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Schlusswort in:

Ribana Schmidt

Feministische und ethische Pornografie, page 89 - 92

Revolution einer Branche oder Randerscheinung?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4309-7, ISBN online: 978-3-8288-7243-1, https://doi.org/10.5771/9783828872431-89

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
89 Schlusswort Nachdem nun im ersten Teil dieser Arbeit ein theoretisches Fundament zur Pornografie im Allgemeinen, ihren Entwicklungen innerhalb der letzten Jahre und diesbezüglich agierenden feministischen Strömungen geschaffen wurde, kann dies nun mit den vorliegenden Forschungsergebnissen in Verbindung gesetzt werden, um die Chancen feministischer/ethischer Pornografie aufzuzeigen. Es wurde dargelegt, dass der feministischen bzw. ethischen Pornografie gewisse Kriterien in Bezug auf Produktionsbedingungen, propagierte Menschenbilder und Bezahlsysteme zugrunde liegen: Deren Hauptaspekte sind Konsens, Diversität und Fairness in allen Bereichen. Anhand der Recherchen konnten die Vermutungen über die schlechten Arbeitsbedingungen in der Industrie zwar teilweise bestätigt werden, allerdings ist eine allgemeingültige Aussage über allumfassend schlechte Bedingungen in Mainstream-Produktionsfirmen aufgrund der unüberschaubaren Fülle des Angebotes unmöglich. Gerade der Bereich der Amateur-Pornografie deckt aufgrund der Selbstbestimmtheit der Akteur*innen neue Seiten auf, welche hier allerdings nicht genügend betrachtet werden konnten. Demnach wäre an dieser Stelle eine weiterführende Untersuchung speziell zu diesem Phänomen interessant, auch um herauszuarbeiten, ob gerade diese Selbstbestimmtheit dazu führt, dass die Bedingungen tatsächlich besser sind oder aber es durch einen Mangel an Kontrolle und festen Strukturen ins Gegenteil umschlägt. Die Recherchen zum Unternehmen „Mindgeek“ haben gezeigt, dass es sich hierbei nicht um ein reines Pornografie-Unternehmen handelt, sondern sich das Unternehmen vielmehr auf das Generieren und Verkaufen von Traffic spezialisiert hat. Die Studie hat ferner gezeigt, dass Pornokonsum zwar für viele Menschen zum Alltag gehört, die Thematisierung dessen aber in zwischenmenschlichen Beziehungen kaum stattfindet, was darauf schließen lässt, dass Pornografie sich noch immer in einer Tabuzone befindet. Folglich kann davon ausgegangen werden, dass ebenso wenig Austausch über die Hintergründe der Industrie oder aber die Existenz fair produzierter Alternativen stattfindet. Durch diese Tabuisierung verbreitet sich das Wissen langsamer als beispielsweise die Gewissheit der negativen Konsequenzen von Massentierhaltung und ihre veganen/vegetarischen Alternativen oder die Probleme der Textilindustrie und ihre Fair-Trade-Lösungen. Dies findet sich auch in Laura Méritts Aussagen bestätigt. Sie sieht eine Lösung der Problematik in freierer Kommunikation über Sexualität. Hier wird deutlich, dass selbst ein auf den ersten Blick individuelles Phänomen wie der Konsum von Pornografie an gesellschaftliche Konventionen und Diskurse gebunden ist und dass der gesellschaftliche Umgang mit ihr wiederum indirekte Auswirkungen auf Produktionsbedingungen etc. hat. Darüber hinaus ging aus der Studie hervor, dass verschwindend wenig für Pornografie bezahlt wird: Lediglich 1% der 702 Studienteilnehmer*innen gab an, für ihren Pornokonsum zu bezahlen. Das Gratisangebot der Tube-Seiten ist enorm und 90 die entsprechenden Plattformen verdienen am hohen Traffic, der auf den Seiten stattfindet und folglich auch an den verhältnismäßig wenigen Usern, die Bezahl-Abos abschließen. Diese Rechnung wird allerdings ohne die Produktionsbedingungen und insbesondere ohne die Darsteller*innen gemacht. Auch hier findet sich eine Parallele zu anderen Produktionsbereichen wie etwa der Nahrungsmittel- oder Kleidungsproduktion. Auch sind Freiwilligkeit, Konsens und Produktionsbedingungen beim Konsum eines Pornos kaum herauszulesen. Zumal es sich bei feministischer und ethischer Pornografie, entgegen der gesellschaftlichen Erwartung, nicht ausschließlich um gewaltfreie Pornografie handelt. Laut den Selbstbeschreibungen des Labels besteht sogar ein viel diverseres Spektrum an Möglichkeiten, sexuellen Spielarten und Praktiken, zu denen durchaus auch BDSM-Szenen und (konsensuelle) Gewalthandlungen gehören, als im Mainstreamporno üblich ist. Mit der voranschreitenden Digitalisierung verändert sich das gesellschaftliche Verständnis von Besitz und dessen Wertigkeit grundlegend: So konnte in den letzten 20 Jahren beobachtet werden, wie die Fülle an analogen Medien immer weiter zusammengeschrumpft ist. Mensch und Datei müssen heute nicht mehr an einem Ort sein. Das Internet und die „Cloud“ halten alles immer bereit. Angefasst und tatsächlich individuell besessen werden müssen Musik, Filme und eben auch Pornos längst nicht mehr. Netflix und Spotify haben trotz der Existenz kostenloser Streamingdienste erreicht, in der Film- und Musikindustrie Ordnung zu schaffen und der Entropie der Umsonst-Angebote im Internet mit aufgeräumten, bezahlpflichtigen Alternativen entgegenzutreten. Ähnlich könnte es auch der Pornografie in einigen Jahren gehen, denn hier wäre ein sauberer, übersichtlicher Aufbau, Auswahl, Sicherheit vor Viren und Qualität gewährleistet. Diese Kriterien haben zwar noch recht wenig mit ethischen Maßstäben zu tun, dennoch gewährleisten besagte Plattformen gewisse Grundsätze in Bezug auf Altersbegrenzungen und treffen eine Vorauswahl. Durch die erst seit den 60er Jahren voranschreitende Enttabuisierung der Sexualität würde es wohl dennoch einige Zeit dauern, bis Sexualität und Pornografie so normal geworden sind, dass sich die Menschen zugestehen, ein bezahltes Abo abzuschließen, um Pornografie zu konsumieren. Auch ist die allgemeine Öffnung und Neudefinierung der Privatsphäre durch Datenspeicherung oder algorithmische Personenprofile zu bedenken. Es könnte schon bald gesellschaftlich als sicherer eingestuft werden, auf einer etablierten Pornoplattform für Pornografie zu bezahlen, als auf undurchsichtigen kostenlosen Tube-Seiten die eigene Sicherheit und Privatsphäre im Netz zu riskieren. Zudem hat die Studie ergeben, dass die Selbstbeschreibungen des Labels „feministische Pornografie“ in der Regel nicht mit den gesellschaftlichen Assoziationen dessen übereinstimmen, da darunter allgemein eher Pornografie für Frauen oder „Female Friendly“ verstanden wird. Somit wäre es ein nächster Schritt, das Label „feministisch" in den Hintergrund zu stellen. Feministisches Handeln in Bezug auf Pornografie will oftmals generelle ethische Standards, Gleichberechtigung, Diversität und Konsens durchsetzen. Dass es dabei in vielen feministischen Strömungen längst nicht mehr nur um die Gleichstellung der Frau geht, ist vielen nicht bewusst, was schnell 91 zu Missverständnissen, Fehleinschätzungen oder Desinteresse führen kann. Auch gibt es nicht nur den „einen“ Feminismus, wie Laura Méritt im Interview verdeutlicht. Jene Strömungen, welche sich der radikalen Machtergreifung der Frau, der Abschaffung des Patriarchats und der Entmachtung des weißen CIS-Mannes verschrieben haben, bedienen sich desselben Schlachtrufes des „Feminismus“ wie jene Pornograf*innen, welche ethisch korrekte, gleichberechtigte Pornografie machen wollen. Bereits das „Fem“ im Label-Namen und die politische Einstellung des radikalen Feminismus machen es schwer, ein großflächiges Interesse bei potentiellen Konsument*innen zu erzeugen. Dem gegenüber steht der Label-Name der ethischen Pornografie, welcher zwar bei den Studienteilnehmer*innen noch recht unbekannt ist, allerdings eher das nach außen zu transportieren vermag, was sich auch tatsächlich dahinter verbirgt. Besonders in Bezug auf Produktionsbedingungen und Bezahlung stimmen die Erwartungen der Befragten mit den Selbstbeschreibungen des Labels überein. Der Gedanke hin zu einer Gewährleistung ethisch korrekter Produktionsbedingungen der konsumierten Pornos wird ebenfalls durch den generellen Trend zu einem bewussteren Lebensstil bestärkt. Bio und Fair-Trade sind längst keine Randerscheinungen der „Hippie-Bewegung“ mehr. Europaweit werden Plastiktüten in Supermärkten abgeschafft und ein wachsendes Bewusstsein über die Produktionsbedingungen der in Entwicklungsländern wie Bangladesch gefertigten Kleidung führen zumindest teilweise zu einem bewussteren Umgang mit Textilien etc. Hier könnte ein Gütesiegel für fair produzierte Pornofilme Abhilfe schaffen. Ähnlich wie beim Kauf eines Bio-Apfels würde das Siegel die von außen oft nicht ersichtliche Einhaltung gewisser Produktionsrichtlinien und Grundprinzipien sicherstellen, denn die Studie hat gezeigt, dass durchaus eine größere Bereitschaft besteht, für fair produzierte Pornografie Geld auszugeben, als es momentan bei regulär produzierter Pornografie der Fall ist. Besonders bereits an einem bewussten Lebensstil interessierte Menschen würden womöglich auf faire Pornografie umsteigen. Bedacht sei hier allerdings, dass die Sexualität schon immer eine wichtige Rolle in der menschlichen Geschichte innehatte, sie allerdings lange Zeit einer strikten Unterdrückung und Tabuisierung seitens der Kirchen und des Staates unterlag und sich somit ein Schleier der Scham und des Verbotes über sie gelegt hat. Die Auswüchse 278 CIS-Gender bezeichnet Personen, deren Geschlechteridentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. 279 Diese grundlegende Frage nach Definition, Differenzierung und Verwendung des Feminismus-Begriffs wäre eine weiterführende und lohnende Arbeit, die allerdings eher eine Geschlechtersoziologischen Betrachtung verlang. 280 Die Studie deckt lediglich einen eingeschränkten Teil der Gesellschaft ab, da nur Menschen mit Internet Zugang und Facebook erreicht wurden und zudem eine Vorauswahl durch den persönlichen Facebook-Bekannt*innenkreis der Forscherin und die Nutzer der Plattform „Kiel Book“ getroffen wurde. 92 der heutigen Pornografie können als Antwort auf diese Unterdrückung gelesen werden, denn noch immer haftet ihr der Geschmack des Vulgären, Unanständigen, stets Privaten und gerade deswegen Reizvollen an. Um sie aus diesem desolaten Zustand zu befreien und auch eine gesellschaftliche Reflexion über die vorhandenen Produktionsbedingungen etc. in der heutigen Pornolandschaft zu ermöglichen, bedarf es somit einer Auseinandersetzung und Enttabuisierung der gesamten Sexualität. Auch hier setzt der feministische/ethische Porno an, indem er offen agiert: Darsteller*innen werden durch einen gewissen Personenkult aus der anonymen und gesichtslosen Masse der Sexobjekte herausgeholt und dadurch wieder vermenschlicht, Berichte über die Branche können mittlerweile beinahe weltweit in Magazinen und Zeitungen gelesen werden und viele Akteur*innen der Szene verbreiten ihre Visionen und Gedanken durch öffentliche Vorträge z. B. an Universitäten oder in „TED-Talks“. Pornografie wird hier, entgegen der herkömmlichen Herangehensweise, als anerkannter und stolzer Teil der diversen menschlichen Sexualität vorgestellt und gefeiert. Dieser gesellschaftliche Gedankensprung von der Lust an Tabubruch und Unterdrückung hin zur Lust am Spektrum gleichberechtigter sexueller Erfahrungen scheint sich somit seinen Weg an die Oberfläche zu bahnen und eine tatsächliche Chance zu bieten, auch in den Köpfen der Gesellschaft anzukommen. Dass dies langsamer und komplizierter abläuft, als in anderen Bereichen einer bewussten Lebensumstellung ist somit verzeihlich, denn ein gesellschaftlicher Bruch mit einem geschichtlichen Tabu ist womöglich schwieriger als ein Tabubruch als solcher.

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Zusammenfassung

Pornografie in einer sexualisierten Gesellschaft – Ein Zeichen der Befreiung oder doch nur Sexismus? Wer dirigiert unsere Lust und wer verdient an ihr? Gibt es Alternativen zur Casting-Couch und wie saftig ist das Stroh auf der anderen Seite?

Vor dem Hintergrund der feministischen bzw. ethischen Pornografie wird diese Arbeit den obigen Fragen nachgehen. Eine Annäherung an die komplexe Geschichte der Pornografie, die Macharten im Mainstreamporno sowie das Phänomen der Tube-Seiten sollen Nährboden für eine quantitative Gesellschaftsbefragung zu Erwartungen, Einschätzungen und Möglichkeiten fair produzierter Pornografie bieten.