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Hans Leyendecker, Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau in:

Bodo Hombach (Ed.)

Heimat & Macht, page 207 - 222

Von Arnold bis Rau, von Clement bis Laschet - Eine kurze Landesgeschichte NRWs

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4225-0, ISBN online: 978-3-8288-7225-7, https://doi.org/10.5771/9783828872257-207

Tectum, Baden-Baden
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207 Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau von Hans Leyendecker Johannes Rau hatte als junger Mann ein Erlebnis, das er später sein „Pfingsterlebnis“ nannte. Er war 19 Jahre alt und verkaufte Ende Mai 1950 Bücher bei einem „Reichstreffen“ der Schülerbibelkreise. Zehn Mark gab es pro Tag und freie Übernachtung. Und Rau behielt für sein Leben in Erinnerung, wie Gustav Heinemann, der damals noch in der CDU und einer von drei Referenten war, die jungen Leute zur Mitverantwortung ermutigte: „Für Christen ist der Verzicht auf politische Antwort nicht erlaubt; ja, er ist nicht mehr möglich. Denn der, der nicht handelt, lässt sich behandeln, und der, der nicht handelt, ist dem Mitmenschen kein Nächster.“ Diese Betrachtung lässt sich auf einen Satz verkürzen: Wer nicht handelt, wird behandelt. Für Rau wurde das zum Leitsatz für gesellschaftliches Engagement: „Wir verachten den Nächsten, wenn wir nicht gesellschaftlich handeln“, sagte er in einer Bibelarbeit (Römer 3) beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1997 in Leipzig. Aber auch Hannah Arendts Spruch „Politik ist angewandte Nächstenliebe zur Welt“ hat er gern und oft zitiert. Und er schätzte Hanns Dieter Hüsch besonders. Den gläubigen Kabarettisten vom Niederrhein, der auch Prediger war und große Freude am Spiel mit dem Wort hatte. Als „Mann mit einer Phantasie, die bis in den Himmel reicht“, hat ihn Rau mal beschrieben. Als die Frankfurter Allgemeine Zeitung Rau einmal fragte, welches Lebensmotto er habe, gab er eine Antwort, die nicht nur Agnostikern vermutlich wenig sagt: „Ich halte, weil ich gehalten werde.“ Dieser Satz 208 Heimat & Macht findet sich im Siegel der Bekenntnissynode von 1934 der Evangelischen Kirche des Rheinlandes. Selbst am Abend des Tages, da ihn die Bundes-SPD in Ahlen vor mehr als dreißig Jahren offiziell zu ihrem Kanzlerkandidaten kürte, sprach er in einer Kirche im Rheinland über seine Aufgabe „als Christ in der Politik“. Johannes Rau hat in seinem Leben eine Handvoll Leitfiguren gehabt: Menschen am Weg, die ihn bewegt und mitgenommen haben. Meist waren es Männer: Gustav Heinemann gehörte ebenso dazu wie sein Vater Ewald sowie Willy Brandt, Karl Immer, Hermann Ehlers, Karl Barth und auch Ernst Lange. Einige dieser Namen werden Nicht-Kirchlern wenig sagen. Rau war sehr früh – und dann sein ganzes Leben lang – Kirchenleuten eng verbunden. Er pflegte rund fünfzig Jahre einen Freundeskreis, der sich „Orbishöher Kreis“ nannte. Freunde aus unterschiedlichen Berufen, die alle irgendwann mal mit evangelischer Jugendarbeit zu tun hatten, trafen sich jedes Jahr drei Tage lang auf der Orbishöhe bei Darmstadt und redeten miteinander. Von Johannes Rau gibt es Predigten, Andachten, Bibelarbeiten und Mediationen aus fünf Jahrzehnten und einige von ihnen hat Matthias Schreiber als Herausgeber in dem Buch „Wer hofft, kann handeln“ gesammelt. „Predigten aus fünf Jahrzehnten: Das findet sich nicht einmal unter Pfarrern häufig“, betont Schreiber, der Theologe ist und Mitarbeiter von Rau war. „Wer hofft, kann handeln“ – vielleicht war das Raus eigentliche politische Botschaft. Der Glaube, wie er ihn verstand, brachte Beten und Tun zueinander. Dahinter stand immer der feste Glaube an den wiederkommenden Gott und die Bereitschaft, die Welt zu verändern, zu verbessern. „Suchet der Stadt Bestes“ – das war der Ruf der Protestanten in den fünfziger Jahren. Zwischen 1965 und 1999 gehörte Rau der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland und diversen Ausschüssen und Kuratorien an. Er war stellvertretendes Mitglied der Kirchenleitung, zwanzig Jahre lang Herausgeber der Evangelischen Kommentare und gehörte dem Kuratorium der Stiftung Bibel und Kultur an. Er hat zahlreiche Beiträge für theologische Festschriften verfasst und er soll ein bisschen enttäuscht gewesen sein, dass ihm die Ruhr-Universität Bochum den theologischen Doktor verliehen hat und nicht die kirchliche Hochschule in Wuppertal. 209 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau Auch sein Vater Ewald, der sich selbst einen „bewussten Christen“ nannte, war ein großer Bibelkenner. Angestellt beim „Deutschen Hauptverein des Blauen Kreuzes“ zog er als Reiseprediger durchs Land. Er hielt dann „Stunde“, wie man das im Bergischen, in der Heimat der Familie Rau, nannte. Johannes Rau, der sicherlich ein begnadeter Erzähler und einer der sprachmächtigsten deutschen Politiker war, bezeichnete sich gegenüber seinem früh verstorbenen Vater fast als „taubstumm“. Natürlich kokettierte er da ein bisschen. Er hatte eine große Fähigkeit zum bewundernden Gedenken.  Ein Foto von Vater Ewald hatte er als Ministerpräsident auf seinem Schreibtisch in der Staatskanzlei stehen. Auf dem Grabstein des im Dezember 1953 tödlich verunglückten Vaters steht: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“, und dieser Satz, den im biblischen Originaltext eine Magd über einen Jünger sagt, steht auch auf dem Grabstein seines im Januar 2006 verstorbenen Sohns Johannes auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin. Kirche, Bibel, Glaube. Kann man die Amtszeit eines Politikers, der zwanzig Jahre lang (von 1978 bis 1998) Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes war, der dreimal die absolute Mehrheit für seine Partei erreichte, der durch Rede und Gegenrede große Gefolgschaft auch im anderen politischen Lager gewinnen konnte und der schließlich Bundespräsident wurde, auch mit seinem speziellen politischen Protestantismus erklären? Vermutlich hätte Rau diese These relativiert, er hätte darauf hingewiesen, dass der andere, um den es ihm immer ging, auf keinen Fall seinen christlichen Ansatz teilen müsse: „Christen sind keine besseren Menschen, aber sie haben es besser.“ Gleichzeitig hätte er betont, dass seine Wurzeln im christlichen Glauben liegen. Er schöpfe, so Rau, Zuversicht und Kraft aus seinem Glauben und habe Respekt vor allen, die ihr Leben auf andere Fundamente gründen würden. Weltveränderung sei nicht den Christen allein zugeordnet. „Aber sie sind die, die den Auftraggeber kennen. Er hat sich selbst zu erkennen gegeben: den Jüngern, den Sündern, den Pharisäern und zum Glück auch uns“ (Rau-Predigt 1991 in Köln). Dieser Ministerpräsident ist also nicht nur mit seiner Religion zu 210 Heimat & Macht erklären, aber ganz sicher nicht ohne Verweis auf seinen Glauben. Im Neuen Testament, so Rau, stehe nicht, „es bleibt alles beim Alten. Sondern da steht: Siehe, ich mache alles neu.“ Politische Entscheidungen und Verantwortung durch den Glauben waren bei ihm nicht zu trennen. Jeder Mensch hat seine spezielle Biografie, aber der berufliche und politische Werdegang von Rau war auch schon angesichts der Biografien der anderen Ministerpräsidenten erstaunlich: Rau wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Er hatte vier leibliche Geschwister. Zwei Waisenkinder wurden noch von den Eltern aufgenommen. Er engagierte sich früh in kirchlichen Gruppen. Mit der Obertertia verließ Rau, Jahrgang 1931, die Schule. „Also, wenn Du schon nicht richtig lernst, kannst Du auch etwas Sinnvolles tun“, sagte der Vater. Johannes Rau war Lehrling, Verlagsbuchhändler, Redakteur, Geschäftsführer, trat 1952 in die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) ein, verließ die Partei fünf Jahre später und trat in die SPD ein. Er konnte schreiben, er konnte reden. Sechs Monate später schon war er Juso-Vorsitzender in Wuppertal und wurde mit 27 Jahren in den Landtag von NRW gewählt. Während die SPD in seiner Heimatstadt Wuppertal in drei Wahlkreisen verlor, wurde Rau im Wahlkreis III mit 44,1 Prozent gewählt. Er hatte 750 Stimmen mehr als sein Konkurrent von der CDU. 1958 kam er in den Landtag. Vier Jahre später wurde er erstmals in den Fraktionsvorstand gewählt, dessen Vorsitzender er bald darauf wurde. Da war er in Wuppertal schon im Stadtrat und auch dort Fraktionsvorsitzender. 1969 wurde er Oberbürgermeister in Wuppertal. Ein Jahr später wurde der Mann, der nicht einmal die Mittlere Reife hatte, Wissenschaftsminister in NRW. Es war die Zeit der Studentenunruhen und Heinz Kühn wollte einen jungen Minister für dieses Ressort. Er war einer, den man in eine Diskussion mit Rudi Dutschke schicken konnte. Dann wurde Rau Ministerpräsident und schließlich, im zweiten Anlauf, Bundespräsident. Das war sein Amt. Jetzt war er von Berufs wegen Schlichter, Mittler und auch so etwas wie Visionär. Dabei war der Weg zu den Sozialdemokraten für den Predigersohn keineswegs selbstverständlich gewesen. Vor seinem Wechsel von der GVP zur SPD 1957 habe er einen „richtigen Horror“ gehabt, hat er mal gestanden. Das war die Zeit, als Bürgersöhne wie Rau sich Sozialdemokraten noch mit Ballonmütze vorstellten – zwei Jahre vor Godesberg. „Keiner von uns kam aus 211 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau der Arbeiterbewegung“ (Rau) – auch nicht seine alten GVP-Freunde Diether Posser und Erhard Eppler, die auch in der SPD ihren Weg gegangen sind: „Wir waren Bürgerliche im Lebensstil.“ Das Wort „Genosse“ blieb ihm zeitlebens fremd. Heinz Kühn hat ihn deshalb auf Karten und in Briefen mit „Bruder Johannes“ angeredet – der Name ist geblieben. In dem Aufsatz „Was meinem Leben Richtung gab“ hat Johannes Rau über den „Rat der Brüder“ gesprochen: „Consolatio (sic) fratrum sagte man wohl in der alten Kirche. Ich habe lernen können, weil ich erfahren konnte, dass es das heute noch gibt. Dass Menschen sich anhören, sich zuhören, sich einander öffnen und dann einander wägend raten, das ist eine richtungsgebende Erfahrung meines Lebens.“ Ihm sei aber auch bewusst, dass „aus Brüdern Konkurrenten werden“ und „dass Nähe und Stallgeruch auch lästig werden können“. Erst wenn Brüder „den Vater erkennen“, werde die „Richtung sichtbar“. Jeder Politiker hat seine eigene Botschaft, seine eigene Sicht auf die Welt und auf das Land. Die Einzigartigkeit von Rau beruht nicht allein auf seinen Erfolgen bei Wahlen. Sie beruht darauf, dass sein Humor, sein scharfes Auge und seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, ihnen zuzuhören, Konflikte auszugleichen, seine große Gabe waren. Er saugte Ermutigung aus Gesprächen im kleinen Kreis und suchte oft den Mittelweg, der sich, zumindest für seine Partei, als durchaus golden erwies. Dem Jargon der Berufspolitiker misstraute der Berufspolitiker Rau und die politische Propaganda prallte, je stärker sie auftrat, an seinen Vorbehalten ab. Nur keine Übertreibungen! Die Mehrheit der Wähler will keine politischen Abenteuer und schätzt auch keinen ideologischen Fanatismus. Die Entwürfe von Ideologen waren aus seiner Sicht „die eigentlichen Verführer“ und wer „den Himmel auf Erden verspricht, der schafft die Hölle“. Davon war er überzeugt. Im Alltag eines Sozialdemokraten hieß das: statt Klassenkampf lieber eine erfolgreiche Tarifrunde. Rau war dafür der richtige Mann am richtigen Platz zur richtigen Zeit. Man könnte umfängliche Betrachtungen zur Umweltpolitik dieses Ministerpräsidenten, zur Hochschulpolitik, zur Bildungspolitik, zur Europapolitik und auch ein paar Absätze mehr zu Raus Management in der 212 Heimat & Macht Kohle- und Stahlkrise formulieren. Diese Untersuchungen bräuchten dann wiederum umfangreiche Analysen mit vielen Zahlen und das würde das Kapitel sprengen. Wenn man in einem Buch über die Ministerpräsidenten in NRW das Besondere der Amtszeit Raus herausarbeiten will, muss man sich bei allem Für und Wider mehr mit seinem System, mit seinem speziellen Stil beschäftigen als mit der Schlacht um die Zahlen. In der wissenschaftlichen Literatur gibt es für einen wie ihn den Begriff der „Ministerpräsidentendemokratie“. Dieser Ausdruck ruft Assoziationen zu dem Wort „Kanzlerdemokratie“ hervor. Das ist kein Zufall. Die wissenschaftliche Begründung klingt etwas umständlich: Rau habe den „der Konzeption der Ministerpräsidentendemokratie impliziten Handlungskorridor seiner Macht deutlicher als die Ebenen der verhandelnden Wettbewerbsdemokratie (Föderalismus), der Parteiendemokratie, der Koalitionsdemokratie und der Mediendemokratie“ genutzt, schrieb der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte in einem Aufsatz über „Johannes Rau und die nordrhein-westfälische SPD in den 1980er und 90er Jahren“. In der Regierungszeit von Rau ließen sich, so die Kernthese von Kortes Aufsatz, „überlappende Regierungsstile und -formen erkennen: die parteipolitische Führung, die gouvernementale Führung“ und ab 1982 „die programmatische Führung“. Die Mehrheitsfraktion(en) im Landtag war(en) in seiner Amtszeit so etwas wie ein Aufsichtsrat. Er hat nicht durchregiert, sondern auf runde Tische und Integration gesetzt und an den zentralen Schaltstellen wichtige Leute untergebracht. Eine starke SPD im Land mit starken Bezirkschefs machte solches Regierungshandeln möglich. Aber auch Politiker von der CDU und von der FDP behielt er im Blick. Er pflegte die organisierte Gesellschaft: Gewerkschaften, Stiftungen, Vereine – und natürlich auch die Kirchen. Ziele und Wünsche der Mehrheitsparteien wurden aufgenommen, Vorschläge der Ministerialbürokratie wurden berücksichtigt und nach langen Beratungen gab Rau dann die groben Linien vor. Um die Umsetzung kümmerten sich andere. Sein Vorgehen passte nicht jedem. Nicht wenige Beobachter haben den frühen und den späten Rau für einen Zauderer gehalten: zu leicht, zu wenig entschieden, einfach nicht das richtige Format. Das haben Kollegen damals oft und gern über ihn gesagt. Von nicht wenigen Welt-Sachwaltern und Grund-Bedenkenträgern wurde er als Leichtgewicht abge- 213 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau tan. Er sei kein Genie, eher ein Mann des Mittelmaßes. „Niemand halte das Abwägen von Argumenten für Zögern in der Sache“, entgegnete Rau seinen Kritikern, die ihn aber dennoch weiter einen Zauderer und Zögerer nannten, der nicht gerade ein politisches Genie sei. Der Philosoph Johann Gottfried Herder hat darüber 1767 das Entscheidende geschrieben: „‚Was ist denn aber an Genies gelegen?‘ desto mehr liegt uns an brauchbaren Männern. Zu diesen wird eine glückliche Temperatur von Gaben und Geschicklichkeiten erfordert: eine gewisse Mittelmäßigkeit, die sich nicht zu Genies und Geistschöpfern hebet, und nicht zu dummen Dorfteufeln herabsinket: eine mittlere Größe, die eben den Punkt der Nutzbarkeit trifft.“ Nutzbarkeit? Rau hatte leidenschaftliche Gegner. Sie redeten im Ton der Erbitterung über diesen christlichen Sonderling, als drücke das Wort von der Nähe zu den Menschen eine Stufe der Verdammnis aus. Aber auch mancher Sozialdemokrat zweifelte, dass dieser „Bruder“ in dieser Partei und in der Aufgabe als Regierungschef am richtigen Platz sei. Helmut Schmidt, der so etwas wie der erste Angestellte der Republik war, hielt ihn für einen „Leichtmatrosen“. Schon das Faktum, dass Rau etwas mit der Bergpredigt in der Politik anfangen konnte, hat Schmidt provoziert. In Bonn galt er manchem als falscher Bruder Johannes. Dass er mit den vielen Ritualen des politischen Betriebs, den Sprechblasen, wenig anzufangen wusste, hat ihm nur noch mehr Verachtung eingebracht. Dass er zehntausende persönliche Botschaften an seine Mitmenschen versandte, machte ihn nur noch mehr verdächtig, nicht richtig dazuzugehören. Selbst seine Weggefährten sind sich nicht sicher, ob das alles echt war oder auch manches gespielt. Fortwährend sendete er Signale einer ganz persönlichen Verbundenheit mit jedem Einzelnen aus. Das war seine Rolle. Rau und die Menschen. Immerzu predigte er, dass „Gott die Leute mag“, und er zeigte das auch: „Je näher ich bei den Menschen bin, desto mehr Spaß macht mir Politik.“ Seine Kabinettsarbeit konnte strapaziös sein – für die anderen. Er suchte den Konsens. Sich nicht festlegen, um die anderen zu sich herüberzuziehen – das war ein Ziel seiner Kabinettspolitik. Jedenfalls war er – in diesem Punkt werden sich beide Lager einig sein – das Gegenteil ei- 214 Heimat & Macht nes gewöhnlichen Machers, wie ihn der Politikbetrieb kennt. Er war kein Mann der vorwärtsdrängenden Programmatik; abstraktes Denken war nicht seine Stärke. „Ich mag nicht gern abstrakt, abgehoben von konkreten Lebenslagen argumentieren“, hat Rau in einem 15-stündigen Gespräch mit Journalisten, das über mehrere Tage ging, gesagt. Er „bewundere Leute mit einem analytischen Vermögen – aber deshalb muss ich mich nicht an deren Stelle setzen wollen“. Für Macher, die so tun, als könnten sie durch geschlossene Türen gehen und jedes Problem lösen, hatte er nicht viel übrig. Es gibt nicht wenige Menschen, die vom Politiker erwarten, dass er zupackt, Probleme gleich wegräumt, sich einfach durchsetzt. So etwas wie der Vorstandsvorsitzende der Republik. Das war Rau nicht. Er war in jedem Amt ein Bürgermeister, der geborene Präsident – und die Wähler haben das Präsidiale an diesem Regierungschef gemocht. Möglicherweise ist Rau im politischen Apparat der meist unterschätzte erfolgreiche Politiker der Nachkriegszeit. Er gab sich manchmal wie ein Durchschnittsbürger und das Bild, das man sich von ihm machte, war angefüllt mit Spießigkeiten: spielt Skat, trinkt Pils, isst Leberwurst, sammelt Briefmarken und knabbert Erdnüsse. Ein Biedermann, der bei Reisen nach Asien die gute Küche dort lobte, aber leider wegen Bauchschmerzen kaum etwas essen konnte, wenn es nicht gerade Steak gab. Bohemien war er nicht. Rau hatte seinen eigenen Stil und wenn man sich auf den einließ, ging es einem so, wie es einem manchmal bei Büchern von Robert Walser oder Wolfgang Koeppen geht: Man beginnt zu lesen, schaut sich um und denkt: Alles ist vertraut. Nur ein paar Nuancen sind neu im Immergleichen. Das kann man auch Verlässlichkeit oder Prinzipientreue nennen. Langweilig? Vielleicht. Erfolgreich? Ja. Beispiel Hochschulpolitik: Anfang der sechziger Jahre gab es im Ruhrgebiet 2 000 Studenten. Die hatten alle eine Adresse: Rheinlanddamm 100 in Dortmund. Sie alle studierten Grund- und Hauptschullehramt. Als Rau Wissenschaftsminister wurde, wertete er zunächst die Pädagogischen Hochschulen im Lande auf. Später wurden sie als Fakultäten in bestehende oder neue Universitäten eingegliedert. Die Gründung von fünf Gesamthochschulen und der Fernuniversität Hagen ist eng mit seinem Namen verbunden. „In den beiden Legislaturperioden unter Johannes Rau als Wissenschaftsminister“ habe die Hochschulgeschichte in NRW „eine besonders vitale, schnelle und faktenreiche Ent- 215 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau wicklung von grundlegender Bedeutung erlebt“, schrieb der Germanistikprofessor Siegfried Grosse in einer Analyse über die Hochschulpolitik der siebziger Jahre. Und als Ministerpräsident hat Rau in einem langen Diskussionsprozess gegen manche Widerstände die Gründung der privaten Hochschule Witten-Herdecke ermöglicht. Mancher hatte den Eindruck, er sei dagegen gewesen, aber das hat er immer dementiert. Er habe nur eine Grundsatzentscheidung herbeiführen wollen und den Konsens gesucht, sagte er. Witten-Herdecke war typisch für den Politikstil von Johannes Rau. Am Ende und nach vielen Wirrungen war die Genehmigung für die Uni da. Vieles von dem, was er machte, war eigentlich erstaunlich für jemanden, der mit der neunten Klasse abgegangen ist. Aber wenn man ihn fragte, ob seine unvollendete Schulbildung für ihn in seinen Ämtern Handicap oder Chance gewesen sei, erzählte er gern die Geschichte von dem Professor für Zahnmedizin, dem er kürzlich begegnet sei: „Ein großartiger Mann. Auch in seinem Beruf. Spezialist für Wurzelperforation oben rechts.“ So grenzte er sich ab, spielte dem Fragenden die Frage wieder zurück. Der Unterschied von Obertertianer und Professor? Der eine wurde Ministerpräsident, der andere ist Spezialist für Wurzelperforation oben rechts. Aber er hat das Land kulturpolitisch nach vorn gebracht. NRW förderte in seiner Zeit mit erheblichen Mitteln Landestheater, kommunale Museen, half bei der Gründung der Kultursekretariate, rief verschiedene wichtige Stiftungen ins Leben und auch der Landesorden war eine Idee von Rau. Rau umgab allerdings anfangs eine ihn umflirrende Undeutlichkeit, die manchen ratlos machte: Ein WDR-Redakteur machte Anfang der achtziger Jahre ein „seltsames Phlegma“ aus, das über dem Land lag: „Alles ist da, aber es nichts miteinander verbunden. Viele gesättigte Lösungen, aber keine Kristallisation (überall viel Beweglichkeit, aber keine Bewegung).“ Besonders hart fielen später bei seinen Kritikern die Urteile über Struktur- und Wirtschaftspolitik in der Amtszeit Raus aus. Zu lange, so die Kritiker, habe er am defizitären Kohlenbergbau festgehalten und viel zu wenig die Einführung neuer Technologien unterstützt. Dass NRW wirtschaftlich betrachtet weit hinter Bayern und Baden-Württemberg 216 Heimat & Macht rangiert, sei doch offensichtlich. Rau sei eben ein Mann von gestern gewesen. Die andere Sicht hat der Geschichtsprofessor Karl Lauschke in einem Aufsatz so zusammengefasst: Die Handlungsspielräume des Ministerpräsidenten in der Strukturpolitik seien sehr begrenzt gewesen und es habe Restriktionen gegeben, „die auch mit noch so gutem Willen nicht überschritten werden konnten“. Der Vergleich mit Bayern und mit Baden-Württemberg ist auch deshalb ein bisschen unfair, weil diese beiden Länder eine ganz andere Infrastruktur als NRW haben. Und verglichen mit allen anderen schwerindustriellen Regionen auf dieser Erde hat NRW im Ruhrgebiet den Wandel besser geschafft als die anderen. Die sozialen Verwerfungen, die es beispielsweise in Großbritannien gab, hat NRW so nicht erlebt. Das System Rau ließ den Zusammenbruch nicht zu. Wenn man – auch mit Blick auf die ihm nachfolgenden SPD-Ministerpräsidenten – der Frage nachgeht, warum die Partei zu Zeiten von Rau fast wie eine Staatspartei erschien und warum dann alles erodierte, muss man auch die Gewerkschaften in den Blick nehmen. Es gab damals so etwas wie eine Symbiose zwischen Gewerkschaften und SPD in NRW. Von einer „personellen Verschränkung von SPD- und Gewerkschaftsfunktionären“ spricht der Wissenschaftler Korte. Die katholischen CDUnahen Arbeitervertreter seien „ins Hintertreffen geraten“. Vor allem bei der Ruhr-SPD habe es zu Zeiten von Rau den sozialdemokratischen Multifunktionär gegeben: Stadtrat, Gewerkschaftssekretär und Betriebsrat – wichtiger noch: Die Gewerkschafter waren tatsächlich Ansprechpartner für die Alltagsprobleme der Leute. Raus SPD in NRW gab sich als „Schutzmacht der kleinen Leute“ und übernahm das schon von CDU-Ministerpräsident Karl Arnold proklamierte Selbstverständnis Nordrhein-Westfalens als soziales Gewissen der Bundesrepublik. Er versuchte, besonders den kleinen Leuten nah zu sein und daraus Politik zu machen. „Ich bin kein Landesherr“, sagte Rau. „Mich interessieren in der Tat die konkreten Lebenslagen der Menschen mehr. Ich entwickle meine Kritik an den Strukturen der Gesellschaft von den Unzuträglichkeiten der Lebenslagen her. Die muss ich konkret erfahren haben. Von denen muss ich detailliert wissen, um dann Anstöße geben zu können.“ Er wollte mit aller Leidenschaft Menschen zusammenführen. Dazu gehörte auch, dass er Menschen mit Sorgfalt Briefe schrieb. Er schrieb, 217 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau wo er ging und stand, führte über die wichtigsten Briefe ein handgeschriebenes Tagebuch. Wer krank wurde in Nordrhein-Westfalen, dem konnte es passieren, dass er in feinen Buchstaben, mit Tinte hingemalt, die Mahnung bekam: Wir alle bekommen gelegentlich einen Schuss vor den Bug. „Wichtig“ sei, das zu realisieren, „damit wir noch lange bei der Sache und beieinander“ sein können.  Auch wenn jemand zu Grabe getragen wurde, tauchte er unvermutet auf – Rau war als Tröster und Versöhner unterwegs. Seine Regierungsmaxime war die frohe Botschaft, ohne den „Zeigefinger der Belehrung“. Fortwährend versuchte er, Signale einer ganz persönlichen Verbundenheit mit jedem einzelnen auszumachen. Das war seine Rolle: Rau und die Menschen. Nimmermüde predigte er, dass „Gott die Menschen mag“. Als Menschenfischer oder auch als „Genie der Menschlichkeit“ (Erhard Eppler) ist Johannes Rau gelobt worden. Zum ganz großen Erfolg wurde die Kampagne „Wir in Nordrhein- Westfalen“. Eigentlich war sie als Instrument der Wirtschaftsförderung gedacht, aber sie wurde so etwas wie eine große Erzählung mit Blick auf die Gründung dieses Bundeslandes. Über das Gewese der angeblich freiheitsliebenden Rheinländer, der angeblich freisinnigen Lipper und der angeblich verlässlichen Revierleute gab es schon immer viele Betrachtungen und plötzlich gab es für das alles ein Wort mit drei Buchstaben: „Wir“. Für viele im Lande war die Kampagne so etwas wie der Ausdruck von Landesbewusstsein. NRW ist das bevölkerungsreichste Bundesland, aber den Siegerländer verbindet mit denen im nahen Hessen möglicherweise mehr als mit dem entfernten Lipper. Und jetzt waren sie plötzlich alle in NRW angekommen. Rau legte erstaunlich viel Wert darauf, das Wort „Wir“ als politischen Begriff für NRW erfunden zu haben. 1978 habe er schon in einer der ersten Kabinettsitzungen erklärt, dass das „Wir“ ein besonderer Auftrag sei. „Es wurden ganz skeptische Stimmen laut: Das kann man in Bayern machen, aber nicht in Nordrhein-Westfalen; das sei ein künstliches Land.“ Er habe gesagt: „Wenn wir das nicht für unser Land mit seiner typischen Vielfalt vermitteln können, dann hat Nordrhein-Westfalen eine Chance verspielt, dann können wir die Probleme nicht meistern. Viele haben das für eine Marotte gehalten. Ich habe es immer wieder benutzt.“ 218 Heimat & Macht Aber das „Wir in Nordrhein-Westfalen“ hat noch einen anderen Vater. Das war der damalige SPD-Landesgeschäftsführer Bodo Hombach, der daraus eine große Kampagne gemacht hat. Hombach war Regisseur der gewonnenen NRW-Landtagswahlen. Ein junger Mann damals, den Größen der CDU ihren „gefährlichsten Gegner“ nannten. Rau bezeichnete ihn als sein „Alter Ego“. Man konnte zeitweise glauben, das bayerische Mia-san-Mia sei, verglichen mit dem nordrhein-westfälischen „Wir“, eine provinzielle, barocke Geschichte gewesen. „Wir in Nordrhein-Westfalen“ traf jedenfalls den Nerv der Zeit. Die SPD öffnete sich für nahezu alle gesellschaftlichen Milieus, die CDU konnte nicht dagegenhalten und Rau integrierte die an Aufstiegsansprüchen orientierten Mittelschichten erfolgreich. Die SPD in NRW kam bei der Wahl 1985 auf 52,1 Prozent und Rau nahm das „Wir“ wieder in seiner Regierungserklärung auf: „Wir in Nordrhein-Westfalen wissen: Wir leben in einem schönen und starken Land. Wir sind fast 17 Millionen Menschen. Unsere Herkunft ist unterschiedlich, unsere Zukunft ist gemeinsam. Wir leben gerne hier. Vielfalt ist unsere Stärke. Wir sind stolz auf unsere Heimat.“ Herzenssache war ihm das Verhältnis von Christen und Juden. Kaum ein anderer Politiker hat sich so stark für die Aussöhnung von Deutschen und dem jüdischen Volk eingesetzt wie Rau. Er wagte es, in der Knesset als erster Deutscher in „der Sprache der Mörder“ zu den Abgeordneten des israelischen Parlaments zu sprechen. Rau bat um „Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich, für meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte“. Was mit den Juden in seiner Heimatstadt Wuppertal geschah, hat er oft erzählt. Er war sieben Jahre alt, als in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in Barmen die Synagoge brannte. „Warum brennt das da?“, fragte er. „Ich weiß die Antwort noch, mit der mir irgendein Erwachsener sagte, das sei das Haus der Juden und Gottes Wort werde da schon lange nicht mehr richtig verkündet. Nicht nur das Brennen der Synagogen war das Schreckliche an diesem Abend damals, sondern auch, dass die Menschen – Menschen wie Sie und ich – bloß zugeschaut oder ganz weggeblickt haben. Was wäre gewesen, wenn die Christen nicht bloß zugeschaut und nicht einfach weggeblickt hätten? Was wäre geschehen, wenn das Gewissen der Welt, auch der christlichen Welt, geschärft gewesen wäre … Hätte man etwas aufhalten können?“ Seine Liebe zu Is- 219 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau rael ist zum einen Erbe aus der Heiligen Schrift und zum anderen Erbe aus der deutschen Geschichte. Israel und die Juden – das hat ihn immer bewegt und auch die Bombardierung seiner Heimatstadt Wuppertal im Mai 1943 hat er nie vergessen: „Das brannte sich natürlich ein; man hat Leichen gesehen, zum ersten Mal im Leben.“ Über seine innere Heimat hat er oft gesprochen. Das letzte Mal auf dem Kirchentag Ende Mai 2005 in Hannover. Er antwortete auf das Leitwort des Kirchentags „Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ aus dem 5. Buch Mose 6,20: „Sagt ihnen, dass wir auf den Schultern unserer Mütter und Väter stehen. Sagt ihnen, dass ohne Kenntnis unserer Geschichte und unserer Tradition eine menschliche Zukunft nicht gebaut werden kann. Sagt ihnen, dass wir ohne innere Heimat keine Reisen unternehmen können. Denn wer nirgendwo zu Hause ist, der kann auch keine Nachbarn haben.“ NRW hat viele Nachbarn in Europa und Rau war als Versöhner unterwegs. Er engagierte sich erfolgreich für eine Stärkung der Bundesländer in der Europapolitik und NRW richtete als erstes Bundesland ein Verbindungsbüro in Brüssel ein. NRW ist ein wichtiges Bundesland und in Europa eine Größe. Ein Ministerpräsident wird auch im Ausland beachtet. Rau war mit vielen Großen der Politik schon als Regierungschef vertraut. Allerdings blieb auch in seiner Amtszeit Europa dann doch wieder eine Sache der Experten. Seine berufliche Karriere hatte er mit Büchern angefangen. Er hat als Geschäftsführer des Evangelischen Jugenddienst-Verlags viel Erbauliches für die christliche Jugend verlegt. Als er Ende 1985 erstmals einen Ehrendoktor-Titel erhielt, wurde in der Laudatio die „Hingabe des neuen Doktor honoris causa zum Buch, zum Wort und zum neuen geistigen Leben“ gewürdigt. Das war schon eine Übertreibung. In seinen jungen Jahren hat er tatsächlich, auch mit der Gefräßigkeit des Autodidakten, viel gelesen. Dann ist nicht mehr viel Neues hinzugekommen. Was blieb, waren neben der Bibel und all der theologischen Literatur Heinrich Böll, Erich Kästner und Albrecht Goes. Wenn man den früheren Verleger fragte, welche Autoren er schätze, redete er nicht über Ernst Jünger, nicht über Hans Magnus Enzensberger, sondern am liebsten über den Dichterpfarrer Goes. Dem fühlte er sich besonders 220 Heimat & Macht verbunden – auch für Goes waren Sprache und Wort Ausdruck der Sorge um die Menschen. Rau hatte die Angewohnheit, seine Lebenswahrnehmungen in Anekdoten zusammenzufassen: Wenn die in der Partei wieder einmal undankbar waren, erzählte er gern die Geschichte mit dem Kind, das in einen reißenden Wildbach gestürzt war. Ein Mann sah das, sprang ins Wasser, rettete es unter Lebensgefahr und drückte das Kind der Mutter am Ufer in die Arme. Die aber fragte nur: „Wo ist die Mütze?“ Oder die wunderbare Geschichte von dem Rabbiner und dem Pastor, die sich bei einer Tagung ein Schlafzimmer teilen mussten und sich morgens beim Frühstück trafen: „Hoffentlich habe ich Sie gestern Abend nicht beim Einschlafen gestört, weil Sie das Licht so lange brennen ließen“, entschuldigte sich der Pastor beim Rabbiner. „Nicht der Rede wert, ich habe nichts Störendes bemerkt“, antwortete der. „Wissen Sie, wenn ich am Abend nicht eine halbe Stunde Gottes Wort gelesen habe, kann ich nicht ruhig schlafen“, erklärte der Zimmergenosse. „Wie merkwürdig“, entgegnete der Rabbiner, „bei mir ist es genau umgekehrt: Wenn ich am Abend eine halbe Stunde lang Gottes Wort läse, könnte ich nicht mehr schlafen.“ Sein Vater Ewald hatte solche Geschichten geliebt und Rau hat von ihm gelernt, dass diese Geschichten „wie ein Schlaglicht sein können“. Darum hat er sie gern erzählt. Er erzählte, wie die Bibel erzählt. Klar. In Bildern und Gleichnissen. Seit der Kindheit las er in der Bibel. Sie sei für ihn noch „immer voller Wunder, aber nie wunderlich“, hat er 1998 in einem Aufsatz mit dem Titel „Überlegungen zur Bibel“ geschrieben. In Jahrhunderten sei „ein Kompendium voll Weltklugheit und Menschenkenntnis entstanden, das immer mehr ist und sein will als Ideologien- Atlas oder Alltags-Knigge“. Aber im Alltag vieler Leute, das war ihm klar, spielte die Bibel keine Rolle mehr und die Zahl der Menschen, die nicht mal mehr wissen, dass sie Gott vergessen haben, ist seit dem Tod Raus noch größer geworden. Mancher Politiker hielt das aber für Witzeerzählen oder fand, dass der Erzähler derart nur von unangenehmen Themen ablenken wolle. Ein Leichtgewicht also. Zeitweise fürchtete Rau das Klischee des fröhlichen 221 Hans Leyendecker: Politik als Nächstenliebe zur Welt – Zwei Jahrzehnte Johannes Rau Tausendsassas. Als er im Frühjahr 1999 seine 701. und letzte Rede im Düsseldorfer Landtag hielt, sagte Rau: „Ich nehme Abschied, aber ein Stück von mir bleibt zurück.“ Das Stück ist weit größer, als damals viele gemeint haben. In seinem Elternhaus hing im Wohnzimmer Psalm 31, Vers 9: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Den Psalm hatte dort der pietistische Vater aufgehängt. Der Psalm umschreibt das Leben von Rau. Es gab für ihn natürlich auch Niederlagen. Als Kanzlerkandidat einer zerstrittenen SPD hatte Rau 1987 gegen Helmut Kohl keine Chance und als er erstmals Bundespräsident werden wollte, wollte Kohl nicht. Rau hat das alles mehr zugesetzt, als er zugeben wollte. Da waren Krankheiten, da waren Enttäuschungen, aber er hat auch spät das große Glück gefunden. Er heiratete im Alter von 51 Jahren die damals 26-jährige Christina Delius, eine Enkelin von Gustav Heinemann. Die beiden bekamen drei Kinder – Anna Christina, Philip Immanuel und Laura Helene – und der Menschenkenner Rau wurde 1999 endlich Bundespräsident. Das war sein Amt. Er wurde anfangs wieder einmal unterschätzt – und war doch ein großer Präsident. „Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt“ – dieser Satz, den Gustav Heinemann beim Essener Kirchentag 1950 sagte, das war einer der Leitsätze für Rau in seinem Leben, „ein Glaubensbekenntnis gegen allen Fatalismus und alle falsche Theorie von der angeblichen Zwangsläufigkeit der Weltläufte“. Gegen diese Zwangsläufigkeit hat er in 53 aktiven Jahren in der Politik gekämpft. Immer menschlich – als Mensch eben.

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References

Zusammenfassung

Auf der Suche nach Identität hat der Begriff der Heimat in den letzten Jahren eine ungeahnte Renaissance erlebt. Doch wo sie zu verorten ist, was sie ausmacht, wird kontrovers diskutiert. Ist Nordrhein-Westfalen für die Menschen, die hier leben, Heimat? Welche Identität hat das bevölkerungsreichste Bundesland überhaupt, und was haben seine Ministerpräsidenten aus diesem ursprünglich von britischen und amerikanischen Besatzern gegründeten Bindestrich-Land gemacht, etwa in punkto Innovation, Einwanderung und Integration? Wer von ihnen konnte das Land am nachhaltigsten prägen? Und was war der Steinkohle-Bergbau: Segen oder Fluch?

Dieses Buch haben Journalisten geschrieben – eine Spezies mit der Leidenschaft zur Recherche und der Lust an der Pointe. Auf diese Weise ist ein temporeiches und dabei ebenso informatives wie unterhaltsames und anekdotenreiches Werk entstanden.