10 Wenn ein katholischer Priester neben seiner Frau begraben liegt … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 245 - 262

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-245

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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245 10 Wenn ein katholischer Priester neben seiner Frau begraben liegt … Papst Franziskus ruft zum Kreuzzug auf. Alle Gläubigen sind aufgerufen, sich an der Eroberung der sogenannten „Heiligen Stätten“ der Christenheit mit der Stadt Jerusalem und dem gesamten Heiligen Land zu beteiligen. Den gläubigen Christen, die sich beteiligen, ist die Vergebung aller Sünden und Sündenstrafen versprochen. Eine Schnapsidee! Sicherlich. Angesichts der kriegsähnlichen Auseinandersetzungen, der Zerstörungen und Brutalitäten die bis heute in diesem Landstrich stattfinden. Mit Millionen von Flüchtlingen, mit Terror und Verwüstung. Die Kriegsparteien sind kaum noch auszumachen, es kämpft beinahe jeder gegen jeden und die Zivilbevölkerung, sie stirbt, leidet, wird vertrieben und brutal misshandelt. Papst Innozenz hatte jedoch auf dem 4. Laterankonzil im Jahre 1215268 genau diesen Aufruf gestartet (Canon 71). Der Kreuzzug begann dann tatsächlich am 1. Juni 1217. Nun ist ein solcher Aufruf mehr als 800 Jahre her und man sollte meinen, die Menschheit hätte sich, zumindest in dieser Hinsicht, weiterentwickelt. Auf dem 4. Laterankonzil wurde außerdem das Gebot erlassen, dass sich Juden und Muslime „abweichend“ zu kleiden haben »damit sie sich nicht irrtümlich mit den Christen einlassen« (Canon 68). Auch eine Schnapsidee? Ganz sicher nicht, sondern eine Diskriminierung von Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit und das von Klerikern, von Bischöfen auf einem Konzil, auf dem der Heilige Geist wohl doch nicht anwesend war. Die Vorstellungen der Nationalsozialisten im Dritten Reich kommen diesem Gebot des Konzils schon bedrohlich nahe. Nach 268 Canon 1, 68 und 71 des 4. Laterankonzils aus: www.wikipedia.org/wiki/viertes_laterankonzil/… 246 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … 800 Jahren hat die heutige Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland Gott sei Dank nur noch ein paar Durchgeknallte, Unverbesserliche zu verkraften. Und wir sind auch an dieser Stelle schon ein Stück weiter. Auf diesem Konzil wurde ebenfalls die Lehre von der Wesensverwandlung von Brot und Wein in das Fleisch und Blut Jesu während der Handlungen des Priesters in der Heiligen Messe verkündet (Canon 1). Keine Schnapsidee, sondern eher eine schwachsinnige Idee der Konzilsväter. Bis zum Jahre 1215 war Wein Wein und Brot Brot. Nach fast 1200 Jahren ist es nun Leib und Blut eines Propheten aus Galiläa, der sich selbst leider nicht mehr wehren kann. Diese Verwandlung war auch 1215 nicht symbolisch gemeint, sondern so etwas wie ein Suggestionszauber. Und es stimmt wirklich, aus Brot und Wein wird das Fleisch und das Blut Christi, so sagt es die katholische Kirche seit 1215 bis heute, auch noch im 21. Jahrhundert. An dieser Stelle sind wir leider doch noch kein Stück weiter … Auch nach 800 Jahren ist dieses Dogma für alle Zeiten gültig. Die Kirche behauptet sogar, wie wir gesehen haben, dies sei ein wahres Sakrament, von Jesus selbst eingesetzt und schon deshalb dürfe nur der katholische Christ das Sakrament empfangen. Nicht der evangelische, auch nicht, wenn er Ehepartner eines Katholiken/einer Katholikin ist. Die deutschen Bischöfe diskutieren immer noch. Doch der Vatikan hat sie ausgebremst, im Jahre 2018. Die Zulassung von christlichen Ehepartnern zum „Tisch des Herrn“ ist nicht zulässig. Das dogmatische Korsett lässt es nicht zu, die Kurie ist im 13. Jahrhundert stehen geblieben und die Kirche ist tatsächlich keinen Schritt weiter … Nur die Gläubigen, sie sind schon längst weiter, sie entscheiden selbst, treten aus der Kirche aus oder nehmen trotz der Lehre an der Kommunion teil. Den meisten ist es gleichgültig, sie nehmen eine solche dogmatische Auslegung des christlichen Glaubens ohnehin nicht mehr ernst. Der von den Klerikern gepredigte und von Rom definierte Glaube an den einen Gott der Bibel und die dogmatischen Korsettstangen der Lehre scheinen in der Tat nur noch Sache der Theologen zu sein. Allen Beteuerungen der Institution Kirche zum Trotz wird der Glaube zu einer Privatsache, für die man sich entscheidet oder eben auch nicht, denn dieser mögliche Gott hat keine Gestalt, er hat kein Gesicht. Der Glaube an ihn ist unsichtbar, nicht nachvollziehbar, mit der menschlichen Vernunft ohnehin nicht zu erfassen, Argumenten nicht zugänglich. Er wird angeblich der kindlichen Seele in der christlichen Taufe mitgegeben, gespendet und manchen Menschen sogar offenbart. Bevor das Kleinkind 247 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … zu denken beginnt, hat es nach den Verlautbarungen der Kirche schon seinen Glauben. Doch wenn es dann zu denken beginnt, wird die Sache problematisch. Der Glaube an einen Gott, gar an den Gott dieser Kirche, an seine Anwesenheit in der Welt, scheint im Menschen ein doch eher fragwürdiges und unsicheres Geschehnis. Wenn der Glaube der Kindheit sich dann wieder verliert oder gar abhandenkommt, entsteht kein Vakuum, kein Defizit, zumindest kein deutlich sichtbares oder gar öffentlich feststellbares. Er verschwindet einfach. Ganz undramatisch, ganz still und schleichend und damit auch die Bindung an eine der christlichen Kirchen. Manche verlieren sogar die Bindung an eine der christlichen Kirchen, obwohl sie sich weiterhin als gläubige Christen verstehen. Der Theologe Gotthold Hasenhüttl beschreibt in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ seine Sicht auf die katholische Kirche und sagt: »Ich bin aus der katholischen Kirche als Institution ausgetreten – nicht aus der Glaubensgemeinschaft. Meine Skepsis der Institution gegenüber ist heute größer denn je …«269. Eine solche Skepsis ist sicher angebracht. Aber möchte der Mensch nicht doch an ein „höheres Wesen“, an einen Gott glauben, eine Vorstellung von einem Gott entwickeln, so als Schöpfer und Lenker des Universums? Es ist auch unter Wissenschaftlern unbestritten, dass sich im Laufe der Geschichte der Menschheit neben vielen anderen Entwicklungen in gleicher Weise auch »das Bedürfnis nach einem religiösen Weltbild … tief in der menschlichen Psyche verankert hat«270. Selbst der Philosoph Voltaire hatte kein Problem mit einem Gott, sondern primär Schwierigkeiten mit den Lehren über Gott. Nicht nur Christen, auch Juden und Muslime stellen Vermutungen über einen Gott an. Beschreiben ihn als jemanden, der mit der menschlichen Vorstellungskraft nicht erfasst werden kann. Karen Armstrong schreibt in ihrem Buch, dass schon das Wort „Gott“ unrichtig sei und dass »unsere menschlichen Vorstellungen von einem Gott der unfassbaren Wirklichkeit niemals gerecht werden können«271. Wieso sich also damit beschäftigen, wo doch jede Annahme einer tatsächlichen Wirklichkeit Gottes außerhalb der Reichweite des menschlichen Wahrnehmungsvermögens liegt und niemand den Nachweis er- 269 Gotthold Hasenhüttl in: Wochenzeitung „Die Zeit“ Nr. 21 vom 17.05.2018. 270 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 338. 271 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, Droemer Knaur Verlag, München 2015, Seite 524. 248 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … bringen kann, dass er existiert. Allerdings lässt sich ebenso wenig seine Nicht-Existenz beweisen. Trotzdem kann jeder Gedanke nur mit den Vorstellungswelten arbeiten, die die Menschen eben besitzen, obwohl sie immer gänzlich unzutreffend sein müssen. Jede Spekulation liegt daneben. Eine Beweisführung ist nicht möglich. Er bleibt ein Phänomen in der menschlichen Vorstellungswelt. Daher kann jede Beschreibung seiner Eigenschaften nur in der zwar unzutreffenden, jedoch einzig möglichen Erfahrungswelt der Menschen liegen. Der Philosoph David Precht macht deutlich, dass ein Gott, sei er noch so perfekt und vollkommen als Wesen beschrieben, doch nur ein Gott, eine Gottesvorstellung im Kopf der Menschen ist und nicht ein Wesen in dieser Welt272. Wieso machen sich die Menschen dann diesen Kopf? Wenn der Mensch nicht anders kann, als einen Gott mit seinen Kategorien zu beschreiben und diese Beschreibung daher immer von einem Wesen ausgehen muss, das unbegreiflich ist, das unsere intellektuellen Fähigkeiten bei Weitem übersteigt, warum sich dann damit belasten? Der eigentliche Grund liegt in der Tatsache, dass zu allen Zeiten die Menschheit versucht hat, Unbekanntes, Unsichtbares, Unverständliches in dieser Welt zu personalisieren, Göttern Eigenschaften zuzuweisen, die dann zwangsläufig menschliche Charakterzüge tragen. Wir konnten diesen Gott früher nicht und können ihn auch heute nicht erkennen, auch wenn wir uns noch so viel Mühe geben. Und die Christen glauben, dass es ihn gibt, dass er existiert, ihre Geschicke lenkt, über sie wacht. Die Theologen, die Geistlichen, die Priester sagen es uns unaufhörlich, sie betonen immer wieder, dass er zwar nicht erkannt werden kann, dass er aber doch erfahren werden könne. Der Kritiker Karl-Heinz Deschner betont dagegen und man kann es nicht oft genug sagen: »Dieser Gott, dass ist immer der Gott der Kleriker, das sind Leute, die sich um unsere Seelen Sorgen machen, die jedoch eher unserer Seele Sorgen machen«273. Der Volksmund sagt: Von nichts kommt nichts! Unterstellt, an dieser Volksweisheit ist was dran, so kann man schon mal auf den Gedanken kommen, dass es einen Schöpfergott geben muss, der „Gestalter“ oder zumindest „Auslöser“ dieser Schöpfung war. Ein Gott, der angesichts 272 Richard David Precht, Wer bin ich und wenn ja wieviele?, Goldmann Verlag, München 2007, Seite 283. 273 Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, a. a. O., Seite 157. 249 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … des Sternenhimmels bei Nacht oder eines Sonnenaufgangs an der See als Schöpfer vorstellbar erscheint. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann spricht davon, dass all das, was man von Gott erkennen könne, wenn es ihn denn gäbe, »an den Werken der Schöpfung erkannt wird«. Doch die Kleriker wollten immer noch mehr, sie »wollten nicht die gottgegebenen Naturgesetze denkend wahrnehmen, sondern an Wunder glauben«274. Denkt man jedoch diese Überlegungen zu Ende, so stellt sich sofort eine neue Frage. Wer ist dann der Schöpfer des Schöpfers, wenn von nichts nichts kommt? So wird man dann doch wieder zum Zweifler, zum Agnostiker oder gar zum Atheisten, der doch lieber an die Ewigkeit der Materie glaubt, als an die Ewigkeit eines göttlichen Wesens. Man kann die Vorstellung vom Walten eines Schöpfers bei der Entstehung dieser Welt und seine Anwesenheit in dieser Welt als ein Placebo bezeichnen. Ob diese menschlichen Überlegungen eine heilsame Wirkung entfalten, hängt letztlich vom individuellen Glauben und dem eigenen Verhalten ab. Es liegt an jedem Einzelnen selbst, ob für ihn ein Gott existiert oder eben nicht. Der Glaube an einen Gott und religiöse Vorstellungswelten sind tröstlich. Auch wenn es nur Vorstellungen im Kopf der Menschen sind, sie schaffen Möglichkeiten, ja Fähigkeiten, um die Unausweichlichkeit und Endgültigkeit vom Werden und Vergehen des Menschen oder, wie es Pascal Boyer ausdrückt, »die Schrecken erregende Vergegenwärtigung des Todes zu verkraften«275. Wenn man sich vorstellt, dass ein Gott existiert, so kann man die grundsätzlichen Fragestellungen der Menschheit nach dem Woher und Wohin einfach besser beantworten. Doch bleibt es immer noch ein Gedankengebäude, eine Vorstellung, eine Hoffnung, mehr nicht. Was auf der Erde passiert, was zur Zeit mit der Erde und den Menschen auf diesem Planeten geschieht, es ist ausschließlich reines Werk der Menschen und nicht von einem Gott bewirkt, der in der Vorstellungswelt einiger Christen existiert. Die Vorstellung von diesem christlichen Gott ist ausgedacht, mit viel Phantasie geschmückt und nur eine „Kopfsache“ der Theologen. 274 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 419. 275 Pascal Boyer, Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, 4. Auflage 2017, Seite 253. 250 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Die Rede von einem Schöpfergott ist sinnlos, weil kein Standpunkt eingenommen werden kann, der es uns ermöglicht, das Universum als Entwicklung der Materie oder als den Akt einer göttlichen Kraft zu begreifen. Die Institution Kirche hingegen, die gesellschaftlich immer noch relevanten Glaubensgrundsätze der katholischen Kirche in Deutschland und Europa, die wesentlichen Kernaussagen einer kirchlichen Dogmatik, sie sind alle unglaubwürdig geworden und nur unter Aufgabe der menschlichen Intelligenz noch zu erörtern. Sie sind historisch längst widerlegt und exegetisch nach über 200 Jahren Forschung in fast allen Einzelheiten überholt und gegenstandslos geworden. Die Bibel ist nicht Gottes Wort. Das Alte Testament mit seiner Schöpfungsgeschichte ist nichts als Mythologie des jüdischen Volkes, das aus den Hochkulturen am Nil und Euphrat wesentliche Vorstellungen von Göttern und vom Jenseits übernommen hatte. Die Texte sind deutlich von anderen Kulturen der Region geprägt und aus den bis dahin mündlichen Überlieferungen und uralten Erzählungen über die Entstehung der Welt in die Schrift gelangt. Die gesamte Sinai-Erzählung ist weder geografisch zu verorten noch historisch nachzuvollziehen. Die Zehn Gebote sind nicht gedacht als Gebote für die Christenheit, sondern nichts anderes als Regeln des Zusammenlebens eines Volkes oder eines Volksstammes, der noch vor über 1000 Jahren vor Chr. im sogenannten gelobten Land gelebt hatte. Die Texte wurden über Jahrhunderte hinweg aufgeschrieben, redigiert, erweitert, verändert, weit vor der Geburt eines Wanderpredigers, meist von jüdischen Propheten formuliert, die aus ihrem Land vertrieben und in der Verbannung lebend die Geschichten ihres Volkes bewahrt haben wollten. Wer ins Alte Testament schaut und die Zehn Gebote nachliest, der kann leicht nachvollziehen, dass eine Regel: „Du sollst nicht töten!“ für das Zusammenleben eines Volkes von außerordentlicher Bedeutung war. Liest man jedoch in neuern Ausgaben des Alten Testamentes, in sogenannten Einheitsübersetzungen nach, so heißt es da: „Du sollst nicht morden!“ Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Im Krieg ist das Töten für Christen erlaubt, auch wenn man glaubt im Krieg zu sein, Hinrichtungen durch staatliche Institutionen sind zulässig, die Todesstrafe kein Problem für die Kleriker. Das 6. Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen“ war sicher keine Einführung der Monogamie, denn der Beischlaf mit Sklavinnen, und davon gab es viele in dieser Phase des Weltgeschehens, war zulässig. Von den heutigen kirchlichen Geboten des Geschlechtsverkehrs vor der Ehe war allerdings um diese Zeit überhaupt noch keine Rede. 251 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … In dieser Weise ließe sich der gesamte Text des Alten Testamentes unter die Lupe nehmen und es gäbe nur wenig, was neben den Brutalitäten und neben dem zornigen Gott noch als sozialethische Norm einer modernen Gesellschaft herhalten könnte. Es sind einfach nur Mythen eines Volkes, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden und wenig vom tatsächlichen Schicksal des jüdischen Volkes in der Geschichte widerspiegeln. Beim Neuen Testament ist zunächst nur erstaunlich, dass eine so kleine jüdische Sekte, die von aramäisch sprechenden Bauern gegründet worden war und durch einen aberwitzigen Glauben, auf den keine normale Person auch nur einen „Silberling“ gesetzt hätte, beisammen geblieben ist und bis in die heutige Zeit überdauert hat276. Im Neuen Testament sind die Paulusbriefe die einzigen Texte, die authentisch sind und ihm eindeutig zugeordnet werden können. Von den 13 Briefen dann allerdings auch wieder nur sieben sicher, die anderen sollen angeblich von seinen Schülern stammen. Jesus selbst hat nur geredet, gepredigt, konnte sicher nicht schreiben, schon gar kein Griechisch. Aufgeschrieben hat zu seinen Lebzeiten niemand etwas. Ein Fischer, auch ein Zimmermann der damaligen Zeit musste nicht schreiben können. Immer dann, wenn die Evangelisten besonders eindringlich und mit besonderer Verzückung das Wirken Jesu beschreiben, dann finden sich hierfür weder in der Geschichtsschreibung noch in der Archäologie Hinweise auf das Geschehen. Nebenbei bemerkt, auch ein Moses, wenn es ihn denn überhaupt gab, hat weder die fünf Bücher Moses, noch ein König David um 1000 vor Christus die Psalmen geschrieben. Die ersten Christen hatten nur die Schriften der Juden und einige Gemeinden die Briefe des Paulus, der Jesu Worte nur durch Erzählungen kannte und wie auch mir scheint, kann er als eigentlicher Begründer des Christentums gelten. Die Heilige Schrift des Christentums gab es ja noch nicht. Die exegetische Forschung hat nachgewiesen, dass kein Evangelist den Versuch unternommen hat, das tatsächliche Leben des Wanderpredigers zu beschreiben, soweit es durch die mündlichen Überlieferungen noch bekannt war. Jeder hat versucht, seiner Darstellung eine Art „eigen- 276 Vgl. hierzu: Emmanuel Carrére, Das Reich Gottes, btb-Verlag, München 2017, Seite 87 ff. 252 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … ständiges Profil“ zu geben und darauf zu achten, für welche Gemeinde er mit welcher Intention schreibt. Die Kenntnisse, die wir über Jesus haben, »sind meist stilisiert, „ideologisch“ gefärbt und von einer bestimmten Verkündigungsabsicht her ausgewählt«277. Also auch hier so gut wie keine authentischen Worte des Propheten aus dem Heiligen Land. Dass dieser Messias sich anders verstanden hat, dass er niemals eine neue Religion gründen wollte, gar eine Kirche, ist hinlänglich bekannt. Er hatte einfach keine Botschaft für den gesamten Erdkreis, er beschränkte sich auf das jüdische Volk in seiner unmittelbaren Umgebung. Und er war auch nicht ohne Sünde. Man kann also die Frage, was denn dieser Jesus wirklich gesagt hat, nur schwerlich der Bibel entnehmen. Auch die Theologin Karen Armstrong ist sich darüber im Klaren, dass »die Evangelien offensichtlich nur einen kleinen Teil der Worte Jesu wiedergeben. Viel von ihrem Inhalt wurde durch spätere Entwicklungen in den nach dem Tode Jesu von Paulus gegründeten Kirchen beeinflusst …«278. Reden wir von der Kirche, so sollten wir diesen Jesus nicht in einem Atemzug mit ihr nennen, denn er hat mit ihr nur sehr wenig zu tun. So entwickelte sich erst im 2. Jahrhundert nach Chr. unter den gebildeten Schichten der damaligen christlichen Gemeinden eine Religion heraus, die zu dem Schluss kam, dass dieser Jesus nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Gott gewesen sein musste. Eine bis heute unverständliche Lehre von zwei Naturen Jesu entfaltete sich in den Köpfen der ersten Kirchenväter, die sich dann im Laufe des 4. Jahrhunderts nach Chr. auch durchsetzte. Ob Mensch oder Gott oder beides, das war der heftige theologische Streit schon zu Anfang des 4. Jahrhunderts. Doch es ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht zu verstehen, wie eine Person zwei Bewusstseine haben soll. Selbst ein Paulus glaubte zu seinen Lebzeiten nicht daran, dass dieser Jesus ein Gott in Menschengestalt war. Die Kreuzigung Jesu als Sühne für die Erbschuld der Menschheit, die dann auch noch durch den Geschlechtsverkehr auf alle nachfolgenden Generationen übertragen wird, sie entwickelte sich als theologische Lehre erst im 4. Jahrhundert. Der Kirchenvater Augustinus war fest davon überzeugt, dass Gott die Menschen durch den sogenannten Sündenfall Adams, eine Geschich- 277 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 95. 278 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, a. a. O., Seite 133. 253 te aus der Mythologie alter Völker des östlichen Mittelmeerraumes, auf ewig verdammt hatte. Das Dogma von der Dreifaltigkeit (Trinität), es übersteigt nicht nur die Vorstellungskraft der Gläubigen, sondern auch die Vorstellungskraft der Kleriker. Doch sie musste sein, die dogmatische Definition für die Wesensgleichheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Danach sollen drei Personen eine einzige sein. Auch diese Lehre war nichts anderes als ein theologisches Gedankengebäude von Kirchenvätern des 4. und 5. Jahrhunderts. Sie kann bis heute nicht glaubhaft vermittelt, geschweige denn verstanden werden. »Exegetische Mängel, philosophische Unaufmerksamkeiten und klerikale Selbstüberhöhungen … schufen im Laterankonzil 1215 dann die Abendmahlslehre …«279, davon ist der Philosoph Kurt Flasch überzeugt. Auch sie stellt nicht nur eine intellektuelle Überforderung für jeden Menschen dar, auch daran zu glauben, bei halbwegs seriöser Betrachtung der tatsächlichen Worte Jesu, ist nicht möglich. So reihten die Väter in der Kirchengeschichte Dogma an Dogma. Sie entwickelten mit geradezu dogmatischer Besessenheit die Hölle, die Erbsünde und die Mutter eines Gottes. Dem Skeptiker, dem Zweifler verschlägt es die Sprache. Ohne Aufgabe des Verstandes müsste es auch den Kirchenmitgliedern die Sprache verschlagen, angesichts solcher Glaubensgrundsätze, doch sie denken vielfach gar nicht darüber nach. All dies angesichts eines allmächtigen Gottes, der angeblich alle Geschicke auf der Welt lenkt und der trotzdem den Menschen die Möglichkeiten lässt, sich frei zu entscheiden. Die Christen glauben an die Allmacht Gottes, an seine Güte und seine Omnipotenz, sie preisen und loben ihn als Lenker allen Geschehens. Auch dann noch, wen dieser Gott der Welt unsagbares Leid zufügt und auch ihnen persönlich Schmerzen bereitet. Sie preisen ihn trotzdem im Gottesdienst und in ihren Gebeten. Auch wenn dies unverständlich ist, sie tun es vielleicht deshalb, weil sonst der so gelobte Gott vielleicht noch mehr „Unheil“ über sie kommen lässt. So ging auch sie fort, die Theologin Uta Ranke-Heinemann, »fort von Jungfraumutter und Henkervater, von einem Gott mit blutigen Händen … der seinen erstgeborenen Sohn für die Menschen opferte …«. Auch sie wandte sich ab, von den Theologen, die ihre Wissenslücken »mit ihrer Verstandesfeindlichkeit und ihren grausamen Märchen füllten und sie 279 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 260. Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … 254 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … glaubte ihnen nicht mehr«. Auch das Buch der Bücher »war ihr nicht mehr Gottes Wort. Es war Menschenwort und tröstete sie nicht«280. Doch irgendetwas hält sie immer noch in der Kirche. Eine große Schar von Christenmenschen bleibt trotz allem bei der Stange. Und dies, obwohl die Bibel von Menschen gemacht ist, obwohl die Lehre von der Dreifaltigkeit den Gehirnen von Klerikern entsprungen ist, obwohl Jesus als Mensch und nicht als Gott gelebt hat, sein Tod kein Opfertod war und seine Mutter nur eine Mutter und keine Gottesmutter war. Obwohl die Kirchenväter Sünde und Schuld, Hölle und Auferstehung, Buße und Anbetung bis heute predigen und über die Jahrhunderte hinweg angebliche Glaubenswahrheiten aufeinandergestapelt haben, ja den Gläubigen zugemutet haben, es bleiben trotzdem noch relativ viele Mitglieder der Kirche treu. Eine große Anzahl dieser Mitglieder sind religiös Gleichgültige. Und diese Gleichgültigen scheuen den Austritt noch. Doch warum nur? Die geistig Trägen, die sich nicht kundig machen wollen oder die, die ganz frei sind von Zweifeln, ohne einmal kritisch nachzufragen, sie sind noch die treuesten Mitglieder der Kirche. Auch wenn es immer weniger werden, was weltweit nicht unbedingt zutreffen mag, so tritt jedoch für moderne Industriegesellschaften, zumal für Deutschland, sehr deutlich zutage, dass die meisten Kirchenmitglieder vielfach gar nicht wissen, was sie glauben oder besser, was sie glauben sollen. Die Gläubigen, sie sind einfach nicht informiert. Sie würden sicherlich staunen, wenn nicht gar erschrecken über die 245 Glaubensgrundsätze der katholischen Kirche, die alle zum dogmatischen Fundament der christlichen Lehre gehören. Die Uninformiertheit der Gläubigen über biblische Texte, über ihre Entstehung, ihre Authentizität, ihre Interpretation durch den Klerus, die auf einer geradezu infantilen Entwicklungsstufe stehen geblieben ist, sie ist eklatant. Die Selektion bestimmter Textpassagen durch die Kleriker, die fast ausschließlich Gegenstand theologischer Unterweisungen sind, muss zu einer weitgehenden Unkenntnis über die Glaubensinhalte des Christentums führen. Diese Unwissenheit ist bewusst herbeigeführt, gewollt und wird seit Jahrhunderten durch die Priester praktiziert. Die Theologen sehen keinen Widerspruch zwischen den wesentlichen Aussagen der Bibel, der historisch gewachsenen dogmatischen Lehre und 280 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 413. 255 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … den wissenschaftlich fundierten wie ethisch-humanen Grundlagen einer heutigen Gesellschaft. Sie wollen es nicht wissen und opfern ihren Intellekt, damit beim gläubigen Volk keine Zweifel aufkommen. Daher ist es kein Wunder, dass Christen nicht nur mangelnde Kenntnisse über Glaubensfragen haben, sondern ebenso wenig von den historischen Tatbeständen und den tatsächlichen Inhalten und Absichten biblischer Schriften kennen. Hinzu kommt das, was man den „Herdentrieb“ nennt, die Eigenart des Menschen, mitzulaufen, die Kraft nicht aufzubringen, gegenzusteuern, sich von solchen Glaubenswahrheiten zu befreien, die man als Kind in einem „intellektuell wehrlosen Zustand“ erhalten hat. Auch sich von den Ängsten zu befreien, die die Endlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Seins mit sich bringt. Es ist diese tief sitzende Angst der Spezies Mensch vor dem Tod, die tief verwurzelt ist und der die kirchliche Lehre mit einer angeblichen Unsterblichkeit der menschlichen Seele, mit Himmel und Erlösung begegnet. Karen Armstrong spricht davon, dass »wir uns ständig fürchten vor Verlust, dem Schrecken der Vernichtung, während wir beobachten, wie unser Körper allmählich und unerbittlich verfällt«281. Auch die bloße Vernunft, so der Anthropologe Carel van Schaik, »kann nichts verbindliches über ein mögliches Leben nach dem Tode sagen, schlimmer noch, aus wissenschaftlicher Perspektive spricht alles dafür, dass der Tod das Ende ist. Der Tod erscheint sinnlos … und das gebiert Angst«282. Obwohl auch die Kirche keine schlüssigen Antworten liefern kann, ob denn der Tod eine tatsächliche Endstation ist, ob es diesen Gott überhaupt gibt und worin der Lebenssinn denn besteht, verbleiben Christen in der Kirche und hoffen auf das Versprechen, dass es ein Jenseits gibt, eine Unsterblichkeit und ein Wiedersehen mit den Lieben … Für Martin Walser ist der Tod »mit 30 Jahren genauso unvorstellbar wie mit 85 Jahren« und er antwortet etwas despektierlich auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tode glaube, dass er »immer, wenn er da- 281 Karen Armstrong, Die Geschichte von Gott, a. a. O., Seite 570. 282 Carel van Schaik und Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit, a. a. O., Seite 470. 256 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … rüber nachdenke, … bei der Gewissheit lande, dass seine Hosenträger unsterblich sind«283. Die Theologie verspricht angebliche Stabilität, Lebensorientierung, Halt im schnellen und chaotischen Wandel der Zeit. Man muss nur an die christliche Botschaft glauben, den Sprung wagen, auch wenn die vermeintlichen Zusagen der Kleriker mehr als ungewiss sind. Darüber hinaus führen manche gerne das soziale Engagement der Kirchen ins Feld, die kirchlichen Einrichtungen für Arme, Kranke, Behinderte und verkennen dabei, dass mit dieser Argumentation doch nur die fehlende Wahrhaftigkeit und intellektuelle Redlichkeit der christlichen Lehre verschleiert werden soll. Auch gibt es starke Strömungen, vor allem in konservativ geprägten Kreisen, nicht nach den Widersprüchen, den Falschaussagen und Unmöglichkeiten einer Lehre zu fragen und dadurch eine gesellschaftliche Instabilität zu erzeugen. Sondern eine rückwärtsgewandte Strömung in der Gesellschaft zu nutzen und den Wert einer traditionellen Religiösität, die „feste Werte“ verspricht, höher einzuschätzen, als eine an Argumenten ausgerichtete, historisch tragfähige religiöse Glaubenspraxis vor der eigenen Vernunft zu überprüfen. Tut man dies aber doch, so bleiben sie, die bohrenden Zweifel, die eher nüchternen Erkenntnisse der kritischen Wissenschaft zum Inhalt der Bibel, zu den Aussagen des Wanderpredigers, zu den fest verankerten Glaubenssätzen der Kirche. Diese Lehren haben einfach zu viel Unstimmiges, Unverständliches, gar ethisch nicht Haltbares, historisch Unlauteres und sind im Wesentlichen Machtinstrumente der kirchlichen Institutionen. Die Kirche, sie taumelt zur Zeit zwischen den untauglichen Versuchen, ihre Lehre und Dogmatik vor der Vernunft zu rechtfertigen und der zum Teil skandalösen Verhaltensweise ihres Personals, das in einer Dimension Kindesmissbrauch betrieben haben soll, wie man es sich kaum vorzustellen wagte. So gibt es im August 2018 die Meldung aus dem US- Bundesstaat Pennsylvania, nach der mehr als 300 Priester mehr als 1000 Kinder missbraucht haben sollen. Dieses Thema wird noch Generationen von Christen mit unheiligem Zorn erfüllen. 283 Gespräch mit Martin Walser über Gott und das Leben nach dem Tode in: „Der Spiegel“ vom 22.12.2012. 257 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … »Nur Menschen, die begnadet sein müssen«, sagt Giovanni di Lorenzo in „DIE ZEIT“, »oder die sehr naiv sind, schaffen es als Erwachsene ungebrochen am Glauben festzuhalten«284. Papst Franziskus hat nach den Informationen der Medien an der Tür seines privaten Arbeitszimmers ein Schild anbringen lassen, das Klerikern, die nur klagen und jammern, den Zutritt verbietet. Das mindere die gute Laune und die Fähigkeit, Probleme, gar Konflikte zu lösen. Recht hat er. Nur, was ist mit den Theologen, die zu Recht und aus guten Gründen auf die Widersprüchlichkeiten, die Unwahrheiten, die Mythen und Legenden, auf die Unstimmigkeiten im Denken und auf die von den Kirchenvätern ausgedachten Grundsätze der kirchlichen Lehre aufmerksam gemacht haben. Den Dogmen, die abgehoben sind von der gesellschaftlichen Realität, deren Lehraussagen der wissenschaftlichen Forschung widersprechen und nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben? Es wäre gut, die Kleriker würden sich endlich einmal empören, den Versuch unternehmen, sich der kritischen Argumentation zu stellen, sich in jedem Fall intensiv damit beschäftigen, eine öffentliche Diskussion in Gang bringen, die mehr als dringend geboten ist. Und nicht, wie vielfach von zweifelnden Gläubigen beklagt, religions- oder kirchenkritische Äußerungen nicht einmal wahrzunehmen, kaum zu beachten, den Kopf einzuziehen, um bloß nicht in eine Auseinandersetzung zu geraten. Sie glänzen dagegen mit theologischem Wortgetöse und Verkniffenheiten, statt den Versuch zu unternehmen, bessere Argumente ins Feld zu führen. Wenn es die denn geben sollte. Sich wegducken ist offensichtlich bisher immer noch die Lösung gewesen, da die Amtskirche mit ihren Institutionen und Strukturen im Lande so gut verankert und finanziell abgesichert ist, dass sie noch eine geraume Zeit agieren kann, ohne sich den Grundsatzfragen einer Lehre stellen zu müssen, die bis in das 19. Jahrhundert von den Gläubigen unwidersprochen akzeptiert wurden. Wir wollen Papst Franziskus den Gefallen tun und nicht nur nörgeln, bemängeln und kritisieren. Doch es wäre vermessen, zu meinen, man könne Perspektiven für eine Kirche des 21. Jahrhunderts hinreichend und in der notwendigen Ausführlichkeit und Vollständigkeit aufzeigen. Es können nach den gemachten Erkenntnissen nur Ansätze sein, Diskussi- 284 Zitat aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ Nr. 21 vom 17.05.2018. 258 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … onsvorschläge und Grundtendenzen, die nach unserer Überzeugung in einem schmerzlichen Prozess angegangen werden müssen. Das 21. Jahrhundert verlangt nach neuen Antworten auf längst gestellte Fragen, die bisher einfach überhört werden konnten, aber nun, da sich die bundesrepublikanische Bevölkerung in ihrer Vielfalt und „Buntheit“ in Religions- und Ideologiefragen kontrovers präsentiert, unbedingt beantwortet werden müssen. Ein Herumdrücken geht nicht mehr, denn die Problemstellungen und Fragen werden lauter artikuliert, dringlicher gestellt. Die Theologie des Christentums muss die Menschen und ihre Lebensverhältnisse fokussierter in den Blick nehmen, muss vernünftige, nachvollziehbare und undogmatische Inhalte formulieren, muss die „Nächstenliebe“ in das Zentrum ihrer Verkündigung setzen und die richtige Sprache finden, damit sie überhaupt noch im vielstimmigen Chor der Weltanschauungen gehört wird. Doch welche Inhalte und Sprache soll das sein? Karl-Heinz Deschner meint ja, »wer in dieser Kirche noch etwas retten will, ist entweder unwissend oder Opportunist oder von Mystik besoffen. Man kann in dieser Kirche längst nichts mehr retten, sondern nur noch sich und andere vor ihr! Denn Kirche … hilft in Nöten, die man ohne sie gar nicht hätte«285. So ganz sicher wäre ich mir da allerdings nicht. Denn weder die wissenschaftliche Forschung, noch soziologische, philosophische oder gar politische Interpretationen dieser Welt haben mögliche Glaubensvorstellungen und Ideologien durch aufgeklärte Rationalität und Vernunftargumente entzaubern können. Die früher noch notwendige Erklärung der Welt mit ihren natürlichen Vorgängen und Abläufen, sie muss allerdings nicht mehr durch die Kirche mit ihren Glaubenssätzen und mit ihren Lehren erklärt werden. Sie fällt dank der theologisch-kritischen Forschung heute weitgehend aus. Die Formulierung von moralischen Werten durch eine Religion, um einen Gott gnädig zu stimmen und die Menschheit vor Strafen zu bewahren, ist auch kein Thema mehr, denn jeder Mitteleuropäer weiß dies heute und in den allermeisten Verfassungen sind die notwendigen Prinzipien für das friedliche Zusammenleben und die Würde des Menschen fest verankert. Das kirchliche Personal bedarf auch keiner geistlichen Überhöhung mehr, zumal es sich ein ums andere Mal selbst disqualifiziert. Sie ist nun endgültig weg, die selbst geschaffene Exklusivität des Klerus, die sich bis- 285 Karlheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, a. a. O., Seite 220. 259 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … her mit moralischer Überheblichkeit dem Gläubigen gegenüber präsentiert hat. Das kirchliche Personal hat Gott sei Dank auch heute schon in weiten Teilen der Welt zu normalen Lebensverhältnissen gefunden, denn wenn Rom weit weg ist, dann liegt, wie in den peruanischen Anden, so schreibt Anette Reuter im Mai 2018 im Solinger Tageblatt, »so mancher katholische Priester neben seiner Frau begraben … Die reine Lehre ist dort das eine, die gelebte Praxis das andere«. Und was bleibt nun von diesem Jesus der Bibel? »Sowohl die Anzahl als auch der Inhalt der meisten Überlieferungen, die über Jesus erhalten sind und die allesamt den Anspruch erheben, ein authentisches Zeugnis über ihn abzugeben, stehen in einem schreienden Gegensatz zu dem, was er wirklich sagte und tat«286. Das Einzige, was bleibt, ist das gelebte Verhältnis des Wanderpredigers von Galiläa zu den Armen, Kranken und Ausgestoßenen und seine authentischen Worte von der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. All das, was man heute als praktizierte Solidarität und caritative Hilfe gegenüber den Mitmenschen bezeichnen würde. Bei einer solchen Reduktion biblischer Inhalte und dogmatischer Lehre wird die Frage nach einer rationalen Stimmigkeit von Glaubenssätzen und Bibelversen ohnehin bedeutungslos. Die glaubhaft belegten wenigen authentischen Worte Jesu von der Nächstenliebe, die Eingang gefunden haben in die Evangelien, können so der Kern einer christlichen Botschaft sein und die katholische Kirche wird dann eine Art „Sozialamt“, zur Anlaufstelle für Kranke und Bedürftige, Arbeitslose und Ausgegrenzte, Alte und Junge, die der Hilfe bedürfen. Die Kleriker werden zu Sozialarbeitern, zu Sanitätern und Altenbetreuern, zu Organisatoren von Hilfslieferungen und zu medizinischem Fachpersonal, zu Seenotrettern und Migrationsbeauftragten. Dies kann sich zunächst in den Gemeinden und Ortskirchen entwickeln, doch sollte die so strukturierte Kirche zunehmend auch global agieren können, so dass es im Idealfall ab da weniger Arme und Einsame, weniger Hilflose und Hungernde, weniger Verfolgte und Entrechtete auf dieser Erde gibt. In Zusammenarbeit mit den bereits vorhandenen Organisationen weltweit kann so bei den vorhandenen finanziellen Spielräumen der Kirche die Welt vielleicht doch noch „gerettet“ werden. 286 Gerd Lüdemann, Der große Betrug und was Jesus wirklich sagte und tat, zu Klampen Verlag, Springe, 5. Auflage 2011, Seite 121. 260 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Ich stelle mir gerade Gerhard Kardinal Müller als „überqualifizierten“ Krankenpfleger vor. Doch warum nicht? Der Wanderprediger Jesus wäre sich für diese Tätigkeit sicher nicht zu schade gewesen. Zugegeben, eine Utopie, doch warum nicht in diesem Rahmen denken, wo doch die Kirche sich auch als weltumspannend und international versteht. Die Kirche könnte, wie Heiner Geißler es ausgedrückt hat, ganz praktisch „den Pfusch dieser Erde“ beseitigen. Jeder „Nächste“ wird durch die Institution unterstützt, der der Unterstützung bedarf, denn wer seinen „Nächsten“ schon jetzt liebt, der muss schier verzweifeln ob des tatsächlichen Zustandes der Menschheit auf diesem Planeten. Die erforderliche Hilfe bei der praktischen Lebensbewältigung eines jeden Menschen steht dann im Vordergrund einer Kirche, die über die notwendige Organisation, die notwendigen Strukturen und die notwendigen Mittel verfügt. Gleichzeitig gehört hierzu aber auch die ständige intensive und intellektuell aufwendige Auseinandersetzung mit anderen religiösen und ideologischen Weltanschauungen, die vielfach mit Extremen operieren und die fast immer zu Gewalt und Terrorismus führen. Somit müssen wir nicht mehr als Menschen des 21. Jahrhundert wie Franz Buggle es ausdrückt, »die 1300 bis 2000 Jahre alten intellektuellen, wissensmäßig und ethisch-humanitär so defizitären Projektionen aus diesem Himmel wieder zurückholen«287. Wohl wissend um die Begrenztheit des menschlichen Wahrnehmungsvermögens und in dem Bewusstsein, dass es bei den grundlegenden und bis heute nicht zu beantwortenden Fragen zur Existenz des Menschen und zur Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, keine schlüssige Antwort gibt, sollten wir trotzdem den „Sprung“ wagen. Nur so kann eine solche Utopie mit der allergrößten christlichen Toleranz, ohne Schuldzuweisungen, ohne Erbsünde, ohne vorgegebene Gottesdefinition und ohne jeden vorgefertigten Anspruch auf absolute Wahrheit weltweit in Angriff genommen werden. Wenn man die dogmatischen Hürden erst einmal beiseitegeräumt hat, die keinen Sinn mehr machen, selbst wenn sie eine historische Begründung hatten, wenn man den Jesus der Bibel so nimmt, wie er sich selbst verstanden hat und die Worte der Bibel versteht als wiedergegebene historische Mythen und Erzählungen des jüdischen Volkes; wenn man das Neue Testament betrachtet als historisches Glaubensgut, das für die ers- 287 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht was sie glauben, a. a. O., Seite 23. 261 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … ten christlichen Gemeinden ihre Gültigkeit hatte, dann, ja dann kann man den Kern einer christlichen Botschaft auch herausarbeiten und eine Institution entwickeln, die sogar weltweit unter der Prämisse von Nächstenliebe und Barmherzigkeit agiert. Eine allgemeine, einheitlich gültige Beschreibung dieser Welt in festgefügten religiösen Grundsätzen, eine Entwicklung der Welt, gar aus der Perspektive einer Religion zu betrachten, ist heutzutage einfach nicht mehr möglich. Norbert Boltz schreibt im Dezember 2017 in der Neuen Züricher Zeitung: »Weil die Welt komplex ist, fehlen uns immer Informationen … und weil diese uns fehlen, sind wir immer unsicher … es gibt für uns einfach keine wahre Antwort, sondern nur den Konflikt, den Dissens, deshalb müssen wir ohne Grundlagen leben und Abschied nehmen vom Prinzipiellen …«. Versteht man die Aufgabe einer Kirche gänzlich undogmatisch, dann kann es ja sogar Sinn machen, wenn nicht nur der Verstand und der reine Intellekt zur Analyse und Interpretation einer kirchlichen Lehre herangezogen wird, sondern wenn man den ganzen Menschen in den Blick nimmt und auch seine irrationale, affektive und emotionale Seite anspricht. Wenn man eine Gemeinschaft entstehen lässt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, emotionale Erlebnisse zuwege bringt, Events inszeniert und Lobpreisungen für einen individuell erfahrbaren Schöpfer wie ein „Pfingstereignis“ zelebriert. Dann kann auch das kollektive Erleben in einer Gemeinschaft, das Bedürfnis nach Spiritualität bei den Menschen wieder einen Platz bekommen. »Denn unser geistiges Geschehen«, sagt Ulrich Schnabel, »gleicht einem Eisberg, dessen größte Masse unter Wasser verborgen ist«288. Auch das Gefühl der unbewussten und gefühlsmäßigen Wahrnehmung des Menschen kann wieder Raum gewinnen, denn gerade in der heutigen Zeit haben spirituelle Veranstaltungen enormen Zulauf. Die Annahme, dass Ideologien und Religionen weltweit scheinbar unaufhaltsam absterben, ist ein Irrtum. Allerdings gilt hierbei das Fazit, dass bei entsprechendem Gebrauch des menschlichen Verstandes die historisch entwickelten und dogmatisch festgezurrten christlichen Lehren und die kirchlichen Vorstellungen von einem Gott im Himmel und auf der Erde, einem Jüngsten Gericht und einem „essbaren“ Leib Christi so unsinnig geworden sind, wie der Nikolaus. 288 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O.,Seite 491. 262 Wenn ein kAtholischer priester neben seiner frAu begrAben liegt … Nachdem in den christlichen Kirchen der noch gültige sogenannte göttliche Heilsplan der Bibel zu den Akten gelegt worden ist und die dogmatischen Lehren der Kirche im Museum untergebracht worden sind, kann durch die Institution an einer besseren Welt, ja an der Rettung der Welt gearbeitet werden, ganz konkret, praktisch und nachhaltig, dann kann bei tatsächlich praktizierter Hilfeleistung für die Menschen, bei der Bekämpfung von Hunger und Krankheit, von Krieg und Verbrechen in dieser Welt, bei ökonomischer und sozialer Unterstützung der Bedürftigen, bei caritativer und diakonischer Zuwendung gegenüber dem „Nächsten“ auch wieder ein „Hochamt“ mit den Menschen gefeiert werden, so mit Glockengeläut und Weihrauch, Kerzenschein und Chorgesang, Orgelmusik und ekstatischen Erlebnissen. Am besten wäre es allerdings, so die Überzeugung von Emmanuel Carrére, der mit seinem Vater sonntags in die Messe ging, wenn das Hochamt »auf Latein gelesen würde, weil man auf Latein nicht merkt, wie unsinnig und dumm die gesungenen und gelesenen Texte doch sind«289. 289 Emmanuel Carrére, Das Reich Gottes, a. a. O., Seite 11.

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Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …