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Hartmut Palmer, Immer unter Dampf: Wolfgang Clement – dasgenaue Gegenteil seines Vorgängers Johannes Rau in:

Bodo Hombach (Ed.)

Heimat & Macht, page 223 - 242

Von Arnold bis Rau, von Clement bis Laschet - Eine kurze Landesgeschichte NRWs

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4225-0, ISBN online: 978-3-8288-7225-7, https://doi.org/10.5771/9783828872257-223

Tectum, Baden-Baden
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223 Immer unter Dampf: Wolfgang Clement – das genaue Gegenteil seines Vorgängers Johannes Rau von Hartmut Palmer Über Wolfgang Clement gibt es zwei Anekdoten, die eine Menge über ihn erzählen. Die eine hat seine Frau in die Welt gesetzt. Ihr Mann, scherzte Karin Clement, bete manchmal zum Himmel: „Lieber Gott, bitte gib mir Geduld, aber ein bisschen dalli!“ Die andere passt dazu und stammt aus der Zeit, als Clement Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war: Steht eine Herde Schafe vor der Düsseldorfer Staatskanzlei und demonstriert. „Warum demonstriert ihr denn?“, werden sie gefragt. Die Schafe: „Der Clement will uns das fünfte Bein abhacken.“ – „Aber ihr habt doch nur vier!“ – „Was nützt uns das?“, jammern die Schafe. „Der Clement hackt erst und zählt dann.“ Ein Witz mit Widerhaken. Die Journalistin Annette Ramelsberger hat ihn vor vielen Jahren in der „Süddeutschen Zeitung“ untergebracht, als sie ein Porträt über Clement schrieb, der damals, vor der Landtagswahl 2000, um sein Amt als Ministerpräsident kämpfte, das er zwei Jahre zuvor von seinem Vorgänger Johannes Rau übernommen hatte. Sie weiß nicht mehr, wer ihr die Geschichte steckte. Sie weiß nur, dass sie zu dem Bild passte, das sie von dem SPD-Politiker gewonnen hatte. Und fast jeder, der mit Clement zu tun hatte, findet das auch heute noch und lacht über die Fabel mit den Schafen. Ja, so ist er, sagen Gegner und ehemalige Genossen. So haben sie ihn erlebt in Gremien und Kabinetten, in Sitzungen und Verhandlungen: Immer in Eile, immer ungeduldig, immer unter Dampf, das genaue Gegenteil seines zögerlichen, stets abwägenden Vorgängers Johannes Rau. Er war ein Blitz-Entscheider, der Politik oft mit der Brechstange mach- 224 Heimat & Macht te, ein Überzeugungstäter, der Bedenkenträger hasste, ein unermüdlicher Modernisierer, der jeden Tag eine neue Idee hatte, wie man das Land Nordrhein-Westfalen an die Spitze bringen könne, – und der sich dabei manchmal auch verrannte. Geradlinig, verlässlich, anständig und stur – das sind die Attribute, die man auf ihn häufte. Ein durchaus liebenswerter Choleriker. Unmäßig im Anspruch an sich und andere. Ein Fanatiker des Fleißes. * Wir sind im „Konrad’s“ verabredet. Das Restaurant liegt im 17. Stock des Marriott Hotels mitten im alten Bonner Parlaments- und Regierungsviertel, direkt neben dem alten Kanzleramt. Von hier oben kann man sehr gut sehen, was aus der Stadt geworden ist, seit Regierung und Parlament den Abflug nach Berlin gemacht haben. Bonn boomte, und das hatte viel mit Wolfgang Clement zu tun. Er schuf bereits als Chef der Staatskanzlei die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufschwung, den Stadt und Region nach dem Exodus der Regierung nahmen. Er handelte der schwarz-gelben Bundesregierung unter Helmut Kohl die Milliarden ab, die der Bund der „Bundesstadt“ zahlen musste – als Entschädigung für den verlorenen Hauptstadt-Titel. Es war sein Vorschlag, sich hier zu treffen. Und er ist, wie immer, auf die Minute pünktlich. Leicht gebräunt, schlank, federnd eilt er durch das geräumige Restaurant, das Handy am Ohr, geschäftig, vital. Er wirkt nahezu alterslos: 78 Jahre ist er, zwölffacher Großvater. Er fährt Fahrrad oder lässt sich von seiner Frau Karin chauffieren. Heute war es knapp, er musste in letzter Minute ein Taxi ordern. Er hasst Unpünktlichkeit. Deshalb ist er gut gelaunt, dass er es trotzdem rechtzeitig geschafft hat. Ja, es stimmt. Den Kampf um die Hauptstadt hat er verloren. Die Mehrheit war knapp. Neunzehn Stimmen fehlten den Bonnern in der entscheidenden Abstimmung am 20. Juni 1991. Aber den Strukturwandel danach, den hat er hingekriegt. Post und Telekom beherrschen jetzt das Viertel rund um das ehemalige Parlament. Die Vereinten Nationen sind, weithin sichtbar, neuer Mieter im früheren Abgeordneten-Hochhaus „Langer Eugen“. Ein neues Kongresszentrum entstand. Überall wachsen Bürotürme in den Himmel. Das ehemalige Regierungsviertel platzt aus allen Nähten. 225 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Als Büro-, Kommunikations- und Dienstleistungs-Zentrum hat sich die ehemalige Bundeshauptstadt behauptet. Und auf den Gebieten Wissenschaft und Forschung belegt sie inzwischen ebenfalls einen Spitzenplatz im nationalen und internationalen Ranking – nicht nur, aber auch dank Clements Hilfe. Er deutet hoch auf den Venusberg. Dort oben, auf dem Gelände der Universitätsklinik, wird seit ein paar Jahren Medizingeschichte geschrieben. Dass Deutschland auf dem Gebiet der Stammzellforschung weiter mithalten kann, ist auch sein Verdienst. Denn er hat um die Jahrtausendwende dafür gesorgt, dass die Bonner Forscher Oliver Brüstle und Otmar Wiestler nicht ins Ausland abgewandert sind, sondern weiter in Bonn an der Rekonstruktion und Heilung menschlicher Gehirnzellen arbeiten konnten. Dazu brauchten sie embryonale Stammzellen, deren Herstellung in Deutschland verboten ist. Nicht verboten war hingegen der Import solcher Stammzellen aus dem Ausland. Diese Gesetzeslücke nutzte Clement. Er fuhr persönlich mit den beiden Forschern nach Israel und vereinbarte eine dauerhafte Kooperation. Der Einsatz war politisch hoch umstritten, aber er zahlte sich aus: „Life & Brain“ wurde gegründet, ein Institut, das Brüstle heute allein leitet. Es wird mit Geld aus einer privaten Stiftung finanziert. Und daneben entstand das „Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen“ (DZNE), einer der Leuchttürme der Bonner Exzellenz-Universität. Brüstles Transplantations-Verfahren ist kompliziert. Aber wenn es funktioniert, ist es nobelpreisverdächtig und verspricht außerdem lukrativen Gewinn. Bislang unheilbare Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose könnten eines Tages nicht nur gestoppt, sondern dauerhaft besiegt werden. „Das kam nicht von allein, dafür musste man kämpfen“, sagt Clement. „Und das alles, das muss ich nun wirklich sagen, war nur mit Brachialgewalt möglich.“ Kämpfen! Brachialgewalt! Erst hacken …? Wolfgang Clement ringt sich ein schmallippiges Lächeln ab. So richtig toll findet er die Anekdote mit den Schafen nicht. Aber er gibt zu: „Da ist ein bisschen was Wahres dran. Dass ich schnell zum Handeln bereit war – das stimmt. Aber wenn du hier was verändern willst in einem solchen Land, musst du noch ganz anders …“ Pause. Hacken? „Ich würde heute noch sehr viel weiter gehen, denn dieses Land ist einfach viel zu weit zurück. Hier bewegt sich von sich aus nichts. Und 226 Heimat & Macht deshalb glaube ich, dass es richtig ist, dass man … ja: entweder packt man’s oder man packt es nicht. Man kann das alles vorsichtig tun, aber dann kommst du nicht weiter. Jedenfalls ist das meine Überzeugung.“ Er hat sich nicht geändert. Er kann sich noch immer tierisch aufregen über schwerfällige Behörden und überflüssige Bestimmungen, über Paragraphenreiter und Bürohengste, die Unternehmern das Leben schwer machen. Wie Gulliver im Zwergenland kam er sich manchmal vor, tausendfach am Boden gefesselt durch Gesetze, Verordnungen, Bedenken. Erst kürzlich, erzählt er, hat ihm der Chef einer Firma, die Geo-Kraftwerke baut und Probebohrungen niederbringen will, sein Leid geklagt: „Mit wieviel Behörden der für jeden einzelnen Schritt zu tun hat. Wenn du das hörst, dann wirst du verrückt. Da habe ich gesagt: ‚Wir müssen hier eigentlich mal eine Kulturrevolution entfachen und fragen: welche Behörden, welche Einrichtungen, was davon brauchen wir wirklich?‘“ Im Frühsommer 2005 verlor Clement nach dem Ende der rot-grünen Koalition sein Amt als Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Drei Jahre später verließ er die SPD im Zorn. Inzwischen sitzt er in zahlreichen Aufsichtsräten, kontrolliert und berät mittelständische Unternehmen und große Energiekonzerne und unterstützt die FDP. Er glaubt nicht mehr daran, dass „die Parteien so, wie sie heute sind, auf längere Sicht eine Zukunft haben“. Er prophezeit sogar: „Wir werden womöglich auch eine Bewegung bekommen, hier in Deutschland, eine Art Macron- Bewegung.“ Wer aber könnte eine solche Bewegung anführen, die Clement eine „Kulturrevolution“ nennt? Als Bundesminister in Berlin hat Clement sich früher oft mit Friedrich Merz gestritten, dem damaligen Fraktionschef der Union im Bundestag. Inzwischen sind sie befreundet, Brüder im Geiste, vereint in ihrer Kritik am Establishment der regierenden Parteien. Sie haben 2010 sogar schon gemeinsam ein Buch geschrieben: „Was jetzt zu tun ist. Deutschland 2.0“, mit ätzender Kritik an CDU und SPD. Da gab es die AfD zwar noch nicht, aber die Gründung einer Alternative zur CDU lag bereits in der Luft. Helmut Kohls langjähriger Wahlkampfmanager Peter Radunski, ein Mann mit sicherem Gespür für Stimmungen, warnte damals: „Ich hätte Angst vor einem Trio aus Thilo Sarrazin, Wolfgang Clement und Friedrich Merz; die würden auf Anhieb 15 Prozent holen.“ Radunski sagt heute: „Gott sei Dank haben sie es nicht gemacht!“ * 227 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Wer sich den Witz mit den Schafen ausgedacht hat, weiß niemand genau. Aber Kenner der Düsseldorfer Szene haben gleich einen Verdacht: Derlei Schnurren und Witze konnte nur einer erfinden und erzählen: Johannes Rau. Gerhard Schröder, der Clement 2002 als Superminister nach Berlin lockte, lacht am lautesten. Den mit den Schafen kannte er noch nicht. In Schröders Anwalts-Kanzlei in Hannover steht eine Miniaturausgabe der Brandt-Skulptur, die man immer im Fernsehen sieht, wenn neue Hiobsbotschaften aus der Berliner SPD-Zentrale dringen. Vor diesem Mini- Brandt sitzt der Alt-Kanzler und wiehert, bis ihm fast die Tränen kommen: „Ist zwar ein bisschen böse, aber so ganz falsch nicht.“ So habe er den Minister Clement später gelegentlich auch in Berlin erlebt, wenn dieser vom morgendlichen Joggen irgendwelche neuen Ideen mitbrachte. „Das ging manchmal auch nach dem Motto: ‚Erst hacken, dann zählen!‘“ Peer Steinbrück, Clements Nachfolger im Amt des Ministerpräsidenten und ihm immer noch freundschaftlich verbunden, lacht ebenfalls laut und herzlich. „Ja, so ähnlich ist das mit ihm!“ Auch er kann sich „gut vorstellen, dass so eine Anekdote von Johannes Rau selbst kommen konnte“. So sieht das auch der Grüne Michael Vesper, stellvertretender Ministerpräsident unter Rau, Clement und Steinbrück: „Rau hat Leute ja nie offen kritisiert. Der machte das lieber hintenherum mit solchen Geschichten.“ Vesper sitzt auf seiner Terrasse in Köln-Lindenthal und kriegt sich gar nicht mehr ein. Er findet die Anekdote „zwar etwas überzeichnet“, aber trotzdem „irgendwie treffend“. Peter Radunski hat mit Clement zweimal die Klingen gekreuzt. Das erste Mal im Bundestags-Wahlkampf 1986/87 als er für Kohl und Clement für Rau unterwegs war. Das zweite Mal drei Jahre später im Kampf um die Hauptstadt Berlin. Beide Male hat Clement den Kürzeren gezogen. Es gibt ein paar biographische Parallelen. Beide sind – fast gleich alt – in Trümmern aufgewachsen: Radunski in Berlin, Clement im ausgebombten Bochum. Beide lebten als Kinder in armen Verhältnissen und haben sich aus eigener Kraft nach oben gearbeitet. Der eine ging zur CDU, der andere zur SPD. Radunski mag Clement. „Er ist einer, mit dem man sich heftig streiten und hinterher trotzdem ein Bier trinken konnte.“ Über den Witz mit den Schafen lacht er nur verhalten. Er zieht dabei den Kopf zwischen die Schultern, kneift die Augen zusammen und sagt: „Auweia!“ 228 Heimat & Macht Bodo Hombach lacht gar nicht. Er war früher ein enger Weggefährte von Clement („Ich bewundere den immer noch“) und einer der Genossen in NRW, die sich früh von Rau lossagten, für den er zweimal als Landesgeschäftsführer der SPD in Wahlkämpfen absolute Mehrheiten organisiert hatte. „Wir in Nordrhein-Westfalen“ war der Slogan, den er erfand. Johannes Rau pries ihn als „Manager des Sieges“ und schwärmte: „Es ist doch ganz erstaunlich und großartig, was der Bodo ohne Werbeagenturen in Szene gesetzt hat.“ Dann wurde Hombach die Bindung zu eng: „Ich brauchte keinen Vater.“ In seinem Haus in Mülheim an der Ruhr erzählt er, wie er „mit dem Wolfgang“ damals durchs Land zog und Politik gemacht hat. Draußen scheint die Sonne. Man blickt direkt auf den Fluss. Hombach findet den Schafe-Witz „eine Gemeinheit“. Aber dass Johannes Rau ihn erfunden haben könnte, glaubt auch er sofort. Rau und Clement waren lange unzertrennlich. Ziehvater und Ziehsohn. Bei aller Gegensätzlichkeit ein erfolgreiches Duo. Der zupackende Macher Clement und der bedächtige Landesfürst Rau ergänzten einan der. Wo Clement spaltete, versöhnte Rau. Wo Rau zögerte, handelte Clement. Die Familien fuhren gemeinsam in Urlaub. Zwischen die beiden passte kein Zigarettenpapier. Bis Clement – inzwischen Minister für Wirtschaft und Technologie in Düsseldorf – ungeduldig selbst an die Spitze drängte und Rau entnervt das Amt an ihn abgab. Clement wollte nicht länger „Kronprinz“ sein. Es war das Ende der Freundschaft. Wolfgang Schäuble war früher auch mal „Kronprinz“. Er war viele Jahre der engste Vertraute von Helmut Kohl und wollte Kanzler werden. Aber Kohl ließ ihn nicht. Der Bundestagspräsident hat einen vollen Terminkalender, für ein Gespräch über Clement in seinem Büro im Reichstagsgebäude nimmt er sich jedoch Zeit. Er hatte häufig mit ihm zu tun – besonders intensiv im Sommer 1990, als er mit der DDR über den Einigungsvertrag verhandelte. Da war Clement der Sprecher der sozialdemokratisch geführten Bundesländer, die im Bundesrat damals die Mehrheit hatten. Gegen die SPD und gegen Clement ging nichts. Schäuble schätzt Clement, weil auf dessen Wort immer Verlass war. „Wenn er A gesagt hat, hat er A gemeint. Und wenn er B gesagt hat, hat er B gemeint. Man konnte mit ihm gut argumentieren. Er war ein fairer und kompetenter Partner.“ Über den Witz mit den Schafen amüsiert er sich. „Ja, das passt. Damit ist er ziemlich gut beschrieben.“ Der Christdemokrat weiß, warum die Freundschaft zwischen Clement und Rau kaputtging: „Weil er ungeduldig war. Ich hatte mal eine 229 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Unterhaltung mit ihm. Ich sagte: ‚Sie wollen doch Ministerpräsident werden.‘ – Er: ‚Ja.‘ – Darauf ich: ‚Aber Sie wollen nicht mehr warten.‘ – ‚Nein.‘ Ich war ja damals auch im Gespräch als Nachfolger von Kohl, aber ich hatte kein Interesse, das zu beschleunigen. Und dann habe ich zu ihm gesagt: ‚Das ist aber schwierig, wenn Sie nicht warten wollen.‘“ Damals, sagt Schäuble, habe er zum ersten Mal bei Clement etwas gespürt, „was später in seiner politischen Vita eine immer stärkere Rolle spielte: Er hat irgendwann die Bindung an die eigene sozialdemokratische Partei verloren, die Rau nie verloren hat. Und er war dann – schon als Ministerpräsident, aber noch mehr später als Superminister in Berlin – innerlich von der SPD sehr weit weg, und zwar lange vor seinem Austritt aus der Partei.“ * Wolfgang Clement kam am 7. Juli 1940 in Bochum zur Welt. Es war Krieg. Zwei Jahre später wurde sein Elternhaus am Gerstkamp, in dem auch die Familie seiner Tante wohnte, bombardiert. Die Männer waren an der Front. Die Frauen und die Kinder saßen im Keller. Als die Bomber weg waren, trug ihn seine zwölf Jahre ältere Cousine in einem Wäschekorb aus dem brennenden Haus. Sie wurden ins Münsterland evakuiert. Als sie zurückkamen, lag die Stadt unter meterhohem Schutt. Mittendrin der Fünfjährige mit seinem älteren Bruder und den Cousinen. Sein Vater war Baumeister, Geschäftsführer bei der Baufirma Spieker in Gelsenkirchen. Er kam aus Medebach im Sauerland, in der Nähe von Brilon. „Nach dem Krieg sind wir manchmal dorthin gefahren, daher habe ich das noch gut in Erinnerung“, erzählt Clement. Heute braucht man auf der Autobahn nur gut eine Stunde. Damals „fuhren wir mit einem LKW von Ort zu Ort dorthin, da brauchte man einen Tag bis Medebach. So lernte ich, was eine gute Infrastruktur bedeutet.“ 1929 war sein Vater – wie die Mutter Jahrgang 1902 – aus dem Sauerland in die Stahlstadt Bochum gezogen, um bald darauf während der Weltwirtschaftskrise in der Massenarbeitslosigkeit zu landen. Reich waren die Clements nie. „Es war ein Kampf ums Überleben.“ Weil das Geld stets knapp war, musste die Familie anschreiben lassen. Clement: „Wir nannten das: auf dem langen Bleistift leben.“ Trost bot die katholische Kirche. Der kleine Wolfgang war Messdiener. Die Messe schwänzte er selten. Die Familie war sehr katholisch, man sprach zuhause nie über Po- 230 Heimat & Macht litik, man wählte CDU. Aber die Eltern sorgten dafür, dass Wolfgang auf die Graf-Engelbert-Schule kam, das Gymnasium in einem etwas feineren Viertel. Als Gymnasiast lernte er auf dem Schulweg Karin kennen, inzwischen seit mehr als einem halben Jahrhundert seine Frau. „Wir hatten ja morgens und nachmittags Schule, wechselweise und Mädchen und Jungen getrennt, und wenn wir Schulschluss hatten, am Mittag, dann kamen die Mädchen und gingen zur Schule. Und da saßen wir dann auf dem Gartenzaun und haben die Mädchen anzumachen versucht, wie man heute sagen würde.“ Er beeindruckte sie mit dem Satz: „Ich bin das Wölfchen und wer bist du?“ Wie sie sich näherkamen, hat Karin Clement später einmal so erzählt: „Wir fuhren mit dem Auto in den Wald. Und als wir zurückkamen, waren wir verlobt.“ Die beiden blieben unzertrennlich. Die fünf Töchter, „Clementinen“ genannt, und inzwischen zwölf Enkelkinder sind sein ganzer Stolz. Die Familie war ihm wichtiger als alles andere. Karin ist seine engste Beraterin, aber nicht immer hört er auf sie. Sie hat die Kinder erzogen, sie kümmert sich um die Finanzen, sie bekocht alle und chauffiert ihn zu Terminen. Einen Führerschein hat Wolfgang Clement nie gemacht. Er hat es einmal probiert. Gleich in der ersten Fahrstunde verlor er die Geduld. Der Fahrlehrer, ein ehemaliger Klassenkamerad, nervte ihn mit Fragen wie: „Was kommt auf der Ampel nach Rot? Und: was kommt nach Gelb?“ – „Noch so eine blöde Frage und ich steig aus“, knurrte Clement. Sie kamen zu einer Straße, wo die Straßenbahn in der Mitte fährt. Da sollte er links abbiegen. Dabei machte er irgendetwas falsch, jedenfalls sprang das Auto wie ein Bock plötzlich auf die Straßenbahnschienen und blieb stehen. „Und er fragt mich wieder, was nach Rot auf der Ampel kommt, da bin ich ausgestiegen, habe die Tür zugeknallt und bin gegangen. Ich habe gedacht: Es hat offenbar keinen Zweck, bist zu doof.“ Hinterher kam eine Rechnung über 420 Mark – damals ein halber Monatslohn. Nach dem Abitur studierte er Jura. Gleichzeitig arbeitete er als Lokalreporter bei der „Westfälischen Rundschau“. Deren Chefredakteur Günter Hammer holte ihn 1968 in die politische Redaktion, fünf Jahre später wurde Clement sein Stellvertreter. Günter Hammer war Sozialdemokrat. Als junger Mann war er Kommunist und hatte dafür im KZ gesessen. Er war ein Vorbild. Clement trat 1970 in die SPD ein – wegen Brandts Ostpolitik. Mit Hammer hatte er zweimal Johannes Rau inter- 231 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement viewt. Als dann 1980 das Angebot kam, Sprecher der SPD zu werden, war es Rau, der ihm riet, das zu machen. So wurden sie ein Gespann. Mit Willy Brandt kam Clement gut zurecht. Auch die Bonner Korrespondenten mochten ihn. Denn Clement ließ sich nie vom Apparat vereinnahmen. Er bewunderte Brandt, aber Fehler, die gemacht wurden, bemäntelte er nicht, sondern gab sie zu. Propaganda fand er peinlich. Das brachte ihm oft Ärger bei den Funktionären, jedoch Respekt bei den Kollegen ein. Er informierte, auf Pressekonferenzen und in kleiner Runde, umfassend, präzise und druckreif. Nach ihm gab es in der SPD keinen gleichwertigen Sprecher mehr. Im Bundestagswahlkampf 1986/87 kam es dann zum Eklat. SPD- Kanzlerkandidat Rau wollte unbedingt eine „eigene Mehrheit“ und nicht mit den Grünen paktieren, Brandt hingegen sagte in einem Interview, 42 Prozent wären für die SPD ja auch ein schönes Ergebnis. Damit war Raus Konzept Makulatur. Clement warf empört die Brocken hin, verließ die SPD-Parteizentrale und machte mit Rau allein Wahlkampf. Nach der Niederlage heuerte er in Hamburg als Chefredakteur bei der „Morgenpost“ an. In dieser Zeit lernte er Rau als uneigennützigen Freund und Kümmerer kennen. Es gab Krach mit dem Verlag, Clement war drauf und dran, schon wieder die Brocken hinzuschmeißen. Rau hörte davon, setzte sich ins Auto, fuhr nach Hamburg, und stand um Mitternacht vor Clements Tür. 1989 holte er ihn als Chef der Staatskanzlei nach Düsseldorf. Es war der Beginn einer steilen politischen Karriere. * Unangenehme Fragen beantwortete Johannes Rau im Wahlkampf 1986/87 gern mit einem Scherz: „Fragen Sie Wolfgang. Der ist mein Boss.“ Als Chef der Staatskanzlei agierte Clement tatsächlich so, als sei er schon der Boss. Man nannte ihn den „regierenden Kanzleichef “. Rau ließ ihn gewähren. Clement brachte frischen Wind in die alte Horion-Villa. Anfangs erntete er viel Beifall. Aber bald gab es Beschwerden über das Arbeitstempo, das er vorlegte, und über den forschen und ungestümen Umgangston, den er anschlug. Er neige zu cholerischen Wutanfällen, hieß es, lasse abweichende Meinungen nicht gelten und gerate in Rage, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt. „Er war“, erinnert sich Freund Hombach, „im Umgang mit Mitarbeitern nicht immer liebevoll.“ Dass er allerdings mit Suhrkamp-Bänden 232 Heimat & Macht nach einem Redenschreiber warf, dessen Redeentwurf ihm nicht gefiel, wie kolportiert wurde, sei falsch: „Es war kein Suhrkamp-Buch, sondern eine Akte, in der Unsinn stand. Da dieser Unsinn auch noch verteidigt wurde, warf er die Akte in Richtung dieses Mitarbeiters. Also: Akte stimmt. Wutanfall stimmt. Suhrkamp-Band stimmt nicht.“ Clement war ein Workaholic, unermüdlich im Erfinden neuer Projekte. Manche sahen in ihm den Boulevardjournalisten, der jeden Tag ein neues Thema brauchte, das immer für eine Schlagzeile gut sein musste. Er brachte die Leute völlig außer Atem. Hatten sie gestern ein Großprojekt unter völlig unrealistischen Zeitvorgaben an den Hals gehängt bekommen, kam tags drauf schon ein neues, noch größeres und noch schneller umzusetzendes. Wer Widerworte vorbringen wollte, brauchte ein sehr robustes Nervenkostüm. Denn Clement ließ sich nur schwer von einmal gefassten Vorhaben abbringen. „Er fragte nicht nach dem ‚Warum‘“, sagt einer, der damals unter ihm litt. „Seine politischen Vorschläge folgten einem beliebigen ‚Warum nicht?‘. Der Weg war nicht mehr sein Ziel, ihm genügte der Aufbruch.“ Auch Bodo Hombach fand das Tempo, das Clement anschlug, manchmal etwas zu rasant. „Ich war beeindruckt von seiner realistischen, unideologischen Betrachtungsweise, seiner Bodenhaftung, die ihn auszeichnet. Aber ich habe ihm auch vorgeworfen: ‚Wenn du deinen Artikel fertig hast und Redaktionsschluss ist, dann ist der Fall für dich erledigt, dann fängst du morgen etwas Neues an.‘ Mit anderen Worten: Er ist kein Schachspieler. Schachspieler spielen immer über mehrere Züge.“ Freund Steinbrück kritisierte ihn ebenfalls, weil er „zu häufig wie Zieten aus dem Busch kommt, obwohl noch kein konsistentes Konzept vorliegt“. Trotzdem war Rau lange Zeit sehr zufrieden, einen Macher zu haben, der ihm die Kartoffeln aus dem Feuer holte. „Der Clement war dem Rau sein Furzfänger“, sagt Norbert Blüm, der bei der Landtagswahl im Mai 1990 als CDU-Spitzenkandidat gegen Rau antrat und verlor. Der langjährige Arbeits- und Sozialminister des Kanzlers Helmut Kohl schätzt Clement sehr und vergleicht ihn mit Wolfgang Schäuble. „Der Rau hätte ohne den Clement ganz arm ausgesehen und der Kohl ohne den Schäuble auch. Der Rau war fürs Händeschütteln und Geburtstage zuständig, und die Sachen hat Clement gemacht.“ Zum Beispiel die Verhandlungen um den Einigungsvertrag. Hier lieferte Clement sein bundespolitisches Gesellenstück ab. Die DDR-Vertreter gingen wie selbstverständlich davon aus, dass Berlin als Haupt- 233 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement stadt des vereinten Deutschlands automatisch auch Sitz von Regierung und Parlament wird. Es war Clement, der diesen Automatismus zum Einsturz brachte. Er erfand die Trennung von Hauptstadt und Regierungssitz – eine „Pfiffigkeit“, sagt Peter Radunski, „die uns fast den Titel gekostet hätte“. Gegen den erbitterten Widerstand der Berliner wurde die Frage auf Drängen Clements offengelassen und erst ein Jahr später – nach einer leidenschaftlich geführten Debatte im Parlament – mit knapper Mehrheit zugunsten von Berlin entschieden. In dieser Zeit lernte auch Wolfgang Thierse Clement kennen. Der Ost-Berliner erlebte den Mann aus Düsseldorf im Hauptstadt-Streit „schärfer und aggressiver als den Landesvater“. Der wollte zwar auch Bonn als Regierungssitz behalten, „aber immer mit dem Gestus der Entschuldigung: Ich muss das doch wollen.“ Bei Clement hörte man dergleichen nie, sagt Thierse. Stattdessen: „Dieses entsetzliche Berlin, Bonn muss bleiben.“ Später saßen sie im SPD-Präsidium nebeneinander und Thierse stellte fest, dass er Clement „eigentlich ganz sympathisch fand“. Ihn störte aber auch da wieder die Verbissenheit, mit der er für die Agenda 2010 focht, die er, „koste es, was es wolle, durchpauken wollte und auch durchgepaukt hat“. Manchmal dachte Thierse: „Er redet jetzt so heftig, um sich selbst davon zu überzeugen, dass er das, was er sagt, für notwendig und richtig halten muss.“ Blüm hingegen, wie Clement in Bonn sesshaft, bewunderte und unterstützte dessen Einsatz für die rheinische Metropole. Ein paar Jahre später verbündeten sich die beiden wieder. Diesmal gegen den CSU-Finanzminister Theo Waigel. Der wollte die Kohlesubventionen für NRW von neun auf knapp vier Milliarden D-Mark jährlich kürzen. In zähen Verhandlungen trotzten Blüm und Clement dem bayrischen Kassenwart den später so genannten „Kohlekompromiss“ ab. Statt auf vier Milliarden schrumpfte die Förderung nur auf 6,5 Milliarden, statt sieben mussten nur vier Zechen schließen. Blüm verübelte dem Wirtschaftsminister Clement damals nur, dass er sich hinterher als der alleinige Retter von den Bergleuten feiern ließ. „Da war meine Eitelkeit getroffen.“ * Der 14. Mai 1995 brachte für Wolfgang Clement eine Zäsur. Zum ersten Mal seit 15 Jahren verlor die SPD in NRW ihre „eigene“ Mehrheit und brauchte die Grünen, um weiterregieren zu können. Johannes Rau dach- 234 Heimat & Macht te in der Wahlnacht an Rücktritt, gewöhnte sich jedoch bald an die neuen Partner. Clement hingegen betrachtete die Grünen mit Argwohn und ließ keine Gelegenheit aus, sie zu quälen. Als Wirtschafts- und Verkehrsminister setzte er gegen ihren Protest zahlreiche umstrittene Projekte durch: Braunkohletagebau Garzweiler II, Ausbau des Flughafens Dortmund, Verlängerung der Nachtflugerlaubnis am Flughafen Köln/Bonn und dessen Anbindung ans Schienennetz, Aus- und Weiterbau des Ruhrschnellwegs, Genehmigung der PVC-Herstellung – die Liste der Grausamkeiten wurde immer länger, der Ärger immer größer. Die Reaktion der Grünen-Basis blieb nicht aus. Schon auf dem Landesparteitag im März 1996 in Hamm wollte ein Drittel der Grünen-Delegierten aussteigen. Bauminister und grüner Vize-Regierungschef Michael Vesper rettete die Situation mit einem flammenden Appell: „Wenn wir heute aus der Koalition herausgehen, dann würden sich nicht nur die Betonköpfe in der SPD die Hände reiben, die schon immer die gro- ße Koalition wollten, würden nicht nur bei Rheinbraun und RWE die Sektkorken knallen, würden nicht nur Bayer Leverkusen, Solvay und die PVC-Verarbeiter jubilieren.“ Auch die CDU im Land und im Bund würde sich über das Wahlgeschenk freuen. Die rot-grüne Koalition nach nur acht Monaten aufzugeben, weil nicht alles erreicht wurde, „was wir uns für fünf Jahre vorgenommen hatten, das wäre so etwas wie eine Kapitulation“. Die Koalition hielt – trotz Clement. Die Probleme blieben. Clement und Vesper kamen gut miteinander aus und sind auch heute noch befreundet. Dass der Sozialdemokrat nach der gewonnenen Landtagswahl 2000 auch mit der FDP liebäugelte, mit der er eine komfortable Mehrheit gehabt hätte, hat ihm der Grüne nicht übelgenommen. „Da wollte er uns ein bisschen quälen – das ist normal. Ich wusste aber, dass sowohl die SPD im Land als auch die Bundespartei es nicht zugelassen hätten.“ Mit der grünen Umweltministerin Bärbel Höhn hingegen („Die kann ich nicht mehr sehen“) fetzte sich Clement, auch auf offener Bühne. Im Kabinett motzte er sie an: „Überall wo ich hinkomme, waren Sie schon da und haben Unsinn geredet.“ Die Grüne ertrug es gelassen. Clement sei zwar „manchmal anstrengend“, sagte sie. Das habe aber auch etwas Sympathisches, „denn er ist überzeugt von dem, was er sagt, und das finden die Leute gut“. Manchmal allerdings hielt auch sie es nicht mehr aus. Dann suchte sie – oft von Vesper begleitet – Rückendeckung bei Johannes Rau. Der 235 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Ministerpräsident hörte stets geduldig zu. Irgendwann aber, erinnert sich Vesper, „brach es aus ihm heraus: ‚Sie gehen doch dauernd mit dem essen‘, sagte er zu uns. ‚Das könnt ihr doch selbst mit ihm klären.‘“ Damals war das Verhältnis des Regierungschefs zu seinem „Kronprinzen“ bereits so stark strapaziert, dass die beiden kaum noch miteinander redeten. „Rau hatte nicht den Mumm, Clement in die Schranken zu weisen“, sagt Vesper heute. „Und er hatte da auch schon nicht mehr die Kraft, es zu tun.“ * Am 27. Mai 1998 leistete Clement den Amtseid als siebter Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Und vom ersten Tag an inszenierte er sich als Kontrastprogramm zu Johannes Rau. „Seine Effizienz“ hatte man ihn bereits vorher genannt, einen Sozialdemokraten neuen Typs, ziemlich losgelöst von der Partei. Nun verkleinerte er das Kabinett radikal von zwölf auf acht Ressorts. Begründung: Die Treppe müsse „von oben gekehrt“ werden. Vier SPD-Minister verloren ihre Posten. Der Boulevard applaudierte. Sparen war populär. Mit der Zusammenlegung von Justiz- und Innenressort lief Clement allerdings vor die Wand. Die Fusion wurde vom Verfassungsgericht kassiert. Die obersten Richter des Landes urteilten, Justiz und Inneres könnten nur per Gesetz zusammengelegt werden, nicht per Verordnung. Eine Blamage gleich nach dem Start. Clement hatte zu schnell gehackt. Die zweite spektakuläre Tat war der Umzug der Staatskanzlei ins benachbarte „Stadttor“. Der 72 Meter hohe Koloss aus Glas und Stahl, der in Sichtweite des Düsseldorfer Landtags steht, zog Clement magisch an. Das Gebäude erinnert an die „Grande Arche de la Défense“ in Paris, ein Symbol der Moderne. Es sieht von weitem aus wie ein riesiges Tor und war noch nicht ganz fertig, als Clement beschloss, dort einzuziehen. Dass er die alte Horion-Villa verlassen wollte, in der die Fußböden knarrten und es „auch tagsüber so dunkel war wie im Kohlenkeller“ (Steinbrück), fand viel Zustimmung. Auch die neuen Büros in luftiger Höhe waren nicht zu beanstanden. „Architektur als imagebildende Maßnahme“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. „Das neue Domizil entsprach seinem Selbstverständnis als Vorstandsvorsitzender der NRW- AG.“ 236 Heimat & Macht Für Repräsentationszwecke erwies sich der nüchterne Zweckbau jedoch als ungeeignet. Die Flure waren so eng, „dass man nicht zu zweit nebeneinander gehen konnte“ (Vesper). Es gab keine Räumlichkeiten, in denen man „Staatsgäste angemessen empfangen und bewirten konnte“ (Steinbrück). In einem mit IKEA-Möbeln ausgestatteten winzigen Gästezimmer konnte der Hausherr, wenn es spät geworden war, zwar schlafen, aber Toilette und Dusche lagen auf der anderen Seite des Flurs. Clements Amtsnachfolger Steinbrück: „Da musstest du morgens im Bademantel rüber laufen. Dann kamen die Mitarbeiter aber schon vorbei und sagten: ‚Guten Morgen, Herr Ministerpräsident!‘ – ,Guten Morgen‘, während ich da im Bademantel stand. Und ich sagte: ‚Lassen Sie mich bitte da mal eben durch in meine Nasszelle.‘“ Steinbrücks Fazit: „Bescheuert.“ Das alles wäre vermeidbar gewesen, wenn Clement auf warnende Stimmen gehört und sich und seinen Leuten mehr Zeit zum Nachdenken und Planen gelassen hätte. Aber der neue Chef duldete keinen Aufschub. Es mussten schnell Nägel mit Köpfen gemacht werden. Bedenken wurden abgeschmettert. Von jetzt auf gleich wurde der Mietvertrag geschlossen. Alles ging so schnell, dass Fehler gemacht wurden, die später peinliche Untersuchungen auslösten. „Erst hacken, dann zählen“ – das Motto galt auch hier. Johannes Rau hat das „Stadttor“ übrigens nie betreten. Er missbilligte den Umzug. „Ein nordrhein-westfälischer Ministerpräsident wohnt nicht zur Miete“, richtete er seinem Nachfolger aus. Drei Ministerpräsidenten später, im Sommer 2018, zog Amtsinhaber Armin Laschet (CDU) wieder aus. Wolfgang Clement hatte immer ein Faible für alles Neue und Moderne. Er wollte Nordrhein-Westfalen in ein Land der Zukunftsbranchen verwandeln. Anstelle von Kohle und Stahl sollten saubere Technologien, Wissenschaften und neue Medien die Wirtschaftskraft des Landes und Arbeitsplätze sichern. Unter seine Ägide wuchs die 1991 gegründete Filmstiftung, zu der als Gesellschafter der WDR, das ZDF und RTL gehören, zur bedeutendsten Film-Förderanstalt in Deutschland und Europa heran. Er forcierte das Privatfernsehen und den Bau eines Trickfilmzentrums in Oberhausen. Als „Master of Mediaworld“ wurde er gefeiert. Gleichzeitig hielt er hartnäckig an der Braunkohle fest, um Arbeitsplätze nicht zu gefährden. Erste Kratzer bekam sein Image als Modernisierer, als der von ihm ge- 237 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement päppelte Privatsender Vox und das Trickfilmzentrum in wirtschaftliche Schieflage gerieten. Sein größter Flop wurde der Metrorapid. Eine Magnetschwebebahn quer durch das Ruhrgebiet – das war der Plan. Wu Xiangming, genannt Commander Wu, hatte vorgemacht, wie das geht. Der chinesische Bauingenieur aus Shanghai hatte 1995 nicht nur den neuen Flughafen von Shanghai, sondern auch noch – quer durch bebautes Gelände – die Trasse für einen Magnetgleiter frei räumen lassen, die den Airport mit der City verband. Clement war begeistert. So eine Magnetschwebebahn, die mit 400 Stundenkilometer durchs Land rast, wollte er auch. Er machte mächtig Druck, um das Projekt voranzutreiben. Der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn war anfangs auch beeindruckt und wollte sich beteiligen. Doch die Pläne scheiterten. Zu teuer. Zu groß. Zu riskant. Mehdorn stieg aus, Clement blieb dran. „Er ritt zu lange auf dem Pferd und merkte nicht, dass der Gaul schon tot war“, sagt Steinbrück, der das Projekt von ihm erbte und vom Metrorapid „endgültig die Schilder abschrauben musste“, was sehr unangenehm war. Die Bilanz seiner Amtszeit als Ministerpräsident ist durchwachsen. Vieles blieb unvollendet. Als er 2002 nach Berlin wechselte und Superminister für Wirtschaft und Arbeit wurde, hinterließ er zahlreiche offene Baustellen. Er hatte weder, wie versprochen, die Arbeitslosigkeit halbiert noch die Infrastruktur des Landes modernisiert. Nordrhein-Westfalen war immer noch Schlusslicht. Die von ihm angekündigte Verschlankung der Landesbehörden blieb auf halbem Wege stecken. Immerhin: Trotz der vielen Pannen hat sich die Film- und Medienbranche konsolidiert. Sie beschäftigt inzwischen mehr Menschen in Nordrhein-Westfalen als die chemische Industrie. Und inzwischen ist auch die Arbeitslosigkeit, wie überall in Deutschland, zurückgegangen – eine Folge der Hartz-Reformen, die er als Bundesminister vorangetrieben hat. „Wolfgang Clement“, urteilt sein Vize Vesper, „hat das Land wirtschaftlich nach vorne gebracht.“ Selbst Jürgen Rüttgers (CDU), der 2005 ans Ruder kam, lobte seinen Vorvorgänger für dessen Medienpolitik, die trotz einzelner gescheiterter Projekte „eine wirkliche Erfolgsgeschichte geworden“ ist. * Franz Müntefering sitzt in einem Straßencafé in Bochum. Er wohnt in Herne, ganz in der Nähe. Man kann nicht behaupten, dass Müntefering 238 Heimat & Macht und Clement Freunde waren. Eher das Gegenteil ist richtig. Sie haben sich oft beharkt. Müntefering war immer ein treuer Parteisoldat. Clement war das nie. Müntefering betrachtet die SPD als seine politische Heimat. Für Clement war sie ein Instrument, um Politik durchzusetzen – mehr nicht. Trotzdem redet der frühere SPD-Vorsitzende Müntefering nicht abfällig oder schlecht über den ehemaligen Genossen Wolfgang, der 2008 aus der SPD austrat, weil ihm die Partei zu weit nach links driftete und er sich von ihren Funktionären „drangsaliert“ fühlte. Er dachte nicht daran, seine im Wahlkampf geäußerte Kritik an der hessischen Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti („Ich würde sie nicht wählen“) zurückzunehmen oder zu unterschreiben, dass er dergleichen nie mehr sagen werde. Seitdem herrscht Funkstille. Wenn man sich begegnet, begrüßt man sich zwar noch und wechselt ein paar Worte. Aber über die Sache von damals reden will keiner mehr. Müntefering: „Damit muss ich leben. Damit lebe ich auch.“ Richtig leiden konnten sie sich nie. Es gab immer eine unterschwellige Rivalität. Als Johannes Rau sich 1998 entschloss, seine Ämter in Düsseldorf aufzugeben, schlug er Müntefering als neuen Landesvorsitzenden vor. Sein Gespür sagte ihm, dass Clement an der Spitze der Partei fehl am Platze gewesen wäre. Rau-Vertraute stichelten damals, er habe Clement nicht das ganze Land allein überlassen wollen. Clement akzeptierte das Jobsharing notgedrungen. „Die Trennung von Partei- und Regierungsarbeit hat auch viel für sich“, sagte er. Aber es wurmte ihn trotzdem, dass Müntefering von der Partei geliebt, er jedoch höchstens geachtet wurde. Anfangs zogen sie scheinbar an einem Strang. Müntefering pries den Wechsel an der Regierungsspitze als ein Signal der Erneuerung. „Er vermittelt das Gefühl, dass da etwas Neues angefangen hat. Auf Johannes Rau musste ein anderer Typus folgen.“ Und er lobte Clement als neuen Superstar: „Er ist der typische Stürmer. Wenn er den Ball kriegt, geht er los. Er spielt nicht aus der Deckung. Er ist auf der Lauer. Er will Tore machen. So einer kann nicht gleichzeitig Libero sein, der das ganze Spielfeld im Blick hat. Aber dafür sind ja wir anderen da. Wir machen hinten dicht.“ Was das bedeutet, lernte Clement zwei Jahre später, als er nach der knapp gewonnenen Landtagswahl seinen Flirt mit der FDP begann und ihrem Landesvorsitzenden Jürgen W. Möllemann Avancen machte. Da schritt Müntefering ein. Der Sauerländer, inzwischen Generalsekretär der Bundes-SPD, fürchtete um die Statik der rot-grünen Koalition in 239 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Berlin und machte „hinten dicht“. Gemeinsam mit Joschka Fischer verkündete er in Berlin die Fortsetzung von Rot-Grün in Düsseldorf, ehe Clement überhaupt die Chance hatte, den Grünen weitere Bedingungen zu stellen. Gerhard Schröder war das nur recht. Auch er hatte kein Interesse an einer rot-gelben Regierung im größten Bundesland und war deshalb froh, dass Müntefering Clements Pläne durchkreuzt hatte und er sich nicht einmischen musste. Rückblickend gibt sich der Alt-Kanzler deshalb großmütig: „Ich habe ihm immer gesagt: ‚Das ist deine Entscheidung. Wenn es Gründe für dich gibt, das zu machen, sind wir keine Gegner.‘“ Clements Verhältnis zu Schröder war nicht immer spannungsfrei. Anfangs konnten sie sich nicht leiden. Wie Rau misstraute auch Clement dem Machtpolitiker aus Hannover. Als Schröder 1986 zum ersten Mal versuchte, Ministerpräsident zu werden, und von einer „rot-grünen Option“ sprach, schreckte er Johannes Rau auf, der die SPD als Kanzlerkandidat ein halbes Jahr später bei der Bundestagswahl zu einer eigenen Mehrheit führen wollte. Rau schickte seine beiden Berater Bodo Hombach und Wolfgang Clement nach Niedersachsen. Sie sollten Schröder die rot-grünen Phantasien austreiben. Schröders damalige Ehefrau Hillu erinnerte der Auftritt der beiden Rau-Gesandten an einen Mafia-Film: „Hombach, Clement und Gerd nahmen sich drei Liegestühle und zogen sich auf die Terrasse zurück. Gerd sagte nicht viel. Als die beiden gegangen waren, sagte Gerd mit zerknirschtem Gesicht: ‚Ich kann hier nicht gegen Rau Wahlkampf machen.‘“  Auch Schröder erinnert sich noch genau an die Begegnung: „Die beiden haben mich hinter die Fichte geführt und mir schlicht eröffnet, die von mir damals angepeilte Koalitionsaussage für ein rot-grünes Bündnis in Hannover werde nicht die Unterstützung der SPD und ihres Kanzlerkandidaten Johannes Rau finden. Ich habe dummerweise eingewilligt. Ich war damals noch nicht so weit, die Courage zu haben, mich dagegen aufzulehnen. Das war wahrscheinlich ein Fehler.“ Einen „Fehler“ nennt der Alt-Kanzler inzwischen auch seine Entscheidung, Wirtschafts- und Arbeitsministerium zusammenzulegen. „Es waren zwei Häuser, die einfach nicht miteinander konnten. Ich hatte dem Wolfgang zugetraut, dass er das hinkriegen könne, weil er ja doch sehr durchsetzungsfähig war. Es hat sich dann aber rasch herausgestellt, dass auch er das nicht schaffte – und ein anderer hätte das wahrscheinlich auch nicht geschafft. Es war wirklich eine Fehlkonstruktion.“ 240 Heimat & Macht In Berlin stand Clement bald auf verlorenem Posten. Er hatte keine Machtbasis mehr und fühlte sich häufig von Müntefering und Schröder verschaukelt. Weder wusste er im Februar 2004, dass Schröder den Parteivorsitz an Müntefering abgeben wollte, noch war er in die Planung einbezogen, 2005 vorgezogene Neuwahlen anzustreben. „Klappe halten konnte ich“, merkt Müntefering dazu trocken an. „Ich habe die Karten immer dicht am Mann geführt.“ Rückblickend findet Norbert Blüm es immer noch „ein starkes Stück von dem Schröder, den Clement mit dem Versprechen nach Berlin zu locken, dass er einmal Nachfolger werden könnte, und ihn dann noch nicht einmal darüber zu informieren, dass er vorhat, Insolvenz für den ganzen Laden anzumelden“. Nach dem Scheitern von Rot-Grün war für Clement kein Platz mehr in der Großen Koalition. Die Fusion von Wirtschafts- und Arbeitsministerium wurde rückgängig gemacht. Und weder Schröder noch Müntefering rührten einen Finger, um das zu verhindern. Edmund Stoiber griff sich das Wirtschaftsministerium, Müntefering das Ressort Arbeit und Soziales. Als Clement im SPD-Vorstand fragte, warum man ihn denn nicht vorher wenigstens um seine Meinung gefragt habe, bekam er von Müntefering zu hören: „Wir wussten ja sowieso, was Du sagen würdest.“ Mit anderen Worten: Dein Rat ist hier nicht mehr gefragt. Daraufhin ist er aufgestanden und nach Hause gefahren. Viele sehen darin den eigentlichen Grund für seinen späteren Austritt aus der SPD. * Sein Vater hat ihn sehr geprägt. Der Baumeister aus dem Sauerland war nicht nur streng katholisch, sondern auch leistungsorientiert. „Wenn du sitzen bleibst“, drohte er dem Sohn, „musst du auf den Bau. Nur durch eigene Leistung kommst du weiter.“ Zwei Kriege und zwei Inflationen hatten die Eltern hinter sich. Die Kinder sollten es einmal besser haben. Rückblickend bekennt Clement: „Ich hatte oft furchtbare Angst, zu versagen.“ Leistung. Leistung. Leistung. „Das war nicht nur in meiner Familie so, das war auch bei denen so, mit denen ich aufgewachsen bin. Du musst was werden. Und es war damals ja auch nicht selbstverständlich, Abitur zu machen.“ Jahre später wird der Ministerpräsident Clement im Wahlkampf 2000 vom Magazin „Stern“ gefragt, warum er als „Spitzensozi“ nicht nach Gerechtigkeit und Solidarität rufe, sondern immer nur nach Leistung. 241 Hartmut Palmer: Immer unter Dampf: Wolfgang Clement Seine Antwort: „Ich habe nicht die geringsten Probleme im Umgang mit Begriffen wie Leistung und Leistungselite. Gerechtigkeit beginnt mit der Chancengerechtigkeit.“ Und noch eine zweite Philosophie hat er vom Vater übernommen. Dessen ganzer Ehrgeiz bestand darin, für jeden seiner beiden Söhne je ein Haus zu hinterlassen. „Das hat er auch wirklich hingekriegt. Meine Eltern haben dafür auf alles verzichtet. Und als die Häuser standen, fuhr mein Vater zur Erholung für acht Tage nach Helgoland – und ist dort gestorben. Entsetzlich!“ Clement hat daraus Lehren gezogen: „Ein eigenes Dach überm Kopf und die gesetzliche Rente – Wohneigentum und soziale Sicherheit, darauf kommt es an.“ Im Sommer 2018 war er in Polen. „Dort hat jeder eine eigene Wohnung. In Italien ist es wohl ähnlich.“ Diese Bedeutung des Wohneigentums haben wir Sozialdemokraten verkannt. Das eigene Dach über dem Kopf neben dem gesetzlichen Rentenanspruch, das kommt dem Sinnen und Trachten der meisten Menschen sehr nahe, sich auch sozial sicher fühlen zu können. Das kriegt man im Zeichen des sich beschleunigenden demografischen Wandels auch nicht mit einer zusätzlichen privaten Rentenversicherung à la Riester hin.“ Sein Vater, erzählt er, „war der Erste aus der Familie, der anfing, SPD zu wählen. Und zwar aus Ärger über die Kirche. Ich hab die Szene so in Erinnerung: Er stand im Gottesdienst unter der Kanzel und als der Pastor den Bischofsbrief an die Gemeinden vorlas mit der Empfehlung, CDU zu wählen, schüttelte er sichtbar und sichtlich missbilligend den Kopf.“ Wen er wählte, das wollte er sich, so gläubig er war, von der Kirche nicht vorschreiben lassen. So tickt auch Wolfgang Clement. Er hat die sauerländische Widerborstigkeit des Vaters. Wenn ihm etwas gegen den Strich geht, steht er auf und geht. „Clement zählt nicht zu den Politikern, die mit Ankündigungen zu drohen pflegen. Er droht nicht. Er handelt“, schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über ihn. So ließ er türenknallend das Auto des Fahrlehrers stehen. So schmiss der 1986 seinen Job als Sprecher der SPD, so verließ er 2005 zuerst den SPD-Parteivorstand und drei Jahre später die Partei. Früher ist er immer gerannt, jeden Morgen. Leistung. Leistung. Leistung. Als er das erste Mal an einem Langlauf teilnahm, fürchtete er, unterwegs zu sterben. Aber er gab nicht auf. Er stellte sich vor, was die Zeitungen am nächsten Tag schreiben würden: „Clement gibt auf!“ Das durfte nicht geschehen. Also lief er weiter bis ins Ziel. Jetzt rennt er nicht mehr, er fährt Fahrrad. Einer seiner Schwiegersöhne hat ihm eins über- 242 Heimat & Macht lassen. Aber Wolfgang Clement reicht das nicht. Er hasst es, unterwegs abgehängt zu werden. Er will sich demnächst ein Rennrad kaufen.

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Zusammenfassung

Auf der Suche nach Identität hat der Begriff der Heimat in den letzten Jahren eine ungeahnte Renaissance erlebt. Doch wo sie zu verorten ist, was sie ausmacht, wird kontrovers diskutiert. Ist Nordrhein-Westfalen für die Menschen, die hier leben, Heimat? Welche Identität hat das bevölkerungsreichste Bundesland überhaupt, und was haben seine Ministerpräsidenten aus diesem ursprünglich von britischen und amerikanischen Besatzern gegründeten Bindestrich-Land gemacht, etwa in punkto Innovation, Einwanderung und Integration? Wer von ihnen konnte das Land am nachhaltigsten prägen? Und was war der Steinkohle-Bergbau: Segen oder Fluch?

Dieses Buch haben Journalisten geschrieben – eine Spezies mit der Leidenschaft zur Recherche und der Lust an der Pointe. Auf diese Weise ist ein temporeiches und dabei ebenso informatives wie unterhaltsames und anekdotenreiches Werk entstanden.