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André Zempelburg

Versöhnung im Judentum, page I - XVI

Eine religionswissenschaftliche Perspektive auf den jüdischen Versöhnungsbegriff in Bezug auf Gott, den Nächsten, den Anderen und sich selbst

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4283-0, ISBN online: 978-3-8288-7232-5, https://doi.org/10.5771/9783828872325-I

Series: Religionen aktuell, vol. 26

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Religionen aktuell Religionen aktuell Herausgegeben von Bertram Schmitz Band 26 Versöhnung im Judentum Eine religionswissenschaftliche Perspektive auf den jüdischen Versöhnungsbegriff in Bezug auf Gott, den Nächsten, den Anderen und sich selbst von André Zempelburg Tectum Verlag André Zempelburg Versöhnung im Judentum. Eine religionswissenschaftliche Perspektive auf den jüdischen Versöhnungsbegriff in Bezug auf Gott, den Nächsten, den Anderen und sich selbst Religionen aktuell; Band 26 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 Zugl. Diss. Friedrich-Schiller-Universität Jena 2018, u.d.T. „Jüdische Dimension des Begriffs der Versöhnung in Bezug auf Gott, sich selbst, den Nächsten und den Anderen aus religionswissenschaftlicher Perspektive“ E-PDF: 978-3-8288-7232-5 ISSN: 1867-7487 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4283-0 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Maurycy Gottlieb – Jews Praying in the Synagogue on Yom Kippur. https://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Maurycy_Gottlieb__Jews_Praying_in_the_Synagogue_on_Yom_Kipp ur.jpg Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Meinen Söhnen Elisha Jaqob Gabriel und Konstantin Zacharias in Liebe gewidmet. Inhaltsverzeichnis Danksagung ............................................................................ XII Vorwort .................................................................................. XIV 1 Einleitung ......................................................................... 1 2 Prolegomena zum Versöhnungsbegriff und Versöhnungsort ............................................................... 13 2.1 Zur Bedeutung der Wortwurzel im Kontext von P ......... 18 2.2 Vergebung: Über das Wesen der hebräischen Wortwurzel ..................................................... 37 2.2.1 Versöhnung vs. Vergebung?: Zum Verhältnis von und am Beispiel von Lev 4,26b .......... 39 2.2.2 Vergebung aus religionsphilosophischer Perspektive ................................................................. 49 2.3 Der Jōm Kippūr als Ort der Versöhnung: Kontext, Entwicklung und Bedeutung ..................................... 52 Teil I Gott-Mensch-Versöhnung .......................................... 67 3 Versöhnung zwischen Gott und Mensch im Kontext des Jōm Kippūr ......................................... 67 3.1 Das Versöhnungsritual gemäß Lev 16 ..................................... 68 3.1.1 Lev 16,3-28: Der rituelle Ablauf des Jōm Kippūr in seiner redaktionellen Endgestalt ........................ 79 3.1.2 Analyse des Versöhnungsgeschehens in Lev 16,3-28 ............................................................. 93 3.2 Versöhnung zwischen Gott und Mensch im mischnischen Traktat Jōmā ................................................. 125 3.2.1 Was ist die Mišnāh? ................................................ 125 3.2.2 Zur Verwendung des Versöhnungsbegriffs ( ) in mJom ..................................................................... 127 3.2.3 Der Jōm Kippūr in der mJom 8,8.9: Der versöhnende „Tag der Versöhnungen“ .......... 135 3.2.4 Das ethisch-theologische Konzept der „Überschreitungen“ ( ) und die Zwei-Triebe- Lehre als ihre rabbinisch-anthropologische Voraussetzung ......................................................... 137 „Überschreitungen“ ( ): Begriff und Bedeutung ........................................... 137 Zwei-Triebe-Lehre: Die Veranlagung des Menschen zu „Überschreitungen“ ....................... 140 3.2.5 Das ethisch-theologische Konzept der „Umkehr“ ( ) .................................................... 148 „Umkehr“ ( ) in der hebräischen Bibel ........ 149 Zwischen hebräischer Bibel und Mišnāh: „Umkehr“ ( / ) in den Texten des und im NT ................................. 154 Begriff und Bedeutung der „Umkehr“ ( ) in mJom 8,8.9 ............................................................ 160 Exkurs I: Das Konzept der „Umkehr“ ( ) und „umkehren“ ( ) im Koran .......................... 169 3.3 Zum Versöhnungbegriff ( ) in der orthodoxen/-praxen Liturgie des rabbinischen Judentums am Jōm Kippūr ........ 187 3.3.1 – „alle Gelübde“ ..................................... 188 3.3.2 – „Bekenntnis“ ............................................ 194 3.3.3 – „Vergebungen“ ........................................ 205 3.3.4 – „Schließung“ ............................................ 214 3.4 Zusammenfassung I: Verwendung des hebräischen Versöhnungsbegriffs ( ) im Kontext des Gott-Mensch-Verhältnisses ...................................................... 226 Teil II Mensch-Mensch-Versöhnung ................................. 239 4 Zwischenmenschliche Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr ....................................... 239 4.1 Zwischenmenschliche Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr in ausgewählten rabbinischen Schriften .................. 239 4.1.1 Zwischenmenschliche Versöhnung in mJom 8,9 ............................................................... 240 Einordnung von mJom 8,9 in das Corpus der Mišnāh ....................................... 240 Zu Zeitpunkt und Ort der Entstehung sowie Urheber von mJom 8,9 ................................ 241 Analyse von Stil und Inhalt der mJom 8,9 im Hinblick auf zwischenmenschliche Versöhnung .............................................................. 245 4.1.2 Die rabbinische Rezeption und Interpretation der mJom 8,9: Zwischenmenschliche Versöhnung in der G mārā des jT Jom und bT Jom ........................................... 254 Zwischenmenschliche Versöhnung in der G mārā des jT Jom ...................................... 255 Zwischenmenschliche Versöhnung in der G mārā des bT Jom .................................... 260 4.1.3 Rezeption und Interpretion von mJom 8,9: Zwischenmenschliche Versöhnung im des Maimonides ...................... 266 Vorbemerkungen zu Maimonides und seinem Werk .................................................... 266 Der : Zum Verständnis zwischenmenschlicher Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr ................................... 270 4.1.4 Exkurs II: Schneur Zalman von Ljadys Verständnis zwischenmenschlicher Versöhnung in ..................... 281 Vorbemerkungen zu Schneur Zalman und seinem Werk .................................................... 281 Die : Zwischenmenschliche Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr unter Berücksichtigung von bT Jom 86a und tJom 4,9 (5,6-8) ......................................................... 284 4.1.5 Rezeption und Interpretation von mJom 8,9: Zwischenmenschliche Versöhnung in Sch Ganzfrieds ...................... 298 Vorbemerkungen zu Sch. Ganzfried und seinem Werk .................................................... 298 Der : Zum Verständnis zwischenmenschlicher Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr ................................... 300 4.2 Zwischenmenschliche Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr außerhalb rabbinischer Schriften: E. Levinas und mJom 8,9 (bT Jom 85b.87a-b) ........................ 307 4.2.1 Vorbemerkungen zu E. Levinas und den zentralen Einflüssen auf sein Denken .................. 307 4.2.2 Envers autrui: E. Levinas’ Rezeption und Interpretation der mJom 8,9 (bT Jom 85b) und von bT Jom 87a-b ............................................ 309 Der Andere (autrui) .................................................. 311 4.2.2.1.1 Begriffsbestimmung: Der Andere im Denken von E. Levinas ............................... 311 4.2.2.1.2 Der Palästinenser: Ein Anderer? ...................... 313 Expiation vs. pardon und réconciliation? ................. 318 4.2.2.2.1 Expiation (Sühne) ............................................... 318 4.2.2.2.2 Pardon (Vergebung/Verzeihung) und réconciliation (Versöhnung) .............................. 320 4.2.2.2.3 Auswertung: Expiation vs. pardon und réconciliation? ...................................................... 321 E. Levinas’ Rezeption und Interpretation von bT Jom 85b.87a-b (Envers autrui) ................... 323 4.3 Exkurs III: Gibt es Grenzen zwischenmenschlicher Versöhnung?: Ein religionswissenschaftlicher Zugang zu S. Wiesenthals Die Sonnenblume ......................................... 331 4.3.1 Vorbemerkungen zu S. Wiesenthal und seinem Werk .................................................... 331 4.3.2 Über die (Un-)Möglichkeit dem Täter im Namen des Opfers zu vergeben ...................... 334 4.4 Zusammenfassung II: Zwischenmenschliche Versöhnung im Kontext des Jōm Kippūr .............................. 357 5 Versöhnung des Menschen mit Sich-Selbst ........... 368 5.1 A. J. Twerskis Happiness and the Human Spirit als Anleitung zur Versöhnung des Menschen mit Sich-Selbst ............ 370 5.2 Ein Beispiel für Versöhnung eines Menschen mit Sich-Selbst im Kontext des Jōm Kippūr in K. D. Kedars Tug-of-War ....................................................... 374 5.3 Zusammenfassung III und Auswertung: Versöhnung des Menschen mit Sich-Selbst ................................................... 379 6 Epilog ............................................................................. 387 Literaturverzeichnis .............................................................. 389 Anhang ..................................................................................... 418 A. Abkürzungsverzeichnis ............................................................ 418 A.1 Biblische Schriften ................................................... 418 A.1.1 Hebräische Bibel ...................................................... 418 A.1.2 Neues Testament ..................................................... 419 A.1.3 Quellen des (Kairo/Qumran) ..................... 419 A.2 Klassische rabbinische Literatur ........................... 419 A.2.1 Mischnische, toseftaische und talmudische Traktate .............................................. 419 A.2.2 Außerkanonische Traktate, Midrāšīm und Targūmīm ................................................................. 420 A.3 Nachklassische rabbinische Literatur ................... 420 A.4 Philosophische Schriften ........................................ 421 A.5 Zeitschriften, Sammelwerke, Reihen und Hilfsmittel ................................................................. 421 B. Transliteration hebräischer, aramäischer und arabischer Konsonanten und Vokale ...................................... 422 C. Quellentexte ............................................................................... 424 C.1 Hebräischer Text und Übersetzung von Lev 16,3-28 ........................................................ 424 C.2 Hebräischer Text und Übersetzung der mJom 8,9 und ihrer Varianten in jT Jom 56a (8,7) und bT Jom 85b ........................... 426 Danksagung Diese Arbeit ist im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten trilateralen und transdisziplinären Forschungsprojekts namens „Hearts of Flesh – Not Stone“ entstanden. Der Titel des Projekts ist eine Reminiszens an einen Vers des hebräisch-biblischen Prophetenbuches Ezechiel. Dort (Ez 36,26) heißt es: „Und ich werde geben für euch: ein neues Herz und einen neuen Geist werde ich geben in euer Innerstes. Und ich werde entfernen das Herz aus Stein aus eurem Fleisch und ich werde geben für euch: ein Herz aus Fleisch.“ Das „Hearts of Flesh – Not Stone“-Projekt setzt sich im Wesentlichen aus drei Teilen zusammen: 1) der empirische Teil, welcher sich zur Aufgabe gesetzt hat, via empirischer Studien zu erforschen, was es bedeutet, wenn Probanden dem Leid des Anderen begegnen bzw. sich diesem aussetzen (ESO: Encountering the Suffering of the Other); 2) der analytische Teil, in welchem das ESO via weiterer Versuchsdurchführungen sozialpsychologisch analysiert wird; 3) der konzeptuelle Teil, in welchem das ESO via theologischer, philosophischer, soziologischer, politik- und religionswissenschaftlicher Zugänge analysiert wird, aber auch mit Blick auf den Israel-Palästina-Konflikt notwendige versöhnungsforschungsrelevante Grundlagen erarbeitet werden. Zum zuletzt genannten Teil des Projekts, gehört diese Arbeit. Für die Förderung des „Hearts of Flesh – Not Stone“-Projekts und damit auch der Ermöglichung dieser Arbeit, möchte ich der DFG meinen ausdrücklichen Dank aussprechen. Ich danke meinem Doktorvater Prof. Dr. Dr. Bertram Schmitz für sein Vertrauen in meine Befähigung, einen Beitrag sowohl zum Projekt als auch zum Fachbereich der Religionswissenschaft leisten zu können. Diverse fach- und themenrelevante Konzepte und daraus resultierende Perspektiven verdanken sich vor allem seiner Anleitung. Dankbar bin ich darüber hinaus, dass seine ansteckende Leidenschaft für das Fach auf mich abgefärbt hat. Prof. Dr. Martin Leiner, Direktor des Jena Center for Reconciliation Studies, der diese Arbeit in ihrem Entstehungsprozess nicht nur gefördert und begleitet, sondern mich gleichzeit in die Versöhnungsforschung eingeführt hat, gilt ebenfall unschätzbarer Dank. Des Weiteren möchte ich Personen danken, welche mich und die Entstehung dieser Arbeit begleitet haben. Zu nennen sind hier Prof. Dr. Phillip W. Tolliday (Adelaide), Prof. Dr. Hannes Bezzel (Jena), Prof. Dr. Christo Thesnaar (Stellenbosch), Dr. Carolina Rehrmann, Dina Dajani Daoudi, Dr. Francesco Ferrari, Khupma Hansing und Maria Palme. Mein Dank gilt aber auch all jenen, denen ich durch das Jena Center for Reconciliation Studies begegnen durfte und die mich auf die eine oder andere Weise geprägt haben. Meiner Familie danke ich für ihr Vertrauen und ihre Unterstützung. Gabriele und Jörg Sorge, die mich auf einem Pfad voller Herausforderungen nicht nur begleitet und unterstützt haben, sondern deren Menschlichkeit mir so oft ein Licht auf meinem Weg war, sage ich vielen Dank. Der wohl größte Dank aber, der weder ermesslich noch in Worten ausdrückbar ist, gebührt Johanna. Du hast diese Arbeit in vielerlei Hinsicht ermöglicht, unterstützt und begleitet. Die Größe der Entbehrungen aufgrund Deiner Hingabe kann ich, wenn überhaupt, nur erahnen – „Sed omnia praeclara tam difficilia quam rara sunt“ (Spinoza, E V, Prop 42 Schol). Diese Arbeit ist auch die Deine. Vorwort Versöhnung – ein tief greifender und elementarer Begriff des Judentums! Der höchste jüdische Feiertag, der Jom Kippur, thematisiert diese Beziehung des einzelnen Menschen zu sich, zu anderen und insbesondere zu Gott, seinem Schöpfer und Richter: Leben eine Jüdin und ein Jude in einem gespannten Verhältnis zu dem einen „Gott, der sie aus Ägypten heraus in die Freiheit geführt hat“ – haben sie dessen Weisungen ungesühnt übertreten? Gelangen sie in ein Verhältnis der Aussöhnung, dass Gott vergibt, was den Bittenden von ihm trennt? So lauten die Fragen an diesem feierlichen Tag, der einmal im Jahr, am zehnten Tag des jüdischen Monats Tischri im September/Oktober zelebriert wird. André Zempelburg beschreibt dieses zentrale Moment des jüdischen Gottesverhältnisses in seiner Monographie in hervorragender Weise, indem er – wissenschaftlich genau und doch in sensibler Empathie – den gesamten Komplex des Versöhnungsbegriffs darlegt. Er erfasst zunächst das Grundthema der jüdischen Versöhnung als ein göttliches Überdecken der Verfehlungen gegen die von ihm gegebenen Ordnungen. Dieses Ereignis wird bereits zu früher biblischer Zeit in einem anschaulichen Ritual zelebriert, das quasi in der arithmetischen Mitte der Torah behandelt wird. Das 3. Buch Moses, Levitikus, oder auch mit dem hebräischen Namen wajjikra, beschreibt im 16. Kapitel die Feier am Jom Kippur. Dies ist der Tag, den Gott bestimmt habe, sich mit dem Volk Israel zu versöhnen. Der mit den im je vorangegangen Jahr begangenen Verfehlungen der Gemeinschaft beladene „Sündenbock“ ist vielleicht nicht der bedeutendste Faktor dieses Rituals, doch der auch außerhalb des Judentums bekannteste. Entscheidend war, dass der Hohepriester nach seiner eigenen Reinigung ein einziges Mal im Jahr an gerade diesem Tag in das Allerheiligste des Tempels in Jerusalem ging um vor der Gegenwart Gottes um die Überdeckung der Verfehlungen der gesamten Gemeinschaft zu bitten. Zu dieser biblisch frühen Thematik der Versöhnung der israelitischen Gemeinschaft mit Gott treten im Lauf der langen Geschichte verschiedene Dimensionen hinzu. Auch die Nuancen des Verständnisses von Versöhnung werden im weiteren Verlauf der jüdischen Geschichte differenziert und modifiziert. Zempelburg zeigt auf, inwiefern neben die Dimension des direkten Verhältnisses Gott – Mensch zunehmend auch der Aspekt des Verhältnisses Mensch – Mensch hinzutritt. Dabei eröffnet sich die Frage, inwiefern die Harmonisierung oder auch der Ausgleich dieses zwischenmenschlichen Verhältnisses als Voraussetzung für die Vergebung Gottes gesehen wird: Inwiefern ist Gott bereit, sich mit einem Menschen zu versöhnen, der sich noch nicht (einmal) mit seiner Schwester oder seinem Bruder versöhnt hat? Diese Überlegung führt weiter zu dem, wer denn „Schwester“, wer „Bruder“ ist. Handelt es sich nur um eine innerjüdische Angelegenheit, oder betrifft dies genauso Personen außerhalb der jüdischen Gemeinschaft: Freunde, Geschäftspartner, oder gar Gegner bis hin zu Feinden? Inwiefern ist auch eine Versöhnung mit diesen Personen Voraussetzung, um in ein versöhntes Verhältnis mit Gott zu gelangen? Schließlich lässt sich noch eine weitere, letzte Dimension hinzufügen, der Versöhnung des je einzelnen mit sich selbst als Grundbestandteil des gott-menschlichen Versöhnungsverhältnisses insgesamt. Das Verhältnis kann – so die weitere Analyse – nicht geheilt werden, wenn die einzelnen Aspekte nicht ausgeglichen werden, denn das Verhältnis des Menschen zu Gott steht nach jüdischer Auffassung grundsätzlich immer in Bezug zum Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen. Um diese Fragen beantworten zu können, analysiert Zempelburg die Texte und bearbeitet sie in beeindruckender Genauigkeit. Er zeigt, inwiefern es mitunter Akzente des Textverständnisses sind, die in der jüdischen Geschichte zu weiteren Diskussionen geführt haben und zu einem komplexen und existenziellen Verständnis von Versöhnung führen. Es ist das Verb des Versöhnens selbst, kafar, das Zempelburg der Umkehr (teshuva) gegenüber stellt und damit gleichsam einen Kosmos der Versöhnungsfragen und -antworten eröffnet. Letztlich führt dieser Ansatz bis zu der kaum auflösbaren Frage, inwiefern ein Überlebender eines Massakers dem Verantwortlichen dieser Bluttat vergeben könne, dürfe, oder gar müsse, wenn dieser ihm inständig und in Verzweiflung darum bittet. Anhand der von Zempelburg verwendeten Novelle der „Sonnenblume“ geht er auch diesem Anliegen nach. Versöhnung – nicht nur ein Begriff der innerjüdischen Erörterung und der religiösen Lebenspraxis, die zum Jom Kippur ihren rituellen Ausdruck findet, sondern auch eine bis in die Gegenwart hinein aktuelle politische Thematik, etwa im so genannten Nahen Osten. Weit davon entfernt, das Judentum in der Israel-Thematik zu lokalisieren, oder gar es auf den Staat Israel zu reduzieren, stellt Zempelburg seine Ausführungen in den einführenden Zeilen als einen aktuellen Bezugspunkt in diese religionspolitische Landschaft: wir leben in einer spannungsgeladenen, unversöhnten Welt, die ihren Ausdruck in inneren, persönlichen Konflikten ebenso findet, wie auf einer anderen Ebene im Zwischenmenschlichen bis hin zu offen ausgetragenen militärischen Aktionen. Das Judentum mit seiner religiösen Praxis und seiner theologisch-philosophischen Reflexion bietet gewissermaßen eine Kultur der Versöhnung an, die das Verhältnis zur göttlichen Transzendenz nicht vom weltlichen, menschlichen Handeln löst. André Zempelburg ist mit seinem Werk gelungen, in die eingangs erwähnte Tiefe des Versöhnungsbegriffs nicht nur einzuführen, sondern den Lesenden gleichsam hineinzuführen, in das, was Versöhnung nach jüdischem Verständnis heißen kann. Damit leistet er einen entscheidenden Beitrag in der interpersonalen wie politischen Versöhnungsforschung durch die wissenschaftliche Bearbeitung der über zweitausendjährigen jüdischen Reflexionsgeschichte zu diesem Thema und er zeigt darüber hinaus ein zentrales Moment des Judentums in seinem inneren Reichtum auf. Hannover/Jena 2018 Bertram Schmitz

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Zusammenfassung

Versöhnung wird aus jüdischer Perspektive genau dann notwendig, wenn der einzelne Mensch oder die Gruppe die gebotene Lebensordnung überschreitet. Dann gilt es Mittel und Wege an der Hand zu haben oder zu finden, um in diese zurückkehren zu können. Schon zur Zeit des Alten Israel wurde ein Tag im Jahr zu eben jenem Zweck formalisiert, der sogenannte „Tag der Versöhnung“ (Jom Kippur). Dieser Band untersucht im Kontext des jüdischen Versöhnungstages das Versöhnungsgeschehen in verschiedenen Relationen: Gott-Mensch, Mensch-Mensch und mit Blick auf die Gegenwart auch die Versöhnung des Menschen mit sich selbst. Auf dieser Reise durch mehr als 2500 Jahre altisraelitischer und jüdischer Religionsgeschichte werden u. a. die Voraussetzung des Menschen zur „Sünde“ genauso thematisiert wie seine Umkehr, wann aus dem Nächsten ein Anderer, sprich jeder Mensch, wird, und ob dem Täter im Namen der Opfer vergeben werden darf. „André Zempelburg ist mit seinem Werk gelungen, in die […] Tiefe des Versöhnungsbegriffs nicht nur einzuführen, sondern den Lesenden gleichsam hineinzuführen, in das, was Versöhnung nach jüdischem Verständnis heißen kann. Damit leistet er einen entscheidenden Beitrag in der interpersonalen wie politischen Versöhnungsforschung durch die wissenschaftliche Bearbeitung der über zweitausendjährigen jüdischen Reflexionsgeschichte zu diesem Thema und er zeigt darüber hinaus ein zentrales Moment des Judentums in seinem inneren Reichtum auf.“ Professor Dr. Dr. Bertram Schmitz, (Hannover/Jena 2018)