Content

5 Die empirische Untersuchung in:

Jan Stollmeier

Ausmalbücher für Erwachsene, page 103 - 148

Die eigene Grenzsetzung und die Rückgewinnung von Raum in einer beschleunigten Gesellschaft

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4272-4, ISBN online: 978-3-8288-7229-5, https://doi.org/10.5771/9783828872295-103

Series: KONTEXT Kunst - Vermittlung - Kulturelle Bildung, vol. 21

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
103 5 Die empirische Untersuchung In diesem Kapitel erfolgen die Datenerhebung und die Auswertung der Forschungsarbeit. Der Arbeitsprozess wird dabei sehr detailliert beschrieben, um den im letzten Abschnitt benannten Gütekriterien gerecht zu werden (siehe Kapitel 6.3). Der Nachvollzug der Erhebung und die Auswertung stehen ebenso im Vordergrund wie der entstehende Diskurs und die Generierung von Hypothesen. Hierfür wird die Datenerhebung zunächst tabellarisch vorgestellt. Anschließend erfolgt der Ablauf der Untersuchung, beginnend mit der Annäherung an das Forschungsthema und der theoretischen Grundlagenforschung über die geführten Interviews bis hin zu der Formulierung verschiedener Ausmaltypen. 5.1 Datenerhebung Die nachfolgende Tabelle gibt einen Überblick über den Zeitraum der Datenerhebung und die Aufzeichnungsmethode: Forschungsablauf Datenerhebung Datenaufzeichnung Erhebungszeitraum Annäherung an das Forschungsthema • 12 Zeitungs- und Onlineartikel • Alltagsgespräche • Erkenntnisinteresse • Textdokumente • April 2015 bis April 2016 Erstes Interview (Teil 1) Erstes Interview (Teil 2) • Fragebogen • Interview • Audioaufnahme • Fragebogen • Mittwoch, 21. Februar 2018 • Freitag, 23. März 2018 Zweites Interview • Fragebogen • Interview • Audioaufnahme • Fragebogen • Donnerstag, 8. März 2018 Drittes Interview • Fragebogen • Interview • Audioaufnahme • Fragebogen • Freitag, 20. April 2018 Tabelle 1: Datenerhebung. 5.2 Annäherung an das Forschungsthema Zu Beginn der Arbeit existierten ein Erkenntnisinteresse und die damit verbundenen Fragestellungen, die die Herangehensweise und die Methodenwahl bestimmten.395 Reichertz fordert für eine qualitative Forschung aber besonders in der Einstiegsphase eine unstrukturierte und naive Datenerhebung.396 Auf diese Weise stammen die Themen direkt aus dem Forschungsfeld und nicht allein aus dem Gedankengut des Verfassers. Dies hat den großen Vorteil, die 395 Vgl. ebd., S. 16. 396 Vgl. Reichertz, Jo (2003), S. 89 f. 104 Forschung nicht schon von Beginn an einzuschränken und dadurch Gefahr zu laufen, wichtige Aspekte auszuklammern. Die Annäherung an das Forschungsthema begann mit ersten Informationen durch Alltagsge‑ spräche397 und der Sichtung und Analyse von zwölf Zeitungs- und Onlineartikeln, die innerhalb eines Jahres veröffentlicht wurden (April 2015 bis April 2016). Die Inhalte wurden zunächst ausgewertet und induktiv in Kategorien zusammengefasst (siehe Anhang 11.1).398 Dabei sind noch keine qualitativen Aussagen über einzelne Aspekte getroffen worden. Ausschlaggebend war zunächst die Häufigkeit der Nennungen. Bei der Analyse fiel auf, dass alle Artikel vom Aspekt der Entspannung dominiert werden, der beim Ausmalen zum Tragen kommen soll. Die Autoren und Autorinnen ziehen Vergleiche zu Meditation, Yoga, Zen oder beschreiben das Ausmalen als Beschäftigungs- oder Anti-Stresstherapie. Herangezogen werden dafür Aussagen von Personen aus dem Buchhandel, dem Verlagswesen, der Psychologie und der Kunstpädagogik. Der hektische Alltag, die Anforderungen des digitalen Zeitalters und die Beschleunigung sowohl im Privaten als auch im Beruf werden als Gründe für den Ausmaltrend genannt. Die Konzentration auf das Ausmalen soll all diesem entgegenwirken und Stress abbauen. In diesem Zusammenhang fällt außerdem der Begriff Entschleunigung. Im Bereich der Motive und Flächen widersprechen sich die Artikel. Postulieren die einen, dass das Ausmalen kleiner und filigraner Flächen die Konzentration besonders fördere, betonen die anderen die Anstrengung, die damit verbunden ist und nur das Kolorieren größerer Flächen eine erholsame Wirkung verspräche.399 Wissenschaftliche Belege für einen positiven Effekt des Ausmalens gibt es nicht, wie die Autorinnen und Autoren betonen, zum jetzigen Zeitpunkt aber auch keine, die dagegen sprechen. Viele sehen in der Verknüpfung von Ausmalen und Entspannung daher eine Marketingstrategie, um die Ausmalbücher besser verkaufen zu können. Eine weitere Kategorie bildet das Themenfeld Stifte. Zum einen vermelden fünf der ausgewerteten Artikel eine Umsatzsteigerung bei den Stiftherstellern, zum anderen wird der Stift als analoges Schreibwerkzeug im Kontrast zum digitalen Alltag gesehen. Das Ausmalen von Bildern mit Buntstiften ist für einige eine Kulturtechnik aus Kindertagen, die Erinnerungen wachrufen kann. Nahezu alle Artikel benennen die Ausmalbücher mit ornamentalen Pflanzen- und Tierlandschaften der schottischen Illustratorin Johanna Basford als Hauptgrund für den Ausmaltrend. Aus der Analyse ergaben sich folgende Themenfelder, die theoretisch aufgearbeitet wurden: • Ausmalbücher mit ornamentalen und naturhaften Motiven • Ausmalbilder der Illustratorin Johanna Basford • Stifte als analoge Schreib‑ und Zeicheninstrumente 397 Alltagsgespräche sind für Lueger eine legitime Form der Datenerhebung, die er neben weiteren Methoden empfiehlt. Da die Gespräche für die vorliegende Arbeit aber so unmittelbar und spontan abliefen, fanden keine Tonaufnahmen statt. Aus diesem Grund können sie lediglich als Annäherung an die Thematik dienen und nicht für eine direkte Analyse. Siehe dazu: Lueger, Manfred (2010): Interpretative Sozialforschung. Die Methoden. 1. Aufl. Wien: facultas.wuv (UTB Soziologie, 3307), S. 153 f. 398 Induktiv deshalb, weil die Kategorien sowie deren Namen direkt aus den analysierten Texten stammen. 399 Siehe dazu: Online, FOCUS (2016): Malbücher für Erwachsene: Was steckt hinter dem Stress-Weg-Trend? –Video. Online verfügbar unter https://www.focus.de/finanzen/videos/tausende-machen-schon-mit-malbuecher-fuererwachsene-was-steckt-hinter-dem-stress-weg-trend_id_5264364.html, zuletzt aktualisiert am 05.02.2016, zuletzt geprüft am 18.02.2018 und: KLU (2016): Ausmalbuch. In: Süddeutsche Zeitung 2016, 04.04.2016 (Nr. 79). 105 • Ausmalen als Regression • Beschleunigung und Entschleunigung als gesellschaftliches Phänomen Im Zuge der Annäherung, dem eigenen Erkenntnisinteresse und der theoretischen Auseinandersetzung mit Ausmalbildern entstand die Frage nach einem ästhetischen Wert der Bilder und ob diese zu ästhetischen Erfahrungen führen. Eng verzahnt mit dem Thema der sozialen Beschleunigung ist das der Entgrenzung. Die Auflösung von Räumen, die Entdeckung und Verbreitung digitaler Räume sowie die sich aufhebende Trennung zwischen Beruflichem und Privatem scheint ein wichtiger Aspekt zu sein, warum Ausmalbilder zu einem Trend geworden sind. In diesem Kontext ist zudem sinnvoll, einen Überblick über die Verknüpfung von Kunst mit Raum und Zeit zu erarbeiten, um die ausgewählten Themenfelder dieser Arbeit aus kunsthistorischer Sicht zu legitimieren. So ergaben sich weitere Aspekte, die den theoretischen Grundlagen hinzugefügt wurden: • Ästhetik und ästhetische Erfahrung • Raum und Entgrenzung innerhalb der Gesellschaft • Raum und Zeit im Kontext von Kunst Die durch die Auswertung der Artikel generierten Themen wurden in Kapitel 2 und 3 für diese Forschung mit aktueller und älterer Literatur aufbereitet. Aufkommende Fragestellungen wurden in die Forschungsarbeit integriert. So widmet sich die Arbeit der Ornamentik im Hinblick auf die verwendeten Motive in Ausmalbildern, erforscht die Frage, ob Ausmalbilder Kunstwerke sind und untersucht die gesellschaftliche Beschleunigung in ästhetischen Kontexten. Die gewonnenen theoretischen Grundlagen fließen in den Leitfaden mit ein, der nachfolgend erläutert wird. 5.3 Entwicklung des Leitfadens Der Leitfaden (siehe Abb. 24) unterstützt das problemzentrierte Interview. Er gliedert alle relevanten Aspekte der Untersuchung in verschiedene Bereiche, die im Verlauf des Interviews von dem oder der Befragten selbst angesprochen, sich im Gespräch entwickeln oder durch den Interviewer thematisiert werden. Dadurch ist gewährleistet, dass alle Interviews die gleichen Eckpunkte der Arbeit abdecken und in Bezug zu allen Aspekten analysiert werden können. So können die späteren Hypothesen, bzw. die generierten Ausmaltypen objektiver miteinander verglichen werden. Wie im vorangegangenen Kapitel erwähnt, soll der Leitfaden nicht von chronologischer Natur sein. Um dies zu verhindern, werden die aufgearbeiteten Themenfelder in vier Bereiche unterteilt und als Mind‑Map dargestellt.400 Aspekte, die zu zwei Bereichen gehören, sind visuell gekennzeichnet. 400 Dadurch erfährt kein Bereich eine gesonderte Gewichtung (im Gegensatz zu einer reinen Auflistung). 106 11 9 Ab bi ld un g 24 : L ei tfa de n fü r d ie In te rv ie w s. Be sc hl eu ni gu ng En ts ch le un ig un g Ra um Gr en ze n Äs th et ik Au sm al bi ld Au sm al pr oz es s Vo rü be rle gu ng en Äs th et isc he r F lo w Pr äf er en ze n Ge da nk en Er fo lg se rle bn is Fa rb au sw ah l M al st ra te gi en Ve rä nd er un ge n St ift e Fe rt ig e Bi ld er Pr od uz en t/ Re zip ie nt De ta ilg ra d M ot iv e Tr äg er m at er ia l Ze itp un kt u nd Hä uf ig ke it Fo rm en d er En ts pa nn un g Da ue r d es M al en s Ze ite m pf in de n Re gr es sio n Ne ue M ed ie n Er re ich ba rk ei t Tr en nu ng v on Pr iv at em u nd Be ru fli ch em Um ge bu ng Ri tu al Un te rb re ch un ge n Vo rb er ei tu ng de s M al en s Be te ili gt e W er tig ke it de s Pa pi er s An de re k ün st le risc he T ät ig ke ite n A bb . 2 4: L ei tfa de n fü r d ie In te rv ie w s. 107 5.4 Anmerkungen zur Durchführung und Darstellung der Auswertung Die Interviews wurden in dem Zeitraum von Februar 2018 bis April 2018 durchgeführt (siehe Kapitel 5.1, Tabelle 1). Die Interviewpartnerinnen wurden über soziale Netzwerke gesucht, aber letztendlich entstand die Kontaktaufnahme über gemeinsame Bekannte zwischen den Befragten und dem Verfasser. Alle Interviewpartner sind weiblich und zwischen 20 und 60 Jahren alt. Das erste Interview fand aus zeitlichen Gründen an zwei Tagen statt. Dies gab der Befragten die Gelegenheit, ihre Ausmalbilder sowie eine angefertigte Flurkarte aus ihrer Studienzeit (Vermessungswesen) zum zweiten Termin mitzubringen. Da es sich bei der Interviewten um eine Arbeitskollegin des Verfassers handelt, wurden beide Interviews am Arbeitsplatz aufgezeichnet. Die weiteren Interviews fanden in den jeweiligen Wohnungen der Befragten statt. Beide hatten sich auf das Interview vorbereitet und ihre Ausmalbilder und verwendeten Stifte bereitgelegt. Die Interviewlänge variiert sehr stark. Während das erste Interview eine Gesamtlänge von ca. 30 Minuten hat, kommt das zweite Interview auf ca. 90 Minuten. Das dritte Interview ist ca. 50 Minuten lang. Diese zeitlichen Unterschiede sind durch die narrativen und nachfragenden Phasen bedingt. Während das erste und dritte Interview einen dialogischen Charakter aufwiesen, beinhaltet das zweite Interview über weite Strecken narrative Erzählmomente. Auf die Qualität kann und soll anlässlich der quantitativen Differenzen nicht geschlossen werden. Nach der Erhebung und einer ersten Sichtung der Fragebögen wurde die Reihenfolge der Auswertung festgelegt: Die erste Fallrekonstruktion bezieht sich inhaltlich nur auf mandala- ähnliche Ausmalbilder. Die zweite Fallrekonstruktion thematisiert sowohl diesen Bereich als auch die naturhaften Ausmalbilder von Johanna Basford. In der letzten Fallrekonstruktion beschäftigt sich die Befragte ausschließlich mit den Ausmalbüchern von Basford und sorgt somit für einen maximal kontrastiven Vergleich. Die Darstellung der Auswertung wird in der ersten Fallrekonstruktion exemplarisch durchgeführt. Im Sinne der Nachvollziehbarkeit und um den in Kapitel 4 angesprochenen Methoden und Auswertungsverfahren gerecht zu werden, werden die Auswertung des Fragebogens und des exemplarisch kolorierten Ausmalbildes, die Sequenzanalyse und die damit einhergehende Hypothesengenerierung sowie die schlussendliche Beschreibung des Ausmaltyps ausführlich dargelegt. Die weiteren Fallrekonstruktionen werden ergebnisorientiert vorgestellt, das heißt, die jeweilige Sequenzanalyse wird zusammengefasst und mit für die Hypothesengenerierung prägnanten Belegen aus dem Interview präsentiert.401 Der Auswertungsprozess ist somit nur an essenziellen Textstellen sichtbar, soll aber dennoch plausibel und überprüfbar sein. Die verwendeten Zitate und Auszüge der Interviews werden in den Fallrekonstruktionen zur Unterscheidung kursiv dargestellt. Für eine bessere Lesbarkeit wurden die Zuhörersignale entfernt. Alle Interviews können im Original im Anhang nachgelesen werden (siehe ab Anhang 11.2). Die abschließende Formulierung der jeweiligen Ausmaltypen findet wie in der ersten Fallrekonstruktion ausführlich statt. 401 Eine ergebnisorientierte Darstellung schlägt auch Rosenthal vor. Die Darstellung des gesamten Auswertungsprozesses wirkt undurchsichtig und weniger nachvollziehbar als eine komprimierte Zusammenfassung. Vgl. Rosenthal, Gabriele (2015), S. 103 f. 108 5.5 Erste Fallrekonstruktion 5.5.1 Auswertung des Fragebogens Die Befragte ist weiblich, zwischen 40 und 50 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern. Sie ist studierte Diplom-Ingenieurin (Vermessungswesen) und arbeitet Vollzeit als Lehrerin an einer Realschule. Als Hobbys gibt sie Lesen, Reisen und sportliche Aktivitäten an. Die Befragte besitzt einen hohen Bildungsstandard, ist belesen und arbeitet gerne mit Menschen, wie aus ihrer Biografie hervorgeht. Sie ist stark im Alltag eingespannt und muss diesen gut organisieren, um der Familie und dem Beruf gerecht zu werden. Weiterhin kann von ausgeprägten sozialen und kommunikativen Fähigkeiten ausgegangen werden sowie der Fähigkeit, mit Belastungen umgehen zu können. Zeit müsste demnach ein wichtiges Gut für sie sein. Damit ist zum einen die Zeit für Familie und Arbeit gemeint und zum anderen die Zeit, die sie für sich erübrigen kann. In diesem Zusammenhang ist auch der Lehrerberuf zu sehen, der verhältnismäßig oft eine Vermischung von Privatem und Beruflichem mit sich bringt (Vorbereitung der Stunden, Korrekturen, Elterngespräche am Abend etc.) und die Zeiteinteilung schwieriger gestaltet. Laut Fragebogen begann die Befragte schon früh, sich mit Ausmalbildern auseinanderzusetzen. Demnach wird sie Präferenzen und Malstrategien ausgebildet haben. Aufgrund ihrer Berufsausbildung besitzt die Befragte Erfahrungen im Zeichnen, Planen und Vermessen. Da sie beruflich bedingt eher mit technischen Zeichnungen zu tun hatte, die mit Hilfsmitteln (Lineal, Schablonen, Raster) gestaltet wurden, könnte sie eine Abneigung gegenüber einer geometrischen und exakten Formsprache entwickeln oder genau diese präferieren. Ob diese Überlegungen für die Tätigkeit des Ausmalens zutreffen, kann erst im Verlauf der Sequenzanalyse festgestellt werden. Ihre Freizeitgestaltung ist abwechslungsreich und beinhaltet sportliche, aktivierende und entspannende Elemente. Die Befragte reist gerne und möchte Neues kennenlernen, ist an anderen Kulturen interessiert, aufgeschlossen gegenüber Unbekanntem, weiß aber auch um Entspannungsmöglichkeiten. Diese Vermutungen lassen die Fragen aufkommen, warum die Interviewte sich mit Ausmalbildern beschäftigt und ob diese Beschäftigung einen kontemplativen, künstlerisch-kreativen (da sie sonst keinen anderen künstlerischen Tätigkeiten nachgeht) oder technischen Schwerpunkt besitzt. 5.5.2 Analyse des Interviews Nachfolgend werden die beiden Interviews mit der Befragten analysiert. Dazu wurden die Gespräche in 34 Sequenzen gegliedert, tabellarisiert und inhaltlich zusammengefasst (siehe Tabelle 2 und Tabelle 3). Um die Analyse nachvollziehen zu können, wird die Analyse chronologisch entlang der Sequenzen erfolgen. Prägnante Aussagen der Befragten, teilweise in gekürzter Form, werden in den Fließtext eingeflochten. Beide Interviews zur ersten Fallrekonstruktion sind im Anhang nachzulesen (siehe Anhang 11.3). 109 Sequenz Zeile Thema Inhalt 1 1–10 Erste Beschreibung Sie nennt Gründe für das Malen von Ausmalbildern 2 11–19 Spontanes und bewusstes Malen Sie beschreibt, in welchen Momenten sie malt 3 20–29 Ort des Malens Der Ort und die persönliche Abgeschiedenheit werden benannt, ebenso der Umgang mit Störungen 4 30–37 Motive und Figuren Sie begründet ihre bevorzugten Motive und Figuren 5 38–42 Stifte und Farben Begründung der Farbwahl 6 43–61 Malstrategien Sie beschreibt, wie sie ein Ausmalbild ausmalt, schildert ihre Überlegungen 7 62–70 Argumentation für Entspannung Sie erklärt, warum das Ausmalen ihr hilft, sich zu entspannen 8 71–83 Zeitraum des Malens Der vorgenommene und der tatsächliche Zeitraum gehen auseinander 9 84–91 Beenden des Ausmalbildes Der Drang, das Ausmalbild oder einen Bereich des Bildes zu beenden 10 92–106 Produkt und Prozess Aufbewahrung und Wert des fertigen Bildes und der Prozess des Malens 11 107–115 Die Zeit vergessen Sie beschreibt das Abtauchen in den Malprozess 12 116–125 Intuitive Planung Vorgehensweise und Überlegungen zu einem Ausmalbild 13 126–133 Runterkommen Sie trinkt Tee während des Ausmalens 14 134–147 Malen kleinster Motive Durch kleine Schritte gekennzeichnete und durch kleine Flächen und Motive forcierte Entspannung 15 148–155 Perfektion Beim Ausmalen über die Linien kommen 16 156–160 Anfänge des Malens Sie erzählt, wie sie früher mit Tusche Ornamente koloriert hat 110 17 161–193 Erklärung für den Trend Sie führt den hektischen Alltag als Grund an und sieht im Ausmalen eine Regression, da früher wohl jeder schon als Kind einmal ausgemalt hätte 18 194–203 Erinnerung an das Malen in ihrer Kindheit Früher malte sie klassische Ausmalbücher aus 19 204–216 Umgebung Beschreibung des Malortes Tabelle 2: Sequenzierung des ersten Interviews, Teil 1. 111 Sequenz Zeile Thema Inhalt 20 1–41 Malbeginn Sie schildert den Prozess des Malens 21 42–61 Endprodukt Erörterung, wann ein Ausmalbild gelungen oder nicht gelungen ist 22 62–83 Beenden von Prozessen Sie beschreibt den Drang, Dinge und Prozesse zu beenden 23 84–90 Präsentation von Ausmalbildern Die fertigen Ausmalbilder zeigt sie nur ihrem Mann oder ihrer Tochter 24 91–104 Papierqualität Sie begründet, warum sie direkt in den Büchern malt und welche Papierqualität sie bevorzugt 25 105–111 Auswahl von Stiften Sie verwendet die Stifte intuitiv und spontan 26 112–133 Trennung von Privatem und Beruflichem 1 Sie erklärt den fließenden Übergang von Privatem und Beruflichem 27 134–142 Trennung von Privatem und Beruflichem 2 Manchmal wünscht sie sich, Berufliches und Privates stärker trennen zu können 28 143–152 Erreichbarkeit Während des Malens ist die Befragte nicht zu erreichen 29 153–170 Freies Malen Sie schildert, warum sie Ausmalbilder dem Freien Malen vorzieht 30 171–174 Gemeinsames Malen Die Befragte nennt Gründe, warum sie alleine ausmalt 31 175–181 Erfolgserlebnis Sie erlebt ein Erfolgserlebnis, wenn sie ein Bild fertiggestellt hat 32 182–194 Bevorzugte Motive Sie begründet die Wahl der Motive 33 195–210 Andere Formen der Entspannung Die Befragte nennt andere Entspannungsformen und beschreibt, welchen Vorteil das Ausmalen für sie hat 34 211–233 Künstlerische Tätigkeiten und abstrakte Formen Sie hat sich früher mit Seidenmalerei beschäftigt und präferiert dort ebenso abstrakte Formen Tabelle 3: Sequenzierung des ersten Interviews, Teil 2. 112 Sequenz 1, (1–10) Die Befragte beginnt ihre erste Antwort im Interview mit einer Frage an sich selbst: … wann mal ich Ausmalbilder? Dieser Einstieg kann einerseits bedeuten, dass sie sich bis jetzt noch nicht gefragt hat, zu welchem Zeitpunkt sie eigentlich dieser Beschäftigung nachgeht, also keine konkrete Antwort darauf weiß, oder sie sich Gedanken darüber machen muss, wann und aus welchen Gründen sie sich mit Ausmalbildern beschäftigt. Andererseits kann es andeuten, dass ihre Motivation zum Ausmalen vielschichtig ist und sie überlegen muss, wie sie diese Komplexität in Worte fassen kann. Demzufolge müsste im Verlauf des Interviews eine detaillierte Beschreibung erfolgen: Ausmalbilder mal ich, wenn ich (.) mich erholen möchte, mich ein bisschen (.) regene‑ rieren möchte. Da hab ich (.) dann Zeit für mich. Erholung, Regeneration und Zeit für sich selbst stehen bei ihr im Vordergrund. Dieser Umstand wird ihr beim Erzählen bewusst, die Sprechpausen verstärken diesen Eindruck. Die Beschreibung deutet außerdem einen anstrengenden Alltag an. Gleichzeitig weiß sie um ihre Belastungsgrenze und fordert bewusst Zeit für sich ein. Sollte die Vermutung stimmen, müsste sie im fortlaufenden Interview die Beschäftigung mit Ausmalbildern als wohltuend oder stressreduzierend benennen. Für diese Haltung spricht auch die Vorbereitung auf das Ausmalen: Ich koch mir einen Tee, mach’s mir nett. Die Aussage lässt einen bewussten und einen sich wiederholenden, vielleicht sogar rituellen Vorgang vermuten. Das Ausmalen nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch, da sie ansonsten keine Vorbereitungen für das Ausmalen treffen würde. Und (.) male dann die Bilder ne halbe Stunde, ne Stunde, je nachdem, (2) wie viel Zeit ich habe, ne? Aber ich nehm mir Zeit, bewusst Zeit, um (.) da die Zeit für mich genießen zu können, ne? Die Zeit wird konkret von ihr benannt und bestätigt die oben genannte Vermutung. Die Aussage, sich bewusst Zeit zu nehmen, wird abermals betont. Diese mehrfache Erwähnung schon zu Beginn des Interviews ist besonders relevant, da es die Hypothese zulässt, Ausmalen ist ein persönlicher, zeitintensiver Prozess und darüber hinaus geeignet, sich zu entspannen. Die Zeit zum Ausmalen wird bei ihr aber von außen bestimmt, wie an der zwei Sekunden langen Pause vor der Aussage „… wie viel Zeit ich habe, ne?“ erkennbar ist. Weil ihr diese Einschränkung aber bewusst wird, schiebt sie einen mit der Konjunktion aber einleitenden Satz nach, der nachdrücklich erklärt, dass sie die Zeit, selbst wenn sie einer Einschränkung unterlegen ist, dennoch selbstbestimmt nutzt, also über sie verfügt. Aus dieser ersten Sequenz können folgende Überlegungen abgeleitet werden: Für die Befragte ist das Ausmalen ein wichtiger Prozess zur Entspannung und zur Regeneration. Sie bereitet sich darauf vor und nimmt sich bewusst Zeit. Sie genießt diese persönliche Zeit für sich und sucht eine Abgrenzung zum arbeitsintensiven Alltag. Das Ausmalen ist demzufolge eine eher intime und persönliche Angelegenheit. 113 Sequenz 2, (11–19) Die zweite Sequenz beschreibt die unterschiedlichen Situationen, in denen sie malen möchte. Das Ausmalen kann geplant oder spontan sein. Dies ist maßgeblich von den Anforderungen des Alltags abhängig: Also das ist äh tatsächlich sehr unterschiedlich. Manchmal plan ich das bewusst. Dass ich dann sage, ich hab ne halbe Stunde für mich, mach das dann, oder (.) wenn ich dann wirklich ne stressige Arbeit hatte, (.) dann nehm ich mir spontan Zeit. Dies unterstützt die Hypothese, malen als Entspannungsmethode zu nutzen. Eine vorbereitete Umgebung erleichtert die spontane Entscheidung zum Malen. Die Ausmalblöcke liegen griffbereit. Zum Kolorieren verwendet sie Buntstifte: Es liegt am Schreibtisch, die Buntstifte, die (.) Blöcke und dann (.) zeichne ich oder mal ich spontan los. Der Vorteil von Ausmalbildern gegenüber vielen anderen künstlerischen Tätigkeiten ist die kurze Vorbereitungsphase. Acryl-, Aquarell- oder Ölmalerei eigenen sich weniger zum spontanen und kurzen Arbeiten. Wasser, Verdünner, Pinsel, Leinwand oder Papier müssen bereitgestellt und nach dem Malen wieder aufgeräumt werden. Findet das Ganze in der Wohnung statt, müssen womöglich noch Vorbereitungen getroffen werden, um die Möbel oder den Boden vor Verunreinigungen zu schützen. Dieser Aufwand wird nur betrieben, wenn für das Malen selbst ausreichend Zeit zur Verfügung steht. Ausmalbilder füllen demnach eine Lücke innerhalb der künstlerischen Tätigkeiten aus, da sie schnell einsatzbereit sind, nichts verschmutzen und sich für sowohl kurze als auch längere Malphasen eignen. Sequenz 3, (20–29) Die dritte Sequenz behandelt den Arbeitsplatz der Befragten. Dieser liegt abgelegen von der restlichen Wohnung im Obergeschoss. Die Familie weiß, dass sie dort nicht gestört werden möchte. Und da hab ich meine Ruhe, da geht nur jemand rein, (2) der mich wirklich stören möchte. Weil zu Hause, familiär gesehen, wissen die, da oben hat Mama ihre Ruhe, ne? Die Nachfrage, wie sehr sie Unterbrechungen stören, beantwortet sie wie folgt: Es stört mich tatsächlich, weil es ja Zeit für mich ist. (…) Die ich für mich bewusst nutzen möchte, ne? Ihre Aussage erweckt wiederholt den Eindruck einer sehr persönlichen Tätigkeit. Die Auswahl des Ortes legt folgende Vermutung nahe: Der Raum wird aufgrund seiner Lage und seiner Bedeutung innerhalb der Familie gewählt (es ist ihr Büro und dort hat „Mama ihre Ruhe“) und stellt eine Grenze zum Rest der Familie dar, einen Rückzugsort aus räumlicher und interaktiver Sicht. Damit sich diese Hypothese bestätigt, müsste sie im Verlauf des Interviews das Gefühl der Abgrenzung zum Ausdruck bringen. 114 Sequenz 4, (30–37) Das Interview konzentriert sich ab diesen Zeitpunkt zunächst mehr auf die Ausmalbilder. Die Befragte bevorzugt geometrische Elemente, vor allem Dreiecke. Dies führt sie auf ihren Beruf als Vermessungsingenieurin zurück. Also da ich ja beruflich gesehen Vermessungsingenieur bin, bin ich so auf geometrischgeometrische Figuren fixiert. Also ich mag es, (.) Figuren, die sich aus Geometrieelementen zusammensetzen (I: ja), ne? Finde ich sehr interessant. Vor allen Dingen so (.) Dreiecke find ich (.) find ich schön, ne? Hiermit bestätigt sich die bereits durch die Sichtung des Fragebogens getroffene Annahme über die favorisierten geometrischen Formen. Das Ausmalen von Dreiecken ist aufgrund ihrer Form im Gegensatz zu anderen Formen eher schwierig durch die spitz zulaufenden Ecken. Es ist zu vermuten, dass sie sehr genau, ordentlich und behutsam ausmalt, ohne über die bestehenden Konturlinien zu malen. Ihr präzises Arbeiten lässt sich an ihren Flurkarten erkennen, die sie zum zweiten Interviewtermin mitbrachte (siehe Abb. 25). Diese ist äußerst detailliert und akkurat angefertigt. Ebenso ist hier der Umgang mit Schablonen und einem angelegten Raster erkennbar. Weiter führt sie aus: Also die sich so ineinander (.) optischen Eindruck machen, also es sind unterschiedliche Sachen. Ihr sind nicht nur die Einzelformen wichtig, sondern der Gesamteindruck des Bildes. Diese Aussage lässt eine Interpretation im Hinblick auf ästhetische Vorstellungen zu. Da der Eindruck des Ausmalbildes von Bedeutung ist, wird sie sich Gedanken um die farbliche Gestaltung machen, bzw. das Bild so kolorieren, dass es ihren ästhetischen Vorstellungen entspricht. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was mit den fertigen Bildern geschieht und ob sie diese, wenn ihr das Muster und die farbliche Gestaltung gefallen, aufbewahrt oder in ihrer Wohnung aufhängt. Sequenz 5, (38–42) Im nächsten Abschnitt des Interviews werden die Stifte und die Farbwahl thematisiert. Die Befragte verwendet ausschließlich Buntstifte, wie bereits früher im Interview erwähnt. Ihre Lieblingsfarben sind Blau und Rot: Also ich nehme Buntstifte. (I: ja) Ne? Ich liebe (.) Blautöne. (.) Und Rottöne als Kontrast. Also (I: ja) ich liebe beide Farben, weil die sich so herrlich abstufen, diese Farben. Ne? Buntstifte können die Intensität je nach Farbauftrag verändern (blass oder kräftig), lassen also mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu, und sind daher von zentraler Bedeutung für ihre ästhetischen Vorstellungen. Die Farbpräferenz der Befragten spricht eindeutig für eine Malstrategie. Die Erwähnung des Kontrastes beider Farben untermauert diese Hypothese. 115 Abb. 25: Eine von der Befragten erstellte Flurkarte. Sequenz 6, (43–61) Im weiteren Verlauf verstärkt sich der Eindruck von Malstrategien, die die Befragte anwendet. In Verbindung mit den Farben Blau und Rot benennt sie den Kalt-Warm-Kontrast und einen räumlichen Eindruck, den sie mit dem Bild erreichen möchte. Einmal kalt, einmal warm. Dann auch wirklich mh ja koloriert, ganz leicht, stärker, je nachdem, was man da auch, was ich auch selber für einen räumlichen Eindruck vielleicht mit dem Bild erreichen möchte. Damit intendiert sie eine Zielvorstellung und untermauert die aufgestellte Hypothese ästhetischer Vorstellungen, die während des Kolorierens verfolgt werden. Sie macht sich während des Malens Gedanken um das fertige Ausmalbild und bestärkt damit die Hypothese, das Ausmalbild als fertiges Produkt sei bedeutsamer als der Prozess. Im Interview wird daraufhin die Vorgehensweise im Hinblick auf die Planung und die Farbwahl thematisiert. Also ich fange irgendwo an. (.) Also häufig in der Mitte. (I: ja) (.) Und in der Mitte äh wahrscheinlich auch je nach Laune mal sehr dunkel, sehr stark, (.) oder halt sehr zart. Und dann entwickelt sich das von innen nach außen oder, ne? Also meistens von innen nach außen. (.) Je nach Laune wird man dann sanfter. (I: ja) Oder es verstärkt sich noch weiter. Ne? 116 I Und die Farben nimmst du dann so, wie sie dir in den Sinn kommen? B Also ich bin tatsächlich jemand, der legt die Stifte zurück. (I: ja) (.) Also ich lege meine, ich hab einen Kasten mit meinen Buntstiften, ich lege sie zurück. (.) Und wähle dann je nachdem. Sind natürlich thematisch, sag ich mal, geordnet (.) nach Rottönen, Blautönen, ne? So üblich wie die sortiert sind, die Kästen, ne? Die Befragte beginnt häufig im Zentrum des Bildes. Hier ist deutlich eine Malstrategie erkennbar. Das Bild wächst von der Mitte aus und entwickelt sich von dort, wie die Befragte erklärt. Das eigene Empfinden ist für die Farbintensität verantwortlich. Ihre Emotionen sind gekoppelt an die Farbwahl und Malweise (sanft oder intensivere Farben). Die Malstrategien scheinen demnach intuitiv und gleichzeitig bewusst abzulaufen. Während die Entscheidung, häufig in der Mitte zu beginnen eine planerische und strategische ist, werden die Farben unbewusst nach dem aktuellen Empfinden verwendet. Das Zurücklegen der Stifte in den Kasten spricht für einen Ordnungssinn. Indirekt ist dies eine Bestätigung für ein genaues, ordentliches und strukturiertes Vorgehen, wie im Verlauf der Analyse schon vermutet wurde. Ob dies zugleich für einen durchstrukturierten Alltag spricht, kann zu diesem Zeitpunkt nicht gesagt werden. Ferner deutet sich hier an, dass die Interviewte sich keine Farbpalette vor dem Ausmalen zurechtlegt, was ebenfalls für eine intuitive Farbauswahl spricht mit der Präferenz zu Blauund Rottönen. Sequenz 7, (62–70) Das hilft mir, äh darin abzutauchen ein Stückweit. Wirklich (.) loszulassen und sich da ganz auf dieses Bild zu konzentrieren. Es hat ja was ähm ja, wie soll man das sagen? (.) Es hat was ähm Meditatives (I: ja) in dem Moment. Ne? Weil man sich ja bewusst oder wenn die Entscheidung bewusst fällt, möchte man ja ein Stückweit was daraus nehmen, man möchte sich erholen. Man möchte vielleicht auch ein (.) schönes Bild machen, je nachdem, (.) wo da grade (.) (I: ja) das gefragt ist. Der Prozess und das Ziel scheinen ihr wichtig zu sein. Die Befragte erfährt im Prozess die Entspannung und Erholung, die sie sich vom Ausmalen erhofft. Sie konzentriert sich nur auf das Bild und vergleicht ihre Tätigkeit mit einer Meditation. Dennoch erwähnt sie das schöne Bild. Es ist nicht auszumachen, wovon sie abhängig macht, wann das Endprodukt und wann das Ausmalen im Vordergrund steht und ab wann sie ein Bild als schön empfindet. Um eine Eindeutigkeit festzustellen, müsste sie sich im Verlauf des Gesprächs genauer dazu äußern. Sequenz 8, (71–83) Um das Thema Prozess und Ziel zu präzisieren, wird explizit nach dem Zeitempfinden während des Ausmalens gefragt. (seufzt) Das ist tatsächlich schwierig zu sagen. Das ist so mh ausm Bauch raus ein Ge‑ fühl häufig, ne? Wenn man dann halt ein Stückweit gemalt hat, (.) die Mitte gestaltet hat, vielleicht auch das Bild zu Ende gebracht hat, dann ist Stopp. (…) Wenn ich dann noch 117 sage, es ist nur (.) sind nur zwanzig Minuten, ist nur ne dreiviertel Stunde, obwohl ich ne Stunde machen wollte, geplant hatte vielleicht, dann ist es egal. Die Zeiteinschätzung scheint ihr zunächst schwer zu fallen (sie seufzt zu Beginn ihrer Antwort). Sie beschreibt es als Bauchgefühl und weniger als rationale Entscheidung. Den Zeitraum macht sie direkt vom Fortschritt des Ausmalbildes abhängig. Dieses gibt ihr konkret Aufschluss darüber und entscheidet somit indirekt über die Zeit und über das weitere Vorgehen. Weiter sagt sie: Dann ist das sehr impulsiv. Man überlegt dann bis dahin, das wollt ich schaffen und dann hört man auf. Ist ein bestimmtes Ziel erreicht, hört sie intuitiv auf, unabhängig von der geplanten Zeit. Stellt sich hier ein Erfolgsmoment oder ein Glücksgefühl ein, müsste sie davon berichten. Außerdem lässt ihre Aussage darauf schließen, dass sie Dinge gerne zum Abschluss bringen möchte („das wollt ich schaffen“) und sie sich, womöglich unbewusst, zu Beginn oder während des Ausmalens ein Ziel festlegt. Sequenz 9, (84–91) Die Nachfrage nach einem Etappenziel bejaht sie und begründet ihr Ausmalverhalten: Genau. Ja, genau. Weil die Bilder beende ich auch. Ne? (I: ja) Also es ist nicht so, dass ich ein Block habe und den dann, ach, ich fang mal an, (.) nein, ich bin jemand, ich möchte es gerne beenden. Ne? Die Befragte beendet in der Regel ein angefangenes Bild und ist stolz auf diese Eigenschaft. Sie vermittelt den Eindruck, Ausmalen sei eine kontrollierte Tätigkeit, in deren Prozess sie sich aber erholen und loslassen kann. Es stellt sich aus biografischer Sicht die Frage, inwieweit diese Eigenschaft sich durch ihr Leben zieht. Die Aussage lässt zudem die Frage aufkommen, ob Ausmalbilder gerade deshalb beliebt sind, weil sie in abzusehender Zeit zu Ende gebracht werden können. Dass der Prozess wichtig ist, klang in der Analyse schon mehrfach an. Ihre Antwort kann ferner die Hypothesen über das Erfolgserlebnis und über das fertige Bild bekräftigen. Wie wichtig das fertige Bild oder nur das Erfolgserlebnis darüber ist, muss weiter überprüft werden. Sequenz 10, (92–106) In dieser Sequenz wird das Thema Prozess und Ziel (siehe oben) aufgelöst. Die Befragte legt den Schwerpunkt eindeutig auf den Prozess, die fertigen Bilder sind weniger von Bedeutung. Die sind teilweise auch, die sind nur für mich, teilweise sind sie auch schon im Müll gelandet, aber in dem Moment helfen sie mir halt. (I: ja) Ne? Aber es ist nicht so, dass ich sie jetzt aufbewahren würde. Gut, (.) einige würden das machen. Für mich sind die in dem Moment erst mal nicht so wichtig dann. Die Antwort offenbart, wie persönlich diese Bilder sind. Dies könnte auf dem in den ersten Sequenzen des Interviews beschriebenen emotional und intuitiv gesteuerten Prozess liegen, 118 der den Bildern eine persönliche Ebene verleiht. Das Wegwerfen der Bilder kann bedeuten, dass sie als Produkte für die Befragte irrelevant sind oder, dass sie die subjektiv geladenen Bilder nicht behalten und niemandem zeigen möchte („die sind nur für mich“). Aus dieser Erkenntnis lässt sich schließen: Das Ausmalbild verliert mit dem Zeitpunkt der Fertigstellung an Bedeutung. Eine weitere Frage könnte lauten, inwieweit die Befragte ihre Ausmalbilder als gelungen oder misslungen empfindet. Sequenz 11, (107–115) Die Befragte konkretisiert erneut die Zeitthematik. Obwohl der Zeitraum des Ausmalens stark von äußeren Einflüssen bestimmt wird (Arbeit, Familie), malt sie oft länger als beabsichtigt. Aufgrund dessen kann von einem ästhetischen Flow ausgegangen werden. Ästhetisch deshalb, weil sie sich in dieser Zeit bewusst und unbewusst verschiedener Malstrategien vor dem Hintergrund ästhetischer Vorstellungen bedient. Aber ähm es ist mir tatsächlich passiert. Dann wollt ich ne Sache beenden und dann nehm ich mir die Zeit auch. Ne? Das Bedürfnis, ein Ausmalbild zu beenden und das damit einhergehende Erfolgserlebnis löst einen Flow aus, der das subjektive Zeitempfinden beeinflusst. Im Zuge der Zeitthematik spricht die Befragte ferner das Thema Abgrenzung an: Ich bin da (…) völlig abgetaucht. Da interessiert mich auch nicht, was da draußen passiert. Ich konzentrier mich dann nur ausschließlich auf das Malen (I: ja), ne? Wenn es für die Befragte ein definiertes Draußen gibt, dann gibt es folglich ein davon abgegrenztes Drinnen. Ein Refugium, das schon in der dritten Sequenz angesprochen wurde. Dadurch kann die Hypothese verifiziert werden, Ausmalen ist ein persönlicher und intimer Prozess, in welchem die Ausmalende eine Abgrenzung zum Alltag sowohl aus räumlicher als auch aus sozialer Sicht erfährt und sich ausschließlich auf das Ausmalen konzentriert. Sequenz 12, (116–125) Die Befragte plant keine bewusste Vorgehensweise. Sie startet bei einem Ausmalbild sehr intuitiv, meist in ihren bevorzugten Farben Blau und Rot. Erst nach Beendigung des Bildes stellt sie Überlegungen für ein nächstes Ausmalbild an. wenn ich’s plane, okay, dann kann ich’s, könnt ich’s mir überlegen, mach ich aber nicht, ne? (I: ja) Weil ich fange einfach an. (.) Beende häufig dann das Werk. Guck mir dann, schau dann, was ich eventuell für’n nächstes Bild machen könnte, was spricht mich an. Aber dass ich das bewusst plane, (…) das hab ich nicht. Obwohl sie in dieser Sequenz gleich mehrfach betont, sich kein bewusstes Malkonzept zurechtzulegen, spricht die bisherige Analyse sehr wohl für ein Malkonzept, wenn auch ein unbewusstes, das sich aus routinierten und intuitiven Malstrategien zusammensetzt. 119 Sequenz 13, (126–133) Die Befragte wiederholt ihre Erwartung, die sie an den Ausmalprozess stellt. Sie kocht sich Kräutertee, mit dem Ziel der Entspannung: Es ist (I: ja) eher ein Kräutertee, der mit gut tut. Weil aufputschen muss ich mich damit ja nicht. Ich möchte ja (.) runterkommen. Die Vorbereitung auf das Ausmalen spricht für eine bewusste Planung. Demnach müssten bestimmte Ereignisse im Verlauf des Tages, vermutlich ein arbeitsintensiver und mit Stress verbundener Tag, das Bedürfnis zum Ausmalen wecken. Diese Überlegung erhärtet die Hypothese, Ausmalen als Entspannungsmethode zu nutzen. Sequenz 14, (134–147) Diese Sequenz beinhaltet eine biografische Komponente der Befragten. Sie bevorzugt geometrische Formen. Dies begründet sie mit ihrem erlernten Beruf als Vermessungsingenieurin. Da ich so viel gezeichnet habe schon in meinem Leben, das ist, also wie gesagt, ich liebe es, kleinste Flächen auszumalen. Das ähm (.) ja, beruhigt mich. Das, das bringt mich runter. Und es macht Spaß. (.) (I: ja) Ne? Für die Befragte ist Zeichnen ein Bestandteil ihres Lebens. Sie findet besonders Gefallen an kleinen Flächen. Die Beschäftigung und die Konzentration auf die feinmotorische Tätigkeit, sehr filigrane Flächen zu kolorieren, hat eine beruhigende Wirkung auf sie. Die präferierte, kleinteilige Arbeit hat sich schon im Kindesalter gezeigt: Also für mich ist es halt die Art zu malen, so kleinschrittig, für mich ist schön, runterzu‑ kommen. Genauso wie ich auch als Kind gerne gepuzzelt habe. Und je kleiner die Teile waren, desto schöner war das für mich. (I: ja) Vielleicht ist da für mich (.) die Art, das zu machen. Ne? Die Verwendung des Adverbs vielleicht deutet an, dass ihr die Zusammenhänge zwischen dieser filigranen Tätigkeit auf der einen Seite und die dabei gefühlte Entspannung auf der anderen Seite erst jetzt bewusst werden. Sequenz 15, (148–155) Das korrekte und detaillierte Ausmalen wird wiederholt bestätigt. Es ärgert die Befragte, wenn sie während des Kolorierens über die Konturlinien malt. Dann ärgere ich mich natürlich. (I: ja) (.) Aber es ist so, ich versuche dann, äh nicht zu radieren. Sondern ich male über mit ner stärkeren Farbe. Ne? Diesen Fehler lässt sie aber nicht so stehen, obwohl das fertige Bild keine oder nur eine bedingte Relevanz für sie hat (Sequenz 10). Ihre Malstrategie bei Fehlern ist, die falsche Farbe mit einer dunkleren, intensiveren Farbe zu überdecken. Dabei handelt es sich um eine geplante, von einer ästhetischen Vorstellung geleitete und durch Vorwissen gekennzeichnete 120 Strategie des Korrigierens. Fehler dieser Art unterlaufen ihr aber nur selten, wie sie im Interview bestätigt. Dies macht sie an ihrem erlernten Beruf fest. Das passiert sehr selten. (I: okay) Ne? Das ist so, wie gesagt, ich hab Zeichnen gelernt, auf zwei Zehntel Millimeter genau. (.) Und das passiert so schnell nicht. (lacht leise) Ihre Aussage wirft aber die Fragen auf, ob das Ausmalen besondere Fähigkeiten erfordert und ob das Ausmalen bestimmte Fertigkeiten oder Kompetenzen verbessern kann. Sequenz 16, (156–160) Die Vermutung, Malen sei eine Tätigkeit, die sich durch das ganze Leben der Befragten zieht, gewinnt in diesem Abschnitt des Interviews weiter an Plausibilität. Auf die Frage, wann sie mit dem Ausmalen begonnen hat, antwortet sie: Da bin ich tatsächlich schon als Jugendliche mit angefangen. Ne? Da gab es diese Art Ausmalbilder nicht. Aber da hab ich zum Beispiel, in meiner Ausbildung hab ich durch Tusche irgendwelche Ornamente vorgemalt und hab die dann (I: ja) koloriert. Hab die nachgemalt. (I: ja) Ne? Zugleich erfährt man durch diese Aussage, dass die Befragte sehr wohl in der Lage ist, ohne Ausmalbilder künstlerisch aktiv zu sein, also nicht darauf angewiesen wäre. Daraus kann die Hypothese abgeleitet werden, Ausmalbilder bieten einen Vorteil gegenüber dem freien Malen und werden deswegen von der Befragten präferiert. Die Gründe dafür müssten im Verlauf des Interviews noch genannt werden. Sequenz 17, (161–193) Die Interviewte wird anschließend konkret zum Ausmaltrend befragt. Die Gründe für den Trend sieht sie im hektischen Alltag, von dem es eine Ablenkung bedarf. Sie betont dabei die bewusst erlebte Zeit für sich selbst: Also ich glaube, die Leute brauchen anhand ihres hektischen Alltags eine (.) ja, eine Ablenkung. Und die sie wirklich für sich benutzen, die Zeit. Diese Antwort liegt nahe, malt die Befragte ja aus ähnlichen Gründen aus. Dennoch sind Ausmalbücher für sie ein Trend, eine Modeerscheinung, ähnlich wie andere Tätigkeiten. Im Ausmalen glaubt sie aber eine Regression zu erkennen, da jeder schon als Kind mit Ausmalbildern in Berührung gekommen ist: Aber ich glaube, das ist ne Art, gemalt hat jeder irgendwo schon mal. Ne? (…) Nein, ich glaube, das ist natürlich ein, ein Stückweit eine Modeerscheinung. (I: ja) Aber ich glaube, das Malen, wie ich sagte, hat jeder schon gemacht. Wer gerne malt hat das auf irgend‑ eine Art immer schon gemacht. (I: ja) Und wenn’s die Kritzelblocks in der Schule waren, denk ich mal. Irgendwie (.) mh an irgendeinem Arbeitsblatt irgendwas drauf gemalt (…). Die Befragte nennt hier einen Zusammenhang zwischen dem Ausmalen als Kind und als Erwachsener. Folgende Hypothesen wären dabei denkbar. Zum einen könnte eine anfängliche Skepsis gegenüber dem Ausmalen schnell ausgeräumt werden, da man bereits als Kind schon 121 ausgemalt hat. Zum anderen könnte die Erinnerung an die eigene Kindheit ein Versenkungsgefühl forcieren, was zu einer Entspannung führt. Ob diese Hypothesen zutreffen, muss im Verlauf der Forschungsarbeit überprüft werden. Sequenz 18, (194–203) Zeichnen und Malen besitzen einen hohen Stellenwert für die Befragte. Als kleines Kind hat sie schon gerne Ausmalbilder koloriert. Diese Tätigkeit war möglicherweise ausschlaggebend für ihre spätere Berufswahl: I Hast du als kleines Kind denn schon Ausmalbilder gehabt? B Ja, die klassischen Malbücher, ne? (I: ja) Aber die sind halt nicht so diffizil. Nicht so klein gewesen. Aber das hab ich immer schon gerne gemacht, gemalt. (…) Hat sich im Beruf niedergeschlagen. Und ich denke, das trägt sich auch weiter. Weil ganz aufgeben kann man’s nicht. (I: ja) Selbst (.) in meinem engen Zeitfenster nehm ich mir Zeit dafür, ne? Die Hypothese aus Sequenz 14 kann somit weiter verifiziert werden. Sequenz 19, (204–216) In dieser Sequenz wird die Raumthematik erörtert. Die Befragte kann sich gut auf das Ausmalen konzentrieren, selbst in einer unruhigen Umgebung. Also ich äh schaffe es recht gut, mich zu konzentrieren. Das heißt, (.) ich such mir natür‑ lich im Haus ein, nen ruhigen Raum. Aber ich könnte auch, wenn es sein müsste, was wäre nicht so angenehm, mitten im Wohnzimmer, wo das Leben tobt, bei uns in der äh könnt ich arbeiten, aber für mich ist, wenn ich die Ausgangssituation mir schaffen kann, ist mein Büro mein Rückszug‑ Rückzugsraum und äh da kann ich dann in Ruhe arbeiten. Eine laute Umgebung würde sie prinzipiell nicht stören, dennoch sucht sie ihr Büro auf, das sie als Rückzugsort beschreibt. Ihre Aussage bestätigt wiederholt die Hypothese, dass der Ausmalprozess mit einer Abgrenzung zum subjektiv beschleunigten Alltag und einer Fokussierung auf das Ausmalbild einhergeht. Sequenz 20, (1–41) Im zweiten Interview beschreibt die Interviewte, wie sie ein Malbuch, bzw. ein Ausmalbild auswählt. Die Wahl hängt stark von ihrer Stimmung ab und ist als intuitiv zu bezeichnen. Also der Start Erfolg eigentlich schon im Geschäft. (.) Wenn ich so’n Bild mir anschaue, ich blätter das grob durch und überlege dann, was, was spricht mich an. Dann kauf ich es. (.) Bring es nach Hause. Und wenn ich dann male, ist es so, schau ich mir das ganz genau an, das Buch. Und wähle dann, ich denke auch, (.) mh mh nach, nach Stimmung, die man hat, ein Bild aus. 122 Der Malbeginn wird gesteuert durch ihre Emotionen, weniger durch rationale Überlegungen. Ärger und Stress äußern sich bei ihr durch kräftige Farben oder einen intensiveren Farbauftrag. Während des Ausmalens werden die verwendeten Farben weicher, ebenso ihr Gemütszustand. … wie gesagt, nach Lust und Laune, wie man auch drauf ist, entweder mit ganz kräftigen Farben. Dann (…) hab ich mich höchstwahrscheinlich geärgert, irgendwie (…) was stresst mich. Und dann werde ich eigentlich immer ruhiger, weil dieses Malen, hatten wir ja auch im, ja, anderen Interview, ist ja ein Prozess der Beruhigung. Die Bilder dienen als Reflexionsfläche ihrer Gefühle. Dementsprechend arbeitet sie mit mehreren Bildern und malt immer nur an dem weiter, welches zur aktuellen und emotionalen Situation passt. ich hab immer so zwei, drei Bilder angefangen und je nachdem, was da gerade passiert ist, in der Familie, im Beruf, im Umfeld, nimmt man sich ein Bild und malt es weiter. Nicht nur das Ausmalen, ebenso die Auswahl der Ausmalbücher und der Ausmalbilder sind dem Ziel der Entspannung untergeordnet. Wenn diese Hypothese stimmt, müsste im weiteren Verlauf deutlich zu erkennen sein, dass alle Strategien, Verhaltensweisen und Überlegungen auf dieses Ziel hin ausgerichtet sind. Sequenz 21, (42–61) Ob ein Ausmalbild als gelungen oder nicht gelungen gilt, wurde bereits in Sequenz 10 thematisiert und kann jetzt zu einem Abschluss gebracht werden. Die Befragte kann diese Frage selbst nur schwer beantworten. Sie macht die Unterscheidung nicht am fertig gestalteten Ausmalbild, sondern am Prozess des Ausmalens fest. Gelungen ist so’n Bild für mich, wenn es mir ähm (.) ja, wie kann man das beschreiben? Wenn es mir Freude gemacht hat, das Bild zu gestalten, zu malen. Es geht mir nicht un‑ bedingt um dieses Werk, was ich unbedingt ausstellen möchte. Aus dieser Perspektive ist es verständlich, warum die Befragte nur wenige Ausmalbilder aufhebt. Den Wert und den Erfolg des Ausmalbildes macht sie allein am Ausmalen selbst fest. Eine abschließende Beurteilung des Bildes nimmt sie aus diesem Grund nur selten vor, Kriterien dafür hat sie keine. Diese Denkweise ist vor dem Hintergrund der aufgestellten Hypothesen nur logisch, da ein Urteil über ein fertiges Ausmalbild weder zweckorientiert ist, noch zu Entspannung führt. Sequenz 22, (62–83) Obwohl der Prozess das entscheidende Moment ist und sie mehrere angefangene Bilder besitzt, die sie nach Bedarf weitermalt, ist ihr die Fertigstellung eines Bildes sehr wichtig. Wie schon die Analyse der 8. Sequenz beschreibt, möchte die Befragte im Alltag Prozesse und Handlungen beenden und abschließen können: 123 Also ich bin jemand, der auf jeden Fall Sachen beenden (.) möchte und auch beenden muss, je nachdem, ob’s ne familiäre Geschichte ist oder Privatvergnügen, aber ich bin jemand, der Sachen beendet. Unfertiges führt bei ihr zu Unzufriedenheit. Das Gleiche gilt in abgeschwächter Form für nicht beendete Ausmalbilder, die ihr unvollständig und „nackt“ vorkommen. Da ihr der Ausmalprozess sehr wichtig ist, ist der Abschluss des Prozesses ebenso bedeutsam. An dieser Stelle klingt zudem wiederholt die Frage nach dem Erfolgserlebnis an. Sequenz 23, (84–90) Durch die Analyse konnte der Eindruck gewonnen werden, dass die Ausmalbilder, bzw. die dahinterstehenden Prozesse sehr persönlich sind. Demzufolge wird sie ihre Bilder, wenn sie diese denn aufbewahrt, nur wenigen zeigen. Auf diese Frage hin benennt sie ihren Mann und ihre Tochter. Die Tochter koloriert ebenfalls gerne Ausmalbilder und tauscht mit ihrer Mutter auch die Buntstifte: Die zeig’ ich meiner Tochter. Weil die das auch ganz gerne macht. Äh (.) als meine Tochter noch nicht da war, hab’ ich sie meinem Mann gezeigt, aber so, was die Bilder betrifft, ist meine Tochter so der Hauptbezugspunkt für mich. Wir tauschen uns auch so’n bisschen aus. Sie hat ihren Kasten mit den Buntstiften, Farbstiften. Die Ausmalbilder verbleiben also innerhalb der Familie und werden nicht als fertiges Werk verschenkt oder weitergeben. Die Ausmalbilder sind in den Augen der Befragten keine Kunstwerke, sondern Produkte eines kontemplativen Prozesses. Sequenz 24, (91–104) Die Befragte kauft Ausmalbücher im unteren Preissegment. Wichtig ist ihr dabei einzig ein festes und dickeres Papier, auf dem sich gut ausmalen lässt und bei dem die Farben nicht durchschlagen. Die Buntstifte hingegen müssen von guter Qualität sein. Ihre Versuche mit günstigeren Stiften entsprachen nicht ihren ästhetischen und technischen Ansprüchen. Also bei mir ist das so, ich male auch in den Büchern. Weil es besseres, festeres Papier ist. Du hast eben grad gesehen, also die, die ähm (.) Machart der Bücher, ähm ist gar nicht so wichtig, die müssen nicht hochpreisig sein, (…) wenn ich sie sehe, spreche sie mich an und dann nehm ich sie mit. (.) Und wichtig ist, dass die Stifte ähm äh ja, gut malen, es gibt ja Bunt-- günstige Buntstifte, die (I: mhm) mit denen könnt’ ich nicht malen, ne? Die müssen schön (.) flächig malen, die müssen auch weich sein, damit man da (.) überhaupt stark drücken kann, damit die Farbe da bleibt. Während die Ausmalbilder eher austauschbar sind, solange sie nur ihre bevorzugten Motive und Formen beinhalten und auf festem Papier gedruckt sind, müssen die Buntstifte bestimmte Kriterien erfüllen. Dieser Anspruch ergibt sich aus der jahrelangen Erfahrung als Vermessungsingenieurin. Hier zeigt sich, wie stark biografische Züge, ästhetische Vorstellungen und Malstrategien einen Einfluss auf die Wahl des Materials und der Motive haben. 124 Sequenz 25, (105–111) Zu Beginn der Analyse wurde bereits Bezug auf ihre Farbwahl genommen. Ihre präferierten Farben sind Rot und Blau. Nach Verwendung einer Farbe legt die Befragte den Buntstift direkt zurück in den Kasten. Dieser ist aber nicht, wie in der Analyse angenommen, nach Farben sortiert. Die sind nicht wirklich sortiert, nein. Die greif ich raus. Und vielleicht unbewusst, weil ich ja sehr viel in Blau und Rot male, (.) vielleicht sind sie sortiert, könnt’ ich dir jetzt so gar nicht sagen. Ne? Das sind so, nimmt man so gar nicht (I: ja) wahr. (lacht leise) Ihre Aussage lässt die Hypothese zu, dass Farben insgesamt eine untergeordnete Rolle in ihrem Ausmalprozess spielen. Lediglich Rot- und Blautöne werden wiederholt verwendet und zeugen von einem routinierten Prozess. Andere Farben werden intuitiv und nach Bedarf eingesetzt. Ein konkretes Malkonzept verbirgt sich nicht dahinter, wohl aber eine unbewusste Malstrategie, die neben den Farben Rot und Blau weitere Farben für einen harmonischen Ausgleich verwendet. Sequenz 26, (112–133) Der Übergang von privaten und beruflichen Pflichten ist fließend, wie die Befragte selbst beschreibt: Da korrigiere ich meine Arbeiten, da bereit’ ich meinen Unterricht vor. (.) Und manchmal ertappt man sich halt so, hah, ich mal mal lieber ein Bild, als dass ich arbeite. (…) Das Trennen von privat und beruflich, ich denke, manchmal sind die Übergänge fließend. (.) Man hat irgendwie in meinem Fall (klatscht) ne, ne schlechte Mathematikarbeit korri‑ giert und denkt, pff, jetzt brauch’ ich mal ne kurz Auszeit. (.) Und dann liegt es in zwei verschiedenen Schubfächern. Einmal die Stifte und einmal die Bilder. Und dann nehm’ ich’s mir ran und fang einfach an zu malen. Das Ausmalen wird demzufolge nicht immer vorab geplant, sondern bei Bedarf eingesetzt mit dem Ziel der Erholung und Kontemplation. Der Schreibtisch ist dafür der ideale Ort, vom Arbeiten zum Ausmalen überzugehen. Das Material liegt bereit und der Ort ist so gelegen, dass Störungen die Ausnahme bilden. Die Handlungsweise der Befragten erklärt die vorangegangene Sequenz. Damit der Schreibtisch jederzeit zum Arbeiten zur Verfügung steht, legt sie die Stifte direkt in den Buntstiftkasten zurück. Dieses Verhalten spricht für einen Ordnungssinn. Sequenz 27, (134–142) Die Grenzsetzung zwischen Arbeit und Beruf ist für die Befragte zufriedenstellend, eine strikte Trennung lehnt sie zugunsten ihrer Authentizität im Beruf ab. Dennoch wünscht sie sich an besonders schwierigen Arbeitstagen eine stärkere Abgrenzung: Also ich glaube, ähm die Trennung, die ich da habe, ist für mich okay. (…) Es gibt si‑ cherlich Tage, da nimmt man mehr mit. Da wär es gut, sich noch weiter abzugrenzen. Aber für mich ist das so alles in allem okay. Ne? Weil ich jemand bin, (.) ich bin auch 125 sehr authentisch als Lehrerin. Und wenn ich das dann absolut (.) hinter der Schultür vergessen würde, kann man, glaub ich, nicht authentisch unterrichten. Das Ausmalen kann als Abgrenzung verstanden werden, grenzt sie sich hier ja von der Arbeit und von der Familie ab, sowohl physisch als auch gedanklich. Sequenz 28, (143–152) Die Befragte bemisst dem Ort einen hohen Wert bei. Im zweiten Interview betont sie nochmal, wie privat das Büro für sie und für die Familie ist. Dort ist sie medial nicht erreichbar. Das bewusste sich Zeit nehmen bedeutet für sie, nicht von außen gestört zu werden: Ich äh (.) bin dann abgemeldet. Das weiß meine Familie teilweise auch, dass ähm mh ich dann hoch gehe ins Büro und dann mal Zeit für mich habe. (…) Weil das Familienleben, Berufsleben ist schon stressig, aber halt diese bewusste Zeit, (.) Ihre Antwort bestätigt die schon früh aufgestellte Hypothese über den Rückzugsort (Sequenz 3), der ihr zusammen mit dem Ausmalen die Möglichkeit eröffnet, einen Raum der Entspannung zu kreieren. Diese Vertiefung in das Ausmalen lässt nur wenig Spielraum für Störungen zu. … und dann wissen die Lieben auch, Mama ist jetzt abgetaucht. (lacht leise) Die Redewendung „ist jetzt abgetaucht“ verdeutlich sehr metaphorisch, was während des Ausmalens passiert. Die Versenkung in das Ausmalbild ähnelt dem von Seel angesprochenen bloßen oder atmosphärischen Erscheinen (siehe Kapitel 3.1) und ist somit Teil eines ästhetischen Prozesses, der ästhetische Erfahrungen durchaus zulässt. Sequenz 29, (153– 170) Die Befragte ist studierte Vermessungsingenieurin. Sie kann sehr lange konzentriert zeichnen und detaillierte Zeichnungen anfertigen. In Sequenz 16 wurde dies bereits angedeutet. Auf die Frage hin, warum sie das Ausmalen dem freien Zeichnen vorzieht, antwortet sie: Ja, das ist aber so, dann müsst’ ich mir ja mehr Gedanken machen, dieses Ausmalen ist so, so schön leicht in Anführungsstrichen. Weil (I: ja) es ist vorgegeben. Und ich muss mich einfach darauf einlassen. Wenn ich selber Ornamente oder auch ähm irgendwelche Zeichnungen kreiere, muss ich mir vorher Gedanken machen Der Vorteil von Ausmalbildern ist die Zugänglichkeit. Sie verlangen kein Konzept, bieten einen leichten Einstieg und stellen keine Überforderung dar. Das Bild muss in den Grundzügen nicht neu gedacht oder entwickelt werden. Diese Vorentlastung und der Prozess des Ausmalens sind ausschlaggebende Gründe für die Befragte, Ausmalbilder als Entspannungsmöglichkeit zu nutzen. Einzig die farbige Gestaltung bleibt offen. Die Fokussierung auf diesen Bereich versetzt sie in einen Zustand der Kontemplation, den sie beim freien Zeichnen so nicht erreichen würde. 126 Sequenz 30, (171–174) Wie in der Analyse schon vermutet, ist das Ausmalen für die Befragte eine Gelegenheit für Kontemplation, Ruhe und Erholung und findet folglich im Alleinsein statt, wie sie im Interview angibt: Nein. Das mach ich für mich alleine, (.) und wie gesagt, es stört mich ja sogar, wenn mich jemand ablenken würde. (I: ja) Ne? Sequenz 31, (175–181) Die mehrfach aufkommende Frage nach dem Erfolgserlebnis kann anhand dieser Sequenz beantwortet werden. Ein fertiges Ausmalbild stellt für die Interviewte einen Gewinn dar und löst ein Erfolgserlebnis aus. Absolut. Weil ich ja da Zeit intensiv für mich verbracht habe und da kriegt man den Kopf frei, ja? Das ist so, ist ja intensive Zeit für mich. (räuspert sich) Und ähm die nutze ich ja bewusst teilweise. (I: ja) Ne? (.) Von daher ist es für mich ein Gewinn. (.) Die schon früh in der Analyse aufgestellte Hypothese gewinnt somit an Plausibilität. Im Moment der Fertigstellung steht das Bild für einen beendeten und für die Befragte wertvollen Prozess, der im Ausmalbild selbst zum Ausdruck gebracht worden ist. Erst danach verliert das Ausmalbild an Bedeutung. Sequenz 32, (182–194) Die Befragte hat bereits im ersten Interview angegeben, geometrische und kleinflächige Formen zu bevorzugen. Daher wird sie konkret nach gegenständlichen Motiven befragt, wie sie momentan zahlreich im Buchhandel erhältlich sind. Pff, ich glaube, das ist zu gegenständlich auch. (I: ja) Weil ich ja so sehr technisch geprägt bin. Vielleicht hat es damit zu tun, ist ne mögliche Erklärung. (I: ja) Das ist, intuitiv (klatscht) entscheide ich mich immer für kleinere Geschichten, so große Blüten (.) reizen mich einfach nicht. In ihrer Antwort verbergen sich gleich mehrere Gründe. Zum einen argumentiert sie aus ihrer Biografie heraus. Da sie von Berufswegen aus geradlinige, geometrische Formen gewöhnt ist, präferiert sie diese auch in Ausmalbildern. Für die Interviewte sind solche und ähnliche Motive Routine. Eine Hypothese dazu könnte lauten, Bekanntes und sich Wiederholendes können den kontemplativen Prozess des Ausmalens fördern. Ein anderer Grund ist die Gegenständlichkeit. Konturlinien in Form von Blüten, Blättern, Gräsern stellen etwas Bekanntes dar, was das Ausmalen aus Sicht der Befragten einschränkt. Eine mögliche Hypothese ist, dass gegenständliche Formen zu farblichen Einschränkungen führen, da sie den Drang hervorrufen, realistisch ausmalen zu müssen. Dies würde den Wunsch der Befragten entgegenstehen, das Ausmalbild mit überwiegend roten und blauen Tönen zu kolorieren. 127 Sequenz 33, (195–210) Erst spät im Interview werden andere Entspannungsformen thematisiert. Die Befragte nennt Spazierengehen, Lesen und Musikhören als favorisierte Entspannungsmöglichkeiten. Wichtig ist ihr die Unterscheidung, welche Aktivitäten sie davon alleine und welche sie mit anderen gemeinsam praktiziert. Also ich hab andere Formen der Entspannung, ich geh spazieren, ich lese. (.) Ich äh höre Musik, also das ist eine Art zu entspannen. Und äh halt die Art, die, die sehr intensiv ist, weil ich die halt alleine machen kann, ne? (.) Die Zeit alleine zu verbringen empfindet die Befragte als intensive Zeit. Hier steht sie im Mittelpunkt und nicht die Familie oder der Beruf. Diese Zeit kann von ihr geplant oder spontan und je nach Bedarf erfolgen. Die Tätigkeit des Ausmalens eignet sich besonders, da sie nur eine kurze Vorbereitungszeit benötigt (im Gegensatz zu anderen musischen Tätigkeiten). Die Befragte nutzt diesen Vorteil, um von einer arbeitenden in eine erholende Phase zu wechseln. (…) sie ist halt manchmal geplant und von daher, wenn sie geplant ist, nehm ich mir die Auszeit bewusst. (…) Manchmal, wenn ich arbeite und dann anfange zu malen, ist es halt so (.) ausm Impuls heraus. Die Arbeit oder ein stressiger Alltag löst bei ihr das Bedürfnis aus, sich dem Ausmalen zu widmen. Dies verifiziert weiterhin die Hypothese, Ausmalen als eine gewinnbringende Form der Entspannung zu nutzen. Sequenz 34, (211–233) Auf die Frage nach anderen künstlerischen Tätigkeiten benennt die Interviewte Seidenmalerei. Dieses Hobby hat sie ausgeübt, bevor sie eine Familie gegründet hat. Also ich hab mal vor den Kindern, also wie gesagt, Hauptfokus liegt auf der Familie, hab ich Seidenma-- hab ich Seidenmalerei gemacht. (I: ja) Da hatte ich halt Seide, hab die bemalt mit verschiedensten Techniken. Aber da fehlt mir einfach die Zeit zu. Diese Beschäftigung empfindet die Befragte als zeitintensiv und ist aus ihrer Sicht nur schwer mit dem Alltag zu vereinbaren. Abstrakte Formen favorisiert sie auch bei dieser künstlerischen Tätigkeit, wie sie selbst im Verlauf des Gesprächs erkennt. (.) Und das war dann halt auch abstrakt, da hab ich nicht gegenständlich gemalt, hab versucht, mit verschiedenen Farben ineinander über‑‑ (.) ja, überlaufen zu lassen. Die Befragte stellt selbst den Zusammenhang zwischen der Seidenmalerei und dem Ausmalen fest. Ihre Erkenntnis über die bevorzugten abstrakten Formen deckt sich mit der Analyse. Es zeigt, dass eigene Präferenzen sowie der eigene ästhetische Geschmack über Jahre gleich bleiben können, unabhängig von der künstlerischen Form oder Ausdrucksweise. 128 5.5.3 Auswertung des Ausmalbildes Das Ausmalbild der Befragten stammt aus einem preiswerten Ausmalbuch, welches in einem Discounter erworben wurde. Dennoch ist es auf dickerem Papier gedruckt. Es besitzt einen asymmetrischen Bildaufbau und hat folglich keinen Mittelpunkt oder ein sich wiederholendes Rapport (siehe Abb. 26). Ähnliche Muster und Strukturen sind variiert dargestellt und angeordnet. Die einzelnen Flächen sind als klein und filigran zu beschreiben und entsprechen somit dem Geschmack der Befragten. Das Ausmalbild wirkt wie der Ausschnitt eines größeren Bildes und erinnert an ein Flachmuster, da es keine klare Grenze nach außen besitzt und auseinanderstrebt (siehe Kapitel 2.2). Grenzen finden sich in Form von schwarzen Konturlinien nur innerhalb des Bildes. Linien schlängeln sich wie Bindfäden durch das Ausmalbild und dominieren dieses. Daneben sind die Spirale und das Dreieck als Hauptformen auszumachen. Letzteres wurde bereits im Interview als favorisierte Form benannt. Im Ausmalbild kommt es zu einer Ballung der Formen, die das Ausmalbild unruhig, dicht und chaotisch wirken lässt. Durch Überlappung und Größenunterschiede wird Räumlichkeit erzeugt. Abb. 26: Koloriertes Ausmalbild der Befragten (erste Fallrekonstruktion). 129 Die Befragte hat überwiegend ihre präferierten Farben Rot und Blau für die Linien und Spiralen benutzt. Dadurch entsteht ein starker Kalt-Warm-Kontrast im Bild. Als Gegengewicht dazu malte sie die Dreiecke in den Farben Gelb, Grün, Violett, Türkis, Orange und Braun aus. Die Farbauswahl und die Verwendung gleicher Farbschemata für gleiche Strukturen sind als Malstrategien zu werten. Dadurch erlangt das Ausmalbild eine Balance, da es durch die Farbauswahl zu einer gewissen Regelmäßigkeit kommt. Die Befragte hat das Ausmalbild sehr sorgfältig ausgemalt. Sie hat jeder Fläche, bzw. jeder Form eine eigene Farbe zugeteilt und dieses Prinzip bis zur Fertigstellung beibehalten. Die blauen Dreiecke und die Ballung der gelb kolorierten Kreise sind über die Konturlinien hinweg ausgemalt und bilden eine Ausnahme. Hier orientierte sich die Farbwahl an der Formeinheit des Dreiecks und nicht an der Struktur innerhalb des Dreiecks. Die Farben selbst sind überwiegend kräftig gehalten und wurden mit Druck aufgetragen. Interessant ist der Hintergrund. Dieser wurde blasser gestaltet, um den Vordergrund stärker zu betonen und durch den Intensitätskontrast Tiefe zu erzeugen. Diese Strategie ist erst während des Ausmalprozesses entstanden. Zunächst wurde der Hintergrund von der Befragten in ähnlich intensiven Farben ausgemalt wie die anderen Formen. Erst später entschied sie sich für einen helleren Farbauftrag, um den oben genannten Kontrast zu erzielen (siehe Abb. 27). Obwohl der Hintergrund trotz der Unterbrechungen durch die Schlangenlinien eine Einheit bildet, hat die Befragte diesen mehrfarbig gestaltet. Abb. 27: Ausschnitt des Ausmalbildes mit unterschiedlich gestaltetem Hintergrund. Das Ausmalbild kann als zeitintensiv beschrieben werden. Besonders die in sich verschlungenen Linien beanspruchen viel Zeit, da der Stift für jede Kurve oder Rundung immer wieder neu angesetzt werden muss. Das Ausmalbild erfordert zudem eine hohe Konzentration, da es gilt, die verschiedenen Ebenen von Hintergrund, Linie, Dreieck und Spirale zu erkennen und im Hinblick auf das Farbkonzept logisch und fehlerfrei auszumalen. Diese Erkenntnisse decken sich mit der bisherigen Analyse, dass sich die Befragte besonders gerne dem akku- 130 raten Ausmalen kleinster Flächen widmet und das vorliegende Ausmalbild ein gedankliches Abtauchen geradezu forciert. 5.5.4 Beschreibung des Ausmaltyps 1 Durch die erste Fallrekonstruktion kann folgender Ausmaltyp bestimmt werden: Ausmalen bedeutet für die Befragte in erster Linie Erholung nach einem arbeitsintensiven und stressigen Alltag. Die Befragte möchte sich entspannen und die über den Tag aufgebrauchten Kräfte regenerieren. Da Ausmalbilder nur eine geringe Vorbereitungszeit benötigen, kann sie diese nach Bedarf nutzen. Dabei grenzt sie sich räumlich und gedanklich von der Außenwelt ab. Dies gelingt durch eine starke Fokussierung auf das Ausmalen, wodurch die Umwelt gedanklich ausgeschlossen wird. Der Raum dient in dieser Typenbildung als Abgrenzung und als Refugium, da er einen privaten Raum der Befragten innerhalb der Familie darstellt. Gleichsam soll er Störungen und Unterbrechungen von außen minimieren. Das Ausmalen selbst und der Wunsch, das Bild zu vollenden, führen zu einer Kontemplation, bei der das Zeitgefühl aufgehoben wird und sich ein ästhetischer Flow einstellt. Dies bringt der Befragten Erholung, lässt aber gleichzeitig ästhetische Vorstellungen und sowohl bewusste als auch intuitive Malstrategien zu (Rot- und Blautöne als präferierte und kontrastreiche Farben, Verwendung anderer Farben für eine harmonische Gesamtheit, Korrekturstrategien). Zum Gelingen trägt bei, dass sich die Befragte auf ein routiniertes Konzept beruft, welches sich über Jahre hinweg gebildet hat und nur wenig verändert worden ist. Ihr Konzept zieht filigrane und geometrische Formen im Gegensatz zu gegenständlichen oder figürlichen Motiven vor, da sie mit der favorisierten Farbwahl kompatibel sind und eine abstrakte Gestaltungsweise erlauben. Weiterhin sind Ausmalbilder für die Befragte leicht zugänglich, bezüglich des Zeitaufwands einschätzbar und dadurch gut mit Familie und Beruf vereinbar. Die Wahl der Ausmalbücher und der Motive sowie der qualitative Anspruch an das Trägermaterial und die Zeichenstifte sind biografisch (in diesem Fall beruflich) geprägt. Für diesen Ausmaltyp steht der Ausmalprozess eindeutig im Mittelpunkt. Das Ausmalbild dient als Reflexionsfläche für Emotionen. Es behält bis zur Fertigstellung einen subjektiven Wert, da es sinnbildlich für einen gewinnbringenden und erfolgreich abgeschlossenen Prozess steht. Kurze Zeit später verliert es bereits an Bedeutung, denn vollendete Ausmalbilder werden in keiner Form präsentiert, aufbewahrt oder gesammelt. Zusammengefasst ist die Erholung für diesen Ausmaltyp entscheidend. Dieser Priorität wird alles andere untergeordnet. Dazu gehören ein routiniertes aber einfaches Ausmalkonzept, präferierte Farben und Motive, qualitativ hochwertige Stifte für ein ästhetisches Wohlbefinden sowie zusätzliche Entspannungsmomente wie Tee und die Wahl eines abgelegenen, ruhigen Ortes. Das Kolorieren ist weniger geplant als vielmehr ein spontan und nach Bedarf genutzter Prozess und kann demnach als Entspannungsmethode gesehen werden. 131 5.6 Zweite Fallrekonstruktion 5.6.1 Ergebnisorientierte Darstellung der Auswertung Die Befragte ist zwischen 50 und 60 Jahre alt und ledig. Sie arbeitet als Diakonin (Teilzeit) und ist in ihrer Kirchengemeinde seit vielen Jahren aktiv. Seit über 20 Jahren beschäftigt sie sich mit mandalaähnlichen Ausmalbildern, die sogar schon Gesprächsthema in ihrer Kirchengemeinde waren. Aus ihrer schulischen Ausbildung und beruflichen Tätigkeit heraus kann auf eine belesene, organisierte, strukturierte, kontaktfreudige und selbstständig arbeitende Frau geschlossen werden. Ihr Beruf sowie ihr Interesse an Achtsamkeit (siehe Kapitel 7.1) deuten auf eine gute Empathie, Selbsteinschätzung und -regulierung hin. Ob sie sich mit dem Thema Achtsamkeit aus reinem Interesse oder beruflichen Gründen beschäftigt hat, oder ob eine Notwendigkeit bestand, sich dieser Thematik anzunehmen, lässt sich nicht sagen. Die Befragte musiziert gerne gemeinsam mit anderen (sie spielt Blockflöte), ist also musikalisch tätig (siehe Anhang 11.4). Der von der Befragten inhaltlich gelegte Schwerpunkt des Interviews in Bezug auf Ausmalbilder sind Farben und Farbkombinationen. Sie setzt sich seit Jahren bewusst und unbewusst intensiv mit Farben auseinander und findet Freude daran. Ähm ich hatte immer schon auch Spaß an Farben und irgendwann hab ich gedacht, so, und jetzt mal ich mal so’n Bild aus. (…) Und ich hab immer ganz viel Spaß einfach an Farben und an Farbkombinationen. Die Befragte kombiniert gerne Farben mit dem Vorsatz, Kontraste zu erzielen, Neues zu testen oder die Möglichkeiten einer Farbfamilie auszureizen. Obwohl sie ihre Lieblingsfarbe als bunt beschreibt, präferiert sie die Farben Orange und Grün. Also in der Regel fang ich entweder Grün oder Orange an. Dennoch ist ihr ein stimmiges Endergebnis wichtig, wie sie öfter im Interview betont. Die Hypothese, dass Farben einer der Hauptgründe für sie sind, sich mit Ausmalbildern zu beschäftigen, lässt sich an vielen Stellen im Interview deutlich festmachen. Ein Experiment mit der Farbe Grau verdeutlicht dies: Ich hab irgendwann mal was mit Grau, aber da musste dann noch irgendwie so’n Beeren‑ ton mit rein so was Pinkes, weil da kriegt man ja wirklich Depressionen bei. Nur mit unbunten Farben zu arbeiten kommt für die Interviewte somit nicht in Betracht. Erst die Verwendung und Kombination bunter Farben stellt sie zufrieden. Im Interviewverlauf kann der Eindruck präziser ästhetischer Vorstellungen gewonnen werden, die abwechselnd auf Intuition oder genaue Planung zurückzuführen sind und von einer langjährigen Erfahrung zeugen. Zusammenfassend sagt sie über das Ausmalen: … sondern zweckfrei sitz ich da und (.) kann mich in den Farben ergötzen. (lacht leise) Ein zweiter Schwerpunkt sind die Formen und Motive der Ausmalbilder. Diese bestimmen den Anfangspunkt des Ausmalens. Nicht die Farbe, sondern eine für die Befragte auffällige oder 132 interessante Fläche entscheidet über den Startpunkt des Kolorierens. Diese kann beliebig im Ausmalbild verortet sein. Ein standardisiertes Beginnen in der Mitte oder am äußeren Rand des Bildes gibt es nicht. Die Befragte bevorzugt runde und geschlossene Formen, die leichter auszumalen sind als eckige oder spitz zulaufende Formen. Ich hab schon immer gerne rund. (.) Und geschlossen. (I: ja) (2) Ähm dann hat das schon mal so ne Grenze. Besonders die geschlossene, abgrenzende Form ist ihr wichtig, da sie sonst eine eigene Grenze im Bild setzen muss. Es gibt ja auch Mandalas, die haben außen keinen Kreis, sondern die nach außen offen. Die machen mich auch schon ganz kirre, weil ich dann nicht weiß, wo hör ich denn ja auf. Dann muss ich mir ja irgendwie erst mal einen imaginären Rand setzen, äh das find ich auch schon eher anstrengend. Eine fehlende Eingrenzung bedeutet ferner, das Ausmalbild nicht in Gänze abschätzen zu können im Hinblick auf die Dauer des Ausmalens und auf ein künstlerisches Konzept. Diese Rahmenbedingungen stellt sie nicht nur an ihre Ausmalbilder: Der Wunsch nach Ordnung und Struktur zieht sich durch ihren Alltag, sodass es hier zu einer Übereinstimmung kommt. … da kann ich mich eher entspannen, wenn ich Musik mache. (2) Ähm und dann auch nicht alleine, sondern äh mit anderen zusammen, weil dann hab ich äh da wieder den Rahmen, ich hab ein Termin, ich hab ne Verabredung, wir haben (.) Noten. Wir haben Instrumente. Und dann können wir spielen. (.) Und dann ist der Rahmen auch wieder klar. Das Bedürfnis nach einer Struktur spiegelt sich im Ausmalprozess wider. Vor und während des Ausmalens legt sie ein Konzept fest, nach welchem sie das Ausmalbild koloriert. Dieses unterliegt dabei der jeweiligen Stimmung und ist mal loser und mal detaillierter geplant. Und ich muss mir einmal ein Farbkonzept überlegen und kann dann erst mal in Ruhe alle gleichen Strukturen gleich ausmalen. Die Befragte beginnt sehr systematisch mit dem Ausmalen eines Bildes, angefangen bei der Vorlagenauswahl, über die erste Farbidee bis hin zur Auswahl einer Struktur oder Form, mit der sie beginnen kann. Gucke aus der Fülle der Vorlagen, die ich habe, welche springt mich denn jetzt so an. (.) Äh und die nehm ich dann und dann fang ich an. (.) Dann ist noch der, die Überlegung, welche F‑‑ mit welcher Farbe fang ich an oder um welche Farbe solls denn gehen. Äh und wenn ich die erste Entscheidung getroffen hab, ergibt sich ganz viel (.) Die Auswahl der Farben ist Teil ihres Konzepts. Ihren Farbkasten mit 45 unterschiedlichen Buntstiften hat sie unter anderem ausgewählt, weil die Farben nummeriert sind und bei Bedarf nachgekauft werden können. Zudem benutzt sie die Nummern, um verwendete Farben für ein späteres Weitermalen zu notieren. Wenn die Befragte bei einer Farbkombination unsicher ist oder einen neuen Abschnitt mit einer neuen Farbe beginnen möchte, nutzt sie den Rand des Ausmalbildes für eine Farbprobe: 133 Im Malen, dann die nächsten Entscheidungen. Oder ich mach so am Rand so Probemalen und denke, ach ja, das sieht auch ganz gut zusammen aus. Oder ich versuch mal, den Stift, den ich noch so selten hatte, (…) und ich hab auch schon mal beim ähm Mandalamalen mit meinen Buntstiften äh auch dann immer in der entsprechenden Farbe, die Nummer des Stiftes dahintergeschrieben. Die Befragte hat zudem Regeln aufgestellt, wie einzelne Strukturen auszumalen sind. Angrenzende Formen oder Motive werden nicht in der gleichen Farbe ausgemalt. Gleiche Formen hingegen werden in der gleichen oder einer ähnlichen Farbe koloriert. Im Interview antwortet sie wie folgt: … also wenn über Strukturen gemalt wird, das find ich ganz grauenvoll. (…) Äh das würde mir im Traum nicht einfallen. Ich könnte auch es ganz schwer aushalten, also hab ich auch alles schon mal versucht, äh dass ich sage, so ne Blüte kriegt eine Farbe. (.) Aber wenn da mehrere Ornamente drin sind, muss jedes Ornament, also äh (.) das, was sich wiederholt, kriegt dieselbe Farbe, aber das, was, ein neues Ornament kriegt auch ne andere Farbe. Kann in derselben Farbfamilie sein, aber auch das würd ich nicht komplett in einer Farbe ausmalen. Ihr strategisches Vorgehen spricht zum einen für Perfektionismus, wie sie selbst sagt. Zum anderen für Unsicherheit oder mangelndes Selbstvertrauen in Bezug auf künstlerische Tätigkeiten, die durch eine penible Planung kompensiert werden sollen. Beim Beheben von Fehlern geht sie ebenso organisiert vor. Das versehentliche Übermalen von Konturlinien geschieht nur selten, muss aber in jedem Fall ausgebessert werden. Ihre Malstrategie ist, die falsche Farbe mit einer kräftigeren Farbe zu übermalen. Sollte dies jedoch zu auffällig sein, verwendet sie diese falsche Farbmischung für alle anderen gleichen Strukturen, um diese der falsch ausgemalten Fläche anzugleichen. Mit diesem Konzept malt sie von Abschnitt zu Abschnitt. Ist eine Struktur im Ausmalbild fertig koloriert, sucht sie eine neue Form und eine zum ersten Abschnitt passende Farbe: und dann ähm, wenn ich dann das fertig hab, was ja auch schon ne Zeit dauert, (I: ja) (.) äh dann überleg ich (.) äh mal, (.) was könnt denn dazu jetzt mal passen. Also entweder so ganz als Gegensatz oder bleib ich in der Familie. (.) Ähm und dann guck ich mal so. Und dann äh fängt das an, dass ich am Rand mal äh so mit Punkten male und erst mal denke, mh, sieht das aus. Sieht das nicht aus? Äh trau ich mich? Das mach ich damit vielleicht eher, also wenn ich jetzt sage, da pack ich mal ein Braun zu. Könnte man ja mal machen. (I: ja) Und dann würd ich denken, mh, da könnt ich, ist hier noch irgend‑ wie so was Kleines, wo man so’n braunen Akzent reinsetzen kann. Oder ist das für ne Fläche? (…) Äh aber so taste ich mich dann (I: ja) vor. Ihre Aussage zeigt, wie sorgsam und zögerlich ihr Vorgehen ist, dass ihre Überlegungen aber von starken ästhetischen Vorstellungen geprägt sind. Zudem wird an dieser Stelle im Interview offensichtlich, warum fehlende Konturlinien für sie problematisch sind, wie weiter oben bereits beschrieben wurde. Aufgrund der fehlenden Grenze ist keine Fläche definiert, für die sie sich ein farbliches Konzept zurechtlegen kann, das heißt, ihr routiniertes Konzept greift in diesem Moment nicht. Sie muss daher eine Grenze setzen, um mit dem Kolorieren fortfahren zu können. Beispielsweise ist Aquarellmalerei eine für die Befragte spannende Technik, da 134 sich die Farben ihre Grenzen selbst suchen, aber genau deshalb auch problematisch, weil die Aquarellfarben während des Farbauftrags und des Trocknens nur schwer einzuschätzen sind (siehe Anhang 11.4). Ebenso bedeutet ein weißes Blatt ohne Vorstrukturierung für sie Stress. … also das, was Schlimmste, was man mir antun könnte, wäre mir zu sagen, hier hast du ein Blatt Papier, und jetzt fang mal an zu malen. (…) weil dann wüsst ich gar nicht, was und wie ich malen sollte. (…) deswegen find ich, also das, das wär für mich echter Stress. Verstärkt werden die Hypothesen über die Farb- und Motivwahl durch verschiedene Experimente, die die Befragte in Bezug auf Materialien und Farben durchgeführt hat: So kommen beispielsweise Filzstifte als Zeichenwerkzeuge nicht in Frage, da sich diese nicht ineinander mischen lassen und die Farbpalette häufig geringer ausfällt als bei Buntstiften. Die fertigen Ausmalbilder werden in einer Mappe aufbewahrt, aber nicht in der Wohnung aufgehängt. Ausmalen ist folglich ein persönlicher Prozess, dessen Ergebnis aufbewahrt, aber nicht jedem gezeigt werden soll. Für die Befragte sind Ausmalbilder keine Kunstwerke, die präsentiert werden müssen. Sie ist stolz auf ihre Ausmalbilder und schaut sich gelegentlich ihre Mappe mit den gesammelten Werken an, stellt aber den Prozess, wie erwartet, über das Ergebnis: Also für mich ist der Prozess wichtiger als das Produkt. Also als das Ergebnis. (3) Ähm und ich kann das dann auch gut weglegen und ich weiß, dann äh also äh macht dann immer Spaß, dann noch mal zu gucken, oh, toll, das hast du auch gemalt. Äh das find ich dann toll. Aber es ist nicht so, dass ich sage, das müsst ich jetzt unbedingt aufhän‑ gen. (…) Also zwischendurch äh vor allen Dingen, wenn ich dann nach längerer Zeit wieder anfange, dann geh ich mal wieder und denke, (.) wow. (2) Toll. Das hast du auch schon mal hingekriegt. (lacht) Der Ausmalprozess ist für die Befragte essentiell. Mehrfach betont sie im Interview, wie sie nach der Planung des grundlegenden Farbkonzeptes in Ruhe ausmalen kann, ohne zunächst weitere Überlegungen anzustellen: Sie will in der Zeit des Ausmalens selbst nicht darüber nachdenken müssen. Erst nachdem die geplanten Strukturen koloriert wurden, macht sie sich Gedanken über den nächsten Abschnitt. Und dann kann ich eine Entscheidung treffen, und kann ich erst mal in Ruhe (.) malen ohne denken zu müssen. (I: ja) Äh dann kann ich das nächste äh Motiv, also äh den nächsten Abschnitt nehmen oder die Ornamentik, dann mach ich mir mal Gedanken, guck ich in meinen Farbkasten und denke, hach, das könnte gut dazu aussehen. Dieser Wechsel von Planung und Umsetzung ist für die Befragte ein vertrauter und routinierter Vorgang, der sie in einen Flow versetzt. Dieser Flow bringt sie einerseits zur Ruhe, andererseits birgt er ein schöpferisches Potenzial. Der Prozess des Ausmalens mit den gleichen Vorüberlegungen und denselben feinmotorischen Bewegungsabläufen beschreibt die Befragte als Automatismus. In dieser Zeit werden kreative Impulse freigesetzt, die zu neuen Ideen oder Einfällen führen. Diese beziehen sich aber nicht auf das Ausmalbild oder auf den Ausmalprozess, sondern auf gänzlich andere Lebensbereiche. Dann male ich. (.) Äh (.) und dann kommen mir so (.) ja, dann fallen mir Ideen zu, ich glaube, das ist auch so ne Form von Kreativität, weil dann bin ich äh (.) mit meinen 135 Händen beschäftigt, ich hab ne Aufgabe, die ich, aber so ne (2) ja monoton stimmt eigent‑ lich nicht, aber es ist dann aber immer so, dass dieselbe Bewegung, denselben Prozess, äh da muss ich dann nicht viel überlegen, äh was mach ich jetzt. Und dann äh kommen mir so Einfälle, ach, du musst ja noch ne Andacht vorbereiten, du könntest ja mal das und das Thema nehmen. (I: ja) (…) Oder ähm (…) manchmal schreib ich auch so kurze Texte. (I: ja) (.) Äh wo ich dann denke, ach, das wäre auch mal ein schönes Wort oder ein schöner Satz, mit dem man was äh beschreiben könnte. Das sind so Sachen, die fallen mir dann beim Malen ein. Da ihre bevorzugten Ausmalbilder rund sind, befindet sich auf einem DIN A4 großen Blatt genügend Platz an den Rändern, auf denen sie Farbproben, Farbnummern oder besonders wichtige Gedanken notieren kann. Und wenn ich das Gefühl habe, ich vergess das, dann mach ich mir eine Notiz. (I: ja) Die kann ich dann äh auch (.) dann nacharbeiten. Der Prozess und der daraus entspringende Mehrwert sind von höherer Bedeutung als das fertige Ausmalbild. Aus diesem Grund hebt sie ihre Ausmalbilder auf und verwahrt sie gebündelt in einer Mappe. Sie repräsentieren in diesem Fall mehr als nur bloße Ausmalbilder: Es sind Einfälle, Gedanken und Erinnerungen, die hier archiviert werden. Durch den intensiven Prozess des Ausmalens wird die Zeit von der Befragten anders wahrgenommen. Sie spielt im Gegensatz zum Alltag eine unwesentliche Rolle und kann folglich nur schwer von ihr eingeschätzt werden. Das weiß ich gar nicht. (2) Also ich glaube, es sind dann locker zwei, zweieinhalb Stun‑ den. (…) Also das ist es, mh also für mich dann kein, also Zeit ist für mich dann keine äh Dimension. Das subjektive Zeitempfinden ist aufgehoben, die Befragte geht im Ausmalen vollkommen auf. Diese Versenkung, die durchaus ästhetische Züge trägt, wird im Ausmalprozess initiiert und erst allmählich aufgebaut, ist aber anfällig für Störungen oder Unterbrechungen. … wenn ich draußen sitze, dass es mich total ärgert, wenn es zufällig anfängt zu regnen. Weil dann muss ich aufhören. (I: ja) Weil äh (.) (räuspert sich) wenn ich nicht im Trockenen sitze, muss ich mich ja verändern und dann ist es auch so, dann bin ich auch wirklich aus dem Flow raus. (…) Das ist ne Unterbrechung und dann kann ich aber nicht da anknüpfen wieder, wo ich war. Sondern dann muss ich mich wirklich wieder (.) rein bewegen. (…) Das ist äh find ich ein Aufwand, und dann komm ich aber, ich komm ja nicht so schnell wieder dann in diesen (I: mhm) in diese Tiefe, sag ich jetzt mal, die ich vorher hatte. Aufgrund des hohen Aufwands, in einen Flow zu gelangen, vermeidet sie Unterbrechungen. Dazu zählen der Verzicht auf Medien, der Kontakt zu Mitmenschen (sie malt alleine) und die Wahl des Ausmalortes. Letzterer ist für die Befragte von entscheidender Bedeutung, da er zu einer grundlegenden Entspannung beitragen muss, die in dieser Fallrekonstruktion ein wesentliches Merkmal ist: Die Befragte kann nicht nach einem stressigen Alltag oder mit einer negativen Grundhaltung ausmalen. 136 Also zum, zum äh Malen gehört schon auch ne gewisse positive Gestimmtheit für mich. (.) Und Lust, äh was mit Farbe zu machen. (I: ja) Und Lust, ein Buntstift in die Hand zu nehmen oder Stift in die Hand zu nehmen. Eine stressfreie Umgebung findet sie im Urlaub vor. Das regelmäßig ausgesuchte Urlaubsziel ist ihr vertraut und stellt einen optimalen Raum dar, um sich von allen Belangen des Alltags zu lösen und keinen Verpflichtungen nachkommen zu müssen. Erst dann ist sie gedanklich in der Lage und in der für sie passenden Stimmung, Bilder auszumalen. Nur gelegentlich koloriert sie in ihrer Wohnung. Dann aber immer in der Küche und nie am Schreibtisch, da dieser zu viele Ablenkungsmöglichkeiten bietet. Äh wenn ich eben Zeit habe, also wenn ich so äh eben halt, deswegen Urlaub, so in Entspannungsphasen bin, dann kommt das so, ach, (.) ja heute, äh so nach dem Motto, heut ist das Wetter schön, ich bin gut gelaunt, ach, heute könnt ich mich mal draußen auf den, an den Gartentisch setzen und mal ein Mandala malen. Die Sequenzanalyse ergibt weiterhin, dass die Befragte ein angefangenes Ausmalbild beenden möchte, selbst, wenn dieses schon während des Ausmalprozesses nicht ihren ästhetischen Ansprüchen genügt. Unfertiges kann sie nur schwer ertragen. Sie empfindet einen inneren Druck, das Bild auf jeden Fall zu beenden. Ihre Aussage zeugt dabei von einer hohen Selbstreflexivität. Das ist eigentlich äh grauenvoll. Weil äh (2) da ist ja nichts Entspannendes mehr dran. Da ist ja so’n, so’n innerer Zwang, das ist mir jetzt grade so, so’n innerer Zwang, wo ich denke (2) es gibt keinen Grund, das fertig zu machen. Wenn ich sage, das ist hässlich, warum soll ich das nicht einfach wegtun? Ihre inneren Zwänge in Bezug auf Ordnung, Planung und Struktur gewinnen hier die Überhand und erfordern einen abgeschlossenen Prozess. Äh aber ich äh hab auch ähm äh also kenn für mich auch so diesen Druck, wenn ich anfange, ich muss das auch fertig machen. Die Fertigstellung eines Ausmalbildes löst in der Regel ein Erfolgserlebnis aus und wird im Anschluss auf rezeptiver Ebene wahrgenommen. Dadurch behält das Ausmalbild auch nach dem Prozess des Ausmalens eine Bedeutung, einen Nachklang, der die Befragte positiv beeinflusst. Das find ich toll. Also wenn es mir gefällt, (.) ähm (I: ja) dann bin ich immer total be‑ eindruckt davon, (räuspert sich) wie schön man (2) malen kann. Also was so’n Vordruck so hergibt und wozu der mich animieren (I: ja) kann. Ähm und dass das auch fertig ist. Im Interview spricht die Befragte über die Ausmalbilder von Johanna Basford. Sie hat einige Postkarten mit Basfords Motiven erworben, die Arbeit aber nach wenigen Ausmalversuchen sogar abgebrochen. Die Gründe sieht sie zum einen in den festgelegten Motiven und gegenständlichen Formen, die nur wenig Spielraum für Farben zulassen. Zum anderen sind ihr die Ausmalbilder zu filigran und unübersichtlich. Ähm und dann hab ich da mal angefangen, und hab gedacht, nee, (.) da muss ich ja stän‑ dig bei denken, weil jedes Motiv erfordert ja wieder ein neues Denken, in welcher Farbe oder in welcher Farbkombi will ich das denn gestalten und wenn ich dann äh die eine 137 Farbkombi habe, wie kann ich denn da weitermachen, (…) und da hab ich festgestellt, dazu hab ich überhaupt keine Ruhe. Ihre Aussage zeigt, dass die von Hand gezeichneten Ausmalbilder, das Markenzeichen von Johanna Basford, im Gegensatz zu den Anforderungen stehen, die die Befragte an ein Ausmalbild stellt: Es fehlen gleiche Formen und Motive sowie eine erkennbare Symmetrie, anhand derer sie ein Farbkonzept entwickeln kann. Da die komplexen und oft asymmetrischen Ausmalbilder eine stetige Anpassung oder sogar Abweichung eines zuvor geplanten Konzeptes verlangen, kann sie sich nicht entspannt dem Ausmalen hingeben. Abb. 28: Koloriertes Ausmalbild der Befragten (zweite Fallrekonstruktion). An dem ausgewählten Ausmalbild der Befragten (siehe Abb. 28) werden die Hypothesen der Analyse deutlich. Es handelt sich um ein quadratisches Ausmalbild mit einem runden Zentrum. Abgerundete Dreiecke und Vielecke sind in unterschiedlicher Größe um den Mittelpunkt angeordnet, so dass sie von innen nach außen einen Kreis, eine Raute, einen weiteren Kreis und ein abschließendes Quadrat ergeben. Die Flächen sind sehr individuell gezeichnet. Eine 138 horizontale und vertikale Achsensymmetrie ergibt sich aus den Metaformen des Ausmalbildes. Damit entspricht es den gängigen Formschemata traditioneller Ornamentik (siehe Kapitel 2.2). Die Befragte hat mit dem Zählen der um das Zentrum angeordneten Reihen begonnen und sich für ein an einen Regenbogen angelehntes Farbschema entschieden. Da braucht man ja in der Regel fünf bis sieben Farben. Und dann hab ich mal geguckt, ob das passt. (I: ja) Weil ich wollte und dann hab ich, glaub ich, erst mal gezählt. Und dann hab ich gedacht, ach, das könnte passen. Und die Ecken kann ich äh mit Zwischenfarben auffüllen. (I: ja) Weil das hat ja so ne ganz vorgegebene Struktur vom, vom Regenbogen (I: ja) was so Übergänge angeht. (.) Und dann, ich glaube, da hab ich mit dem Konzept angefangen, ich möchte mal was in Regenbogenfarben malen. Das Ausmalbild assoziiert sie nachvollziehbar mit Mosaiksteinen, die quadratische Form und die bisweilen filigranen Flächen des Bildes empfindet sie als störend. Deswegen koloriert sie systematisch von innen nach außen, weil sie dadurch mit einer runden Form beginnen kann. Ihr Augenmerk liegt auf der Einhaltung der Farben innerhalb der Reihen und der Mosaik-Struktur. Für Letzteres hat sie ihre Regel aufgegeben, angrenzende Flächen mit unterschiedlichen Farben auszumalen. Die Befragte ist demnach flexibel in Bezug auf ihre aufgestellten Regeln, sofern ein für sie ästhetisch ansprechendes Ergebnis daraus resultiert. Das farblich gestaltete Ausmalbild zeigt überdies, dass ihre ästhetischen Vorstellungen möglicherweise von realen Mosaiken beeinflusst wurden, da diese sich seit dem Altertum nach ähnlichen Konzepten richten. Das Ausmalbild selbst beschreibt die Befragte als gelungen, würde es in dieser Form aber nicht noch einmal ausmalen, da sie sich ungern wiederholen möchte, wie sie schon zuvor im Interview erwähnte. In der Analyse konnten Bruchstellen ausfindig gemacht werden, wie Sabisch sie formuliert hat (siehe Kapitel 4.4). Die Befragte gibt an, neue Materialien (Filzstifte, Ausmalbilder von Johanna Basford) nur dann auszutesten, wenn sie in der richtigen Verfassung ist. Außerdem malt sie nur in bestimmten Lebensphasen. Diese Bruchstellen auf künstlerischer Ebene korrelieren mit biografischen Veränderungen. So sind Lebensphasen, die von Ruhe und Gelassenheit geprägt sind, prädestiniert zum Ausmalen und zum Experimentieren, belastende und hektische Abschnitte im Leben bieten ihr hingegen keine Gelegenheit. 5.6.2 Beschreibung des Ausmaltyps 2 Für die zweite Fallrekonstruktion ergibt sich folgender Ausmaltyp: Das Ausmalen ist eine künstlerisch ästhetische Tätigkeit, die die Befragte in einen Flow versetzt, der neben ästhetischen Erfahrungen einen schöpferisch kreativen Prozess des Denkens initiiert. Neue Ideen oder künstlerische Einfälle für den Alltag entstehen während des Ausmalens. Über das Ausmalen selbst wird in dieser Phase nicht nachgedacht. Somit ergibt sich aus dem Malprozess ein Gewinn für den Alltag. Ausmalen wirkt entspannend auf sie, wird aber nicht primär zu diesem Zweck begonnen. Sie gelangt nur in den oben beschriebenen Flow, wenn sie sich bereits in einem ruhigen, entspannten Modus befindet. Aus diesem Grund malt die Interviewte überwiegend im Urlaub, um nicht mit alltäglichen Problemen oder Situationen konfrontiert zu werden oder sich von diesen ablenken zu lassen. 139 Nach der Auswahl eines Ausmalbildes verfolgt die Befragte folgende Strategie: Ein Gesamtkonzept in Bezug auf Farben und Strukturen wird entwickelt und anschließend etappenweise und routiniert umgesetzt. Ist eine Struktur, ein Hauptmotiv oder eine andere favorisierte Fläche koloriert, wird die nächste konzeptuell überdacht und ebenfalls ausgemalt. Neben den Strukturen ist es vor allem das Spiel mit den Farben, das die Befragte fasziniert. Ihr Vorgehen ist einerseits strategisch, organisiert und regelgeleitet. Andererseits aber auch äußerst vorsichtig, behutsam und herantastend, um Fehler zu vermeiden. Ihre Arbeitsweise ist Spiegelbild ihrer Sozialisation und ihres Alltags, der bis zu einem gewissen Grad ebenfalls strukturiert und geordnet ist. Ein Ausmalbild beendet sie normalerweise, da sie schon in frühen Jahren sozialisiert wurde, Handlungen oder Prozesse zu einem Abschluss zu bringen. Essentiell für diesen Ausmaltyp ist das Erstellen eines Konzeptes, um den eigenen Gedanken im Prozess des Ausmalens freien Lauf lassen zu können. Aus diesem Grund stellt sie gewisse Ansprüche an ein Ausmalbild: Es muss die Planung eines Konzepts zulassen! Symmetrische oder strukturierte Ausmalbilder, die einem einheitlichen Ordnungsprinzip folgen, können in ein ebenso planvolles Konzept übertragen werden. Gegenständliche oder individuelle Formen, ein asymmetrischer Bildaufbau sowie eine ungleiche Verteilung von Bildelementen widersetzen sich solchen Überlegungen oder machen sie ungleich schwerer, da es kein Gesamtkonzept gibt, das alle Bereiche abdecken kann. Die vielen kleinen Teilbereiche zwingen sie stets aufs Neue zu überlegen und verhindern ein Loslassen der Gedanken und damit das Abtauchen in den Flow. Sowohl biografisch geprägtes als auch künstlerisches und ästhetisches Wissen fließen in den Ausmalprozess ein. Die Befragte macht sich das Ausmalbild zu Eigen, sie durchdringt es mit ihrer Analyse und mit der Planung ihres Konzeptes. Der Akt ist eine Hinwendung zum Gegenstand, ein Austausch von Subjekt und Objekt. Diese Beziehung wird besonders im Kontext der Farbwahrnehmung deutlich. Die Befragte kann sich voll und ganz den Farben hingeben. Diese Zuwendung kann als atmosphärisches Erscheinen bezeichnet werden. Da die Befragte darüber hinaus ihre Ausmalbilder reflektiert und kritisch bewertet, sind die Kriterien für ästhetische Erfahrungen, wie sie in Kapitel 3.1 beschrieben wurden, erfüllt. 5.7 Dritte Fallrekonstruktion 5.7.1 Ergebnisorientierte Darstellung der Auswertung Die Befragte für die dritte Fallrekonstruktion ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie studiert Erziehungswissenschaft mit dem Nebenfach Bild- und Kunstgeschichte. Neben dem Studium arbeitet sie in Teilzeit an einer Offenen Ganztagsschule (20 Stunden pro Woche). Die Befragte malt seit ihrer Kindheit, hat im Abitur das Fach Kunst als Leistungskurs gewählt und beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit Acrylmalerei (siehe Abb. 29). Dadurch kann von einem hohen Bildungsniveau sowie von theoretischen und praktischen Kenntnissen in Bezug auf Kunst- und Kunstgeschichte ausgegangen werden. Diese Aspekte sind für die Sequenzanalayse von entscheidender Bedeutung. 140 Es handelt sich um eine sportlich aktive, kontaktfreudige und empathische Frau, die gerne mit Kindern arbeitet. Neben dem Ausmalen und der Acrylmalerei liest sie gerne (siehe Anhang 11.5). Über die Arbeit in der Offenen Ganztagsschule ist sie zum Ausmalen gekommen. In der Nachmittagsbetreuung malt sie gemeinsam mit den Kindern Bilder aus und hat sich daraufhin Ausmalbücher für Erwachsene gekauft. Der Hauptgrund für die Beschäftigung mit Ausmalbildern ist das Ziel der Entspannung. Die Befragte koloriert Ausmalbilder, um zur Ruhe zu kommen und abschalten zu können. Daher malt sie abends nach der Arbeit, niemals am Wochenende. Sie malt aber nicht regelmäßig, sondern phasenweise. Sie beschäftigt sich mehrere Wochen mit Ausmalbildern, gefolgt von einer mehrwöchigen Pause, bis sie wieder das Bedürfnis verspürt, ein Bild auszumalen. Dann nimmt sie sich bewusst Zeit dafür und plant dementsprechend ihren Tagesablauf. Abends dürfen keine Termine mehr vorliegen oder andere Arbeiten und Aktivitäten anstehen. Also das würde mich auch stören, wenn ich weiß, dass ich noch ein Termin hab, da kann ich mich nicht so fallen lassen und dann mach‑ fang ich auch erst gar nicht damit an. Also wenn, mach ich das wirklich nur, wenn ich weiß, dass danach auch nichts mehr ist. (.) Terminlich. Abb. 29: Ein gemaltes Acrylbild der Befragten. 141 Das bewusste Sich‑Zeit‑nehmen zeigt, wie wichtig und notwendig die Tätigkeit für sie ist. Zum Ausmalen sitzt sie auf dem Sofa oder im Bett und legt ihr Ausmalbuch auf ihren Beinen ab. In dieser Position ist es eigentlich umständlich, besonders filigrane Motive zu kolorieren oder detailliert zu malen. Die Befragte weiß um diese Nachteile: Ähm (2) ich würde auf jeden Fall äh immer einen bequemen Platz suchen, wo ich be‑ quem sitze. Das ist mir wichtig. Also ich würde eher auch, glaub ich, mich eher aufs Bett setzen als an den Tisch. (.) Weil ich einfach bequemer sitze da. Und ähm nach ein paar Stunden kriegt man wahrscheinlich auch schneller (leicht lachend) Rückenschmerzen da, aber irgendwie ist es gemütlicher und ich würde mich jetzt nicht an den Tisch sitzen zum Beispiel. Ihr Verhalten führt sie darauf zurück, dass sie die ausgewählten Sitzgelegenheiten mit Freizeit assoziiert und es für sie gemütlicher ist als am Ess- oder Schreibtisch zu sitzen. Das Ausmalen als Freizeitbeschäftigung und Entspannungsmethode soll nicht in Arbeit ausarten oder an eine Arbeitssituation erinnern. Aber es ist einfach viel gemütlicher. (2) Und am Tisch ist dieses Gefühl von im Büro sitzen oder am Schreibtisch sitzen. Und (I: ja) ich glaube, dass das Problem ist. Also das ähm auf dem Sofa sitzen ist eher so’n Feierabendgefühl, als am Tisch zu sitzen. Mit dem Ziel der Entspannung hat sie zum Ausmalen Musik an oder lässt das Fernsehgerät laufen. Beides nimmt sie als Geräusche wahr, die in erster Linie dazu dienen, die vorhandene Stille abzumildern. Manchmal hört sie aber bewusster zu und ist nicht mehr nur auf das Ausmalbild fokussiert. In dieser Phase des Ausmalprozesses lässt die Befragte ihre Gedanken schweifen und verarbeitet dabei den Alltag. Diese Annahme wird an folgender Aussage deutlich: Ja, ich komm da total runter, ne? Also ich mach dann in dem, in der Zeit halt auch nichts anderes, also normalerweise, wenn ich nach Hause komme, ähm fängt man irgendwie an zu kochen, zu putzen oder irgendwelche Sachen zu erledigen. Und manchmal äh mach ich das ganz bewusst, dass ich dann eben nichts anderes mehr mache. Äh (.) ja, damit ich einfach dabei so ein bisschen runterkomme und einfach mal auch so die Gedanken durch den Kopf gehen lässt. Also ich denke dann auch über die Arbeit oder so oft nach, aber das ist dann nicht mehr so, (2) dass es mich stresst. Also ich denk zwar, aber es stresst mich nicht, darüber nachzudenken. Die Begründung zeigt den persönlichen und gewinnbringenden Nutzen, den die Befragte aus dem Ausmalen zieht. Gleichzeitig kann anhand mehrerer Aussagen im Interview die Hypothese aufgestellt werden, dass sie sich während des Ausmalens in einem ästhetischen Flow befindet. Sie will während des Ausmalprozesses weder unterbrochen werden, noch pausieren. Ja, das auf jeden Fall. Weil zwischendurch aufstehen hass ich. (lacht) (…) Weil das unterbricht das Ganze ja irgendwie. Also (.) ja, wenn man dann einmal so dran ist, dann kann ich auch schlecht den Stift wieder weglegen. Die Befragte hat das Bedürfnis, ein Ausmalbild an einem Abend fertigzustellen, und verliert darüber jegliches Zeitgefühl. 142 Ähm das dauert auch schon mal ein bisschen, ähm bis man dann so’n Bild fertig hat und (.) ja, das kann schon mal ein paar Stunden dauern. (…) Ich erschrecke mich dann immer, dass schon wieder drei Stunden oder so vergangen sind. Also (.) man merkt halt, wie es (leicht lachend) dr‑ dunkel wird draußen, aber irgendwie kriegt man es nicht so richtig mit, weil man so irgendwie total vertieft ist. In solchen Momenten geht sie völlig in dem Ausmalprozess auf und lässt dabei ihren Gedanken freien Lauf. Ihre Überlegungen sind aber nicht zielorientiert. Sie dienen weder der Problemlösung, noch dem Finden neuer Ideen. Das Ausmalen hilft ihr dabei, den vergangenen Tag Revue passieren zu lassen und gedanklich mit ihm abzuschließen. Die Befragte erklärt: Ich glaub, der Unterschied ähm zum Nachdenken äh beim Malen und zum Nachdenken ohne Malen ist, dass die Gedanken so an dir vorbeigehen irgendwie. Und äh wenn man irgendwie zum Beispiel (.) sitzt beim Essen oder so, dann denk ich schon eher über Sa‑ chen anders nach, ähm (3) und mach mir dann auch vielleicht Gedanken, wie äh Dinge geändert werden können und beim Malen ist es so egal. Also die Gedanken kommen zwar. Aber (.) gehen dann halt auch wieder. Also das ist, glaub ich, das, was mich so ähm entspannt dabei. (2) Diesen Zustand vergleicht die Befragte mit Yoga. Im Interview berichtet sie, dass sie Yoga vor einiger Zeit wöchentlich praktizierte, aber nur noch selten dazu kommt. Sie zieht auch den Vergleich zum Lesen, allerdings kann sie sich dabei nicht so gut entspannen wie beim Ausmalen. Ja. Ähm ich lese noch sehr gerne. (.) Wenn ich allerdings ähm so’n ziemlich langen Unitag hatte, dann fällt es mir schwer, mich darauf zu konzentrieren, zu lesen. Und dann würd ich eher halt zum Malbuch greifen, weil ich mich einfach nicht so konzentrieren muss. (.) Also man entspannt sich halt (2) damit eher, find ich, als zum Beispiel beim Lesen. Weil beim Lesen muss man ja die ganze Zeit äh noch was tun. Also klar, da auch. Aber da malt man ja nur. Hier wird deutlich, dass es für die Befragte einen signifikanten Unterschied macht, welche Tätigkeit sie während des Nachdenkens ausübt. Während einige Aktivitäten zu viel Aufmerksamkeit erfordern, stellen Ausmalbilder eine ideale Alternative zum Lesen oder zu Yoga dar. Die Befragte muss sich nur so weit auf die Bilder konzentrieren, um in einen Flow zu gelangen, der ihr Nachdenken fördert. Die von der Befragten benannten Ziele der Entspannung und des Nachdenkens erfordern eine bestimmte Art von Ausmalbildern und einen bestimmten Umgang mit diesen. Zuletzt hat sie sich mit dem Ausmalbuch Mein geheimnisvoller Dschungel von Johanna Basford beschäftigt.402 Diese Favorisierung korreliert mit ihrer Acrylmalerei: Die Befragte malt realistisch und zieht deshalb eine naturgetreue Darstellung vor. Dementsprechend bevorzugt sie Ausmalbücher mit realistischen Motiven. Sie sucht weitestgehend einfache und schlichte Ausmalbilder mit großen Flächen aus. Die Bilder müssen von überschaubarer Größe sein und ein schnelles Erfolgserlebnis garantieren. 402 Basford, Johanna (2016): Mein geheimnisvoller Dschungel. Eine Forschungsreise zum Ausmalen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. 143 Also manchmal hab ich den Eindruck, dass ich äh mir das einfachste raussuche, ehrlich gesagt. Weil ich also oft male, wenn ich äh irgendwie einen stressigen Arbeitstag hatte und dann ist es mir zu anstrengend, ein zu aufwendiges Mandala zu malen tatsächlich. Ein streng geplantes Konzept verfolgt sie nicht. Viel mehr malt sie intuitiv und ergebnisorientiert, da sie ein Ausmalbild gerne an einem Abend beenden möchte. Unfertige Bilder missfallen ihr. So erläutert die Befragte: Ja, man will ja sehen, wie es nachher aussieht. Also wie es fertig aussieht. Und wenn es dann so halb fertig ist, dann, wenn ich zum Beispiel mit den Blättern anfange, dann ist da ja nur grün und (leicht lachend) das ist irgendwie so deprimierend. Dies suggeriert, dass die Zeit, die für das Ausmalen benötigt wird, nicht von ihr, sondern vom Ausmalbild selbst vorgegeben wird. Es erklärt auch, warum sie in einen Flow gelangt und das Gespür für die Zeit verliert. Das Bedürfnis, ein Bild abzuschließen, führt zu einer starken Fokussierung auf den Prozess. Daher empfindet sie Unterbrechungen als zutiefst störend. Mit Fokussierung ist aber nicht ein strukturiertes und auf ein optimales Ergebnis hin ausgerichtetes Verhalten gemeint, sondern eine tiefe Versenkung und Konzentration auf das Ausmalbild mit einem auf das Ziel gerichteten Blick. Ästhetische Vorstellungen stehen dabei an zweiter Stelle. Die Befragte macht sich weniger Gedanken um die Farbwahl und um das Bild. Sie möchte einfach ausmalen, ohne viele Überlegungen anstellen zu müssen. Schon zu Beginn des Interviews beantwortet sie die Frage, wie sehr sie sich auf das Ausmalen konzentriert: Gar nicht. (lacht) Ehrlich gesagt gar nicht. (…) Also ich denke über die Uni, über die Arbeit nach, oder ich denke über irgendwas Privates nach oder ich hör halt zum Beispiel Fernsehen und bin dann total vertieft in die Geschichte, die da im Fernsehen passiert und male halt dabei. (.) Also ich konzentrier mich eigentlich gar nicht aufs Malen dann in dem Moment. Dieses Zurückstellen von künstlerischen oder ästhetischen Erwartungen lässt ihr mehr Raum, ihren eigenen Gedanken nachhängen zu können. Zudem empfindet sie das Ausmalen von Bildern gegenüber der Acrylmalerei als großen Vorteil: Ausmalbilder beanspruchen weniger Zeit in der Vorbereitung, die verwendeten Farben können nicht eintrocknen und sie kann vom Sofa aus malen und muss nicht an einer Leinwand stehen. Sie verwendet Filzstifte zum Kolorieren. Diese sind leicht zu handhaben und bringen den Vorteil mit sich, flächig und zügig kolorieren zu können. Auf einen gleichmäßigen Druck für eine ebenmäßige Farbintensität muss hier nicht geachtet werden. Ähm (.) also mit den Buntstiften mal ich eher, wenn ich das so’n bisschen schattieren will. Ähm und mit den Filzstiften, wenn ich es wirklich nur ausmale. Und da ich es meistens einfach nur ausmalen möchte, ohne irgendwie groß darüber nachzudenken, wie mal ich es jetzt an, ähm nehm ich halt die Filzstifte. In dieser Fallrekonstruktion überwiegt das intuitive und sorglose Moment. In diesem Zusammenhang scheint es nur logisch, dass die Befragte keine Strategien für Korrekturen anwendet. Wenn sie eine für ihr subjektives Empfinden unharmonische Farbe gewählt oder über bestehende Konturlinien gemalt hat, lässt sie diese Fehler bestehen. Allerdings malt sie bei 144 mehreren Fehlern schneller und flüchtiger, da sie das Ausmalbild dennoch beenden möchte, obwohl ihre Motivation abnimmt. Es wurde dann auch immer kürzer, (leicht lachend) weil ich mir dann gar keine Mühe mehr gegeben hab. Wie man sieht. (lacht) (…) Also ich achte dann nicht mehr so auf die Linien. (…) Ja, weil’s mich so ärgert, (leicht lachend) und ich dann keine Lust mehr hab. Aber ich kann nicht aufhören. Also ich kann es nicht (leicht lachend) angefangen lassen. Trotzdem besitzt die Befragte ästhetische Vorstellungen und ästhetische Malstrategien. Das Farbkonzept basiert auf einer naturgetreuen Darstellung. So malt sie Blätter in Grüntönen aus und Blüten in verschiedenen Farben. Gleiche Blüten erhalten dabei die gleiche Farbkombination. Ihre Lieblingsfarben Rot, Gelb und Pink finden häufiger Verwendung. Sie beginnt mit dem Kolorieren großer Flächen für ein schnell sichtbares Ergebnis. Kleine, sich wiederholende Flächen strengen sie an und stören sie in ihrem Flow. Im Interview äußert sie sich wie folgt: Nicht zu detailliert. Also ich mag total große Flächen anmalen. Ich weiß gar nicht, warum. Ähm (3) es (2) ja, wie gesagt, also das hatt’ ich ja vorhin schon mal erwähnt, dass ich ähm meistens auch die Bilder raussuche, die nicht zu detailliert oder nicht zu ähm groß sind. (.) Ich kann gar nicht genau sagen, warum, ehrlich gesagt. Auf die Frage, wie sie kleine Flächen empfindet, antwortet sie: Das ist irgendwie so anstrengend. (lacht) (…) Ja. (.) Es ist, ja, ist einfach anstrengend, find ich. Da muss man ständig die Farben wechseln und so. Weiterhin ergibt die Sequenzanalyse, dass das Ausmalbuch eine persönliche Bedeutung für die Befragte hat. Sie vergleicht es im Interview mit einem Tagebuch oder Freundschaftsbuch. Das Ausmalbuch hat die Befragte auf den ersten Seiten personalisiert, wie es bei allen Büchern von Johanna Basford möglich ist (siehe Kapitel 2.4). Dadurch verstärkt sich der Eindruck einer privaten Ebene, was das Buch, ihre gemalten Ausmalbilder und den Ausmalprozess selbst anbelangt. Alle Ausmalbilder verbleiben im Buch, ob sie nun in den Augen der Befragten gelungen sind oder nicht. Aus diesem Grund möchte sie den Inhalt des Buches ungern präsentieren. Ebenso würde sie es befremdlich finden, wenn jemand ungefragt in ihrem Ausmalbuch blättern würde. Dies hängt mit folgendem Phänomen zusammen: Obwohl der Eindruck entsteht, die Befragte gäbe sich nur oberfläch Mühe bei der Gestaltung der Ausmalbilder, verfährt sie doch nach einem logischen Prinzip. Wie schon zu Beginn erwähnt, kann die Befragte auf langjährige Erfahrungen im künstlerischen Bereich zurückblicken. Sie verzichtet aber bewusst auf ein geplantes Ausmalkonzept oder etwaige Malstrategien. Künstlerisch oder ästhetisch hohe Ansprüche stellt sie zurück, da sie wertfrei und ohne Erwartungen malen möchte. Weil bei den Leinwänden ähm erwartet immer irgendwer zu sehen, wie es nachher aussieht. Ich glaube, das ist der Punkt. Und bei diesen Ausmalbüchern, die mach ich nachher zu und es sieht ja keiner, also stört es mich nicht so, wenn’s mal nicht so aussieht, wie ich’s mir vorgestellt hab. (2) Und bei den (.) zum Beispiel Bildern auf Leinwand, da überlegt man sich ja genau, was will ich machen. Und fängt dann an, aber wenn’s dann nicht so gut wird, (.) dann ärgere ich mich mehr. Weil (.) irgendwie gibt’s ja immer Leute, die erwarten zu sehen, wie das geworden ist. 145 Die Bewertung von anderen, die bei der Acrylmalerei fortwährend stattfindet, klammert sie bei den Ausmalbildern gänzlich aus. Aus diesem Grund malt sie weniger detailliert aus und stört sich nicht an Fehlern. Ja, weil ich ähm also ich finde, man sieht halt immer so total viel, dass Leute, die diese Ausmalbilder äh machen, ähm (.) so zum Beispiel schattiert malen oder so. (I: ja) Und das mach ich zum Beispiel gar nicht. Weil das mach ich ja schon auf den Leinwänden oder so. Oder auf anderen äh Sachen, die ich male. Und ich bin einfach froh, dass ich in diesen Ausmalbildern einfach mal nur ausmalen muss, ohne, also was heißt muss, aber kann, (I: ja) ohne dass irgendwer sagt, boah, das sieht aber gut aus oder so. Also es stört mich auch überhaupt nicht, äh wenn ich mal über den Strich male oder so. In Bezug auf die Qualität des Arbeitsmaterials hat sie wiederum hohe Ansprüche. So müssen die Filzstifte eine hohe Farbbrillanz und Langlebigkeit aufweisen und das Papier ausreichend dick sein, damit die Farben nicht auf der Rückseite durchscheinen. Gänzlich kann die Befragte ihre Erwartungshaltung an sich selbst jedoch nicht aufgeben, sodass es zu einem Dilemma kommt. Nach der Fertigstellung eines Bildes betrachtet sie es aus einer sehr kritischen Perspektive. An dieser Stelle kann sie ihr künstlerisches Vorwissen nicht außer Acht lassen. Folglich ist sie mit dem Ergebnis nicht immer zufrieden. Zu einem Ausmalbild, welches ihr schon während des Kolorierens nicht mehr gefiel, sagt sie: Ja, also das ist ähm viel zu bunt geworden, ähm (.) als ich es eigentlich vorhatte. Also so’n richtigen Plan hatt’ ich ja gar nicht. Aber ähm ich hab einfach mit einer Farbe angefangen und hab dann überall so einzelne Flächen angemalt. Und dann ging das immer so weiter mit den anderen Farben. Und irgendwie äh hab ich mich am Ende total geärgert oder schon zum Ende hin. Und äh es sind einige Flächen dann auch einfach nicht mehr äh schön geworden oder ich hab dann so kleine weiße Flächen ausgelassen, oder übern Strich gemalt, weil’s mich einfach so (leicht lachend) genervt hat, ähm das dann weiter zu malen. Aber ich konnt’ auch nicht aufhören. Sonst hätt ich es, glaub ich, rausreißen und wegschmeißen müssen. Ähm (.) ja, und wenn ich das jetzt so reflektiere, dann äh will ich das am liebsten gar nicht sehen, weil ich es so schlimm finde, das (I: (lacht leise)) anzugucken. Hier kollidiert der wert- und erwartungsfreie Ausmalprozess mit einer künstlerisch kritischen Reflexion, was zu einem Spannungsmoment im Kontext des Ausmalbildes führt. Die Befragte ist sich dessen bewusst, ändert ihre Herangehensweise aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht: Ja. Aber ich (lacht) es wird sich, glaub ich, nicht ändern. Weil ähm der Vorgang ist ja immer der gleiche. Dass ich mir nicht überlege, wie es am Ende aussehen soll. (…) Wenn ich äh mir das zurechtlegen würde, wie ich das ähm anmalen will und wie ich da vorgehe und welche Farben ich nutze, dann ähm ist es jetzt nicht mehr so spontan und nicht mehr so entspannend für mich. Später im Interview kommt sie erneut darauf zurück und betont: Aber am Ende bin ich trotzdem froh, dass ich es dann ja ausgemalt, also weil’s mich ja in dem Moment total entspannt hat. 146 Der Prozess als solcher, der im Zeichen von Entspannung steht, wiegt ein für sie unzufriedenes Ergebnis auf. Das bedeutet, dass die ästhetischen Vorstellungen zugunsten eines kontemplativen Moments zurückgestellt werden. Abb. 30: Koloriertes Ausmalbild der Befragten (dritte Fallrekonstruktion).403 Das von der Befragten ausgesuchte und mit Filzstiften kolorierte Ausmalbild stammt aus dem Ausmalbuch Mein geheimnisvoller Dschungel von Johanna Basford (siehe Abb. 30). Es erstreckt sich über eine Doppelseite und zeigt eine Dschungelszene. Im Vordergrund stehen ca. 13 verschiedene Blumenarten, die von zwei Bäumen flankiert werden. Während die Blumen und Gräser vom unteren Bildrand zielstrebig zur Mitte drängen, fallen vom oberen Bildrand geschwungene Lianen und Ranken herab, die zu einem ausgewogenen Verhältnis von geraden und runden Elementen beitragen. Die Blumen- und Blütendarstellungen reichen von einfachen geometrischen Figuren bis hin zu komplexen Formen. Die meisten Blüten sind radiärsymmetrisch, weisen aber eine Verzerrung innerhalb ihrer Formelemente auf. Diese Darstellungsweise ist typisch für die Ausmalbilder von Basford. Ähnlich verhält es sich mit dem Blattwerk: Gräser, Farne, Blätter und Lianen basieren überwiegend auf runden sowie eckigen Formen und sind im Sinne der Achsensymmetrie gezeichnet. Die Flächen des Blattwerks sind in unterschiedliche Größen eingeteilt, besitzen eine zweite Konturlinie oder, wie rechts im Bild zu sehen, gestrichelte Linien als lose Unterteilung. Die Vielfältigkeit der Motive animierte die Befragte, unterschiedliche Farbkombination zu verwenden. Allerdings wurden in Anlehnung an eine naturgetreue Darstellung alle Blumen einer Gattung mit demselben Farbschema ausgemalt. Die Blüten hat die Befragte mit wenigen Ausnahmen in warmen Farben koloriert. Dadurch heben sie sich von den vier Grüntönen ab, mit denen sie das Blattwerk gestaltete. 403 Ausmalbild aus: Basford, Johanna (2016): Mein geheimnisvoller Dschungel. Eine Forschungsreise zum Ausmalen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. 147 Begonnen hat sie jedoch mit den großflächigen Bäumen, die sich an der linken und rechten Bildseite befinden. Dies deckt sich mit der Annahme, dass die Befragte zunächst große Flächen für ein schnelles Erfolgserlebnis ausmalt. Bei dem Baum tatsächlich. (.) Ich glaube, weil’s die größte Fläche ist. (.) Weil man orientiert sich irgendwie so an dem Baum. Das Blattwerk, welches sich um die Bäume schlängelt, hat das flächige Kolorieren der Befragten unterbrochen und sie im Flow gestört, da sie sich stärker konzentrieren musste und gleichzeitig nur langsam vorankam. Ähm obwohl das ein bisschen äh nervig war, immer um diese ganzen kleinen Blätter drum rum zu malen. Das ist, wo wir wieder bei der Kleinflächigkeit wären. Diese Aussage deckt sich mit der Erkenntnis, dass die Befragte die Tätigkeit in erster Linie ausübt, um innerlich zur Ruhe zu kommen und nachdenken zu können. Die farbige Gestaltung bestärkt diese Theorie. Obwohl das Bild sehr gewissenhaft koloriert wurde, ist es farblich einfach gehalten aufgrund der geringen Auswahl an Filzstiften. So wurden alle Blätter mit nur vier Grüntönen gestaltet, die Bäume lediglich mit zwei Brauntönen. Auf Schattierungen hat sie verzichtet. Den Hintergrund, der ebenfalls als Fläche hätte koloriert werden können, hat sie bewusst nicht ausgemalt oder nicht als Teil des Ausmalbildes wahrgenommen und folglich nicht gestaltet. 5.7.2 Beschreibung des Ausmaltyps 3 Aus der dritten Fallrekonstruktion kann folgender Ausmaltyp abgeleitet werden: Die Befragte findet im Ausmalen Ruhe und Entspannung. Daher malt sie typischerweise abends nach einem anstrengenden Arbeitstag. Zum Ausmalen sucht sie sich bewusst einen Ort, den sie nicht mit Arbeit assoziiert. Ein detailliertes und ordentliches Ausmalen wird der Gemütlichkeit und der Kontemplation untergeordnet. Der Ausmalprozess steht hier also deutlich über dem Endergebnis und über den ästhetischen Vorstellungen der Befragten. Die Probandin hat das Bedürfnis, ein Ausmalbild zu beenden, vorzugsweise innerhalb einer Ausmalphase. Während des Malens entsteht ein Flow-Zustand, der es ihr ermöglicht, Situationen und Begebenheiten des Alltags zu reflektieren und zu verarbeiten. Ihr subjektives Zeitempfinden wird dabei aufgehoben, sodass ein Ausmalprozess mehrere Stunden dauern kann und erst mit der Fertigstellung eines Bildes beendet wird. Folgende Malstrategie konnte ausgemacht werden: Die Befragte orientiert sich an einer realistischen und naturgetreuen Darstellungsweise. Diese Strategie gibt ihr indirekt das Farbkonzept vor, wodurch sie sich neben dem Ausmalen auf andere Dinge konzentrieren kann. Korrekturstrategien wendet sie keine an, da ihr das Ergebnis während des Kolorierens weniger essentiell erscheint als der entspannende Prozess selbst. Dieser Ausmaltyp funktioniert für die Probandin aus einem speziellen Grund: Das Ausmalen eines Ausmalbildes und das Malen auf einer Leinwand sind nicht hierarchisch, sondern gleichberechtigt zu betrachten, da sie mit beiden Tätigkeiten unterschiedliche Ziele verfolgt. Ausmalen stellt ein Pendant zur Acrylmalerei dar und beides korreliert miteinander: Die 148 Befragte weiß aufgrund ihres künstlerischen Hintergrunds um ihre Fähigkeiten und erwarb durch die Acrylmalerei ein künstlerisches Potenzial. Dementsprechend benötigt sie nicht die Ausmalbilder als Bestätigung für eben dieses und kann umso entspannter und gelöster ausmalen, ohne zu große Erwartungen an sich selbst zu stellen. Gleichfalls erfährt sie keinen Erwartungsdruck von außen, da sie die Ausmalbilder niemandem präsentiert. Der Ausmaltyp ist bestimmt von mehreren Grenzsetzungen. Zum einen grenzt sie sich räumlich vom Alltag und vom Arbeitsleben ab. Zum anderen grenzt sie sich vom auszumalenden Bild selbst ab, da sie sich nur auf wenige Malstrategien und auf ein einfaches Farbkonzept stützt. Weiterhin zieht sie eine imaginäre Grenze und grenzt das Ergebnis zur Außenwelt hin ab, da ihre Ausmalbilder im Buch verbleiben, welches sie niemandem zeigt. Zuletzt grenzt sie sich gegenüber ihrer eigenen Erwartungshaltung ab, weil sie das Ausmalen von ihrem eigentlichen künstlerischen Können trennt. Erst durch diese Abgrenzungen gelingt es ihr, in einen Prozess des Nachdenkens, des Gedankenschweifens und der Entspannung überzugehen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Jan Stollmeier geht der Frage nach der Sinnhaftigkeit von Ausmalbüchern für Erwachsene nach und untersucht den seit einigen Jahren andauernden Trend, der im kunstwissenschaftlichen Bereich bisher keine Beachtung fand. Der Autor weist in seiner qualitativ-empirisch angelegten Arbeit nach, dass Ausmalbilder auf dem geschichtsträchtigen Formenrepertoire der Ornamentik beruhen und in der Lage sind, vielfältige ästhetische Erfahrungen zu initiieren und sowohl simple als auch komplexe Malstrategien hervorzubringen. Die Untersuchung beruht auf einem interdisziplinären Forschungsansatz und greift kunstwissenschaftliche, soziologische und philosophische Aspekte auf, um anhand biografischer Fallrekonstruktionen Ausmaltypen herauszuarbeiten, die die Grundlage für eine abschließende Theorie bilden. Ausmalen ist demnach ein Trend der heutigen Zeit, weil es für die Ausmalenden eine probate Möglichkeit darstellt, zur Ruhe zu kommen und sich vom Alltag zu erholen. Er setzt sich aufgrund veränderter Lebensbedingungen durch, die mit einem Raumverlust und einer sozialen wie gesellschaftlichen Beschleunigung einhergehen, die es unabdingbar machen, eigene Orte und eigene Räume der Entschleunigung zu inszenieren. Die Arbeit widmet sich ebenso der Frage, wie sinnvoll Ausmalbilder im schulischen Kontext sind, und zeigt Möglichkeiten auf, Ausmalen gewinnbringend und unter Berücksichtigung von Lehrplänen, Achtsamkeit und exekutiver Funktionen im Kunstunterricht einzusetzen. „Mit seiner Untersuchung zu Ausmalbüchern von Erwachsenen legt Jan Stollmeier für das Fach Kunstpädagogik ein Grundlagenwerk vor, an dessen zentralen Thesen und Positionen in der Theoriebildung zu diesem Sujet zukünftige Diskurse in diesem Bereich nicht vorbeikommen können.“ Jutta Ströter-Bender