9 Wenn der Mensch beim Computerspiel Punkte sammelt … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 225 - 244

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-225

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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225 9 Wenn der Mensch beim Computerspiel Punkte sammelt … Wer wollte das nicht? »Alt wie ein Baum möchte ich werden, genauso wie der Dichter es beschreibt«. Dieser Anfangstext eines Liedes der ehemaligen DDR-Rockband „Puhdys“ aus dem Jahre 1976 beschreibt die ewige Sehnsucht der Menschheit nach einem langen und erfüllten Leben und das selbstverständlich bei guter, um nicht zu sagen „strotzender“ Gesundheit. Schon im uralten Gilgamesh-Epos der Sumerer aus der Zeit um 1900 vor Chr. in Mesopotamien wird ein König Uruk beschrieben, der bei der Suche nach einem Lebenskraut über die gesamte Erde wandert, um ewige Jugend und ein langes Leben, gar die Unsterblichkeit, zu erlangen. Doch auch er wird eines Besseren belehrt. Das ewige Leben bleibt den Göttern vorbehalten, während die Menschen dem Tod nicht entrinnen können. Der Tod kommt, so sicher wie das Amen in der Kirche, bei dem einen früher, dem anderen später, aber immer mit tödlicher Sicherheit. Es gilt das Gesetz der Natur vom Werden und Vergehen, dem selbstverständlich auch der Mensch als Teil der Natur unterliegt. Auf diese großen Fragen des menschlichen Lebens hat leider auch die Wissenschaft bis heute keine Antwort. Woher wir kommen, wohin wir denn gehen und was dieses irdische Leben denn eigentlich soll. Wie sich fügen, sich gar anfreunden, mit dieser verteufelten Endlichkeit der menschlichen Existenz. Am Ende bleibt leider nur die Erkenntnis, dass nach dem Tode die Zellen des Körpers abgebaut werden, wir wieder zu „Staub“ werden und wir uns als Teil des schier unendlichen Universums begreifen müssen. Auch wenn es nur schwer zu ertragen ist, die Vergänglichkeit ist Teil des menschlichen Lebens und sie betrifft jeden. Eine darüber hinausgehende Vorstellung von einem Leben nach dem Tode, von einem angeblich hö- 226 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … heren Sinn der menschlichen Existenz, ein solcher Tatbestand ist nicht auszumachen. Auch gibt es kein nach dem Tode zu erreichendes Ziel oder gar einen Zustand in irgendwelchen himmlischen Sphären, den es anzustreben gilt. Nach dem Tode ist einfach alles aus. Da aber gerade im Tode das Rätsel der menschlichen Existenz eine Dimension erreicht, die dem eigenen Vorstellungsvermögen nicht zugänglich ist, sucht der lebende Mensch zu allen Zeiten und in allen Kulturen nach dem Sinn und nach Erklärungen. Doch er findet nichts weiter als die Tatsache, dass sein Leben ziemlich bedeutungslos ist. Und mehr noch, er sucht nach einer Möglichkeit oder wenigstens nach einer Hoffnung darauf, dass es etwas gibt, das diese irdische Existenz überdauert. Der Journalist Peter Henkel spricht davon, dass der Mensch immer wieder auf »den Gedanken des Unendlichen verfällt, auf die Existenz eines Vollkommenen, der ihm die Hand reicht und ihn vor dem Sturz ins Nichts bewahrt«234. Es ist der Tod selbst, der immer wieder die Frage nach dem Leben jenseits des Todes aufwirft. Früher oder später sucht jeder Mensch nach einer plausiblen Antwort. Doch diese Fragestellungen sind nicht nur so alt wie die Menschheit, sondern sie sind auch unbeantwortet seit Anbeginn des bewusst geführten menschlichen Lebens. Die Suche nach dem tieferen Sinn, die verständliche Sehnsucht, die Hoffnung, dass nach dem Tode doch nicht alles aus ist, sie treibt die Menschen um. Der Homo sapiens scheint geradezu unfähig zu sein, sich seine eigene Nichtexistenz vorstellen zu können. Dass man nicht mehr da ist, einfach so, ohne Grund, der Gedanke widerstrebt zutiefst. So entwickelt sich bei den meisten Menschen das Bedürfnis, diesen Angst machenden Zustand aufzuheben, an eine Instanz zu glauben, die ein Weiterleben nach dem Tode verspricht. Es entfaltet sich ein geradezu unbändiges Verlangen nach den möglichen Angeboten der Religionen. Diese Angebote formulieren Antworten, zumeist sehr dogmatische Antworten auf die Grundfragen nach dem Lebenssinn, nach dem Tod und nach dem „ewigen“ Leben. Auch das Christentum bietet ein religiöses Weltbild, das vielen Menschen eine Perspektive über den Tod hinaus liefert und Trost vermittelt. Auch wenn dieses Bild Vernunftargumenten oder gar wissenschaftlichen Forschungen nicht zugänglich ist, so bietet 234 Peter Henkel, Ach, der Himmel ist leer, Frieling Verlag, Berlin, 3. Auflage 2010, Seite 151. 227 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … es doch denen Hilfe, die daran glauben und so mit der Tatsache des Todes besser fertig werden können. Die katholische Kirche hat zudem eine spezielle Antwort parat. Sie verspricht nicht nur ein Leben nach dem Tode, sondern sogar „die Auferstehung des Fleisches“. Der Katechismus für die Gläubigen drückt es so aus: »Das christliche Credo unseres Glaubens … gipfelt in der Verkündigung, dass die Toten am Ende der Zeiten auferstehen und dass es ein ewiges Leben gibt«235. Besser kann die Lösung nicht ausfallen, wenn sogar nach dem Tode nicht nur »die unsterbliche Seele weiterlebt, sondern auch unsere sterblichen Leiber wieder lebendig werden« (Röm 8,11), ja dann ist doch alles gut. Doch so einfach ist es mit dem ewigen Leben nun auch wieder nicht. Die Vorstellung vom Lebendigwerden des sterblichen Leibes ist bei Licht betrachtet alles andere als tröstlich. Die Vorstellung von einer Seele, die getrennt vom Leib existieren soll und die unsterblich ist, macht die kirchliche Lehre von den letzten Dingen nicht gerade verständlicher. Die katholische Kirche verspricht das Heil, das ewige Leben nach dem Tode, nur unter bestimmten Bedingungen. Die kirchliche Zusage erfolgt nur dann, wenn der Gläubige sich bestimmten Vorschriften und Regeln, festgelegten Riten und Glaubensgrundsätzen unterwirft. Sonst wird das nichts mit dem ewigen Leben, das als erfreulich nur für die beschrieben wird, die sich an die dogmatischen Vorgaben der Kirche halten. So hat man sich als katholischer Christ zunächst einmal damit vertraut zu machen, dass der Tod nicht nur ein natürlicher Prozess des Absterbens von körperlicher Materie ist, sondern dass er auch und vor allem eine Folge der bereits beschriebenen Erbsünde ist. Biologisch gesehen, eine gewaltige Fehleinschätzung, denn Alterung und Absterben sind seit Beginn des Lebens auf dieser Erde eine zwingende Notwendigkeit. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederholen muss, an der uralten Geschichte von Adam und Eva im Paradies, an der sogenannten Apfelgeschichte kommen wir auch jetzt nicht vorbei. Das Dogma der Kirche verpflichtet den katholischen Christen zu glauben: »Der Tod ist in der gegenwärtigen Heilsordnung eine Straffolge der Sünde«. 235 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 284. 228 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Wir müssen also sterben, nicht weil wir dem natürlichen Prozess vom Leben und Sterben unterliegen, sondern weil der Mensch im Paradies seine Unschuld verloren hat und nach der reinen Lehre deshalb mit der Erbsünde belastet ist, die der gesamten Menschheit von nun an anhaftet. Der Katechismus sagt es ebenfalls: »Der Tod ist die Folge der Sünde und das Lehramt der Kirche lehrt … dass der Tod in die Welt gekommen ist, weil der Mensch gesündigt hat«236. Man stelle sich einmal vor, dieser Fehltritt der ersten Menschen sei nicht passiert, nicht auszudenken. Wir wären alle friedlich im Paradies, man käme nach Schätzungen bis heute auf circa 100 Milliarden Menschen. Doch leider müssen wir nun mit dem Tod als Strafe Gottes leben lernen. Die Theologin J. Rahner beschreibt es so: »Der Tod erhält dadurch eine eigenartige Doppeldeutigkeit, in dem er sowohl natürliches Ende des irdischen Lebens … als auch Straffolge der Sünde ist, ebenso Heil und Unheil, Tat des Glaubens und Sündenstrafe«237. Die Kirche geht nach wie vor davon aus, dass der Mensch vor dem sogenannten Sündenfall eine Unsterblichkeit besaß und diese für die gesamte Menschheit gedacht war. Vereinzelt geben Theologen heute allerdings auch zu, dass diese Interpretation sicherlich Schwierigkeiten bereitet. Die Begründung für diesen Glaubensgrundsatz sollen Bibeltexte liefern (Gen. 2,17), die allerdings für diese Frage auch keinen schlüssigen Beweis erbringen können. Für wen der Tod des Menschen als Folge der Sünde eindeutig ist, das ist Paulus (Röm. 5,12), der Mann, der sich selbst zum Apostel ernannt hat und der seine Visionen von Jesus herleitet. Wir Christen sollen zwar durch die Taufe und den Tod des Wanderpredigers Jesus von dieser Ursünde befreit worden sein, doch die Kirche lässt uns trotzdem sterben. Wie dem auch sei, es ist nun einmal ausgemacht, dass wir alle sterben müssen und darauf hoffen sollen, dass die Zusagen der Theologen über ein Leben danach zutreffend sind. Wie dies dann angeblich aussieht, ist selbstverständlich in den dogmatischen Schriften der katholischen Kirche exakt festgelegt. Die Kirchenväter des frühen Christentums führten einen Seelenbegriff ein, den sie aus der Mythologie der Griechen und Römer übernommen hatten. Was zunächst kein fundamentaler Bestandteil der christli- 236 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 288. 237 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, Herder Verlag, Freiburg, 2. Auflage 2016, Seite 184. 229 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … chen Theologie in den Anfängen des Christentums war, wird erst durch den Einfluss der griechischen Philosophie zum Inhalt der christlichen Lehre. Auch die hebräischen Schriften aus dem ersten Jahrtausend vor Christus hatten kein Interesse an einem Übergang der Seelen in ein Totenreich. Bei den Juden rächte sich Gott für die Sünden ganz irdisch durch Zerstörung, Plagen und Vertreibung. Der griechische Philosoph Platon griff die Vorstellung aus dem ägyptischen Kulturkreis von einem Totengericht auf und sprach von einem Jenseits, in dem sich die Seelen befinden. »Alte Völker hatten mit der Seele schon eine gewisse Erfahrung: Für die Helden Homers in der Mythologie der Griechen war mit dem Tod in der Schlacht nicht alles aus. Es löste sich die Seele und ging in den Hades. Sie war ein schwaches Abbild des Getöteten, sein Schatten«238, sagt der Philosoph Kurt Flasch. Für die frühen Christen war eine solche Theologie von einer Seele, die sich nach dem Tod vom Leib trennt nicht vorstellbar und auch nicht notwendig. Sie hofften ja auf die baldige Wiederkehr ihres auferstandenen Propheten, der aufgefahren war und zurückkehren wollte, zu richten die Lebenden und die Toten. Doch er kam nicht. Viele Christen starben ohne die Wiederkehr Jesu erlebt zu haben. Es musste daher ein Ausweg gefunden werden, eine biblisch begründbare Lösung für diese toten Christen. Ihnen war versprochen worden, dass sie als getaufte, von allen Sünden befreite, in das ewige Himmelreich kommen würden. Die Philosophie der Griechen und Römer bot nun diesen Ausweg. Nach dem Tode sollte die Trennung von Leib und Seele erfolgen und die unsterbliche Seele dann in den Himmel aufgenommen werden. Zumindest war das die Hoffnung. Diese Idee der Unsterblichkeit der menschlichen Seele wurde so zu einem wesentlichen Teil der kirchlichen Lehre, obwohl die Bibeltexte in Wahrheit an keiner Stelle eine solche Trennung des Leibes von der Seele formulieren. Die Naherwartung Jesu, seine Wiederkehr, wurde zu den Akten gelegt, obwohl sie doch die Anfangszeit des Christentums so stark geprägt hatte. So wurde die Vorstellung vom individuellen Tod des Christen mit der nachfolgenden Trennung der unsterblichen Seele vom Leib, zum Trost für jeden, der noch vor der Wiederkunft Christi starb. 238 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 235. 230 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Doch was war jetzt mit dem von Jesus angekündigten Jüngsten Gericht, bei dem der Menschensohn auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit auf die Erde kommen sollte (Mk. 13,26)? Sollte es gar eine Art individuelles Gericht für den toten Christen vorher geben und ein allgemeines Gericht erst später für die gesamte Menschheit, für alle Lebenden und alle Toten, bei der Wiederkehr Jesu? Und was war in der Zwischenzeit mit der unsterblichen Seele, war sie wirklich bereits im Himmel, dann war ja ein allgemeines Gericht nur noch für die Lebenden, aber nicht mehr für die Toten notwendig. Und wie ist das dann zu verstehen, wenn Menschen im Zustand der Sünde sterben, wohin kamen dann ihre Seelen? Wohin kommen gar die Seelen derer, die im Stande der Todsünde sterben? Ließe sich auch für diese Seelen eine „Verortung“ vornehmen? Die Heilige Schrift sagt zu alledem nichts. Es wurde ein Theologiegebäude von den Kirchenvätern ausgedacht, ausgebreitet, ja ausgeweitet und in großen Teilen einfach aus der griechischen Mythologie übernommen, denn die griechischen Philosophen hatten sich über diese Fragen schon früh ihre Gedanken gemacht. »So bringt schon Platon … den Gedanken eines jenseitigen Strafgerichtes als auch die Idee einer Belohnung bzw. Bestrafung der Seelen gemäß ihrer weltlichen Taten ins Spiel. Auch Platon kannte eine Art Totengericht … samt der Trennung der Guten von den Bösen und der Vergeltung nach den Taten …«239, konstatiert die Theologin J. Rahner. Doch wie kommt der Mensch zu seiner Seele? Sind die Vorstellungen der griechischen Anthropologie so einfach übernommen worden? Die griechische Kultur, die zur Zeit Jesu im gesamten Mittelmeerraum dominierend war, interessierte sich nicht sonderlich für den Körper nach dem Tode, wohl aber für die Seele oder besser für den Geist. Allein die Frage des Überlebens des Geistes bzw. der Seele war für die griechische Philosophie interessant und bestimmte auch in der Spätphase der Entstehung der jüdischen Schriften die Lehre von den „letzten Dingen“. Interessanterweise spricht man im allgemeinen Sprachgebrauch auch heute noch von einer Seele. Wenn zum Beispiel jemandem „etwas auf der Seele brennt“, so meint man damit jedoch eher die psychische Beeinträchtigung durch einen Tatbestand, der den Menschen belastet. Was die Seele tatsächlich sein soll, kann niemand sagen. 239 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, a. a. O., Seite 139. 231 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Die Existenz einer Seele und ihre Trennung vom Körper ist weder glaubhaft, noch erfahrbar oder gar nachvollziehbar. Es trennt sich im Tode einfach nichts. Es ist doch nur ein Gedanke der Kirchenväter, der dramaturgisch in Handbüchern zur Fundamentaltheologie ausgebreitet und in Dogmen für alle Zeit zementiert ist; und dies nur, um der andauernden Sehnsucht der Menschheit nach dem ewigen Leben ein Angebot durch die Kirche unterbreiten zu können. Die gesamte Dogmatik der Kirche beruht auf der Vorstellung, dass es eine Seele gibt, dass sich diese Seele im Tode vom Körper trennt und sie einen Wechsel vom Diesseits ins Jenseits vornimmt. Dort dann allerdings, da sie ja unsterblich ist, auf ewig verbleibt. So erstaunt nicht das nächste Dogma: »Die Seelen der Gerechten, die im Augenblick des Todes von aller Sündenschuld und Sündenstrafe frei sind, gehen in den Himmel ein«. »Dreiviertel der Menschheit hat an der Seele kein Interesse … das letzte Viertel sucht nach ihr und findet nichts, noch wird jemals irgendjemand irgendetwas finden …«, sagt der Publizist U. Schnabel. Auch er unternimmt den Versuch, zu klären, was denn die Christen mit der unsterblichen Seele sagen wollen und glaubt, dass »das Wort Seele von den Christen verwendet wird, um auszudrücken, dass es da im Innersten eines jeden Menschen eine Kontaktstelle zu Gott, zum Göttlichen gibt«240. Unterstellt, es gäbe eine solche Kontaktstelle, ohne es weiter zu hinterfragen oder gar den Versuch zu unternehmen, dieses intellektuell zu begründen, so muss doch jeder, der sich Christ nennt, im Vertrauen auf seinen Gott irgendwann ins Ungewisse springen, sonst würde man ja nicht von einem Glauben sprechen können. Überrascht ist man dann aber doch, was mit der so definierten Seele im Jenseits nach den Ausführungen der Theologen so alles passieren soll. Der Himmel ist nicht einfach so für jeden Gläubigen offen, vielleicht ist er ja sogar leer, weil keine Seele den Ansprüchen der Theologen genügt. Aktuell wird man den Eindruck nicht los, dass ein Großteil der 240 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 485 und Seite 489. 232 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Kleriker selbst den dogmatisch festgezurrten Ansprüchen nicht genügt, denn nur die reine Seele kommt ja in die „Nähe“ Gottes. Auch wenn es sich eigenartig anhört, aber es erfolgt entsprechend der kirchlichen Lehre nach dem Tode im Jenseits eine Art Abrechnung. Es muss dort so etwas wie eine Buchhaltung geben, mit der eine Überprüfung vorgenommen wird und eine Zulassung zum Himmelreich letztendlich nur durch den Buchhalter erfolgen kann. Das Versprechen der Kleriker kann nur dann eingelöst werden, wenn zuvor Sündenschuld und Sündenstrafen diagnostiziert worden sind. Ein mühsames Unterfangen, wenn man aktuell davon ausgeht, dass pro Tag weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen circa 200 000 Menschen sterben. Oder gilt die Überlegung zu einem individuellen Gericht nur für die gestorbenen Christen und der große Rest der Menschheit landet sogleich im „Orkus“? Der Historiker Noah Harari formuliert es in einem Interview im „Spiegel“ gar so: »Religiöse Glaubenssysteme, die den Menschen während tausenden Jahren als Quelle von Sinn und Bedeutung dienten, funktionieren sehr ähnlich wie Computerspiele … Die Religion erlässt bestimmte Spielregeln (siehe Dogma) für die Wirklichkeit, für den Alltag ihrer Anhänger. Ein Christ geht mit diesen Regeln durchs Leben und kann dabei Punkte gewinnen … Wenn er betet, kriegt er Punkte, wenn er sündigt, kriegt er Punkte abgezogen. Wenn sein Punktestand am Ende des Lebens nicht unter Null liegt, dann erreicht er nach seinem Tode den nächsthöheren Level«241. Ein eigenartiges Bild. Doch steht in jedem Fall die unsterbliche Seele nach der Lehre der Kirche vor einem besonderen, individuellen Gericht. Und falls noch Sünden abzubüßen sind, müssen Strafen definiert werden oder wie die Theologen sagen, es muss eine Zeit der Läuterung in Kauf genommen werden, denn nur die reinen Seelen kommen direkt in den Himmel. Obwohl weder das Alte Testament, noch das Neue Testament eine solche Aufspaltung des Menschen in Leib und Seele nach dem Tode kennt, ist dieser Tatbestand die Grundlage und Voraussetzung für das Fundament der christlichen Lehre von den letzten Dingen. Bei der Beschreibung der Sakramente sind verschiedene Aspekte dieser Lehre ja bereits angesprochen worden. Auch hier sind wieder einmal keine Äußerungen von Jesus in der Bibel bekannt, die ein solches Gericht der einzelnen Seele erkennen lassen. 241 Interview mit dem Historiker Noah Harari in: „Der Spiegel“ 12/2017. 233 In der Tat, es ist alles ausgedacht, von Kirchenvätern als Vorstellung entwickelt, um so die Seelen der Verstorbenen noch vor der Wiederkunft Christi entsprechend ihrer Sündhaftigkeit mit Lohn oder Strafe belegen zu können. Und es folgt ein weiteres Dogma: »Die Seelen der Gerechten, die im Augenblick des Todes noch mit lässlichen Sünden oder zeitlichen Sündenstrafen belastet sind, gehen in das Fegefeuer ein«. Die armen Seelen, die sich auf dieser Erde haben etwas zu Schulden kommen lassen, sie müssen erst noch von ihren Sünden gereinigt werden, nachdem der Tod eingetreten ist. Sie haben in jedem Fall die durch die Kleriker definierten Strafen aufgrund ihrer Sünden noch abzuarbeiten. Je nach Schweregrad der noch zu tilgenden Schulden ist der Aufenthalt im Läuterungsort zeitlich definiert und damit die Wartezeit bis zur Aufnahme in die himmlische Seligkeit unterschiedlich lang. Beim Sakrament der Buße haben wir bereits darauf hingewiesen. Der Läuterungsort wird wohl voll sein, es ist der Ort, um Massen aufzunehmen, denn wer ist schon ohne Schuld, wer gar lupenreiner Heiliger, wer lebt schon wie Mutter Teresa? Und nun kommt ein feiner, aber entscheidender Unterschied zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche. Die Existenz eines Reinigungsortes wurde von den Reformatoren geleugnet und zwar wegen des fehlenden Schriftbeweises. Doch die katholische Kirche beschreibt weiterhin die Existenz eines Läuterungsortes und begründet dies mit der Gerechtigkeit Gottes. Diese Gerechtigkeit verlange, dass nur die, die gänzlich ohne Sünde sind, in den Himmel aufgenommen werden. Und dass diejenigen, die nur „lässliche“ Sünden abzutragen haben, nicht in die Hölle kommen dürfen. Pech für die Protestanten, für sie kann kein Reinigungsort angenommen werden, der den Zweck einer Läuterung erfüllen könnte und deswegen von begrenzter Dauer ist. Für die evangelischen Christen gibt es somit nur den Himmel oder die Hölle. Schade eigentlich. Nochmals erwähnt werden muss hier auch die Feinheit, dass nach Aussagen der Kirche, wie es Franz Josef Nocke ausdrückt, »die im Reinigungsgeschehen festgehaltenen Seelen Hilfe durch die Fürbitten der Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … 234 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Gläubigen finden können. Dies geschieht vor allem auch in dem Gott wohlgefälligen „Opfer des Altares“«242. Was entgeht doch da den evangelischen Christen, wo verbleiben deren Seelen bloß, wenn sie als sündige Menschen sterben? Wo verbleiben die Seelen bis zum allgemeinen Gericht am Jüngsten Tage? Niemand weiß es. Für die Katholiken ist klar, der Theologe Kardinal Müller sagt es noch einmal: »Aus dem Gedanken eines Zwischenzustandes zwischen dem individuellen und dem allgemeinen Gericht, ergibt sich auch die Möglichkeit einer Fürbitte für die Toten, um ihr Los im Jenseits zu erleichtern, wenn sie noch mit bestimmten Sünden und Mängeln behaftet sind«243. Der Gedanke, dass sich durch Gebete, gar Almosen und sogenannte gute Werke eine irgendwie geartete göttliche Kraft aktivieren ließe, die den Seelen eine Art von Entlastung ermöglicht, ist reiner Unsinn. Doch die katholische Kirche hat ihren postmortalen Läuterungsort, als Geschehen jenseits der Todesgrenze, in welchem die Sündenreste getilgt werden. Franz Josef Nocke gibt allerdings auch zu, dass sich ein »ausdrücklicher Schriftbeweis für diese Lehre nicht führen lässt« und die wesentliche Begründung »auf dem Zeugnis der Väter liegt«244. Die katholischen Theologen bestehen auf ihrem Reinigungsort, doch sie haben auch einen Himmel, denn was ein Himmel ist, weiß jedes Kind, schließlich hat Gott ja nach der Bibel Himmel und Erde erschaffen und so wie es real die Erde gibt, so wird es auch einen Himmel geben. Wer wollte den Gläubigen das ausreden. Wer dorthin kommt, ist seines Heils sicher, denn das Dogma sagt: »Die himmlische Seligkeit dauert in Ewigkeit«. Die Kleriker beschreiben den Himmel als Ort und Zustand »einer übernatürlichen Glückseligkeit, die in der unmittelbaren Anschauung Gottes und der damit verbundenen vollkommenen Gottesliebe ihren Grund hat«245. Die individuelle Seele gelangt somit nach dem ersten Gericht im besten Falle direkt in die himmlischen Sphären, weil die Verdienste zu Lebzeiten, konkret das Leben nach den Regeln der Kirche, so vorbildlich war, dass ein solch direkter Übergang und ein Sitz im Himmel garantiert ist. 242 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, Seite 447. 243 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 532. 244 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 576. 245 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 568. 235 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Den genauen Überblick über die Zahl der Seelen im Himmel hat allerdings nicht einmal die Kurie. Für eine ganz bestimmte Gruppe von Verstorbenen weiß sie es jedoch garantiert. Dass sind die ausdrücklich von der Kirche heiliggesprochenen und vielleicht auch die seliggesprochenen Menschen, von denen es allerdings vor dem 16. Jahrhundert noch nicht viele gab. Erst Papst Sixtus V hat im Jahre 1588 ein geregeltes Verfahren eingeführt, das festhielt, wer in das Reich Gottes kommen konnte und wer nicht. Bis dahin hat wohl noch Gott selbst die Feder geführt. Im Jahre 2004 verzeichnete man schon 6650 Heilige und Selige und insgesamt 7400 sogenannte Märtyrer. Doch die Zahl wuchs in den letzten Jahren geradezu dramatisch an. Allein Papst Johannes Paul II hat in seinem Pontifikat von 1982 bis 2004 gesichert 1338 Personen selig und 482 Personen heiliggesprochen. Er allein machte doppelt so viele Menschen zu Heiligen, wie seine Vorgänger in 400 Jahren zusammen. Beim „deutschen“ Papst Benedikt XVI nahm die Zahl allerdings wieder rapide ab, um beim Papst Franziskus seit 2013 wieder anzusteigen. Die Gefahr, dass der Himmel schon in diesem Jahrhundert überfüllt sein könnte, scheint recht groß. Demgegenüber war für die frühen Christen auch ohne Heiligsprechungsverfahren von vornherein klar, dass sie in jedem Fall direkt nach dem Tod in den Himmel kommen, denn Jesus hatte es versprochen und sie hatten ja nach seinem Vorbild gelebt. Manche Theologen glauben heute allerdings auch nicht mehr an ein Leben nach dem Tode und an ein Glück im Jenseits. Bekannte Größen in der Theologie »wie Rudolf Bultmann und Dorothee Sölle verzichten lieber ganz auf den Himmel«246. Doch nicht nur der Aufenthalt im Himmel soll ewig sein, auch die sogenannten Höllenstrafen dauern nach einem weiteren Dogma in Ewigkeit. Denn die Kirche regelt nicht nur den Zugang zum Himmelreich, sondern verschließt auch unter bestimmten Voraussetzungen den Reinigungsort. Das nächste Dogma legt fest: »Die Seelen derer, die im Zustand der persönlich schweren Sünde sterben, gehen in die Hölle ein«. 246 Kurt Flasch, warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 250. 236 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Mit der Hölle ist das so eine Sache. Die Theologin Uta Ranke-Heinemann glaubt, dass »Jesus viel weniger von der Hölle redet, als die kirchlichen Drohgebärden vermuten lassen« und dass ihm das, was er ausgesagt haben soll, vor allem im Evangelium des Matthäus, »erst nachträglich in den Mund gelegt worden ist«247. Der renommierte Theologe Rudolf Bultmann schreibt auch, dass die Worte Jesu von der Hölle »verstärkende redaktionelle Einfügungen des Evangelisten Matthäus sind«248. Wenn Jesus im Neuen Testament von der Hölle spricht, so ist dies eine Übersetzung des griechischen Wortes „gehenna“ und das wiederum eine Übersetzung des hebräischen Wortes „Ge-Hinnom“. Bei dieser hebräischen Bezeichnung handelte es sich um eine Schlucht am Fuße der Mauern von Jerusalem. Dieser Ort war wohl zur Zeit Jesu eine Art Mülldeponie, auf der die Bevölkerung Jerusalems ihren Unrat verbrannte. Für die Menschen der Region war dieser Ort wegen der permanent kokelnden Abfälle so etwas wie der Ort des ewigen Feuers. Es war also ein tatsächlich existierender Ort, eine Müllhalde vor den Toren Jerusalems249. Jesus war also kein Höllenprediger, doch die Kirchväter haben sich nicht aufhalten lassen. Schon im 14. Jahrhundert legte Papst Benedikt XII in einer Konstitution fest: »Wie Gott allgemein angeordnet hat, steigen die Seelen derer, die in einer tatsächlich schweren Sünde verschieden sind, sofort in die Hölle hinab«250. So sitzen nun Hitler, Stalin und Pol Pot und sicher noch einige bekannte und unbekannte Verbrecher der Weltgeschichte doch nicht im Himmel, sondern als ewig Verdammte in der Hölle, denn es ist kaum vorstellbar, dass sich die Seele von Anne Frank und die Seele von Adolf Eichmann nebeneinander in einem Reinigungsort befinden. Das allzu menschliche Gebot der Gerechtigkeit muss doch auch vor dem göttlichen Gericht zum Zuge kommen. Also muss es sie geben, die Menschen, die sich wider besseres Wissen gegen Gott entschieden haben. Doch wer weiß das schon? Die Dogmatik der Kirche lässt keinen Zweifel, nach der „ex cathedra“ erlassenen Konstitution „Benedictus Deus“ von Papst Benedikt XII (1285–1342) »steigen die Seelen derer, die in einer persönlich schweren 247 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 333. 248 Vgl. hierzu auch: Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 333. 249 Vgl. hierzu auch: Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 329 f. 250 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 571. 237 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Sünde sterben, sobald nach dem Tode in die Hölle hinab, wo sie mit den Höllenqualen gepeinigt werden«251. Die Theologen der Kirche haben offensichtlich kein Problem damit, den Sündern Höllenstrafen anzudrohen und die Hölle als einen Ort und Zustand ewiger Unseligkeit zu beschreiben, in dem sich die von Gott verworfenen Seelen befinden. Sie beziehen sich hierbei auf die Heilige Schrift, denn dort ist bei dem Evangelisten Matthäus (5,27–30) und (18,7–9) von dem ewigen Feuer die Rede, in das bestimmte Körperteile geworfen werden sollen. Setzt man einmal voraus, dass das Ärgernis über bestimmte Gliedmaßen nicht wörtlich zu nehmen ist, so kommt die historisch-kritische Bibelforschung doch zu der Ansicht, dass es sich hier um die Schilderung einer Gemeindesituation der frühen Christen handeln muss, die in ähnlicher Weise auch bei Markus (9,42–50) beschrieben worden ist. Es dürfte sich nach der Forschung eher um Formulierungen für eine Art Gemeindekatechismus gehandelt haben. Klar ist, dass es Aussagen der Evangelisten sind und nicht die authentischen Worte des Wanderpredigers Jesus. Aktuelle theologische Schriften meiden das Thema gern und suchen händeringend nach Erklärungen, wie zum Beispiel eine „Geist-Seele“ mit geradezu körperlichen Strafen des Feuers gequält werden könne. Sie sprechen lieber von einem „dunklen Hintergrund“ der Kirche oder von einer der stärksten Belastungen der Kirche. Geben aber zu, dass die Botschaft der Kirche zum Leben nach dem Tode bis heute eine Drohbotschaft ist und nach wie vor Angst und Schrecken verbreitet. Gerhard Kardinal Müller, der ehemalige Chef der Glaubenskongregation des Vatikan, er müsste es ja eigentlich wissen und er formuliert es in seinem Dogmatik-Lehrbuch so: »Wie der Himmel nicht ein Schlaraffenland ist, so ist die Hölle nicht eine Folterstätte, wo sich Rache … mit allen Registern austobt …«. Doch auch er weiß keinen Ausweg und beschreibt die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen als eine »wahre Crux der Verkündigung …« und die Hölle als ein »undurchdringliches Geheimnis der Bosheit«252. Wie soll man wieder einmal etwas beschreiben, das gar nicht existiert und das noch keiner gesehen hat? Doch die Kirche kann es einfach nicht lassen. Sie entwickelt eine Theologie vom Leben nach dem Tode, 251 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 571 und hierzu auch: www.wikipedia.org/wiki/Benedictus_Deus/… 252 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 556. 238 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … die in Wahrheit nicht entwickelt werden kann, und der Klerus bleibt in den Vorstellungswelten von einem „Totenreich“ verhaftet, die über Jahrtausende in verschiedenen Kulturkreisen des östlichen Mittelmeerraumes entstanden sind und immer auch von mythologischen Bildern und dem Vorstellungsvermögen der damaligen Menschheit geprägt waren. Trotz aller Zumutungen von Himmel und Hölle, von Feuer und Qualen, muss man allerdings auch konstatieren, dass der Mensch noch immer auf der Suche ist nach einem göttlichen Wesen, nach einer wie auch immer gearteten Institution, an die er glauben kann, auch und gerade im Angesicht des Todes und auch dann, wenn er im Leben nichts als Leid und Elend erfahren hat. So kursiert in vielen Versionen die charakteristische Geschichte von den jüdischen Häftlingen in einer Baracke in Auschwitz. Angesichts des grauenvollen Mordens in den Gasöfen halten sie Gericht über Gott und am Ende steht der Urteilsspruch: Dieser Gott, der sie nicht schützen kann oder nicht schützen will, er wird verdammt, wird belegt mit Ach und Bann und dann seufzt der Rabbi: „Kommt, und jetzt gehen wir beten …“. Diese katholische Kirche wie alle Religionen, sie können nie und werden auch nie eine angemessene Antwort auf die elementaren Grundfragen der Menschheit geben können. Und dies vor allem deshalb, weil es keine Antworten gibt. So ist der Philosoph Kurt Flasch überzeugt, »die Höllentheologie endet in einem gedanklichen Fiasko. Sollen doch die Toten ihre Toten begraben …«253. Die Lehre der Kirche hat zwar für den einzelnen Gläubigen nach seinem Tode die Perspektive des Himmels, die Wartezeit am Reinigungsort und die ewige Pein in der Hölle, doch das Jüngste Gericht soll danach erst noch kommen. Bisher ging es nur um das Ende des Individuums, den Zustand seiner Seele unmittelbar nach dem Tod und es ging um die göttliche Entscheidung über sein Schicksal, ein Urteil, das nach der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag in irgendeiner Weise eine Berücksichtigung finden muss. Deshalb unterscheidet die Dogmatik zwischen den Vorstellungen über das, was zu geschehen hat, wenn der Einzelne stirbt und dem Ende der gesamten Menschheit bei der Wiederkunft Christi und dem Gericht Gottes am Ende der Zeiten. 253 Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin, a. a. O., Seite 252. 239 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Nach dem persönlichen Gericht kommt also noch ein allgemeines Gericht, wenn Christus zum zweiten Mal als Richter auf die Erde zurückkommt. Das Dogma der Kirche droht es uns an: »Am Ende der Welt wird Christus in Herrlichkeit wiederkommen zum Gericht«. Dann werden nach der reinen Lehre »nicht nur die unsterblichen Seelen weiterleben … sondern auch unsere „sterblichen Leiber“ (Röm 8,11) wieder lebendig werden«254 und zwar explizit mit demselben Leib, den sie auf Erden getragen haben. Bei dieser Vorstellung hilft einem allerdings nur die Erkenntnis, dass solche dogmatischen Aussagen nicht als sachlich informierende Beschreibungen verstanden werden können, sondern, wie es so schön in der Literatur heißt, nur als Bilder oder „Vorstellungsmodelle“ gedacht sind. Doch auch hier weiß es Kardinal Müller wieder besser: »Alle Menschen stehen auf in ihrem eigenen Fleisch, nicht in einem ätherischen oder phantastischen Leib …«255. Bei solchen Aussagen beginnt man manchmal an den eigenen Möglichkeiten des Begreifens zu zweifeln, denn die Sinnhaftigkeit gar einer solchen Denkungsart erschließt sich einem eben nicht. Was hat man von dem Evangelisten Markus zu halten, der die Ereignisse des Jüngsten Gerichtes so beschreibt: »…die Sterne werden vom Himmel fallen … die Engel werden ausgesandt und seine Auserwählten werden zusammengeführt von den vier Winden …« (Mk 13,24–27). Auch andere Bibelstellen schildern die Sammlung der Auserwählten. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sich die frühchristlichen Gemeindemitglieder im 1. Jahrhundert nach Christus eine Vorstellung von der Niederkunft ihres Propheten machten. Sie hatten die Hoffnung, dass Christus sie als Auserwählte bei dem Chaos auf Erden nicht übersah. Der Historiker Gerd Lüdemann hat solche Textstellen des Neuen Testamentes analysiert und kommt eindeutig zu dem Ergebnis, dass es sich bei diesen Formulierungen um Endzeitspekulationen handelt, die die ersten christlichen Gemeinden angestellt haben. Jesus hat solche Worte nie gesprochen256. 254 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 284. 255 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Theologie, a. a. O., Seite 516. 256 Gerd Lüdemann, Jesus nach 2000 Jahren, a. a. O., Seite 126. 240 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Nach der Dogmatik der katholischen Kirche muss sich jeder Mensch diesem zweiten Gericht unterziehen. Dieses endgültige Gericht »ist das Endziel der ganzen Schöpfung und der letzte Sinn aller menschlichen Geschichte«257. Wie dieses zweite Gericht zu verstehen ist, wird zwar im Katechismus angesprochen, doch lassen die Texte auch hier den Gläubigen im Ungewissen. Die Kleriker retten sich nach der vielfach praktizierten Methode in die Rätselhaftigkeit. »Das Mysterium der seligen Gemeinschaft mit Gott … geht über jedes Verständnis und jede Vorstellung hinaus«258. Der Katechismus ist sich sicher, »dass die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme Gottes hören und herauskommen werden. Das letzte Gericht wird es an den Tag bringen, was jeder an Gutem getan oder nicht getan hat«259. Hier enden offensichtlich die intellektuellen Fähigkeiten der Kirchenväter zur Prognose vom Jüngsten Tag. Sie flüchten in die immer wieder gebrauchten Sätze, dass nämlich »der letzte Sinn des ganzen Schöpfungswerkes und der ganzen Heilsordnung und die wunderbaren Wege Gottes«260 erst dann erkannt, begriffen und von der menschlichen Seele-Körper-Gestalt verstanden werden können, wenn das Gericht da ist. Heinz-Werner Kubitza sagt zu dieser gesamten Gerichtsproblematik der katholischen Theologie: »Statt dass die Kirche sich von dem mittelalterlichen Unsinn endgültig verabschiedet, trägt sie das Grauen und die Perversion noch in das dritte Jahrtausend hinein«261. Weltuntergangsszenarien und damit verbundene Heilserwartungen der Menschen gab es schon in der Antike. Die Lebenden werden bei der Beschreibung des biblischen Untergangs in Angst und Schrecken versetzt. Auch gibt es Versuche der Naturwissenschaften, solche Szenarien zu beschreiben. Große Pandemien, Vulkanausbrüche, Einschläge von großen Kometen, dunkle Materie, schwarze Löcher, alles Möglichkeiten, die wirklich erschrecken können. Bei der christlichen Vorstellung muss man sich wegen des Gerichts keine Vorstellung vom Schicksal der Erde machen und sich auch nicht so sehr die Frage nach den dann noch Lebenden stellen, sondern vielmehr die Frage nach den Toten. 257 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 590. 258 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 293. 259 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 296. 260 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 297. 261 Heinz-Werner Kubitza, Jesuswahn, a. a. O., Seite 283. 241 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Die unsterblichen Seelen aller Verstorbenen müssen sich beim „Jüngsten Gericht“, nachdem sich der Leib von der Seele getrennt hat, wieder vereinen. Und dies mit einem Leib, der, wenn er nicht einbalsamiert wurde, doch zu Staub zerfallen ist. Diese Körper müssen bei den heute geschätzten 100 Milliarden Toten und entsprechender Anzahl von Seelen erst einmal gefunden werden. In den frühen Jahren des Christentums galt ein langes Leben nicht gerade als erstrebenswert und deshalb gab es wohl die Vorstellung, dass ein Körper nach dem Tode mit circa 40 Jahren ein angemessenes Alter ist, um im „Original“ wieder aufzustehen. Es ist tröstlich zu wissen, dass nicht die heute durchaus möglichen 100 Jahre die Orientierungsgröße war. Nach Kardinal Müller müssen die Körper ja mit ihrer ursprünglichen Materie wieder auferstehen, sonst ist es ja keine Auferstehung, sondern eine Neuschaffung. Wie sollen bloß die himmlischen Heerscharen die Reliquien aller Heiligen aus allen Teilen der Welt, aus den Kirchen und Gotteshäusern wieder einsammeln, damit sie mit Leib und Seele vor dem Gericht Gottes am Ende der Tage erscheinen können? Eine kaum zu beantwortende Frage, zumal sie doch, zumindest mit ihrer Seele, aufgrund ihres Lebenswandels bereits in den Himmel aufgenommen worden sind. Man trifft sich also beim Gericht in seinem leiblichen Zustand wieder. Das jenseitige Leben wird von der Theologie beinahe so dargestellt, als sei es nur eine Verlängerung des diesseitigen. Ein tröstlicher Gedanke, der sicherlich Unsinn ist und höchstens in Todesanzeigen noch vorkommen kann. Es muss ja auch kein tröstlicher Gedanke sein, wenn man so an die ungeliebte Verwandtschaft denkt. Beruhigend ist aber schon, dass der Reinigungsort beim Jüngsten Gericht endlich zu Ende geht. Jetzt kommen nur noch zwei Möglichkeiten in Frage, der Himmel oder die Hölle. Diese beiden Möglichkeiten stehen den Protestanten seit der Reformation eh nur zur Verfügung. Was mit der erstinstanzlichen Entscheidung beim individuellen Tod wird, ist nicht geklärt, vielleicht wird das erste Urteil nach dem Tod beim Jüngsten Gericht einfach nur noch ratifiziert. Vom Reinigungsort kann es nur in den Himmel gehen, denn in die Hölle gerechterweise wohl nicht, nach der verbrachten Läuterungszeit. So bleibt die Hölle nur noch für einen Teil der Lebenden und dann noch für die Toten, die sich schon beim ersten Gericht in einem „gottesfernen Zustand“ befunden haben. Alle anderen werden in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen. 242 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Berechtigte Zweifel nagen an dem dogmatischen Gebäude der Lehre von den letzten Dingen (Eschatologie). Diese Theologie ist praktisch unverständlich. Zwar breiten Theologen die Vorstellung von zwei Gerichten auch heute immer noch aus, doch konstatieren sie, dass die ewige Verdammnis im Widerspruch zur Liebe und Barmherzigkeit des biblischen Gottes steht. Das Motiv des Gerichtes Gottes, sagen sie, sei eine Hoffnung, nämlich die Hoffnung, dass Gott niemanden aufgegeben hat. Gott übe keine Rache, denn Rache hieße, Böses mit Bösem zu vergelten. Aus diesem Grunde treten sie dann doch lieber den Rückzug an, für Zweifler ist dies eine Bestätigung, für die Gläubigen jedoch eine Zumutung. So schreibt der Theologe Franz Josef Nocke, »die gegenwärtige katholische Theologie tendiert dahin, die Unterscheidung zwischen besonderem und allgemeinem Gericht nicht als verbindliche kirchliche Glaubenslehre zu sehen, sondern als ein Vorstellungsmodell«262. Franz Josef Nocke bezweifelt sogar, dass das Ende ein Gericht ist. Dies vertrage sich nicht mit der christlichen Hoffnung auf Erlösung, nicht mit einer Verurteilung von ewig Verdammten. Welch ein Gesinnungswandel! Die Theologin J. Rahner leistet gar einen Offenbarungseid: »Die Botschaft von der Auferstehung des Leibes fordert heraus. Doch die Fragen bleiben … offen. Ist hier überhaupt eine Lösung möglich? Wohl kaum!«263. Auch der Theologe Theodor Schneider spricht von dem Dunkel, in dem der Ausgang der sogenannten Heilsgeschichte bleibt. Auch ihm ist klar, dass die im Katechismus beschriebene Hoffnung auf die Auferstehung der Toten eben nur eine Hoffnung ist. Im Gegensatz zu den kritischen Theologen stellt der maßgebliche Kirchenvater Augustinus jedoch deutlich heraus: »Es findet eine Zweiteilung des Menschengeschlechts statt. Bei den einen zeigt sich, was die Gnade Gottes vermag und an den übrigen erweist sich die gerechte Strafe. Für die einen ist der Ausgang die ewige Seligkeit, für die anderen die ewige Verdammnis«264. Es hilft nichts. Wenn eingestanden wird, dass alle Überlegungen zur Lehre von den letzten Dingen immer weit über das menschliche Fassungsvermögen hinausgehen, so gilt dies für die Autoren der kirchlichen 262 Franz Josef Nocke, Eschatologie, Patmos Verlag, Düsseldorf 1999, Seite 77. 263 Johanna Rahner, Einführung in die christliche Eschatologie, a. a. O., Seite 211. 264 Vgl. hierzu: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 438 f. 243 Wenn der Mensch beiM coMputerspiel punkte sAMMelt … Lehre in gleicher Weise. Die Mithilfe des Heiligen Geistes ist da nur ein schwaches Argument. Es bleiben bei der Höllentheologie Zweifel, die nicht ausgeräumt werden können. Auch die kritischen Theologen zweifeln, wegen des angeblichen Freiheitsgedankens beim Menschen. Denn das Individuum besäße ja als freier Mensch immer die Möglichkeit, sich für das Gute oder das Böse, unabhängig vom Willen Gottes, zu entscheiden. Und auch deshalb müsse der Ausgang der Höllengeschichte zwar im Dunkeln, aber doch als Möglichkeit bestehen bleiben. Eine solche Debatte ist jedoch mehr als absurd. Ulrich Schnabel sagt hierzu, »die absolute Freiheit des Menschen ist eine Chimäre, ein theoretisches Produkt, dem wir in der Praxis nie begegnen, … kulturelle Prägungen und eigene Erwägungen und Wünsche begrenzen und engen diese Freiheit immer ein …«265. Vielleicht hat Gott ja doch ein Erbarmen, dann wäre die Hölle leer. Wir wären alle im Himmel, denn die Hölle, so Uta Ranke-Heinemann, »bestehe nur als Möglichkeit, aber es ist nicht unsere Pflicht, zu glauben, dass jemand dort ist … In der Botschaft Gottes hat die Lehre von der Möglichkeit der Hölle keinen Sinn«266. So scheint abschließend die Überlegung angebracht, dass alle Dogmen, alle dogmatischen Aussagen der Kirche zur Lehre von den letzten Dingen, alle Interpretationen der Kirchenväter vom angeblichen göttlichen Wort zu einem ewigen Leben, zu einem paradiesischen Zustand im Himmel, zu einem Weltgericht am Ende der Zeiten, nichts weiter sind als Behauptungen, Vermutungen, die sich der irdische Mensch ausgedacht hat. Religiös fundierte Betrachtungen des Menschen zum Leben im Jenseits sind am Ende immer nur ein Abbild der irdischen Wirklichkeit, aber keine Vorstellung von einem möglichen Himmel. Alle Betrachtungen zum Jenseits bleiben reine gedankliche Spekulationen der Menschen. Der griechische Philosoph Epikur (341–270 vor Chr.) könnte wieder helfen, bei den Bemühungen eines jeden Menschen, die Furcht vor dem Tode zu bewältigen. Er argumentierte schon damals, dass der Tod keinen Anteil am individuellen Leben der Menschen hat, denn »das schauerlichste aller Übel, der Tod geht uns nichts an; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, sind wir nicht mehr da …«267. 265 Ulrich Schnabel, Die Vermessung des Glaubens, a. a. O., Seite 225. 266 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 346. 267 Text vom Philosoph Epikur in einem Brief an Meniokens aus: www.philosophische-sprueche.de/epikur/…

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Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …