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Reiner Burger, Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin in:

Bodo Hombach (Ed.)

Heimat & Macht, page 275 - 292

Von Arnold bis Rau, von Clement bis Laschet - Eine kurze Landesgeschichte NRWs

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4225-0, ISBN online: 978-3-8288-7225-7, https://doi.org/10.5771/9783828872257-275

Tectum, Baden-Baden
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275 Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin von Reiner Burger I. In der frohen Gewissheit, dass sie ein ganz großes Fest feiern würde können, hatte die nordrhein-westfälische SPD die Großdiskothek „3001“ im Düsseldorfer Medienhafen für den 13. Mai 2012 reserviert. Bereits weit vor 18 Uhr am Abend der Landtagswahl war die „innovative und progressive Location“, wie sich die Diskothek selbst bezeichnete, rappelvoll. Auf dem „Mainfloor“ drängten sich die Anhänger von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und lobten sie überschwänglich. Kraft habe der SPD ein neues Gefühl gegeben. Bereits als um Punkt 18 Uhr die erste Pro gnose auf dem Bildschirm erschien und der schwarze Balken der CDU bei nur 26 Prozent stecken blieb, brach im Saal Jubel aus. Er steigerte sich in ekstatische Höhen, als für die SPD rund 39 Prozent angezeigt wurden. Er schwoll auch nicht ab, als die Grünen auf zwölf Prozent kamen. So eindeutig war das Ergebnis, so groß war der persönliche Triumph für Kraft, dass sie viel früher erschien als geplant. Gemeinsam mit ihrem Mann Udo und ihrem Sohn Jan stieg sie auf die Bühne. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Was für ein toller Abend!“, rief sie. „Wir haben das Richtige getan, wir haben die Menschen in den Mittelpunkt gestellt.“ 276 Heimat & Macht II. Die rund 39 Prozent der SPD bei der ersten Landtags-Neuwahl in der Geschichte Nordrhein-Westfalens waren in mehrfacher Hinsicht eine Sensation. Zum einen konnte sich die Kraft-SPD klar vom Bundestrend abkoppeln; alle Wahlforschungsinstitute sahen die SPD im Bund damals bei unter 30 Prozent. Zum anderen war auch ihr Absturz in Nordrhein- Westfalen nach dem Schröder’schen Agenda-Schock dramatisch gewesen. Bei der Bundestagwahl 2009 war die Partei im für sie weitaus wichtigsten Bundesland nur auf 28,5 Prozent gekommen. Wenige Monate später, bei der Landtagswahl 2010, erreichten die Sozialdemokraten magere 34,5 Prozent. So schlecht hatten sie zuletzt 1954 abgeschnitten. Aus sozialdemokratischer Perspektive war das Ergebnis von 2010 aber doch erträglich, weil die CDU, die im Fotofinish 0,1 Punkte mehr erhalten hatte, nach nur einer Legislaturperiode die Position der strukturellen Mehrheitspartei wieder verloren hatte. Im Mai 2012 war die SPD nun wieder klar die Führungskraft, ohne die im bevölkerungsreichsten Bundesland keine Regierung gebildet werden konnte. Kraft befand sich in einer überaus komfortablen Machtposition. Nach der Neuwahl gab es nämlich nicht nur eine satte Mehrheit für Rot-Grün, auch ein Bündnis mit der FDP wäre auf eine klare Mehrheit der Parlamentssitze gekommen. Unaufhaltsam schien Hannelore Kraft in dieser Zeit zur starken Frau der gesamten deutschen Sozialdemokratie aufzusteigen. Doch schon am Wahlabend wies sie Spekulationen zurück, sie werde nun Kanzlerkandidatin der SPD. Sie wolle vielmehr ihre Präventionspolitik, die sie 2010 unter dem Leitmotiv „Kein Kind zurücklassen“ begonnen hatte, in Nordrhein-Westfalen umsetzen. Das gelte für die gesamte Legislaturperiode. „Die Wähler haben mein Wort“, beteuerte sie. Trotzdem hofften viele Sozialdemokraten weiter auf Kraft. Ihr politisches Versprechen, die „Kümmererpartei“ SPD werde wieder am „vorsorgenden Sozialstaat“ bauen, empfanden viele Genossen als Gegenentwurf zur Agenda- und Hartz- Phase. Zwar scheinen die rund 39 Prozent der SPD im langfristigen Vergleich kein Traumergebnis, denn zwischen 1962 und dem Jahr 2000 hatte sie in Nordrhein-Westfalen stets Werte von klar über 40 Prozent erzielt. Doch angesichts der Verschiebungen im Parteiensystem waren 39 Prozent ein Spitzenwert für eine Volkspartei und eine gute Grundlage, um aus dem 2010 von Kraft nach langem Zaudern eingegangenen 277 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin Wagnis Minderheitsregierung ein stabiles rot-grünes Bündnis zu machen. Vor allem aber hatte Hannelore Kraft nun die Chance, die SPD mit einer unideologischen, pragmatischen Erneuerung des Landes auf längere Sicht als unumstrittene Mehrheitspartei zu etablieren. Welch ein Kontrast: Fünf Jahre später, am Abend der Landtagswahl vom 13. Mai 2017, erschien Hannelore Kraft abermals viel früher als erwartet vor ihren Anhängern. Schon kurz vor 18 Uhr hatte sich die Nachricht von der historischen Niederlage im Henkel-Saal in der Düsseldorfer Altstadt gerüchteweise verbreitet. In dem Saal, in dem sonst Salsa- und Karnevalspartys stattfinden, herrschte beklommene Stimmung, die Gesichter waren versteinert. Bei der ersten Hochrechnung ging nur ein halblautes Stöhnen durch die Menge. Die stolze nordrhein-westfälische SPD war auf nur noch gut 31 Prozent abgestürzt. Wenige Minuten vergingen nach den ersten Hochrechnungen, dann lief in hohem Tempo die von einem Tross umringte Ministerpräsidentin in den Henkel-Saal. Müde sah sie aus. „Das ist kein guter Tag für die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen“, sagte Kraft. Sie gratulierte Armin Laschet, dem Wahlsieger der CDU, und wünschte ihm eine „gute Hand“. Sie selbst aber wolle nun die Verantwortung für die historische Niederlage übernehmen. „Deshalb werde ich mit sofortiger Wirkung als Vorsitzende der SPD in NRW und als stellvertretende Bundesvorsitzende zurücktreten“, sagte Kraft. Wie konnte es zu diesem dramatischen Absturz kommen? Warum gelang es Hannelore Kraft nicht, ihre SPD wieder als hegemoniale Macht in Nordrhein-Westfalen zu etablieren und damit die deutsche Sozialdemokratie zu stabilisieren? Und schließlich: Was bleibt von der Ära Kraft? Handelt es sich tatsächlich um sieben verlorene Jahre, wie mancher Kraft- Kritiker meint? III. Landtagswahlen werden von Parteien oder Parteikonstellationen selten aktiv gewonnen. Häufiger werden amtierende Regierungen abgewählt. In Nordrhein-Westfalen spielt zudem die Bundespolitik regelmäßig eine Rolle. Mehrfach setzten die Wähler in Nordrhein-Westfalen bewusst ein Gegengewicht zur jeweiligen Bundesregierung. Besonders augenfällig war das in der Regierungszeit von Ministerpräsident Johannes Rau (SPD). 278 Heimat & Macht Er konnte sich auch deshalb so lange an der Macht halten, weil im Bund der „ewige Kanzler“ Helmut Kohl (CDU) regierte. Als Korrektivereignis lässt sich auch die Landtagswahl 2005 deuten, bei der Jürgen Rüttgers (CDU) an die Macht kam: Nordrhein-Westfalens Wähler straften Rot-Grün ab. Noch am Wahlabend kündigte die SPD an, sie wolle eine vorgezogene Bundestagswahl. Damit war Rot-Grün auch im Bund am Ende. Zumindest teilweise bestätigte sich die Gegengewichts-These auch 2010. Damals war die Abwahl der schwarz-gelben Landesregierung von Ministerpräsident Rüttgers nach nur einer Legislaturperiode zugleich eine Abrechnung mit der schwarz-gelben Bundesregierung. Obwohl sie erst seit Ende 2009 im Amt war, hatte sich bis zum Beginn des Landtagswahlkampfs im Frühjahr der Eindruck verfestigt, dass Schwarz-Gelb im Bund keine gute Arbeit leiste. Hinzu kam die erste Welle der Griechenland-Krise und damit der Beginn der umstrittenen Euro-Rettung. Allerdings kam eine Untersuchung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung kurz nach dem Rüttgers-Debakel zu dem Schluss, dass die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung nur eines von mehreren Motiven gewesen sei. Tatsächlich belegen die demoskopischen Befunde, dass die CDU die Wahl nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Spitzenkandidaten krachend verloren hatte. Dabei schien Rüttgers’ Wiederwahl wegen der lange Zeit niederschmetternden Lage der Sozialdemokraten zunächst ungefährdet. Noch bis Ende 2009 erreichte seine Partei in Meinungsumfragen mindestens 40 Prozent. Rüttgers konnte sich seines Amtsbonuses sicher sein: Mit bis zu 20 Prozentpunkten Vorsprung lag er lange Zeit vor seiner SPD-Herausforderin Kraft. Aber nach der Jahreswende begann nicht zuletzt wegen der sogenannten Sponsoring-Affäre und anderer offenbar von Parteifreunden gezielt durchgestochener Skandalgeschichtchen aus der CDU-Landeszentrale eine dramatische Erosion des Ansehens. Motivation für die Intrigen war vermutlich auch die Rache ehemaliger Weggefährten, die sich von Rüttgers zurückgesetzt fühlten. Kurz vor der Landtagswahl 2010 war die Stimmung nach zahlreichen Presseveröffentlichungen über die CDU-Interna schließlich gekippt: Wie aus der Analyse der Forschungsgruppe Wahlen hervorging, wünschten sich nun nur noch 40 Prozent Rüttgers als Ministerpräsidenten, während sich 43 Prozent für Kraft aussprachen. Zudem hielt nun eine Mehrheit die SPD-Herausforderin für glaubwürdiger, bürgernäher und sympathischer. Den zuletzt noch einmal beschleunigten Aufstieg 279 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin Hannelore Krafts kann man nicht ohne diesen raschen Ansehensverfall der Regierung Rüttgers verstehen. Hannelore Kraft, 1961 in Mülheim an der Ruhr zur Welt gekommen, arbeitete sich zäh nach oben. Ihr Vater war Straßenbahnfahrer, ihre Mutter Schaffnerin. 1980 machte Kraft als erstes Mädchen in der Familie Abitur. Es folgte eine Banklehre und anschließend ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Danach war sie gut zehn Jahre lang als Unternehmensberaterin tätig. In die SPD trat Kraft erst 1994 ein. Die sozialdemokratische Ochsentour blieb ihr erspart. Stattdessen begann im Frühjahr 2000 ihr Blitzaufstieg. Kraft errang in ihrer Heimatstadt ein Landtagsmandat, und nur knapp ein Jahr später machte sie Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) zur Europaministerin. Unter seinem Nachfolger Peer Steinbrück (SPD) war sie bis zur Abwahl der rot-grünen Landesregierung im Mai 2005 für das Wissenschaftsressort zuständig. Nach beinahe vier Dekaden büßte die SPD damals ihre Vorherrschaft an Rhein und Ruhr ein. Sozialdemokratische Alphatiere gab es nicht mehr. Immer schneller ging es nun für Kraft aufwärts. Sie übernahm zunächst die Führung der Fraktion und wurden dann 2007 auch noch die erste Chefin des mit Abstand größten und wichtigsten Landesverbandes der SPD. Als ihr der Parteivorsitz zufiel, stellte sie selbstbewusst eine Bedingung, bevor sie zugriff: „Soll ich führen, müsst ihr mich gleich auch zur Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2010 machen.“ Noch kurz vor der Wahl gaben allerdings selbst führende Genossen ihrer Spitzenkandidatin nicht den Hauch einer Chance. Hannelore Kraft war eine lang Unterschätzte. IV. Die Parteizentralen von CDU und SPD in Düsseldorf sind lediglich den sprichwörtlichen Steinwurf voneinander entfernt. Und doch lagen am 9. Mai 2010 zwischen Christlichen Demokraten und Sozialdemokraten Welten. Beide Parteien fuhren mit jeweils etwas mehr als 34 Prozent ausgesprochen schlechte Ergebnisse ein. Aber während im Festzelt der CDU in der Wasserstraße bei den ersten Hochrechnungen nicht einmal ein entsetztes Stöhnen zu hören war, brach zweihundert Meter entfernt bei der SPD in der Kavalleriestraße Jubel aus. 280 Heimat & Macht Als die 18-Uhr-Prognose angezeigt wurde, skandierten die versammelten Jusos am einen Ende des SPD-Zelts: „Hannelore, Hannelore, Kraft, Kraft, Kraft.“ Und am anderen Ende höhnten die Kraft-Anhänger bereits: „Schade, Jürgen Rüttgers, alles ist vorbei.“ Als Kraft aus dem Sitzungssaal des Landesvorstands zu ihren Wahlkämpfern stieß, hatte sie schon ihr „Landesmutterlächeln“ aufgesetzt. „Ich habe einen solchen Wahlkampf noch nicht erlebt“, jubilierte sie. „Nach einer historischen Niederlage sind wir geschlossen geblieben. Das war nicht einfach.“ Eine Botschaft gehe von Düsseldorf aus, rief die SPD-Spitzenkandidatin ihren Genossen zu. „Die SPD ist wieder da!“ Dass sich die Sozialdemokraten auch in den Tagen danach noch ausgiebig als „Wahlsieger“ feierten, war menschlich verständlich. Rational nachvollziehbar aber war nicht, warum der Überschwang so lange anhielt. Nach dem tiefen Einbruch bei der Bundestagswahl war das Abschneiden bei der Landtagswahl nicht mehr als ein erster Hoffnungsschimmer. Aus dem im historischen Vergleich mageren Ergebnis wurde auch dadurch kein rauschender Triumph, dass Schwarz-Gelb in Nordrhein-Westfalen abgewählt worden war und die CDU mehr als zehn Prozentpunkte gegenüber 2005 eingebüßt hatte. Denn die SPD selbst hatte noch einmal 2,6 Punkte verloren. Zudem lag die Union immerhin noch 6 200 Stimmen vor den Sozialdemokraten. Damit war klar: In einer gro- ßen Koalition würde die CDU den Ministerpräsidenten stellen. Die gefühlte Wahlsiegerin Kraft schien nur dann eine Chance zu haben, ihren Führungsanspruch durchzusetzen und erste Frau an der Spitze einer nordrhein-westfälischen Landesregierung zu werden, wenn sie ein Dreierbündnis mit Grünen und FDP oder mit Grünen und Linkspartei zustande bringen würde. Es ist keine geringe Leistung, dass Kraft es am Ende schaffte, dieses Ziel in einer anderen Konstellation zu erreichen, indem sie erstmals in der Geschichte Nordrhein-Westfalens eine Minderheitsregierung bildete. Der Weg dorthin war allerdings von Irrungen und Wirrungen geprägt. Zunächst ergriff die SPD-Landeschefin beherzt die Verhandlungsinitiative und begann mit einem Sondierungsmarathon. Mit den Grünen verabredete Kraft eine „privilegierte Partnerschaft“. Die Gespräche mit Linkspartei und CDU ließ sie scheitern und hielt damit ihre Partei zusammen: Denn abgesehen davon, dass Kraft in einer großen Koalition nicht hätte Ministerpräsidentin werden können, lehnte der linke Flügel eine Koalition mit der Rüttgers-CDU ab. Der rechte Flügel wie de rum 281 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin stemmte sich vehement gegen ein rot-rotes Bündnis mit der in Nordrhein-Westfalen besonders radikalen Linkspartei, die es am 9. Mai erstmals in den Landtag geschafft hatte und deshalb parlamentarisch gänzlich unerfahren war. Hannelore Krafts Hoffnung war lange Zeit ein „Ampel“-Bündnis mit Grünen und FDP. Intensiv sondierten die drei Parteien Anfang Juni im „Congress Center“ der Düsseldorfer Messe. Während Kraft Optimismus versprühte, waren sich die Fraktionen der Grünen und der FDP dagegen schon nach der ersten Sondierungsrunde in der grundsätzlichen Bewertung einig. „Das reicht niemals für eine gemeinsame Regierung“, hieß es unisono von den beiden Parteien, die sich seit Jahren verbissen beharkten und sich wechselseitig als Hauptgegner begriffen. Teilnehmer der Runde berichteten den im Vorraum wartenden Journalisten, die Unterschiede zwischen der SPD und den Grünen auf der einen und der FDP auf der anderen Seite seien teilweise so eklatant gewesen, dass allein das zu gemeinsamer Heiterkeit geführt habe. Als Schlüsselfrage erwies sich wie erwartet die Schulpolitik. Während SPD und Grüne einen radikalen Umbau des Systems zur sogenannten Gemeinschaftsschule planten und dafür auch das Gymnasium schleifen wollten, beharrte die FDP auf einem gegliederten, „leistungsgerechten“ System. Als die Ampel-Gespräche scheiterten, war Hannelore Kraft ratlos, sah nur noch Risiken und keine Chancen. Die Option Minderheitsregierung, die die Grünen ins Gespräch gebracht hatten, lehnte sie zunächst vehement ab. In munterer Folge führte die SPD-Landeschefin stattdessen in ihrer Partei einstimmige Gremienbeschlüsse herbei, mit denen sich die Sozialdemokraten festlegten, einstweilen irgendwie aus der Opposition heraus regieren zu wollen. Sogar für Ministerpräsident Rüttgers, das überlebensgroße Wahlkampf-Feindbild der Genossen, sah der merkwürdige Plan noch eine Rolle vor. Er sollte auf unbestimmte Zeit im Amt gehalten werden. Was Kraft nicht bedacht hatte: Dadurch wäre auch die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat erhalten geblieben. Der „privilegierte“ grüne Verhandlungspartner fand damals harsche Worte: Das Vorhaben Krafts sei ein „Förderprogramm für Politikverdrossenheit“, schimpfte Sylvia Löhrmann. Zugleich zeigte die grüne Spitzenkandidatin der Sozialdemokratin in einer denkwürdigen Pressekonferenz den Weg in die Staatskanzlei auf: Es sei doch ein Widerspruch, dass eine geschäftsführende schwarz-gelbe Minderheitsregierung unter Rüttgers mit 80 Sitzen im 282 Heimat & Macht Landtag besser sein sollte als eine rot-grüne Minderheitsregierung, die sich im Parlament auf 90 Sitze stützen könne und nur eine Stimme von der absoluten Mehrheit entfernt sei. Auch das Risiko bei der Ministerpräsidenten-Wahl sei kalkulierbar, argumentierte Löhrmann mit Blick auf Artikel 52 der Landesverfassung. Dort ist geregelt, dass es schon im zweiten Wahlgang genügt, wenn ein Kandidat mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt; Enthaltungen und ungültige Stimmen zählen nicht zu den abgegebenen Stimmen. Dank der freundlichen Enthaltung der Linkspartei klappte die Wahl Krafts zur ersten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin dann am 14. Juli 2010 tatsächlich völlig reibungslos im zweiten Wahlgang. Die Linkspartei bewährte sich auch in den folgenden Monaten: Dem später vom Verfassungsgerichtshof in Münster wegen unzulässig überhöhter Verschuldung verworfenen Nachtragshaushalt 2010 stimmten einige der Parlamentsneulinge von der Linkspartei sogar zu – versehentlich, wie es danach hieß. Den rot-grünen Etat für das Jahr 2011 ermöglichte die Linke dann wieder durch Enthaltung. Zwar brachte die Regierung Kraft einzelne Vorhaben, wie den Stärkungspakt zur Entlastung überschuldeter Kommunen oder den Schulfrieden, auch mit den Stimmen der FDP oder der CDU durchs Parlament. Doch die längste Zeit ihres Bestehens war die Minderheitsregierung Kraft ein faktisch von der Linkspartei toleriertes Bündnis. Manchem gelten die 20 Monate, in denen SPD und Grüne ohne eigene Mehrheit im bevölkerungsreichsten Bundesland regierten, als Vorbild. Auch als im Herbst 2017 nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen auf Bundesebene kurz über eine mögliche Minderheitsregierung diskutiert wurde, dauert es nicht lange, bis die Ersten an die Zeit im Frühjahr 2010 in Nordrhein-Westfalen erinnerten. Hannelore Kraft selbst sprach 2010 von einer „Politik der Einladung“, die angeblich zu einer Aufwertung des Parlaments führen und Nordrhein-Westfalen zu einem Demokratie-Labor machen sollte. Tatsächlich handelte es sich bei der rot-grünen Minderheitsregierung allerdings nie um mehr als ein Zweckbündnis – völlig legitimes Ziel von SPD und Grünen war es von Beginn an, zu dem aus ihrer Sicht besten Zeitpunkt eine Neuwahl herbeizuführen. Die verfassungsrechtlichen Möglichkeiten sind dafür in Düsseldorf, anders als in Berlin, ausgesprochen gut. Denn im Unterschied zum Bundestag kann sich der nordrhein-westfälische Landtag selbst auflösen. Als 283 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin das Landesparlament Mitte März 2012 mit den Stimmen von CDU, FDP und Linkspartei in der zweiten Haushaltslesung den rot-grünen Einzeletat für das Innenministerium ablehnte, nutze Kraft diese Gelegenheit zur Feststellung, dass nunmehr ihre Geschäftsgrundlage verlorengegangen sei. CDU, Linkspartei und vor allem die FDP, die wegen schlechter Umfragewerte eigentlich kein Interesse an einer Neuwahl hatten, konnten nicht anders, als für die Auflösung des Landtags zu votieren. Abermals waren es die Grünen, die die Lage als Erste durchdrangen und die Ministerpräsidentin entsprechend berieten. Die CDU dagegen wurde vom parlamentarischen Scheitern des Etatentwurfs (das durch einen Kompromiss ohne weiteres hätte abgewandt werden können) auf dem falschen Fuß erwischt. Deshalb hatte Ministerpräsidentin Kraft keine Mühe, ihren Herausforderer Norbert Röttgen wenig später auf geradezu demütigende Weise zu deklassieren. Röttgen machte es Kraft au- ßergewöhnlich einfach. Der damalige Bundesumweltminister hatte die Führung des nordrhein-westfälischen CDU-Landesverbands übernommen, um eine Hausmacht für seinen weiteren Aufstieg in Berlin zu haben. Im Wahlkampf haderte er aus diesem Grund dann heftig mit seinem Schicksal als CDU-Spitzenkandidat. Am Ende schrumpfte Röttgen die Landes-CDU auf nur noch 26,3 Prozent, während Ministerpräsidentin Kraft aus ihrem Minderheitsexperiment mit einem Triumph für die Sozialdemokratie hervorging. V. Nach der Neuwahl 2012 glaubten viele in der SPD, nun beginne die „Resozialdemokratisierung“ Nordrhein-Westfalens. Der Mythos vom roten Stammland feierte fröhliche Urständ. Das war absurd. Schon 1989, als die SPD das Land mit satter absoluter Mehrheit regierte, gestand Parteistratege Bodo Hombach in einer internen Analyse für die Führung der Landes-SPD ein, Nordrhein-Westfalen sei zu keinem Zeitpunkt „ein sozialdemokratisches Stammland“ gewesen. Dass die SPD dann bei der Landtagswahl 1995 nach drei absoluten Mehrheiten ihre Hegemonialstellung einbüßte, lag ganz wesentlich am Zerrinnen ihrer Milieus im Ruhrgebiet. Es ist die ironische Wendung schlechthin: Nun machte sich auch bei Wahlen bemerkbar, dass die nordrhein-westfälische SPD im Grunde eine „verspätete“ Partei ist – erst als das große Zechensterben 284 Heimat & Macht im Ruhrgebiet längst eingesetzt hatte, hatte die Sozialdemokratie ihre Chance bekommen. Sie profitierte vom Niedergang des Bergbaus, zog maximalen Nutzen aus der Auflösung der katholischen Arbeiterkultur und des kommunistischen Milieus. Wer die Lage nüchtern analysierte, konnte erkennen, dass sich auch aus weiteren Gründen nach dem Wahlsieg 2012 kein Kraft-Mythos entwickeln konnte wie nach der Landtagswahl 1985 der Rau-Mythos. Alle wesentlichen Elemente des Systems Rau waren nicht mehr vorhanden: Die Westdeutsche Landesbank, das zentrale Machtinstrument der Ära Rau, war gerade erst zerschlagen worden – noch lange werden die Steuerzahler an den toxischen Überresten der Bank zu tragen haben. Ebenfalls klar war bereits im Frühjahr 2012, dass Hannelore Kraft nicht darauf hoffen konnte, dass ihr wie einst Rau eine schwarz-gelbe Bundesregierung als willkommenes Feindbild erhalten bliebe – tatsächlich wurde die Bundestagswahl 2013 zum historischen Debakel für die FDP. Und schließlich konnte Kraft nicht wie seinerzeit Rau darauf setzen, dank willfähriger medialer Vermittlung selektiv als moralisch über den Dingen schwebend wahrgenommen zu werden. Trotzdem tappte die SPD unter Kraft in ihre eigene Mythos-Falle und richtete sich behaglich in der Erwartung ein, Nordrhein-Westfalen werde bleiben, was es in Wirklichkeit nie war: ihre „Herzkammer“. Dennoch, die Chancen zur Erneuerung wären nach der Landtagswahl 2012 vielfältig gewesen. Und Kraft hätte auch dazu beitragen können, die deutsche Sozialdemokratie aus der Defensive zu führen. Der größte sozialdemokratische Landesverband hätte es sich zur Aufgabe machen können, einen überzeugenden Neuanfang in der Sozialpolitik anzuschieben. Das hätte der SPD geholfen, ihr Hartz-Trauma zu überwinden, an dem sie noch heute leidet. Doch stattdessen beließ es Kraft bei ihrem vagen Gegenentwurf zu Hartz IV. Bereits in ihrer ersten Regierungserklärung im Jahr 2010 legte die Sozialdemokratin dar, dass ihr umfassender Präventionsansatz zunächst höhere Ausgaben und „gegebenenfalls zusätzliche Schulden“ bedeute. Sogar von einer „neuen Finanzpolitik“ war damals die Rede. Zudem versprach Kraft eine nicht genauer bezifferte „Präventionsrendite“. Unmittelbar war das ein schönes Geschenk für die bürgerliche Opposition aus CDU und FDP, die ihr Vorurteil bestätigt sah, wonach Sozialdemokraten nicht mit Geld umgehen können. Präventionsprojekte wie „Kein Kind zurücklassen“ dienten Kraft vor allem dazu, die vielen neuen Schulden ihrer rot-grünen Regierung 285 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin zu relativieren, urteilten CDU und FDP. Tatsächlich machte die rot-grüne Regierung mit Rekord-Nettoneuverschuldungen regelmäßig Schlagzeilen. Aus weiteren programmatischen und politisch-strategischen Gründen war Krafts Modellprojekt problematisch. Zwar kann dem Vorsatz, kein Kind zurückzulassen, niemand widersprechen. Und selbstverständlich ist es auch besser, Vorsorge zu betreiben, statt hinterher die sozialen Reparaturkosten bezahlen zu müssen. Doch schon das Versprechen, eine Präventionsrendite zu erwirtschaften, ist vor allem für eine Sozialdemokratin merkwürdig. Sollte sich Sozialpolitik tatsächlich nur noch mit Renditeversprechen rechtfertigen lassen? Der nächste Fehler war, dass Kraft zwei Jahre später den Maßstab, mit dem ihr Erfolg zu bewerten sei, noch exakter festlegte. Nach der Landtagswahl 2012 kündigte die Sozialdemokratin an, ihr gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung durchgeführtes Projekt werde bis zum Ende der Legislaturperiode 2017 eine „erste Präventionsrendite“ erbringen. Gut ein Jahr vor der Landtagswahl mussten die Bertelsmann-Forscher dann aber mitteilen, es sei zwar gelungen, nachzuweisen, dass Prävention den betroffenen Kindern helfe – wer Geld für Präventionspolitik ausgebe, investiere in die Zukunft der Gesellschaft insgesamt –, doch habe nicht nachgewiesen werden können, dass die Pilotprojekt-Kommunen durch Prävention soziale Kosten eingespart hätten. Den Wissenschaftlern war es also nicht gelungen, die von Kraft versprochene Präventionsrendite zu berechnen. Für die Ministerpräsidentin war das ernüchternd, zumal sich zu diesem Zeitpunkt die negativen Nachrichten häuften. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kam zu dem Ergebnis, dass das Ruhrgebiet „die armutspolitische Problemregion Nummer eins in Deutschland“ bleibe. Während in den neuen Bundesländern die Armutsquote gesunken sei, setzte sich der Negativtrend in Nordrhein-Westfalen fort. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung stellte fest, dass die Kinderarmutsquote seit dem Regierungsantritt von Rot-Grün bis 2014 von rund 21 auf etwa 24 Prozent gestiegen sei. Und die Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte Daten, aus denen hervorging, dass in Nordrhein-Westfalen jedes fünfte Kind auf Hartz IV angewiesen sei. Auch fand die Kraft-SPD keine eigene, „sozialdemokratische“ Position zur Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Dabei hätte es doch gerade im erfahrenen Migrationsland Nordrhein- Westfalen nahegelegen, Ideen für eine zugleich humane wie auch realis- 286 Heimat & Macht tische Zuwanderungspolitik zu formulieren. Stattdessen wurden in der Kraft-SPD die moralischen Sperrgebiete weiter befestigt. Offen und ehrlich über Probleme wie die gescheiterte Integration in manchen Vierteln, vor allem des Ruhrgebiets, zu sprechen, war tabu. Überfremdungsängste wurden von der Parteiführung in Düsseldorf pauschal als unberechtigt abgetan – dabei handelt es sich bei jenen, die ihre Sorgen artikulieren, gerade um jene Wähler, die als klassisches sozialdemokratisches „Kümmerer-Klientel“ gelten. Zur dringend notwendigen Grundsatzdebatte über Integration und Verteilungsgerechtigkeit kam es nicht. Viele sozialdemokratische Funktionäre sahen sich durch das Erstarken der AfD sogar noch in ihrer Überzeugung bestätigt, dass all jene, die offen über die Grenzen der Zuwanderung reden wollen, schlicht und einfach „rechts“ und damit politisch auszugrenzen seien. Ohne es zu merken, tappte die Führung der SPD 2015/2016 in die moralische Falle der Willkommenskultur von Kanzlerin Merkel. Sowohl bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2017 als auch wenige Monate später bei der Bundestagswahl erhielt die Partei gerade im für sie wahlentscheidenden Ruhrgebiet dafür die Quittung: In Wahlkreisen, die einmal als rote Hochburgen galten, wo die SPD noch vor wenigen Jahren Traumergebnisse von 60, manchmal 70 Prozent holte, schnitt die AfD besonders gut ab. VI. Hannelore Kraft war keine Erneuerin – weder in ihrer Partei noch für ihr Bundesland Nordrhein-Westfalen. Chancen dazu hätte sie gehabt. Nach ihrem Triumph von 2012 spielte sie ihr machttaktisches Potential in Nordrhein-Westfalen jedoch nicht aus. Damals hätte sie auch die sozialliberale Option reaktivieren können, die ihrer Partei schon einmal ausgesprochen gut bekommen war: Von 1966 bis 1978 hatte Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD) gemeinsam mit der FDP regiert und viel für das Land bewirkt. Gewiss, ein Wechsel des Koalitionspartners wäre riskant gewesen, ein solcher Schritt hätte nicht recht zum zögernden Naturell Krafts gepasst. Doch anders als seinerzeit Wolfang Clement, der die Grünen gerne gegen die FDP eingetauscht hätte, musste Kraft keine Rücksicht auf ein gleichfarbiges Bündnis im Bund nehmen. Wenigstens hätte sie die rot-gelbe Option nutzen können, um die bisher so selbstbewussten Grünen einzuhegen. Doch auch das geschah nicht. Nach den 287 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin Koalitionsverhandlungen 2012 behielt die rot-grüne Regierung Kraft eine deutlich grüne Schlagseite. Führende SPD-Politiker begannen erst gut ein Jahr vor der Landtagswahl 2017 damit, sich vom Regierungspartner abzugrenzen. Wirtschaftsminister Garrelt Duin focht seine Konflikte mit Umweltminister Johannes Remmel, der bei den Unternehmen als grüner Hardliner galt, nun regelmäßig auch öffentlich aus. Im Sommer 2016 beklagte Duin mit ungewöhnlich offenen Worten, dass Wirtschaft und Industrie im rot-grünen Koalitionsvertrag nur eine untergeordnete Rolle spielten, die „Verteidigung des Standorts“ stehe nicht im Mittelpunkt. Verkehrsminister Michael Groschek wiederum geißelte damals auf einer Veranstaltung zum Thema Straßenbau die „durchgrünte Gesellschaft“, die sich mehr für Fledermäuse und Wölfe einsetze als für Wirtschaft und Arbeitsplätze. Auch ihre herausgehobene bundespolitische Position minimierte Kraft ohne Not. Dabei beflügelte der Triumph der SPD bei der Landtagswahl 2012 die Phantasie vieler Genossen. Fortan hieß es: Hannelore Kraft, die Hoffnungsträgerin der deutschen Sozialdemokratie. Kraft wurde das bald zu viel. Nach der Bundestagswahl 2013 ließ sie wissen, sie werde „nie, nie“ Kanzlerkandidatin. Ostern 2014 legte sie nach: Die Art und Weise, wie in Berlin Politik gemacht werde, sei nicht so, wie sie gerne Politik betreibe. Das war nicht nur seltsam, weil Kraft häufig im Bundesrat Politik machte. Man fragte sich auch: Wird denn in Düsseldorf das politische Geschäft so ganz anders betrieben? Und zählt es nicht zur Amtsbeschreibung eines Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, sich unabhängig von persönlichen Befindlichkeiten für Höheres im Gespräch zu halten? Allein schon um zu gewährleisten, dass das Land im föderalen Spannungsverhältnis angemessen vertreten bleibt? Kraft aber ließ wissen, sie genieße es, zu Hause in Mülheim noch selbst einkaufen gehen zu können. Auch wolle sie in Düsseldorf Konkretes für die Menschen erreichen. Kraft stutzte sich selbst auf Regionalmaß, beschränkte sich ganz darauf, daheim die „Kümmerin“ zu sein. So gesehen war es konsequent, dass sie auch 2017, wie schon 2010 und 2012, darauf setzte, ihren Landtagswahlkampf zu entpolitisieren. Mit Lebensgefühl-Kampagnen versuchen sich Politiker stets über Widersprüche und eine eher magere Regierungsbilanz hinwegzuhelfen. Unter Johannes Rau hieß der Leitspruch „Wir in Nordrhein-Westfalen“, 2010 und 2012 war Kraft mit „NRW im Herzen“ sehr erfolgreich. 2017 warb die Sozialdemokratin dann mit der merkwürdigen Abkürzung 288 Heimat & Macht „NRWIR“. Es war der Aufguss vom Aufguss. Auf den SPD-Plakaten sah man kletternde Kinder oder eine an einem Computer sitzende Frau mit einem Mops auf dem Schoß – im Hintergrund der Förderturm einer Kohlegrube. Zum Abschluss ihrer Kampagne plakatierte die SPD dann Großporträts der Ministerpräsidentin mit dem Slogan „NRWIR mit Hannelore Kraft“. Die Person war das Programm – notgedrungen, denn einen umfassenden Zukunftsplan hatten Kraft und ihre SPD nicht entwickelt. Stattdessen steckte die Regierung Kraft nun in den Niederungen des nordrhein-westfälischen Alltags fest. Zunehmend zu schaffen machte ihr das Thema innere Sicherheit. Krafts in den ersten Jahren weitgehend überzeugender Innenminister Ralf Jäger (SPD) stand in der öffentlichen Wahrnehmung für Debakel wie die Kölner Silvesternacht oder den laschen Umgang der Behörden mit dem späteren Weihnachtsmarktattentäter Anis Amri. Hinzu kam die Diskussion über angebliche No-go-Areas im Ruhrgebiet oder Wohnungseinbrüche, deren Zahl in keinem anderen Bundesland so hoch war wie in Nordrhein-Westfalen. Auch auf anderen Politikfeldern häuften sich die unerquicklichen Befunde wie beim Thema Kinderarmut oder beim Thema Wirtschaft. Regelmäßig lag das einstige industrielle Kernland der Republik bei der Wachstumsquote sogar noch hinter einstmals strukturschwachen Regionen Deutschlands. Nordrhein-Westfalen blieb weit unter seinen Möglichkeiten. Im Wahlkampf gelang es CDU und FDP immer besser, mit Themen wie der mangelnden wirtschaftlichen Dynamik, der inneren Sicherheit, den vielen Staus auf den Straßen und auch den vielen Baustellen in der Schulpolitik durchzudringen. Dass der Abwahlkampf zu zünden begann, zeigte sich, als in den Umfragen die Erosion der Beliebtheitswerte von Hannelore Kraft einsetzte. Ohnehin hatte die Ministerpräsidentin schon seit einiger Zeit recht lustlos in ihrem Amt gewirkt. Dies wurde einer größeren Öffentlichkeit deutlich, als Kraft im Sommer 2014 nach einem Unwetter in Münster zunächst darauf beharrte, im Brandenburg-Urlaub nicht erreichbar gewesen zu sein. Die sogenannte Funkloch-Affäre schadete Krafts Glaubwürdigkeit als „Kümmerin“ nachhaltig. Zumal die Ministerpräsidentin auch nach der Kölner Silvesternacht 2015, bei der mehrere hundert Frauen sexuell belästigt worden waren, einräumen musste, tagelang nicht mit ihrem Apparat kommuniziert zu haben. Noch einmal Hoffnung schöpften die nordrhein-westfälischen Genossen, als Anfang 2017 überraschend Martin Schulz Kanzlerkandidat 289 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin der SPD geworden war. Denn die Landes-SPD, die in den Umfragen bei 30 Prozent festgefahren schien, verbesserte sich unter dem Eindruck des Schulz-Hypes nun auf Werte von bis zu 40 Prozent. Landauf, landab richtete sich die so lange darbende deutsche Sozialdemokratie an ihrem eigenen Stolz auf. Bei Veranstaltungen wie beim politischen Aschermittwoch in Schwerte im März 2017 konnte man den Eindruck gewinnen, Schulz sei es gelungen, ein sagenhaftes Perpetuum mobile in Gang zu setzten. Minutenlang bekamen im Traditionsgasthaus „Freischütz“ 700 Genossen nicht genug vom Jubeln, Pfeifen, vom rhythmischen Klatschen. Wo Martin Schulz in jenen Tagen auftrat, waren Sozialdemokraten wieder stolz, Sozialdemokraten zu sein. Sie freuten sich an ihrer Freude, berauschten sich an ihrem Rausch. Und Hannelore Kraft, die einstige Hoffnungsträgerin, stand im „Freischütz“ neben Schulz auf der Bühne und konnte nur noch darauf setzen, dass die Euphorie wenigstens bis zu ihrer Landtagswahl anhalten würde. Umso merkwürdiger ist, dass Kraft trotzdem voll auf ihre „NRWIR“-Kampagne setzte, statt sich geschickt den Umstand zu Nutze zu machen, dass eine Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen immer auch als kleine Bundestagswahl gilt. So blieb Kanzlerkandidat Schulz die Chance verwehrt, sich in Nordrhein- Westfalen richtig warmzulaufen. VII. Lediglich 31,2 Prozent! Spitzenkandidatin Hannelore Kraft beamte 2017 die SPD gleichsam zurück in eine Zeit irgendwo vor mehr als sechs Jahrzehnten, als sie in Nordrhein-Westfalen weit von der strukturellen Mehrheitsfähigkeit entfernt war. Was bleibt also von der Ära Kraft? Die Aussichten für ihre Partei sind düster. Alle Umfragen seither sind geeignet, das Trauma der nordrhein-westfälischen SPD noch zu vertiefen. Denn die demoskopischen Institute sehen die Partei mittlerweile sogar bei deutlich unter 30, manche gar nur noch bei knapp mehr als 20 Prozent. Den Niedergang allein Kraft anzulasten, wäre nicht gerechtfertigt. Wie beschrieben, begannen die Schwierigkeiten schon Mitte der 1980er Jahre. Zudem haben beide Volksparteien nicht nur in Nordrhein- Westfalen schon seit langem mit erheblichem Schwund zu kämpfen. Wenn man das bedenkt, so ist es erstaunlich, dass es Hannelore Kraft gelang, den Niedergang zwischenzeitlich zu bremsen und ihre Partei 2012 290 Heimat & Macht in eine komfortable Führungsrolle zu bringen. Keine geringe Leistung ist es auch, dass sie es – wenn auch nach einigem Zögern – wagte, 2010 die erste Minderheitsregierung in der Geschichte Nordrhein-Westfalens zu bilden. In dem sich verändernden Parteiensystem wird sich nach Wahlen künftig häufig die Frage stellen, wie man eine Regierung bilden kann. Meist dürfte es auf Vielfarben-Bündnisse wie in Rheinland-Pfalz oder Schleswig-Holstein hinauslaufen. Dank Hannelore Kraft, der ersten nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin, und ihrer Stellvertreterin Sylvia Löhrmann ist im bevölkerungsreichsten Bundesland aber auch eine Minderheitsregierung keine theoretische Größe mehr, sondern eine Option, deren Chancen und Risiken sich am konkreten rot-grünen Zwanzig-Monats-Beispiel einschätzen und abwägen lassen. Mit ihrem Herzensanliegen, der Präventionspolitik, ist Hannelore Kraft zwar nach eigenen Maßstäben gescheitert. Das Versprechen, ihr Modellprojekt „Kein Kind zurücklassen“ werde binnen weniger Jahre eine Präventionsrendite erwirtschaften, konnte Kraft nicht halten. Aber Kraft vermochte es doch, das wichtige Thema Vorsorge dauerhaft zu etablieren. Am besten lässt sich das am Beispiel des breit angelegten Präventionsansatzes ihres Innenministers Ralf Jäger nachzeichnen. Als CDU und FDP noch in der Opposition saßen, warfen sie Jäger vor, seine Präventionsprogramme wie „Kurve kriegen“ für junge Intensivtäter, „Klarkommen“ für junge Migranten, die drohen, in die Kriminalität abzugleiten, oder „Wegweiser – gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus“ seien nichts als wirkungsloser Populismus. Als Herbert Reul (CDU) im Sommer 2017 Innenminister wurde, überraschte er manchen Parteifreund mit einem klaren Bekenntnis zur Präventionsarbeit. Anders als sein sozialdemokratischer Vorgänger Jäger setzt Reul zwar deutlich stärker auf Repression, zugleich baut er die in der Regierungszeit von Hannelore Kraft konzipierten Präventionsprogramme aber zielstrebig aus. Die Haushaltspolitik blieb das weite Problemfeld der Regierung Kraft. In ihrer ersten Regierungserklärung im September 2010 hatte sich die Ministerpräsidentin offensiv zu einer Verschuldungspolitik à la Johannes Rau bekannt. Der rot-grüne Nachtragshaushalt 2010 mit einer Rekordneuverschuldung von mehr als acht Milliarden Euro wurde dann aber vom Verfassungsgerichtshof in Münster als verfassungswidrig verworfen – ein bisher einmaliger Warnschuss eines Gerichts in Sachen Etatrecht. Rot-Grün musste mit zwei Haushaltsgesetzen weitere Niederlagen in Münster hinnehmen. Trotz Steuereinnahmen auf Rekordniveau und 291 Reiner Burger: Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall einer sozialdemokratischen Hoffnungsträgerin trotz historisch niedriger Zinsen brachte Krafts Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD) das extrem verschuldete Nordrhein-Westfalen nicht konsequent auf Konsolidierungskurs. Einerseits liegt es also nahe, die sieben Regierungsjahre von Ministerpräsidentin Kraft haushaltspolitisch als verlorene Jahre für Nordrhein-Westfalen zu beschreiben; CDU und FDP bezeichneten Kraft gerne als „Schuldenkönigin“. Andererseits profitiert Schwarz-Gelb nun aber von der Arbeit der Vorgängerregierung. Von 2020 an darf Nordrhein-Westfalen mit rund 1,5 Milliarden Euro mehr aus dem von Ministerpräsidentin Kraft mit ausgehandelten neuen Länderfinanzausgleich rechnen. Schwarz-Gelb kann auch deshalb in seiner mittelfristigen Finanzplanung mit schönen Überschüssen kalkulieren. In Sachen Steuergerechtigkeit konnte Finanzminister Walter-Borjans neue Maßstäbe setzen. Der Sozialdemokrat ließ – unter so lautstarkem wie wirkungslosem Protest der Schweizer Regierung – „seine“ mittlerweile legendäre Steuerfahndung Wuppertal insgesamt elf Datenträger mit Informationen mutmaßlicher deutscher Steuerbetrüger kaufen. Sieben Milliarden Euro konnten Bund, Länder und Gemeinden nach Angaben Walter-Borjans’ dadurch eintreiben. Ohne Walter-Borjans’ Hartnäckigkeit wären weder Steuerhinterziehungsfälle wie die Causa Uli Hoeneß bekanntgeworden, noch hätten sich Schweizer Großbanken auf enorme Strafzahlungen eingelassen. Es ist ein Rätsel, warum Kraft die Steuergerechtigkeits-Kompetenz ihres Genossen Walter-Borjans im Landtagswahlkampf nicht groß zum Thema machte. VIII. Die abgewählte Ministerpräsidentin wirkte beinahe gelöst, als sie sich um kurz nach acht am Abend des 14. Mai 2017 ihren Weg aus den provisorischen Fernsehstudios im Foyer des Landtags hinauf in die Räume der SPD-Fraktion bahnte. Keine zwei Stunden war es her, dass sie nach den ersten Hochrechnungen ihren Rücktritt als Landes- und stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD verkündet hatte. Nun nahm Kraft einen Genossen nach dem anderen tröstend in den Arm. Für jeden fand sie ein paar aufmunternde Worte oder einen mitfühlenden Blick. Kraft wirkte, als sei sie wieder bei sich, in der Rolle der „Kümmerin“, mit der sie einst zur Hoffnungsträgerin der SPD geworden war.

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Zusammenfassung

Auf der Suche nach Identität hat der Begriff der Heimat in den letzten Jahren eine ungeahnte Renaissance erlebt. Doch wo sie zu verorten ist, was sie ausmacht, wird kontrovers diskutiert. Ist Nordrhein-Westfalen für die Menschen, die hier leben, Heimat? Welche Identität hat das bevölkerungsreichste Bundesland überhaupt, und was haben seine Ministerpräsidenten aus diesem ursprünglich von britischen und amerikanischen Besatzern gegründeten Bindestrich-Land gemacht, etwa in punkto Innovation, Einwanderung und Integration? Wer von ihnen konnte das Land am nachhaltigsten prägen? Und was war der Steinkohle-Bergbau: Segen oder Fluch?

Dieses Buch haben Journalisten geschrieben – eine Spezies mit der Leidenschaft zur Recherche und der Lust an der Pointe. Auf diese Weise ist ein temporeiches und dabei ebenso informatives wie unterhaltsames und anekdotenreiches Werk entstanden.