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3 Theoretischer Bezugsrahmen in:

Jan Stollmeier

Ausmalbücher für Erwachsene, page 53 - 92

Die eigene Grenzsetzung und die Rückgewinnung von Raum in einer beschleunigten Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4272-4, ISBN online: 978-3-8288-7229-5, https://doi.org/10.5771/9783828872295-53

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
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53 3 Theoretischer Bezugsrahmen 3.1 Ästhetik „Ästhetische Wahrnehmung ist eine weitverbreitete Form des menschlichen Verhaltens. Wir vollziehen sie im alltäglichen wie im außeralltäglichen Leben, häufig ohne daß dies weiter auffällig wäre.“ Martin Seel, 2000122 Ästhetik mit ihren diversen zum Teil synonym verwendeten Begrifflichkeiten wie ästhetische Bildung, ästhetische Erziehung, ästhetische Wahrnehmung oder ästhetische Erfahrung ist als Fachwort ähnlich schwer zu definieren wie das, was der Begriff eigentlich meint: Die sinnliche Auseinandersetzung mit und die Wahrnehmung des Subjekts in seiner Umwelt. Die Definitionsvielfalt kommt aber nicht von ungefähr: Alle Begriffe versuchen, dem komplexen Themengebiet gerecht zu werden und Ästhetik in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu erklären und zu deuten. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass aus der Not heraus der Begriff zu eng und zu kurz gefasst wird, sodass alles Ästhetik ist, solange es im weitesten Sinne mit bildender Kunst, Musik oder Tanz und Theater zu tun hat. Christian Rolle konstatiert in diesem Zusammenhang „die Scheu vieler Autoren vor klärenden Definitionen“123. Aus diesem Grund wird im folgenden Kapitel der Begriff Ästhetik aus kulturhistorischen und pädagogischen Perspektiven erörtert, um am Ende zu einer Definition zu gelangen. Im Zuge dessen wird auch die Bedeutung der ästhetischen Wahrnehmung genauer untersucht, da Wahrnehmung eng verwoben ist mit dem Verständnis von Ästhetik und nicht außer Acht gelassen werden kann. Weiterhin muss der Begriff der (ästhetischen) Erfahrung präzisiert werden. Erfahrungen werden in einem Prozess der Aneignung des Subjektes in Auseinandersetzung mit seiner Umgebung gemacht. An dieser Stelle wird zu diskutieren sein, ob sich der Begriff ästhetische Erfahrung für die nachfolgende Forschung eignet, oder ob er sich als zu sperrig erweist und eine geeignetere Definition gefunden werden muss. Dabei stützt sich die Arbeit vornehmlich auf die Überlegungen von Adorno, Dewey, Mollenhauer, Rolle, Schütz und Seel. Das Kapitel schließt mit einer konkreten Definition des Begriffs Ästhetik. Diese soll, wenn möglich, einerseits in ihrem Verständnis nachvollziehbar sein, andererseits dem Themenkomplex annähernd gerecht werden und dabei die Fülle von Bedeutungen nicht aus den Augen verlieren. Ähnlich dem zu Beginn des Kapitels vorangestellten Zitat von Seel strebt die Arbeit an, Ästhetik als etwas Natürliches, Normales und Alltägliches zu beschreiben, so wie auch das Ausmalen von Ausmalbildern eine natürliche und alltägliche Tätigkeit ist. Erst dadurch kann der komplexe Prozess greifbar und vermittelbar werden. 122 Seel, Martin (2000): Ästhetik des Erscheinens. München, Wien: Carl Hanser Verlag, S. 44. 123 Rolle, Christian (1999): Musikalisch-ästhetische Bildung. Über die Bedeutung ästhetischer Erfahrung für musikalische Bildungsprozesse. Kassel: Gustav Bosse Verlag (Perspektiven zur Musikpädagogik und Musikwissenschaft, 24), S. 89. 54 3.1.1 Ästhetik im historischen Kontext Alltagssprachlich steht Ästhetik für schön, stilvoll oder geschmackvoll. Das Wort Ästhetik selbst wird von dem griechischen Wort Aisthesis abgeleitet, welches für sinnliche Wahrneh‑ mung und Empfindung steht.124 Im Laufe der Jahre kamen aber immer mehr Konnotationen hinzu. Zum einen dient der Begriff der Beschreibung von Kunstwerken (im weitesten Sinne), Gegenständen, Architektur etc. Zum anderen stellt er die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt dar, unsere Art und Weise der sinnlichen Wahrnehmung von Dingen im Allgemeinen, wenngleich einige Autorinnen und Autoren nur im Kontext von Kunstwerken oder ästhetischen Symbolen von ästhetischer Wahrnehmung sprechen.125 Der Begriff Ästhetik wird in Deutschland vermehrt ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etabliert und diskutiert. Ausschlaggebend sind die Werke von Alexander Gottlieb Baumgarten und Friedrich Schiller, auf denen viele (kunst)pädagogische Konzepte beruhen.126 Baumgartens unvollendetes Werk Aesthetika (in zwei Bänden 1750 und 1758) stellt eine Theorie der sinnlichen Erkenntnis auf, die neben dem Erkenntnisvermögen des Verstandes existiert und zuständig für die sinnlich erfassbare Wahrheit ist. Die Ästhetik, so Baumgarten, ist die Wissenschaft dieser sinnlichen Erkenntnis.127 Die sinnliche Erkenntnis stellt laut Baumgarten somit ein eigenständiges Gebiet dar und ist dabei nicht nur auf Kunst beschränkt, sondern in weiterreichenden Zusammenhängen zu sehen. Schillers Abhandlung Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795) setzt sich mit Immanuel Kants Ästhetik-Begriff auseinander und spricht, wenn es über Ästhetik geht, von Schönheit bzw. von dem Schein des Schönen. Schillers Theorie zufolge lebt der Mensch in zwei Welten: der physischen Welt, dem Bereich der Sinne, und der geistigen Welt, dem Bereich der Vernunft und der Moral. Erst eine dritte Instanz, die Schönheit, hebt die Gegensätzlichkeit der beiden Welten auf und verbindet diese. Nur dadurch kann der Mensch Freiheit erlangen.128 Baumgarten und Schiller gehen in ihren Schriften von einem erwachsenen Subjekt mit entsprechenden kognitiven, sozialen und kulturellen Fähigkeiten aus. Theodor W. Adornos unvollendetes und posthum veröffentlichtes Werk Ästhetische Theorie (1970) subsumiert seine Philosophie zu Kunst, Ästhetik und dem Verhältnis von Kunst zur realen Welt. Adorno versteht „Kunst als eine Gestalt der Erkenntnis, und insofern ihrer‑ seits als rational.“129 Kunst wird hier eng mit Wahrheit verknüpft, da sich die Wahrheit aus der Suche nach der Erkenntnis ergibt.130 Indem man sich dem Kunstwerk gänzlich hingibt, 124 Lehnerer, Thomas (1993): Ästhetische Bildung. In: Adelheid Staudte (Hg.): Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim, Basel: Beltz (Reihe Werkstattbuch Grundschule), S. 38. 125 Was ästhetische Vorgänge auslöst, wird im späteren Verlauf diskutiert. 126 Vgl. Skladny, Helene (2009): Ästhetische Bildung und Erziehung in der Schule. Eine ideengeschichtliche Untersuchung von Pestalozzi bis zur Kunsterziehungsbewegung. München: Kopaed (Kontext Kunstpädagogik, 22), S. 66 ff. 127 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 91 f. 128 Vgl. Hohr, Hansjörg (2006): Friedrich Schiller über Erziehung: der schöne Schein. Bad Heilbrunn: Klinkhardt (Forschung), S. 13 f. 129 Adorno, Theodor W. (2000): Ästhetische Theorie. 15. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 2), S. 87. 130 Siehe hierzu auch: Sauerland, Karol (1979): Einführung in die Ästhetik Adornos. Berlin [etc.]: De Gruyter, S. 9 ff. 55 offenbart es sich. Adorno spricht von Erscheinungen, die dem Beobachter, wenn er das Kunstwerk vollständig durchdrungen hat, vergegenwärtigt werden. „Der Augenblick des Ausdrucks an den Kunstwerken ist aber nicht ihre Reduktion auf ihr Material als ein Unmittelbares sondern überaus vermittelt. Zu Erscheinungen im prägnanten Verstande, denen eines Anderen, werden Kunstwerke, wo der Akzent auf das Unwirkliche ihrer eigenen Wirklichkeit fällt. Der ihnen immanente Charakter des Akts verleiht ihnen, mögen sie noch so sehr in ihren Materialien als Dauerndes realisiert sein, etwas Momentanes, Plötzliches.“131 Was Adorno beschreibt, nennt Martin Seel eine „religiöse oder halluzinogene Vision, in der plötzlich etwas gegenwärtig ist, das im selben Augenblick schon nicht mehr da ist“132. Diese Überlegungen setzen aber ein mit dem Kunstwerk im hohen Maße vertrautes Subjekt voraus. Dazu zählen außerdem alle kulturhistorischen Erfahrungen, die unmittelbar mit dem Werk in Zusammenhang stehen. Wie stark der Begriff aber der Interpretation freigegeben ist, wird an Arthur Schopenhauers Definition deutlich. Diese nimmt nicht vornehmlich das ästhetische Objekt in Augenschein, es dient nur als Initiation der ästhetischen Erkenntnis. „Die Betrachtung eines Kunstwerkes gilt folglich nicht eigentlich der zugleich sinnen‑ fälligen und ausdrucksstarken Präsenz des jeweiligen Werkes, sondern der Möglichkeit, sich in seiner Anschauung in ein ‚reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis‘ zu verwandeln, das die Welt des alltäglichen Lebens und Strebens als Illusion durchschaut.“133 Damit verhält sich Schopenhauers Auffassung gegensätzlich zu den vorher genannten. Auch wenn sich dadurch ein allgemeingültiger und von der Welt losgelöster Blick einstellen kann, verliert das ästhetische Objekt an individueller Bedeutung, denn es ist nur Mittel zum Zweck.134 Wichtig ist in diesem Zitat der Zeitgedanke, wird das Subjekt doch aus seinem zeitlichen Rahmen herausgelöst. Der Zeitfaktor nimmt im weiteren Verlauf der Arbeit noch eine wichtige Rolle ein (siehe Kapitel 3.2). Durch diesen historischen Rückgriff lässt sich eine kurze Zwischenbilanz ziehen: Ästhetik als solche sowie der Prozess der ästhetischen Wahrnehmung sind schwer zu fassen und zu definieren, und noch schwieriger, wenn überhaupt möglich, empirisch nachweisbar, handelt es sich bei der ästhetischen Wahrnehmung doch um ein sehr fragiles und individuelles Moment. Zudem sind alle genannten Ansätze zur Ästhetik nicht eins zu eins auf die vorliegende Arbeit übertragbar. Für die spätere Übertragung auf den Kunstunterricht (siehe Kapitel 7) erweisen sich die Darlegungen ebenso als zu ausufernd, zumal ihnen die didaktischen Überlegungen und die Anpassung an (heutige) schulische Parameter wie Organisation, Planung und Durchführung fehlen.135 Dennoch lassen sich die Ideen von Baumgarten und Schiller bis heute in 131 Adorno, Theodor W. (2000), S. 124. 132 Seel, Martin (2000), S. 34. 133 Ebd., S. 24. 134 Vgl. ebd., S. 25. 135 Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit Ästhetik oder der Kunstbegriff selbst mit dem eigentlichen Kunstunterricht in Verbindung gebracht werden kann. Siehe dazu Kapitel 7. 56 kunstpädagogischen Konzepten nachweisen, wie Helene Skladny zu bedenken gibt.136 Klaus Mollenhauer nennt in diesem Zusammenhang die nur marginal vertretenen interdisziplinären Bemühungen zwischen Philosophie und Bildungstheorie und sieht eine Schwierigkeit in der unterschiedlichen Methodik beider Fachgebiete.137 Er beschreibt Schillers Theorie als eine schwierige Konstruktion, ebenso wie die von Adorno. Beide könne „man auf sich beruhen lassen – eben weil das ästhetische Urteil reflexiv ist: es ist keinem evaluierbaren Lernziel‑ begriff subsumierbar“.138 Zur dieser Aussage gelangt er, da sich ästhetische Prozesse unter strengen Kriterien nicht einfach und ohne Abstriche evaluieren lassen.139 Mollenhauer selbst hat sich über viele Jahre mit der Begrifflichkeit der Ästhetik beschäftigt. Zunächst favorisierte er den Terminus ästhetische Empfindung, später ersetzte er den Begriff durch ästhetische Wirkung.140 Lassen beide Ausdrücke einen feinen, erkennbaren Unterschied zu, tragen sie dennoch nicht zur Lösung des Problems einer genauen Definition bei. Besonders der ersten Formulierung haftet eine stark subjektive Ebene an, wie Rolle anmerkt: „Meine Begegnung mit diesen Objekten scheint eine sehr private Angelegenheit zu sein, in der ich in erster Linie mit mir selbst beschäftigt bin.“141 Somit gelingt es nicht, den Prozess der ästhetischen Erfahrung aus der Subjektivität herauszuführen und ihn, ohne Abstriche zu machen, in einen objektivierbaren Rahmen zu bringen. Ästhetische Wirkung hingegen scheint dieser subjektiven Ebene zu entgehen, bringt aber andere kritische Punkte mit in die Diskussion ein. Zum einen neigt der Begriff Wirkung zu Verwechselungen, zum anderen löst er nicht die Frage, worin genau diese Wirkung besteht.142 Festzuhalten ist die Tatsache der Kausalität, die durch den Terminus Wirkung impliziert wird, also eine Wechselwirkung von Subjekt und ästhetischem Objekt. 3.1.2 Ästhetische Wahrnehmung Um an dieser Stelle eine hier verwendbare Definition zu erhalten, soll zunächst gefragt werden, was eine sinnliche, eine ästhetische Wahrnehmung auslöst. Für Schiller ist Kunst Auslöser ästhetischer Vorgänge. „Wenn Schiller postuliert, dass die Kunst, und nur die Kunst, Geist, Geschmack, edle Gesinnung und nationale Identität erzeugen kann, hängt dies mit seinen anthropologi‑ schen Grundvoraussetzungen zusammen. (…) Durch die Kunst sei der Mensch also in der Lage, Gefühl und Vernunft miteinander zu verbinden und das, was er von Vernunft wegen tun soll, dann auch mit seinem Willen zu erstreben.“143 Daraus resultiert ein starker Freiheitsgedanke, da das ästhetische Handeln dem Dualismus zwischen Gefühl und Vernunft gegenübersteht und das Subjekt aus dem Alltag entrückt.144 Schiller macht seine Ideen an der Dichtkunst fest, vor der bildenden Kunst und Musik, und 136 Vgl. Skladny, Helene (2009), S. 69–74. 137 Vgl. Mollenhauer, Klaus (1996), S. 13 f. 138 Ebd., S. 15–17. 139 Vgl. ebd., S. 14. 140 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 15 f. 141 Ebd., S. 16. 142 Vgl. ebd., S. 17 f. 143 Skladny, Helene (2009), S. 72–73. 144 Vgl. ebd., S. 72–73. 57 räumt ihr somit einen höheren Stellenwert ein. Diese Hierarchie begründet er mit der Nähe der Musik zum Gefühl und der Nähe der bildenden Kunst zur Vernunft. Nur die Poetik, die keiner Seite am nächsten steht, kann als Vermittler fungieren.145 Adorno beschränkt die Ästhetik ebenfalls auf Fragen der Kunst: „Verstehen hat zu seiner Idee, daß man durch die volle Erfahrung des Kunstwerks hindurch seines Gehalts als eines Geistigen innewerde. Das betrifft ebenso dessen Verhältnis zu Stoff, Erscheinung und Intention (…)“146 Sauerland resümiert, dass das Subjekt nach Adornos Auffassung „sowohl Expert [sic!] als auch Nachbildner“147 sein müsste – ein „elitäreres Ideal“148 lässt sich jedoch kaum vorstellen. Und obwohl Adorno sich auch ausführlich mit musikphilosophischen Fragen beschäftigt hat, gibt er der bildenden Kunst den Vorrang, da erst der Nachvollzug des künstlerischen Prozesses bei der Erschaffung eines Kunstwerkes zu ästhetischer Wahrnehmung führt.149 Während Schiller und Adorno nur jeweils einer Kunstgattung den Vorzug für ästhetische Prozesse geben, räumt Baumgarten der Ästhetik einen ganzen Bereich, den der sinnlichen Erkenntnis, ein. Dadurch öffnet sich die ästhetische Wahrnehmung insofern, als dass sie nicht explizit einer Kunstgattung zugeschrieben wird. Rolle merkt aber kritisch die zu weit gefasste und ausufernde Definition Baumgartens an: „Wenn ästhetisch gleichbedeutend mit aisthetisch, jegliche sinnliche Wahrnehmung also eine ästhetische wäre, würde der Begriff letztlich überflüssig werden und wichtige Differenzierungsmöglichkeiten gingen verloren.“150 Ästhetische Prozesse finden bei Mollenhauer immer in einer sehr persönlichen Interaktion zwischen Individuum und dem ästhetische Erfahrungen auslösenden Objekt statt. Das Objekt muss dabei einen symbolischen Gehalt haben.151 Ästhetische Symbole können demnach durch einen kulturellen und gesellschaftlich tradierten Code entschlüsselt werden, sind also lern- und lehrbar und somit brauchbar für einen didaktischen und pädagogischen Diskurs.152 Rolle widerspricht dieser Annahme jedoch: „Jegliche Vorstellung von einem Code, mit dessen Hilfe sich ästhetische Zeichen ent‑ schlüsseln ließen, widerspricht seinem [Mollenhauers] eigenen Hinweis auf die Nicht‑Ar‑ bitrarität und Nicht‑Ersetzbarkeit ästhetischer Symbole. (…) Ästhetische Bildung darf demnach gerade nicht und schon gar nicht ausschließlich als ästhetische Alphabetisierung verstanden werden.“153 145 Dieses Konzept ist meines Erachtens nicht nur, aber eben auch seiner eigenen Präferenz geschuldet. Das diese Zuteilung problematisch ist, ist zudem unbestritten und wird bei Hohr ausführlich diskutiert. Dennoch hat Schiller diese Einteilung für sein Verständnis von Ästhetik vorgenommen. Vgl. Hohr, Hansjörg (2006), S. 161. 146 Adorno, Theodor W. (2000), S. 515. 147 Sauerland, Karol (1979), S. 40. 148 Ebd., S. 40. 149 Sauerland nennt hier auch die Tatsache, dass Adorno die Beschäftigung mit dem Notentext eines Musikwerkes oder mit dem Textbuch eines Dramas mehr Bedeutung zuschreibt als die Interpretation oder Ausführung. Ebd., S. 40 f. 150 Rolle, Christian (1999), S. 92. 151 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 17 und Mollenhauer, Klaus (1996), S. 15. 152 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 22. 153 Ebd., S. 23. 58 Dennoch stimmen beide überein, nicht nur ein Kunstobjekt könne zu ästhetischen Erfahrungen führen, sondern alle Objekte, Artefakte oder Gegenstände, insofern sie ästhetisch wahrgenommen werden können.154 Readymades schlagen hier eine Brücke, da sie aus dem Alltagsgegenstand heraus zur Kunst erhoben werden und damit zeitgleich einen ästhetischen Wert als Kunstobjekt und als ästhetisch wahrnehmbares Objekt besitzen (siehe Kapitel 2.7). Wolfgang Welsch geht einen Schritt weiter und beschreibt Duchamps Readymades als „prototypisch (…) für die Anästhetik der modernen Kunst“155, da sie auf das Anästhetische selbst abzielt, indem sie das Unsinnliche neben dem Sinnlichen hervorhebt. Daraus entsteht eine Differenz zwischen Wahrnehmenden und Nichtwahrnehmenden, zwischen Ästhetik und Anästhetik.156 Seel schließt das zeitliche Moment in die ästhetische Wahrnehmung mit ein und verlagert seine Idee auf das Verhältnis von Subjekt und wahrzunehmendem Objekt: „Ästhetische Objekte sind Objekte in einer besonderen Situation der Wahrnehmung oder für eine solche Situation; sie sind Anlässe oder Gelegenheiten einer bestimmten Art des sinnlichen Vernehmens.“157 Seel sieht nicht nur in Objekten, sondern auch in alltäglichen Erlebnissen ästhetische Qualitäten, da sie, sofern sie sensitiv wahrgenommen werden, ebenso ästhetisch wahrgenommen werden können, wie schon in seinem Zitat zu Beginn dieses Kapitels deutlich wird.158 Dennoch macht Seel eine entscheidende Unterteilung, indem er sagt: „Alle ästhetischen Objekte sind Objekte der Anschauung, aber nicht alle Objekte der Anschauung sind ästhetische Objekte.“159 Das Erscheinen, so nennt Seel die Begegnung mit einem Objekt, kann nur an denen festgemacht werden, die in ihrer Besonderheit wahrnehmbar sind. Diese Besonderheiten, also die individuellen Eigenschaften eines Objektes, müssen dem Subjekt aber bekannt oder ersichtlich, also sinnlich erfassbar sein, da sich sonst keine ästhetische Wahrnehmung einstellen kann. Seel spricht dabei von Wahrnehmungsqualitäten.160 Ein Gegenstand kann unterschiedliche Wahrnehmungsqualitäten aufweisen und vom Subjekt auch verschieden wahrgenommen und hierarchisiert werden. Während die einen eher auf Form, Oberfläche und Struktur eines Objektes achten, schauen die anderen eher nach Farbe und Material. Denkbar sind hier alle Sinneswahrnehmungen. Ein ähnliches Verständnis findet sich bei Rolle, der sagt: „Ästhetische Bildung stellt vielmehr ein fächerübergreifendes Prinzip dar, das ästhetische Erfahrungen in der Wahrnehmung von Natur und verschiedensten Artefakten – seien es Alltagsgegenstände, Produkte populärer Kultur o.a. – einschließt.“161 154 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 17. und: Mollenhauer, Klaus (1996), S. 120. 155 Vgl. Welsch, Wolfgang (2010): Ästhetisches Denken. 7. Auflage. Stuttgart: Reclam (Reclams Universal-Bibliothek, 8681), S. 37. Für Welsch ist die Gratwanderung zwischen Sinnlichem und Unsinnlichem ein Hauptmerkmal der modernen Kunst. Anästhetik bedeutet für ihn ein Wahrnehmungsverlust, wie er uns in vielen Bereichen der modernen Gesellschaft begegnet. Darunter fallen auch die neuen Medien, denen eine „Entsinnlichung innewohnt“ (Welsch, Wolfgang (2010), S. 64. Die moderne Kunst macht sich nach seiner Auffasung die Differenz von Ästhetik und Anästhetik zunutze und lebt somit von einer Pluralität. 156 Vgl. ebd., S. 65 f. 157 Seel, Martin (2000), S. 46. 158 Vgl. ebd., S. 46. 159 Ebd., S. 46. 160 Vgl. ebd., S. 79. 161 Rolle, Christian (1999), S. 7. 59 Festzuhalten ist der Umstand, dass ästhetische Wahrnehmung nicht allein auf ein bestimmtes Produkt einer bestimmten Kunstrichtung, also Kunst, Musik, Literatur, beschränkt ist, sondern alle Objekte in Betracht gezogen werden können, die von einem Subjekt in bestimmter Weise wahrgenommen werden können. Welsch, der sich seit den 1970er Jahren mit Ästhetik auseinandersetzt, plädiert ebenso für einen erweiterten Begriff und schließt die Lebenswelt, Politik, Ökonomie und Ökologie mit ein. Diese Erweiterung führt er nicht nur ein, um die Bereiche außerhalb der Kunst zu ästhetisieren, sondern um den Kunstbereich selbst besser analysieren und verstehen zu können.162 Die Öffnung des Begriffs der ästhetischen Wahrnehmung, wie Mollenhauer, Rolle, Seel und Welsch ihn vorschlagen, klingt zunächst sehr vage, da er viele Variablen zulässt. Nach dieser Definition gäbe es keinen offenkundigen Unterschied zwischen Kunstobjekten und Alltagsgegenständen. Um eine Abgrenzung zu definieren und eine Struktur in die sehr weitgefasste Theorie über ästhetische Wahrnehmung zu bringen, entwickelte Seel drei Dimensionen ästhetischer Wahrnehmung: das bloße Erscheinen, das atmosphärische Erscheinen und das artistische Erscheinen.163 Letzteres bezieht sich auf Kunstwerke, welche nach Seels Einschätzung von den anderen nicht ästhetischen Objekten sowie von den anderen ästhetischen Objekten abgegrenzt werden müssen, da sie Darbietungen sind, die im Gegensatz zu Alltagsgegenständen, verstanden sein wollen.164 „Die Wahrnehmung von Kunstwerken schließt notwendigerweise eine interpretierende und erkennende Aufmerksamkeit mit ein.“165 Kunstwerke nehmen also eine besondere Rolle ein, da sie das Individuum vor die Herausforderung stellen, von diesem im weitesten Sinne verstanden zu werden. Das Verstehen muss sich nicht über eine verbale und kommunikative Ebene vollziehen; alle Sinne sind hierbei denkbar, wie Seel betont.166 Dies erfordert neben kognitiven Leistungen ein reflexives Vermögen sowie ein, je nach Art des Kunstwerkes, umfangreiches Vorwissen. Das bloße Erscheinen ist für Seel eine kontemplative ästhetische Wahrnehmung, die sich allein auf das Erscheinende bezieht. Eine Art der Auseinandersetzung des Ichs mit dem Objekt und die Vergegenwärtigung des Hier und Jetzt. Dabei kommt es zu keiner Reflexion des Prozesses oder Aktivierung des Wissens um den Gegenstand. Dieser wird in seiner aktuellen Erscheinung wahrgenommen als das, was er ist.167 Das atmosphärische Erscheinen bezieht hingegen eine reflexive und eine interpretierende Ebene mit ein. Es verlangt vom Subjekt eine Hinwendung zum Gewesenen und eine Imagination für Zukünftiges. Ebenso setzt es mitunter ein historisches, biografisches oder kulturelles Wissen voraus, um das Objekt als atmosphärische Erscheinung wahrnehmen zu können. So lassen sich beispielsweise teure Kleidungsstücke erst als solche identifizieren, wenn der entsprechende Markenname bekannt ist oder das Wissen um eine gute Verarbeitung abgerufen werden kann. Das Objekt löst im Kontext mit der Umgebung und dem Wissen um eben dieses 162 Vgl. Welsch, Wolfgang (2010), S. 224 f. 163 Vgl. Seel, Martin (2000), S. 148 ff. 164 Vgl. ebd., S. 156 ff. 165 Ebd., S. 38. 166 Vgl. ebd., S. 158. 167 Vgl. ebd., S. 150 f. 60 Objekt eine Atmosphäre aus, die dem Subjekt durch eine aufmerksame Beobachtung und Hinwendung gewahr wird.168 Zusammenfassend kann resümiert werden, dass jedes Objekt, sei es ein Kunstwerk, ein Alltagsgegenstand oder ein performativer Prozess169, für eine ästhetische Wahrnehmung in Frage kommt, solange es einen Bezug zum Subjekt aufweist und unter Voraussetzung von Imagination und Reflexion auf eine besondere Art und Weise wahrgenommen werden kann. Dabei spielen kulturelles und biografisches Wissen eine große Rolle, da das Objekt allein nicht über ein bloßes Erscheinen hinaus ästhetische Zugänge zu öffnen vermag. Letzteres wird von vielen Autorinnen und Autoren betont: die Herausstellung des Subjektes. Aissen-Crewett kommt zu der Erkenntnis, dass Wahrnehmung und vielmehr die sinnliche Wahrnehmung mehr ist, als das reine Sammeln von Informationen. Erst die subjektive Empfindung ermöglicht es, ein vollkommenes Bild herzustellen. Denn nur dann kann von Wahrnehmung gesprochen werden.170 3.1.3 Ästhetische Erfahrungen Nachdem das Verhältnis von Objekt und Subjekt im Rahmen der ästhetischen Wahrnehmung genauer erläutert wurde, soll nun eruiert werden, was mit ästhetischer Erfahrung gemeint ist. In der Philosophie wird der Erfahrungsbegriff nicht einheitlich verwendet. Dabei stehen sich einige Definitionen, je nach Traditionslinie, diametral gegenüber. Hans-Georg Gadamer konstatiert: „Der Begriff der Erfahrung scheint mir – so paradox es klingt – zu den unauf‑ geklärtesten Begriffen zu gehören, die wir besitzen.“171 Dadurch zeigt sich aber, wie flexibel der Begriff und wie groß sein Verwendungsbereich ist. Demzufolge bedarf es zunächst des Versuchs einer konkreteren Klärung des Begriffs, um ihn später für eine Definition und für eine Verwendung in der vorliegenden Arbeit nutzen zu können. Versuch insofern, weil an dieser Stelle keine sowohl soziologische als auch philosophische Auseinandersetzung geleistet werden kann, die alle Strömungen der letzten Dekaden bündelt und auf einen Nenner bringt.172 Daher konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf die Definitionen, die im Kontext künstlerischer Tätigkeiten aufgestellt wurden oder weitestgehend mit ästhetischer Wahrnehmung in Einklang zu bringen sind. 168 Seel merkt man, dass Atmosphären auch vorhanden sind, wenn diese nicht bewusst fokussiert werden, da wir immer von Atmosphären umgeben sind. Von dieser Atmosphäre ist bei Seel aber nicht die Rede, da sein Begriff des atmosphärischen Erscheinenes eine „Korrespondenz“ von Subjekt und Objekt voraussetzt. Vgl. ebd., S. 153. 169 Als Prozess können hier sowohl künstlerische Herstellungsprozesse als auch performative Prozesse bspw. innerhalb einer Performance, Fluxus oder musikalische Aufführung verstanden werden. Aber auch Alltagsprozesse und –abläufe fallen darunter. 170 Vgl. Aissen-Crewett, Meike (2000), S. 65. 171 Gadamer, Hans G. (2010): Gesammelte Werke. Band 1: Hermeneutik I: Wahrheit und Methode: Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7., überarb. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck (Gesammelte Werke, / Hans-Georg Gadamer ; Bd. 1), S. 352. 172 Dieses scheint auch nahezu unmöglich. Die Bemühungen, einen einheitlichen Erfahrungsbegriff zu entwickeln, wurden zuletzt von Dilthey, Rickert und Husserl unternommen. Sie alle kamen aber nicht zu dem gewünschten Ergebnis, da sich die ab dem 19. Jahrhundert neu entstandenen Disziplinen und Teildisziplinen zu sehr voneinander entfernt haben, wie Suber herausstellt. Siehe dazu: Suber, Daniel (2008): Zum Erfahrungsbegriff in der Soziologie: einige theoriegeschichtliche Anmerkungen. In: Karl-Siegbert Rehberg (Hg.): Die Natur der Gesellschaft. Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Unter Mitarbeit von Dana Giesecke und Thomas Dumke. Frankfurt, New York: Campus Verlag (Verhandlungen des Deutschen Soziologentages, 33), S. 5897–5907. 61 Rolle hat in seinem Werk Musikalisch‑ästhetische Bildung den Erfahrungsbegriff basierend auf den Werken von John Dewey und Alfred Schütz herausgearbeitet und fasst ästhetische Wahrnehmung als eine besondere Art von Erfahrung auf, die gemacht wird.173 Nach Deweys Auffassung ist Erfahrung das Ergebnis der Interaktion des Menschen mit einer ständigem Wandel unterworfenen Umgebung. Aus dieser Perspektive heraus steht der Erfahrungsbegriff eng mit der Evolutionstheorie in Zusammenhang. Der Mensch entwickelt sich weiter, macht also Erfahrungen, und treibt so die Evolution voran. Besonders interessant an Deweys Theorie ist jedoch, dass sich der Mensch nicht passiv seiner Umgebung und ihrer stetigen Veränderung hingibt, sondern sich aktiv mit ihr auseinandersetzt.174 Das aktive Tun beschreibt Dewey unter anderem mit künstlerischen Tätigkeiten. Rolle teilt Deweys Idee, dass die künstlerische Intelligenz in der „Beziehung von passivem Erleben und aktivem Tun“175 wurzelt, führt aber weiter aus, dass „das aktiv‑konstruktive und das passiv‑spürende Moment (…) einander im Prozeß der Erfahrung [ergänzen].“176 Ebenso hat sich Schütz zum Begriff der ästhetischen Erfahrung geäußert. In Schütz’ Darlegungen ist das Subjekt ebenfalls aktiv daran beteiligt, aus Erlebtem eine Erfahrung zu machen. Das Erlebte wird nicht passiv zu einer Erfahrung, sondern erst, wenn das Erlebte vom Subjekt aktiv in einen Zusammenhang gebracht wird. Wann dies geschieht, hängt davon ab, mit welcher Relevanz das Subjekt etwas erlebt. Wird ein Erlebnis als nicht bedeutsam empfunden, bleibt es ein Ereignis, aus dem keine Erfahrung geschöpft werden kann.177 Das heißt, erst eine nachträgliche Reflexion, bzw. eine Auseinandersetzung macht aus einem Erlebnis eine Erfahrung. Rolle macht aber auf die Problematik der Trennung von Erleben und Denken aufmerksam, und die daraus resultierende Frage, „wie sich der jeweils subjektiv konstituierte Sinn vom einen zum anderen Menschen übertragen läßt, damit dem einen die Erfahrungen des anderen zugänglich werden können.“178 Bei Schütz sind alle Erlebnisse, sofern sie reflektiert werden, Erfahrungen, auch wenn sie Gewohntes nicht in Frage stellen und somit das eigene Wissen vermehren, aber keine neue Erkenntnis mit sich bringen. Somit steht seine Auffassung im Gegensatz zu Dewey. Erst die Auseinandersetzung oder Konfrontation mit einem nicht erwarteten Ereignis oder einer Situation, die unvertraut ist und eine Umstellung erfordert, führt zu Erfahrungen.179 Helga Kämpf-Jansen eröffnet mit ihrer Ästhetischen Forschung eine kunstpädagogische Ebene, die sich im Kern mit den zuvor genannten Autoren deckt, aber eine andere Herangehensweise wählt. Ein Gegenstand jedweder Art, eine Situation oder Begebenheit oder eine reale oder fiktive Person kann der Anlass einer ästhetischen Forschung sein. Ausgangspunkt ist eine Frage, die das Subjekt zu diesem Objekt hat und die es intrinsisch motiviert, sich mit dem Objekt weitreichend auseinanderzusetzen, und zwar sowohl kulturell, historisch, biografisch als auch künstlerisch.180 Die Verfahren, die Aufarbeitung und Bearbeitung sind dem Subjekt völlig frei. Es soll sich innerhalb der ästhetischen Forschung selbst organisieren. 173 Vgl. Rolle, Christian (1999), S. 120. 174 Vgl. ebd., S. 42 f. 175 Ebd., S. 44. 176 Ebd., S. 44. 177 Vgl. ebd., S. 55 ff. 178 Ebd. S. 58. 179 Vgl. Reuter, Oliver (2007), S. 145. 180 Vgl. Kämpf-Jansen, Helga (2002), S. 19 f. 62 Kämpf-Jansen sieht in ihrem Konzept ferner eine Selbstreflexion in Tagebuchform vor, die den Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn sowie die stattgefundenen Prozesse dokumentiert und reflektiert. Die Forschung selbst ist stark subjektiv geprägt und soll auf ganz individuellem Wege zum Ziel führen, wobei der Weg selbst schon als Teilziel anzusehen ist. Nach der Frage, was denn nun eine ästhetische Erfahrung sei, stützt sie ihre Überlegungen primär auf die Ausführungen von Gerhard Hard. Für Hard ist ästhetische Erfahrung nicht die Erfahrung von ausschließlich schönen Dingen, da das Hässliche oder das Schockierende ebenso zur Wahrnehmung gehören. Kämpf-Jansen führt weiter aus, dass mit ästhetischer Erfahrung eben kein „besonders privilegierter Weg des Wahrnehmungs- und Erkenntnisvermögens – eben aufgrund der Sinne – gegeben sei“181, sondern, im Einklang mit Hard, den Vergleich zu einem Tagtraum vorzieht: „Jenem Zustand also, in dem man nicht mehr von psychischen und situativen Zwängen beherrscht ist, sondern – gleichsam freigesetzt – sich Gedanken und Empfindungen, Bildern und Wunschvorstellungen hingeben und treiben lassen kann.“182 Kämpf-Jansen lehnt eine strikte Trennung oder eine Gegensätzlichkeit von wissenschaftlichen und ästhetischen Erfahrungen ab, da beides miteinander einhergeht. Der wissenschaftliche Blick lässt sich nicht von dem Ästhetischen trennen, da beides vom Subjekt ausgeht und das eine nicht einfach ausgeblendet werden kann.183 Ästhetische Erfahrung ist ein Konglomerat all dessen, was sich aus Beobachtung, Beschreibung, Selbstreflexion und Wahrnehmungsdifferenzierungen ergibt.184 Darum schlägt Kämpf-Jansen einen offeneren Umgang mit ästhetischen Erfahrungen vor: „(…) spielerischer, freier in den Zuordnungssystemen, schweifender, hin und her pendelnd zwischen verschiedenen Erfahrungsmodi – der Alltagserfahrung, der Naturerfahrung, Kunsterfahrung und Wissenschaftserfahrung – einem streunenden Hund gleich, der uns an einer imaginären Leine zu weitläufig auseinander liegenden Plätzen hinter sich her zieht. Im Dazwischen, wie im Verschmelzen der unterschiedlichen Erfahrungsanteile, entstehen Lust und Genuss, Staunen und Intensität.“185 In allen Auseinandersetzungen mit ästhetischen Erfahrungen klingen aber immer auch die Begrifflichkeiten Zeit und Raum an. Um eine besondere Situation für Wahrnehmungen herzustellen, benötigt es Zeit – und zwar qualitative Zeit (das bewusste Zeitnehmen für etwas) – und es benötigt Raum, um der subjektiven Wahrnehmung Platz zur Entfaltung zu geben (siehe Kapitel 3.2 und 3.3). 3.1.4 Definition für die vorliegende Arbeit Da die wichtigsten Bereiche zum Thema Ästhetik, bzw. zur ästhetischen Wahrnehmung und ästhetischen Erfahrung angerissen wurden, kann eine Definition für die vorliegende Arbeit formuliert werden, die für die Analyse der Ausmalbilder sowie für die Interpretation der geführten Interviews verwendet werden soll. 181 Ebd., S. 161. 182 Ebd., S. 161. 183 Vgl. ebd., S. 161 f. 184 Vgl. ebd., S. 164 f. 185 Ebd., S. 163 f. 63 Ausmalbilder sind nicht als Kunstwerke zu sehen (siehe Kapitel 2.7), können aber, wie in diesem Kapitel schon ausführlich aufgezeigt, sehr wohl als ästhetische Objekte in Betracht kommen. Das Moment der ästhetischen Erfahrung erhält dadurch etwas Normales, Alltägliches, Bodenständiges und weniger Abstraktes. Ausmalbilder können sich demnach sehr gut eignen, ästhetische Prozesse auszulösen, bzw. zu initiieren. Weiterhin eignen sich Ausmalbilder, da sie sowohl produktiv wahrgenommen werden können als auch rezeptiv (das Verweilen über den eigenen ausgemalten Bildern, das Aufhängen der Bilder in der Wohnung, das Betrachten des Fortschritts der letzten Stunden…). Aus diesen Überlegungen heraus können in Hinblick auf Seels Theorie nur das bloße Erscheinen oder das atmosphärische Erscheinen in Betracht gezogen werden. Das artistische Erscheinen kommt durch die Ausschließlichkeit des Ausmalbildes als Kunstwerk nicht zum Tragen. Das bloße Erscheinen bedeutet die Konzentration auf das Ausmalbild. „Sie [die ästhetische Kontemplation] geht in keiner Weise über die Gegenwart hinaus, sie geht nicht ins Exemplarische oder Allgemeine, sie sucht und findet keinen Sinn; sie bleibt in einem leiblichen Vernehmen der sinnlichen Präsenz ihrer Gegenstände stehen. Dies schließt ein intensives sinnliches Sich‑selbst‑Verspüren der Subjekte dieser Wahrnehmung ein, aber wiederum – ohne die Ambition eines über den Augenblick hinausreichenden Verstehens, ohne die Ambition einer Transzendierung des Hier und des Jetzt.“186 Ob die Ausmalbilder, beziehungsweise der Prozess des Ausmalens, in ein atmosphärisches Erscheinen übergehen kann, also eine sowohl biografische Ebene als auch zeitliche Ebene von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat, kann erst im Zuge der exemplarischen Untersuchung näher bestimmt werden. Aus Sichtweise von Kämpf-Jansen würde dies zutreffen, da Ästhetik immer einen biografischen und subjektiven Bezug aufweist (siehe Kapitel 3.1.3). In dieser Arbeit wird der Begriff ästhetische Erfahrung Verwendung finden. Da wir mit jeder neuen Erfahrung (Konstruktivismus)187 einen anderen Bezug zum Objekt aufbauen, welches ästhetisch wahrgenommen wird, kann in einem inszenierten Raum ästhetische Wahrnehmung stattfinden, selbst wenn der Prozess des Malens sowie die verwendeten Materialien und Werkzeuge profan erscheinen und sich nur wenige Variablen ändern: die Ausmalbilder und das Ich des oder der Ausmalenden. Dabei spielen nicht nur Selbstinszenierung und Rauminszenierung, sondern auch Denk- und Malstrategien, seien sie bewusst oder unbewusst, eine Rolle. Wie genau die Ausmalstrategien der Ausmalenden aussehen, ob sie eher routiniert oder willkürlich malen, welche inhärenten Bewertungskriterien den Ausmalprozess beeinflussen, ob sie einem bestimmten Farbkonzept folgen und ob es einen innerlichen Druck gibt, ein Ausmalbild oder gar ein ganzes Ausmalbuch zu vollenden, wird im Zuge dieser Arbeit zu klären sein. 186 Seel, Martin (2000), S. 151. 187 Der Konstruktivismus geht von der Annahme aus, es gäbe keine objektive Wirklichkeit oder absolute Wahrheit. Jeglicher Eindruck ist subjektiv konstruiert durch das Individuum und für dieses die natürliche Weltansicht. Somit entstehen viele Wirklichkeiten und Wahrheiten. Jegliches Lernen, jegliche Handlungen sind von der subjektiven Wirklichkeit geprägt. Lernen findet beispielsweise erst dann statt, wenn sich die individuelle Wahrheit als falsch erweist und neu konstruiert werden muss. Siehe dazu: Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas; Plessner, Helmuth (2016): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Unter Mitarbeit von Monika Plessner. 26. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag (Fischer, 6623). 64 Da sich das Phänomen Ausmalbilder für Erwachsene explosionsartig über soziale Netzwerke verbreitet hat und besonders gelungene Bilder online gestellt werden, ergibt sich schnell die Frage nach einer Professionalisierung. Professionalisierung kann aber zu einem Ausschluss von ästhetischen Erfahrungen führen, da die Konzentration nicht länger auf dem Prozess des Kolorierens verweilt, sondern dem Zweck der möglichst perfekten Fertigstellung des Ausmalbildes untergeordnet wird. „So oft ästhetisches Bewußtsein beliebige nichtästheti‑ sche Vollzüge (…) begleiten kann, so oft kann ein solches Bewußtsein wegen einer starken Inanspruchnahme durch Leistungen des Bestimmens und Verfügens ausgeschlossen sein.“188 Damit stellt die Professionalisierung des Ausmalens eine spezielle Form dar, die besondere Berücksichtigung erfahren muss. Da es sich dabei aber um einen eher kleinen Teil der Ausmalbuchcommunity handelt und der Großteil aus anderen Motiven Ausmalbücher kauft und koloriert, fokussiert sich die Arbeit zunächst auf letztere Gruppe. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein Ausmalbild nach der oben genannten Definition ein Objekt sein kann, das ästhetisch wahrgenommen wird und das in der Lage ist, Raum für ästhetische Erfahrungen zu bieten. 3.2 Die beschleunigte Gesellschaft „Die Zeit ist nur ein leerer Raum, dem Begebenheiten, Gedanken und Empfindungen erst Inhalt geben.“ Wilhelm von Humboldt Naturwissenschaftlich betrachtet dreht sich die Erde mit jedem Jahr langsamer, da sie vom Mond durch Gravitation abgebremst wird: jeden Tag um ca. eine Millisekunde. Unserem Gefühl nach scheint sich die Welt aber tagtäglich zu beschleunigen. Nie zuvor waren Transportmittel, Kommunikationswege und Produktionsprozesse schneller und effizienter. Besonders die neuen Medien, allen voran das Smartphone, sind aus unserer heutigen Gesell schaft nicht mehr wegzudenken und Bestandteil unserer Lebenswelt geworden. Technische Errungenschaften erleichtern viele Dinge im Alltag, sei es weite Strecken per Auto oder Flugzeug zurückzulegen, die Kommunikation per Email oder Telefon oder der ständige Zugriff auf eine Fülle an Informationen im World Wide Web. Mit ihnen geht aber auch eine Beschleunigung des Lebenstempos einher, welche uns das Gefühl gibt, mit dem Leben stellenweise oder insgesamt nicht mehr mithalten zu können und unterlegen zu sein (Burnout und Erschöpfungsdepression). Um der Beschleunigung standhalten zu können, suchen wir nach Momenten der Ruhe und Erholung. Diese Bemühungen werden unter dem Begriff Entschleunigung zusammengefasst. Obwohl statistisch gesehen aufgrund der längeren Lebenszeit und der kürzeren Arbeitszeiten noch nie so viel freie Zeit für jeden Einzelnen zur Verfügung stand wie heute, taucht immer wieder die Frage auf, warum dennoch für vieles die Zeit zu fehlen scheint.189 Die Antwort ist 188 Seel, Martin (2000), S. 171. 189 Siehe: Coen, Amrai; Stephan, Björn (2017): Zeit: „Uhren sind moderne Diktatoren“. Nie hatten die Menschen so viel Zeit. Nie fühlten sie sich so gehetzt. Wie kann das sein? Ein Gespräch mit dem Zeitforscher Karlheinz Geißler. Zeit-online. 65 laut des Wirtschaftspädagogen Karlheinz A. Geissler simpel aber paradox: „Der Mensch hat nicht zu wenig Zeit, er hat nur zu viel zu tun.“190 Die Zeitforschung, die in den Fachgebieten der Sozialwissenschaften, der Wirtschaftswissenschaften und der Philosophie angesiedelt ist, hat in den letzten Jahren an Beachtung gewonnen, da die Welt im Zuge der Medialisierung schnelllebiger wird und dies eine höhere individuelle, bzw. gesellschaftliche Belastung bedeutet. Das vorliegende Kapitel schlüsselt zunächst das elementare Begriffspaar Beschleunigung und Entschleunigung aus soziologischer, wirtschaftspädagogischer und philosophischer Sicht auf. Wie schon am einleitenden Zitat deutlich wird, zeigt die Arbeit auf, dass der heutige Zeitbegriff sozial konstruiert ist und ein ökonomisches Gut darstellt. Am Ende des Kapitels wird die Thematik im Kontext ästhetischer Erfahrungen diskutiert. 3.2.1 Beschleunigung Beschleunigung bedeutet im physikalischen Sinne die Änderung einer Bewegung. Das heißt, die Zunahme an Geschwindigkeit, aber auch die Abnahme, beispielsweise ein Bremsvorgang. Soziologisch gesehen steht der Begriff für die individuell empfundene Beschleunigung des Alltags, des eigenen Lebens. Die Aussage, das ganze Leben sei hektischer geworden, trifft aber so nicht vollends zu, da nicht alle Lebensbereiche beschleunigt sind oder beschleunigt werden können, wie Hartmut Rosa zu Bedenken gibt. Wie etwa der Verkehrsstau, der, im Gegenteil, eher zunimmt und somit stärker verlangsamt. Unsere Wahrnehmung von Zeit und die Einteilung eben dieser durch die Ausrichtung nach Umlaufbahn und Sonnenstand erscheint unveränderlich. Da sich also nur bestimmte Bereiche des Lebens beschleunigen, hat Rosa eine systematische Einteilung vorgenommen. Die technische Beschleunigung, die Beschleunigung des sozialen Wandels und zuletzt die Beschleunigung des Lebenstempos.191 Die technische Beschleunigung betrifft alle Geräte und Maschinen, sei es für Kommunikation, Transport oder jegliche Art von Prozessen. Ziel ist es immer, die Dauer eines Vorgangs zu minimieren. Laut Geissler hat sich die Geschwindigkeit der Kommunikation im 20. Jahrhundert mit einem Faktor von 107, die der Datenverarbeitung mit einem Faktor von 106 und die Reisegeschwindigkeit mit einem Faktor von 102 gesteigert.192 Damit verändert sich die Raum-Zeit-Wahrnehmung. Weite Strecken sind binnen kürzester Zeit überwindbar. Viele dieser technischen Entwicklungen haben ihren Ursprung in der Architektur und Wirtschaft, in den Medien und in der Rüstungsindustrie193. Diese halten erst nachträglich durch Weiterentwicklung und Variation Einzug in die Privathaushalte. Die technische Beschleunigung 190 Zitat Karlheinz A. Geißler. In: Scherf, Martina: „Pünktlichkeit ist eine überflüssige Erfindung“. Hg. v. Süddeutsche. de. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/muenchen/zeitforscher-puenktlichkeit-ist-eine-ueberfluessige-erfindung-1.3434281, zuletzt geprüft am 06.06.2017. 191 Rosa, Hartmut (2013), S. 18 f. 192 Geißler, Karlheinz A. (1999): Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit. Freiburg im Breisgau: Herder (Herder-Spektrum), S. 89. 193 Paul Virilio sieht im Krieg einen Hauptfaktor für technische Entwicklungen, die unter anderem der Beschleunigung dienen, da Krieg die Forschung nach neuen logistischen Möglichkeiten auslöst. Die genaue Auffassung von der Geschwindigkeit auf die Kultur und Gesellschaft erklärt Virilio in seiner Lehre Dromologie. Nachzulesen in: Virilio, Paul (2015): Rasender Stillstand. Essay. Ungek. Ausg., 5. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl (Fischer-Taschenbücher Kultur & Medien). 66 müsste deshalb in der Theorie zu einem Zuwachs an freier Zeit führen und dem gefühlten Zeitdruck entgegenwirken. Die Beschleunigung des sozialen Wandels geht mit in immer kürzeren Abständen veränderten Normen und Werten einher. Dazu gehören Lebenskonzepte, Mode-(Erscheinungen), Gruppen, soziale Kontakte und Trends, die immer kurzweiliger werden. Auch in den Bereichen Musik und bildende Kunst findet ein schnellerer Wandel statt. Die Genres werden immer vielfältiger und haben nie zuvor eine so kurze Halbwertszeit besessen wie zur heutigen Zeit. Wie Musik oder Kunst empfunden werden, hängt zudem maßgeblich von vielen Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozialer Rolle, Beruf, Bildung, Persönlichkeit, Erfahrungen etc. sowie unseren eigenen Präferenzen ab. Diese sind dynamisch zu sehen und können sich im Laufe eines Lebens stark verändern.194 In der Film- und Fernsehindustrie werden wir auf künstlerische Art und Weise mit Beschleunigung und Verlangsamung konfrontiert (Beispielsweise die Bullet Time195) und unbewusst daran erinnert, dass Zeit ein wichtiges Element unseres Lebens und unserer Gesellschaft darstellt.196 Die Beschleunigung des Lebenstempos bezieht sich auf die Einteilung der eigenen Zeitressourcen und steht im Gegensatz zu den anderen beiden von Rosa definierten Beschleunigungen. Obwohl die technische Beschleunigung mit immer schnelleren und effektiveren Gerätschaften Zeit freisetzt, stehen viele Menschen unter Zeitdruck und klagen über eine Zeitknappheit.197 Rosa erklärt diesen Umstand damit, dass die Zahl an Handlungen innerhalb einer Zeitspanne zugenommen hat. Wurden früher handschriftliche Briefe verfasst, wird heute in der gleichen Zeit ein Vielfaches mehr an E-Mails verschickt. Die eigentliche Zeitersparnis wird dadurch aufgehoben. „Diese Art der Beschleunigung läßt sich definieren als Steigerung der Zahl an Handlungs‑ und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit und ist als solche die Folge eines Wunsches oder gefühlten Bedürfnisses, mehr in weniger Zeit zu tun.“198 Dieses Bedürfnis wird durch einen gesellschaftlichen Zwang ausgelöst, der suggeriert, an der Beschleunigung teilzunehmen, da wir andernfalls das Gefühl haben, vieles im Leben zu verpassen. 3.2.2 Entstehung einer beschleunigten Gesellschaft Um die Theorie der Beschleunigung noch besser verstehen zu können und diese mit dem Thema dieser Forschungsarbeit in Einklang zu bringen, soll zunächst nach dem Ursprung der Beschleunigung gefragt werden, die die moderne Gesellschaft im Klammergriff zu haben scheint. Damit wir überhaupt Zeitdruck empfinden können, muss es eine Maßeinheit geben, mit der sich Zeit und Zeitabstände messen lassen. Andernfalls spräche man höchstens von verpassten 194 Hier sind beispielsweise die Artotheken zu nennen: Kunstwerke müssen nicht mehr gekauft werden, sondern können, ähnlich wie in einer Bibliothek, je nach wechselndem Geschmack ausgeliehen, zurückgegeben und gegen ein neues eingetauscht werden. 195 Bullet Time (eng. Projektil und Zeit) ist ein Spezialeffekt, bei dem eine verlangsamte oder zum Stillstand gekommene Szene aus mehreren Blickwinkeln gefilmt und erst später wieder auf die normale Geschwindigkeit beschleunigt wird. 196 Vgl. Heinze, Rüdiger (2015): Bullet Time – Sieben Thesen zu Verlangsamung und Beschleunigung im Film. In: Jan Röhnert (Hg.): Technische Beschleunigung – ästhetische Verlangsamung? Mobile Inszenierung in Literatur, Film, Musik, Alltag und Politik. Köln: Böhlau Verlag, S. 29–36. 197 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 28 und Geißler, Karlheinz A. (1999), S. 92. 198 Rosa, Hartmut (2013), S. 27. 67 Gelegenheiten oder Momenten und nicht von versäumten Zeitpunkten: „Mit Zeitpunkten konstruieren wir zeitliche Abfolgen und Verläufe. So etwa den jeweiligen Stand und den Gang der Zeiger an der Uhr.“199 Als die Gesellschaft noch hauptsächlich von der Agrarwirtschaft lebte, bedurfte es keiner Uhr, denn jedes Volk war in der Lage, Zeitabstände zu ordnen. Der Alltag und der Rhythmus des Lebens richteten sich nach dem Tages- und Nachtrhythmus und der Naturzeit, die von Jahreszeiten und Wetterlagen bestimmt ist.200 Die Uhr und die damit einhergehende Einteilung in 24 Stunden als bestimmende Maßeinheit ist seit ca. 500 Jahren für die Gesellschaft relevant, zunehmend jedoch ab dem 19. Jahrhundert. Uhren und Terminkalender helfen, das abstrakte Phänomen der Zeit zu messen. Den innewohnenden Charakter der Zeit selbst zu ergründen gelingt dadurch aber nicht.201 Die Zeit bekommt damit etwas Abstraktes, da sich die Gesellschaft verstärkt nach der Uhrzeit richtet und nicht nach dem natürlichen Tagesrhythmus. Technologische Erfindungen wie die Glühlampe im 19. Jahrhundert, die ein Arbeiten während der Nacht ermöglicht, unterstützen diese Entwicklung.202 Zeitabstände und Tage lassen sich mit der Uhr anders – und im Sinne des Kapitalismus besser – strukturieren, koordinieren und organisieren, führten in der Vergangenheit aber zu einer Loslösung von der Natur: „Die abstrakte Zeit der Uhr bildete das monopolistische Ordnungsprinzip, das sich als so erfolgreich erwiesen hat, dass schließlich vergessen wurde, dass die Uhrzeit‑Ordnung nicht etwas Naturgegebenes ist, sondern ‚nur‘ eine real gewordene menschliche Vor‑ stellung, die auch ganz anders hätte aussehen können.“203 Das bedeutet, dass ab diesem Augenblick die Zeit losgelöst ist von natürlichen Zeitmarken und von der Gesellschaft sozial konstruiert wird. Dieser Einschnitt führt zu einem Umbruch in der Gesellschaft, wie Geissler konstatiert: „Weder die Stunde, noch die Minute oder die Sekunde kommen als Zeiteinheiten in der natürlichen Umwelt vor. Sie führten zu völlig neuen Denk‑ und Handlungsmöglich‑ keiten, die schließlich die unkalkulierbaren Dynamiken der Natur (zumindest teilweise) beherrschbar machten. Der Preis dafür war eine immer größer werdende Entfremdung von Naturprozessen.“204 Aus heutiger Sicht ist die Uhr nicht mehr aus der Gesellschaft wegzudenken, da sie im Alltag derart präsent und verfügbar ist und nahezu alle Prozesse auf sie abgestimmt werden. Der effektive und ökonomische Umgang lädt die Zeit mit Inhalt auf und macht sie dadurch wertvoll. Aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht wurde Zeit mit Geld gleichgesetzt und damit 199 Geißler, Karlheinz A. (2005): Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort. Unsere Suche nach dem pausenlosen Glück. 3. Aufl. Freiburg im Breisgau: Herder, S. 26. 200 Goebel, Anne (2011): „Ein Antreiber, der keine Pausen zulässt“. Zeitforscher Karlheinz Geißler über das Diktat der Uhren, die Umstellung auf die Winterzeit und die Wichtigkeit von Erholungspausen. Hg. v. Süddeutsche.de. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/muenchen/landkreismuenchen/am-sonntag-ist-zeitumstellung-ein-antreiber-der-keine-pausen-zulaesst-1.1017806, zuletzt geprüft am 06.06.2017. 201 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 26 f. 202 In diesem Zusammenhang führt auch die 1980 eingeführte Sommerzeit sowohl im März als auch im Oktober regelmäßig zu kontroversen Diskussionen über die Notwendigkeit dieser Maßnahme. Das ausschlaggebende Argument der Energieersparnis führt aus heutiger Sicht nahezu ins Leere, da nur noch die wenigsten Prozesse auf wirkliches Tageslicht angewiesen sind. 203 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 52. 204 Ebd., S. 75. 68 zum wichtigsten Instrument der Fremd- und Selbstkontrolle.205 Hier lässt sich ein Argument für die empfundene Zeitknappheit erkennen: Die Zeit als wertvolles und handelbares Gut, sowohl für das Individuum als auch für die Wirtschaft, führt zu einem fragilen Umgang mit ihr, denn kostbare Dinge – und dazu gehört die Zeit – werden mit Vorsicht behandelt, dürfen nicht verschwendet werden und der Verwendungszweck soll gut überlegt sein. Diese Überbewertung der Zeit führt zu einem Zeitdruck: Leere Zeiten, wie Geissler sie nennt, sollen nicht vorkommen, sondern ökonomisch genutzt werden.206 Der wirtschaftliche Faktor ist ein weiterer Grund für die gefühlte Zeitnot. Der wirtschaftliche Wettbewerb als nicht-personale Entität mit eigener Logik treibt die Gesellschaft an, effektiver und ökonomischer zu arbeiten. Schon Karl Marx hat der Zeit aus kapitalistischer Sicht einen Wert zugesprochen, den der Arbeitszeit: „Die Zeit, während deren der Arbeiter arbeitet, ist die Zeit, während deren der Kapitalist die von ihm gekaufte Arbeitskraft konsumiert. Konsu‑ miert der Arbeiter seine verfügbare Zeit für sich selbst, so bestiehlt er den Kapitalisten.“207 Schnelligkeit ist wesentlich für ein Unternehmen. Maschinenlaufzeiten, Betriebs- und Bereitschaftszeiten sowie Öffnungszeiten wurden allmählich erhöht. Die intensive Verdichtung von Arbeitszeit verändert unseren Lebensrhythmus entscheidend. Dabei erhöht sich nicht nur die Produktion. Mit größeren Gewinnen und einer schneller ablaufenden Kapitalzirkulation erhöhen sich auch der Mehrwert und der Konsum.208 Ein höherer Konsum erfordert aber eine erhöhte Produktion, die direkte Auswirkungen auf die Arbeitsleistung jedes einzeln hat. Ein sich verstärkender Kreislauf. Multitasking gilt daher als neues Zauberwort für die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, bzw. erledigen zu wollen, und zieht sich durch alle Lebensbereiche und Berufsschichten. Aus wirtschaftlichen Gründen gesehen ist Multitasking das Ergebnis eines langen Prozesses, da Beschleunigung, gepaart mit einer effektiven Zeitersparnis, automatisch in Wettbewerbsvorteilen mündet.209 Gleichzeitig verlieren Arbeitsplätze an Stabilität. Schon den jungen Erwachsenen wird zu Beginn ihrer Berufslaufbahn eine Flexibilität angeraten, um im Wettbewerb bestehen zu können. Umzüge oder lange Anfahrtswege sind die Konsequenzen daraus und bessere Autos und Verkehrsanbindungen machen dies erst möglich. Ebenso sind häufigere Arbeitsplatzwechsel zu verzeichnen. Nur wenige arbeiten noch an ihrem ersten Arbeitsplatz und in ihrem ursprünglich erlernten Beruf. Geissler stellt außerdem eine Häufung von Zeitverträgen fest.210 Festhalten lässt sich die Tatsache, dass die Zeit, abgekoppelt von dem natürlichen Rhythmus der Natur, zu einer abstrakten und wertvollen Maßeinheit wurde. Der Wirtschaftssoziologe Karl Polanyi beschreibt in seinem Werk The Great Transformation (1944) die Tatsache, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts Land, Arbeit und Geld wie gewöhnliche Rohstoffe behandelt wurden und menschliche Arbeit demzufolge als Ware angesehen und mit einem Wert belegt werden konnte. Der Markt mit Angebot und Nachfrage wurde zunehmend autark und löste sich von einer staatlichen Regulierung. Dies widerstrebte sowohl Polanyi als auch 205 Vgl. ebd., S. 65 f. 206 Vgl. ebd., S. 97. 207 Marx, Karl (2011): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Ungekürzte Ausgabe nach der zweiten Auflage „Das Kapitel“ von 1872. Hamburg: Nikol, S. 230. 208 Vgl. Marx, Karl (2011), S. 520 und Rosa, Hartmut (2013), S. 35. 209 Rosa, Hartmut (2013), S. 29 und 35. 210 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 39. 69 Marx.211 Für Polanyi sind Land, Arbeit und Geld virtuelle Ressourcen, die mit der sozialen Lebenswelt tief verwurzelt sind. Die Autonomisierung und Loslösung eben dieser führt zu „Laster, Perversion, Kriminalität, Hunger“212 und einer Demoralisierung. Denkt man Polanyis Ansatz weiter, dann ist Zeit ebenso ein Bestandteil virtueller Ressourcen, die „in den Bereich des allumspannenden Lebens [gehören], aber nicht auf das Feld partikulärer Märkte und handelbarer Güter“213, da sie, wie oben bereits dargelegt, sozial konstruiert ist. In der heutigen Gesellschaft bedeutet Zeit aber Kapital. In Verbindung mit wirtschaftlichen Faktoren und technischen Errungenschaften mündet dies in einer Beschleunigung: „Soziale Beschleu‑ nigung im allgemeinen [sic!] und technische Beschleunigung im besonderen [sic!] sind daher eine logische Folge aus einem wettbewerbsorientierten kapitalistischen Marktsystem.“214 Rosa spricht daher folgerichtig von einem Beschleunigungszeitalter,215 Virilio gar von einem Rasenden Stillstand.216 Nach jahrtausendelanger Beschleunigung führt der Prozess zu einem Stillstand. Die Gesellschaft ist an einem Punkt der Beschleunigung angekommen, an dem es keine neuen Energien oder Visionen gibt und das verhärtete Muster von Wachstum, Beschleunigung und Wettbewerb keine Veränderungen mehr zulassen.217 Ebenso sind Merkmale einer sich in der Auflösung befindenden Zeit sichtbar. Individuelle Zeiteinteilungen werden immer deutlicher und stellen eine gegenläufige Tendenz zur Allmacht der Uhr dar. So existieren Gleitzeiten im Beruf, Projektarbeit im Kontrast zur Stempeluhr und die Möglichkeit des Homeoffice. Medien wie Film und Musik sind jederzeit abrufbar und von individuellen Präferenzen geprägt.218 Das Internet kennt ohnehin keine Zeitgrenzen oder -ordnungen. Geissler spricht von einem Nonstop‑Prinzip219, und resümiert einen Bedeutungsverlust der Uhr, die „ihre Zukunft heute hinter sich [hat].“220 Auch wenn er ihr nach wie vor einen Platz in der Gesellschaft einräumt, darf diese Ansicht kritisch betrachtet werden, da die Uhrzeit nach wie vor und trotz der zuvor genannten Auflösungsmuster als strukturgebendes Element im Kapitalismus und im Leben jedes Einzelnen verankert ist. Allenfalls ist ihr Stellenwert etwas niedriger anzusiedeln aufgrund eines flexibleren Umgangs. 3.2.3 Der subjektive Umgang mit Beschleunigung Der subjektive Umgang mit Zeit und die eigene Lebenseinstellung dazu sind von der Gesellschaft geprägt, da wir uns ihren Strukturen nicht entziehen können. Die drei Beschleunigungen, die Rosa definiert, hängen zusammen und bedingen sich gegenseitig. Die technische Beschleu- 211 Vgl. Hank, Rainer (2014): Karl Polanyi. Der entfesselte Kapitalismus. Hg. v. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Online verfügbar unter http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-weltverbesserer/ karl-polanyi-der-entfesselte-kapitalismus-13113650.html, zuletzt geprüft am 08.02.2018. 212 Polanyi, zit. nach: Hank, Rainer (2014). 213 Ebd. 214 Rosa, Hartmut (2013), S. 35. 215 Vgl. ebd., S. 33. 216 Virilio beschreibt in seinem Werk Rasender Stillstand, wie die Menschen in eine Lethargie verharren, quasi zum Stillstand kommen, und die leiblichen und sinnlichen Bereiche aufgegeben werden und durch mediale und maschinelle Bereiche ersetzt werden. Nachzulesen in: Virilio, Paul (2015). 217 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 53. 218 Online-Dienste, Video-on-Demand oder Online-Streaming Dienste wie Netflix, Amazon-Prime, Spotify etc. bieten an, Filme oder Musik jederzeit zu streamen oder direkt herunterzuladen. 219 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 100. 220 Ebd., S. 45. 70 nigung, hervorgegangen aus dem Umstand, mehr in kürzerer Zeit zu produzieren, bringt eine Beschleunigung des sozialen Wandels mit sich, da die technischen Errungenschaften große Veränderungen in der Kommunikation, im Sozialsystem und in der Wirtschaft bewirkt haben. Dadurch ändert sich jedoch die Beschleunigung unseres eigenen Lebens.221 Die Zeit ist nicht beherrschbar, egal mit welchen Mitteln wir dies versuchen. Geissler empfiehlt daher einen richtigen Umgang mit ihr, da man „nur mehr oder weniger sinnvoll auf sie reagieren“222 kann. Trotz dieses Wissens hat sich unser Lebensstil weit entfernt von einem natürlichen Rhythmus zu einem sozial konstruierten: Schichtarbeit, Überstunden sowie Nacht- oder Bereitschaftsdienste. „Längst stellt der natürlich‑kosmische Rhythmus von Tag und Nacht keine maßge‑ bende Richtschnur mehr für das individuelle und das soziale Verhalten dar.“223 Lebensweise und Gestaltung des eigenen Alltags sind einem Wandel unterworfen, bedingt durch die neuen Medien. Einkäufe, Transaktionen und Benachrichtigungen können von zu Hause aus erledigt werden. Ebenso ist die Interaktion mit anderen möglich, ohne sich real mit ihnen treffen zu müssen.224 Das Smartphone kann als Diktum gelten für eine Gesellschaft, in der viele ihren Tagesablauf nach eben diesem strukturieren. Aus Angst und sozialem Druck, etwas zu verpassen, werden Nachrichten und E-Mails möglichst zeitnah gelesen. Dies gilt für private genauso wie für dienstliche Zwecke. Letzteres sorgt laut einer Studie der Universität Freiburg besonders am Wochenende für Stress und eine erhöhte Belastung.225 Dass die Medizin den Begriff Nomophobie für die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein, eingeführt hat, spricht für sich.226 Hinzu kommt die Anziehung, die einige Geräte bestimmter Marken auf die Benutzer ausüben. Für diese Gruppe scheint es noch schwieriger, sich von digitalen Medien loszulösen und der Beschleunigung entgegenzuwirken.227 Virilio sieht darin eine Verlagerung von der realen in eine virtuelle Welt und beschreibt eine düstere Dystopie, in der der Mensch, „(…) dieser Teleakteur, der sich nicht mehr in irgendein physisches Fortbewegungsmittel werfen wird, sondern einzig und allein in einen anderen Körper, einen optischen Köper, um weiter zu gehen, ohne sich zu bewegen, um mit anderen Augen zu sehen, mit anderen als seinen Händen zu berühren, um dort zu sein, ohne wirklich da zu sein, sich selbst fremd, Überläufer aus seinem eigenen Körper, für immer verbannt.“228 221 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 44 f. 222 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 15. 223 Ebd., S. 100. 224 Hier sind vor allem Soziale Netzwerke oder die sog. Dating Portale zu erwähnen, die einen Erstkontakt allein durch digitale Medien ermöglichen und dadurch Kommunikation, soziale Beziehungen etc. stark beeinflussen und verändern. 225 Siehe: Schareika, Nora (2018): Jederzeit erreichbar: So können Chefs den Stress ihrer Mitarbeiter reduzieren. Online verfügbar unter http://www.wiwo.de/erfolg/beruf/jederzeit-erreichbar-so-koennen-chefs-den-stress-ihrer-mitarbeiter-reduzieren/20866932.html, zuletzt geprüft am 26.01.2018. 226 Brüderlin, Markus; Böhme, Hartmut (Hg.) (2011): Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei ; [Kunstmuseum Wolfsburg, 12.11.2011–09.04.2012]. Kunstmuseum Wolfsburg; Ausstellung Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei. Ostfildern: Hatje Cantz, S. 15. 227 Rahel Ziethen spricht bei Apple-Nutzern sogar von wahrer Liebe, da Studien ergeben haben, dass diese auf ihr Gerät mit bestimmten Aktivitäten in Hirnarealen reagieren, die auch aktiv sind, wenn die Nutzer ihre Partner, Freunde, Familie oder das eigen Haustier sehen. Nachzulesen in: Ziethen, Rahel (2015): Glaube, Hoffnung, Apple … Über die Ästhetisierung der Technik und die Bereitschaft, seinen Computer zu lieben. In: Jan Röhnert (Hg.): Technische Beschleunigung – ästhetische Verlangsamung? Mobile Inszenierung in Literatur, Film, Musik, Alltag und Politik. Köln: Böhlau Verlag, S. 101–121. 228 Virilio, Paul (2015), S. 150. 71 Diese 1990 formulierte Metapher ist schon älter, aus heutiger Sicht und im Kontext digitaler Medien aber sehr treffend, wenn auch stark überzeichnet. Viele technische und digitale Geräte erzeugen genau dies: Eine Virtualität, die vieles im realen Leben ersetzen oder zumindest ergänzen kann – genauso wie den Raum (Siehe Kapitel 3.3). Während einer Ergänzung aber noch etwas Positives abgerungen werden kann, ist der virtuelle Ersatz problematischer, weil er das Subjekt um selbstgemachte Erfahrungen bringt. Fakt ist, dass sich der Fokus der Aufmerksamkeit unserer modernen Gesellschaft in Richtung dieses Lebens verschoben hat. Konzentrierten sich frühere Generationen auf ein Leben oder Dasein nach dem Tod, gilt es nun, das Hier und Jetzt möglichst intensiv zu erleben, zuzüglich aller verfügbaren Optionen, die bereitstehen. Ein erfülltes Leben ist für die meisten ein Leben mit verschiedenen Erfahrungen und Erlebnissen. Um diese Erfahrungen innerhalb der eigenen Lebensspanne unterbringen zu können, muss sich der Rhythmus des Lebens beschleunigen, damit möglichst viele Optionen ausgeschöpft werden können.229 Die Optionen, die sich für jeden von uns im Zuge der technischen und gesellschaftlichen Beschleunigung ergeben, übersteigen jedoch stets die Zahl derer, die tatsächlich realisiert werden können. Rosa konstatiert: „Die wahrgenommene Weltzeit und die Lebenszeit, also die individuelle Lebensspanne, fallen für Individuen in der modernen Welt auf dramatische Weise auseinander.“230 Ein Weg, diesem Problem zu begegnen, besteht in der Beschleunigung des eigenen Lebens. „Wer doppelt so schnell lebt, wer nur die Hälfte der Zeit benötigt, um eine Handlung auszuführen, ein Ziel zu erreichen oder eine Erfahrung zu machen, kann die Summe von Erfahrungen und damit des eigenen Lebens in einer Lebensspanne verdoppeln.“231 Es entsteht ein Gefühl des Hinterherhinkens und des Nicht‑Nachkom mens. Denn, so sehr wir uns bemühen, niemals werden wir alle Optionen ausschöpfen können. Zygmunt Bauman bringt es in seinem Werk Flüchtige Modernde kurz und knapp auf den Punkt: „Ich war am Start, aber das Ziel werde ich nicht erreichen.“232 Alle Errungenschaften, die helfen, Prozesse zu beschleunigen, sorgen gleichzeitig für neue Optionen, die einem offenstehen. Bewusste Pausen und Ruhezeiten werden nur noch selten gemacht und verlangen im gleichen Atemzug eine Rechtfertigung. Dieser Zustand ist ungesund und kann auf Dauer nicht aufrecht erhalten werden.233 Zudem ist unsere Aufmerksamkeit immer stärker gegenwartsbezogen. Das Tempo der Gesellschaft hinterlässt den faden Beigeschmack des Bestandlosen: Nichts ist von Dauer, alles ist in ständiger Bewegung und „die Zukunft infolgedessen offen, ungewiß und nicht mehr aus Vergangenheit und Gegenwart heraus ableitbar.“234 Dabei sind wir, wie u. a. Rosa und 229 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 40. 230 Ebd., S. 40. 231 Ebd., S. 40. 232 Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Unter Mitarbeit von Reinhard Kreissl. Deutsche Erstausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2447), S. 89. 233 Geißler betont die Wichtigkeit von Ruhezeiten für jedes Lebewesen: „Dass Menschen rhythmisch gesteuert sind, dass sie nicht ohne Rücksicht auf ihre biologische Ausstattung existieren können, ist eine allseits bekannte Tatsache. Dazu zählt auch die Einsicht, dass Lebewesen, im Gegensatz zum sozialen System ‚Ökonomie‘, nicht nonstop aktiv sein können, und dass sie, wollen sie ihre Gesundheit nicht entscheidend gefährden oder als ‚Schwachstelle‘ ihr Dasein im voll vernetzten elektronischen System führen, auf einen lebendigen Rhythmus von Aktivität und Ruhe angewiesen sind.“ In: Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 109 f. 234 Rosa, Hartmut (1999): Bewegung und Beharrung: Überlegungen zu einer sozialen Theorie der Beschleunigung. In: Leviathan Zeitschrift für Sozialwissenschaft 1999, S. 386–414, S. 386. 72 Geissler betonen, keine Opfer der Beschleunigung. Im Gegenteil, wir gestalten sie aktiv mit. Wir nutzen vormals noch nicht angetastete Zeitressourcen zur Steigerung der Erlebnis-, Unterhaltungs-, Konsum- und Einkommensmöglichkeiten.235 Gleichzeitig eignen wir uns jeden Tag neue Fähigkeiten an, stellen uns auf Neues ein und reagieren im Alltag und Beruf flexibel, um mit einer sich beschleunigenden Gesellschaft Schritt halten zu können, dabei aber gleichzeitig ablaufende Prozesse schnell, effektiv und ökonomisch zu erledigen (siehe Kapitel 3.2.2). Für Norbert Elias ist dies das Resultat von Konkurrenz, ein Grundzug jeder Gesellschaftsordnung. „Eine Konkurrenzsituation stellt sich überall her, wo sich mehrere Menschen um dieselben Chancen bemühen, wo mehr Nachfragende vorhanden sind, als Chancen zur Befriedigung der Nachfrage (…).“236 In seinem Werk Über den Prozeß der Zivilisation zeichnet Elias nach, dass eine bloße Erhaltung des Status quo innerhalb einer Gesellschaft, in der eine freie Konkurrenz herrscht, immer auch eine Vergrößerung beinhaltet. „Wer hier nicht aufsteigt, bleibt zurück.“237 Ganz im Sinne des meritokratischen Prinzips bedarf es für Anerkennung und Wertschätzung in Beruf und Alltag einer stetigen Verbesserung der eigenen Leistung. „Im 21. Jahrhundert reicht es nicht mehr aus, im Konkurrenzkampf eine bestimmte, vordefinierte Position anzustreben und zu erreichen. (…) Die Triumphe von gestern zählen morgen wenig oder gar nichts mehr.“238 Die kapitalistische Leistungsgesellschaft schürt somit die individuell empfundene Zeitknappheit und geht kollektiv davon aus, dass wir an und für sich keine Zeit haben.239 Bei aller Beschleunigung und Zeitnot fehlt uns aber ein reflexives Moment für unser Tempo, da die Ausschöpfung vieler Optionen unbewusst geschieht: „Schnell sein, ohne zu bedenken, aus welchem Grund man schnell ist, möglichst vieles gleichzeitig tun, ohne einen Gedan‑ ken darauf zu verwenden, was da eigentlich vergleichzeitigt wird, das ist ein risikoreiches Spiel.“240 Die Illusion, viele Erfahrungen binnen kürzester Zeit zu machen, um ein Gefühl von Unendlichkeit zu erreichen, und somit der eigenen Sterblichkeit auszuweichen, wird auf vielen Ebenen unterstützt. Werbung, Trends und Lifestyle-Einstellungen suggerieren ein ewig junges und attraktives Leben. Nur allzu gerne nehmen viele dieses Wunschbild an. Der Tod wird ins Unbewusste verdrängt. Eckhard Fuhr sagt dazu treffend: „Was das Sterben angeht, drohen wir zu Analphabeten zu werden.“241 Die Endlichkeit unseres Daseins führt wiederum zu einem gewissen Zeitdruck: Jeder möchte so viel wie irgend möglich erreichen und erleben. Dadurch fühlen sich viele Menschen genötigt, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, besonders, wenn die technischen Geräte schon am Limit sind und eine Beschleunigung nur noch auf diese Weise erreichbar ist. Das Entscheidungstempo ist durch diesen Druck und die andauernde Acceleration erhöht: In kürzerer Zeit müssen immer mehr, zum Teil auch wichtige und wegweisende Entscheidungen 235 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 96. 236 Elias, Norbert (1976): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. zweiter Band: Wandlungen der Gesellschaft, Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. 1976. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 159), S. 206. 237 Ebd., S. 209. 238 Rosa, Hartmut (2013), S. 86 f. 239 Scherf, Martina (2017). 240 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 12. 241 Fuhr, Eckhard (2012): Sterblichkeit: Ohne den Tod wäre das Leben ein Horror – WELT. Online verfügbar unter https://www.welt.de/debatte/kommentare/article111467353/Ohne-den-Tod-waere-das-Leben-ein-Horror.html, zuletzt aktualisiert am 01.01.2012, zuletzt geprüft am 04.08.2017. 73 getroffen werden. Rosa sieht darin einen Grund, warum sich große Teile der Gesellschaft durch aussagekräftige Bilder stärker beeinflussen lassen als durch stichhaltige Argumente.242 Denn diese sind zu langsam. Bilder lassen sich schneller verbreiten und rezipieren und tragen durch ihre hohe Aussagekraft zu einer schnelleren Meinungsbildung als gut geführte Argumente bei.243 Die oben beschriebene Lebensweise trifft in Gänze niemals auf alle Menschen einer Gesellschaft zu. Dennoch lassen empirische Studien den Schluss auf eine zunehmende Erschöpfung des Einzelnen zu. Das Risiko für Burnout ist innerhalb der Gesellschaft signifikant gestiegen und die Zahl von Menschen mit Depressionen nimmt immer weiter zu.244 3.2.4 Ein Versuch der Entschleunigung Hinter dem Wort Entschleunigung – einem Neologismus – steht ein vielfältiger Themenbereich, dem in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Er beschreibt das Verhalten, der Beschleunigung in Beruf und Alltag aktiv entgegenzuwirken. Sind Wörter wie Verlangsamung oder Faulheit stark negativ belastet und wird Müßiggang eher mit Nichtstun assoziiert (der Duden schlägt es sogar als Synonym vor), kann sich der Begriff Entschleunigung von allen Konnotationen in diese Richtung freisprechen. Dieser Umstand ist dem Wert von Entschleunigung geschuldet, den der Begriff in heutigen Gesellschaften einnimmt. Erst durch die Reflexion über den beschleunigten Alltag rückt die Entschleunigung in das eigene Bewusstsein, die mit einem qualitativen Wert bemessen wird. Die Verlangsamung erfährt etwas Kostbares, etwas, das es gilt, herbeizuführen. Röhnert sagt, es sei ein „besonders wertvoller, gefährdeter und zugleich schützenswerter Modus sinnlichen Erlebens, [der] emphatisch wahrgenommen werden kann.“245 Entscheidend ist dabei die aktive Haltung des Subjektes, die im Begriff Entschleunigung mitschwingt. Es geht nicht darum, die Seele einfach baumeln zu lassen, sondern Strategien246, 242 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 81. 243 Aus diesem Argument heraus lässt sich auch der zweifelhafte Erfolg von Fake-News (falsche Nachrichten) begründen. Bilder und Schlagzeilen werden in sozialen Netzwerken schnell und oft im Vorbeigehen rezipiert ohne überprüft, durchdacht oder reflektiert zu werden. Dennoch neigen viele dazu, diese als Nachrichten getarnten Lügen zu glauben, bzw. zumindest nicht zu hinterfragen. 244 Mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich die Zahl von Patientinnen und Patienten mit depressiven Phasen, somatischen Beschwerden sowie Angststörungen und depressive Störungen in den letzten Jahren erhöht hat (die angeführten Untersuchungen wurden um die Jahrtausendwende erhoben). Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Studie von Elisabeth Summer aus dem Jahr 2007 kommt zu dem Schluss, „dass das Massenphänomen Depression ein Resultat der modernen Marktwirtschaft ist, wenn auch die Hypothesen über die Gründe dafür auseinandergehen.“ Summer, Elisabeth (2008): Macht die Gesellschaft depressiv? Alain Ehrenbergs Theorie des „erschöpften Selbst“ im Licht sozialwissenschaftlicher und therapeutischer Befunde. Zugl.: München, Univ., Diss., 2008. Bielefeld: transcript-Verl. (Reflexive Sozialpsychologie, 3), S. 223. Ehrenberg kommt zu einem ähnlichen Schluss. Nachzulesen in: Ehrenberg, Alain (2009): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. [3. Dr.]. Frankfurt am Main: Suhrkamp (suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1875). 245 Röhnert, Jan (2015): Mobilität in der ästhetischen Reflexion oder: Beschleunigung im Wahrnehmungsmodus der Verlangsamung. In: Jan Röhnert (Hg.): Technische Beschleunigung – ästhetische Verlangsamung? Mobile Inszenierung in Literatur, Film, Musik, Alltag und Politik. Köln: Böhlau Verlag, S.12. 246 Beispielsweise werden in Magazinen, Zeitungen und Onlineportalen Tipps, Ratschläge und Übungen genannt, wie mit der Hektik im Alltag umzugehen ist. Bspw: Hauschild, Jana (2013): Übungen gegen Stress: Beobachten, fühlen, entschleunigen – SPIEGEL ONLINE – Gesundheit. Online verfügbar unter http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/achtsamkeit-kleine-schritte-zur-entschleunigung-a-890285.html, zuletzt aktualisiert am 27.03.2013, zuletzt geprüft am 06.08.2017 sowie: Schnabel, Ulrich (2012): Pausen des Geistes: Die Wiederentdeckung der Muße. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/2010/01/Die-Wiederentdeckung-des-Nichtstuns, zuletzt aktualisiert am 09.02.2012, zuletzt geprüft am 06.08.2017. 74 Verhaltensmuster und Regeln zu entwickeln, die der persönlichen Beschleunigung Einhalt gebieten sollen. Dazu zählen zahlreiche Formen, die sich in den letzten Jahren in der Gesellschaft, beziehungsweise in Teilen der Gesellschaft durchgesetzt haben. So hat sich die Achtsamkeitspraxis247 in den letzten Jahren als Form der Entschleunigung etabliert (siehe Kapitel 7.1).248 Das Prinzip Simplify Your Life (Vereinfache dein Leben) von Werner Tiki Küstenmacher oder die Idee der Quality Time geben Ratschläge, das eigene Leben zu entschleunigen, zu entspannen und durch ein besseres Zeitmanagement und bessere Organisation mehr Zeit für sich und seine sozialen Kontakte (Familie, Partner, Freunde etc.) zu haben. Meditation, Yogakurse oder Ratgeberliteratur setzen sich zum Ziel, das eigene Leben zu entschleunigen.249 Darüber hinaus gibt es gesellschaftliche Organisationen und Gegenbewegungen zum Beschleunigungstrend wie Slow Food250, Slow Travel oder Cittàslow. Sie alle heben das bewusste Erleben hervor und gewinnen besonders in den letzten Jahren an Aufmerksamkeit. Zugleich werden eine Reihe bestimmter Produkte mit dem Verweis auf Herstellung nach herkömmlicher Art oder nach alter Tradition beworben. Hier wird bewusst auf neue technische Errungenschaften und die Möglichkeit einer schnelleren und effektiveren Herstellung verzichtet.251 Rosa verweist auch auf die natürlichen Geschwindigkeitsgrenzen: physische Prozesse wie Sinneswahrnehmung und Verarbeitungsmöglichkeiten des Gehirns, der Wechsel von Tag und Nacht oder das Nachwachsen natürlicher Rohstoffe.252 Während diese Wege eine aktive oder eine natürliche Entschleunigung aufzeigen, betont er zugleich die passive Entschleunigung durch Burnout, Depressionen, anderen Krankheiten oder Langzeitarbeits‑ losigkeit. Menschen werden durch diese Einschnitte im Leben entschleunigt, ob sie wollen oder nicht.253 Die passive Entschleunigung ist oft mit individuellen Nachteilen oder dem Ausschluss aus bestimmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen verbunden. Soziale Kontakte können abreißen und zur Isolation führen. Durch eine Arbeitsunfähigkeit (im Falle von Krankheit) oder bei einer bestehenden Arbeitslosigkeit sind finanzielle Folgen nicht auszuschließen, die eine Teilhabe am kulturellen Leben problematisch machen. Stärker noch als Rosa fordert Virilio dazu auf, der Beschleunigung Widerstand zu leisten. Für ihn sind besonders die digitalen Medien ein bedeutender Faktor für die anhaltende Beschleunigung, beispielsweise durch Radio, Internet oder Liveschaltungen im TV, die, für ein bewussteres Zeiterleben beschränkt werden müssen. „Es ist jede Haltung gerechtfertigt, die der Entschleunigung, der Verlangsamung, der Unterbrechung oder Stilllegung dient. Streiks, Blockaden oder Abbrüche von Live‑Schal‑ tungen sind denkbare Geschwindigkeitshemmer. Das Bewusstsein von Zeit kann nur durch die Freilegung und Visibilisierung der Unterbrechungen zurückgewonnen werden. Die 247 Achtsamkeit stellt eine besondere Form der Wahrnehmung dar. Unbewusste und routinierte Prozesse und Reaktionen sollen zu bewussten und authentischen Momenten werden. Der Mensch wird sich seines eigenen Handelns bewusst. 248 Neben der vielen Ratgeberliteratur zum Thema Achtsamkeit gibt es auch ein Ausmalbuch: Farrarons, Emma (2015): Das Achtsamkeits-Malbuch. Ein Anti-Stress-Vergnügen. München: Knaur MensSana Taschenbuch. 249 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 50 f. 250 Slow Food ist eine seit 1989 bestehende Organisation, die sich für bewusstes, genussvolles und regionales Essen einsetzt und eine Gegenbewegung zum weltweiten Fast Food ist. 251 Vgl. Rosa, Hartmut (2013), S. 48. 252 Vgl. ebd., S. 47. 253 Vgl. ebd., S. 48. 75 Beschleunigungsentwicklungen müssen so weit wie möglich gestoppt oder zumindest reduziert werden. Um der Bilderflut durch audiovisuelle Medien zu entgehen, sollen z.B. wieder eine Rückkehr zu Printmedien und eine Wiederbelebung des Schriftlichen stattfinden.“254 Trotz aller Maßnahmen und Versuche zeichnet sich für Rosa eine Schieflage von Be- und Entschleunigung ab: „Zwischen Beschleunigung und Entschleunigung existiert in modernen Gesellschaften eine offensichtliche strukturelle Asymmetrie, und aus diesem Grund kann die Modernisierung zu Recht als ein anhaltender Prozeß der sozialen Beschleunigung ver‑ standen werden.“255 In all der Literatur, die sich mit Beschleunigung und Verlangsamung beschäftigt, findet sich auf die Frage, wen überhaupt dieses Thema betrifft, nur Verallgemeinerungen wie wir, die Menschen, die Gesellschaft o.ä. Ausgeklammert wird dabei die Möglichkeit, dass sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen der Beschleunigung entziehen (damit sind nicht Naturvölker oder religiöse Gruppen gemeint, die die technischen Mittel entweder nicht haben oder diese ablehnen). Menschen, die zurückgezogen leben, in ländlichen Gebieten wohnen oder die Gruppe der älteren Menschen sind nicht grundsätzlich von Beschleunigung – zumindest nicht in dem Ausmaß – betroffen. Diese Bevölkerungsgruppen sind so stark verwurzelt mit ihrer Umgebung, dass sie nur indirekt die Auswirkungen von Beschleunigung verspüren. Offen bleibt die Frage, ob diese Schichten sich von dem Rest der Welt abgehängt fühlen, ob sie trotz allem belastet werden durch die zunehmende Acceleration oder ob sie in ihrem Rhythmus leben, der nur mit den Ausläufern von Beschleunigung zu kämpfen hat. 3.2.5 Be- und Entschleunigung im Kontext ästhetischer Erfahrungen Die gesellschaftliche und individuelle Beschleunigung sowie die Versuche der Entschleunigung und Verlangsamung haben Auswirkungen auf die Chance, ästhetische Erfahrungen im Alltag machen zu können. Die Beschleunigung des eigenen Lebens, die Verrichtung mehrerer Prozesse zur gleichen Zeit sowie die Verschmelzung von Arbeit und Privatem nehmen der Ästhetik den Raum und die Luft zum Atmen. Ein ästhetischer Umgang mit Objekten im Alltag ist so kaum möglich, da die Verflechtung vieler Tätigkeiten keine Konzentration auf einen Gegenstand zulässt. Ein ästhetischer Flow, im Sinne von Seel, kann nicht initiiert werden (siehe Kapitel 3.1.2). Zudem sind viele Prozesse medial unterstützt und lassen nur noch sekundäre Erfahrungen zu. TV, Internet, soziale Netzwerke, Smartphones etc. versetzen uns in die Lage, in Echtzeit mit anderen zu interagieren, an Abläufen zu partizipieren oder Prozesse zu beeinflussen. Dabei müssen wir gar nicht physisch anwesend sein. Virilio spricht von einem Audiovisuellen Vehikel.256 So können beispielsweise die neusten Virtual-Reality-Brillen einen virtuellen, dreidimensionalen Raum erschaffen, in denen sich der Nutzer oder die Nutzerin frei bewegen und interagieren kann. Tatsächlich bewegt man sich aber kaum. Das bedeutet, dass viele Erlebnisse nicht mehr primär erfahren werden, sondern sekundär mithilfe digitaler Medien. Man erlebt die Welt digital und nicht analog. Virilio sagt dazu: „Dem weit Ent‑ fernten viel näher als unseren unmittelbaren Nachbarn, lösen wir uns in zunehmendem Maße 254 Paul Virilio, zit. nach Yeh. In: Yeh, Sonja (2013), S. 200. 255 Rosa, Hartmut (2013), S. 58. 256 Vgl. Virilio, Paul (2015), S. 38. 76 von uns selbst.“257 Eine ähnliche Beobachtung macht auch Rosa: „Soziale und emotionale Nähe und Distanz korrelieren nicht länger mit räumlicher Distanz, so daß unser Nachbar uns vollkommen fremd sein kann, während unser intimster Partner womöglich am anderen Ende der Welt lebt.“258 Beide spielen auf Errungenschaften der neuen Technologien an, die es ermöglichen, mit weit entfernten Menschen zu interagieren und dabei aber Gefahr laufen, den eigenen Lebensraum vor Ort außer Acht zu lassen. Welsch fasst diese Entwicklungen unter dem Begriff Anästhe‑ tisierung zusammen und prognostiziert einen Wechsel zwischen der realen und der digitalen Welt: „Dabei werden sie [die Menschen] freilich zunehmend kontakt‑ und fühllos gegen‑ über der ehedem eigentlichen, ‚konkreten‘ Wirklichkeit, die inzwischen zur uneigentlichen, sekundären scheinhaft‑farblosen Realität herabgesunken ist.“259 Etwas verklärter drückt sich Geissler aus, wenn er sagt: „Wir entfernen uns durch unsere Gestaltung des Alltags und die Ausstattung unserer Nahwelten mit immer mehr Hochgeschwindigkeitsgeräten zunehmend von den schönen Zeiten, von den Idealen des guten Zeitlebens.“260 Mögen die Ideale dieses guten Zeitlebens nicht näher von Geissler beschrieben sein, kann dennoch davon ausgegangen werden, dass ein Ideal, welches nur grob für alle Individuen vereinheitlicht werden kann, dem hektischen und temporeichen Alltag gegenübersteht und ein ruhigeres Leben vorsieht. Der Verzicht auf Pausen, auf eine aktive Ruhe oder den Müßiggang ist für viele ein Dauerzustand geworden. Dazu gesellt sich ein Gefühl der Schuld wie Rosa resignierend bemerkt: „Letztendlich fühlen wir uns am Ende des Tages immer schuldig, weil wir die (sozialen) Erwartungen nicht erfüllt haben. Wir sind schlicht niemals in der Lage, unsere To‑do‑ Listen vollständig abzuarbeiten; ganz im Gegenteil: Der Abstand zum Boden scheint beinahe täglich größer zu werden.“261 Das Hetzen durch den Alltag lässt keinen Raum für einen neugierigen Blick, für ein Innehalten während einer Tätigkeit, für die Erfahrung des Augenblicks. Nicht das Nichtstun, sondern das bewusste Nichtstun ist aus dem Bewusstsein geraten. Ein reflexiver Umgang mit neuen Situationen, wie Schütz es fordert, findet keinen Platz. Die gemachten Erfahrungen sind somit entweder gar keine oder sie sind unzureichend (siehe Kapitel 3.1.3). Geissler schlussfolgert: „Die Entweder‑oder‑Logik des ‚zu spät‘ oder ‚zu früh‘, die uns die Zeiger der Uhr immerzu aufdrängen, hat sich nicht selten als ein Hindernis für Kreatives und In‑ novatorisches herausgestellt.“262 Demzufolge lässt sich die Behauptung aufstellen, dass in der heutigen Gesellschaft weniger ästhetische Erfahrungen gemacht werden, bzw. gemacht werden können, da die sozialen, kulturellen und politischen Bedingungen keine ausreichenden Möglichkeiten für Entschleunigung bieten. Der private Raum, der zunehmend mit beruflichen Tätigkeiten durchsetzt ist, löst sich immer stärker auf und fungiert nur noch bedingt als Refugium gegen Beschleunigung. 257 Ebd., S. 147. 258 Rosa, Hartmut (2013), S. 62. 259 Welsch, Wolfgang (2010), S. 16. 260 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 16. 261 Rosa, Hartmut (2013), S. 110. 262 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 74. 77 Die Korrelation von Zeit und Ästhetik bringt Seel auf den Punkt: „Es ist ein Grundzug aller ästhetischen Verhältnisse, daß wir uns in ihnen, wenn auch in ganz verschiedenen Rhythmen, Zeit für den Augenblick nehmen.“263 Wie wichtig aber die Zeit und der Raum für die Entschleunigung und Kontemplation sowie für die Möglichkeit der ästhetischen Erfahrung ist, soll im nächsten Kapitel näher erläutert werden. 3.3 Raumtheorie „Raum ist etwas Eingeräumtes; Raum ist das wesenhaft Eingeräumte.“ Martin Heidegger, 1951264 Ob architektonisch oder physikalisch: Räume sind nicht nur starre Strukturen, die als Ausdehnung in Höhe, Breite und Länge verstanden werden sollen. Räume sind relational. Erst durch Interaktion und Produktion entstehen Räumliche Identitäten.265 Begriffe wie Naturräume, soziale Räume und geografische Räume beschreiben nicht nur den bloßen Raum, sondern alle ablaufenden Prozesse und Handlungen, die in diesem und mit diesem stattfinden. Somit sind Räume immer einem Wandel unterlegen, der die Räume variiert, neu besetzt oder ihn ganz und gar in seiner Bedeutung auflöst. Ein Raum besitzt immer auch eine Grenze, da sich ein Raum durch Grenzen auszeichnet. Sobald ein Raum geschaffen, inszeniert wird, gibt es immer ein Außerhalb. Da vermutet wird, dass während des Ausmalprozesses ein Raum inszeniert wird, also ein Raum im Raum geschaffen wird, muss der Konstellation von Raum, Grenze und Entgrenzung innerhalb unserer Gesellschaft schrittweise nachgegangen werden. Der Raumbegriff selbst hat erst vermehrt seit der Jahrtausendwende in Diskursen verschiedener Fachrichtungen Verwendung gefunden und binnen kürzester Zeit eine Definitionsflut ausgelöst.266 Karina Pauls kam in ihrer Arbeit aus dem Jahr 2009 zu der nüchternen Erkenntnis: „Zahlreiche Untersuchungen und Ansätze zur Definition des Raumes machen die Komplexität der Fragestellung deutlich und es erscheint geradezu unmöglich, dem Begriff des Raumes in all seinen Facetten Rechnung zu tragen.“267 Dieses Kapitel möchte demzufolge gar nicht erst versuchen, eine Definition aufzustellen, sondern lediglich diese umfangreiche Thematik beleuchten, da sie wesentlich für diese Arbeit ist. 263 Seel, Martin (2000), S. 44. 264 Heidegger Martin, zit. nach Selle, Gert. In: Selle, Gert (2011): Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern. Berlin: Form + Zweck, S. 7. 265 Vgl. Massey, Doreen (2006): Keine Entlastung für das Lokale. In: Helmuth Berking und Ulrich Beck (Hg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Frankfurt/Main: Campus-Verl., S. 25. 266 Axel Gotthard sieht den Grund der späten Beschäftigung mit dem Raumbegriff in Deutschland vor allem im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, dessen Auswirkungen inbegriffen. Der Begriff Raum sei „nationalistisch vereinnahmt“ und wurde daher gemieden. Eine ähnliche Sichtweise hat Markus Schroer. Detailierter nachzulesen in: Gotthard, Axel (2005): Wohin führt uns der „Spatial turn“? Über mögliche Gründe, Chancen und Grenzen einer neuerdings diskutierten histographischen Wende. In: Wolfgang Wüst und Werner K. Blessing (Hg.): Mirko-Meso-Makro. Regionenforschung im Aufbruch. Erlangen (Arbeitspapier Nr. 8), S. 15–50, und: Schroer, Markus (2009): „Bringing space back in“ – Zur Relevanz des Raums als soziologischer Kategorie. In: Jörg Döring und Tristan Thielmann (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. 2., unveränd. Aufl. Bielefeld: transcript (Sozialtheorie), S. 125–148. 267 Pauls, Karina (2009): Erlebte Räume – im Alltag und in der Kunst. Rachel Whiteread und Gregor Schneider. 1. Aufl. Oberhausen: Athena-Verl (Artificium, 30), S. 15. 78 Als Einstieg bietet sich an, den Raum als solches zu beschreiben, vorzugsweise den privaten Raum – folglich das eigene Haus oder die eigene Wohnung – denn hier wird in erster Linie ausgemalt. Daran anschließend wird die Auflösung des Raumes in den Fokus genommen. „Die Entgrenzung von Raum und Zeit ist die herrschende Dynamik“268 und somit allumfassend. Sie zieht sich durch alle Lebensbereiche, die privaten und die öffentlichen, sowie durch alle Bildungsschichten und besitzt für diese Arbeit eine hohe Relevanz. Sie wirft die Frage auf, was der Raum mit den Menschen macht, wenn er noch da ist, sich seine Grenzen aber nicht mehr eindeutig abstecken lassen und darüber hinaus: Was macht die Entgrenzung mit den Menschen, die sich nach wie vor in ihrem Raum bewegen und an der allgemeinen Beschleunigung der Gesellschaft nicht teilnehmen? Das Kapitel endet mit einer ästhetischen Sichtweise. Raum und Ästhetik gehen Hand in Hand, nicht umsonst spricht Rolle von Er‑ fahrungsräumen.269 Da ästhetische Erfahrungen nur unter bestimmten Umständen evoziert werden können (siehe Kapitel 3.1), spielt die Umgebung eine tragende Rolle, die für die anschließende exemplarische Forschung ausgelotet werden soll. 3.3.1 Der private Raum Ein Raum trennt die äußere von der inneren Welt. Schon immer haben Menschen einen Unterschlupf gesucht, um sich vor den Widrigkeiten der Natur zu schützen.270 Sei es in Höhlen, Zelten, Hütten oder Häusern. „Generell ist Wohnen die Tag für Tag und Nacht für Nacht voll‑ zogene Tätigkeit eines jeden, ohne die menschliches Dasein in dieser Welt nicht vorstellbar wäre. Notfalls wohnen wir im Klinikbett oder unter freiem Himmel.“271 Früher aus reinem Überlebenswillen gebaut, zeugen heutige Wohnorte von einer gesellschaftlich geprägten Ästhetik und einer Individualisierung – einer persönlichen Note. Florian Kaiser stellt in seiner Forschung aber fest, dass menschliche Territorien funktional gesehen ähnlich denen der Tiere sind. Er bezieht sich dabei auf Nahrungs-, Schlaf- und Schutzfunktionen, bzw. die Abgrenzung des eigenen Territoriums von anderen.272 Noch vor 100 Jahren glich eine bürgerliche Wohnung einem Labyrinth. Obendrein war sie unzweckmäßig und dunkel, wie Selle es formuliert.273 Kleine Fenster und dunkle Vorhänge bestimmten den Raumeindruck. Im letzten Jahrhundert dominierten zudem Decken mit einer dunklen Holzverkleidung, die den Raum beengter wirken ließen. Die Wohnungen heute sind transparenter, heller und größer.274 Gleichzeitig wird individueller gewohnt: „Heute erscheinen die ‚Lebenslandschaften‘ des Wohnens gleichmäßig und zugleich 268 Selle, Gert (2011), S. 80. 269 Auch wenn Rolle von Erfahrungsräumen vor einem musikalischen Hintergrund ausgeht, ist der Umstand doch derselbe. Erst die Bereitstellung eines passenden Raumes, die entsprechende Inszenierung dieses Ortes, kann ästhetische Erfahrungen forcieren. Detailieter nachzulesen in: Rolle, Christian (1999). 270 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 6. 271 Ebd., S. 9. 272 Vgl. Kaiser, Florian G. (1993): Mobilität als Wohnproblem. Ortsbindung im Licht der emotionalen Regulation. Zugl.: Bern, Univ., Diss., 1992. Bern: Lang, S. 189. 273 Vgl. Selle, Gert (2002): Innen und Außen. Wohnen als Daseinsentwurf zwischen Einschließung und erzwungener Öffnung ; [erweiterte Fassung des Vortrags vom 18. Mai 2001]. Wien: Picus-Verl. (Wiener Vorlesungen im Rathaus, Bd. 83), S. 28. 274 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die staatlich vorgeschlagenen Standardwohnungs-größen um 50 % gestiegen. Siehe dazu: Walden, Rotraut (1993): Lebendiges Wohnen: Entwicklung psychologischer Leitlinien zur 79 hochgradig individuell ausdifferenziert.“275 Das Haus und die Wohnung sind Symbole eines subjektiven Lebensgefühls und Plattform für eine eigene Ästhetik. Hinzu kommen Funktionen wie Erziehung und Kommunikation.276 Zudem werden nach wie vor viel Zeit und Geld in den eigenen Wohnsitz investiert. Wohnkulturen setzen sich über politische und wirtschaftliche Krisen hinweg, denn gewohnt wird immer.277 Die grundlegende Funktion der Wohnung entzieht sich jeglichem Wandel. Allen Innovationen, Modernisierungen und Trends zum Trotz bleibt der Wohnbereich traditionell. Am Aufbau einer Wohnung hat sich ebenfalls wenig geändert. Mono- und heterofunktional differenzierte Räume stellen den westlichen Standard dar.278 Die aus dem Mittelalter und im Bürgertum weiterentwickelte Aufteilung von Küche, Kammer und Stube ist heute noch immer zu finden und die Trennung von öffentlichen Bereichen (Wohn- und Essbereich) und Privatem (das Schlafzimmer als intimster Ort) vollzieht sich nach wie vor, sei es bei Familien- oder Singlewohnungen, wie Selle anmerkt.279 Der Flur als Abtrennung der einzelnen Räume löst sich aber im Zuge eines offeneren Wohnens immer mehr auf. Die Räume werden dadurch größer und weisen eine weniger starke Trennung auf als noch vor wenigen Jahren. Zwischen Küche, Esszimmer oder Wohnzimmer befindet sich häufig nur eine Glastür oder ein Durchbruch. Fenster sind in der Regel größer als früher.280 Das Abschließen der eigenen Wohnung ist nach Selle eine Grundgeste des Wohnens und bis heute geblieben.281 In Bezug auf die Wohnung sind jedoch weitere Funktionen hinzugekommen: allen voran die Ausweitung des Büros. Es beherbergt digitale Medien wie Computer, Drucker, Fax und Telefon. Einige nutzen das eigene Büro als Homeoffice. Damit öffnet sich die private Wohnung dem öffentlichen und beruflichen Bereich. Zugleich soll der private Bereich aber privat bleiben.282 „Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts verlagern sich durch die Nutzung der Neuen Medien und den damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitsbedingungen (Homework) die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Räumen, Freizeit, Familienleben Arbeits‑ zeiten.“283 Nach wie vor hat der private Raum aber die Aufgabe, das Urbedürfnis des Menschen nach Geborgenheit zu erfüllen.284 Jede Wohnung, jeder Raum, jedes ausgesuchte Möbelstück, jede ausgesuchte Farbe und jedes platzierte Dekorationsobjekt sagen etwas über die Wohnenden aus. Über ihre Herkunft, ihren soziokulturellen Hintergrund, ihre Ziele, Sehnsüchte und Wünsche. Die Auswahl von Dekor, Möbeln, Pflanzen u. a. verraten, wie eine Wohnung genutzt wird.285 Nach Heidegger befinden sich alle Dinge und Gegenstände an einem bestimmten Ort im Wohnqualität. Aneignungshandlungen in Wohnumwelten aus der Sicht von Architekten, Bewohnerinnen und Bewohnern. Zugl.: Paderborn, Univ., Diss., 1992. Frankfurt am Main, Berlin: Lang (Europäische Hochschulschriften Reihe 6, Psychologie, 424), S. 21. 275 Selle, Gert (2002), S. 32. 276 Vgl. Walden, Rotraut (1993), S. 21. 277 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 11. 278 Vgl. Walden, Rotraut (1993), S. 21. 279 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 12 f. 280 Dieser Trend liegt auch an den technischen Neuerungen. Alte Fenster weisen eine Einfachverglasung auf und sind nicht so stark isolierend wie heutige Fenster mit einer Dreichfachverglasung. 281 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 6. 282 Siehe: Walden, Rotraut (1993), S. 17. 283 Ströter-Bender, Jutta (2009), S. 11. 284 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 6. 285 Vgl. Walden, Rotraut (1993), 20. 80 Raum, platziert „durch ein relationales Beziehungsgefüge von Bedeutung und Gebrauch“286. Der Mensch stellt dabei den Mittelpunkt dar, von dem aus allen Verortungen eine Bedeutung zugesprochen wird. Wie schon am einleitenden Zitat zu Beginn des Kapitels zu erkennen ist, gleicht jeder Raum ein Stück weit einer Selbstdarstellung, in die man als Beobachter oder Beobachterin hineintreten und die man erfahren kann.287 In diesem Zusammenhang wird häufig von Gemütlichkeit oder Zufriedenheit gesprochen. Diese Wohnqualitäten stehen im engen Zusammenhang mit der Ausstattung der eigenen Wohnung.288 Dabei ist die „Individualität […] ein kulturelles und soziales Produkt ihrer Zeit, erst dann ein Entwurf des Einzelnen, der sich der Einwanderungen des gesellschaftlichen Außen in das Innen des eigenen Daseinsprojekts nicht erwehren kann.“289 An dieser Stelle ist festzuhalten, dass der private Raum weniger privat, sondern viel stärker vom Äußeren geprägt ist, als es die Vermutung nahe legen würde. Aus dieser Perspektive ist es verständlich, dass die Raumthematik in den Sozialwissenschaften einen hohen Stellenwert genießt und seit einigen Jahren stark diskutiert wird.290 Das eigene Haus ist weiterhin ein Lebens- und Erinnerungszentrum, in dem das Individuum verortet ist und welches es gilt, nach außen hin abzuschirmen.291 Der eigene Raum wird konsequent abgegrenzt: mit Türen, Toren, Gatter und Zäunen. Damit einher geht auch die Unterteilung von primären Territorien (das eigene Haus, die Wohnung), öffentliche Territorien (öffentliche Plätze, Straßen, Geschäfte) und sekundäre Territorien (Übergangsbereich zwischen primären und öffentlichen Territorien, also Vorgärten, Hauseingänge, Zufahrten, Hinterhöfe), wie Kaiser sie vornimmt.292 Die Trennung und Sicherung von dem Eigenen und die Abgrenzung zum Anderen ist nach wie vor in der Gesellschaft verankert und macht deutlich, wie sehr wir uns nach einem privaten Ort sehnen, den wir nach unseren Vorstellungen gestalten und in dem wir uns ausleben können und wollen – den wir aber nach wie vor privat halten möchten. Diese eigene Intimsphäre zu wahren stellt für viele ein natürliches Bedürfnis dar und wird nicht hinterfragt. Türen und Fenster sowie das eigene Gartentor sind Grenzlinien und dienen als Öffnung des privaten Raums nach außen. Sie setzen beide Welten, die innere und die äußere Welt, in Beziehung. Aber nicht nur sie wollen unsere Privatheit schützen: Das Haus soll uns Schutz geben gegen das Äußere, bestenfalls sogar gegen den Tod.293 „Jedes Haus ist eine Befestigung gegen das von außen Hereindrängende. Es spricht vom Schutz des Lebens und vom Bann der Privatheit, der das Innen vom Außen trennt.“294 Dicke Wände, Vorhänge, eine Hecke im Vorgarten sprechen ebenso für eine Abgrenzung. 286 Brenne, Andreas (Hg.) (2011): Raumskizzen. Eine interdisziplinäre Annäherung. München: Kopaed, S. 9. 287 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 9. 288 Walden, Rotraut (1993), S. 49. 289 Selle, Gert (2002), S. 42. 290 Vgl. Schroer, Markus (2009), S. 126. 291 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 18 f. 292 Kaiser, Florian G. (1993), S. 197. 293 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 6. 294 Ebd. S. 18. 81 „Wände sind Orte des ‚Übergangs‘ zwischen Innen‑ und Außenwelt. Sie bilden Projektions‑ flächen für die Gestaltung von Lebensräumen. (…) Zugleich zeigen Wände Begrenzungen zwischen den Sphären des öffentlichen und privaten Lebens auf, sie definieren Räume von Intimität und Geborgenheit.“295 Unsere Biografie des Wohnens beginnt früh. Die Kindheit ist üblicherweise eine Zeit der Erfahrung und der Wahrnehmung innerhalb eines geschützten Rahmens.296 Für westliche Gesellschaften ist eine Wohnung oder ein Haus etwas Normales. Vertikale Wände mit Fenstern und Türen, eine horizontale Decke sowie Treppen oder Treppenhäuser sind unserer Wahrnehmung geläufig. Selten entsprechen Gebäude nicht diesen Gesetzmäßigkeiten. Kinder treten in Kontakt mit der Umwelt und lernen dabei, Räume wahrzunehmen und ihre Bedeutungen zu erkennen, da die genormten Wände nicht nur Sichtbares beherbergen.297 „Man räumt eben nicht nur feste Dinge, sondern auch Ereignisse, Beziehungen, Erfahrungen, also Im‑ materielles, Unsichtbares ein.“298 In den letzten Jahren räumen wir zudem immer mehr Dinge von außen ein, insbesondere digitale Medien. Das gesellschaftliche Außen dringt ins Innere. Unser Leben, unsere Möglichkeiten, der eigene Geschmack, unsere Handlungen sind stets kulturell und gesellschaftlich geprägt. Mit Selles Worten: „So tun wir, was von uns verlangt wird. Dabei glauben wir, wir täten, was wir wollen.“299 Technologische Errungenschaften haben sich allmählich, ob bewusst oder unbewusst, in die Wohnräume geschlichen und die Gemütlichkeit und Abgeschiedenheit des privaten Ortes untergraben. In diesem Kontext wird oft vom intelligenten Wohnen gesprochen. Sprachgesteuerte Lautsprecher wie Google Home, Amazon Echo, HomePod (Apple) oder andere GPS-fähige Geräte sind nur einige Beispiele, wie sehr der private Raum digitalisiert wird. Selbst das TV-Gerät, das Radio oder das Telefon sorgen für eine Kommunikation, für eine stetige Verbindung nach draußen. Die Befürchtungen, die eigenen vier Wände würden gläsern und durch die Medien offengelegt, sind nicht unbegründet.300 Hier wird ein weiteres Mal deutlich, dass das Private durchwebt ist vom Öffentlichen, dass das Innere beeinflusst wird vom Äußeren. Die im letzten Kapitel angesprochene Beschleunigung erhöht aber auch die Kommunikationsfähigkeit, die Mobilität und hält für uns Dank der digitalen Medien einen neuen Raum, den virtuellen Raum, bereit. Diese neu geschaffenen Räume üben einen starken Einfluss auf die physischen Räume aus, indem sie diese erweitern, variieren oder entwerten. Sie bieten eine reizvolle Lösung an, den realen Raum als geografisches Hindernis zu umgehen und uns von ihm zu lösen, uns aber im gleichen Atemzug von ihm zu entfremden. 295 Ströter-Bender, Jutta (2009), S. 11. 296 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 6. 297 Vgl. Walden, Rotraut (1993), S. 70. 298 Selle, Gert (2011), S. 7. 299 Selle, Gert (2002), S. 42. 300 Auch wenn Datenschützer davon ausgehen, dass die Unternehmen nicht alle Gespräche ihrer Kunden aufzeichnen, da dieses Datenmaterial nur schwer zu analysieren und zu verwerten ist, ist dennoch nicht genau geklärt, welche Nutzerdaten diese Smartprodukte genau speichern. Siehe: Strathmann, Marvin (2018): „Alexa, spionierst du mich aus?“. Hg. v. Süddeutsche.de. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/digital/digitale-privatsphaere-alexa-spionierst-du-mich-aus-1.3842794-2, zuletzt geprüft am 31.01.2018. 82 3.3.2 Entgrenzung Gerne wird der Begriff Entgrenzung im Zusammenhang mit Globalisierung genannt. Globali‑ sierung meint die zunehmende internationale Verschmelzung von Kultur, Kommunikation und Wirtschaft. Die Grenzen werden transparenter, aber sie bleiben dennoch bestehen.301 Entgrenzung bedeutet hingegen die Auflösung von Grenzen. Damit können räumliche oder geografische Grenzen gemeint sein, aber ebenso soziale, politische oder kulturelle Barrieren. Ohne Grenzen würde der Raum als solcher aber nicht mehr existieren. Pauls ergänzt: „Eine Tatsache hingegen ist, dass wir uns alle mit Raum auseinandersetzen und in ihm bewegen und zu ihm in Beziehung treten. Menschliches Handeln ist außerhalb von Raum nicht denkbar.“302 In diesem Zitat wird das menschliche Handeln in den Fokus gerückt. Schon Ausdrücke wie kniehoch, um Armesbreite, Elle und Fuß zeigen, dass wir den Raum über uns und unseren Körper definieren.303 Damit erhält die Thematik eine persönliche, eine private Komponente, denn körperliche Grenzen sind zweifelsohne eine wichtige Facette und nicht auflösbar. Die Wichtigkeit des Raumes in Zusammenhang mit uns selbst und unserer Privatsphäre stellte Karl Albiker schon 1969 heraus: „Unser Lebensgefühl verlangt kategorisch, den Raum als Wirklichkeit, als wirklich Vorhandenes, als etwas Positives zu fassen. Das Verlorensein in einem Raum, über den wir uns keine klare Vorstellung mehr machen können, bedrückt uns. Das Gefühl der Raumlosigkeit ist uns unerträglich und müßte uns verzweifeln lassen. Umgekehrt sind wir beruhigt und glücklich im Gefühl räumlicher Klarheit. Dies Raumbewußtsein festigt unser Körpergefühl und damit unser Lebensgefühl. Dies Lebensgefühl steigert sich, umso eindringlicher das Vorhandensein des Raumes sich unserer Empfindung geltend macht.“304 Die Atmosphäre des Raums ist maßgeblich an unserem Wohlgefühl beteiligt. Das Bedürfnis nach einer uns bekannten Umgebung, nach einer heimeligen Stimmung ist diametral zu der beschleunigten und kapitalisierten Gesellschaft zu sehen.305 Welsch betont die Funktion des eigenen Zuhauses, indem er sagt: „Noch alltäglich können wir derlei Versetzungen erfahren, etwa bei der Rückkehr in die eigene Wohnung, wo wir uns nach einem möglicherweise verstörenden Tag endlich wieder bei uns, in der eigenen Welt angekommen, in die eigene Grundstimmung versetzt fühlen – glücklich, wiederbelebt, behaglich ‚zu Hause‘.“306 Geissler resümiert aber: „Der Raum hat als strukturprägende Kraft an Einfluss massiv ein‑ gebüßt“307, und deutet damit an, dass dem Raum als maßgebendes Element der Rang streitig gemacht wird. Damit sind die Beschleunigung und die Auflösung von Grenzen gemeint. 301 Siehe dazu: Berking, Helmuth (2006): Raumtheoretische Paradoxien im Globalisierungsdiskurs. In: Helmuth Berking und Ulrich Beck (Hg.): Die Macht des Lokalen in einer Welt ohne Grenzen. Frankfurt/Main: Campus-Verl., S. 10. 302 Pauls, Karina (2009), S. 15. 303 Vgl. Selle, Gert (2011), S. 25. 304 Albiker, Karl (1969): Das Problem des Raums in den bildenden Künsten. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, S. 13. 305 Vgl. Selle, Gert (2002), S. 37. 306 Welsch, Wolfgang (2001): Räume bilden Menschen. In: Egon Schirmbeck (Hg.): RAUMstationen. Metamorphosen des Raumes im 20. Jahrhundert. Ludwigsburg: Wüstenrot-Stiftung, S. 13. 307 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 98. 83 Selle kommt zu dem Schluss, dass seit dem Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Grenzen von privaten und öffentlichen Räumen verschmelzen und Tabugrenzen sowie intime Bereiche verschoben werden, wodurch eine Abgrenzung immer schwieriger wird.308 Die Wohnung als privater Bereich wird durchlässiger. Dieser Wandel wird zudem durch die digitalen Medien forciert, da sie ein virtuelles Fenster zur eigenen Wohnung schaffen und wir uns im Zuge der Beschleunigung darauf einlassen, um gesellschafts- und anschlussfähig zu bleiben. Dadurch wird unser Leben transparenter und unser innerster Raum anfälliger für Störungen und Unterbrechungen. Aber nicht nur das Raumgefüge ist ein anderes geworden. Auf der beruflichen Ebene findet ebenso eine Entgrenzung statt. Zum einen werden die gleichen Medien (z.B. das Smartphone), die auf der Arbeit verwendet werden, im Alltag genutzt, wodurch sich eine klare Trennung als schwierig erweist. Zum anderen erledigen wir berufliche Aufgaben häufig im privaten Bereich. Dazu werden wir prinzipiell nicht gezwungen, ablehnen tun wir dies aber in den seltensten Fällen. Wir lesen trotzdem noch E-Mails und beantworten sie, der Anrufbeantworter oder die Mailbox wird abgehört und das Wochenende wird zur Vor- oder Nachbereitung genutzt.309 Hier spielt der Zeitgedanke eine zentrale Rolle, die unbewusste Gefahr, etwas zu verpassen, nicht auf dem Laufenden zu sein oder nicht mithalten zu können (siehe Kapitel 3.2.3). Das oberste Credo oder „(...) geheimster Wunsch sei es inzwischen geworden, immer schon dort zu sein (wo man sein möchte) – und ‚keine Zeit zu verlieren‘, immer das schon zu haben, wonach der Sinn steht.“310 Im Präsentismus311 liegt ein weiterer Grund, Berufliches und Privates eher zu vermischen, bzw. im privaten Bereich nicht loslassen zu können von der Arbeit. Dennoch ist eine möglichst hohe Abgrenzungsfähigkeit (die Fähigkeit, sich in der privaten Zeit gedanklich von der Arbeit zu lösen) wünschenswert, da sie positiv mit einer erhöhten Lebenszufriedenheit korreliert.312 Diese Entwicklungen beschreibt Byung-Chul Han als den Wandel von einer Disziplinargesellschaft hin zu einer Leistungsgesellschaft. Während ersteres bestimmt wird von negativ konnotierten Begriffen wie Nicht‑Dürfen oder Sollen, wird letzteres von einem entgrenzten Können beherrscht.313 „An die Stelle von Verbot, Gebot oder Gesetz treten Projekt, Initiative und Motivation.“314 Dieser Wechsel ist dadurch begründet, weil die Disziplinargesellschaft in ihrer Produktionskraft durch ihre Negativität ab einem bestimmten Punkt nicht leistungsfähiger wird, eine Gesellschaft, basierend auf einem Können, aber schon.315 Dem Können selbst sind keine Grenzen gesetzt im Gegensatz zu einem Verbot, das immer eine Grenze zieht. 308 Vgl. Selle, Gert (2002), S. 14. 309 Geißler stellt fest, dass das Wochenende als Ruhezone aus Sicht der Handelsorganisationen nicht mehr angemessen ist. Genauer nachzulesen in: Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 96. 310 Rumpf, Horst (1993): Spielarten der Kulturaneignung. In: Adelheid Staudte (Hg.): Ästhetisches Lernen auf neuen Wegen. Weinheim, Basel: Beltz (Reihe Werkstattbuch Grundschule), S. 19. 311 Präsentismus bedeutet die Anwesenheit von Arbeitnehmern am Arbeitsplatz, obwohl sie krank sind. Dies ist besonders häufig in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit anzutreffen. 312 Zu dieser Erkenntnis gelangt eine Studie der Universität St. Gallen. Detaillierter nachzulesen in: Böhm, S. A., Baumgärtner, M. K., Breier, C., Brzykcy, A. Z., Kaufmann, F., Kreiner, P. G., Kreissner, L. M. (2017): Lebensqualität und Lebenszufriedenheit von Berufstätigen in der Bundesrepublik Deutschland: Ergebnisse einer repräsentativen Studie der Universität St. Gallen. 313 Vgl. Han, Byung-Chul (2015): Müdigkeitsgesellschaft. Elfte Auflage. Berlin: Matthes & Seitz, S. 18. 314 Ebd., S. 18. 315 In seinem Werk Müdigkeitsgesellschaft beschreibt Byung-Chul Han die neuronale Gewalt, die aus einer Positivierung der Welt hervorgeht. Da sie aus dem Gesellschaftssystem selbst entsteht, kann ihr wenig entgegengesetzt werden. Siehe: Han, Byung-Chul (2015): Müdigkeitsgesellschaft. Elfte Auflage. Berlin: Matthes & Seitz. 84 Neben der aufgezeigten privaten und beruflichen Entgrenzung existiert eine dritte Dimension der Entgrenzung. Orte als Manifestation lokalisierter Prozesse verlieren ihren Stellenwert im alltäglichen Leben. Ebenso geschieht dies mit verorteten Zeiten wie Bräuchen, Festen, Ritualen und Feiertagen, da sich Aktivitätszeiten auf alle Zeiten ausweiten.316 Bauman verweist auf seine Kategorie der öffentlichen wie unzivilen Räume (Flughäfen, Autobahnen, öffentlicher Nahverkehr), die heutzutage mehr Raum beanspruchen als jemals zuvor.317 Diese Orte sind für das Durchqueren ausgelegt und nicht für das Verweilen, sodass unser soziales Verhalten, die Interaktion und Kommunikation untereinander auf das Wesentlichste beschränkt wird. Bauman sieht uns darin der Möglichkeit beraubt, ziviles Verhalten zu lernen.318 Die Thematik des öffentlichen Raumes beinhaltet auch den Heimat-Begriff. Ein Gefühl von Heimat zu entwickeln beruht auf Zeit und intensiver Beschäftigung des Ichs mit seiner Umgebung. Die unzivilen Orte Baumans forcieren genau das Gegenteil. Rotraut Walden konstatiert jedoch, dass die Besetzung des Raumes ein menschliches Bedürfnis ist, um „einen Sinn für Zugehörigkeit und Identität und einen Grad der Personalisierung des Wohnbereichs zu erreichen.“319 Eine Vertrautheit muss aufgebaut und vertieft werden. Heimat ist oft der Ort von Familie, Freunden und Bekannten. Nach vielen Ortswechseln oder Umzügen schwindet jedoch die Anstrengung, sich jedes Mal aufs Neue auf den Ort und seine Menschen einzustellen und sich mit ihnen intensiv auseinanderzusetzen mit dem Ziel eines Heimatgefühls. Doch dieses Gefühl benötigt Zeit zum Wachsen. Ansonsten trägt der neue Ort keine persönliche Erinnerung, keine Verknüpfung mit der eigenen Lebensgeschichte. „Sie erzählen keine ‚Geschichten‘, tragen keine Erinnerungen und berühren unsere Identität nicht.“320 Festzuhalten ist, dass der Raum durch die Beschleunigung der westlichen Gesellschaften und der damit einhergehenden Entgrenzung einem Wandel unterlegen ist. Die Kommunikation über virtuelle Räume verändert das soziale Gefüge, geht damit ja eine Trennung von sozialer und physischer Nähe einher.321 Weiterhin stellt sich wie oben aufgezeigt eine Entgrenzung zwischen den privaten und beruflichen Räumen ein, die die eigene Verortung beeinflusst: „Familienstrukturen, religiöse Deutungssysteme, soziale Abgrenzungen, zeitliche Ord‑ nungen und nicht zuletzt Formen der Arbeits- und Freizeitgestaltung – alles verändert sich, nichts ist heute mehr so, wie es gestern war, und morgen wird wieder alles ganz anders und ganz woanders sein.“322 Selle betont, dass nach wie vor trotz aller Grenzziehungen und aller Unterscheidungen von öffentlich und privat oder von innen und außen alles Thema ein und derselben Sache ist, da unser „wahrnehmen und Erleben […]immer vom Wahrgenommenen und Erlebten geformt [wird].“323 316 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 108. 317 Vgl. Bauman, Zygmunt (2003), S. 122 f. 318 Vgl. ebd., S. 123. 319 Walden, Rotraut (1993), S. 53. 320 Rosa, Hartmut (2013), S. 124. 321 Vgl. ebd., S. 123. 322 Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 10 f. 323 Selle, Gert (2002), S. 22. 85 Dagegen steht die Erweiterung individueller Handlungsspielräume durch die hohe räumliche Mobilität.324 Die verfügbaren Optionen (siehe Kapitel 3.2) bereichern das eigene Leben und soziale Kontakte sind auch über Orts- und Ländergrenzen hinweg möglich. In diesem Zusammenhang muss gefragt werden, inwiefern eine Unterscheidung von inneren und äußeren Räumen, von Eingrenzung und Entgrenzung noch sinnvoll erscheint – oder obsolet ist – und nach einer anderen Beschreibung gefragt werden muss. Foucault glaubt, dass noch immer eine Sakralisierung des Raumes vorherrsche. Darunter versteht er die Zuweisung einer Funktion oder eines Zwecks, die nicht in Frage gestellt wird. „Entgegensetzungen, die wir als Gegebenheiten akzeptieren: z.B. zwischen dem privaten Raum und dem öffentlichen Raum, zwischen dem Raum der Familie und dem gesellschaft‑ lichen Raum, zwischen dem kulturellen Raum und dem nützlichen Raum, zwischen dem Raum der Freizeit und dem Raum der Arbeit. Alle diese Gegensätze leben noch von einer stummen Sakralisierung.“325 Wenn Räume sich also im Begriff der Auflösung befinden, Grenzen verschmelzen und die Frage aufkommt, ob die Trennung von Räumen noch sinnvoll erscheint, taucht die Frage auf, was an Stelle dessen treten kann. Hier könnten maßgeblich die Ausmalbilder ins Spiel kommen. Vorher wird der Raum jedoch aus dem Blickwinkel ästhetischer Erfahrungen betrachtet. 3.3.3 Der Raum im Kontext ästhetischer Prozesse Ein Raum ist geradezu prädestiniert, ganzheitlich wahrgenommen zu werden, da wir uns mit unserem ganzen Körper immer im, niemals außerhalb von Raum bewegen. „Wir erleben Räume mit allen Sinnen, mit unserem ganzen Körper und verbinden die entstehenden visuellen Eindrücke mit der sinnlichen Wahrnehmung von Gerüchen, Geräuschen, Tast‑, Wärme‑ und Kälteerfahrungen.“326 In vertrauten Räumen bewegen wir uns anders, kennen uns aus, fühlen uns wohl. Unser Körper und unsere Gesten sind raumgreifender. Handlungen im und Wege durch den Raum sind routiniert und immer gleich. Unbekannte Räume erfordern hingegen unsere Aufmerksamkeit. Sie wollen durchschritten, beobachtet und wahrgenommen werden. Sie verlangen nach einer Orientierung, einer stillen Analyse. Ein erster Eindruck reicht aus, um sich wohl oder unbehaglich zu fühlen. Der erfahrene sozio-kulturelle Hintergrund sowie der eigene Geschmack und ästhetische Vorlieben unterteilen Räume und deren Interieur schnell in schön oder hässlich. „Wir verfügen über ein ausgeprägtes Gefühl für verborgene Raumqualitäten. Wir wissen ziemlich rasch Bescheid: Hier kann ich bleiben, so ist es richtig, nur dieses muss ich ändern, jenes umstellen.“327 Gleiches gilt übrigens für die Architektur: Gebäude können einladend, gemütlich, alt, edel, modern, aber ebenso streng, ernst, bieder oder ehrfurchtgebietend wirken. Der Eindruck eines Raumes hängt immer von den Handlungen und den Umständen ab, unter denen man einen 324 Vgl. Kaiser, Florian G. (1993), S. 27. 325 Foucault, Michel (2002): Andere Räume. In: Karlheinz Barck (Hg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik ; Essais ; [mit 13 Künstlersprüchen]. 7. Aufl. Leipzig: Reclam (Reclam-Bibliothek, 1352), S. 37. 326 Ströter-Bender, Jutta (2009), S. 15. 327 Selle, Gert (2011), S. 26. 86 Raum betritt. Ob wir uns bei einer Menschenmenge eher mit dem Rücken zur Wand setzen, um weiterhin den Raum im Blick zu haben, oder unbewusst prüfen, wo und vor allem wie viele Ausgänge ein Raum hat, ist für Selle zutiefst menschlich.328 „Mit solchen Vorsichts‑ maßnahmen aus Gewohnheit wird nicht nur ein altes Schema der Orientierung, sondern auch ein Geflecht naturhafter und sozialer Erfahrung reproduziert.“329 Das Zusammenspiel von Architektur, Dekor und Geschehnissen liegt in der Natur der Sache: Räume werden immer sozial und räumlich wahrgenommen, da sich das eine nicht vom anderen trennen lässt. Das Erscheinen eines Raumes geht eben über die bloße Individualisierung und Selbstdarstellung hinaus: Die Einrichtung macht einen Raum erst zu dem, was er ist. Ein und derselbe Raum kann völlig anders wirken, wird das Interieur verändert. Wir sind einen leeren Raum nicht gewöhnt. Die Räume sind möbliert, die Wände zugestellt. Selbst in minimalistisch gehaltenen Wohndesigns würde eine leere Wand kahl wirken, so, als würde etwas fehlen. Heidi Helmhold hebt in diesem Kontext die Wichtigkeit textiler Materialien hervor, hinterlassen diese einen anderen visuellen und haptischen Eindruck als eine harte Wand. „Der architektonische Raum ist mehr als nur Szene. Er ist auch der Raum der visuellen Wahrnehmungsunterbrechung. So dienen textile Materialien insbesondere dazu, die Faktizität eines bloßen Raumes zu verunklären, Pufferzonen zu konstruieren und ein Körperbedürfnis zu bedienen. Sie tun dies mittels Matratzen, Betten, Kissen, Gardinen, Teppichen, Polstern und Behängen.“330 Die eigenen Räume sind normalerweise nur während des Ein- oder Auszuges oder bei einer Renovierung nackt. In diesen Momenten wirken die Räume fremd und ungewohnt. Die Raumakustik ist ebenso eine andere. Gleichzeitig können aber gerade diese Räume einen meditativen und kontemplativen Charakter besitzen: „Stille und Licht können den Raum zwischen vier Wänden so bedeutsam füllen, daß ein Hocken oder Sitzen darin zur genußvollen Beschäftigung wird.“331 Ferner prägen Räume unser ästhetisches Empfinden. Sie können inspirieren, beflügeln und anregen, aber erst, wenn wir uns auf den Raum mit seiner spezifischen Atmosphäre einlassen. Tun wir dies nicht bewusst, übt ein Raum dennoch einen Einfluss aus, da wir uns eines Raumeindrucks nicht erwehren können. „Weil unsere Leiblichkeit grundlegend auf Räum‑ lichkeit bezogen ist, affizieren Räume uns nachhaltig. Sie können unsere Existenz prägen und verwandeln.“332 So wird einem Atelier nachgesagt, es eigne sich besonders, die Kreativität anzuregen und ein besseres künstlerisches Arbeiten zu ermöglichen. Ebenso kann ein Atelier den Geist der Künstlerin oder des Künstlers konservieren, bzw. ihn für andere nachvollziehbar machen. Dies gilt für alle Arten von Räumen, da sie doch stark geprägt sind von denen, die dort lebten, arbeiteten und wirkten: Sie tragen eine ästhetische Handschrift.333 In einer schnelllebigen Welt wandeln sich Räume aber stark und können eine Atmosphäre weniger lang 328 Vgl. ebd., S. 56. 329 Ebd., S. 57. 330 Helmhold, Heidi (2012): Affektpolitik und Raum. Zu einer Architektur des Textilen. Köln, Weimar, Wien: Verlag der Buchhandlung Walther König (34), S. 11. 331 Selle, Gert (2011), S. 33. 332 Welsch, Wolfgang (2001), S. 18. 333 Dieser Idee gehen Autsch und Hornäk nach und stellen das Atelier als Ausstellungsraum in den Fokus. In: Autsch, Sabine; Hornäk, Sara (Hg.) (2010): Räume in der Kunst. Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe. Bielefeld: transcript Verlag (Kultur- und Museumsmanagement). 87 aufrechterhalten. Zum einen geht die Ästhetik verloren, da viele Dinge in jeder Umgebung konsumiert werden können, sie werden austauschbar. Der spezifische, dafür vorgesehene Raum ist weniger notwendig geworden. Die Atmosphäre eines Raumes für einen bestimmten Prozess existiert immer seltener, da es entweder Räume für vielfältige Prozesse gibt oder viele Prozesse grundlegend keinen bestimmten Ort mehr brauchen (so kann man einen Laptop oder ein Tablet überall benutzen und nicht nur am Schreibtisch im Büro oder im Arbeitszimmer wie noch vor einigen Jahren). Räume können überdies ästhetische Wahrnehmungen blockieren, also zu einer Anästhetisierung beitragen. Viele technische Innovationen in Bezug auf Raum berauben uns der sinnlichen Wahrnehmungen wie Wärmedämmung, Klimatisierung, Schallund Sichtschutz. Ebenso gehen haptische Wahrnehmungen verloren durch die Nachbildung echter Materialien und Stoffe. Zum anderen entfremden wir uns von den Dingen im Raum, da sie heutzutage eine kürzere Halbwertszeit haben und schneller ausgetauscht werden.334 Alle Dinge und Gegenstände, mit denen wir zu tun haben, prägen uns und sagen etwas über die eigene Identität aus. Ist ein Gegenstand funktional oder ästhetisch? Nach welchen Kriterien wurde er ausgesucht? War es ein Geschenk oder habe ich es mir selbst leisten können? Ist es ein Erbstück und schon seit Generationen im Besitz? Denn dadurch werden „sie [die Gegenstände] (…) Teil unserer alltäglichen Lebenserfahrung, Identität und Geschichte.“335 Daher fällt es vielen Menschen schwer, sich von lieb gewonnenen Dingen zu trennen, mögen sie auch nicht mehr richtig funktionieren oder ihren Zweck erfüllen. Dennoch neigen wir im gleichen Atemzug dazu, vieles auszutauschen. Besonders betroffen sind technische Geräte (Smartphones werden regelmäßig durch fortschrittlichere ersetzt). Rosa bemängelt in diesem Zusammenhang, dass der Austausch von Geräten schneller geschieht, als für uns gut wäre, da viele Funktionen eines Gerätes nur noch oberflächlich bleiben, weil wir uns nicht mehr die Zeit nehmen (oder uns die Zeit fehlt?), Dinge auszuprobieren und sich ihre Funktionsweise anzueignen. Sie bleiben uns fremd.336 Dies führt zu einer Entfremdung in der eigenen Umgebung, da wir mit vielem, was in einem Raum zu finden ist, nicht mehr vertraut sind. Wir treten mit der Dingwelt nicht mehr in Beziehung.337 Die Entfremdung und Entgrenzung von unserem Lebensumfeld fördert das Gefühl einer stetigen Beschleunigung des Lebens und steht ferner dem Erleben ästhetischer Erfahrungen entgegen, da diese einen geeigneten Rahmen benötigen. Eine bewusste Grenzsetzung338 im Zuge des Ausmalprozesses kann eine Möglichkeit sein, diesem Umstand zu begegnen. 334 Hier ist auch der Begriff Wegwerfgesellschaft angebracht. Mag dieser auch nicht wissenschaftlich sein, so zeigt er doch den Trend auf, Konsumgüter schneller zu entsorgen als sie zu reparieren. Letzteres ist auch vom Markt gar nicht mehr erwünscht und dadurch teurer als ein Neuerwerb. 335 Rosa, Hartmut (2013), S. 125. 336 Ebd., S. 128. 337 Ebd., S. 126. 338 Mit dem verwendeten Begriff Grenzsetzung sind in dieser Arbeit keineswegs politische oder nationalistisch motivierte Grenzen gemeint, die zum Ausschluss bestimmter Gruppen oder Minderheiten führen. 88 3.4 Exkurs: Raum- und Zeitkunst „Jeder ‚baut‘ Räume jeden Tag, gestaltet und durchlebt sie und doch ist für einige der ‚Raum‘ ein so vordringliches Anliegen, dass sie ihr künstlerisches Schaffen in besonderem Maße diesem Phänomen widmen.“ Karina Pauls, 2009339 Die vorliegende Arbeit untersucht Ausmalbilder unter anderem im Kontext einer gesellschaftlichen Beschleunigung und der Auflösung von Raumgrenzen. Diese Themen stehen schon seit jeher in engem Kontakt zur Kunst. Verschiedene Künste beschäftigen sich mit den Phänomenen Raumkunst und Zeitkunst unter wechselnden Gesichtspunkten und setzen sich so mit diesen auseinander. Zeit und Raum lassen sich nur schwer in Worte und Werte fassen und nur unbefriedigend für alle definieren, bedeuten sie aus unterschiedlichen Perspektiven doch immer etwas anderes. Für Ökonomen ist Zeit anders konnotiert als für Philosophen; Soziologen sehen im Raum etwas anderes als Kapitalisten. Wie am einleitenden Zitat deutlich wird, können uns Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Richtungen einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigen, indem sie Zeit und Raum kreativ und ästhetisch gestalten. Sie greifen die zeitlichen Umbrüche und räumlichen Veränderungen der Geschichte auf und machen sie sich auf ästhetischem Wege zu eigen. Nachfolgend sollen exemplarisch und weitgehend in chronologischer Reihenfolge einige Verstrebungen aufgezeigt werden, die deutlich machen, wie sehr die Künste mit der Raum-Zeit-Thematik verhaftet sind. Im Gegensatz zur Zeit wird der Raum als zentrales Thema der Kunst von Hans Jantzen auf das endende 19. Jahrhundert datiert. Vor dieser Zeit umfasste der Raumbegriff lediglich Perspektive und räumliche Tiefe. Die Malerei als zweidimensionale Kunst erschafft mit Linien und Fluchtpunkt eine Illusion von Räumlichkeit und versucht dadurch, die Natur nachzuahmen.340 Die Zeitthematik, die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und der Wettlauf gegen die Zeit selbst wurden schon viel früher, besonders aber im Barock, behandelt. Pieter Claesz’ Stillleben greifen ebenso wie viele andere Werke dieser Epoche das Vanitas‑Motiv auf und treffen damit den Nerv der damaligen Zeit. Sein Werk Stillleben mit Totenkopf, Folianten, Taschenuhr und erloschener Öllampe (1630) zeigt exemplarisch, wie die Vanitasstillleben die flüchtige Zeit künstlerisch verarbeiten. Die Requisiten stehen für die eigene Existenz, für den Zerfall und für das sich anschließende ewige Leben. Objekte wie eine Taschenuhr (als direkte Verbindung zur Zeit), ein Totenkopf, erloschene Kerzen oder Bücher und Schriften spielen symbolisch mit der Zeit, deuten sie an, zeigen ihren unaufhaltsamen Verlauf, oder heben sie auf, indem sie das in ihnen verborgene Wissen für die Nachwelt erhalten. In William Turners Ölbild Rain, Steam and Speed – the Great Western Railway aus dem Jahr 1844 wird nicht nur die Zeit in Form einer Dampflokomotive thematisiert, die für eine neue Geschwindigkeit im Transportwesen steht, sondern indirekt der Raum. Dieser kann im Verlauf der Industrialisierung schneller durchquert und überbrückt werden. Stellvertretend deutete Turner hier den Wechsel von einer Naturzeit zur bis heute anhaltenden technischen Zeit an.341 339 Pauls, Karina (2009), S. 7. 340 Vgl. ebd., S. 107 ff. 341 Vgl. Geißler, Karlheinz A. (2005), S. 195. 89 Kunstwerke thematisieren nicht nur die Zeit, sie entstehen auch in einem gewissen Moment und unter gewissen Umständen. Somit besitzen sie schon während des Werdens einen Zeitfaktor, der einen entscheidenden Einfluss auf das Werk ausübt. Eine um das Jahr 1890 entwickelte Arbeitsmethode von Claude Monet macht dies deutlich. Während es üblich war, zwei Leinwände für die Pleinairmalerei mit in die Natur zu nehmen, entschied sich Monet recht schnell für mehrere Leinwände, um die sich stetig verändernden Lichtverhältnisse und Wetterbedingungen in mehreren Werken festhalten zu können. Die zunächst schnell und skizzenhaft gemalten Bilder überarbeitete er später im Atelier.342 An diesem Beispiel werden zwei Dimensionen von Zeit deutlich. Einerseits arbeitete Monet gegen die Zeit, indem er simultan an mehreren Bildern arbeitete, um die flüchtigen Momente eines Tages einzufangen. Andererseits nahm er sich für die Überarbeitung bewusst Zeit, um die jeweiligen Bilder zu vollenden. Für die Rezipientin oder den Rezipienten spielt die Zeit eine ebenso nicht zu vernachlässigende Rolle, da diese oder dieser ein Werk immer in einer gewissen Zeit und über einen gewissen Zeitraum betrachtet, verarbeitet, interpretiert und analysiert. Wie das Werk, und vor allem in welcher Reihenfolge es entdeckt und aufgenommen wird, bleibt aber jedem letztlich selbst überlassen. Paul Klee merkte hierzu an: „Der hauptsächliche Nachteil des Beschauers oder Nachschaffers liegt darin, dass er zunächst vor ein Ende gestellt wird, und, was die Genesis betrifft, scheinbar den umge‑ kehrten Weg geht. (…) Das bildnerische Werk hat für den Unverständigen den Nachteil der Ratlosigkeit, wo zu beginnen, für den Verständigen den Vorteil, die Reihenfolge beim Aufnehmen stark zu variieren und seine Vieldeutigkeit erst recht zu erkennen.“343 Hier kann Edouard Manet als Beispiel genommen werden, der als Wegbereiter für die moderne Malerei gilt. Manet war inspiriert von Diego Velázquez und Francisco de Goya344, die beide vor seiner Zeit lebten. Obwohl sich Manet an älteren Werken vergangener Epochen orientierte, waren seine Bilder paradoxerweise zu modern für seine damaligen Zeitgenossen. Besonders seine authentischen Porträts (beispielsweise sein skandalträchtiges Werk Olympia von 1863) waren ihrer Zeit voraus und wurden erst nach Manets Zeit neu bewertet. Die Kunst kann die Dimension der Zeit auch direkt aufgreifen und zum Thema erklären. Naturwissenschaftliche Entdeckungen wie die Quantenphysik von Max Planck und die Relativitätstheorie von Albert Einstein um 1900 veränderten das Denken der Künstlerinnen und Künstler: Die Zeit wird als vierte Dimension aufgefasst. Viele sahen in der räumlichen Ebene eine Einschränkung, die nun, zeitgleich und unabhängig voneinander, in vielen Zentren Europas aufgehoben wurde und der Kunst zur Abstraktion verhalf.345 Die neuen Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die damit einhergehenden Strömungen in Mathematik und Philosophie gaben den Anlass, das Unsichtbare, das Abstrakte zu ergründen und sich nach und 342 Vgl. Sagner, Karin; Monet, Claude (1993): Claude Monet. ungekürzte Buchgemeinschafts-Lizenzausgabe. Köln: Benedikt Taschen Verlag GmbH, S. 158. 343 Paul Klee, zit. n. Maur, Karin von (Hrsg.): Vom Klang der Bilder. Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts. München, 1985, S. 424. 344 Man denke nur an Manets Werke Der Balkon (1868-69) oder Die Erschießung des Kaisers Maximilian (1868-69), die von Goyas Bildern Majas auf dem Balkon (1810) und Die Erschießung der Aufständischen (1814) inspiriert wurden. 345 Vgl. Maur, Karin von (1999), S. 43. 90 nach vom Gegenständlichen zu lösen. Für Wassily Kandinsky war Musik als Nachbarkunst die idealisierte Sprache und der Anlass, sich dem Abstrakten zuzuwenden.346 Es kann davon ausgegangen werden, dass die Gesetzmäßigkeiten, die in der Musik gelten und denen sich Kandinsky hingab, Auslöser für die Revolution seiner eigenen Kunst waren.347 Die Kunst kann sich der Zeit und der Beschleunigung nicht entziehen. Epochen lösen sich schneller ab, Kunstrichtungen folgen in immer kürzeren Abständen und entwickeln sich in immer mehr Richtungen. Treffend zählt Karin von Maur auf: „Die Zerschlagung des einheitlichen Bildraums, die Fragmentierung des Gegenstandes, der selbstherrliche Umgang mit den freigesetzten Motivelementen, die Verselbständigung der Farben, Formen und Strukturen, ihre zunehmende Dynamisierung – dieser Prozess, der sich zwischen 1908 und 1914 im Gewande des Kubismus, Futurismus, Orphismus, Vortizismus oder Synchronismus abspielte, läuft auf das Ziel hinaus, die Bildkunst der Zeitlichkeit zu öffnen.“348 Während Impressionisten wie Monet einen bestimmten Augenblick mit Licht und Farbe auf subjektive Weise festhalten wollten und Expressionisten ihre individuellen Empfindungen sichtbar machten, versuchten Surrealisten, die Zeit und den Raum aufzulösen. Sie suchten die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, dem Traum, der Vision. Salvador Dalí visualisierte in seinem Werk Die Beständigkeit der Erinnerung (1931) die Zeit sogar durch die Darstellung zerfließender Uhren, gab dem Bild aber gleichzeitig eine unglaubliche räumliche Weite. Werke wie Die unendliche Bewegung (1934) oder Die unendliche Dankbarkeit (1963) von René Magritte beinhalten schon im Titel die Aufforderung, der Zeit Paroli zu bieten, da Adjektive wie unendlich oder ewig einen andauernden Zustand oder eine nicht aufhörende Tätigkeit beschreiben: Durch seine Werke gab Magritte der Idee Raum, sich der Zeit zu widersetzen. Raum und Zeit können demnach beliebig geformt, variiert und abstrahiert werden, denn jeder definiert sie auf eine andere Weise: „Es gibt nicht nur eine Art von Raum. Der Raum erscheint in vielen Verkleidungen: Punkten, Flächen, Parabeln; Blots, Blurs und Blackouts. Die einen halten das Zusam‑ mentreffen für das Entscheidende, andere die Skalierung, andere die Emergenz, wieder andere die Übersetzung.“349 Kunstwerke der Malerei beanspruchen den Raum noch auf eine andere Weise. Raum, in dem sie produziert werden und Raum, in dem sie ausgestellt werden. Letzterer gerät in den 346 So schrieb Kandinsky 1913 über Wagners Lohengrin: „In Lohengrin scheint mir aber eine vollkommene Verwirklichung dieses Moskau zu sein. Die Geigen, die tiefen Baßtöne und ganz besonders die Blasinstrumente verkörperten damals für mich die ganze Kraft der Vorabendstunde. Ich sah alle meine Farben im Geiste, sie standen vor meinen Augen. Wilde, fast tolle Linien zeichneten sich vor mir. Ich traute mich nicht, den Ausdruck zu gebrauchen, dass Wagner musikalisch ‚meine Stunde‘ gemalt hatte. Ganz klar wurde mir aber, daß die Kunst im allgemeinen viel machtvoller ist, als sie mir vorkam, daß andererseits die Malerei ebensolche Kräfte, wie die Musik besitzt, entwickeln könne.“ Aus: Maur, Karin von (1999), S. 30. 347 Vgl. Ditzig-Engelhardt, Ursula (2001): Der Zusammenhang der Künste. In: Grundschule: Zeitschrift für die Grundstufe des Schulwesens mit „Mitteilungen des Grundschulverbandes e. V.“ (11), S. 12. 348 Vgl. Maur, Karin von (1999), S. 44. 349 Thrift, Nigel (2009): Raum. In: Jörg Döring und Tristan Thielmann (Hg.): Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. 2., unveränd. Aufl. Bielefeld: transcript (Sozialtheorie), S. 393–408, S. 398. 91 vergangenen Jahren immer stärker in den Fokus von Kuratorinnen und Kuratoren sowie Künstlerinnen und Künstlern. „Verstärkt widmeten sich Künstlerinnen und Künstler dem Be‑ trachterraum und erweiterten dadurch den Bild‑ oder Ausstellungsraum um Handlungs‑ und Erfahrungsräume.“350 Das Atelier als authentische und kreative Umgebung wird im Verlauf jenes Diskurses ebenso als Ausstellungsfläche in Erwägung gezogen wie das traditionelle Museum. Dieses wird dabei allerdings als Standort in Frage gestellt und mittlerweile immer neu gedacht, sowohl als Ausstellungsort, als Ort der Vermittlung und als architektonischer Bau an sich, der den Ort der Ausstellung umschließt.351 Skulpturen, Plastiken und Installationen nähern sich der Raumthematik auf eine andere Art. Sie nehmen Raum im Raum ein, können umrundet und in einigen Fällen angefasst werden. „Die Kategorie des Raums wird also stets angeführt, wenn es um die Unterscheidung von Skulptur und Malerei geht. Durch ihre Dreidimensionalität ist die Skulptur im wirk‑ lichen Raum lokalisiert, sie ist greifbar und muss dadurch keine Tiefe oder Plastizität vortäuschen.“352 Sie beziehen den Raum um sich herum mit ein und verändern ihn dadurch. Henry Moores Arbeiten verbinden sich durch ihre Aushöhlungen und Aussparungen mit dem umgebenden Raum und beziehen ihn mit ein. Wenn wir Moores Figuren betrachten, sehen wir den Raum dahinter und können dadurch das Werk nur mit Hintergrund und niemals ohne diesen wahrnehmen. Erwin Wurm geht noch einen Schritt weiter und bezieht den Betrachter in seine One Minute Sculptures (1997) direkt mit ein, die dann erst zu einem Kunstwerk werden. Wurm gibt dem Betrachter bildhafte Anweisungen, sich mit verschiedenen Alltagsgegenständen für eine Minute in eine bestimmte Position zu begeben und durch diese Handlung das eigentliche Kunstwerk zu vervollständigen.353 Das Subjekt wird dadurch anders im Raum positioniert: Es ist Teil des Kunstwerks, tritt dazu in Beziehung und erfährt Kunst aus der räumlichen Position des Kunstwerks heraus. Zeitgleich ist die Skulptur auf nur eine Minute beschränkt. Dadurch hat sie einen Anfang und ein Ende und bleibt damit jedes Mal einzigartig, individuell und vergänglich. Der Exkurs zur Zeit- und Raumthematik ist für diese Arbeit von besonderer Bedeutung. Zum einen untermauert er die Legitimation des Forschungsvorhabens. Zeit und Raum weisen viele Verstrebungen mit den Künsten auf und beeinflussen diese. Kunstschaffende, Kuratoren und Kuratorinnen etc. nähern sich diesen Feldern auf unterschiedlichste Art und Weise an. Daher ist die Erforschung von Ausmalbildern in Zusammenhang mit Beschleunigung, Raum und Entgrenzung naheliegend. Zum anderen können Ausmalbilder, obwohl sie keine Kunstwerke 350 Autsch, Sabiene; Hornäk, Sara (2010), S. 9. 351 Siehe hierzu: Autsch, Sabiene; Hoet, Jan (2010): „Ich habe immer umgekehrt gedacht: Jeder Raum ist ein isolierter Raum, ein Haus, ein Wohnzimmer.“. Jan Hoet im Gespräch mit Sabiene Autsch. In: Sabiene Autsch und Sara Hornäk (Hg.): Räume in der Kunst. Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe. Bielefeld: transcript Verlag (Kultur- und Museumsmanagement), S. 69–82 und: Ullrich, Wolfgang (2010): „Erwin anrufen“ – oder: Wie wird künstlerische Kreativität (mit)geteilt? Das Atelier als Standortvorteil. In: Michael Diers und Monika Wagner (Hg.): Topos Atelier. Werkstatt und Wissensform. Berlin: Akademie Verlag GmbH (Hamburger Forschungen zur Kunstgeschichte, 7), S. 199–219. 352 Hornäk, Sara (2010): Die Skulptur und ihr Gegenüber. Interventionen in den ästhetischen Erfahrungsraum des Betrachters in Werken von Franz Erhard Walther, Erwin Wurm und Studierenden des Faches Kunst. In: Sabiene Autsch und Sara Hornäk (Hg.): Räume in der Kunst. Künstlerische, kunst- und medienwissenschaftliche Entwürfe. Bielefeld: transcript Verlag (Kultur- und Museumsmanagement), S. 173. 353 Vgl. ebd., S. 170. 92 sind, unter ähnlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Ähnlich wie bei Wurms One Minute Sculptures erklären Ausmalbilder die Rezipienten zu Produzenten und beziehen sie in eine künstlerische Handlung ein, woraufhin aus dem Kontext von Subjekt und Objekt etwas Neues entsteht, wenn auch in einem gesteckten Rahmen. Zudem ist der Prozess raumschaffend und temporär, da er auf ein Ende hin ausgerichtet ist.

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Zusammenfassung

Jan Stollmeier geht der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ausmalbüchern für Erwachsene nach und untersucht den seit einigen Jahren andauernden Trend, der im kunstwissenschaftlichen Bereich bisher keine Beachtung fand. Der Autor weist in seiner qualitativ-empirisch angelegten Arbeit nach, dass Ausmalbilder auf dem geschichtsträchtigen Formenrepertoire der Ornamentik beruhen und in der Lage sind, vielfältige ästhetische Erfahrungen zu initiieren und sowohl simple als auch komplexe Malstrategien hervorzubringen. Die Untersuchung beruht auf einem interdisziplinären Forschungsansatz und greift kunstwissenschaftliche, soziologische und philosophische Aspekte auf, um anhand biografischer Fallrekonstruktionen Ausmaltypen herauszuarbeiten, die die Grundlage für eine abschließende Theorie bilden. Ausmalen ist demnach ein Trend der heutigen Zeit, weil es für die Ausmalenden eine probate Möglichkeit darstellt, zur Ruhe zu kommen und sich vom Alltag zu erholen. Er setzt sich aufgrund veränderter Lebensbedingungen durch, die mit einem Raumverlust und einer sozialen wie gesellschaftlichen Beschleunigung einhergehen, die es unabdingbar machen, eigene Orte und eigene Räume der Entschleunigung zu inszenieren. Die Arbeit widmet sich ebenso der Frage, wie sinnvoll Ausmalbilder im schulischen Kontext sind, und zeigt Möglichkeiten auf, Ausmalen gewinnbringend und unter Berücksichtigung von Lehrplänen, Achtsamkeit und exekutiver Funktionen im Kunstunterricht einzusetzen. „Mit seiner Untersuchung zu Ausmalbüchern von Erwachsenen legt Jan Stollmeier für das Fach Kunstpädagogik ein Grundlagenwerk vor, an dessen zentralen Thesen und Positionen in der Theoriebildung zu diesem Sujet zukünftige Diskurse in diesem Bereich nicht vorbeikommen können.“ Jutta Ströter-Bender