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VI. Schlussbetrachtung in:

Nina Wittmann

The Museum of Non-Objective Painting - Art of This Century, page 169 - 174

Konkurrenz und Kunstbetrieb in New York in den 1930er und 1940er Jahren

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4296-0, ISBN online: 978-3-8288-7228-8, https://doi.org/10.5771/9783828872288-169

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Kunstgeschichte, vol. 9

Tectum, Baden-Baden
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Schlussbetrachtung Peggy Guggenheim war geradezu der komplette Gegenentwurf zu der nur acht Jahre älteren Hilla Rebay. Während diese um gesellschaftliche Seriosität bemüht war und ihre amerikanischen Gönner von der Ernsthaftigkeit der modernen Kunst in Europa überzeugen wollte, führte Peggy Guggenheim ein bohemienhaftes Leben in Europa. Des Weiteren unterschieden sich beide Frauen dadurch voneinander, dass Peggys Herangehensweise an die Kunst weitaus demokratischer war als der eher idealistische Ansatz von Hilla Rebay. Peggy Guggenheim wollte Künstler kennen, Zeit mit ihnen verbringen, mit ihnen zusammenarbeiten und aktiv in ihre Arbeit involviert sein.477 Hilla Rebay hingegen war sehr bestimmend und propagierte mit einem fast schon fanatisch-religiösen Eifer die Gegenstandslosigkeit von Kunst. Rebay besaß weder kunsthistorische Kompetenz, noch zog sie Kunsthistoriker oder andere Autoritäten zu Rate. Sie isolierte sich von der institutionalisierten Kunstszene, indem sie Künstlern prophetengleich das alleinige Recht zusprach, über Kunst zu urteilen. Das wird durch die Tatsache deutlich, dass sie sich nur um einen Teil der gesamten modernen Kunst bemühte. Peggy Guggenheim dagegen scharte eine ganzes Team von Beraterinnen und Berater um sich, die eine entscheidende Rolle für die Konzeption und Entwicklung der Kunstsammlung spielten. Das zeigt die Tatsache, dass Hilla Rebay die Ausstellungsdesign für das Museum of Non-Objective Painting, trotz Anstellung des Ausstellungsarchitekten William Muschenheim, weitgehend selbst konzipierte. Peggy Guggenheim lässt Frederik Kiesler dagegen freie Hand.478 Es lässt sich kein größerer Gegensatz vorstellen als der zwischen dem Museum of Non- Objective Painting als Tempel für die hohe Kunst und Peggys interaktiver Art of This Century-Galerie, in der die Betrachtung von Kunst auch VI. 477 Dearborn 2007, S. 178, S. 201 478 Vgl. Kapitel 3.3.2.1 Kieslers Multifunktionelles Mobiliar 169 Spaß machen durfte. Das Museum of Non-Objective Painting verkörperte Rebays Vorstellung einer reinen Malerei in mondäner Umgebung mit Wänden aus grauem Velours, flauschigem Teppichboden, Weihrauch und Musik von Bach. Guggenheim veranstaltete Ausstellungen wie Natural, Insane, Surrealist Art479, bei der sie in ihrer Galerie Treibholz, Wurzeln und mit Zähnen bestückte Kieferknochen zeigte, begleitet von Eisenbahngeräuschen vom Band und von blinkenden Lichteffekten. Wie auch aus der Pressemitteilung von Art of This Century hervorgeht, war die Galerie eigentlich als Kunstzentrum gedacht, in dem sich ein Gedankenaustausch entwickeln sollte und wo Kunst nicht statisch und isoliert, sondern unmittelbar und engagiert präsentiert wurde.480 Die ganze Konzeption der Galerie war darauf ausgerichtet, den Zugang zur Kunst zu erleichtern, in dem sie das Betrachten von Kunst zu einem angenehmen, abwechslungsreichen Erlebnis für jedermann machte. Hilla Rebay sah ihr Museum als „Tempel der Gegenstandslosigkeit“481, während Peggy Guggenheim das ihre als „Forschungslabor“482 bezeichnete. Ob Solomon R. Guggenheim in diesen Konflikt eingebunden war, ist nicht überliefert. Es ist lediglich bekannt, dass er keineswegs damit einverstanden war, dass seine Nichte aktiv im Berufsleben stand und mit moderner Kunst handelte.483 Niemand erwartete, dass die Frauen der Guggenheims arbeiteten, ganz im Gegenteil. Zudem hatte sich Peggy gegen die hart erworbene bürgerliche Respektabilität der Familie aufgelehnt, indem sie in Europa lebte, mit unpassenden Männern Affären einging und zu einer Händlerin moderner Kunst wurde. Sie führte in Bohèmekreisen ein wildes und ausschweifendes, gleichwohl luxuriöses Jetset-Leben. Hinzu kam noch, dass sich Peggy neben 479 1.–31. Dezember 1943 (Vernissage 30. November) 480 Vgl. Press Release – Peggy Guggenheim to open Art Gallery „Art of this Century“ (20. Oktober 1942), in: Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler. The Story of Art of this Century, hrsg. von S. Davidson / D. Bogner, Kat. Ausst., Venedig (Peggy Guggenheim Collection) 2003–2005, Ostfildern 2003, S. 179 481 Zitiert nach Lukach 1983, S. 62 482 Press Release – Peggy Guggenheim to open Art Gallery „Art of this Century“ (20. Oktober 1942), in: Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler. The Story of Art of this Century, hrsg. von S. Davidson / D. Bogner, Kat. Ausst., Venedig (Peggy Guggenheim Collection) 2003–2005, Ostfildern 2003, S. 179 483 Dearborn 2007, S. 12 VI. Schlussbetrachtung 170 ihrem Interesse für abstrakte Kunst, das sie mit ihrem Onkel teilte, auch für den Surrealismus begeisterte, der häufig auf Sexualität und Machtverhältnisse anspielte, und dies vielfach in blasphemischen Weise, was ihrem Onkel vulgär vorkommen musste.484 Trotz aller markanten Unterschiede, gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen Peggy Guggenheim und Hilla Rebay zu entdecken. Beide Frauen waren starke Charaktere, mit rigorosem Auftreten und impulsivem Temperament, deren wechselvolles, kompliziertes Leben in Europa und Amerika sich in Teilen ähnelt. Peggy und Hillas schlechtes Image in der oberen Gesellschaft machen dies umso deutlicher.485 Aus dieser Ähnlichkeit resultiert möglicherweise die heftige Abneigung, die zwischen den beiden herrschte. Rebay und Guggenheim haben es geschafft, sich aus eigener Kraft von den Verpflichtungen der höheren Töchter so weit zu lösen, dass sie parallel dazu eine Karriere als Sammlerinnen aufbauen konnten. Die Beschäftigung mit Kunst und Literatur war in der bürgerlichen Mädchenerziehung als Vorbereitung auf das künftige Dasein als Ehefrau zwar durchaus vorgesehen, eine daran ausgerichtete Berufsausübung fand jedoch selten Akzeptanz. Hilla Rebay und Peggy Guggenheim behaupten sich in der männlich geprägten Welt des Kunsthandels, widersetzten sich der Kritik an ihren jeweiligen Kunstauffassungen und verfolgten ähnliche Zielsetzungen: Sie trugen herausragende Kunstsammlungen zusammen, entwickelten eigene Strategien, um der klassischen Moderne zum Durchbruch zu verhelfen und transformierten trotz öffentlicher Kritik ihre Privatsammlung in öffentlich zugängliche Museen. Kennzeichnend für Rebay und Guggenheim ist sowohl deren systematische Sammlertätigkeit und finanzielle Unterstützung von Künstlern, als auch die Absicht, ihre Sammlung einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen und den geförderten Künstlern Anerkennung zu verschaffen. Mit dem Anliegen, jene Künstler nicht nur monetär zu fördern, sondern ihnen und ihren Arbeiten auch zu gesellschaftlichem Renommee zu verhelfen, verbindet sich das eigennützige Interesse, als Förderinnen anerkannt und ernst genommen zu werden. Durch ihren tatkräftigen Einsatz in der Konzipierung von Ausstellungen europäi- 484 Dearborn 2007, S. 178 485 Dearborn 2007, S. 370; Davis 1984, S. 162 VI. Schlussbetrachtung 171 scher Malerei im Museum of Modern Art und in der Galerie Art of This Century, entwickelte sich in New York ein künstlerischer Nährboden, aus dem die abstrakten Expressionisten hervorgingen. Hierdurch wurde eine neue Ära in der Kunst eingeleitet, das zahlreiche Künstler nachhaltig beeinflussen sollte. Während des Zweiten Weltkriegs veranlassten Hilla Rebay und Peggy Guggenheim gezielte Ankäufe von Arbeiten zahlreicher in Europa gebliebener Künstler wie Chagall, Gleize und Werke aus der Sammlung Fènèon. Beide Frauen waren darauf bedacht, sehr gezielt Bilder von Künstlern zu kaufen, die in finanziellen Schwierigkeiten waren. Vielen Freunden und bekannten Künstlern ließen sie Geld zukommen und ermöglichten ihnen die Emigration in die USA. Hilla Rebay und Peggy Guggenheim haben sich für die gleiche Sache eingesetzt, respektierten die Sammelleidenschaft der jeweils anderen und verfügten über ein großes Maß an sozialem Verantwortungsbewusstsein, indem sie finanziell angeschlagenen Künstlern Unterstützung zuteil werden ließen.486 Nachdem Hilla Rebay nach Solomon R. Guggenheims Tod von ihrem Direktorenposten ausgeschlossen wurde und Peggy Guggenheim ihre Museumsgalerie Art of This Century schloss und nach Venedig auswanderte, gab es keine weiteren Berührungspunkte mehr zwischen den beiden Frauen. Besondere Beachtung fand die Ausstellung der Peggy-Guggenheim-Sammlung in den 1960er Jahren, die Teil einer Ausstellungstournee der Sammlung Peggy Guggenheims war. Diese Ausstellung war vor dem Hintergrund des Konfliktes mit ihrem Onkel Solomon R. Guggenheim eine Besonderheit und gab wahrscheinlich den Ausschlag zur späteren Übertragung der Eigentumsrechte ihrer Sammlung an die Solomon R. Guggenheim Foundation. Mit der Überführung der Bestände der Sammlung Peggy Guggenheim in die Solomon R. Guggenheim Foundation endet der Wettbewerb um den Vorrang der Konzepte und der Sammlungen. Nach Peggy Guggenheims Tod fusionierten die beiden Sammlungen im Jahre1980 und ließen vergessen, wie gegensätzlich die Sammlungsschwerpunkte einst gewesen waren. 1998 fand erneut eine Sonderschau von Werken aus Peggy Guggenheims Sammlung unter dem Titel Peggy Guggenheim: A Centennial Celebrati- 486 Hilla Rebay an Yvanhoé Rambosson am 18.4.1940, The Solomon R. Guggenheim Museum Archives, New York, Collection Peggy Guggenheim, Call Number: A0007, Box: 000128, Folder 43 VI. Schlussbetrachtung 172 on487 statt. Es wehte ein Hauch von Versöhnung durch diese Veranstaltung, wenn man bedenkt, dass Karole Vail, die Kuratorin der Ausstellung Art of Tomorrow. Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim von 2006 die Enkelin ihrer einstigen Konkurrentin Peggy Guggenheim ist. Seit 2017 ist Karole Vail darüber hinaus Direktorin der Peggy Guggenheim Collection in Venedig und führt das Erbe ihrer Großmutter fort. Es ist nicht bekannt, ob sich Hilla Rebay und Peggy Guggenheim jemals kennengelernt haben. Das Quellenmaterial belegt, dass sich beide hierzu nie geäußert haben. Man kann nur spekulieren, inwieweit sich beide Frauen bewusst aus dem Wege gegangen sind und einander gezielt ignoriert haben. 487 Peggy Guggenheim. A Centennial Celebration, hrsg. von K. Vail, Kat. Ausst., New York (Solomon R. Guggenheim Museum (1998), Venedig (Peggy Guggenheim Collection) 1998/1999, New York 1998 VI. Schlussbetrachtung 173

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Zusammenfassung

Die Auseinandersetzung mit dem Konkurrenzverhalten der beiden Guggenheim-Lager ist das zentrale Forschungsvorhaben der vorliegenden Arbeit. Besondere Gewichtung kommt in diesem Kontext dem Gründungsmuseum der Solomon R. Guggenheim Foundation, dem Museum of Non-Objective Painting und der Museumsgalerie Art of This Century zu. Nie zuvor wurde eine Gegenüberstellung dieser beiden Institutionen in diesem Umfang in einer Arbeit vorgenommen. Die Studie schließt diese Forschungslücke, um ein differenziertes Bild des Konkurrenzkampfs innerhalb des New Yorker Kunstbetriebs zu gewinnen und somit eine erweiterte Diskussionsgrundlage zu schaffen. Es wird die Frage beantwortet, wie diese Konkurrenz zwischen den beiden Guggenheim-Lagern zustande kam und sich vor dem Hintergrund der amerikanischen zeitgenössischen Kunstszene entwickelte. Als Hauptakteure dieser Auseinandersetzung stehen sich zwei Persönlichkeiten gegenüber: Hilla Rebay und Peggy Guggenheim. Das Wirken dieser beiden Frauen vor dem Hintergrund ihrer zunehmenden Gegnerschaft wird in einer umfassenden sozial- und kulturhistorischen Studie untersucht. Es soll einerseits verdeutlicht werden, wo Berührungspunkte zwischen den Sammlerinnen bestanden haben, andererseits soll die wachsende Rivalität der beiden Frauen näher beleuchtet werden. Das Anliegen dieser Arbeit ist, bereits bekannte Erkenntnisse unter Zugrundelegung eben dieses Konkurrenzkampfs kritisch zu prüfen und um neue Aspekte zu erweitern.