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2. Ethischer/feministischer Porno als mediales Konzept in:

Ribana Schmidt

Feministische und ethische Pornografie, page 51 - 64

Revolution einer Branche oder Randerscheinung?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4309-7, ISBN online: 978-3-8288-7243-1, https://doi.org/10.5771/9783828872431-51

Tectum, Baden-Baden
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51 2.1 Perspektiven alternativer Pornografie Produzent*innen Im Laufe dieses Kapitels werden einige Produzent*innen ethisch feministischer Pornografie genannt, einige sollen hier vorab kurz beschrieben werden: Erika Lust: “I have pledged to create new waves in adult cinema, bringing you films that show all of the passion, intimacy, love and lust in sex.” Erika Lust dreht seit 2005 in Barcelona feministische Pornofilme. Außerdem unterhält sie eine Aufklärungsseite, die Eltern dabei helfen soll, mit der heranwachsenden Sexualität ihrer Kinder umzugehen. Des Weiteren unterstützt sie Filmemacher*innen finanziell, ihre filmischen Projekte umzusetzen und verbreitet auf der Plattform Lustcinema.com pornografische Filme, welche nach ethischen Maßstäben produziert werden. Erika Lust Films erfreut sich einer immer größer werdenden weltweiten Community und sie wird in vielen Magazinen und Zeitungen als „Pionierin des euen Pornos“ gefeiert. Lucie Blush “Why reduce Sex to a mechanical act? Real pleasure, empowered woman, natural bodies, men who are not machines… This is what I want to see in porn.” Lucie ist Performerin und Produzentin ethischer Pornografie. Sie arbeitet und lebt seit vier Jahren in Berlin. Allerdings grenzt sie sich seit einiger Zeit vom Feminismus ab, da sie die Meinung vertritt, dass sich der Feminismus in Einzelheiten verrenne und somit die Wurzel der Missstände in der Pornoindustrie übersehe. 199 Siehe https://www.lustcinema.com/about Zugriff am 20.03.18. 200 http://www.huffingtonpost.ca/carlen-costa/erika-lust-feministporn_b_7088540.html?utm_hp_ref=tw vom 19.06.2015, Zugriff am 20.03.18. 201 Siehe https://www.luciemakesporn.com Zugriff am 20.03.18. 202 https://www.welovegoodsex.com/why-im-not-a-feminist-anymore/ vom 07.08.2017. 52 PorYes/Laura Méritt „Die Pornoindustrie ist stark von sexistischen Darstellungen geprägt. Frauen werden häufig als passive Objekte gezeigt, die wie selbstverständlich die Wünsche des Mannes bedienen. Männer werden zu unsensiblen, irrealen Dauerständern reduziert.“ Seit 2009 wird unter der Schirmfrauschaft Laura Méritts in Berlin der PorYes-Award, ein internationaler feministischer Filmpreis, verliehen. PorYes setzt sich für eine sexpositive Darstellung der weiblichen Lust und der aller anderen Geschlechter ein. PorYes hat einen Kriterienkatalog für feministische Pornografie zusammengestellt, welcher im folgenden Kapitel ausführlich dargestellt wird. 2.2 PorYes! Kriterien feministischer Pornografie Die folgenden Kriterien gelten als Leitfaden für eine feministische, ethische Pornoproduktion. Sie wurden von feministisch bewegten Frauen auf verschiedenen Konferenzen und Diskussionen herausgearbeitet und werden fortlaufend ergänzt: Ein Film muss drei Mindestanforderungen erfüllen, um als „PorYes-Film“ zu gelten: • Die sexpositive Darstellung weiblicher Lust (wie auch die anderer Geschlechter). • Das Aufzeigen vielfältiger sexueller Ausdrucksweisen. • Das maßgebliche Mitwirken von Frauen am Filmset bzw. hinter der Kamera oder in der Regie. Der Katalog enthält weitere Anforderungen und Richtlinien, welche bei der Produktion entsprechender Filme helfen sollen. Da Mainstream-Pornos sich laut PorYes durch die Fokussierung auf den Mann und seine Bedürfnisse auszeichnen, Standardpraktik die Penetration mit dem Penis in alle weiblichen Öffnungen sei und als Hö- 203 Siehe http://www.poryes.de/warum-poryes/. 204 Siehe http://www.poryes.de/warum-poryes/. 205 Ebd. 53 hepunkt oder Abschluss die männliche Ejakulation, häufig ins Gesicht der Frau, gezeigt würde, steht die Abgrenzung zum Mainstream weit oben im Katalog. Weitere Kriterien können der offiziellen Webseite von PorYes entnommen werden und sind nachfolgend stichpunktartig aufgelistet: • Sex-positive Grundeinstellung, keine menschen- und frauenverachtenden Darstellungen. • Praktiken in Absprache mit den Agierenden/keine Grenzüberschreitungen. • Ethische Arbeitsbedingungen/Safer-Sex-Einsatz begrüßenswert. • Die Agierenden werden in Beziehung zueinander gezeigt, Augen-, Haut-, Hände- und Körperkontakt, Energieaustausch. • Emotionen und Liebesbekundungen sind erwünscht, machbar und zeigbar. • Vielfalt der Kamera-Einstellungen, Licht- und Schattenspiel. • Variationen der Sex-Praktiken in freudvollem Übergang, keine Leistungsschau; Erweiterung des stereotyp dargestellten Spektrums. • Vielfalt der Körpertypen, Personen verschiedenen Alters, Geschlechtes, sexueller Orientierung und ethnischen Hintergrundes. • Authentische Tonaufnahmen oder Musik, keine Geschlechterstereotypen verstärkenden Synchronisationen des Gestöhnes. • Darstellung von Lust und Freude, Schwerpunkt auf weiblicher Lust und deren Vielfalt. • Keine schematische Darstellung der sexuellen Höhen-Verlaufskurve, d. h. kein geradliniges Hinarbeiten auf die Ejakulation des Mannes, keine Betonung männlicher Cumshots. Orgasmen sind nicht das einzige Ziel. • Frauen sind maßgeblich an der Produktion des Filmes beteiligt, als Produzentin, Regisseurin oder Kamerafrau. Zusammenfassend zeichnet sich laut Méritt der feministische Pornofilm dadurch aus, dass er von der alles einbeziehenden Vielfalt der Sexualität lebe. Gerade das Offenlegen des Reichtums und der Veränderbarkeit der Sexuellen Freuden sei die sexpositive Botschaft von PorYes. 206 Vergleiche hierzu auch Méritt, Laura: PorYes! in: Schuegraf und Tillmann: Pornografisierung von Gesellschaft, S. 375 ff. 207 Siehe http://www.poryes.de/hintergrund/ Zugriff am 4.4.18. 54 2.3 Feministischer Porno: Label oder Schublade? „Bei dem Begriff Feminismus geht eine Schublade auf und im Zweifelsfall sitzt Alice Schwarzer drin. So sehr ich sie schätze – das ist nicht produktiv. Feminismus hat ein schlechtes Image. Wenn man etwas ändern will, kann man nicht mit einem so vorbelasteten Begriff anfangen.“208 Mit ihrem Buch „Die neue F-Klasse: wie die Zukunft von Frauen gemacht wird“ stieß Thea Dorn 2006 eine Diskussion über den Feminismusbegriff an, welche auch in der heutigen Pornografiedebatte immer wieder zur Sprache kommt. Der Begriff sei bereits vorbelastet und das „fem“ im Wort deute bereits auf eine rein weibliche Perspektive hin. Aber auch aufgrund seiner in den vorhergehenden Kapiteln beschriebenen Geschichte sei das Wort bereits mit einem Deutungsschema belegt. So stößt auch Erika Lust immer wieder an die Grenzen des gesellschaftlichen Verständnisses des Feminismus. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung berichtet sie, dass besonders Männer gewisse Schubladen für feministische Pornografie bereithalten. So werde sie oft gefragt, ob feministischer Porno „mit hässlichen Frauen“, „Haaren unter den Achseln“ oder Männer unterdrückenden Frauen arbeite. Dass sich große Teile eines neueren Feminismus allerdings für eine generelle Gleichberechtigung aller Geschlechter und Menschen einsetzen, ist auf den ersten Blick oft nicht ersichtlich. Dies kann besonders bei diskursfernen Menschen für Verwirrung und Desinteresse sorgen. Anhand der Omnipräsenz von Pornografie und der alltäglichen Nutzung dieser in allen gesellschaftlichen Schichten kann nicht davon ausgegangen werden, dass jede oder jeder Pornokonsument*in eine zeitgemäße Einschätzung des Feminismus und somit des feministischen Pornos hat. Denn wie dem neueren Feminismus geht es den neuen feministischen Pornografieströmungen nicht mehr primär darum, die unterdrückten Frauen zu befreien – vielmehr geht es um einen generellen ethischen und fairen Umgang mit allen Beteiligten, vor und hinter der Kamera. Dies wird auch durch ein Statement der PorYes-Aktivist*innen deutlich: 208 http://www.taz.de/!350788/ vom 18.11.2006. 209 http://www.sueddeutsche.de/leben/filmemacherin-erika-lust-porno-kann-den-leuten-helfen-1.3328931 vom 13.01.2017. 210 Siehe auch Kapitel 1.4: „Internet Pornographie“. 55 „In den letzten 35 Jahren [haben der gesellschaftliche Wandel und die Frauenbewegung] die Sexualmoral verändert und eine Verhandlungsmoral eingeführt. Die Sexualwissenschaft spricht von einer grundlegenden Veränderung der sexuellen Verhaltensmuster durch die Frauen. Durch beständige Aufklärungsarbeit, […] und mittlerweile auch Frauenpornos hat sich ein anderer, entspannterer Umgang mit Sexualität durchgesetzt. Diese neu definierten Bedürfnisse fanden mittlerweile auch Eingang in der hochkommerziellen Sexindustrie, die nun ebenfalls hübsche Spielzeug-Kollektionen und Mainstreampornos für Frauen anbietet. Dieser positive Schritt kann allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die Mehrheit der führenden Produktionen auf unethischen und umweltzerstörenden Arbeitsbedingungen basiert.“211 Auch Lachner vertritt einen feministischen Ansatz, stellt allerdings fest, dass Namensgebungen wie „ethisch“, „fair“ oder „nachhaltig” auf dasselbe Ziel hinarbeiten: „fair und mit dem richtigen Mindset produziert, inhaltlich wie ästhetisch spannend, sexy und erregend.“ Ähnlich beschreibt auch Erika Lust weiterführend im Interview, dass ein guter Porno für sie immer automatisch feministisch sei und es demnach keinen zwingenden Bedarf an der Kategorie „feministischer Porno“ geben sollte. 2.4 Begriffsverwirrung: Erotika, Feministischer Porno, Ethical Porn oder Adult Cinema? Die Kriterien feministischer Pornografie können als Nährboden für eine komplette Pornografieströmung gesehen werden. Das Feld der Alternativen zum Mainstreamporno hat sich, besonders in den letzten Jahren, weiter aufgefächert und erfreut sich eines zunehmenden gesellschaftlichen und medialen Interesses. Allerdings scheint es noch einige Ungereimtheiten bezüglich der Namensgebung des Genres zu geben. So hat es den Anschein, dass jeder Produzent/jede Produzentin den eigenen Werken ein eigenes Label gibt. Diese Annahme bestätigen auch 211 Siehe http://www.poryes.de/hintergrund/. 212 Lachner, Theresa: Kommen mit Stil, S. 16. 213 http://www.sueddeutsche.de/leben/filmemacherin-erika-lust-porno-kann-den-leuten-helfen-1.3328931 vom 13.01.2017. 56 die Experteninterviews Theresa Lachners. Sie interviewte namenhafte Regisseur*innen wie Erika Lust, „Maike und Sören“, Jennifer Lyon Bell, Lucie Blush und Ms Naughty. Lachner fragte, welches Label sie ihren eigenen Produktionen geben würden. „Ich sage immer noch „Porno für Frauen“ aber mehr als die Hälfte meiner Abonnenten sind Männer. Ich würde es „feministischen Porno“ nennen, aber da haben die Leute oft Vorurteile, was das bedeuten soll. Ich denke ich würde einfach sagen, ich mache guten Porno.“ Die Antwort Ms Naughtys kombiniert einige wichtige Problempunkte der Debatte. Zum einen ist das Wort „Feminismus“ aufgrund seines politischen Werdegangs bereits vorbelastet und birgt somit großes Potential, Konsumenten abzuschrecken. Aber auch die Fokussierung auf ein explizit weibliches Publikum ist ein Trugschluss, da das Interesse an fairer oder guter Pornografie geschlechterunabhängig ist. Auch Jennifer Lyon Bell tut sich schwer mit der Definition, nennt ihre Filme schlussendlich „Indie Porn“. Lucie Blush macht nach eigener Aussage „feministischen Porno“, der aber auch gleichzeitig „fairtrade“ und ethisch korrekt ist. „Maike und Sören“, Macher*innen des erfolgreichen Kinofilms/Pornos „Schnick Schnack Schnuck“ wollen sich kein Label geben, nennen aber als Richtlinien für die eigenen Produktionen Punkte aus dem PorYes Kriterienkatalog. Erika Lust, nennt ihre Arbeit „Indie Porn“, „Adult Cinema“ oder „Erotic Cinema“ und würde den Begriff „Porno“ auf Grund seiner Vorbelastung am liebsten nicht verwenden. Der Begriff der „Erotika“ kam bereits im Zuge der feministischen Porno Debatte der 70er Jahre auf und war der erste Versuch, Pornografie durch einen neuen Begriff zu ersetzen. Dieses Wort stammt vom Wort „eros“, der leidenschaftlichen Liebe ab und liefert, wie die feministischen Aktivistin Gloria Steinem in ihrem Aufsatz „Erotica and Pornografy: A Clear and Present Difference“ formuliert, eine Idee positiver Wahl, freien Willens und der Sehnsucht nach einer besonderen Person; 214 Lachner: Kommen mit Stil, S. 79. 215 Ebd. S. 43. 216 Ebd. S. 65. 217 Lachner: Kommen mit Stil, S. 32. 218 ebd., S. 55. 219 Der Begriff Pornographie (=von Huren Schreibend) scheint aufgrund seiner etymologischen Herkunft im Grunde bereits sexistisch und patriarchal geprägt. Da das Wissen über die wörtliche Bedeutung allerdings weitestgehend aus dem Allgemeinwissen verschwunden. 220 Vgl. Offermann/Seiml: I want the right to see a dirty picture, S. 376. 57 während Pornografie einzig auf Geschehnissen basiere, die auf Eroberung, Dominanz und Gewalt beruhen würden. Erotika wurde als visuelles Material explizit für Frauen verstanden, welche der Pornografie gegenüber als abgeschwächt erschien beziehungsweise weniger eindeutige Szenen, dafür mehr Rahmenhandlung zeigt. Die Wege, die nun der feministische oder ethische Porno einschlägt, können als Verbindung klassischer Pornografie und Erotika gesehen werden – Rahmenhandlung, ästhetische Bilder und eindeutige Szenen. So erklärt Erika Lust: „Meine Filme sind Teil eines neuen Genres: Adult Cinema. Ich erschaffe Erotika mit Narrativ. Ich gebe den Charakteren, Schauplätzen und der Story, aber vor allen Dingen dem Sex, einen Kontext. Ich schaffe eine Umgebung, die den Zuschauer mit einer realistischen Umsetzung echter Phantasien befriedigt. […] Der Sex ist echt, du kannst die Lust sehen, den Schweiß, die Berührungen, die Gänsehaut hören.“ Dies sind nur einige Stimmen mit Label-Vorschlägen. Das Feld wirkt noch etwas undurchsichtig, zumal die meisten Zeitungen und Zeitschriften weiterhin das Label der „feministischen Pornografie“ propagieren und somit auch das Publikum darauf sensibilisieren. 2.5 Ethical Porn Da die Begriffsdebatte um das richtige Label noch nicht beendet ist, wird im Folgenden von „Ethical Porn“ die Rede sein. Darunter fallen allerdings ebenfalls feministische Pornografie, Indie Porno etc., vorausgesetzt, sie sind vor dem entsprechenden ethischen Hintergrund produziert. Das Label „Ethical Porn“ ist besonders in den USA etwas verbreiteter als in Deutschland und Europa, wo dieselben Arbeiten eher unter feministischer Pornografie diskutiert werden. So veröffentlichte beispielsweise der US-amerikanische Autor und Sexual-Psychologe Dr. David J. Ley 2016 seinen Ratgeber „Ethical Porn For Dicks“. Das Buch ist 221 Vgl. Seinem, Glorai: Erotica and Pornography: A Clear and Present Difference,in: Dwyer, Susan: The Problem of Pornographie, Belmont: Wadsworth Publishing Co Inc,, 1994, S. 31. 222 Vgl. Offermann/Seiml: I want the right to see a dirty picture, S. 376 223 Lachner: Kommen mit Stil, S. 55. 58 für ein männliches Publikum ausgelegt und ruft Männer dazu auf, ihren Pornografiekonsum zu hinterfragen. Auch er stellt Kriterien auf, was Ethical Porn ausmacht, welche denen von PorYes durchaus ähnlich sind: • Made legally • Respects the rights of performers • Pays performers for their labor • Respects the copyright of the producer • Shows both fantasy sex AND real-world sex, so that we can see and explore both • Is as diverse as the people consuming it • Celebrates sexuality as a diverse, complex and multi-faceted component of being human, without saying there is a right or wrong way to be sexual • Is made by people who are trying to make “better porn” • And is watched by people who want to see “better porn” • Treats both performers and consumers of porn as free, consenting, thinking and powerful beings. Ley betrachtet den feministischen Porno in einem männlichen Licht und wirft seine Erfahrungen als Spezialist für Pornosucht mit in die Waagschale. Denn auch viele Männer leiden unter dem, was sie im Mainstream vorfinden. Es beeinflusse den Blick auf die eigene Sexualität, auf ihre Mitmenschen und auf die Frauen in ihren Leben. Dies, das Wissen über die Produktionsbedingungen und der Beigeschmack, dass „echte Männer nicht Pornos schauen müssen, da sie echten Sex haben können“ hinterlasse oftmals Schuld- und Schamgefühle. Nicht selten würden sie in Depressionen, Unzufriedenheit mit der eigenen Person oder Erektionsstörungen beim Sex enden. Ley empfiehlt somit Ethical Porn als Lösung dieser Scham. Auch Erika Lust erkennt Männer als Opfer der Mainstreampornografie an: Männer würden auf unrealistische, altmodische Weise präsentiert. Das allzeitbereite, omnipotente und harte Subjekt-Stereotyp des Penisträgers sei ebenso aufgezwungen und unrealistisch, wie die weibliche Objektrolle. 224 Ley, David J.: Ethical Porn for Dicks: A Man’s Guide to Responsible Viewing Pleasure, USA: ThreeL Media, 2016, S. 43. 225 Ebd. 226 Ebd. S. 22. 227 http://www.sueddeutsche.de/leben/filmemacherin-erika-lust-porno-kann-den-leuten-helfen-1.3328931 vom 13.01.2017. 59 Laut Lust wächst somit auch eine neue Generation von Männern heran: Männer, die „etwas Intelligentes wollen“. Darauf deute auch das große männliche Interesse an ihrer Arbeit hin, welche 60% ihrer Abonnenten ausmachen. 2.6 Vertrieb und Werbung Die meisten Plattformen, auf denen ethische/feministische Pornografie vertrieben wird, funktionieren ähnlich wie auch einige Mainstream Anbieter eigenständig und finanzieren sich durch ihr jeweiliges Bezahlmodel. Dabei werden zumeist unterschiedliche Bezahlsysteme angeboten. Häufig zielen die Seiten allerdings auf ein Abo ab, dessen Kosten abhängig von Laufzeit und Anbieter monatlich zwischen 8€ und 20€ variieren. Aber auch einzelne Filme können zu unterschiedlichen Preisen erworben werden. So kann der Konsument beispielsweise auf der Seite Lustcinema.com bereits ab wenigen Euros Filme für 24 Stunden mieten. Dies setzt allerdings ein aufrichtiges Interesse an ethischer Pornografie und eine gewisse Bereitschaft, offen damit umzugehen, voraus, da die User sich mit ihren persönlichen Daten anmelden müssen, was für einige bereits die erste Hürde bedeuten mag. Auch stellt Erika einige ihrer Werke auf Netflix.com zur Verfügung, sodass der Streamingdienst für Serien und Filme mittlerweile auch als Plattform für Pornografie verwendet werden kann. Das Angebot ist bisher noch ausbaufähig. Allerdings birgt eine eventuelle Pornorubrik auf Netflix.com großes Potential, Pornografie aus der Tabuzone zu holen und in einen anerkannten Kontext zu rücken. Um an diesen Punkt zu gelangen, bedarf es allerdings weiterer medialer Auseinandersetzung mit dem Thema und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit, was der ‚neue Porno’ ist und will und warum er im Zweifel Geld kosten muss. Auf diese Berichterstattung sind alle in der Szene arbeitenden Menschen angewiesen. 228 Ebd. 229 Ebd. 60 2.7 Probleme Im Zusammenhang mit der Vermarktung von Ethical Porn wurden einige mögliche Probleme identifiziert, die hier in aller Kürze vorgestellt werden sollen: Die Bereitschaft zu bezahlen Im Internet gibt es unzählige Seiten, auf denen Pornografie umsonst konsumiert werden kann. An diesen Zustand scheint sich der User gewöhnt zu haben. Denn, wie auch aus der im Zuge dieser Arbeit entstandenen Umfrage hervorgeht, es zahlen lediglich 1% der befragten Personen für Pornografie, während 94% immer umsonst schauen und die restlichen 5% nur gelegentlich zahlen. Diese Ausgangssituation ist problematisch für ethische/feministische Pornografie, da eine generelle Bereitschaft, Geld für Pornografie auszugeben, fehlt. Allerdings geben 37,7% der Befragten an, dass sie bei einem für sie passenden Angebot durchaus bereit wären, für fair produzierte Pornografie zu bezahlen. Raubkopien “Free porn sites may steal scenes from longer movies, which they re-label and rebrand. I can create a film that's more story-driven and romantic, only to have a clip from it pop up on a tube site, where it's being called something like 'big-breasted blonde whore on her knees.”231 So berichtet die amerikanische Pornoregisseurin Jacky James in einem CNN Interview. Raubkopien sind ein großer Problemfaktor für die Filmemacher*innen, da sie, sobald ihre Videos illegal kopiert auf den Tube- Seiten auftauchen, das Exklusivrecht auf das Material verlieren und die Videos oftmals gekürzt und vom feministischen Grundgedanken entfremdet werden. Auch Konsument*innen, welche sich für ethische/feministische Pornografie interessieren, müssen nicht gezwungenermaßen dafür bezahlen, da besagte Raubkopien auf den Tube-Seiten umsonst zur Verfügung stehen. Somit wird zwar eine andere Art von Pornografie verbreitet und das Spektrum der Tube-Seiten um sex-positive Videos erweitert, allerdings bleibt der Grundgedanke der fairen Bezahlung für alle Beteiligten dabei auf der Strecke. 232 Andererseits kann auch dies als Werbung für die Produzent*innen dienen. Lucie Blush zum Beispiel betreibt einen eigenen 230 Siehe Anhang. 231 Siehe https://edition.cnn.com/2016/11/07/health/ethical-porn-ian-kerner/index.html Zugriff am 21.03.18. 232 Siehe Kapitel 2.3: „PorYes! Kriterien feministischer Pornographie“. 61 Kanal auf Pornhub.com, stellt allerdings nur Trailer und ausgewählte Videos umsonst zur Verfügung, um dann auf ihre eigene Bezahl-Plattform zu verweisen. Unwissenheit, Vorurteile und Missverständnisse bezüglich des Labels “There is a lot of beautiful scenes, beautiful orgasms, beautiful people having beautiful sex. But you don’t get to know that, when you are a normal consumer, that just clicks the internet. You have to know what you look for, because if it doesn’t come to your mind that there is such thing as feminist porn, you don’t get to know those beautiful things.” Das Wissen über die Existenz und Hintergründe von ethische/feministische Pornografie scheint in großen Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein. So geben zwar 53,5% der Befragten an, schon mal etwas von feministischer Pornografie gehört zu haben, allerdings verknüpfen 63,7% damit „Female Friendly“, welches der Name der Kategorie für Frauen auf den Tube-Seiten ist und wenig mit den Kriterien für feministische Pornografie zu tun hat. Von ethischer, nachhaltiger oder fairer Pornografie haben lediglich 15% gehört oder gelesen – allerdings verknüpfen 2/3 der Befragten damit faire Produktionsbedingungen und Bezahlung, was schon eher dem entspricht, was sich tatsächlich hinter dem Label verbirgt. Tabuthema “We keep porn use secret because of shame. […] Today, there´s a raging moral war on sex, and pornografy is the front line of the battle.”236 Laut der Umfrage im Rahmen dieser Arbeit konsumieren beinahe 2/3 der Befragten mindestens einmal in der Woche Pornografie, was von einer Integration in den Alltag 233 Interview mit Jenifer Lyon Bell: https://www.youtube.com/watch?v=V- G358T9iYs&has_verified=1 Zugriff am 21.03.18. 234 Da die Umfrage nicht die Wissenschaftlichen Standards erfüllt, werden die hier erhobenen Daten als Richtwerte angesehen. Befragt wurden 700 Menschen aus dem Kieler Umfeld und meiner Persönlichen Facebook-Reichweite. Eine Ausführlichere Beschreibung des Versuchsaufbaues der Umfrage findet sich in Kapitel 3.1.1: „Inhaltliche Fragestellung“. 235 Siehe hierzu Kapitel 1.4.4: „Female Friendly“. 236 Ley, David J.: Ethical Porn for Dicks. 62 zeugt. Allerdings sprechen nur 1/3 der Befragten in ihren Beziehungen und Freundschaften über das Thema. Daher kann davon ausgegangen werden, dass Themen wie Produktionsbedingungen, Rollenbilder und Sexismus im Porno ebenso wenig bis gar nicht thematisiert werden. 2.8 Lösungsansätze Nachdem nun das Problem diskutiert wurde und einige der Pornografie-Revolutionär*innen und ihre Visionen vorgestellt wurden, widmet sich dieses Kapitel den Ansätzen, die bereits für eine gesellschaftliche Pornografie-Reflektion kämpfen. Politische Aufmerksamkeit und staatliche Regulierung: Die Berliner Jugendorganisation der SPD forderte Ende 2017, feministische Pornos staatlich zu fördern. Die Ergebnisse sollen in Online-Mediatheken der öffentlichrechtlichen Sender kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Denn besonders Jugendlichen solle eine Alternative zum Mainstreamporno und seinen „unrealistischen“ und „die Sexualität und das Menschenbild nachhaltig beeinflussenden“ Darstellungsformen geboten werden. Ihre Forderungen rechtfertigen sie mit dem Erfolg der in Schweden produzierten feministischen Pornosammlung „Dirty Diaries“. Sie wurde bereits im Jahr 2009 nach einem ähnlichen Prinzip staatlich gefördert und distribuiert. Als Förderungsvoraussetzung nennen sie die Kriterien von PorYes. Veraltete Tabus aufbrechen und öffentlich diskutieren: Über Sexualität wird bisher noch wenig gesprochen. 70% der Befragten der im Zuge dieser Arbeit entstandenen quantitativen Studie gaben an, mindestens einmal pro Woche Pornos zu schauen, während lediglich 31% angaben, in ihren Freundschaften und Beziehungen über das Thema zu sprechen. Diesem Zustand möchte nun die Internetplattform „Omgyes.com“ entgegenwirken: „Es gibt so viel nie Gesagtes, nie Gefragtes, nie Gewusstes. All das wegen eines Tabus, das in ein paar Jahrzehnten lächerlich wirken 237 Siehe http://parteitag.spd-berlin.de/antraege/dirty-diaries-auch-in-deutschland/ 238 Siehe hierzu Kapitel 3.1.5.1: „Häufigkeit und Gründe des Konsums, Thematisierung in Freundschaften und Beziehungen“. 63 wird. So wie die Tabus der 1950er-Jahre, Oralsex und Homosexualität, heute absurd erscheinen. Wir möchten den Veränderungsprozess beschleunigen.“ Die Seite ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie, in der die Daten von 1000 Frauen im Alter von 18 – 95 in den USA ausgewertet wurden. Besagte Frauen wurden gefragt, wie und durch welche Berührungen sie Lust empfänden. Mit diesen Daten wurde die Webseite omgyes.com ins Leben gerufen. Dort wird anhand von Videos die Diversität der weiblichen Lust veranschaulicht und als Masturbationstechniken weitergegeben. Die Seite erfreut sich medialer Aufmerksamkeit und könnte, ähnlich wie 1954 die Kinsey Reporte , die Sexualität einer Generation in eine sexuell befreite Richtung rücken und auch den Umgang mit Pornografie enttabuisieren. Für Pornografie bezahlen: Bei der „re:publica“ 2015 diskutierten die Medienspezialist*innen Jenny-Luise Becker und Djure Meinen über die Einführung eines Pornografie TÜVs. Wie bei PorYes wurden die Volljährigkeit der Darsteller, eine angemessene Bezahlung, Safer Sex und die absolute Freiwilligkeit aller Beteiligten als Kriterien genannt. Das ginge allerdings nur, wenn die Konsument*innen für ihre Pornos bezahlen, da sie nur so die Bedingung ihrer Entstehung beeinflussen können. Förderung ethischer Pornografie und weiblicher Filmemacherinnen: Erika Lust ruft weibliche Filmemacherinnen dazu auf, selbst hinter die Kamera zu treten und stellt unter dem Aufruf „Its time for Porn to Change“ 250.000€ Fördergeld dafür zur Verfügung. Eine öffentliche Debatte über die Hintergründe der Tube-Seiten und die Arbeitsbedingungen in der Mainstream-Pornobranche: Einige Zeitungen und Fernsehdokumentationen berichteten bereits über Mindgeek und ähnlich agierende Firmen, jedoch scheint ein Wissen über deren Wirkungsraum nicht ins Allgemeinwissen der Konsument*innen übergegangen zu sein. 239 Siehe https://www.omgyes.com/de/about#/movement#next 240 Siehe hierzu auch Kapitel 1.7: „Sexuelle Revolution und Feminist Sex Wars“. 241 https://re-publica.com/de/session/fair-porn-lust-und-gewissen am 05.05.15. 242 https://erikalust.com/my-open-call-to-finance-and-produce-female-erotic-film-directors/ am 16.03.18. 64 Pornografie wieder in die Kinos bringen: Alternative Pornofilmfestivals wie das „Pornfilmfestival“ in Berlin, das „Good for Her“ in Toronto, das „cinekink“ in New York oder das neue Pornofilmfestival Vienna machen auf die Alternativen zum Mainstreamporno aufmerksam und sprechen ein wachsendes Publikum an.

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References

Zusammenfassung

Pornografie in einer sexualisierten Gesellschaft – Ein Zeichen der Befreiung oder doch nur Sexismus? Wer dirigiert unsere Lust und wer verdient an ihr? Gibt es Alternativen zur Casting-Couch und wie saftig ist das Stroh auf der anderen Seite?

Vor dem Hintergrund der feministischen bzw. ethischen Pornografie wird diese Arbeit den obigen Fragen nachgehen. Eine Annäherung an die komplexe Geschichte der Pornografie, die Macharten im Mainstreamporno sowie das Phänomen der Tube-Seiten sollen Nährboden für eine quantitative Gesellschaftsbefragung zu Erwartungen, Einschätzungen und Möglichkeiten fair produzierter Pornografie bieten.