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Einleitung in:

Ribana Schmidt

Feministische und ethische Pornografie, page 13 - 15

Revolution einer Branche oder Randerscheinung?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4309-7, ISBN online: 978-3-8288-7243-1, https://doi.org/10.5771/9783828872431-13

Tectum, Baden-Baden
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13 Einleitung Menschen mögen Sex. Dass es sich dabei weniger um den reinen Reproduktionstrieb handelt, sondern vielmehr um die Befriedigung eines körperlichen und geistigen Verlangens, beweist der hohe Verbrauch an Verhütungsmitteln, das „Sex Sells“ der Werbung und die zunehmende Verbreitung der Pornografie. Lange Zeit allerdings war die Sexualität das „stille Geheimnis“ der Gesellschaft. Sie wurde seitens der Kirchen und des Staates nicht als anerkannte Form der Lustgewinnung geduldet, Masturbation und Homosexualität wurden als Auslöser schrecklicher Krankheiten dargestellt, Sex vor und außerhalb der Ehe unter Strafe gestellt. Doch den Sexualtrieb auszulöschen vermochte diese Tabuisierung nicht. Im Gegenteil hat sie ihn eher transformiert und befeuert. Pornografie ist somit auch keine zufällig mit der Videokamera einhergehende Erscheinung. Bereits Höhlenmalereien konnten als pornografisch identifiziert werden. So entstanden mit jedem neuen Medium auch immer schon pornografische Werke, Bilder, Malereien und Geschichten. Die Filmkamera allerdings wurde zum Lieblingswerkzeug der Branche für Erwachsenenunterhaltung und machte den Porno massentauglich. Kurz danach schenkte das Internet ihr die perfekte Grundlage der Anonymität. Ohne Scham und Scheu konnten nun jegliche sexuellen Neigungen, Praktiken und Fetische konsumiert und distribuiert werden. Was vorher in Videotheken nur an Volljährige verkauft wurde, spätnachts im Programm mancher Fernsehsender lief oder als illegale Raubkopie unter der Ladentheke erhältlich war, wurde nun zu jeder Zeit und dank etlicher kostenloser Tube-Seiten quasi ohne Altersbeschränkung verfügbar gemacht. Heute ist Pornografie fester Bestandteil der globalen Kultur und Medienwelt: 25% der Suchanfragen im Internet sind sexueller bis pornografischer Art und die Seite „Youporn.com“ wird so oft aufgerufen wie Wikipedia oder Amazon. Medienphilosophisch wird von einer „Pornografisierung“ der Gesellschaft und besonders der Jugend gesprochen. Dass das Internet einem großen Datenmeer ähnelt, welches das Potential birgt, den Menschen gleichzeitig zu lesen und zu lenken, beweisen Big-Data-Analysen und Algorithmen. Hier setzten 2006 die ersten Porno-Tube-Seiten an: Daten in Form von „Traffic“ wurden zur Währung der Pornoindustrie. Konsument*innen schauen gratis, während die bereitstellenden Firmen an den extrem hohen Klickzahlen und Seitenbesuchen Geld verdienen. Das Konzept scheint aufzugehen, denn viele Porno- 1 In der Großzahl der Länder und Kulturen weltweit ist das freie Ausleben der eigenen Sexualität auch heute noch nicht möglich. 2 Schuegraf, Martina/Tillmann, Angela. Pornographisierung von Gesellschaft. Perspektiven aus Theorie und Praxis, Konstanz/München: UVK, 2012. 14 seiten sind in den oberen Rängen der weltweit meistbesuchten Webseiten zu verorten. Was viele nicht wissen ist, dass eine Firma beinahe den gesamten Pornomarkt kontrolliert und Mutterkonzern nahezu aller Branchengrößen wie „Pornhub.com“, „Youporn.com“, „Xhamster.com“ usw. ist. Kritische Stimmen behaupten, dass sich seit Aufkommen dieser Tube-Seiten die gesamte Branche verändert hat, die Löhne rapide gesunken und die gesamten Produktionsbedingungen brutaler und entwürdigender geworden seien. Auch sieht sich die Pornoindustrie stets angeklagt, unrealistische, diskriminierende und sexistische Sexualpraktiken, Rollenbilder, Körpertypen und Lustprinzipien zu verbreiten und eine strikte und brutale Rollenverteilung in das männliche Subjekt und das weibliche Objekt zu zitieren. Die Kritik an den im Porno vorherrschenden Geschlechterstereotypen entstand allerdings bereits im Laufe der „Sexuellen Revolution“ der 60er Jahre. Diese verhalf der menschlichen Sexualität zwar im ersten Moment zur Befreiung aus der kirchlichen und staatlichen Kontrolle, wurde allerdings bereits nach einer kurzen Hochphase der „freien Liebe“ seitens aufkommender feministischer Positionen scharf kritisiert. Es wurden Fragen aufgeworfen, welche bis dato keine Daseinsberechtigung hatten und Themen wie Sexismus, Gewalt und geschlechtsbezogene soziale Ungleichheiten zur Sprache gebracht. Dieser „Frühjahrsputz“ der Geschlechterstereotype machte selbstverständlich auch nicht vor der männerdominierten Pornografie halt. Dabei teilte sich das feministische Lager in zwei Fraktionen: Anti-pornografischer Feminismus und sex-positiver Feminismus. Alice Schwarzer machte sich medienwirksam mit ihrer „PorNo!“-Kampagne für ein grundlegendes Pornografieverbot stark. Dies allerdings scheint in Anbetracht des geschichtlichen Hintergrundes und der sexuellen Begierde des Menschen unrealistisch. Was jedoch aus dieser radikalen Forderung entstand, war der „feministische Porno“, welcher sich dem Mainstreamporno und seinen Mechanismen entgegenstellt und im Zuge dieser Abgrenzung eigene Kriterienkataloge aufstellt, um zu gewährleisten, dass die Darsteller*innen fair behandelt und bezahlt werden, ein weiblicher Blick auch hinter die Kamera tritt sowie sexuelle Gleichberechtigung und verschiedene Körpertypen und Lustprinzipien in den Fokus gerückt werden. Zu dieser Zeit des Feminismus wurde dementsprechend auch der Grundstein für die heutige feministische Pornodebatte gelegt. Die alternative und gleichberechtigte Pornolandschaft – aber auch das Missverständnis zwischen verschiedenen feministischen Positionen – würden ohne besagte „Feminist Porn Wars“ heute nicht an diesem Punkt stehen. Hier setzt die vorliegende Arbeit an: Neben dem Label „feministische Pornografie“, dessen Kriterien zunächst zu klären sein werden, treten heute auch zunehmend Bezeichnungen wie „ethische Pornografie“ oder „faire Pornografie“ auf. Im 3 Ovidie: Pornocraciy, Frankreich: mindjazz, 2017, (00:10:40). 15 Verlauf dieser Untersuchung soll dementsprechend anhand einer quantitativen Onlinebefragung untersucht werden, ob diese Bezeichnungen nicht eher geeignet sind, einen realistischen Eindruck der verwendeten Kriterien zu vermitteln und einen möglichst großen Teil der Gesellschaft über alternativ produzierte Pornografie in Kenntnis zu setzen. Auch soll mithilfe dieser Befragung erforscht werden, welche generellen Erwartungen die Konsument*innen an einen Pornofilm haben und ob diese mit den Kriterien feministischer/ethischer Pornografie übereinstimmen. Des Weiteren soll erörtert werden, inwieweit eine Bereitschaft besteht, für fair produzierte Pornografie Geld zu bezahlen und ob diese Bereitschaft ggf. mit anderen Dimensionen ethisch bewusster Lebensführung in Verbindung zu setzen ist. Im nächsten Schritt soll anhand von Interviews mit Expert*innen (d. h. Protagonist*innen dieser Szene) der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese neuen Formate dazu geeignet sind, einen progressiven Einfluss auf den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität auszuüben. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die Frage nach ihrem Bekanntheitsgrad gelegt werden, um in einem Ausblick ggf. entsprechende Potenziale für die Zukunft ausweisen zu können.

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Zusammenfassung

Pornografie in einer sexualisierten Gesellschaft – Ein Zeichen der Befreiung oder doch nur Sexismus? Wer dirigiert unsere Lust und wer verdient an ihr? Gibt es Alternativen zur Casting-Couch und wie saftig ist das Stroh auf der anderen Seite?

Vor dem Hintergrund der feministischen bzw. ethischen Pornografie wird diese Arbeit den obigen Fragen nachgehen. Eine Annäherung an die komplexe Geschichte der Pornografie, die Macharten im Mainstreamporno sowie das Phänomen der Tube-Seiten sollen Nährboden für eine quantitative Gesellschaftsbefragung zu Erwartungen, Einschätzungen und Möglichkeiten fair produzierter Pornografie bieten.