8 Wenn die Spielweise einer Fußballmannschaft zu behäbig wirkt … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 201 - 224

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-201

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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201 8 Wenn die Spielweise einer Fußballmannschaft zu behäbig wirkt … Das Bild ist gar nicht mal so verkehrt. Der Kölner Kardinal Woelki äu- ßerte im „Kölner Domradio“ die Überlegung200, es gebe Parallelen zwischen der bei der Weltmeisterschaft in Russland gescheiterten deutschen Nationalmannschaft und der katholischen Kirche. Er beklagte die fehlende Leidenschaft und Begeisterung der Spieler auf dem Platz. Irgendwie hätte die Mannschaft zu behäbig gewirkt und er entdecke da leider durchaus Parallelen zur Kirche. Er versäumte jedoch zu sagen, dass ein Kardinal als Teil des Trainerstabes der Kirche auch hier nicht unmaßgeblich an dem Dilemma und der Misere der katholischen Kirche beteiligt ist. Und dies als Kleriker, der sich ähnlich dem Cheftrainer Jogi Löw »mit engen T-Shirts mit Ärmelchen«, wie es der Journalist Klaus Brinkbäumer im Spiegel beschreibt201, mit Soutane und römischem „Halskragen“ als Mann Gottes und besonders berufener Mensch in der Öffentlichkeit exponiert. Der Kardinal hat seine Sichtweise leider nicht zu Ende gedacht. »Wenn ein 58-jähriger Mann so aussieht«, sagt Brinkbäumer über Jogi Löw, »so verrät er etwas über sich, das er vermutlich nicht verraten will«. Trifft dies nicht auch auf einen 61-jährigen Bischof im Ornat zu? Ist bei den Kirchenvertretern nicht auch die Liturgie und die Dogmatik, das Messgewand und die Selbstinszenierung wichtiger als die authentischen Worte eines Wanderpredigers aus Galiläa? Man könnte meinen, Klaus Brinkbäumer habe die katholische Kirche gemeint, als er vom sturen Glauben an Bewährtes sprach, an »Struk- 200 Nachricht aus der Tageszeitung: „Neue Westfälische“, Bielefeld, 16.07.2018. 201 Klaus Brinkbäumer in: „Der Spiegel“ 27/2018. 202 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … turen, die einst funktionierten, von der Verweigerung von Einschnitten und Veränderung … und vom Versuch, einen nicht konservierbaren Status quo irgendwie bitte, bitte doch zu konservieren«. Doch Brinkbäumer sprach nur von einer gescheiterten Fußballmannschaft. So richtig hilfreich ist der Vergleich allerdings dann doch wieder nicht. Für die christlichen Kirchen in Deutschland stellt sich die Situation viel schlimmer, ja geradezu dramatisch dar. Der Deutsche Fußballbund hatte im Jahre 2017 noch steigende Mitgliederzahlen, während sich die Zahl der Mitglieder der christlichen Kirchen in Deutschland seit 1950 geradezu halbiert hat. Man mag das bedauern oder auch begrüßen, doch an der Tatsache ist nicht zu rütteln. Es geht in diesem Lande mit den christlichen Kirchen immer weiter bergab. Sogar die BILD-Zeitung macht sich Sorgen. In ihrer Ausgabe vom 21.7.2018 beklagt sie die schwindende Mitgliederzahl der christlichen Kirchen in Deutschland. Zieht man Taufen und Kircheneintritte ab, so verlieren die Kirchen jährlich immer noch circa 660 000 Mitglieder und dieser fortschreitende Prozess der Loslösung von den christlichen Kirchen vollzieht sich in ganz Europa. Da ist es abzusehen, wann „das Ende naht“. Nach den zur Zeit vorliegenden Statistiken fühlten sich zudem im Jahre 2017 nur noch 10 bis 15 Prozent aller Christen ausdrücklich den christlichen Kirchen verbunden. Nur diese kleine Zahl praktiziert noch den sonntäglichen Kirchgang und den regelmäßigen Empfang der Sakramente. Die anderen genießen die kirchlichen Einrichtungen nur noch in homöopathischen Dosen. Doch nicht nur das, auch das professionelle, geweihte Personal verlässt das sinkende Schiff oder betritt es erst gar nicht. Nach den Umfragen in den 27 deutschen Bistümern wurden im Jahre 2017 noch 60 Priester geweiht. Die Gesamtzahl der Priester der Kirche sinkt folglich ebenso dramatisch. So gab es nach den Statistiken der Deutschen Bischofskonferenz im Jahre 1990 noch fast 20 000 katholische Geistliche, im Jahre 2016 waren es jedoch nur noch 13 856. Die Gläubigen verlassen bewusst und in Scharen die Institution, die für sie drastisch sichtbar nur noch Unzulänglichkeiten und Zumutungen bereithält. Der Grund, warum Menschen sich einer Kirche zugehörig fühlen, entzieht sich jeder Argumentation und jeder rationalen Begründung. Außerdem liefert die Institution häufig genug Skandale ihres Personals, hat aber selbst den meisten Christen nichts mehr zu sagen. 203 Die wirkmächtige Anwesenheit eines Gottes in seiner Kirche, so Ralf Miggelbrink, sei »von der gleichen geheimnisvollen Art … wie Gottes Wirksamkeit in jedem einzelnen Menschen«202. Und so schwindet sie dahin, die Schar der Gläubigen, fast unbemerkt und von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Kirchen bleiben leer, werden bestenfalls zu Kneipen, wahrscheinlicher ist jedoch der Abriss, oder es wird eine Moschee daraus. Im Hamburger Stadtteil Horn, so schreibt der Spiegel im April 2018, lässt das Islamische Zentrum mit Finanzhilfe aus Kuweit eine ehemalige Kirche zu einer Moschee umbauen. Die Gemeindemitglieder waren verstorben, ausgetreten oder weggezogen. Wendet man sich jedoch der Institution Kirche zu, sucht nach tief Verwurzeltem, nach eventuell Verlorengegangenem, nach Verschüttetem, so stellt man sehr schnell fest, dass dieser Gott der christlichen Kirchen nur zu haben ist, wenn man, und dies vor allem in der katholischen Kirche, die dort definierte, dogmatisch geradezu vergewaltigte, verbogene, von Kirchenvätern ausgedachte Gestalt eines Gottes und die Lehre von der Kirche als „Leib Christi“ nicht nur akzeptiert sondern auch noch glaubend bezeugt. Im Katechismus für das gläubige Volk definiert sich die katholische Kirche selbst, legt Kerninhalte ihres Glaubens dar und formuliert bzw. erläutert ihre substanziellen Lehrsätze. »Die Kirche ist die eine, heilige, katholische und apostolische in ihrer tiefen, letzten Instanz, denn in ihr existiert schon das „Himmelreich“«203 Sie ist der »mystische Leib Christi«, das Geheimnis, das einzig und allein der Glaube erfassen kann. Sie ist das Sakrament des Heils und das Zeichen … der Gemeinschaft mit Gott und mit den Menschen204. Mitglieder der Kirche sind alle die, die sich nicht nur zum Glauben bekennen, sondern die sich auch »dem legitimen Hirten, dem römischen Pontifex unterwerfen«205. Wie soll selbst der verständnisvollste Betrachter es noch hinbekommen, dieser absolutistischen Kirchenvorstellung und diesen mystischen Unverständlichkeiten einen noch halbwegs sinnvollen inhaltlichen Kern abzugewinnen? Dieser Arroganz und Intoleranz begegnen, die nicht aufhört, sich selbst Exklusivrechte zuzuweisen und dann im Katechismus 202 Ralf Miggelbrink, Einführung in die Lehre von der Kirche, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, Seite 81. 203 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 257. 204 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 226 ff. 205 Jürgen Werbick, Grundlagen der Ekklesiologie, Herder Verlag, Freiburg 2009, Seite 102. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 204 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … ausführt, dass »jene Menschen nicht gerettet werden können, die sehr wohl wissen, dass die katholische Kirche … durch Jesus Christus gegründet wurde, aber nicht in sie eintreten oder in ihr ausharren wollen … «206. Auch der Theologe Wiedenhofer schreibt hierzu, dass seit »dem 3. Jahrhundert ein dogmatischer Satz zu den Selbstverständlichkeiten der katholischen Theologie gehört: „Extra ecclesiam nulla salus“ (außer halb der Kirche kein Heil)«207. Bei der Beschreibung dieser Kirche ist die Wortwahl der Kleriker schier unerschöpflich. Gleichzeitig ist sie unerbittlich, wenn es um die Präzisierung und Erläuterung der wahren Lehre geht. Doch wenn alle intellektuellen Volten nicht zum Verständnis ausreichen, dann ist die Kirche ein Mysterium, ein tiefes Geheimnis, das sich wahrscheinlich nur den überzeugten Gläubigen erschließt. Der Christ vermag nach den Aussagen der Kirche nur mit den Augen des Glaubens in der sichtbaren Wirklichkeit der Institution auch eine geistige Wirklichkeit wahrzunehmen, die dann allein Trägerin des göttlichen Lebens sein soll. So mag es nicht verwundern, dass das Dogma zur Gründung der Kirche folgendermaßen lautet: »Die Kirche wurde von dem Gottmenschen Jesus Christus gegründet«. Hat man je in der Bibel gelesen, dass der aramäisch sprechende Zimmermann von Nazareth eine Kirche gegründet haben soll? Die historische Geschichtsschreibung und die Worte Jesu, soweit sie in den Evangelien als authentische Worte gelten, belegen die bereits angesprochene Tatsache, dass dieser Wanderprediger niemals eine Kirche gründen wollte. Schon gar keine Amtskirche, eine Großkirche mit hierarchischen Strukturen, mit einem Papst in Rom, der ein Vertreter Christi auf Erden und Nachfolger eines seiner Apostel sein soll. Und trotzdem. Die Amtskirche steht dazu, obwohl es nachweislich keine Worte Jesu gibt, die an die damalige Öffentlichkeit in Palästina gerichtet waren und zur Gründung einer neuen Glaubensgemeinschaft, gar einer Kirche aufgerufen haben. Jesus wollte nie eine Sondergruppierung innerhalb des Judentums mit eigenem Glaubensbekenntnis begründen. 206 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 252. 207 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 129. 205 Nach den Worten Jesu in den Evangelien ist seine Naherwartung eine eindeutige und völlig unbestrittene Tatsache, nämlich sein Warten auf das baldige Kommen des „Reiches Gottes“. Allen Theologen ist heute geläufig und sie geben es auch unbefangen zu,208 dass es bei Jesus wirklich eine zeitliche Naherwartung gegeben hat, die sich so, wie er sie sich vorstellte und in seinen Worten formulierte, nicht erfüllt hat. In diesem Punkt hat sich Jesus von Nazareth deutlich geirrt. Auch der Theologe Jürgen Werbick folgert aus der apokalyptischen Predigt des Jesus und der auf eine langfristige Dauer angelegten kirchlichen Institution, dass diese Kirche eine „unmögliche Institution“ ist. Die Gründer der Kirche waren die frühen Kirchenväter, beginnend mit Paulus, der als erster vom „Leib Christi“ gesprochen hat. Dieser jüdische Bürger aus Tarsus gilt für Historiker und viele Theologen als tatsächlicher Schöpfer des Christentums. Er hat die Grundlagen für den Aufbau einer hierarchisch strukturierten Gemeinde und damit einer Kirche geschaffen. Seine Briefe zeigen deutlich ein Bedürfnis nach Orientierung, nach Lehrsätzen und nach Institutionalisierung für die gerade gegründeten christlichen Gemeinden. Die sogenannte Jesusbewegung in Palästina war zu Jesu Zeiten eher gekennzeichnet durch eine radikale Armut, durch jeglichen Verzicht auf Wohnsitz und Vorsorge, die Jünger Jesu setzten ihre ganze Hoffnung auf das Kommen des Friedensreiches und zwar zu ihren Lebzeiten. Zu erklären ist es schon, dass die aramäisch sprechende Jüngerschar und die judenchristliche Gemeinde in Erwartung eines apokalyptischen Endes nur sehr provisorische Organisationsformen mit den Aposteln, den Anhängern und den Ältesten aufgebaut hatten. Da das nahe Ende jedoch nicht eintrat und der Apostel Paulus Wert darauf gelegt hatte, dass auch die hellenistischen Heiden, die nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörten, in die Gemeinden aufgenommen werden konnten, entstanden christliche Gemeinden entlang der Heerstraßen des römischen Reiches und der Missionswege der Apostel, die sich dann entsprechend ihren Vorstellungen von der Botschaft Jesu eigenständig einrichteten. Auch entfalteten diese Gründungen eigene Vorstellungen von einer christlichen Gemeindeordnung auf der Basis der Paulusbriefe, mündlicher Überlieferungen und der ersten Erzählungen der Evangelisten. Diese Gemein- 208 Vgl. hierzu: Hans Küng, Die Kirche, a. a. O., Seite 499 f. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 206 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … degründungen waren personell gekennzeichnet durch die Apostel, durch Propheten und Lehrer. Erst später bildete sich dann eine hierarchische Struktur mit Bischöfen, Presbytern und Diakonen heraus, die bei der Gründung der ersten Gemeinden zunächst nur administrative Aufgaben übernommen hatten. Selbst in der Gemeinde in Rom gab es zur Zeit des 1. Römerbriefes von Paulus keine allgemein gültige Gemeindeordnung. Hans Küng hat sich sehr intensiv mit der Historie des Christentums beschäftigt und er schreibt: »So wichtig … die presbyterisch-episkopale Amtsstruktur war, so ungeschichtlich wäre es, … auf der traditionellen dogmatischen Erklärung zu bestehen, die episkopale Kirchenverfassung bestehe auf göttlicher Einsetzung durch Jesus Christus …, auf göttlichem Recht also …«209. Entgegen allem Wissen um die historischen Realitäten existiert trotzdem das Dogma zur Gründung der Kirche, das jeden Christen verpflichtet, an dieser Glaubenswahrheit festzuhalten. Interessanterweise sah sich im 20. Jahrhundert Papst Pius X genötigt, die eindeutig historisch falsche Aussage in einer dogmatischen Konstitution nochmals festzuhalten: »Die Kirche wurde vom wahren und geschichtlichen Christus selbst in der Zeit seines Erdenlebens unmittelbar und persönlich gegründet«. Dieser Papst und nachfolgende Päpste lie- ßen zwischen 1910 und 1967 noch jeden Kleriker schwören, dass die Kirche durch Christus selbst unmittelbar und direkt eingesetzt ist und dass sie auf Petrus und seine Nachfolger in Ewigkeit erbaut wurde. Zur Begründung wurde in erster Linie die Bibelstelle im Matthäusevangelium (16,18) angegeben: »Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen …«. Doch diese Bibelstelle ist, alle Theologen wissen das und Papst Pius X wusste das auch, nachweislich nicht von Jesus gesagt. Jesus sprach vom bevorstehenden Ende der Welt und nicht von der Gründung einer Kirche, die dann auch noch „auf Ewigkeit“ Bestand haben sollte. Die historisch-kritische Jesusforschung hat es an den Tag gebracht und der renommierte Wissenschaftler für die Geschichte des frühen Christentums Gerd Lüdemann sagt: »Diese Teststelle ist unecht. Der Text wurde von Petrus selbst oder seinen Anhängern Jesus in den Mund gelegt und anschließend vom Evangelisten Matthäus ins Leben Jesu vordatiert«210. 209 Hans Küng, Christentum, a. a. O., Seite 161. 210 Gerd Lüdemann, Jesus nach 2000 Jahren, zu Klampen Verlag, Springe, 4. Auflage 2014, Seite 256. 207 Die Sicht, dass Jesus die Kirche gegründet haben soll, ist aus vielen Gründen fragwürdig, da alle Evangelien erst in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus entstanden sind und die angeblichen Worte Jesu mit der jeweiligen Situation der frühen Kirche bzw. mit den Fragen der neu gegründeten Gemeinden „harmonisiert“ wurden. Allein aus diesem Grund kann diese Bibelstelle nicht als Argument zur Gründung einer Kirche herangezogen werden. Zumal alle Exegeten den ausschließlich beim Evangelisten Matthäus überlieferten Text in dem starken Verdacht haben, dass es sich um eine „nachösterliche“ Wunschvorstellung der Gemeinden handelt. Der Klerus, der Katechismus, ja die gesamte Kirche, alle ignorieren diese Tatbestände und versuchen auch weiterhin im 21. Jahrhundert mit eigenartigen Sprachbildern und intellektuellen Klimmzügen die Dogmatik zu retten und die Erkenntnisse der modernen Bibelforschung auszuklammern. Oder sie versuchen es mit Auswegen. So möge man doch bitteschön die Kirchengründung nicht an der fehlenden Intention Jesu, also an dem, was er gewollt hat, festmachen, sondern man möge auch die Wirkungsweise seines Handelns berücksichtigen, die zu dieser Kirche geführt hat. Doch der Theologe Siegfried Wiedenhofer muss auch feststellen: »Versteht man die Kirche … als Gemeinschaft der Gläubigen unter der Leitung des Papstes und der Bischöfe, so ist diese Frage mit Sicherheit mit Nein zu beantworten«211. Selbst der Journalist Rudolf Augstein, ein Katholik, konnte sich nicht vorstellen, wie die heutige Theologie das hinbekommen will. Und er fragt in seinem Jesus-Buch, wie der Klerus mit der Fragestellung fertig werden will, dass Jesus diese weltumspannende Kirche gegründet haben soll. Dies vor allem angesichts eines »auf das Judentum fixierten, die „Heiden“ verachtenden, diesen das nahe Ende der Welt verkündenden Jesus der jüdischen Tradition als den Stifter … der christlichen Kirche vorzuführen«212. Und es geht noch weiter. Jesus soll nach den Ausführungen der Theologen nicht nur diese eine heilige Kirche gegründet und in einem weiteren Dogma auch gestiftet haben, sondern er soll sogar die hierarchische Struktur mit dem Papst, den Bischöfen, den Priestern und Diakonen vorgegeben haben. 211 Siegfried Wiedenhofer in: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 55. 212 Rudolf Augstein, Jesus Menschensohn, a. a. O., Seite 110. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 208 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Das Dogma sagt: »Christus hat seiner Kirche eine hierarchische Verfassung gegeben«. Es ist schlicht und ergreifend falsch und auch nicht vorstellbar, dass der umherziehende Wanderprediger in Armut und ohne festen Wohnsitz auch noch an die Hierarchie einer zu gründenden Gemeinde, gar an eine Kirche gedacht haben könnte. Die Bildung der hierarchischen Strukturen in der Kirche lässt sich nur durch die historische Entwicklung erklären, aber nicht theologisch und erst recht nicht biblisch rechtfertigen. Bis in das 2. Jahrhundert nach Chr. hinein war eine hierarchische Struktur gar mit einem Bischof an der Spitze in den christlichen Gemeinden völlig unbekannt. Vielmehr war es so, dass die ersten gegründeten Gemeinden entlang der Hauptstraßen des Reiches vielfach ihre eigenen Vorstellungen über das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth entwickelten. Der Historiker Clauss spricht davon, dass ein wesentliches Merkmal dieser Gemeinden ihre Aufsplitterung war. Jeder Zweig dieser Jesusbewegung propagierte einen eigenen Jesus. Deshalb gab es im ersten Jahrhundert auch keine grundlegenden Glaubensanschauungen oder gar Glaubenssätze. Was es gab waren die Paulusbriefe, also die Vorstellungen von Paulus, was denn dieser Jesus gemeint haben könnte, wenn er zu seinen Anhängern sprach und außerdem die Erinnerungen derer, die ihn noch erlebt hatten. Hans Küng schreibt, dass Paulus in dieser Zeit eine Schlüsselrolle zukam. Er war es, der auch den Heiden den Glauben an den monotheistischen Gott der Judenchristen nahebringen wollte und so gründete er in Antiochia die erste Gemeinde mit Juden, die aus Jerusalem geflohen waren und hellenistisch gebildeten Heiden, die nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörten. Paulus selbst kannte die Worte Jesu auch nur vom Hörensagen. All die, die Jesus noch miterlebt hatten, waren im biblischen Alter oder bereits verstorben. Die Apostel und Propheten, deren Sichtweise noch von den Worten Jesu geprägt war und die auf das Kommen des „Himmelreiches“ gewartet hatten, wurden über die Jahre abgelöst von denjenigen, die bisher in den Gemeinden der großen Städte wie Antiochia, Alexandria, Korinth und Rom eher administrative und organisatorische Aufgaben erledigt hatten. 209 Seit dem 2. Jahrhundert findet man in den Gemeinden eine gegliederte, fest gefügte, dreigliedrige Struktur von Bischöfen, Presbytern und Diakonen. Diese übernahmen jetzt mehr und mehr die Deutungshoheit über das, was der längst verstorbene Wanderprediger nach den mündlichen Überlieferungen und den Ausführungen des Paulus so gesagt oder besser, was er nach ihrer Ansicht so gemeint und gewollt haben könnte. Die Zeit war nicht mehr gekennzeichnet durch Apostel und Propheten, sondern durch die Hierarchie von Amtsinhabern. »Diese Bischofskirchen«, schreibt der Historiker, »folgten der Aufteilung des römischen Reiches in städtischen Territorien, überhaupt korrespondierte die Organisation der Kirche mit derjenigen des Staates«213. Die Ausbildung von hierarchischen Strukturen setzte sich weiter fort und es bildeten sich in einigen Städten Bischofssitze heraus, die eine besondere Vormachtstellung beanspruchten. Je größer die Gemeinden wurden, um so „dichter“ wurde das Netz von Regeln, Vorschriften und kultischen Abläufen. Gesichert ist, dass die Feier des „Abendmahls“ in den Gemeinden praktiziert wurde und dass sie überwiegend unter dem Vorsitz eines Bischofs stattfand. Schon im 2. Jahrhundert bezeichnete sich der Bischof von Antiochia als maßgebliche Stütze eines einheitlichen Glaubens in der Gemeinde. Mehr und mehr entwickelte sich das Bischofsamt zu einer hervorgehobenen Stellung und zog sowohl die Verkündigung der Lehre als auch die Federführung bei der Liturgie an sich. Auch die Evangelien, die zunächst nach den Erzählungen der frühen Christen über das Leben Jesu verfasst worden waren, spiegelten jetzt mehr und mehr die Vorstellungen und Intentionen der Gemeindeleitungen wieder und wurden mit einer bereits „ideologisch“ gefärbten Verkündigungsabsicht ausformuliert. Die Theologin Dorothea Sattler schreibt, dass die »biblischen Schriften deutlich spiegeln, dass es von Beginn an … Missverständnisse der Sendung Jesu sowie Untreue gegenüber ihm gab«214. In den nachfolgenden Jahrhunderten führten die christlichen Gemeinden nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Mythen und den heidnischen Philosophien der Griechen und Römer, sondern sie stritten vor allem untereinander über die „reine Lehre“. Es gab verständlicherweise den Drang der Bischöfe auf eine Vereinheitlichung der Lehraus- 213 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 202. 214 Dorothea Sattler, Kirche(n), Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013, Seite 39. Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … 210 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … sagen für alle entstandenen Gemeinden. Dies aber nicht nur in Bezug auf die rein theologischen Fragen, sondern auch in Bezug auf die Zuständigkeiten, den Ablauf der Eucharistiefeier und die Liturgie, so zum Beispiel auf das Bußverfahren oder den kalendarischen Ostertag. Auch Hans Küng verweist in seinen Schriften unter Hinweis auf den Evangelisten Lukas und die Apostelgeschichte immer wieder darauf, dass es eine geradezu idealisierte Beschreibung von Lukas ist, wenn er so tut, als ob in den Gemeinden alle „ein Herz und eine Seele“ waren215. Der Bischof Clemens von Alexandria forderte entgegen anderer Praxis beispielsweise eine dreijährige Vorbereitungs- und Probezeit, bevor ein Anwärter getauft und in die Kirche aufgenommen werden konnte. Nach den Angaben der Historiker sind schon zu Beginn des 3. Jahrhunderts über 32 sogenannte christliche Sekten bekannt und sie beschreiben schon gegen Ende des 4. Jahrhunderts 128 konkurrierende Häresien innerhalb der Kirche. »Statt auf das ursprüngliche Zeugnis der Schriften, berief man sich auf die Tradition und die Väter. Alte oder neue Väter, oft auf willkürlich ausgesuchte und noch willkürlicher zitierte Väter«216. Die von der Kirche auch heute noch propagierte Vorstellung, dass sowohl zu Beginn des Christentums als auch in der Folgezeit nur die reine Lehre Jesu verkündet worden sei, ist eine Falschaussage und entspricht nicht der historischen Wahrheit. Bis hinein ins 16. Jahrhundert sahen sich die Bischöfe genötigt, die entwickelte hierarchische Amtsstruktur in der Kirche zu legitimieren. So erklärte das Konzil von Trient (1545–1563) ausdrücklich gegenüber der Reformation, dass die in der katholischen Kirche bestehende Hierarchie durch göttliche Anordnung eingesetzt worden sei. Die Reformatoren verwarfen die Hierarchie aus gutem Grund, doch die Konzilsväter in Trient waren an einer Verständigung mit den Häretikern nicht interessiert. Dies, obwohl die biblische Begründung für eine solche Ordnung weder damals noch heute gegeben ist. Sie legten stattdessen im Konzil eindeutig per Dekret fest und belegten jeden Leugner mit dem Bann und sagten, dass es in der katholischen Kirche eine durch göttliche Anordnung eingesetzte Hierarchie gibt, die aus Bischöfen, Presbytern und Dienern besteht. 215 Vgl. hierzu: Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 114 ff. 216 Hans Küng, Die Kirche, a. a. O.,, Seite 488. 211 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Selbst das folgende Dogma ist einfach eine Behauptung und an keiner Stelle, weder biblisch noch historisch begründbar: »Die den Aposteln verliehenen hierarchischen Gewalten sind auf die Bischöfe übergegangen«. Nicht nur die eigentliche Ämterordnung der Kirche, sondern in der Folge auch das Bischofsamt wird unter Berufung auf das Wort Jesu in seiner Stellung immer weiter hervorgehoben. Der Bischof beansprucht jetzt durch seine angeblich biblische Sendung und seine Stellung als Nachfolger der Apostel besondere Vollmachten und das nicht nur für sich, sondern auch für alle seine wie auch immer ernannten oder gewählten Nachfolger. Die Ausführungen des Katechismus lassen den Gläubigen angesichts der historischen Tatsachen weitgehend ratlos zurück: »Den Aposteln und ihren Nachfolgern wurde von Christus das Amt übertragen, in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten …«217. Eine solche Übertragung des Amtes ist ausschließlich den Gehirnwindungen der Kurie entsprungen. Es lässt sich nicht verifizieren, dass »die Bischöfe im direkten und exklusiven Sinn die Nachfolger der Apostel sind. Als unmittelbare Erstzeugen waren die Apostel von vornherein durch keine Nachfolger ersetzbar«218. Doch die Kirche steigert sich im Laufe ihrer Geschichte noch. Nicht nur, dass die Bischöfe in ihre Stellung besonders hervorgehoben werden, sondern der Bischof der Hauptstadt des Reiches bekommt darüber hinaus eine noch exklusivere Stellung. Obwohl es keine Quelle gibt, die den Apostel Petrus und mit ihm den Bischofsitz in Rom in besonderer Weise hervorhebt, wird auch dies zum Dogma: »Christus hat den Apostel Petrus zum ersten aller Apostel und zum sichtbaren Haupt der ganzen Kirche bestellt«. »Nach der Anordnung Christi soll Petrus im Primat über die gesamte Kirche für alle Zeiten Nachfolger haben«. Wie wenig authentisch die Worte Jesu aus dem Matthäus-Evangelium sind, auf die sich die Begründungen dieser Dogmen beziehen, ist ja hin- 217 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 258. 218 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 160. 212 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … länglich exegetisch nachgewiesen worden. Selbst in dem frühchristlichen Brief der Gemeinde in Rom an die Korinther, dem 1. Clemensbrief, ist nicht von einem einzelnen Verfasser, gar von einem Bischof die Rede. Weil es ihn einfach noch nicht gab, auch nicht in Rom. In diesem Brief, der um das Jahr 98 nach Chr. an die Gemeinde in Korinth geschrieben worden sein soll, werden die Vorstellungen der römischen Christen erläutert, wie die Gemeinde sich in der damaligen Welt einzurichten habe. Der Brief war gedacht als „brüderliche Zurechtweisung“, denn es gab massiven Streit in der Gemeinde von Korinth und heftige Unruhen. Historisch macht es durchaus Sinn, dass die Rolle des Bischofs, der in der damaligen Hauptstadt des römischen Reiches seinen Sitz hatte, eine besondere Stellung einnehmen wollte. Doch es gibt nirgendwo in den Schriften, geschweige denn in den Evangelien der Bibel, einen Hinweis, dass speziell dieser Jünger Petrus für alle Zeit einen Nachfolger, gar in Rom, haben sollte. Diejenigen, die den Bischofsitz in Rom innehatten, müssen natürlich ein hohes Interesse daran gehabt haben, sich als Nachfolger des Petrus zu bezeichnen und eine besonders exponierte Stellung einzunehmen. Mit diesem Anspruch war natürlich auch die Wunschvorstellung verbunden, dass außer Paulus auch Petrus in Rom gewesen sein musste. Er soll der Legende nach sogar die römische Gemeinde gegründet haben, gar als Märtyrer dort gestorben sein. Dies ist jedoch eine klare Fälschung der Geschichte, die sich erst gegen Ende des 2. Jahrhunderts als Erzählung in den Gemeinden entwickelte. Bemüht man die historischen Fakten, so ist die römische Gemeinde weder von Paulus noch von Petrus gegründet worden. Es bestand schon vor dem Besuch von Paulus in Rom eine christliche Gemeinde, die wahrscheinlich von Judenchristen gegründet worden war. Es gibt kein zuverlässiges Zeugnis dafür, dass Petrus jemals der lokalen Kirche in Rom als Oberhaupt oder Bischof vorstand. Noch gibt es einen Anhaltspunkt dafür, »dass Petrus jemals in Rom gewesen wäre. Ebenso wenig kann man aus dem Clemensbrief einen Märtyrertod des Petrus entnehmen«219, schreibt die Theologin Uta Ranke-Heinemann. Man kann es kaum glauben, doch im Juni 1968 verkündete Papst Paul VI, dass acht Knochensplitter, die bei Ausgrabungen unter dem Petersdom in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden worden waren, die Knochen des Apostels Petrus sein sollen. Sie wurden in der Ka- 219 Uta Ranke-Heinemann, Nein und Amen, a. a. O., Seite 257. 213 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … pelle der päpstlichen Wohnräume aufbewahrt und bei einer Messe auf dem Petersplatz im November 2013 öffentlich gezeigt. Trotz der Tatsache, dass Historiker und Archäologen die Anwesenheit von Petrus in Rom stark bezweifeln und es keinen sicheren Nachweis gibt, bestimmte der Papst. Der Knochenfund in Rom war einfach zu wichtig … Bis zum Jahre 313 nach Chr. waren die Christen durch die römischen Kaiser zeitweise Verfolgungen ausgesetzt und die Bischöfe der einzelnen christlichen Gemeinden im Reich hatten bis dahin eine eher lokale Bedeutung. Nichtsdestotrotz war der Bischofsitz in Rom schon ab dem 3. Jahrhundert unter den Kirchenvätern sehr gefragt, ja geradezu lukrativ, obwohl die Kirche im Reich noch nicht etabliert war. Ab dem 4. Jahrhundert übernahmen dann die Bischöfe, vor allem die aus den Hauptstädten der römischen Provinzen, eine führende Rolle. Allgemein wurde ihre Autorität anerkannt und auf den ersten Konzilien im 4. Jahrhundert auch respektiert. War man allerdings unterschiedlicher Meinung in Glaubensfragen, so konnte der Streit auch mal tödlich enden oder man exkommunizierte sich gegenseitig. Es waren jedoch eher die Bischöfe von Antiochia, Alexandria und Konstantinopel, die sich bei theologischen Fragen besonders profilierten. Der Bischof von Rom spielte in dieser Zeit noch eine untergeordnete Rolle. Die theologischen „Hochburgen“ lagen in Nordafrika, Syrien und in Kleinasien. Der Historiker Manfred Clauss schildert eindrucksvoll die Auseinandersetzung um den Bischofsitz in Rom, nachdem das Christentum von der römischen Obrigkeit begünstigt worden war. Der Streit eskalierte zwischen den Klerikern Damasus und Ursinius in der Zeit zwischen 366 und 384 nach Chr., die beide den Sitz »und die fetten Pfründe in Rom anstrebten. Ihre Anhänger lieferten sich regelrechte Straßenschlachten mit Toten und Verwundeten … am Ende siegte Damasus, doch, wie jedermann weiß, gab es allein in einer Kirche insgesamt 137 Tote, die an einem einzigen Tag erschlagen wurden …«220. Es bleibt der totale Widerspruch zu allen biblischen Aussagen. Trotzdem nehmen im Laufe der historischen Entwicklung die Bischöfe in Rom den angeblich von Jesus formulierten Vorrang für sich in Anspruch, und dies, obwohl dieser Vorrang noch bis zur Zeit des Kirchenvaters Augustinus keine allgemein gültige Anerkennung in der Kirche gefunden hatte. 220 Manfred Clauss, Ein neuer Gott für die alte Welt, a. a. O., Seite 212. 214 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Erst ab dem 5. Jahrhundert spricht man vom Papst, von einem römischen Primat, der dann in der Kirchengeschichte, trotz der vielen Abspaltungen, für eine gewisse Stabilisierung der Institution gesorgt hatte. Andererseits führte die römische Vorstellung von der Lehre Christi und die praktische Ausübung des Bischofsamtes in Rom auch zu einer straff organisierten Großkirche, die über die Jahrhunderte hinweg mit nahezu allen Mitteln immer weiter ausgebaut wurde. Dieser Ausbau geschah immer mit Blick auf die Vormachtstellung des Papstes gegenüber den anderen Bischöfen. So entwickelten sich im Laufe der Zeit in Rom geradezu monarchistische Verhältnisse, die immer mit dem Hinweis auf die angeblich von Jesus an Petrus und seine Nachfolger gegebenen Vollmachten und Gewalten begründet wurden. Heute weiß man, dass die besondere Stellung des Petrus innerhalb der Schar der Jünger Jesu und damit auch die Stellung seiner Nachfolger nicht mehr vertreten werden kann. Die entsprechenden Behauptungen der Konzilstexte sind historisch nicht zu überprüfen. Doch im Stillen glauben die Theologen immer noch dran, auch wenn neutestamentliche Quellen nicht von einem Nachfolger sprechen. Blickt man in die Historie, so spielte bei der Spaltung der Kirche in eine katholische und in eine orthodoxe im Jahre 1054 der Umfang und die Reichweite des Primatsanspruchs durch Rom bereits eine wichtige Rolle. Im Jahre 1302 formulierte Papst Bonifatius VIII in seiner Bulle „Unam Sanctam“ seinen Machtanspruch und den Vorrang der geistlichen vor der weltlichen Macht. Und wurde prompt vom König von Frankreich, Philipp VI, unter Arrest gestellt. Das Konzil von Konstanz erklärte zwar im Jahre 1415, dass das Konzil über dem Papst stehe, jedoch machte der Papst Leo X im Jahre 1516 klar, dass dem wohl doch nicht so ist. Die päpstliche Autorität, erklärte er in seiner „Bulle“, »obwohl sie von einem Menschen gegeben worden ist und von einem Menschen ausgeübt wird, ist nicht menschlich, sondern göttlich«. So richtig ist es nicht zu glauben. Mehr als 1800 Jahre nach dem Tode von Petrus in der Mitte des 19. Jahrhunderts werden dem Oberhirten der katholischen Kirche und allen seinen Nachfolgern, man bedenke immer die nicht nachweisbare apostolische Thronfolge (Sukzession), Gewalten verliehen, die sich die Päpste in der Kirchengeschichte zwar immer schon herausgenommen hatten, die aber jetzt zum Dogma, zum Glaubenssatz, für alle Katholiken wurden. 215 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Am Morgen des 18. Juli 1870 soll ein gewaltiges Gewitter über der Stadt Rom getobt haben. Man hatte den Eindruck, der Vatikan und die Bischöfe des 1. Vatikanischen Konzils sollten beeindruckt werden. Während ein Kleriker die Endfassung der dogmatischen Konstitution vorträgt, geht nach den Angaben der Historiker eine Fensterscheibe über dem Papstthron zu Bruch. Doch die Konzilsväter lassen sich nicht beirren. Papst Pius IX hatte das Vatikanische Konzil im Jahre 1868 einberufen, um die kirchliche Gesetzgebung der modernen Zeit anzupassen und sogenannte Irrtümer, die sich in der Gesellschaft und in der Kirche breitgemacht hatten, abzuwehren. Seit seiner Wahl im Jahre 1846 hatte sich die politische Landschaft in Europa durch Revolutionen, Kriege und nationale Bewegungen stark verändert. Auf diese Veränderungen reagierte der Papst jedoch nicht mit der Öffnung der Kirche, sondern mit deutlicher Abgrenzung gegenüber diesen Entwicklungen, den „Zeitirrtümern“ des 19. Jahrhunderts. Vor allem aber ging es ihm um eine Stärkung seiner eigenen Position innerhalb der Kirche. Im Jahre 1854 hatte er mit dem Dogma der „Unbefleckten Empfängnis Marias“ seine Vorstellung vom Papstamt als Haupt der Kirche bereits eindrucksvoll demonstriert. Und so kam es, wie es kommen musste. Obwohl stark umstritten, wurde die Konstitution „Pastor Aeternus“ im Juli 1870 in Anwesenheit des Papstes mit 533 Ja-Stimmen und nur 2 Gegenstimmen verabschiedet. An dieser letzten Abstimmung nahmen 60 Bischöfe schon nicht mehr teil. Sie waren bereits abgereist, um nicht gegen ihre Überzeugung abstimmen zu müssen. Die Inhalte dieser Konstitution beschäftigen sich im Wesentlichen mit der Frage der obersten Befehlsgewalt, der sogenannten „Jurisdiktionsgewalt“ des Papstes und mit seiner Unfehlbarkeit. Es wird ausdrücklich festgestellt, obwohl historisch und biblisch nachweislich falsch, dass Christus dem Petrus und allen seinen Nachfolgern diese oberste Gewalt verliehen habe und dass der von Christus gestiftete Primat der römischen Bischöfe bis in alle Ewigkeit Bestand haben soll. Dass alle Urteile und Glaubensaussagen des Papstes durch keine andere Autorität in dieser Welt, also auch nicht durch eine Versammlung aller Bischöfe, aufhebbar oder abänderbar seien. 216 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … So entstanden die Dogmen: »Der Papst besitzt die volle und oberste Jurisdiktionsgewalt über die gesamte Kirche, nicht bloß in Sachen des Glaubens und der Sitten, sondern auch in der Kirchenzucht und der Regierung der Kirche«. »Der Papst ist, wenn er ex cathedra (vom Lehrstuhl aus, Kraft seines päpstlichen Lehramtes) spricht, unfehlbar«. Papst Pius IX hatte schon lange intensiv daran gearbeitet, seine geistliche aber auch seine weltliche Macht über den zu dieser Zeit noch bestehenden Kirchenstaat hinaus, der von Rom und Latium ausgehend bis zur Adria reichte, für alle Zeiten festzuschreiben. Er hatte bereits im Dezember 1864 eine Enzyklika herausgegeben, in der er 80 Thesen aufstellte, die für die gläubigen Christen mit hoher Verbindlichkeit versehen waren. Diese Thesen beschreiben nach seiner Überzeugung die Irrtümer der gesellschaftlichen Anschauungen und Prinzipien des politischen Liberalismus, die er strikt ablehnte221. Es ist zum Beispiel nach päpstlicher Überzeugung abzulehnen, dass es »jedem Menschen freistehe, die Religion anzunehmen, welche er im Lichte der Vernunft für wahr hält«. Oder dass die »menschliche Vernunft nicht ausreiche, um das Wohl der Menschen und Völker zu sichern«, sondern es müsse immer auch Gott einbezogen werden. Bei genauer Betrachtung, so schreibt der Theologe Bernhard Hasler über Papst Pius IX, »deuten verschiedene Charakterzüge – sein abstruser Mystizismus, seine despotischen Ausbrüche, sein Altersstarrsinn – darauf hin, dass er schon zur Zeit des Konzils möglicherweise nicht mehr voll zurechnungsfähig war«222. Offensichtlich war nur diesem Papst klar, trotz der zahlreichen Bischöfe, die eine andere Überzeugung hatten, dass der „göttliche Erlöser“ ihm diese „Unfehlbarkeit“ zuspricht und alle Nachfolger mit diesem Dogma ausgestattet sein sollen. Es erstaunt nicht, dass der Originaltext der dogmatischen Konstitution dies explizit auch zum Ausdruck bringt. »Die endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind aus sich heraus und nicht aufgrund 221 siehe hierzu: www.wikipedia.org/wiki/syllabus-errorum/… 222 Zitat aus: „Der Spiegel“ 37/1979. 217 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … der Zustimmung durch die Kirche unabänderlich … Und wenn sich jemand herausnehmen sollte, … dieser Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen«. Der Theologe Ludwig Ott behauptet in seinem Standardwerk, dass der Heilige Geist im Spiel gewesen sei und meint, »der Grund der Unfehlbarkeit ist der übernatürliche Beistand des Heiligen Geistes, der den obersten Lehrer der Kirche vor Irrtum bewahrt«223. So ist es nur folgerichtig, dass der Vatikan diesen „Kirchenfürsten“ am 3. September des Jahres 2000 seligsprach. Da geht also ein Mensch hin, zugegebenermaßen ein theologisch vorgebildeter Mensch, der jedoch genauso wie du und ich mit seinen Unzulänglichkeiten zu kämpfen hat, der menschliche Bedürfnisse entwickelt, sogar Bedürfnisse, die er als Kleriker der Kirche verdrängen muss, der Gesundheit und Krankheit erlebt, der seine Notdurft verrichtet wie jedermann, dieser Mensch behauptet nun, nur er wisse und dürfe für alle Menschen dogmatisch festlegen, was denn der „göttliche Erlöser“ gesagt haben würde, wenn er denn noch leben würde oder gesagt haben wollte, wenn er noch dazu gekommen wäre. Nur er weiß, dass der angebliche Schöpfer dieser Erde genau ihn mit Fähigkeiten ausgestattet wissen will, die ihn befähigen, etwas zu einer Glaubenswahrheit zu erheben, was er selbst zu sagen nicht mehr in der Lage war. Auch Kardinal Müller kennt das Wissen um das Papstamt und sagt, dass die päpstliche Autorität, die in der Nachfolge Petri steht, »jeder theoretischen Begründung durch die Schrift und aus der Überlieferung vorausgeht«224. Was er auch tut, dieser Papst, kraft seines Amtes, die Aussagen der Bibel sind allemal nachrangig. Papst Pius IX erlitt allerdings im Jahre 1870 Schiffbruch, zumindest bezogen auf seine weltliche Macht. Kaum waren die Dogmen in der Welt, zogen die Franzosen nur ein paar Wochen später ihre römischen Schutztruppen ab und die königstreuen Italiener eroberten den Kirchenstaat in kurzer Zeit. Der Papst war seine weltliche Macht los und zog sich hinter die Mauern des Vatikan zurück. Er verließ den Vatikan nicht mehr, bis zu seinem Tode im Jahre 1878. Die Teilnehmer an der Eroberung und Einnahme des Kirchenstaates hatte er vorher noch mit dem Kirchenbann belegt und er verbot auch 223 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 347. 224 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 617. 218 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … im Jahre 1874 den italienischen Katholiken die Teilnahme an den demokratischen Wahlen. Beim 2. Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) hörte sich das dann alles ganz anders an. In seiner Konstitution „Lumen gentium“ formulierte Papst Paul VI zum Thema Unfehlbarkeit des Papstes im Jahre 1964 es so: »Die Gesamtheit der Gläubigen … kann sich nicht irren«. Jürgen Werbick beschreibt: »Das Unfehlbarkeitsdogma des 1. Vatikanischen Konzils gilt … als der traditionalistische, wenn nicht gar fundamentalistische Sündenfall der katholischen Kirche am Beginn der Moderne«225. Doch auch die Konzilsteilnehmer des 2. Vatikanischen Konzils blieben dabei, die Wirklichkeit der Kirche sei eine Wirklichkeit mit hierarchischer Struktur und einem „mystischen Leib“. Die katholische Kirche sollte aber auch den Weg Christi in Armut gehen. Davon ist jedoch trotz aller Gesten des heutigen Papstes nicht viel zu sehen. Schon Anfang des 21. Jahrhunderts schätzte der Sozialwissenschaftler Carsten Frerk das Vermögen der Kirche allein in Deutschland auf circa 270 Milliarden Euro226. Die Kirche möchte zwar an den Idealen der Bergpredigt festhalten, sie hat jedoch auch nach ihren eigenen Aussagen den Bedingungen der „irdischen Realität“ Rechnung zu tragen. Mittlerweile erkennt die Kirche andere religiöse Vorstellungen oder Religionsgemeinschaften auch an, weiß sich aber gottlob auf der sicheren Seite. Während die anderen, wenn auch im Schatten und in Bildern, noch nach Gott suchen, hat sie den rechten Glauben bereits gefunden. Ganz exklusiv, nur sie und so drückt sie das dann auch aus: »Christus ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die katholische Kirche«227. Den protestantischen Kirchen ist diese Exklusivität leider nicht gegeben, denn aus katholischer Sicht fehlt ihnen das »gültige Episkopat«. Das fehlende Bischofsamt ist der Defekt, mit dem sie zu leben hat, vor allem ein Bischofsamt mit voller apostolischer Sukzession. Will heißen, ihnen fehlt das, was man eine Thronfolge nennt, beginnend von Christus über die Apostel bis zu den heutigen Bischöfen in ununterbrochener Reihenfolge. Eine solche Betrachtungsweise ist historisch gesehen natürlich blanker Unsinn, eine ununterbrochene Folge der Amtsträger hat es nie ge- 225 Jürgen Werbick, Grundfragen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 178. 226 Siehe hierzu: www.wikipedia.org/wiki/vermoegen_der_roemisch-katholischen_ Kirche/… 227 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 238. 219 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … geben. Der Theologe Jürgen Werbick klärt uns auf: »Es müsse endlich theologisch folgenreich eingestanden werden, das das formal-juristische Verständnis der Sukzession … eine Fiktion ist«228. Auch sei der Protestantismus, wie viele andere christliche Gemeinschaften nicht Kirche im eigentlichen Sinne, so Papst Johannes Paul II in seiner Erklärung „Dominus Jesus“ aus dem Jahre 2000, weil sie »die vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt habe«. Was soll man zu einer solchen Formulierung nur sagen: die vollständige Wirklichkeit eines Mysteriums? Doch einen anderen Weg zum Heil gibt es nicht, da ist sich die Kirche sicher und das Dogma ist sehr deutlich: »Die Zugehörigkeit zur Kirche ist für alle Menschen heilsnotwendig«. Diese Sichtweise des Klerus der katholischen Kirche auf die Welt erklärt auch, wieso es zu den unverständlichen Formulierungen und peinlichen Entgleisungen vom damaligen Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch 2007 in Lateinamerika kommen konnte. Dort hatte er doch bei der Er- öffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz im brasilianischen Aparecida erklärt, mit der Verkündigung des Evangeliums sei den Ureinwohnern keine fremde Kultur aufgezwungen worden. Vielmehr »hätten die Indianer die Christianisierung still herbeigesehnt«. Menschenrechtler sprachen von einer ethnozentrischen, rassistischen und wenig respektvollen Sicht auf die indigenen Kulturen Lateinamerikas. Es drängt sich die Frage geradezu auf, wie die Kirche zu so einer dogmatisch gefestigten Behauptung zur Gründung ihrer Institution kommen konnte. Es gibt häufig Fragen, die offensichtlich nicht nur einfach zu stellen sind, sondern die auch, entgegen der Ansicht der Theologie, recht einfach zu beantworten sind. Diese Beantwortung fällt jedoch anders aus, als es die Dogmatik der Kirche vorgibt. Jesus hat diese römischkatholische Kirche nicht gegründet. Punkt. Anders lautende Aussagen entbehren, wie wir gesehen haben, jeder Grundlage. Angesichts einer solchen Großorganisation mit weit über einer Milliarde Mitglieder weltweit darf man es sich aber nicht zu einfach machen. War vielleicht doch eine göttliche Fügung im Spiel? Soweit man die historische Entwicklung betrachtet, wird überdeutlich, dass immer Men- 228 Jürgen Werbick, Grundlagen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 111. 220 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … schen am Werke waren. Menschen, die zwar von sich behaupteten, einen besonderen Zugang zum Göttlichen zu haben, die aber so handelten, wie dies Menschen eben tun. Interessengeleitet, machtbesessen, zuweilen über Leichen gehend oder auch menschenfreundlich, nach dem Heil suchend und dem Irrtum unterliegend. Auf Jesus als den Stifter einer Kirche kann sich jedenfalls niemand berufen! Dies schwant auch dem noch aktiven Pfarrer Rainer Maria Schießler der Münchner Heilig-Geist-Gemeinde, der in seinem aktuellen Buch ausführt: »Christus war der Allerletzte, der an die Gründung einer Amtskirche oder die Formulierung eines Katechismus oder an Enzykliken und Synoden gedacht hätte … Dass es die katholische Kirche automatisch ewig geben muss, … halte ich für einen folgenschweren Irrtum … Es könnte auch sein, dass die Menschen finden, 2000 Jahre seien genug«229. Doch Gerhard Kardinal Müller, der zeitweise maßgebende Theologe der Kurie in Rom, weiß es wieder einmal besser und er glaubt, dass die Kirche keine von Menschen gegründete Religionsgemeinschaft ist, sondern dass sie ein von Gott gestiftetes Mysterium der Einheit der Menschen mit Gott ist. Wie man es auch dreht und wendet, die Tatsache bleibt, dass dieses Mysterium menschlichem Geist entsprungen ist. Der Apostel Paulus und nachfolgende Kirchenväter entwickelten die Lehre von der Kirche und legten Dogma für Dogma in Synoden und Konzilien fest. Wenn das Wesen der Kirche nur als Mysterium des Glaubens voll erfasst werden kann, dann wird es auch ein Mysterium der Kleriker bleiben, das von ihnen in einer eigenartigen Bildersprache und mit seltsamen Formulierungen wie: „Braut Christi“, „Schiff Petri“ oder „Herde Gottes“, umschrieben wird. Den Menschen ist sie nicht zu vermitteln, diese Diskrepanz zwischen den Vorstellungen des Predigers Jesus in der Bibel und der kirchlichen Großorganisation, so wie sie sich heute darstellt. Doch der Klerus hält verdrossen an allen Dogmen fest. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ist es den Theologen doch tatsächlich gelungen, durch Sprachbilder wie „Weinberg des Herrn“, „Leib Christi“ oder „Tempel des Heiligen Geistes“ einer großen Zahl von Menschen eine solche angebliche Wahrheit zu vermitteln. Dies war jedoch nur möglich, wie Franz Buggle es beschreibt, durch eine »umfassende Desinformation einen Zustand weitgehender Uninformiertheit, ja man 229 Rainer M. Schießler, Himmel, Herrgott, Sakrament, Kösel Verlag, München 2018, Seite 21. 221 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … kann es so hart formulieren, eine weitgehende Infantilisierung des religiösen Wissensstandes auch bei sogenannten „Gebildeten“«230. Man schaut sich um. Steht auf dem Petersplatz in Rom und betrachtet die irdische Realität. Dieses imposante Gebäude, diese beeindruckende Architektur, dieser Platz. Auch und gerade gegen Abend, wenn der Lärm des Straßenverkehrs und die Sirenen der Polizeifahrzeuge abgenommen haben und wenn die Touristen in die Stadt „eingetaucht“ sind. Diese kulturelle Fülle, sie ist geradezu überwältigend, diese beeindruckende menschliche Leistung, dieser kulturhistorisch bedeutsame Ort der Menschheit, man kommt sich ganz klein vor, als Mensch, als „armer Sünder“, vor so viel irdischer Herrlichkeit. Eine von Menschen geschaffene Prachtentfaltung, aus reiner Glaubensüberzeugung. Zur grö- ßeren Ehre Gottes … oder sollte man doch besser sagen, zur größeren Ehre der Kurie? Kann ein Gott dies denn alles gewollt haben, soviel Pracht und Herrlichkeit im Diesseits, soviel Autorität und Geltung, soviel Ansehen und Vermögen, angesichts des vielen Elendes in der Welt? Doch, der Gott der Christenheit muss es gewusst haben, nicht als Mensch, wohl aber als Gott … Man mag nicht daran denken, es nimmt einem die Erhabenheit des Augenblicks. Wie die gigantischen Kosten dieses Dombaus finanziert wurden, wie der „Peterspfennig“ eingetrieben wurde, wie der schwunghafte Handel und Verkauf der Ablassbriefe betrieben wurde, wie dies zwar nicht der alleinige Grund, aber ein wesentlicher Anlass für Luther war, seine Thesen zu formulieren, wie dies zur Reformation führte, wie dies dann halb Europa in den 30-jährigen Krieg stürzte, der als Religionskrieg begann und ganze Landstriche in Schutt und Asche legte, wie dieser Kampf der Konfessionen zu Millionen von Toten und Verwundeten führte, und, und, und … Man hält einen Moment inne … und es fällt einem der Wanderprediger am See Genezareth ein. Der Unterschied, ja der Widerspruch zum Jesus der Bibel, er ist so eklatant, er ist so augenfällig. Eine solche Machtfülle über Gläubige, eine solche Hierarchie, ein solcher Luxus, eine solche Prachtentfaltung, kann er sich nicht ausgedacht haben, kann er sich nicht vorgestellt und auch nicht gewollt haben. 230 Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben, Alibi Verlag, Aschaffenburg 2012, Seite 413. 222 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … Hier hat sich über die Jahrhunderte hinweg eine Institution etabliert mit monarchischen Zügen, mit Machtgehabe, nicht mit Gebet, sondern vor allem mit Intrigen, mit Gewalt, mit Krieg und Folter, mit Blut und Verrat. Wo ist der Ursprung geblieben, der Anfang, der Prediger mit seinen Jüngern? Er verschwindet angesichts der Männer in unterschiedlich gefärbten „Frauenkleidern“, angesichts der Marmorstatuen, der Gemälde und der Mauern des Vatikan. Wenn sich heute lärmend Touristenmassen durch die Vatikanischen Museen schieben, sich unangemessen mit halb versteckten Smartphones in der Sixtinischen Kapelle gebärden und trotz der Ermahnungen der aufsichtsführenden Geistlichkeit keine Ruhe einkehrt, dann unterscheidet sich dieser Ort nicht von anderen Sehenswürdigkeiten auf dieser Welt. Dann wird klar, hier handelt es sich nicht um einen vermeintlich geheiligten Ort, sondern auch nur um eine einzigartige, kulturhistorisch bedeutsame Stätte, die ihre Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft. Die nicht mehr gläubig ergriffen betrachtet wird, sondern von Touristen besichtigt wird, wie der Eiffelturm, die Chinesische Mauer, wie der Kreml oder das Schloss Windsor. Die Ideale des Wanderpredigers sind vergessen, man trägt dann doch eher der irdischen Realität Rechnung. Aus der Schrift lässt sich für die „Gemeinschaft der Gläubigen“ nur Armut herauslesen, Verzicht, Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Alles keine Kategorien mehr, die eine heutige Gesellschaft anstrebt. Aus den Ausführungen und kommentierenden Anmerkungen der Theologen zur Gründung einer Kirche und zum Wirken Jesu, aus der Begleitliteratur zur Bibel und Kirche, aus dem Katechismus und der Dogmatikliteratur ist rein gar nichts zu entnehmen. Dort findet man nur Worthülsen, komplizierte Wortgebilde, Wissenschaftsgeschwurbel und Unverständlichkeiten, statt sich zu orientieren am 1. Korintherbrief des Paulus (14,19): »In der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, um auch andere zu unterweisen als zehntausende Worte in Zungen …«. Selbst Hans Küng, dem ehemaligen Theologieprofessor aus Tübingen, ist es schon aufgefallen: »Theologen verstehen es bisweilen besonders gut, in Wesentlichem um die Sache herumzureden, statt sie beim Namen zu nennen«231. Beispielhaft, ich kann es dem Leser nicht ersparen, die Ausführungen des Fundamentaltheologen Jürgen Werbick zur Sendung Jesu. Was 231 Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 42. 223 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … wirklich seine Sendung war, formuliert er so: »In Absetzung vom herkömmlich-neuscholastischen, instruktionstheoretischen oder informationstheoretischen Offenbarungsverständnis, das am Modell der Übertragung einer heilswichtigen Information zur Rettung der Sünder aus dem ewigen Verderben bzw. der entsprechenden Lehre vom Informanten Gott auf den Adressaten Menschheit hin orientiert ist, geht man hier von einer Selbstoffenbarung Gottes aus: Gott zeigt sich den Offenbarungszeugen als zu ihrem Heil Handelnder; zugleich bezieht er sie in seinem Heiligen Geist auf den von ihm initiierten und getragenen Handlungszusammenhang Gottesherrschaft …«232. Verständlich ist diese Sprache nicht, soll sie wohl auch nicht. Wie sagt es Ralf Miggelbrink, »der Glaube der Kirche ist zunehmend der Glaube der Kleriker, dem der Glaube des „einfachen Volkes“ … zugeordnet ist«233. Die Bundesbürger würden ja gerne „die Kirche im Dorf “ lassen, doch hineingehen, gar am Sonntag zum Gottesdienst, dafür gibt es kaum einen Grund, höchstens noch, um einen Raum der Ruhe zu finden, in der Hektik der Großstadt, so zwischen zwei Besuchen eines Shopping-Centers. Vermeintlich göttliches Handeln wird sicher nicht durch die Kleriker erfahren, nicht im Kirchenschiff durch Predigt, Bekenntnisse und Liturgie und nicht durch Gebote, hierarchische Unterordnung und Gehorsam gegenüber der Kirche. Auch nicht durch das Singen von Liedern, deren Texte häufig die Absicht der Kirche allzu deutlich erkennen lassen: »… ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehen und folgsam ihre Lehren …« Die Botschaft ist hohl geworden, ist eine Hilfskonstruktion im Rahmen der Liturgie, ohne Fundament, bleibt unverständlich und hat tatsächlich nicht mehr die Lebensverhältnisse der Menschen im Blick. Auch scheint die Diskrepanz zwischen den „Laien“ und den zölibatär lebenden, wissenschaftlich gebildeten Absolventen einer Seminarausbildung immer größer zu werden. So werden notwendigerweise Gemeinden bei schwindenden Mitgliederzahlen zu sogenannten Pastoralverbünden zusammengelegt und die Kirche bleibt weitgehend auf die „Überhöhung“ bürgerlicher Feiern reduziert. Vielleicht hat ja der Münchner Pfarrer Schießler Recht und die Menschen sagen sich, 2000 Jahre sind genug. Dann bliebe am Ende nur noch 232 Jürgen Werbick, Grundfragen der Ekklesiologie, a. a. O., Seite 122. 233 Ralf Miggelbrink, Einführung in die Lehre von der Kirche, a. a. O., Seite 149. 224 Wenn die spielWeise einer fussbAllMAnnschAft zu behäbig Wirkt … die humorvolle Anekdote: »Der Papst steht vor der Himmelstür. Petrus empfängt ihn. Der Papst sagt: „Ich bin der Stellvertreter Gottes auf Erden, lass mich rein“. Petrus erwidert: „Gottes Vertreter auf Erden, kenne ich nicht, aber ich kann ja mal den Chef fragen“. Petrus fragt also Gott, doch dieser kennt den Mann auch nicht. „Ich schicke mal meinen Sohn, vielleicht kennt der ihn“. Jesus vergewissert sich des Mannes vor der Himmelstür, kommt grinsend zurück und sagt zu Petrus: „Du, der kleine Fischerverein, den wir damals gegründet haben, den gibt es immer noch“«. Allerdings wäre dieser Verein nicht nur der älteste, sondern auch der reichste auf der Welt.

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References

Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …