4 Wenn die Kriminalitätsrate im Vatikan weiter steigt … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 75 - 88

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-75

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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75 4 Wenn die Kriminalitätsrate im Vatikan weiter steigt … Wie soll man über etwas schreiben, das man nicht erkennen kann? Wie über einen Gott als Person philosophieren, wenn diese göttliche Person nicht existiert? Wie kann man einem solchen Phantom nachspüren, das angeblich nur dann subjektiv erfahren wird, wenn man inständig glaubt, dass es tatsächlich vorhanden ist? Die Kirchen behaupten steif und fest, dass es den Heiligen Geist gibt. Fragt man die Menschen in Mitteleuropa, so wird schnell klar, dass der Glaube an den Geist Gottes so gut wie tot ist, dass er im Sterben liegt, wie das gesamte Christentum in der westlichen Welt. Hebt man den Blick, so stellt man jedoch erstaunt fest, dass dies nicht oder vielleicht noch nicht für alle Regionen und Kontinente dieser Erde gilt. Zwar beschwören europäische und auch deutsche Politiker nach wie vor die „Grundwerte des christlichen Abendlandes“, doch spätestens seit der Zeit der Aufklärung ist das Christentum in die Defensive geraten. Wenn nicht gerade Weihnachten oder Ostern ist, so sind die leeren Kirchenbänke ein beredtes Beispiel für die Gottlosigkeit unserer Zivilgesellschaft. Erstaunlicherweise zeigt jedoch die wachsende Zahl der Mitglieder der sogenannten „Pfingstkirchen“, vor allem auf dem amerikanischen Kontinent, eine andere Entwicklung. Obwohl auch hier, wie in Europa, die allgemeine Religiösität der Bevölkerung abnimmt, mischen die „Evangelikalen“ in der amerikanischen Politik und in der Wirtschaft maßgeblich mit. So war zu sehen, wie zum Beispiel im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016, zumindest auf republikanischer Seite, das öffentliche Gebet und die Präsenz der Religion deutlich vorhanden war. Oder sollte dies nur ein Schaustück für die konservativen Wähler in Amerika 76 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … gewesen sein? Die tatsächlichen Ausführungen des heutigen amerikanischen Präsidenten während und auch nach seinem Wahlkampf mag man nicht mehr diskutieren, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt einer christlichen Ethik. Und doch, man schätzt, dass sich fast 80 Millionen Amerikaner zu den „Evangelikalen“ zählen. In Lateinamerika wächst die Zahl der Mitglieder der Pfingstkirchen und der evangelikalen Ausprägungen des Christentums rasant. Die „Pfingstler“ sind die am schnellsten wachsende christliche Gruppierung in Brasilien, während die Mitgliederzahlen der katholischen Kirche eher stagnieren. In den Gottesdiensten der Pfingstgemeinden ist wirklich was los. Hier wird die Präsenz des Heiligen Geistes, so wie sie sich in den Worten der Bibel darstellt, ganz öffentlich, man ist geneigt zu sagen, geradezu ekstatisch, inszeniert. Barbara Opitz schreibt im Stern: »Die Zeit mit Gott ist hier wie ein Konzert von Pur oder der Münchener Freiheit, poppiger Schlagersound, Lichtmaschinen tauchen die Bühne in Blau und Rot … Discoeffekt«85. Mit Singen und Beten, lautem Anrufen des Heiligen Geistes, Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen, ja sogar „Zungenreden“, wird der Gottesdienst gefeiert und die Kleriker der katholischen Kirche in Europa schauen peinlich berührt zu. Das Pfingstereignis der Apostelgeschichte in der Bibel wird zum Ausgangspunkt von Veranstaltungen, die nicht nach einer schlichten Liturgie ablaufen, sondern in denen der Heilige Geist angeblich durch die Gläubigen unmittelbar „erlebt“ wird. Krasser könnte der Gegensatz zum praktizierten Pfingstfest in Europa in den lutherischen und katholischen Kirchen kaum sein. Den hiesigen Klerikern der Kirchen ist das „ekstatische Herabrufen“ des Heiligen Geistes in den Gottesdiensten der Pfingstgemeinden geradezu suspekt. Doch wie sollen sie ihrerseits das Pfingstereignis der Bibel den Gläubigen nahebringen, wie es erklären und seine Bedeutung für den Christenmenschen erläutern? Sie tun sich schwer, die Theologen der Kirchen, die Anwesenheit, die Wirkung und die göttliche Person des Geistes anschaulich zu machen, wo doch nichts ist, was anschaulich gemacht werden kann, wenn nicht zufällig auch jemand „in Zungen redet“. 85 Artikel von Barbara Opitz aus der Zeitschrift „Stern“ vom 27.05.2017. 77 Wie kann man die Geschichte in der Bibel zumindest am Pfingsttag verständlich machen und dabei die Übertreibungen und Überzeichnungen der Beschreibungen in der Apostelgeschichte relativieren? Wie überhaupt den Heiligen Geist, der ja bekanntlich weht wo er will, begreiflich machen? Eine schwierige, wenn nicht eine unmögliche Aufgabe, zumal den meisten, wenn auch immer noch Steuer zahlenden Christenmenschen, die nicht nachvollziehbaren Formulierungen biblischer Inhalte fremd geworden sind. Zugegebenermaßen ist es wirklich „starker Tobak“, was einem da in der Bibel präsentiert wird, wie der Heilige Geist mit „Brausen“ über die Schar der Anhänger des ehemaligen Wanderpredigers kam, der doch angeblich noch nach seinem Tode von einigen gesehen worden sein soll. Die kleine Gruppe jüdischstämmiger Jünger, die zum Teil ihr normales Leben aufgegeben hatten und nun als Aussteiger ohne Perspektive und ohne Existenzgrundlage nicht wussten, was werden sollte, sie versuchten, sich gegenseitig Mut zuzusprechen. Alle waren eher gescheiterte Existenzen, die nach ein oder zwei Jahren in Begleitung Jesu durchs Land gezogen waren. Sie waren auf Spenden von Gönnern angewiesen und saßen nun in einem Haus in Jerusalem, um das jüdische Wochenfest (Schawuot) zu feiern. Ihr Messias war seit acht Wochen tot und vor sieben Wochen als „Auferstandener“ angeblich gesehen worden, allerdings nicht öffentlich, sondern nur von ein paar wenigen „Auserwählten“. Der Evangelist Lukas beschreibt eine Szene in der Apostelgeschichte, die so niemals stattgefunden haben kann. Er hat wohl bei der Ausschmückung und Abfassung seines Textes etwas zu dick aufgetragen. Zumal er selbst ja gar nicht dabei war und die Geschichte nur von anderen kannte. Einer Erzählung, die seit Generationen mündlich weitergetragen worden war, denn das angebliche Ereignis selbst hatte sich ja schon siebzig Jahre vorher zugetragen: »Sie alle saßen am gleichen Ort zusammen. Da erhob sich vom Himmel her ein Brausen … und erfüllte das ganze Haus … Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten und einzeln herabsenkten auf einen jeden von ihnen … und alle wurden erfüllt vom Heiligen Geist und fingen an in anderen Zungen zu reden … so wie der Geist ihnen eingab …« (Apg 2,1). Ohne zynisch zu werden wird man bei einer solchen Beschreibung doch ein wenig an den Baron von Münchhausen oder an Grimms Märchen erinnert, die ähnliche Geschichten erzählten. Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … 78 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Die kleine Schar der Jünger Jesus, die ohne ihren Meister seit Wochen ausharrten und auf seine „Wiederkunft“ warteten, sie wird sicherlich in Jerusalem zusammengesessen und beratschlagt haben, was denn nun zu tun sei, aber eine solche Geschichte … Man stelle sich einmal den Schulhof einer Gesamtschule in einem Stadtbezirk mit hohem Migrationsanteil vor, oder konkret eine Schulklasse mit 24 Schülern und 18 verschiedenen Nationalitäten. Alle Schüler reden in ihrer Muttersprache und alle verstehen alle. Es ist noch nicht vorgekommen, ein solches Ereignis, außer natürlich in der Apostelgeschichte der Bibel, und die darf bezweifelt werden. In der Schullandschaft würde sich bei einem solchen Ereignis ein „Brausen erheben“ und die Integrationsbemühungen der Lehrer würden sowas von erleichtert. An der historischen Tatsache, dass die Anhänger Jesu irgendwann losgezogen sind, um von dem Wanderprediger, seinem Leben und seinen Worten in ihren Familien und ihrer näheren Umgebung zu erzählen, kommt man nicht vorbei. Auch dass sie sich zu Gruppen zusammengeschlossen haben, durch das Land gezogen sind und konspirative Treffs im von Rom besetzten Land organisiert haben, ist sehr wahrscheinlich. Trotzdem waren sie Juden geblieben und als solche feierten sie die jüdischen Feste wie alle anderen in Israel auch. So haben sie sicher auch das Wochenfest gefeiert, an dem das jüdische Volk die Offenbarung der Thoratexte und den Erntedank feierten. Solche Feiern des Schawuot gingen mit dem Rezitieren von Thoratexten, Gesang und Tanz häufig bis in die Morgenstunden. Doch heute beschreibt die wissenschaftliche Textauslegung der Bibel das Pfingstereignis, so wie es durch den Evangelisten formuliert ist, als Unmöglichkeit. In Dogmatikerkreisen hat man allerdings auch gleich Erklärungen für eine solche märchenhafte Erzählweise parat. So sollte angeblich die jüdische Darstellung des Vorgangs der Offenbarung der Thora durch Gott persönlich mit rabbinischer Ausschmückung und Auslegung umgedeutet werden. Denn nach den alten Schriften der Juden war das Geschehen am Sinai voller Wunder gewesen, mit Donner und Blitz, mit Feuer und Rauch und der Stimme Gottes. Denn als Gott am Sinai sprach, »habe sich seine Stimme in siebzig Zungen geteilt, so dass jedes Volk die Stimme seiner eigenen Sprache hören konnte …«. Somit hat wohl der Evangelist Lukas, fünfzig Jahre nach dem Ereignis, das Phänomen einer beginnenden Verbreitung der Heilsvorstellungen eines Wanderpredigers zu einer ekstatischen Lobhudelei der Großtaten Gottes gemacht und zu einem Sprach- und Hörwunder weiter ausgeformt. 79 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Das jüdische Wochenfest wie das Pessach-Fest wurde von den Kirchenvätern zum christlichen Pfingst- und Osterfest umgewandelt. Auf diese Weise lässt sich zumindest erklären, warum solche Geschehnisse in dieser Erzählweise in der Bibel stehen. Legitimieren lässt sich die Theologie vom Heiligen Geist so nicht. Schon das Alte Testament spricht an verschiedenen Stellen von einem Geist Gottes und es ist durchaus verständlich, dass das jüdische Volk seinem Gott einen Geist, eine Kraft zubilligte, die nach ihrer Überzeugung das irdische Leben erschafft und die Menschen zum Guten antreibt. Die Juden verstanden jedoch diesen Geist Gottes an keiner Stelle als eine eigenständige Person, sondern eher als eine Präsenz Gottes in dieser Welt, als eine unsichtbare Kraft, die trotzdem wirksam ist. Obwohl es unter Theologen als sicher gilt, dass Jesus selbst diesen Geist nie als eine eigenständige Person, quasi neben dem Vater, verstanden hat, ist vor allem durch die Evangelisten Lukas und Johannes eine Vorstellung vom Heiligen Geist entwickelt worden, die, wie in der Taufszene Jesu, den Geist auch als sichtbare Gestalt daherkommen lässt. So lassen sich im Neuen Testament durch die unterschiedlichsten Beschreibungen der Evangelisten und deren Vorstellungen von einem Geist Gottes sowohl für die Darstellung des Geistes als Gestalt, als Person, als auch für die Präsenz des Geistes als Kraft und Eigenschaft eines Gottes in dieser Welt, Formulierungen finden. Nachgewiesen ist in jedem Fall, dass in den Anfängen des Christentums der Heilige Geist über einen sehr langen Zeitraum hinweg dem Gott-Vater eindeutig untergeordnet war und er eher als Eigenschaft eines Gottes verstanden wurde, denn als Person. Gedanken über die Frage, wie die Drei, Vater, Sohn und Geist zueinander standen, waren bei den ersten Christen überhaupt nicht im Blick. Doch der theologische Streit in dieser Frage war von Anfang an vorprogrammiert. Im zweiten und erst recht im dritten Jahrhundert nach Christus begannen die Bischöfe und Kirchenväter der noch jungen und zeitweise verfolgten Kirche ihre eigenen theologischen Erkenntnisse über den Geist als Gott strittig zu diskutieren. Es gab neben anderen einen Kirchenvater Justin, einen Theophilus von Antiochien und einen Kirchenvater Irenäus, denen vor allen Dingen daran gelegen war, dass die heiligen Schriften und deren Autoren schon beim Schreiben vom Heiligen Geist inspiriert waren und die Bibeltexte nicht einfach als menschliches Ideengut betrachtet werden durfte. Und so wurde schon damals das Schrifttum als göttliches Wort im Sinne und in der Tradition der ent- 80 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … stehenden Kirche gelesen. Nicht nur die Evangelisten, nein auch die Bischöfe nahmen für sich die Fülle des Geistbesitzes in Anspruch, um so die häretischen Vorstellungen über den Geist Gottes und sein Wirken in den verschiedenen Gemeinden der sich ausbreitenden Kirche im wahrsten Sinne des Wortes bekämpfen zu können. Und Häretiker gab es viele, unter anderem sogenannte Montanisten und später auch die Pneumatomachen, die auf verschiedenen Zusammenkünften der Bischöfe und auf Synoden wegen ihrer falschen Auffassung über die Rolle und Person des Heiligen Geistes als Sektierer gebrandmarkt und verurteilt wurden. Das gesamte dritte wie auch das vierte und fünfte Jahrhundert ist erfüllt vom theologischen Machtkampf über die richtige Sichtweise auf den Heiligen Geist, seine Wesenheit, seine Kraft und seine Stellung zu den beiden anderen Personen, zu Gott dem Vater und Gott dem Sohn. Immer wieder wurde der Heilige Geist bemüht. Bei der Abfassung und der Interpretation der heiligen Schriften, bei der Frage der intellektuellen Fähigkeiten der Bischöfe, bei den Entwicklungen der kirchlichen Institutionen sowie beim grundlegenden Verständnis der Texte in der Bibel. Schon damals war nur der vom Geist beseelte Gläubige in der Lage, die geistlichen Tiefen der Schriften richtig zu verstehen. Dennoch blieb die Frage, ob denn der Geist ein Geschöpf war, und wenn ja, wer war dann der Schöpfer und wie sind dann die drei als Vater, Sohn und Geist zu verstehen? So lebte im 4. Jahrhundert ein Kirchenvater Athanasius (300–373 nach Chr.), der schon früh gegen eine Unterordnung des Sohnes und des Geistes unter den Vater kämpfte und der den Hl. Geist als „wesensgleich“ zum Vater und Sohn beschrieb. Das Konzil von Konstantinopel im Jahre 381 nach Chr. folgte, wie wir gesehen haben, im Wesentlichen seinen Vorstellungen und denen der Kirchenväter Basilius und Gregor von Nazianz. Dieses Konzil legte die bis heute gültige Trinitätslehre und damit die Zuordnung und Rolle des Hl. Geistes fest, obwohl die Mehrheit der Bischöfe des Konzils der sogenannten arianischen Meinung zuneigte, dass nämlich nur Gott-Vater ewig da war und der Sohn und der Geist nachgeordnet sein sollten. Auch stießen die Theologen nicht nur heute, sondern auch schon damals an ihre sprachlichen Grenzen, wenn sie vom Wesen des Heiligen Geistes sprachen. Die intellektuelle Einsicht sagte auch damals schon jedem, dass der Heilige Geist, so es ihn denn gibt, entweder von einem Gott gezeugt/gehaucht oder ungezeugt/ungehaucht sein muss. Ist er von niemanden gezeugt/gehaucht, so war er immer schon da und es gibt zwei 81 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Götter, nämlich Gott-Vater und Gott-Geist. Sollte der Geist jedoch gezeugt/gehaucht sein, so stellt sich sofort die Frage nach dem Erzeuger. Ist der Geist vom Vater gezeugt/gehaucht, so hat dieser zwei Söhne, Jesus Christus und den Heiligen Geist. Sollte jedoch der Heilige Geist gar vom Sohn Gottes gezeugt/gehaucht sein, dann handelt es sich um eine „Enkeltheologie“, dann ist Gott gar der Großvater des Heiligen Geistes. Wie sagte Peter Lustig häufig in seiner Kindersendung „Löwenzahn“: »Klingt komisch, ist aber so«! Doch was machten die Väter des Konzils im Jahre 381? »Sie schnatterten wie ein ganzer Schwarm Elstern, ein Lärm wie von einer Horde Kinder … aber entscheidend war und blieb die Meinung des Kaisers …«86, sagt der Historiker. Es lohnt sich, die Lebensgeschichte des Kirchenvaters Athanasius nachzulesen, sie ist typisch für die theologischen Auseinandersetzungen der damaligen Zeit. Die unterschiedlichen Vorstellungen der Kaiser und der Bischöfe über die Frage, ob Jesus „wesensgleich“ oder „wesensähnlich“ mit Gott-Vater sei, trieb Athanasius mindestens fünfmal, möglicherweise gar siebenmal in die Verbannung oder besser gesagt in die Wüste. So wurde er als Bischof verbannt, drangsaliert, wieder eingesetzt, verbannt, wieder eingesetzt, je nachdem, welche Vorstellungen über Gott gerade an der Tagesordnung waren und welcher Vorstellung der Kaiser aus machtpolitischem Kalkül gerade den Vorzug gab. Es hätte alles auch ganz anders kommen können mit dem Wesen des Heiligen Geistes. Man ist geneigt zu sagen, dass Jesus sich im Grabe rumgedreht hätte, wenn er denn noch darin liegen würde, angesichts der Härte, Vehemenz und Brutalität, mit der für „göttliche“ Positionen gekämpft wurde, die für Jesus überhaupt nicht „auf dem Schirm“ waren. Wer jedoch geglaubt hatte, dass es bei diesen Auseinandersetzungen und theologischen Konflikten innerhalb der frühen Kirche nur um den vom Heiligen Geist inspirierten rechten Glauben ging, den muss ich bitter enttäuschen. Es ging vor allem um die Politik des Römischen Reiches, um Pfründe und Bischofsstühle, um Machtgehabe und persönliche Querelen. So beschreibt ein Dokument die Synode der Kirche im Jahre 324 nach Chr. in Antiochia: Dort trafen sich wieder einmal die Väter, der Historiker spricht schon von „Kirchenfürsten“, sie hatten wieder einmal die Kontroverse zu diskutieren, wie das denn nun zu verstehen sei, die Wesenheit der göttlichen Personen. Und was passierte auf dieser Synode, 86 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 371. 82 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … die Bischöfe des östlichen Teils des Reiches exkommunizierten die Bischöfe des Westens, woraufhin die Bischöfe des Westens die des Ostens exkommunizierten und so waren die unterschiedlichen Vorstellungen über das göttliche Wesen endlich gleich, da alle exkommuniziert waren. Erst die außenpolitischen Entwicklungen des Römischen Reiches, nicht die theologischen und vom Heiligen Geist inspirierten Überzeugungen der Väter führten die dogmatischen Lehrsätze der Kirche herbei, die am Ende ausschließlich durch den Kaiser des Reiches festgelegt wurden. Es sind hierbei wohl zwei Dinge besonders aufschlussreich. Zum einen werden die dogmatischen Entscheidungen sowie die Glaubenssätze der Kirche mit oder ohne den Heiligen Geist von der weltlichen Macht getroffen. Was jedoch noch schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass bei der Suche nach den Glaubenswahrheiten und dogmatischen Festlegungen einer Kirche für alle Gläubigen die vom Geist inspirierten Kirchenväter ein jämmerliches Bild abgeben. Ihre Überzeugungen sind deutlicher von persönlichen Gesichtspunkten und Interessen geleitet als von göttlicher Eingebung. Die persönlich motivierten Querelen stehen im Vordergrund und die eigenen Pfründe werden unter Berufung auf die Geistesgaben verteidigt. Man kann sicher sagen, dass die Strukturierung und Normierung der katholischen Glaubenslehre dieser Zeit in Wahrheit eine staatliche Angelegenheit war. Damit einher ging eine Kriminalisierung der Häresien und ihrer Anhänger – sowie eine Diffamierung der Juden und der „Heiden“. Bis ins 13. Jahrhundert hinein wird an diesen Glaubensfundamenten durch die Bischöfe gebastelt und erst in einem relativ späten Glaubensbekenntnis des 13. Jahrhunderts wird dann endgültig aus dem Heiligen Geist auch ein vollkommener und wahrer Gott. Der Theologe Hans Küng spricht von einem »höchst komplexen, vielfach widersprüchlichen und in jedem Fall langwierigen Denkprozess …«87, der dann zu dieser dogmatischen Sprachregelung vom Heiligen Geist geführt hat. Die dritte Person der Dreifaltigkeit wird also nach dem heute gültigen Dogma der Kirche so beschrieben: »Der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn als einem einzigen Prinzip durch eine einzige Hauchung hervor«. 87 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 230. 83 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Die Frage, wie ein göttliches Wesen haucht, ist nicht spöttisch gemeint. Denn viele Theologen meiden diese Formulierung und sprechen von dem Hervorgehen des Geistes aus dem Vater und dem Sohn. Geht aber der Geist hervor aus Vater und Sohn oder wird er gehaucht, bleibt trotzdem nach dem Verständnis des normalen Christenmenschen die „Enkeltheologie“. Wenn Jesus gezeugt ist aus dem Vater und der Geist hervorgeht aus dem Vater und dem Sohn, so sind wir denn doch an der „Grenze des Sagbaren“, wie selbst die Theologie es formuliert. Mir scheint, dass immer dann, wenn die Dogmatikexperten Gott zu nahe treten, die eigenartigsten Formulierungen und seltsamsten gedanklichen Überlegungen für ein Dogma in Worte gekleidet werden, die die Theologen selbst nicht mehr verstehen, obwohl sie doch an der Formulierung und Entstehung des Dogmas selbst mitgewirkt haben. Warum, um Himmels Willen, durfte der Geist Gottes, nicht wie im Alten Testament beschrieben, die Kraft, die wirkmächtige Gegenwart Gottes in der Welt und im Leben der Menschen bleiben? Die Beschreibung des Heiligen Geistes als eine Person der Dreifaltigkeit ist ohnehin nicht vermittelbar, doch selbst den Geist als Kraft oder Gegenwart Gottes in dieser Welt zu erklären, gelingt kaum. Deshalb noch einmal die Frage: Wie kann man sich zu etwas äußern, dessen Existenz und Wirkungsweise keiner sehen kann, wie soll man über etwas schreiben, das keiner erkennen kann? Die Theologen, die Kleriker, sie können das, sie beschreiben die Geist- Theologie als zentrales Thema der Glaubenslehre und sprechen eindrucksvoll über die Wirkungsweise des göttlichen Geistes in dieser Welt. Sie werden vor allem immer wieder fündig im Neuen Testament beim Apostel Paulus, der interessanterweise viel über die Gaben des Heiligen Geistes zu berichten weiß, obwohl er selbst beim Pfingstereignis gar nicht dabei war. Die Pfingstkirchen, die Evangelikalen, auch die religiösen Fanatiker berufen sich immer wieder gerne auf die beschriebenen Geistesgaben in der Bibel. Paulus spricht von den ungewöhnlichen Gaben der prophetischen Rede, von Weissagungen, von Heilungen und von Wundern, auch von Zungenreden. Ich bin überzeugt, dass heutigen Theologen diese Passagen eher unangenehm sind, denn es werden vielfach natürliche Talente und Gaben der Menschen als geistgewirkt verstanden, es werden übernatürliche Vorgänge wie Heilungen durch Gebete behauptet, wo der Verdacht des religiösen Selbstbetrugs naheliegt oder es werden Wirkungen des Heiligen Geistes beteuert, deren Auftreten sich heute problemlos medizinisch oder psychologisch erklären lassen. 84 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Meine Überzeugung ist nicht aus der Luft gegriffen: Die Kleriker sind heute bei der Fragestellung zum Heiligen Geist auf dem Rückzug. Am Ende ihrer Argumentation bleiben doch nur noch die Beschreibung einer Wirkung des Heiligen Geistes auf die innerkirchlichen Vorgänge und auf die persönlichen Glaubensüberzeugungen des einzelnen Christen übrig. Hier können sich allerdings die Theologen so richtig auslassen und die Wirkung des Heiligen Geistes in der Kirche bei der Vermittlung des Glaubens wortgewaltig beschreiben. Hier können sie „Wortkonstruktionen“ so eindrucksvoll aufbauen, dass sie den normalen Christenmenschen nicht mehr erreichen. Nicht nur weit weg sind sie, diese Formulierungen, vom Lebensalltag der Gläubigen, sondern auch weit entfernt von jeder intellektuellen Ehrlichkeit. Hier wird der Heilige Geist als Urheber der Heiligen Schriften aufgefasst, die Kirche wird als Ort der Erkenntnis des Heiligen Geistes beschrieben, nur der Heilige Geist lässt den Christen die Worte Jesu erkennen, die Gemeinschaft des Heiligen Geistes gibt den Getauften die verlorene Ähnlichkeit mit Gott zurück, ja erst der Geistbesitz bedeutet für den Glaubenden, dass er Christus nahe ist. Die Zahl solcher Formulierungen ließe sich beliebig erweitern. Versucht man diesem „hohlen Geklingel“ in den dicken Büchern zur Dogmatik der Kirche nachzuspüren, so trifft man schnell auch auf die Fluchtwege der Theologen, denn sie sind häufig selbst nicht in der Lage, den Heiligen Geist und seine Wirkungsweise in der Welt halbwegs sinnvoll und intellektuell redlich zu erläutern. Es erscheinen Formulierungen wie: »Die Erkenntnis göttlicher, vor dem natürlichen Auge verborgener Wahrheiten, ist … eine exklusive Geistesgabe …« oder auch: »Die Fähigkeit göttlicher Erkenntnis ist vom Geist selbst gegeben. Wer ihn hat, erkennt ihn, wer ihn nicht hat, erkennt ihn nicht …« und dann noch: »Glaubenswahrheit und Erkenntnis ist nicht jedermann zugänglich und einsichtig …«. Anschließend kommt immer wieder der Hinweis, dass die »Wahrheit des christlichen Glaubens … sich der intellektuellen Kritik entzieht. Sie ist nur dem inspirierten Gläubigen und zwar im Zirkel von geistiger Autorenschaft und inspirierter Schriftauslegung zugänglich …«88. 88 In diesem Zusammenhang verweise ich auf die Ausführungen von Bernd Jochen Hilberath zur Pneumatologie aus: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, a. a. O., Seite 447 ff. und auf die Formulierungen im Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 211 ff. 85 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Eine geradezu typische Argumentation von Berufstheologen, die einfach behaupten müssen, dass die Worte der Schrift nur von dem verstanden werden können, und ihre Auslegung nur dem Menschen zugänglich ist, der an die Wirkungsweisen des Heiligen Geistes glaubt. Um diese Gedankenkonstruktion aufrechterhalten zu können, ist wieder einmal der bekannte Zirkelbeweis nötig und keiner wundert sich, dass dieser dogmatische Teil des Glaubens dem sogenannten gedanklichen Zugriff entzogen bleibt. Dabei ist dieses gesamte dogmatische Wortgebäude den Köpfen von Theologen des vierten und fünften Jahrhunderts entsprungen. Die Theologen betonen allerdings heute zu ihrer Rechtfertigung, denn diese intellektuelle Volte bemerken sie ja auch, dass hinter dem christlichen Zirkelbeweis kein Vorsatz arglistiger Täuschung stehe, sondern nur eine feste Glaubensüberzeugung89. Also, die Kleriker glauben daran und drücken es dann so aus: »Die Erkenntnis göttlicher, vor dem natürlichen Auge verborgener Wahrheiten ist … eine exklusive Geistesgabe«90. Welche Verrenkungen. Wie war doch die theologische Welt noch einfach, als alles, was die geistlichen Gehirne der Kirchenväter ausgebrütet hatten, einfach nur zu glauben war und dass alles, was nicht mit ihrer Vorstellung in Übereinstimmung zu bringen war, als ketzerisch oder heidnisch galt. Doch mit einer solchen Argumentation kommt man heute, Gott sei Dank, nicht mehr durch. Entweder interessiert sich kein Gläubiger und schon gar kein Außenstehender mehr für dieses Theologengerede oder der Gläubige selbst ist nicht mehr in der Lage, die Lehräußerungen der Kirche zu durchschauen, angesichts der intellektuellen Müllberge und Vernebelungstaktiken der Kleriker. Oder der Gläubige durchschaut es und es wächst in ihm die Erkenntnis, dass er sich doch besser auf seine eigenen menschlichen Geistesgaben verlassen muss, denn der Geist der Theologen begründet in der Kirchenliteratur den Geist Gottes in dieser Welt zum Beispiel mit solchen hanebüchenen Formulierungen: »Wenn die Wirklichkeit des Geistes im aus-sich-sein und beim-anderen-sein sich vollzieht, und wenn von Gott gesagt werden muss, dass er immer schon außer sich beim anderen und darin bei sich selbst ist, dann steht der Hl. Geist genau für diesen Vollzug, indem der Vater im Sohn 89 Kurt Erlemann, Unfassbar?, Neuenkirchener Verlagsgesellschaft, Neuenkirchen-Vluyn, 2. Auflage 2012, Seite 51. 90 Kurt Erlemann, Unfassbar?, a. a. O., Seite 58. 86 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … beim anderen seiner selbst und zugleich immer schon bei sich selbst ist und der Sohn im Vater beim anderen und zugleich bei sich selbst ist. Der Hl. Geist ist der „Raum“ … in welchem Vater und Sohn immer schon bei sich selbst und beim anderen sind, in noch größerer Selbstlosigkeit selbst bezogen«91. Die können einem ganz schön auf den Geist gehen, die amtlichen Kirchenvertreter. Die Theologie der Dreifaltigkeit und solche theologischen Aussagen zum Heiligen Geist haben dazu geführt, und diese Ansicht gibt es mittlerweile auch in Teilen der Theologenzunft, wenn auch spät, dass heute die Rede vom Heiligen Geist unverständlich geworden ist und man sie daher vielfach besser auf sich beruhen lässt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst Jesus von Nazareth dies alles nicht mehr verstanden hätte. Einig ist man sich in der Kirche allerdings darin, dass erst das tatsächliche Verhalten der Christenmenschen, wenn sie denn vom Heiligen Geist durchdrungen sind, einer so oder ähnlich gearteten Dogmatik die nötige Glaubwürdigkeit in der Welt verleihen könnte. Doch wo sind sie und wo waren sie, heute und in der Geschichte, die Christen, die vom Geist inspiriert die „guten Werke“ tun oder getan haben? Sollten gar nur die Kirchenfürsten die Fülle des Geistbesitzes zugesprochen bekommen haben und nur innerhalb der Kirche der Heilige Geist wahrhaft wirken? Der Mensch kommt ohne eigenes Zutun auf diese Welt und ist weder gut noch böse oder vielleicht besser gesagt sowohl gut als auch böse. Dies aber doch nicht wegen der Religion oder wegen des Heiligen Geistes, sondern trotz der Religion. Untersuchungen haben vielfach gezeigt und es lässt sich zur Zeit gerade für die extremen Islamisten sagen, dass derjenige, der an einen Gott glaubt, dann gewalttätiger ist, wenn er zuvor in seinen heiligen Schriften liest, dass Gott die Gewalt billigt. Der religiöse Kontext führt bekanntlich auch und gerade im Koran zu grö- ßerer Aggressivität. Wenn in Mitteleuropa das „Böse“ in einem Menschen überwiegt und der Mitmensch durch welche Taten auch immer beeinträchtigt wird, so haben der Rechtsstaat und die Zivilgesellschaft „Planken“ eingezogen, die es möglich machen, dass das Individuum sich frei entfalten kann, 91 Bernd Jochen Hilberath in: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 1, a. a. O., Seite 534. 87 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … ohne die Rechte und Privatsphäre der anderen Menschen zu beeinträchtigen. Nur so kann in demokratischen Gesellschaften Leib und Leben jedes Einzelnen gesichert werden. Auch wenn dies zur Zeit in nur wenigen Gesellschaften und Staaten dieser Erde praktiziert wird, auf einen solchen Weg muss sich in jedem Fall die gesamte Menschheit machen. Doch wo ist da der Heilige Geist? Man kann ein guter oder auch ein schlechter Mensch sein, und dies ohne Glauben an welches göttliche Wesen auch immer. In den USA ist z. B. bekannt, dass signifikant mehr Kirchgänger für die Todesstrafe und für Folterungen von Gefangenen sind, als Nichtkirchgänger92. Der Heilige Geist kann doch wohl nicht mitmachen, wenn nicht nur trotz, sondern sogar wegen der Religion ganze Völker oder Volksgruppen ermordet werden. Wo war denn der Heilige Geist, der doch nach den Aussagen der Kirche den Glaubenden in seiner ethischen Haltung stärkt und zum Tun des Willen Gottes befähigt, als in Deutschland Millionen von Juden deportiert und ermordet wurden? Wo war gar der Papst, wenn doch der Heilige Geist exklusiv an Leitungsfunktionen der Kirche gebunden ist? Wo war er, als der ausgewiesen christliche Präsident der USA mit Täuschungsmanövern den Krieg im Irak vom Zaune brach? Wo ist er, wenn im Jemen und in Somalia sieben Millionen Männer, Frauen und Kinder langsam aber sicher in einer beispiellosen Hungersnot versinken, weil sich religiöse Gruppierungen mit Hilfe benachbarter Machthaber gegenseitig massakrieren? Oder weht der Geist gar nur dort, wo Hilfsorganisationen Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten? Weht er auf dem Börsenparkett oder in der Suppenküche für Obdachlose? Weht er gar im Vatikan, wo die Zahl der Verbrechen, darunter Wirtschaftsdelikte, Pädophilie und Drogenhandel, nach Aussagen des Generalstaatsanwaltes des Heiligen Stuhls Gian Milano, nach wie vor ansteigt93. Nein und abermals nein, man kann das Gute und das Humane in der Welt nicht für sich und seinen Heiligen Geist reklamieren und die Bosheiten der Menschheit und die Grausamkeiten von Krieg, Hunger und Zerstörung den Unfreiheiten der Menschen und irgendwelchen von Gott geschaffenen widergöttlichen Kräften anlasten. 92 Vgl. hierzu: Gerhard Czermak, Problemfall Religion, Tectum Verlag, Marburg 2014, Seite 315. 93 Siehe: Meldung in: „Spiegel online“ vom 02.02.2015. 88 Wenn die kriMinAlitätsrAte iM vAtikAn Weiter steigt … Der Geist Gottes, er wehte damals nicht und er weht auch heute nicht, er weht überhaupt nicht. Der menschliche Geist, nicht der göttliche Geist, weht in den Gehirnen, ohne dass die Medizin bis heute Klarheit darüber hat, wie die Beziehungen zwischen Geist und Gehirn „ablaufen“, wie menschliches Bewusstsein und psychologische und physiologische Faktoren miteinander kommunizieren. Die Kluft zwischen dem theologischen Gerede vom Heiligen Geist und dem tatsächlichen Weltgeschehen im Großen und im Kleinen ist unüberbrückbar. Wenn dies aber so ist, dann wäre doch vor der Konstruktion eines solchen theologischen Überbaus über eine Pfingstgeschichte, vor der Entwicklung von Lehrsätzen und Sinnbeschreibungen über einen solchen biblischen Vorgang die tatsächliche Gegebenheit, am besten durch römische Historiker, die unverdächtig wären bei der Beschreibung von „übernatürlichen“ Vorgängen, zu sichern gewesen. Dieses Faktum ist bis heute, trotz aller Beteuerungen der Kirche, eben nicht gegeben. Die Kirche will einfach, ja muss das Privileg behalten, dass nur sie die eine göttliche Wahrheit nicht nur zum Pfingstereignis für alle Menschen vermitteln kann und dazu braucht sie die angebliche Tatsächlichkeit der biblischen Erzählungen, denn nur so bleibt sie unentbehrlich für die Bestätigung eines Heiligen Geistes, dessen Existenz in dieser Welt nicht erkannt werden kann. Papst Johannes Paul II drückte es in einer Audienz am 17.10.1990 so aus: »Die Person des Heiligen Geistes übersteigt die Möglichkeiten … der menschlichen Erkenntnis in besonderer Weise … Für uns ist die dritte göttliche Person der verborgene und unsichtbare Gott …«. So wollen wir es einfach akzeptieren und die Suche nach dem Heiligen Geist in dieser Welt unterlassen und auch das Schreiben über ihn und wir sollten nicht daran rühren, vor allem nicht an den Feiertagen zu Pfingsten. Denn diese Tage sind auch ohne geistliche Erkenntnis, ja sogar ohne Kenntnis des gesamten biblischen Geschehens im Durchschnittsbewusstsein der Bürger und Arbeitnehmer ein gewünschter und gewohnheitsmäßiger Termin.

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References

Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …