministisches Publikum“ und nicht für eine breite Masse? T: Ich muss nicht als Wichsvorlage für irgendwelche Heterotypen, die auf Lesben stehen, dienen. Die will ich weder bekehren noch lege ich Wert darauf, dass die sich meine Arbeiten angucken. Wenn diese durch das Label Feminismus abgeschreckt werden, habe ich kein Problem damit. Wegen denen würde ich das Label „feministisch“ nicht streichen wollen, nur um wirklich jeden zu erreichen. Mir ist die Hauptsache Konsens, Konsens, Konsens, dreißig Mal Konsens. 107 R: Und wie sollte die PorYes Szene weitermachen? T: Ich glaube es hilft schon viel, wenn immer mehr Menschen Porn machen. Eben, wie man es sich selbst vorstellt und da ansetzt, wo man das Gefühl hat, es fehlt etwas. Das war bei uns auch ein Beweggrund: Wir hatten sowieso Lust darauf, aber ich fand es auch toll, unabhängig von irgendjemand – von Geld, von irgendwas, einfach nur das zu machen, worauf wir Bock hatten. Wenn es aber erstmal darum geht, damit Geld zu verdienen, muss man sich ganz andere Gedanken machen, Zielgruppen analysieren und so weiter… Sowas will ich alles gar nicht. Ich bin meine Zielgruppe und wenn jemand anderes meine Arbeiten auch gut findet, dann freue ich mich darüber. R: Wo siehst du Porno in 5-10 Jahren? T: Naja also da ist noch ganz viel Luft nach oben. Im Mainstreamporno sowieso – aber das ist nicht mein Feld. Da hoffe ich, dass sie, hauptsächlich innerhalb des Heteropornos, mal nach vorne gehen. Aber ich glaube da gibt es auch schon mehr… Aber gerade beim Queer Porno, lesbisch, schwul – gut, die Schwulen hatten noch nie Probleme damit, Pornos zu machen, aber gerade im Bereich queer und lesbisch gibt es immer noch zu wenig. Es kann also nur gut sein, wenn es da neue Spielarten, Strömungen und Schwerpunkte gibt. Ich habe das Gefühl, das gerade ist erst der Anfang. Da wird noch viel passieren, da bin ich mir ziemlich sicher. Und ich finde, es gibt noch zu wenig BDSM Sachen. Wäre schön, wenn da noch mehr passieren würde. Also nicht nur Fun und Political Porn, sondern ganz klar auch mal handfest. R: Wie geht ihr mit den Tube Seiten um? Habt ihr Angst, dass eure Sachen unter einem falschen Titel umsonst dort verbreitet werden? T: Habe ich so noch nicht überlegt… ich hoffe natürlich nicht. Aber vorerst wird mein Porn bei Festivals laufen und dort besteht die Gefahr ja erstmal nicht. Wenn man es dann weitervermarkten will, muss man natürlich darüber nachdenken… Aber ehrlich gesagt kenne ich mich da nicht genau aus, wie man es verhindert. Da habe ich wirklich keinen Bock drauf… er ist für ein Publikum, welches das auch schätzt und nicht bei einem „falschen“ Publikum in der schmuddeligen Lesben-Ecke landen soll. Was dann halt Typen gucken, die keine Lesben kennen und auch keine kennenlernen wollen, sondern nur die Körperteile sehen. R: Danke. 108 Moritz Kameramann in der Mainstream-Produktionsfirma VisitX.com R: Wer bist du und was hast du mit Pornographie zu tun? M: Ich bin Moritz und ich bin Producer und Kameramann in einem Unternehmen, das eine Webcam-Webseite betreibt. Und wir produzieren quasi die Werbemittel für den hauseigenen Fernsehsender. Also die Clips, die nachts bei Sport1 laufen und Beate-Uhse. Wir haben verschiedene Vertriebsformen. Also wir haben diesen eigenen Sender, den man über Astra gucken kann oder als Livestream im Internet. Das ist aber nicht das große Ding, das ist mehr so nebenbei, weil es irgendwie cool ist, nen Fernsehsender zu haben … Das Hauptgeschäft sind die nackten Mädels zuhause vor der Webcam. R: Wie lange arbeitest du schon in der Branche? M: Am 14.4 sind es vier Jahre. R: Wie kam es dazu? M: Ich hab Film studiert, war ein halbes Jahr bei Amazon und war damit unzufrieden, habe dann bei nem Youtube-Network gearbeitet, mich weiter beworben und eines Tages bin ich spontan zu nem Bewerbungsgespräch. Die Leute haben mir ein recht anständiges Gehalt angeboten… und am Ende haben sie mir so ein Ipad hingehalten „Ach übrigens: sowas machen wir“. Und ich dachte mir: „Mh nackte Frauen, finde ich gut…“ und ansonsten kann ich ja immer noch gehen, nach der Probezeit. Aber war okey. R: War ist eure Zielgruppe? M: Ou, schwer zu sagen (lacht). Sozial schwache Single-Männer oder sexuell frustrierte Ehemänner, würde ich jetzt mal so sagen. Also es klingt ein bisschen hart, aber die Leute bezahlen ja richtig anständig Kohle für dieses Webcam Business. Es ist was für Leute, denen Pornographie nicht genug ist, weil es halt keine Interaktion ist, sondern nur Konsum, die sich aber nicht nur nicht mal trauen würden, eine Frau anzusprechen (-) sondern die sich nicht mal trauen in den Puff zu gehen. Ich glaube das ist unsere Zielgruppe. 109 R: Und wo veröffentlich ihr eure Inhalte? M: Es gibt die Webseite, es gibt die TV Sender und es gibt verschiedene Lizenzformen für verschiedene Formate. Es gibt auch Sachen, die man bei Amazon Prime gucken kann. R: Sind das gut produzierte Filme? M: Filme würde ich jetzt so nicht sagen (-) das sind eher so teilweise erotische Personality-Formate, die (-) also mein Chef sagt immer „Konvertieren, was wir machen müssen ist konvertieren. Alles, was wir produzieren, muss konvertieren.“ Es soll am Ende immer dazu führen, dass die Leute Geld ausgeben. Mit diesen ganzen Lizenz- Geschichten machen wir am Ende eigentlich nur Miese. Wir produzieren dafür, dass wir damit am Ende nichts verdienen, relativ aufwändig. Content, der eigentlich mit Erotik wenig zu tun hat, um die Zielgruppe zu erweitern. Es heißt immer: „Wir wollen cooler und livestyliger werden“ – aber - ich glaube das ist auch nur so eine Wunschvorstellung. Eigentlich klappt es nicht. Wir sind und bleiben son billiger … (lacht) R: (lacht) Okay, aber inwiefern livestyliger? Um andere Leute zu catchen macht ihr dann auch mal ein bisschen Softporn? M: Nicht um die Leute zu catchen. Es ist vielmehr so, dass wir versuchen, Sachen zu machen, die nicht wirklich was mit Erotik zu tun haben. Also wenn man so hinguckt, kann man auf unserer Seite ein Premium-Abo abschlie- ßen und dann kann man da Pornos gucken – toll. Viele Leute haben aber keinen Bock, sich auf ner Pornoseite anzumelden und deswegen machen wir Sachen wie, wir fahren mit Mädels, die schwer tätowiert sind auf Tattoomessen oder wir fahren mit Lexy Rox, die extrem in der Tuning Szene unterwegs ist, auf die Eston Motor Show und sponsern den Messestand, damit unser Name da steht und produzieren mit ihr ein Format, das aber mit Erotik eigentlich nichts zu tun hat. Wir wollen halt, dass die Leute sie, im Idealfall, nur wegen des Tunings cool finden… und am Ende sagen „Ach guck mal, die gibt’s auch nackt – will ich doch mal sehen“. R: Okey, habt ihr auch Content auf den Tube Seiten – Pornhub, Youporn etc.? M: Ja, viel. R: Raubkopiert? M: Ja, es ist fast alles geklaut. R: Habt ihr da eine spezielle Anzahl an Darstellerinnen? 110 M: Das können alle machen, die bei uns auf dem Portal angemeldet sind. Die können nicht nur Webcam machen… die können auch Clips drehen und die verkaufen. Und davon landet unglaublich viel im Internet. Also das ist ja auch das, mit diesen Privatshopvideos, so heißt das bei uns, wird ein richtiger Haufen Kohle verdient. Und ich verstehe das immer gar nicht, weil wenn man ein bisschen googled, findet man das auch alles auf irgendwelchen Tube Seiten. R: Aber dennoch geben genug Leute bei euch Geld aus? M: Es ist tatsächlich so, dass die Leute auf eine gewisse Art eine soziale Beziehung zu diesen Personen aufbauen und am Ende ist es Kundenbindung. Am besten verkaufen tun nicht die Mädels, die am besten aussehen, sondern die, die bisschen quatschen können und auch noch ein bisschen Charme haben. Und natürlich, wenn die Leute jemanden kennen, sind sie auch bereit, dafür Geld auszugeben. R: Das Freundinnen-Schema? M: Son bisschen, ja R: Alright. Neue Frage: Wie läuft das am Set ab – wonach entscheidet ihr, was gedreht wird? M: Wir haben Drehpläne, die wir uns vorher überlegen. R: Wonach? M. Eigentlich nach Lust und Laune. Ich hab letzte Woche noch lustige Scherze gerissen, so nach dem Motto: „Was ist so ein klassischer Satz, den du auf der Arbeit sagst?“ (Lacht) Das war dann so: „Joa und dann setzt du dich hier hin, dann fummelst du ein bisschen, dann ziehst du dich aus und dann masturbierst du“, echt ein Brüller, wenn man das auf ner Party erzählt. Wir überlegen uns, was wir produzieren. Wir haben eine Late Night Show, die wir regelmäßig machen. Das ist ein „erotischer talk“. Eigentlich nur ein bisschen Anfeuern für die letzte halbe Stunde, die man dann als Premium-Kunde sehen kann, wo es dann hart zur Sache geht. Also Lesbo Action, was auch immer. Und den ganzen Tag vorher produzieren wir ein bisschen softe Sachen, bisschen harte Sachen… Wir haben ein Format, das heißt Lust am Lesen – da werden die Mädels auf nen Sybian gesetzt und versuchen 10 Minuten lang, ein Buch zu lesen und gucken, wie lang sie das so aushalten (--) ehm, es werden Standardsachen gemacht: wir machen Fotoshootings vorm Greenscreen, die man dann nachher irgendwo verwerten kann 111 und ehm wir machen, wenn die Mädels irgendwelche speziellen Vorlieben haben irgendwelche Fetisch-Clips… R: Achtet ihr auch auf die persönlichen Vorlieben von den Darstellerinnen? M: 50-50. Einige kommen und sind relativ unbedarft, sagen „Ach joa, mal gucken…“ und dann bin ich auch: „Och joa, mal gucken.“ Und dann gibt es so diese Standard-Dinger… Wir brauchen auf jedenfalls irgendwie einen normalen Masturbationsclip, den man in drei FSK Stufen dreht. Also am Anfang sieht man, wie sie maximal ein bisschen ihre Brüste berührt. Aber bloß keine Nippel – das muss jugendfrei sein! Das kannst du tagsüber im Fernsehen senden und dann kann die Leute dann auf die Webseite locken, bzw. kann die Leute dazu bringe um 22 Uhr nochmal einzuschalten… denn um 22 Uhr darf man ja Brüste zeigen. Das ist dann die nächste FSK Stufe und… naja, bei FSK 16 darf sie sich trotzdem nicht zu sehr an den Brüsten rumspielen – alles, was da in Richtung sexuelle Handlung geht, ist schon wieder zu hart. Und dann machen wir noch das letzte Drittel. Das gibt es dann nur auf den Bezahl Plattformen zu sehen… und da geht es dann zur Sachen. Je nachdem, was die Mädels für Spielzeug dabeihaben, was sie so mögen… R: Immer nur alleine? Oder auch mit Männern oder anderen Frauen? M: Auch gerne mit einer anderen Frau. Mit Männern haben wir eher weniger, bzw. das machen die meisten irgendwie privat oder im Hotelzimmer schon selber. Da brauchen die uns nicht dafür, das soll dann auch amateurhaft aussehen. Es gibt immer mal wieder Situationen, wo sich sowas ergibt. Zum Beispiel auf Messen… dann hat man einen berühmten Darsteller da und es heißt dann: „Ja, wir drehen jetzt, wir haben gerade ne halbe Stunde hier…“ so ungefähr… Es kommt auf der Venus ab und zu vor, dass man kennt die Leute und dann kommt einer und sagt: „Ey, könnt man nicht mit euch was drehen?!“ und dann guckt man halt, welches Mädel ist gerade da und wer hat Bock Hardcore zu drehen. Dann sucht man sich irgendwo ne ruhige Ecke und dreht schnell ne Hardcore-Szene runter…also. R: Okey, abgefahren… M: Sobald es in Deutschland zu professionell wirkt, verkauft es sich nicht mehr. Also es gibt ganz klare Grenzen, dass man merkt, wenn du zu viel machst und es zu gut aussieht, kaufen die Leute es dir nicht mehr ab. Die Leute wollen dieses authentische Mädchen von nebenan sehen. R: Wie sieht das Mädchen von nebenan aus? 112 M: Das ist totally random. Das kann jede sein. Und so ist halt auch die Bandbreite: du hast Mädels dabei, die sind salopp gesagt zu doof, um bei Aldi an der Kasse zu arbeiten. Und es ist okey, dass die bei uns ne Möglichkeit haben, relativ viel Geld zu verdienen ... und dann hast du auch Studentinnen dabei, die nur zwei Monate dabei sind, weil sie ihr Studium finanzieren wollen und nach zwei Monaten haben sie 25.000 Euro zusammen und sind dann wieder weg. R: Wie bezahlt ihr? M: Es gibt bei allen Plattformen Exklusivverträge und Abmachungen, je nachdem, wenn du nur bei uns sendest, kriegst du mehr Revenue Sharing, also du kriegst von allen Einnahmen, die du generierst 60% oder 70%. Ich glaube bei 65% ist Ende der Fahnenstange. Das muss sie allerdings noch versteuern. Sie ist ja Freiberuflerin. Rechnet sich auf jeden Fall. R: Also 25.000 für zwei Monate ist so das normale Einkommen? M: Ist schon nicht so schlecht. Meine Kollegin im Model Department hat mal gesagt, ein durchschnittliches Mädel, das sich nicht besonders viel Mühe gibt und nicht besonders oft online ist, also keine 8-10 Stunden am Tag macht, sondern sagen wir vielleicht drei Stunden am Tag und vielleicht ein bisschen länger an den starken Tagen, also am Wochenende und am Monatsanfang, kann mit relativ wenig Aufwand locker 4.000 netto im Monat machen. Also und das ist wenig. Also die Guten machen – ich nenne jetzt keine Namen, aber es gibt welche, die sich beschweren, wenn sie weniger als 75.000 im Monat einnehmen und dann sagen: „Läuft nicht so gut bei mir zurzeit“ R: Wie lange sind die ungefähr im Business? M: 3-4 Jahre so. Die nehmen es aber auch wirklich ernst. Marketingtechnisch, Facebook-Seite, eigene Webseite, die nehmen es wirklich ernst als Business. Viele kommen sehr schnell auf so einen Party-Livestyle und sind nach 1,5 Jahren völlig verkokst und können nicht mehr. Aber die, die es ernst nehmen und wirklich Business machen, sind nach 2 oder 3 Jahren mehrfache Millionäre und können aufhören für den Rest ihres Lebens. R: Habt ihr Frauen am Set? M: Prinzipiell ja. Also zurzeit bei und im Team nicht. Also es ist eine Kollegin da, die macht die Model Betreuung, die ist auch immer mal wieder dabei. Aber im Grunde mache ich die Produktion und sie stellt mich quasi vor und sagt „Hey, das ist Mo, der ist hier unser Kasper und wenn irgendwas ist, kannst du gerne Bescheid 113 sagen.“ das ist diejenige, wo sich dann alle beschweren, wenn ich mich danebenbenommen habe. Ehm wir hatten aber in nem größeren Team in der Zentrale in Frankfurt… da wechselt das Team in letzter Zeit relativ viel…aber da hab ich auch schon mit Frauen zusammen gearbeitet. R: Auch in den höheren Rängen? M: Ja, also alles dabei. Ich habe das Gefühl, bei uns arbeiten eigentlich mehr Frauen, als Männer. Human Ressource und so. Inzwischen sogar sind in der Hauptproduktionsabteilung hauptsächlich Frauen… Nur so die Programmierer-Ecke sind glaube ich fast ausschließlich Männer. R: Produziert ihr explizit für ein weibliches Publikum? M: Eigentlich nicht. Also wir versuchen es schon. Da treffen ja auch immer Welten aufeinander. Wir versuchen schon immer gerne, nicht so plump daherzukommen. Aber eine echte weibliche Zielgruppe haben wir eigentlich nicht so richtig. R: Macht ihr euch Gedanken über gewisse Rollenbilder, die ihr propagiert? M: Boah, das ist ein ganz schön schwieriges Thema… Es gibt ja immer so Sparten. Und ich glaube, viele Männer würden gerne mehr ihre dominante Seite ausleben, als sie es tun. Und weil das nicht geht, holen sie sich halt im Porno die Ersatzbefriedigung und gucken sich dann halt solche feministisch nicht okeyen Sachen an. Wobei mir halt auch schon Feministinnen gesagt haben, dass die Frauen, wenn sie es nicht auch ein bisschen geil finden würden, würden sie ja nicht zu solchen Drehs gehen. Die wissen ja, was da passiert. Und…. Ah, das ist jetzt schon wieder sehr sexistisch… ich hab auch schon wieder sehr viele Frauen, Feministinnen kennen gelernt, die auch irgendwie diese Doppelmoral inne hatten. Auf der einen Seite möchten sie als Frau total respektiert werden. Aber im Bett wollen sie schon, dass der Mann die Hosen anhat und sagt, wo es langgeht. Ich glaube es ist so ein bisschen dieses „Lieschen Müller regt sich über Pornos auf, aber heimlich wird dann hinten rum doch ein bisschen geguckt“. – Natürlich gibt es Sachen, die einen ästhetisch höheren Anspruch haben… Ehm es ist immer die Frage, wo will man damit hin und was möchte man persönlich damit erreichen. Und ich habe häufig das Gefühl, wenn man so „schöne“ Pornos macht, dann seh ich da einfach sehr viel Produktions-Budget, ich kann sehen, wie gut das Licht ist, ich kann sehen, dass niemand schwitzt und es ist einfach so „Okey, ich weiß wie das aussieht: da stehen 30 Leute am Set und es ist halt nicht, dass die Leute da ernsthaft Spaß haben, sondern sie stellen irgendwas dar, was auch ihr Job ist… ich kaufe es ihnen aber nicht ab. Und wenn ich mir jetzt irgendwelche harten, sadistischen Pornos angucke und die Frau es nicht gut findet, ist es ja immer noch irgendwie Konsens, die hat ja dafür 114 unterschrieben, und ist freiwillig da… aber dass es ihr in dem Moment nicht gefällt ist glaube ich schwieriger zu spielen. Von daher halte ich es für ein bisschen authentischer. R: Also bei euch: Machen die Frauen das wegen des Geldes oder weil sie Bock draufhaben? M: Überschneidet sich manchmal… Von „Boah geil, ich hab Bock, Kohle zu verdienen“… die machen es ja in dem Sinne auch freiwillig. Die sind meistens in dem Sinne ein bisschen schüchterner, sag ich mal. Da darf ich mein Maul nicht so weit aufreißen und zu harte Sprüche bringen … Die, die wirklich Bock drauf haben und echt exhibitionistisch veranlagt sind, mit denen dreht sich das von alleine weg. Manchmal sind Mädels da, die sind so witzig, da habe ich das Gefühl, wir sitzen hier den ganzen Tag und machen Witze und zwischendurch sag ich: „Zieh doch mal deinen Schlüpfer aus und steck nen Dildo rein“ und im Endeffekt macht man einfach alles lustig, hat nen guten Tag und am Ende wird Pizza bestellt. Joa ... also es ist nicht so, dass ich hier das Gefühl hab … Naja ... manchmal gibt es so Mädels, die zicken ein bisschen. Die sagen „Ja, das war aber nicht abgesprochen, dass wir sowas machen mh hm hm …“ aber natürlich war das vorher abgesprochen und ich weiß das und die haben das auch schon unterschrieben und die haben ja den Vertrag vorher zugeschickt bekommen. Mache zieren sich einfach ein bisschen oder haben nen schlechten Tag… passiert ja auch mal… und dann macht man halt nen bisschen weniger. Also weißt du wenn ich zwei Mädels da hab, dann mach ich halt mehr mit der, die gerade Bock hat und die andere hat dann halt mehr Pause und langweilt sich mehr. Und am Ende kommt auch weniger gutes Material von ihr rum, was ja wiederum Werbung für sie ist. Das tut mir dann immer ein bisschen Leid für die Mädels, die richtig Bock haben, wenn dann eine da ist, die so die Stimmung runterzieht. Das macht auch einen Teil unseres Images aus… wie die Produktion bei uns läuft, dass es entspannt ist. Naja, das spricht sich ja rum, wenn eine Produktion scheiße ist und die keinen Bock mehr haben mit uns zu arbeiten, dann kommen die nicht mehr wieder und wir verdienen nichts mehr an denen. Also einer der ersten Sätze, die ich immer zu den Mädels sage auf Produktion, ist „Macht euch mal keinen Stress so, heute ist Produktion. Ihr habt keinen Bock auf Stress und ich habe auch keinen Bock, euch zu stressen. Wir machen einfach so weit wie wir kommen, ganz entspannt“. Und das funktioniert immer – auch wenn man mal 2 Stunden zurückhängt, kann man trotzdem nochmal ne Pause machen. Das wichtigste ist, dass gute Stimmung herrscht. 115 R: Und wie macht ihr das? M: Joa Schapps, ne?! Also es ist häufig so: nackig sein vor der Kamera und irgendwelche Masturbationsgeschichten, finden die meisten immer einfach, dann haben wir allerdings abends immer unsere Late-Night-Schiene, die dann live im TV läuft und da sind viele furchtbar aufgeregt… Und da gibt’s vorher dann mal nen Sekt, oder zwei oder, wenn die Leute Lust haben dann auch mal nen Schnaps… Also die Basis ist halt irgendwie nett und freundlich sein und wenn die dann immer noch schüchtern sind, dann gibt’s halt nen Sektchen. Wir geben uns Mühe, alle Bedürfnisse zu erfüllen: Essen Trinken, aufs Klo gehen, Raucherpause – alles geht immer. Eh, ja also wir haben immer Catering am Set. R: Wie viele Leute seid ihr am Set? M: Tagsüber mache ich fast alleine… also ich habe noch einen Kollegen, der mir hilft. Also wenn der Sybian bedient werden muss oder was umgebaut werden muss… R: Was ist der Sybian? M: Sagt dir nichts? Herrlich! Sybian ist so ein Masturbationshocker. Ein halbrundes Ding, wo auf der Oberseite ein Pinöpel ist, wo man verschiedene Aufsätze drauf tun kann. Entweder einen nachgeformten Penis oder auch eine Matte mit Noppen dran und da setzt sich die Frau halt drauf… und das Ding hat 1600 Watt und der Hersteller gibt eine Orgasmus-Garantie. R: Und das klappt? M: Es hat halt immer damit zu tun, wie sehr man sich gehen lassen kann… Ich kenn Mädels, die sind irgendwie aufgeregt oder findens uncool nen echten Orgasmus zu haben am Set. R: Okey. Ist es eher Gang und Gäbe, dass die Frauen keinen richtigen Orgasmus haben? M: Es kommt immer auf die Mädels an. Die, die eigentlich nicht cool damit sind, was sie machen, die finden es auch nicht geil, nen echten Orgasmus am Set zu haben. Die, die es cool finden… also ich habe schon erlebt, dass Frauen eher skeptisch waren und dann ihren ersten multiplen Orgasmus hatten auf diesem Ding. R: Hast du in den letzten Jahren Veränderungen gesehen in der Industrie? M: Schwierig. Wenn man da drin ist, bekommt man einen tieferen Einblick. Aber prinzipiell bleibt alles immer grob durchmischt. Es gibt immer die Fußfetischisten, es gibt immer die, die auf große Brüste und dicke Ärsche stehen, es gibt immer son 116 paar Extremgeschichten. Ich glaube, im Schnitt bleibt es eigentlich eher gleich. Also zum Beispiel die ganzen Step Mom, Stepdad, sone Sachen… man versucht irgendwie solche Sachen zu tabuisieren. Ne ich glaube, das gabs auch schon immer. R: Und wo siehst du das in 5 oder 10 Jahren? M: Es war vor zwei Jahren nen großes Thema: Virtual Reality, ob das irgendwie den Markt aufmischen wird? Es gibt einen einzigen Anbieter, der sich durchgesetzt hat. Die Leute sind einfach nicht bereit, erstens Geld fürs Produkt zu zahlen und dann auch noch 700€ für so eine Brille. Ich glaube das wird sich nur im Gaming-Bereich durchsetzen, solange sich das nicht jeder für nen Zwanni kaufen kann. Als ich angefangen habe, Pornos zu gucken, da gab es alle Sachen, die es heute gibt, auch schon. Die Produktionen werden besser, alle konzentrieren sich ein bisschen mehr auf ihr Produkt, finden ein bisschen mehr ihre Nische und bleiben dann da. Und Auflösung wird kommen. Also inzwischen Filme, die 4:3 sind, da skippe ich angewidert weg. Muss schon HD sein inzwischen. Amazone Prime, die nehmen eigentlich nur noch Sachen an, die 4k sind. Das wird kommen, aber ansonsten, nee. Da bleiben die Sparten so wie die Vorlieben der Zuschauer und ich glaube Porno bleibt Porno, ganz normal. R: Danke

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Zusammenfassung

Pornografie in einer sexualisierten Gesellschaft – Ein Zeichen der Befreiung oder doch nur Sexismus? Wer dirigiert unsere Lust und wer verdient an ihr? Gibt es Alternativen zur Casting-Couch und wie saftig ist das Stroh auf der anderen Seite?

Vor dem Hintergrund der feministischen bzw. ethischen Pornografie wird diese Arbeit den obigen Fragen nachgehen. Eine Annäherung an die komplexe Geschichte der Pornografie, die Macharten im Mainstreamporno sowie das Phänomen der Tube-Seiten sollen Nährboden für eine quantitative Gesellschaftsbefragung zu Erwartungen, Einschätzungen und Möglichkeiten fair produzierter Pornografie bieten.