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1 Einleitung in:

Jan Stollmeier

Ausmalbücher für Erwachsene, page 17 - 20

Die eigene Grenzsetzung und die Rückgewinnung von Raum in einer beschleunigten Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4272-4, ISBN online: 978-3-8288-7229-5, https://doi.org/10.5771/9783828872295-17

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
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17 1 Einleitung 1.1 Problemstellung, Erkenntnisinteresse und leitende Fragestellungen Die Forschungsarbeit nimmt sich eines Forschungsfeldes an, welches im kunstwissenschaft‑ lichen Bereich marginal behandelt und im aktuellen kunstpädagogischen und ‑didaktischen Diskurs noch nicht aufgegriffen wurde: der Frage nach der Sinnhaftigkeit und kunstwissen‑ schaftlichen Relevanz des Ausmalens von Ausmalbildern. Lässt man seinen Blick über Regale und Verkaufstische in Buchhandlungen schweifen, fallen einem unweigerlich die vielen Bücher auf, deren Titelseiten mit ornamentalen Mustern, Ranken, Blumen oder geometrischen Formen versehen sind. Erst ein zweiter und meist erstaunter Blick verrät, dass es sich um Ausmalbücher handelt – Ausmalbücher für Erwachsene. Adult Coloring – ein anhaltender und noch dazu internationaler Trend, der schleichend begann und immer mehr Anhänger findet. Ob Ausmalbilder nicht nur etwas für Kinder seien, wird kaum mehr hinterfragt. Dies wirft in der Kunstwissenschaft die Frage nach dem Warum auf? Warum beschäftigen sich erwachsene Menschen gegenwärtig unter den vorherrschenden gesellschaftlichen und soziologischen Bedingungen in ihrer Freizeit mit Ausmalbildern? Warum erwerben viele von ihnen eine ansehnliche Anzahl an Stiften – oft die qualitativ hochwertigeren und damit teureren Varianten –, kolorieren Ausmalbilder und tauschen sich zum Teil über ihre fertigen Werke aus? Menschen, die, hätte sie jemand zehn Jahre zuvor gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, Bilder auszumalen, nur verwundert den Kopf geschüttelt hätten. Die Buchhändler bestätigen, dass sich der Trend durch alle Bildungs- und Einkommensschichten zieht.1 Auffällig ist, dass ein Großteil der Ausmalbücher damit wirbt, entspannend, besinnlich, Stress reduzierend oder meditativ zu sein. Ist das Ausmalen also auf die Hoffnung vieler zurückzuführen, den Alltag dadurch stressfreier bewältigen zu können und Energie für den nächsten Tag zu gewinnen? Während die eine Hälfte der Tageszeitungen eine heilsame Wirkung annimmt, spöttelt die andere Hälfte über diese neue Art und Weise, Zeit totzuschlagen.2 Die zweite Frage, die sich im Hinblick auf die Kunstdidaktik und -pädagogik aufdrängt, ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ausmalens. Ausmalbücher und das Ausmalen im Allgemeinen haben im schulischen Kontext, insbesondere im Fach Kunst, einen schlechten Ruf, müssen die Schülerinnen und Schüler ja nichts weiter tun, als während des Kolorierens innerhalb der Konturlinien zu bleiben und ihre Stifte regelmäßig anzuspitzen. Selbst das Wort ausmalen ist von vielen Kunstkolleginnen und -kollegen negativ konnotiert, sodass im Falle des Falles höchstens vom farbigen Gestalten die Rede ist. Doch woher kommt dieser schlechte Ruf? Ist es die vermeintliche Einfachheit der Aufgabe des Farbauftrags, der womöglich geringe Lerneffekt oder die scheinbare Inkompatibilität mit den Kompetenzbereichen des Kunstunterrichts, die Unvereinbarkeit mit den erwünschten Lernzielen? 1 Huber, Matthias; Schulz, Jakob (2016): Bunte Zeiten. Malbücher für Erwachsene boomen – Stiftehersteller schieben nun Sonderschichten. In: Süddeutsche Zeitung 2016, 22.03.2016. 2 Hier beispielsweise der Artikel: Wiebking, Jennifer; Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH (2015): Ausmalbücher für Erwachsene: Schönfärberei. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH. Online verfügbar unter http://www.faz. net/aktuell/stil/leib-seele/ausmalbuecher-fuer-erwachsene-schoenfaerberei-13887065.html, zuletzt aktualisiert am 14.11.2015, zuletzt geprüft am 03.08.2016. 18 Wenn aber die beiden zuvor genannten Fragen zusammengenommen und weitergedacht werden, ergibt sich ein merkwürdiger Widerspruch: Wenn das Kolorieren von Ausmalbildern in den Augen vieler Erwachsener sinnvoll ist, warum gilt dann nicht dasselbe für Schülerinnen und Schüler? Und aus anderer Perspektive: Wenn das schlichte Ausmalen von Bildern offiziell keinen Einzug in den Kunstunterricht der Schulen gefunden hat, warum sollte es dann für Erwachsene gut sein? Oder können diese Fragen direkt beantwortet werden mit der Behauptung, Ausmalbilder sind für Erwachsene sinnvoll, weil sie scheinbar stressreduzierend wirken und Schülerinnen und Schüler dies nicht nötig haben. Dieses kleine Gedankenspiel zeigt, dass sich hinter dem Thema eine Komplexität verbirgt, die auf den ersten Blick nicht zu vermuten wäre. Ziel der Forschungsarbeit ist es, Antworten zu finden, die das Aufkommen des Ausmaltrends für Erwachsene im Kontext kultureller und sozialer Bedingungen und ihre Sinnhaftigkeit aus kunstwissenschaftlicher Sichtweise erklären. Darüber hinaus sollen didaktische Überlegungen für den schulischen Bereich angestellt werden. 1.2 Aktueller Stand der Forschung und Aufbau der Arbeit3 Um der Komplexität des Themas gerecht zu werden, müssen mehrere Themenfelder erschlossen und näher beleuchtet werden. Es handelt sich bei dieser Arbeit um ein Forschungsgebiet, welches zwar thematisch in der Kunstwissenschaft verankert ist, jedoch starke soziologische Aspekte beinhaltet. Obwohl Ausmalbilder in Form von mandalaähnlichen Motiven schon lange im Buchhandel zu kaufen sind und im Unterricht, trotz ihres schlechten Rufes, Verwendung finden, gibt es keine einschlägigen wissenschaftlichen Arbeiten oder Forschungsbemühungen, die sich mit Ausmalbildern sowohl für Kinder als auch für Erwachsene auseinandersetzen.4 Einige Zeitungs- und Onlineartikel ziehen als Referenz Studien über Maltherapien und Ausmalen im therapeutischen Kontext heran, um dem Ausmalen positive Effekte zuzuschreiben. Dies greift aber zu kurz, da das private Kolorieren von Ausmalbildern nicht zu vergleichen ist mit einer professionell angeleiteten Maltherapie.5 Aus diesem Grund stehen die Ausmalbilder zunächst im Fokus dieser Arbeit. Ihnen wird das 2. Kapitel gewidmet. Die Arbeit versteht sich in diesem Zusammenhang als Grundlagenforschung und will ein Fundament für spätere Forschungsfelder legen. Die Vielzahl an Erscheinungen soll gesichtet und beschrieben werden, bevor eine exemplarische Analyse einzelner Ausmalbilder erfolgt. Hier soll nachgewiesen werden, dass viele Motive, Formen und Abbildungen sowie die Anordnung der einzelnen Muster ihren Ursprung in den Ornamenten vergangener Kunstepochen haben. So gesehen sind die Ausmalbilder von heute eine 3 Einigen Kapiteln wurden bestimmte Zitate vorangestellt. Diese Zitate dienen nicht der bloßen Illustration, sondern sollen – wie ein Motto – einen ersten Zugang zu dem jeweiligen Kapitel öffnen und die im Kapitel zu beleuchtende Argumentation erläutern. 4 Ob das Ausmalen einen positiven Einfluss auf die Befindlichkeit hat, wurde noch nicht wissenschaftlich erwiesen. Siehe u. a.: Süddeutsche.de GmbH; Munich; Germany (2015): Trend: Malbücher für Erwachsene – Kritzeln gegen den Stress. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/stil/trend-malbuecher-fuer-erwachsene-kritzelngegen-den-stress-1.2434628, zuletzt geprüft am 03.08.2016. 5 So wird in diesem Artikel auf eine im Jahr 2006 durchgeführte Studie verwiesen, in der an Brustkrebs erkrankte Frauen an einer Maltherapie (im Kontext von Achtsamkeit) teilgenommen haben. Siehe: Dovey, Dana: The Therapeutic Science Of Adult Coloring Books. Online verfügbar unter https://www.medicaldaily.com/therapeuticscience-adult-coloring-books-how-childhood-pastime-helps-adults-356280, zuletzt geprüft am 13.05.2018. 19 Rückkehr zur längst bekannten Form- und Symbolsprache der Ornamentik, die seit dem frühen 20. Jahrhundert in Vergessenheit geraten ist. Ob mit dieser Rückkehr tendenziell eine Regression verbunden ist, wird im Verlauf der Arbeit untersucht werden. In diesem Zusammenhang werden besonders die Werke von Heuermann, Irmscher und Meyer berücksichtigt. Weiterhin muss sich die Arbeit der Frage widmen, ob es sich bei Ausmalbildern um Kunstwerke oder um reine Produkte handelt. Welcher ästhetische Wert kann Ornamentmotiven heute zugesprochen werden und welchen Reiz üben sie aus? Ziel ist es, die Ausmalbilder so weit zu analysieren, dass sie als Forschungsgegenstand gewinnbringend für die weitergehende Forschung genutzt werden können. Das 3. Kapitel befasst sich mit der theoretischen Aufarbeitung der Themenbereiche Ästhetik, bzw. Ästhetische Erfahrung, Be‑ und Entschleunigung sowie der Entgrenzung von Raum und Zeit, die sich aus einer ersten Annäherung an das Forschungsthema ergeben haben. Ästhetik ist ein, besonders in den letzten Jahren, viel beachtetes Thema innerhalb der Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik. Ebenso gibt es Bemühungen, Ästhetik in didaktischen Kontexten zu etablieren.6 Hier sollen Begrifflichkeiten historisch aufgearbeitet, analysiert und auf ihre mögliche Verwendung hin überprüft werden. Eine adäquate Definition, die einem kunstwissenschaftlichen Diskurs standhält und für die exemplarische Untersuchung geeignet ist, soll am Ende des Kapitels stehen. Im Mittelpunkt der soziologischen Aspekte Beschleunigung und Entschleunigung stehen die Auswirkungen eines beschleunigten Lebens und die Auflösung von Zeit- und Raumgrenzen aufgrund technischer Errungenschaften und gesellschaftlicher Normen. Der subjektive Umgang mit Beschleunigung sowie der Einfluss dieser im Kontext ästhetischer Erfahrungen werden thematisiert, genauso wie die unterschiedlichen Versuche einer Entschleunigung. Um diese facettenreiche Thematik zu erfassen, werden Werke aus der Soziologie (Rosa, Bauman, Elias), der Wirtschaft (Geissler) und der Philosophie (Virilio, Marx) herangezogen. Weiterhin befasst sich das Kapitel mit der Raumthematik: Räume sind kulturell, sozial und politisch aufgeladene Orte. Aufgeladen werden sie durch die Gesellschaft, die jedem Ort eine Bedeutung zuschreibt, und durch die Handlungen und Beziehungen des Individuums. Orte schaffen Stimmung, Atmosphäre, bedeuten Eingrenzung oder Raum für Fantasie und Kreativität, öffnen sich als Erfahrungs- oder Handlungsräume, geben aber auch der Gesellschaft eine hierarchische Ordnung mit bestimmten Regeln und Erwartungen. Gleichzeitig verlieren Räume und Zeiträume ihre Bedeutung als Orte lokalisierter Prozesse, da viele Abläufe durch 6 Hier sind zu erwähnen: Aissen-Crewett, Meike (2000): Ästhetisch-aisthetische Erziehung. Zur Grundlegung einer Pädagogik der Künste und der Sinne. Potsdam: Univ.-Bibliothek; Brandstätter, Ursula (2004): Bildende Kunst und Musik im Dialog. Ästhetische, zeichentheoretische und wahrnehmungspsychologische Überlegungen zu einem kunstspartenübergreifenden Konzept ästhetischer Bildung. Augsburg: Wißner (Forum Musikpädagogik, 60); Kämpf-Jansen, Helga (2002): Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft ; zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung. 3. Auflage. Marburg: Tectum-Verlag; Mollenhauer, Klaus (1996): Grundfragen ästherischer Bildung. Theoretische und empirische Befunde zur ästhetischen Erfahrung von Kindern. Unter Mitarbeit von Cornelie Dietrich, Hans Rüdiger Müller und Michael Parmentier. Weinheim und München: Juventa Verlag; Reuter, Oliver (2007): Experimentieren. Ästhetisches Verhalten von Grundschulkindern. München: Kopaed (Kontext Kunstpädagogik, 14). 20 die hohe Technisierung ortsungebunden durchgeführt werden können (Rosa spricht in diesem Zusammenhang von Nicht‑Orte7). Die Arbeit vertritt einen qualitativ-empirischen Ansatz und besitzt einen explorativen Charakter. Im Fokus steht die Generierung neuer Hypothesen. Das dazu benötigte Forschungsdesign sowie die Methoden zur Datenerhebung und -analyse werden im 4. Kapitel vorgestellt. Der empirische Teil der Arbeit folgt in Kapitel 5. Die exemplarische Untersuchung erfolgt durch problemzentrierte Interviews mit Personen, die sich in ihrer Freizeit mit Ausmalbildern beschäftigen. Die kolorierten Ausmalbilder der Befragten werden analysiert, um Aussagen über Herangehensweisen, Motivation sowie etwaige ästhetische Strategien und immanente Regeln des Ausmalens treffen zu können. Im anschließenden Kapitel 6 werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und reflektiert. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ausmalens in Bezug auf eine beschleunigte Gesellschaft soll hier beantwortet werden. Überlegungen für zukünftige Forschungsbemühungen runden das Kapitel ab. Das letzte Kapitel stellt verschiedene Möglichkeiten vor, Ausmalbilder im schulischen Kontext zu nutzen. Die Arbeit strebt an, das Themenfeld in Anbetracht der gesellschaftlichen Relevanz für die Schule fruchtbar zu machen. 7 Siehe: Rosa, Hartmut (2013): Beschleunigung und Entfremdung. Entwurf einer Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Unter Mitarbeit von Robin Celikates. 1. Auflage, Originalausgabe. Berlin: Suhrkamp, S. 21.

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Zusammenfassung

Jan Stollmeier geht der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ausmalbüchern für Erwachsene nach und untersucht den seit einigen Jahren andauernden Trend, der im kunstwissenschaftlichen Bereich bisher keine Beachtung fand. Der Autor weist in seiner qualitativ-empirisch angelegten Arbeit nach, dass Ausmalbilder auf dem geschichtsträchtigen Formenrepertoire der Ornamentik beruhen und in der Lage sind, vielfältige ästhetische Erfahrungen zu initiieren und sowohl simple als auch komplexe Malstrategien hervorzubringen. Die Untersuchung beruht auf einem interdisziplinären Forschungsansatz und greift kunstwissenschaftliche, soziologische und philosophische Aspekte auf, um anhand biografischer Fallrekonstruktionen Ausmaltypen herauszuarbeiten, die die Grundlage für eine abschließende Theorie bilden. Ausmalen ist demnach ein Trend der heutigen Zeit, weil es für die Ausmalenden eine probate Möglichkeit darstellt, zur Ruhe zu kommen und sich vom Alltag zu erholen. Er setzt sich aufgrund veränderter Lebensbedingungen durch, die mit einem Raumverlust und einer sozialen wie gesellschaftlichen Beschleunigung einhergehen, die es unabdingbar machen, eigene Orte und eigene Räume der Entschleunigung zu inszenieren. Die Arbeit widmet sich ebenso der Frage, wie sinnvoll Ausmalbilder im schulischen Kontext sind, und zeigt Möglichkeiten auf, Ausmalen gewinnbringend und unter Berücksichtigung von Lehrplänen, Achtsamkeit und exekutiver Funktionen im Kunstunterricht einzusetzen. „Mit seiner Untersuchung zu Ausmalbüchern von Erwachsenen legt Jan Stollmeier für das Fach Kunstpädagogik ein Grundlagenwerk vor, an dessen zentralen Thesen und Positionen in der Theoriebildung zu diesem Sujet zukünftige Diskurse in diesem Bereich nicht vorbeikommen können.“ Jutta Ströter-Bender