Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Religionswissenschaften Band 12 Burckhard Wienand Die Kehrseite des Glaubens Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes Tectum Verlag Burckhard Wienand ist pensionierter Studiendirektor und lebt mit seiner Frau in Nordrhein-Westfalen. Nach der Lehre zum Schriftsetzer, dem Studium der Drucktechnik an der Gesamthochschule in Wuppertal, dem Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Fachhochschule in Bielefeld zum Wirtschaftsingenieur und dem Studium für das Lehramt der Sekundarstufe II mit dem Schwerpunkt berufliche Bildung an der Universität Paderborn, war er als Lehrer mit den Fächern Politik, Wirtschaftslehre und Medientechnologie an Berufskollegs tätig. Burckhard Wienand Die Kehrseite des Glaubens Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Religionswissenschaften; Bd. 12 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF: 978-3-8288-7223-3 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4282-3 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1861-7711 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung eines Gemäldes von Simone Stork (Acryl auf Leinwand) Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Für die Frauen der Familie: Gudrun, Simone, Elin und Jule, sie sind das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte VII Als Übersicht vorab … Wenn ich das gewusst hätte 1 1 Wenn die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte liegt 7 2 Wenn ein amerikanischer Wissen schaftler Code-Namen vergibt 27 3 Wenn sich ein Honigtropfen im Meer auflöst 47 4 Wenn die Kriminalitätsrate im Vatikan weiter steigt 75 5 Wenn die Kirche der Jungfrau Maria keine Eizelle zugesteht 89 6 Wenn ein amerikanischer Sheriff den Ruhestand nicht im Knast verbringen muss 103 7 Wenn Absurditäten zur Denkschwäche führen 123 Was mit Wasser so alles möglich ist 129 Die Angst, wegen des Bisses in eine Frikadelle am Freitag in die Hölle zu kommen 138 Wenn die Oblate am Gaumen klebt 151 Wenn der Bischof einem über die Wange streicht 163 Wenn die Brauchtumspflege den Glauben ersetzt 168 Wenn die Wäsche im Hinterhof hängt 179 Wenn der Priester die freiliegende Schulter berührt 191 VIII Als Übersicht vorAb … 8 Wenn die Spielweise einer Fußballmannschaft zu behäbig wirkt 201 9 Wenn der Mensch beim Computerspiel Punkte sammelt 225 10 Wenn ein katholischer Priester neben seiner Frau begraben liegt 245 Was ich gelesen habe 263 Wenn ich euch nicht hätte 269 1 Wenn ich das gewusst hätte … Man kann es bedauern oder beklagen, es ist trotzdem nicht aufzuhalten. Die Menschheit verfügt heute nicht nur über den Zugriff auf beinahe unbegrenzte Informationsmengen, sondern sie wird auch durch die Vielzahl der Medien mit Informationen geradezu überschüttet. Tatsache ist jedoch, dass der einzelne Mensch immer weniger weiß. Die Menschen nehmen alles nur noch im Vorübergehen auf, vergessen schnell wieder, verdrängen, halten nichts mehr fest, alles ist flüchtig. Auch der Wahrheitsgehalt von Informationen ist unsicher geworden, kann kaum überprüft werden, wird sogar häufig akzeptiert, auch wenn er stark bezweifelt werden muss. Was wahr oder falsch ist, hängt nicht mehr vom eigenen Urteil ab, sondern davon, wer in den Medien und den sozialen Netzwerken am lautesten postet. Man ist heute in allen Netzwerken unterwegs, doch eine persönliche Begegnung will sich niemand antun. Tatsächlich getroffen fühlt sich keiner mehr. Man hat hunderte, ja tausende Freunde, doch keinen wirklichen Freund. Alles bleibt im Ungefähren, Oberflächlichen, Sub stanzlosen …, Gleichgültigkeit beherrscht die Szene. Sollte man sich darüber aufregen? Es wird nicht helfen, denn in modernen Gesellschaften sind die Menschen heute weitgehend Konsumenten, die in erster Linie ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, die nicht mehr nachdenken, sich werblich vereinnahmen lassen, keine Konsequenzen mehr ziehen aus der Klarheit eines Gedankens. Auch die politischen Eliten bringen nichts mehr zu Ende, sind von zum Teil selbst gemachten, vielfach bürokratischen Hindernissen blockiert, wurschteln sich durch, denken nicht mehr in „größeren Dimensionen“. Der Unsinn, wenn er nur lange genug und weit genug verbreitet worden ist, wird als Vernunftlösung verkauft. Alles steht auf schwankendem Boden, Unsicherheit greift um sich, einst wichtige Fundamente der Gesellschaft scheinen zu wanken … und jetzt auch noch das. 2 Wenn ich dAs geWusst hätte … Was als zu glaubende Wahrheit über Jahrhunderte hinweg verkündet worden ist, was unsere Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung maßgeblich mitbestimmt hat, es soll nicht mehr wahr sein? Selbst bei den Grundlehren des christlichen Abendlandes scheint Grundsätzliches nicht oder nicht mehr zu stimmen. Ein sicher geglaubtes Fundament scheint zusammenzubrechen. Mit den christlichen Kirchen ist kein Land mehr zu gewinnen. Im August 2018 versuchte Papst Franziskus mit Entschuldigungen die Skandale der katholischen Kirche in Irland, einem zutiefst christlichen Land, zu entschärfen1, Abbitte zu leisten für das unvorstellbare Ausmaß von Missbrauch durch Kleriker über Jahrzehnte hinweg. Doch auch dies wird am Ende nichts weiter sein, als ein Skandal unter vielen. Es werden Gremien eingesetzt, es wird untersucht, die Kleriker werden „im Verborgenen“ diskutieren, in Einzelfällen wird Entschädigung geleistet, es wird vertuscht und am Ende wird es die Zeit schon richten. Der Klerus hat kein Interesse, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, einer Wirklichkeit, die die Fundamente der Kirche erschüttern wird. Es ist schon schlimm genug, doch wird auch diese Schande letztlich nur eine Randnotiz der Geschichte der Kirche bleiben. Doch wie ist dies alles zu verstehen, was sind denn die Grundsätze dieser Kirche, wie verträgt sich dies alles mit der explizit formulierten Lehre und mit ihren dogmatischen Fundamenten? Was sind die Grundmauern des Christentums, wie sind sie ausformuliert, wie werden sie gelebt, wie beeinflussen sie noch heute den Alltag von Politik und Gesellschaft in dieser Welt? Sind sie nur noch schmückendes Beiwerk und emotionale Überhöhung von Familienfeiern? Wer kennt sie schon, die dogmatischen Grundsätze einer christlichen Lehre, die von allen Christen geglaubt werden müssen? Wer fragt noch nach dem Sinn oder Unsinn solcher Glaubenssätze? Ich gebe es ja zu. Dieses Buch habe ich für mich geschrieben. Ich wollte es einfach genauer wissen, wollte Klarheit haben über das, was Gegenstand der kirchlichen Lehre seit fast 2000 Jahren ist. Denn »der denkende Mensch muss mindestens darin seine Verstandestätigkeit einschalten, dass er die Vertrauenswürdigkeit prüft, von dem er etwas übernimmt«2. Auch ich wollte meinen Verstand walten lassen und nicht einfach dem 1 www.t-online.de/nachrichten … Nachrichten vom 26.08.2018. 2 Dr. Karl Holzamer, Philosophie, Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1962, Seite 95. 3 Wenn ich dAs geWusst hätte … sonntäglichen Credo der Kleriker folgen, für das sich eh kaum noch ein Bürger dieses Landes interessiert. Und dies trotz der Tatsache, dass Religionen und vor allem religiös motivierte Konflikte in dieser Welt den Medienalltag prägen und nach wie vor das Fach Religionslehre zum verpflichtenden Kanon der Schulen gehört. Meine Enkelkinder erzählen mir da Geschichten … Ich wollte nicht nur in das durch die Kirche verklärte Antlitz eines Gottes schauen, sondern diesen Gott der Christenheit von allen Seiten betrachten. Auch von der Rückseite. Das Hinterteil ansehen, um den Altar herumgehen, die christliche Lehre aus einer anderen Perspektive betrachten, mir ein vollständiges, ein umfassendes Bild machen. Den Weihrauch beiseiteschieben, das theologische Gestrüpp durchdringen. Vielleicht auch einmal dem Pfad des Wanderpredigers aus Galiläa folgen, soweit seine Worte als authentisch bezeichnet werden können, denn auf die Aussagen der Theologen ist doch kein Verlass. Wer nach der Wahrheit sucht, darf jedoch nicht zimperlich sein und muss sie, wenn er sie gefunden hat, auch aushalten können. Die überraschende Wahrheit ist, es gibt ihn nicht, den Gott, wie ihn die Kirche vermittelt, die ihn angeblich durch seinen Stellvertreter auf Erden repräsentiert. Die uns lehrt, wie er denn zu sein hat, wie er zu glauben ist, wie Jesus zu verstehen ist, nach seinen authentischen Worten in der Bibel und nach der dogmatischen Lehre der Kirche, so wie sie sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Selbst beim Inhalt der Bibel ist sich die exegetische Forschung unsicher, wie hoch der tatsächliche Anteil ist, der die authentischen Worte Jesu wiedergibt. Es bleibt am Ende nur sehr wenig übrig. Selbst die Schriften des jüdischen Volkes sind über Jahrhunderte hinweg revidiert, geändert, mehrfach übersetzt und doch nur von Juden für Juden geschrieben worden. Diese Schriften sind als Altes Testament, das das Wirken und die Lehre eines Wanderpredigers angeblich vorhersagt, von den Christen einfach übernommen worden. »Die Bibel«, sagt der Historiker van Schaik, hat zahllose Autoren und »stellt eine chaotisch zusammengestoppelte Sammlung zusammenhangloser Schriften dar«3. Er zitiert Richard Dawkins, der von Schriften spricht, 3 Carel van Schaik und Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit, Rowohlt Verlag, Hamburg, 5. Auflage 2017, Seite 24. 4 Wenn ich dAs geWusst hätte … »die von Hunderten anonymer Autoren, Herausgebern und Kopisten verfasst, umgearbeitet, übersetzt, verfälscht und verändert wurden«4. Für die durch die Kirche formulierten Grundsätze der christlichen Lehren sucht man als Zweifelnder zunächst nach sogenannten Schriftbeweisen, nach angeblichen Traditionsbeweisen, nach begründeten Belegen und findet am Ende doch nur Geschichten, Mythen, Erzählungen, Textmanipulationen, geschönte Überlieferungen, mündliche Wiedergaben und manipulierte Bibelstellen. Man stößt auf Lügen, nicht auf historische Belege, auf Wunschvorstellungen und ekstatische Visionen, statt auf Argumente, die mit der menschlichen Vernunft zu greifen wären. Ob ich den Versuch tatsächlich unternommen hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich bei diesem Vorhaben erwartet, da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich will keine allgemeine Beschimpfung der Kirche vornehmen, keine Anklage erheben, keine Beschreibung von Skandalen, von Mord und Totschlag in der Geschichte beschreiben, obwohl es für eine solche Beschreibung der Kirche, zumal der katholischen Kirche, bis zum heutigen Tage genug Gründe gibt. Dies ist nicht meine Absicht, denn die Frevel der Kirche und ihrer Vertreter sind anderswo umfangreich genug beschrieben worden. Mir geht es um Klarheit, um Vernunftgebrauch, um die tatsächlichen Aussagen, um die Bedeutung der dogmatischen Fundamente der Kirche und ihre Relevanz für die heutige Zeit. Darum, sich Aufklärung zu verschaffen, was der Christ nach der Lehre zu glauben hat und welche Positionen man ohne Aufgabe des Verstandes dazu einnehmen kann. Doch meine Erkenntnisse sind ernüchternd, aber ich will nicht vorgreifen. Meine Erkenntnisse rufen förmlich nach Konsequenzen, verlangen zwingend nach konkreten Handlungen innerhalb der Institution Kirche, wenn sie denn, wenn auch in veränderter Form, überleben will. Ich fürchte jedoch, dass solche Handlungen ausbleiben werden, weil in der Kirche das Unvernünftige, das Undurchschaubare, das Unsinnige und Unverständliche bleiben und nicht abnehmen wird. Weil kein Umdenken in Sicht ist, wird die christliche Lehre und die kirchliche Institution nicht nur an den Rand des Bewusstseins der Menschen, sondern auch an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. 4 Carel van Schaik und Kai Michel, a. a. O., Seite 12. 5 Wenn ich dAs geWusst hätte … Dann werden allerdings auch, wie Joachim Frank in der Berliner Zeitung schreibt5, »neue Formen des Heiligen außerhalb einer Kirche aufkommen«, denn die »Erfahrung des Heiligen ist etwas universell menschliches«. 5 Joachim Frank in: „Berliner Zeitung“ vom 08.04.2018. 7 1 Wenn die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte liegt … Warum schreit eigentlich das Personal der christlichen Kirchen angesichts der vielen kritischen Stimmen in der Gesellschaft nicht laut auf? Warum gibt es keinen Sturm der Entrüstung? Wie es scheint, duckt sich das gesamte etablierte Christentum einfach weg. Der kürzlich verstorbene, hoch angesehene Politiker und Jesuitenschüler Heiner Geißler schreibt in einer seiner letzten „Streitschriften“ wörtlich: »Den Gott, wie ihn die Theologie der christlichen Kirchen beschreibt, den kann es nicht geben«6. Seine Worte bleiben unwidersprochen, obwohl sie an den Grundfesten des christlichen Glaubens und an den Fundamenten der christlichen Kirchen rütteln. Dass die mögliche Existenz eines Gottes für viele Menschen eine Orientierung und eine Hilfe sein kann, leugnet Heiner Geißler nicht. Er stellt nicht einmal die grundsätzliche Existenz eines „höheren Wesens“ in Frage. Aber ihm will es nicht gelingen, den von den Kanzeln Sonntag für Sonntag gepredigten allmächtigen und gütigen Gott in Einklang zu bringen mit der Wirklichkeit in dieser Welt, mit Krieg und Tod, Hunger und Leid und den Ungerechtigkeiten auf diesem Erdball. Ein Gott, der nicht eingreift, angesichts des Elendes in der Welt, der offensichtlich nur unbeteiligt zuschaut, gar zulässt, dass Kinder und Frauen, ganze Familien, in Bürgerkriegen und bei Terroranschlägen elendig umkommen oder im Mittelmeer ertrinken, der kann nicht nur einem Heiner Geißler „gestohlen“ bleiben, denn wenn er nicht wirkmächtig ist, was soll dann die Menschheit mit einem solchen Gott anfangen? 6 Heiner Geißler, Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss? Streitschrift, Ullstein Verlag, Berlin 2017, Seite 67. 8 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Es erhebt sich hier nicht nur die grundsätzliche Frage, neben vielen anderen Problemfeldern, ob denn ein solcher Gott nur unbeteiligt zuschaut, sondern vielmehr die Frage, ob denn ein solcher Gott überhaupt existiert, ob er nicht doch nur der menschlichen Phantasie entsprungen ist oder gar einem elementaren, essenziell wichtigen menschlichen Bedürfnis? Denn dass er tatsächlich existiert, dafür gibt es keinen halbwegs vernünftigen Beweis. Der Philosoph Sloterdijk soll eine Anekdote erzählt haben7: »Da kommt ein jüdischer Junge aufgeregt nach Hause und fragt seinen Vater, er habe erfahren, dass es nicht nur einen Gott gäbe, sondern auch Jesus Christus und den Heiligen Geist. Der Vater entgegnet ihm: „Merke dir eins mein Sohn: Es gibt nur einen Gott, und an den glauben wir nicht!“« Eine Geschichte, die für einen Philosophen interessant sein mag, da die tatsächliche Existenz eines Gottes durch seine Verneinung bestätigt wird. Aber ist es in Wahrheit nicht vielmehr genau umgekehrt? Hätte der Vater angesichts der Situation im heutigen „christlichen Abendland“ nicht vielmehr sagen müssen: „Merke dir eins mein Sohn: Einen Gott gibt es nicht und trotzdem glaubt noch ein großer Teil der Menschheit an ihn!“ Haben nicht Menschen zu allen Zeiten, seit tausenden von Jahren, immer wieder versucht, Erklärungen zu finden für Ereignisse und Phänomene in ihrer unmittelbaren Umwelt, die sie nicht verstehen konnten? Auf ihre grundsätzlichen Fragen bekamen sie von niemandem eine Antwort, denn das Universum, die Natur, antwortete nicht, also folgerten sie, dass es höhere Wesen, Geister, Dämonen, ja Götter geben müsse, die verantwortlich waren für das Unverstandene, das nicht Erklärbare in der Welt. So entwickelten die Menschen die Vorstellung von höheren Wesen, die gewaltige, ja übermenschliche Kräfte besitzen mussten und die in den Wolken, auf den Bergen oder in der Tiefe des Meeres hausten. Denn nur so konnten sie sich die unverständlichen Geschehnisse im Kosmos, das mit den menschlichen Sinnesorganen nicht Erfassbare, die Katastrophen in der Natur sowie das Leiden und Sterben des Menschen sinnvoll erklären. Dass sich aus solchen Vorstellungen im Laufe von Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte religiöse Vorstellungen von höheren Wesen entwickelten, ist leicht nachvollziehbar. 7 Elke Schmitter, Kolumne in der Zeitschrift: Der Spiegel 18/2016. Sie berichtet von einer Tagung in Rostock, auf der Peter Sloterdijk diese Anekdote erzählte. 9 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Diese Gottheiten, die bestimmten Umständen des täglichen Lebens zugeordnet waren, mussten naturgemäß auch mit Opfergaben und Gebeten gnädig gestimmt werden, da sie augenscheinlich zu Unmut und Zorn neigten. Der Glaube an Götter war die einfachste Erklärung. In der Vorstellungswelt der Menschen waren sie allerdings nicht nur mächtig, sondern allmächtig und griffen glaubhaft und wirksam in das tägliche Leben der Spezies Mensch ein. Auch das jüdische Volk entwickelte in Kenntnis der Religionen und Göttervorstellungen der beiden Hochkulturen am Nil und am Euphrat und Tigris den Glauben an höhere Wesen, von denen es zunächst auch im Judentum mehrere gab, die angeblich aktiv in das Leben des Volkes eingriffen und die natürlich auch besänftigt und denen auch geopfert werden musste. Niemand wird das ausgeprägte Bedürfnis der Völker nach Gottheiten im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung leugnen, es war da, angesichts der Erfahrungen dieser Völker mit Krankheiten, Hunger und Tod, mit natürlichen Katastrophen und kriegerischen Auseinandersetzungen sowie mit Sklaverei und Unterdrückung. Nach den Ausführungen der Bibel ist der Anführer eines jüdischen Volksstammes mit dem Namen Moses der einzige Mensch gewesen, der einen solchen eifersüchtigen Gott, der keine anderen Gottheiten neben sich zuließ, getroffen haben soll und ihn mehr oder weniger deutlich im Dornbusch gesehen haben will. In jedem Fall muss er sich nach den Aussagen der Bibel intensiv mit ihm unterhalten haben. Auch am Berg Sinai redete der Herr »mit Moses von Angesicht zu Angesicht, wie jemand mit seinem Freund redet …«8, obwohl Moses letztendlich doch nur den Rücken des Herrn gesehen haben soll, denn es heißt in der Bibel: »mein Angesicht darf man nicht schauen«. Mit Jahwe, dem Gott der Juden, der doch schon da war, bevor die Schöpfung entstand, mit ihm muss Moses mehrfach persönlich in Kontakt getreten sein. Dieser Moses lieferte dann auch die Steintafel auf die „der Gott in der Wolke“ die Zehn Gebote schrieb. Aus dieser Geschichte wurde dann das bis heute in der Kirche und in der Gesellschaft immer wieder zitierte Grundgerüst von Geboten, das einen halbwegs zivilisierten Umgang der Menschen untereinander möglich machte. Trotz all dieser Beteuerungen und Erzählungen bleibt jedoch die Tatsache bestehen, dass es für Historiker und Archäologen nicht möglich ist, 8 Altes Testament, Buch Exodus, Kapitel 33,11 ff. 10 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … diesen Geschichten des Alten Testamentes einen halbwegs historischen Kern zuzubilligen. Noch weitaus komplexer stellt sich die Situation für das gesamte Buch Exodus der Bibel dar. Etwas historisch Verlässliches über Moses und den Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten ist diesem Buch der Bibel einfach nicht zu entnehmen. Die historische Forschung hat all diese Erzählungen des Alten Testamentes nicht bestätigen können und es ist nicht einmal sicher, ob ein Mann wie Moses jemals gelebt hat, denn es haben sich niemals Spuren seines irdischen Lebens außerhalb der biblischen Erzählungen nachweisen lassen. Es handelt sich bei diesen Geschichten offensichtlich um reinen Erzählstoff aus viel späteren Zeiten. Wenn überhaupt, so datiert man das Leben eines Moses in die Zeit des 13. Jahrhunderts vor Christus. In dieser Phase gab es Berg- und Wettergötter von ein paar Nomaden, die in der Region des Sinai umherzogen. Die Historiker sind sich sicher, »dass Moses die Gesetze weder von einem Gott auf dem Berg Sinai, noch von sonst jemandem empfangen hat. Sie sind einschließlich der zehn Gebote viel jünger als Moses und stammen aus ganz anderer Zeit«9. Diese mosaischen Gesetze sind erst während und nach der babylonischen Gefangenschaft, in der sich große Teile des jüdischen Volkes im sechsten Jahrhundert vor Christus befanden, entwickelt worden. In keinem Fall kann dies vor dem achten Jahrhundert vor Christus gewesen sein und auch die Landnahme Kanaans war nichts anderes als die Sesshaftwerdung von Nomaden in der dortigen Gegend, in der sie sich niederließen und Ackerbau und Viehzucht betrieben. So ist dieser Gott des Volkes Israel mit seinen Rachegelüsten und Gewaltausbrüchen nichts anderes, als ein Geschöpf von Priestern und Propheten des jüdischen Volkes, die aus einem Berggott und Wettergott, später auch einem Kriegsgott, der in den Mythen und Sagen des Volkes vorhanden war, einen einzigen und universalen Gott machten. Der Philosoph Kurt Flach sagt zu diesem Gott des Alten Testamentes: »Ich bestehe auf meinem Widerwillen … gegen diesen Gott. Hier zeigt der Gott der Väter sein Gesicht. Er ist schrecklich«10. Das gesamte Alte Testament ist jedoch angefüllt mit Beschreibungen, in denen Jahwe sein Volk zu Krieg und Vernichtung anhält. Und wenn der Wanderpre- 9 Vgl. hierzu: Carel van Schaik, a. a. O., Seite 157 ff. 10 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, Verlag C.H. Beck, München 2015, Seite 159. 11 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … diger Jesus in den Evangelien des Neuen Testamentes von seinem Vater spricht, so ist genau dieser Gott des Alten Testamentes gemeint, der auch Jesus von Nazareth durch die Darlegungen der Schriften in den Synagogen bekannt war. Es ist der gleiche Gott, der vierhundert Jahre nach dem Leben Jesu durch Konzilien im frühen Christentum zu einer Person der sogenannten Dreifaltigkeit wurde. Was für eine erstaunliche Entwicklung eines Gottes! Doch bleiben wir beim Gott-Vater der Bibel. Man wird den Eindruck nicht los, dass die jüdischen Bibelautoren in ähnlicher Weise verfahren sind, wie die Autoren von Mythen und Sagen in anderen Hochkulturen der Weltgeschichte. Auch sie haben aus den Erzählungen eines Volkes, die Jahrhunderte zurücklagen, Berichte über Ereignisse verfasst, die keine Tatsachenberichte waren, sondern eben nichts weiter als Mythen und Legenden, die im Volke kursierten. Das gilt sowohl für die Geschichten vom jüdischen Volk, das auszog aus Ägypten, wie für die vierzigjährige Wanderung durch die Wüste, die Gesetzgebung am Berge Sinai als auch für die Eroberung Kanaans. Da ist zum Beispiel die vierzigjährige Wanderung eines ganzen Volkes durch die Wüste mit über 600 000 Mann11, zu Fuß, Frauen und Kinder nicht mitgezählt. Es muss eine echte logistische Herausforderung gewesen sein. Denkt man ernsthaft darüber nach, so ist eine solche Wanderung kaum vorstellbar. Obwohl sich Archäologen alle Mühe gegeben haben und geradezu verzweifelt nach Spuren eines wandernden Volkes im Sinai mit hundertausenden von Menschen gesucht haben, sie haben nichts gefunden. Historisch kann es sich nur um das langsame Einsickern eines Volkes aus dem ägyptischen Raum gehandelt haben, und zwar in das Land, in dem „Milch und Honig fließt“12. Selbst die beeindruckende Erzählung von der Sintflut, die jedem Grundschulkind nahegebracht wird, in der Gott so erzürnt ist über sein Volk, dass er fast alle in der Flut umkommen lässt, sie ist eine eher „abgekupferte“ Geschichte, die von den Juden in der babylonischen Gefangenschaft aufgeschrieben wurde. Schon früh wurde diese Geschichte im Land zwischen Euphrat und Tigris erzählt und von dort überliefert. Das mesopotamische Gilgamesch-Epos berichtet13, dass die Götter eine große 11 Altes Testament, Buch Numeri (4. Buch Moses), Kapitel 1,46 ff. 12 Altes Testament, Buch Exodus, Kapitel 3,8. 13 Gilgamesh-Epos, 5. sumerischer König von Uruk, Titelheld des Epos, wahrscheinlich geschrieben um das Jahr 1900 vor Chr. 12 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Flut schickten, um die Welt zu zerstören, und dass dabei fast alle Menschen und Tiere umkamen. Erst danach merkten die unbesonnen Götter, dass niemand mehr da war, der ihnen Opfer bringen konnte. Auch bei dieser Geschichte bedienten sich die Geschichtsschreiber des jüdischen Volkes nachweislich der babylonischen Mythologie. Das angebliche Heilshandeln Gottes am jüdischen Volk ist eine reine Geschichtsideologie. Die zentralen Heilsereignisse des Alten Testamentes sind allesamt Erfindungen von Priestern und Propheten des jüdischen Volkes aus späterer Zeit. Es ist eindeutig nachgewiesen, dass erst während und nach dem babylonischen Exil14 der überwiegende Teil dieser über Generationen hinweg erzählten Geschichten aufgeschrieben wurde. Insoweit sind die biblischen Erzählungen über Gottes Wirken nichts weiter als reine Dichtungen über die Vorzeit eines Volkes. Solche Göttergeschichten gab es zu allen Zeiten in Ägypten, in Mesopotamien und auch in anderen Regionen dieser Erde. Es liegt nahe, dass der vertriebene Teil des jüdischen Volkes nach der Verschleppung in die babylonische Gefangenschaft und der Unterdrückung durch die Eroberer, ohne Aussicht auf die Rückkehr in ihre angestammte Heimat, nach der Zerstörung ihres Tempels und der Verwüstung ihres Landes zu einem allmächtigen Gott gebetet haben, der sie doch von diesem Joch erlösen möge. Dass ein Volk an einen Gott als Schöpfer dieser Erde in arger Bedrängnis glaubt und dieses, ihr Bekenntnis, vor über 2600 Jahren schriftlich festhält, ist für die damalige Zeit schon eine bemerkenswerte Leistung. In dieser Zeit des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung sind beim Schreiben der biblischen Texte die Mythen und Sagen der alten Hochkulturen in Babylon und in Ägypten nachweislich auch für große Teile der Schöpfungsgeschichte übernommen worden. Schon in altbabylonischer Zeit gab es Geschichten über die Entstehung der Erde. In ihnen ist von Kämpfen der Götter die Rede, in deren Verlauf Himmel und Erde erschaffen wurde. Auch gibt es in den Schriften der Juden Parallelen zu den Mythen der Babylonier bei der Erschaffung des Menschen. Hier wird ein aus Lehm 14 Im Jahre 721 vor Chr. wird das nördliche Königreich Israel erobert und das jüdische Volk vertrieben. Im Jahre 586 vor Chr. wird das südliche Königreich Judäa erobert und das Volk wieder vertrieben. Im Jahre 538 vor Chr. erlaubt der König von Persien den Juden die Rückkehr in ihr Heimatland. 13 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … geschaffener Mensch in einem Garten Eden beschrieben, der der Verführung einer „Dirne“ erliegt. Diese Geschichten des Alten Testamentes werden bis heute gelesen und wissenschaftlich in den theologischen Fakultäten unter die Lupe genommen. Doch wer, außer den Philosophen und Historikern, interessiert sich noch für die viel älteren Göttergeschichten des alten Babylon? Bis auf ein paar „Fundamentalisten“ sieht heute kaum noch jemand in der Schöpfungsgeschichte der Bibel eine realistische Einschätzung von der Entstehung des Universums. Was vor geschätzten 14 Milliarden Jahren begonnen und zu dem bis heute uns bekannten Universum geführt haben soll, ist durch das biblische Erklärungsmodell von der Entstehung der Erde, entsprechend der damaligen Vorstellungswelt des jüdischen Volkes, beschrieben und in einer wunderbaren Sprache ausgebreitet worden, mehr nicht. Geradezu poetisch beschreibt nicht nur das Alte Testament, sondern auch der Evangelist Johannes im Neuen Testament den Anfang dieser Schöpfung15. Im Alten Testament wird diese Entwicklung des Universums in gerade mal sieben Tagen abgewickelt. So ist die im Wesentlichen durch die Babylonier „vorformulierte“ Mythologie zu einem großen Teil in die Schriften des jüdischen Volkes eingeflossen. Das frühe Christentum hat diese Schriften dann als ihr Altes Testament in die Bibel aufgenommen und diese Texte entsprechend ihrer eigenen Vorstellung von der Entstehung der Welt passend „justiert“. Die Kirchenväter formulierten folgerichtig dann die dazu passenden Dogmen: »Alles, was existiert, wurde seiner ganzen Substanz nach von Gott aus nichts hervorgebracht«. Und außerdem ist von den heutigen Christen nach der Lehre der Kirche nach wie vor zu glauben, dass »Gott die Welt gut geschaffen hat«. Zusätzlich wurde das folgende Dogma verkündet: »Der erste Mensch wurde von Gott erschaffen.« 15 Neues Testament, Johannes-Evangelium, Kapitel 1,1–18. 14 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Wer sich also heute als Christ versteht, glaubt an diesen Gott der Bibel, der Himmel und Erde erschuf und erst danach das Getier und im Anschluss daran den Menschen nach seinem Abbild. Alle Kulturen aller Völker der Erde hatten zu allen Zeiten Götter oder auch einen Gott, der zur Erklärung des Weltgeschehens herhalten musste. Daher legen auch die biblischen Schriften Zeugnis ab von dieser urmenschlichen Frage nach dem Anfang von Himmel und Erde, nach dem Ursprung der menschlichen Existenz und nach dem Sinn des Daseins. Das wissenschaftliche Standardmodell zur Entstehung und Beschreibung des Universums geht aktuell allerdings nicht von mythologischen Vorstellungen aus, sondern beschreibt rein naturwissenschaftlich ein unendlich verdichtetes Energiepotential, das sich explosionsartig bis heute ausdehnt und das so Zeit wie Raum entstehen lässt. Die Entstehung des Universums mit der „Urknalltheorie“ ist wissenschaftlich begründet und führt nicht, trotz poetischer Formulierungen, zu einer Schöpfungsgeschichte, die ihren Ursprung in einem monotheistischen Gott hat, einem Schöpfergott, an den die christlichen Kirchen glauben. Zumal die Vorstellung von der Entstehung des Universums aufgrund der Erkenntnisse der Naturwissenschaften in der Geschichte immer wieder zu Rückzugsgefechten der Kirche geführt hat. Positionen um Positionen mussten schmerzhaft aufgegeben werden, weil das biblische Weltbild doch nicht mehr tragfähig war. Man mag es nicht glauben, aber bis in unsere Zeit wirken die falschen Weltbilder der Bibel mit der Erde als Zentrum des Universums, die von der katholischen Kirche über Jahrhunderte so propagiert worden waren, immer noch nach. Erst im Jahre 1992 revidierte das Oberhaupt der katholischen Kirche die Verurteilung von Galilei, der im Jahre 1633 wegen seines Weltbildes von der Erde, die sich um die Sonne dreht, durch die Kirche verurteilt wurde und nur durch einen Widerruf dem Tode entging. Auch für die nicht zu erklärende Tatsache der menschlichen Existenz entwickelte das alte jüdische Volk Vorstellungen, die ihrer damaligen Lebenswelt entsprachen. Weder die Urknalltheorie noch die Evolutionstheorie standen ja zur Welterklärung zur Verfügung. Angesichts der Unvorstellbarkeit des Universums und der Unerklärbarkeit der menschlichen Existenz glaubten die Völker der Erde früher logischerweise an eine tatsächlich vorhandene göttliche Kraft. Die Evolutionstheorie hat die Geschichte von Adam und Eva und die göttliche Mitwirkung an diesem Geschehen längst widerlegt. Die Entwicklung unserer Spezies, die vor Millionen von Jahren begann und konkret 15 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … vor circa 200 000 Jahren im afrikanischen Raum ihren Anfang nahm, ist in weiten Teilen erforscht. Die meiste Zeit, man nimmt an, dass es beinahe 190 000 Jahre waren, hat diese Spezies die Zeit als Jäger und Sammler verbracht. Erst vor rund 12 000 Jahren wurde der Homo sapiens sesshaft und begann Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Diese Phase der Menschheit wird heute von der Wissenschaft als sogenannter „Sündenfall“ bezeichnet, denn die Sesshaftwerdung führte zu einer starken Veränderung der Lebenssituation dieser Völker. Man staunt, was die Bibel im Buch Genesis aus dieser neuen Lebenssituation eines Volkes gemacht hat. Es ist der Verzehr von den „Früchten der Gartenbäume“ im Paradies und dann noch der Fluch des Gottes: »Mühsam sollst du dich vom Ackerboden nähren alle Tage deines Lebens«16. So beschreibt der Anthropologe Carel van Schaik das neue Leben des Homo sapiens als Fluch, »wie prähistorische Skelettfunde zeigen«17. Das sesshafte Leben bekam ihnen schlecht, »sie wurden nicht mehr so groß wie noch zu Jäger- und Sammlerzeiten, sie litten Hunger und bekamen unbekannte Krankheiten, sie starben früher … die Feldarbeit war eine Strapaze«. Von einer gar göttlichen Lenkung dieser Entwicklung des Menschengeschlechtes, gar einem Sündenfall, der dann erst durch den Apostel Paulus im Neuen Testament beschrieben wird und durch den Kirchenvater Augustinus im 5. Jahrhundert nach Christus zu einer sogenannten „Erbsünde“ wird, die per Geschlechtsakt übertragen wird, von einer solchen Glaubensgrundlage ist in keiner Heiligen Schrift, weder im Alten Testament, noch in den Evangelien des Neuen Testamentes die Rede. Diese „Erbsünde“ ist daher nichts anderes als das unverständliche Ergebnis der intellektuellen Bemühungen eines Kirchenvaters aus dem 5. Jahrhundert. Was bleibt, ist die bange Frage, da die biblischen Erzählungen und Mythen zur Erklärung der Entstehung der Schöpfung nichts taugen, ob nicht doch ein Schöpfer „im Spiel“ war, zumindest als eine Art Auslöser einer Entwicklung, die auch durch die Wissenschaft nicht erklärt werden kann. Vielleicht so als gedachte Größe, die diesen „Big Bang“ ausgelöst hat und ihn auch noch weiter im Auge behält. So helfen sich zumindest heute die Theologen der Kirchen bei der Begründung, ob ein Gott doch als Schöpfer in Frage kommt, indem sie von einer Verknüpfung von Ursache und Wirkung sprechen, denn die Welt geht ja doch wohl auf eine Erstursache zurück, die nicht mehr Wirkung einer weite- 16 Altes Testament, Buch Genesis, Kapitel 3,17. 17 Carel van Schaik und Kai Michel, a. a. O., Seite 60 ff. 16 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … ren Ursache sein kann und diese Erstursache kann nach den Vorstellungen der Theologen dann nur Gott gewesen sein. Doch die Kleriker denken ihr Modell nicht zu Ende. Denn wenn nach den Vorstellungen und gedanklichen Möglichkeiten der Menschen jedem Geschehen eine Ursache zugrunde liegt, die zeitlich davor sein muss, so kann diese Ursache doch nicht Gott sein, denn dann ergeben sich für jeden Menschen weitere Fragen. Wie kann dann, wenn alles eine Ursache haben soll, von der Kirche behauptet werden, dass dies für den ersten Verursacher, also für Gott als Prinzip nicht gelten soll? Wenn es für Gott nicht gilt, weil er ja immer schon da war, dann kann bei dieser Argumentation auch das Universum ohne Verursacher bleiben und immer schon dagewesen sein. Der Versuch von Thomas von Aquin, die Existenz eines Gottes, der als Verursacher der Schöpfung gilt, aufgrund der Wirklichkeit der Schöpfung zu beweisen, muss in die Irre führen. So bleibt die Beweisführung, wenn es eine Schöpfung gibt, dann muss es auch einen Schöpfer geben, schon in den Anfängen stecken, denn man kann diese Fragen nicht ausblenden. Wer war aber dann der Schöpfer des Schöpfers, wie ist ein solcher Schöpfer für die Menschen dann zu denken und wie ist die Schöpfung bzw. die Entstehung eines Universums durch einen Schöpfer vorstellbar? Obwohl dies alles außerhalb des menschlichen Erfahrungsbereiches liegt, wird die Theologie nicht müde, zu behaupten, dass wegen der Wirklichkeit der Schöpfung auch die Wirklichkeit des Schöpfers gegeben ist18. Auf diesem Wege kommt man also der Frage nach der möglichen Existenz eines Gottes nicht näher. Und die Bibel liefert im Alten Testament keine weiteren Argumentationshilfen, zumal dort die Beschreibung des göttlichen Daseins und die Sorge des biblischen Gottes ausschließlich Israel gilt. Dieser Gott der Bibel verspricht, er werde Israel helfen, indem er Gewalt gegenüber anderen Menschen anwendet. Es kann nur der Gott oder besser die Gottesvorstellung des auserwählten Volkes gewesen sein, die hier gemeint ist. Die Schrift des jüdischen Volkes setzt, obwohl sie reines Menschenwerk des 6. Jahrhunderts vor Christus und nachfolgender Jahrhunderte ist, in allen Texten, zugegebenermaßen literarisch hochwertig, einen Gott als alles geschaffene und übersteigende Wirklichkeit voraus. 18 Vgl. hierzu Peter Hofmann, Katholische Dogmatik, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, Seite 73 ff. und Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, Herder Verlag, Freiburg 1981, Seite 95 ff. 17 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Solche Vorstellungen waren vor über 2600 Jahren für die Juden in der Gefangenschaft sicher eine Hilfe. Doch was macht man mit dem Alten Testament heute? Liest man weiter, so behaupten die Texte in der Bibel, dass sich diese Wirklichkeit Gottes in der Welt ständig zu erkennen gibt. Die Kleriker sagen folgerichtig den Gläubigen, dass dies nicht nur vor 2500 Jahren beim jüdischen Volk, sondern auch heute noch der Fall sein soll. Selbst wenn der Mensch einen Schöpfergott als verstehbar annehmen möchte, weil es die Schöpfung als Wirklichkeit gibt, so gelingt es doch nicht, den Schöpfer selbst als Wirklichkeit zu begreifen. Die christliche Lehre behauptet immerzu, Gott habe sich offenbart, doch was an Nachweisen in den Schriften der Bibel angeführt wird, es bleiben die uralten Mythen und Legenden des Alten Testamentes, die Mythen von brennenden Dornbüschen und sprechenden Schlangen. Und was heißt schon, Gott hat sich offenbart? Hier behaupten die Theologen der Kirche, dass eine göttliche Wahrheit oder ein göttlicher Wille einem oder mehreren Menschen, vielleicht gar nur den Priestern, auf übernatürlichem Wege mitgeteilt worden ist. Wie so etwas geschehen kann, bleibt das Geheimnis der Kleriker. Diese formulieren dann, nachdem sie die Offenbarung am eigenen Leibe erfahren haben, wie der göttliche Wille und die von Gott formulierten Glaubensgrundlagen auszusehen haben. Insgesamt beschäftigen sich 33 Dogmen der katholischen Kirche mit der Lehre von dem einen allmächtigen und barmherzigen Gott. Wortreich heißt es da im Dogma: »Gott, unser Schöpfer und Herr, kann aus den Dingen durch das natürliche Licht der Vernunft mit Sicherheit erkannt werden«. Wenn durch das Licht der Vernunft solche Erkenntnismöglichkeiten für den Menschen geschaffen werden können, dann muss es der Kirche doch geradezu peinlich sein, wenn genau diese Vernunft des denkenden Menschen in die andere Richtung führt. Sie führt eben nicht zu den Worten der Bibel und schon gar nicht zu den zu glaubenden Dogmen der Kirche, sondern eher zur „Evolutionstheorie“ und zur „Urknalltheorie“ der Naturwissenschaften. Da müssen die Väter der Kirche beim Verfassen der Dogmen zu dieser Thematik doch wohl in den Himmel geschaut und die Vorstellung eines Gottes vor Augen gehabt haben, wie ihn Michelangelo an die De- 18 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … cke der Sixtinischen Kapelle gemalt hat. Ein muskulöses, männliches Wesen, mit wallendem Haupthaar, ergrautem Bart, den rechten Arm in Richtung Adam ausgestreckt und im linken Arm ein noch zartes, ver- ängstigtes weibliches Wesen. Ich behaupte einmal, dass es wohl doch dieser Gott des Alten Testamentes war, der den Kirchenvätern bei der Entwicklung ihrer Glaubensgrundsätze vorschwebte und den sie dann im Christentum mit allen göttlichen Eigenschaften ausstaffiert haben, die Menschen einem solchen Wesen nur zubilligen können. So ist es ist nicht zu leugnen, dass dieser Gott der Juden brutal war. Dieser Gott genießt nichts so wie Rache und Verderben. Das Alte Testament ist die Chronik eines Gemetzels ohne besonderen Grund und ohne Schonung der Menschen19. Diesem Gott wurden durch das jüdische Volk auch noch zu Lebzeiten Jesu im Vorraum des Tempels tierische Opfergaben dargebracht. Im Tempel sah es zeitweise aus wie auf dem Schlachthof. Und ausgerechnet dieser rachsüchtige Gott der Juden wird im frühen Christentum umgewandelt zu einem barmherzigen und gütigen Gott. Dieser Gott ist danach alles, ein rächender und blutrünstiger als auch ein barmherziger und gütiger Gott. Wie eine solche Wandlung sich vollziehen konnte, erscheint zunächst rätselhaft. Sie ist jedoch recht einfach zu erklären, denn erst die Apostel, dann die frühen Christen und später die Kirchenväter mussten dem Kreuzestod ihres Wanderpredigers Jesus einen Sinn geben, indem sie ihn zum Sohn eines Gottes machten. Dies war jedoch nur möglich, wenn seine Hinrichtung als Verbrecher ein Sühneopfer war für die Verfehlungen und Sünden der Menschheit und vor allem die Verfehlung der ersten beiden Menschen nach der Überredung durch die Schlange. Nachdem Jesus zum Sohn dieses Vater-Gottes erhoben worden war, konnte dieser Vater nur noch ein gütiger Vater sein, bei dieser Größe des Opfers für die Menschen, die es eigentlich ja gar nicht verdient hatten. So wurde aus dem grausamen Gott der Juden des Alten Testamentes der barmherzige Gott des Christentums im Neuen Testament. Da die gesamte Bibel zum Schrifttum des Christentums gehört, können Christen nur mit Erstaunen stehen, vor dieser Wandlung vom Gott des Alten Testamentes zum Gott des Neuen Testaments. Doch diese Wandlung war dringend erforderlich: Der Opfertod am Kreuz war die Sühne für die menschliche Kreatur, sonst machte der Tod am Kreuz keinen Sinn 19 Vgl. hierzu Altes Testament, 1. Buch Samuel, Kapitel 15,3. 19 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … und der Prophet Jesus wäre wie jeder Aufrührer im Römischen Reich einfach nur hingerichtet worden. Das Judentum wäre das Judentum mit seinem Gott der Thora geblieben und von einem Christentum hätte niemand Kenntnis genommen. Nach dem Katechismus und den Dogmen der Kirche muss der Christenmensch zwingend an einen Gott glauben, der unbegreiflich, vollkommen, einzig und ewig ist, der allmächtig und unendlich, zudem auch noch barmherzig, wahrhaftig und mit vollkommener Güte versehen ist. Der ursprüngliche Gott des Alten Testamentes ist bei diesen Beschreibungen gänzlich unterschlagen worden. Zur Ehrenrettung „Jahwes“, der mit Gewaltverherrlichung und Strafandrohung sein Volk zügelte, ist jedoch durch die Historiker auch geklärt worden, dass »dieses angebliche Wort Gottes im Alten Testament reines Menschenwerk ist« und dass die Bibel weder von Gott »noch von Moses niedergeschrieben wurde«20. Somit bleibt immer noch die Frage, welcher Gott es denn nun ist, an den die Gläubigen der Kirche zu glauben haben? Nachdem sich Gott offensichtlich auch den heutigen Klerikern offenbart haben soll, werden sie ihn doch beschreiben können mit Wesenseigenschaften, die im Lichte der Vernunft für den Christen nachvollziehbar und verständlich sind. Doch es geht nicht! Theologen haben nicht nur das Problem, die Existenz eines Gottes zu erläutern, sondern sie haben darüber hinaus noch ein weiteres Problem: Wie soll denn ein nicht existierendes göttliches Wesen beschrieben und dann auch noch mit menschlich verständlichen Eigenschaften und Fähigkeiten versehen auch erklärt werden? Im katholischen Katechismus wird festgehalten21, dass »Gott sich seinem Volk Schritt für Schritt … zu erkennen gegeben hat«. Doch man bezieht sich auch hier wieder nur auf den „brennenden Dornbusch“ der Bibel. Die Theologen haben nicht mehr zu bieten als den Zeugen Moses, diesen alten Mann aus der Mythologie des jüdischen Volkes. Einige Autoren aktueller theologischer Literatur sind da jedoch deutlich zurückhaltender, sie widersprechen gar den dogmatischen Festlegungen der Kirche, wenn diese versucht, Gott als Wesen zu beschreiben. Sie sagen: »Die biblische Offenbarung übersteigt radikal die denkerischen 20 Vgl. hierzu Carel van Schaik und Kai Michel, a. a. O., Seite 48 ff. 21 Katechismus der katholischen Kirche, De Gruyter Oldenbourg Verlag, München 2015, Seite 87. 20 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Möglichkeiten einer menschlichen Gotteserkenntnis«22. So bleibt dieser Gott, der zwar unbegreiflich ist, an den aber trotzdem als Wesen mit definierten Eigenschaften geglaubt werden muss, nach wie vor ein Fantasieprodukt der Theologen. Wenn Gott als Wesen unbegreiflich ist, dann ist er für jeden Menschen unbegreiflich, wenn er unsichtbar ist, dann ist er für alle unsichtbar. Ein Wesen, das unbegreiflich, unsichtbar und grundsätzlich anders ist, als wir Menschen es uns vorstellen können, wird trotz alledem von den Klerikern für das gläubige Volk mit menschlichen Kategorien beschrieben, da die Kirche ja jeden Menschen als Abbild Gottes sieht. Die Theologie der Kirchen bleibt von der Existenz eines Gottes überzeugt, der dann als Person auch existieren muss, denn dies ist eines der wesentlichen Fundamente des christlichen Glaubens. Doch konstatieren auch die „linientreuen“ Theologen immer wieder, dass Gott eigentlich unvorstellbar und mit der „Fassenskraft“ der menschlichen Vernunft nicht erkannt werden kann. Es hilft nichts, die Kleriker wissen nach der ihnen widerfahrenen Offenbarung um die Existenz eines Gottes, um seinen Willen und um sein Wirken in dieser Welt, obwohl erwiesenermaßen unser menschliches Gehirn nicht für übernatürliche und übersinnliche Dinge geschaffen ist. Was unseren Sinnen nicht zugänglich ist, kann somit auch nicht von Priestern und Bischöfen als sicher und verbindlich bestimmt werden. Die Theologen haben also ein „Sachproblem“, nämlich die Frage, ob Gott „ist“ und auch noch ein „Sprachproblem“, nämlich dass über Gott, dieses allmächtige, allwissende und doch unbegreifbare Wesen, das au- ßerhalb unserer Erfahrungswelt angesiedelt sein soll, keine sinnvollen Aussagen gemacht werden können. Vielleicht ist Gott ja doch nur eine kaum zu verhindernde menschliche Wunschvorstellung, ein Erklärungsversuch für das Unbegreifliche, eine Idee, die jedoch ohne konkrete Folgen für das menschliche Leben bleibt. Der Glaube an die Existenz eines Gottes und die Tatsache, dass in weiten Teilen der Welt die Menschen an göttliche Wesen glauben, muss aber doch irgendeinen Grund haben. Vielleicht liegt dieser Grund ja doch in der Beschaffenheit des Menschen, seinen Wünschen und Ängsten, die ihn an ein höheres Wesen glauben lassen. 22 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, Grünewald Verlag, Ostfildern, 5. Auflage 2013, Seite 107. 21 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Nicht das, was in der Bibel über Gott den Vater gesagt wird, denn dort fallen die eher negativen Eigenschaften eines zornigen und nachtragenden Gottes besonders auf und auch nicht das, was zum Gott-Vater im Neuen Testament gesagt wird und schon gar nicht das, was das Lehramt der Kirche sagt, erklärt halbwegs plausibel die Existenz eines allmächtigen Gottes. Da liegt doch eher der Gedanke nahe, dass kein Gott existiert, der als teilnahmsloser Beobachter oder gar als Verursacher des Weltgeschehens herhalten könnte. Er bleibt vielmehr eine gedankliche Konstruktion von Theologen, um dem verständlichen Wunsch der Menschen nach Schutz vor Krankheit und Tod sowie dem Wunsch nach Orientierung in dieser Welt eine Projektionsfläche zu bieten. Der Glaube an einen Gott, der in früheren Jahrhunderten noch Sinn machte, ist nicht nur schwächer geworden, sondern er hat seine Plausibilität eingebüßt, er hört einfach auf. Dieser frühere christliche Glaube, der bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts noch nötig und gerechtfertigt war, um die Welt und ihre Phänomene zu erklären, er hat heute einfach keine Berechtigung mehr. Damals dachten die Christen, dass die Tatsache der Existenz einer Welt ein Beweis für ein göttliches Wesen war und sie interpretierten von daher auch ihren Glauben. Dieser Gott war der strenge, aber auch gütige Vater, der Macht hatte über die Menschen. Die Welt stand als Werk eines gütigen Gottes vor den Augen der Gläubigen, doch die Erfahrungen der Menschen vor allem in den beiden letzten Jahrhunderten bestätigen dieses allzu harmonische Bild nicht. Die Schriftgläubigkeit und das immer wieder durch die Kirche gepredigte Sünden- und Schuldbewusstsein, welche das Christentum vom Judentum übernommen hat, ist in der heutigen Gesellschaft nicht mehr vorhanden. Auch der Glaube an die göttliche Inspiration der heiligen Schrift lässt sich nach der aktuellen kritischen Forschung nicht mehr aufrechterhalten. Und so steht der Gläubige heute auf schwankendem Boden, er kann aus den geschaffenen Dingen in dieser Welt im Lichte der Vernunft keinen Gott mehr erkennen. Er muss angesichts der Wirklichkeit in dieser Welt eher an der Existenz eines Gottes zweifeln. Dieser Widerspruch, der sich durch den Menschen nicht auflösen lässt, der Widerspruch zwischen der Allgegenwart eines angeblich gütigen, barmherzigen und allwissenden Gottes und dem Leid der Menschen, der Existenz von Krieg, Bürgerkrieg, Verbrechen und Elend in der Welt, ist eklatant. Heiner Geiß- 22 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … ler schreibt hierzu23: »Wenn Gott so existieren sollte, wie die christliche Theologie ihn beschreibt, allwissend, allmächtig, allgegenwärtig, … dann war er auch in Auschwitz … und ist anwesend …in Guantanamo …«, er ist anwesend, wenn in Syrien Giftgas eingesetzt wird und wenn Tausende in Flüchtlingslagern unter unsäglichen Bedingungen dahinvegetieren. Elie Wiesel beschreibt unvergesslich eine schreckliche Situation24 während seiner Haft im Konzentrationslager der Nationalsozialisten, bei der ein Kind, ein Knabe wie er und zwei weitere männliche Insassen gehängt werden. »Drei Hälse wurden zur gleichen Zeit in die Schlingen geführt … Das Kind schwieg. „Wo ist Gott, wo ist er? Wo ist nur Gott?“, fragte jemand hinter mir … Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Absolutes Schweigen herrschte im ganzen Lager«. Es stehen einem die Haare zu Berge. Nach solchen Berichten darf man eigentlich über die Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes und über das Christentum kein Wort mehr verlieren. Auch »der nachdenkliche Christ weiß, dass in Auschwitz nicht (nur) das jüdische Volk, sondern (auch) das Christentum gestorben ist«25. Die klassische Lehre des Christentums von der göttlichen Vor sehung kommt bei der Betrachtung der wirklichen Welt in große Schwierigkeiten. Das Böse in der Welt ist überall mit Händen zu greifen. Auf die Frage nach dem Bösen, sagt der Philosoph Kurt Flasch, »haben die Christen angesichts eines allmächtigen und barmherzigen Gottes, zumal nach den beiden Weltkriegen und nach dem Holocaust, keine Antwort«26. Jedoch wird es den Leser nicht verwundern, dass die Kleriker natürlich eine Anzahl von Wegen gefunden haben, wie ihr Gott, der Schöpfer, von diesem Elend befreit werden kann und damit den Menschen die gesamte Schuld zugesprochen wird. Man kommt nicht drauf. Es ist die Geschichte von den Früchten der Gartenbäume, die erst später zu einer Apfelgeschichte wurde, sie muss herhalten für das Elend des irdischen Lebens. Hinzu kommen dann noch die Vertröstungen der Kirche auf die Herrlichkeit im Jenseits, nach dem Tode. Solche Vertröstungen nimmt den Theologen heute jedoch niemand mehr ab, denn auch sie können es nicht wissen und aus dem tat- 23 Heiner Geißler, a. a. O., Seite 30. 24 Elie Wiesel, Die Nacht, Herder Verlag, Freiburg, 5. Auflage 2013. Leseprobe Seite 10 unter: www.amazon.de/buecher/… 25 Zitat von Elie Wiesel unter: www.wikipedia.org/wiki/wo_war_gott/… 26 Kurt Flasch, a. a. O., Seite 176. 23 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … sächlichen Weltgeschehen lässt sich beim besten Willen nicht auf einen gütigen und barmherzigen Gott schließen. Das Dilemma für die Theologen und die Kirche bleibt: Wie kann man an die Existenz, an die Güte und Barmherzigkeit eines Gottes in dieser Welt glauben, der doch gleichzeitig eine uneingeschränkte Allmacht besitzt. Ein Gott, der ursprünglich sogar paradiesische Verhältnisse für die Menschen vorgesehen hatte und der es dann allein wegen des angeblichen Versagens der ersten beiden Menschen für angemessen hält, die ganze Menschheit auf ewig mit dem schlimmsten Elend zu schlagen. Es ist nicht vorstellbar, dass ein Gott zwar gut sein soll gegenüber den Menschen, dann aber, wie es der Journalist Peter Henkel ausdrückt, »schweigt, schläft und die Menschen vergisst, womöglich empfindlich auf Kritik reagiert … und dennoch irgendwie ein Gott der Liebe und des Guten sein soll«27. Der Philosoph Epikur im 3. Jahrhundert vor Christus dachte schon zu seiner Zeit bemerkenswert modern und hielt die Lehren der Religionen, in diesem Fall die der Griechen, für nichts anderes als ein Abbild menschlicher Ideen. Sechs Jahrhunderte nach Epikur brachte der Kirchenvater Lactantius diese Überlegungen in folgende Fassung: »Entweder will Gott die Übel in der Welt beseitigen, und er kann es nicht; oder er kann es und will es aber nicht; oder er kann es nicht und will es nicht; oder er kann es und will es. Wenn er es will und nicht kann, dann ist er ein schwacher Gott, was im Widerspruch zum Charakter eines Gottes steht; wenn er es kann, aber nicht will, ist er ein missgünstiger Gott, was ebenfalls im Widerspruch zum Charakter Gottes steht; wenn er es weder kann noch will, dann ist er missgünstig und schwach und daher nicht Gott; wenn er es aber kann und will, was allein Gott zukommt, woher kommen dann die Übel und warum beseitigt er sie nicht?«28 27 Peter Henkel, Ach der Himmel ist leer, Frieling Verlag, Berlin, 3. Auflage 2010, Seite 47. 28 Zitiert aus: Peter Henkel, a. a. O., Seite 56 f. 24 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Diese Argumentation besticht durch Einfachheit und Klarheit und kein Christ kann sich an einer Antwort vorbeischummeln. Peter Henkel schreibt hierzu, dass die bis heute ausgebliebene schlüssige Antwort nicht an den Menschen liege, sondern vielmehr an der Tatsache, dass es keine schlüssige Antwort geben kann. »Außer … dieser: Der Himmel ist leer«29. So bleibt der Klerus weiter in Erklärungsnöten. Der Katechismus formuliert es dann so: »Durch die Erfahrung des Bösen und des Leides kann der Glaube … auf eine harte Probe gestellt werden … zuweilen erscheint Gott abwesend und nicht im Stande, Schlimmes zu verhüten«. Die Väter der Kirche flüchten in die bekannte Formel: »Einzig der Glaube kann dem Weg der Allmacht Gottes zustimmen …«30. Zudem ist in der Kirche auch ein theologischer Winkelzug beliebt, bei dem man in die Geheimnisse Gottes flüchtet und den Menschen dann attestiert, dass es ihnen nicht zustehe, nach den Gründen für das Übel in der Welt zu fragen und über Gott zu richten. Auch liest man das Argument, dass Gott ja mitleide. Die Solidarität mit den leidenden Menschen macht die Sache aber auch nicht besser! Oder Gott sei vielleicht doch nicht allmächtig und die Theologie versucht zu erklären, dass die Frage nach Gott von sich aus schon als prinzipiell unlösbar gelten muss. Man sollte doch besser die Hypothese von der Existenz eines Gottes ganz fallen lassen, denn dann ist eine Argumentation zu den Phänomenen der menschlichen Existenz relativ einfach: Tsunamis und Erdbeben lassen sich geologisch erklären, die Hitze und Trockenheit in Regionen dieser Erde durch menschliche Ursachen, aber auch metereologisch. Der Tod des Menschen ist eine Notwendigkeit der Evolution, Epidemien und Krankheiten werden biochemisch und medizinisch verstanden. Darüber hinaus sind politische und gesellschaftliche Strukturen das Werk der Menschen und Not und Leiden in dieser Welt erklären sich machtpolitisch und ökonomisch. Im Lichte der Vernunft spricht alles gegen die Existenz eines höheren Wesens und doch gibt es ein tiefes Bedürfnis vieler Menschen nach einer übernatürlichen Welt und nach eigener Teilhabe an diesem übernatürlichen Zustand. Die meisten Menschen wagen es jedoch nicht, den Gedanken an den Sinn des Lebens und an den eignen Tod zu Ende zu denken, weil sie das 29 Siehe hierzu: Titel des Buches von Peter Henkel, Ach der Himmel ist leer … 30 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 103. 25 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Ergebnis fürchten und so bleiben sie dann doch eher stehen, um nicht in den Abgrund schauen zu müssen. H. Geißler sagt hierzu: »Bei diesem Thema sind eigentlich die Kirchen dran. Aber ihre Gotteshäuser sind leer … denn sie geben keine ehrlichen Antworten. Statt dessen erzählen sie wunderbare Geschichten«31. Vor dem Glauben an eine göttliche Instanz, die nicht von dieser Welt ist, muss doch die Überzeugung stehen, dass der Ansprechpartner für meinen Glauben überhaupt existiert. Wäre es da aus der Sicht der Menschheit nicht notwendig und verständlich, wenn dieser vermeintliche Gott, der offensichtlich in seiner Unsichtbarkeit und Rätselhaftigkeit mit unserem Verstand nicht erfasst werden kann, über dessen Existenz wir uns nicht sicher sein können, wenn dieser Gott sich selbst einmal zu erkennen geben würde und das in einer verständlichen und eindeutigen Form. Das wäre doch mal eine gute Idee und die Gläubigen müssten sich nicht von Klerikern sagen lassen, wie das denn zu verstehen ist, was in Texten aus vergangenen Jahrtausenden steht, die ebenfalls von Menschen erdacht und aufgeschrieben worden sind. Doch dieser angebliche Gott tut uns den Gefallen nicht, er sagt nichts. Es gibt ihn einfach nicht! Diese Problematik gilt übrigens nicht nur für den Gott des Christentums, sondern in gleicher Weise für den Gott des Judentums und für den Islam. Den Menschen bleibt somit nur die Überzeugung, sich auf das „Nichterkennbare“ einer Offenbarungsreligion einzulassen oder eben nicht. Entweder in kindlicher Einfalt an einen Gott zu glauben oder das zu tun, was man in erkennbarer Überzeugung als selbstbestimmtes Leben bezeichnet32. Oder man versucht es mit der „Pascalschen Wette“, bei der Pascal nach der Analyse aller Möglichkeiten folgerte, dass es besser ist, bedingungslos an einen Gott zu glauben, als dies nicht zu tun. Denn wenn es Gott nicht gibt, hat man zwar nichts gewonnen, aber auch nichts verloren. Sollte es ihn jedoch wider Erwarten geben, so hat man alles gewonnen und der Himmel ist einem sicher. Ob sich Gott auf ein solch fragwürdiges Spielchen einlassen würde, da wäre ich mir jedoch nicht so sicher. Vielleicht gibt es aber noch einen Ausweg, nämlich den der Satire, sie hatte ja in der Kirche bisher noch nie einen Platz. 31 Heiner Geißler, a. a. O., Seite 62. 32 Vgl. hierzu: Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Ullstein Verlag, Berlin, 15. Auflage 2016, Seite 146 f. 26 Wenn die WAhrheit, Wie so oft, in der Mitte liegt … Der Kabarettist Matthias Beltz hat es einmal so formuliert: »Die einen sagen, dass Gott existiert, die anderen sagen, dass er nicht existiert. Die Wahrheit wird wohl, wie so oft, in der Mitte liegen …«33. 33 Vgl. hierzu die Kolumne von Elke Schmitter in der Zeitschrift: Der Spiegel 18/2016. 27 2 Wenn ein amerikanischer Wissenschaftler Code-Namen vergibt … Warnungen gab es genug. Eine so schwere Kost zu begreifen, auszubreiten, gar verständlich zu formulieren und das für einen Laien in Sachen Theologie, es wird allgemein als schier unmöglich angesehen. Vielleicht liegt aber gerade darin der Reiz, und es ist wahr, diese Thematik des Glaubens, die Dreifaltigkeit, scheint selbst für Profis unter den Theologen besonders schwierig. Doch warum dann dran glauben, an „Etwas“, das nicht erklärt werden kann? An eine „Theologen-Konstruktion“, die von den alten Kirchenvätern erdacht, ersonnen, um nicht zu sagen ersponnen wurde. Die Entwicklung des Gedankengebäudes zur Dreifaltigkeit, so wie sie sich heute darstellt, hat insgesamt mehrere Jahrhunderte gedauert. Vielleicht ist sie ja immer noch nicht ganz abgeschlossen, geschweige denn in der Kirche oder auch außerhalb der Kirche erklärbar formuliert. Doch sie gilt als Fundament des christlichen Glaubens, wenn nicht gar als das wesentliche Fundament und darum ist es ein entscheidender Teil auch der christlichen Lehre. Dieses Fundament hätte nämlich dann keine Existenzberechtigung mehr, wenn es als grundlegende Glaubens- überzeugung und Glaubenswahrheit nicht erklärt werden könnte. Zumal dann nicht, wenn man zum Fundament erhebt, was den Worten Jesu in der Bibel nicht entnommen werden kann. Wenn die Kirche selbst bis zum heutigen Tage an Interpretationen zur Trinität bastelt, die selbst in den Studierstuben der Theologen zu Kopfschütteln führen müssen, dann kann doch etwas nicht stimmen. Betrachtet man die historische Entwicklung dieses Themas in der Kirche genau, so hätte diese Entwicklung auch ganz anders verlaufen können. Wenn zum Beispiel der römische Kaiser Konstantin im Jahre 325 nach Chr. einen besseren Tag gehabt hätte oder die damaligen Kirchen- 28 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … väter sich hätten vom Kaiser nicht überreden lassen. Dass der Heilige Geist hier am Werke war, scheint gänzlich unwahrscheinlich. So ist nach wie vor die Frage aktuell, wie sie denn zu verstehen ist, die Trinität (Dreifaltigkeit), die Vorstellung von Gott in drei Personen, also Gott als Drei in Einem. Eine interessante und in Klerikerkreisen bekannte Geschichte ist wohl nicht von der Hand zu weisen: Da sitzt ein Theologiestudent in einer Prüfung und es sieht nicht gut aus. „Und“, fragt der Professor, sichtlich genervt ob der Unkenntnis des Studenten, „können Sie denn wenigstens die Dreifaltigkeit erklären?“ Der Student sieht eine letzte Chance. „Das kann ich! Also die Dreifaltigkeit kann man so erklären …“. Der Professor fällt ihm in’s Wort, er unterbricht: „Es tut mir leid, aber Sie sind durchgefallen. Die Dreifaltigkeit kann niemand erklären!“ Wie kann man aber sinnvoll über etwas reden, das man nicht erklären kann? Darf man als gläubiger Christ ein grundlegendes Fundament des christlichen Glaubens in Zweifel ziehen, weil es einem nicht mal durch die Kleriker verständlich erläutert werden kann? Am besten macht man sich bei der Suche nach Antworten selbst auf den Weg. Vor seinem angeblichen Schöpfer steht man ja schließlich auch allein da und hat keinen Kleriker an der Hand, der einen entschuldigen könnte, weil er selbst das Paradoxon der Trinität nicht hat verständlich erklären können. Hört man sich in den christlichen Gemeinden um, so muss man in aller Deutlichkeit konstatieren, dass das Thema der Dreifaltigkeit heutzutage keinen sonderlich mehr interessiert und zum Kenntnisstand eines gläubigen Christen kann dieses grundlegende Thema heute wohl nicht mehr gerechnet werden. Welch ein eklatanter Widerspruch, ein elementares Thema des Glaubens interessiert keinen mehr, obwohl es der Katechismus der katholischen Kirche deutlich formuliert: Die Dreifaltigkeit ist »in der Hierarchie der Glaubenswahrheiten die grundlegendste und wesentlichste …«. Ein paar Zeilen später heißt es im Katechismus dann aber auch, dass die Trinität »… ein Glaubensmysterium im strengen Sinne ist, eines der in Gott verborgenen Geheimnisse …« und dass »sein innerstes Wesen als heiligste Dreifaltigkeit ein Geheimnis darstellt, das der Vernunft nicht zugänglich ist …«34. 34 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 93 f. 29 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Die grundlegendste Glaubenswahrheit soll ein verborgenes Geheimnis sein und nicht der menschlichen Vernunft zugänglich? Sollte man als Gläubiger also gar nicht erst auf die Idee kommen, mal nachzufragen? Vielleicht kommt der Zweifler einem solchen Geheimnis ja doch auf die Spur, wenn er in der Bibel nach Aussagen Jesu zu diesem Themenkomplex sucht. Diese Suche macht allerdings nur dann Sinn, wenn er als Leser mit Vorsicht an den Bibeltext herangeht, um nicht auch hier wieder in eine typische Falle zu tappen, die durch die über Jahrhunderte hinweg vorgenommene Bearbeitung, Ergänzung und Revision der Bibeltexte von Seiten der Presbyter, Bischöfe und Kirchenväter entstanden ist. Der Katechismus verweist in diesem Zusammenhang immer wieder auf eine bestimmte Bibelstelle und auch in der Dogmatik-Literatur für angehende Theologen wird sie immer wieder genannt. Es ist die Stelle im Mattäus-Evangelium (28,19), in der Jesus vom Auftrag an seine Jünger redet. »Gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes …«. Jesus soll nach seiner Auferstehung diese Worte zu seinen Jüngern gesagt haben. Und der Evangelist hat es dann circa fünfzig Jahre später niedergeschrieben. Die Jünger waren bei der Abfassung dieses Evangeliums längst gestorben und ein Protokoll der Ausführungen Jesu gab es leider auch nicht, denn schreiben konnten weder die Jünger noch Jesus selbst. Zudem sprachen sie Aramäisch und das Matthäus-Evangelium wurde in griechischer Sprache verfasst. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, wollte man das Glaubensverständnis der christlichen Gemeinden während der Entstehungszeit dieses Evangeliums, nach der Zerstörung des Tempels der Juden in Jerusalem durch die Römer und der Vertreibung eines großen Teils der jüdischen Bevölkerung hier ausführlich ausbreiten. Sicher ist jedoch, dass die besondere Lebenssituation der Evangelisten bei der Abfassung der einzelnen Evangelien immer eine große Rolle gespielt hat und dies bei dem Evangelisten Matthäus erst recht. Er schrieb das Evangelium wahrscheinlich um das Jahr 70–80 nach Chr. Bezogen auf die genannte Bibelstelle sind sich die Bibelforscher sicher, dass eine solche Formulierung nicht vom Evangelisten selbst stammen kann, sondern nachträglich in das Evangelium eingefügt worden ist. Der Nachweis der späteren Einfügung dieser Formulierungen, die aus guten Gründen noch keine Aussagen über das Verhältnis der drei göttlichen Personen zueinander machen, ist in der gesamten Bibelforschung belegt. 30 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … So formuliert zum Beispiel der Theologe Hans Küng: »Zuerst war die Taufe nur auf den Namen Jesu … schließlich gab es liturgische Weiterentwicklungen dieser christologischen Formel in der Gemeinde des Evangelisten Matthäus«, die dann im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufte. Für Hans Küng ist klar, dass von einer »Einheit dieser drei doch höchst verschiedenen Größen, gar einer Einheit auf gleicher göttlicher Ebene, im ganzen Neuen Testament kein Wort« geschrieben worden ist. Eine »christliche Trinität gab es in den ersten beiden Jahrhunderten nicht … man hielt selbst Jesus bis weit in das dritte Jahrhundert hinein nicht für Gott … und an die Persönlichkeit eines Heiligen Geistes dachte kaum einer«35. Die ersten Teile dieser Bibelstellen aus dem Matthäusevangelium gelten durchaus als echt, das heißt, von Matthäus selbst geschrieben, da die jungen christlichen Gemeinden sehr intensiv die sogenannte Heidenmission betrieben, obwohl, und dafür sollte man sich auch interessieren, Jesus an einer anderen Bibelstelle (10,5) beim Evangelisten Matthäus deutlich gesagt hatte: »gehet nicht zu den Heiden … vielmehr zu den Schafen des Hauses Israel«. Um diese Missionspraxis jedoch besser legitimieren zu können, fügte man zu einem späteren Zeitpunkt an den Schluss des Textes den Befehl der Weltmission und hatte scheinbar ganz beiläufig auch die biblischen Grundlagen für eine Trinität formuliert36. Somit ist klar und in der gesamten theologischen Literatur bestätigt, diese Textstelle ist eine Fälschung und wurde erst viel später von kirchlichen Kreisen in das Evangelium eingeschoben. Es handelt sich um reine Manipulationen nachfolgender Jahrzehnte. Der Theologe Horst Herrmann sagt hierzu: »Die sogenannten Abschiedsreden Jesu, der Missions- und Taufbefehl, das Pfingstereignis, wo vom Heiligen Geist die Rede ist, alle diese Ereignisse unterliegen als „spätere Zutaten“ dem Verdammungsurteil der Bibelkritik«37. Was also tun? Nicht einmal die Bibel liefert einen halbwegs gesicherten Hinweis auf die Trinität. Auch Formulierungen in den Paulusbriefen sind zu einem großen Teil Fälschungen. So zum Beispiel der Epheserbrief, er stammt 35 Hans Küng, Das Christentum, Piper Verlag, München, 6. Auflage 2012, Seite 126 f. 36 Vgl. hierzu: Gerd Lüdemann, Der große Betrug, zu Klampen Verlag, Springe, 5. Auflage 2011, Seite 60 ff. 37 Horst Herrmann, Befreit Gott von den Gläubigen, Tectum Verlag, Marburg 2015, Seite 216. 31 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … aus einer späteren Zeit, als sich die christlichen Gemeinden ihre Schriften auf der Grundlage ihrer Bedürfnisse und Anschauungen passend zurechtlegten. Was die ersten Christen noch selbstverständlich glaubten, nämlich dass es einen Gott gab und einen Sohn Gottes, der als besonderer Mensch mit prophetischen Gaben gesegnet war und der die Juden mit seiner Botschaft überzeugen wollte, dies alles wurde in sein Gegenteil verkehrt. Aus dem Wanderprediger Jesus wurde ein Gott. Und erst gegen Ende des vierten Jahrhunderts wurde der Heilige Geist als Garant für die reine Lehre der Kirche zusätzlich eingeführt. Dabei war dieser Geist als Person eine reine Erfindung von Theologen. Eine göttliche Eigenschaft wurde so zu einer göttlichen Person. Vor allem die Gründung von weiteren Gemeinden und die Missionierung der Bevölkerung im östlichen Mittelmeerraum während des ersten und zweiten Jahrhunderts nach Chr. führte zu der Notwendigkeit, den Lebensweg und die Botschaften des Wanderpredigers aus Galiläa nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich festzuhalten. So entstanden zwischen den Jahren 70 nach Chr. und 110 nach Chr. die Evangelien, die jeweils aus der Sicht der Verfasser mit den unterschiedlichsten Intentionen geschrieben wurden. Auch Paulus schrieb seine Briefe an die Gemeinden, von denen nur sieben nach der kritischen Bibelforschung tatsächlich von ihm selbst verfasst worden sind. Er tat dies, um den entstehenden christlichen Gemeinschaften seine Vorstellungen und Kenntnisse vom Leben Jesu zu vermitteln, obwohl er Jesus selbst nie erlebt hatte. Außerdem wollte er deutlich machen, dass dieser Jesus, entsprechend der jüdischen Glaubenstradition, der sehnlichst erwartete Messias des ach so sündigen jüdischen Volkes und der gesamten sündigen Menschheit war. Nicht nur die vier Evangelien und die Paulusbriefe wurden in die Bibel aufgenommen, sondern es entstanden in dieser Zeit auch weitere Schriften, zumeist auf Griechisch verfasst, immer mit der Absicht, den Gemeinden den „himmlischen Vater“ und seinen „eingeborenen Sohn“ näherzubringen. Selbst hatten die Evangelisten und auch Paulus den Menschensohn nie gesehen. Sie kannten ihn und beschrieben ihn, seine Botschaft und sein Leben daher nur vom Hörensagen. Die Apostel waren längst verstorben und die Überlieferungen und Erzählungen stammten alle von den Nachfolgegenerationen, die ihrerseits Jesus auch nicht mehr gesehen und erlebt hatten. Es ist bekannt, dass weder Jesus noch irgendein Apostel auf aramäisch, auf hebräisch oder auf griechisch Notizen oder Berichte verfasst haben, von dem Geschehen, damals. Noch 32 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … sind irgendwelche Nachweise erbracht worden, dass die Apostel oder auch Jesus selbst des Schreibens mächtig gewesen wäre. So beeindruckend die Persönlichkeit Jesu auch war, wenn sie es gekonnt hätten, die Apostel, sie hätten sicher Protokoll geführt über das Leben und die Faszination einer solchen Persönlichkeit. Da Jesus und die Apostel im Judentum verwurzelt waren und zumindest Jesus die Schriften des Judentums gut kannte, so konnte er, dies wird im Matthäus-Evangelium besonders deutlich, immer wieder Bezug nehmen auf die messianischen Verheißungen dieser Schriften und auf seine angebliche Rolle als Erfüller der alttestamentlichen Prophezeihungen. So wurde, nach Jesu Tod, unter Hinweis auf die jüdischen Vorstellungen eines Messias, das Schrifttum der Juden als Altes Testament mit in das christliche Schrifttum aufgenommen. Die Schriftverheißungen des jüdischen Volkes hatten sich nach den Vorstellungen der Christen jetzt durch Jesus Christus selbst erfüllt. All diese, überwiegend in griechischer Sprache und auf Papyrus-Rollen geschriebenen Schilderungen eines „Gottes-Sohnes“, Jahrzehnte nach dem Tode Jesu als mündliche Berichte wiedergegeben, sind deutlich gekennzeichnet durch subjektive Ergänzungen der Autoren, durch Verklärungen, Überzeichnungen und Erweiterungen der tatsächlichen Worte und Ereignisse. Dies ist verständlich und leicht zu erklären, angesichts der Wunder und Worte einer so charismatischen Persönlichkeit, wie es Jesus nun einmal war. Hinzu kam die sogenannte „Naherwartung der Endzeit“, die Jesus doch so deutlich beschrieben hatte. Die Kenntnis dieser Evangelien, die in den christlichen Gemeinden mehr als Loseblatt-Sammlung in Umlauf waren, führte natürlich auch zu der Notwendigkeit, diesen Jesus auf der Grundlage der Berichte näher zu betrachten. Man saß zusammen, angesichts der jeweiligen politischen Situation meist in Form eines konspirativen Treffs, beim Abendessen und hörte die Geschichten über Jesus. Man fragte sich, wann er denn nun kommen würde, zu richten die „Lebenden wie die Toten“. Angesagt war dies ja eigentlich noch zu Lebzeiten seiner Jünger. Da dies Ereignis nun doch nicht eintraf und die Schriftensammlungen keine ausreichenden Erklärungen mehr boten, begannen die Gemeindemitglieder intensiver über Jesus, seine Rolle als möglichen Sohn Gottes und auch über den Geist Gottes nachzudenken. In den gegründeten christlichen Gemeinden innerhalb des römischen Reiches entwickelten sich so die unterschiedlichsten Vorstellungen von der Person und der Sendung eines Messias Jesus Christus. Die getauften 33 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Heidenchristen kannten das ja, eine Vielzahl von Göttern bei den Römern, den Griechen und den Ägyptern. Warum sollte Gott-Vater nicht auch einen Sohn gehabt haben, den er zur Erde gesandt hatte? Zwei Götter störten eigentlich nicht. Andererseits hatte man ja nur den einen Gott des Alten Testamentes und man konnte sich nicht vorstellen, dass ein Gott „am Kreuz“ sterben konnte, ganz elendig, gar schmerzhaft und leidend. So entstanden in den jungen christlichen Gemeinden eine Vielzahl unterschiedlicher Vorstellungen über mögliche himmlische Gottheiten. Schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts, sogar noch vor der Niederschrift des Johannesevangeliums gab es die ersten Lehren, die vielfach als sogenannte Irrlehren bezeichnet wurden. Gemeindevorsteher behaupteten, Jesus sei nur Mensch gewesen, wenn auch ein besonders hervorgehobener und kein Gott, entsprechend den überwiegend verbreiteten Vorstellungen in den meisten Gemeinden. Auch wurde jetzt der Geist Gottes ebenfalls noch nicht als göttliche Person angesehen, vielmehr stellte der Geist Gottes zunächst nichts anderes als eine Eigenschaft des einen Gottes dar. In Antiochien gab es allerdings schon im Jahre 107 nach Chr. die ersten Annahmen von drei christlichen Gottheiten, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Meinungen über mehrere Gottheiten wurden verbreitet, Vermutungen angestellt, Spekulationen schossen ins Kraut. War Jesus nun Gott oder Mensch oder gar beides? In welchem Verhältnis stand dann der Sohn zum Vater? War er als Gott untergeordnet oder auf Augenhöhe mit dem Vater? Sogenannte Häresien gab es zu Hauf, doch es gab niemanden, der auf der Grundlage der Schriften deutlich machen konnte, wer denn in die Irre ging und wer auf dem rechten Weg war. Der angesehene Kirchenvater Athenagoras von Alexandrien formulierte die Vorstellung von einer Trinität mit Vater, Sohn und Heiligem Geist als drei Gottheiten im Jahre 177 nach Chr.. Andere behaupteten, dass es keine drei Gottheiten geben könne, da das Christentum mit seinem Ursprung im Judentum nur einen Gott akzeptieren könne. In der Mitte des zweiten Jahrhunderts gründete der Presbyter Marcion eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich radikal vom Judentum und allen Schriften des Alten Testamentes trennten und nur wenige Schriften, vor allem die Paulusbriefe, für ihre Gemeinschaft als Grundlage des Glaubens akzeptierten. Der aus Afrika stammende römische Gelehrte Tertullian übersetzte erstmalig um das Jahr 200 nach Chr. Schriften aus dem Griechischen ins Lateinische mit entsprechenden Hinweisen auf eine Trinität mit Vater, 34 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Sohn und Heiligem Geist38. Durch die in den Gemeinden zunehmende Vergötterung des Menschen Jesus entstand nun die Schwierigkeit, dass das Verhältnis von Gott-Vater und Gott-Sohn bei gleichzeitiger Beibehaltung des einen Gottes geklärt werden musste. Dass auch noch der Heilige Geist als Gott hinzugekommen ist, geht vor allen Dingen auf das Johannes-Evangelium zurück. Bei all diesen Fragen zu den christlichen Gottheiten in dieser Zeit muss man zusätzlich das politische und religiöse Umfeld betrachten, in dem die Christen im Mittelmeerraum lebten. Sie waren umgeben von den Gottheiten der Römer und Griechen und zudem von den misstrauischen und feindseligen, ja mörderischen Verfolgungen durch die römische Obrigkeit. Religionsgeschichtlich, sagt Heinz-Werner Kubitza, sind Götterdreiheiten ein alter Hut, »schon lange vor dem Christentum waren solche Götterdreiheiten in Hochkulturen bekannt und wurden verehrt«39. Angesichts der Überzeugungen, die aus dem Judentum übernommen worden waren, dass es nur einen Gott gibt, musste die junge Kirche zwingend beschreiben, wie unter diesen Voraussetzungen das Verhältnis zwischen Gott-Vater und dem Sohn Jesus und dann auch noch zwischen diesen und dem Heiligen Geist verstanden werden kann. Da man seit dem ersten Jahrhundert, wenn auch zunächst zögerlich, aus dem Wanderprediger Jesus, der Friedfertigkeit und Barmherzigkeit gepredigt hatte und dem Irrtum unterlag, dass Gott-Vater schon zu Lebzeiten der Apostel das „Jüngste Gericht“ abhalten würde, weil man diesen Jesus zu einem Gott gemacht hatte, musste man eine „Formel“ finden, die es schaffte, trotzdem einen einzigen Gott zu definieren. Und dies angesichts von anfänglich zwei, später sogar drei Gottheiten. Beim Rückgriff auf die Schriften stellten die Kirchenväter fest, dass in der Bibel zwar der Glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist formuliert war, dass es aber keine Aussagen von einem Gott in drei Personen, keine Lehre von einer Dreifaltigkeit gibt. Christus als Gott zu bezeichnen, der ja als Mensch bei den Menschen gelebt hatte und andererseits aufgrund der jüdischen Überlieferung des Monotheismus unbedingt an der Einheit eines Gottes festzuhalten, das war nun die Aufgabe der Kirchenväter. 38 Vgl. hierzu: www.wikipedia.org/w/index.php title=Tertullian. 39 Heinz-Werner Kubitza, Der Jesuswahn, Tectum Verlag, Marburg, 2. Auflage 2013, Seite 243. 35 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Zwar versuchten immer wieder Bischöfe aus den führenden Gemeinden in Alexandria, Antiochien, Korinth und Ephesus sich durch bestimmte Formulierungen zu profilieren, Rom war interessanterweise noch weit weg, doch war eine einheitliche Vorstellung in dieser Frage nicht zu erzielen. Selbst der Kirchenvater Tertullian versuchte bei seinen Übersetzungen der Schriften mit Begrifflichkeiten zu arbeiten, die der damaligen griechisch-philosophischen Wissenschaft entnommen wurden und in ihrer Vorstellung von einem Wesen in drei Personen sprachen. So entstanden zum Beispiel Begriffe wie „wesensgleich“ oder „wesensähnlich“. Man versuchte, geradezu mit Hochdruck im dritten und zu Anfang des vierten Jahrhunderts intellektuell ein Problem zu lösen, das man sich durch die Festlegung einer Gottheit des Sohnes selbst geschaffen hatte. Hans Küng drückt es so aus: »Je mehr der Sohn auf die Seinsebene mit dem Vater gestellt … und dieses Verhältnis mit naturhaften Kategorien umschrieben wurde, umso schwieriger wurde es, gleichzeitig Jesu Unterscheidung von Gott und seine Einheit mit Gott begrifflich zusammenzudenken«40. Hinzu kam die Frage, wenn Jesus als Sohn Gottes eines Wesens mit dem Gott-Vater ist, wie verhalten sich dann in Jesus die beiden Wesen miteinander, das göttliche und das menschliche? Die zu Anfang des vierten Jahrhunderts in den christlichen Gemeinden weit verbreitete Lehre des Arianismus stand im Gegensatz zu den Vorstellungen einiger Bischöfe und Presbyter, vor allem im Osten des Römischen Reiches. Sie lehrten die strikte Gleichheit von Vater und Sohn. Der sogenannte Arianismus hingegen unterschied deutlich zwischen Vater und Sohn. Hier war der Vater der alleinige Gott und der Sohn diesem untergeordnet, der Sohn war gegenüber dem Vater nur „wesensähnlich“. Im Mittelpunkt dieser theologischen Auseinandersetzungen stand somit die Frage, ob Jesus wahrer Gott sei, gleichen Wesens wie Gott selbst. Der Heilige Geist als personifizierter Gott stand zunächst noch nicht im Focus der theologischen Diskussion. Man versuchte nach dem anfänglich apokalyptisch-urchristlichen Weltbild des ersten Jahrhunderts mit Hilfe der griechischen Philosophie die notwendige begriffliche Klarheit bei dieser Dreifaltigkeitsfrage hinzubekommen. Doch wie sollte das gehen? Allein die verwendete griechische Terminologie war stark umstritten und fragwürdig. Man war sich lange nicht darüber im Klaren, mit welchen Formulierungen man diese angebliche Wirklichkeit versehen sollte und mit welchem Wortlaut die Einheit des 40 Hans Küng, a. a. O., Seite 225. 36 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … göttlichen Wesens und die Dreiheit (oder besser zunächst nur die Zweiheit) der göttlichen Personen bezeichnet werden sollte. Es folgte, wie häufig in der Geschichte, eine Entwicklung, die typisch ist für diese Kirche. Die Entwicklung und Ausprägung einer elementaren Glaubenslehre wird letztlich entschieden durch die weltliche Macht. Der Römische Kaiser löste das Problem auf seine Weise. Nach den Verfolgungen der Christen im Römischen Reich in der Mitte des dritten Jahrhunderts und zu Anfang des vierten Jahrhunderts war Kaiser Konstantin dazu übergegangen, die Christenverfolgungen zu beenden und im sogenannten „Toleranzedikt von Mailand“ die freie Religionsaus- übung allen Bürgern des Römischen Reiches zuzusichern. Nach dieser „Konstantinischen Wende“ nahm die Zahl der Christen im Reich stark zu, allerdings gab es auch Bekehrungen aus persönlichen Gründen, insbesondere in der Umgebung des Kaiserhofes, weil die Christen von Kaiser Konstantin stark bevorzugt wurden. Da jedoch die meisten Christen im Osten des römischen Reiches eher dem Arianismus zuneigten und die Auseinandersetzung innerhalb des Christentums in dieser so elementaren Frage weiter zu eskalieren drohte, entschied sich der Kaiser zu einem Schritt, der nichts mit dem Bedürfnis einer Klärung von dogmatischen Fragen einer Glaubensrichtung zu tun hatte, sondern nur deshalb erfolgte, weil er an der gerade gewonnenen Einheit seines Römischen Reiches interessiert war. Eine reichsübergreifende Ideologie sollte die notwendige stabilisierende Wirkung für das gesamte Römische Reich erzeugen. Die reichsverbindende Funktion der Religion war durch diesen Streit stark gefährdet und so griff er ein. Er selbst war kein Christ, ist es nie geworden. Nach den historischen Angaben war er eher ein Anhänger des römischen Sonnengottes und er soll, gesichert ist das nicht, erst auf dem Sterbebett den Glauben der christlichen Kirche angenommen haben. Die Vergebung der Sünden und die Hoffnung auf das Himmelreich konnten ja nicht schaden, denn Konstantin war ein Verbrecher, skrupellos, wie Despoten eben so sind. Im Laufe seines Lebens hatte er die halbe Verwandtschaft umbringen lassen, aber die Christen, die hat er privilegiert. Dieser Kaiser entscheidet nun, er greift aktiv ein in das Geschehen und beruft ein Konzil ein41. Die Historiker beschreiben ausführlich die Situation. Der Kaiser lud ein, im Mai des Jahres 325 nach Chr., bei herrlichem Wetter in das Städtchen Nicäa, nur 30 Kilometer entfernt von sei- 41 Vgl. hierzu: Hans Küng, a. a. O., Seite 221 ff. 37 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … nem eigenen Sommersitz, einem Ort, der zu Lande und zu Wasser gut zu erreichen war. Geladen haben soll er alle Bischöfe der damaligen Christenheit. Man spricht von circa 1800 Bischöfen. Gekommen waren allerdings nur zwischen 220 und 318 Bischöfe, die Quellen sind da nicht sehr präzise. Unter demokratischen Gesichtspunkten würde man heute sagen, das Konzil war bei einer so wichtigen Abstimmung nicht beschlussfähig. Doch abgestimmt wurde ja auch nicht, denn Kaiser Konstantin bestimmte und entschied, wobei er, statt den Bischöfen die Formulierungen zu überlassen, die entscheidende „Formel“ selbst definierte, sie vorschlug und auch als Glaubenslehre festlegte. Die Kirchenväter hatten nichts zu bestellen. Sie waren auf Kosten des Kaisers angereist, wurden üppig verpflegt und konnten so zu dieser Jahreszeit die Lokalitäten des kaiserlichen Palastes ausgiebig genießen. Von den circa 300 Teilnehmern waren allerdings nur fünf aus dem Westen des Reiches gekommen. Selbst der damalige Papst Silvester aus Rom, er spielte zu dieser Zeit noch keine maßgebliche Rolle. Der Grund hierfür ist leider nicht bekannt. Vielleicht hielt ihn ja auch die Angst um Leib und Leben ab, denn die geistlichen Herren ließen sich bewachen, hatten Leibwächter und Anhänger mitgebracht, die ihre geschliffenen Schwerter stets gezückt hielten. Der Kaiser eröffnete das Konzil und führte selbst den Vorsitz42. Er hatte die Absicht, seine Vorstellungen in jedem Fall durchzusetzen. Das Glaubensbekenntnis der sogenannten Arianer, die in der Mehrzahl waren, kam trotzdem nicht auf die Tagesordnung, es war ihrem Bischof entwendet und dann zerrissen worden, noch ehe dieser seinen Text zu Ende gelesen hatte. Es waren damals raue Sitten, auch und gerade unter den Klerikern. Die Historiker berichten von einem großen Lärm und von erbittertem Streit. Den Kaiser ficht das alles nicht an, er hatte seine eigene Einschätzung des theologischen „Gezänks“. Alle Beschwerden, alle Streitschriften, die von den Bischöfen vorgebracht wurden, ließ der Kaiser ungesehen vernichten. Die anwesenden Bischöfe wechselten zudem mehrfach ihre Überzeugungen und neigten mal zu der Formulierung, Jesus ist „wesensähnlich“ mit dem Vater und dann wieder, nach entsprechender Überzeugungsarbeit durch den Kaiser und nach tumultartigen Szenen, zu der Formulierung, Jesus ist „wesensgleich“ mit dem Vater. 42 Vgl. hierzu Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1, Die Frühzeit, Rowohlt Verlag, Hamburg, 9. Auflage 2016, Seite 362 ff. 38 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Kaiser Konstantin, der im Streit der Priester nach den Aussagen des Historikers Deschner »nur Starrsinn sah, verbat sich jede theologische Diskussion und forderte die Anerkennung der von ihm formulierten Aussage«43 von der Gottheit Jesu. Er hatte mit Hilfe philosophischer Beratung die Terminologie des Begriffs der „Wesensgleichheit“ von Vater und Sohn vorgegeben. Dieser „Kunstbegriff “ beschreibt nun einen Zustand von Vater und Sohn, aber er erklärt nichts. So richtig beseitigt war das Problem für die damalige Christenheit daher immer noch nicht. Der Kaiser hatte entschieden, über die kirchliche Lehre, nicht etwa der Papst oder die Kleriker. Und so sollte es weitergehen, im gesamten vierten Jahrhundert44. Die Häresie der Arianer wurde ausdrücklich verurteilt. Am Ende unterschrieben praktisch alle Bischöfe das „Nicäanische Glaubensbekenntnis“, bis auf zwei ägyptische Kirchenväter, die dann folgerichtig verbannt wurden. Es gibt ernst zu nehmende Stimmen, die behaupten, dass Kaiser Konstantin solange über die Gottheit Jesu abstimmen ließ, bis alle andersdenkenden Bischöfe abgereist waren. Zutrauen würde man es ihm schon, dem Kaiser. Dann wäre allerdings Jesus nicht nur durch einen erzwungenen, sondern auch noch durch einen manipulierten Mehrheitsbeschluss zu einem Gott gemacht worden. Wer glaubte, mit diesem Konzil sei die Diskussion um die Gottheit Jesu zu Ende gewesen, der irrte gewaltig. Auch in den Folgejahren wurde weiter gestritten. Selbst Konstantin unterstützte aus „machtpolitischen“ Gründen zeitweilig mal die eine und mal die andere Position. »Um des Vaters und des Sohnes Willen befehdeten sich ab dem vierten Jahrhundert Päpste, Bischöfe und Patriarchen mit allen Mitteln … es wird verurteilt, degradiert, verbannt; wird gemordet und es wütet der staatliche Terror, … stehen Kirchenväter gegeneinander auf, werden erhoben und wieder vom Thron gestoßen, sobald eine andere trinitarische Ansicht … siegreich ist«, sagt der Historiker45. Und so kommt es zu einem weiteren Konzil, einberufen im Jahre 381 nach Chr. durch den Kaiser Theodosius I. Es ging hierbei um die seit dem Jahre 325 nach Chr. nach wie vor andauernde Auseinandersetzung zwischen den Arianern und den Trinitariern und um eine damit verbundene mögliche Kirchenspaltung, die unbedingt verhindert werden musste. 43 Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1, a. a. O., Seite 364. 44 Vgl. hierzu: Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 222. 45 Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1, a. a. O., Seite 362 ff. 39 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … In Konstantinopel, jetzt unter dem Vorsitz des Kaisers Theodosius I, der das Christentum zur Staatsreligion erhoben hatte und Gesetze gegen das Heidentum und gegen christliche Häresien erließ, tagte nun ein Konzil mit nur 150 Bischöfen. Die große Mehrheit aller Bischöfe des Reiches war nicht anwesend und insoweit war es wohl eher eine Synode der oströmischen Bischöfe. Auch der Bischof von Rom, der Papst, war nicht anwesend, doch dem Kaiser war es gleichgültig. Und trotzdem, die Trinitätslehre wurde jetzt endgültig in einem „nicäanisch-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis“ festgelegt. Man stellte neben den Gott-Vater als zweite Person den Sohn Gottes und als dritte Person den Heiligen Geist. Als wesentliches Fundament der Staatsreligion gehörten diese dogmatischen Aussagen zur Trinität jetzt zum Christentum und wer anderes glaubte, der war ein Häretiker. Ausdrücklich wurde eine Vielzahl von existierenden Häresien genannt, die ab jetzt verurteilt waren und demzufolge grausam verfolgt wurden. Per Dekret von Kaiser Theodosius I erlassen, war diese Lehre nun nach dem Konzil von allen Christen zu glauben. Im Wortlaut heißt es jetzt: »So glauben wir, gemäß der Lehre der Apostel und des Evangeliums, an den einen Gott, den Vater, den allmächtigen … und an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater und an den Heiligen Geist …«46. In der Bibel stand von alledem nichts! Erklären konnte man das theoretische Gebäude der Trinität jedoch immer noch nicht und viele nachfolgende Konzilien, auf denen man ein solches Geheimnis verständlich zu machen versuchte, brachten noch mehr Verwirrung. Wieviel Konzilien wurden bemüht, im 6. Jahrhundert (589), im 7. Jahrhundert (675), im 13. Jahrhundert (1215, 1274) und selbst noch im 15. Jahrhundert (1441), man kam der „Paradoxie“ nicht näher. Die Trinitätslehre galt ab jetzt als ein für alle Mal geklärt und erledigt, obwohl nicht nur seine Entwicklung ,sondern auch, nach der Aussage der Theologen, sein Inhalt nur schwerlich nachvollziehbar war. Nach einer solchen Betrachtung der typischen Entstehungsgeschichte von kirchlichen Lehraussagen kommt man nicht mehr daran vorbei, man muss den dogmatischen Glaubensgrundsatz in Gänze lesen, um die in ihm steckende Unverständlichkeit selbst erfahren zu können. Denn nur so sind die unterschiedlichsten und überwiegend fruchtlosen Ver- 46 Zitat aus: wikipedia.org/wiki/bekenntnis … 40 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … suche der Kleriker nachvollziehbar, den Gläubigen diesen Teil der kirchlichen Lehre nahezubringen. Nach der Lehre der Kirche gilt nun, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist „wesensgleich“ sind, das heißt, alle drei Personen der Trinität sind im Vollsinn ein Gott. Es gibt keine Über- oder Unterordnung. »Allen drei Personen der Trinität kommt gleichermaßen uneingeschränkte Gottheit zu, dennoch handelt es sich nicht um drei Götter, sondern nur um einen Gott, weil sich die drei Personen gegenseitig durchdringen …«47. Man fragt sich, wie das gehen soll, doch es wird weiter in gleichem Stil fortgefahren. So legt das II. Konzil von Konstantinopel im Jahre 533 fest: »Wer nicht bekennt, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist eine Natur oder Wesenheit … haben; wer nicht bekennt die wesensgleiche Dreifaltigkeit, eine Gottheit, die in drei Hypostasen (Verwirklichung göttlicher Eigenschaften zu einem göttlichen Wesen) angebetet wird, der sei ausgeschlossen«48. Man stelle sich einmal eine Situation vor: Ein Christ wird von einem Moslem und einem Juden gefragt, da doch alle drei Religionen einen Gott verehren, wie es sich denn so verhält mit der Dreifaltigkeit, wo doch auch das Christentum als monotheistische Religion gilt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß: Der „christliche Mitbruder“ würde sich sofort in häretischen Formulierungen verheddern. Nicht zuletzt aus diesem Grunde müssen wir noch einmal festhalten: In den gesamten Schriften des Alten und des Neuen Testamentes gibt es zwar den Glauben an einen Gott, es gibt aber keine Lehre von einem Gott in drei Personen (oder Seinsweisen) und keine Lehre von einer Dreifaltigkeit. In der Bibel bleibt Gott-Vater selbst immer verborgen, Jesus ist der „herabgekommene“ Menschensohn und der Heilige Geist ist die von Gott ausgesandte unsichtbare Kraft und Macht. In der Bibel gibt es keine philosophischen Spekulationen, keine undurchdringlichen Geheimnisse, wie drei so verschiedene Personen eins sein können. Nirgendwo eine Trinitätslehre in dem Sinne, dass das Miteinander des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes als das Verhältnis dreier göttlicher Personen bedacht oder gar beschrieben worden wäre. 47 Rochus Leonhardt, Grundinformation Dogmatik, Vandenhoek und Ruprecht Verlag, Göttingen, 4. Auflage 2009, Seite 224. 48 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 527. 41 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … Die Umstände der Entstehung einer solchen Trinitätslehre vor dem Hintergrund der politischen Situation im Römischen Reich und der Götterdreiheiten in anderen Hochkulturen des Mittelmeerraums haben deutlich gezeigt, dass es bei dieser Lehre um eine Schöpfung altkirchlicher Theologen ging. Um handfeste Auseinandersetzungen unter den Patriarchen und um machtpolitisches Kalkül eines Herrschers, der sich um eine aufgeblasene Diskussion der Theologen mit philosophischen Begrifflichkeiten wenig kümmerte, dafür aber entschied, als Jünger des römischen Sonnengottes. Und er legte den Grundstein für die in Ewigkeit geltende Dogmatik der christlichen Kirche zur Dreifaltigkeit. Man darf sie getrost verwerfen, die Lehre von der Dreifaltigkeit; als „hellenistisch-philosophische Konstruktion“, die notwendig war, nachdem man Jesus und den Heiligen Geist auch zu Göttern gemacht hatte. Und wenn es zutrifft, was das Lexikon der theologischen Grundbegriffe sagt, dass jede Analyse dieses Lehrgebäudes davon ausgehen muss, »… dass die Dreieinigkeit ein undurchdringliches Geheimnis darstellt …«49, ja dann kann die Dreipersönlichkeit eines Gottes sicher nicht von uns Menschen mit den natürlichen Mitteln der Vernunft gefunden werden. Wir geben es trotzdem nicht auf. Der katholische Katechismus muss den Gläubigen doch erklären können, was gemeint ist, wie sonst sollen denn die Gemeindemitglieder dies als Fundament ihres Glaubens annehmen können? Spätestens die Dogmatik-Literatur für angehende Profis in Sachen Kirche muss doch erhellende Aussagen machen können. Wie sonst sollten die Kleriker den Glauben in die Bevölkerung tragen können? Wir schauen nach. Der Katechismus in seiner Ausgabe von 2015 im Walter de Gruyter- Verlag sagt zu diesem Thema: »Um das Trinitätsdogma formulieren zu können, musste die Kirche mit Hilfe von Begriffen aus der Philosophie (Substanz, Person, Wesen, Hypostasen …) eine geeignete Terminologie entwickeln … damit sie im Stande wäre, das unaussprechliche Mysterium auszudrücken …«. Somit verwendet die katholische Kirche Kunstbegriffe, die zwar nichts erklären, aber wenigstens beschreiben, was gemeint ist. »Sie verwendet den Begriff Substanz (auch Wesen), um das göttliche Wesen in seiner Einheit zu bezeichnen …« und den Begriff Person (Hypostase), um 49 Handbuch theologischer Grundbegriffe, Band 4, dtv, München, 2. Auflage 1974, Seite 280 f. 42 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … »den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist in ihrer … Verschiedenheit zu bezeichnen …«50. Nun haben wir also die Bezeichnungen für bestimmte und unterstellte Tatbestände, aber eine Erklärung, gar eine nachvollziehbare Darlegung oder Umschreibung, damit es anschaulich wird, haben wir immer noch nicht. Vielleicht hilft ja eine andere Stelle im Katechismus: »Jede der drei göttlichen Personen ist voll und ganz Gott. Der Vater ist dasselbe wie der Sohn. Der Sohn dasselbe wie der Vater. Der Vater und der Sohn dasselbe wie der Heilige Geist. Nämlich von Natur/Wesen/Substanz … ein Gott. Die drei göttlichen Personen sind real voneinander verschieden. Der Vater ist nicht derselbe wie der Sohn. Der Sohn ist nicht derselbe wie der Vater, der Heilige Geist ist nicht derselbe wie der Vater oder der Sohn …«51. Wie das? Der Vater ist dasselbe wie der Sohn, ist nicht derselbe wie der Sohn? Auch nach mehrmaligem Lesen, man kommt ins Grübeln. Es ist und bleibt ein dem menschlichen Denken aufgenötigter Unsinn, der zwar beschrieben wird, aber nichts erhellt. Vielleicht ist die Trinität eines Gottes doch etwas, was man nicht verstehen muss, sondern eher etwas, das man verstehen muss als etwas, das nicht verstanden werden kann. Wie weit weg sind wir jetzt eigentlich von der Heiligen Schrift? Wie kann nur in den Gehirnwindungen von Bischöfen und Presbytern auf Synoden und Konzilien eine solche göttliche Theologie entstehen? Sie ist und bleibt nichts anderes, als eine hochkomplexe Spekulation, die aber das Problem, wie drei Größen eins sein können, nicht erklären kann, dafür aber versucht, durch verbale Unterscheidungen irgendeinen sinnvollen Zusammenhang für eine Dreieinigkeit herstellen zu können. Es stellen sich sicher beim Leser langsam Erschöpfungserscheinungen ein, doch wir sind noch nicht am Ende der Diskussion. Wir müssen in die Dogmatik-Literatur für Theologen der Kirche schauen, denn dort wird sehr ausführlich der Frage nachgegangen, wie die Einheit eines Gottes gesichert bleiben kann und zugleich das Gottsein des Vaters, 50 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 97 ff. 51 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 98. 43 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … das „ebenbürtige“ Gottsein des Sohnes und das Gottsein des Heiligen Geistes ausgedrückt werden kann52. Doch vorher der offizielle Wortlaut eines Teils der Dogmen der katholischen Kirche, wie sie vom Christenmenschen zu glauben sind53: »In Gott sind drei Personen, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist«. »Jede der drei Personen besitzt numerisch dieselbe göttliche Wesenheit«. »Die zweite göttliche Person geht aus der ersten durch Zeugung hervor und verhält sich deshalb zu ihr, wie der Sohn zum Vater«. »Die drei göttlichen Personen sind ineinander«. Ein Gott, der zunächst im Alten Testament der einzige war, wird zu einer Gruppe, die dieselbe Wesenheit besitzt. Diese Gruppe entsteht dann auch noch durch eine „Zeugung“ und der Heilige Geist später noch durch eine „Hauchung“. Welchen Sinn sollen diese Formulierungen haben? Vielleicht erklärt es ja die Dogmatik-Literatur der Theologen: »Der Sohn ist vom Vater nicht geschaffen, sondern in rein geistiger Zeugung, das heißt, durch uneingeschränkte Mitteilung seines Wesens, hervorgebracht. Diese Wesensmitteilung ist weder frei gesetzte Willensentscheidung, noch durch äußere Einwirkung erzwungen. Sie ist reiner Wesensvollzug. Der Hervorgang des Geistes aus dem Vater (und dem Sohn bzw. durch den Sohn) kann nicht Zeugung genannt werden. Vom Namen „spiritus/pneuma“ abgeleitet heißt es „spiratio“, vom Vater und vom Sohn in gemeinsamem Wesensvollzug gehauchter Hauch. Mit diesen Bestimmungen ist zweifellos eine sehr weitgehende, an die Grenze des Sagbaren führende Abstraktion von den konkreten heilsökonomischen Verhältnissen vollzogen, die danach verlangt, von philosophisch reflektierter menschlicher Erfahrung wenigstens veranschaulicht bzw. auf diese hin ausgelegt zu werden …«54. Nun haben wir es endlich … oder doch noch nicht? Vielleicht noch ein Absatz aus der Dogmatik von Gerhard Kardinal Müller. Er spricht von vier Relationen. Dabei ist »die Beziehung des Va- 52 Vgl. hierzu die Ausführungen zur Trinität in: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 483 ff. 53 Walter Gerhardt, An ihren 245 Dogmen krankt die Kirche …, August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt 1987, Seite 62. 54 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 558. 44 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … ters zum Sohn eine aktive Zeugung, … die Beziehung des Sohnes zum Vater ein passives Gezeugtsein und die Beziehung des Vaters und des Sohnes zum Heiligen Geist eine aktive Hauchung und die Beziehung des Geistes zum Vater und Sohn die eines passiven Gehauchtseins …«55. „Nebel“ steigt auf … und es stellt sich nun doch vermehrt die Frage, ob die Unverständlichkeiten solcher Texte nur wegen der Wissenschaftlichkeit der Theologie verfasst worden sind? Oder könnte nicht doch diese mit philosophischen und sprachlichen Kapriolen aufgeladene Dogmatik einer Einheit in der Dreiheit, die letztlich unmöglich ist, darauf hinweisen, dass der ganze Ansatz schlichter Unsinn ist? Der Geheimnischarakter des Trinitätsdogmas ist nicht aufzuklären. Es gibt eben in Gott verborgene Geheimnisse, die mit »natürlicher Vernunft und auch nach geschehener Offenbarung«56 nicht erkannt werden können. In der Tat, es wird nichts aufgehellt, sondern eher durch solches „Wortgeklingel“ besonders deutlich, was die Kirche und ihre Repräsentanten an vielen Stellen selbst immer wieder zugeben müssen. Der Versuch ist gescheitert, das Drei-Eine-Wesen Gottes mit Hilfe menschlicher Begrifflichkeit zu beschreiben. Besonders ärgerlich ist die Tatsache, auch wenn es niemand nachvollziehen kann, die Experten der Kirche verstehen es! Obwohl auch sie keine halbwegs sinnvolle Formulierung für diese Problemstellung finden können, die durch sie selbst erst geschaffen worden ist. Der Theologe Horst Herrmann beschreibt es so: Die Theologen haben stattdessen für sich eine besondere Qualität reserviert, »sie lassen es beim Erklärungsversuch, es gehört zum Selbstverständnis solcher Leute, dass wir sie nicht verstehen dürfen. Sie müssen immer einen „Vorsprung“ haben … der Theologieexperte kennt nicht einmal Fragen, er kennt nur Antworten … und die hat er für sich reserviert«57. Welch eine Arroganz. Beim Blick zurück, in die Bibel wird klar, was gemeint ist. Wenn der Wanderprediger in Galiläa unterwegs war und vom Vater gesprochen hat, so hat er den Gott des Alten Testamentes gemeint, der als alleiniger Gott der Schöpfer aller Dinge war. Wenn Jesus vom Heiligen Geist ge- 55 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, Herder Verlag, Freiburg, 10. Auflage 2016, Seite 448. 56 Ludwig Ott, Dogmatik, Herder Verlag, Freiburg 1981, Seite 91. 57 Horst Herrmann, Befreit Gott von den Gläubigen, Tectum Verlag, Marburg 2015, Seite 215. 45 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … sprochen hat, was ja nicht unwahrscheinlich ist, so hat er sicher keine göttliche Person gemeint, denn die jüdische, alttestamentarische Vorstellung vom Geist Gottes war eher die einer „Kraft Gottes“ oder einer „Präsenz Gottes“ in dieser Welt. Aus diesen in der Heiligen Schrift erzählten Ereignissen und Beschreibungen zur Person eines Gottes ist durch die Kleriker der Kirche in Jahrhunderten eine intellektuell höchst anspruchsvolle Begriffskunst geworden, der selbst Theologen und Priester der Kirche nicht mehr folgen wollen und ihr deshalb eher mit eine Art Desinteresse begegnen. Und trotzdem setzt man den Menschen immer noch dieses Theoriegebäude als Mysterium vor und die Christen haben unter Aufgabe des Verstandes daran zu glauben und dies alles zu akzeptieren. Es klingt unwahrscheinlich, aber es tut sich was, denn zunehmend entfernt sich die aktuelle Bibelkritik von dieser Deutung des Jesus als eines mit Gott-Vater wesensgleichen Sohnes und sie ist dabei, diese Thesen zu verwerfen, wie auch die Aussage, dass der Heilige Geist eine eigenständige göttliche Person sei. Zumal eine Bibelstelle aus dem Johannesevangelium gern von den Klerikern verschwiegen wird. Denn hier sagt Jesus nach Johannes (Joh. 14,28): »… ihr würdet euch freuen, dass ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich …«. Würden solche Aussagen jedoch von den kirchlichen Institutionen akzeptiert und angenommen werden, so würde dies bedeuten, dass sowohl der Sohn als auch der Geist aus der Lehre von der Trinität fallen, und die Dogmen und vielleicht auch die Institutionen würden in sich zusammenfallen. Was wäre uns alles erspart geblieben, wäre man doch bei den Vorstellungen des Wanderpredigers und seinen authentischen Worten geblieben und hätte nicht solche Kopfgeburten auf Konzilien produziert. Ein Gott als Vater, vielleicht auch als Mutter, mit dem Sohn, einem charismatischen Propheten und einem Geist als die Kraft dieses Gottes in der Welt. Es wäre zu erklären gewesen, den Gläubigen der anderen monotheistischen Religionen, dem Islam und dem Judentum und man könnte sich sogar wieder näher kommen und gemeinsam an einen Gott als Schöpfer dieser Erde glauben, aber so … Solange die Religionen sich dogmatisch und unversöhnlich begegnen, solange wird es keinen Frieden auf dieser Erde geben, sagt auch der Theologe Hans Küng. Denn nicht nur der „Nahe Osten“ versinkt im Chaos und dies nicht zuletzt auch deshalb, weil sich immer wieder die 46 Wenn ein AMerikAnischer Wissen schAftler code-nAMen vergibt … von Menschen erdachten Dogmen und Lehraussagen der Religionen für machtpolitische Interessen der Staatenlenker instrumentalisieren lassen. Es gäbe allerdings noch eine andere mögliche Antwort für unseren „christlichen Mitbruder“ auf die Frage des Moslems und des Juden nach der Dreifaltigkeit des Christentums angesichts des Monotheismus der Religionen. Diese Antwort wäre allerdings alles andere als christlich und auch nicht sehr erfreulich und vielleicht ist sie auch nur noch in Militärkreisen bekannt. Am 16. Juli 1945 um 5:28:45 Uhr zündete die amerikanische Kriegsmaschinerie die erste Atombombe über Japan. Der Code-Name für diese Kernwaffenexplosion lautete: „Trinity (Dreifaltigkeit)“. Auf Nachfrage nannte R. Oppenheimer zur Begründung, dass er bei der Namensgebung für dieses Projekt an ein Gedicht von J. Donne gedacht habe und dort heißt es: „Zerschlage mein Herz, dreifaltiger Gott“. Sollte diese Dreifaltigkeit angesichts des Waffenarsenals in der Welt und angesichts der Politik von „alten Herren“ an den Hebeln der Macht nach den beiden Einsätzen in Japan am Ende des 2. Weltkrieges jemals wieder zum Einsatz kommen, ja dann Gnade uns Gott. Der Menschheit wäre die Anzahl der göttlichen Personen dann sowas von gleichgültig … 47 3 Wenn sich ein Honigtropfen im Meer auflöst … Es sind offensichtlich „Fake News“, die in der Bibel stehen. Die Inhalte dieses am meisten gelesenen Buches der Welt sind mit einer bestimmten Absicht und aus einem persönlich geprägten Blickwinkel geschrieben. Aber niemals deshalb, weil eine historische Begebenheit im Leben Jesu tatsächlich zu schildern war, sondern in erster Linie, um den „Judenchristen“ des ersten Jahrhunderts eine subjektiv gebildete Glaubens- überzeugung mitzuteilen und auch die „Heiden“ für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen. Kein Kapitel, kein Vers und kein Evangelium beschreibt erwiesenermaßen historische Fakten und Tatsachen. Es ging den Evangelisten, als auch dem selbsternannten Apostel Paulus in erster Linie darum, den sich bildenden frühen christlichen Gemeinden die seit Jahren mündlich überlieferten, schon verklärten und überhöhten Geschichten vom Leben und Wirken des Wanderpredigers Jesus zu vermitteln und hierbei auch die eigene Sichtweise auf das Geschehen und die eigenen Intentionen und Absichten kundzutun. Dies auch immer mit dem Versuch, ihre Aussagen mit den Inhalten der Schriften des Judentums in Übereinstimmung zu bringen. Jeder Evangelist tat dies auf seine Weise unter dem mehr oder weniger starken Einfluss der griechischen Philosophie und römischer wie jüdischer Gottesvorstellungen. Eugen Drewermann drückt es so aus: »Die Erzählungen des Neuen Testamentes als historisch im Sinne von harten Fakten auszulegen, das treibt die Zwölfjährigen in den Atheismus«58. 58 Interview mit Eugen Drewermann in der Bielefelder Tageszeitung „Neue Westfälische“ vom 04.10.2016. 48 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Das gesamte Neue Testament breitet die unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven der Autoren über das Leben und Wirken des „Messias“ aus, ohne in erster Linie auf die wirklichen Ereignisse im Leben Jesu Rücksicht zu nehmen. Tatsache ist, dass es ihn gegeben hat, diesen Prediger am See Genezareth, diesen Sohn der Maria und auch sein Kreuzestod ist glaubhaft dokumentiert, aber sonst wissen wir von ihm selbst fast nichts. Bei dem Versuch, den Lebensweg Jesu und sein Wirken in diesem entlegenen Winkel des Römischen Reiches zu verfolgen, begegnet man als erstes dem Tatbestand, dass alle Quellen, die überliefert worden sind, so gut wie ausschließlich aus den Kreisen der Anhänger Jesu stammen und so logischerweise durch den festen Glauben an diese charismatische Persönlichkeit der Geschichte geprägt sind. Man stößt auf erhebliche Schwierigkeiten, will man die Historie nachvollziehen. Man verheddert sich unweigerlich in Widersprüche und Ungereimtheiten, die einfach nicht aufzulösen sind. Schon die Beschreibung und die historische Tatsache der Geburt Jesu, diese wunderbare Geschichte im Lukasevangelium, die jedem Christen seit Kindertagen geläufig ist, sie kann so niemals geschehen sein. Es wäre ja auch zu schön gewesen, so mit Ochs und Esel und mit der Jungfrau Maria … Die mündlichen Überlieferungen der Glaubensvorstellungen der ersten Christen an diesen Jesus ließen nach seinem Tode viele Jahre später aus dem ursprünglichen Glauben an ihn sehr viel Spielraum für erzählerische Ausschmückungen und Ergänzungen wie für Steigerungen von Einzelerinnerungen. In manchen Fällen auch für die Übertragungen von Motiven, Worten und Erzählungen, die ursprünglich ganz anderer Herkunft waren. Die schriftliche Fixierung dieser mündlichen Überlieferungen mit dem zeitlichen Abstand von mehreren Jahrzehnten lassen die erzählerischen Ausgestaltungen und die aus dem Glauben an eine Person entstandenen Absichten der Autoren immer wieder deutlich erkennen. Bei den Ausführungen in der Bibel zur Geburt Jesu stimmt so gut wie gar nichts. Es war den Evangelisten einfach nicht mehr bekannt, weder der Zeitpunkt, noch die Umstände der Geburt Jesu. Und selbst wenn, so hätten sie es verklären müssen, die Geburt eines „Messias“, der doch in Kürze kommen musste, um das jüdische Volk ganz irdisch vom „Joch“ der Besatzung durch die Römer zu befreien, denn ganz Palästina war zu 49 Lebzeiten Jesu und auch danach ein reines Pulverfass mit kriegerischen Auseinandersetzungen, Aufständen und Unruhen allerorten. Nach den Aussagen der Schriften der Juden musste ein möglicher „Befreier“ in jedem Fall aus einem königlichen Geschlecht kommen und ganz sicher auch aus der Stadt Davids. Also konstruierte der Evangelist Lukas eine Geschichte, die dies zu Grunde legt und verlagerte die Geburt Jesu nach Bethlehem. Er legte die Geburt zudem genau in das Jahr, in dem die verhassten Römer einen angeblichen Zensus in Judäa durchführten, der zur besseren Eintreibung der Steuern gedacht war. Doch die Historiker weisen nach, dass es nur jener Zensus gewesen sein kann, der erst im Jahre 6 nach Chr. durchgeführt wurde. Außerdem gibt Lukas an, dass das Geburtsjahr in die Zeit des Herodes gefallen seien soll. Dieser war allerdings schon im Jahre 4 vor Chr. verstorben. So verrechnete sich der Verfasser des Evangeliums schon 60 Jahre nach dem Tode Jesu um mindestens zehn Jahre. Auch die Tatsache, dass sich jeder wegen des Zensus in seine „Vaterstadt“ begeben musste, war ein erzählerischer Winkelzug, um die Stadt Davids ins Spiel zu bringen. Historisch gesehen war dies alles völliger Unsinn. Warum hätten die Römer von dem alten Joseph und seiner Jungfrau verlangen sollen, dass er sich in die Stadt begab, wo angeblich fast 1000 Jahre zuvor einer seiner entferntesten Verwandten einmal gelebt haben sollte? Zudem trat der Statthalter Quirinius in Syrien seinen Dienst auch erst im Jahre 6 nach Chr. an. In dem Evangelium von Markus, um das Jahr 70 nach Chr. geschrieben, ist nichts bekannt von einem Joseph, der gar seine Abstammung auf den König David zurückgeführt haben soll. Hier ist Jesus nur „Marias Sohn“. Eine solche Aussage war in der damaligen Zeit wohl eher eine Formulierung für eine illegitime Geburt. Wollte man die Erzählungen über die Geburt Jesu als historische Fakten nehmen, man würde sich in den biblischen Ausführungen verfranzen. Es ist klar, die gesamte Geburtsgeschichte diente allein der Legende. Die tatsächliche Herkunft Jesu aus dem Ort Nazareth wäre für die thorakundigen Evangelisten doch zu befremdlich gewesen. Auch nach dem Evangelisten Matthäus ist fälschlicherweise der Wohnort der Familie Jesu in Bethlehem. Wir haben es in beiden Evangelien von Lukas und Matthäus mit Geschichten zu tun, in die Motive alttestamentarischer Herkunft, aber auch Vorstellungen aus der antiken Welt aufgenommen und erzählerisch weiterverarbeitet worden sind. Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … 50 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Es mussten zudem für die griechisch schreibenden Evangelisten aufgrund ihrer Vorbildung auch Motive aus der griechischen Mythologie einfließen, nach denen Könige aus der Verbindung einer Gottheit mit einer menschlichen Frau hervorgegangen waren. Viele Zutaten zu dieser Geschichte sind somit aus anderen Gottesvorstellungen anderer Kulturen übernommen worden, die es im Nahen Osten zu dieser Zeit in einer großen Anzahl gab. Doch gerade diese Art der Menschwerdung, die der katholische Katechismus so eindrucksvoll als das Mysterium der wunderbaren Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in einer Person beschreibt59, bleibt für die Gläubigen beider christlicher Konfessionen eine unverständliche Geschichte. Die Theologen sagen deshalb auch, unter Hinweis auf die Briefe des Apostels Paulus, dass die Geburt, seine Umstände und seine Geschichte nicht so bedeutsam sind. Wichtig seien eigentlich nur zwei Ereignisse im Leben Jesu und dass sei sein Tod und seine Auferstehung. Man hätte aber doch auch gern etwas über die Geburt Jesu und seine Umstände gewusst, denn wenn der Beginn des Lebens Jesu schon als Erzählung konzipiert ist und die historische Tatsache für Theologen unbedeutend ist, wie kann man einigermaßen glaubhaft das weitere Leben Jesu in der Bibel verfolgen und sich sicher sein, dass man nicht auch hier wieder einer Legende aufsitzt, die am Ende nur noch als fromme Vorstellung des Evangelisten geglaubt werden kann und somit keine historische Glaubwürdigkeit besitzt? Sie muss leider im Dunkel der Geschichte bleiben, die Geburt des Messias, denn geboren worden ist er wohl, sonst gäbe es ja das gesicherte Faktum seiner Kreuzigung nicht, das der römische Historiker Tacitus so darstellt: »Christus war unter der Herrschaft des Tiberius auf Veranlassung des Prokurators Pontius Pilatus hingerichtet worden«60. Der Geburtstag Jesu am 25. Dezember ist übrigens auch erst seit dem Jahre 350 nach Chr. dokumentiert, denn an diesem Tag pflegten die nach wie vor heidnisch gebliebenen Römer das Fest ihres Sonnengottes zu feiern. Über die Kindheit und Jugend Jesu wissen wir ebenfalls so gut wie nichts. Die Erzählung vom zwölfjährigen Kind im Tempel kann getrost als Geschichte ohne historischen Kern betrachtet werden. Dass charismati- 59 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 149 ff. 60 Zitat des Historikers Tacitus aus: www.wikipedia.org/wiki/ausserchristliche_antike_quellen/… 51 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … sche Persönlichkeiten in ihrer Kindheit durch besondere Fähigkeiten auffielen, war schon in der griechischen Antike ein weit verbreiteter Glaube. Die Texte der Tora wird Jesus vor allem durch die Gottesdienste in den Synagogen kennengelernt haben und deshalb wuchs er auch in der jüdischen Vorstellung von der Naherwartung eines Gottes auf. Er verstand diese Erwartung als direkten Vorgang einer Erlösung des auserwählten Volkes, als konkretes Szenario der Geschichte. Er selbst sprach Aramäisch und arbeitete wohl als Bauhandwerker wie sein Vater, bis er in den Süden des Landes zog, um sich Johannes dem Täufer und seinen Anhängern anzuschließen. Über die Familie selbst wissen wir ebenfalls sehr wenig. Jesus soll angeblich der älteste, aber nicht der einzige Sohn seiner Eltern gewesen sein. Als er mit seinem öffentlichen Leben beginnt, hält ihn seine Familie allerdings schlichtweg für absonderlich und will ihn sogar von der Gesellschaft fernhalten. Er aber zieht mit seinen Anhängern durchs Land, ohne finanzielle Mittel und bittet für sich und seine Jünger um kostenlose Nahrung und Übernachtung. Auch seine Anhänger gehen keiner geregelten Arbeit mehr nach und er verlangte von ihnen, dass sie ihre Besitztümer aufgeben. Zweifellos wird Jesus eine rhetorische Begabung gehabt haben und die Fähigkeit, andere Menschen für seine Sache zu begeistern, doch hielt er sich bewusst nur innerhalb der jüdischen Bevölkerung auf und mied demonstrativ das Gebiet der „Heiden“. Da er niemals mit dem Anspruch auftrat, Gottes Sohn zu sein, verstand er sich als ein Vertreter des apokalyptisch geprägten Judentums. Denn der Inhalt seiner Botschaft war immer auch das unmittelbar bevorstehende Reich Gottes und er meinte damit doch wohl eher eine weltliche Herrschaft. Seine ihm zugeschriebenen Taten und Wunder lassen sich vielfach auf Vorlagen aus dem Alten Testament zurückführen und auf die Übernahme eher heidnischer Traditionen. Oder es sind Steigerungen einer normalen medizinischen Versorgung, die von Evangelist zu Evangelist weiter entfaltet wurden. Heinz-Werner Kubitza sagt hierzu: »Es gibt vom Standpunkt eines kritischen Bewusstseins aus niemals einen Beweis für irgendwelche Wunder Jesu … für Vorgänge, die die Naturgesetze sprengen, es ist viel einfacher, innerweltliche Erklärungen anzunehmen …«61. Dass Jesus als Exorzist gewirkt und böse Geister, Dämonen und Teufel ausgetrieben hat, wird in der Bibel ausdrücklich erwähnt. Der antike 61 Heinz-Werner Kubitza, Der Jesuswahn, a. a. O., Seite 116. 52 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Mensch zur Zeit Jesu konnte sich das Verhalten von Epileptikern und psychisch kranken Menschen nur so erklären, dass hier der Satan und Dämonen am Werke waren. Die Tatsache, dass die katholische Kirche nach wie vor, sogar verstärkt seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, wieder Teufelsaustreibungen praktiziert und beinahe 250 Exorzisten weltweit beschäftigt, macht die Sache auch nicht besser. Zumal noch zu Anfang des 21. Jahrhunderts Papst Benedikt XVI und auch Papst Franziskus sich gegen das Böse und für Teufelsaustreibungen ausgesprochen haben und diesen so „wichtigen“ Dienst offiziell anerkannten62. Der Kern der Verkündigung Jesu war jedoch, und darin ist sich die aktuelle neutestamentliche Forschung einig, der unmittelbar bevorstehende Anbruch einer Gottesherrschaft. Und hier unterlag er einem folgenschweren Irrtum. Jesus selbst rechnete mit dem Ende der Welt und der Einsetzung einer göttlichen Macht. Diese Vorstellung war nicht gedacht als Reich über den Himmeln, sondern sie war höchst irdisch geprägt. Seine Vorstellungen von einem „Jüngsten Gericht“ waren nach dem Verständnis der Evangelisten auch verbunden mit einem Glauben an den Teufel und an Höllenvorstellungen. Diese Annahme ist dann später von den Kirchenvätern in Konzilien weiterentwickelt worden. Eine solche Theologie macht sich zu eigen, dass die Mehrheit der Menschen von einem Gericht Verurteilungen erfahren werden und sie dann, als Folge, Feuer- und Höllenqualen nach dem Tode zu ertragen haben. Jesus war ein Prophet mit enormer Ausstrahlung, ohne jede Schulbildung, wahrscheinlich Analphabet, aramäisch sprechend, der die Apokalypse nach den Vorstellungen der Thora predigte. Jesus hat viel getan, jedoch nie die von den Klerikern behauptete Unsterblichkeit einer menschlichen Seele gepredigt. Er ist umhergezogen, mit einfachen Leuten und seine Verkündigung richtete sich ausdrücklich nicht an alle Menschen, sondern nur an die, die innerhalb seiner jüdischen Vorstellungsund Lebenswelt waren. Dummerweise hat niemand für die Nachwelt seine Worte und Taten protokolliert, denn die Jünger hatten keine Veranlassung, selbst wenn sie es gekonnt hätten, für nachfolgende Generationen Worte festzuhalten, die noch zu ihren Lebzeiten das Ende der Welt verkündeten. So sind wir leider nur auf die viel später geschriebenen, mündlich überlieferten Aussagen der Evangelisten angewiesen. Nicht zuletzt aus diesem 62 Vgl. hierzu den Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 03.07.2014. 53 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Grund ist nicht mehr viel geblieben von diesem Wanderprediger in Galiläa. Die wachsende Zahl seiner Anhänger hat sich Jesus und seine Vorstellungen im Laufe der Jahre so zurechtgebogen, wie sie ihn tatsächlich gern gehabt hätten. Seine Verhaftung und Kreuzigung und als Folge sein Tod war für die kleine Anhängerschar eine Schock. Seine angeblich vorher gemachten Leidensankündigungen in der Bibel gelten ausschließlich als Fälschungen, darüber ist sich die gesamte kritische Bibelforschung heute einig. Was genau zu seiner Verhaftung und zu seiner Anklage geführt hat, ist nicht mehr zu klären, spätere christliche Deutungen dieses Geschehens haben gerade die Stellung und Person Jesu mehr überlagert als alles andere. Die Passionsgeschichte, so wie sie in den Evangelien erzählt wird, ist ein geradezu eklatantes Beispiel dafür, wie historische Fakten zur Legende werden, wie mögliche Tatbestände manipuliert und Vorgänge voreingenommen wiedergegeben werden. J. Roloff schreibt zu den Passionsgeschichten: »Der Ablauf ist schnell erzählt, wenn man die tendenziösen Ergänzungen und Ausschmückungen bei Seite lässt …«63. Schon die Abendmahlsworte Jesu beim Pessachmahl sind nichts anderes als Worte, die Jesus erst viel später nach seinem Tode in den Mund gelegt worden sind. Die Exegeten beschreiben es als religionsgeschichtliche Kultuslegende. Sie sind zwar vorsichtig, um der Amtskirche nicht auf die Füße zu treten, aber in ihren Aussagen sind sie nicht weniger deutlich. Die »Abendmahlsüberlieferungen sind stark liturgisch geprägt … deshalb ist es äußerst schwierig zu entscheiden und auch sehr umstritten, ob und in wieweit gerade die in der Bibel formulierten Abendmahlsworte … für den historischen Jesus reklamiert werden können«64, so der Theologe Martin Ebner. Klar ist, dass die genaue Formulierung möglicher Abendmahlsworte nicht mehr festzustellen ist. Auch der Bericht im Garten Getsemani ist die reinste Flunkerei. Denn wenn die Jünger, wie Markus berichtet, sogar dreimal von Jesus schlafend angetroffen werden, wie sollen sie da die Zwiesprache Jesu mit seinem Vater mitbekommen haben. Sie hatten schlicht und einfach „gepennt“. Und schon deshalb kann eine Beschreibung dieses Ereignisses nicht authentisch bis zu den Evangelisten weitergegeben worden sein. 63 Jürgen Roloff, Jesus, Verlag C.H. Beck, München, 5. Auflage 2012, Seite 113. 64 Martin Ebner, Jesus von Nazareth, Verlag katholisches Bibelwerk, Stuttgart, 5. Auflage 2016, Seite 152. 54 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Man kann nichts anderes tun, als zu konstatieren, dass niemand genau weiß, wie dieses Geschehen wirklich abgelaufen ist, so wie es geschildert wird, kann es nicht gewesen sein. Der Historiker Manfred Claus beschreibt es noch deutlicher: »Die Passionsgeschichten aller Evangelisten haben mit dem historischen Geschehen ungefähr so viel zu tun, wie der berühmte Film „Das Leben des Brian“ …«65. Die Beschreibung der Gerichtsszene und die verzerrte Darstellung der Schuld des jüdischen Volkes an der Verurteilung Jesu ist historisch gesehen eine Katastrophe. Man kann den Evangelisten nur zu Gute halten, dass sie nicht wissen konnten, wie verheerend ihre Formulierungen für das jüdische Volk in der Geschichte werden sollte und wie ein Satz: »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder« (Mt 27,25) für die Nationalsozialisten Argumente lieferte. Zur wahrheitswidrigen Behauptung, nicht die Römer, sondern die Juden hätten Jesus umgebracht, hat die Kirche vor allem im sogenannten „Dritten Reich“ nur allzu häufig geschwiegen. Auch hier hat die Forschung nie klären können, wie die Verurteilung Jesu wirklich abgelaufen ist. Die Entlastung der Römer von der Verantwortung für den Tod des Messias und die Belastung der Juden war offensichtlich die gewollte Absicht der Evangelisten. Ein Mann wie Pilatus war dafür bekannt, kurzen Prozess zu machen und schon deshalb kann diese Geschichte nicht dem tatsächlichen Ablauf entsprechen. Rudolf Augstein beschreibt zudem das Dilemma: Die Machthaber der damaligen Welt hatten »Gottes Weisheit nicht erkannt … sonst hätten sie den Herrn nicht gekreuzigt … denn sie mussten ja den Willen Gottes vollstrecken«66. Auch Pilatus musste die Absicht Gottes erfüllen und »Gott hat die Juden damit bewusst ins Unheil laufen lassen«. Dass Soldaten des Römischen Reiches mögliche Folterungen und die Hinrichtung Jesu durchgeführt haben, ist ein gesichertes Datum. Alle seine Anhänger hatten sich „in die Büsche geschlagen“. Kein Jünger sieht der Kreuzigung auch nur von Ferne zu, keiner von Jesu Brüdern, auch seine Mutter nicht. Über das Todesjahr selbst wissen wir nichts und es ist schon erstaunlich, dass zum einzig gesicherten historischen Faktum der Kreuzigung die Evangelisten keinerlei Jahresangaben machen. Auch 65 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, Rowohlt Verlag, Berlin, 1. Auflage 2015, Seite 56. 66 Rudolf Augstein, Jesus Menschensohn, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1. Auflage 1999, Seite 243 f. 55 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … der Evangelist Lukas, der die Geburt Jesu mit umfangreichen Datenangaben versieht, er schweigt an dieser Stelle. Man stellt sich bei all diesen Beschreibungen zum Tode Jesu die Frage, warum eigentlich das Ganze? Warum muss ein Gott seinen eigene Sohn foltern und hinrichten lassen, ihm einen so qualvollen Tod bereiten, welchen Sinn soll so etwas gehabt haben? Wenn wir in den Katechismus der katholischen Kirche schauen, so wird dort erklärt, dass es Gottes Plan gewesen sein soll, in diesem Sinne zu verfahren. Gott selbst wollte »durch den gewaltsamen Tod des Knechtes Jesus das Heil schaffen«, denn all dies sei ja in der Schrift der Juden vorab angekündigt worden. Es gehöre »zum Mysterium des Planes Gottes, … Jesus nach seinem Ratschluss und Vorauswissen hinzugeben«67. Was war das bloß für ein Heilsplan Gottes, wenn er die Ermordung seines einzigen Sohnes zuließ, ihn hingab, für unsere Sünden? Wie kann jemand sich selbst hingeben, um die Sünden der Menschen zu tilgen, gar den „Fehltritt“ von Adam und Eva wiedergutmachen, der zur sogenannten Erbsünde geführt haben soll? Wie diese Erbsünde tilgen, die Gott selbst doch vorher nach seinem eigenen Plan erst ermöglicht und zugelassen hatte? Hatte denn Gott vorher keinen richtigen Plan? War der Fehltritt von Adam und Eva gar nur eine Bagatelle? Handelte es sich vielleicht um eine Art Sadomasochismus, wenn ein Gott sich selbst als Sühne für die Verfehlungen der Menschheit foltern und hinrichten lässt? Wenn ein Gott uns unsere Sünden vergeben will, warum vergibt er sie dann nicht einfach, ohne sich selbst dafür foltern und hinrichten zu lassen? Liest man im Katechismus der Kirche weiter, so wird deutlich, was der Plan war. Wobei auch hier gesagt werden muss, dass es nicht Gottes Plan war, sondern es ist klar, dass alle neutestamentlichen Aussagen und Zitate in der Bibel, die den Tod Jesu als sogenanntes „Heilsereignis“ interpretieren, erst nach dem Tode Jesu durch Menschenhand entstanden sind. Doch was sollte eine solche theologische Lehre, die seit Paulus und in der Folge durch Augustinus ausformuliert worden war und die Jesus als den Erlöser der Menschheit pries, der die Menschen nicht nur von den Sünden Adams und Evas, sondern auch von allen zukünftigen Sünden der gläubigen Menschheit befreit hatte? 67 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 185. 56 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Es ist eindeutig, die Theologie spricht von einem „Loskauf “, von einem Kauf, der die Menschen aus der Sklaverei der Sünde befreit. Und das zu glaubende Dogma der Kirche zum Kreuzestod drückt es dann explizit so aus: »Christus hat uns durch seinen Opfertod am Kreuz losgekauft und mit Gott versöhnt!« Man fragt sich spontan, von wem wird hier losgekauft und warum diese Art von Versöhnung? Der allmächtige Gott hätte es wirklich einfacher gestalten können. Jeder halbwegs nachdenkende Mensch hält es für einen unmöglichen Gedanken, dass Jesus, also Gott selbst, vor fast 2000 Jahren in seinem Kreuzestod Schuld und Strafe aller Menschen auf sich genommen und diese dann beseitigt haben soll. Sucht man in der Bibel nach erhellenden Fakten zum Vorgang dieser Kreuzigung und zu seinem Vollzug, so werden wir auch in diesem Falle enttäuscht sein. Im Markusevangelium heißt es zweimal lapidar: »Und sie kreuzigten ihn …« (Mk 15,24). Die Bibel und auch der Katechismus helfen also nicht weiter. Es bleibt nach wie vor der nicht zu übersehende Einwand ungeklärt, wieso sich Gott selbst in der Person seines Sohnes für die Menschheit opfern soll, wieso er darauf angewiesen sein soll, seinen Sohn auf diese Weise sterben zu lassen. Man muss sich die Situation einmal vor Augen führen. Die Jünger hatten sich aus Angst, selbst verfolgt und getötet zu werden, verkrochen. Ihr Messias, der das Kommen des Erlösers gepredigt hatte, um das gesamte jüdische Volk von dem „irdischen Joch“ und vor allem von der Last der Unterdrückung durch die römische Besatzung zu befreien, er war hingerichtet worden, wie ein Verbrecher. Aber ein Messias konnte doch nicht einen so schändlichen Tod gestorben sein! Da die Jünger bei der Verhaftung Jesu alle geflohen waren, konnten sie von seinem Schicksal eigentlich nur wissen, dass er tatsächlich gekreuzigt und als Folge sicher auch gestorben war. Ob er anständig unter die Erde gebracht worden war oder nicht, wussten sie nicht. Die Legende von Joseph von Arimatäa, der Pilatus um den Leichnam gebeten haben soll, ist gewiss eine fromme Erfindung des Evangelisten. Zumal es in der Nähe der Kreuzigungsstätte auch Gräber gab, vermutlich Mas- 57 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … sengräber für solche, die auf diese Weise exekutiert worden waren und die dann dort auch verscharrt wurden. Die Historiker sind sich jedoch einig, dass trotz des Schocks, der bei den Anhängern des Wanderpredigers tief saß, dieses schreckliche Ereignis dann doch relativ schnell verarbeitet worden ist. Schon kurze Zeit nach diesem schrecklichen Geschehen ging es im wahrsten Sinne des Wortes darum, da der Tod des „Meisters“ nicht mehr zu leugnen war, die Botschaft Jesu trotzdem zu glauben, sie nachvollziehen zu können und sie zu verstehen, obwohl sie durch seinen grausamen Tod entkräftet worden war. Die Theologen sprechen davon, dass es die erste große theologische Leistung der entstehenden Kirche war, den Tod Jesu am Kreuz umgedeutet zu haben. Aus dem religiösen Verlierer haben die frühen Christen aufgrund der Gewissheit seiner Auferstehung einen Sieger gemacht. Sein Leben und sein Wirken und sein blutiges Ende konnte nur dann verstanden werden, wenn der Tod nur zum „Schein“ war. Daher war es notwendig, dass er sich aus dem Grabe erhob, ja dass er auferstand. Die angeblichen Erscheinungen des Getöteten bei seinen Jüngern ließ die Hoffnung aufkeimen, dass somit doch nicht alles umsonst war. Da sich Jesus allerdings nur seinen Anhängern und nicht der allgemeinen Öffentlichkeit gezeigt haben soll, sind die Jünger sicher die denkbar schlechtesten Zeugen für eine glaubwürdige Auferstehungstat. Doch die Idee, dass jemand aus dem Tode zurückkam, sozusagen zum ewigen Leben wieder auferstand, diese Idee entsprach auch den Vorstellungen der antiken Welt mit ihren Gottheiten. Es gab Götter, denen ähnliches widerfahren war, zum Beispiel Dionysos oder Heraklet, Adonis oder Osiris. Und so tauchen die Standardmuster von Göttern vieler „Hochreligionen“ im Nahen Osten auch im Neuen Testament wieder auf. »Um es gleich vorwegzunehmen«, sagt Heinz-Werner Kubitza, »kaum ein Neutestamentler misst den Auferstehungslegenden irgendeinen historischen Wert bei«68. Zumal im frühesten Evangelium nach Markus keine Berichte über Erscheinungen nach der Auferstehung genannt sind, sondern nur von Gestalten die Rede ist, die eher ungläubiges Staunen hervorrufen. Das Auferstehungsgeschehen selbst bleibt wohl eine nachträgliche Erfindung und legendäre Beschreibung der frühen christlichen Gemeinden 68 Heinz-Werner Kubitza, Der Jesuswahn, a. a. O., Seite 192. 58 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … und somit auch der Evangelisten. Alle Auferstehungslegenden werden allgemein als unhistorisch und nicht zutreffend bezeichnet. Um dieses elementare Ereignis jedoch dogmatisch aufrechterhalten zu können, helfen sich die Lehrer der Kirche wieder einmal selbst. Wie immer in solchen Fällen, flüchten sie ins Mysterium. Die Auferstehung Christi sei »Gegenstand des Glaubens: transzendenter Eingriff Gottes selbst in die Schöpfung und in die Geschichte«69. Und an anderer Stelle kommt es dann ganz dicke: »Im tiefsten bleibt es … ein Geheimnis, vor dessen Unbegreiflichkeit wir zuletzt im angebeteten Schweigen verstummen müssen«70. So lasst uns jetzt verstummen, denn ein weiteres Dogma der Kirche bleibt standhaft und es heißt dort: »Am dritten Tage nach seinem Tode stand Christus glorreich von den Toten auf«. Der Katechismus der katholischen Kirche wird nicht müde, den Auferstandenen in seinem „irdischen Leib“ zu beschreiben und sagt, dass »das Mysterium der Auferstehung Christi ein wirkliches Geschehen ist, das sich geschichtlich feststellbar manifestiert hat …«. Der Katechismus gibt aber kurz danach auch zu, dass »in der Tat niemand Augenzeuge des Ereignisses selbst war und kein Evangelist die Auferstehung schildert, … noch könnte ihr innerstes Wesen, der Übergang in eine andere Welt, durch die Sinne wahrgenommen werden …«71. Mir scheint, Jesus selbst hat mit seiner Auferstehung nicht das Geringste zu tun. Sein Weg endet als gescheiterter Wanderprediger, der die Naherwartung des Gottesreiches predigte. Alles weitere ist der Vorstellungswelt seiner Anhänger entsprungen. Was mit seiner Leiche wirklich geschah, wir wissen es nicht und sein Tod am Kreuz hatte für seine Jünger bis dahin noch keine überzeugende Begründung. So gingen die ersten christlichen Gemeinden denn hin, vor allem mit Hilfe der Briefe des Paulus und der Schriften nachfolgender Kirchenväter, den Tod Jesu umzudenken. 69 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 200. 70 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, Grünewald Verlag, Ostfildern, 5. Auflage 2013, Seite 435. 71 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 199 ff. 59 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … U. Ranke-Heinemann glaubt, dass bei »dem Bemühen, dem Tod Jesu einen Sinn zu geben, nur Unsinn hervorgebracht werden kann, weil man eine Tötung rechtfertigen will, die nicht zu rechtfertigen ist«72. Die frühen Christen stellten sich die Frage trotzdem. Wie kann man nur ein so schreckliches Ereignis wie eine Hinrichtung positiv deuten? Sehr schnell setzte sich die Vorstellung durch, dass das stellvertretende Leiden als Leiden für die Sünden der Menschheit zu verstehen ist. Vor allem der Kirchenvater Augustinus formulierte später die Gnadentheologie des Paulus weiter und entwickelte das theologische Gedankengebäude einer Erlösung von der Ursünde. Er erdachte die Erbsünde als die durch die geschlechtliche Vermehrung übertragende Fortdauer des Sündenfalls und damit dieses angebliche Ereignis als den Beginn einer „Teufelsherrschaft“ über die Menschheit und dies nur durch einen simplen „Apfelbiss“. Man muss zugeben, es ist schon eine sehr eigenwillige Theorie, die der Kirchenvater Augustinus da entwickelt hat. Es musste zwingend ein Gott hingerichtet werden zur Tilgung einer Schuld, die der Mensch Adam auf sich geladen haben soll, eine Person, die es ganz sicher niemals gegeben hat. Die Geschichte von der sogenannten Vertreibung aus dem Paradies ist zweifelsfrei keine „Apfelgeschichte“ und fraglos auch keiner einzelnen Person, oder besser zweien, zuzuschreiben. Wenn überhaupt, so war es zweifellos ein ganz anderes historisch bedeutsames Ereignis, das die Menschheit als „Sündenfall“ hat durchleben müssen. Irritierend wirkt auch die Tatsache, dass ein Mensch, der gleichzeitig auch Gott ist, für die Sünden der Menschheit sterben muss. Dann aber doch nicht tot ist, sondern drei Tage später wieder auftaucht. Auch da fehlt dem ungläubigen Betrachter die Logik. Und dann soll auch noch, nach den Vorstellungen der Kleriker, die Seele Jesu in die Unterwelt, was immer das auch ist, gestiegen sein, um die Seelen aller bisher gelebten „Gerechten“ zu befreien. Die Dogmatikliteratur sagt zu diesem Punkt, dass die Tradition der Kirche die Tatsache des Abstiegs Christi in die Unterwelt bezeugt. Man hätte doch besser sagen sollen, dass die Christen seit Generationen einfach deshalb daran zu glauben haben, weil die Theologen es ihnen immer wieder „aufgetischt“ haben. 72 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, Heyne Verlag, München, 10. Auflage 1992, Seite 395. 60 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Das Dogma der Kirche sagt es klar: »Nach dem Tode stieg Christus mit der vom Leib getrennten Seele in die Unterwelt hinab«. Wenn das so ist, stellen sich auch hier dem Zweifler sofort eine Menge Fragen: Was war denn bei dem Hinabstieg mit dem Leib Jesu? Hatte die Verwesung, zumal bei den Temperaturen im Heiligen Land, schon eingesetzt? Was war mit der göttlichen Natur dieses Menschen, wo war sie in dieser Zeit? Wie und wo hat man sich die Unterwelt vorzustellen? Jedes neue Dogma der Kirche erzwingt immer wieder neue theologische-dogmatische Wortakrobatik, löst aber trotzdem keine einzige Frage des gläubigen Volkes. Wie dem auch sei, die theologische Idee der Erlösung des Menschengeschlechts von der Erbsünde verlangt nach der reinen Lehre allemal von dem Sohn Gottes ein Opfer. So sagt es das nächste Dogma: »Der Gottessohn ist Mensch geworden, um die Menschen zu erlösen«. Zurück bleibt große Ratlosigkeit: Wie kann die Erlösung der Menschen durch den Tod eines Gottes vollzogen werden? Wie kann meine persönliche Schuld durch den Tod eines Gottes gesühnt werden? Eine solche Idee basiert einzig und allein auf dem Opfergedanken. So wie in der Antike und vor allem auch im Judentum dem Gott Opfergaben dargebracht wurden, um die Gottheit milde zu stimmen und sie zu bitten, ganz irdisch, Krankheiten, Katastrophen und den Tod abzuwenden, so brachten die Menschen ihrem Gott das Opfer dar, in welcher Form auch immer. Und es stellt sich auch hier die Frage: Wer bringt denn beim Kreuzestod Jesu eigentlich das Opfer? Der Katechismus sagt, »der Vater gibt seinen Sohn dahin, um uns mit sich zu versöhnen …«73. Aber es steht doch nicht Gott in der Schuld, sondern nach der christlichen Lehre die gesamte Menschheit. Es erscheint völlig unverständlich, wie man von Sünden reingewaschen werden kann, als Mensch, wenn man den Sohn jenes Gottes tötet, der einem die Sünden vergeben soll. Wenn Gott angeblich den Tod sei- 73 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 186. 61 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … nes Sohnes annimmt, so erleidet doch er einen schweren Verlust. Damit kann doch bei Gott keine Schuld ausgeglichen werden. Auf der Suche nach dem Sinn des Kreuzestodes Jesu, so meint man, sollte zumindest die Dogmatik-Literatur der Kirche ein halbwegs erklärbares Konzept entwickelt haben. Auch wenn nur ein überzeugter Christ daran glauben kann, so sollte dieses Konzept doch verständlich formuliert sein. Wir schauen nach und es wird auch verständlich! Dies aber erst dann, wenn man die Lehre der Kirche weiter verfolgt, dort heißt es dann: »Christus hat uns durch seinen Opfertod am Kreuz losgekauft und mit Gott versöhnt«74. Nun versteht man auch die Formulierungen im Katechismus, in denen vom Loskauf die Rede ist. Eine geradezu primitive Vorstellung, dass Gott der Allmächtige jemanden loskaufen muss. Denn mit einer solchen Theologie ist man sofort im Umfeld von Göttern, Teufeln, Dämonen und bösen Geistern. Es wird peinlich und deshalb von Klerikern heute kaum noch laut gesagt: Gott kauft vom Teufel, einem ebenbürtigen Geschäftspartner, die Menschheit los! Der Teufel muss aber doch auch ein Geschöpf des allmächtigen Schöpfergottes gewesen sein. Denn neben dem „guten“ Sohn muss ja auch ein „missratener“ Sohn existieren, der nach einem eher unbedeutenden Apfelgenuss der ersten Menschen die ganze Menschheit in seinem Griff hat. So sind wir nun doch noch angekommen bei einer ganzen Gruppe von Göttern, trotz eines Gottes, der zunächst nur der eine und einzige gewesen war, sich dann aber doch nicht behaupten konnte gegen die drängenden Erklärungsbedürfnisse der frühen Kirchenväter und die frommen Wünsche der Christenheit. Wenn man genau hinschaut, so sind wir nun bei beinahe fünf Göttern, denn man sollte auch die Mutter Jesu und dies nicht nur im katholischen Polen, wohlwollend dazustellen. Die biblischen Texte sprechen eindeutig von einem Lösegeld, das zu bezahlen ist, zur Befreiung der Menschen von der Teufelsherrschaft. »Das Blut Christi ist der hohe Preis, der für die Erlösung dem Teufel gezahlt werden musste …«. Nur ein göttliches Wesen kann demzufolge von einem göttlichen Wesen ein Opfer akzeptieren. Und so wird nun doch noch ein Schuh draus. Die Erlösungstheologie wurde im Wesentlichen vom Kirchenvater Augustinus entwickelt, er machte aus dem Apfelbiss den Sündenfall der gesamten Menschheit und den Beginn einer „Teufelsherrschaft“. »Got- 74 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 223. 62 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … tes Zorn wurde gestillt, indem wir seinen Sohn töteten. Irgendwie muss das Gott gefallen haben. Er hat es jedenfalls so gewollt …«75. Ich befürchte jedoch, der Mensch Jesus starb für niemanden, sondern Jesus starb nicht für die Menschen, sondern ganz alleine durch die Foltermethoden der Römer und die Grausamkeiten der Menschen. Der biblische Bericht über eine Himmelfahrt Jesu, 40 Tage nach seinem Tod, ist ebenfalls nur eine Fabel der Evangelisten. Diese Himmelfahrt ist genauso wenig zu denken, wie ein Hinabstieg in die Unterwelt. Doch das irdische Leben Jesu konnte ja nicht einfach so weiter geführt werden, nachdem, was angeblich so alles geschehen war. So kam man konsequenterweise auf die Himmelfahrt eines Gottes, denn ähnliche Himmelfahrtsgeschichten wurden in der Antike von vielen Männern erzählt, so zum Beispiel auch von Alexander dem Großen. Für die sich entwickelnden frühen Christengemeinden musste ein schlüssiges Ende des Erdenwandels Jesu gefunden werden und so kam die Idee von einer Himmelfahrt gerade recht. Denn man stelle sich das einmal vor, da lebt ein Gott ganz erdverbunden als Bauhandwerker unter den Menschen und entschläft dann im Greisenalter ganz sanft im Kreise seiner Familie. Undenkbar! So entstand die andere, nicht denkbare Vorstellung per Dogma für alle Gläubigen: »Christus fuhr mit Leib und Seele in den Himmel auf und sitzt nun zur Rechten des Vaters«. Dies alles soll sich nun so zugetragen haben? Ein Gott mit einem irdischen Leib, mit einer verklärten Seele und dieser Gott schaut seit der Himmelfahrt von „oben“ auf die Menschheit herab. Man kommt nicht raus aus der Bredouille, die Theologie schafft sich mit immer neuen Kopfgeburten, neuen Hypothesen und neuen Spekulationen immer neue Probleme, die, und das ist in der Kirchenhistorie sehr gut zu verfolgen, zu immer neuen Gedankengebäuden und diese dann zu immer neuen Lehrsätzen und Dogmen führen müssen. Auch Rudolf Augstein sagt zu diesem Thema: »Nicht was der Mensch Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode mit 75 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 201. 63 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … ihm gedacht, gewollt, getan worden ist, das hat die christliche Religion bestimmt …«76. Die Kirchenhistoriker haben es deutlich herausgearbeitet: Nachdem das kommende Gottesreich, das von den frühen christlichen Gemeinden erhofft worden war, ausblieb und die dritte Christengeneration gestorben war, verstärkten sich bei der Entwicklung der Kirche zwei Prozesse. Der erste Prozess war, dass nicht mehr die Erlösung des jüdischen Volkes und die nahe Herabkunft eines Gottesreiches bevorstand, sondern dass ab jetzt die Vorstellung einer Befreiung der individuellen menschlichen Seele und deren Erlösung durch den Tod Jesu mit dem Versprechen einer Gottesanschauung erst nach dem Ableben in den Vordergrund rückte, wenn man denn gottesfürchtig gelebt hatte. Das biblisch begründete „Jüngste Gericht“ wurde mehr und mehr durch ein individuelles Gericht ersetzt. Das frühe Christentum vertagte einfach die Erlösungserwartung ganz auf das Leben des Individuums nach dem Tod. So hatte man jetzt ein theologisches Konzept entwickelt, das die Macht eines allwissenden Gottes beschreibt, der das Verhalten der Menschen im Auge behält und jeden Einzelnen am Ende seines Lebens zur Rechenschaft zieht. So war ein Ort gefunden, an dem sich die göttliche Gerechtigkeit erst nach dem Tode vollzieht. Der zweite sich abzeichnende Prozess war bis in das 5. und 6. Jahrhundert nach Chr. hinein die Vergöttlichung des Menschen Jesus, der zu einem göttlichen Wesen, ja zum Sohne Gottes wurde und trotzdem gleichzeitig Mensch in einer Person bleiben musste. Zwar versöhnt sich ironischerweise Gott durch seinen Kreuzestod mit sich selbst, aber es nützte ja nichts, auch wenn sich hier „Abgründe“ auftun. Es musste über die Jahrhunderte hinweg eine theologisch-dogmatische Lösung erstritten werden, die dann auch als Dogma festgezurrt wurde: »Jesus ist auch als Mensch der natürliche Sohn Gottes«. Allemal floss Blut …, nicht nur am Kreuz, sondern auch beim jahrelangen Streit der Kirchenväter um solche dogmatischen Positionen. Obwohl kaum ein biblischer Inhalt authentisches Wort Jesu ist, so ist doch eines unbestritten: Dieser Jesus dachte nicht im Traum daran, sich als Gott oder gar als Gottes Sohn zu bezeichnen und schon gar nicht als zweite Person einer Trinität, gar wesensgleich mit dem Vater. Er war 76 Rudolf Augstein, Jesus Menschensohn, a. a. O., Seite 15. 64 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Jude und lebte als Jude und war in der Religion des Judentums tief verwurzelt. Sich zum Gott zu erheben, so etwas lag ihm fern. Gar eine Gottesvorstellung von drei Gottheiten, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist als einen monotheistischen Gott zu verstehen, es hätte ihn wohl intellektuell überfordert. Über hunderte Jahre nach seinem Tod musste die entstehende junge Kirche jedoch auf Konzilien und Synoden, nachdem sie Jesus zur Gottheit erhoben hatte, konsequenterweise diese theologische Kon struktion zu Ende denken. So wurde aus dem Sohn eines Gottes auch eine Person, die nicht nur Gott, sondern auch ganz Mensch war, denn gelebt hatte er ja, mit Fleisch und Blut. Es war aber auch klar, dass dieser menschliche, historisch existente Jesus so langsam aber sicher durch die mündlichen Überlieferungen aus den Köpfen zu entschwinden drohte und von der Wirkung seiner Person und seinen Aussagen nicht mehr viel übrig geblieben war. Daher entwickelte man, intellektuell sehr anspruchsvoll, den Sohn eines Gottes als zweite Person der Dreifaltigkeit weiter zu einer Person mit zwei Naturen. Mit einer menschlichen und mit einer göttlichen Natur und dies alles in einer Person. Es wurde logischerweise die zweite Person der Dreifaltigkeit jetzt in zwei Naturen geteilt, denn man musste ja auch den Menschen Jesus irgendwie in das gesamte theologische Gottes-Gebilde einbauen. Die historische Entwicklung dieses Prozesses zu verfolgen ist zum Verständnis der kirchlichen Dogmatik zwar nicht zwingend erforderlich, doch immer wieder aufschlussreich. Sie macht in geradezu beispielhafter Weise deutlich, wie sehr die Kirche mit ihrer institutionellen und dogmatischen Ausrichtung, mit ihren Glaubensgrundlagen und Glaubensbekenntnissen reines Menschenwerk ist. Den Jesus der Bibel erkennt man nicht wieder, dafür eher das Schlechte im Menschen und hier vor allem das böswillige und niederträchtige in den Repräsentanten der sich entwickelnden christlichen Kirche. Das Wort Streit ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Es wurden Kämpfe ausgetragen mit einer Brutalität und Härte, wie sie das frühe Christentum bisher noch nicht erlebt hatte. Die Auseinandersetzungen um die Frage, ob Jesus wesensgleich mit dem Vater sei, oder ob er diesem untergeordnet sei, und damit verbunden die Entscheidungen der Konzilien von Nicäa im Jahre 325 und Konstantinopel im Jahre 381 zur Trinitätsfrage, sie waren schon mit sehr harten Bandagen geführt worden. Doch die Klärung der Frage, ob Jesus, wenn 65 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … er denn nun wesensgleicher Gott war, mit dem Vater und dem Heiligen Geist, ob er nun auch vollwertig Mensch war, mit Leib und Seele, mit Bewusstsein und Wille, diese Frage hielt weite Teile der Christenheit bis in das 7. Jahrhundert hinein in Atem. Die Aggressivität innerhalb der einzelnen christlichen Gruppierungen in den Zentren des Christentums von Alexandrien, Antiochien, Konstantinopel und Rom und die Intoleranz unter den Gemeinden, war das einzige, was sie verband. Ihre starre Haltung, ihr überzogenes Sendungsbewusstsein ließ bei der Jesusfrage keine gemeinsame Lösung zu. Die ersten christlichen Gemeinden, vor allem im östlichen Mittelmeerraum hatten die Gottheit Jesu entsprechend ihrem Auferstehungsglauben ganz naiv behauptet, ohne sich Gedanken über das Verhältnis von Gott-Vater zu Gott-Sohn zu machen, oder gar der Frage nachzugehen, wie denn Jesus als Gott und als Mensch zu verstehen sei. Mal sprachen sie von mehreren göttlichen Personen, mal stellten sie die Gottheit Jesu besonders heraus. Dies war für sie vor allem deshalb auch kein Problem, weil den Menschen der Antike Götter durchaus vertraut waren und sie die Söhne von Göttern aus anderen Kulturen durchaus kannten. Diese Götter der Römer und Griechen waren eigentlich wie sie, nur lebten sie anderswo und waren unsterblich. Es gab in der Antike Gottessöhne genug. Herrscher altorientalischer Großreiche wurden als Gottessöhne bezeichnet, in Ägypten bezeichnete man schon weit vor Christus die Söhne des Pharaos als Gottes Söhne und auch im Hellenismus wurde Alexander der Große als Sohn des Zeus verehrt. Auch Augustus in Rom bezeichnete sich selbst als Sohn Gottes. Der Konfliktstoff und die beginnenden Diskussionen in der vor allem philosophisch gebildeten Christenheit über die Frage, wie Jesus als Gott und gleichzeitig als Mensch zu verstehen sei, sie war ab dem 4. Jahrhundert nicht mehr aufzuhalten. Vor allem der Zustrom von hellenistisch gebildeten Gläubigen der Kirche, aber auch die antichristliche Polemik der sogenannten heidnischen Welt machte eine ernsthafte Auseinandersetzung um die Frage nach dem einen Gott, dem Gottessohn und dem Menschensohn zwingend erforderlich. Wie ließ sich aber ein Gott und ein Mensch in einer gelebten Person verstehen? Wie konnte das sein, ein Mensch wird Gott, erst Messias, dann Gottes Sohn, dann auch noch die zweite Person einer Trinität? In den folgenden Auseinandersetzungen galt es, durch das Bibelwort und 66 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … durch die authentischen Überlieferungen zu klären, wie dieser Jesus Gottes Sohn und zugleich auch Menschensohn sein konnte. Was Jesus wirklich war und wollte, wir werden es wohl nie mehr erfahren. Doch die Kirchenväter des 5. Jahrhunderts wollten es genau wissen, oder besser gesagt, sie glaubten es genau zu wissen und der Streit darüber eskalierte. Selbst der Heilige Geist, der ja erst kurz zuvor zu „göttlichen Ehren“ gekommen war, auch er konnte nichts mehr richten. Obwohl letztlich bis in nachfolgende Jahrhunderte hinein diese Frage ungeklärt blieb, sind mehr als drei Konzilien der Frage nach der Menschheit und Gottheit Jesu nachgegangen. Dies alles ohne nennenswerten Erfolg, denn von einer einheitlichen Vorstellung über den Mensch und den Gott in einer Person war man selbst am Ende der Regierungszeit des Kaisers Justinian (482–565) im 6. Jahrhundert noch immer weit entfernt. Trotzdem hatten die Kleriker es geschafft, zugegebenermaßen nach langen Auseinandersetzungen, am Ende des Konzils von Chalkedon im Jahre 451 eine Glaubensgrundlage zu formulieren, die im Wesentlichen bis zum heutigen Tage als Dogma gültig ist: »Die beiden Naturen Christi, die göttliche und die menschliche, bestehen nach der Vereinigung ohne Verwandlung und Vermischung in ihrer Eigenart unversehrt fort«. Die theologische Auseinandersetzung, die zu einem handfesten Konfikt ausartete, begann eigentlich schon weit vor dem Konzil von Chalkedon. Einen ersten Lösungsversuch gab es schon auf einem Konzil von Ephesus im Jahre 431 nach Chr.. Auf diesem Konzil sollte die Angelegenheit bereits einer Lösung zugeführt werden. In der Gemeinde von Konstantinopel ist zudem schon im Jahre 428 nach Chr. von Schlägereien zwischen den Befürwortern und Gegnern einer sogenannten monophysitischen Lehre und einer dyophysitischen Lehre die Rede. Die monophysitische Lehre geht vom Sohn Gottes aus, der die menschliche Natur annahm und dabei vereinigte sich die göttliche und die menschliche Natur restlos in der göttlichen. Im Gegensatz zur dyophysitischen Lehre, bei der man von der selbstständigen Existenz einer menschlichen Natur ausgeht. Bei der Verbindung der göttlichen mit der menschlichen Natur bleiben beide Naturen unvermischt und ungetrennt vorhanden. Man muss das alles nicht verstehen, aber man sollte zumindest eine Ahnung davon bekommen, was letztlich zu einer solchen, in der Tat blutigen Auseinandersetzung geführt hat. 67 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Im Laufe des Konzils von Ephesus im Jahre 431 erzielten die Bischö fe mit Bestechungen, mit Gewalttaten und mit Gaunereien ein Ergebnis, das den Menschen Jesus nach monophysitischer Lehre mit nur einer, nämlich der göttlichen Natur, ausgestattet sah. Der Hauptvertreter dieser Theologie war Cyrill, der Bischof von Alexandrien. Er setzte seine ideologische Vorstellung von der einen Natur Christi durch und definierte zusätzlich auch die Frage nach der Gottesmutterschaft Marias. Sein Kontrahent, der Patriarch von Konstantinopel, wurde als Folge dieser Entscheidung mal eben in die Verbannung geschickt. Tenor dieses Konzils war die theologische Position eines Abtes von Konstantinopel, der sich deutlich zum Monophysitismus bekannt hatte und die historische Formulierung prägte: »Die menschliche Natur wurde von der göttlichen Natur aufgesogen, so wie sich ein Honigtropfen im Meer auflöst …«77. Der Kirchenvater Cyrill gab jedoch schon nach kurzer Zeit seine eigene Position wieder auf. Denn die Proteststürme ob dieser Lehre waren im östlichen Mittelmeerraum so groß, dass er schon im Jahre 433 nach Chr. eine andere Formulierung unterzeichnete, in der Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch in „unvermischter Einheit“ bezeichnet wurde. Aufgrund anhaltender Feindseligkeiten zwischen den theologischen „Hochburgen“ im Mittelmeerraum und den Streitigkeiten zwischen den einzelnen Kirchenvätern berief Kaiser Theodosius II im Jahre 449 erneut ein Konzil ein. Er war besorgt um die Einheit des Reiches, die er nicht nur militärisch, sondern auch ideologisch zusammenhalten wollte. Dieses Konzil ging als sogenannte „Räubersynode“ in die Geschichte ein. Der Bischof von Rom, Leo I, hatte diese Bezeichnung gewählt, weil seine dogmatische Position von den zwei Naturen Jesu , die er durch Legaten vortragen lassen wollte, erst gar nicht auf die Tagesordnung des Konzils kam, sondern die „Schlägertruppen“ der anderen Bischöfe das Konzil und die Argumente der theologischen Auseinandersetzung ganz wesentlich bestimmten. Alle Patriarchen aus den „Zentren“ der Christenheit hatten schlagkräftiges Pflegepersonal und Mönche als „Bodygards“ zum Konzil mitgebracht. Der neue Patriarch von Alexandrien, Bischof Dioskur, hatte eine so große „Schutztruppe“ dabei, dass er jederzeit in der Lage war, Widerstände auf dem Konzil im Keim zu ersticken. Dioskur setzte sich, wie sein Vorgänger, mit seiner Vorstellung der Ein-Naturen-Lehre durch, 77 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 439. 68 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … obwohl sein Kontrahent, der neue Bischof von Konstantinopel, für die Zwei-Naturen-Lehre warb. Drastisch beschreibt der Historiker Deschner in seinem Buch78, wie der dogmatische Streit auf dem Konzil verlief: »Auf Dioskurs Wink an den Militärgewaltigen wurden die Türen geöffnet, drangen Soldaten mit gezückten Degen herein, dazu seine Leibwache, die alexandrinischen Parabolani, tobende Mönche, die kreischende Menge. Rufe hallten durch die große Marienkirche: „Wenn einer von zwei Naturen spricht, sei er im Bann!“ „Heraus mit Eusebios! Verbrennt ihn, verbrennt ihn lebendig! In Stücke soll er geschnitten werden!… weil er Christus spaltet!«. Der Patriarch von Konstantinopel versuchte bei den „Kampfhandlungen“ den Altar der Konzilskirche zu erreichen, doch Bischof Dioskur »riss ihn zu Boden, bearbeitete ihn mit den Füßen, worauf andere Synodalen … sich spontan anschlossen …«. Der so Misshandelte erlag wenige Tage später seinen Verletzungen. Dass sich die Kirchenfürsten gegenseitig exkommunizierten, war noch die mildeste Form der Auseinandersetzung. Wenn die anwesenden Bischöfe während des Konzils bei einer Abstimmung einmal zögerten, »ihre Unterschrift unter ein von Bischof Dioskur vorbereitetes Urteil zu setzen, ließ dieser gleich wieder die Türen öffnen … die Bischöfe unterschrieben …«. So ließ das Ergebnis dieses Konzils nicht lange auf sich warten: Die Lehre von den zwei Naturen Jesu wurde verdammt. Ab jetzt galt der Monophysitismus, die beiden Naturen Jesu hatten sich wieder in einer einzigen Natur vereinigt. Das Konzil legte fest: Göttliches und Menschliches sei jetzt untrennbar vermischt und das Menschliche im Göttlichen aufgegangen. Kaiser Theodosius II stellte sich zunächst hinter diese Lehre, doch auch nach diesem Konzil ging der Streit und das Chaos unter den ach so christlichen Kirchenfürsten weiter. Der römische Bischof Leo I bat Kaiser Theodosius II schließlich nach dieser „Räubersynode“ eine neue Synode einzuberufen. Und nun passierte etwas Unerwartetes, Kaiser Theodosius II stürzte im Jahre 450 nach Chr. beim Jagdausflug vom Pferd und brach sich den Hals. Der neue Kaiser Markian, der die „jungfräuliche“ Schwester des vorherigen Kaisers geheiratet hatte, berief kurzfristig ein neues Konzil ein. Man hatte doch tatsächlich aus der Vergangenheit gelernt. Die Ereignis- 78 Karlheinz Deschner, Kriminalgeschichte des Christentum, Band 2, Die Spätantike, Rowohlt Verlag, Hamburg, 5. Auflage 2013, Seite 223. 69 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … se und Auseinandersetzungen der vorangegangenen Konzilien zeigten Wirkung. Man begrenzte von vornherein die Teilnehmerzahl des Begleitpersonals der Bischöfe. Die Historiker beschreiben es: »Der Stadthalter von Nicäa erhielt den Auftrag, die große Zahl der Kleriker, Mönche und des „Pflegepersonals“ aus der Stadt zu entfernen und nur die circa 550 Bischöfe zuzulassen … und außerdem das Konzil näher an die Hauptstadt nach Chalkedon zu verlegen …«79. Der Kaiser und seine Gemahlin führten selbst den Vorsitz, man straffte die „Regie“ und siehe da: Der Monophysitismus wurde verurteilt, die Entscheidungen der vorangegangenen Konzilien verworfen und man schickte jetzt den Patriarchen Dioskur in die Verbannung. »Die Herrscher kürzten die Diskussion ab, sie legten den Bischöfen ein Glaubensbekenntnis vor und stellten sie vor die Alternative: unterschreiben oder abdanken …«80. Die Mehrzahl der Bischöfe begriff allerdings ohnehin kaum, worum es theologisch eigentlich ging. Die intellektuellen Fähigkeiten der Kirchenfürsten auf den Synoden von Ephesus(im Jahre 431 und 449) waren beschränkt, so konnten mehrere Bischöfe nicht einmal ihre Namen schreiben und ließen andere ihre Unterschrift geben. Auch auf dem Konzil von Chalkedon waren vierzig Bischöfe Analphabeten. Nur das drohende Ultimatum des Kaisers ermöglichte es, dass der theologische Streit nun endgültig entschieden wurde. Der Kaiser sprach also mal wieder sein Machtwort und entschied die Glaubensfrage, nicht die Kirchenfürsten und schon gar nicht der Heilige Geist … Das Konzil legte einen Wortlaut fest, der eine grundsätzliche Klärung herbeiführen sollte und bis heute Gültigkeit hat, der aber, wenn man ihn genau liest, doch nicht zur Klarheit und Eindeutigkeit des Dogmas beitragen konnte, zumal damals schon die Formel „Christus in zwei Naturen“ von keinem begriffen wurde: »Ein und derselbe ist Christus, der einziggeborene Sohn und Herr, der in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt und unteilbar erkannt wird, wobei nirgends wegen der Einigung der Unterschied der Naturen aufgehoben ist, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen gewahrt bleibt und sich in einer Person und einer Hypostase vereinigt«81. 79 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 444. 80 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 444. 81 Zitat aus: www.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Chalcedon/… 70 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Die Lehre von den zwei Naturen in einer Person war nach diesem Konzil durchgesetzt. Das Verhältnis zwischen der göttlichen und der menschlichen Natur in Jesus Christus zugunsten der Zwei-Naturen- Lehre festgelegt. Wenn eines ganz sicher ist, so dies: Es wäre dem Menschen Jesus nie in den Sinn gekommen, sich geradezu schizophren in zwei Naturen aufzuteilen, wie es die Dogmen der Kirche zum Leben und Wirken des Christus jetzt ausdrücklich für den Gläubigen im Dogma beschreiben: »Die göttliche und die menschliche Natur sind in Christus … in der Einheit der Person miteinander verbunden«. Bei der Ausformulierung und Präzisierung eines solchen Gottesbegriffs und der Zwei-Naturen-Person-Gottheitslehre mussten zwangsläufig zusätzliche Begriffsdefinitionen, Erklärungen und Verfeinerungen zu dieser theologischen Idee entwickelt werden. Die menschliche und die göttliche Natur in einer Person der Dreifaltigkeit nicht gemischt, aber auch nicht getrennt voneinander, wie sollte das möglich sein? Die dogmatischen Aussagen wurden immer komplexer und immer unverständlicher. Wie solche eigenartigen Vorstellungen von einem monotheistischen Gott in zwei Naturen in den Anfängen des Christentums entwickelt werden konnten, ließe sich ja noch beschreiben, aber nicht mehr verstehen. Man mag nicht mehr folgen, wenn Vermischung und Trennung von Naturen in einer Person so verpanscht werden. Sind zwei Naturen in einem Menschen nicht vermischt, so sind sie entsprechend der Wortbedeutung rein, separat, isoliert, ja getrennt voneinander. Sind sie nicht getrennt, so beschreibt der Duden die Wortbedeutung des Adjektivs als nicht abgesondert, zusammen, ja mit anderem, in diesem Fall der zweiten Natur gemischt. Und wie ist das jetzt zu verstehen? Die Kleriker der Kirche verstehen es zwar auch nicht, haben es aber trotzdem für die Gläubigen ausformuliert und es ist zu glauben, für alle Christen bis zum heutigen Tage. Der Mensch Jesus hatte per Dogma, entsprechend dem Konzilsbeschluss des fünften Jahrhunderts, seine beiden Naturen nun unvermischt und ungetrennt. 71 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Der Begriff der Natur als biologische, geistige und körperliche Eigenart oder Eigenschaft eines Menschen, hier bezogen auf die menschliche Natur des Wanderpredigers in Galiläa ist noch erklärbar, doch wie beschreibt man die göttliche Natur bzw. Eigenart Jesu im Menschen Jesus? Und wie lässt sich das unvermischt und ungetrennt verstehen? Mir scheint, da sind Überlegungen der Kirchenväter des 5. Jahrhunderts, weil sie nicht zu erklären waren, doch sehr stark miteinander vermischt, verunreinigt, ja verrührt worden. Was Jesus nach den Texten der Bibel gepredigt hatte, und was nun die Christenheit im Mittelmeerraum zu glauben hatte, es war und ist einfach nicht mehr in Einklang zu bringen. Hat denn eigentlich niemand mal den naheliegenden Gedanken ge- äußert, dass diese Gott-Mensch-Theologie deshalb nicht verstanden werden kann, weil sie schlichtweg unsinnig ist? Die kirchlichen Autoritäten hatten sich einfach verrannt. Jesus musste nach seinem Tode schrittweise zu einem Gott werden, also aus dem Verkünder ein Verkündeter werden, obwohl man noch bis Ende des 3. Jahrhunderts ein guter Christ sein konnte, wenn man Jesus als untergeordnet unter den Vater verstand. Es gab ja zunächst nur den Jesus von Nazareth, doch dann musste es ein Christus werden, ein wahrer Gott und ein wahrer Mensch. Dieser Christus der Kirche ist und bleibt allemal ein reines Geschöpf der Kirche. Die Göttlichkeit Jesu musste, nachdem man sich beim Trinitätsdogma festgelegt hatte, gewahrt bleiben, doch die Überlegungen einer Erlösung der Menschheit durch das Leiden und die Kreuzigung Jesu war nur aufrechtzuerhalten, wenn Jesus auch wirklich Mensch war. Wie die beiden Naturen zu verstehen sein könnten, war offensichtlich unerheblich und die Konzilien sagen dazu nichts. Die Dogmatikliteratur und die Lehraussagen der Kirche machen es sich ziemlich einfach: Wenn Jesus nicht wahrer Gott ist, dann »hat er keine universale Bedeutung …«. Wenn er nicht wahrer Mensch ist, dann »kann er nicht konkret leben und leiden …«82. Der Gedankengang ist also nur schlüssig, wenn Jesus beides zugleich in einer Person vereinigt. Die Theologen geben dann aber auch zu, dass nicht erklärt werden kann, wie eine solche Vereinigung in einer Person möglich ist und sie retten sich wieder in den Glauben. Die Unendlichkeit Gottes sei der 82 Peter Hofmann, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 174. 72 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Grund dafür, dass Jesus neben der göttlichen auch noch eine menschliche Natur besitzen könne. Wir machen es mal konkret: Der Mensch Jesus hat einen menschlichen Verstand, hat menschliches Wissen und Wollen und er soll zugleich im Vollsinn wesensgleich Gott sein, also göttliche Einsichten und einen allmächtigen göttlichen Willen haben? Es ist beim besten Willen nicht nachzuvollziehen, wenn ein und dieselbe Person zwei Bewusstseine in sich vereinigen kann. Zudem widerspricht das Jesusbild der Evangelien der unsinnigen Annahme, in Jesus gebe es zwei Bewusstseine und zwei Willen. Demnach weiß er als Mensch den Jüngsten Tag nicht, den er als allwissender Gott kennt. Ist das denn alles vorstellbar? Der Gott Jesus wollte es, der Mensch Jesus wollte es partout nicht und musste trotzdem höllische Schmerzen ertragen, wurde gefoltert und hingerichtet. Die göttliche Natur in ihm hatte sich jedoch entschieden, sie war sehr daran interessiert, dass der Mensch sich opferte, damit die gesamte Menschheit „losgekauft“ und mit Gott versöhnt würde. Sollte Gott-Vater das nicht mit seinem Sohn vorher besprochen haben? Sollte die Kommunikation gestört gewesen sein? In einer so wichtigen Sache. Mir will scheinen, dass die Theologen der Kirche genauso wenig wissen, wie die einfachen Gläubigen, die Kleriker können ihr Nichtwissen nur einfach besser zum Ausdruck bringen. Als Kritiker dieser Theologie kann man es nur so sagen: Alle dogmatischen Aussagen der Kirche zu dieser Frage müssen als intellektuell unredlich bezeichnet werden. Bei meiner Suche nach Erklärungen habe ich sogar die Ausführungen eines katholischen Hochschullehrers gefunden, der gar beide Lehren zur Natur Christi, über die so heftig gestritten worden war, als Irrlehren bezeichnet. Der Monophysitismus (zwei Naturen werden zu einer Natur) sei eine Irrlehre, weil in ihm die menschliche Natur verschlungen würde und der Dyophysitismus (zwei Naturen bleiben eine göttliche und eine menschliche Natur) sei eine Häresie, weil »hier die Menschheit und die Gottheit so auseinandergerissen wird, dass die Einheit der Person Christi nicht mehr gedacht werden kann«83. Bei solchen Ausführungen staunt sogar der Laie. 83 Michael Welker, Gottes Offenbarung, Neuenkirchener Verlagsgesellschaft, Neuenkirchen-Vluyn, 3. Auflage 2016, Seite 252. 73 Wenn sich ein honigtropfen iM Meer Auflöst … Es bleibt ein Geheimnis der Kirche und der Theologen, vor dessen Unbegreiflichkeit wir Gläubigen nur noch schweigend verstummen können. Dieses Verstummen sollte aber erst dann geschehen, wenn wir Menschen unsere gottgegebenen Denkmöglichkeiten auch voll ausgeschöpft haben! So wollen wir denn weiter schöpfen und uns unseres Verstandes bedienen und weiter suchen nach Ausführungen, Versen und Kapiteln in der Bibel, die zum Beispiel so lauten könnten: »Ich bin Jesus Christus, wahrer Gott und zwar in der zweiten Person der Trinität. Außerdem bin ich vollständiger Mensch und lasse mich für euch kreuzigen, damit ihr von der Erbsünde befreit werdet und Gott euch wieder gnädig ist …«84. Bis jetzt habe ich sie noch nicht gefunden, eine solche Bibelstelle. Und ich habe auch noch keinen getroffen, der sie gefunden hätte … 84 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 256. 75 4 Wenn die Kriminalitätsrate im Vatikan weiter steigt … Wie soll man über etwas schreiben, das man nicht erkennen kann? Wie über einen Gott als Person philosophieren, wenn diese göttliche Person nicht existiert? Wie kann man einem solchen Phantom nachspüren, das angeblich nur dann subjektiv erfahren wird, wenn man inständig glaubt, dass es tatsächlich vorhanden ist? Die Kirchen behaupten steif und fest, dass es den Heiligen Geist gibt. Fragt man die Menschen in Mitteleuropa, so wird schnell klar, dass der Glaube an den Geist Gottes so gut wie tot ist, dass er im Sterben liegt, wie das gesamte Christentum in der westlichen Welt. Hebt man den Blick, so stellt man jedoch erstaunt fest, dass dies nicht oder vielleicht noch nicht für alle Regionen und Kontinente dieser Erde gilt. Zwar beschwören europäische und auch deutsche Politiker nach wie vor die „Grundwerte des christlichen Abendlandes“, doch spätestens seit der Zeit der Aufklärung ist das Christentum in die Defensive geraten. Wenn nicht gerade Weihnachten oder Ostern ist, so sind die leeren Kirchenbänke ein beredtes Beispiel für die Gottlosigkeit unserer Zivilgesellschaft. Erstaunlicherweise zeigt jedoch die wachsende Zahl der Mitglieder der sogenannten „Pfingstkirchen“, vor allem auf dem amerikanischen Kontinent, eine andere Entwicklung. Obwohl auch hier, wie in Europa, die allgemeine Religiösität der Bevölkerung abnimmt, mischen die „Evangelikalen“ in der amerikanischen Politik und in der Wirtschaft maßgeblich mit. So war zu sehen, wie zum Beispiel im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016, zumindest auf republikanischer Seite, das öffentliche Gebet und die Präsenz der Religion deutlich vorhanden war. Oder sollte dies nur ein Schaustück für die konservativen Wähler in Amerika 76 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … gewesen sein? Die tatsächlichen Ausführungen des heutigen amerikanischen Präsidenten während und auch nach seinem Wahlkampf mag man nicht mehr diskutieren, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt einer christlichen Ethik. Und doch, man schätzt, dass sich fast 80 Millionen Amerikaner zu den „Evangelikalen“ zählen. In Lateinamerika wächst die Zahl der Mitglieder der Pfingstkirchen und der evangelikalen Ausprägungen des Christentums rasant. Die „Pfingstler“ sind die am schnellsten wachsende christliche Gruppierung in Brasilien, während die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche eher stagnieren. In den Gottesdiensten der Pfingstgemeinden ist wirklich was los. Hier wird die Präsenz des Heiligen Geistes, so wie sie sich in den Worten der Bibel darstellt, ganz öffentlich, man ist geneigt zu sagen, geradezu ekstatisch, inszeniert. Barbara Opitz schreibt im Stern: »Die Zeit mit Gott ist hier wie ein Konzert von Pur oder der Münchener Freiheit, poppiger Schlagersound, Lichtmaschinen tauchen die Bühne in Blau und Rot … Discoeffekt«85. Mit Singen und Beten, lautem Anrufen des Heiligen Geistes, Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, ja sogar „Zungenreden“, wird der Gottesdienst gefeiert und die Kleriker der katholischen Kirche in Europa schauen peinlich berührt zu. Das Pfingstereignis der Apostelgeschichte in der Bibel wird zum Ausgangspunkt von Veranstaltungen, die nicht nach einer schlichten Liturgie ablaufen, sondern in denen der Heilige Geist angeblich durch die Gläubigen unmittelbar „erlebt“ wird. Krasser könnte der Gegensatz zum praktizierten Pfingstfest in Europa in den lutherischen und katholischen Kirchen kaum sein. Den hiesigen Klerikern der Kirchen ist das „ekstatische Herabrufen“ des Heiligen Geistes in den Gottesdiensten der Pfingstgemeinden geradezu suspekt. Doch wie sollen sie ihrerseits das Pfingstereignis der Bibel den Gläubigen nahebringen, wie es erklären und seine Bedeutung für den Christenmenschen erläutern? Sie tun sich schwer, die Theologen der Kirchen, die Anwesenheit, die Wirkung und die göttliche Person des Geistes anschaulich zu machen, wo doch nichts ist, was anschaulich gemacht werden kann, wenn nicht zufällig auch jemand „in Zungen redet“. 85 Artikel von Barbara Opitz aus der Zeitschrift „Stern“ vom 27.05.2017. 77 Wie kann man die Geschichte in der Bibel zumindest am Pfingsttag verständlich machen und dabei die Übertreibungen und Überzeichnungen der Beschreibungen in der Apostelgeschichte relativieren? Wie überhaupt den Heiligen Geist, der ja bekanntlich weht wo er will, begreiflich machen? Eine schwierige, wenn nicht eine unmögliche Aufgabe, zumal den meisten, wenn auch immer noch Steuer zahlenden Christenmenschen, die nicht nachvollziehbaren Formulierungen biblischer Inhalte fremd geworden sind. Zugegebenermaßen ist es wirklich „starker Tobak“, was einem da in der Bibel präsentiert wird, wie der Heilige Geist mit „Brausen“ über die Schar der Anhänger des ehemaligen Wanderpredigers kam, der doch angeblich noch nach seinem Tode von einigen gesehen worden sein soll. Die kleine Gruppe jüdischstämmiger Jünger, die zum Teil ihr normales Leben aufgegeben hatten und nun als Aussteiger ohne Perspektive und ohne Existenzgrundlage nicht wussten, was werden sollte, sie versuchten, sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Alle waren eher gescheiterte Existenzen, die nach ein oder zwei Jahren in Begleitung Jesu durchs Land gezogen waren. Sie waren auf Spenden von Gönnern angewiesen und saßen nun in einem Haus in Jerusalem, um das jüdische Wochenfest (Schawuot) zu feiern. Ihr Messias war seit acht Wochen tot und vor sieben Wochen als „Auferstandener“ angeblich gesehen worden, allerdings nicht öffentlich, sondern nur von ein paar wenigen „Auserwählten“. Der Evangelist Lukas beschreibt eine Szene in der Apostelgeschichte, die so niemals stattgefunden haben kann. Er hat wohl bei der Ausschmückung und Abfassung seines Textes etwas zu dick aufgetragen. Zumal er selbst ja gar nicht dabei war und die Geschichte nur von anderen kannte. Einer Erzählung, die seit Generationen mündlich weitergetragen worden war, denn das angebliche Ereignis selbst hatte sich ja schon siebzig Jahre vorher zugetragen: »Sie alle saßen am gleichen Ort zusammen. Da erhob sich vom Himmel her ein Brausen … und erfüllte das ganze Haus … Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten und einzeln herabsenkten auf einen jeden von ihnen … und alle wurden erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an in anderen Zungen zu reden … so wie der Geist ihnen eingab …« (Apg 2,1). Ohne zynisch zu werden wird man bei einer solchen Beschreibung doch ein wenig an den Baron von Münchhausen oder an Grimms Märchen erinnert, die ähnliche Geschichten erzählten. Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … 78 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Die kleine Schar der Jünger Jesus, die ohne ihren Meister seit Wochen ausharrten und auf seine „Wiederkunft“ warteten, sie wird sicherlich in Jerusalem zusammengesessen und beratschlagt haben, was denn nun zu tun sei, aber eine solche Geschichte … Man stelle sich einmal den Schulhof einer Gesamtschule in einem Stadtbezirk mit hohem Migrationsanteil vor, oder konkret eine Schulklasse mit 24 Schülern und 18 verschiedenen Nationalitäten. Alle Schüler reden in ihrer Muttersprache und alle verstehen alle. Es ist noch nicht vorgekommen, ein solches Ereignis, außer natürlich in der Apostelgeschichte der Bibel, und die darf bezweifelt werden. In der Schullandschaft würde sich bei einem solchen Ereignis ein „Brausen erheben“ und die Integrationsbemühungen der Lehrer würden sowas von erleichtert. An der historischen Tatsache, dass die Anhänger Jesu irgendwann losgezogen sind, um von dem Wanderprediger, seinem Leben und seinen Worten in ihren Familien und ihrer näheren Umgebung zu erzählen, kommt man nicht vorbei. Auch dass sie sich zu Gruppen zusammengeschlossen haben, durch das Land gezogen sind und konspirative Treffs im von Rom besetzten Land organisiert haben, ist sehr wahrscheinlich. Trotzdem waren sie Juden geblieben und als solche feierten sie die jüdischen Feste wie alle anderen in Israel auch. So haben sie sicher auch das Wochenfest gefeiert, an dem das jüdische Volk die Offenbarung der Thoratexte und den Erntedank feierten. Solche Feiern des Schawuot gingen mit dem Rezitieren von Thoratexten, Gesang und Tanz häufig bis in die Morgenstunden. Doch heute beschreibt die wissenschaftliche Textauslegung der Bibel das Pfingstereignis, so wie es durch den Evangelisten formuliert ist, als Unmöglichkeit. In Dogmatikerkreisen hat man allerdings auch gleich Erklärungen für eine solche märchenhafte Erzählweise parat. So sollte angeblich die jüdische Darstellung des Vorgangs der Offenbarung der Thora durch Gott persönlich mit rabbinischer Ausschmückung und Auslegung umgedeutet werden. Denn nach den alten Schriften der Juden war das Geschehen am Sinai voller Wunder gewesen, mit Donner und Blitz, mit Feuer und Rauch und der Stimme Gottes. Denn als Gott am Sinai sprach, »habe sich seine Stimme in siebzig Zungen geteilt, so dass jedes Volk die Stimme seiner eigenen Sprache hören konnte …«. Somit hat wohl der Evangelist Lukas, fünfzig Jahre nach dem Ereignis, das Phänomen einer beginnenden Verbreitung der Heilsvorstellungen eines Wanderpredigers zu einer ekstatischen Lobhudelei der Großtaten Gottes gemacht und zu einem Sprach- und Hörwunder weiter ausgeformt. 79 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Das jüdische Wochenfest wie das Pessach-Fest wurde von den Kirchenvätern zum christlichen Pfingst- und Osterfest umgewandelt. Auf diese Weise lässt sich zumindest erklären, warum solche Geschehnisse in dieser Erzählweise in der Bibel stehen. Legitimieren lässt sich die Theologie vom Heiligen Geist so nicht. Schon das Alte Testament spricht an verschiedenen Stellen von einem Geist Gottes und es ist durchaus verständlich, dass das jüdische Volk seinem Gott einen Geist, eine Kraft zubilligte, die nach ihrer Überzeugung das irdische Leben erschafft und die Menschen zum Guten antreibt. Die Juden verstanden jedoch diesen Geist Gottes an keiner Stelle als eine eigenständige Person, sondern eher als eine Präsenz Gottes in dieser Welt, als eine unsichtbare Kraft, die trotzdem wirksam ist. Obwohl es unter Theologen als sicher gilt, dass Jesus selbst diesen Geist nie als eine eigenständige Person, quasi neben dem Vater, verstanden hat, ist vor allem durch die Evangelisten Lukas und Johannes eine Vorstellung vom Heiligen Geist entwickelt worden, die, wie in der Taufszene Jesu, den Geist auch als sichtbare Gestalt daherkommen lässt. So lassen sich im Neuen Testament durch die unterschiedlichsten Beschreibungen der Evangelisten und deren Vorstellungen von einem Geist Gottes sowohl für die Darstellung des Geistes als Gestalt, als Person, als auch für die Präsenz des Geistes als Kraft und Eigenschaft eines Gottes in dieser Welt, Formulierungen finden. Nachgewiesen ist in jedem Fall, dass in den Anfängen des Christentums der Heilige Geist über einen sehr langen Zeitraum hinweg dem Gott-Vater eindeutig untergeordnet war und er eher als Eigenschaft eines Gottes verstanden wurde, denn als Person. Gedanken über die Frage, wie die Drei, Vater, Sohn und Geist zueinander standen, waren bei den ersten Christen überhaupt nicht im Blick. Doch der theologische Streit in dieser Frage war von Anfang an vorprogrammiert. Im zweiten und erst recht im dritten Jahrhundert nach Christus begannen die Bischöfe und Kirchenväter der noch jungen und zeitweise verfolgten Kirche ihre eigenen theologischen Erkenntnisse über den Geist als Gott strittig zu diskutieren. Es gab neben anderen einen Kirchenvater Justin, einen Theophilus von Antiochien und einen Kirchenvater Irenäus, denen vor allen Dingen daran gelegen war, dass die heiligen Schriften und deren Autoren schon beim Schreiben vom Heiligen Geist inspiriert waren und die Bibeltexte nicht einfach als menschliches Ideengut betrachtet werden durfte. Und so wurde schon damals das Schrifttum als göttliches Wort im Sinne und in der Tradition der ent- 80 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … stehenden Kirche gelesen. Nicht nur die Evangelisten, nein auch die Bischöfe nahmen für sich die Fülle des Geistbesitzes in Anspruch, um so die häretischen Vorstellungen über den Geist Gottes und sein Wirken in den verschiedenen Gemeinden der sich ausbreitenden Kirche im wahrsten Sinne des Wortes bekämpfen zu können. Und Häretiker gab es viele, unter anderem sogenannte Montanisten und später auch die Pneumatomachen, die auf verschiedenen Zusammenkünften der Bischöfe und auf Synoden wegen ihrer falschen Auffassung über die Rolle und Person des Heiligen Geistes als Sektierer gebrandmarkt und verurteilt wurden. Das gesamte dritte wie auch das vierte und fünfte Jahrhundert ist erfüllt vom theologischen Machtkampf über die richtige Sichtweise auf den Heiligen Geist, seine Wesenheit, seine Kraft und seine Stellung zu den beiden anderen Personen, zu Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Immer wieder wurde der Heilige Geist bemüht. Bei der Abfassung und der Interpretation der heiligen Schriften, bei der Frage der intellektuellen Fähigkeiten der Bischöfe, bei den Entwicklungen der kirchlichen Institutionen sowie beim grundlegenden Verständnis der Texte in der Bibel. Schon damals war nur der vom Geist beseelte Gläubige in der Lage, die geistlichen Tiefen der Schriften richtig zu verstehen. Dennoch blieb die Frage, ob denn der Geist ein Geschöpf war, und wenn ja, wer war dann der Schöpfer und wie sind dann die drei als Vater, Sohn und Geist zu verstehen? So lebte im 4. Jahrhundert ein Kirchenvater Athanasius (300–373 nach Chr.), der schon früh gegen eine Unterordnung des Sohnes und des Geistes unter den Vater kämpfte und der den Hl. Geist als „wesensgleich“ zum Vater und Sohn beschrieb. Das Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 nach Chr. folgte, wie wir gesehen haben, im Wesentlichen seinen Vorstellungen und denen der Kirchenväter Basilius und Gregor von Nazianz. Dieses Konzil legte die bis heute gültige Trinitätslehre und damit die Zuordnung und Rolle des Hl. Geistes fest, obwohl die Mehrheit der Bischöfe des Konzils der sogenannten arianischen Meinung zuneigte, dass nämlich nur Gott-Vater ewig da war und der Sohn und der Geist nachgeordnet sein sollten. Auch stießen die Theologen nicht nur heute, sondern auch schon damals an ihre sprachlichen Grenzen, wenn sie vom Wesen des Heiligen Geistes sprachen. Die intellektuelle Einsicht sagte auch damals schon jedem, dass der Heilige Geist, so es ihn denn gibt, entweder von einem Gott gezeugt/gehaucht oder ungezeugt/ungehaucht sein muss. Ist er von niemanden gezeugt/gehaucht, so war er immer schon da und es gibt zwei 81 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Götter, nämlich Gott-Vater und Gott-Geist. Sollte der Geist jedoch gezeugt/gehaucht sein, so stellt sich sofort die Frage nach dem Erzeuger. Ist der Geist vom Vater gezeugt/gehaucht, so hat dieser zwei Söhne, Jesus Christus und den Heiligen Geist. Sollte jedoch der Heilige Geist gar vom Sohn Gottes gezeugt/gehaucht sein, dann handelt es sich um eine „Enkeltheologie“, dann ist Gott gar der Großvater des Heiligen Geistes. Wie sagte Peter Lustig häufig in seiner Kindersendung „Löwenzahn“: »Klingt komisch, ist aber so«! Doch was machten die Väter des Konzils im Jahre 381? »Sie schnatterten wie ein ganzer Schwarm Elstern, ein Lärm wie von einer Horde Kinder … aber entscheidend war und blieb die Meinung des Kaisers …«86, sagt der Historiker. Es lohnt sich, die Lebensgeschichte des Kirchenvaters Athanasius nachzulesen, sie ist typisch für die theologischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Die unterschiedlichen Vorstellungen der Kaiser und der Bischöfe über die Frage, ob Jesus „wesensgleich“ oder „wesensähnlich“ mit Gott-Vater sei, trieb Athanasius mindestens fünfmal, möglicherweise gar siebenmal in die Verbannung oder besser gesagt in die Wüste. So wurde er als Bischof verbannt, drangsaliert, wieder eingesetzt, verbannt, wieder eingesetzt, je nachdem, welche Vorstellungen über Gott gerade an der Tagesordnung waren und welcher Vorstellung der Kaiser aus machtpolitischem Kalkül gerade den Vorzug gab. Es hätte alles auch ganz anders kommen können mit dem Wesen des Heiligen Geistes. Man ist geneigt zu sagen, dass Jesus sich im Grabe rumgedreht hätte, wenn er denn noch darin liegen würde, angesichts der Härte, Vehemenz und Brutalität, mit der für „göttliche“ Positionen gekämpft wurde, die für Jesus überhaupt nicht „auf dem Schirm“ waren. Wer jedoch geglaubt hatte, dass es bei diesen Auseinandersetzungen und theologischen Konflikten innerhalb der frühen Kirche nur um den vom Heiligen Geist inspirierten rechten Glauben ging, den muss ich bitter enttäuschen. Es ging vor allem um die Politik des Römischen Reiches, um Pfründe und Bischofsstühle, um Machtgehabe und persönliche Querelen. So beschreibt ein Dokument die Synode der Kirche im Jahre 324 nach Chr. in Antiochia: Dort trafen sich wieder einmal die Väter, der Historiker spricht schon von „Kirchenfürsten“, sie hatten wieder einmal die Kontroverse zu diskutieren, wie das denn nun zu verstehen sei, die Wesenheit der göttlichen Personen. Und was passierte auf dieser Synode, 86 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 371. 82 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … die Bischöfe des östlichen Teils des Reiches exkommunizierten die Bischöfe des Westens, woraufhin die Bischöfe des Westens die des Ostens exkommunizierten und so waren die unterschiedlichen Vorstellungen über das göttliche Wesen endlich gleich, da alle exkommuniziert waren. Erst die außenpolitischen Entwicklungen des Römischen Reiches, nicht die theologischen und vom Heiligen Geist inspirierten Überzeugungen der Väter führten die dogmatischen Lehrsätze der Kirche herbei, die am Ende ausschließlich durch den Kaiser des Reiches festgelegt wurden. Es sind hierbei wohl zwei Dinge besonders aufschlussreich. Zum einen werden die dogmatischen Entscheidungen sowie die Glaubenssätze der Kirche mit oder ohne den Heiligen Geist von der weltlichen Macht getroffen. Was jedoch noch schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass bei der Suche nach den Glaubenswahrheiten und dogmatischen Festlegungen einer Kirche für alle Gläubigen die vom Geist inspirierten Kirchenväter ein jämmerliches Bild abgeben. Ihre Überzeugungen sind deutlicher von persönlichen Gesichtspunkten und Interessen geleitet als von göttlicher Eingebung. Die persönlich motivierten Querelen stehen im Vordergrund und die eigenen Pfründe werden unter Berufung auf die Geistesgaben verteidigt. Man kann sicher sagen, dass die Strukturierung und Normierung der katholischen Glaubenslehre dieser Zeit in Wahrheit eine staatliche Angelegenheit war. Damit einher ging eine Kriminalisierung der Häresien und ihrer Anhänger – sowie eine Diffamierung der Juden und der „Heiden“. Bis ins 13. Jahrhundert hinein wird an diesen Glaubensfundamenten durch die Bischöfe gebastelt und erst in einem relativ späten Glaubensbekenntnis des 13. Jahrhunderts wird dann endgültig aus dem Heiligen Geist auch ein vollkommener und wahrer Gott. Der Theologe Hans Küng spricht von einem »höchst komplexen, vielfach widersprüchlichen und in jedem Fall langwierigen Denkprozess …«87, der dann zu dieser dogmatischen Sprachregelung vom Heiligen Geist geführt hat. Die dritte Person der Dreifaltigkeit wird also nach dem heute gültigen Dogma der Kirche so beschrieben: »Der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn als einem einzigen Prinzip durch eine einzige Hauchung hervor«. 87 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 230. 83 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Die Frage, wie ein göttliches Wesen haucht, ist nicht spöttisch gemeint. Denn viele Theologen meiden diese Formulierung und sprechen von dem Hervorgehen des Geistes aus dem Vater und dem Sohn. Geht aber der Geist hervor aus Vater und Sohn oder wird er gehaucht, bleibt trotzdem nach dem Verständnis des normalen Christenmenschen die „Enkeltheologie“. Wenn Jesus gezeugt ist aus dem Vater und der Geist hervorgeht aus dem Vater und dem Sohn, so sind wir denn doch an der „Grenze des Sagbaren“, wie selbst die Theologie es formuliert. Mir scheint, dass immer dann, wenn die Dogmatikexperten Gott zu nahe treten, die eigenartigsten Formulierungen und seltsamsten gedanklichen Überlegungen für ein Dogma in Worte gekleidet werden, die die Theologen selbst nicht mehr verstehen, obwohl sie doch an der Formulierung und Entstehung des Dogmas selbst mitgewirkt haben. Warum, um Himmels Willen, durfte der Geist Gottes, nicht wie im Alten Testament beschrieben, die Kraft, die wirkmächtige Gegenwart Gottes in der Welt und im Leben der Menschen bleiben? Die Beschreibung des Heiligen Geistes als eine Person der Dreifaltigkeit ist ohnehin nicht vermittelbar, doch selbst den Geist als Kraft oder Gegenwart Gottes in dieser Welt zu erklären, gelingt kaum. Deshalb noch einmal die Frage: Wie kann man sich zu etwas äußern, dessen Existenz und Wirkungsweise keiner sehen kann, wie soll man über etwas schreiben, das keiner erkennen kann? Die Theologen, die Kleriker, sie können das, sie beschreiben die Geist- Theologie als zentrales Thema der Glaubenslehre und sprechen eindrucksvoll über die Wirkungsweise des göttlichen Geistes in dieser Welt. Sie werden vor allem immer wieder fündig im Neuen Testament beim Apostel Paulus, der interessanterweise viel über die Gaben des Heiligen Geistes zu berichten weiß, obwohl er selbst beim Pfingstereignis gar nicht dabei war. Die Pfingstkirchen, die Evangelikalen, auch die religiösen Fanatiker berufen sich immer wieder gerne auf die beschriebenen Geistesgaben in der Bibel. Paulus spricht von den ungewöhnlichen Gaben der prophetischen Rede, von Weissagungen, von Heilungen und von Wundern, auch von Zungenreden. Ich bin überzeugt, dass heutigen Theologen diese Passagen eher unangenehm sind, denn es werden vielfach natürliche Talente und Gaben der Menschen als geistgewirkt verstanden, es werden übernatürliche Vorgänge wie Heilungen durch Gebete behauptet, wo der Verdacht des religiösen Selbstbetrugs naheliegt oder es werden Wirkungen des Heiligen Geistes beteuert, deren Auftreten sich heute problemlos medizinisch oder psychologisch erklären lassen. 84 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Meine Überzeugung ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Kleriker sind heute bei der Fragestellung zum Heiligen Geist auf dem Rückzug. Am Ende ihrer Argumentation bleiben doch nur noch die Beschreibung einer Wirkung des Heiligen Geistes auf die innerkirchlichen Vorgänge und auf die persönlichen Glaubensüberzeugungen des einzelnen Christen übrig. Hier können sich allerdings die Theologen so richtig auslassen und die Wirkung des Heiligen Geistes in der Kirche bei der Vermittlung des Glaubens wortgewaltig beschreiben. Hier können sie „Wortkonstruktionen“ so eindrucksvoll aufbauen, dass sie den normalen Christenmenschen nicht mehr erreichen. Nicht nur weit weg sind sie, diese Formulierungen, vom Lebensalltag der Gläubigen, sondern auch weit entfernt von jeder intellektuellen Ehrlichkeit. Hier wird der Heilige Geist als Urheber der Heiligen Schriften aufgefasst, die Kirche wird als Ort der Erkenntnis des Heiligen Geistes beschrieben, nur der Heilige Geist lässt den Christen die Worte Jesu erkennen, die Gemeinschaft des Heiligen Geistes gibt den Getauften die verlorene Ähnlichkeit mit Gott zurück, ja erst der Geistbesitz bedeutet für den Glaubenden, dass er Christus nahe ist. Die Zahl solcher Formulierungen ließe sich beliebig erweitern. Versucht man diesem „hohlen Geklingel“ in den dicken Büchern zur Dogmatik der Kirche nachzuspüren, so trifft man schnell auch auf die Fluchtwege der Theologen, denn sie sind häufig selbst nicht in der Lage, den Heiligen Geist und seine Wirkungsweise in der Welt halbwegs sinnvoll und intellektuell redlich zu erläutern. Es erscheinen Formulierungen wie: »Die Erkenntnis göttlicher, vor dem natürlichen Auge verborgener Wahrheiten, ist … eine exklusive Geistesgabe …« oder auch: »Die Fähigkeit göttlicher Erkenntnis ist vom Geist selbst gegeben. Wer ihn hat, erkennt ihn, wer ihn nicht hat, erkennt ihn nicht …« und dann noch: »Glaubenswahrheit und Erkenntnis ist nicht jedermann zugänglich und einsichtig …«. Anschließend kommt immer wieder der Hinweis, dass die »Wahrheit des christlichen Glaubens … sich der intellektuellen Kritik entzieht. Sie ist nur dem inspirierten Gläubigen und zwar im Zirkel von geistiger Autorenschaft und inspirierter Schriftauslegung zugänglich …«88. 88 In diesem Zusammenhang verweise ich auf die Ausführungen von Bernd Jochen Hilberath zur Pneumatologie aus: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, a. a. O., Seite 447 ff. und auf die Formulierungen im Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 211 ff. 85 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Eine geradezu typische Argumentation von Berufstheologen, die einfach behaupten müssen, dass die Worte der Schrift nur von dem verstanden werden können, und ihre Auslegung nur dem Menschen zugänglich ist, der an die Wirkungsweisen des Heiligen Geistes glaubt. Um diese Gedankenkonstruktion aufrechterhalten zu können, ist wieder einmal der bekannte Zirkelbeweis nötig und keiner wundert sich, dass dieser dogmatische Teil des Glaubens dem sogenannten gedanklichen Zugriff entzogen bleibt. Dabei ist dieses gesamte dogmatische Wortgebäude den Köpfen von Theologen des vierten und fünften Jahrhunderts entsprungen. Die Theologen betonen allerdings heute zu ihrer Rechtfertigung, denn diese intellektuelle Volte bemerken sie ja auch, dass hinter dem christlichen Zirkelbeweis kein Vorsatz arglistiger Täuschung stehe, sondern nur eine feste Glaubensüberzeugung89. Also, die Kleriker glauben daran und drücken es dann so aus: »Die Erkenntnis göttlicher, vor dem natürlichen Auge verborgener Wahrheiten ist … eine exklusive Geistesgabe«90. Welche Verrenkungen. Wie war doch die theologische Welt noch einfach, als alles, was die geistlichen Gehirne der Kirchenväter ausgebrütet hatten, einfach nur zu glauben war und dass alles, was nicht mit ihrer Vorstellung in Übereinstimmung zu bringen war, als ketzerisch oder heidnisch galt. Doch mit einer solchen Argumentation kommt man heute, Gott sei Dank, nicht mehr durch. Entweder interessiert sich kein Gläubiger und schon gar kein Außenstehender mehr für dieses Theologengerede oder der Gläubige selbst ist nicht mehr in der Lage, die Lehräußerungen der Kirche zu durchschauen, angesichts der intellektuellen Müllberge und Vernebelungstaktiken der Kleriker. Oder der Gläubige durchschaut es und es wächst in ihm die Erkenntnis, dass er sich doch besser auf seine eigenen menschlichen Geistesgaben verlassen muss, denn der Geist der Theologen begründet in der Kirchenliteratur den Geist Gottes in dieser Welt zum Beispiel mit solchen hanebüchenen Formulierungen: »Wenn die Wirklichkeit des Geistes im aus-sich-sein und beim-anderen-sein sich vollzieht, und wenn von Gott gesagt werden muss, dass er immer schon außer sich beim anderen und darin bei sich selbst ist, dann steht der Hl. Geist genau für diesen Vollzug, indem der Vater im Sohn 89 Kurt Erlemann, Unfassbar?, Neuenkirchener Verlagsgesellschaft, Neuenkirchen-Vluyn, 2. Auflage 2012, Seite 51. 90 Kurt Erlemann, Unfassbar?, a. a. O., Seite 58. 86 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … beim anderen seiner selbst und zugleich immer schon bei sich selbst ist und der Sohn im Vater beim anderen und zugleich bei sich selbst ist. Der Hl. Geist ist der „Raum“ … in welchem Vater und Sohn immer schon bei sich selbst und beim anderen sind, in noch größerer Selbstlosigkeit selbst bezogen«91. Die können einem ganz schön auf den Geist gehen, die amtlichen Kirchenvertreter. Die Theologie der Dreifaltigkeit und solche theologischen Aussagen zum Heiligen Geist haben dazu geführt, und diese Ansicht gibt es mittlerweile auch in Teilen der Theologenzunft, wenn auch spät, dass heute die Rede vom Heiligen Geist unverständlich geworden ist und man sie daher vielfach besser auf sich beruhen lässt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst Jesus von Nazareth dies alles nicht mehr verstanden hätte. Einig ist man sich in der Kirche allerdings darin, dass erst das tatsächliche Verhalten der Christenmenschen, wenn sie denn vom Heiligen Geist durchdrungen sind, einer so oder ähnlich gearteten Dogmatik die nötige Glaubwürdigkeit in der Welt verleihen könnte. Doch wo sind sie und wo waren sie, heute und in der Geschichte, die Christen, die vom Geist inspiriert die „guten Werke“ tun oder getan haben? Sollten gar nur die Kirchenfürsten die Fülle des Geistbesitzes zugesprochen bekommen haben und nur innerhalb der Kirche der Heilige Geist wahrhaft wirken? Der Mensch kommt ohne eigenes Zutun auf diese Welt und ist weder gut noch böse oder vielleicht besser gesagt sowohl gut als auch böse. Dies aber doch nicht wegen der Religion oder wegen des Heiligen Geistes, sondern trotz der Religion. Untersuchungen haben vielfach gezeigt und es lässt sich zur Zeit gerade für die extremen Islamisten sagen, dass derjenige, der an einen Gott glaubt, dann gewalttätiger ist, wenn er zuvor in seinen heiligen Schriften liest, dass Gott die Gewalt billigt. Der religiöse Kontext führt bekanntlich auch und gerade im Koran zu grö- ßerer Aggressivität. Wenn in Mitteleuropa das „Böse“ in einem Menschen überwiegt und der Mitmensch durch welche Taten auch immer beeinträchtigt wird, so haben der Rechtsstaat und die Zivilgesellschaft „Planken“ eingezogen, die es möglich machen, dass das Individuum sich frei entfalten kann, 91 Bernd Jochen Hilberath in: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, a. a. O., Seite 534. 87 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … ohne die Rechte und Privatsphäre der anderen Menschen zu beeinträchtigen. Nur so kann in demokratischen Gesellschaften Leib und Leben jedes Einzelnen gesichert werden. Auch wenn dies zur Zeit in nur wenigen Gesellschaften und Staaten dieser Erde praktiziert wird, auf einen solchen Weg muss sich in jedem Fall die gesamte Menschheit machen. Doch wo ist da der Heilige Geist? Man kann ein guter oder auch ein schlechter Mensch sein, und dies ohne Glauben an welches göttliche Wesen auch immer. In den USA ist z. B. bekannt, dass signifikant mehr Kirchgänger für die Todesstrafe und für Folterungen von Gefangenen sind, als Nichtkirchgänger92. Der Heilige Geist kann doch wohl nicht mitmachen, wenn nicht nur trotz, sondern sogar wegen der Religion ganze Völker oder Volksgruppen ermordet werden. Wo war denn der Heilige Geist, der doch nach den Aussagen der Kirche den Glaubenden in seiner ethischen Haltung stärkt und zum Tun des Willen Gottes befähigt, als in Deutschland Millionen von Juden deportiert und ermordet wurden? Wo war gar der Papst, wenn doch der Heilige Geist exklusiv an Leitungsfunktionen der Kirche gebunden ist? Wo war er, als der ausgewiesen christliche Präsident der USA mit Täuschungsmanövern den Krieg im Irak vom Zaune brach? Wo ist er, wenn im Jemen und in Somalia sieben Millionen Männer, Frauen und Kinder langsam aber sicher in einer beispiellosen Hungersnot versinken, weil sich religiöse Gruppierungen mit Hilfe benachbarter Machthaber gegenseitig massakrieren? Oder weht der Geist gar nur dort, wo Hilfsorganisationen Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten? Weht er auf dem Börsenparkett oder in der Suppenküche für Obdachlose? Weht er gar im Vatikan, wo die Zahl der Verbrechen, darunter Wirtschaftsdelikte, Pädophilie und Drogenhandel, nach Aussagen des Generalstaatsanwaltes des Heiligen Stuhls Gian Milano, nach wie vor ansteigt93. Nein und abermals nein, man kann das Gute und das Humane in der Welt nicht für sich und seinen Heiligen Geist reklamieren und die Bosheiten der Menschheit und die Grausamkeiten von Krieg, Hunger und Zerstörung den Unfreiheiten der Menschen und irgendwelchen von Gott geschaffenen widergöttlichen Kräften anlasten. 92 Vgl. hierzu: Gerhard Czermak, Problemfall Religion, Tectum Verlag, Marburg 2014, Seite 315. 93 Siehe: Meldung in: „Spiegel online“ vom 02.02.2015. 88 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Der Geist Gottes, er wehte damals nicht und er weht auch heute nicht, er weht überhaupt nicht. Der menschliche Geist, nicht der göttliche Geist, weht in den Gehirnen, ohne dass die Medizin bis heute Klarheit darüber hat, wie die Beziehungen zwischen Geist und Gehirn „ablaufen“, wie menschliches Bewusstsein und psychologische und physiologische Faktoren miteinander kommunizieren. Die Kluft zwischen dem theologischen Gerede vom Heiligen Geist und dem tatsächlichen Weltgeschehen im Großen und im Kleinen ist unüberbrückbar. Wenn dies aber so ist, dann wäre doch vor der Konstruktion eines solchen theologischen Überbaus über eine Pfingstgeschichte, vor der Entwicklung von Lehrsätzen und Sinnbeschreibungen über einen solchen biblischen Vorgang die tatsächliche Gegebenheit, am besten durch römische Historiker, die unverdächtig wären bei der Beschreibung von „übernatürlichen“ Vorgängen, zu sichern gewesen. Dieses Faktum ist bis heute, trotz aller Beteuerungen der Kirche, eben nicht gegeben. Die Kirche will einfach, ja muss das Privileg behalten, dass nur sie die eine göttliche Wahrheit nicht nur zum Pfingstereignis für alle Menschen vermitteln kann und dazu braucht sie die angebliche Tatsächlichkeit der biblischen Erzählungen, denn nur so bleibt sie unentbehrlich für die Bestätigung eines Heiligen Geistes, dessen Existenz in dieser Welt nicht erkannt werden kann. Papst Johannes Paul II drückte es in einer Audienz am 17.10.1990 so aus: »Die Person des Heiligen Geistes übersteigt die Möglichkeiten … der menschlichen Erkenntnis in besonderer Weise … Für uns ist die dritte göttliche Person der verborgene und unsichtbare Gott …«. So wollen wir es einfach akzeptieren und die Suche nach dem Heiligen Geist in dieser Welt unterlassen und auch das Schreiben über ihn und wir sollten nicht daran rühren, vor allem nicht an den Feiertagen zu Pfingsten. Denn diese Tage sind auch ohne geistliche Erkenntnis, ja sogar ohne Kenntnis des gesamten biblischen Geschehens im Durchschnittsbewusstsein der Bürger und Arbeitnehmer ein gewünschter und gewohnheitsmäßiger Termin. 89 5 Wenn die Kirche der Jungfrau Maria keine Eizelle zugesteht … Es ist schon ein starkes Stück. Da verlobt sich ein alter Mann, der nach den apokryphen (verborgenen) Schriften aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Chr., die keine Aufnahme in den Kanon der Bibel gefunden haben, schon ein Greis von achtzig Jahren gewesen sein soll, mit einer blutjungen Frau, die gerade dem Kindesalter entwachsen ist. Dies muss selbst für die damaligen Verhältnisse im Ostzipfel des Römischen Reiches kein alltäglicher Vorgang gewesen sein. Der greise Witwer dürfte auch nach den Erkenntnissen heutiger biomedizinischer Forschung und in Anbetracht seiner eigenen körperlichen Möglichkeiten sehr überrascht gewesen sein, dass diese junge Frau offensichtlich in „guter Hoffnung“ war. Er hatte sicher heute und erst recht vor über 2000 Jahren dafür keine plausible Erklärung. Dass sie schwanger war, ließ sich nicht mehr verbergen. Das Problem war nur, beide wussten nicht, von wem geschwängert. Dass der alte Herr deshalb ziemlich sauer war, kann man sich gut vorstellen. Nach der Überlieferung soll ihm jedoch ein Engel die peinliche Situation erklärt haben. Diese Erklärung muss so überzeugend gewesen sein, dass er seine Überlegungen zur Trennung von dieser jungen Frau daraufhin wieder verwarf. Welch eine skurrile Geschichte, ein Methusalem mit einer werdenden Mutter, unterwegs in der römisch besetzten Provinz. Und ausgerechnet dieser alte Mann mit seinen circa achtzig Jahren, bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund vierzig Jahren im damaligen Römischen Reich, er soll sich nun aufmachen, mit einer jungen Frau in Umständen, um in einem Nest namens Bethlehem in Galiläa an einer Volkszählung teilzunehmen. 90 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … Die historisch-kritische Bibelforschung hat diese schöne Weihnachtsgeschichte längst widerlegt. Schade eigentlich, denn wenn es das Weihnachtsfest mit der Geburtsgeschichte heute nicht geben würde, man müsste es erfinden, schon alleine wegen der Umsätze der Kaufmannschaft. Doch auch nach über 2000 Jahren ergeben sich immer noch Fragen, die mit der Geburt dieses „Menschensohnes“ zusammenhängen. Mögliche Antworten entlarven dieses schöne Märchen jedoch schnell als eine Legende, die so nie stattgefunden haben kann. Die Fakten der historischen Forschung sprechen, wie wir gesehen haben, eindeutig gegen diese Geschichte. Aber auch die realistische Einschätzung, dass ein so alter Mann mit einer Teenagerin, hoch schwanger, einen Fußmarsch von über 160 Kilometern antritt, ohne die heute übliche Outdoorkleidung, ohne gekennzeichnete Wanderwege, dafür aber mit einem störrischen Esel, man kann es kaum glauben. Ich denke vielmehr, dass dieser alte Mann unterwegs zusammengebrochen wäre und die Hochschwangere wahrscheinlich, angesichts der Strapazen, eine Frühgeburt gehabt hätte. Der Sohn der Maria, den die Christen als Sohn Gottes verehren, er ist sicher geboren worden, das ist historisch belegt. Aber nicht unter diesen Umständen. Zumal dieser alte Joseph bis auf ganz wenige Hinweise in der Bibel nach der Geburtsgeschichte sang- und klanglos aus den Evangelien verschwindet. Und doch, die Christen des zweiten Jahrhunderts nach Chr. hatten durch die Erzählung des Evangelisten Lukas so wenigstens eine schöne Geschichte über die Geburt eines Gottessohnes und auch über die Mutter dieses Sohnes, die dann später sogar zu einer Gottesgebärerin werden sollte. Und was für die damaligen Kirchenväter ganz besonders wichtig war, die Geschichten und Verheißungen des Alten Testamentes waren angeblich Wirklichkeit geworden. Als Erklärung findet das gerade beginnende Christentum selbstverständlich Hinweise in den alten Schriften der Juden zur Geburt eines Gottessohnes beim Propheten Jesaja. Hier kündigt der König Ahas in Jerusalem während eines Krieges im Jahre 734 vor Christus eine junge Frau an, die schwanger wird. Der Prophet sprach von einem baldigen Ereignis, kann also nach meiner Überzeugung nicht die Geburt eines Kindes gemeint haben, das dann mehr als 700 Jahre später geboren werden soll. 91 Die Evangelisten entwickelten trotzdem die Idee der Empfängnis einer jungen Frau namens Maria, die nicht auf natürlichem Wege, sondern vom Heiligen Geist geschwängert worden sein soll. Sie konzipierten auch noch die wunderbare und schmerzlose Geburt eines Kindes in irgendwelchen Unterständen auf freiem Felde. Wobei allerdings nach den Visionen der frühen Kirche diese Frau auf unergründliche Weise sowohl bei der Begattung als auch beim Geburtsvorgang selbst und auch nach der Geburt ihre Unschuld nicht verliert. Durch diese Geschichte wurde aus einer normalen jungen Frau des jüdischen Volkes, die ein Kind bekommt, in der Heilsgeschichte der Bibel eine beinahe gottgleiche „Himmelsfürstin“. Man fragt sich, warum musste eine solche Legendenbildung entstehen, warum eine solche Geburtsgeschichte? Der alte Joseph selbst musste nach den Aussagen der Bibel aus dem Hause und Geschlechte Davids stammen und die Geburt des Kindes musste nach Bethlehem verlegt werden, weil der Messias der Juden aus dem Hause und Geschlechte Davids hervorgehen sollte. Dieser Tatbestand war ja schon Gegenstand bei der Christuslehre. Zu erklären ist es eigentlich nicht, dass diese Weissagungen der hebräischen Schriften erfüllt werden mussten, wo doch Joseph nach dem Glauben der Christen an der Befruchtung der Eizelle Marias überhaupt nicht beteiligt war und das Kind demzufolge nicht aus dem Geschlechte Davids stammen konnte. Vielleicht hilft bei der Beantwortung dieser Frage der Katechismus der katholischen Kirche ja weiter. Auf der Suche nach den Antworten wird einem beim Studium jedoch sofort klar, dass wiederum der Sinn eines solchen Geschehens nur für den wirklich Glaubenden erfassbar ist. Erfasst man dies jedoch nicht, so bleibt dem kritischen Betrachter nur die Möglichkeit, eigene Nachforschung in den Schriften anzustellen, um so der Sache eher auf den Grund gehen zu können. Beleuchtet man die Entwicklung dieser Geschichte genauer, dann wird deutlich, dass aus einer ursprünglich jungen jüdischen Frau, die die Mutter eines vermutlich unehelichen Kindes war und die außerdem nach der Bibel später noch weitere Kinder bekam, dass nach der Vergöttlichung ihres ersten Sohnes durch die Kirchenväter eine reine, sündenfreie und allzeit jungfräuliche Gottesmutter werden musste. Bedient man sich seines eigenen Verstandes, ein geradezu abenteuerlicher Vorgang. Nicht die Bibel, nicht einmal die Evangelisten entwickelten diese Legende von der immerwährenden jungfräulichen Gottesmutter Maria, Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … 92 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … sondern die sogenannte junge Kirche tat dies selbst. Die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte nach der Geburt Christi schufen die Figur einer Gottesgebärerin und schafften so eine glaubensbindende Göttin nach griechischem Vorbild. Mit Blick auf die Mythologie im alten Ägypten, der Mythologie der Griechen und Römer schufen die Bischöfe und Kleriker die übernatürliche Geburt eines Wesens aus einer Göttin, und dies im Gegensatz zu einer natürlichen Zeugung, Empfängnis und Geburt. Schon ein kurzer Blick in die Entwicklung der unterschiedlichsten Hochkulturen am Nil und am Euphrat zeigt, dass die jungfräuliche Geburt eines Erlösers durchaus auch in anderen Religionen und Mythen vorkommt. Auch haben in den Erlösungsmythen beinahe aller Religionen der Erde Jungfrauen immer eine besondere Rolle gespielt. So gebar die Jungfrau des Christentums auch einen Sohn, der Mensch war und einen Ziehvater mit Namen Joseph hatte und der zugleich nach den entwickelten Glaubensgrundsätzen der frühen Kirche auch Gottes Sohn sein musste. Das Ringen um den Glauben an einen wahren Gott, der auch gleichzeitig Mensch war und vor allem die Auseinandersetzungen um einen Konsens in dieser Frage unter den Christen, diese Auseinandersetzungen dauerten Jahrhunderte. Die Konflikte um die Frage eines Gottes in drei Personen und deren Beziehungen zueinander waren noch in vollem Gange, da entwickelte sich logischerweise die dogmatische Fragestellung in Klerikerkreisen zur bereits angesprochenen göttlichen und menschlichen Natur Jesu. Hiermit verbunden war dann auch die Streitfrage, als was die Mutter Jesu denn nun bezeichnet werden dürfe und an welche beinahe göttlichen Eigenschaften dieser Frau nun zu glauben sei. Die Logik sagte nicht nur jedem Christen, sondern auch jedem Menschen: Wer Mensch war, und das sollte Jesus ja auch gewesen sein, der hatte auch eine Mutter. War also die Mutter eines Sohnes Gottes auch eine Gottesmutter? Wie konnte gar ein Mensch, eine Jungfrau, einen Gott gebären? Bei den unterschiedlichen Auffassungen über diese dogmatischen Grundfragen, vor allem im Osten des Römischen Reiches, kristallisierten sich unter den damaligen Kirchenoberen zwei Positionen heraus. Die einen sprachen wegen der Gottheit Christi bei Maria von einer Gottesgebärerin, die anderen, da Gott ja bekanntlich schon vor der Zeit existiert haben musste und nicht noch geboren werden müsse, von einer Menschengebärerin, zumal ein Mensch ja keinen Gott gebären könne. 93 Auch diese fundamentalen Auseinandersetzungen wurden im Konzil von Ephesus, einer damals bedeutenden Stadt Kleinasiens an der Westküste der heutigen Türkei gelegen, im Jahre 431 nach Christus entschieden und als Dogma von den Konzilsvätern formuliert und verkündet. Wie wir bereits angesprochen haben war Jesus danach sowohl Gott als auch Mensch und die Mutter Jesu war jetzt wahrhaft eine Gottesgebärerin. Es ist allerdings nicht ganz sicher, ob die Verkündigung der Gottesmutterschaft Mariens in diesem Konzil zweifelsfrei festgelegt worden ist, da die Konzilstexte zu diesem Thema keine ausdrückliche Aussage enthalten. Stattdessen gehen die Konzilschronisten davon aus, dass ein Dogma zur Gottesmutterschaft nur die Folge der damals entstandenen dogmatischen Lehre von den beiden Naturen Jesu, der menschlichen und der göttlichen Natur, gewesen sein muss. In der Dogmatikliteratur hört sich der so entstandene Glaubenssatz dann so an: »Maria ist wahrhaft Gottesmutter.« In den Konzilsaussagen heißt es weiter: »Wer nicht bekennt, dass die heilige Jungfrau Gottesgebärerin ist … der sei mit dem Kirchenbann belegt«. Fragt man den Historiker, der aufgrund der umfangreichen und relativ zuverlässigen Quellenlage dieser Zeit die Umstände und die Durchführung des Konzils von Ephesus erforscht hat, so ergibt sich ein aufschlussreiches Bild, das in den theologischen Schriften so gut wie keine Erwähnung findet, aber für den heutigen Christenmenschen besonders aufschlussreich ist. Die Betrachtung der historischen Entwicklung solcher Glaubenssätze lässt die zementierte Lehraussage der Kirche in einem ganz anderen Licht erscheinen. Hauptverantwortlicher und Hauptverteidiger der Position der bereits ausgeführten Zwei-Naturen-Lehre und der Lehre einer Gottesgebärerin war der Patriarch Cyrill von Alexandrien, sein Gegenspieler war der Patriarch von Konstantinopel mit dem Namen Nestorius. Dieser hatte in beiden Fragen eine eigenständige und konträre Position zu Cyrill und sprach bei Maria von einer Menschengebärerin. Wie bereits beschrieben war in dieser historischen Phase Theodosius II Kaiser des Oströmischen Reiches, der zu Pfingsten des Jahres 431 zu dem Konzil einlud. Der Historiker Manfred Clauss beschreibt eindrucksvoll die Ereignisse während des Konzilsverlauf: Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … 94 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … »Was dort ablief, könnte man als chaotisch oder besser noch als terroristisch bezeichnen. Cyrill kam aus Alexandria über See und war der Schnellste. Er erscheint in Ephesus mit einer Gruppe von schlagbereiten Mönchen (heute würde man sagen: mit einer Schlägertruppe) und berief die Versammlung ein, noch bevor alle Teilnehmer – konkret: seine Gegner – eintrafen. In der Kirche der Gottesmutter Maria verurteilte man Nestorius, den „neuen Judas“. Bald darauf kam der Bischof Johannes von Antiochia mit einem stattlichen Anhang nicht minder kräftiger Helfer dazu und setzte Cyrill sowie alle jene ab, die die Absetzung des Nestorius beschlossen hatten. Selbstverständlich exkommunizierten sich die beiden Gruppen gegenseitig. Schließlich griff Theodosius II durch und ließ sämtliche Rädelsführer unter Hausarrest stellen …«94. Es ist eine lange Geschichte von Protesten, Intrigen und gewaltigen Bestechungssummen, die nun folgte. Schaut man sich die Akteure an, so wird auch hier wieder einmal deutlich, in welch hohem Maße die Entscheidungen in Glaubensfragen nicht von Theologen, sondern ganz wesentlich von weltlichen Personen abhingen. Denn am Ende entschied selbstverständlich der Kaiser kraft seiner Autorität. Soviel wieder einmal zur Entscheidungsfindung bei Glaubensgrundsätzen und zur Entstehung des Dogmas einer Gottesgebärerin, an das bis zum heutigen Tage die katholischen Christen zu glauben haben. Einen solchen Dogmenwahn hat sich der Wanderprediger Jesus sicherlich nicht vorstellen können und eine solche Entstehung von Glaubensfundamenten einer Kirche, die Jesus niemals gründen wollte, schon gar nicht. Schaut man in die Bibel, so findet man zur Frage einer Gottesgebärerin namens Maria, gar einer Himmelskönigin, kein Wort. Es ist einfach kein Thema. Zumal Maria im Neuen Testament eher schlecht wegkommt, weder der selbst ernannte Apostel Paulus noch der Evangelist Markus zeigen sich an ihr interessiert. Wenn Maria überhaupt erscheint, so in einem eher problematischen Zusammenhang. Seine Mutter und seine Verwandtschaft haben Jesus wohl für ziemlich durchgeknallt gehalten (Mk. 3,21). Es ist nachgewiesen, dass eine Marienverehrung niemals Gegenstand in der Verkündigung Jesu war. Interessanterweise haben die Evangelisten Matthäus und Lukas, die ja den Text des Markusevangeliums kannten, die anstößigen Stellen beim Aufeinandertreffen von Mutter und Sohn in ihren Evangelien einfach weggelassen. 94 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 437 f. 95 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … Die Dogmatik-Literatur der Theologen sucht trotzdem, geradezu verzweifelt, nach Hinweisen in der Heiligen Schrift, die als Beleg für die Marienverehrung der Christenheit herhalten könnten; es heißt da: »Die Heilige Schrift lehrt die Gottesmutterschaft Mariens nicht dem Wort, sondern der Sache nach …«95. Das Dogma muss also wahr sein, weil es die Kirchenväter im wahrsten Sinne des Wortes erkämpft, geglaubt und dann verkündet haben, und die Kirche verkündet es weiter, weil es wahr ist. Wieder mal ein typischer Zirkelbeweis. Trotz dieser problematischen Entstehungsgeschichte geht es in der Historie der sich etablierenden Kirche in immer gleicher Weise weiter und es entwickeln sich für die Mutter Gottes tatsächlich noch Steigerungsmöglichkeiten. Die Entfaltung einer geradezu schwärmerischen Marienverehrung nimmt in der Geschichte der Kirche von nun an ihren Lauf. Es musste konsequenterweise ein weiteres Dogma folgen. Denn wenn Maria einen Gott geboren hatte, dann konnte der Mensch Maria, wie in der Bibel beschrieben, ja nicht wie alle Frauen dieser Erde befruchtet worden sein. Eine Gottesmutter Maria beim Geschlechtsverkehr war nicht vorstellbar. Eine Maria mit fleischlicher Begierde, das ging gar nicht. Vielleicht hat auch deshalb die Überlieferung dem Joseph das Greisenalter zugedacht, denn ohne Hilfsmittel der modernen Pharmazie muss bei der Befruchtung doch wohl der Heilige Geist im Spiel gewesen sein. Ohne Ironie, das nachfolgende Dogma lautet tatsächlich: »Maria war Jungfrau vor, in und nach der Geburt Jesu«. Man kommt ins Grübeln. Es kann für Kleriker und ihre Lehre einfach nicht sein, was nicht sein darf. Rudolf Augstein sagt dazu in seinem Buch »… 400 Jahre nach dem Tode ihres Sohnes war hinlänglich sichergestellt, dass kein Penis je in sie eingedrungen sein dürfte, dass sie die Leibesfrucht nicht durch die Vagina und auch nicht durch Kaiserschnitt aus sich entlassen hatte …«96. Schon das zweite Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 nach Chr. gibt Maria den Ehrentitel einer „immerwährenden Jungfrau“. Doch spätestens seit der Lateransynode des Jahres 649 nach Chr. werden durch 95 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 237. 96 Rudolf Augstein, Jesus Menschensohn, a. a. O., Seite 411. 96 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … das kirchliche Lehramt alle drei Elemente der Jungfräulichkeit Mariens besonders hervorgehoben. So werden weitere Dogmen zur „Präzisierung“ nachgelegt: »Maria gebar ohne Verletzung ihrer jungfräulichen „Unversehrtheit“« »Maria lebte auch nach der Geburt Jesu jungfräulich«. Die Kleriker sahen in der Jungfrauengeburt so etwas wie die Voraussetzung und Bedingung für eine Gottessohnschaft und entwickelten daher über die Jahrhunderte hinweg diesen Dogmenkatalog des katholischen Glaubens auf der Grundlage ihrer eigenen Vorstellungswelt. Dass nämlich Maria als Jungfrau empfangen und geboren hatte und zwar ausschließlich durch die Einwirkung des Heiligen Geistes. Logischerweise lautet ein weiteres Dogma dann: »Maria empfing ohne Mitwirkung eines Mannes vom Heiligen Geist«. Es musste sich halt so fügen, wie es sich in den Mythen der antiken Welt auch gefügt hatte, dass der Erlöser der Menschen immer auch der Sohn einer Jungfrau war. Im alten Orient findet man in der Mythologie zahlreiche Beispiele, wo der Samen eines Gottes den eines Mannes ersetzt oder ihm zuvorkommt und es kommt dann je nach der Vorstellungswelt des entsprechenden Kulturkreises zu einer „Jungfrauengeburt“. Die Götterbilder in der Mythologie der Ägypter, der Inder, der Griechen und der Römer mögen zwar einige dogmatische Aussagen erklären und die Marienverehrung der römischen Kirche mag auch ein entsprechender Ersatz sein für die antike Verehrung von Mutter-Gottheiten, doch muss den Theologen spätestens im Mittelalter schon geschwant haben, dass die Vorstellung von einer Gottessohnschaft Jesu nicht zwangsläufig von der Tatsache einer Jungfrauengeburt abhängig gemacht werden kann. Doch was sagen uns die Theologen heute? Der Katechismus der katholischen Kirche flüchtet in die bekannte verschleiernde Theologensprache. Erst im Laufe der Jahrhunderte sei sich die Kirche bewusst geworden, dass »Maria stets wirkliche Jungfrau geblieben sei …« und dass die Berichte der Väter als »Werk Gottes aufge- 97 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … fasst werden müssen, das über jedes menschliche Verständnis und Vermögen hinausgeht …«97. Es ist also auch hier wieder zu glauben, was nicht zu verstehen ist! Die bekannte Arroganz der Kirchenväter kommt wieder zum Vorschein, deren Verständnis und Vermögen zur Klärung oder Erklärung eines solchen Dogmas zwar nicht ausreicht, die es aber trotzdem als Glaubenssatz verkünden und die die Christenmenschen dann verpflichten, bei Androhung von Sündenstrafen, genau dies und nichts anderes zu glauben. Zudem sagt der aktuelle Katechismus, dass die nähere Bestimmung, nämlich worin die jungfräuliche Unversehrtheit Marias in der Geburt nach der körperlichen Seite besteht, nicht zum Glauben der Kirche gehört. Da haben wir es, die physiologische Seite wird außen vor gelassen und der Gebärvorgang bei Maria wird zu einem zu glaubenden und laut zu verkündenden Geheimnis98. Die Geburt Jesu sollte »in keinerlei Hinsicht einen menschlichen Zeugungsbeitrag beinhalten, nicht nur einen nicht männlichen, sondern überhaupt keinen menschlichen«99, sagt die Theologin Uta Ranke-Heinemann. Auch bei der Frage einer Jungfräulichkeit der Gottesmutter nach der Geburt werden aus den Brüdern und Schwestern Jesu, die so explizit im Neuen Testament genannt werden (Mk. 6,3–4), in der theologischen Literatur nahe Verwandte oder Kinder aus der ersten Ehe des Joseph mit seiner verstorbenen Frau. So biegt man selbst dort, wo die Formulierungen des Evangeliums eindeutig sind, bei allem Vorbehalt über die Absichten und die Authentizität der Evangelienschreiber, man biegt sich die Sachverhalte passend, weil das Bild der immerwährenden Jungfrau angesichts der sich in den nachfolgenden Jahrhunderten steigernden Verehrung einer Mutter Gottes aufrechterhalten werden muss. Selbst unser ehemaliger Papst Benedikt XVI besteht im 21. Jahrhundert immer noch darauf, dass die Jungfrauengeburt ein wirkliches Geschehnis ist. So formuliert es dann auch der Katechismus weiter: »Der Kirche wurde bewusst …«, wohlgemerkt, nicht den Gläubigen, sondern der Kirche, dass »Jesus einzig durch die Kraft des Heiligen Geistes im Schoße der Jungfrau empfangen wurde«. Es ist also festgeschrieben, der »Heilige Geist wird gesandt, um den Schoß der Jungfrau göttlich zu befruch- 97 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 156 f. 98 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 156. 99 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 63. 98 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … ten«, das kirchliche Fundament »für das Bekenntnis zur jungfräulichen Geistempfängnis sei … unbestritten gegeben«100. Im Zuge der sich entwickelnden Verehrung einer Gottesmutter in der Kirche und spätestens ab dem 5. Jahrhundert nach Chr. ist die Konzeption solcher Dogmen vielleicht noch nachvollziehbar und nicht weiter verwunderlich. Doch wie sieht es heute aus? Es bleibt nach wie vor dabei, das Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche spricht diesen Satz weiter unbeirrt aus. »Ich glaube an Gott … und an Jesus Christus … der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau« Ein Glaubenssatz also, der zu einer Zeit entstanden ist, als man von der Existenz einer weiblichen Eizelle noch nichts wusste. Es gab damals eher die Vorstellung, dass »… die Frau … gleichsam die Erde war, der Blumentopf, wohin der Mann den Samen legte, aus welchem dann allein das Kind wuchs …«. Die »… Wissenslücke in Bezug auf die weibliche Eizelle war also das Fundament für die Vorstellung einer Jungfrauengeburt vom Heiligen Geist im geschlechtslosen Raum …«101, bemerkt Uta Ranke-Heinemann. Die kritischen Köpfe unter den Theologen verfallen dann auch in die Satire und machen den Vorschlag, »entweder die Kirche gesteht Maria eine Eizelle zu, dann muss die Kirche sagen, … empfangen vom Heiligen Geist, aber nur zu einem kleinen, wenn auch nicht unwesentlichen Teil«, oder die Kirche gesteht Maria keine Eizelle zu, das heißt, Samen und Ei stammen vom Heiligen Geist, »dann wäre Maria nicht die Mutter Jesu, sondern nur eine Leihmutter«102. Maria wäre so keine junge Frau der damaligen Zeit, sondern doch eher eine Frau der heutigen Zeit, mit den Möglichkeiten der modernen Präimplantationsdiagnostik. Und nun geht ein Papst in der Mitte des 19. Jahrhunderts gar hin, ohne Not und befrachtet die Kirche gleich mit zwei weiteren Dogmen zur Marienverehrung. Und dies gänzlich ohne jedes biblische Fundament und dann auch noch mit einer geradezu hanebüchenen Argumentation. Es handelt sich bei den Lehraussagen mit Unfehlbarkeitsanspruch von Papst Pius IX, wenn er „ex cathedra“ spricht, um das Dogma von der „unbefleckten Empfängnis Marias“. Damit Maria nicht die Erbsünde von Adam und Eva durch die Geburt Jesu auf das Kind überträgt, musste sie noch vor ihrer eigenen Empfängnis, also schon im Schoße ihrer ei- 100 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 157. 101 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 65. 102 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 65 f. 99 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … genen Mutter geheiligt worden sein. Während nach der Lehre der Kirche alle Menschen erst durch das Leben und den Kreuzestod Jesu in der Taufe von der Erbsünde befreit werden, musste Maria noch vor dem Leben und Sterben Jesu, sozusagen im Voraus von der Behaftung der Erbsünde bewahrt werden. Man muss sich das einmal vorstellen, da bestimmen die Bischöfe und Priester des 19. Jahrhunderts oder besser gesagt der Papst im Jahre 1854 in einer „Bulle“, dass Maria schon vor der Geburt des eigenen Sohnes, der ja erst durch seine Menschwerdung die Menschheit von der lauthals verkündeten Ursünde befreit haben soll, ja vor ihrer eigenen Geburt, ohne Makel der Erbsünde empfangen worden ist. Die ganze übrige Menschheit leidet allerdings bis zum heutigen Tage, nach den Aussagen der Kirche, an diesem Erbsünden-Makel. Die schon im Mittelalter stark diskutierte, aber offen gelassene Frage, sie wird jetzt über 1800 Jahre nach dem Tode Jesu durch einen Papst „ex cathedra“ entschieden. Trotz der Unmöglichkeit, und diese Aussage macht die gesamte theologische Literatur, sich auf irgendein Schriftzeugnis berufen zu können. Der gesamte katholische Klerus gibt zu, dass das Dogma von der „unbefleckten Empfängnis“ nicht aus der Bibel abgeleitet werden kann. Es wird trotzdem verkündet, ungeachtet der Tatsache, dass das Schriftprinzip, also der geforderte Bezug zur Heiligen Schrift, mittlerweile auch von den Dogmatikern der katholischen Kirche bejaht wird. Im Gegensatz dazu oder vielleicht gerade deswegen mussten die Kleriker aus der Mutter Jesu ein geschlechtsloses Wesen machen, eine immerwährende Jungfrau, eine reine Magd, eine Himmelskönigin. Man wird den Gedanken einfach nicht los. Es war offensichtlich zwingend, über die Jahrhunderte hinweg ein Wunschbild für die zölibatären Fantasien der Kleriker aufzubauen und dabei die Geschlechtlichkeit Marias weitestgehend zu verdrängen. Zumal die historische Maria zu Lebzeiten ihres Sohnes eher nicht zu seinen Anhängern gehört hat und nichts von seinem göttlichen Auftrag wusste. Sie teilte eher mit anderen ein tief sitzendes Unverständnis über ihren Sohn (Lk 2,50). Die heutigen Theologen der Kirche vernebeln jedoch weiter, sie können es selbst nicht fassen, es ist ihnen einfach nur unangenehm, wenn sie auf das Thema der Jungfräulichkeit Marias angesprochen werden. Daher bleibt ihnen nur die Flucht, die Flucht nach vorn, sie führt zu einer Argumentation wie diese: »Die Väter lehren die wahre Gottesmut- 100 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … terschaft Mariens ebenso wie die Heilige Schrift, nicht dem Wort, wohl aber der Sache nach«103. Offensichtlich sind alle Erzählungen und Reden in den Schriften der Kirche nicht zu lesen als historische Berichte oder biografische Auskünfte, sondern nur unter der Prämisse des Glaubens an Jesus Christus, oder korrekter formuliert: nur aus dem Glauben an die Lehraussagen der Kirche zu verstehen. Eine differenzierte, seriöse und genaue Betrachtung der Lehren der Kirche durch den Christenmenschen ist einfach nicht angesagt. Letztendlich bleibt immer nur die Aussage, dass die meisten Fragen mit historischer Gewissheit doch nicht beantwortet werden können. Und jetzt kommt es. Da setzt der Heilige Vater, Pius XII, in der Mitte des 20. Jahrhundert noch eins drauf. Er formuliert und verkündet im Jahre 1950 das Dogma von der Aufnahme Mariens in den Himmel. Das Dogma selbst lautet wörtlich: »Maria wurde mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen«. Es ist irgendwie logisch, wenn Maria nicht mit der Erbsünde behaftet war, dann wird sie wohl direkt nach ihrem Tode die himmlische Herrlichkeit erreicht haben. So soll doch tatsächlich auch der Leib Marias im Himmel sein, und das nach fast 2000 Jahren. Die Vorstellungen dieses Papstes überraschten angeblich die In sider nicht. Auch dass eine Himmelfahrt Mariens in der Bibel nirgends vorkommt, ist jetzt nicht mehr von Bedeutung. Der Gedanke an eine solche Auffahrt war in der Kirche über Jahrhunderte hinweg völlig unbekannt und auch undenkbar. Doch nach einer solchen Verkündigung, was sollten sie jetzt tun, die Kleriker, wie sollten sie dieses Dogma den Christen erklären, den Glaubenssatz begründen, wo doch kein Schriftzeugnis vorliegt und die Möglichkeiten einer leiblichen Aufnahme Mariens gedanklich nicht nachvollzogen werden können? Der Katechismus beschreibt, was in der Tat nur noch glaubend gedacht werden kann, dass nämlich »Maria nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde … und Teil habe an der Auferstehung ihres Sohnes … und damit eine Vorwegnahme der Auferstehung aller Christen …«104 vollzogen worden ist. 103 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 238. 104 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 278. 101 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … Der Zerfall des Körpers von Maria darf also nach ihrem Tode nicht stattgefunden haben, denn sie war ja vom „Sündenfluch“ der Menschheit ausgenommen. Welch eine Vorstellung! Der Körper Marias, quasi geschlechtslos. In welcher Verfassung und in welchem Alter hat man sich den Körper Marias vorzustellen? Dieser Körper soll trotzdem im Himmel, wo auch immer das ist, real vorhanden sein? Was für alle Menschen zu erhoffen ist, dass glaubt die Kirche für Maria bereits gegeben und die Christen haben jetzt ihre Himmelskönigin, ein beinahe göttliches Wesen, das sie zwar nicht anbeten sollen, aber vielleicht doch ein wenig, so als Himmelskönigin und Fürsprecherin bei ihrem Sohn. Doch einen Preis für die Vergöttlichung musste auch Maria zahlen, nämlich den der Geschlechtslosigkeit. Ich glaube, zu all diesen Fragen wird sich wohl jeder Gläubige und sicher auch jeder Kleriker sein eigenes Bild machen müssen. Doch es gibt Hoffnung. Die Fassade der Kirche bröckelt auch hier. Selbst unter Theologen der Kirche ist dieses Denkmuster der leiblichen Aufnahme Mariens umstritten und wird zunehmend in Frage gestellt. Wenn das aber so ist, dann bleibt allerdings die Frage offen, was denn den Papst Pius XII kurz nach dem 2. Weltkrieg wohl geritten haben mag. Denn diese Spirale einer immer weiter entwickelten Mariologie hat die Christen weit weg von den Juden, die Kirche weg vom Neuen Testament und das Christentum weg von den modernen Menschen geführt. Die evangelischen Kirchen machen da schon lange nicht mehr mit. Mit der Durchsetzungsfähigkeit einer Schlägertruppe unter der Führung des Patriarchen Cyrill von Alexandria fing alles an. Dieser Glaube an die Gottesgebärerin wurde verbunden mit dem nachvollziehbaren Wunsch der frühen Christenheit, eine weibliche Gottheit zu haben, entsprechend der Mythologie in anderen Kulturkreisen. So entstand über die Jahrhunderte hinweg eine Marienverehrung, die zu solchen unseligen Glaubenssätzen der Kirche geführt hat. Diese Glaubensgrundsätze sind nicht nur weit weg von den Menschen, sondern auch meilenweit weg von den Vorstellungen des Wanderpredigers in Galiläa. Es gibt nicht viele Erklärungen für eine solche Entwicklung. Eine Erklärung wäre vielleicht, und aufgrund der aktuellen Berichte über den sexuellen Missbrauch des kirchlichen Personals liegt es fast auf der Hand, dass durch die Gestalt Marias eine Art unschuldiges weibliches Wesen geschaffen werden sollte. Quasi eine Projektionsfläche für ehelose Kle- 102 Wenn die kirche der JungfrAu MAriA keine eizelle zugesteht … riker, damit auch sie, wenn auch auf eine beinahe virtuelle Weise, eine gewisse Intimität und platonische Liebenswürdigkeit oder auch Mütterlichkeit erfahren können. Dass dies allerdings nicht ganz ausreicht, wird gerade in jüngster Zeit von einigen Klerikern schmerzhaft beschrieben und sie beklagen im Jahre 2017, dass sie als alternde Ehelose jetzt die Erfahrung der Einsamkeit noch einmal besonders deutlich spüren. Solche Spekulationen drängen sich einem geradezu auf und sind daher eine Deutungsmöglichkeit. Beim Papst Pius XII glauben jedoch einige Kritiker eine relativ einfache Erklärung für sein Himmelfahrts-Dogma gefunden zu haben. Der Papst wollte verhüllen, verschleiern, ablenken, so kurz nach dem 2. Weltkrieg von den unsäglichen Versäumnissen und Missetaten der Kirche und vor allem von den „Hilfestellungen“ des Vatikans, angesichts der Gräueltaten des Naziregimes und der Ermordung von Millionen von Juden. Gräueltaten, die begangen wurden von einem Deutschland, das Papst Pius XII doch so gut kannte. 103 6 Wenn ein amerikanischer Sheriff den Ruhestand nicht im Knast verbringen muss … Eine Protestwelle schlug ihm entgegen. Und das zu recht. Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, hatte im Vorfeld seines Staatsbesuches in Israel und auch auf seiner Israelreise im Jahre 1984 von der „Gnade der späten Geburt“ gesprochen. Diese Formulierung musste in Israel so verstanden werden, dass der Kanzler die Verantwortung der Nachkriegsgeneration für den 2. Weltkrieg und den Holocaust von sich weisen wollte und sich damit selbst eine Art Ablass gewährte. Er hingegen wollte mit seiner Aussage deutlich machen, dass alle Deutschen, die wie er 1930 und später geboren worden waren, nicht hatten schuldig werden können, an den Verbrechen der Nationalsozialisten und dies allein aufgrund des zufälligen Geburtsdatums. Der Journalist und Publizist Günther Gaus hatte diesen Begriff schon früher gebraucht und damit eine Gnade gemeint, die dem Menschen durch Gott ohne eigenes Zutun zu Teil würde. Auch Gaus kritisierte vehement die Formulierung Kohls, die dieser erst Jahre später präzisierte und warf ihm vor, diesen Begriff als „Alibi für einen Schlussstrich“ missbraucht zu haben. Der Katholik Kohl hatte sich bei seinen Äußerungen wieder einmal deutlich vergriffen und die notwendige Sensibilität gegenüber den Juden in Israel und der Welt vermissen lassen. Eine unmissverständliche und klare Formulierung wäre sicher angebracht gewesen. Ist doch Gnade im allgemeinen Sprachgebrauch eine freiwillige, ja wohlwollende Zuwendung des Menschen zu einem anderen Menschen, der auf die eine oder andere Weise schuldig geworden ist und der jetzt der Milde und auch der Zuneigung bedarf. 104 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Häufig geht es bei der Gnade oder besser der Begnadigung um den Erlass einer an sich berechtigten Strafe oder um die Reduzierung einer Strafe, die aus den unterschiedlichsten Gründen verhängt worden ist. So begnadigte zum Beispiel der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump im Jahre 2017 den ehemaligen Sheriff Joe Arpaio aus Arizona105. Dieser galt als Symbolfigur einer gnadenlosen Politik gegenüber illegalen Einwanderern. Er wurde wegen Amtsmissbrauch rechtskräftig verurteilt und doch vom Präsidenten der USA begnadigt, so dass er nicht mehr befürchten musste, seinen Ruhestand im Knast verbringen zu müssen. Im Unterschied zu einem solchen Verständnis von Gnade ist in der Theologie mit Gnade ein zentraler Begriff der Dogmatik gemeint, der die freiwillige und wohlwollende Zuwendung Gottes zu allen Menschen oder wenigstens zu den Gläubigen der christlichen Kirchen beschreibt. Eine solche Gnade Gottes ist notwendig, um die Menschen vor der Versuchung zur Sünde zu bewahren und sie von den begangenen Sünden zu befreien, durch die der Christ eine angeblich große Schuld auf sich geladen hat. Um sein Verhältnis mit Gott wieder in Ordnung zu bringen, ist der Mensch auf diese göttliche Gnade angewiesen. Diese Gnadengabe wird in der Theologie immer in Verbindung mit dem Opfertod des Sohnes Gottes gesehen, der durch seinen Tod eine Urschuld der gesamten Menschheit getilgt und damit die gnädige Zuneigung Gottes zu den Menschen erst möglich gemacht haben soll. Die dogmatischen Ausführungen der Kirche beschreiben einen solchen Weg zur Überwindung und Beseitigung dieser großen Schuld. Für einen Präsidenten der USA, der wie viele Präsidenten von demokratischen und nicht demokratischen Staaten die Gnadenbefugnis hat, ist dies jedoch nichts weiter als die Unterschrift unter ein Dokument, um eine Begnadigung wirksam werden zu lassen. Bei der Gnadentheologie der Kirche ist allerdings ein zusätzliches, ja ein blutiges Opfer nötig, sogar die Ermordung eines Gottessohnes, um die große Schuld der Menschheit aus der Welt zu schaffen und damit die göttliche Gnade wirksam werden zu lassen. Wir müssen noch einmal darauf zurückkommen: Wie groß muss eine solche Schuld der ersten Menschen bloß gewesen sein, ja sogar aller Menschen gewesen sein, damit der, der selbst die Gnadenbefugnis 105 Vgl. hierzu: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 26.08.2017, Artikel: Die Gnade des Präsidenten. 105 besitzt und der die Gnade dann gegenüber den Menschen einfach hätte erweisen können, dass dieser Gott vorher seinen eigenen Sohn umbringen lassen muss? Könnte dieser Gott in seiner Allmacht und Güte nicht eine weniger blutige Lösung gewählt haben? Eine solch brutale Erlösung durch einen Gott ruft zunächst einmal völliges Unverständnis hervor. Und dies vor allem dann, wenn man daran denkt, dass die ersten beiden Menschen nach der Bibel eine Tat begangen haben sollen, die man heute höchstens noch als einfache Ordnungswidrigkeit bezeichnen würde. Dass eine solche Tat, die der Mythologie der Völker im vorderen Orient aus dem 2. Jahrtausend vor Christus entsprungen ist, durch einen heiligen Kirchenvater, der die Theologie dieser Kirche maßgeblich beeinflusst hat, zu einem quasi genetischen Defekt für die gesamte Menschheit wird, ist eine Kernthese der Dogmatik der katholischen Kirche. Von diesem Defekt ist seither jeder Mensch aufgrund seiner Geburt betroffen. Die theologische Literatur der Kirche sagt es immer wieder: »Durch die Ur- und Erbsünde wurde der Mensch ein Anlass göttlichen Zornes … Die erbsündliche menschliche Natur ist geschwächt und steht vor allem unter dem Druck der Begierlichkeit«106. Die Menschheit hat sich somit selbst durch das Essen einer Frucht von einem bestimmten Baum nach der christlichen Lehre in die ewige Verdammnis gebracht. Diese uralte Mythologie von den ersten Menschen hat auch der Koran (Sure 2,35) in beinahe gleicher Formulierung beschrieben: »Naht euch nicht diesem Baum, sonst gehört ihr zu den Frevlern«. Die gesamte Lehre der Kirche dreht sich seitdem um diesen Frevel, der für alle Gläubigen des Christentums nur beseitigt werden kann, wenn die Gnade Gottes Wirkung zeigt. Jeder Christenmensch ist seit den Anfängen des Christentums auf diese Gnade angewiesen. So weit, so unverständlich, wenn denn diese Gnade Gottes wenigstens auch jeden Christenmenschen erreichen würde. Doch die Theologen stürzen die Christenheit zusätzlich in Verwirrung. Sie formulieren in der ihnen eigenen Sprache, dass es keine Garantie dafür gibt, dass die Gnade Gottes wirklich alle Menschen erreicht. Ob also die ewige Verdammnis nach dem Tode des Menschen wirklich eintritt oder die Gnade Gottes die Rettung bringt, es ist nicht garantiert. Es gibt keinen Automatismus bei der Vergabe der Gnade durch Gott, sagen die Kleriker. Sie 106 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 779. Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … 106 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … ist keine einzufordernde, sondern eine freiwillige, wohlwollende Gnade des Herrn. Fest damit rechnen sollte man als Mensch also nicht! Nun stehen wir da, als Gläubige und als Sünder und müssen nach den Aussagen der Theologen zur Kenntnis nehmen, auf welch unsicherem Terrain wir uns befinden. Hinzu kommt, dass bei der Beschreibung all dieser notwendigen Gnadengaben, die als „Almosen“ nicht mal sicher gewährt werden, ein weiterer Begriff ins Spiel kommt, den die Theologie als Rechtfertigung bezeichnet. Auch hier ist der theologisch nicht Vorgebildete zunächst irritiert. Rechtfertigung ist im allgemeinen Sprachverständnis doch wohl die Verteidigung eines Menschen, der eine bestimmte Behauptung oder ein bestimmtes Verhalten, das er an den Tag gelegt hat, gegenüber einem anderen als durchaus korrekt, tatsächlich und nicht vorwerfbar beschreibt. Die Dogmatik der Kirche meint jedoch mit Rechtfertigung eine Lehre, die das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen beschreibt, das ja durch die große Erbschuld belastet ist. Diese Rechtfertigungslehre besagt, wie eine solche Versöhnung zwischen Gott und den Menschen vollzogen werden kann. »Die Gnade Gottes hat die Macht, den Menschen zu rechtfertigen, das heißt, uns von unseren Sünden reinzuwaschen«, sagt der Katechismus und formuliert weiter: »Da in der Ordnung der Gnade das erste Handeln Gott zukommt, kann niemand die Gnade verdienen, aus der die Behebung der Schuld, die Vergebung und die Rechtfertigung hervorgehen«107. Der Versöhnungsprozess zwischen dem Menschen und Gott ist somit nach der Lehre der Kirche ausschließlich der Gnade und freiwilligen Zuwendung Gottes zu verdanken. Die kann sich der Mensch allerdings, und das ist ein weiterer Stolperstein in der christlichen Dogmatik, nicht selbst verdienen. Die Gnadenlehre scheint ein besonders kompliziertes Kapitel der kirchlichen Dogmatik zu sein, denn jeder Theologe muss doch zugeben, dass nach den Aussagen der Bibel im Schöpfungsbericht Gott selbst festgestellt hatte, dass „alles gut“ war. Sowohl die Welt als auch der Mensch, sie waren eigentlich perfekt geschaffen. Doch der Sündenfall hat alles verändert, das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen war durch die Schuld der Menschen schwer gestört. Durch eine schuldhaft falsche Entscheidung leidet nun die gesamte Schöpfung. Die Ursünde von Adam und Eva hat alles „versaut“ und sie ist dann viele Jahrhunderte später 107 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 514. 107 durch die intellektuelle Kraftanstrengung von Kirchenvätern zu dem geworden, was von den Theologen als die zweite, sündige Natur des Menschen bezeichnet wird. Nur durch die gnädige Zuwendung Gottes kann nach der reinen Lehre diese zweite Natur beseitigt werden. Die Schöpfung war aber doch so paradiesisch, wie konnten da die ersten Menschen einer solch simplen Versuchung erliegen? Gott musste doch gewusst haben, dass eine solche Versuchung schiefgehen würde. Trotzdem hat er die beiden Menschen in Versuchung geführt. Deshalb ist auch, entgegen der Überzeugung von Papst Franziskus108, die Formulierung im „Vater unser“: »und führe uns nicht in Versuchung …«, durchaus richtig. Die Bitte also, uns nicht noch einmal in Versuchung zu führen, sondern es doch bei dem einen Mal zu belassen, denn die Folgen waren ja verheerend genug. Der Gott des Alten Testamentes lässt uns Christenmenschen „sehenden Auges“ in die Falle laufen. Er ist also doch kein gütiger und barmherziger Gott, der dem gefallenen Menschen wieder aufhilft. Aber aus welchem Grund macht dann Gott später solche Anstrengungen, um die Menschheit wieder mit sich zu versöhnen. Muss gar seinen Sohn ans Kreuz nageln lassen, um die Menschen wieder auf den „rechten Pfad“ zu bringen. All dies hätte er doch bedeutend einfacher haben können. Warum diese komplizierten Geschichten, die doch für einen allmächtigen Gott völlig unnötig sind. Meine Befürchtung ist groß, dass diese Geschichten von Menschen erdacht und erzählt worden sind, ein Gott käme nie auf solche Ideen. Die gesamte Menschheit verfällt der Sünde, dem Tod und dem Teufel wegen solch einer Lappalie und anschließend muss Gott sich auch noch als Folge davon ständig huldvoll und gnädig den Menschen zuwenden. Bloß damit sie den Glauben nicht wieder verlieren, nicht zurückfallen in die alte Sündhaftigkeit und „bei der Stange“ bleiben. Oder sollte ich besser sagen, auch weiterhin den Worten der Theologen lauschen und auf die Kirche hören. Wie heißt es doch so schön in dem bekannten Kirchenlied, »Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will die Kirche hören …«. Man sucht angesichts der Ausführungen im Buch Genesis nach dem gnädigen Gott, der doch hätte dieses Drama verhindern können. Er ist 108 Siehe: Interview von Papst Franziskus mit dem Sender TV2000 im Dezember 2017. Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … 108 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … aber nicht zu finden und schon gar kein Kapitel oder ein Vers, in dem von der Gnade eines Gottes gar von einer theologisch fundierten Gnadenlehre in der Heiligen Schrift berichtet wird. Die Theologen sagen selbst, es gäbe keine »unmittelbare Entsprechung im Alten Testament für den theologischen Begriff der Gnade, sondern er müsse in einem größeren Wortfeld inhaltlich präzisiert werden«. Diese Ausführungen macht übrigens Gerhard Kardinal Müller, der ehemalige Vorsitzende der Glaubenskongregation des Vatikan109. Doch wie soll so etwas gehen, eine inhaltliche Präzisierung in einem größeren Wortfeld? Es gibt sie einfach nicht, die Rechtfertigungslehre in der Bibel. Kein Wort vom Wanderprediger in Galiläa, kein Wort in den Evangelien. Es gibt eine Passage, auf die sich die Theologen gerne beziehen, die sich der Briefeschreiber Paulus ausgedacht haben muss, denn von Jesus selbst kann so etwas nicht gekommen sein. Paulus hatte Jesus weder gehört noch gesehen, da er selbst erst zum Glauben gekommen war, als Jesus bereits tot oder besser nicht mehr auf dieser Erde war. Aus dem Inhalt seines Briefes an die Römer ist nach vier Jahrhunderten die Erbsünden- und Erlösungstheorie geworden, die den Menschen als schuldigen darstellt, der sich selbst in diese Bredouille gebracht hat. Die Beseitigung dieser Schuld ist so nur durch die gnädige Zuwendung des gleichen Gottes zu erreichen, der der Menschheit, in Kenntnis der menschlichen Schwächen, diese Schuld erst eingebrockt hat. Es ist schon schwierig genug, doch es wird noch komplizierter. Die Theologen haben es nicht dabei belassen, nur von der gnädigen Zuwendung Gottes zu sprechen. Dies war zu wenig, sie haben weitere Räume an das Theoriegebäude von der Gnadenlehre gebaut, sie haben weitere Gnadengaben entwickelt, die am Menschen und auch durch den Menschen vollzogen werden müssen. So behält eine Kirche als Verwalterin dieser Gnadengaben Gottes auf Erden auch ihre Existenzberechtigung. Da gibt es nach der Dogmatik nicht nur eine heiligmachende Gnade, sondern im Katechismus und in den zu glaubenden Dogmen der Kirche ist auch von einer inneren, übernatürlichen Gnade, von einer hinreichenden Gnade, von einer wirksamen Gnade, von einer aktuellen Gnade, von einer zuvorkommenden Gnade und so weiter … die Rede. Und diese Aufzählung ist längst nicht vollständig. Beinahe gnadenlos und unerbittlich wird durch die Kleriker eine Gnadenlehre verfochten, deren Begründungen nicht durch die Worte Jesu 109 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 709. 109 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … gestützt werden können. Vielleicht ist es ja nur dem Zustand der gefallenen Natur des Menschen zu verdanken, dass er diese, als übernatürlich bezeichneten Gnaden und die durch Theologen formulierten religi- ösen Wahrheiten so leicht nicht erkennen kann. Wenn gar nichts mehr hilft, verfallen auch die Kirchenväter gern in eine Sprache, die nur verstanden werden kann, wenn der Mensch zu diesen übernatürlichen Erkenntnissen durch die Gnade befähigt wird. Beim Studium der für alle Zeiten festgezurrten Glaubenswahrheiten, den Dogmen zur Gnadenlehre, benötigt man wirklich diese übernatürlichen Erkenntnisse. So heißt es da unter anderem: »Zum Anfang des Glaubens und des Heils ist die innere übernatürliche Gnade absolut notwendig«. Man kommt also nur zum Glauben, wenn diese übernatürliche Gnade durch Gott auch gegeben ist. Ob dies der Fall ist, ist noch nie bekannt geworden. Auch dann nicht, wenn angeblich bei der Taufe eines Kleinkindes die sogenannte heiligmachende Gnade durch Gott vergeben wird. Solch eine Gnade ist bei der Taufe zwingend erforderlich, damit der gerade in das Erdenleben eingetretene Mensch, der durch die Sünde Adams schon jetzt seine Unschuld verloren hat, nicht gleich dem Tod und dem Teufel verfällt, sondern dass die Voraussetzungen gegeben sind, damit er das ewige Leben doch noch erlangen kann. Es wäre zu schön gewesen, wenn die natürliche Vernunft des Menschen auch die Wirklichkeit einer übernatürlichen Gnade erkennen könnte. Doch wie sollte sie das können? Und so bleiben die Kleriker dabei, sie formulieren über die Jahrhunderte hinweg Dogma um Dogma. Die Kirche weist doch tatsächlich weit über 200 Dogmen aus. Da kommt man schon mal in Schwierigkeiten bei der Einhaltung dieses Regelwerkes. »Der Gerechtfertigte ist ohne besonderes Gnadenprivileg Gottes nicht imstande, das ganze Leben hindurch alle Sünden … zu meiden«. Die empfangene heiligmachende Gnade in der Taufe reicht also zunächst nur, um den Sündenfall zu reparieren. Um auch ein gottgewolltes Leben führen zu können, bedarf es zusätzlich eines besonderen Gnadenprivilegs, sonst wird es nichts mit der Erlösung. Sogar die Versöhnung mit 110 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Gott durch den Rechtfertigungsvorgang kann wieder zunichte gemacht werden, nämlich dann, wenn die Kirche beim Menschen eine „schwere Sünde“ diagnostiziert. So ist der Christenmensch Zeit seines Lebens auf die unterschiedlichen Gnadengaben angewiesen, die die Kirche in ihren Dogmen formuliert. Schlimmer noch, da gibt es sogar Menschen, die die Gnade Gottes erfahren, damit aber wohl nichts anfangen können und bei denen diese Zuwendung Gottes keine Wirkung zeigt. Denn es heißt in einem nachfolgenden Dogma: »Es gibt eine Gnade, die wahrhaft hinreichend ist und doch un wirksam bleibt«. Man ist bei solchen dogmatischen Formulierungen geradezu herausgefordert, weiter nachzufragen. Was hat denn dieses Dogma zu bedeuten und wie ist eine solche dogmatische Aussage juristisch wirksam und versicherungstechnisch, ohne weitere Geschäftsbedingungen gelesen zu haben, zu bewerten? Ganz schlimm wird es, wenn man feststellen muss, dass die Kirche sogar eine Dogmatik entwickelt hat, die Menschen von vornherein für die ewige Verdammnis bestimmt. Hier lässt Gott den Menschen angeblich gar keine Chance, sich durch den Glauben und Gottes Zuwendung, vielleicht sogar nur durch die Hoffnung auf seine Barmherzigkeit, von den Sünden befreien zu lassen. Als die Kirchenväter dieses Dogma formulierten, gab es noch nicht die Despoten mit den Massenvernichtungswaffen von heute. Aber vielleicht haben sie ja doch schon an so etwas gedacht, an Giftgasangriffe von Diktatoren, an Islamisten mit Mordabsichten, denn Mord und Todschlag gab es damals auch, selbst unter Klerikern. Gott soll, nach den ausformulierten Redewendungen der Kirche, trotz seiner Kenntnis ob der Sündhaftigkeit eines Menschen, in bestimmten Fällen von vorn herein eine solch „arme Seele“ der Verdammnis überlassen. Das Dogma sagt: »Gott hat durch seinen eigenen Willensratschluss bestimmte Menschen wegen ihrer vorhergesehenen Sünden zur ewigen Verwerfung vorherbestimmt«. Böse Zungen behaupten, die Kirchenväter hätten bei der Formulierung dieses Dogmas der Sorge Rechnung getragen, dass das Höllenfeuer aus- 111 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … gehen könnte, wenn nicht genügend Nachschub geliefert würde. Doch bleiben wir ernsthaft. Was soll der halbwegs vernunftbegabte Mensch mit diesen Dogmen anfangen? Wie sich mit ihnen auseinandersetzen, sie vielleicht einfach ignorieren? Denn wir sind noch nicht am Ende einer ganzen Reihe von Dogmen zum Thema Gnadenlehre. Zur heiligmachenden Gnade werden weitere Dogmen dem Christenmenschen zu glauben aufgegeben: »Die heiligmachende Gnade macht den Gerechten zu einem Kind Gottes und verleiht ihm ein Anrecht auf das Erbe des Himmels«. »Die heiligmachende Gnade macht den Gerechten zu einem Tempel des Heiligen Geistes«. Man wird auch jetzt den Eindruck nicht los, dass durch solche Dogmen und durch diese Theologensprache mehr vernebelt, als erhellt wird. Der Katechismus der katholischen Kirche bläst ins gleiche Horn. Hier ist die heiligmachende Gnade »ein bleibendes Geschenk, eine übernatürliche, feste Neigung zu Gott«110. Kardinal Müller spricht davon111, dass die Gnade Gottes als »heiligmachende (habituelle) Gnade oder als aktuelle (helfende) Gnade« im Leben des Menschen auftritt. Da gibt es sogar eine Gnadenform, die den Menschen auf den Empfang der Gnade erst noch vorbereitet, ihn sozusagen konditioniert, damit die heiligmachende Gnade oder auch die aktuelle Gnade ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch wenn der Mensch dies eigentlich alles gar nicht will, nach der Lehre der Kirche geht ein Verlangen nach Säuberung von der Sünde nicht von dem natürlichen Willen der Menschen aus, sondern dieser Wille werde, so sagen die Theologen, von der sogenannten zuvorkommenden Gnade bewirkt. Sogar der Kirchenvater Thomas von Aquin spricht von der zuvorkommenden Gnade, die zur Vorbereitung des Empfangs der heiligmachenden Gnade unbedingt erforderlich ist. Die Anhäufung der Gnadenformen macht die Problematik der Gnadenlehre allerdings nicht gerade transparenter. Die Hauptschwierigkeit für den Christenmenschen bleibt die Aussage der Übernatürlichkeit der Gnadengaben Gottes. Nach der Lehre der Kirche ist die Gnade in jedem 110 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 517. 111 Vgl. hierzu: Gerhard Kardinal Müller, a. a. O., Seite 765 f. 112 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Fall eine übernatürliche Zuneigung Gottes, die leider wieder nur durch und im Glauben wahrgenommen werden kann. Es wird in der Kirche deutlich unterschieden zwischen einer bleibenden Einwirkung Gottes durch die heiligmachende Gnade, die der Mensch allerdings trotzdem wieder verlieren kann und der vorübergehenden übernatürlichen Gnade, die den Menschen befähigen soll, im Laufe seines Lebens weiterhin „gottgefällig“ zu leben. Auf dem Wege zu seiner Erlösung unterstützt Gott den Menschen nicht nur durch seine Gnade in vielfältiger Weise, wie uns die Kirche weismachen will, sondern die Theologen machen uns immer wieder darauf aufmerksam, dass neben der Kraft der Gnade Gottes auch die Aktivitäten der Kleriker, die kirchliche Lehre, die Bedeutung der Kirchenleitung und die Spendung der Sakramente von entsprechender Bedeutung sind. Unverholen wird das ausdrückliche Interesse der Kirche artikuliert, den katholischen Christen unter Androhung von Sündenstrafen zu den moralischen Vorgaben des Lehramtes zu verpflichten und ihn in die gottesdienstliche Praxis mit einzubinden. Religiöser Glaube hat also doch als Ursache vermehrt die Furcht vor Strafen oder ist gar das Ergebnis dieser Furcht. Obwohl die Gnade nach den Ausführungen der Theologen als freiwilliges Geschenk Gottes allen Menschen zuteilwerden kann, bleibt trotzdem das Dilemma der göttlichen Vorherbestimmung zur himmlischen Seligkeit oder zur Verdammnis. Die Kirche spricht hier von der sogenannten Prädestinationslehre. Die Gnade wirkt wo sie will und wann sie will und sie bleibt übernatürlich. Die reine Vernunft reicht da zur Erkenntnis einfach nicht aus. Der Philosoph Flasch fragt sich, ob man die Gnade als Mensch nicht auch wollen muss, damit sie wirkt: »Warum soll ich sie wollen? Kann ich etwas glauben, nur weil ich es glauben will? Woher weiß ich, bevor ich glaube, dass es die Gnade Gottes ist, die hier wirkt«112? Woran erkenne ich, dass es die Gnade ist, die eine Sündentilgung oder gar eine Heiligung des Menschen bewirkt? Ist es die Gnade, die mich zustimmen lässt, zu einem Glauben, der ja erforderlich ist, um die Gnade erst zu erlangen? Oder hat Gott mich in seinem ewigen Willensratschluss wegen der vorhergehenden Sünden zur ewigen Verwerfung bestimmt? Beim Leser tritt sicher Ermüdung ein. Wo man auch hinschaut, welchen dickleibigen Dogmatikband man auch aufschlägt, man trifft immer 112 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 78. 113 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … auf die gleichen Formulierungen zur Gnadenlehre der Kirche. Die Argumentationen wirken geradezu voneinander abgeschrieben. Die ganze Gnadenlehre scheint eine Mogelpackung zu sein, denn selbst die heiligmachende Gnade versöhnt die Menschen ja nicht mit Gott. Nach der Versöhnung müsste doch eigentlich der alte paradiesische Zustand wieder hergestellt worden sein, sonst ist es doch keine richtige Versöhnung. Doch davon ist auf dieser Welt weit und breit nichts zu sehen. Diese ewigen Wiederholungen zur heiligmachenden Gnade, zur aktuellen Gnade, die beschriebene Erzeugung eines übernatürlichen Lebens durch die Gnade, dauernd die Hinweise, dass selbst bei freiem Willen der Einfluss der zuvorkommenden Gnade, die nachfolgenden Gnaden erst ermöglicht. Und immer wieder die Notwendigkeit der Gnade, denn der Mensch ist Sünder, ein Mensch im „gefallenen Zustand“, wir armen Seelen können die religiösen Wahrheiten mit unseren natürlichen Kräften einfach nicht erkennen. Wir gehen verloren, wenn der Ruf Christi uns nicht durch die zuvorkommende Gnade erweckt, damit wir uns der Versöhnung mit Gott zuwenden können. Die Erbsünde ist es wieder und wieder, die ja die ganze Menschheit in die Verdammnis geführt hat. Sie gab Anlass zum „göttlichen Zorn“. Sie war so übermächtig, dass wir völlig der Sünde und dem Tod verfallen sind. Und dann die ständigen Beschreibungen zur Rettung. Einzig die Kleriker haben ein schlüssiges Konzept entwickelt, um den Menschen aus dem „irdischen Jammertal“ zu befreien. Wir haben unsere Unschuld verloren, die Kirche kann uns aus diesem „Unrechtszustand“ gegenüber Gott befreien. Wir haben die Sünde Adams geerbt und die Theologen bieten nun die Erlösung von dieser Sünde an. Jesus starb und schuf einen Fundus von Verdiensten, die er gegenüber Gott, der er ja selber ist, einbringen kann. Es waren die sogenannten Erlösungsverdienste Christi. Und nur durch diese Verdienste in Verbindung mit den Sakramenten der Kirche gelangt der sündige Mensch zum Nachlass seiner Sünden, zum Nachlass der Höllenstrafen, zur übernatürlichen, gnadenhaften Erneuerung, ja zur Heiligung und zu einer göttlichen Beschaffenheit der Seele. Sollte sich der Sünder allerdings wieder von Gott abwenden, dann hat auch hier die Kirche wieder einen Weg parat. Nämlich durch die Lossprechung im Bußsakrament, da wird dann der alte Gnadenzustand wirksam wieder hergestellt. Welch ein Sündenwahn! Erst macht die Theologie die Menschen zu Sündern, um ihnen anschließend zu erklären, dass sie auf die Gnade der Kirche, doch nein, auf die übernatürliche Gnade Gottes angewiesen sind. Oder besser doch 114 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … auf die Gnade der Kirche, denn nur die Kirche erteilt ja die Vergebung der Sünden im Sakrament. Selbstverständlich mit der Vollmacht Gottes. Von alledem steht in der Bibel nichts! In den Evangelien ist kein Wort von Jesus niedergeschrieben, dass der Sündenfall Adams die ganze Menschheit in die Verdammnis geführt hat. Kein Hinweis, dass Jesus diesen angeblichen Sündenfall rückgängig machen wird, damit nicht alle Menschen zum Teufel gehen. Wenn aber nicht Jesus durch sein Wort, wer kann dann eine solche Gnadentheologie in Umlauf gebracht haben? Der Mensch Jesus hat nicht gewusst, dass er wegen der mythologischen Erzählungen von Adam und Eva im Alten Testament hat sterben müssen. Paulus war es (Röm 5,12–25)! Dieser selbst ernannte Apostel, der Briefe geschrieben hat, an die von ihm gegründeten Gemeinden im Mittelmeerraum. Hier ist es der Brief an die römische Gemeinde, der wahrscheinlich um das Jahr 56 nach Christus geschrieben worden ist und in der Folge von den Gemeindemitgliedern abgeschrieben und weitergereicht wurde. So kursierte in den noch konspirativ wirkenden urchristlichen Gruppierungen der Hauptstadt des Reiches eine Vorstellung von der Erlösungsbedürftigkeit der Menschen, die sich Paulus ausgedacht hatte. »Durch einen einzigen Menschen (Adam) kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen …« (Röm 5,12), das sind seine Formulierungen, wenn man den vielen Übersetzungen und Revisionen der Bibeltexte glauben darf. Paulus schaffte diese Verbindung zwischen der Geschichte im Alten Testament, die er als eine tatsächliche Gegebenheit interpretierte und verband sie mit der Deutung vom Opfertod Jesu am Kreuz. Denn bis dahin war dieser Tod von keinem Christen nachvollziehbar verstanden worden. So formuliert er weiter: »Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden …«. Dieser Mythos von der Sünde Adams und die Wiedergutmachung durch Jesus, als Interpretation des Paulus, war die begreifliche Begründung der Christen für die bis dahin unbegreifliche Ermordung ihres Propheten. Wenn es aber nötig war, dass ein Gott für die Sünden der Menschen sterben musste, dann musste die Sünde noch viel größer gedacht werden, als es in der Bibel zum Ausdruck kommt. So musste die Sünde dem Kreuzigungsgeschehen angepasst werden und es entwickelte sich auf dieser Grundlage durch den Kirchenvater Augustinus, den Bischof von Hippo, im 5. Jahrhundert eine Erbsündenlehre in Verbindung mit einer Gnadentheologie, die bis heute in der Dogmatik ihre Gültigkeit hat. Augus- 115 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … tinus bezog sich ausdrücklich auf den Römerbrief von Paulus und lehrte, dass diese Sünde der ersten Menschen auch physisch als Erbsünde auf alle Menschen übertragen werde. Dieser Erblast kann kein Mensch entkommen. Auch war Augustinus der Überzeugung, dass der Mensch eben wegen dieser Erblast das „ewige Übel“ verdiene. Dieser Erbsündengedanke, der sich nirgendwo in den Evangelien des Neuen Testamentes findet, entsteht somit durch den Kirchenvater erst 400 Jahre später. Diese Überlegungen werden auf dem Tridentinischen Konzil im 16. Jahrhundert als zu glaubendes Dogma für alle Christen festgelegt. Die Frage der Tilgung einer Erbschuld und die Zuwendung der göttlichen Gnade ist zwischen den christlichen Konfessionen immer noch umstritten. Ob dem Menschen die Gnade ohne eigenes Zutun von Gott geschenkt wird, oder ob sich der Mensch zusätzlich auch mit eigenen Kräften Verdienste bei der Tilgung der Schuld erwerben kann, es wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der Islam kennt zwar nach dem Koran auch die Sünde der ersten Menschen, hat allerdings daraus keine Erbsündenlehre entwickelt, die für die gesamte Menschheit gilt, sondern hat es abgelehnt, dass diese Sünde an alle Nachkommen weitervererbt werden kann. Wir halten also fest: Aus der Sicht der katholischen Kirche ist der Sündenfall der Grund für den Zorn Gottes, für das Elend in der Welt, für den Hang des Menschen zum Bösen und für den Tod in dieser Welt. Von dieser Verfehlung Adams ist jeder Mensch schon bei der Geburt betroffen. Der Katechismus der Kirche betont: »Die Erbsünde wird durch die Fortpflanzung an die gesamte Menschheit weitergegeben«. Die Erbsünde sei etwas, das »man mit erhalten, aber nicht begangen hat«113. Der ehemalige Papst Benedikt XVI spricht allerdings in seinen Schriften nicht mehr von der biologischen Vererbung der Erbsünde, bleibt aber bei seiner Argumentation sinngemäß im selben Gedanken haften, da er die Erbsünde als kollektive menschliche „Verstrickung“ der Vergangenheit bezeichnet, in die jeder Mensch durch seine Geburt eintritt. Am Ende flüchtet der Katechismus dann doch wieder in die alten Argumentationsmuster und formuliert für die Gläubigen, dass »die Weitergabe der Erbsünde ein Geheimnis ist, das wir nicht völlig verstehen können«. Und trotzdem, die Vorstellung vom Sündenfall im Paradies war für die gesamte Theologie der Kirche so einschneidend, dass sie zusammen 113 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 133 f. 116 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … mit der Erlösungsvorstellung durch den Kreuzestod die Dogmatik bis heute bestimmt. Die mythologischen Sagen und Erzählungen der alten Völker in Mesopotamien, der Sumerer, der Assyrer, der Babylonier stammen nach der historischen Forschung zumeist aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. Sie sind einschließlich der Schöpfungslehre und der Erschaffung der Menschen im Wesentlichen im 1. Jahrtausend vor Chr. in die Schriften des jüdischen Volkes eingeflossen. Wobei die Historiker überwiegend davon ausgehen, dass in etwa der Zeitraum zwischen der Zerstörung des Nordreiches Israel, um 722 vor Christus durch die Assyrer und dem Exil eines Teils des jüdischen Volkes in Babylon zwischen 587 und 538 vor Chr. für diese Bibelstellen der Genesis verantwortlich sind. Ein monotheistischer Schöpfergott hatte sich bereits gegen Ende des 2. Jahrtausends im jüdischen Volk über die Jahrhunderte hinweg entwickelt, nachdem die bis dahin als Nomaden herumziehenden Völker begannen, feste Bauten zu errichten und sesshaft zu werden. In die religiösen Vorstellungen des jüdischen Volkes flossen nicht nur die Mythologien der mesopotamischen Völker, sondern auch die Götterwelten der Ägypter, der Hethiter und der Phönizier mit ein. In der Religion dieser Völker waren die Götter und Göttinnen teils in Menschengestalt, aber auch in Tiergestalt oder als Mischwesen präsent. Es waren immer eine Vielzahl von Göttern, die für alle Lagen des Lebens angerufen wurden. Man stellte sich die Götter überwiegend als direkt ansprechbare Personen mit beinahe menschlichen Charakterzügen vor. Die Bibel beschreibt ja auch eine solche direkte Ansprache an einen Gott im „brennenden Dornbusch“. Doch die Zahl der brennenden Dornbüsche hat heute leider rapide abgenommen. Einen paradiesischen Zustand, in dem die Menschen gelebt haben, ihn hat es so nie gegeben. Ein Elternpaar als Anfang der Menschheit ganz sicher auch nicht. Da bevorzugt man heute doch eher die Überlegungen der Evolutionstheorie. Ein Sündenfall, wie im Buch Genesis der Bibel beschrieben, gab es schon mal gar nicht. Und damit verbunden auch keine Vertreibung aus dem Paradies, eine schuldhafte Trennung der Menschheit von einem Gott, vor dem sich die ersten Menschen angeblich verstecken mussten. Im Kern sind die gesamten Bibelaussagen und Interpretationen durch die Theologen der Kirche nichts anderes, als eine Beschreibung und ein Glaube an die mythologischen Götterwelten der alten Völker des heutigen Nahen Ostens. 117 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Alle ernsthaften Forschungen sind sich darüber einig, dass der Bibeltext des Alten Testamentes eine Zusammenfassung vieler einzelner Texte aus den verschiedenen Landstrichen der heute so sehr mit Kriegen und Terror überzogenen Regionen des östlichen Mittelmeerraumes ist. Diese Mythen aus dem 2. Jahrtausend sind nach mündlicher Überlieferung erst viele Jahre später vor allem auf Tontafeln festgehalten und zu einem Gesamttext zusammengefasst worden. Bei der Entwicklung der Glaubensvorstellungen des jüdischen Volkes war die Mythologie der Nachbarvölker einfach zu mächtig. Die Vorstellung von einem Paradies einfach zu verlockend. Daher auch das Bedürfnis des jüdischen Volkes, nach dem Ursprung des sündhaften Verhaltens ihres Volkes in einem Paradies zu suchen und die Erzählung von einem Mann und einer Frau zu übernehmen, die im Paradies einer Versuchung erliegen. So sind auch die Gläubigen von heute, wenn sie sich an den Text der Bibel halten, von dieser alten Mythologie bestimmt, aus der dann die Theologie der Kirche von Ur- und Erbsünde entwickelt wurde. Paulus hat diese Texte der Thora offensichtlich wörtlich verstanden und hat seine Überlegungen zur Sünde des Menschen auf dieser mythologischen Grundlage des jüdischen Volkes begründet. So finden sich diese Vorstellungen wieder, allerdings weiterentwickelt, in der gesamten heutigen christlichen Theologie. Es gab ihn einfach nicht, diesen Garten Eden, der bis in das 16. Jahrhundert nach Chr. hinein von der Christenheit als ein im fernen Osten existierender Ort angenommen wurde. Denkt man einmal ernsthaft darüber nach, so ist es doch eigenartig, dass auch heute noch der normale, intelligente Christenmensch sich auf so etwas Unsinniges wie die Versuchung der ersten Menschen durch eine Schlange verlässt und als Folge davon an eine Theologie der Erbsünde glaubt. Diese Geschichte ist jedoch nichts anderes als Mythologie, ähnlich der Märchen und Heldensagen früherer Jahrhunderte in der Mitte Europas. Doch die Kirche braucht die Erzählungen und Überlieferungen als Tatsachen, denn so bleibt sie weiter notwendig für die Interpretationen dieser Geschichten des Alten und Neuen Testamentes. Es geht nicht anders. Der Sündenfall als Ursache und Beginn einer Theologie muss erhalten bleiben. Nur dadurch sind die Überlegungen, zunächst von Paulus und dann auch vom Kirchenvater Augustinus, zur Schuld der Menschen erklärbar und begründbar. 118 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Heiner Geißler spricht von dem »Wahnsinn und dem Irrsinn der theologischen Erfindung der Erbsünde durch Augustinus«114. Seine Erbsündentheologie hat als Basis die Schöpfungsgeschichte der Bibel. Nur wenn auf diesem Wege die Schuld der gesamten Menschheit attestiert ist, macht eine Erlösungstheologie einen Sinn. Der Tod Jesu als Wiedergutmachung, um die in der Verdammnis befindliche Menschheit zu erlösen, erklärt sich aus der Apfelgeschichte. Ohne diese Erbsündenlehre ist die Erlösung durch Jesus am Kreuz nicht erforderlich. Aus dieser Wiedergutmachung ergibt sich zusätzlich eine weitere Schuld der Menschen. Nicht nur, dass sie jetzt die Mörder eines Gottes sind, sondern jetzt hat der Christ auch ewig dankbar zu sein für diese „Erlösungstat“. Da der Mensch trotz dieser Erlösungstat sündhaft bleibt, ist er nun Zeit seines Lebens auf die gnädige Zuwendung Gottes angewiesen. Damit wären wir wieder bei der Gnade Gottes, auf die der Christ setzt, damit er nicht rückfällig wird und in der Verdammnis landet. Durch diese Gnadenlehre wird der Christ in ständiger Unmündigkeit gehalten. Nur die Kirche hat die Mittel und vergibt die Gnadengaben, auf die der Mensch immer angewiesen ist. Er kann von dieser Verderbtheit nur befreit werden, wenn er durch Taufe und Buße, durch Reue und Gebete die Gnadengaben der Kirche annimmt. Die Theologie sagt, dass wir von der Gnade Gottes abhängig sind, weil wir »durch die Sünde … die unversehrte Natur verloren haben … und nur durch die Gnade zum Tun des natürlich Guten befähigt werden«115. Heiner Geißler spricht auch von dem Supergau aller faulen Ausreden, wenn die Kirche behauptet, dass »der Mensch sich rechtfertigen muss … wegen seiner Sünden, die auf die Ursünde des Menschen zurückgehen und von der die gesamte Menscheit befallen ist«116. Die Gnadenlehre, sie steht auf tönernen Füßen, weil sie auf einem angeblichen Ursprungsverbrechen der ersten Menschen basiert und damit dem Heilsgeschehen am Kreuz einen Sinn gibt. Auch hier ist Paulus wieder federführend am Werk gewesen, wenn er von der Erlösung der Menschheit durch das Blut Christi spricht. Dass diese Aussagen in einem krassen Widerspruch zu den Verkündigungen Jesu stehen, ist eine weitere Baustelle der Theologie. 114 Heiner Geißler, Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?, a. a. O., Seite 32. 115 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 22. 116 Heiner Geißler, Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?, a. a. O., Seite 32. 119 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … Die Kirche bleibt dabei. Der Mensch ist der Sünder, dessen Natur durch die Erbsünde schuldig geworden ist und der ständig unter dem Fluch der Begierlichkeit steht. Nur die Gnade Gottes, durch die Kraft des Todes Christi erworben, macht aus dem Menschen wieder ein „Ebenbild Gottes“. Kardinal Müller formuliert es so: »Nur die Gnade Christi kann aus dem Sünder … einen Heiligen, einen Gerechtfertigten machen … deshalb ist die Gnade unbedingt notwendig«117. Trotz aller Beteuerungen, das Gebäude der Gnadenlehre stürzt ein, weil die Grundannahme falsch ist. Denn der Sündenfall, der die gesamte Menschheit belastet, ich wiederhole mich, ihn hat es nicht gegeben. Warum beharrt die Kirche dann trotzdem weiterhin auf dieser Ursünde, die nichts weiter ist, als eine späte Fixierung von Mythen verschiedener Völker. Das Motiv der Vertreibung aus dem Paradies ist eine „literarische Fiktion“. Dieses Motiv stammt aus einer Zeit, als die Menschen darauf angewiesen waren, die Religion als Bewältigungsmittel zu nutzen, denn nur Gott half, Problem zu erklären, er half aber nicht bei ihrer Bewältigung. Die Geschichte der Evolution des Menschen ist etwas ganz anderes als ein Sündenfall und deshalb kippt das theologische Gebäude. Diese biblische Geschichte kann nicht herhalten für eine durch den Geschlechtsverkehr weitergegebene Erbsünde, die dann durch Jesu Sühne als Gnade Gottes wieder „ausgebügelt“ wird. H. Geißler spricht gar bei der Erbsünde von der schweren Verletzung und Beleidigung der menschlichen Würde, die die Kirche aus der Welt schaffen muss. Die Formulierung Sünde kommt in der Bibel beim Sündenfall gar nicht vor. Auch von einem Fluch gegen die gesamte Menschheit wird in keinem Text der Genesis gesprochen. H. Geißler packt der heilige Zorn, »wenn man weiß, dass all diese theologischen „Wahrheiten“ … nie von Jesus gesagt wurden«118. Es ist keine göttliche Offenbarung gewesen, sondern es waren wohl eher Denkmuster und Redeformen von Theologen, die bei der Erbsündenlehre, der Erlösungslehre und der Gnadenlehre zum Ausdruck gekommen sind. Im Vorwort einer Bibelausgabe steht, dass es »letztlich die 117 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 783. 118 Heiner Geißler, Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?, a. a. O., Seite 35. 120 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … vom Heiligen Geist geleitete Kirche ist, die uns den wesentlichen Inhalt und den gesicherten Kern der Bibel lehrt«119. Dass es sich bei diesen biblischen Geschichten auch um Aussagen von Propheten und Kirchenvätern handelt, also um männliche Geschlechtsgenossen, die dieses Sündenfallkonzept kultiviert haben, wird auch dann besonders deutlich, wenn man an die beschriebene Rolle Evas denkt, denn ihre Rollenbeschreibung ist doch wohl eher ein Produkt männlicher Phantasie. Die Evolutionsbiologen sagen, dass das „kulturelle“ Gedächtnis eines Volkes in der Geschichte immer sehr weit zurückreicht und viele Generationen noch nach Jahren Erinnerungen präsent haben, die häufig eingebunden sind in Mythen und Glaubensvorstellungen, in Geschichten und Ritualen. Nichts spricht für das Motiv einer Vertreibung aus dem Paradies in der biblischen Form. Es war, nach Aussagen der Historiker, nach dem Ende der Eiszeit vor gut 15 000 Jahren das blühende Land vom Nil bis zum Euphrat und Tigris, das als Paradies in Erinnerung war, in dem die Menschen nach der Sesshaftwerdung in Behausungen lebten. Doch das Paradies dauerte nicht lange. Der Anthropologe spricht davon, dass sich »das Leben in Sesshaftigkeit als Fluch erwiesen haben muss … das zeigen deutlich prähistorische Skelettfunde … die Feldarbeit war eine Strapaze«120. Nach der Nomadenzeit als Jäger und Sammler war die Sesshaftwerdung eines Volkes mit der Mühsal der landwirtschaftlichen Produktion verbunden. Es gab jetzt Krankheiten und Seuchen, die bis dahin nicht bekannt waren. Insoweit beschreibt die Bibel tatsächlich eine Ursünde des Homo sapiens. Es ging um die Schwierigkeiten, die durch die Sesshaftwerdung der Menschen vor rund 10 000 Jahren entstanden waren: Unterdrückung und Gewalt sowie die Bewältigung der Mühen des täglichen Lebens. Statt diesem Adam zu erlauben, wilde Früchte zu sammeln und auf die Jagd zu gehen, war er nun verdammt, „im Schweiße seines Angesichtes“ seinen Lebensunterhalt zu sichern. Doch es gab noch eine andere Entwicklung des Homo sapiens, die mit der Beschreibung des Sündenfalls in Zusammenhang gebracht werden kann. Über einen zugegebenermaßen jahrtausende langen Zeitraum hinweg entwickelte sich bei ihm die Form eines Bewusstseins, die 119 Die Heilige Schrift, Pattloch Verlag, 32. Auflage 1992, Seite VII. 120 Carel van Schaik und Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit, a. a. O., Seite 59 f. 121 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … es dem Homo sapiens ermöglichte, das Dasein in der Welt zu reflektieren, ein gewolltes Leben zu führen und seine Bedürfnisse zu entwickeln. Außerdem muss den Menschen bewusst geworden sein, wie sehr ihnen Gefahren drohen, durch die Natur selbst und durch die Konditionierung ihres Körpers. Ihnen wurde klar, dass auch ihr Leben endlich ist. U. Schnabel beschreibt sehr eindrucksvoll, dass »der Gewinn dieses Wissens und diese Erkenntnis teuer bezahlt werden musste … die Menschen waren gezwungen, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass die Welt nicht gerade der einfachste Ort zum Überleben ist«. Und er sagt auch: »Wenn diese trüben Tatsachen ins Bewusstsein dringen, kann man sich schon wie aus dem Paradies vertrieben fühlen«121. Man ist also nicht fein raus, wie es die Kirche lehrt, wenn man glaubt, dass Gott den Menschen von dieser Urschuld erlöst hat. Eine solche Urschuld der Menschheit hat es nie gegeben. Es war die Endlichkeit des Seins, die in das Bewusstsein der Menschen drang. Ihnen wurde ihre Sterblichkeit bewusst. Das war die Frucht vom Baum der Erkenntnis. Mit einem Gott, der die Menschen wegen ihrer Schuld vertreibt, hat das alles nichts zu tun. Ironischerweise entwickelte sich beim Menschen gerade mit dieser Erkenntnis auch das Bedürfnis, diesen angstbesetzten Zustand aufzuheben. So kam es, dass, wie Ulrich Schnabel es ausdrückt, »dieselbe Fähigkeit, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb, ihn überhaupt erst in den Stand versetzte, religiöses Denken zu entwickeln«122. Und weil es diese Grundschuld der Menschheit nie gegeben hat, sind alle Diskussionen über die Erbsünde, die Erlösungstheologie und die Gnadenlehre unsinnig geworden. Da wir uns mit den Verweisen auf die Dogmen und die nicht überprüfbaren „göttlichen Wahrheiten“ nicht mehr in die Irre führen lassen, sollten wir an dieser Stelle nach den authentischen Worten des Wanderpredigers Jesus im Neuen Testament suchen und den Versuch unternehmen, ihn zu verstehen. Leider sind Generationen von Gläubigen mit Schuldzuweisungen, mit Angst und Schrecken, mit Fegefeuer und Höllenglut viel zu lange gepeinigt worden. Wo Kleriker Trost spenden sollten, haben sie Schuld zuge- 121 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, Pantheon Verlag, München, 4. Auflage 2010, Seite 289. 122 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 290. 122 Wenn ein AMerikAnischer sheriff den ruhestAnd nicht iM knAst verbringen Muss … wiesen, mit dem Entzug der Gnade Gottes gedroht und dann vorgegeben, diese Schuld kraft ihres Amtes heilen zu können. Es war schon eine grandiose Idee, die Menschheit zu bestrafen und die Idee einer Ursünde aufzubauen, die von solcher Tragweite ist, dass sie alle Generationen belastet. Aber es ist eben nur eine Idee und zwar eine ganz üble, sonst nichts und damit ist die notwendige Gnadengabe Gottes auch obsolet geworden. Doch wir sollten nicht allzu sehr „draufhauen“, auf die Kleriker und die Amtskirche. Jedoch sollte sich niemand mehr mit dem Hinweis auf das Lehramt der Kirche abspeisen lassen. Wir Menschen haben unsere Weltanschauungen und Gottesvorstellungen allesamt selbst erfunden, weil wir eben so sind. Weil wir immer nach Erklärungen suchen und weil es uns widerstrebt, dass die Welt und die gesamte Schöpfung unerklärbar sein sollen. So halte ich es dann doch lieber mit dem Ukrainer Lunatscharski (Schreibweise auch Lunacharsky)123: »Religion ist wie ein Nagel, je härter man darauf schlägt, umso tiefer dringt er ein. Wir sollten uns mehr bemühen, ihn herauszuziehen«, kontrovers zu diskutieren und nach menschlich verständlichen Argumenten für unsere ewige Suche nach dem Sinn, für unsere Fragen nach dem menschlichen Dasein und unsere menschlichen Verhaltensweisen suchen. 123 Anatoli W. Lunatscharski, (1875–1933), ukrainischer Philosoph und Schriftsteller, zitiert aus: Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 337. 123 7 Wenn Absurditäten zur Denkschwäche führen … Sigmund Freud hatte Recht. »Wer schon in seiner Kindheit die Absurditäten der religiösen Lehren geschluckt hat, über dessen spätere Denkschwäche braucht man sich nicht zu wundern«124. Erst der Erwachsene wird sich, wenn er intensiv darüber nachdenkt, dieser Absurditäten bewusst, die man als Kind natürlich noch nicht erkennen kann. Wie sollte man auch? Selbst im fortgeschrittenen Alter gelingt eine solche Erkenntnis auch nur dann, wenn die theologisch-dogmatischen Verlautbarungen der Kirche in Zweifel gezogen, wenn Glaubensgrundlagen in Frage gestellt werden und wenn man nach triftigen Gründen dafür sucht, was und warum was zu glauben ist. Oder ob vielleicht doch der gesamte Gegenstand der Theologie nur für den Glaubenden sichtbar ist. Wenn man es schafft, die beschriebene Denkschwäche zu überwinden, dann möchte man natürlich wissen, welche Argumente das Lehramt der katholischen Kirche ins Feld führen kann, damit der Glaube, so wie er sich in und durch die Institution Kirche und in den Dogmen dieser Kirche zurzeit darstellt, als zutreffend angenommen werden kann. Man wird beim Studium den Eindruck nicht los, dass die katholische Kirche im Stillen auf das schwindende Interesse der Menschen an Glaubensfragen hofft. Sie scheint geradezu erleichtert zu sein ob der Unkenntnis und Ignoranz von weiten Teilen der Bevölkerung des sogenannten „Christlichen Abendlandes“ an den theologischen Fragen des heutigen Christentums. 124 Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, zitiert aus: Gerhard Czermak, Problemfall Religion, a. a. O., Seite 319. 124 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Auf welchem Fundament stehen aber nun die Lehraussagen und Dogmen der katholischen Theologie? Halten sie einer historisch-kritischen Betrachtung stand, all die genannten Bibelbeweise und Traditionsbeweise, die von Amtsträgern formuliert werden? Sind die kirchenhistorisch entwickelten und dogmatisch fest verankerten Grundlagen der Kirche so überzeugend und einleuchtend, dass sie ausreichend Gründe liefern können, damit der Christenmensch sie als wahr und eigentlich anerkennen kann? Der Katechismus der Kirche beginnt in seinem Kapitel über die Sakramente gleich mit einer nachweislich falschen Behauptung. »Die Sakramente … sind von Christus eingesetzt«125. Diese Aussage wird dann noch unterfüttert mit Zitaten der Dekrete des Konzils von Trient aus dem 16. Jahrhundert, in denen es heißt: »Im Anschluss an die Lehre der heiligen Schriften, die apostolischen Überlieferungen und die übereinstimmenden Auffassungen … der Väter, bekennen wir, dass die Sakramente … alle von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt sind …«126. So wird jedes Sakrament der Kirche mit folgendem Dogma eingeführt: »Die Taufe, die Buße, die Eucharistie, die Firmung, die Ehe, die Krankensalbung und die Priesterweihe … ist ein wahres von Jesus eingesetztes Sakrament«. Eine glatte Falschaussage. Damit es nicht gleich jeder bemerkt, helfen sich die Kirchenväter mit der Behauptung, dass es nicht nur die Bibel allein ist, die den Beweis der Einsetzung der Sakramente durch Jesus liefern soll, sondern auch noch die apostolischen Überlieferungen. Vor allem aber die übereinstimmenden Auffassungen der Kirchenväter, sie dienen als logische Begründung für diese dogmatischen Konzilsdekrete. Auch wenn es weitgehende Übereinstimmung auf dem Konzil gegeben haben mag, was zu bezweifeln ist, so bleiben es trotzdem die Bischöfe, die Theologen, die Presbyter, ja die Menschen in der Mitte des 16. Jahrhunderts, die während des Konzils solche Formulierungen entwickelt haben. Wo der Heilige Geist bei der Abfassung der Dogmen zur Sakramentenlehre war, ist nicht überliefert. Die Konzilsdekrete wurden in jedem Falle durch die Kirche lauthals verkündet und das Christenvolk war per Dogma unter Androhung von Höllenqualen zum Glauben verpflichtet. 125 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 340. 126 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 317. 125 Bedeutende Theologen der Gegenwart haben gerade zu diesem historischen Konzil in Trient, das Antworten auf die Fragen der Reformation artikulieren sollte, eine Menge Fragen aufgeworfen. Ob dieses Konzil zum Beispiel aufgrund seiner minimalen faktischen Repräsentanz, denn es waren fast ausschließlich italienische und spanische Bischöfe, Prälaten und Theologen in geringer Zahl anwesend, überhaupt die notwendige theologische Qualität und Autorität besessen habe, um solch wichtige Aussagen, ohne die Beteiligung weiterer Theologen aus anderen Ländern, treffen zu können. Denn es ging bei diesem wichtigen Konzil in erster Linie darum, die einzelnen Sakramente der Kirche, so wie sie sich in den vorangegangenen Jahrhunderten entwickelt hatten, gegen die Angriffe der Reformation zu verteidigen und mit entsprechenden Verlautbarungen das gefährdete sakramentale System als theologische Grundlage der Kirche zu konsolidieren. Es könnten an dieser Stelle noch weitere Argumente gegen dieses Konzil ins Feld geführt werden, doch ist heute unter den kritischen Theologen Konsens, dass die meisten Aussagen des für die Kirche bedeutenden Konzils stark in Zweifel gezogen werden müssen. Die während des Konzils formulierten Dogmen gelten nach den Vorstellungen der Kirche trotzdem bis zum heutigen Tage für jeden katholischen Christenmenschen und damit seit fast fünfhundert Jahren als verbindlich. Die Existenz von insgesamt sieben Sakramenten ist in der katholischen Kirche seit dem 12. Jahrhundert belegt und sie gelten ab da in der gesamten Kirche als sogenannte Glaubenswahrheiten. Schon die Konzilien des 12. Jahrhunderts lehrten ausdrücklich die Anzahl von insgesamt sieben Sakramenten, die dann im Laufe der weiteren Geschichte zu Glaubensgrundsätzen erhoben worden sind. Mit diesen Sakramenten wird durch die Kirche, bei gläubigem Empfang, eine angeblich von Gott selbst zugesagte heilbringende Wirkung verknüpft. Im Katechismus heißt es: »In den Sakramenten wirkt Jesus Christus selbst … und handelt durch seine Kirche …«. Im Rahmen einer sichtbaren Handlung, eines vorgegebenen Ritus, wird »… die unsichtbare Wirklichkeit Gottes vergegenwärtigt …«127. Der Empfang der Sakramente ist für den Gläubigen zwingend erforderlich, wenn er das ewige Heil erlangen möchte. Dies gilt im Besonderen für die Sakramente der Taufe und der Buße. Die übrigen Sakramente sind 127 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 318 f. Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … 126 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … auch deshalb notwendig, weil ohne sie das Heil, so sagt es der Katechismus, »nicht so leicht« erreicht werden kann. Was haben bloß die Gläubigen der Kirche bis zum 12. Jahrhundert gemacht? Weit über tausend Jahre waren die sieben Sakramente unbekannt und logischerweise das ewige Heil nur schwerlich zu erreichen. Seit dem Konzil von Trient (von 1545 bis 1563 nach Chr.) wurden nun den Gläubigen unter Androhung der Exkommunikation sieben Sakramente als verbindlich vorgegeben. Man hat damals in geradezu leichtfertiger Weise, wie die kritischen Theologen heute sagen, einfach behauptet, dass diese Sakramente alle von Jesus eingesetzt worden sind und als Folge davon alle Leugner mit dem Kirchenbann belegt. Bei der eigenen Suche nach der angeblichen Einsetzung aller sieben Sakramente durch die Worte Jesu in der Bibel stößt man auch nach den Aussagen „linientreuer“ Theologen auf große Skepsis. Luther und die Reformatoren reduzierten schon im 16. Jahrhundert die sieben Sakramente auf zwei bzw. drei, die Taufe, die Eucharistie / Abendmahl und in Teilen auch die Buße. Sie betonten, dass die Bedeutung des persönlichen Glaubens essenzieller sei als weitere Sakramente. Kein maßgeblicher Theologe an den Hochschulen mag heute mehr die Thesen des Konzils von Trient zu den Sakramenten offensiv vertreten und trotzdem ändert sich in der Institution der Kirche nichts. Die Dogmen sind aufgrund der Unfehlbarkeit des „Heiligen Stuhls“ in Glaubens- und Sittenfragen für alle Zeiten fest zementiert. Die kirchlichen Institutionen stehen heute unbeweglich und geradezu zementiert, jedoch wohlgeordnet, vor jedem Christenmenschen. In der Wissenschaft zur Auslegung und Erklärung der Bibeltexte ist eindeutig nachgewiesen worden, dass sich alle Sakramente in einem langsamen Prozess über die Jahrhunderte hinweg historisch entwickelt haben und dass gerade die Aussagen Jesu in der Bibel zu den beiden Sakramenten der Taufe und der Eucharistie eindeutig erst lange nach dem Tode Jesu erfolgt sind. Die Aussagen in den Evangelien sind in erster Linie geprägt von den Vorstellungen der Autoren der Bibeltexte, die mit ihren Formulierungen das Bild der jeweiligen christlichen Gemeinden des ersten und zweiten Jahrhunderts im Mittelmeerraum wiedergeben wollten. Auch der Theologe Hans Küng mag sich nicht eindeutig festlegen und formuliert nur eine nicht nachzuweisende „allgemeine Ermächtigung“ durch Jesu Wort für die Taufe und die Eucharistie in der Bibel, 127 während die anderen Sakramente niemals von Jesus Christus persönlich stammen, sondern nur ein Produkt der Geschichte sind128. Was die Bibelforschung schon seit geraumer Zeit nachgewiesen hat, können die Kleriker der Kirche heute nicht mehr so ohne Weiteres ignorieren und deshalb verklausulieren sie in der ihnen eigenen Sprache den Tatbestand der fehlenden Einsetzung von Sakramenten durch Jesus und sprechen von einem eher weiter gefassten Verständnis der Einsetzung der Sakramente durch Jesus im Mittelalter, als dies heute der Fall ist. Man kann jedoch an den Fakten nicht mehr vorbei, der Nachweis gar von sieben Sakramenten aus den Worten Jesu in der Bibel lässt sich nicht erbringen. Die Theologen müssen daher geradezu zwanghaft einen Wortlaut finden, der einen indirekten Beweis doch noch möglich macht. So finden sich in der Dogmatikliteratur Aussagen wie »Die Sakramente sind Gaben des Herrn an die Kirche, nicht selbst erdachte Werke der Kirche …«129. Mit solchen Aussagen entlarvt man sich selbst. Die Kirche ist es also, die von sich sagt, dass die Sakramente ihre Herkunft von Gott haben, weil die Kirche ihre Herkunft von Gott hat. Obwohl alle Theologen wissen, ohne es allerdings den Gläubigen deutlich zu sagen, dass Jesus niemals eine Kirche gründen wollte, schon gar nicht eine katholische Kirche, wie sie sich heute darstellt. Nach der veröffentlichten Lehrmeinung des „Heiligen Stuhls“ ist die Kirche unzweideutig von Jesus gegründet worden und somit ist alles, was die Kirche tut, auch von Gott getan und deshalb aus sich heraus eindeutig begründbar. Dabei scheint es für den Klerus unerheblich, ob nun diesbezügliche Aussagen von Jesus in der Bibel oder in anderen historischen Quellen zu finden sind oder nicht! Wie man es auch dreht und wendet, das Ganze bleibt auch nach den Erläuterungen im Katechismus ein einziges „Mysterium“. Dass es wirklich Gott sein soll, der in und durch die Sakramente handelt oder dass Gott in den Sakramenten durch den Empfänger, so die Theologie, erfahren wird, das »ist nicht vom Glauben losgelöst beweisbar …«130. Die sieben Sakramente der katholischen Kirche sind eindeutig das Ergebnis einer kirchengeschichtlichen Entwicklung. 128 Vgl. hierzu: Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 560. 129 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 221. 130 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 191. Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … 128 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Trotz alledem, die Kirche muss an diesem Theologiegebäude festhalten und muss konsequenterweise im Katechismus für den Gläubigen, der übrigens nach den Beschreibungen „unseres“ Papstes Benedikt XVI in Glaubensfragen eine „einfache“ Person ist, Erklärungen für die sieben Sakramente finden und auch Begründungen für deren Empfang ausformulieren. Es sei schließlich nicht die Aufgabe der Priester, die Erkenntnisse der Hochschultheologen zu predigen, sondern es sei nach dem ehemaligen Papst Benedikt XVI die »Aufgabe der Bischöfe und Priester den Glauben … der kleinen Leute vor dem Einfluss von Intellektuellen zu bewahren …«131. Der ehemalige Professor sagt hier wenigstens einmal deutlich, was er von den gläubigen Christenmenschen hält. Und so redet der Katechismus der Kirche weiter von den Sakramenten als den Meisterwerken Gottes. Auch ohne den biblischen Nachweis oder den sogenannten Traditionsbeweis habe die Kirche im Laufe der Jahrhunderte »dieses von Christus erhaltene kostbare Vermächtnis erkannt … und dann deren Ausspendung näher bestimmt …«. Die Wirkung und Wirksamkeit dieser Sakramente wird in den höchsten Tönen im Katechismus beschrieben und als ein „Mysterium des Lebens Jesu“ gepriesen. Die Sakramente seien »hingeordnet auf die Heiligung des Menschen«, sie verliehen die Gnade, »sie sind wirksam, denn in ihnen ist Christus selbst am Werk …«132. Je ausladender die Argumente im Katechismus vorgetragen werden, umso deutlicher sind Zweifel angebracht, an den geradezu mystischen Darlegungen zur Sakramentenlehre. Je häufiger die Umschreibungen des „Mysteriums Christi“ ausformuliert werden, je fundamentaler die Charakterisierungen der kirchlichen Lehrautorität angesprochen werden, umso skeptischer wird man, angesichts der vielfältigen Darlegungen und Erklärungen zur zukünftigen himmlischen Seligkeit. Man kommt ins Nachdenken, bei diesem theologischen Redestil. Es ist einfach zu viel Mystik im Spiel. Zu viele Zeichen der Gnade, zu viele geistliche Gaben, einfach zu viele Heiligungsvollmachten auf Seiten des Klerus. Die Sprache der Theologen, sie ist wohl doch nicht von dieser Welt. Sie scheinen häufig sitzen geblieben zu sein, die Amtsträger und die profes- 131 Auszüge aus einer Predigt von Kardinal Ratzinger (Papst Bendikt XVI) vom 31.12.1979 zum Entzug der „Missio Canonica“ für Hans Küng. 132 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 317 ff. 129 sionellen Theologen, in ihrem mystischen Gebäude. Seit hunderten von Jahren sind die Kleriker unbeweglich geblieben und längst noch nicht angekommen in dieser Welt, geschweige denn in unserem Jahrhundert. Doch wenn der Klerus einmal im Alltag des Christenmenschen angekommen ist, dann ist sofort die Rede von der Sündhaftigkeit des Menschen, von den Mächten der Finsternis, von der Androhung des ewigen Getrenntseins von Gott, von Bekenntnis, von Buße und Genugtuung. So wird wohl auch weiterhin die Einsetzung der Sakramente durch Christus von der Kirche propagiert werden und dies nach meiner Einschätzung vor allem in der genannten Hoffnung, dass die Unwissenheit und die Denkschwäche der Gläubigen oder gar das erhoffte mangelnde Interesse an den Glaubensgrundsätzen der Kirche größer ist, als die zwar mühsame aber mögliche Überprüfbarkeit kirchenhistorischer Tatbestände und dogmatischer Fundamente der katholischen Kirche. Wir wollen sie trotzdem näher betrachten, die Sakramente, die Realsymbole einer höheren Wirklichkeit und zu klären versuchen, wie die Lehre von der Einsetzung durch Jesus mit den historischen Erkenntnissen der Bibelwissenschaft und den aktuellen Forschungen der Theologie noch zu vermitteln ist. Denn beim heutigen modernen Menschen steht mit ziemlicher Sicherheit weniger die Sorge um das Leben nach dem Tode im Vordergrund, als vielmehr die Sorge um ein gelingendes Leben im Diesseits und dies vor allem angesichts der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt. Was mit Wasser so alles möglich ist … »Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen«. Wie Karl der Große das gemacht hat, die Sachsen vom christlichen Glauben zu überzeugen, sicherlich im Namen und mit dem Einverständnis der Kleriker der katholischen Kirche, das erinnert heute doch sehr an die Methoden des sogenannten „Islamischen Staates“ in den Konfliktgebieten des Nahen Ostens, der auch den Menschen den Kopf abgeschlagen hat, wenn sie nicht den Glauben an Allah annehmen wollten. In der Zeit um 782 nach Chr. erging es den Sachsen nicht viel besser, wie dem von Karl dem Großen erlassenen Gesetzestext „Capitulatio de partibus Saxoniae“ zu entnehmen ist. Hauptsache die Kirche hatte wie- WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 130 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … der Glieder in der „Gemeinschaft der Heiligen“ und die Taufe war ja der Eintritt in diese Heilsgemeinschaft. Ich will der heutigen katholischen Kirche ja nichts unterstellen und wir haben auch nicht mehr die Zeit Karls des Großen. Nähert man sich jedoch, wenn auch konstruktiv-kritisch, den Glaubensfundamenten der Sakramentenlehre der katholischen Kirche und studiert den Katechismus gründlich in seiner heute aktuellen Form, so kommt man nicht umhin, die dort gemachten Ausführungen und mystischen Darlegungen zum Sakrament der Taufe zu hinterfragen. Je weiter man liest und die Äußerungen in den Evangelien der Bibel mit einbezieht, umso stärker kommen Zweifel auf. Sucht man die Begründung für die Taufe der Christen und den Taufbefehl durch Jesus zunächst nicht im Katechismus, sondern in der Bibel, so findet man hier Aussagen im Wesentlichen auf der Grundlage des weit nach dem Tode Jesu geschriebenen Matthäusevangeliums, in dem es unter anderem heißt: »Gehet darum hin und machet alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Gerade diese Passage in der Bibel, die ja auch zur Legitimation der Dreifaltigkeit herangezogen wird, sie ist nach der allgemein anerkannten historisch-kritischen Bibelforschung weder das authentische Wort Jesu noch eine Ausführung des Evangelisten Matthäus, sondern eine Formulierung, die zu einem viel späteren Zeitpunkt in das Evangelium „hineingeschummelt“ worden ist. Es ist historisch belegt, dass in den Anfängen des Christentums, also in der Zeit der Entstehung dieses Evangeliums, nur im Namen Christi, aber niemals im Namen einer Dreifaltigkeit gepredigt bzw. getauft worden ist. Auch findet sich in der Bibel kein Zitat von Jesus, in dem er zu einer Art Missionierung der Welt aufgerufen hat, sondern seine Aussagen bezogen sich immer nur auf das Volk Israel. Auch die Apostel, die ja selbst nicht getauft waren, tauften im Urchristentum nur im Namen Jesu. Dass die Taufe die Grundlage bzw. der Beginn eines christlichen Lebens in einer Kirche sein soll, leuchtet ein und muss nicht weiter kommentiert werden, auch wenn man die theologischen Formulierungen, die in der Dogmatikliteratur seitenweise ausführliche Begründungen für den Empfang dieses Sakramentes liefern, irgendwann nur noch überliest. Dies, weil sie weder den Tatbestand der Taufe sinnvoll begründen, noch ihn in der eigentümlichen Sprache der Theologie verständlich oder gar für den Suchenden interessant und nachvollziehbar machen. 131 Ich kann dem Leser beispielhaft solche theologischen Sprachkonstruktionen und Glaubensableitungen mit Bibelzitaten aus dem Katechismus nicht ersparen, denn nur so wird deutlich, was gemeint ist: »Dieses Sakrament … (ist) das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist« oder »… so werden sie (die Taufaspiranten) durch die Sakramente … immer tiefer in das Leben Gottes hineingenommen …«133. Die theologischen Kernaussagen der Kirche zum Sakrament der Taufe werden besonders deutlich, wenn man weiterliest: Dort steht, dass man nur durch die Taufe als ein Mitglied in die katholische Kirche aufgenommen werden kann und, was ganz wichtig ist, man wird dadurch von allen Sünden befreit, wobei die Betonung auf alle Sünden liegt. Das Dogma hierzu sagt es klar: »Die Taufe bewirkt die Nachlassung aller Sündenstrafen, sowohl der ewigen als auch der zeitlichen«. Wichtig ist die Aussage nach dem Katechismus, dass nämlich niemand ohne die Taufe in das Reich Gottes kommen kann. Begründet wird dies unter anderem mit einem Bibelzitat aus dem Johannesevangelium: »Ihr wisst aber, dass jener erschien, damit er die Sünden hinwegnehme, und Sünde ist nicht in ihm …«. Solche Worte des Johannesevangeliums sollen authentische Worte Jesu gewesen sein? Aufgeschrieben circa 70 Jahre nach seinem Tod. Was ist von einem solchen Text zu halten, der über drei Generationen hinweg mündlich überliefert worden ist und außerdem mit der Absicht formuliert wurde, der entstehenden Institution Kirche die notwendige Legitimation durch Jesus zu geben? Als Begründungen zum Sakrament der Taufe werden im Katechismus interessanterweise auch Ausführungen aus dem Alten Testament herangezogen. Zum Beispiel die Legende von der Arche Noah oder auch die biblische Geschichte des Durchgangs durch das Rote Meer. Diese Geschichten werden bereits als Vorzeichen des Heils der Menschen durch den Empfang der Taufe interpretiert. Eine unverständliche und eher gewagte These, die zudem jeder Grundlage entbehrt. Genauso ließe sich die Taufe mit Wasser in einer historischen Urerfahrung des Menschen- 133 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 341 f. WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 132 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … geschlechts begründen. Denn in der frühen Menschheitsgeschichte wurde das Wasser als lebensgefährlich oder auch als lebensspendend wahrgenommen, wenn man an den arabischen Raum mit seinen Wüsten und Oasen denkt oder auch an die lebenspendende Kraft des Nil für die Bevölkerung in Ägypten. Uralte Kulturen des afrikanischen Kontinents haben schon früh das Wasser für kultische Handlungen genutzt und ihm zum Teil Unsterblichkeitswirkungen zugeschrieben. Die Taufe ist sicher neben dem Abendmahl bzw. der Eucharistiefeier das Sakrament, welches sich aufgrund der Ausführungen in der Bibel, selbstverständlich nur, wenn man auch dran glaubt, noch am ehesten begründen lässt. Obwohl bei kritischer Betrachtung gleich die Frage aufkommt, warum Jesus selbst nie und niemanden getauft hat. Es wäre doch ein leichtes für ihn gewesen, nicht nur Fußwaschungen und Speisungen vorzunehmen, sondern auch zu taufen, um so den sündigen Aposteln den direkten Zugang zum Himmelreich zu ermöglichen. Zugegebenermaßen gibt es zur Taufe in der Bibel auch widersprüchliche Aussagen. Nach den Bibeltexten soll Jesus einmal getauft haben und dann doch wieder nicht. Im Johannesevangelium heißt es da an einer Stelle »Hierauf kam Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft von Judäa und hielt sich mit ihnen dort auf und taufte …« (Joh 3,22) und ein paar Zeilen später heißt es dann, »obwohl Jesus nicht selber taufte …« (Joh 4,2). Die Bibelforscher sind sich auch hier wieder einmal uneinig über die Interpretation dieser Textstellen, die sie sich selbst nicht erklären können. Wieder einmal wird deutlich, wie die Evangelisten die mündlich überlieferten Geschichten der Bibel zwischen 50 und 70 Jahren nach dem Tode Jesu zusammengetragen, erweitert und verklärt haben. Ich stelle mir in diesem Zusammenhang einmal vor, welche Beschreibungen des weltlichen Geschehens man von Zeitzeugen heute bekommen würde, wenn man nach den Ereignissen der Regierungszeit der Bundeskanzler Ludwig Erhard oder Georg Kiesinger fragen würde, ohne in den Archiven der Printmedien nachschlagen zu können, ohne Telefon und Wikipedia, ohne Facebook und ohne eine „Cloud“ … Irritieren muss einen zudem die Tatsache, dass sich Jesus selbst von Johannes dem Täufer, einem Propheten aus der Wüste, taufen ließ, obwohl es ja nach der Überzeugung der Kirche nicht sein kann, dass Jesus durch die Taufe von seinen Sünden befreit wird, da er ja als Gottes Sohn sicherlich nicht gesündigt haben kann. Die Verkündigung eines Gottes und das Gericht Gottes, welches nach den Aussagen unter anderem des Evangelisten Johannes nahe bevorstehen sollte und der Aufruf zur 133 Buße und Umkehr, das war das Thema des Propheten Johannes und damit verbunden die Taufe zur Vergebung der Sünden. Insoweit hat Jesus in Anlehnung an Johannes nach seiner Taufe ebenfalls das Nahen eines Reiches Gottes verkündet und auch zur notwendigen Umkehr des gesamten jüdischen Volkes aufgerufen. In den Anfängen der Kirche, etwa gegen Ende des ersten Jahrhunderts, war man sich darüber im Klaren, dass nur getauft werden kann, wer auch zum Glauben an den verkündeten Gott gefunden hatte, denn ohne den Glauben war die Taufe in Wahrheit wenig sinnvoll. Dies wird sicherlich auch heute noch so sein, aber wie wir schon beim Beispiel der Bekehrung der Sachsen gesehen haben, war zur Zeit Karls des Großen all dies nicht mehr wichtig, denn man unterstellte schon damals, dass der eigentliche Glauben als Folge der Taufe sich sicherlich noch einstellen würde. In der dogmatischen Literatur steigert man sich gar in eine sogenannte Verhältnisbestimmung, indem gesagt wird, dass »die Taufe den Glauben voraussetzt, andererseits der Glaube des Getauften von der Tauferfahrung (was immer das auch ist) und dem in der Taufe geschenkten Geist Gottes lebt«134. Was hier konstruiert wird, ist eine Geisterfahrung, die nur dazu dienen soll, die gesamte theologisch-dogmatische Konstruktion eines Lehrgebäudes aufrechtzuerhalten und vor dem sicheren Zusammenbruch zu bewahren. Denn hinter der durchgeführten Taufpraxis des Christentums steckt letztlich nichts anderes als der Glaube an die heidnische Vorstellung von der geheimnisvollen und reinigenden Kraft des Wassers. Daher bewirkt ein solcher Taufritus nicht mehr als die Aufnahme des Täuflings in eine vorgegebene kirchliche Institution. Schaut man weiter in der einschlägigen Literatur nach, so ist es schon erstaunlich, wie viele Spielarten von Taufspendungen in der Kirchenhistorie so vorgekommen sind. In den sogenannten Ostkirchen spendete man früher gar drei Sakramente gleichzeitig, indem man nach der Taufe die Firmung und unmittelbar danach auch die „Heilige Kommunion“ verabreichte. Es gab sogar in den ersten Jahrhunderten des Christentums die Praxis, dass man mit der Taufe bis zu seinem Lebensende wartete, um dann 134 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 234. WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 134 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … nach der Sündenvergebung in der Taufe sicher in den Himmel zu kommen. Eine sehr praktische Variante. Da nach der Forschung in den Anfängen der Kirche die Erwachsenentaufe die am häufigsten praktizierte Form war, muss man sich natürlich auch fragen, wieso die Taufe von Kleinkindern, gar Säuglingen, heute die beinahe ausschließlich praktizierte Form der Taufe ist. Auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt, so ist die Taufe von Kindern aus Textstellen der Bibel nicht nachzuweisen. In der Literatur formuliert man das dann so: »Aus der Heiligen Schrift lässt sich die Tatsache der Kindertaufe nicht mit voller Sicherheit, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit beweisen«135. Zur Taufe gehört aber doch ganz sicher der bewusste Eintritt in eine Glaubensgemeinschaft, der nur aus Überzeugung und glaubend vorgenommen werden kann. Trotzdem hat sich die Kinder-Taufe in der Kirchenpraxis durchgesetzt, obwohl dies bis heute in der theologischen Debatte durchaus strittig ist. Hier helfen wieder einmal die Ausführungen im aktuellen Katechismus, in dem tatsächlich formuliert wird: »Der Glaube, der zur Taufe erforderlich ist, muss nicht vollkommen und rein sein; es genügt ein Ansatz, der sich entwickeln soll«136. Wie so etwas gehen kann, die Entwicklung eines Ansatzes des Glaubens an die Kirche beim Kleinkind oder gar beim Säugling, es bleibt ein Rätsel. Die Sichtweise der Theologie wird klarer, wenn man in den theologischen Texten weiterliest, denn die Kirche fordert die Mithilfe der Eltern und Paten, so dass sich der Glaube auch nach der Taufe noch entwickeln kann. Trotzdem bleibt die Tatsache, dass mit der Taufe die angebliche Sündenvergebung geschieht und dass diese Sündenvergebung konsequenterweise nur in Verbindung mit einer Glaubensbereitschaft möglich ist. Wie will man eine solche Glaubensbereitschaft beim Kleinkind jedoch diagnostizieren? Die Kirche jedenfalls unterstellt diese Bereitschaft einfach. Mir scheint, hier spielt wohl das Geheimnis der zuvorkommenden Gnade Gottes und die den freien Willen des Menschen unterstützende und begleitende Gnade, was immer das auch ist, eine entscheidende Rolle. Der Mensch kommt jedoch nachweislich zum Glauben nicht durch eine Art ritueller Waschung, da man als Kleinkind ja noch gar nicht weiß, was so mit einem passiert. Wahrscheinlich spürt man auch nichts, außer die Temperatur des kalten Wassers aus dem Taufbecken. Man kommt 135 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 431. 136 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 349. 135 WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … bestenfalls zum Glauben durch die Sozialisation, will sagen, der Glaube bzw. die Überzeugung von Vater und Mutter, von Bruder und Schwester, Oma und Opa ist die Grundlage der sich entwickelnden Weltanschauung und nicht die dogmatische Vision, dass der Heilige Geist in der Taufe eine katholische Orientierung schon ermöglicht. Geht man der Sache weiter auf den Grund, so wird deutlich, welches Gedankengebäude die Kirche da gebaut hat, um die Taufe von Kleinkindern sinnvoll zu begründen und entsprechende Ängste bei den Eltern aufzubauen, damit schon frühzeitig die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen erfolgen kann. Der Katechismus bringt es selbst ans Licht, und formuliert klar auf der Grundlage der Geschichten und Legenden des Alten Testamentes: Es ist der Sündenfall, die sogenannte Erbsünde oder, heute weniger dramatisch, die Ursünde, die nach Ansicht der Kirche notwendigerweise zur Kindertaufe führt. Man muss sich das einmal vorstellen, ein gerade geborenes Kind ist ohne sein Zutun schon mit der Erbsünde belastet und ist ohne diese Taufe zur Hölle verdammt. Man beruft sich hierbei unter den Theologen immer wieder auf das Konzil von Trient und zitiert zur Begründung einer Glaubenswahrheit bis heute Texte dieser Konzilsväter. »Die Wirkursache der Erbsünde ist die Sünde Adams … Die Bedingung für die Übertragung der Erbsünde auf alle Menschen … ist Kraft göttlicher Anordnung der natürliche Zeugungsakt«137. Die Kirche konzipiert in ihrer Dogmatik, wie wir bereits gesehen haben, erst die Erbsünde und liefert dann die Erlösung und Befreiung durch die Taufe und damit den Eintritt in ihre Gemeinschaft. In der Taufe mit dem entsprechenden Ritual wird dieser Eintritt dokumentiert und der Katechismus drückt es dann folgendermaßen aus: »Da die Kinder mit einer gefallenen und durch die Erbsünde befleckten Menschennatur zur Welt gekommen sind, bedürfen auch sie der Wiedergeburt in der Taufe, um von der Macht der Finsternis befreit und in das Reich der Freiheit der Kinder Gottes versetzt zu werden …«138. Es folgen im Text noch weitere Herleitungen, um die Taufe und die Aufnahme eines Menschen in die Kirche sicherzustellen. Im Notfall kann nicht nur der gläubige Christ, sondern jeder Mensch, egal welchen Glau- 137 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 136. 138 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 348. 136 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … bens oder welcher Weltanschauung, die Taufe spenden, er muss nur die, wie es heißt, notwendige Absicht haben und die Taufformel sprechen. Es wird im Katechismus sogar ausgeführt, dass auch dann Menschen getauft sind, obwohl sie nicht getauft sind, wenn sie nur wegen ihres Glaubens sterben. Man nennt das dann eine „Bluttaufe“. Und es geht noch weiter: Auch gelten Menschen dann als getauft im Sinne der Kirche, wenn anzunehmen ist, dass diese Menschen ausdrücklich die Taufe gewünscht hätten, falls ihnen die Notwendigkeit zum Heil bewusst gewesen wäre. Sogar der gültig Getaufte kann, auch wenn er außerhalb der katholischen Kirche getauft worden ist, Mitglied der von Christus gegründeten einen heiligen katholischen Kirche sein, sagt die Dogmatik. Ganz problematisch wird es erst, wenn eine gesundheitliche Situa tion eintritt, die ein Kind direkt nach der Geburt sterben lässt, ohne dass es die Taufe gespendet bekommen hat. Ich selbst kann mich noch gut erinnern, dass es einen abgelegenen Teil des katholischen Friedhofs unserer damaligen Gemeinde gab, in dem genau solche Kinder begraben lagen, die noch vor dem Segen der Kirche gestorben waren. Die Hölle war ihnen sicher, denn ohne dass der Exorzismus der Kirche gesprochen worden ist, gibt es kein Entrinnen. Die Formulierungen im aktuellen Katechismus sind nicht mehr ganz so undiplomatisch, jedoch nicht weniger deutlich und im Kern nicht anders. Hier heißt es jetzt: »Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, so kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen«139. Die Kirche hofft somit, wie es heißt, dass es für diese Kinder auch einen Heilsweg geben könnte. Dies ist eine geradezu menschenverachtende Dogmatik, die ungetauften Säuglingen bzw. Kleinkindern und deren gläubigen Angehörigen solche Glaubenswahrheiten auferlegt. Da durch die Taufe sämtliche Sünden erlassen werden, gilt dies nicht nur für die Erbsünde, für die man ja nichts kann, sondern auch für alle Sünden, die man je nach Alter und Lebenswandel des Täuflings bis zum Empfang begangen hat. Es bleibt danach nichts, was den gläubigen Täufling am Eintritt in das Himmelreich hindert. Und das Konzil von Trient formuliert hierzu: »Wenn jemand leugnet, dass durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die in der Taufe verliehen wird, der Schuldzustand der Erbsünde nachgelassen wird, oder auch 139 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 351. 137 WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … behauptet, dass nicht alles weggenommen wird, was den wahren und eigentlichen Charakter der Sünde an sich hat, … der sei ausgeschlossen«140. Leugnet man diese Wirkung der Taufe, dann ist man also ausgeschlossen aus der Mutter Kirche und ohne die Zugangsberechtigung zum Himmelreich. Eine weitere wichtige Ergänzung muss allerdings noch gemacht werden. Es verbleiben beim Gläubigen in seinem Leben auch nach dieser Absolution noch „gewisse“ zeitliche Folgen dieser Erbsünde. Diese Folgen sind nach der Lehre der Kirche: das Leiden, die Krankheiten, der Tod, die Gebrechen usw. und natürlich auch die Charakterschwäche, also die Neigung zur Sünde im Alltag, vor allem das, was als Konkupiszenz (sinnliche Begehrlichkeit) bezeichnet wird und „der Herd der Sünde“ genannt wird. Dummerweise bleibt somit die Mühsal des Erdenlebens wegen der sogenannten Apfelgeschichte, obwohl klar ist, dass es sich hierbei um eine märchenhafte Legende der Schreiber der Schöpfungsgeschichte in der Bibel handelt. Für den Gläubigen ist es tröstlich, zu wissen, wer einmal getauft ist, der behält für immer die Zugangsmöglichkeit zum Himmel. Trotzdem kann auch er durch sündhaftes Leben ohne ein weiteres Rettungspaket der Kirche, das heißt, ohne ein weiteres Sakrament empfangen zu haben, nach seinem Tode doch noch in den „Orkus“ fahren. Der Mensch ist dann nicht gerettet, wenn er es versäumt hat, zu Lebzeiten alle Möglichkeiten und Segnungen der Kirche zu nutzen. Denn nach der ersten Rettung durch die Taufe gibt es durch das Bußsakrament eine weitere Chance, um sich von den Sünden zu befreien, auch von den sogenannten „lässlichen“ Sünden, denn auch diese werden entsprechend dem Grad der „subjektiven Disposition“ des Glaubenden im Bußsakrament nachgelassen. Solche Privilegien müssen dann allerdings teuer erkauft werden, denn im Katechismus ist es eindeutig formuliert und die Kirche hält damit auch nicht hinter dem Berg: Wenn man zu einem Glied der Kirche geworden ist, dann »gehört der Getaufte nicht mehr sich selbst … Darum soll er sich in der Gemeinschaft der Kirche den anderen (sprich: der kirchlichen Hierarchie) unterordnen, ihnen dienen … den Vorstehern der Kirche gehorchen, sie anerkennen und hochschätzen …«141. 140 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 425. 141 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 352. 138 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Eine Frage stellt sich jetzt mit aller Klarheit, können wir eigentlich nach den beschriebenen Erkenntnissen dies alles noch wollen, was wir da sollen? Uns einer theologisch-dogmatischen und intellektuell fragwürdigen bzw. geradezu abenteuerlichen Gedankenkonstruktion unterwerfen, nur weil sie sich mehr als 1000 Jahre gehalten hat und angeblich der Heilige Geist bei der Abfassung auch im Spiel war? Die kirchliche Dogmatik ist ein von Menschen gebautes Gedankengebäude für die Strukturen einer Institution, das gekennzeichnet ist durch eine Mischung aus Angsterzeugung und Höllenfahrt. Ich muss es wiederholen, diese Theologie suggeriert den Menschen erst, dass sie eine Ursünde begangen haben und anschließend schafft die Kirche die Möglichkeit, durch privilegierte Personen bzw. Personengruppen im Zusammenspiel mit dem Geist Gottes den Menschen von dieser Ursünde zu befreien. Hinzu kommt, dass die Kirche auch weiterhin alle Mittel zur Verfügung stellt, damit der Gläubige die Gewissheit hat, dass nach dem Tode doch noch alles gut wird … Bei simpler intellektueller Durchdringung dieser theologischen Heilskonstruktion erscheint sie jedoch wenig glaubhaft, bei bestimmten Ausführungen sogar unmenschlich und in großen Teilen widersprüchlich. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies alles von dem allzu menschlichen Bedürfnis geprägt ist, als Institution Macht über andere Menschen zu erlangen, indem Urängste, bezogen auf die Endlichkeit des Menschen, erzeugt werden, obwohl auch die Kleriker nichts über das angebliche Leben nach dem Tode wissen, geschweige denn die Zeit, noch die Stunde … Die Angst, wegen des Bisses in eine Frikadelle am Freitag in die Hölle zu kommen … Es ist schon eine eigenartige Geschichte, die uns im Schöpfungsbericht der Bibel erzählt wird. Gott schuf Himmel und Erde »und er sah, dass alles gut war«. Doch dann geht er hin und schafft das Böse, auch wenn es nicht unbedingt eine Schlange war, so ist es doch von Gott geschaffen und dazu gedacht, die Menschen in Versuchung zu führen. Wenn vorher alles gut war, warum dann das? 139 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Es ist nur selten darüber nachgedacht worden, dass ein möglicher Gott selbst der Verursacher einer Sünde sein könnte. Doch bleibt die Frage offen, woher das Böse nun eigentlich kommt, denn der Begriff der Sünde findet sich interessanterweise nur bei den drei monotheistischen Religionen. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt dieser „Fehlentwicklung“. Die beiden Menschen fallen auch noch auf diese Versuchung herein und es gehen ihnen erst danach die Augen auf. Sie werden zur Sünde verführt und als Folge dieses „Sündenfalls“ ist nun das Leid, Tod und Verderben in der Welt. Die Vertreibung aus dem Paradies durch diesen Gott ist die logische Konsequenz und die Menschen sind jetzt darauf angewiesen, „den Ackerboden zu bearbeiten“. So wird aus einer einfachen Erzählung aus der Mythologie des Volkes Israel, das zwischen den beiden Hochkulturen am Nil und am Euphrat lebte, der wesentliche Anlass für den Fluch der Menschheit. Es sei gleich angemerkt, kein Theologe ist heute mehr der Meinung, dass es so etwas wie ein Paradies oder gar einen Sündenfall tatsächlich gegeben hat. Auch wenn man nicht an die aktuellen naturwissenschaftlichen Erklärungen einer Entstehung der Welt und an den „Urknall“ glaubt, aber an eine solche Geschichte zur Entstehung des Universums und zur Erklärung des Bösen in der Welt heute noch zu glauben, das muss schon schwerfallen. Für das jüdische Volk war es durchaus eine sinnvolle Erklärung, entsprechend ihrem Weltbild vor weit mehr als 3000 Jahren. Seit dieser Zeit ist die Menschheit nach den Vorstellungen des Christentums durch die „Auflehnung“ gegen Gott eine sündige Menschheit und dazu verurteilt, endlich zu sein, Krankheiten zu ertragen und den „Werken“ des Fleisches unterworfen zu sein. Irgendwann kann Gott es dann aber doch nicht mehr mit ansehen, dieser Schöpfer, der zwischendurch aus Zorn, nach den Aussagen des Alten Testamentes, fast alle Menschen ersaufen lässt und nur Noah mit Gattin und einigen Tieren das Leben lässt. Angesichts der verbleibenden Sündhaftigkeit der Menschen kann die „Sintflut“ doch nicht die Lösung sein. Was also tun, um auch langfristig die Menschheit vor der Sünde zu bewahren? Gott schickt seinen einzigen Sohn auf diese Erde, aber nicht nur das, er lässt ihn auch noch hinrichten. Nur noch durch den Tod seines eigenen Sohnes ist er zu besänftigen. Das alles erinnert doch sehr an die Menschenopfer alter Kulturen, die nur so ihre Götter zu besänftigen suchten. 140 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Und nun stelle man sich die Jünger dieses Gottes nach seinem Tod einmal vor, ihr Gott, hingerichtet wie ein Verbrecher. Das Häuflein Jünger und Jüngerinnen mit ein paar Getreuen sitzt da, ist verzweifelt und weiß nichts damit anzufangen, mit dem Tod ihres Gottes, der doch „das Reich“ in naher Zukunft versprochen hatte, mit allen Privilegien für sie und für die, die an ihn glaubten. Was sollen sie jetzt tun? Es ist nichts so gelaufen, wie es von Jesus prognostiziert worden ist. Der Tod Jesu wurde von seinen Anhängern zunächst nur als Schicksal eines Predigers oder gerechten Mannes verstanden und betrauert, also als unglückliches Geschehen beklagt. Da die Jünger die Texte des Alten Testamentes kannten, wovon wir mal ausgehen und Jesus selbst nichts Aufgeschriebenes hinterlassen hatte, entwickelte sich im Laufe des 1. Jahrhunderts in der jungen Kirche die Idee, den Tod Jesu mit der Schöpfungsgeschichte der jüdischen Schriften in Verbindung zu bringen. Wenn schon, dann war jetzt Jesus stellvertretend für alle Menschen gestorben, aber die entsprechende Wirkung seines Todes sollte nur für die gelten, die Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft wurden. Durch einen Taufvorgang, wie ihn Johannes der Täufer praktiziert hatte, konnte man Mitglied werden. So entwickelte sich die Idee einer Befreiung der Menschheit vom „Fehltritt“ der ersten Menschen durch die Taufe. Jetzt hatte der Tod Jesu doch noch einen Sinn bekommen. Wenn es allerdings notwendig war, dass sogar ein Gott für die Menschen sterben musste, dann musste die Sündhaftigkeit der Menschen weit tiefgreifender gesehen werden, als dies bis dahin der Fall war. Die Kleriker haben ihre Vorstellung von einer Sünde dann soweit überhöht, dass nur ein Gott am Kreuz diese Sünden tilgen konnte. Im Laufe der Ausbreitung des christlichen Glaubens und der Gründung der ersten christlichen Gemeinden entwickelte sich jedoch noch ein weiteres Problem. Obwohl von der Ursünde befreit und für den Himmel prädestiniert, stellten die Gemeinden fest, dass die Menschen nach wie vor sündigten, Gotteslästerung, Mord und Ehebruch betrieben und trotz dieser Befreiung kein allzu christliches Leben führten. Um dies aber trotzdem zu gewährleisten und die Gemeindemitglieder auf dem „rechten Pfad“ zu halten, musste man sich wieder etwas einfallen lassen. Eine »zweite Planke nach dem Schiffbruch« entwickeln, wie die Kirchenväter sagten. Nach der Taufe bildete sich nun ein weiteres System von Reue, Buße und Sündenvergebung heraus. Wesentliches Kriterium war hier nun die Einsicht, dass der Mensch ein notorischer Sünder ist. 141 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Es bleibt jedoch die völlig unsinnige Annahme, dass man aus einer natürlichen Konditionierung des Menschen zum Fehlverhalten den Grund für den Tod eines Gottes abgeleitet hat. Trotzdem entstand in der Kirche ein solcher Sündenbegriff als wesentliches Element der christlichen Dogmatik. Schon die ersten christlichen Theologen der frühen Kirche haben aus den Menschen gewohnheitsmäßige Sünder gemacht. Allerdings bleibt erst recht unverständlich, dass der Mensch einerseits als notorischer Sünder dargestellt wird und andererseits zu einem Ebenbild Gottes erklärt wird. Doch weil das alles nun so sein musste, stellte gleichzeitig diese Kirche exklusiv mit der Taufe als Befreiung und mit dem Sakrament der Buße/ Beichte als Sündenvergebung die „Hilfsmittel“ und Wege zur Verfügung, die notwendig sind, um trotz Sündhaftigkeit doch noch in das „Reich Gottes“ zu kommen. Nur mit den Gnadenmitteln der Kirche ist für die Menschen das Heil zu erlangen. Es ist schon eine geniale Idee, nur die Kirche besitzt die Gewalt, auf die jeder Mensch angewiesen ist, weil ja doch jeder gern im Leben ohne Leid sein will und nach dem Tod keine Höllenqualen erleiden möchte. Der katholische Katechismus schreibt dazu: »Das in der christlichen Initiation erhaltene neue Leben hat jedoch die Gebrechlichkeit und Schwäche der menschlichen Natur nicht behoben und auch nicht die Neigung zur Sünde, die sogenannte Konkubiszenz. Diese verbleibt in den Getauften, damit sie sich mit Hilfe der Gnade Christi im Kampf des christlichen Lebens bewähren«142. So entstand das sogenannte Herzstück der katholischen Dogmatik. Der immer sündige Mensch, der ohne sein Zutun, quasi automatisch durch die Geburt mit der Erbsünde vorbelastet ist und im Leben durch genetische Vorkonditionierung, bis auf wenige Ausnahmen, sündhaft bleibt und immer wieder rückfällig wird. Bei näherer Betrachtung der Inhalte des Katechismus wird augenfällig, dass die Sünde, das Wesen der Sünde, die Schwere der Sünde im Christentum allgegenwärtig ist. Immer wenn die katholische Theologie den Menschen in den Blick nimmt, ist die Sünde das beherrschende Thema. »Ein Verstoß gegen die Vernunft, eine Verfehlung gegen die wahre Liebe zu Gott, eine Beleidigung Gottes«143, all dies sind Formulierungen des Katechismus, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass der „Sündenfall“ 142 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 389. 143 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 388 ff. 142 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … eine rätselhafte Geschichte, ein Mythos des Judentums ist und keinen realen Hintergrund hat. Bis zum heutigen Tage zieht die Kirche jedoch aus dieser, vor tausenden von Jahren entstandenen Erzählung reale Schlüsse, denn ohne diese Legende, ohne den Sündenfall und ohne seine automatische Übertragung auf die gesamte Menschheit gäbe es keine Notwendigkeit einer Erlösung. Ein Gott, der am Kreuz stirbt und dadurch die Menschheit erlöst, wäre also nicht notwendig gewesen. Soviel noch einmal zur Erbsünde. Sucht man in der Bibel angesichts der Unvollkommenheit des Menschen nach einem Hinweis zur Sündenvergebungsgewalt durch die Kirche, so wird man auch hier nicht fündig. Es gibt keine Formulierung im Neuen Testament, die nach der historischen Forschung eine Begründung für die Durchführung eines Bußsakramentes durch die Kirche liefert, die ein Sündenbekenntnis fordert und die irgendeinen Nachweis liefern könnte, der für die sogenannte „Binde- und Lösegewalt“ durch den katholischen Klerus spricht. Die angeblichen Worte zur „Schlüsselgewalt“ sind erst Jahre nach dem Tod Jesu durch den Evangelisten Matthäus in den Text eingefügt und Jesus „untergeschoben“ worden. Auch im Markusevangelium, das ja bekanntlich das älteste Evangelium ist, wurden vom Evangelisten fast vierzig Jahre nach dem Tod Jesu „Textergänzungen“ vorgenommen. Die Dogmatikliteratur der katholischen Kirche gibt es sogar zu: »(In die) Geschichte von der Heilung der Gelähmten durch Jesus … ist eine Sündenvergebungsgeschichte eingeflochten« worden. An einer weiteren Stelle wird eingeräumt, dass »die Sündenvergebungsgewalt … den Aposteln nicht als persönliches Charisma verliehen (wurde)«144. Die Bibelstellen im Johannesevangelium, in denen vom Nachlassen der Sünden die Rede ist, sind nach der historischen Bibelforschung nicht von Jesus gesprochen worden. Die Formulierungen im Katechismus: »Er (Jesus) hat Kraft seiner göttlichen Autorität den Menschen die Vollmacht gegeben, damit sie diese in seinem Namen ausüben«145, ist eher eine Vorstellung der damals entstehenden Kirche und schon gar nicht von Jesus geäußert. Es handelt sich auch hier wieder um das Werk der Theologen. Mit den vielen Fälschungen und den von Kirchenvätern nachträglich vorgenommenen unzähligen Ergänzungen im Neuen Testament wurde der gängigen Praxis und Lebenssituation in den sich entwickelnden Kir- 144 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 499. 145 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 393. 143 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … chengemeinden des ersten und zweiten Jahrhunderts nach Christus Rechnung getragen. Da Jesus ja keine Kirche gründen wollte, mussten seine Worte entsprechende Ergänzungen und Veränderungen erfahren, damit das Tun der Bischöfe, der Presbyter und der Diakone durch die angeblichen Worte Jesu eine von Gott gewollte Legitimation bekam. Keine authentische Bibelaussage Jesu legitimiert nach Kenntnis der aktuellen Bibelforschung die über Jahrhunderte entstandene Beicht- und Bußpraxis der katholischen Kirche. Die zu glaubenden Lehrsätze zur Sündenvergebungsgewalt sind entstanden auf der Basis der sich entwickelnden Klerushierarchie, einer Kirchenstruktur mit Priestern und Gläubigen, aber vor allem als Abgrenzung zu vielen Häretikern. Diese Dogmen wurde dann im Mittelalter zu einer Buß- und Ablassorgie aufgebläht, die nichts mehr mit dem Jesus der Bibel zu tun hatte. So entstand über die Jahrhunderte hinweg eine Kirche und ein Bußsakrament, bei dem die „Diener des Herrn“ Nachlass- und Vergebungsentscheidungen trafen und bis heute noch treffen, von Sünden lossprachen oder den Sünder „in die Hölle“ schickten. Die so entwickelte Bußdogmatik mit praktizierter Sündenvergebung, die der irdische Jesus nie gelehrt hatte, musste nach der Lehre der Kirche logischerweise auch Gott „die Hände binden“. Das einzige Konstrukt auf Erden, bei dem die Diener mehr zu sagen haben als ihr Herr. Ganz kurios wird es erst, wenn man der konkreten Ausprägung des so entwickelten Sakramentes weiter nachgeht und die heute praktizierte Praxis der Kirche einmal genauer unter die Lupe nimmt. Die frühen christlichen Gemeinden übten in den ersten Jahrhunderten eine Bußkultur aus, die den Ausschluss eines Gemeindemitgliedes vorsah, wenn er eine Todsünde begangen hatte. Todsünden waren damals Gotteslästerung, Mord und Ehebruch. Die Christen gingen davon aus, dass durch die Taufe, solange jemand Mitglied in der Gemeinde war, das „Reich Gottes“ nach dem Tode ganz sicher sei. Erst der Ausschluss eines Mitgliedes, der durch das Votum der ganzen Gemeinde bestimmt wurde, führte zur sicheren Fahrt in die Hölle. Für den Fall, dass ein ehemaliges Mitglied seine Sünden bereute, war eine einmalige Wiederaufnahme in die Gemeinde möglich. Dies allerdings erst nach einer der Tat angemessenen langen Bußphase in „Sack und Asche“. Erst nach entsprechender Reue und Ableistung der Buße war die Wiederaufnahme möglich. Diese alte Form der „Exkommunikation“, erst Reue, dann Auferlegung und Ableistung der Buße und danach die Wiederaufnahme, wurde nach und nach abgelöst, durch eine sogenannte „Privatbeichte“, die an- 144 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … geblich von irischen Mönchen eingeführt wurde. Diese Privatbeichte entwickelte sich zur bis heute praktizierten „Ohrenbeichte“ im Beichtstuhl. Der Charakter dieser Beichtform hatte zwei wesentliche Nachteile. Erstens ist es ein Zwiegespräch nur zwischen dem Priester und dem Sünder. Und zweitens, und das ist ganz entscheidend: Die Buße mit der Ableistung der Sündenstrafe erfolgt erst nach der schon vorgenommenen Sündenvergebung. Somit vollzieht sich die Lossprechung von den Sünden durch den Priester zuerst und dann erst die Ableistung der auferlegten Buße. Nun ist leicht nachvollziehbar, dass bei der so praktizierten Form von den Kirchenvätern auf Konzilien Beicht- und Bußvorschriften entwickelt werden mussten, die den Sünder verpflichten, nicht nur die Todsünden, sondern auch die sogenannten „lässlichen“ Sünden zu beichten. Die Kirche unterscheidet jetzt im Wesentlichen diese beiden Sündenarten, ohne jedoch präzise zu formulieren, wo denn die Grenze verläuft. Eine schwere Sünde »beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig«146, so sagt es der Katechismus, eine lässliche Sünde wird begangen, wenn es sich nicht um eine „schwerwiegende“ Materie handelt oder gegen eine Vorschrift oder gegen ein Sittengesetz verstoßen wird. Was zum Beispiel schwerwiegend ist, soll in den Zehn Geboten der Bibel stehen, wird dagegen verstoßen, so ist die Verdammnis gewiss. Andererseits zieht jede Sünde, sagt die Lehre der Kirche, »eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf«147. Neben vielen anderen „Stolpersteinen“ ergaben sich bei dieser Bußpraxis weitere Probleme. Einmal musste exakter definiert werden, was Sünde beziehungsweise was schwere Sünde und was lässliche Sünde war und zum zweiten musste ein Strafkatalog entwickelt werden, der für eine Sünde auch eine angemessene Sündenstrafe festlegte. Sonst waren die Sünder den unterschiedlichen Vorstellungen der Priester ja schutzlos ausgeliefert. Die Kirche entwickelte also ein umfangreiches „Sündenregister“. Solche sogenannten „Beichtspiegel“ sind bis heute zu „besichtigen“, sie basieren unter anderem auf den Zehn Geboten des Alten Testamentes, die für eine aktuelle Sündenliste natürlich nur bedingt tauglich sind. Der alte Vorschriftenkatalog des jüdischen Volkes von vor über 3000 Jahren und die Sammlung der Gesetzestexte für die Juden sind si- 146 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 401. 147 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 401. 145 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … cher nicht sonderlich gut für ein heutiges Sündenverzeichnis als Grundlage geeignet. Was aber soll die Kirche tun? Will man die Konstruktion eines Beicht- und Bußsakramentes aufrechterhalten und die selbst entwickelte Legitimation der Vergebungsgewalt durch die Kirche stützen, so muss immer wieder deutlich gemacht werden, was Sünde ist, ohne hinter Aktualitäten herzulaufen. Die alten Definitionen von Todsünde und lässlicher Sünde lassen sich nicht mehr mit dem Blut Abels oder der Klage des unterdrückten Volkes in Ägypten glaubhaft erklären. Der aktuelle Katechismus der Kirche versucht es. Die schwere Sünde zerstört die Liebe, ist ein Verstoß gegen das Gesetz Gottes. Der Mensch wendet sich von Gott ab148. Auch dies ist nicht sehr hilfreich. Das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland ist da schon bedeutend präziser. Ist nun die Empfängnisverhütung, die Abtreibung, die Sterbehilfe, der Ehebruch heute eine Sünde, gar eine Todsünde? »Mich stört, dass Sexualität noch so häufig mit Sünde verbunden wird … wir sollten lieber über Sünde reden, wenn hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken«. Recht hat er, der Vorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm. Manchmal glaube ich, selbst der Papst in Rom hat erkannt, dass ein alter Sündenindex nicht mehr tragfähig ist. So hat Papst Franziskus im Mai 2016 in einer Morgenmesse formuliert: »Menschen zu einem Hungerlohn arbeiten zu lassen, um selbst daraus Profit zu ziehen, vom Blut dieser Menschen zu leben, das ist Todsünde«. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, obwohl … was würden mir da eine Menge Leute einfallen, die alle in der „Hölle“ anzutreffen wären. Oder, man höre und staune, ein Zitat von Papst Franziskus aus dem Jahre 2016 bei einem Besuch in einer georgisch-orthodoxen Kirche: »Es gibt eine große Sünde gegen die ökumenische Bewegung: das Bekehren«. Diese Zitate geben Hoffnung, doch die Lehre der Kirche ist im Dogma verhaftet. Der Katechismus und die Gebetbücher für die Gläubigen listen „Gewissensspiegel“ auf, die für den geneigten Leser sicher spannend zu lesen sind. Interessanterweise müssen auch hier die Zehn Gebote nach wie vor als Übersicht herhalten, um eine mögliche Sünde im Beichtstuhl formulieren zu können. So stehen dort für die Gewissenserforschung beispielhaft Sätze wie: 148 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 388 ff. 146 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … • Gefährde ich meinen Glauben durch unkritische Lektüre glaubensfeindlicher Schriften? • Lasse ich mich treiben und von der sexuellen Begierde beherrschen? • Habe ich die voreheliche Keuschheit verletzt? • Habe ich das Leben anderer gefährdet z. B. durch Abtreibung?149 Die Liste ist „unendlich“ lang und es wird überdeutlich, welche menschlichen Handlungen und Unzulänglichkeiten der Klerus der Kirche als sündhaften und verwerflichen Tatbestand definiert und dies immer wieder mit dem Hinweis auf Gott, der ja angeblich all das als sündhaft bezeichnet haben soll. So führt für den Gläubigen die Tatsache, dass er in der Sünde verhaftet bleibt, wenn er nicht beichtet, zur Verurteilung vor Gott und letztendlich in das „ewige Verderben“. Auffällig sind immer wieder Hinweise zum 6. und zum 9. Gebot mit dezidierten Anweisungen, in welcher Weise der Gläubige sein Gewissen zu erforschen hat. Zum Beispiel solche: »Bei eigentlichen Sünden gegen die Keuschheit achte auf die Zahl und die erschwerenden Umstände«. Nicht vergessen werden darf die Tatsache, dass neben dem Sündenregister auf der Basis der Zehn Gebote noch die Weisungen der Kirche zu Buche schlagen. Hierzu gehört unter anderem die Aufforderung: »Verzichte auf Fleischspeisen und Genussmittel.. am Freitag …«150. Also ohne Not eine Frikadelle essen, zum Beispiel. Außerdem sind weitere sieben Hauptsünden formuliert, in denen es heißt: »War ich stolz, eitel, gefallsüchtig …«. Im Judentum wurde bekanntlich nach den Ausführungen der Bibel die Schuld des Sünders gesühnt, indem man Opfertiere käuflich erwarb oder lieferte und diese dann im Tempel als Sühneopfer geschlachtet wurden. Im Christentum gilt nun Jesus mit seinem Tod am Kreuz als Sühneopfer für die Verfehlungen der Menschheit. Mit der Vergebung der genannten und bereuten Sünden vor dem Priester ist man dank Jesus nun auch von seiner Sündenschuld befreit. Die Abarbeitung der Sündenstrafen, die durch den Priester als „Auflage“ definiert werden, erfolgt dann im Anschluss. 149 Vgl. hierzu: Gotteslob, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1975, Seite 118 ff. 150 Gotteslob, a. a. O., Seite 156. 147 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Dieses Recht der Kleriker zur Festlegung einer Bußauflage, das durch keine Bibelstelle legitimiert ist, wird in der theologischen Literatur mit dem richterlichen Charakter der Sündenvergebungsgewalt begründet. Das definierte „Strafmaß“ hat sich natürlich im Laufe der Jahrhunderte verändert, geblieben ist aber nach wie vor, dass durch Gebete, Almosen, Messopfer, Ablässe oder „gute Werke“ die Buße abgeleistet werden kann. Nach Ableistung der Buße ist der Sünder wieder mit Gott versöhnt. Die Trennung von Gott durch die Sünde ist aufgehoben. Nicht durch eigene Kraft wird der Mensch also vor der „Finsternis“ gerettet, sondern nur durch die Gnade Gottes in Form seines „verlängerten Armes“, nämlich dem Personal der Kirche, das allein die Privilegien zur Sündenvergebung im Himmel und auf Erden besitzt. Welch eine Anmaßung. Dieses Machtpotential über Menschen, in Dogmen auf vielen Konzilien von Menschen festgelegt, häufig im Streit entwickelt, bisweilen mit Mord und Todschlag durchgesetzt, mit ständiger Wiederholbarkeit versehen, weil der Mensch ja immer wieder sündig wird und bis heute im Beichtstuhl nach wie vor als „Ohrenbeichte“ praktiziert. So konkretisiert es das Dogma: »Die Kirche hat von Christus die Gewalt empfangen, die nach der Taufe begangenen Sünden nachzulassen«. Obwohl heute für jeden Theologen unstrittig ist, dass in keinem Evangelium eine Vollmacht zur Sündenvergebung durch besondere Amtsträger formuliert ist, sagt ein weiteres Dogma, das für jeden Katholiken zu glauben ist, ganz klar: »Die Absolution bewirkt in Verbindung mit den Akten des Pönitenten (Sünders) die Sündenvergebung«. Was mit Akten des Pönitenten gemeint ist, drückt die Kirche unmissverständlich aus, dass nämlich nach der Vergebung der Sünden noch Strafen zu erleiden sind. Schafft es der Christ nicht, diese Sündenstrafen abzuarbeiten, bevor er stirbt oder stirbt er gar sündig, ohne Sündenvergebung durch die Kirche erlangt zu haben, was dann? Auch hierzu sind Antworten durch die kirchlichen Amtsträger gefunden worden. Was geschieht mit den „armen Seelen“, denn direkt zu Gott können sie sündig ja nicht kommen, sondern nur dann, wenn sie „rein“ 148 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … und gänzlich ohne Sünde sind. Bei einer schweren Sünde ist eh nichts zu machen, aber bei den „lässlichen“ Sünden müsste doch die Barmherzigkeit Gottes oder besser der irdische Klerus eine Möglichkeit schaffen können, die Sündenstrafe noch nach dem Tode zu reduzieren oder ganz beseitigen zu lassen. Natürlich fand auch hier die Kirche einen Weg. So entwickelte sie im Mittelalter die Idee eines „Reinigungsortes“, eines „Läuterungsortes“, eine Art „Vorhölle“, die umgangssprachlich auch als „Fegefeuer“ bezeichnet wird. Dies soll der Ort sein, an dem die Seelen, bevor sie zu Gott kommen, ihre Läuterung erfahren. Die „arme Seele“ ist also arm, weil sie noch durch das „Reinigungsfeuer“ muss. Wenn man sich seines Verstandes bedient, den man ja von Gott bekommen hat, so kann man eine solche Fegefeuerlehre nicht unwidersprochen lassen. Die theologische Literatur spricht immerzu von „zeitlichen Sündenstrafen“, die im Reinigungsort noch abgearbeitet werden müssen. Wie kann man nach dem Tode, ohne die Dimension der Zeit, noch eine Zeit an einem Reinigungsort verbringen? Nach dem heiligen Kirchenvater Augustinus erleiden manche Menschen sogar die zeitlichen Sündenstrafen bereits im irdischen Leben, sozusagen eine Art Fegefeuer auf Erden. Schaut man sich die leidende Bevölkerung in den Kriegsund Krisengebieten dieser Erde an, so dämmert einem, was Augustinus schon damals gemeint haben könnte. Man gerät ins Staunen, wenn man sich weiter in die Dogmatik der Kirche vertieft. Die lebenden Gläubigen können nach der Lehre der Kirche in jedem Fall durch Gebete, Almosen und „gute Werke“ die Sündenstrafen, also die Reinigung der „armen Seelen“ im Fegefeuer, abkürzen oder beschleunigen. Da die im Läuterungsort Sitzenden ja selbst nichts mehr für sich tun können, empfiehlt die Kirche den lebenden Gläubigen durch Bußwerke zugunsten der Verstorbenen eine Verkürzung der Läuterungszeit zu erwirken. Die Lebenden können sogar für die Lebenden eine Reduzierung der zeitlichen Sündenstrafen bei Gott erreichen, für den Fall, dass diese auch später einmal ins „Reinigungsfeuer“ müssen. Man kann es kaum glauben, aber die Lebenden können außerdem die, die als Heilige bei Gott sind, bitten, sie mögen bei Gott ein gutes Wort einlegen, damit für sie, die Lebenden wie die Toten, die mögliche Zeit im Fegefeuer verkürzt wird. Absonderlich ist außerdem die Geschichte mit dem „Kirchenschatz“. Bei diesem handelt es sich um eine Art Guthaben bei Gott, das Jesus 149 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … durch seinen Tod am Kreuz und die Heiligen aufgrund ihrer gottgefälligen Lebensweise erworben haben und aus dem nun die Kleriker der Kirche schöpfen können. Das heißt, die Kirche kann nach Gutsherrenart über diesen Schatz verfügen und den Verstorbenen im Fegefeuer wie den Lebenden je nach Anlass und Ereignis einen Teil des Schatzes zur Abgeltung ihrer Sündenstrafen zur Verfügung stellen. Zugegeben, der Begriff und die Vorstellung des Fegefeuers sollte nach der Enzyklika des Papstes aus dem Jahre 2007 nicht mehr verwendet werden, denn es dämmert mittlerweile auch dem Klerus, dass der Gedanke des „Brennens“ für den heutigen Gläubigen doch eher grauenvoll erscheint. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, ob dies nicht doch nur ein Etikettenschwindel ist, denn in der Enzyklika von Papst Benedikt XVI „Spe salvi“ ist die Rede von der »schmerzlichen Verwandlung wie durch Feuer hindurch …« und weiter, dass »die Dauer dieses Umbrennens nicht mit Zeitmaßen unserer Weltzeit (gemessen) werden kann …«. Zudem las ich im Focus 35/2016 die entlarvende Aussagen eines Prälaten, der die katholische Kirche in Fragen der Heiligsprechung berät: »Wir können nach der Lehre der Kirche den armen Seelen im Fegefeuer Ablässe zuwenden und auch unsere Gebete …«, also doch ein Etikettenschwindel. Der Klerus hat in den letzten Jahrhunderten keine neuen Erkenntnis erworben und offensichtlich nichts dazugelernt! Befremdlich ist in diesem Zusammenhang auch die Formulierung der Zuwendung von Ablässen. Man ist eigentümlich berührt, ob dieser Aussage. Glaubte man doch, dass diese mittelalterliche „Unsitte“, die unter anderem zur Teilung der Kirche und zu Krieg, Leid und Tod in Mitteleuropa geführt hat, überwunden sei. Doch weit gefehlt. Die Lehre der Kirche hat in ihrer Dogmatik nichts aufgegeben. Die Entwicklung des Ablasswesens beginnt schon im 11. Jahrhundert und wird bis heute in der Dogmatik immer wieder begründet mit der Schlüsselgewalt der Kirche. Trotz der nachweislich „untergeschobenen“ Textstelle im Matthäusevangelium bleibt die Kirche bei dem Dogma: »Die Kirche besitzt die Gewalt, Ablässe zu verleihen«. So vergibt der sogenannte Apostolische Stuhl auch weiterhin Ablässe, selbst für die „armen Seelen“ im Fegefeuer, wobei man jetzt die Wirkung freilich nicht mehr genau definiert. In der theologischen Literatur und nach der reinen Lehre unterscheidet man sogar je nach Umfang des Straferlasses den vollkommenden 150 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Ablass, also den Nachlass aller Sündenstrafen und den teilweisen Erlass der Sündenstrafen. Nur wenige Inhalte der Dogmatik sind der heutigen römischen Kurie so unangenehm, wie die Lehre vom Ablass. Es ist kaum vorzustellen und doch wird es wohl nach der Dogmatik so sein müssen, dass zum Beispiel Kaiser Konstantin, der römischer Kaiser zu Beginn des 4. Jahrhunderts nach Christus, der die bekannte positive Wende für das Christentum im damaligen römischen Reich einleitete, nach seinem Tode direkt ins Himmelreich eingezogen ist. Ein Mann, der Zeit seines Lebens neben dem christlichen Gott auch seine römischen Gottheiten im Blick hatte, der sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ und dem damit nach der Lehre der Kirche alle Sünden vergeben wurden. Ich will nicht über ihn richten, aber unverständlich ist es schon, wenn ein Mann kraft der Sündenvergebungsgewalt der Kirche „dort oben“ landet, obwohl er nach den Erkenntnissen der Historiker seinen Schwiegervater Maximian erhängen ließ, seine Schwäger Licinius und Basianus erwürgen ließ, den Prinzen Licinianus erschlagen hat, seinen Sohn Crispus umbringen und seine Gattin Fausta ersticken ließ. Wundern würde es mich aber auch nicht, wenn sie sich alle im Himmelreich treffen würden, die Massenmörder der Weltgeschichte, wie Hitler und Stalin. Schließlich hat zum Beispiel Stalin einige Jahre in einem Priesterseminar verbracht. Er wusste also um den Sündenbegriff seiner Kirche und auch um die Rettungs- und Absolutionsmöglichkeiten im Falle seines Todes. Warum sollte er diese Möglichkeiten nicht genutzt haben? Vielleicht ist er aber doch eher im Fegefeuer gelandet, denn wenn die zeitlichen Sündenstrafen nach der Absolution der Schwere der Schuld angemessen sein müssen, so konnte er wohl seine Schuld nicht mehr zu Lebzeiten abarbeiten. Auch werden wohl nach seinem Tode die Fürbitten der Gläubigen nicht genügen und der Gnadenschatz der Kirche nicht ausgereicht haben, um seinen Verbleib im Reinigungsort wesentlich zu verkürzen. Georg Lichtenberg drückt es in seinen Büchern sinngemäß so aus: Diejenigen, die erst die Vergebung von allen Sünden mit Hilfe von lateinischen Formeln erfunden haben, beteiligen sich dann maßgeblich an den größten Verbrechen der Menschheit151. Auch wenn man eine solche Aussage in dieser Schärfe nicht teilt, etwas dran ist schon … 151 Vgl. hierzu: Georg Lichtenberg, Sudelbücher, Matrix Verlag, 2. Auflage 2011, A39 ff. 151 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Wenn die Oblate am Gaumen klebt … Auf der Suche nach den Glaubensgrundsätzen zum Sakrament der Eucharistie macht sich zunächst Ratlosigkeit breit. Im katholischen Katechismus finden sich Formulierungen wie: »Wer durch die Taufe zur Würde des königlichen Priestertums erhoben (ist) … nimmt durch die Eucharistie am Opfer des Herrn teil« oder: »Unser Erlöser hat das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, damit dadurch das Opfer des Kreuzes … fortdauere und er so der Kirche, der geliebten Braut, das Gedächtnis seines Todes … anvertraue«152. Was soll man mit solchen Sätzen anfangen? In den höchsten Tönen wird das Sakrament gepriesen und als Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens bezeichnet. Die Superlative gehen den Autoren des Katechismus einfach nicht aus und der Inhalt wird zunehmend unverständlicher: »In der Eucharistie gipfelt das Handeln, durch das Gott die Welt in Christus heiligt«. Liest man weiter, so finden die Beschreibungen ihre Krönung in der Formulierung, dass »(die Eucharistiefeier) das ewige Leben vorweg (nimmt), in dem Gott alles in allen sein wird«153. Man ist ziemlich konsterniert, denn von der Vorwegnahme des ewigen Lebens ist, ehrlich gesagt, noch nichts bekannt geworden. Wenn der Glaube die Voraussetzung ist, um den Glauben an die Wirkung eines Sakraments nach den Aussagen der Kirche annehmen zu können, so haben wir wieder einmal das, was man einen Zirkelbeweis nennt. Oder anders ausgedrückt: Wir drehen uns im Kreis. Wie durchdringt man nun den Nebel von Lobpreisungen und stößt zum Kern der christlichen Glaubenssätze vor? Das „Eucharisticum Mysterium“ in der Messfeier muss doch irgendwo verständlich ausformuliert sein. Was passiert da, was nicht zu sehen, aber zu glauben ist? In der Dogmensammlung der katholischen Kirche, die jeder zu glauben hat, wird man fündig. Die dogmatischen Aussagen der Kirche sind eindeutig. Das Dogma lautet: »In der Eucharistie ist der Leib und das Blut Christi wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig«. 152 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 364. 153 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 364. 152 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Und weiter: »Christus wird im Altarsakrament durch Wandlung der ganzen Substanz des Brotes in seinen Leib und der ganzen Substanz des Weines in sein Blut gegenwärtig«. Aber die Oblaten sehen immer noch aus wie Oblaten und der Wein ist immer noch Wein. Nur wer glaubt, kann des Kaisers neue Kleider auch erkennen. »Dass die „Akzidenzien“ nicht verwandelt werden, beweist der Augenschein«154. Also, in der äußeren Wahrnehmung hat sich nichts geändert, nur der Glaube ermöglicht es, zu sehen. Solche Glaubenssätze, die seit über 800 Jahren in der Kirche Gültigkeit haben, sind immer noch gültig, bis in alle Ewigkeit und sie lassen das Volk Gottes verwirrt zurück. Der Katechismus sollte ja eigentlich Hilfestellung leisten, wenn es darum geht, dem Christenmenschen und allen Menschen „guten Willens“ die christliche Lehre besser auszulegen. Versuchen wir es daher weiter und suchen nach deutlicheren Auslegungen zum besseren Verständnis einer solchen Dogmatik und nach weiteren Erklärungen für ein Geschehen, das dem Christenmenschen doch so viel zumutet, nämlich den Verzicht darauf, selbstständig zu denken. Erwartet die Kirche wirklich von den Gläubigen die totale Aufgabe des Nachdenkens über das, was dieses Sakrament bedeuten soll? Das Studium der Aussagen des Katechismus zum Thema legt solche Überlegungen geradezu nahe. Was fängt der gläubige Christenmensch nur an mit diesen Dogmen und diesen Interpretationen der Kirche, die den Blick eher vernebeln als ihn aufzuhellen. Die Kirche versucht mit Schachtelsätzen und enormem Wortspektakel Aussagen zu erklären, die wohl nicht zu erklären, aber dafür zu glauben sind. Die Theologen legen mit dogmatischer Wortartistik und theologischen Finessen dar, was, deutlich formuliert, am Ende dann doch alle Erkenntnisse übersteigt, denn wie kann ich die Gabe der Eucharistie empfangen, wenn ich es nicht „erfassen“ kann. Auch die Erkenntnis der Autoren des Katechismus und sicherlich auch die Erkenntnis der Kirchenväter des 13. Jahrhunderts (Laterankonzil im Jahre 1215 nach Chr.) können doch nicht anders gewesen sein. 154 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 456. 153 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Vielleicht benötigt man ja deshalb so unverständliche Wortgebilde, weil man die Kompliziertheit der Materie nicht erläutern kann. Gilt nicht gerade hier das Zitat: Wenn man komplizierte Sachverhalte erläutern will, sollte man einfache Worte wählen? Oder liegt gar ein anderer Verdacht nahe? Wenn der Leser viel Zeit und Mühe benötigt, um einen Text zu verstehen, wie es sich der Autor auch wünscht, so entsteht leicht der Eindruck, als hätte der Schreiber mehr Tiefe und Verstand als der Leser. Dabei weiß jeder Studienrat am Gymnasium, dass nichts einfacher ist, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer ist, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen kann. Vielleicht hilft ja die Bibel weiter, wenn es darum geht, dem Verständnis des Sakraments der Eucharistie und den Intentionen der Kirche näher zu kommen. Nach den Aussagen der Bibel, soweit sie hierzu Aussagen macht, zieht Jesus mit seinem Gefolge nach Jerusalem, wohl um das Jahr 33 nach unserer Zeitrechnung, um das Pessach-Fest zu feiern, wie dies bei allen Juden in jener Zeit üblich war. Dies tat er vor allem, um bei dieser Gelegenheit seine Botschaft vom nahenden „Reich Gottes“ dem jüdischen Volk zu verkünden. Dieses Fest war für Juden eines der drei bedeutenden Wallfahrtsfeste, das an den Auszug des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens erinnern sollte, also der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Neben diesem Fest gab es nach der jüdischen Tradition noch das Erntefest (Schawnot) und im Herbst das sogenannte Laubhüttenfest (Sukkot). Schon im Babylonischen Exil (zwischen 586 und 539 vor Christus) wurde dieses Fest der Juden gefeiert und die rituellen Vorschriften zum Ablauf des Festes wurden in dieser Zeit auch festgelegt. Das eigentliche Fest beginnt mit einem üppigen Festmahl im Kreise der Familie am Abend vor dem Pessach, dem sogenannten „Sederabend“. Im Laufe dieses Abends werden die Speisen nach einem fest definierten Ablauf eingenommen. Es werden hierbei Zitate aus den Heiligen Schriften, der Thora, den schriftlichen Glaubensfundamenten des Judentums, vorgelesen, die unter anderem die Bedeutung der Speisen erläutern sollen. Zudem wird Wein getrunken, verbunden mit dem Gesang von Lob- und Dankesliedern. Das Schlachten von Tieren wurde zur Zeit der römischen Besatzung nicht mehr in den Häusern der Juden durchgeführt, sondern war nur noch im Vorhof des jüdischen Tempels erlaubt. Der Verzehr des Fleisches 154 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … mit Vorspeisen, Wein und Gesang wurde dann in den Häusern der jüdischen Bevölkerung vollzogen. Zur Zeit des Jesus von Nazareth war dies im Wesentlichen die praktizierte Form der festlichen Veranstaltungen am Vorabend des Pessach- Festes. Dieses Fest zu feiern, zieht Jesus nun als Prediger nach Jerusalem mit entsprechendem Gefolge. Die römischen Soldaten haben ihn und seine Jünger nach der Geschichtsschreibung nicht besonders wahrgenommen, zumal, wie in jedem Jahr, die Zahl der Pilger die Einwohnerzahl von Jerusalem damals (circa 40 000) bei Weitem überstieg. Die römischen Besatzer waren jedoch an diesen Festtagen besonders aufmerksam, da nach den Berichten des Historikers Josephus im Jahre vier vor Christus während eines Pessach-Festes das Militär einen jüdischen Aufstand niederschlagen musste. Man feierte an Pessach ja als unterdrücktes Volk die Befreiung vom Joch der Ägypter. Der römische Präfekt Pontius Pilatus, wegen seiner Grausamkeit zwei Jahre später als Präfekt durch Rom abberufen, war eigens zu diesen Festtagen in die Stadt gekommen, um die Festlichkeiten zu beobachten und eventuell schnell eingreifen zu können. Inmitten dieses Trubels legte sich Jesus noch vor dem Sederabend im Tempel mit den Geldwechslern und den Tierverkäufern an. Ein „Affront“ gegenüber den Priestern und Tempeldienern, die unter dem Schutz des römischen Präfekten standen. Jesus muss wohl geahnt haben, dass seine revolutionären Thesen vom nahen „Reich Gottes“ die römischen Besatzer auf den Plan rufen würde und dass die Provokation im Tempel als böser Anschlag auf das Heiligtum der Juden, dem größten sakralen Bau seiner Zeit, verstanden werden musste. Und nun sitzt dieser Jesus in einem gemieteten Raum eines Hauses mitten in Jerusalem mit seinen Jüngern und vollzieht wie jeder anständige Jude den Sederabend mit herbeigeschafften Speisen und Getränken. Die Jünger müssen ziemlich dumm dreingeschaut haben, als er beim Austeilen der Brote gesagt haben soll, »das ist mein Leib«. Dies, zumal er leibhaftig vor ihnen stand, und »das ist mein Blut«, obwohl die Jünger den Wein erst gerade in der Stadt organisiert hatten. Nimmt man diese Einsetzungsworte der Kirche, so wie sie im Sakrament der Eucharistie formuliert werden, so kann man ziemlich sicher sein, dass Jesus dies so nicht gesagt haben kann. Der profilierte Schweizer Theologe Hans Küng sagt hierzu: »Über das „ist“ in den Sätzen „das ist mein Leib, das ist mein Blut“ ist im Laufe der 155 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Kirchengeschichte immer wieder neu gestritten worden. Jesus selber hat es nach allem, was wir heute davon wissen, … überhaupt nicht gesprochen, zumal im Aramäischen (Jesus hat aramäisch gesprochen) die Copula (nach Duden: eine Sprachform, die das Subjekt und das Prädikat zu einer Aussage verbindet) nicht gebraucht wird«155. Der jüdische Religionsphilosoph Pinehas Lapide drückt es noch deutlicher aus, wenn er sagt: »Wie musste das beim letzten Abendmahl in den Ohren der Zwölf klingeln, wo es doch kein Wort für „ist“ auf aramäisch gibt«156. Jesus hat offensichtlich nichts anderes getan, als mit seinen Jüngern nach Aussagen von drei Evangelisten das traditionelle Fest der Juden als Pilger zu feiern und damit einen Brauch vollzogen, der typisch war für jeden Juden in dieser Zeit. Er hat die „Massa“ (ungesäuerte Brote) gegessen und Wein getrunken (nach dem Seder-Ritus sind es vier Becher Wein, die feierlich getrunken werden) und sicherlich bei seinen Gesprächen Bezug genommen auf das Fleisch und das Blut der Opfertiere bei der Schlachtung im Tempelvorhof. Wohl wissend um die Probleme mit der Besatzungsmacht und nach seinem Auftritt, der Provokation im Tempel, hat er sicherlich auch seinen möglichen Tod mit dem Brechen des Brotes und dem Trinken des Weins in Beziehung gebracht. Doch was bedeutet dies alles jetzt für das Sakrament, das die Kirche aus diesem „Sederabend“ gemacht hat? Die katholische Kirche begründet die Stiftung des Sakraments der Eucharistie, des sogenannten Abendmahls durch Jesus mit dem Sedermahl der Pilger an jenem Abend des Pessach-Festes und dies mit den „Einsetzungsworten“ Jesu, die es so nie gegeben hat. Der Katechismus der Kirche formuliert zu diesem Ereignis: »Der Anweisung des Herrn entsprechend führt die Kirche bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit zu seinem Gedächtnis das weiter, was er am Abend vor seinem Leiden getan hat …«157. Die Kirche führt also etwas weiter, was es nicht gegeben hat. Ja sie erweitert diese Aussage noch und sagt, dass durch »die Eucharistiefeier wir 155 Hans Küng, Die Kirche, Piper Verlag, München, 3. Auflage 1992, Seite 262. 156 Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt?, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 5. Auflage 2015, Seite 141. 157 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 366. 156 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … uns schon jetzt mit der Liturgie des Himmels (vereinen) und das ewige Leben vorweg (nehmen)«. Starke Worte, die jeder Grundlage entbehren! Wie kommen Menschen dazu, zumal dann, wenn sie es besser wissen müssten, den Empfang der Eucharistie als Vorwegnahme des ewigen Lebens zu interpretieren und es als Glaubenswahrheit für alle Zeiten festzulegen? Auch der angebliche Auftrag, dieses Sedermahl wiederholt nachzuvollziehen, ist in der Bibel nur schwer zu finden. Er steht in drei von vier Evangelien überhaupt nicht Bei dem Evangelisten Lukas (Lk 22,17–20) ist dieser Auftrag nur formuliert für den Ritus des Brotbrechens (in älteren Handschriften von Lukas soll dieser Satz gänzlich fehlen). Die ersten christlichen Gemeinden, soviel wissen wir, vollzogen mit den Uraposteln, die Jesus noch gekannt hatten, kein sakramentales Mahl mit Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu, sondern praktizierten, wie zu Jesu Zeiten üblich, lediglich ein gemeinsames Essen zur Erinnerung an ihren „Meister“. Die Historiker legen sich fest: »Von der Lehre der Wesensverwandlung, wonach bei der „Wandlung“ aus Brot und Wein Leib und Blut Christi werden, … war in den ersten christlichen Jahrhunderten überhaupt nicht die Rede«158. Der Weg vom Sedermahl der ersten Jünger mit Jesus zum sakramentalen Mahl, zum Sakrament der Eucharistie mit der „Realgegenwart“ Jesu, dessen Leib und Blut wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig sein soll, ist schwer zu verstehen. Der Hauptbeweis soll nach den Lehrbüchern der Dogmatik in der Berichterstattung durch die Evangelisten liegen, die zwar sprachlich unterschiedlich formulieren, aber in der Sache angeblich einheitlich berichten. Bei dieser Argumentation wird jedoch bewusst unterschlagen, dass die Worte Jesu so nicht von ihm stammen können und der sogenannte Stiftungsbefehl für das Sakrament nur bei einem Evangelisten genannt wird. Zudem hat Jesus nie von einem „Heils ertrag“ seines Todes oder gar seiner Auferstehung gesprochen. Abgesehen davon war den Juden der Genuss von Blut aus religiösen Gründen strengstens verboten. Interessanterweise hat das Konzil von Trient dann im 16. Jahrhundert die Möglichkeit einer bildhaften Deutung der angeblichen Worte Jesu in der Bibel verworfen und die wörtliche Auslegung der Bibelformulierun- 158 Karheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, Knesebeck Verlag, München 2004, Seite 133. 157 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … gen bei Paulus und dem Evangelisten Lukas für authentisch erklärt. Dies wohl in bewusster Abgrenzung zu den Reformatoren. Es kann wieder einmal nicht sein, was nicht sein darf, da sonst das komplette dogmatische Gebäude, der sogenannte Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens zusammenstürzt. Wie lässt sich eine solche „Uminterpretation“ und eine solche „sakramentale Überhöhung“ der Ereignisse in Jerusalem durch die katholische Kirche erklären? Vom Apostel Paulus wissen wir, dass er im Jahre 56 nach Chr. einen Brief an die Korinther schrieb (1 Kor. 11,24), in dem er ausführt, dass Jesus neben den „Einsetzungsworten“ gesagt haben soll: »Tut dies zu meinem Gedächtnis …«. Angeblich soll Paulus diese Formulierungen von Jesus empfangen haben, obwohl er Jesus überhaupt nicht kennengelernt hat und die Urapostel einschließlich Petrus mit der Urgemeinde in Jerusalem keine Form des sakramentalen Mahls praktizierten, ja es geradezu ablehnten. Aus diesem Brief des Paulus ist der Satz des Stiftungsbefehls dann in das später geschriebene Lukas-Evangelium übernommen worden. Wie Paulus zu diesen Ergänzungen der Worte Jesu kommt, ist leicht zu erklären. Er war das, was man heute einen Weltbürger nennen würde und er hatte die Vorstellung, die Lehren des Wanderpredigers Jesus über die Jerusalemer Urgemeinde hinaus in die damalige Welt tragen zu müssen. Er selbst war ja aufgewachsen im Umfeld der römischen Mysterienkulte. Dort kannte man Rituale, unter anderem im Mithraskult, wie das Untertauchen bei der Taufe, das Feiern mit Brot und Wein, Himmel und Hölle, eine Auferstehung von den Toten und vieles andere mehr. So ist es nur verständlich, dass die Vorstellungen von einem Abendmahl als volle Vereinigung mit Christus in die Lehren des Frühchristentums Eingang fanden. Nach der Historie gingen schon Dionysos und Mithras beim mystischen Mahl und beim Trinken des heiligen Weins „ganz in die Gotteswelt ein“. Auch hatte Paulus kein Problem damit, sich mit den Judenchristen in Jerusalem anzulegen, weil diese andere Vorstellungen entwickelt hatten. So setzte sich seine Sichtweise durch und schon rund 30 Jahre nach dem Tod Jesu verlor die jüdische Urgemeinde ihre bis dahin maßgebende Rolle. Mit der weiteren politischen Entwicklung in Judäa und Galiläa, den Aufständen in Jerusalem und dann der totalen Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Chr. verlor das Judenchristentum endgültig seine Bedeutung. Mit der Gründung von weiteren Gemeinden im gesamten Mit- 158 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … telmeerraum waren die Vorstellungen von Paulus und seinen Nachfolgern das tragende Fundament der entstehenden Kirche. Paulus selbst legte großen Wert auf die Durchsetzung seiner Vorstellungen vom Christentum und spricht deutlich in einem seiner Briefe: (1. Kor 11,17) »Bei folgender Anordnung weiß ich kein Lob für euch; denn eure Zusammenkünfte gereichen nicht zum Segen … Wenn ihr also gemeinsam zusammenkommt, so ist das nicht mehr ein Essen des Herrenmahls …« und dann weiter: »Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe …«. Und schon waren seine Vorstellungen über das, was Jesus gesagt haben soll, in der Welt: »In der Nacht, da er verraten wurde … nahm er das Brot, sagte Dank (und sprach) … das ist mein Leib …«. Für Paulus selbst war nach den Ausführungen der Geschichtsschreibung das Ritual der Verspeisung eines Gottes uralt und der Glaube an die Vereinigung mit ihm durch Essen und Trinken in der Religionsgeschichte hinlänglich bekannt. Übrigens, zu verraten gab es in der Nacht auch nichts! Die Besatzungsmacht und auch die Tempelpriester wussten genau, wo Jesus und seine Jünger sich aufhielten. Zu den Lebzeiten Jesu gab es auch keine „Silberlinge“, eine solche Währung war völlig unbekannt, wenn schon, dann gab es Denare, Drachmen oder Schekel. Auch hier ein fatales Beispiel wie Geschichten entstehen, die seit beinahe 2000 Jahren in der Welt sind und den jüdischen Bürger als geldgierig abstempeln, nur weil ein Jude namens Judas angeblich 30 Silberlinge für einen Verrat bekommen haben soll, der gar nicht stattgefunden hat. Die unseligen Folgen in der jüngsten deutschen Geschichte sind ein beredtes Zeugnis. Es wäre wohl besser für die gesamte Menschheit gewesen, zumal für die Deutschen, wenn Jesus ganz friedlich im Kreise seiner Jünger und seiner Familie gestorben wäre. Somit entspricht der in der Dogmatik-Literatur aufgeführte sogenannte biblische Beweis für die Worte Jesu an jenem Abend eher den Vorstellungen der Welt des Paulus als den tatsächlichen Aussagen Jesu. Ein solcher Beweis ist daher nichts wert. Auch die weiteren Zeugnisse der Tradition, die in der Literatur immer wieder beschrieben werden, sind völlig untauglich. Eine ganze Liste von Kirchenvätern ließe sich aufführen. Es ändert sich aber nichts am beschriebenen Tatbestand, zumal sich die Kirche bei ihrer weiteren Entwicklung im Römischen Reich entsprechend etablierte, sich Strukturen und Hierarchien verschaffte, sich mit den Mächtigen „ins Bett legte“ und selber weltliche Macht, Reichtum und Privilegien aneignete. 159 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Es ist fast nichts mehr da, von den Vorstellungen des Wanderpredigers aus Judäa, der das Nahen des „Reiches Gottes“ dem jüdischen Volke verkünden wollte. Ein Mann, der wegen seiner revolutionären Thesen von den römischen Besatzern hingerichtet wurde, der als Prophet durch das Land gezogen war, um anschließend völlig umgedeutet zu werden. Ein Mann, der angeblich gestorben ist zur Aussöhnung mit Gott, als Opfer an einen Gott, der er selber ja ist, damit dieser Gott milde und gütig zu den Menschen ist. Ein solches „Opfer am Kreuz“ soll nun in der Eucharistie immer wieder nachvollzogen werden? Mit der Weiterentwicklung vom Sedermahl in Jerusalem zur durchstrukturierten Abfolge liturgischer Feierlichkeiten in der „Heiligen Messe“ in den nachfolgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Lehre und schließlich das Dogma von der sogenannten „Transsubstantiation“ (nach Duden: Die Verwandlung der Substanz von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi). Von dieser Wesensverwandlung, aus durchaus verständlichen Gründen unsichtbar, ist in den ersten christlichen Jahrhunderten an keiner Stelle die Rede. Erst mit dem Laterankonzil im Jahre 1215 durch den Papst Innozenz III wurde die Wesensverwandlung, vollzogen während des katholischen Gottesdienstes durch den Priester, zum Dogma und damit zu dem, was die katholischen Christenmenschen heute zu glauben haben. Und das Dogma lautet wörtlich: »In der Eucharistie ist der Leib und das Blut Christi wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig«. Seit dieser Zeit plagt sich die Geistlichkeit damit herum, diesen Glaubensunsinn als heilsnotwendig darzustellen und diese Torheit als Geheimnis des Glaubens zu präsentieren. Die Volksbibel formuliert als Interpretationshilfe für den Gläubigen: »Auf die Frage nach dem „wie“ der Wandlung von Brot und Wein und der persönlichen Gegenwart Jesu Christi unter den Gestalten von Brot und Wein verweisen wir auf die Allmacht Gottes«159. Hierzu schreibt der Katechismus in ähnlichem Wortlaut an entsprechender Stelle, dass »die Kraft der Worte (des Priesters) und des Handelns Christi und die Macht des Heiligen Geistes den Leib und das Blut 159 Gerhard Heyder, Volksbibel, Gerhard Heyder Verlag, Regensburg 1974, Seite 325. 160 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Christi … unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig (macht)«160. Und die Kirche fühlt sich durch die Beschreibung im Paulusbrief (1. Kor. 11, 24–25) verpflichtet, diesem Versprechen nachzukommen, das »der Herr am Abend vor seinem Leiden gegeben hat …«. Wenn kein gewichtigeres Argument durch die Bibelforschung mehr nachkommt, so kann man zumindest die Bibel offensichtlich nicht als Beweismittel anführen. Auf dem Konzil von Trient wurde als Dogma für die „Wandlungsworte“ auch festgehalten: »Die Gestalten von Brot und Wein bestehen nach der Substanzverwandlung fort«. Interessant ist hier, dass man sogar das, was man deutlich sieht, nämlich dass sich an der äußeren Gestalt nichts ändert, zum Dogma erklärt werden muss, nur um sich deutlich von den Reformatoren abzugrenzen, statt nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die die Kirchenspaltung verhindert hätten. Man hat allerdings schon damals deutlich erkannt, dass dies alles für den Christen kaum nachzuvollziehen ist und so formulierten die Konzilsväter in Trient: »Die reale Gegenwart Christi in der Eucharistie ist ein Geheimnis des Glaubens«. Und da es ein Geheimnis ist, trichtert man bis zum heutigen Tage den Kindern vor der Erstkommunion ein, dass eben Dinge, die ein Geheimnis sind, nicht gewusst, sondern nur geglaubt werden können. Dabei ist es nur eine Oblate aus Weizenmehl, die nach nichts schmeckt, die man nur nüchtern zu sich nehmen darf, auf die man nicht beißen darf, die einem unangenehm am Gaumen klebt. Man traut sich nicht, als Kind, nach der Kommunion den Pastor zu fragen, wie sich das denn so verhält mit dem Leib Christi und dem Geschmack der Oblate. Man spürt einfach nichts von der Gnade des Herrn und dem Unterpfand künftiger Herrlichkeit. Übrigens, Leib und Blut Christi in Gestalt einer einzelnen Hostie, dies haben auch die Kirchenväter festgelegt und ihre Festlegung reicht wohl aus, doch vielleicht war ja wieder der Heilige Geist im Spiel. Das Repetitorium der Dogmatik spricht hier von der „Konkomitanz“ (also von der Tatsache, dass das Blut im Leib vorhanden sei). So hat man einem wissenschaftlichen Anspruch Genüge getan und der Theologie 160 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 372. 161 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … wieder eine Formulierung beschert, die zwar die Gläubigen nicht verstehen, die sich aber wissenschaftlich „anfühlt“. Die aktuelle Dogmatik versucht auch heute noch Erklärungs- und Rechtfertigungsgründe zu finden, um das Sakrament den Gläubigen, die scharenweise dem „Tisch des Herrn“ fernbleiben, nahezubringen. »Die menschliche Vernunft kann vor der göttlichen Offenbarung nicht ihre Tatsächlichkeit erkennen … (und) nicht … positiv beweisen. Die durch den Glauben erleuchtete Vernunft ist jedoch (dazu) imstande …«161, eine typische Formulierung der Theologen. Die Theologie versucht immer wieder zu erklären, dass das, was sie als Lehre verkündet, mit Vernunft nicht verstanden werden kann, sondern nur dadurch, dass man dran glaubt. Dann aber schon … Menschenwort soll von Menschen geglaubt werden, ohne dass es vernünftig erklärt werden kann, dies ist mehr als befremdlich. Und weil es so bizarr ist, noch ein Satz des alten Kirchenvaters Ambrosius: »Bevor die Worte des Priesters vollzogen werden, ist es Brot, sobald aber die Worte Christi hinzukommen, ist es der Leib Christi …«162. Wer es fassen kann, der fasse es! Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass kritische Theologen sich beginnen rhetorisch zu winden, und aktuelle Aussagen der Theologie beginnen mit neuen „Denkkategorien“ das für alle Ewigkeit gemeißelte Dogma aufzuweichen. Ich muss mal wieder den Schweizer Theologen zitieren: »Gewiss, Brot und Wein sind „Symbole“, aber wirklichkeitsgefüllte Symbole. Sie sind Zeichen, aber wirkkräftige …«. An einer anderen Stelle in den aktuellen Handbüchern heißt es: »Brot und Wein bleiben nicht nur Nahrungsmittel, sondern werden zu Realsymbolen …, Brot und Wein (verkörpern) die Gegenwart des Herrn …« und weiter, »dem veränderten Verstehenshorizont entsprechend versucht man, die eucharistische Wandlung vom Geschehenszusammenhang, vom Wandel des Beziehungsgefüges her zu interpretieren … Vor dem Hintergrund einer veränderten Denkform … spricht man statt von einem Substanzwandel von einem Bedeutungswandel …«163. Ist das wieder nur Wortgeklingel oder bewegt sich da was? Gelingt es der Kirche trotz dogmatischer Festlegungen eine Form zu finden, die 161 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 464. 162 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 285. 163 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 298. 162 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … eher den Anfängen des Christentums gerecht wird? Die gar die Lebenswirklichkeit der heutigen Christenmenschen mit einbezieht? Schaffen solche Überlegungen gar eine neue Basis für die ökumenische Verständigung? Denn so weit ist man dann von den anderen christlichen Kirchen ja doch nicht mehr entfernt. Die griechischen „Kirchenväter“ sprechen zum Beispiel von „Symbolen“ und von „Bildern“ im Zusammenhang mit der Wandlung von Brot und Wein. So richtig mag man nicht dran glauben, zumal, wenn man an die festgefügten und verkrusteten Strukturen einer Kirche der Kleriker denkt. Schlägt man noch einmal im aktuellen Katechismus nach, so wird man auch schnell eines Besseren belehrt: »Dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi in diesem Sakrament seien, lässt sich nicht mit den Sinnen erfassen … sondern nur durch den Glauben, … zweifle nicht, ob das wahr sei«164, so Papst Paul VI. Wie man es auch dreht und wendet, es ist immer das gleiche Prinzip, was wieder und wieder zum Tragen kommt. Der Klerus der Kirche entwickelt im Laufe der Jahrhunderte ein theologisches Gedankengebäude zur Absicherung und Stabilisierung seiner eigenen Privilegien. Der einfache Christenmensch versteht das dogmatische Gebäude nicht mehr, so sehr er sich auch darum bemüht. Er kann nicht nachvollziehen, geschweige denn mit der Vernunft erfassen, was er glauben soll und die Theologen erklären mit sprachlich komplexen Redewendungen, mit Beschreibungen von Sachverhalten in Superlativen, was nicht zu erklären ist, sondern nur geglaubt werden kann. Solange der Heilige Geist nicht dabei hilft, wird es wohl nichts mehr werden mit dem Glauben, denn der blinde Gehorsam des Glaubenden existiert nicht mehr und die einstmalige Autorität einer Kirche schwindet für jedermann sichtbar dahin. Die Glaubensgrundsätze zum Sakrament der Eucharistie hinterlassen neben der Ratlosigkeit jedoch auch ein Staunen. Ein Staunen darüber, dass niemand zu interessieren scheint, ob und in welchem Umfang die noch zahlenden Mitglieder der Kirche diese Glaubensgrundsätze noch akzeptieren können. Vielleicht ist ja die Geschichte von einer Korrespondenz ganz erhellend, in der ein gläubiger Christenmensch seinen Bischof um Antwort bittet auf die Frage, ob er als Vegetarier denn zur Kommunion gehen dürfe … und dann doch keine schlüssige Antwort erhält. 164 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 379. 163 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Wenn der Bischof einem über die Wange streicht … Es ist nichts zu finden! So intensiv man im Neuen Testament auch sucht, zum Sakrament der Firmung gibt es keinen Hinweis, obwohl nach den Ausführungen des Katechismus der katholischen Kirche alle Sakramente ja von Jesus eingesetzt worden sind. Auch die theologische Literatur ist hier einmal ehrlich und konstatiert zum Problem eines biblischen Beweises: »Die Einsetzung der Firmung durch Christus lässt sich aus der Heiligen Schrift nur indirekt beweisen«. Oder an einer anderen Stelle: »Die Firmtheologie dagegen ist von einer gewissen Unsicherheit gekennzeichnet«165. Man muss sich also fragen, wieso praktiziert die Kirche dann ein solches Sakrament noch im beginnenden 21. Jahrhundert? Es muss wirklich gute Gründe geben, die ein solches Sakrament rechtfertigen. Zumal die Reformation dieses Sakrament als unbiblisch verworfen hat und es daher „zwischen“ den Kirchen steht. Zugegebenermaßen hat die evangelische Kirche mit der Konfirmation eine ähnliche rituelle Veranstaltung eingeführt, über deren Grundbedeutung auch innerhalb der evangelischen Kirchen kein Konsens besteht. Es kann aber doch nicht sein, dass die Kirchenväter unbedingt sieben Sakramente erreichen wollten und deshalb so etwas wie eine Ergänzung oder Erweiterung des Taufgeschehens entwickelt haben. So ganz von der Hand zu weisen ist dies nicht, denn die Zahl sieben hatte auch im Christentum eine besondere Bedeutung. Man denke nur an die sieben Gaben des Heiligen Geistes, an die wunderbare Brotvermehrung mit fünf Broten und zwei Fischen, an die sieben Wunder Jesu im Johannesevangelium oder an die sieben Posaunen von Jericho. Selbst Papst Gregor der Große hatte für den Katholizismus sieben Tugenden und sieben Laster formuliert. Auf der Suche nach guten Argumenten für ein solches Sakrament stößt man auf Thesen, die in der Kirchenhistorie begründet liegen und besagen, dass sich im Laufe der Kirchengeschichte ein Teil der symbolischen Handlungen, die man bei der Taufe vollzog, vom Taufritus abgelöst und dann verselbstständigt haben. Dies mag zwar ein Grund sein, rechtfertigt aber, auch bei genauer Betrachtung der Geschichte, noch nicht das Sakrament der Firmung. 165 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 433. 164 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Die Ausführungen in der Dogmatik und im Katechismus versuchen den Ritus der Handauflegung und der Salbung durch den Bischof mit einer nach der Taufe notwendigen zusätzlichen Anrufung des Heiligen Geistes zu begründen. Diese Begründung kann schon deswegen nicht überzeugen, weil doch beim Sakrament der Taufe der Heiligen Geist in vollem Umfang vorhanden war und es im Katechismus heißt: »Wer sich taufen lässt, erhält die Gabe des Heiligen Geistes«166. Sollte der Heilige Geist doch nicht vollständig dabei gewesen sein? Also warum bei der Firmung noch einmal die Handauflegung, um vielleicht die Gabe des heiligen Geistes auf eine bestimmte Weise zu erneuern? Zumal die Dogmatik-Literatur auch hier zugibt, dass »im Neuen Testament ein eigener, von der Taufe getrennter Ritus der Geistverleihung nicht zu erkennen ist«167. Trotzdem muss natürlich für den Katechismus respektive für den Gläubigen der Kirche eine biblische Begründung in der Heiligen Schrift für dieses Sakrament gesucht und auch gefunden werden. In der Apostelgeschichte finden sich zwei Stellen, auf die in der Dogmatik immer wieder Bezug genommen wird. In einer davon ist von Paulus die Rede, wie er Jüngern »die Hände auflegte (und) der Heilige Geist kam über sie und sie redeten in Zungen«(Apg 8,14 und Apg 19,6). Man ist immer wieder erstaunt über die Wunder, die selbst Aposteln gelingen, im Besonderen denen, die Jesus selbst nie gesehen haben und demzufolge nicht direkt autorisiert worden sind. Es ist die interessante Geschichte vom Apostel Paulus in Ephesus, der das Land durchwanderte und ihm dabei folgendes passierte: »Dort traf er einige Jünger und sagte zu ihnen: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“ Sie erwiderten ihm: „Wir haben ja nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt (geschweigen denn, ihn bei der Taufe wahrgenommen zu haben).“ Da fragte er sie: „Auf was hin seit ihr denn getauft worden?“ Sie antworteten: „Auf die Taufe des Johannes hin.“ Da sagte Paulus: „Johannes taufte … wobei er dem Volke sagte, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, das ist Jesu.“ Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus … und als er ihnen die Hände auflegte, kam der Heilige Geist über sie«. 166 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 340 ff. 167 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 260. 165 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Dieser Bibeltext produziert zwangsläufig mehr Fragen als Antworten. Taufte Johannes nach der Taufe Jesu weiter? Waren die so getauften Jünger dann Jünger Jesu? Oder welche Sekte war das? Bei der Taufe Jesu war doch der Heilige Geist auch anwesend, wieso bei den Jüngern des Johannes dann nicht mehr? Wenn es bereits Jünger waren, wessen Jünger? Warum taufte Paulus nochmal? Die Handauflegung hätte ja gereicht, schon wegen des Heiligen Geistes. Wieder eine Textstelle, die nicht nur Fragen, sondern auch viele Zweifel aufkommen lässt. Wenn dieser Text tatsächlich ein biblischer Beweis für das Sakrament der Firmung sein soll, dann beweist er ja doch nur, dass die Taufe mit der Handauflegung zum Empfang des Heiligen Geistes eine zusammenhängende und zusammenwirkende Handlung ist und keinen Beweis für ein weiteres Sakrament darstellt. Die sich bildenden Gemeinden im ersten und zweiten Jahrhundert haben nach dem Tode Jesu dies auch so gesehen und nach den Aussagen der Exegeten nur eine Veranstaltung praktiziert. Leider kann ich dem Leser an dieser Stelle eine Irritation nicht ersparen, denn es gibt nach den Aussagen der Bibel auch noch eine gegenteilige Position. An einer weiteren Stelle der Apostelgeschichte ist die Rede davon, dass in Samaria zwar getauft worden war, aber auf keinen der Gläubigen bisher der Heilige Geist herabgekommen sei. Könnte es vielleicht sein, dass es einen Unterschied macht, ob nur Juden oder Heiden und Juden getauft wurden und die Heiden einer besonderen Handauflegung durch die Apostel bedurften? Hier durfte ein Philippus zwar taufen, aber die Handauflegung und Geistanrufung war wohl den privilegierten Aposteln vorbehalten. Auch diese Textstelle lässt den Leser ratlos zurück und eröffnet wieder einen Fragenkatalog, zumal auch die Rede davon ist, dass Geld für die Handauflegung angeboten wurde, also eine Art von Bestechung für die Gabe des Heiligen Geistes, die allerdings abgelehnt wurde (Apg 8,14–19). Eine Begründung für das Firmsakrament sucht man nach wie vor vergebens, zumal zur Handauflegung zu einem späteren Zeitpunkt in der Kirchengeschichte noch eine Salbung hinzukam. Diese Salbung ist nach dem Katechismus »in der biblischen und antiken Bildersprache reich an Bedeutung … es ist Zeichen der Heilung … (und) macht schön, gesund und kräftig«168. Vielleicht kommt es ja auf die Art der Salbe an. Die Werbeindustrie hat diese Bibelstelle wohl noch nicht für sich entdeckt. 168 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 357. 166 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Es lässt sich somit nicht von der Hand weisen, dass die hierarchischen Strukturen der sich etablierenden Kirche, so wie sie sich im zweiten und dritten Jahrhundert entwickelten, den Bischöfen, Presbytern und Diakonen bestimmte Aufgaben zuordneten. Im Sinne einer Arbeitsteilung musste dies dann erledigt werden und es war das Vorrecht der Bischöfe, den Heiligen Geist in der Firmung anzurufen. Es gibt historische Quellen aus den Anfängen des dritten Jahrhunderts zum Beispiel durch den Bischof Hippolyt von Rom, in denen beschrieben wird, dass die Taufe durch den Diakon, die Salbung durch den Presbyter und die Handauflegung durch den Bischof erfolgte. Immer wieder tauchen in der theologischen Literatur die dogmatischen Formulierungen des Konzils von Trient (1545–1563) auf, in denen deutlich gemacht wird, dass im Gegensatz zu den antihierarchischen Tendenzen der damaligen Sektierer z. B. der Waldenser, der Hussiten … und im Gegensatz zur Lehre der orthodoxen Kirchen der einfache Priester nur in Ausnahmefällen das Sakrament spenden durfte. Das Dogma hierzu sagt: »Ordentlicher Spender der Firmung ist allein der Bischof«. Aber vielleicht gibt es ja doch noch ein anderes Argument, das eine Begründung für die Trennung von Taufe und Firmung liefern kann. Die Tatsache nämlich, dass zunehmend in der Kirche der ersten Jahrhunderte von der Erwachsenentaufe Abstand genommen wurde. Die Kindertaufe fand danach vermehrt Anwendung. Dies könnte ja dazu geführt haben, dass man aus Sicht der Dogmatiker zwar gute Gründe für die Kindertaufe ins Feld führen konnte, aber sich doch nicht ganz sicher war, ob dieses Sakrament zum Seelenheil wirklich ausreichte. Denn als Voraussetzung zur Taufe gehörte nach der Überzeugung der Kirchenväter sicherlich die bewusste Annahme des Glaubens. Dies konnte vom Säugling kaum schlüssig angenommen werden. Somit war eigentlich die Taufe von Kleinkindern ein etwas fragwürdiges Unterfangen, das konsequenterweise einer „zweiten Auflage“ bedurfte, um mit einer gewissen Sicherheit im fortgeschrittenen Alter (zwischen 12 und 14 Jahren) den Glauben bezeugen zu können. In einem Alter, in dem angenommen werden kann, dass der Firmling den Glauben auch ernsthaft lebt und das Erreichen des „Vernunftgebrauchs“ (eine Formulierung aus dem Codex Iuris canonici) unterstellt werden kann. 167 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Sakrament trotz aller theologischen Begründungen keine erklärbare Berechtigung hat, obwohl immer wieder betont wird, dass bei der Taufe die übernatürliche Wirkung des Heiligen Geistes vorhanden ist, dies aber nach der Dogmatik der Kirche in einer anderen Form als es bei der Firmung geschieht. Wie soll man das nachvollziehen können, wenn man weiter liest, dass bei der Taufe die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist und bei der Firmung die Vollendung des übernatürlichen Lebens durch den Heiligen Geist erfolgen soll. Oder noch besser an anderer Stelle, dafür aber umso unverständlicher, dass der Heilige Geist die übernatürliche Vereinigung der Seele mit Gott durch die Mitteilung des göttlichen Seins der Gnade bewirkt. Diese krampfhaften Versuche, durch eine unverständliche Sprache Wissenschaftlichkeit und Wissenshoheit zu signalisieren, ist hier schon deutlich erkennbar, an anderen Stellen wird die Sprache der wissenschaftlichen Dogmatik noch weitaus „undurchsichtiger“. Der gläubige Christ kommt nicht darum herum: Das geltende Recht der Kirche schreibt den Gläubigen den Empfang (der Firmung) vor. Unterlässt er diesen Empfang, so wird ihm im Katechismus deutlich gemacht, dass er „schwer sündhaft“ gehandelt hat. Tröstlich ist dann aber doch noch folgender Wortlaut, dass nach der Lehre der Kirche »die Firmung nicht … wie die Taufe zum Heil notwendig ist«169. Um die Firmung in jedem Fall zu garantieren, ermöglicht die Kirche zudem, ähnlich der Taufe, eine sogenannte „Begierdefirmung“, das heißt, hier empfängt jemand schon dann die Firmung, wenn er das Verlangen nach dem Sakrament hat. Die sogenannten Ostkirchen sind der Trennung von Taufe und Firmung nicht gefolgt und vollziehen im Rahmen der Taufe, entsprechend den Anfängen des Christentums, den kompletten Ritus mit Taufe und Firmung innerhalb einer kirchlichen Amtshandlung. Auch bei der Erwachsenentaufe werden in der katholischen Kirche die Taufe und die Firmung mit der Eucharistie in einem rituellen Vorgang vollzogen. Nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts beim Firmritus der „Ritterschlag“, ein „Backenstreich“ durch den Bischof, abgeschafft. Auch Formulierungen, die die Position 169 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 441. 168 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … des Bischofs zu sehr betonten, wurden geändert, damit die Bedeutung des bischöflichen Amtsträgers etwas zurücktritt. Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es durch Jesus keine Einsetzung eines solchen Sakraments gab, selbst dann nicht, wenn man doch einmal der Bibel Glauben schenken möchte. Außerdem beweist die gesamte Kirchen- und Dogmengeschichte, dass nichts dran ist, an der Ausgießung des Heiligen Geistes, nicht mal bei den Amtsträgern, sondern dass es sich um ein reines Phantasieprodukt des menschlichen Geistes handelt. Es ist einfach nicht vorstellbar und natürlich auch nicht nachweisbar, dass die Kirchengeschichte solche Riten entwickelt hat, weil ein Heiliger Geist am Werke war. Einen solchen Nachweis muss aber nicht der erbringen, der behauptet, dass nichts zu finden ist, sondern der, der behauptet, dass die Handauflegung tatsächlich zu einer Geistverleihung führt. Doch der Heilige Geist wird den Klerikern diesen Gefallen nicht tun! Wenn die Brauchtumspflege den Glauben ersetzt … Da passierte doch im westfälischen Münster im Frühjahr 2016 etwas Ungeheuerliches. Ein katholischer Priester schmeißt die Brocken hin. Nicht weil es seine angeschlagene Gesundheit nicht mehr zugelassen hätte, er gar „ausgebrannt“ wäre, weil er die Gelder der Gemeinde nicht sachgerecht verwendet hätte oder weil er gar dem Gelübde der Keuschheit „erlegen“ wäre. Nein, er tat dies, weil er »Zeit seines Priesterlebens immer nur erlebt habe, dass die Kirche an Bedeutung in der Gesellschaft verliert … und inzwischen fehle ihm die Hoffnung, dass sich dies bis zu seinem Tode ändern könne«170. Er beschreibt das Beispiel eines Ehepaares, das die Trauung in der Kirche als Brauchtumspflege zwar wünschte, aber schon wenige Wochen nach der kirchlichen Trauung aus der Kirche ausgetreten sei. Wohl wissend um die Situation der Kirche wollten die Gläubigen heute nicht mehr am Glauben, aber an den alten Traditionen festhalten und der Klerus praktiziere die Traditionen nur noch, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollten. 170 Zitat aus dem Interview mit Thomas Frings in: „Der Spiegel“ 14/2016. 169 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … Die noch verbleibenden Gläubigen forderten zwar die geistlichen Feste und die Sakramente, sie bedeuteten ihnen aber nichts mehr. Viel besser kann man die heutige Situation der katholischen Kirche in unserer Gesellschaft nicht formulieren. Dieser Priester hat für sich die Konsequenzen gezogen. Er ist ins Kloster gegangen … und hat wohl auch ein Buch geschrieben … Doch die Amtskirche tauft weiter, vergibt weiterhin Sünden und traut weiter Brautpaare. Die Sakramente sind heute in der Tat schmückendes Beiwerk einer Familienfeier, lediglich ein Ritual, um der Veranstaltung einen würdigen Anstrich zu geben. Sie sind nur da, um einen weihevollen Rahmen zu haben, der das Fest aus dem Alltag hervorhebt. Was hatte denn der Priester für eine Vorstellung von seiner Berufung, was hatte er erwartet, angesichts der Tatsache, dass in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Bevölkerung der Glaube an die Institution Kirche verloren gegangen ist? Was soll denn ein Sakrament der Ehe den Gläubigen heute noch bedeuten? Was stellt sich die Kirche vor? Haben denn die Vorstellungen der Vertreter der Kirche noch etwas mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun? Das Sakrament der Ehe ist im Katechismus mit seinen Glaubensgrundlagen in einem typischen „Theologengeschwurbel“ beschrieben. Bei intensiver Betrachtung der Ausführungen bedarf es schon einer gehörigen Portion Durchhaltevermögen, um zumindest den beschriebenen Sachverhalt nachvollziehen zu können. Da steht unter anderem geschrieben, dass »die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe vom Schöpfer begründet wurde … Gott selbst ist der Urheber der Ehe … Da Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, wird ihre gegenseitige Liebe ein Bild der unverbrüchlichen, absoluten Liebe, mit der Gott den Menschen liebt«171. Man schüttelt den Kopf. Wie weit weg ist das denn von den Vorstellungen und Gefühlen eines Brautpaares. Wie konträr zur Lebenswirklichkeit der Menschen müssen einem solche Formulierungen der Theologie vorkommen. Höchst aufschlussreich wird es, wenn man weiterliest und konstatieren muss, dass die katholische Ehe im Katechismus der Kirche unter die „Herrschaft der Sünde“ gestellt wird. Da steht es wörtlich: »Die schöne Berufung von Mann und Frau, fruchtbar zu sein, sich zu vermeh- 171 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 431. 170 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ren und sich die Erde zu unterwerfen, wird durch die Schmerzen des Gebärens und durch die Mühe des Broterwerbs belastet«172. Wie bei allen dogmatischen Ausführungen in der Sakramentenlehre tritt auch hier wieder das Bild zutage, das geprägt ist von der sündigen Natur des Menschen und von den Strafen, die die Sünden der Menschen nach sich ziehen. Doch der Mensch ist besser als sein kirchlicher Ruf, aber die Kirche muss ihn schlecht reden, muss ihn sündig werden lassen auch und gerade wenn es um die Ehe und die Sexualität innerhalb und außerhalb der Ehe geht. Nur so kann sie ihre Dogmen und Vorstellungen von der Gnade und Unauflöslichkeit des Sakramentes der Ehe legitimieren. Eine Begründung für das Ehesakrament und seine heutige dogmatische Ausprägung in der katholischen Kirche sucht man in der Heiligen Schrift wieder mal vergebens. Trotzdem wird von der Theologie zur Rechtfertigung des Sakramentes immer wieder das Alte Testament und das Neue Testament zitiert. Dies, um einen handfesten biblischen Beweis für die Richtigkeit der eigenen Anschauungen zu finden. Im Alten Testament muss die Formulierung: »So schuf Gott den Menschen nach seinem Abbild … als Mann und Frau schuf er sie«, als Begründung für das Sakrament der Ehe herhalten. Die Ausführungen im Neuen Testament zur Verbindung zwischen Mann und Frau sind nach der Dogmatik der Kirche im Wesentlichen von den Evangelisten Markus und Matthäus ausformuliert worden. Sie sind stark geprägt vom Frauenbild des damaligen Judentums und der frühchristlichen Gemeinden. Die Frau galt damals als Besitz des Mannes und nach jüdischem Recht konnte der Mann niemals seine Ehe brechen, sondern nur die Frau. Der Evangelist Markus »verbietet den Eheleuten, einander zu verlassen«. Matthäus (Mt 5,31–32) hingegen »erlaubt, die Frau zu verstoßen, wenn ihr Unzucht vorgeworfen wird«. Beim Evangelisten Markus (Mk 10,10) ist gar von der Unauflöslichkeit der Ehe die Rede. Den Jüngern, die jüdischen Glaubens und überwiegend verheiratet waren, gingen bei diesem Thema nach den Ausführungen des Evangelisten die Worte von Jesus offenbar schon zu weit, denn sie entgegneten ihm: »Wenn die Sache von Mann und Frau so steht, ist es nicht gut zu heiraten«. Paulus hat in seinen Briefen, soweit sie Teil des Neuen Testaments geworden sind und als echt von der Bibelwissenschaft anerkannt sind, ein eher „düsteres“ Frauenbild gezeichnet. Unter dem Eindruck der zeitgenössischen Vorstellungen von der Rolle der Frau im östlichen Mittel- 172 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 433. 171 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … meerraum formulierte er Sätze wie: »Die Frauen seien ihren Männern Untertan … denn der Mann ist das Haupt der Frau«. Paulus war alles andere als ein Freund der Ehe und schon gar kein Freund des weiblichen Geschlechts. Die Ehe galt auch ihm eher als ein Mittel zur Vermeidung von Unzucht. Seine Worte können kein biblischer oder gar kirchlich gültiger Beweis für das Sakrament einer Ehe sein. Auch sein Vergleich der christlichen Ehe als Verbindung von Christus mit der Kirche, wie es später das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert besonders hervorhebt, ist nichts anderes als der untaugliche Versuch der Kirchenväter, die Ehe als Sakrament doch noch zu begründen. Selbst die Bibelstellen im Markusevangelium, in denen von der Unauflöslichkeit der Ehe die Rede ist, gelten als unsicher und nachträglich eingefügt. Auch dass Jesus die Praxis verwirft, die es nur dem Manne ermöglichte, seine Frau zu entlassen, ist kein Indiz für die Einführung eines Sakramentes. Die sogenannten Judenchristen wie die Heidenchristen hatten wegen der Naherwartung des Reiches Gottes noch zu Lebzeiten der Apostel andere Probleme, als sich mit den Vorstellungen des Paulus über die Verbindung von Mann und Frau Gedanken zu machen. Paulus predigte schon in der Mitte des 1. Jahrhunderts, was die Kirchenväter später auf die Spitze trieben. »Zur Vermeidung der Unzucht habe ein jeder seine Frau und eine jede ihren Mann«. Die rein monogam organisierte Familie war im Judentum zu Jesu Zeiten durchaus gebräuchlich, allerdings waren außereheliche Beziehungen des Mannes durchaus legal, während die Männer ihre Frauen bei „Unzucht“ verlassen konnten. Auch entwickelte der Apostel Paulus in seinem Brief für die Gemeinde in Korinth erste aufschlussreiche „Eheregeln“: »Entzieht euch einander nicht, … es sei denn aus Übereinkommen, … dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht versuche, wenn ihr nicht enthaltsam sein könnt«. Die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte hatten bei der Ausformulierung ihrer Vorstellungen vom Zusammenleben der Geschlechter allerdings ein weiteres Problem. Die gegensätzlichen Strömungen in der antiken Welt brachten sie in Schwierigkeiten. Auf der einen Seite stand ein weitgehend freizügiger Gebrauch der Sexualität bei den Griechen und Römern und auf der anderen Seite stand das Ethos der Juden, ihrer Stoa, mit dem Ideal der Leidenschaftslosigkeit in der Ehe. Außerdem hatten die Väter die Schwierigkeit, die eigene hohe Wertschätzung der Ehe mit der entstehenden Hochschätzung der Jungfräulichkeit zu vereinba- 172 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ren. Insgesamt betrachteten sie die Ehe von Anfang an als eine religiöse Angelegenheit, ohne eine ausreichende biblische Begründung zu haben. »Die Ehelosen haben die Ehe fest im Griff. Sie verkündigen ihre Wahrheiten, sie predigen, je nach dem, den Gebrauch, den Missbrauch oder die Enthaltsamkeit«173. Blickt man von Anfang des 3. Jahrhunderts bis heute in die Kirchengeschichte, so ist diese Historie überwiegend gekennzeichnet durch eine Frauenfeindlichkeit, durch die Unterdrückung des Geschlechtstriebs, durch kirchliche Sexualvorschriften und die Erzeugung von Angst und Schuldgefühlen. Schon bei Paulus (1. Kor 11,3–9) und erst recht seit dem Kirchenvater Augustinus sind geschlechterfeindliche Formulierungen und Aussagen elementarer Bestandteil der Lehre der Kirche. Die Versuche, das sexuelle Leben der Menschen zu unterdrücken und zu reglementieren, ziehen sich durch alle Jahrhunderte. Der große Kirchenlehrer Augustinus formulierte im 5. Jahrhundert174: »Gut wird die Ehe durch die drei Güter: Nachkommenschaft, Treue und Sakrament«. Das Konzil von Trient verteidigte die Lehre von der Ehe als Sakrament, betonte aber auch, dass »es besser und seliger sei, in Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit zu bleiben«175. Somit waren die wesentlichen Kriterien für das Sakrament der Ehe in der Welt und sie waren Richtschnur der Kirche für alle folgenden Jahrhunderte. Zudem vertrat Augustinus ja auch die Auffassung, dass durch die Lust beim Zeugungsakt das Kind automatisch mit der Erbsünde befleckt würde. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts legten Theologen die ersten Definitionen für die Sakramentenlehre der Kirche vor. Sie waren sich zu Anfang bei der Ehe jedoch unsicher, ob sie als ein wirkliches Sakrament anzusehen ist. Trotzdem nahmen sie die Ehe in ihre Liste der Sakramente auf, sprachen diesem Sakrament aber keine „Gnadenwirkung“ zu. Seit dieser Zeit gab es eine sogenannte Theologisierung der Ehe, und dies vor allem deshalb, weil die angeblich sexuellen Ausschweifungen der Christen nach den Vorstellungen der Kleriker nur durch ein Sakrament und die Verpflichtung zur lebenslangen monogamen Ehe kontrolliert und, so war die Hoffnung, auch eingedämmt werden konnten. 173 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, Tectum Verlag, Marburg 2015, Seite 76. 174 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 367. 175 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 370. 173 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … Die Kirchenväter formulierten deshalb in ihrer Theologie auch als Glaubensgrundsatz die angeblich von Christus eingesetzte Unauflöslichkeit der Ehe. Die Kleriker glaubten ernsthaft, dass das christliche Leben mit Gebet und das eheliche Leben mit möglicher Lustempfindung unvereinbare Gegensätze sind und hielten deshalb die Anwesenheit des Heiligen Geistes in der Seele der Eheleute zumindest für die Dauer des Geschlechtsverkehrs für undenkbar. Für sie selbst galt lange Zeit, man kann es nur wiederholen, die uralte Angst, dass ein Priester nachts den Körper einer Frau und in der Messe am Morgen den Leib Christi anfassen könne. Und was den Priestern ab dem 12. Jahrhundert selbst untersagt war, das sollten selbstverständlich die Gläubigen auch nur zu bestimmten Zeiten genießen dürfen. Die Historiker beschreiben es: »Untersagt war Geschlechtsverkehr an vielen Tagen des Jahres, so auch an Sonn- und Feiertagen, an Bußund Bitttagen, vor allem vor Ostern und Pfingsten, während der Fastenzeit, während der Adventszeit, vor der Kommunion, mitunter auch danach, während der Schwangerschaft und der Menstruation …«176. Also fast Zweidrittel des Jahres. Nur an wenigen Tagen im Jahr, nur zur Zeugung von Nachkommen, ohne Erregung und so schnell und lustlos wie möglich, das war die Devise. So wurden nicht nur im Mittelalter, sondern bis in die heutige Zeit die Fragen der Sexualität und die Sexualpraktiken der Gläubigen innerhalb einer Ehe und außerhalb der Ehe zu einer Art „Hauptbetätigungsfeld“ der geistlichen Vertreter der Kirche. Die Reformatoren bestritten heftig die Vorstellungen der damaligen katholischen Kirche, dass die Ehe ein Sakrament sei. Nach ihren Aussagen ließen sich in der Bibel keine Worte von Jesus finden, die ein solches Sakrament begründen könnten. Gezielt gegen die Vertreter der Reformation setzte dann das Konzil von Trient, natürlich immer mit Hilfe des Heiligen Geistes, die gegenteilige dogmatische Aussage: »Wer sagt, dass die Ehe nicht wahrhaft und eigentlich eines der sieben Sakramente sei, … das von Christus dem Herrn eingesetzt wurde, sondern es sei von Menschen in der Kirche erfunden worden, … der sei ausgeschlossen«. 176 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, a. a. O., Seite 82. 174 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Wer also die Bibel richtig gelesen hatte und dies waren zur damaligen Zeit noch nicht sehr viele, wer also feststellen musste, dass Jesus an keiner Stelle im Evangelium ein solches Sakrament eingesetzt hatte, der war ab dem 16. Jahrhundert aus der katholischen Kirche verbannt. Alle Formulierungen und Aussagen zum Thema Ehe als Sakrament stammen überwiegend von Paulus, dem Apostel, der aus eigenem Antrieb Vorstellungen über den damals entstehenden Glauben einer Kirche entwickelte. Wider besseres Wissen legte das Konzil von Trient die sieben Sakramente einschließlich der Ehe als Lehraussage der Kirche fest, ohne allerdings selbst so richtig überzeugt zu sein. Es ging den Kirchenvätern ausschließlich darum, den Aussagen der Reformatoren ein nach ihrer Überzeugung katholisches Glaubensgerüst entgegenzusetzen, statt sich mit Luthers Ausführungen konstruktiv auseinanderzusetzen. So kam auch für dieses Dogma, wie eingangs aufgeführt, die Standardformulierung in die Welt und seine Gültigkeit ist bis heute festgeschrieben. »Die Ehe ist ein wahres und eigentliches, von Christus eingesetztes Sakrament«. »Die Ehe verleiht den Ehekontrahenten die heiligmachende Gnade«. Nebenbei bemerkt, eigentlich eine etwas eigenartige Formulierung, die da gebraucht wird, denn wenn es wahr ist, muss es dann zusätzlich noch „eigentlich“, also tatsächlich, wirklich, bzw. in Wahrheit zu Grunde liegend sein? Das Konzil von Trient erklärte in seinem Dekret über das Sakrament der Ehe, dass »das Eheband wegen Häresie, wegen Schwierigkeiten des Zusammenlebens oder wegen böswilliger Abwesenheit des Ehegatten nicht gelöst werden kann«. Auch könne das Eheband nicht gelöst werden wegen des Ehebruchs eines Ehegatten. Die Kirche gestaltet in der Folge dieses Sakrament dann noch weiter aus. Sie belegt es mit dem Merkmal der Unauflöslichkeit und begründet es vor allem mit der Erzeugung von Nachkommen. Das wichtigste Anliegen der Kirche war aber, und das lässt sich in vielen Schriftstücken bei den Kirchenvätern nachlesen, die Vermeidung der Unzucht, denn nur in der Ehe ließe sich die ungehemmte Lust der sexuellen Erregung vermeiden. Im Übrigen sei allerdings die Jungfräulichkeit doch das höhere Gut. Wer es partout nicht glauben wollte und wenn alle Verbote 175 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … nichts fruchteten, dann wurden Horrorgeschichten in Umlauf gebracht, so zum Beispiel die mögliche Zeugung von Kindern mit Behinderungen. Die Geistlichen wurden auch nicht müde, den Eheleuten zu erklären, dass allzu häufiger Geschlechtsverkehr zum frühen Altern, zum schnelleren Sterben und zum Zerfall der Gehirnzellen führen würde. Dies alles allerdings bei gleichzeitig eigenen Verfehlungen der geistlichen Herren nicht nur damals, sondern bis zum heutigen Tage. Es ist schon viel über die Verfehlungen des Klerus der katholischen Kirche geschrieben worden und man möchte es nicht auch noch sagen müssen, doch kommt man aktuell an den Nachrichten über den Missbrauch von Kindern durch Geistliche und beim Studium der Literatur auch nicht an der freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Klerus und der Prostitution vorbei. Schon im 8. Jahrhundert spricht der Bischof Bonifatius bereits von Geistlichen, »die sich vier, fünf, auch noch mehr Konkubinen nachts im Bette halten«177. Der Hexenwahn des 13. bis 18. Jahrhunderts mit Erniedrigung, Folter und Scheiterhaufen ist ein Höhepunkt der offiziellen Frauenfeindlichkeit einer machtbewussten „Männerkirche“. Die Geschichte der Kirche ist voll davon, von Mord und Totschlag, von Dämonenaustreibung und Angst, von Höllenqualen und Finsternis, von erzwungener Ehelosigkeit bis zur Verbrennung von Ketzern, von Sexualfeindlichkeit und Neidkomplexen, von Verdrängung und Doppelmoral. Man mag einfach nicht mehr weiterlesen … Auch aktuell werden die Schlagzeilen in den Medien nicht weniger. Was tun die geistlichen Herren, die bis zur metaphysischen Vereinigung mit Gott zu keinem wie auch immer gearteten sexuellen Kontakt kommen dürfen? Ihre Fehltritte geraten schnell in Vergessenheit, zum Beispiel die Meldung vom Januar 2016, in der von über 230 Missbrauchsopfern bei den Regensburger Domspatzen die Rede ist. Priester und Lehrer haben hier über Jahrzehnte hinweg mindestens 231 Kinder geschlagen, gequält und sexuell missbraucht. Oder man erinnere sich an die Ergebnisse der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie im Jahre 2018. Nach dieser Studie wurden im Zeitraum von 1946 bis zum Jahre 2014 insgesamt 3677 überwiegend männliche Kinder und Jugendliche Op- 177 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, a. a. O., Seite 86. 176 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … fer sexueller Vergehen durch Priester. 1670 Kleriker werden dieser Taten beschuldigt. Wie es scheint, gibt es wohl eine Art „Überbrückungsstrategie“ der Priester bis zur „finalen Vereinigung“ mit Gott. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, ob man angesichts dieses Ausmaßes noch von Einzelfällen sprechen kann. Das Monopol der Sündenvergebung und die Androhung von Hölle und Fegefeuer verschafft den Priestern die notwendige Macht über ihre Gläubigen, so dass sie bis heute glauben, Regeln nicht nur für das Verhalten der gläubigen „Schäfchen“ vor der Ehe, sondern auch für die Sexualpraktiken innerhalb der Ehe vorschreiben zu können. Kein Mensch kann mehr genau sagen, woher denn diese kirchlichen Vorstellungen und die frommen Ideen von der Lustlosigkeit und von der vorehelichen Enthaltsamkeit kommen. Die Aussagen Jesu in der Bibel geben keinen Anlass zu solchen Interpretationen durch die Kirche, dass nämlich jeder Geschlechtsverkehr, der nicht durch eine Ehe autorisiert wurde, für die Kirche eine Sünde der Unzucht ist, die Gott dann bestrafen wird. Die Ehe dient nach der Überzeugung der Kirche bis heute lediglich dazu, den „unwiderstehlichen“ Geschlechtstrieb auf legale Weise abzureagieren. Weshalb ein Ehepartner dem anderen, so formulieren es Theologen, »die Pflicht leisten soll«. Die Pastorale Konstitution der Kirche „Gaudium et spes“ zur Förderung der Würde der Ehe und Familie von Papst Paul VI bleibt bei den historisch gewachsenen Vorstellungen der Kirche: »Gott selbst ist Urheber der Ehe, … Egoismus, bloße Genusssucht und unerlaubte Praktiken« entweihen die Fruchtbarkeit der Ehe. Zum Wohle der Kinder formuliert die Konstitution die »unbedingte Treue der Gatten und fordert die unauflösliche Einheit«. Die Eigenart der Ehe sei die »Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft«. Beim Thema Fruchtbarkeit der Ehe formuliert sie gar, dass die Eheleute »nicht nach eigener Willkür vorgehen können, … sondern auf das Lehramt der Kirche« hören sollen. Und die Kirche begibt sich weiter, sozusagen zwischen die Ehepartner: »Wenn die Zahl der Kinder nicht vermehrt werden kann, … weil die Ehepartner durch mancherlei Lebensbedingungen der heutigen Zeit „eingeengt“ sind«, dann kann »die Treue als Ehegut in Gefahr geraten«. »Manche wagen es sogar, für solche Schwierigkeiten unsittliche Lösungen anzubieten, ja sie scheuen selbst vor Tötung nicht zurück«. Den Men- 177 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … schen sei die »Aufrechterhaltung des Lebens übertragen …und Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen«. Es sind »die dem ehelichen Leben eigenen Akte … in Würde zu gestalten … (und sie sollen) human vollzogen werden«. Auch wird in der katholischen Ehe der aufrichtige Wille zur »Tugend ehelicher Keuschheit« empfohlen und deutlich formuliert, dass den Kindern der Kirche es nicht erlaubt ist, »in der Geburtenregelung Wege zu beschreiten, die das Lehramt in Auslegung des göttlichen Gesetzes verwirft«178. Doch damit nicht genug, die Kirche gibt nicht nur vor, wie das Eheleben zu gestalten ist, sondern definiert auch Verhaltensweisen, wenn es mal schwierig wird oder wenn die Ehe in die Brüche geht. »Es gibt Situationen, in denen das eheliche Zusammenleben … praktisch unmöglich wird. In diesen Fällen gestattet die Kirche, dass sich die Gatten trennen … Die Ehe bleibt aber erhalten … sie sind nicht frei, eine neue Ehe zu schließen«. Die Kirche »kann keine neue Verbindung als gültig anerkennen … da dies den Gesetzen Gottes objektiv widerspricht«. Und für die, die eine neue Verbindung eingehen, hat die Kirche gleich mehrere Gebote und Verbote parat: »Solange (die neue Ehe) andauert … können die Ehepartner die Kommunion nicht empfangen«, bis heute nicht. Die Aussöhnung mit der Kirche kann nur gelingen (wohlgemerkt, die Aussöhnung mit der Kirche, von Gott ist hier nicht die Rede), wenn sie in der neuen Ehe ihre Scheidung bereuen, Buße tun und »sich verpflichten … in völliger Enthaltsamkeit zu leben«179. Da haben wir es wieder, die Ehelosen haben das Sexualleben der Gläubigen und die Ehe fest im Blick. Es scheint in der Kirche ausgemachte Sache zu sein, dass die Kleriker einen besonderen Auftrag haben. Sie haben alle Sakramente, aber im Besonderen das Sakrament der Ehe mit Verboten, Regeln und Sanktionen versehen, die dann dogmatisch abgesichert und bis ins Detail ausformuliert werden. Auch Fragen einer sogenannten Mischehe sind im Kirchenrecht geklärt, sie »bedarf, um erlaubt zu sein, der ausdrücklichen Erlaubnis der kirchlichen Autoritäten … und wird nur dann akzeptiert, wenn der katholische Glaube bewahrt … und die Taufe und Erziehung der Kinder im katholischen Glauben gesichert ist«180. Es stellt sich nun die Frage, warum ausgerechnet die Priester einer Kirche so viel über voreheliche, eheliche, außereheliche, uneheliche und 178 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 431 ff. 179 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 442. 180 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 439. 178 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … nacheheliche Themen zu sagen wissen, wo sie doch selbst ehelos sind. Ich vermute einmal, dass dies so ist, gerade weil ihre Oberhirten ihnen das vor fast 1000 Jahren untersagt haben. Es gibt neben dem Neidkomplex, dass nämlich andere dürfen, was man selbst nicht darf, wahrscheinlich nur diese eine Erklärung. Durch die Aufstellung von Geboten, Regeln und Verpflichtungen, deren Berechtigung, wie wir gesehen haben, aus der Bibel fälschlich herausinterpretiert und dann dogmatisch festgelegt wurde, übt die Kirche Macht über die Menschen aus. Die Übertretung dieser Gebote führt automatisch zur Sünde und damit wieder zu allen Folgen dieser Sünde mit Höllenandrohungen und Fegefeuer. Jeder Sünder und jede Sünderin, ob verheiratet oder zölibatär, erlangt nach einer Tat durch die Gnadengaben der Kirche nach Reue und Buße die Absolution just von den Priestern, die die Verantwortung tragen für eine Verfehlung, die sie selbst als Gebot formuliert und in die Welt gesetzt haben. Diese Art kirchlicher Morallehre hat ihre Legitimation nicht durch die Autorität eines Gottes der Bibel, sondern nur durch die vermeintliche Autorität einer Kirche, an deren Auftrag kaum noch einer glaubt. Da lob ich mir doch die Verhaltensweisen und Normen von kirchlichen Mitarbeitern, die in weiten Teilen Lateinamerikas tätig sind. Hier gibt es vereinzelt Priester der katholischen Kirche, die etwa alle drei Jahre in abgelegene Andendörfer kommen, die die Beichte abnehmen, taufen und trauen. Sie trauen Paare, die schon längst in einer Naturehe zusammenleben und Kinder haben, zum Teil auch von anderen Partnern. Hier wird das Sakrament der Ehe zum Sakrament der nachträglichen Festigung einer augenblicklichen Paarbeziehung erklärt, so wie sie halt gerade existiert. Die Monopolisierung der lebenslangen, monogamen Ehe ist nach der Ansicht kritischer Theologen rein kirchenpolitisch bedingt und weniger die Folge … theologischen Denkens und schon gar nicht die Folge der Worte Jesu in der Bibel. Wie sagte doch neulich eine Tochter zu ihrer Mutter: „Mama, du lässt dich doch nicht scheiden, oder?“ „Scheiden“, sagt die Mutter, „ich bin eine gute Katholikin, Luisa, wir lassen uns nicht scheiden, wir lassen nur unsere Männer für alle Ewigkeit Höllenqualen erleiden“. Es hilft nichts, die Kirche kann Regeln aufstellen, Enzykliken schreiben, Dogmen festlegen, die dem Erhalt ihrer Machtstrukturen zumindest in der Vergangenheit gedient haben, sie sind zwar kirchenhistorisch 179 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … gewachsen, jedoch durch die Bibel nicht begründbar, geschlechterfeindlich, menschenverachtend und heute durch die Lebenswirklichkeit der Menschen längst überholt. Ohne die Bibel weiter zu bemühen, muss doch deutlich gesagt werden, die Reformatoren haben es damals richtig erkannt und die katholische Kirche hat ihrerseits eine Chance vertan. Die Ehe ist und bleibt ein zutiefst „privates Ding“. Und weil dies so ist, sollten katholische Priester, auch wenn sie selbst im Stande der Ehelosigkeit verbleiben wollen, ganz undogmatisch und ohne irgendwelche Vorbedingungen, zur Feier des Hochzeitstages auch in Münster ihren Segen geben können und sie sollten nicht die Brocken hinschmeißen, denn zu tun gäbe es für sie genug … Wenn die Wäsche im Hinterhof hängt … Papst Franziskus soll die Geschichte erzählt haben. Treffen sich zwei katholische Priester. Der eine Priester fragt: „Wird ein neues Konzil den Pflichtzölibat aufheben?“ Der andere: „Ich glaube, ja“. Der erste: „Jedenfalls werden wir das nicht mehr erleben, sondern höchstens unsere Kinder“. Es darf gelacht werden. Doch ist einem nicht wohl dabei zumute, wenn die Verpflichtung der katholischen Priester zum Zölibat und der damit verbundene hohe Anspruch an den Menschen durch die Priesterweihe am Ende doch bei vielen Priestern zu heimlichen sexuellen Beziehungen und/oder gar zur Vaterschaft führen. Es gibt aus verständlichen Gründen nur wenig Zahlenmaterial zu diesem Thema und die Dunkelziffer ist hoch. Vor allem deshalb, weil die Kirche ihren Pfarrern in einer solchen Situation häufig vorschlägt, sich nach der Vaterschaft von der Lebensgefährtin zu trennen. Die Priester können dann nämlich ihr Amt behalten, wenn die Verlogenheit auf die Spitze getrieben wird und Mutter und Kind aufgefordert werden, die Vaterschaft des Pastors zu verschweigen. Verschiedene Quellen schätzen allein in Deutschland die Zahl der sogenannten „Priesterkinder“ auf 2000 bis 3000. Sie alle haben meist keinen eingetragenen Vater in der Geburtsurkunde, sie bekommen in den seltensten Fällen Unterhalt von der Kirche und nur wenige Betroffene gehen mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. 180 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Es ist schon was dran, wenn der Volksmund sagt, dass bei den protestantischen Pfarrern die Wäsche im Vorgarten hängt, während sie bei den katholischen Priestern im Hinterhof hängt. Noch schlimmer wird es, wenn die Verpflichtung zur Keuschheit unter anderem zum Missbrauch an Kindern und jungen Erwachsenen führt. Immer dann, wenn die Medien wieder und wieder konkrete Fälle aufdecken und anprangern, beginnt eine neue Diskussion über den Sinn und die Infragestellung des Zölibats, auf die sich die katholische Kirche aber bis heute nicht einlässt. Das konservative Verständnis der Kirche vom Priesteramt ist nicht zu erschüttern. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verschließt man die Augen. Obwohl der Priestermangel so eklatant ist und die Meldungen über „Verfehlungen“ des Personals der Kirche nicht abreißen, bleibt sie bei ihrem historisch gewachsenen und festgefügten dogmatischen Konstrukt eines geweihten Menschen, der angeblich als Mittler zwischen Gott und den Menschen notwendig ist und der nach der Priesterweihe über besondere Gaben verfügen soll. Wie hat denn das Bild eines katholischen Priesters nach den dogmatischen Vorgaben der Kirche nun auszusehen, welche Vorschriften macht die Kirche einem Menschen, der in ihren Dienst tritt? Was hat der katholische Christ hier zu glauben, und dies schon seit Jahrhunderten? Welches Verständnis vom Personal muss der Gläubige aufbringen, trotz der Skandale und Missbräuche, trotz der Verfehlungen ihrer Amtsträger? Die Dogmen formulieren es so: »Das Weihesakrament verleiht dem Empfänger heiligmachende Gnade«. »Das Weihesakrament verleiht dem Empfänger eine dauernde geistliche Gewalt«. Trotz der „heiligmachenden Gnade“, der Priesterberuf ist, Dogma hin oder her, nach den Vorfällen der Vergangenheit in Verruf geraten, und das nicht ohne Grund. Eigentlich sollte es dem Laien gleichgültig sein, wie die Kirche ihr Personal rekrutiert. Doch stellt sich gerade beim katholischen Priestertum die Kluft zwischen dem hohen Anspruch, ja der Berufung und der gelebten Wirklichkeit besonders widersprüchlich dar. Die Kluft zwischen den lehramtlichen Charakterisierungen eines Priesters und den Unzu- 181 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … länglichkeiten des Menschen ist so groß, dass die Suche nach einer Erklärung und nach Begründungen für ein so ausgestaltetes Sakrament durch das Studium der theologischen Literatur vielleicht etwas Klarheit bringen könnte. Dies natürlich nur für jemanden, der noch nicht ganz an dieser Kirche verzweifelt. Für den Außenstehenden spielt es ohnehin keine Rolle mehr. Schon zu Beginn einer solchen Suche wird man nicht nur in der Dogmensammlung der Kirche, sondern auch in den Ausführungen des Katechismus mit so „göttlichen“ Worten konfrontiert, dass einem um den Menschen hinter dem Priester angst und bange wird. Welche Gnade und verliehene Gewalt gemeint ist, wird im Katechismus ausgeführt, dass nämlich »durch eine besondere Gabe des Heiligen Geistes dieses Sakrament … den Empfänger ermächtigt, als Vertreter Christi … zu handeln«181, ja der Geistliche wird sogar Christus „angeglichen“, mit einem unauslöschlichen Siegel versehen, mit einer Art Brandzeichen oder Tätowierung. Das Sakrament der Priesterweihe (auch Ordination genannt) geht »über eine bloße Bestimmung, Delegation oder Einsetzung hinaus, … die eine heilige Gewalt auszuüben gestattet, … die nur von Christus selbst … verliehen werden kann«182. In Wahrheit verleiht ja der Bischof bei der Weihe die Gewalt, und der ist wiederum von Christus als Nachfolger der Apostel mit einer besonderen Ausgießung des Heiligen Geistes beschenkt und nur er darf deshalb nach der Lehre der Kirche diese „geistlichen Gaben“ an die Priester weitergeben. Die „heilige Gewalt“, die der Priester dann besitzt, wird in den dogmatisch-theologischen Schriften weiter präzisiert und beschrieben. Die „geistlichen Gewalten“ wurzeln »im sakramentalen Charakter der Weihe und werden dem Ordinanden … übertragen, sie konzentrieren sich vornehmlich auf die heilige Eucharistie (die Umwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi) … und die Sündenvergebung«183. Die Weihegnade hat darüber hinaus noch den Zweck, den Priester zur würdigen Ausübung der Gewalten und zu einem entsprechenden Lebenswandel zu befähigen. Das mit dem Lebenswandel einer Vielzahl 181 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 182 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 183 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 545. 182 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … von Priestern hat ja wohl nicht ganz so geklappt, denn die Lebenswirklichkeit spricht eine andere Sprache. Für die Ausformung eines solchen Priester- und auch Bischofsamtes der Kirche muss es sicher sehr gute Argumente geben und die Geschichte wie die Tradition der Kirche muss ebenfalls ausreichende Beweise liefern, um wenigstens erklären zu können, wie man zu einer solchen Stellenbeschreibung eines Priesters kommen kann, die dem Ordinanden nach der Weihe schier übernatürliche, ja geradezu „göttliche“ Kräfte verleihen soll. Auch dieses zu glaubende Dogma zur Priesterweihe ist mit beinahe gleichlautenden Formulierungen wie die anderen Sakramente versehen und angeblich auch wieder durch Christus eingesetzt. Wer mag da schon widersprechen. Das Konzil von Trient des 16. Jahrhunderts, das in Abgrenzung zu den Reformatoren oder besser gesagt, als Antwort auf die Reformation eine römisch-katholische Position zu formulieren hatte, sagt in der 23. Sitzung auf die Infragestellung der Reformatoren zum Priesteramt ausdrücklich, dass die vom Bischof geweihten Priester »rechtmäßige Diener des Wortes und der Sakramente sind … und wer dies bloß für eine menschliche Einrichtung halte, der sei ausgeschlossen«184. Die Lehre der Kirche versucht auch bei diesem Sakrament den Nachweis zu erbringen, dass die Einsetzung durch Jesus begründet werden kann und zitiert Bibelstellen, die diesen Beweis erbringen sollen. Auch hier soll wieder zutreffen, was man einen sogenannten Schriftbeweis nennt. Ausgerechnet die Apostelgeschichte in der Bibel und die sogenannten Pastoralbriefe des Paulus müssen als Indizien herhalten. Die Kleriker tasten sich jedoch in der dogmatischen Literatur nur behutsam heran an die entsprechenden Bibelstellen und formulieren vorab, dass »in den Berichten der Schrift … über die Aufnahme in die kirchliche Hierarchie … der Sakramentenbegriff deutlich hervortritt«185. Beschäftigt man sich zunächst mit der Apostelgeschichte (Apg 6,6 und 14,23), so findet man hier folgende Äußerungen: »Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese beteten und legten ihnen die Hände auf« und zusätzlich an anderer Stelle: »In jeder Gemeinde bestellten sie durch Handauflegen Älteste … und empfahlen sie dem Herrn«. 184 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 746. 185 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 537. 183 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … Die Apostelgeschichte des Neuen Testamentes ist im ausgehenden ersten Jahrhundert bzw. am Anfang des zweiten Jahrhunderts vom Verfasser des Lukasevangeliums geschrieben worden, wahrscheinlich von einem hochgebildeten griechischen Christen. Er schrieb diese Geschichte in der Zeit nach dem Tode der Apostel und ihrer Nachfolger. In einer Zeit also, als das Christentum sich bereits auf dem Wege zu einer Institution Kirche befand. Somit ist auch diese Geschichte mit entsprechender Absicht und Intention geschrieben worden. Diese Ausführungen des Lukas waren die ersten deutlichen Beschreibungen für das spätere Entstehen einer christlichen Kirche. Also auch hier keine guten Voraussetzungen für die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Bibelworte des Wanderpredigers. Auch die angeblichen Briefe von Paulus an Timotheus, die als Schriftbeweis für das Sakrament der Weihe dienen sollen, sind nach der aktuellen Bibelforschung nicht von Paulus verfasst worden, sondern es sind eindeutig Fälschungen. Die zwei Briefe an Timotheus stammen gewiss nicht von Paulus. Denn ihre Sprache, ihr Stil und ihre Denkweise sind vollkommen „unpaulinisch“. Diese Pastoralbriefe sind nachgewiesenermaßen erst im 2. Jahrhundert geschrieben worden. Selbst in der Bibelausgabe des Pattloch-Verlages von 1992 steht im Einleitungstext zu den Pastoralbriefen ausdrücklich, dass die Echtheit dieser Briefe »aus verschiedenen Gründen bezweifelt« wird und dass sie daher als »Zeugnisse der sich entfaltenden Kirche« gelten müssen. Auch soll, so steht es dort weiter, trotz aller Ehrfurcht »vor den Schriften des Neuen Testamentes … die mündliche Tradition als Quelle des Glaubensbekenntnisses … nicht übersehen werden«186. Man kann nur immer wieder konstatieren, dass Autoren Texte viele Jahre nach dem Tod Jesu verfassten, diese dann in die Bibel aufnahmen, um der entstehenden Kirche die Legitimation für eine Personalstruktur zu geben, an die Jesus niemals gedacht hatte. Zumal er, ich wiederhole mich, keine Institution wie die heutige Kirche gründen wollte. Nimmt man die Tradition der sich entfaltenden römisch-katholischen Kirche als Argumentation noch hinzu, so kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie schnell sich eine Hierarchie von Bischöfen, Presbytern und Diakonen entwickelt hatte, um die schon früh auftretenden Differenzen der gerade entstandenen einzelnen Gemeinden innerhalb 186 Die Bibel, Pattloch Verlag, Augsburg 1992, Neues Testament, Seite 288. 184 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … des damaligen Weltreichs in Glaubensfragen in den Griff zu bekommen und um die Kraft einer von Gott verliehenen Autorität als Nachfolger der Apostel bestimmen zu können. So konnte schon sehr früh durch die Bischöfe bestimmt werden, was der rechte Glaube ist oder was reine Häresie war. Eine solche Entwicklung ist schon bemerkenswert. Sehr früh, angefangen beim Disput zwischen Petrus und Paulus über die Frage, ob man erst Jude werden müsse, um Christ werden zu können, entwickelten sich in den einzelnen Gemeinden rund um das Mittelmeer die unterschiedlichsten theologischen Auffassungen, die dann letztendlich durch ein Konzil oder von einzelnen Bischöfen als Glaubenswahrheit per Dekret bestimmt werden mussten. So gab es bereits ab Anfang des 3. Jahrhunderts nachweislich unterschiedliche Vorstellungen über die Interpretation bestimmter Passagen in den biblischen Texten. Dies wundert freilich niemanden, da bekanntlich alle Texte der Bibel erst Generationen nach Jesus verfasst und am Anfang immer mündlich überliefert wurden. Der Konflikt war vorprogrammiert. Die noch „Loseblatt-Sammlung“ der Schrift, die in den Gemeinden in Umlauf war, wurde erst im vierten Jahrhundert zusammengefasst und als Neues Testament mit 27 Schriften des Früh-Christentums für die Kirche und alle Gläubigen als maßgeblich definiert. Doch auch diese Texte ließen von Beginn an viel Interpretationsspielraum zu. Schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts geht im Christentum die Zahl der charismatischen Persönlichkeiten, der Propheten und Lehrer zurück und es entwickelt sich eine Organisation mit Leitungsämtern in den Gemeinden, obwohl ganz zu Anfang des Christentums noch keine eindeutige Über- und Unterordnung erkennbar war. Auch ist klar, dass schon zu Beginn des Christentums in verschiedenen Diensten Frauen tätig waren, doch bildeten sich überwiegend männliche Funktionsträger heraus, die bestimmte Aufgaben zu erfüllen hatten. Die Geschichte kennt bereits in den ersten Jahren des dritten Jahrhunderts in Rom einen Gegenpapst namens Hippolyt, der die Schriften viel „konservativer“ interpretierte, als dies der liberale Papst und Bischof von Rom Calixt I tat. Nachweislich wurden zu dieser Zeit die Schriften durch Bischöfe und Presbyter sehr unterschiedlich ausgelegt. Die Theologen hatten in dieser Zeit eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, sie hatten die Traditionen und die überlieferten Texte gegen sogenannte „Irrlehrer“ zu hüten und die Gemeinde trotzdem im Sinne der Schriften zu „führen“. 185 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … Somit entwickelte sich zwangsläufig eine Struktur in der Kirche, die von Über- und Unterordnung geprägt war. Ihre Amtsträger weihten und bestimmten entsprechend ihrer Überzeugung durch Amtsübernahmen und Handauflegungen die Kontinuität der Lehre bzw. die Wahrung der Identität des Glaubens. Die Entwicklung einer solchen Ämterstruktur basierte also auf der Sorge um die „Reinheit der Lehre“. Durch das starke Anwachsen der Heidenmission, durch die Vielzahl der heidenchristlichen Gemeinden und ihre institutionelle Etablierung, durch die Entwicklung einer Liturgie und die Darlegung der Lehre, nicht zuletzt durch die theologisch-dogmatischen Auseinandersetzungen, entwickeln die eingesetzten Amtsträger ihre selbst gegebene Machtfülle. Obwohl das Neue Testament für das entstehende Heidenchristentum keine vermittelnde „Klerikerkaste“ vorsieht und die Schrift für das Sakrament der Weihe keinen tragfähigen Beweis liefert, wird trotzdem im Laufe der Jahrhunderte der Priester im Christentum, ähnlich wie in vielen anderen Religionen, eine Art „Amtsperson“ der Religionspraxis. In den anderen monotheistischen Religionen und im späteren Protestantismus wird jedoch der Mund nicht gar so voll genommen, wie dies in der römisch-katholischen Kirche der Fall ist. Nur in dieser Kirche wird durch ein eigenes Sakrament mit Salbung und Anrufung des Heiligen Geistes ein »unauslöschliches Zeichen verliehen, der Priester gar Christus gleichförmig (gemacht)«. Der Katechismus sagt es so: »Letztlich handelt Christus selbst durch den geweihten Priester und bewirkt durch ihn das Heil«187. Welche Überforderung für den so geweihten Menschen. Das Judentum und der Islam kennen keinen Mittler zwischen den Menschen und Gott, folglich gibt es bei diesen Religionen auch keine Vermittler im Sinne des Verständnisses der katholischen Kirche. Die jüdischen Tempelbediensteten und die islamischen Imame sind mehr theologisch gebildete Bedienstete, die bestimmte Aufgaben bei den „Gottesdiensten“ zu erfüllen haben. Die katholische Kirche ist offensichtlich fehlgeleitet, ist im besten Falle vom Wege abgekommen, hat ihren Amtsträgern eine Bürde aufgeladen, die von keinem Menschen getragen werden kann. Beim besten Willen nicht! Man kann aber auch sagen, dass es eine Dreistigkeit ist, ja eine Kühnheit, im Laufe der Jahrhunderte, in denen sich die Kirche mit Unrecht, Verbrechen und Vergehen, mit Schurkereien und Schandtaten, mit Mord und Todschlag schuldig gemacht hat, ein solches Bild von einem 187 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 426. 186 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Priester zu entwickeln. Noch im letzten Jahrhundert schrieb der Papst Pius XII in seiner Enzyklika „Mediator Dei“, dass »der gleiche Priester Jesus Christus (ist), dessen heilige Person sein berufener Diener vertritt« und dass er »durch die Priesterweihe dem Hohen Priester angeglichen« wird. Der Priester besitzt also nach der Weihe die Kraft, »an Stelle der Person Christi selbst zu handeln«188. Die Kirche weiß um diesen Irrweg und lässt trotzdem die Gläubigen weiterhin an ein Dogma glauben, das weder eine Legitimation durch die Heilige Schrift besitzt, noch vom Amtsträger selbst nach der Lehre der Kirche ausgefüllt werden kann. Nicht zuletzt deshalb formuliert sie, quasi zur Absicherung des Sakramentes, einen Satz im Katechismus, der aufhorchen lässt: »Diese Gegenwart Christi im Amtsträger ist nicht so zu verstehen, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre … gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen die Sünde«189. So kann man sich also auch absichern und gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass möglichst keine Zweifel an der Segnung des Amtsträgers und an den Institutionen der Amtskirche aufkommen. »Die Kraft des Heiligen Geistes«, so heißt es weiter, »bürgt nicht für alle Taten der Amtsträger … während bei den Sakramenten die Gewähr gegeben ist, dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann«. Die Kraft des Heiligen Geistes verschafft also die beschriebenen Gewalten in der Weihe, bürgt aber gleichzeitig nicht für den Amtsträger. Der Zweifel ist mitten unter ihnen, unter den Klerikern, unter den Gläubigen sowieso, außer, sie haben sich konsequenterweise gänzlich abgewandt und wollen der kirchlichen Dogmatik nicht mehr folgen. Ein solches Amtsverständnis treibt sie trotzdem weiter weg, die Gläubigen von ihrer Kirche, denn während im frühen Christentum alle Gemeindemitglieder stark durch den Gegensatz zur nichtchristlichen Umwelt verbunden waren, so tritt schon seit dem Mittelalter der Gegensatz zwischen den Amtsträgern und den Gläubigen nicht nur in dieser Zeit, sondern auch heute noch besonders deutlich zu Tage. Selbst ein Mann wie Hans Küng, der in der Kirche geblieben ist, obwohl ihm übel mitgespielt wurde, sagte schon vor Jahren, dass »der Abstand der heutigen Kirche zur ursprünglichen Verfassung (und zur Absicht Jesu) erschre- 188 aus: Enzyklika von Papst Pius XII „Mediator Dei“, vom 20. November 1947. 189 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 187 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … ckend groß« ist. »Statt auf das ursprüngliche Zeugnis der Schrift, … beruft man sich bis heute auf die „Tradition“ und die „Kirchenväter“«190. Man hat in der Kirchenhistorie die anfängliche Geschichte vom Wanderprediger Jesus einfach nach einem neuen Plan zusammengesetzt und zusätzlich weiteres „Material“ hineingeschmuggelt, damit die hierarchischen Strukturen in der Geschichte Bestand haben konnten. Das Konzil von Trient ist nach wie vor für die heutige dogmatische Beschreibung der Sakramente verantwortlich. Die Konzilsväter hatten, natürlich wieder unter zur Hilfenahme des Heiligen Geistes, festgelegt, dass die durch göttliche Anordnung eingesetzte Hierarchie aus Bischöfen, Presbytern und Diakonen besteht. Eine solche Aussage stimmt heute, aber auch damals schon nicht mit der biblischen wie historischen Wirklichkeit überein. Das II. Vatikanische Konzil hat dann ein wenig Kosmetik betrieben und die „heiligen Gewalten“ zur Weihe, zur Sündenvergebung und zur Verwandlung von Brot und Wein nach hinten verschoben und den Dienst am Wort etwas stärker als Aufgabe des Priesters in den Vordergrund gerückt. Die Stellenausschreibung für Priesteramtskandidaten sieht bis heute Zulassungsbedingungen vor, die nur durch die historische Praxis der Kirche zu erklären sind. Der Kandidat muss getaufter Christ und männlich sein, er muss zölibatär leben, Armut geloben und der Kirche den notwendigen Gehorsam leisten. Frauen sind ausgeschlossen. Die Erklärung für den Ausschluss der Frauen wird in der Dogmatik nachgeliefert. Dass nämlich »Männer zum Empfang des Weihesakraments befähigt sind, beruht auf positivem göttlichen Recht«191. Man fragt sich, welches Recht denn hier wohl gemeint ist. Christus habe nur Männer zum Apostolat berufen, so sagt die Kirche, dabei waren auch Frauen in der unmittelbaren Umgebung des „Menschensohnes“ zu sehen. Sogar bis zu seiner, in der Bibel beschriebenen, Stunde des Todes. Die Begründung für dieses Recht der Männer, das ja bis heute geltendes Kirchendogma ist, liegt eher in der geschichtlichen Entwicklung der Kirche als in der Heiligen Schrift. Trotzdem oder gerade deshalb bleibt die Frage, wie es denn zu dieser historischen Praxis kommen konnte. Man findet neben dem Argument, dass unter den Aposteln keine Frau war, noch weitere Begründungen, die jedoch heu- 190 Hans Küng, Die Kirche, a. a. O., Seite 487. 191 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 548. 188 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … te niemand mehr nachvollziehen kann. Es wird argumentiert, dass die Kontinuität der Tradition und die Beharrlichkeit der Lehre der Kirche, ohne auf aktuelle Entwicklungen zum Verständnis des Amtes einzugehen, ein positives Signal an die Welt sei. Der Priester solle ja Christus repräsentieren und Christus war halt ein Mann. Gott ist also männlich! Die Kirchenväter hatten bei der Einführung dieser Regelung den schon genannten und erwiesenermaßen gefälschten Timotheusbrief intensiv gelesen (1. Tim. 2,11–15), dort hatte der Verfasser auch sein Frauenbild ausführlich ausgebreitet. Seine Beschreibungen führten dann konsequenterweise zum Rollenverständnis der Frauen in der Kirche. »Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen … dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht … denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva … und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen«. Heute wagt kein Priester mehr, diesen Teil des gefälschten Pastoralbriefs von der Kanzel zu zitieren. Trotzdem sind und bleiben dies die Aussagen der Bibel, die die Kirche zur Grundlage für die rechte Ordnung in den Gemeinden und in der gesamten Kirche nimmt. Die Frau wird dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt und ein besonnenes Leben führt, so steht es in den kirchlichen Texten. Der Mann hingegen ist zum Priesteramt berufen und gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren. Was ist gekämpft worden, in den Jahrhunderten, um das Zölibat. Doch wie erschreckend wenig hat sich der Klerus selbst während der gesamten Kirchengeschichte daran gehalten. Die Historie der Kirche ist voll davon, von Auseinandersetzungen und Verboten, von Verfehlungen und Übertretungen. In der Literatur ist dies ausführlich nachzulesen. Als Papst Gregor VII im Jahre 1074 den Zölibat amtlich vorschrieb, da hagelte es noch wütende Proteste von verheirateten Geistlichen. Noch größer als in Italien soll damals der Protest des Klerus in deutschen Landen gewesen sein. Doch ab dieser Zeit gibt es kein Entrinnen mehr, es gilt ein allgemein verbindliches Zölibatsgesetz, das in der tatsächlichen Praxis bis heute wohl doch nur bedingt eingehalten wird. Im 13. Jahrhundert nennt Papst Innozenz III seine Priester »sittenloser als Laien«. Beim Konzil von Konstanz (1414–1418), das den sittenstrengen Jan Hus zur höheren Ehre Gottes verbrennt, sind 300 Bischöfe zugegen und 700 Prostituierte zu deren Bedienung. Papst Sixtus IV baute nicht nur die Sixtinische Kapelle im Vatikan, in der die Papstwahlen 189 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … stattfinden, sondern auch ein „Freudenhaus“. Noch im 17. Jahrhundert hatten die Hirten nicht nur „Schafe“, sondern auch Frauen und Kinder. Interessanterweise muss man konstatieren, dass der Priester in den sogenannten „Ostkirchen“ bis zum heutigen Tage verheiratet sein darf und trotzdem geweiht wird. Die römisch-katholische Kirche will dagegen die Ehelosigkeit ihrer „Würdenträger“ beibehalten und sie muss mit diesem Zustand irgendwie fertig werden. Betrachtet man die historische Entwicklung des Zölibates genauer, so ergeben sich im Wesentlichen drei Argumente, die immer wieder gegen die Verheiratung von Priestern angeführt werden. Der Priester sollte zur Zelebration und Ausübung seines heiligen Auftrags nicht nur ein „gottgefälliges Leben“ führen, sondern angesichts seines „Herausgehobenseins“ aus dem Menschengeschlecht auch kultisch rein sein und nicht in der Nacht „Venus“ in den Arm nehmen und am Morgen die Gottesmutter Maria anrufen. Darüber hinaus führe die Ehelosigkeit zur vollen Einsatzfähigkeit und Verfügbarkeit der Priester für den kirchlichen Dienst. Nicht zuletzt kristallisierte sich in der Kirchengeschichte immer deutlicher auch ein Grund heraus, der eindeutig vermögensrechtlicher Natur war. Die verheirateten Priester vererbten den angeblichen Kirchenbesitz an ihre Kinder und das konnte ja auf keinen Fall zugelassen werden. Und heute? Trotz Zölibat gibt es auch und gerade im 21. Jahrhundert viele Priester und auch Bischöfe, die Beziehungen zu Frauen oder auch Männern eingehen, sogar Kinder zeugen und trotzdem im Amt verbleiben oder sich outen und dann suspendiert werden. Es ist gängige Praxis, dass der Priester bei „Vergehen“ gegen das Zölibat nur dann, wenn er in der Beziehung verharrt, vom Amt suspendiert wird. Auch unabhängig von den Aussagen der Bibeltexte vertreiben diese Verfehlungen der Priester in den letzten Jahrhunderten und zudem die entdeckten „Missbrauchsfälle“ in den letzten Jahren jeden Gedanken an ein von Jesus eingesetztes Sakrament. Und was ist mit dem Gelübde der Armut? Seit das Christentum Staatsreligion wurde, haben sich die Amtsträger nachweislich bereichert. Beispielsweise waren schon im 12. Jahrhundert mit der aufkommenden Geldwirtschaft beim Klerus kaufmännische Tugenden gefragt. Und die Kleriker haben eifrig mitgemischt. Bisher war unbekannt, dass schon im Jahre 1893 der Vatikan seinen Priestern erlaubte, den florierenden Handel mit Aktien zu betreiben, natürlich zur höheren Ehre Gottes. 190 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Reich sind sie, die Vertreter der Kirche und sie sagen, es müsse sein, weil es Arme gibt, die sie nur so unterstützen könnten. In der jüngeren Vergangenheit haben die Medien mehrfach Beispiele ausbreiten müssen, die das genaue Gegenteil von dem zeigen, was der Prophet im heiligen Lande damals gepredigt hatte. Über den ehemaligen Bischof von Limburg muss man kein Wort mehr verlieren. Der frühere Kardinalstaatssekretär des Vatikan Tarcisio Bertone will »nach dem Skandal um die Mitfinanzierung seiner Wohnungsrenovierung durch die Stiftung der vatikanischen Kinderklinik … einen Großteil des Geldes zurückerstatten. Er wolle eine Schenkung in Höhe von 150 000 € leisten«192. Eine weitere Schlagzeile: „Razzia bei Kardinal Müller in Rom“. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Rom wurden 20 000 € Bargeld (wer hat schon so viel Bargeld in seiner Wohnung rumliegen?) gefunden und beschlagnahmt, weil die Herkunft nicht geklärt werden konnte. Die Behörden des Kirchenstaates ermitteln. Ausgerechnet gegen den ehemaligen Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, just der Kongregation, die für die reine Lehre der Kirche zuständig ist193. Man kann es nicht oft genug betonen. Eine solche Kirche, mit dieser hierarchischen Personalstruktur, mit dem Papst an der Spitze, den Bischöfen und Priestern, hat aber auch gar nichts mit den Vorstellungen und Äußerungen des Wanderpredigers aus Galiläa zu tun. Doch damit es nicht immer so negativ endet, am Schluss noch eine Schlagzeile aus dem Jahre 2016 von einem Markforschungsinstitut in den USA: „Nirgendwo wird mehr gesoffen, als im Vatikan!“. Der Vatikan hat, bezogen auf die Einwohnerzahl, den weltweit höchsten Weinkonsum. Meine erste Reaktion: Wer zölibatär leben muss, hat auch allen Grund zu trinken. Die tatsächliche Lösung ist allerdings schlichter. Im Supermarkt des Vatikan gibt es Alkohol „duty free“, also um 22 Prozent billiger als in den Supermärkten Roms. Nicht nur die 800 Einwohner des Vatikanstaates, sondern auch alle Angestellten, die in Rom und Umgebung leben, decken sich kistenweise dort mit alkoholischen Getränken ein. Möglicherweise ist aber doch etwas dran, an meiner Vermutung. Denn dies ist der Staat auf der Erde mit den meisten Singles und einer Geburtenrate, die „gegen Null“ geht. Natürlich wird hier gesoffen, sei es aus Einsamkeit oder aus Weltschmerz, unter Glaubensbrüdern beim Abendessen, sagen selbst die Kleriker. 192 Zitiert aus: www.katholisch.de/aktuelles/… vom 13.10.2017. 193 Zitiert aus: Handelsblatt vom 09.12.2015. 191 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Vielleicht sprechen die Kleriker, nicht nur in Rom, doch etwas mehr dem guten Wein zu, weil sie unter der Last der ihnen gegebenen „Gewalten“ und den hohen Ansprüchen an ihre Person mit Keuschheit, Armut und Gehorsam nicht doch zum Trinker werden müssen. Geld genug ist ja da. Wenn der Priester die freiliegende Schulter berührt … Niki Lauda war stinksauer. Der ehemalige Formel1-Pilot und mehrfache Weltmeister war nach seinem schicksalhaften Unfall beim Rennen auf dem Nürburgring im Jahre 1978 unter dramatischen Umständen ins Krankenhaus eingeliefert worden; er lag auf der Intensivstation und kämpfte um sein Leben. Auf die Frage nach der „Letzten Ölung“ hat er später berichtet: „Ich habe kurz überlegt und mir gedacht, schaden kann mir das ja nicht. Also habe ich genickt und darauf gewartet, was passiert“. Nach seiner Beschreibung hat ihn der herbeigerufene Priester nur an der Schulter berührt und sonst ist nichts weiter geschehen. „Ich erwarte, dass da jemand kommt, mit mir redet, mich auch tröstet, und dann so etwas …“. Die Wut über diesen Vorgang hat ihn nach eigenen Angaben närrisch gemacht und ihn geradezu angespornt, sich nicht hängen zu lassen und nicht aufzugeben194. Von einer Gnade Gottes zum übernatürlichen Heil der Seele oder gar zum natürlichen Heil des Leibes hatte er nach eigenen Aussagen nichts bemerkt. Vielmehr scheint der Ärger über den Vorgang Kräfte freigesetzt zu haben, die für die Heilung des Körpers förderlich waren. Eine solche Wirkung der „Letzten Ölung“, jetzt Krankensalbung genannt, entspricht aber sicher nicht der Intention der katholischen Kirche. Ihre Intention steht im Dogma: »Die Krankensalbung bewirkt die Nachlassung der noch vorhandenen schweren und lässlichen Sünden«. Der Priester hatte wahrscheinlich bei Niki Lauda nach den dogmatischen Vorgaben der Kirche korrekt gehandelt, da er annehmen musste, dass der 194 Information aus: www.motorsport-total.com/formel1/news/lauda_letzte_oelung … 192 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Patient aufgrund der Schwere der Verletzungen nicht mehr ansprechbar war und sein verbundener Körper nur noch die Schulter freigab, um die Salbung mit Öl vornehmen zu können. Die lateinischen Formulierungen und Gebete wird er sicher wegen der fehlenden Ansprechbarkeit des Todkranken besonders leise gesprochen haben. Die nicht zu beanstandende Form der „Letzten Ölung“ besteht nach den Vorgaben der Kirche in der Salbung und in dem begleitenden Gebet des Priesters für den Kranken. Also war alles korrekt verlaufen. Zumal die Gültigkeit des Empfangs von der Intention des Sterbenden abhängig ist, dieses Sakrament auch empfangen zu wollen, und dies hatte Niki Lauda ja nun deutlich genug artikuliert. Obwohl, so richtig würdig empfangen hat er diese „Ölung“ ja wohl doch nicht, denn eine vollkommene Reue der Sünden wäre ja die Voraussetzung für die Nachlassung der Sünden und für die Gültigkeit des Sakramentes gewesen. Aber was soll’s. Niki Lauda hat es damals überlebt. Die Frage ist nur noch, ob es trotz oder wegen der „letzten Ölung“ so gut ausgegangen ist. So ganz sicher ist sich da nicht einmal die Kirche, denn die Heilung des Körpers durch die Salbung des Priesters bei der Sakramentenspendung ist ja bis heute immer noch nicht nachgewiesen und es redet aktuell ja auch niemand mehr davon. Ein weiteres, nach wie vor zu glaubendes Dogma der Kirche besagt auch: »Die letzte Ölung bewirkt bisweilen, wenn es dem Seelenheil dienlich ist, die Wiederherstellung der leiblichen Gesundheit«. Wie kann denn so etwas geschehen? Ein vom Katholiken zu glaubendes Dogma mit einer Formulierung „bisweilen“ ist genauso unsinnig wie die Aussage: „Ab und zu“ oder „dann und wann“ oder „manchmal“ wird die leibliche Gesundheit wiederhergestellt. Und dann auch nur, wenn es dem Seelenheil dient. Wenn es diesem nicht dient, wird die Gesundheit wahrscheinlich nicht wiederhergestellt. Eine dogmatische Aussage, die ewig Gültigkeit haben soll, kann doch nicht so schwammig formuliert sein. Sie muss eindeutig sein, statt jede Menge Fragen aufzuwerfen. Offensichtlich hat es der Klerus auch schon bemerkt. Die Kraft Kranke zu heilen hat schon in der Vergangenheit die Geistlichkeit stark überfordert. Die Chance, die die Medizin bietet, scheint da doch bedeutend grö- ßer zu sein. Eine solche Kraft wurde von Jesus und seinen Nachfolgern 193 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … wohl nicht richtig weitergegeben. So bleibt für den Gläubigen die Genesung durch die „Salbung“ reiner Zufall. Gott sei Dank hat man heutzutage eine hoch entwickelte medizinische Versorgung. Auch die aktuellen Schriften der Theologen haben für dieses Problem keine Lösung parat und sie flüchten in die Ausführungen der alten Kirchenväter: »Das Decretum … schreibt der „Letzten Ölung“ die Heilung der Seele und unter Umständen auch die Heilung des Leibes zu«195. Unter welchen Umständen das gelingen soll, schreiben sie allerdings nicht. Seit dem II. Vatikanischen Konzil ist bei diesem Sakrament auch vom „Wandel in der Sinngebung“ die Rede und die Formulierung „Letzte Ölung“ wurde von der Versammlung der Bischöfe durch das Wort „Krankensalbung“ ersetzt. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass man sich zurückbesinnen wollte auf die Ursprünge des Christentums, von einem Sterbesakrament zu einem Sakrament der Hilfe bei schwerer Krankheit. Die Rückbesinnung auf Praktiken des frühen Mittelalters hilft wenig, wenn es darum geht, dem Sakrament eine biblische Begründung und eine Legitimation durch die Worte Jesu zu geben. »Das Sakrament der Krankensalbung ist in der Heiligen Schrift angedeutet«196, sagen die Theologen. Viel unsicherer kann man es eigentlich nicht formulieren. Nach der Bibel hat Jesus den Kranken die Hand aufgelegt und sogenannte Wunder bewirkt. Zumindest sagen die Evangelisten dies, die Jesus zwar nie gesehen haben, es aber vom Hörensagen zu wissen glauben. Von Naturwundern über Dämonenaustreibungen, von Krankenheilungen bis zur Erweckung von Toten, die ganze Palette wird in der Bibel ausgebreitet. Doch bei kritischer Betrachtung bleibt von den Wundern nicht viel übrig. Viele Theologen sprechen im Alltag nicht mehr von Wundern, sondern qualifizieren diese Bibelstellen als rein historische Beschreibungen. Für die Dämonenaustreibungen und die Krankenheilungen in der Bibel würde die heutige Psychiatrie und die Medizin sicher erklärbare Diagnosen liefern können. Für Jesus und das Judentum, wie für viele damaligen Völker des arabischen Raumes waren Krankheiten nie nur ein rein medizinisches Problem, sondern immer auch verbunden mit lebensfeindlichen Mächten (Dämonen), mit der Klage über Gottesferne, mit dem Zorn Gottes und mit ihrer eingeschränkten Kenntnis über die Welt und die kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Eine Krankheit war auch 195 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 533. 196 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 530. 194 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … immer die fehlende Zuwendung eines Gottes, an den man glaubte und nicht nur das Problem einer eingeschränkten Kenntnis über Defekte des menschlichen Organismus. Für die Menschen der Antike gab es einen fließenden Übergang zwischen der damaligen medizinischen Versorgung und einem stark ideologisch verankerten Glauben an die Wundertaten der Götter. Von einer göttlichen Zuwendung ging Heilung aus, das war der Glaube des jüdischen Volkes und Jesus lebte und handelte in diesem Bewusstsein. Jesus hat als Kind seiner Zeit dieses archaisch-mythologische Weltbild geteilt, genauso wie die frühen christlichen Gemeinden. Nur so sind die zahlreichen Berichte in der Bibel über Jesu Wundertaten zu verstehen. Die Theologie streitet bis heute darüber und wird es auch weiterhin tun, welche Wundertaten Jesu sie selbst überhaupt noch vertreten soll. Ein gläubiger Christ bleibt angesichts dieser Unstimmigkeiten einfach nur ratlos zurück. Alle Theologen an den Hochschulen sind sich heute darüber einig, dass die Totenerweckungen in der Bibel keine historisch verifizierbaren Ereignisse waren, sondern das Werk der Bibelautoren, die die kursierenden Erzählungen in den christlichen Gemeinden der damaligen Zeit weiter ausgeschmückt haben. Was bleibt also für den kritischen Betrachter? Aufgrund der fehlenden authentischen Quellen ist es unmöglich, das Wirken Jesu in Galiläa zu rekonstruieren und es ist einhellige Überzeugung der historisch-kritischen Bibelforschung, dass die spektakulären Wunder Jesu als sogenannte nachösterliche Eintragungen und spätere Ergänzungen bzw. Überhöhungen in die Bibel eingeflossen sind. Die wunderwirkenden Züge Jesu wurden erst später in die ursprünglich nicht wunderhaften Berichte eingetragen. Die Forschung hat in Einzelfällen sogar nachgewiesen, dass das Wunderhafte in Bibelstellen nicht nur erfunden, sondern im Laufe der Zeit sogar noch gesteigert worden ist. Bei kritischer Betrachtung sind die Wunder Jesu in der Bibel, dies gilt übrigens auch für alle „Wunderbeweise“, die im Rahmen von Heiligsprechungen nach wie vor gefordert werden, niemals als Beweis anzusehen, dass irgendwelche Naturgesetze „ausgehebelt“ worden sind. Solche Wunder gibt es einfach nicht. Und doch! Die von Jesus angeblich vollbrachten und in der Bibel ausformulierten Taten waren in den Augen seiner Zeitgenossen häufig Wundertaten. »Und es erhob sich ein gewaltiger Sturm … Und die Wellen schlugen in das Boot … Und der Meister schlief. Da weckten sie ihn und sagten: 195 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“ … Wach geworden gebot er dem Sturm: „Schweige, sei still!“«. Die Beschreibungen der Taten Jesu werden vielfach durch die Evangelisten dramaturgisch gesteigert und man fügte den Erzählungen typische Elemente einer akuten Bedrohung hinzu. Nicht nur dass das Boot drohte unterzugehen, sondern dass ausgerechnet der schläft und nichts unternimmt, der allein die Situation hätte entschärfen können. Jesus hat keinen Sturm gestillt, keine Brote vermehrt und auch keinen Feigenbaum verflucht. Solche und weitere Wundertaten von tatsächlicher Naturbeeinflussung, von Krankenheilung und Dämonenaustreibung haben nie stattgefunden. Auch sie entsprachen lediglich den erzählerischen Zutaten und Ergänzungen der Evangelisten bei der Beschreibung der Lebensgeschichte Jesu. Diese Berichte sind reines Wunschdenken und spiegeln die überhöhte Anschauung Jesu wider, wie sie die noch zahlenmä- ßig kleinen christlichen Gemeinden nach dem Tod und der angeblichen Auferstehung Jesu mündlich überliefert hatten. Es war mehr die feste Überzeugung des frühen Christentums, dass die Handauflegungen, die Berührungen und Gesten Jesu heilende Wirkung hatten und dass seine Nachfolger durch Gebete, Salbungen und Handauflegungen Kranke heilen, Dämonen austreiben und Sünden vergeben konnten. Folglich praktizierten die Gemeinden nach dem Tode ihres Gottes diese Rituale der Krankenheilung und der Dämonenaustreibung auch weiter. Obwohl sich in der Schrift, trotz aller Ergänzungen und Veränderungen, kein Nachweis für die Einsetzung eines solchen Sakramentes durch Jesus finden lässt, ist es menschlich leicht nachvollziehbar, dass die Nachfolger der Apostel und die Bischöfe bzw. Priester der Folgezeit bei Krankheiten und Tod von Gemeindemitgliedern, bei unerklärlichen Phänomenen der Natur und bei allen Ereignissen, in denen sie das Wirken außergewöhnlicher (überirdischer) Mächte zu spüren meinten, ein Ritual entwickelten und auch handeln wollten, wie „der Herr“. Oder zumindest etwas tun wollten im Namen des Herrn oder als Verwalter der Geheimnisse Gottes. Gewirkt hat es freilich nicht! Die schriftlichen Ausführungen der ersten Jahrhunderte zur Krankensalbung und Heilung durch die Presbyter sind nicht gerade zahlreich. In einer Kirchenordnung des Bischofs Hippolyt von Rom aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts ist ein Gebet zur Weihe des Öls und ein Gebet um Gesundheit aufgeführt und zwar für die, die es gebrauchen können. Die Wirkung der Salbung als Befreiung von körperlichen Krankheiten und Schwächen und die Austreibung bö- 196 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ser Geister ist nirgendwo belegt. Wie sollte sie auch? Die gewünschte Wirkung wird sich auch hier wieder nur dem Glaubenden erschließen! Ohne freilich schon Sakrament zu sein, ist die Salbung von Kranken in den christlichen Gemeinden historisch belegt. So mahnt zum Beispiel im 6. Jahrhundert Cäsarius von Arles die Gläubigen, im Falle einer Krankheit nicht zu den Wahrsagern und Zauberern zu gehen und durch Anwendung von Zaubermitteln Heilung zu suchen, sondern zur Kirche zu kommen. Trotzdem wurde die Krankensalbung durch Priester keine flächendeckende Angelegenheit und dies aus einer Vielzahl von Gründen. Die Gesundheit des Leibes stellte sich trotz der Krankensalbung nicht wie gewünscht ein und das Nachlassen der Sünden war durch die Beichte und Buße ja schon gegeben. Zudem entwickelten sich Missbräuche, wie sie vielfach in der Kirchengeschichte zu beobachten sind. Diese waren vor allem gekennzeichnet durch ungebührlich hohe Abgaben an den Klerus oder häufig auch durch schwere Bußauflagen. Außerdem sind weitere „irrtümliche Anschauungen“ wie Unerlaubtheit des ehelichen Verkehrs, Verbot des Genusses von Fleischspeisen, Barfußgehen nach dem Empfang der Salbung, in der theologischen Literatur aufgeführt. Sie alle haben dazu geführt, dass schon ab dem 8. Jahrhundert eine Art Umakzentuierung oder auch Umdeutung der Krankensalbung durch die Kleriker vorgenommen wurde. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden diese Tätigkeiten dann zu einem Sakrament, das als sogenannte „Letzte Ölung“ am Lebensende zu spenden ist. Ab da steht interessanterweise nicht mehr die Heilung von Krankheiten im Mittelpunkt, sondern die Heilung der Seele und nur noch unter Umständen die Heilung des Leibes. Im 16. Jahrhundert zählt das Konzil von Trient die Wirkungen der „Letzten Ölung“ auf: »Verleihung der Gnade, Nachlassen der Sünden, Beseitigung der „Überbleibsel der Sünde“, die Erleichterung und Stärkung der Kranken …«. Seit dieser Zeit wird die „letzte Ölung“ zu einem Sakrament der Weggehenden und damit zu einer Art Rettungsanker als Ergänzung zum Sakrament der Buße. Durch dieses Sakrament soll die Seele des Kranken geheilt werden, die Beschwerden des Todeskampfes erträglicher werden und die sittliche Schwäche überwunden werden, die im Kranken als Folge der Sünde zurückgeblieben ist. Somit entwickelte sich in der Kirche die subtile Konstruktion einer dritten „Rettungsplanke“ für die Gemeindemitglieder, damit sie nicht verloren gehen und in der ewigen Verdammnis landen. 197 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Das Sakrament ist außerdem jederzeit wiederholbar, sollte sich der Zustand des Kranken verbessern und ihm ein weiterer Lebensabschnitt vergönnt sein. Es kann also sein, dass dieser unverhoffte weitere Lebensabschnitt dann wieder zur Sünde führt, wovon im Allgemeinen auszugehen ist und dass deswegen die erneute Spende der „Letzten Ölung“ notwendig wird. Denn es ist am Lebensende besonders wichtig, von aller Schuld frei zu sein. Diese Befreiung geht nur durch die „Ölung“, nur sie tilgt nach der Lehre der Kirche »per accidens (also so nebenher) aufgrund der Einsetzung durch Christus die schweren Sünden«. Dieselbe Kirche, die so redet, artikuliert auf der nächsten Seite der Dogmatik-Literatur, dass sich »ein ausdrücklich göttliches Gebot für den Empfang der „Letzten Ölung“ nicht erweisen lässt«197. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil die Intentionen des frühen Christentums wieder in den Vordergrund gerückt hat und so von „Krankensalbung“ und nicht mehr von „Letzter Ölung“ spricht, so bleibt doch die Absicht der Kirche unverändert. Die Krankensalbung wird zu einem angemessenen Zeitpunkt gespendet, am Lebensende und die von den Kirchenvätern formulierte und dogmatisch festgelegte Wirkung des Sakraments soll nach wie vor eintreten. Nämlich die Heilung von der Schwächung der Seele und die endgültige Beseitigung von der Anhaftung der Sündenreste198. Doch was, um Himmels Willen, sind bloß diese Sündenreste? Dass sich Jesus, seine Jünger und das frühe Christentum im Besonderen der Kranken und Schwachen annahm, ist nicht hoch genug zu bewerten. Es war ein wesentlicher Kernpunkt der Lehren Jesu und zu seiner Zeit eher ungewöhnlich und daher auch für die heutige Zeit besonders bemerkenswert. Dieser Aspekt des Christentums hat sicher auch neben vielen weiteren Faktoren zur schnellen Ausbreitung der Lehre Jesu im östlichen Mittelmeerraum geführt. Die Begründung für ein Sakrament, das am Lebensende gespendet wird, lässt sich jedoch aus den Worten Jesu in der Bibel nicht ermitteln. Erst die Kirche und ihr Personal entwickelte im Laufe der Jahrhunderte einen Sakramentenfundus zum angeblichen Nachlassen der Sünden und zur Tilgung von Restschulden durch ihre Priester. Dies ist also ein historisch in der Kirche gewachsener Vorgang, der niemals durch Gottes Wort legitimiert ist und zum Heil notwendig ist er schon mal gar nicht. 197 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 535. 198 Vgl. hierzu: Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 533 ff. 198 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich auch dieses Sakrament im Laufe der Kirchengeschichte selbst schuf und es dann der Bibel zudiktiert wurde, wie so vieles. Man zuckt zurück, scheut sich, will nicht wieder „draufschlagen“ und nicht undifferenziert in eine allgemeine Polemik gegenüber der Kirche verfallen. Doch während einem klar wird, dass ein großer Teil der selbst geschaffenen, über Jahrhunderte entwickelten Strukturen und Glaubenssätze der Kirche keine biblische Begründung mehr haben und nie hatten, veröffentlicht beispielsweise das Erzbistum Paderborn im Jahre 2016 seine Vermögensbilanz des Jahres 2015. Sie ahnen schon, was jetzt kommt … Während die Kirche die Ängste und Fragen der Menschen zum Leben nach dem Tode mit Androhungen des ewigen Feuers beantwortet und sich selbst anmaßt, dass nur durch die „Handauflegung“ ihres Personals der Mensch zur Erlösung kommen kann, veröffentlicht das Bistum Paderborn seinen Aktien- und Wertpapierbesitz in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. Der reine Gewinn des Jahres belief sich auf weit über 44 Millionen Euro. Das Gesamtvermögen besteht nach den Meldungen der Medien im Jahre 2018199 unter anderem aus Finanzanlagen und Wertpapieren und hatte zu dieser Zeit ein Volumen von 3,95 Milliarden Euro. Die Kleriker spekulieren mit ihrem Vermögen, zocken an der Börse, mit den Kirchensteuern der Gläubigen … Während einem klar wird, dass die eigentliche Aufgabe einer christlichen Gemeinschaft auch und gerade nach den Texten Jesu in der Bibel, die ja von Menschen nach dem Hörensagen ausformuliert worden sind, die Sorge um die Alten, Kranken und Schwachen in dieser Welt ist und zwar die konkrete Sorge und aktive Hilfe, beschreibt das Bistum Paderborn sein Vermögen in einer solchen Größenordnung, wohlgemerkt, ohne das Vermögen des „Bischöflichen Stuhls“. Was könnte mit diesen Mitteln nicht alles konkret umgesetzt werden, im Kampf um bessere Lebenschancen für Bedrohte, im Kampf um die Lebensrettung von Kriegsflüchtlingen, im Kampf um den Hunger in dieser Welt, im Kampf um die Bewältigung des Elendes auf dem Globus, aber natürlich auch zur geistlichen Unterstützung bei der Bewältigung eines wichtigen Themas in der westlichen Welt, nämlich der Enttabuisierung des Todes. 199 Nachricht aus der Tageszeitung: „Neue Westfälische“, Bielefeld, 11.10.2018. 199 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Mit reiner Symbolik scheint es heute wohl nicht mehr getan zu sein, hier müssen die Strukturen und Aufgaben der katholischen Kirche grundsätzlich neu gedacht und neu definiert werden. Selbstverständlich ist auch der Einsatz eines Klerikers vor Ort wichtig, sich einzusetzen für Kranke und Schwache, zu reden, zu trösten, so wie Niki Lauda sich das vorgestellt hatte, denn wenn dies in der entsprechenden Weise geschieht, so soll die Salbung mit Öl auf der Schulter des Schwerverletzten in „Gottes Namen“ auch geschehen. 201 8 Wenn die Spielweise einer Fußballmannschaft zu behäbig wirkt … Das Bild ist gar nicht mal so verkehrt. Der Kölner Kardinal Woelki äu- ßerte im „Kölner Domradio“ die Überlegung200, es gebe Parallelen zwischen der bei der Weltmeisterschaft in Russland gescheiterten deutschen Nationalmannschaft und der katholischen Kirche. Er beklagte die fehlende Leidenschaft und Begeisterung der Spieler auf dem Platz. Irgendwie hätte die Mannschaft zu behäbig gewirkt und er entdecke da leider durchaus Parallelen zur Kirche. Er versäumte jedoch zu sagen, dass ein Kardinal als Teil des Trainerstabes der Kirche auch hier nicht unmaßgeblich an dem Dilemma und der Misere der katholischen Kirche beteiligt ist. Und dies als Kleriker, der sich ähnlich dem Cheftrainer Jogi Löw »mit engen T-Shirts mit Ärmelchen«, wie es der Journalist Klaus Brinkbäumer im Spiegel beschreibt201, mit Soutane und römischem „Halskragen“ als Mann Gottes und besonders berufener Mensch in der Öffentlichkeit exponiert. Der Kardinal hat seine Sichtweise leider nicht zu Ende gedacht. »Wenn ein 58-jähriger Mann so aussieht«, sagt Brinkbäumer über Jogi Löw, »so verrät er etwas über sich, das er vermutlich nicht verraten will«. Trifft dies nicht auch auf einen 61-jährigen Bischof im Ornat zu? Ist bei den Kirchenvertretern nicht auch die Liturgie und die Dogmatik, das Messgewand und die Selbstinszenierung wichtiger als die authentischen Worte eines Wanderpredigers aus Galiläa? Man könnte meinen, Klaus Brinkbäumer habe die katholische Kirche gemeint, als er vom sturen Glauben an Bewährtes sprach, an »Struk- 200 Nachricht aus der Tageszeitung: „Neue Westfälische“, Bielefeld, 16.07.2018. 201 Klaus Brinkbäumer in: „Der Spiegel“ 27/2018. 202 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … turen, die einst funktionierten, von der Verweigerung von Einschnitten und Veränderung … und vom Versuch, einen nicht konservierbaren Status quo irgendwie bitte, bitte doch zu konservieren«. Doch Brinkbäumer sprach nur von einer gescheiterten Fußballmannschaft. So richtig hilfreich ist der Vergleich allerdings dann doch wieder nicht. Für die christlichen Kirchen in Deutschland stellt sich die Situation viel schlimmer, ja geradezu dramatisch dar. Der Deutsche Fußballbund hatte im Jahre 2017 noch steigende Mitgliederzahlen, während sich die Zahl der Mitglieder der christlichen Kirchen in Deutschland seit 1950 geradezu halbiert hat. Man mag das bedauern oder auch begrüßen, doch an der Tatsache ist nicht zu rütteln. Es geht in diesem Lande mit den christlichen Kirchen immer weiter bergab. Sogar die BILD-Zeitung macht sich Sorgen. In ihrer Ausgabe vom 21.7.2018 beklagt sie die schwindende Mitgliederzahl der christlichen Kirchen in Deutschland. Zieht man Taufen und Kircheneintritte ab, so verlieren die Kirchen jährlich immer noch circa 660 000 Mitglieder und dieser fortschreitende Prozess der Loslösung von den christlichen Kirchen vollzieht sich in ganz Europa. Da ist es abzusehen, wann „das Ende naht“. Nach den zur Zeit vorliegenden Statistiken fühlten sich zudem im Jahre 2017 nur noch 10 bis 15 Prozent aller Christen ausdrücklich den christlichen Kirchen verbunden. Nur diese kleine Zahl praktiziert noch den sonntäglichen Kirchgang und den regelmäßigen Empfang der Sakramente. Die anderen genießen die kirchlichen Einrichtungen nur noch in homöopathischen Dosen. Doch nicht nur das, auch das professionelle, geweihte Personal verlässt das sinkende Schiff oder betritt es erst gar nicht. Nach den Umfragen in den 27 deutschen Bistümern wurden im Jahre 2017 noch 60 Priester geweiht. Die Gesamtzahl der Priester der Kirche sinkt folglich ebenso dramatisch. So gab es nach den Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz im Jahre 1990 noch fast 20 000 katholische Geistliche, im Jahre 2016 waren es jedoch nur noch 13 856. Die Gläubigen verlassen bewusst und in Scharen die Institution, die für sie drastisch sichtbar nur noch Unzulänglichkeiten und Zumutungen bereithält. Der Grund, warum Menschen sich einer Kirche zugehörig fühlen, entzieht sich jeder Argumentation und jeder rationalen Begründung. Außerdem liefert die Institution häufig genug Skandale ihres Personals, hat aber selbst den meisten Christen nichts mehr zu sagen. 203 Die wirkmächtige Anwesenheit eines Gottes in seiner Kirche, so Ralf Miggelbrink, sei »von der gleichen geheimnisvollen Art … wie Gottes Wirksamkeit in jedem einzelnen Menschen«202. Und so schwindet sie dahin, die Schar der Gläubigen, fast unbemerkt und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Kirchen bleiben leer, werden bestenfalls zu Kneipen, wahrscheinlicher ist jedoch der Abriss, oder es wird eine Moschee daraus. Im Hamburger Stadtteil Horn, so schreibt der Spiegel im April 2018, lässt das Islamische Zentrum mit Finanzhilfe aus Kuweit eine ehemalige Kirche zu einer Moschee umbauen. Die Gemeindemitglieder waren verstorben, ausgetreten oder weggezogen. Wendet man sich jedoch der Institution Kirche zu, sucht nach tief Verwurzeltem, nach eventuell Verlorengegangenem, nach Verschüttetem, so stellt man sehr schnell fest, dass dieser Gott der christlichen Kirchen nur zu haben ist, wenn man, und dies vor allem in der katholischen Kirche, die dort definierte, dogmatisch geradezu vergewaltigte, verbogene, von Kirchenvätern ausgedachte Gestalt eines Gottes und die Lehre von der Kirche als „Leib Christi“ nicht nur akzeptiert sondern auch noch glaubend bezeugt. Im Katechismus für das gläubige Volk definiert sich die katholische Kirche selbst, legt Kerninhalte ihres Glaubens dar und formuliert bzw. erläutert ihre substanziellen Lehrsätze. »Die Kirche ist die eine, heilige, katholische und apostolische in ihrer tiefen, letzten Instanz, denn in ihr existiert schon das „Himmelreich“«203 Sie ist der »mystische Leib Christi«, das Geheimnis, das einzig und allein der Glaube erfassen kann. Sie ist das Sakrament des Heils und das Zeichen … der Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen204. Mitglieder der Kirche sind alle die, die sich nicht nur zum Glauben bekennen, sondern die sich auch »dem legitimen Hirten, dem römischen Pontifex unterwerfen«205. Wie soll selbst der verständnisvollste Betrachter es noch hinbekommen, dieser absolutistischen Kirchenvorstellung und diesen mystischen Unverständlichkeiten einen noch halbwegs sinnvollen inhaltlichen Kern abzugewinnen? Dieser Arroganz und Intoleranz begegnen, die nicht aufhört, sich selbst Exklusivrechte zuzuweisen und dann im Katechismus 202 Ralf Miggelbrink, Einführung in die Lehre von der Kirche, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, Seite 81. 203 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 257. 204 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 226 ff. 205 Jürgen Werbick, Grundlagen der Ekklesiologie, Herder Verlag, Freiburg 2009, Seite 102. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 204 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … ausführt, dass »jene Menschen nicht gerettet werden können, die sehr wohl wissen, dass die katholische Kirche … durch Jesus Christus gegründet wurde, aber nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen … «206. Auch der Theologe Wiedenhofer schreibt hierzu, dass seit »dem 3. Jahrhundert ein dogmatischer Satz zu den Selbstverständlichkeiten der katholischen Theologie gehört: „Extra ecclesiam nulla salus“ (außer halb der Kirche kein Heil)«207. Bei der Beschreibung dieser Kirche ist die Wortwahl der Kleriker schier unerschöpflich. Gleichzeitig ist sie unerbittlich, wenn es um die Präzisierung und Erläuterung der wahren Lehre geht. Doch wenn alle intellektuellen Volten nicht zum Verständnis ausreichen, dann ist die Kirche ein Mysterium, ein tiefes Geheimnis, das sich wahrscheinlich nur den überzeugten Gläubigen erschließt. Der Christ vermag nach den Aussagen der Kirche nur mit den Augen des Glaubens in der sichtbaren Wirklichkeit der Institution auch eine geistige Wirklichkeit wahrzunehmen, die dann allein Trägerin des göttlichen Lebens sein soll. So mag es nicht verwundern, dass das Dogma zur Gründung der Kirche folgendermaßen lautet: »Die Kirche wurde von dem Gottmenschen Jesus Christus gegründet«. Hat man je in der Bibel gelesen, dass der aramäisch sprechende Zimmermann von Nazareth eine Kirche gegründet haben soll? Die historische Geschichtsschreibung und die Worte Jesu, soweit sie in den Evangelien als authentische Worte gelten, belegen die bereits angesprochene Tatsache, dass dieser Wanderprediger niemals eine Kirche gründen wollte. Schon gar keine Amtskirche, eine Großkirche mit hierarchischen Strukturen, mit einem Papst in Rom, der ein Vertreter Christi auf Erden und Nachfolger eines seiner Apostel sein soll. Und trotzdem. Die Amtskirche steht dazu, obwohl es nachweislich keine Worte Jesu gibt, die an die damalige Öffentlichkeit in Palästina gerichtet waren und zur Gründung einer neuen Glaubensgemeinschaft, gar einer Kirche aufgerufen haben. Jesus wollte nie eine Sondergruppierung innerhalb des Judentums mit eigenem Glaubensbekenntnis begründen. 206 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 252. 207 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 129. 205 Nach den Worten Jesu in den Evangelien ist seine Naherwartung eine eindeutige und völlig unbestrittene Tatsache, nämlich sein Warten auf das baldige Kommen des „Reiches Gottes“. Allen Theologen ist heute geläufig und sie geben es auch unbefangen zu,208 dass es bei Jesus wirklich eine zeitliche Naherwartung gegeben hat, die sich so, wie er sie sich vorstellte und in seinen Worten formulierte, nicht erfüllt hat. In diesem Punkt hat sich Jesus von Nazareth deutlich geirrt. Auch der Theologe Jürgen Werbick folgert aus der apokalyptischen Predigt des Jesus und der auf eine langfristige Dauer angelegten kirchlichen Institution, dass diese Kirche eine „unmögliche Institution“ ist. Die Gründer der Kirche waren die frühen Kirchenväter, beginnend mit Paulus, der als erster vom „Leib Christi“ gesprochen hat. Dieser jüdische Bürger aus Tarsus gilt für Historiker und viele Theologen als tatsächlicher Schöpfer des Christentums. Er hat die Grundlagen für den Aufbau einer hierarchisch strukturierten Gemeinde und damit einer Kirche geschaffen. Seine Briefe zeigen deutlich ein Bedürfnis nach Orientierung, nach Lehrsätzen und nach Institutionalisierung für die gerade gegründeten christlichen Gemeinden. Die sogenannte Jesusbewegung in Palästina war zu Jesu Zeiten eher gekennzeichnet durch eine radikale Armut, durch jeglichen Verzicht auf Wohnsitz und Vorsorge, die Jünger Jesu setzten ihre ganze Hoffnung auf das Kommen des Friedensreiches und zwar zu ihren Lebzeiten. Zu erklären ist es schon, dass die aramäisch sprechende Jüngerschar und die judenchristliche Gemeinde in Erwartung eines apokalyptischen Endes nur sehr provisorische Organisationsformen mit den Aposteln, den Anhängern und den Ältesten aufgebaut hatten. Da das nahe Ende jedoch nicht eintrat und der Apostel Paulus Wert darauf gelegt hatte, dass auch die hellenistischen Heiden, die nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörten, in die Gemeinden aufgenommen werden konnten, entstanden christliche Gemeinden entlang der Heerstraßen des römischen Reiches und der Missionswege der Apostel, die sich dann entsprechend ihren Vorstellungen von der Botschaft Jesu eigenständig einrichteten. Auch entfalteten diese Gründungen eigene Vorstellungen von einer christlichen Gemeindeordnung auf der Basis der Paulusbriefe, mündlicher Überlieferungen und der ersten Erzählungen der Evangelisten. Diese Gemein- 208 Vgl. hierzu: Hans Küng, Die Kirche, a. a. O., Seite 499 f. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 206 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … degründungen waren personell gekennzeichnet durch die Apostel, durch Propheten und Lehrer. Erst später bildete sich dann eine hierarchische Struktur mit Bischöfen, Presbytern und Diakonen heraus, die bei der Gründung der ersten Gemeinden zunächst nur administrative Aufgaben übernommen hatten. Selbst in der Gemeinde in Rom gab es zur Zeit des 1. Römerbriefes von Paulus keine allgemein gültige Gemeindeordnung. Hans Küng hat sich sehr intensiv mit der Historie des Christentums beschäftigt und er schreibt: »So wichtig … die presbyterisch-episkopale Amtsstruktur war, so ungeschichtlich wäre es, … auf der traditionellen dogmatischen Erklärung zu bestehen, die episkopale Kirchenverfassung bestehe auf göttlicher Einsetzung durch Jesus Christus …, auf göttlichem Recht also …«209. Entgegen allem Wissen um die historischen Realitäten existiert trotzdem das Dogma zur Gründung der Kirche, das jeden Christen verpflichtet, an dieser Glaubenswahrheit festzuhalten. Interessanterweise sah sich im 20. Jahrhundert Papst Pius X genötigt, die eindeutig historisch falsche Aussage in einer dogmatischen Konstitution nochmals festzuhalten: »Die Kirche wurde vom wahren und geschichtlichen Christus selbst in der Zeit seines Erdenlebens unmittelbar und persönlich gegründet«. Dieser Papst und nachfolgende Päpste lie- ßen zwischen 1910 und 1967 noch jeden Kleriker schwören, dass die Kirche durch Christus selbst unmittelbar und direkt eingesetzt ist und dass sie auf Petrus und seine Nachfolger in Ewigkeit erbaut wurde. Zur Begründung wurde in erster Linie die Bibelstelle im Matthäusevangelium (16,18) angegeben: »Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen …«. Doch diese Bibelstelle ist, alle Theologen wissen das und Papst Pius X wusste das auch, nachweislich nicht von Jesus gesagt. Jesus sprach vom bevorstehenden Ende der Welt und nicht von der Gründung einer Kirche, die dann auch noch „auf Ewigkeit“ Bestand haben sollte. Die historisch-kritische Jesusforschung hat es an den Tag gebracht und der renommierte Wissenschaftler für die Geschichte des frühen Christentums Gerd Lüdemann sagt: »Diese Teststelle ist unecht. Der Text wurde von Petrus selbst oder seinen Anhängern Jesus in den Mund gelegt und anschließend vom Evangelisten Matthäus ins Leben Jesu vordatiert«210. 209 Hans Küng, Christentum, a. a. O., Seite 161. 210 Gerd Lüdemann, Jesus nach 2000 Jahren, zu Klampen Verlag, Springe, 4. Auflage 2014, Seite 256. 207 Die Sicht, dass Jesus die Kirche gegründet haben soll, ist aus vielen Gründen fragwürdig, da alle Evangelien erst in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus entstanden sind und die angeblichen Worte Jesu mit der jeweiligen Situation der frühen Kirche bzw. mit den Fragen der neu gegründeten Gemeinden „harmonisiert“ wurden. Allein aus diesem Grund kann diese Bibelstelle nicht als Argument zur Gründung einer Kirche herangezogen werden. Zumal alle Exegeten den ausschließlich beim Evangelisten Matthäus überlieferten Text in dem starken Verdacht haben, dass es sich um eine „nachösterliche“ Wunschvorstellung der Gemeinden handelt. Der Klerus, der Katechismus, ja die gesamte Kirche, alle ignorieren diese Tatbestände und versuchen auch weiterhin im 21. Jahrhundert mit eigenartigen Sprachbildern und intellektuellen Klimmzügen die Dogmatik zu retten und die Erkenntnisse der modernen Bibelforschung auszuklammern. Oder sie versuchen es mit Auswegen. So möge man doch bitteschön die Kirchengründung nicht an der fehlenden Intention Jesu, also an dem, was er gewollt hat, festmachen, sondern man möge auch die Wirkungsweise seines Handelns berücksichtigen, die zu dieser Kirche geführt hat. Doch der Theologe Siegfried Wiedenhofer muss auch feststellen: »Versteht man die Kirche … als Gemeinschaft der Gläubigen unter der Leitung des Papstes und der Bischöfe, so ist diese Frage mit Sicherheit mit Nein zu beantworten«211. Selbst der Journalist Rudolf Augstein, ein Katholik, konnte sich nicht vorstellen, wie die heutige Theologie das hinbekommen will. Und er fragt in seinem Jesus-Buch, wie der Klerus mit der Fragestellung fertig werden will, dass Jesus diese weltumspannende Kirche gegründet haben soll. Dies vor allem angesichts eines »auf das Judentum fixierten, die „Heiden“ verachtenden, diesen das nahe Ende der Welt verkündenden Jesus der jüdischen Tradition als den Stifter … der christlichen Kirche vorzuführen«212. Und es geht noch weiter. Jesus soll nach den Ausführungen der Theologen nicht nur diese eine heilige Kirche gegründet und in einem weiteren Dogma auch gestiftet haben, sondern er soll sogar die hierarchische Struktur mit dem Papst, den Bischöfen, den Priestern und Diakonen vorgegeben haben. 211 Siegfried Wiedenhofer in: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 55. 212 Rudolf Augstein, Jesus Menschensohn, a. a. O., Seite 110. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 208 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Das Dogma sagt: »Christus hat seiner Kirche eine hierarchische Verfassung gegeben«. Es ist schlicht und ergreifend falsch und auch nicht vorstellbar, dass der umherziehende Wanderprediger in Armut und ohne festen Wohnsitz auch noch an die Hierarchie einer zu gründenden Gemeinde, gar an eine Kirche gedacht haben könnte. Die Bildung der hierarchischen Strukturen in der Kirche lässt sich nur durch die historische Entwicklung erklären, aber nicht theologisch und erst recht nicht biblisch rechtfertigen. Bis in das 2. Jahrhundert nach Chr. hinein war eine hierarchische Struktur gar mit einem Bischof an der Spitze in den christlichen Gemeinden völlig unbekannt. Vielmehr war es so, dass die ersten gegründeten Gemeinden entlang der Hauptstraßen des Reiches vielfach ihre eigenen Vorstellungen über das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth entwickelten. Der Historiker Clauss spricht davon, dass ein wesentliches Merkmal dieser Gemeinden ihre Aufsplitterung war. Jeder Zweig dieser Jesusbewegung propagierte einen eigenen Jesus. Deshalb gab es im ersten Jahrhundert auch keine grundlegenden Glaubensanschauungen oder gar Glaubenssätze. Was es gab waren die Paulusbriefe, also die Vorstellungen von Paulus, was denn dieser Jesus gemeint haben könnte, wenn er zu seinen Anhängern sprach und außerdem die Erinnerungen derer, die ihn noch erlebt hatten. Hans Küng schreibt, dass Paulus in dieser Zeit eine Schlüsselrolle zukam. Er war es, der auch den Heiden den Glauben an den monotheistischen Gott der Judenchristen nahebringen wollte und so gründete er in Antiochia die erste Gemeinde mit Juden, die aus Jerusalem geflohen waren und hellenistisch gebildeten Heiden, die nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörten. Paulus selbst kannte die Worte Jesu auch nur vom Hörensagen. All die, die Jesus noch miterlebt hatten, waren im biblischen Alter oder bereits verstorben. Die Apostel und Propheten, deren Sichtweise noch von den Worten Jesu geprägt war und die auf das Kommen des „Himmelreiches“ gewartet hatten, wurden über die Jahre abgelöst von denjenigen, die bisher in den Gemeinden der großen Städte wie Antiochia, Alexandria, Korinth und Rom eher administrative und organisatorische Aufgaben erledigt hatten. 209 Seit dem 2. Jahrhundert findet man in den Gemeinden eine gegliederte, fest gefügte, dreigliedrige Struktur von Bischöfen, Presbytern und Diakonen. Diese übernahmen jetzt mehr und mehr die Deutungshoheit über das, was der längst verstorbene Wanderprediger nach den mündlichen Überlieferungen und den Ausführungen des Paulus so gesagt oder besser, was er nach ihrer Ansicht so gemeint und gewollt haben könnte. Die Zeit war nicht mehr gekennzeichnet durch Apostel und Propheten, sondern durch die Hierarchie von Amtsinhabern. »Diese Bischofskirchen«, schreibt der Historiker, »folgten der Aufteilung des römischen Reiches in städtischen Territorien, überhaupt korrespondierte die Organisation der Kirche mit derjenigen des Staates«213. Die Ausbildung von hierarchischen Strukturen setzte sich weiter fort und es bildeten sich in einigen Städten Bischofssitze heraus, die eine besondere Vormachtstellung beanspruchten. Je größer die Gemeinden wurden, um so „dichter“ wurde das Netz von Regeln, Vorschriften und kultischen Abläufen. Gesichert ist, dass die Feier des „Abendmahls“ in den Gemeinden praktiziert wurde und dass sie überwiegend unter dem Vorsitz eines Bischofs stattfand. Schon im 2. Jahrhundert bezeichnete sich der Bischof von Antiochia als maßgebliche Stütze eines einheitlichen Glaubens in der Gemeinde. Mehr und mehr entwickelte sich das Bischofsamt zu einer hervorgehobenen Stellung und zog sowohl die Verkündigung der Lehre als auch die Federführung bei der Liturgie an sich. Auch die Evangelien, die zunächst nach den Erzählungen der frühen Christen über das Leben Jesu verfasst worden waren, spiegelten jetzt mehr und mehr die Vorstellungen und Intentionen der Gemeindeleitungen wieder und wurden mit einer bereits „ideologisch“ gefärbten Verkündigungsabsicht ausformuliert. Die Theologin Dorothea Sattler schreibt, dass die »biblischen Schriften deutlich spiegeln, dass es von Beginn an … Missverständnisse der Sendung Jesu sowie Untreue gegenüber ihm gab«214. In den nachfolgenden Jahrhunderten führten die christlichen Gemeinden nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Mythen und den heidnischen Philosophien der Griechen und Römer, sondern sie stritten vor allem untereinander über die „reine Lehre“. Es gab verständlicherweise den Drang der Bischöfe auf eine Vereinheitlichung der Lehraus- 213 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 202. 214 Dorothea Sattler, Kirche(n), Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013, Seite 39. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 210 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … sagen für alle entstandenen Gemeinden. Dies aber nicht nur in Bezug auf die rein theologischen Fragen, sondern auch in Bezug auf die Zuständigkeiten, den Ablauf der Eucharistiefeier und die Liturgie, so zum Beispiel auf das Bußverfahren oder den kalendarischen Ostertag. Auch Hans Küng verweist in seinen Schriften unter Hinweis auf den Evangelisten Lukas und die Apostelgeschichte immer wieder darauf, dass es eine geradezu idealisierte Beschreibung von Lukas ist, wenn er so tut, als ob in den Gemeinden alle „ein Herz und eine Seele“ waren215. Der Bischof Clemens von Alexandria forderte entgegen anderer Praxis beispielsweise eine dreijährige Vorbereitungs- und Probezeit, bevor ein Anwärter getauft und in die Kirche aufgenommen werden konnte. Nach den Angaben der Historiker sind schon zu Beginn des 3. Jahrhunderts über 32 sogenannte christliche Sekten bekannt und sie beschreiben schon gegen Ende des 4. Jahrhunderts 128 konkurrierende Häresien innerhalb der Kirche. »Statt auf das ursprüngliche Zeugnis der Schriften, berief man sich auf die Tradition und die Väter. Alte oder neue Väter, oft auf willkürlich ausgesuchte und noch willkürlicher zitierte Väter«216. Die von der Kirche auch heute noch propagierte Vorstellung, dass sowohl zu Beginn des Christentums als auch in der Folgezeit nur die reine Lehre Jesu verkündet worden sei, ist eine Falschaussage und entspricht nicht der historischen Wahrheit. Bis hinein ins 16. Jahrhundert sahen sich die Bischöfe genötigt, die entwickelte hierarchische Amtsstruktur in der Kirche zu legitimieren. So erklärte das Konzil von Trient (1545–1563) ausdrücklich gegenüber der Reformation, dass die in der katholischen Kirche bestehende Hierarchie durch göttliche Anordnung eingesetzt worden sei. Die Reformatoren verwarfen die Hierarchie aus gutem Grund, doch die Konzilsväter in Trient waren an einer Verständigung mit den Häretikern nicht interessiert. Dies, obwohl die biblische Begründung für eine solche Ordnung weder damals noch heute gegeben ist. Sie legten stattdessen im Konzil eindeutig per Dekret fest und belegten jeden Leugner mit dem Bann und sagten, dass es in der katholischen Kirche eine durch göttliche Anordnung eingesetzte Hierarchie gibt, die aus Bischöfen, Presbytern und Dienern besteht. 215 Vgl. hierzu: Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 114 ff. 216 Hans Küng, Die Kirche, a. a. O.,, Seite 488. 211 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Selbst das folgende Dogma ist einfach eine Behauptung und an keiner Stelle, weder biblisch noch historisch begründbar: »Die den Aposteln verliehenen hierarchischen Gewalten sind auf die Bischöfe übergegangen«. Nicht nur die eigentliche Ämterordnung der Kirche, sondern in der Folge auch das Bischofsamt wird unter Berufung auf das Wort Jesu in seiner Stellung immer weiter hervorgehoben. Der Bischof beansprucht jetzt durch seine angeblich biblische Sendung und seine Stellung als Nachfolger der Apostel besondere Vollmachten und das nicht nur für sich, sondern auch für alle seine wie auch immer ernannten oder gewählten Nachfolger. Die Ausführungen des Katechismus lassen den Gläubigen angesichts der historischen Tatsachen weitgehend ratlos zurück: »Den Aposteln und ihren Nachfolgern wurde von Christus das Amt übertragen, in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten …«217. Eine solche Übertragung des Amtes ist ausschließlich den Gehirnwindungen der Kurie entsprungen. Es lässt sich nicht verifizieren, dass »die Bischöfe im direkten und exklusiven Sinn die Nachfolger der Apostel sind. Als unmittelbare Erstzeugen waren die Apostel von vornherein durch keine Nachfolger ersetzbar«218. Doch die Kirche steigert sich im Laufe ihrer Geschichte noch. Nicht nur, dass die Bischöfe in ihre Stellung besonders hervorgehoben werden, sondern der Bischof der Hauptstadt des Reiches bekommt darüber hinaus eine noch exklusivere Stellung. Obwohl es keine Quelle gibt, die den Apostel Petrus und mit ihm den Bischofsitz in Rom in besonderer Weise hervorhebt, wird auch dies zum Dogma: »Christus hat den Apostel Petrus zum ersten aller Apostel und zum sichtbaren Haupt der ganzen Kirche bestellt«. »Nach der Anordnung Christi soll Petrus im Primat über die gesamte Kirche für alle Zeiten Nachfolger haben«. Wie wenig authentisch die Worte Jesu aus dem Matthäus-Evangelium sind, auf die sich die Begründungen dieser Dogmen beziehen, ist ja hin- 217 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 258. 218 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 160. 212 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … länglich exegetisch nachgewiesen worden. Selbst in dem frühchristlichen Brief der Gemeinde in Rom an die Korinther, dem 1. Clemensbrief, ist nicht von einem einzelnen Verfasser, gar von einem Bischof die Rede. Weil es ihn einfach noch nicht gab, auch nicht in Rom. In diesem Brief, der um das Jahr 98 nach Chr. an die Gemeinde in Korinth geschrieben worden sein soll, werden die Vorstellungen der römischen Christen erläutert, wie die Gemeinde sich in der damaligen Welt einzurichten habe. Der Brief war gedacht als „brüderliche Zurechtweisung“, denn es gab massiven Streit in der Gemeinde von Korinth und heftige Unruhen. Historisch macht es durchaus Sinn, dass die Rolle des Bischofs, der in der damaligen Hauptstadt des römischen Reiches seinen Sitz hatte, eine besondere Stellung einnehmen wollte. Doch es gibt nirgendwo in den Schriften, geschweige denn in den Evangelien der Bibel, einen Hinweis, dass speziell dieser Jünger Petrus für alle Zeit einen Nachfolger, gar in Rom, haben sollte. Diejenigen, die den Bischofsitz in Rom innehatten, müssen natürlich ein hohes Interesse daran gehabt haben, sich als Nachfolger des Petrus zu bezeichnen und eine besonders exponierte Stellung einzunehmen. Mit diesem Anspruch war natürlich auch die Wunschvorstellung verbunden, dass außer Paulus auch Petrus in Rom gewesen sein musste. Er soll der Legende nach sogar die römische Gemeinde gegründet haben, gar als Märtyrer dort gestorben sein. Dies ist jedoch eine klare Fälschung der Geschichte, die sich erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts als Erzählung in den Gemeinden entwickelte. Bemüht man die historischen Fakten, so ist die römische Gemeinde weder von Paulus noch von Petrus gegründet worden. Es bestand schon vor dem Besuch von Paulus in Rom eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Judenchristen gegründet worden war. Es gibt kein zuverlässiges Zeugnis dafür, dass Petrus jemals der lokalen Kirche in Rom als Oberhaupt oder Bischof vorstand. Noch gibt es einen Anhaltspunkt dafür, »dass Petrus jemals in Rom gewesen wäre. Ebenso wenig kann man aus dem Clemensbrief einen Märtyrertod des Petrus entnehmen«219, schreibt die Theologin Uta Ranke-Heinemann. Man kann es kaum glauben, doch im Juni 1968 verkündete Papst Paul VI, dass acht Knochensplitter, die bei Ausgrabungen unter dem Petersdom in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden worden waren, die Knochen des Apostels Petrus sein sollen. Sie wurden in der Ka- 219 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 257. 213 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … pelle der päpstlichen Wohnräume aufbewahrt und bei einer Messe auf dem Petersplatz im November 2013 öffentlich gezeigt. Trotz der Tatsache, dass Historiker und Archäologen die Anwesenheit von Petrus in Rom stark bezweifeln und es keinen sicheren Nachweis gibt, bestimmte der Papst. Der Knochenfund in Rom war einfach zu wichtig … Bis zum Jahre 313 nach Chr. waren die Christen durch die römischen Kaiser zeitweise Verfolgungen ausgesetzt und die Bischöfe der einzelnen christlichen Gemeinden im Reich hatten bis dahin eine eher lokale Bedeutung. Nichtsdestotrotz war der Bischofsitz in Rom schon ab dem 3. Jahrhundert unter den Kirchenvätern sehr gefragt, ja geradezu lukrativ, obwohl die Kirche im Reich noch nicht etabliert war. Ab dem 4. Jahrhundert übernahmen dann die Bischöfe, vor allem die aus den Hauptstädten der römischen Provinzen, eine führende Rolle. Allgemein wurde ihre Autorität anerkannt und auf den ersten Konzilien im 4. Jahrhundert auch respektiert. War man allerdings unterschiedlicher Meinung in Glaubensfragen, so konnte der Streit auch mal tödlich enden oder man exkommunizierte sich gegenseitig. Es waren jedoch eher die Bischöfe von Antiochia, Alexandria und Konstantinopel, die sich bei theologischen Fragen besonders profilierten. Der Bischof von Rom spielte in dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle. Die theologischen „Hochburgen“ lagen in Nordafrika, Syrien und in Kleinasien. Der Historiker Manfred Clauss schildert eindrucksvoll die Auseinandersetzung um den Bischofsitz in Rom, nachdem das Christentum von der römischen Obrigkeit begünstigt worden war. Der Streit eskalierte zwischen den Klerikern Damasus und Ursinius in der Zeit zwischen 366 und 384 nach Chr., die beide den Sitz »und die fetten Pfründe in Rom anstrebten. Ihre Anhänger lieferten sich regelrechte Straßenschlachten mit Toten und Verwundeten … am Ende siegte Damasus, doch, wie jedermann weiß, gab es allein in einer Kirche insgesamt 137 Tote, die an einem einzigen Tag erschlagen wurden …«220. Es bleibt der totale Widerspruch zu allen biblischen Aussagen. Trotzdem nehmen im Laufe der historischen Entwicklung die Bischöfe in Rom den angeblich von Jesus formulierten Vorrang für sich in Anspruch, und dies, obwohl dieser Vorrang noch bis zur Zeit des Kirchenvaters Augustinus keine allgemein gültige Anerkennung in der Kirche gefunden hatte. 220 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 212. 214 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Erst ab dem 5. Jahrhundert spricht man vom Papst, von einem römischen Primat, der dann in der Kirchengeschichte, trotz der vielen Abspaltungen, für eine gewisse Stabilisierung der Institution gesorgt hatte. Andererseits führte die römische Vorstellung von der Lehre Christi und die praktische Ausübung des Bischofsamtes in Rom auch zu einer straff organisierten Großkirche, die über die Jahrhunderte hinweg mit nahezu allen Mitteln immer weiter ausgebaut wurde. Dieser Ausbau geschah immer mit Blick auf die Vormachtstellung des Papstes gegenüber den anderen Bischöfen. So entwickelten sich im Laufe der Zeit in Rom geradezu monarchistische Verhältnisse, die immer mit dem Hinweis auf die angeblich von Jesus an Petrus und seine Nachfolger gegebenen Vollmachten und Gewalten begründet wurden. Heute weiß man, dass die besondere Stellung des Petrus innerhalb der Schar der Jünger Jesu und damit auch die Stellung seiner Nachfolger nicht mehr vertreten werden kann. Die entsprechenden Behauptungen der Konzilstexte sind historisch nicht zu überprüfen. Doch im Stillen glauben die Theologen immer noch dran, auch wenn neutestamentliche Quellen nicht von einem Nachfolger sprechen. Blickt man in die Historie, so spielte bei der Spaltung der Kirche in eine katholische und in eine orthodoxe im Jahre 1054 der Umfang und die Reichweite des Primatsanspruchs durch Rom bereits eine wichtige Rolle. Im Jahre 1302 formulierte Papst Bonifatius VIII in seiner Bulle „Unam Sanctam“ seinen Machtanspruch und den Vorrang der geistlichen vor der weltlichen Macht. Und wurde prompt vom König von Frankreich, Philipp VI, unter Arrest gestellt. Das Konzil von Konstanz erklärte zwar im Jahre 1415, dass das Konzil über dem Papst stehe, jedoch machte der Papst Leo X im Jahre 1516 klar, dass dem wohl doch nicht so ist. Die päpstliche Autorität, erklärte er in seiner „Bulle“, »obwohl sie von einem Menschen gegeben worden ist und von einem Menschen ausgeübt wird, ist nicht menschlich, sondern göttlich«. So richtig ist es nicht zu glauben. Mehr als 1800 Jahre nach dem Tode von Petrus in der Mitte des 19. Jahrhunderts werden dem Oberhirten der katholischen Kirche und allen seinen Nachfolgern, man bedenke immer die nicht nachweisbare apostolische Thronfolge (Sukzession), Gewalten verliehen, die sich die Päpste in der Kirchengeschichte zwar immer schon herausgenommen hatten, die aber jetzt zum Dogma, zum Glaubenssatz, für alle Katholiken wurden. 215 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Am Morgen des 18. Juli 1870 soll ein gewaltiges Gewitter über der Stadt Rom getobt haben. Man hatte den Eindruck, der Vatikan und die Bischöfe des 1. Vatikanischen Konzils sollten beeindruckt werden. Während ein Kleriker die Endfassung der dogmatischen Konstitution vorträgt, geht nach den Angaben der Historiker eine Fensterscheibe über dem Papstthron zu Bruch. Doch die Konzilsväter lassen sich nicht beirren. Papst Pius IX hatte das Vatikanische Konzil im Jahre 1868 einberufen, um die kirchliche Gesetzgebung der modernen Zeit anzupassen und sogenannte Irrtümer, die sich in der Gesellschaft und in der Kirche breitgemacht hatten, abzuwehren. Seit seiner Wahl im Jahre 1846 hatte sich die politische Landschaft in Europa durch Revolutionen, Kriege und nationale Bewegungen stark verändert. Auf diese Veränderungen reagierte der Papst jedoch nicht mit der Öffnung der Kirche, sondern mit deutlicher Abgrenzung gegenüber diesen Entwicklungen, den „Zeitirrtümern“ des 19. Jahrhunderts. Vor allem aber ging es ihm um eine Stärkung seiner eigenen Position innerhalb der Kirche. Im Jahre 1854 hatte er mit dem Dogma der „Unbefleckten Empfängnis Marias“ seine Vorstellung vom Papstamt als Haupt der Kirche bereits eindrucksvoll demonstriert. Und so kam es, wie es kommen musste. Obwohl stark umstritten, wurde die Konstitution „Pastor Aeternus“ im Juli 1870 in Anwesenheit des Papstes mit 533 Ja-Stimmen und nur 2 Gegenstimmen verabschiedet. An dieser letzten Abstimmung nahmen 60 Bischöfe schon nicht mehr teil. Sie waren bereits abgereist, um nicht gegen ihre Überzeugung abstimmen zu müssen. Die Inhalte dieser Konstitution beschäftigen sich im Wesentlichen mit der Frage der obersten Befehlsgewalt, der sogenannten „Jurisdiktionsgewalt“ des Papstes und mit seiner Unfehlbarkeit. Es wird ausdrücklich festgestellt, obwohl historisch und biblisch nachweislich falsch, dass Christus dem Petrus und allen seinen Nachfolgern diese oberste Gewalt verliehen habe und dass der von Christus gestiftete Primat der römischen Bischöfe bis in alle Ewigkeit Bestand haben soll. Dass alle Urteile und Glaubensaussagen des Papstes durch keine andere Autorität in dieser Welt, also auch nicht durch eine Versammlung aller Bischöfe, aufhebbar oder abänderbar seien. 216 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … So entstanden die Dogmen: »Der Papst besitzt die volle und oberste Jurisdiktionsgewalt über die gesamte Kirche, nicht bloß in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in der Kirchenzucht und der Regierung der Kirche«. »Der Papst ist, wenn er ex cathedra (vom Lehrstuhl aus, Kraft seines päpstlichen Lehramtes) spricht, unfehlbar«. Papst Pius IX hatte schon lange intensiv daran gearbeitet, seine geistliche aber auch seine weltliche Macht über den zu dieser Zeit noch bestehenden Kirchenstaat hinaus, der von Rom und Latium ausgehend bis zur Adria reichte, für alle Zeiten festzuschreiben. Er hatte bereits im Dezember 1864 eine Enzyklika herausgegeben, in der er 80 Thesen aufstellte, die für die gläubigen Christen mit hoher Verbindlichkeit versehen waren. Diese Thesen beschreiben nach seiner Überzeugung die Irrtümer der gesellschaftlichen Anschauungen und Prinzipien des politischen Liberalismus, die er strikt ablehnte221. Es ist zum Beispiel nach päpstlicher Überzeugung abzulehnen, dass es »jedem Menschen freistehe, die Religion anzunehmen, welche er im Lichte der Vernunft für wahr hält«. Oder dass die »menschliche Vernunft nicht ausreiche, um das Wohl der Menschen und Völker zu sichern«, sondern es müsse immer auch Gott einbezogen werden. Bei genauer Betrachtung, so schreibt der Theologe Bernhard Hasler über Papst Pius IX, »deuten verschiedene Charakterzüge – sein abstruser Mystizismus, seine despotischen Ausbrüche, sein Altersstarrsinn – darauf hin, dass er schon zur Zeit des Konzils möglicherweise nicht mehr voll zurechnungsfähig war«222. Offensichtlich war nur diesem Papst klar, trotz der zahlreichen Bischöfe, die eine andere Überzeugung hatten, dass der „göttliche Erlöser“ ihm diese „Unfehlbarkeit“ zuspricht und alle Nachfolger mit diesem Dogma ausgestattet sein sollen. Es erstaunt nicht, dass der Originaltext der dogmatischen Konstitution dies explizit auch zum Ausdruck bringt. »Die endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind aus sich heraus und nicht aufgrund 221 siehe hierzu: www.wikipedia.org/wiki/syllabus-errorum/… 222 Zitat aus: „Der Spiegel“ 37/1979. 217 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … der Zustimmung durch die Kirche unabänderlich … Und wenn sich jemand herausnehmen sollte, … dieser Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen«. Der Theologe Ludwig Ott behauptet in seinem Standardwerk, dass der Heilige Geist im Spiel gewesen sei und meint, »der Grund der Unfehlbarkeit ist der übernatürliche Beistand des Heiligen Geistes, der den obersten Lehrer der Kirche vor Irrtum bewahrt«223. So ist es nur folgerichtig, dass der Vatikan diesen „Kirchenfürsten“ am 3. September des Jahres 2000 seligsprach. Da geht also ein Mensch hin, zugegebenermaßen ein theologisch vorgebildeter Mensch, der jedoch genauso wie du und ich mit seinen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat, der menschliche Bedürfnisse entwickelt, sogar Bedürfnisse, die er als Kleriker der Kirche verdrängen muss, der Gesundheit und Krankheit erlebt, der seine Notdurft verrichtet wie jedermann, dieser Mensch behauptet nun, nur er wisse und dürfe für alle Menschen dogmatisch festlegen, was denn der „göttliche Erlöser“ gesagt haben würde, wenn er denn noch leben würde oder gesagt haben wollte, wenn er noch dazu gekommen wäre. Nur er weiß, dass der angebliche Schöpfer dieser Erde genau ihn mit Fähigkeiten ausgestattet wissen will, die ihn befähigen, etwas zu einer Glaubenswahrheit zu erheben, was er selbst zu sagen nicht mehr in der Lage war. Auch Kardinal Müller kennt das Wissen um das Papstamt und sagt, dass die päpstliche Autorität, die in der Nachfolge Petri steht, »jeder theoretischen Begründung durch die Schrift und aus der Überlieferung vorausgeht«224. Was er auch tut, dieser Papst, kraft seines Amtes, die Aussagen der Bibel sind allemal nachrangig. Papst Pius IX erlitt allerdings im Jahre 1870 Schiffbruch, zumindest bezogen auf seine weltliche Macht. Kaum waren die Dogmen in der Welt, zogen die Franzosen nur ein paar Wochen später ihre römischen Schutztruppen ab und die königstreuen Italiener eroberten den Kirchenstaat in kurzer Zeit. Der Papst war seine weltliche Macht los und zog sich hinter die Mauern des Vatikan zurück. Er verließ den Vatikan nicht mehr, bis zu seinem Tode im Jahre 1878. Die Teilnehmer an der Eroberung und Einnahme des Kirchenstaates hatte er vorher noch mit dem Kirchenbann belegt und er verbot auch 223 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 347. 224 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 617. 218 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … im Jahre 1874 den italienischen Katholiken die Teilnahme an den demokratischen Wahlen. Beim 2. Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) hörte sich das dann alles ganz anders an. In seiner Konstitution „Lumen gentium“ formulierte Papst Paul VI zum Thema Unfehlbarkeit des Papstes im Jahre 1964 es so: »Die Gesamtheit der Gläubigen … kann sich nicht irren«. Jürgen Werbick beschreibt: »Das Unfehlbarkeitsdogma des 1. Vatikanischen Konzils gilt … als der traditionalistische, wenn nicht gar fundamentalistische Sündenfall der katholischen Kirche am Beginn der Moderne«225. Doch auch die Konzilsteilnehmer des 2. Vatikanischen Konzils blieben dabei, die Wirklichkeit der Kirche sei eine Wirklichkeit mit hierarchischer Struktur und einem „mystischen Leib“. Die katholische Kirche sollte aber auch den Weg Christi in Armut gehen. Davon ist jedoch trotz aller Gesten des heutigen Papstes nicht viel zu sehen. Schon Anfang des 21. Jahrhunderts schätzte der Sozialwissenschaftler Carsten Frerk das Vermögen der Kirche allein in Deutschland auf circa 270 Milliarden Euro226. Die Kirche möchte zwar an den Idealen der Bergpredigt festhalten, sie hat jedoch auch nach ihren eigenen Aussagen den Bedingungen der „irdischen Realität“ Rechnung zu tragen. Mittlerweile erkennt die Kirche andere religiöse Vorstellungen oder Religionsgemeinschaften auch an, weiß sich aber gottlob auf der sicheren Seite. Während die anderen, wenn auch im Schatten und in Bildern, noch nach Gott suchen, hat sie den rechten Glauben bereits gefunden. Ganz exklusiv, nur sie und so drückt sie das dann auch aus: »Christus ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die katholische Kirche«227. Den protestantischen Kirchen ist diese Exklusivität leider nicht gegeben, denn aus katholischer Sicht fehlt ihnen das »gültige Episkopat«. Das fehlende Bischofsamt ist der Defekt, mit dem sie zu leben hat, vor allem ein Bischofsamt mit voller apostolischer Sukzession. Will heißen, ihnen fehlt das, was man eine Thronfolge nennt, beginnend von Christus über die Apostel bis zu den heutigen Bischöfen in ununterbrochener Reihenfolge. Eine solche Betrachtungsweise ist historisch gesehen natürlich blanker Unsinn, eine ununterbrochene Folge der Amtsträger hat es nie ge- 225 Jürgen Werbick, Grundfragen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 178. 226 Siehe hierzu: www.wikipedia.org/wiki/vermoegen_der_roemisch-katholischen_ Kirche/… 227 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 238. 219 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … geben. Der Theologe Jürgen Werbick klärt uns auf: »Es müsse endlich theologisch folgenreich eingestanden werden, das das formal-juristische Verständnis der Sukzession … eine Fiktion ist«228. Auch sei der Protestantismus, wie viele andere christliche Gemeinschaften nicht Kirche im eigentlichen Sinne, so Papst Johannes Paul II in seiner Erklärung „Dominus Jesus“ aus dem Jahre 2000, weil sie »die vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt habe«. Was soll man zu einer solchen Formulierung nur sagen: die vollständige Wirklichkeit eines Mysteriums? Doch einen anderen Weg zum Heil gibt es nicht, da ist sich die Kirche sicher und das Dogma ist sehr deutlich: »Die Zugehörigkeit zur Kirche ist für alle Menschen heilsnotwendig«. Diese Sichtweise des Klerus der katholischen Kirche auf die Welt erklärt auch, wieso es zu den unverständlichen Formulierungen und peinlichen Entgleisungen vom damaligen Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch 2007 in Lateinamerika kommen konnte. Dort hatte er doch bei der Er- öffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im brasilianischen Aparecida erklärt, mit der Verkündigung des Evangeliums sei den Ureinwohnern keine fremde Kultur aufgezwungen worden. Vielmehr »hätten die Indianer die Christianisierung still herbeigesehnt«. Menschenrechtler sprachen von einer ethnozentrischen, rassistischen und wenig respektvollen Sicht auf die indigenen Kulturen Lateinamerikas. Es drängt sich die Frage geradezu auf, wie die Kirche zu so einer dogmatisch gefestigten Behauptung zur Gründung ihrer Institution kommen konnte. Es gibt häufig Fragen, die offensichtlich nicht nur einfach zu stellen sind, sondern die auch, entgegen der Ansicht der Theologie, recht einfach zu beantworten sind. Diese Beantwortung fällt jedoch anders aus, als es die Dogmatik der Kirche vorgibt. Jesus hat diese römischkatholische Kirche nicht gegründet. Punkt. Anders lautende Aussagen entbehren, wie wir gesehen haben, jeder Grundlage. Angesichts einer solchen Großorganisation mit weit über einer Milliarde Mitglieder weltweit darf man es sich aber nicht zu einfach machen. War vielleicht doch eine göttliche Fügung im Spiel? Soweit man die historische Entwicklung betrachtet, wird überdeutlich, dass immer Men- 228 Jürgen Werbick, Grundlagen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 111. 220 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … schen am Werke waren. Menschen, die zwar von sich behaupteten, einen besonderen Zugang zum Göttlichen zu haben, die aber so handelten, wie dies Menschen eben tun. Interessengeleitet, machtbesessen, zuweilen über Leichen gehend oder auch menschenfreundlich, nach dem Heil suchend und dem Irrtum unterliegend. Auf Jesus als den Stifter einer Kirche kann sich jedenfalls niemand berufen! Dies schwant auch dem noch aktiven Pfarrer Rainer Maria Schießler der Münchner Heilig-Geist-Gemeinde, der in seinem aktuellen Buch ausführt: »Christus war der Allerletzte, der an die Gründung einer Amtskirche oder die Formulierung eines Katechismus oder an Enzykliken und Synoden gedacht hätte … Dass es die katholische Kirche automatisch ewig geben muss, … halte ich für einen folgenschweren Irrtum … Es könnte auch sein, dass die Menschen finden, 2000 Jahre seien genug«229. Doch Gerhard Kardinal Müller, der zeitweise maßgebende Theologe der Kurie in Rom, weiß es wieder einmal besser und er glaubt, dass die Kirche keine von Menschen gegründete Religionsgemeinschaft ist, sondern dass sie ein von Gott gestiftetes Mysterium der Einheit der Menschen mit Gott ist. Wie man es auch dreht und wendet, die Tatsache bleibt, dass dieses Mysterium menschlichem Geist entsprungen ist. Der Apostel Paulus und nachfolgende Kirchenväter entwickelten die Lehre von der Kirche und legten Dogma für Dogma in Synoden und Konzilien fest. Wenn das Wesen der Kirche nur als Mysterium des Glaubens voll erfasst werden kann, dann wird es auch ein Mysterium der Kleriker bleiben, das von ihnen in einer eigenartigen Bildersprache und mit seltsamen Formulierungen wie: „Braut Christi“, „Schiff Petri“ oder „Herde Gottes“, umschrieben wird. Den Menschen ist sie nicht zu vermitteln, diese Diskrepanz zwischen den Vorstellungen des Predigers Jesus in der Bibel und der kirchlichen Großorganisation, so wie sie sich heute darstellt. Doch der Klerus hält verdrossen an allen Dogmen fest. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ist es den Theologen doch tatsächlich gelungen, durch Sprachbilder wie „Weinberg des Herrn“, „Leib Christi“ oder „Tempel des Heiligen Geistes“ einer großen Zahl von Menschen eine solche angebliche Wahrheit zu vermitteln. Dies war jedoch nur möglich, wie Franz Buggle es beschreibt, durch eine »umfassende Desinformation einen Zustand weitgehender Uninformiertheit, ja man 229 Rainer M. Schießler, Himmel, Herrgott, Sakrament, Kösel Verlag, München 2018, Seite 21. 221 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … kann es so hart formulieren, eine weitgehende Infantilisierung des religiösen Wissensstandes auch bei sogenannten „Gebildeten“«230. Man schaut sich um. Steht auf dem Petersplatz in Rom und betrachtet die irdische Realität. Dieses imposante Gebäude, diese beeindruckende Architektur, dieser Platz. Auch und gerade gegen Abend, wenn der Lärm des Straßenverkehrs und die Sirenen der Polizeifahrzeuge abgenommen haben und wenn die Touristen in die Stadt „eingetaucht“ sind. Diese kulturelle Fülle, sie ist geradezu überwältigend, diese beeindruckende menschliche Leistung, dieser kulturhistorisch bedeutsame Ort der Menschheit, man kommt sich ganz klein vor, als Mensch, als „armer Sünder“, vor so viel irdischer Herrlichkeit. Eine von Menschen geschaffene Prachtentfaltung, aus reiner Glaubensüberzeugung. Zur grö- ßeren Ehre Gottes … oder sollte man doch besser sagen, zur größeren Ehre der Kurie? Kann ein Gott dies denn alles gewollt haben, soviel Pracht und Herrlichkeit im Diesseits, soviel Autorität und Geltung, soviel Ansehen und Vermögen, angesichts des vielen Elendes in der Welt? Doch, der Gott der Christenheit muss es gewusst haben, nicht als Mensch, wohl aber als Gott … Man mag nicht daran denken, es nimmt einem die Erhabenheit des Augenblicks. Wie die gigantischen Kosten dieses Dombaus finanziert wurden, wie der „Peterspfennig“ eingetrieben wurde, wie der schwunghafte Handel und Verkauf der Ablassbriefe betrieben wurde, wie dies zwar nicht der alleinige Grund, aber ein wesentlicher Anlass für Luther war, seine Thesen zu formulieren, wie dies zur Reformation führte, wie dies dann halb Europa in den 30-jährigen Krieg stürzte, der als Religionskrieg begann und ganze Landstriche in Schutt und Asche legte, wie dieser Kampf der Konfessionen zu Millionen von Toten und Verwundeten führte, und, und, und … Man hält einen Moment inne … und es fällt einem der Wanderprediger am See Genezareth ein. Der Unterschied, ja der Widerspruch zum Jesus der Bibel, er ist so eklatant, er ist so augenfällig. Eine solche Machtfülle über Gläubige, eine solche Hierarchie, ein solcher Luxus, eine solche Prachtentfaltung, kann er sich nicht ausgedacht haben, kann er sich nicht vorgestellt und auch nicht gewollt haben. 230 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Alibi Verlag, Aschaffenburg 2012, Seite 413. 222 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Hier hat sich über die Jahrhunderte hinweg eine Institution etabliert mit monarchischen Zügen, mit Machtgehabe, nicht mit Gebet, sondern vor allem mit Intrigen, mit Gewalt, mit Krieg und Folter, mit Blut und Verrat. Wo ist der Ursprung geblieben, der Anfang, der Prediger mit seinen Jüngern? Er verschwindet angesichts der Männer in unterschiedlich gefärbten „Frauenkleidern“, angesichts der Marmorstatuen, der Gemälde und der Mauern des Vatikan. Wenn sich heute lärmend Touristenmassen durch die Vatikanischen Museen schieben, sich unangemessen mit halb versteckten Smartphones in der Sixtinischen Kapelle gebärden und trotz der Ermahnungen der aufsichtsführenden Geistlichkeit keine Ruhe einkehrt, dann unterscheidet sich dieser Ort nicht von anderen Sehenswürdigkeiten auf dieser Welt. Dann wird klar, hier handelt es sich nicht um einen vermeintlich geheiligten Ort, sondern auch nur um eine einzigartige, kulturhistorisch bedeutsame Stätte, die ihre Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft. Die nicht mehr gläubig ergriffen betrachtet wird, sondern von Touristen besichtigt wird, wie der Eiffelturm, die Chinesische Mauer, wie der Kreml oder das Schloss Windsor. Die Ideale des Wanderpredigers sind vergessen, man trägt dann doch eher der irdischen Realität Rechnung. Aus der Schrift lässt sich für die „Gemeinschaft der Gläubigen“ nur Armut herauslesen, Verzicht, Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Alles keine Kategorien mehr, die eine heutige Gesellschaft anstrebt. Aus den Ausführungen und kommentierenden Anmerkungen der Theologen zur Gründung einer Kirche und zum Wirken Jesu, aus der Begleitliteratur zur Bibel und Kirche, aus dem Katechismus und der Dogmatikliteratur ist rein gar nichts zu entnehmen. Dort findet man nur Worthülsen, komplizierte Wortgebilde, Wissenschaftsgeschwurbel und Unverständlichkeiten, statt sich zu orientieren am 1. Korintherbrief des Paulus (14,19): »In der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, um auch andere zu unterweisen als zehntausende Worte in Zungen …«. Selbst Hans Küng, dem ehemaligen Theologieprofessor aus Tübingen, ist es schon aufgefallen: »Theologen verstehen es bisweilen besonders gut, in Wesentlichem um die Sache herumzureden, statt sie beim Namen zu nennen«231. Beispielhaft, ich kann es dem Leser nicht ersparen, die Ausführungen des Fundamentaltheologen Jürgen Werbick zur Sendung Jesu. Was 231 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 42. 223 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … wirklich seine Sendung war, formuliert er so: »In Absetzung vom herkömmlich-neuscholastischen, instruktionstheoretischen oder informationstheoretischen Offenbarungsverständnis, das am Modell der Übertragung einer heilswichtigen Information zur Rettung der Sünder aus dem ewigen Verderben bzw. der entsprechenden Lehre vom Informanten Gott auf den Adressaten Menschheit hin orientiert ist, geht man hier von einer Selbstoffenbarung Gottes aus: Gott zeigt sich den Offenbarungszeugen als zu ihrem Heil Handelnder; zugleich bezieht er sie in seinem Heiligen Geist auf den von ihm initiierten und getragenen Handlungszusammenhang Gottesherrschaft …«232. Verständlich ist diese Sprache nicht, soll sie wohl auch nicht. Wie sagt es Ralf Miggelbrink, »der Glaube der Kirche ist zunehmend der Glaube der Kleriker, dem der Glaube des „einfachen Volkes“ … zugeordnet ist«233. Die Bundesbürger würden ja gerne „die Kirche im Dorf “ lassen, doch hineingehen, gar am Sonntag zum Gottesdienst, dafür gibt es kaum einen Grund, höchstens noch, um einen Raum der Ruhe zu finden, in der Hektik der Großstadt, so zwischen zwei Besuchen eines Shopping-Centers. Vermeintlich göttliches Handeln wird sicher nicht durch die Kleriker erfahren, nicht im Kirchenschiff durch Predigt, Bekenntnisse und Liturgie und nicht durch Gebote, hierarchische Unterordnung und Gehorsam gegenüber der Kirche. Auch nicht durch das Singen von Liedern, deren Texte häufig die Absicht der Kirche allzu deutlich erkennen lassen: »… ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihre Lehren …« Die Botschaft ist hohl geworden, ist eine Hilfskonstruktion im Rahmen der Liturgie, ohne Fundament, bleibt unverständlich und hat tatsächlich nicht mehr die Lebensverhältnisse der Menschen im Blick. Auch scheint die Diskrepanz zwischen den „Laien“ und den zölibatär lebenden, wissenschaftlich gebildeten Absolventen einer Seminarausbildung immer größer zu werden. So werden notwendigerweise Gemeinden bei schwindenden Mitgliederzahlen zu sogenannten Pastoralverbünden zusammengelegt und die Kirche bleibt weitgehend auf die „Überhöhung“ bürgerlicher Feiern reduziert. Vielleicht hat ja der Münchner Pfarrer Schießler Recht und die Menschen sagen sich, 2000 Jahre sind genug. Dann bliebe am Ende nur noch 232 Jürgen Werbick, Grundfragen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 122. 233 Ralf Miggelbrink, Einführung in die Lehre von der Kirche, a. a. O., Seite 149. 224 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … die humorvolle Anekdote: »Der Papst steht vor der Himmelstür. Petrus empfängt ihn. Der Papst sagt: „Ich bin der Stellvertreter Gottes auf Erden, lass mich rein“. Petrus erwidert: „Gottes Vertreter auf Erden, kenne ich nicht, aber ich kann ja mal den Chef fragen“. Petrus fragt also Gott, doch dieser kennt den Mann auch nicht. „Ich schicke mal meinen Sohn, vielleicht kennt der ihn“. Jesus vergewissert sich des Mannes vor der Himmelstür, kommt grinsend zurück und sagt zu Petrus: „Du, der kleine Fischerverein, den wir damals gegründet haben, den gibt es immer noch“«. Allerdings wäre dieser Verein nicht nur der älteste, sondern auch der reichste auf der Welt. 225 9 Wenn der Mensch beim Computerspiel Punkte sammelt … Wer wollte das nicht? »Alt wie ein Baum möchte ich werden, genauso wie der Dichter es beschreibt«. Dieser Anfangstext eines Liedes der ehemaligen DDR-Rockband „Puhdys“ aus dem Jahre 1976 beschreibt die ewige Sehnsucht der Menschheit nach einem langen und erfüllten Leben und das selbstverständlich bei guter, um nicht zu sagen „strotzender“ Gesundheit. Schon im uralten Gilgamesh-Epos der Sumerer aus der Zeit um 1900 vor Chr. in Mesopotamien wird ein König Uruk beschrieben, der bei der Suche nach einem Lebenskraut über die gesamte Erde wandert, um ewige Jugend und ein langes Leben, gar die Unsterblichkeit, zu erlangen. Doch auch er wird eines Besseren belehrt. Das ewige Leben bleibt den Göttern vorbehalten, während die Menschen dem Tod nicht entrinnen können. Der Tod kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche, bei dem einen früher, dem anderen später, aber immer mit tödlicher Sicherheit. Es gilt das Gesetz der Natur vom Werden und Vergehen, dem selbstverständlich auch der Mensch als Teil der Natur unterliegt. Auf diese großen Fragen des menschlichen Lebens hat leider auch die Wissenschaft bis heute keine Antwort. Woher wir kommen, wohin wir denn gehen und was dieses irdische Leben denn eigentlich soll. Wie sich fügen, sich gar anfreunden, mit dieser verteufelten Endlichkeit der menschlichen Existenz. Am Ende bleibt leider nur die Erkenntnis, dass nach dem Tode die Zellen des Körpers abgebaut werden, wir wieder zu „Staub“ werden und wir uns als Teil des schier unendlichen Universums begreifen müssen. Auch wenn es nur schwer zu ertragen ist, die Vergänglichkeit ist Teil des menschlichen Lebens und sie betrifft jeden. Eine darüber hinausgehende Vorstellung von einem Leben nach dem Tode, von einem angeblich hö- 226 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … heren Sinn der menschlichen Existenz, ein solcher Tatbestand ist nicht auszumachen. Auch gibt es kein nach dem Tode zu erreichendes Ziel oder gar einen Zustand in irgendwelchen himmlischen Sphären, den es anzustreben gilt. Nach dem Tode ist einfach alles aus. Da aber gerade im Tode das Rätsel der menschlichen Existenz eine Dimension erreicht, die dem eigenen Vorstellungsvermögen nicht zugänglich ist, sucht der lebende Mensch zu allen Zeiten und in allen Kulturen nach dem Sinn und nach Erklärungen. Doch er findet nichts weiter als die Tatsache, dass sein Leben ziemlich bedeutungslos ist. Und mehr noch, er sucht nach einer Möglichkeit oder wenigstens nach einer Hoffnung darauf, dass es etwas gibt, das diese irdische Existenz überdauert. Der Journalist Peter Henkel spricht davon, dass der Mensch immer wieder auf »den Gedanken des Unendlichen verfällt, auf die Existenz eines Vollkommenen, der ihm die Hand reicht und ihn vor dem Sturz ins Nichts bewahrt«234. Es ist der Tod selbst, der immer wieder die Frage nach dem Leben jenseits des Todes aufwirft. Früher oder später sucht jeder Mensch nach einer plausiblen Antwort. Doch diese Fragestellungen sind nicht nur so alt wie die Menschheit, sondern sie sind auch unbeantwortet seit Anbeginn des bewusst geführten menschlichen Lebens. Die Suche nach dem tieferen Sinn, die verständliche Sehnsucht, die Hoffnung, dass nach dem Tode doch nicht alles aus ist, sie treibt die Menschen um. Der Homo sapiens scheint geradezu unfähig zu sein, sich seine eigene Nichtexistenz vorstellen zu können. Dass man nicht mehr da ist, einfach so, ohne Grund, der Gedanke widerstrebt zutiefst. So entwickelt sich bei den meisten Menschen das Bedürfnis, diesen Angst machenden Zustand aufzuheben, an eine Instanz zu glauben, die ein Weiterleben nach dem Tode verspricht. Es entfaltet sich ein geradezu unbändiges Verlangen nach den möglichen Angeboten der Religionen. Diese Angebote formulieren Antworten, zumeist sehr dogmatische Antworten auf die Grundfragen nach dem Lebenssinn, nach dem Tod und nach dem „ewigen“ Leben. Auch das Christentum bietet ein religiöses Weltbild, das vielen Menschen eine Perspektive über den Tod hinaus liefert und Trost vermittelt. Auch wenn dieses Bild Vernunftargumenten oder gar wissenschaftlichen Forschungen nicht zugänglich ist, so bietet 234 Peter Henkel, Ach, der Himmel ist leer, Frieling Verlag, Berlin, 3. Auflage 2010, Seite 151. 227 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … es doch denen Hilfe, die daran glauben und so mit der Tatsache des Todes besser fertig werden können. Die katholische Kirche hat zudem eine spezielle Antwort parat. Sie verspricht nicht nur ein Leben nach dem Tode, sondern sogar „die Auferstehung des Fleisches“. Der Katechismus für die Gläubigen drückt es so aus: »Das christliche Credo unseres Glaubens … gipfelt in der Verkündigung, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt«235. Besser kann die Lösung nicht ausfallen, wenn sogar nach dem Tode nicht nur »die unsterbliche Seele weiterlebt, sondern auch unsere sterblichen Leiber wieder lebendig werden« (Röm 8,11), ja dann ist doch alles gut. Doch so einfach ist es mit dem ewigen Leben nun auch wieder nicht. Die Vorstellung vom Lebendigwerden des sterblichen Leibes ist bei Licht betrachtet alles andere als tröstlich. Die Vorstellung von einer Seele, die getrennt vom Leib existieren soll und die unsterblich ist, macht die kirchliche Lehre von den letzten Dingen nicht gerade verständlicher. Die katholische Kirche verspricht das Heil, das ewige Leben nach dem Tode, nur unter bestimmten Bedingungen. Die kirchliche Zusage erfolgt nur dann, wenn der Gläubige sich bestimmten Vorschriften und Regeln, festgelegten Riten und Glaubensgrundsätzen unterwirft. Sonst wird das nichts mit dem ewigen Leben, das als erfreulich nur für die beschrieben wird, die sich an die dogmatischen Vorgaben der Kirche halten. So hat man sich als katholischer Christ zunächst einmal damit vertraut zu machen, dass der Tod nicht nur ein natürlicher Prozess des Absterbens von körperlicher Materie ist, sondern dass er auch und vor allem eine Folge der bereits beschriebenen Erbsünde ist. Biologisch gesehen, eine gewaltige Fehleinschätzung, denn Alterung und Absterben sind seit Beginn des Lebens auf dieser Erde eine zwingende Notwendigkeit. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederholen muss, an der uralten Geschichte von Adam und Eva im Paradies, an der sogenannten Apfelgeschichte kommen wir auch jetzt nicht vorbei. Das Dogma der Kirche verpflichtet den katholischen Christen zu glauben: »Der Tod ist in der gegenwärtigen Heilsordnung eine Straffolge der Sünde«. 235 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 284. 228 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Wir müssen also sterben, nicht weil wir dem natürlichen Prozess vom Leben und Sterben unterliegen, sondern weil der Mensch im Paradies seine Unschuld verloren hat und nach der reinen Lehre deshalb mit der Erbsünde belastet ist, die der gesamten Menschheit von nun an anhaftet. Der Katechismus sagt es ebenfalls: »Der Tod ist die Folge der Sünde und das Lehramt der Kirche lehrt … dass der Tod in die Welt gekommen ist, weil der Mensch gesündigt hat«236. Man stelle sich einmal vor, dieser Fehltritt der ersten Menschen sei nicht passiert, nicht auszudenken. Wir wären alle friedlich im Paradies, man käme nach Schätzungen bis heute auf circa 100 Milliarden Menschen. Doch leider müssen wir nun mit dem Tod als Strafe Gottes leben lernen. Die Theologin J. Rahner beschreibt es so: »Der Tod erhält dadurch eine eigenartige Doppeldeutigkeit, in dem er sowohl natürliches Ende des irdischen Lebens … als auch Straffolge der Sünde ist, ebenso Heil und Unheil, Tat des Glaubens und Sündenstrafe«237. Die Kirche geht nach wie vor davon aus, dass der Mensch vor dem sogenannten Sündenfall eine Unsterblichkeit besaß und diese für die gesamte Menschheit gedacht war. Vereinzelt geben Theologen heute allerdings auch zu, dass diese Interpretation sicherlich Schwierigkeiten bereitet. Die Begründung für diesen Glaubensgrundsatz sollen Bibeltexte liefern (Gen. 2,17), die allerdings für diese Frage auch keinen schlüssigen Beweis erbringen können. Für wen der Tod des Menschen als Folge der Sünde eindeutig ist, das ist Paulus (Röm. 5,12), der Mann, der sich selbst zum Apostel ernannt hat und der seine Visionen von Jesus herleitet. Wir Christen sollen zwar durch die Taufe und den Tod des Wanderpredigers Jesus von dieser Ursünde befreit worden sein, doch die Kirche lässt uns trotzdem sterben. Wie dem auch sei, es ist nun einmal ausgemacht, dass wir alle sterben müssen und darauf hoffen sollen, dass die Zusagen der Theologen über ein Leben danach zutreffend sind. Wie dies dann angeblich aussieht, ist selbstverständlich in den dogmatischen Schriften der katholischen Kirche exakt festgelegt. Die Kirchenväter des frühen Christentums führten einen Seelenbegriff ein, den sie aus der Mythologie der Griechen und Römer übernommen hatten. Was zunächst kein fundamentaler Bestandteil der christli- 236 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 288. 237 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, Herder Verlag, Freiburg, 2. Auflage 2016, Seite 184. 229 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … chen Theologie in den Anfängen des Christentums war, wird erst durch den Einfluss der griechischen Philosophie zum Inhalt der christlichen Lehre. Auch die hebräischen Schriften aus dem ersten Jahrtausend vor Christus hatten kein Interesse an einem Übergang der Seelen in ein Totenreich. Bei den Juden rächte sich Gott für die Sünden ganz irdisch durch Zerstörung, Plagen und Vertreibung. Der griechische Philosoph Platon griff die Vorstellung aus dem ägyptischen Kulturkreis von einem Totengericht auf und sprach von einem Jenseits, in dem sich die Seelen befinden. »Alte Völker hatten mit der Seele schon eine gewisse Erfahrung: Für die Helden Homers in der Mythologie der Griechen war mit dem Tod in der Schlacht nicht alles aus. Es löste sich die Seele und ging in den Hades. Sie war ein schwaches Abbild des Getöteten, sein Schatten«238, sagt der Philosoph Kurt Flasch. Für die frühen Christen war eine solche Theologie von einer Seele, die sich nach dem Tod vom Leib trennt nicht vorstellbar und auch nicht notwendig. Sie hofften ja auf die baldige Wiederkehr ihres auferstandenen Propheten, der aufgefahren war und zurückkehren wollte, zu richten die Lebenden und die Toten. Doch er kam nicht. Viele Christen starben ohne die Wiederkehr Jesu erlebt zu haben. Es musste daher ein Ausweg gefunden werden, eine biblisch begründbare Lösung für diese toten Christen. Ihnen war versprochen worden, dass sie als getaufte, von allen Sünden befreite, in das ewige Himmelreich kommen würden. Die Philosophie der Griechen und Römer bot nun diesen Ausweg. Nach dem Tode sollte die Trennung von Leib und Seele erfolgen und die unsterbliche Seele dann in den Himmel aufgenommen werden. Zumindest war das die Hoffnung. Diese Idee der Unsterblichkeit der menschlichen Seele wurde so zu einem wesentlichen Teil der kirchlichen Lehre, obwohl die Bibeltexte in Wahrheit an keiner Stelle eine solche Trennung des Leibes von der Seele formulieren. Die Naherwartung Jesu, seine Wiederkehr, wurde zu den Akten gelegt, obwohl sie doch die Anfangszeit des Christentums so stark geprägt hatte. So wurde die Vorstellung vom individuellen Tod des Christen mit der nachfolgenden Trennung der unsterblichen Seele vom Leib, zum Trost für jeden, der noch vor der Wiederkunft Christi starb. 238 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 235. 230 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Doch was war jetzt mit dem von Jesus angekündigten Jüngsten Gericht, bei dem der Menschensohn auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit auf die Erde kommen sollte (Mk. 13,26)? Sollte es gar eine Art individuelles Gericht für den toten Christen vorher geben und ein allgemeines Gericht erst später für die gesamte Menschheit, für alle Lebenden und alle Toten, bei der Wiederkehr Jesu? Und was war in der Zwischenzeit mit der unsterblichen Seele, war sie wirklich bereits im Himmel, dann war ja ein allgemeines Gericht nur noch für die Lebenden, aber nicht mehr für die Toten notwendig. Und wie ist das dann zu verstehen, wenn Menschen im Zustand der Sünde sterben, wohin kamen dann ihre Seelen? Wohin kommen gar die Seelen derer, die im Stande der Todsünde sterben? Ließe sich auch für diese Seelen eine „Verortung“ vornehmen? Die Heilige Schrift sagt zu alledem nichts. Es wurde ein Theologiegebäude von den Kirchenvätern ausgedacht, ausgebreitet, ja ausgeweitet und in großen Teilen einfach aus der griechischen Mythologie übernommen, denn die griechischen Philosophen hatten sich über diese Fragen schon früh ihre Gedanken gemacht. »So bringt schon Platon … den Gedanken eines jenseitigen Strafgerichtes als auch die Idee einer Belohnung bzw. Bestrafung der Seelen gemäß ihrer weltlichen Taten ins Spiel. Auch Platon kannte eine Art Totengericht … samt der Trennung der Guten von den Bösen und der Vergeltung nach den Taten …«239, konstatiert die Theologin J. Rahner. Doch wie kommt der Mensch zu seiner Seele? Sind die Vorstellungen der griechischen Anthropologie so einfach übernommen worden? Die griechische Kultur, die zur Zeit Jesu im gesamten Mittelmeerraum dominierend war, interessierte sich nicht sonderlich für den Körper nach dem Tode, wohl aber für die Seele oder besser für den Geist. Allein die Frage des Überlebens des Geistes bzw. der Seele war für die griechische Philosophie interessant und bestimmte auch in der Spätphase der Entstehung der jüdischen Schriften die Lehre von den „letzten Dingen“. Interessanterweise spricht man im allgemeinen Sprachgebrauch auch heute noch von einer Seele. Wenn zum Beispiel jemandem „etwas auf der Seele brennt“, so meint man damit jedoch eher die psychische Beeinträchtigung durch einen Tatbestand, der den Menschen belastet. Was die Seele tatsächlich sein soll, kann niemand sagen. 239 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, a. a. O., Seite 139. 231 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Die Existenz einer Seele und ihre Trennung vom Körper ist weder glaubhaft, noch erfahrbar oder gar nachvollziehbar. Es trennt sich im Tode einfach nichts. Es ist doch nur ein Gedanke der Kirchenväter, der dramaturgisch in Handbüchern zur Fundamentaltheologie ausgebreitet und in Dogmen für alle Zeit zementiert ist; und dies nur, um der andauernden Sehnsucht der Menschheit nach dem ewigen Leben ein Angebot durch die Kirche unterbreiten zu können. Die gesamte Dogmatik der Kirche beruht auf der Vorstellung, dass es eine Seele gibt, dass sich diese Seele im Tode vom Körper trennt und sie einen Wechsel vom Diesseits ins Jenseits vornimmt. Dort dann allerdings, da sie ja unsterblich ist, auf ewig verbleibt. So erstaunt nicht das nächste Dogma: »Die Seelen der Gerechten, die im Augenblick des Todes von aller Sündenschuld und Sündenstrafe frei sind, gehen in den Himmel ein«. »Dreiviertel der Menschheit hat an der Seele kein Interesse … das letzte Viertel sucht nach ihr und findet nichts, noch wird jemals irgendjemand irgendetwas finden …«, sagt der Publizist U. Schnabel. Auch er unternimmt den Versuch, zu klären, was denn die Christen mit der unsterblichen Seele sagen wollen und glaubt, dass »das Wort Seele von den Christen verwendet wird, um auszudrücken, dass es da im Innersten eines jeden Menschen eine Kontaktstelle zu Gott, zum Göttlichen gibt«240. Unterstellt, es gäbe eine solche Kontaktstelle, ohne es weiter zu hinterfragen oder gar den Versuch zu unternehmen, dieses intellektuell zu begründen, so muss doch jeder, der sich Christ nennt, im Vertrauen auf seinen Gott irgendwann ins Ungewisse springen, sonst würde man ja nicht von einem Glauben sprechen können. Überrascht ist man dann aber doch, was mit der so definierten Seele im Jenseits nach den Ausführungen der Theologen so alles passieren soll. Der Himmel ist nicht einfach so für jeden Gläubigen offen, vielleicht ist er ja sogar leer, weil keine Seele den Ansprüchen der Theologen genügt. Aktuell wird man den Eindruck nicht los, dass ein Großteil der 240 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 485 und Seite 489. 232 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Kleriker selbst den dogmatisch festgezurrten Ansprüchen nicht genügt, denn nur die reine Seele kommt ja in die „Nähe“ Gottes. Auch wenn es sich eigenartig anhört, aber es erfolgt entsprechend der kirchlichen Lehre nach dem Tode im Jenseits eine Art Abrechnung. Es muss dort so etwas wie eine Buchhaltung geben, mit der eine Überprüfung vorgenommen wird und eine Zulassung zum Himmelreich letztendlich nur durch den Buchhalter erfolgen kann. Das Versprechen der Kleriker kann nur dann eingelöst werden, wenn zuvor Sündenschuld und Sündenstrafen diagnostiziert worden sind. Ein mühsames Unterfangen, wenn man aktuell davon ausgeht, dass pro Tag weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen circa 200 000 Menschen sterben. Oder gilt die Überlegung zu einem individuellen Gericht nur für die gestorbenen Christen und der große Rest der Menschheit landet sogleich im „Orkus“? Der Historiker Noah Harari formuliert es in einem Interview im „Spiegel“ gar so: »Religiöse Glaubenssysteme, die den Menschen während tausenden Jahren als Quelle von Sinn und Bedeutung dienten, funktionieren sehr ähnlich wie Computerspiele … Die Religion erlässt bestimmte Spielregeln (siehe Dogma) für die Wirklichkeit, für den Alltag ihrer Anhänger. Ein Christ geht mit diesen Regeln durchs Leben und kann dabei Punkte gewinnen … Wenn er betet, kriegt er Punkte, wenn er sündigt, kriegt er Punkte abgezogen. Wenn sein Punktestand am Ende des Lebens nicht unter Null liegt, dann erreicht er nach seinem Tode den nächsthöheren Level«241. Ein eigenartiges Bild. Doch steht in jedem Fall die unsterbliche Seele nach der Lehre der Kirche vor einem besonderen, individuellen Gericht. Und falls noch Sünden abzubüßen sind, müssen Strafen definiert werden oder wie die Theologen sagen, es muss eine Zeit der Läuterung in Kauf genommen werden, denn nur die reinen Seelen kommen direkt in den Himmel. Obwohl weder das Alte Testament, noch das Neue Testament eine solche Aufspaltung des Menschen in Leib und Seele nach dem Tode kennt, ist dieser Tatbestand die Grundlage und Voraussetzung für das Fundament der christlichen Lehre von den letzten Dingen. Bei der Beschreibung der Sakramente sind verschiedene Aspekte dieser Lehre ja bereits angesprochen worden. Auch hier sind wieder einmal keine Äußerungen von Jesus in der Bibel bekannt, die ein solches Gericht der einzelnen Seele erkennen lassen. 241 Interview mit dem Historiker Noah Harari in: „Der Spiegel“ 12/2017. 233 In der Tat, es ist alles ausgedacht, von Kirchenvätern als Vorstellung entwickelt, um so die Seelen der Verstorbenen noch vor der Wiederkunft Christi entsprechend ihrer Sündhaftigkeit mit Lohn oder Strafe belegen zu können. Und es folgt ein weiteres Dogma: »Die Seelen der Gerechten, die im Augenblick des Todes noch mit lässlichen Sünden oder zeitlichen Sündenstrafen belastet sind, gehen in das Fegefeuer ein«. Die armen Seelen, die sich auf dieser Erde haben etwas zu Schulden kommen lassen, sie müssen erst noch von ihren Sünden gereinigt werden, nachdem der Tod eingetreten ist. Sie haben in jedem Fall die durch die Kleriker definierten Strafen aufgrund ihrer Sünden noch abzuarbeiten. Je nach Schweregrad der noch zu tilgenden Schulden ist der Aufenthalt im Läuterungsort zeitlich definiert und damit die Wartezeit bis zur Aufnahme in die himmlische Seligkeit unterschiedlich lang. Beim Sakrament der Buße haben wir bereits darauf hingewiesen. Der Läuterungsort wird wohl voll sein, es ist der Ort, um Massen aufzunehmen, denn wer ist schon ohne Schuld, wer gar lupenreiner Heiliger, wer lebt schon wie Mutter Teresa? Und nun kommt ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. Die Existenz eines Reinigungsortes wurde von den Reformatoren geleugnet und zwar wegen des fehlenden Schriftbeweises. Doch die katholische Kirche beschreibt weiterhin die Existenz eines Läuterungsortes und begründet dies mit der Gerechtigkeit Gottes. Diese Gerechtigkeit verlange, dass nur die, die gänzlich ohne Sünde sind, in den Himmel aufgenommen werden. Und dass diejenigen, die nur „lässliche“ Sünden abzutragen haben, nicht in die Hölle kommen dürfen. Pech für die Protestanten, für sie kann kein Reinigungsort angenommen werden, der den Zweck einer Läuterung erfüllen könnte und deswegen von begrenzter Dauer ist. Für die evangelischen Christen gibt es somit nur den Himmel oder die Hölle. Schade eigentlich. Nochmals erwähnt werden muss hier auch die Feinheit, dass nach Aussagen der Kirche, wie es Franz Josef Nocke ausdrückt, »die im Reinigungsgeschehen festgehaltenen Seelen Hilfe durch die Fürbitten der Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … 234 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Gläubigen finden können. Dies geschieht vor allem auch in dem Gott wohlgefälligen „Opfer des Altares“«242. Was entgeht doch da den evangelischen Christen, wo verbleiben deren Seelen bloß, wenn sie als sündige Menschen sterben? Wo verbleiben die Seelen bis zum allgemeinen Gericht am Jüngsten Tage? Niemand weiß es. Für die Katholiken ist klar, der Theologe Kardinal Müller sagt es noch einmal: »Aus dem Gedanken eines Zwischenzustandes zwischen dem individuellen und dem allgemeinen Gericht, ergibt sich auch die Möglichkeit einer Fürbitte für die Toten, um ihr Los im Jenseits zu erleichtern, wenn sie noch mit bestimmten Sünden und Mängeln behaftet sind«243. Der Gedanke, dass sich durch Gebete, gar Almosen und sogenannte gute Werke eine irgendwie geartete göttliche Kraft aktivieren ließe, die den Seelen eine Art von Entlastung ermöglicht, ist reiner Unsinn. Doch die katholische Kirche hat ihren postmortalen Läuterungsort, als Geschehen jenseits der Todesgrenze, in welchem die Sündenreste getilgt werden. Franz Josef Nocke gibt allerdings auch zu, dass sich ein »ausdrücklicher Schriftbeweis für diese Lehre nicht führen lässt« und die wesentliche Begründung »auf dem Zeugnis der Väter liegt«244. Die katholischen Theologen bestehen auf ihrem Reinigungsort, doch sie haben auch einen Himmel, denn was ein Himmel ist, weiß jedes Kind, schließlich hat Gott ja nach der Bibel Himmel und Erde erschaffen und so wie es real die Erde gibt, so wird es auch einen Himmel geben. Wer wollte den Gläubigen das ausreden. Wer dorthin kommt, ist seines Heils sicher, denn das Dogma sagt: »Die himmlische Seligkeit dauert in Ewigkeit«. Die Kleriker beschreiben den Himmel als Ort und Zustand »einer übernatürlichen Glückseligkeit, die in der unmittelbaren Anschauung Gottes und der damit verbundenen vollkommenen Gottesliebe ihren Grund hat«245. Die individuelle Seele gelangt somit nach dem ersten Gericht im besten Falle direkt in die himmlischen Sphären, weil die Verdienste zu Lebzeiten, konkret das Leben nach den Regeln der Kirche, so vorbildlich war, dass ein solch direkter Übergang und ein Sitz im Himmel garantiert ist. 242 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, Seite 447. 243 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 532. 244 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 576. 245 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 568. 235 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Den genauen Überblick über die Zahl der Seelen im Himmel hat allerdings nicht einmal die Kurie. Für eine ganz bestimmte Gruppe von Verstorbenen weiß sie es jedoch garantiert. Dass sind die ausdrücklich von der Kirche heiliggesprochenen und vielleicht auch die seliggesprochenen Menschen, von denen es allerdings vor dem 16. Jahrhundert noch nicht viele gab. Erst Papst Sixtus V hat im Jahre 1588 ein geregeltes Verfahren eingeführt, das festhielt, wer in das Reich Gottes kommen konnte und wer nicht. Bis dahin hat wohl noch Gott selbst die Feder geführt. Im Jahre 2004 verzeichnete man schon 6650 Heilige und Selige und insgesamt 7400 sogenannte Märtyrer. Doch die Zahl wuchs in den letzten Jahren geradezu dramatisch an. Allein Papst Johannes Paul II hat in seinem Pontifikat von 1982 bis 2004 gesichert 1338 Personen selig und 482 Personen heiliggesprochen. Er allein machte doppelt so viele Menschen zu Heiligen, wie seine Vorgänger in 400 Jahren zusammen. Beim „deutschen“ Papst Benedikt XVI nahm die Zahl allerdings wieder rapide ab, um beim Papst Franziskus seit 2013 wieder anzusteigen. Die Gefahr, dass der Himmel schon in diesem Jahrhundert überfüllt sein könnte, scheint recht groß. Demgegenüber war für die frühen Christen auch ohne Heiligsprechungsverfahren von vornherein klar, dass sie in jedem Fall direkt nach dem Tod in den Himmel kommen, denn Jesus hatte es versprochen und sie hatten ja nach seinem Vorbild gelebt. Manche Theologen glauben heute allerdings auch nicht mehr an ein Leben nach dem Tode und an ein Glück im Jenseits. Bekannte Größen in der Theologie »wie Rudolf Bultmann und Dorothee Sölle verzichten lieber ganz auf den Himmel«246. Doch nicht nur der Aufenthalt im Himmel soll ewig sein, auch die sogenannten Höllenstrafen dauern nach einem weiteren Dogma in Ewigkeit. Denn die Kirche regelt nicht nur den Zugang zum Himmelreich, sondern verschließt auch unter bestimmten Voraussetzungen den Reinigungsort. Das nächste Dogma legt fest: »Die Seelen derer, die im Zustand der persönlich schweren Sünde sterben, gehen in die Hölle ein«. 246 Kurt Flasch, warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 250. 236 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Mit der Hölle ist das so eine Sache. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann glaubt, dass »Jesus viel weniger von der Hölle redet, als die kirchlichen Drohgebärden vermuten lassen« und dass ihm das, was er ausgesagt haben soll, vor allem im Evangelium des Matthäus, »erst nachträglich in den Mund gelegt worden ist«247. Der renommierte Theologe Rudolf Bultmann schreibt auch, dass die Worte Jesu von der Hölle »verstärkende redaktionelle Einfügungen des Evangelisten Matthäus sind«248. Wenn Jesus im Neuen Testament von der Hölle spricht, so ist dies eine Übersetzung des griechischen Wortes „gehenna“ und das wiederum eine Übersetzung des hebräischen Wortes „Ge-Hinnom“. Bei dieser hebräischen Bezeichnung handelte es sich um eine Schlucht am Fuße der Mauern von Jerusalem. Dieser Ort war wohl zur Zeit Jesu eine Art Mülldeponie, auf der die Bevölkerung Jerusalems ihren Unrat verbrannte. Für die Menschen der Region war dieser Ort wegen der permanent kokelnden Abfälle so etwas wie der Ort des ewigen Feuers. Es war also ein tatsächlich existierender Ort, eine Müllhalde vor den Toren Jerusalems249. Jesus war also kein Höllenprediger, doch die Kirchväter haben sich nicht aufhalten lassen. Schon im 14. Jahrhundert legte Papst Benedikt XII in einer Konstitution fest: »Wie Gott allgemein angeordnet hat, steigen die Seelen derer, die in einer tatsächlich schweren Sünde verschieden sind, sofort in die Hölle hinab«250. So sitzen nun Hitler, Stalin und Pol Pot und sicher noch einige bekannte und unbekannte Verbrecher der Weltgeschichte doch nicht im Himmel, sondern als ewig Verdammte in der Hölle, denn es ist kaum vorstellbar, dass sich die Seele von Anne Frank und die Seele von Adolf Eichmann nebeneinander in einem Reinigungsort befinden. Das allzu menschliche Gebot der Gerechtigkeit muss doch auch vor dem göttlichen Gericht zum Zuge kommen. Also muss es sie geben, die Menschen, die sich wider besseres Wissen gegen Gott entschieden haben. Doch wer weiß das schon? Die Dogmatik der Kirche lässt keinen Zweifel, nach der „ex cathedra“ erlassenen Konstitution „Benedictus Deus“ von Papst Benedikt XII (1285–1342) »steigen die Seelen derer, die in einer persönlich schweren 247 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 333. 248 Vgl. hierzu auch: Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 333. 249 Vgl. hierzu auch: Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 329 f. 250 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 571. 237 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Sünde sterben, sobald nach dem Tode in die Hölle hinab, wo sie mit den Höllenqualen gepeinigt werden«251. Die Theologen der Kirche haben offensichtlich kein Problem damit, den Sündern Höllenstrafen anzudrohen und die Hölle als einen Ort und Zustand ewiger Unseligkeit zu beschreiben, in dem sich die von Gott verworfenen Seelen befinden. Sie beziehen sich hierbei auf die Heilige Schrift, denn dort ist bei dem Evangelisten Matthäus (5,27–30) und (18,7–9) von dem ewigen Feuer die Rede, in das bestimmte Körperteile geworfen werden sollen. Setzt man einmal voraus, dass das Ärgernis über bestimmte Gliedmaßen nicht wörtlich zu nehmen ist, so kommt die historisch-kritische Bibelforschung doch zu der Ansicht, dass es sich hier um die Schilderung einer Gemeindesituation der frühen Christen handeln muss, die in ähnlicher Weise auch bei Markus (9,42–50) beschrieben worden ist. Es dürfte sich nach der Forschung eher um Formulierungen für eine Art Gemeindekatechismus gehandelt haben. Klar ist, dass es Aussagen der Evangelisten sind und nicht die authentischen Worte des Wanderpredigers Jesus. Aktuelle theologische Schriften meiden das Thema gern und suchen händeringend nach Erklärungen, wie zum Beispiel eine „Geist-Seele“ mit geradezu körperlichen Strafen des Feuers gequält werden könne. Sie sprechen lieber von einem „dunklen Hintergrund“ der Kirche oder von einer der stärksten Belastungen der Kirche. Geben aber zu, dass die Botschaft der Kirche zum Leben nach dem Tode bis heute eine Drohbotschaft ist und nach wie vor Angst und Schrecken verbreitet. Gerhard Kardinal Müller, der ehemalige Chef der Glaubenskongregation des Vatikan, er müsste es ja eigentlich wissen und er formuliert es in seinem Dogmatik-Lehrbuch so: »Wie der Himmel nicht ein Schlaraffenland ist, so ist die Hölle nicht eine Folterstätte, wo sich Rache … mit allen Registern austobt …«. Doch auch er weiß keinen Ausweg und beschreibt die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen als eine »wahre Crux der Verkündigung …« und die Hölle als ein »undurchdringliches Geheimnis der Bosheit«252. Wie soll man wieder einmal etwas beschreiben, das gar nicht existiert und das noch keiner gesehen hat? Doch die Kirche kann es einfach nicht lassen. Sie entwickelt eine Theologie vom Leben nach dem Tode, 251 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 571 und hierzu auch: www.wikipedia.org/wiki/Benedictus_Deus/… 252 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 556. 238 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … die in Wahrheit nicht entwickelt werden kann, und der Klerus bleibt in den Vorstellungswelten von einem „Totenreich“ verhaftet, die über Jahrtausende in verschiedenen Kulturkreisen des östlichen Mittelmeerraumes entstanden sind und immer auch von mythologischen Bildern und dem Vorstellungsvermögen der damaligen Menschheit geprägt waren. Trotz aller Zumutungen von Himmel und Hölle, von Feuer und Qualen, muss man allerdings auch konstatieren, dass der Mensch noch immer auf der Suche ist nach einem göttlichen Wesen, nach einer wie auch immer gearteten Institution, an die er glauben kann, auch und gerade im Angesicht des Todes und auch dann, wenn er im Leben nichts als Leid und Elend erfahren hat. So kursiert in vielen Versionen die charakteristische Geschichte von den jüdischen Häftlingen in einer Baracke in Auschwitz. Angesichts des grauenvollen Mordens in den Gasöfen halten sie Gericht über Gott und am Ende steht der Urteilsspruch: Dieser Gott, der sie nicht schützen kann oder nicht schützen will, er wird verdammt, wird belegt mit Ach und Bann und dann seufzt der Rabbi: „Kommt, und jetzt gehen wir beten …“. Diese katholische Kirche wie alle Religionen, sie können nie und werden auch nie eine angemessene Antwort auf die elementaren Grundfragen der Menschheit geben können. Und dies vor allem deshalb, weil es keine Antworten gibt. So ist der Philosoph Kurt Flasch überzeugt, »die Höllentheologie endet in einem gedanklichen Fiasko. Sollen doch die Toten ihre Toten begraben …«253. Die Lehre der Kirche hat zwar für den einzelnen Gläubigen nach seinem Tode die Perspektive des Himmels, die Wartezeit am Reinigungsort und die ewige Pein in der Hölle, doch das Jüngste Gericht soll danach erst noch kommen. Bisher ging es nur um das Ende des Individuums, den Zustand seiner Seele unmittelbar nach dem Tod und es ging um die göttliche Entscheidung über sein Schicksal, ein Urteil, das nach der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag in irgendeiner Weise eine Berücksichtigung finden muss. Deshalb unterscheidet die Dogmatik zwischen den Vorstellungen über das, was zu geschehen hat, wenn der Einzelne stirbt und dem Ende der gesamten Menschheit bei der Wiederkunft Christi und dem Gericht Gottes am Ende der Zeiten. 253 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 252. 239 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Nach dem persönlichen Gericht kommt also noch ein allgemeines Gericht, wenn Christus zum zweiten Mal als Richter auf die Erde zurückkommt. Das Dogma der Kirche droht es uns an: »Am Ende der Welt wird Christus in Herrlichkeit wiederkommen zum Gericht«. Dann werden nach der reinen Lehre »nicht nur die unsterblichen Seelen weiterleben … sondern auch unsere „sterblichen Leiber“ (Röm 8,11) wieder lebendig werden«254 und zwar explizit mit demselben Leib, den sie auf Erden getragen haben. Bei dieser Vorstellung hilft einem allerdings nur die Erkenntnis, dass solche dogmatischen Aussagen nicht als sachlich informierende Beschreibungen verstanden werden können, sondern, wie es so schön in der Literatur heißt, nur als Bilder oder „Vorstellungsmodelle“ gedacht sind. Doch auch hier weiß es Kardinal Müller wieder besser: »Alle Menschen stehen auf in ihrem eigenen Fleisch, nicht in einem ätherischen oder phantastischen Leib …«255. Bei solchen Aussagen beginnt man manchmal an den eigenen Möglichkeiten des Begreifens zu zweifeln, denn die Sinnhaftigkeit gar einer solchen Denkungsart erschließt sich einem eben nicht. Was hat man von dem Evangelisten Markus zu halten, der die Ereignisse des Jüngsten Gerichtes so beschreibt: »…die Sterne werden vom Himmel fallen … die Engel werden ausgesandt und seine Auserwählten werden zusammengeführt von den vier Winden …« (Mk 13,24–27). Auch andere Bibelstellen schildern die Sammlung der Auserwählten. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich die frühchristlichen Gemeindemitglieder im 1. Jahrhundert nach Christus eine Vorstellung von der Niederkunft ihres Propheten machten. Sie hatten die Hoffnung, dass Christus sie als Auserwählte bei dem Chaos auf Erden nicht übersah. Der Historiker Gerd Lüdemann hat solche Textstellen des Neuen Testamentes analysiert und kommt eindeutig zu dem Ergebnis, dass es sich bei diesen Formulierungen um Endzeitspekulationen handelt, die die ersten christlichen Gemeinden angestellt haben. Jesus hat solche Worte nie gesprochen256. 254 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 284. 255 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Theologie, a. a. O., Seite 516. 256 Gerd Lüdemann, Jesus nach 2000 Jahren, a. a. O., Seite 126. 240 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Nach der Dogmatik der katholischen Kirche muss sich jeder Mensch diesem zweiten Gericht unterziehen. Dieses endgültige Gericht »ist das Endziel der ganzen Schöpfung und der letzte Sinn aller menschlichen Geschichte«257. Wie dieses zweite Gericht zu verstehen ist, wird zwar im Katechismus angesprochen, doch lassen die Texte auch hier den Gläubigen im Ungewissen. Die Kleriker retten sich nach der vielfach praktizierten Methode in die Rätselhaftigkeit. »Das Mysterium der seligen Gemeinschaft mit Gott … geht über jedes Verständnis und jede Vorstellung hinaus«258. Der Katechismus ist sich sicher, »dass die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme Gottes hören und herauskommen werden. Das letzte Gericht wird es an den Tag bringen, was jeder an Gutem getan oder nicht getan hat«259. Hier enden offensichtlich die intellektuellen Fähigkeiten der Kirchenväter zur Prognose vom Jüngsten Tag. Sie flüchten in die immer wieder gebrauchten Sätze, dass nämlich »der letzte Sinn des ganzen Schöpfungswerkes und der ganzen Heilsordnung und die wunderbaren Wege Gottes«260 erst dann erkannt, begriffen und von der menschlichen Seele-Körper-Gestalt verstanden werden können, wenn das Gericht da ist. Heinz-Werner Kubitza sagt zu dieser gesamten Gerichtsproblematik der katholischen Theologie: »Statt dass die Kirche sich von dem mittelalterlichen Unsinn endgültig verabschiedet, trägt sie das Grauen und die Perversion noch in das dritte Jahrtausend hinein«261. Weltuntergangsszenarien und damit verbundene Heilserwartungen der Menschen gab es schon in der Antike. Die Lebenden werden bei der Beschreibung des biblischen Untergangs in Angst und Schrecken versetzt. Auch gibt es Versuche der Naturwissenschaften, solche Szenarien zu beschreiben. Große Pandemien, Vulkanausbrüche, Einschläge von großen Kometen, dunkle Materie, schwarze Löcher, alles Möglichkeiten, die wirklich erschrecken können. Bei der christlichen Vorstellung muss man sich wegen des Gerichts keine Vorstellung vom Schicksal der Erde machen und sich auch nicht so sehr die Frage nach den dann noch Lebenden stellen, sondern vielmehr die Frage nach den Toten. 257 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 590. 258 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 293. 259 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 296. 260 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 297. 261 Heinz-Werner Kubitza, Jesuswahn, a. a. O., Seite 283. 241 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Die unsterblichen Seelen aller Verstorbenen müssen sich beim „Jüngsten Gericht“, nachdem sich der Leib von der Seele getrennt hat, wieder vereinen. Und dies mit einem Leib, der, wenn er nicht einbalsamiert wurde, doch zu Staub zerfallen ist. Diese Körper müssen bei den heute geschätzten 100 Milliarden Toten und entsprechender Anzahl von Seelen erst einmal gefunden werden. In den frühen Jahren des Christentums galt ein langes Leben nicht gerade als erstrebenswert und deshalb gab es wohl die Vorstellung, dass ein Körper nach dem Tode mit circa 40 Jahren ein angemessenes Alter ist, um im „Original“ wieder aufzustehen. Es ist tröstlich zu wissen, dass nicht die heute durchaus möglichen 100 Jahre die Orientierungsgröße war. Nach Kardinal Müller müssen die Körper ja mit ihrer ursprünglichen Materie wieder auferstehen, sonst ist es ja keine Auferstehung, sondern eine Neuschaffung. Wie sollen bloß die himmlischen Heerscharen die Reliquien aller Heiligen aus allen Teilen der Welt, aus den Kirchen und Gotteshäusern wieder einsammeln, damit sie mit Leib und Seele vor dem Gericht Gottes am Ende der Tage erscheinen können? Eine kaum zu beantwortende Frage, zumal sie doch, zumindest mit ihrer Seele, aufgrund ihres Lebenswandels bereits in den Himmel aufgenommen worden sind. Man trifft sich also beim Gericht in seinem leiblichen Zustand wieder. Das jenseitige Leben wird von der Theologie beinahe so dargestellt, als sei es nur eine Verlängerung des diesseitigen. Ein tröstlicher Gedanke, der sicherlich Unsinn ist und höchstens in Todesanzeigen noch vorkommen kann. Es muss ja auch kein tröstlicher Gedanke sein, wenn man so an die ungeliebte Verwandtschaft denkt. Beruhigend ist aber schon, dass der Reinigungsort beim Jüngsten Gericht endlich zu Ende geht. Jetzt kommen nur noch zwei Möglichkeiten in Frage, der Himmel oder die Hölle. Diese beiden Möglichkeiten stehen den Protestanten seit der Reformation eh nur zur Verfügung. Was mit der erstinstanzlichen Entscheidung beim individuellen Tod wird, ist nicht geklärt, vielleicht wird das erste Urteil nach dem Tod beim Jüngsten Gericht einfach nur noch ratifiziert. Vom Reinigungsort kann es nur in den Himmel gehen, denn in die Hölle gerechterweise wohl nicht, nach der verbrachten Läuterungszeit. So bleibt die Hölle nur noch für einen Teil der Lebenden und dann noch für die Toten, die sich schon beim ersten Gericht in einem „gottesfernen Zustand“ befunden haben. Alle anderen werden in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen. 242 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Berechtigte Zweifel nagen an dem dogmatischen Gebäude der Lehre von den letzten Dingen (Eschatologie). Diese Theologie ist praktisch unverständlich. Zwar breiten Theologen die Vorstellung von zwei Gerichten auch heute immer noch aus, doch konstatieren sie, dass die ewige Verdammnis im Widerspruch zur Liebe und Barmherzigkeit des biblischen Gottes steht. Das Motiv des Gerichtes Gottes, sagen sie, sei eine Hoffnung, nämlich die Hoffnung, dass Gott niemanden aufgegeben hat. Gott übe keine Rache, denn Rache hieße, Böses mit Bösem zu vergelten. Aus diesem Grunde treten sie dann doch lieber den Rückzug an, für Zweifler ist dies eine Bestätigung, für die Gläubigen jedoch eine Zumutung. So schreibt der Theologe Franz Josef Nocke, »die gegenwärtige katholische Theologie tendiert dahin, die Unterscheidung zwischen besonderem und allgemeinem Gericht nicht als verbindliche kirchliche Glaubenslehre zu sehen, sondern als ein Vorstellungsmodell«262. Franz Josef Nocke bezweifelt sogar, dass das Ende ein Gericht ist. Dies vertrage sich nicht mit der christlichen Hoffnung auf Erlösung, nicht mit einer Verurteilung von ewig Verdammten. Welch ein Gesinnungswandel! Die Theologin J. Rahner leistet gar einen Offenbarungseid: »Die Botschaft von der Auferstehung des Leibes fordert heraus. Doch die Fragen bleiben … offen. Ist hier überhaupt eine Lösung möglich? Wohl kaum!«263. Auch der Theologe Theodor Schneider spricht von dem Dunkel, in dem der Ausgang der sogenannten Heilsgeschichte bleibt. Auch ihm ist klar, dass die im Katechismus beschriebene Hoffnung auf die Auferstehung der Toten eben nur eine Hoffnung ist. Im Gegensatz zu den kritischen Theologen stellt der maßgebliche Kirchenvater Augustinus jedoch deutlich heraus: »Es findet eine Zweiteilung des Menschengeschlechts statt. Bei den einen zeigt sich, was die Gnade Gottes vermag und an den übrigen erweist sich die gerechte Strafe. Für die einen ist der Ausgang die ewige Seligkeit, für die anderen die ewige Verdammnis«264. Es hilft nichts. Wenn eingestanden wird, dass alle Überlegungen zur Lehre von den letzten Dingen immer weit über das menschliche Fassungsvermögen hinausgehen, so gilt dies für die Autoren der kirchlichen 262 Franz Josef Nocke, Eschatologie, Patmos Verlag, Düsseldorf 1999, Seite 77. 263 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, a. a. O., Seite 211. 264 Vgl. hierzu: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 438 f. 243 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Lehre in gleicher Weise. Die Mithilfe des Heiligen Geistes ist da nur ein schwaches Argument. Es bleiben bei der Höllentheologie Zweifel, die nicht ausgeräumt werden können. Auch die kritischen Theologen zweifeln, wegen des angeblichen Freiheitsgedankens beim Menschen. Denn das Individuum besäße ja als freier Mensch immer die Möglichkeit, sich für das Gute oder das Böse, unabhängig vom Willen Gottes, zu entscheiden. Und auch deshalb müsse der Ausgang der Höllengeschichte zwar im Dunkeln, aber doch als Möglichkeit bestehen bleiben. Eine solche Debatte ist jedoch mehr als absurd. Ulrich Schnabel sagt hierzu, »die absolute Freiheit des Menschen ist eine Chimäre, ein theoretisches Produkt, dem wir in der Praxis nie begegnen, … kulturelle Prägungen und eigene Erwägungen und Wünsche begrenzen und engen diese Freiheit immer ein …«265. Vielleicht hat Gott ja doch ein Erbarmen, dann wäre die Hölle leer. Wir wären alle im Himmel, denn die Hölle, so Uta Ranke-Heinemann, »bestehe nur als Möglichkeit, aber es ist nicht unsere Pflicht, zu glauben, dass jemand dort ist … In der Botschaft Gottes hat die Lehre von der Möglichkeit der Hölle keinen Sinn«266. So scheint abschließend die Überlegung angebracht, dass alle Dogmen, alle dogmatischen Aussagen der Kirche zur Lehre von den letzten Dingen, alle Interpretationen der Kirchenväter vom angeblichen göttlichen Wort zu einem ewigen Leben, zu einem paradiesischen Zustand im Himmel, zu einem Weltgericht am Ende der Zeiten, nichts weiter sind als Behauptungen, Vermutungen, die sich der irdische Mensch ausgedacht hat. Religiös fundierte Betrachtungen des Menschen zum Leben im Jenseits sind am Ende immer nur ein Abbild der irdischen Wirklichkeit, aber keine Vorstellung von einem möglichen Himmel. Alle Betrachtungen zum Jenseits bleiben reine gedankliche Spekulationen der Menschen. Der griechische Philosoph Epikur (341–270 vor Chr.) könnte wieder helfen, bei den Bemühungen eines jeden Menschen, die Furcht vor dem Tode zu bewältigen. Er argumentierte schon damals, dass der Tod keinen Anteil am individuellen Leben der Menschen hat, denn »das schauerlichste aller Übel, der Tod geht uns nichts an; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, sind wir nicht mehr da …«267. 265 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 225. 266 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 346. 267 Text vom Philosoph Epikur in einem Brief an Meniokens aus: www.philosophische-sprueche.de/epikur/… 245 10 Wenn ein katholischer Priester neben seiner Frau begraben liegt … Papst Franziskus ruft zum Kreuzzug auf. Alle Gläubigen sind aufgerufen, sich an der Eroberung der sogenannten „Heiligen Stätten“ der Christenheit mit der Stadt Jerusalem und dem gesamten Heiligen Land zu beteiligen. Den gläubigen Christen, die sich beteiligen, ist die Vergebung aller Sünden und Sündenstrafen versprochen. Eine Schnapsidee! Sicherlich. Angesichts der kriegsähnlichen Auseinandersetzungen, der Zerstörungen und Brutalitäten die bis heute in diesem Landstrich stattfinden. Mit Millionen von Flüchtlingen, mit Terror und Verwüstung. Die Kriegsparteien sind kaum noch auszumachen, es kämpft beinahe jeder gegen jeden und die Zivilbevölkerung, sie stirbt, leidet, wird vertrieben und brutal misshandelt. Papst Innozenz hatte jedoch auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215268 genau diesen Aufruf gestartet (Canon 71). Der Kreuzzug begann dann tatsächlich am 1. Juni 1217. Nun ist ein solcher Aufruf mehr als 800 Jahre her und man sollte meinen, die Menschheit hätte sich, zumindest in dieser Hinsicht, weiterentwickelt. Auf dem 4. Laterankonzil wurde außerdem das Gebot erlassen, dass sich Juden und Muslime „abweichend“ zu kleiden haben »damit sie sich nicht irrtümlich mit den Christen einlassen« (Canon 68). Auch eine Schnapsidee? Ganz sicher nicht, sondern eine Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit und das von Klerikern, von Bischöfen auf einem Konzil, auf dem der Heilige Geist wohl doch nicht anwesend war. Die Vorstellungen der Nationalsozialisten im Dritten Reich kommen diesem Gebot des Konzils schon bedrohlich nahe. Nach 268 Canon 1, 68 und 71 des 4. Laterankonzils aus: www.wikipedia.org/wiki/viertes_laterankonzil/… 246 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … 800 Jahren hat die heutige Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland Gott sei Dank nur noch ein paar Durchgeknallte, Unverbesserliche zu verkraften. Und wir sind auch an dieser Stelle schon ein Stück weiter. Auf diesem Konzil wurde ebenfalls die Lehre von der Wesensverwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Jesu während der Handlungen des Priesters in der Heiligen Messe verkündet (Canon 1). Keine Schnapsidee, sondern eher eine schwachsinnige Idee der Konzilsväter. Bis zum Jahre 1215 war Wein Wein und Brot Brot. Nach fast 1200 Jahren ist es nun Leib und Blut eines Propheten aus Galiläa, der sich selbst leider nicht mehr wehren kann. Diese Verwandlung war auch 1215 nicht symbolisch gemeint, sondern so etwas wie ein Suggestionszauber. Und es stimmt wirklich, aus Brot und Wein wird das Fleisch und das Blut Christi, so sagt es die katholische Kirche seit 1215 bis heute, auch noch im 21. Jahrhundert. An dieser Stelle sind wir leider doch noch kein Stück weiter … Auch nach 800 Jahren ist dieses Dogma für alle Zeiten gültig. Die Kirche behauptet sogar, wie wir gesehen haben, dies sei ein wahres Sakrament, von Jesus selbst eingesetzt und schon deshalb dürfe nur der katholische Christ das Sakrament empfangen. Nicht der evangelische, auch nicht, wenn er Ehepartner eines Katholiken/einer Katholikin ist. Die deutschen Bischöfe diskutieren immer noch. Doch der Vatikan hat sie ausgebremst, im Jahre 2018. Die Zulassung von christlichen Ehepartnern zum „Tisch des Herrn“ ist nicht zulässig. Das dogmatische Korsett lässt es nicht zu, die Kurie ist im 13. Jahrhundert stehen geblieben und die Kirche ist tatsächlich keinen Schritt weiter … Nur die Gläubigen, sie sind schon längst weiter, sie entscheiden selbst, treten aus der Kirche aus oder nehmen trotz der Lehre an der Kommunion teil. Den meisten ist es gleichgültig, sie nehmen eine solche dogmatische Auslegung des christlichen Glaubens ohnehin nicht mehr ernst. Der von den Klerikern gepredigte und von Rom definierte Glaube an den einen Gott der Bibel und die dogmatischen Korsettstangen der Lehre scheinen in der Tat nur noch Sache der Theologen zu sein. Allen Beteuerungen der Institution Kirche zum Trotz wird der Glaube zu einer Privatsache, für die man sich entscheidet oder eben auch nicht, denn dieser mögliche Gott hat keine Gestalt, er hat kein Gesicht. Der Glaube an ihn ist unsichtbar, nicht nachvollziehbar, mit der menschlichen Vernunft ohnehin nicht zu erfassen, Argumenten nicht zugänglich. Er wird angeblich der kindlichen Seele in der christlichen Taufe mitgegeben, gespendet und manchen Menschen sogar offenbart. Bevor das Kleinkind 247 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … zu denken beginnt, hat es nach den Verlautbarungen der Kirche schon seinen Glauben. Doch wenn es dann zu denken beginnt, wird die Sache problematisch. Der Glaube an einen Gott, gar an den Gott dieser Kirche, an seine Anwesenheit in der Welt, scheint im Menschen ein doch eher fragwürdiges und unsicheres Geschehnis. Wenn der Glaube der Kindheit sich dann wieder verliert oder gar abhandenkommt, entsteht kein Vakuum, kein Defizit, zumindest kein deutlich sichtbares oder gar öffentlich feststellbares. Er verschwindet einfach. Ganz undramatisch, ganz still und schleichend und damit auch die Bindung an eine der christlichen Kirchen. Manche verlieren sogar die Bindung an eine der christlichen Kirchen, obwohl sie sich weiterhin als gläubige Christen verstehen. Der Theologe Gotthold Hasenhüttl beschreibt in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ seine Sicht auf die katholische Kirche und sagt: »Ich bin aus der katholischen Kirche als Institution ausgetreten – nicht aus der Glaubensgemeinschaft. Meine Skepsis der Institution gegenüber ist heute größer denn je …«269. Eine solche Skepsis ist sicher angebracht. Aber möchte der Mensch nicht doch an ein „höheres Wesen“, an einen Gott glauben, eine Vorstellung von einem Gott entwickeln, so als Schöpfer und Lenker des Universums? Es ist auch unter Wissenschaftlern unbestritten, dass sich im Laufe der Geschichte der Menschheit neben vielen anderen Entwicklungen in gleicher Weise auch »das Bedürfnis nach einem religiösen Weltbild … tief in der menschlichen Psyche verankert hat«270. Selbst der Philosoph Voltaire hatte kein Problem mit einem Gott, sondern primär Schwierigkeiten mit den Lehren über Gott. Nicht nur Christen, auch Juden und Muslime stellen Vermutungen über einen Gott an. Beschreiben ihn als jemanden, der mit der menschlichen Vorstellungskraft nicht erfasst werden kann. Karen Armstrong schreibt in ihrem Buch, dass schon das Wort „Gott“ unrichtig sei und dass »unsere menschlichen Vorstellungen von einem Gott der unfassbaren Wirklichkeit niemals gerecht werden können«271. Wieso sich also damit beschäftigen, wo doch jede Annahme einer tatsächlichen Wirklichkeit Gottes außerhalb der Reichweite des menschlichen Wahrnehmungsvermögens liegt und niemand den Nachweis er- 269 Gotthold Hasenhüttl in: Wochenzeitung „Die Zeit“ Nr. 21 vom 17.05.2018. 270 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 338. 271 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, Droemer Knaur Verlag, München 2015, Seite 524. 248 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … bringen kann, dass er existiert. Allerdings lässt sich ebenso wenig seine Nicht-Existenz beweisen. Trotzdem kann jeder Gedanke nur mit den Vorstellungswelten arbeiten, die die Menschen eben besitzen, obwohl sie immer gänzlich unzutreffend sein müssen. Jede Spekulation liegt daneben. Eine Beweisführung ist nicht möglich. Er bleibt ein Phänomen in der menschlichen Vorstellungswelt. Daher kann jede Beschreibung seiner Eigenschaften nur in der zwar unzutreffenden, jedoch einzig möglichen Erfahrungswelt der Menschen liegen. Der Philosoph David Precht macht deutlich, dass ein Gott, sei er noch so perfekt und vollkommen als Wesen beschrieben, doch nur ein Gott, eine Gottesvorstellung im Kopf der Menschen ist und nicht ein Wesen in dieser Welt272. Wieso machen sich die Menschen dann diesen Kopf? Wenn der Mensch nicht anders kann, als einen Gott mit seinen Kategorien zu beschreiben und diese Beschreibung daher immer von einem Wesen ausgehen muss, das unbegreiflich ist, das unsere intellektuellen Fähigkeiten bei Weitem übersteigt, warum sich dann damit belasten? Der eigentliche Grund liegt in der Tatsache, dass zu allen Zeiten die Menschheit versucht hat, Unbekanntes, Unsichtbares, Unverständliches in dieser Welt zu personalisieren, Göttern Eigenschaften zuzuweisen, die dann zwangsläufig menschliche Charakterzüge tragen. Wir konnten diesen Gott früher nicht und können ihn auch heute nicht erkennen, auch wenn wir uns noch so viel Mühe geben. Und die Christen glauben, dass es ihn gibt, dass er existiert, ihre Geschicke lenkt, über sie wacht. Die Theologen, die Geistlichen, die Priester sagen es uns unaufhörlich, sie betonen immer wieder, dass er zwar nicht erkannt werden kann, dass er aber doch erfahren werden könne. Der Kritiker Karl-Heinz Deschner betont dagegen und man kann es nicht oft genug sagen: »Dieser Gott, dass ist immer der Gott der Kleriker, das sind Leute, die sich um unsere Seelen Sorgen machen, die jedoch eher unserer Seele Sorgen machen«273. Der Volksmund sagt: Von nichts kommt nichts! Unterstellt, an dieser Volksweisheit ist was dran, so kann man schon mal auf den Gedanken kommen, dass es einen Schöpfergott geben muss, der „Gestalter“ oder zumindest „Auslöser“ dieser Schöpfung war. Ein Gott, der angesichts 272 Richard David Precht, Wer bin ich und wenn ja wieviele?, Goldmann Verlag, München 2007, Seite 283. 273 Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, a. a. O., Seite 157. 249 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … des Sternenhimmels bei Nacht oder eines Sonnenaufgangs an der See als Schöpfer vorstellbar erscheint. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann spricht davon, dass all das, was man von Gott erkennen könne, wenn es ihn denn gäbe, »an den Werken der Schöpfung erkannt wird«. Doch die Kleriker wollten immer noch mehr, sie »wollten nicht die gottgegebenen Naturgesetze denkend wahrnehmen, sondern an Wunder glauben«274. Denkt man jedoch diese Überlegungen zu Ende, so stellt sich sofort eine neue Frage. Wer ist dann der Schöpfer des Schöpfers, wenn von nichts nichts kommt? So wird man dann doch wieder zum Zweifler, zum Agnostiker oder gar zum Atheisten, der doch lieber an die Ewigkeit der Materie glaubt, als an die Ewigkeit eines göttlichen Wesens. Man kann die Vorstellung vom Walten eines Schöpfers bei der Entstehung dieser Welt und seine Anwesenheit in dieser Welt als ein Placebo bezeichnen. Ob diese menschlichen Überlegungen eine heilsame Wirkung entfalten, hängt letztlich vom individuellen Glauben und dem eigenen Verhalten ab. Es liegt an jedem Einzelnen selbst, ob für ihn ein Gott existiert oder eben nicht. Der Glaube an einen Gott und religiöse Vorstellungswelten sind tröstlich. Auch wenn es nur Vorstellungen im Kopf der Menschen sind, sie schaffen Möglichkeiten, ja Fähigkeiten, um die Unausweichlichkeit und Endgültigkeit vom Werden und Vergehen des Menschen oder, wie es Pascal Boyer ausdrückt, »die Schrecken erregende Vergegenwärtigung des Todes zu verkraften«275. Wenn man sich vorstellt, dass ein Gott existiert, so kann man die grundsätzlichen Fragestellungen der Menschheit nach dem Woher und Wohin einfach besser beantworten. Doch bleibt es immer noch ein Gedankengebäude, eine Vorstellung, eine Hoffnung, mehr nicht. Was auf der Erde passiert, was zur Zeit mit der Erde und den Menschen auf diesem Planeten geschieht, es ist ausschließlich reines Werk der Menschen und nicht von einem Gott bewirkt, der in der Vorstellungswelt einiger Christen existiert. Die Vorstellung von diesem christlichen Gott ist ausgedacht, mit viel Phantasie geschmückt und nur eine „Kopfsache“ der Theologen. 274 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 419. 275 Pascal Boyer, Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 2017, Seite 253. 250 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Die Rede von einem Schöpfergott ist sinnlos, weil kein Standpunkt eingenommen werden kann, der es uns ermöglicht, das Universum als Entwicklung der Materie oder als den Akt einer göttlichen Kraft zu begreifen. Die Institution Kirche hingegen, die gesellschaftlich immer noch relevanten Glaubensgrundsätze der katholischen Kirche in Deutschland und Europa, die wesentlichen Kernaussagen einer kirchlichen Dogmatik, sie sind alle unglaubwürdig geworden und nur unter Aufgabe der menschlichen Intelligenz noch zu erörtern. Sie sind historisch längst widerlegt und exegetisch nach über 200 Jahren Forschung in fast allen Einzelheiten überholt und gegenstandslos geworden. Die Bibel ist nicht Gottes Wort. Das Alte Testament mit seiner Schöpfungsgeschichte ist nichts als Mythologie des jüdischen Volkes, das aus den Hochkulturen am Nil und Euphrat wesentliche Vorstellungen von Göttern und vom Jenseits übernommen hatte. Die Texte sind deutlich von anderen Kulturen der Region geprägt und aus den bis dahin mündlichen Überlieferungen und uralten Erzählungen über die Entstehung der Welt in die Schrift gelangt. Die gesamte Sinai-Erzählung ist weder geografisch zu verorten noch historisch nachzuvollziehen. Die Zehn Gebote sind nicht gedacht als Gebote für die Christenheit, sondern nichts anderes als Regeln des Zusammenlebens eines Volkes oder eines Volksstammes, der noch vor über 1000 Jahren vor Chr. im sogenannten gelobten Land gelebt hatte. Die Texte wurden über Jahrhunderte hinweg aufgeschrieben, redigiert, erweitert, verändert, weit vor der Geburt eines Wanderpredigers, meist von jüdischen Propheten formuliert, die aus ihrem Land vertrieben und in der Verbannung lebend die Geschichten ihres Volkes bewahrt haben wollten. Wer ins Alte Testament schaut und die Zehn Gebote nachliest, der kann leicht nachvollziehen, dass eine Regel: „Du sollst nicht töten!“ für das Zusammenleben eines Volkes von außerordentlicher Bedeutung war. Liest man jedoch in neuern Ausgaben des Alten Testamentes, in sogenannten Einheitsübersetzungen nach, so heißt es da: „Du sollst nicht morden!“ Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Im Krieg ist das Töten für Christen erlaubt, auch wenn man glaubt im Krieg zu sein, Hinrichtungen durch staatliche Institutionen sind zulässig, die Todesstrafe kein Problem für die Kleriker. Das 6. Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“ war sicher keine Einführung der Monogamie, denn der Beischlaf mit Sklavinnen, und davon gab es viele in dieser Phase des Weltgeschehens, war zulässig. Von den heutigen kirchlichen Geboten des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe war allerdings um diese Zeit überhaupt noch keine Rede. 251 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … In dieser Weise ließe sich der gesamte Text des Alten Testamentes unter die Lupe nehmen und es gäbe nur wenig, was neben den Brutalitäten und neben dem zornigen Gott noch als sozialethische Norm einer modernen Gesellschaft herhalten könnte. Es sind einfach nur Mythen eines Volkes, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden und wenig vom tatsächlichen Schicksal des jüdischen Volkes in der Geschichte widerspiegeln. Beim Neuen Testament ist zunächst nur erstaunlich, dass eine so kleine jüdische Sekte, die von aramäisch sprechenden Bauern gegründet worden war und durch einen aberwitzigen Glauben, auf den keine normale Person auch nur einen „Silberling“ gesetzt hätte, beisammen geblieben ist und bis in die heutige Zeit überdauert hat276. Im Neuen Testament sind die Paulusbriefe die einzigen Texte, die authentisch sind und ihm eindeutig zugeordnet werden können. Von den 13 Briefen dann allerdings auch wieder nur sieben sicher, die anderen sollen angeblich von seinen Schülern stammen. Jesus selbst hat nur geredet, gepredigt, konnte sicher nicht schreiben, schon gar kein Griechisch. Aufgeschrieben hat zu seinen Lebzeiten niemand etwas. Ein Fischer, auch ein Zimmermann der damaligen Zeit musste nicht schreiben können. Immer dann, wenn die Evangelisten besonders eindringlich und mit besonderer Verzückung das Wirken Jesu beschreiben, dann finden sich hierfür weder in der Geschichtsschreibung noch in der Archäologie Hinweise auf das Geschehen. Nebenbei bemerkt, auch ein Moses, wenn es ihn denn überhaupt gab, hat weder die fünf Bücher Moses, noch ein König David um 1000 vor Christus die Psalmen geschrieben. Die ersten Christen hatten nur die Schriften der Juden und einige Gemeinden die Briefe des Paulus, der Jesu Worte nur durch Erzählungen kannte und wie auch mir scheint, kann er als eigentlicher Begründer des Christentums gelten. Die Heilige Schrift des Christentums gab es ja noch nicht. Die exegetische Forschung hat nachgewiesen, dass kein Evangelist den Versuch unternommen hat, das tatsächliche Leben des Wanderpredigers zu beschreiben, soweit es durch die mündlichen Überlieferungen noch bekannt war. Jeder hat versucht, seiner Darstellung eine Art „eigen- 276 Vgl. hierzu: Emmanuel Carrére, Das Reich Gottes, btb-Verlag, München 2017, Seite 87 ff. 252 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … ständiges Profil“ zu geben und darauf zu achten, für welche Gemeinde er mit welcher Intention schreibt. Die Kenntnisse, die wir über Jesus haben, »sind meist stilisiert, „ideologisch“ gefärbt und von einer bestimmten Verkündigungsabsicht her ausgewählt«277. Also auch hier so gut wie keine authentischen Worte des Propheten aus dem Heiligen Land. Dass dieser Messias sich anders verstanden hat, dass er niemals eine neue Religion gründen wollte, gar eine Kirche, ist hinlänglich bekannt. Er hatte einfach keine Botschaft für den gesamten Erdkreis, er beschränkte sich auf das jüdische Volk in seiner unmittelbaren Umgebung. Und er war auch nicht ohne Sünde. Man kann also die Frage, was denn dieser Jesus wirklich gesagt hat, nur schwerlich der Bibel entnehmen. Auch die Theologin Karen Armstrong ist sich darüber im Klaren, dass »die Evangelien offensichtlich nur einen kleinen Teil der Worte Jesu wiedergeben. Viel von ihrem Inhalt wurde durch spätere Entwicklungen in den nach dem Tode Jesu von Paulus gegründeten Kirchen beeinflusst …«278. Reden wir von der Kirche, so sollten wir diesen Jesus nicht in einem Atemzug mit ihr nennen, denn er hat mit ihr nur sehr wenig zu tun. So entwickelte sich erst im 2. Jahrhundert nach Chr. unter den gebildeten Schichten der damaligen christlichen Gemeinden eine Religion heraus, die zu dem Schluss kam, dass dieser Jesus nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Gott gewesen sein musste. Eine bis heute unverständliche Lehre von zwei Naturen Jesu entfaltete sich in den Köpfen der ersten Kirchenväter, die sich dann im Laufe des 4. Jahrhunderts nach Chr. auch durchsetzte. Ob Mensch oder Gott oder beides, das war der heftige theologische Streit schon zu Anfang des 4. Jahrhunderts. Doch es ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht zu verstehen, wie eine Person zwei Bewusstseine haben soll. Selbst ein Paulus glaubte zu seinen Lebzeiten nicht daran, dass dieser Jesus ein Gott in Menschengestalt war. Die Kreuzigung Jesu als Sühne für die Erbschuld der Menschheit, die dann auch noch durch den Geschlechtsverkehr auf alle nachfolgenden Generationen übertragen wird, sie entwickelte sich als theologische Lehre erst im 4. Jahrhundert. Der Kirchenvater Augustinus war fest davon überzeugt, dass Gott die Menschen durch den sogenannten Sündenfall Adams, eine Geschich- 277 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 95. 278 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, a. a. O., Seite 133. 253 te aus der Mythologie alter Völker des östlichen Mittelmeerraumes, auf ewig verdammt hatte. Das Dogma von der Dreifaltigkeit (Trinität), es übersteigt nicht nur die Vorstellungskraft der Gläubigen, sondern auch die Vorstellungskraft der Kleriker. Doch sie musste sein, die dogmatische Definition für die Wesensgleichheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Danach sollen drei Personen eine einzige sein. Auch diese Lehre war nichts anderes als ein theologisches Gedankengebäude von Kirchenvätern des 4. und 5. Jahrhunderts. Sie kann bis heute nicht glaubhaft vermittelt, geschweige denn verstanden werden. »Exegetische Mängel, philosophische Unaufmerksamkeiten und klerikale Selbstüberhöhungen … schufen im Laterankonzil 1215 dann die Abendmahlslehre …«279, davon ist der Philosoph Kurt Flasch überzeugt. Auch sie stellt nicht nur eine intellektuelle Überforderung für jeden Menschen dar, auch daran zu glauben, bei halbwegs seriöser Betrachtung der tatsächlichen Worte Jesu, ist nicht möglich. So reihten die Väter in der Kirchengeschichte Dogma an Dogma. Sie entwickelten mit geradezu dogmatischer Besessenheit die Hölle, die Erbsünde und die Mutter eines Gottes. Dem Skeptiker, dem Zweifler verschlägt es die Sprache. Ohne Aufgabe des Verstandes müsste es auch den Kirchenmitgliedern die Sprache verschlagen, angesichts solcher Glaubensgrundsätze, doch sie denken vielfach gar nicht darüber nach. All dies angesichts eines allmächtigen Gottes, der angeblich alle Geschicke auf der Welt lenkt und der trotzdem den Menschen die Möglichkeiten lässt, sich frei zu entscheiden. Die Christen glauben an die Allmacht Gottes, an seine Güte und seine Omnipotenz, sie preisen und loben ihn als Lenker allen Geschehens. Auch dann noch, wen dieser Gott der Welt unsagbares Leid zufügt und auch ihnen persönlich Schmerzen bereitet. Sie preisen ihn trotzdem im Gottesdienst und in ihren Gebeten. Auch wenn dies unverständlich ist, sie tun es vielleicht deshalb, weil sonst der so gelobte Gott vielleicht noch mehr „Unheil“ über sie kommen lässt. So ging auch sie fort, die Theologin Uta Ranke-Heinemann, »fort von Jungfraumutter und Henkervater, von einem Gott mit blutigen Händen … der seinen erstgeborenen Sohn für die Menschen opferte …«. Auch sie wandte sich ab, von den Theologen, die ihre Wissenslücken »mit ihrer Verstandesfeindlichkeit und ihren grausamen Märchen füllten und sie 279 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 260. Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … 254 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … glaubte ihnen nicht mehr«. Auch das Buch der Bücher »war ihr nicht mehr Gottes Wort. Es war Menschenwort und tröstete sie nicht«280. Doch irgendetwas hält sie immer noch in der Kirche. Eine große Schar von Christenmenschen bleibt trotz allem bei der Stange. Und dies, obwohl die Bibel von Menschen gemacht ist, obwohl die Lehre von der Dreifaltigkeit den Gehirnen von Klerikern entsprungen ist, obwohl Jesus als Mensch und nicht als Gott gelebt hat, sein Tod kein Opfertod war und seine Mutter nur eine Mutter und keine Gottesmutter war. Obwohl die Kirchenväter Sünde und Schuld, Hölle und Auferstehung, Buße und Anbetung bis heute predigen und über die Jahrhunderte hinweg angebliche Glaubenswahrheiten aufeinandergestapelt haben, ja den Gläubigen zugemutet haben, es bleiben trotzdem noch relativ viele Mitglieder der Kirche treu. Eine große Anzahl dieser Mitglieder sind religiös Gleichgültige. Und diese Gleichgültigen scheuen den Austritt noch. Doch warum nur? Die geistig Trägen, die sich nicht kundig machen wollen oder die, die ganz frei sind von Zweifeln, ohne einmal kritisch nachzufragen, sie sind noch die treuesten Mitglieder der Kirche. Auch wenn es immer weniger werden, was weltweit nicht unbedingt zutreffen mag, so tritt jedoch für moderne Industriegesellschaften, zumal für Deutschland, sehr deutlich zutage, dass die meisten Kirchenmitglieder vielfach gar nicht wissen, was sie glauben oder besser, was sie glauben sollen. Die Gläubigen, sie sind einfach nicht informiert. Sie würden sicherlich staunen, wenn nicht gar erschrecken über die 245 Glaubensgrundsätze der katholischen Kirche, die alle zum dogmatischen Fundament der christlichen Lehre gehören. Die Uninformiertheit der Gläubigen über biblische Texte, über ihre Entstehung, ihre Authentizität, ihre Interpretation durch den Klerus, die auf einer geradezu infantilen Entwicklungsstufe stehen geblieben ist, sie ist eklatant. Die Selektion bestimmter Textpassagen durch die Kleriker, die fast ausschließlich Gegenstand theologischer Unterweisungen sind, muss zu einer weitgehenden Unkenntnis über die Glaubensinhalte des Christentums führen. Diese Unwissenheit ist bewusst herbeigeführt, gewollt und wird seit Jahrhunderten durch die Priester praktiziert. Die Theologen sehen keinen Widerspruch zwischen den wesentlichen Aussagen der Bibel, der historisch gewachsenen dogmatischen Lehre und 280 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 413. 255 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … den wissenschaftlich fundierten wie ethisch-humanen Grundlagen einer heutigen Gesellschaft. Sie wollen es nicht wissen und opfern ihren Intellekt, damit beim gläubigen Volk keine Zweifel aufkommen. Daher ist es kein Wunder, dass Christen nicht nur mangelnde Kenntnisse über Glaubensfragen haben, sondern ebenso wenig von den historischen Tatbeständen und den tatsächlichen Inhalten und Absichten biblischer Schriften kennen. Hinzu kommt das, was man den „Herdentrieb“ nennt, die Eigenart des Menschen, mitzulaufen, die Kraft nicht aufzubringen, gegenzusteuern, sich von solchen Glaubenswahrheiten zu befreien, die man als Kind in einem „intellektuell wehrlosen Zustand“ erhalten hat. Auch sich von den Ängsten zu befreien, die die Endlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Seins mit sich bringt. Es ist diese tief sitzende Angst der Spezies Mensch vor dem Tod, die tief verwurzelt ist und der die kirchliche Lehre mit einer angeblichen Unsterblichkeit der menschlichen Seele, mit Himmel und Erlösung begegnet. Karen Armstrong spricht davon, dass »wir uns ständig fürchten vor Verlust, dem Schrecken der Vernichtung, während wir beobachten, wie unser Körper allmählich und unerbittlich verfällt«281. Auch die bloße Vernunft, so der Anthropologe Carel van Schaik, »kann nichts verbindliches über ein mögliches Leben nach dem Tode sagen, schlimmer noch, aus wissenschaftlicher Perspektive spricht alles dafür, dass der Tod das Ende ist. Der Tod erscheint sinnlos … und das gebiert Angst«282. Obwohl auch die Kirche keine schlüssigen Antworten liefern kann, ob denn der Tod eine tatsächliche Endstation ist, ob es diesen Gott überhaupt gibt und worin der Lebenssinn denn besteht, verbleiben Christen in der Kirche und hoffen auf das Versprechen, dass es ein Jenseits gibt, eine Unsterblichkeit und ein Wiedersehen mit den Lieben … Für Martin Walser ist der Tod »mit 30 Jahren genauso unvorstellbar wie mit 85 Jahren« und er antwortet etwas despektierlich auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tode glaube, dass er »immer, wenn er da- 281 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, a. a. O., Seite 570. 282 Carel van Schaik und Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit, a. a. O., Seite 470. 256 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … rüber nachdenke, … bei der Gewissheit lande, dass seine Hosenträger unsterblich sind«283. Die Theologie verspricht angebliche Stabilität, Lebensorientierung, Halt im schnellen und chaotischen Wandel der Zeit. Man muss nur an die christliche Botschaft glauben, den Sprung wagen, auch wenn die vermeintlichen Zusagen der Kleriker mehr als ungewiss sind. Darüber hinaus führen manche gerne das soziale Engagement der Kirchen ins Feld, die kirchlichen Einrichtungen für Arme, Kranke, Behinderte und verkennen dabei, dass mit dieser Argumentation doch nur die fehlende Wahrhaftigkeit und intellektuelle Redlichkeit der christlichen Lehre verschleiert werden soll. Auch gibt es starke Strömungen, vor allem in konservativ geprägten Kreisen, nicht nach den Widersprüchen, den Falschaussagen und Unmöglichkeiten einer Lehre zu fragen und dadurch eine gesellschaftliche Instabilität zu erzeugen. Sondern eine rückwärtsgewandte Strömung in der Gesellschaft zu nutzen und den Wert einer traditionellen Religiösität, die „feste Werte“ verspricht, höher einzuschätzen, als eine an Argumenten ausgerichtete, historisch tragfähige religiöse Glaubenspraxis vor der eigenen Vernunft zu überprüfen. Tut man dies aber doch, so bleiben sie, die bohrenden Zweifel, die eher nüchternen Erkenntnisse der kritischen Wissenschaft zum Inhalt der Bibel, zu den Aussagen des Wanderpredigers, zu den fest verankerten Glaubenssätzen der Kirche. Diese Lehren haben einfach zu viel Unstimmiges, Unverständliches, gar ethisch nicht Haltbares, historisch Unlauteres und sind im Wesentlichen Machtinstrumente der kirchlichen Institutionen. Die Kirche, sie taumelt zur Zeit zwischen den untauglichen Versuchen, ihre Lehre und Dogmatik vor der Vernunft zu rechtfertigen und der zum Teil skandalösen Verhaltensweise ihres Personals, das in einer Dimension Kindesmissbrauch betrieben haben soll, wie man es sich kaum vorzustellen wagte. So gibt es im August 2018 die Meldung aus dem US- Bundesstaat Pennsylvania, nach der mehr als 300 Priester mehr als 1000 Kinder missbraucht haben sollen. Dieses Thema wird noch Generationen von Christen mit unheiligem Zorn erfüllen. 283 Gespräch mit Martin Walser über Gott und das Leben nach dem Tode in: „Der Spiegel“ vom 22.12.2012. 257 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … »Nur Menschen, die begnadet sein müssen«, sagt Giovanni di Lorenzo in „DIE ZEIT“, »oder die sehr naiv sind, schaffen es als Erwachsene ungebrochen am Glauben festzuhalten«284. Papst Franziskus hat nach den Informationen der Medien an der Tür seines privaten Arbeitszimmers ein Schild anbringen lassen, das Klerikern, die nur klagen und jammern, den Zutritt verbietet. Das mindere die gute Laune und die Fähigkeit, Probleme, gar Konflikte zu lösen. Recht hat er. Nur, was ist mit den Theologen, die zu Recht und aus guten Gründen auf die Widersprüchlichkeiten, die Unwahrheiten, die Mythen und Legenden, auf die Unstimmigkeiten im Denken und auf die von den Kirchenvätern ausgedachten Grundsätze der kirchlichen Lehre aufmerksam gemacht haben. Den Dogmen, die abgehoben sind von der gesellschaftlichen Realität, deren Lehraussagen der wissenschaftlichen Forschung widersprechen und nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben? Es wäre gut, die Kleriker würden sich endlich einmal empören, den Versuch unternehmen, sich der kritischen Argumentation zu stellen, sich in jedem Fall intensiv damit beschäftigen, eine öffentliche Diskussion in Gang bringen, die mehr als dringend geboten ist. Und nicht, wie vielfach von zweifelnden Gläubigen beklagt, religions- oder kirchenkritische Äußerungen nicht einmal wahrzunehmen, kaum zu beachten, den Kopf einzuziehen, um bloß nicht in eine Auseinandersetzung zu geraten. Sie glänzen dagegen mit theologischem Wortgetöse und Verkniffenheiten, statt den Versuch zu unternehmen, bessere Argumente ins Feld zu führen. Wenn es die denn geben sollte. Sich wegducken ist offensichtlich bisher immer noch die Lösung gewesen, da die Amtskirche mit ihren Institutionen und Strukturen im Lande so gut verankert und finanziell abgesichert ist, dass sie noch eine geraume Zeit agieren kann, ohne sich den Grundsatzfragen einer Lehre stellen zu müssen, die bis in das 19. Jahrhundert von den Gläubigen unwidersprochen akzeptiert wurden. Wir wollen Papst Franziskus den Gefallen tun und nicht nur nörgeln, bemängeln und kritisieren. Doch es wäre vermessen, zu meinen, man könne Perspektiven für eine Kirche des 21. Jahrhunderts hinreichend und in der notwendigen Ausführlichkeit und Vollständigkeit aufzeigen. Es können nach den gemachten Erkenntnissen nur Ansätze sein, Diskussi- 284 Zitat aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ Nr. 21 vom 17.05.2018. 258 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … onsvorschläge und Grundtendenzen, die nach unserer Überzeugung in einem schmerzlichen Prozess angegangen werden müssen. Das 21. Jahrhundert verlangt nach neuen Antworten auf längst gestellte Fragen, die bisher einfach überhört werden konnten, aber nun, da sich die bundesrepublikanische Bevölkerung in ihrer Vielfalt und „Buntheit“ in Religions- und Ideologiefragen kontrovers präsentiert, unbedingt beantwortet werden müssen. Ein Herumdrücken geht nicht mehr, denn die Problemstellungen und Fragen werden lauter artikuliert, dringlicher gestellt. Die Theologie des Christentums muss die Menschen und ihre Lebensverhältnisse fokussierter in den Blick nehmen, muss vernünftige, nachvollziehbare und undogmatische Inhalte formulieren, muss die „Nächstenliebe“ in das Zentrum ihrer Verkündigung setzen und die richtige Sprache finden, damit sie überhaupt noch im vielstimmigen Chor der Weltanschauungen gehört wird. Doch welche Inhalte und Sprache soll das sein? Karl-Heinz Deschner meint ja, »wer in dieser Kirche noch etwas retten will, ist entweder unwissend oder Opportunist oder von Mystik besoffen. Man kann in dieser Kirche längst nichts mehr retten, sondern nur noch sich und andere vor ihr! Denn Kirche … hilft in Nöten, die man ohne sie gar nicht hätte«285. So ganz sicher wäre ich mir da allerdings nicht. Denn weder die wissenschaftliche Forschung, noch soziologische, philosophische oder gar politische Interpretationen dieser Welt haben mögliche Glaubensvorstellungen und Ideologien durch aufgeklärte Rationalität und Vernunftargumente entzaubern können. Die früher noch notwendige Erklärung der Welt mit ihren natürlichen Vorgängen und Abläufen, sie muss allerdings nicht mehr durch die Kirche mit ihren Glaubenssätzen und mit ihren Lehren erklärt werden. Sie fällt dank der theologisch-kritischen Forschung heute weitgehend aus. Die Formulierung von moralischen Werten durch eine Religion, um einen Gott gnädig zu stimmen und die Menschheit vor Strafen zu bewahren, ist auch kein Thema mehr, denn jeder Mitteleuropäer weiß dies heute und in den allermeisten Verfassungen sind die notwendigen Prinzipien für das friedliche Zusammenleben und die Würde des Menschen fest verankert. Das kirchliche Personal bedarf auch keiner geistlichen Überhöhung mehr, zumal es sich ein ums andere Mal selbst disqualifiziert. Sie ist nun endgültig weg, die selbst geschaffene Exklusivität des Klerus, die sich bis- 285 Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, a. a. O., Seite 220. 259 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … her mit moralischer Überheblichkeit dem Gläubigen gegenüber präsentiert hat. Das kirchliche Personal hat Gott sei Dank auch heute schon in weiten Teilen der Welt zu normalen Lebensverhältnissen gefunden, denn wenn Rom weit weg ist, dann liegt, wie in den peruanischen Anden, so schreibt Anette Reuter im Mai 2018 im Solinger Tageblatt, »so mancher katholische Priester neben seiner Frau begraben … Die reine Lehre ist dort das eine, die gelebte Praxis das andere«. Und was bleibt nun von diesem Jesus der Bibel? »Sowohl die Anzahl als auch der Inhalt der meisten Überlieferungen, die über Jesus erhalten sind und die allesamt den Anspruch erheben, ein authentisches Zeugnis über ihn abzugeben, stehen in einem schreienden Gegensatz zu dem, was er wirklich sagte und tat«286. Das Einzige, was bleibt, ist das gelebte Verhältnis des Wanderpredigers von Galiläa zu den Armen, Kranken und Ausgestoßenen und seine authentischen Worte von der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. All das, was man heute als praktizierte Solidarität und caritative Hilfe gegenüber den Mitmenschen bezeichnen würde. Bei einer solchen Reduktion biblischer Inhalte und dogmatischer Lehre wird die Frage nach einer rationalen Stimmigkeit von Glaubenssätzen und Bibelversen ohnehin bedeutungslos. Die glaubhaft belegten wenigen authentischen Worte Jesu von der Nächstenliebe, die Eingang gefunden haben in die Evangelien, können so der Kern einer christlichen Botschaft sein und die katholische Kirche wird dann eine Art „Sozialamt“, zur Anlaufstelle für Kranke und Bedürftige, Arbeitslose und Ausgegrenzte, Alte und Junge, die der Hilfe bedürfen. Die Kleriker werden zu Sozialarbeitern, zu Sanitätern und Altenbetreuern, zu Organisatoren von Hilfslieferungen und zu medizinischem Fachpersonal, zu Seenotrettern und Migrationsbeauftragten. Dies kann sich zunächst in den Gemeinden und Ortskirchen entwickeln, doch sollte die so strukturierte Kirche zunehmend auch global agieren können, so dass es im Idealfall ab da weniger Arme und Einsame, weniger Hilflose und Hungernde, weniger Verfolgte und Entrechtete auf dieser Erde gibt. In Zusammenarbeit mit den bereits vorhandenen Organisationen weltweit kann so bei den vorhandenen finanziellen Spielräumen der Kirche die Welt vielleicht doch noch „gerettet“ werden. 286 Gerd Lüdemann, Der große Betrug und was Jesus wirklich sagte und tat, zu Klampen Verlag, Springe, 5. Auflage 2011, Seite 121. 260 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Ich stelle mir gerade Gerhard Kardinal Müller als „überqualifizierten“ Krankenpfleger vor. Doch warum nicht? Der Wanderprediger Jesus wäre sich für diese Tätigkeit sicher nicht zu schade gewesen. Zugegeben, eine Utopie, doch warum nicht in diesem Rahmen denken, wo doch die Kirche sich auch als weltumspannend und international versteht. Die Kirche könnte, wie Heiner Geißler es ausgedrückt hat, ganz praktisch „den Pfusch dieser Erde“ beseitigen. Jeder „Nächste“ wird durch die Institution unterstützt, der der Unterstützung bedarf, denn wer seinen „Nächsten“ schon jetzt liebt, der muss schier verzweifeln ob des tatsächlichen Zustandes der Menschheit auf diesem Planeten. Die erforderliche Hilfe bei der praktischen Lebensbewältigung eines jeden Menschen steht dann im Vordergrund einer Kirche, die über die notwendige Organisation, die notwendigen Strukturen und die notwendigen Mittel verfügt. Gleichzeitig gehört hierzu aber auch die ständige intensive und intellektuell aufwendige Auseinandersetzung mit anderen religiösen und ideologischen Weltanschauungen, die vielfach mit Extremen operieren und die fast immer zu Gewalt und Terrorismus führen. Somit müssen wir nicht mehr als Menschen des 21. Jahrhundert wie Franz Buggle es ausdrückt, »die 1300 bis 2000 Jahre alten intellektuellen, wissensmäßig und ethisch-humanitär so defizitären Projektionen aus diesem Himmel wieder zurückholen«287. Wohl wissend um die Begrenztheit des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und in dem Bewusstsein, dass es bei den grundlegenden und bis heute nicht zu beantwortenden Fragen zur Existenz des Menschen und zur Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, keine schlüssige Antwort gibt, sollten wir trotzdem den „Sprung“ wagen. Nur so kann eine solche Utopie mit der allergrößten christlichen Toleranz, ohne Schuldzuweisungen, ohne Erbsünde, ohne vorgegebene Gottesdefinition und ohne jeden vorgefertigten Anspruch auf absolute Wahrheit weltweit in Angriff genommen werden. Wenn man die dogmatischen Hürden erst einmal beiseitegeräumt hat, die keinen Sinn mehr machen, selbst wenn sie eine historische Begründung hatten, wenn man den Jesus der Bibel so nimmt, wie er sich selbst verstanden hat und die Worte der Bibel versteht als wiedergegebene historische Mythen und Erzählungen des jüdischen Volkes; wenn man das Neue Testament betrachtet als historisches Glaubensgut, das für die ers- 287 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht was sie glauben, a. a. O., Seite 23. 261 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … ten christlichen Gemeinden ihre Gültigkeit hatte, dann, ja dann kann man den Kern einer christlichen Botschaft auch herausarbeiten und eine Institution entwickeln, die sogar weltweit unter der Prämisse von Nächstenliebe und Barmherzigkeit agiert. Eine allgemeine, einheitlich gültige Beschreibung dieser Welt in festgefügten religiösen Grundsätzen, eine Entwicklung der Welt, gar aus der Perspektive einer Religion zu betrachten, ist heutzutage einfach nicht mehr möglich. Norbert Boltz schreibt im Dezember 2017 in der Neuen Züricher Zeitung: »Weil die Welt komplex ist, fehlen uns immer Informationen … und weil diese uns fehlen, sind wir immer unsicher … es gibt für uns einfach keine wahre Antwort, sondern nur den Konflikt, den Dissens, deshalb müssen wir ohne Grundlagen leben und Abschied nehmen vom Prinzipiellen …«. Versteht man die Aufgabe einer Kirche gänzlich undogmatisch, dann kann es ja sogar Sinn machen, wenn nicht nur der Verstand und der reine Intellekt zur Analyse und Interpretation einer kirchlichen Lehre herangezogen wird, sondern wenn man den ganzen Menschen in den Blick nimmt und auch seine irrationale, affektive und emotionale Seite anspricht. Wenn man eine Gemeinschaft entstehen lässt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, emotionale Erlebnisse zuwege bringt, Events inszeniert und Lobpreisungen für einen individuell erfahrbaren Schöpfer wie ein „Pfingstereignis“ zelebriert. Dann kann auch das kollektive Erleben in einer Gemeinschaft, das Bedürfnis nach Spiritualität bei den Menschen wieder einen Platz bekommen. »Denn unser geistiges Geschehen«, sagt Ulrich Schnabel, »gleicht einem Eisberg, dessen größte Masse unter Wasser verborgen ist«288. Auch das Gefühl der unbewussten und gefühlsmäßigen Wahrnehmung des Menschen kann wieder Raum gewinnen, denn gerade in der heutigen Zeit haben spirituelle Veranstaltungen enormen Zulauf. Die Annahme, dass Ideologien und Religionen weltweit scheinbar unaufhaltsam absterben, ist ein Irrtum. Allerdings gilt hierbei das Fazit, dass bei entsprechendem Gebrauch des menschlichen Verstandes die historisch entwickelten und dogmatisch festgezurrten christlichen Lehren und die kirchlichen Vorstellungen von einem Gott im Himmel und auf der Erde, einem Jüngsten Gericht und einem „essbaren“ Leib Christi so unsinnig geworden sind, wie der Nikolaus. 288 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O.,Seite 491. 262 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Nachdem in den christlichen Kirchen der noch gültige sogenannte göttliche Heilsplan der Bibel zu den Akten gelegt worden ist und die dogmatischen Lehren der Kirche im Museum untergebracht worden sind, kann durch die Institution an einer besseren Welt, ja an der Rettung der Welt gearbeitet werden, ganz konkret, praktisch und nachhaltig, dann kann bei tatsächlich praktizierter Hilfeleistung für die Menschen, bei der Bekämpfung von Hunger und Krankheit, von Krieg und Verbrechen in dieser Welt, bei ökonomischer und sozialer Unterstützung der Bedürftigen, bei caritativer und diakonischer Zuwendung gegenüber dem „Nächsten“ auch wieder ein „Hochamt“ mit den Menschen gefeiert werden, so mit Glockengeläut und Weihrauch, Kerzenschein und Chorgesang, Orgelmusik und ekstatischen Erlebnissen. Am besten wäre es allerdings, so die Überzeugung von Emmanuel Carrére, der mit seinem Vater sonntags in die Messe ging, wenn das Hochamt »auf Latein gelesen würde, weil man auf Latein nicht merkt, wie unsinnig und dumm die gesungenen und gelesenen Texte doch sind«289. 289 Emmanuel Carrére, Das Reich Gottes, a. a. O., Seite 11. 263 Was ich gelesen habe … Armstrong, Karen: Die Geschichte von Gott. 4000 Jahre Judentum, Christentum und Islam, Droemer Knaur Verlag, München 2015 Augustinus: Bekenntnisse, Fischer Bücherei, Frankfurt, München 1955 Augstein, Rudolf: Jesus Menschensohn, Hoffman und Campe Verlag, Hamburg 1999 Bellinger, Gerhard J.: Lexikon der Mythologie, Nikol-Verlag, Hamburg 2012 Boyer, Pascal: Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 2017 Brockmöller, Katrin (Hrsg.): Was ist neu an der Einheitsübersetzung? Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2016 Broder, Henryk M.: Das ist ja irre! 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Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …

References
Was ich gelesen habe …
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Schneider, Jörg: So komme ich in die Hölle, U-Line-Verlag, Mossautal, 2. Auflage 2014
Schneider, Theodor (Hrsg.): Handbuch der Dogmatik, Band 1, Grünewald-Verlag, Ostfildern, 5. Auflage 2013
Schneider, Theodor (Hrsg.): Handbuch der Dogmatik, Band 2, Grünewald-Verlag, Ostfildern, 5. Auflage 2013
Spiegel-Geschichte, Drei Religionen – ein Gott, 2016
Spiegel-Geschichte, Die Päpste. Absolute Herrscher im Namen Gottes, 2012
Spiegel-Geschichte, Die Bibel. Das mächtigste Buch der Welt, 2014
Steimer, Bruno (Hrsg.): Lexikon der Kirchengeschichte, Herder-Verlag, Freiburg 2013
Urban, Martin: Die Bibel. Eine Biographie, Galiani-Verlag, Berlin 2009
van Schaik, Carel und Michel, Kai: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät, Rowohlt-Verlag, Hamburg, 5. Auflage 2017
Wagner, Gerhard: Wer’s glaubt wird selig! Redewendungen aus der Bibel, Regionalia-Verlag, Rheinbach, 15. Auflage 2016
Welker, Michael: Gottesoffenbarung Christologie, Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn, 3. Auflage 2016
Werbick, Jürgen: Grundfragen der Ekklesiologie, Herder-Verlag, Freiburg 2009
Winkelmann, Friedhelm: Geschichte des frühen Christentums, C.H. Beck Verlag, München, 5. Auflage 2013

Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …