7 Wenn Absurditäten zur Denkschwäche führen … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 123 - 200

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-123

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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123 7 Wenn Absurditäten zur Denkschwäche führen … Sigmund Freud hatte Recht. »Wer schon in seiner Kindheit die Absurditäten der religiösen Lehren geschluckt hat, über dessen spätere Denkschwäche braucht man sich nicht zu wundern«124. Erst der Erwachsene wird sich, wenn er intensiv darüber nachdenkt, dieser Absurditäten bewusst, die man als Kind natürlich noch nicht erkennen kann. Wie sollte man auch? Selbst im fortgeschrittenen Alter gelingt eine solche Erkenntnis auch nur dann, wenn die theologisch-dogmatischen Verlautbarungen der Kirche in Zweifel gezogen, wenn Glaubensgrundlagen in Frage gestellt werden und wenn man nach triftigen Gründen dafür sucht, was und warum was zu glauben ist. Oder ob vielleicht doch der gesamte Gegenstand der Theologie nur für den Glaubenden sichtbar ist. Wenn man es schafft, die beschriebene Denkschwäche zu überwinden, dann möchte man natürlich wissen, welche Argumente das Lehramt der katholischen Kirche ins Feld führen kann, damit der Glaube, so wie er sich in und durch die Institution Kirche und in den Dogmen dieser Kirche zurzeit darstellt, als zutreffend angenommen werden kann. Man wird beim Studium den Eindruck nicht los, dass die katholische Kirche im Stillen auf das schwindende Interesse der Menschen an Glaubensfragen hofft. Sie scheint geradezu erleichtert zu sein ob der Unkenntnis und Ignoranz von weiten Teilen der Bevölkerung des sogenannten „Christlichen Abendlandes“ an den theologischen Fragen des heutigen Christentums. 124 Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, zitiert aus: Gerhard Czermak, Problemfall Religion, a. a. O., Seite 319. 124 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Auf welchem Fundament stehen aber nun die Lehraussagen und Dogmen der katholischen Theologie? Halten sie einer historisch-kritischen Betrachtung stand, all die genannten Bibelbeweise und Traditionsbeweise, die von Amtsträgern formuliert werden? Sind die kirchenhistorisch entwickelten und dogmatisch fest verankerten Grundlagen der Kirche so überzeugend und einleuchtend, dass sie ausreichend Gründe liefern können, damit der Christenmensch sie als wahr und eigentlich anerkennen kann? Der Katechismus der Kirche beginnt in seinem Kapitel über die Sakramente gleich mit einer nachweislich falschen Behauptung. »Die Sakramente … sind von Christus eingesetzt«125. Diese Aussage wird dann noch unterfüttert mit Zitaten der Dekrete des Konzils von Trient aus dem 16. Jahrhundert, in denen es heißt: »Im Anschluss an die Lehre der heiligen Schriften, die apostolischen Überlieferungen und die übereinstimmenden Auffassungen … der Väter, bekennen wir, dass die Sakramente … alle von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzt sind …«126. So wird jedes Sakrament der Kirche mit folgendem Dogma eingeführt: »Die Taufe, die Buße, die Eucharistie, die Firmung, die Ehe, die Krankensalbung und die Priesterweihe … ist ein wahres von Jesus eingesetztes Sakrament«. Eine glatte Falschaussage. Damit es nicht gleich jeder bemerkt, helfen sich die Kirchenväter mit der Behauptung, dass es nicht nur die Bibel allein ist, die den Beweis der Einsetzung der Sakramente durch Jesus liefern soll, sondern auch noch die apostolischen Überlieferungen. Vor allem aber die übereinstimmenden Auffassungen der Kirchenväter, sie dienen als logische Begründung für diese dogmatischen Konzilsdekrete. Auch wenn es weitgehende Übereinstimmung auf dem Konzil gegeben haben mag, was zu bezweifeln ist, so bleiben es trotzdem die Bischöfe, die Theologen, die Presbyter, ja die Menschen in der Mitte des 16. Jahrhunderts, die während des Konzils solche Formulierungen entwickelt haben. Wo der Heilige Geist bei der Abfassung der Dogmen zur Sakramentenlehre war, ist nicht überliefert. Die Konzilsdekrete wurden in jedem Falle durch die Kirche lauthals verkündet und das Christenvolk war per Dogma unter Androhung von Höllenqualen zum Glauben verpflichtet. 125 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 340. 126 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 317. 125 Bedeutende Theologen der Gegenwart haben gerade zu diesem historischen Konzil in Trient, das Antworten auf die Fragen der Reformation artikulieren sollte, eine Menge Fragen aufgeworfen. Ob dieses Konzil zum Beispiel aufgrund seiner minimalen faktischen Repräsentanz, denn es waren fast ausschließlich italienische und spanische Bischöfe, Prälaten und Theologen in geringer Zahl anwesend, überhaupt die notwendige theologische Qualität und Autorität besessen habe, um solch wichtige Aussagen, ohne die Beteiligung weiterer Theologen aus anderen Ländern, treffen zu können. Denn es ging bei diesem wichtigen Konzil in erster Linie darum, die einzelnen Sakramente der Kirche, so wie sie sich in den vorangegangenen Jahrhunderten entwickelt hatten, gegen die Angriffe der Reformation zu verteidigen und mit entsprechenden Verlautbarungen das gefährdete sakramentale System als theologische Grundlage der Kirche zu konsolidieren. Es könnten an dieser Stelle noch weitere Argumente gegen dieses Konzil ins Feld geführt werden, doch ist heute unter den kritischen Theologen Konsens, dass die meisten Aussagen des für die Kirche bedeutenden Konzils stark in Zweifel gezogen werden müssen. Die während des Konzils formulierten Dogmen gelten nach den Vorstellungen der Kirche trotzdem bis zum heutigen Tage für jeden katholischen Christenmenschen und damit seit fast fünfhundert Jahren als verbindlich. Die Existenz von insgesamt sieben Sakramenten ist in der katholischen Kirche seit dem 12. Jahrhundert belegt und sie gelten ab da in der gesamten Kirche als sogenannte Glaubenswahrheiten. Schon die Konzilien des 12. Jahrhunderts lehrten ausdrücklich die Anzahl von insgesamt sieben Sakramenten, die dann im Laufe der weiteren Geschichte zu Glaubensgrundsätzen erhoben worden sind. Mit diesen Sakramenten wird durch die Kirche, bei gläubigem Empfang, eine angeblich von Gott selbst zugesagte heilbringende Wirkung verknüpft. Im Katechismus heißt es: »In den Sakramenten wirkt Jesus Christus selbst … und handelt durch seine Kirche …«. Im Rahmen einer sichtbaren Handlung, eines vorgegebenen Ritus, wird »… die unsichtbare Wirklichkeit Gottes vergegenwärtigt …«127. Der Empfang der Sakramente ist für den Gläubigen zwingend erforderlich, wenn er das ewige Heil erlangen möchte. Dies gilt im Besonderen für die Sakramente der Taufe und der Buße. Die übrigen Sakramente sind 127 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 318 f. Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … 126 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … auch deshalb notwendig, weil ohne sie das Heil, so sagt es der Katechismus, »nicht so leicht« erreicht werden kann. Was haben bloß die Gläubigen der Kirche bis zum 12. Jahrhundert gemacht? Weit über tausend Jahre waren die sieben Sakramente unbekannt und logischerweise das ewige Heil nur schwerlich zu erreichen. Seit dem Konzil von Trient (von 1545 bis 1563 nach Chr.) wurden nun den Gläubigen unter Androhung der Exkommunikation sieben Sakramente als verbindlich vorgegeben. Man hat damals in geradezu leichtfertiger Weise, wie die kritischen Theologen heute sagen, einfach behauptet, dass diese Sakramente alle von Jesus eingesetzt worden sind und als Folge davon alle Leugner mit dem Kirchenbann belegt. Bei der eigenen Suche nach der angeblichen Einsetzung aller sieben Sakramente durch die Worte Jesu in der Bibel stößt man auch nach den Aussagen „linientreuer“ Theologen auf große Skepsis. Luther und die Reformatoren reduzierten schon im 16. Jahrhundert die sieben Sakramente auf zwei bzw. drei, die Taufe, die Eucharistie / Abendmahl und in Teilen auch die Buße. Sie betonten, dass die Bedeutung des persönlichen Glaubens essenzieller sei als weitere Sakramente. Kein maßgeblicher Theologe an den Hochschulen mag heute mehr die Thesen des Konzils von Trient zu den Sakramenten offensiv vertreten und trotzdem ändert sich in der Institution der Kirche nichts. Die Dogmen sind aufgrund der Unfehlbarkeit des „Heiligen Stuhls“ in Glaubens- und Sittenfragen für alle Zeiten fest zementiert. Die kirchlichen Institutionen stehen heute unbeweglich und geradezu zementiert, jedoch wohlgeordnet, vor jedem Christenmenschen. In der Wissenschaft zur Auslegung und Erklärung der Bibeltexte ist eindeutig nachgewiesen worden, dass sich alle Sakramente in einem langsamen Prozess über die Jahrhunderte hinweg historisch entwickelt haben und dass gerade die Aussagen Jesu in der Bibel zu den beiden Sakramenten der Taufe und der Eucharistie eindeutig erst lange nach dem Tode Jesu erfolgt sind. Die Aussagen in den Evangelien sind in erster Linie geprägt von den Vorstellungen der Autoren der Bibeltexte, die mit ihren Formulierungen das Bild der jeweiligen christlichen Gemeinden des ersten und zweiten Jahrhunderts im Mittelmeerraum wiedergeben wollten. Auch der Theologe Hans Küng mag sich nicht eindeutig festlegen und formuliert nur eine nicht nachzuweisende „allgemeine Ermächtigung“ durch Jesu Wort für die Taufe und die Eucharistie in der Bibel, 127 während die anderen Sakramente niemals von Jesus Christus persönlich stammen, sondern nur ein Produkt der Geschichte sind128. Was die Bibelforschung schon seit geraumer Zeit nachgewiesen hat, können die Kleriker der Kirche heute nicht mehr so ohne Weiteres ignorieren und deshalb verklausulieren sie in der ihnen eigenen Sprache den Tatbestand der fehlenden Einsetzung von Sakramenten durch Jesus und sprechen von einem eher weiter gefassten Verständnis der Einsetzung der Sakramente durch Jesus im Mittelalter, als dies heute der Fall ist. Man kann jedoch an den Fakten nicht mehr vorbei, der Nachweis gar von sieben Sakramenten aus den Worten Jesu in der Bibel lässt sich nicht erbringen. Die Theologen müssen daher geradezu zwanghaft einen Wortlaut finden, der einen indirekten Beweis doch noch möglich macht. So finden sich in der Dogmatikliteratur Aussagen wie »Die Sakramente sind Gaben des Herrn an die Kirche, nicht selbst erdachte Werke der Kirche …«129. Mit solchen Aussagen entlarvt man sich selbst. Die Kirche ist es also, die von sich sagt, dass die Sakramente ihre Herkunft von Gott haben, weil die Kirche ihre Herkunft von Gott hat. Obwohl alle Theologen wissen, ohne es allerdings den Gläubigen deutlich zu sagen, dass Jesus niemals eine Kirche gründen wollte, schon gar nicht eine katholische Kirche, wie sie sich heute darstellt. Nach der veröffentlichten Lehrmeinung des „Heiligen Stuhls“ ist die Kirche unzweideutig von Jesus gegründet worden und somit ist alles, was die Kirche tut, auch von Gott getan und deshalb aus sich heraus eindeutig begründbar. Dabei scheint es für den Klerus unerheblich, ob nun diesbezügliche Aussagen von Jesus in der Bibel oder in anderen historischen Quellen zu finden sind oder nicht! Wie man es auch dreht und wendet, das Ganze bleibt auch nach den Erläuterungen im Katechismus ein einziges „Mysterium“. Dass es wirklich Gott sein soll, der in und durch die Sakramente handelt oder dass Gott in den Sakramenten durch den Empfänger, so die Theologie, erfahren wird, das »ist nicht vom Glauben losgelöst beweisbar …«130. Die sieben Sakramente der katholischen Kirche sind eindeutig das Ergebnis einer kirchengeschichtlichen Entwicklung. 128 Vgl. hierzu: Hans Küng, Das Christentum, a. a. O., Seite 560. 129 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 221. 130 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 191. Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … 128 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Trotz alledem, die Kirche muss an diesem Theologiegebäude festhalten und muss konsequenterweise im Katechismus für den Gläubigen, der übrigens nach den Beschreibungen „unseres“ Papstes Benedikt XVI in Glaubensfragen eine „einfache“ Person ist, Erklärungen für die sieben Sakramente finden und auch Begründungen für deren Empfang ausformulieren. Es sei schließlich nicht die Aufgabe der Priester, die Erkenntnisse der Hochschultheologen zu predigen, sondern es sei nach dem ehemaligen Papst Benedikt XVI die »Aufgabe der Bischöfe und Priester den Glauben … der kleinen Leute vor dem Einfluss von Intellektuellen zu bewahren …«131. Der ehemalige Professor sagt hier wenigstens einmal deutlich, was er von den gläubigen Christenmenschen hält. Und so redet der Katechismus der Kirche weiter von den Sakramenten als den Meisterwerken Gottes. Auch ohne den biblischen Nachweis oder den sogenannten Traditionsbeweis habe die Kirche im Laufe der Jahrhunderte »dieses von Christus erhaltene kostbare Vermächtnis erkannt … und dann deren Ausspendung näher bestimmt …«. Die Wirkung und Wirksamkeit dieser Sakramente wird in den höchsten Tönen im Katechismus beschrieben und als ein „Mysterium des Lebens Jesu“ gepriesen. Die Sakramente seien »hingeordnet auf die Heiligung des Menschen«, sie verliehen die Gnade, »sie sind wirksam, denn in ihnen ist Christus selbst am Werk …«132. Je ausladender die Argumente im Katechismus vorgetragen werden, umso deutlicher sind Zweifel angebracht, an den geradezu mystischen Darlegungen zur Sakramentenlehre. Je häufiger die Umschreibungen des „Mysteriums Christi“ ausformuliert werden, je fundamentaler die Charakterisierungen der kirchlichen Lehrautorität angesprochen werden, umso skeptischer wird man, angesichts der vielfältigen Darlegungen und Erklärungen zur zukünftigen himmlischen Seligkeit. Man kommt ins Nachdenken, bei diesem theologischen Redestil. Es ist einfach zu viel Mystik im Spiel. Zu viele Zeichen der Gnade, zu viele geistliche Gaben, einfach zu viele Heiligungsvollmachten auf Seiten des Klerus. Die Sprache der Theologen, sie ist wohl doch nicht von dieser Welt. Sie scheinen häufig sitzen geblieben zu sein, die Amtsträger und die profes- 131 Auszüge aus einer Predigt von Kardinal Ratzinger (Papst Bendikt XVI) vom 31.12.1979 zum Entzug der „Missio Canonica“ für Hans Küng. 132 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 317 ff. 129 sionellen Theologen, in ihrem mystischen Gebäude. Seit hunderten von Jahren sind die Kleriker unbeweglich geblieben und längst noch nicht angekommen in dieser Welt, geschweige denn in unserem Jahrhundert. Doch wenn der Klerus einmal im Alltag des Christenmenschen angekommen ist, dann ist sofort die Rede von der Sündhaftigkeit des Menschen, von den Mächten der Finsternis, von der Androhung des ewigen Getrenntseins von Gott, von Bekenntnis, von Buße und Genugtuung. So wird wohl auch weiterhin die Einsetzung der Sakramente durch Christus von der Kirche propagiert werden und dies nach meiner Einschätzung vor allem in der genannten Hoffnung, dass die Unwissenheit und die Denkschwäche der Gläubigen oder gar das erhoffte mangelnde Interesse an den Glaubensgrundsätzen der Kirche größer ist, als die zwar mühsame aber mögliche Überprüfbarkeit kirchenhistorischer Tatbestände und dogmatischer Fundamente der katholischen Kirche. Wir wollen sie trotzdem näher betrachten, die Sakramente, die Realsymbole einer höheren Wirklichkeit und zu klären versuchen, wie die Lehre von der Einsetzung durch Jesus mit den historischen Erkenntnissen der Bibelwissenschaft und den aktuellen Forschungen der Theologie noch zu vermitteln ist. Denn beim heutigen modernen Menschen steht mit ziemlicher Sicherheit weniger die Sorge um das Leben nach dem Tode im Vordergrund, als vielmehr die Sorge um ein gelingendes Leben im Diesseits und dies vor allem angesichts der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Welt. Was mit Wasser so alles möglich ist … »Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen«. Wie Karl der Große das gemacht hat, die Sachsen vom christlichen Glauben zu überzeugen, sicherlich im Namen und mit dem Einverständnis der Kleriker der katholischen Kirche, das erinnert heute doch sehr an die Methoden des sogenannten „Islamischen Staates“ in den Konfliktgebieten des Nahen Ostens, der auch den Menschen den Kopf abgeschlagen hat, wenn sie nicht den Glauben an Allah annehmen wollten. In der Zeit um 782 nach Chr. erging es den Sachsen nicht viel besser, wie dem von Karl dem Großen erlassenen Gesetzestext „Capitulatio de partibus Saxoniae“ zu entnehmen ist. Hauptsache die Kirche hatte wie- WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 130 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … der Glieder in der „Gemeinschaft der Heiligen“ und die Taufe war ja der Eintritt in diese Heilsgemeinschaft. Ich will der heutigen katholischen Kirche ja nichts unterstellen und wir haben auch nicht mehr die Zeit Karls des Großen. Nähert man sich jedoch, wenn auch konstruktiv-kritisch, den Glaubensfundamenten der Sakramentenlehre der katholischen Kirche und studiert den Katechismus gründlich in seiner heute aktuellen Form, so kommt man nicht umhin, die dort gemachten Ausführungen und mystischen Darlegungen zum Sakrament der Taufe zu hinterfragen. Je weiter man liest und die Äußerungen in den Evangelien der Bibel mit einbezieht, umso stärker kommen Zweifel auf. Sucht man die Begründung für die Taufe der Christen und den Taufbefehl durch Jesus zunächst nicht im Katechismus, sondern in der Bibel, so findet man hier Aussagen im Wesentlichen auf der Grundlage des weit nach dem Tode Jesu geschriebenen Matthäusevangeliums, in dem es unter anderem heißt: »Gehet darum hin und machet alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes« (Mt 28,19). Gerade diese Passage in der Bibel, die ja auch zur Legitimation der Dreifaltigkeit herangezogen wird, sie ist nach der allgemein anerkannten historisch-kritischen Bibelforschung weder das authentische Wort Jesu noch eine Ausführung des Evangelisten Matthäus, sondern eine Formulierung, die zu einem viel späteren Zeitpunkt in das Evangelium „hineingeschummelt“ worden ist. Es ist historisch belegt, dass in den Anfängen des Christentums, also in der Zeit der Entstehung dieses Evangeliums, nur im Namen Christi, aber niemals im Namen einer Dreifaltigkeit gepredigt bzw. getauft worden ist. Auch findet sich in der Bibel kein Zitat von Jesus, in dem er zu einer Art Missionierung der Welt aufgerufen hat, sondern seine Aussagen bezogen sich immer nur auf das Volk Israel. Auch die Apostel, die ja selbst nicht getauft waren, tauften im Urchristentum nur im Namen Jesu. Dass die Taufe die Grundlage bzw. der Beginn eines christlichen Lebens in einer Kirche sein soll, leuchtet ein und muss nicht weiter kommentiert werden, auch wenn man die theologischen Formulierungen, die in der Dogmatikliteratur seitenweise ausführliche Begründungen für den Empfang dieses Sakramentes liefern, irgendwann nur noch überliest. Dies, weil sie weder den Tatbestand der Taufe sinnvoll begründen, noch ihn in der eigentümlichen Sprache der Theologie verständlich oder gar für den Suchenden interessant und nachvollziehbar machen. 131 Ich kann dem Leser beispielhaft solche theologischen Sprachkonstruktionen und Glaubensableitungen mit Bibelzitaten aus dem Katechismus nicht ersparen, denn nur so wird deutlich, was gemeint ist: »Dieses Sakrament … (ist) das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist« oder »… so werden sie (die Taufaspiranten) durch die Sakramente … immer tiefer in das Leben Gottes hineingenommen …«133. Die theologischen Kernaussagen der Kirche zum Sakrament der Taufe werden besonders deutlich, wenn man weiterliest: Dort steht, dass man nur durch die Taufe als ein Mitglied in die katholische Kirche aufgenommen werden kann und, was ganz wichtig ist, man wird dadurch von allen Sünden befreit, wobei die Betonung auf alle Sünden liegt. Das Dogma hierzu sagt es klar: »Die Taufe bewirkt die Nachlassung aller Sündenstrafen, sowohl der ewigen als auch der zeitlichen«. Wichtig ist die Aussage nach dem Katechismus, dass nämlich niemand ohne die Taufe in das Reich Gottes kommen kann. Begründet wird dies unter anderem mit einem Bibelzitat aus dem Johannesevangelium: »Ihr wisst aber, dass jener erschien, damit er die Sünden hinwegnehme, und Sünde ist nicht in ihm …«. Solche Worte des Johannesevangeliums sollen authentische Worte Jesu gewesen sein? Aufgeschrieben circa 70 Jahre nach seinem Tod. Was ist von einem solchen Text zu halten, der über drei Generationen hinweg mündlich überliefert worden ist und außerdem mit der Absicht formuliert wurde, der entstehenden Institution Kirche die notwendige Legitimation durch Jesus zu geben? Als Begründungen zum Sakrament der Taufe werden im Katechismus interessanterweise auch Ausführungen aus dem Alten Testament herangezogen. Zum Beispiel die Legende von der Arche Noah oder auch die biblische Geschichte des Durchgangs durch das Rote Meer. Diese Geschichten werden bereits als Vorzeichen des Heils der Menschen durch den Empfang der Taufe interpretiert. Eine unverständliche und eher gewagte These, die zudem jeder Grundlage entbehrt. Genauso ließe sich die Taufe mit Wasser in einer historischen Urerfahrung des Menschen- 133 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 341 f. WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 132 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … geschlechts begründen. Denn in der frühen Menschheitsgeschichte wurde das Wasser als lebensgefährlich oder auch als lebensspendend wahrgenommen, wenn man an den arabischen Raum mit seinen Wüsten und Oasen denkt oder auch an die lebenspendende Kraft des Nil für die Bevölkerung in Ägypten. Uralte Kulturen des afrikanischen Kontinents haben schon früh das Wasser für kultische Handlungen genutzt und ihm zum Teil Unsterblichkeitswirkungen zugeschrieben. Die Taufe ist sicher neben dem Abendmahl bzw. der Eucharistiefeier das Sakrament, welches sich aufgrund der Ausführungen in der Bibel, selbstverständlich nur, wenn man auch dran glaubt, noch am ehesten begründen lässt. Obwohl bei kritischer Betrachtung gleich die Frage aufkommt, warum Jesus selbst nie und niemanden getauft hat. Es wäre doch ein leichtes für ihn gewesen, nicht nur Fußwaschungen und Speisungen vorzunehmen, sondern auch zu taufen, um so den sündigen Aposteln den direkten Zugang zum Himmelreich zu ermöglichen. Zugegebenermaßen gibt es zur Taufe in der Bibel auch widersprüchliche Aussagen. Nach den Bibeltexten soll Jesus einmal getauft haben und dann doch wieder nicht. Im Johannesevangelium heißt es da an einer Stelle »Hierauf kam Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft von Judäa und hielt sich mit ihnen dort auf und taufte …« (Joh 3,22) und ein paar Zeilen später heißt es dann, »obwohl Jesus nicht selber taufte …« (Joh 4,2). Die Bibelforscher sind sich auch hier wieder einmal uneinig über die Interpretation dieser Textstellen, die sie sich selbst nicht erklären können. Wieder einmal wird deutlich, wie die Evangelisten die mündlich überlieferten Geschichten der Bibel zwischen 50 und 70 Jahren nach dem Tode Jesu zusammengetragen, erweitert und verklärt haben. Ich stelle mir in diesem Zusammenhang einmal vor, welche Beschreibungen des weltlichen Geschehens man von Zeitzeugen heute bekommen würde, wenn man nach den Ereignissen der Regierungszeit der Bundeskanzler Ludwig Erhard oder Georg Kiesinger fragen würde, ohne in den Archiven der Printmedien nachschlagen zu können, ohne Telefon und Wikipedia, ohne Facebook und ohne eine „Cloud“ … Irritieren muss einen zudem die Tatsache, dass sich Jesus selbst von Johannes dem Täufer, einem Propheten aus der Wüste, taufen ließ, obwohl es ja nach der Überzeugung der Kirche nicht sein kann, dass Jesus durch die Taufe von seinen Sünden befreit wird, da er ja als Gottes Sohn sicherlich nicht gesündigt haben kann. Die Verkündigung eines Gottes und das Gericht Gottes, welches nach den Aussagen unter anderem des Evangelisten Johannes nahe bevorstehen sollte und der Aufruf zur 133 Buße und Umkehr, das war das Thema des Propheten Johannes und damit verbunden die Taufe zur Vergebung der Sünden. Insoweit hat Jesus in Anlehnung an Johannes nach seiner Taufe ebenfalls das Nahen eines Reiches Gottes verkündet und auch zur notwendigen Umkehr des gesamten jüdischen Volkes aufgerufen. In den Anfängen der Kirche, etwa gegen Ende des ersten Jahrhunderts, war man sich darüber im Klaren, dass nur getauft werden kann, wer auch zum Glauben an den verkündeten Gott gefunden hatte, denn ohne den Glauben war die Taufe in Wahrheit wenig sinnvoll. Dies wird sicherlich auch heute noch so sein, aber wie wir schon beim Beispiel der Bekehrung der Sachsen gesehen haben, war zur Zeit Karls des Großen all dies nicht mehr wichtig, denn man unterstellte schon damals, dass der eigentliche Glauben als Folge der Taufe sich sicherlich noch einstellen würde. In der dogmatischen Literatur steigert man sich gar in eine sogenannte Verhältnisbestimmung, indem gesagt wird, dass »die Taufe den Glauben voraussetzt, andererseits der Glaube des Getauften von der Tauferfahrung (was immer das auch ist) und dem in der Taufe geschenkten Geist Gottes lebt«134. Was hier konstruiert wird, ist eine Geisterfahrung, die nur dazu dienen soll, die gesamte theologisch-dogmatische Konstruktion eines Lehrgebäudes aufrechtzuerhalten und vor dem sicheren Zusammenbruch zu bewahren. Denn hinter der durchgeführten Taufpraxis des Christentums steckt letztlich nichts anderes als der Glaube an die heidnische Vorstellung von der geheimnisvollen und reinigenden Kraft des Wassers. Daher bewirkt ein solcher Taufritus nicht mehr als die Aufnahme des Täuflings in eine vorgegebene kirchliche Institution. Schaut man weiter in der einschlägigen Literatur nach, so ist es schon erstaunlich, wie viele Spielarten von Taufspendungen in der Kirchenhistorie so vorgekommen sind. In den sogenannten Ostkirchen spendete man früher gar drei Sakramente gleichzeitig, indem man nach der Taufe die Firmung und unmittelbar danach auch die „Heilige Kommunion“ verabreichte. Es gab sogar in den ersten Jahrhunderten des Christentums die Praxis, dass man mit der Taufe bis zu seinem Lebensende wartete, um dann 134 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 234. WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … 134 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … nach der Sündenvergebung in der Taufe sicher in den Himmel zu kommen. Eine sehr praktische Variante. Da nach der Forschung in den Anfängen der Kirche die Erwachsenentaufe die am häufigsten praktizierte Form war, muss man sich natürlich auch fragen, wieso die Taufe von Kleinkindern, gar Säuglingen, heute die beinahe ausschließlich praktizierte Form der Taufe ist. Auch wenn man sich noch so viel Mühe gibt, so ist die Taufe von Kindern aus Textstellen der Bibel nicht nachzuweisen. In der Literatur formuliert man das dann so: »Aus der Heiligen Schrift lässt sich die Tatsache der Kindertaufe nicht mit voller Sicherheit, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit beweisen«135. Zur Taufe gehört aber doch ganz sicher der bewusste Eintritt in eine Glaubensgemeinschaft, der nur aus Überzeugung und glaubend vorgenommen werden kann. Trotzdem hat sich die Kinder-Taufe in der Kirchenpraxis durchgesetzt, obwohl dies bis heute in der theologischen Debatte durchaus strittig ist. Hier helfen wieder einmal die Ausführungen im aktuellen Katechismus, in dem tatsächlich formuliert wird: »Der Glaube, der zur Taufe erforderlich ist, muss nicht vollkommen und rein sein; es genügt ein Ansatz, der sich entwickeln soll«136. Wie so etwas gehen kann, die Entwicklung eines Ansatzes des Glaubens an die Kirche beim Kleinkind oder gar beim Säugling, es bleibt ein Rätsel. Die Sichtweise der Theologie wird klarer, wenn man in den theologischen Texten weiterliest, denn die Kirche fordert die Mithilfe der Eltern und Paten, so dass sich der Glaube auch nach der Taufe noch entwickeln kann. Trotzdem bleibt die Tatsache, dass mit der Taufe die angebliche Sündenvergebung geschieht und dass diese Sündenvergebung konsequenterweise nur in Verbindung mit einer Glaubensbereitschaft möglich ist. Wie will man eine solche Glaubensbereitschaft beim Kleinkind jedoch diagnostizieren? Die Kirche jedenfalls unterstellt diese Bereitschaft einfach. Mir scheint, hier spielt wohl das Geheimnis der zuvorkommenden Gnade Gottes und die den freien Willen des Menschen unterstützende und begleitende Gnade, was immer das auch ist, eine entscheidende Rolle. Der Mensch kommt jedoch nachweislich zum Glauben nicht durch eine Art ritueller Waschung, da man als Kleinkind ja noch gar nicht weiß, was so mit einem passiert. Wahrscheinlich spürt man auch nichts, außer die Temperatur des kalten Wassers aus dem Taufbecken. Man kommt 135 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 431. 136 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 349. 135 WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … bestenfalls zum Glauben durch die Sozialisation, will sagen, der Glaube bzw. die Überzeugung von Vater und Mutter, von Bruder und Schwester, Oma und Opa ist die Grundlage der sich entwickelnden Weltanschauung und nicht die dogmatische Vision, dass der Heilige Geist in der Taufe eine katholische Orientierung schon ermöglicht. Geht man der Sache weiter auf den Grund, so wird deutlich, welches Gedankengebäude die Kirche da gebaut hat, um die Taufe von Kleinkindern sinnvoll zu begründen und entsprechende Ängste bei den Eltern aufzubauen, damit schon frühzeitig die Aufnahme in die Gemeinschaft der Gläubigen erfolgen kann. Der Katechismus bringt es selbst ans Licht, und formuliert klar auf der Grundlage der Geschichten und Legenden des Alten Testamentes: Es ist der Sündenfall, die sogenannte Erbsünde oder, heute weniger dramatisch, die Ursünde, die nach Ansicht der Kirche notwendigerweise zur Kindertaufe führt. Man muss sich das einmal vorstellen, ein gerade geborenes Kind ist ohne sein Zutun schon mit der Erbsünde belastet und ist ohne diese Taufe zur Hölle verdammt. Man beruft sich hierbei unter den Theologen immer wieder auf das Konzil von Trient und zitiert zur Begründung einer Glaubenswahrheit bis heute Texte dieser Konzilsväter. »Die Wirkursache der Erbsünde ist die Sünde Adams … Die Bedingung für die Übertragung der Erbsünde auf alle Menschen … ist Kraft göttlicher Anordnung der natürliche Zeugungsakt«137. Die Kirche konzipiert in ihrer Dogmatik, wie wir bereits gesehen haben, erst die Erbsünde und liefert dann die Erlösung und Befreiung durch die Taufe und damit den Eintritt in ihre Gemeinschaft. In der Taufe mit dem entsprechenden Ritual wird dieser Eintritt dokumentiert und der Katechismus drückt es dann folgendermaßen aus: »Da die Kinder mit einer gefallenen und durch die Erbsünde befleckten Menschennatur zur Welt gekommen sind, bedürfen auch sie der Wiedergeburt in der Taufe, um von der Macht der Finsternis befreit und in das Reich der Freiheit der Kinder Gottes versetzt zu werden …«138. Es folgen im Text noch weitere Herleitungen, um die Taufe und die Aufnahme eines Menschen in die Kirche sicherzustellen. Im Notfall kann nicht nur der gläubige Christ, sondern jeder Mensch, egal welchen Glau- 137 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 136. 138 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 348. 136 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … bens oder welcher Weltanschauung, die Taufe spenden, er muss nur die, wie es heißt, notwendige Absicht haben und die Taufformel sprechen. Es wird im Katechismus sogar ausgeführt, dass auch dann Menschen getauft sind, obwohl sie nicht getauft sind, wenn sie nur wegen ihres Glaubens sterben. Man nennt das dann eine „Bluttaufe“. Und es geht noch weiter: Auch gelten Menschen dann als getauft im Sinne der Kirche, wenn anzunehmen ist, dass diese Menschen ausdrücklich die Taufe gewünscht hätten, falls ihnen die Notwendigkeit zum Heil bewusst gewesen wäre. Sogar der gültig Getaufte kann, auch wenn er außerhalb der katholischen Kirche getauft worden ist, Mitglied der von Christus gegründeten einen heiligen katholischen Kirche sein, sagt die Dogmatik. Ganz problematisch wird es erst, wenn eine gesundheitliche Situa tion eintritt, die ein Kind direkt nach der Geburt sterben lässt, ohne dass es die Taufe gespendet bekommen hat. Ich selbst kann mich noch gut erinnern, dass es einen abgelegenen Teil des katholischen Friedhofs unserer damaligen Gemeinde gab, in dem genau solche Kinder begraben lagen, die noch vor dem Segen der Kirche gestorben waren. Die Hölle war ihnen sicher, denn ohne dass der Exorzismus der Kirche gesprochen worden ist, gibt es kein Entrinnen. Die Formulierungen im aktuellen Katechismus sind nicht mehr ganz so undiplomatisch, jedoch nicht weniger deutlich und im Kern nicht anders. Hier heißt es jetzt: »Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, so kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen«139. Die Kirche hofft somit, wie es heißt, dass es für diese Kinder auch einen Heilsweg geben könnte. Dies ist eine geradezu menschenverachtende Dogmatik, die ungetauften Säuglingen bzw. Kleinkindern und deren gläubigen Angehörigen solche Glaubenswahrheiten auferlegt. Da durch die Taufe sämtliche Sünden erlassen werden, gilt dies nicht nur für die Erbsünde, für die man ja nichts kann, sondern auch für alle Sünden, die man je nach Alter und Lebenswandel des Täuflings bis zum Empfang begangen hat. Es bleibt danach nichts, was den gläubigen Täufling am Eintritt in das Himmelreich hindert. Und das Konzil von Trient formuliert hierzu: »Wenn jemand leugnet, dass durch die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die in der Taufe verliehen wird, der Schuldzustand der Erbsünde nachgelassen wird, oder auch 139 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 351. 137 WAs Mit WAsser so Alles Möglich ist … behauptet, dass nicht alles weggenommen wird, was den wahren und eigentlichen Charakter der Sünde an sich hat, … der sei ausgeschlossen«140. Leugnet man diese Wirkung der Taufe, dann ist man also ausgeschlossen aus der Mutter Kirche und ohne die Zugangsberechtigung zum Himmelreich. Eine weitere wichtige Ergänzung muss allerdings noch gemacht werden. Es verbleiben beim Gläubigen in seinem Leben auch nach dieser Absolution noch „gewisse“ zeitliche Folgen dieser Erbsünde. Diese Folgen sind nach der Lehre der Kirche: das Leiden, die Krankheiten, der Tod, die Gebrechen usw. und natürlich auch die Charakterschwäche, also die Neigung zur Sünde im Alltag, vor allem das, was als Konkupiszenz (sinnliche Begehrlichkeit) bezeichnet wird und „der Herd der Sünde“ genannt wird. Dummerweise bleibt somit die Mühsal des Erdenlebens wegen der sogenannten Apfelgeschichte, obwohl klar ist, dass es sich hierbei um eine märchenhafte Legende der Schreiber der Schöpfungsgeschichte in der Bibel handelt. Für den Gläubigen ist es tröstlich, zu wissen, wer einmal getauft ist, der behält für immer die Zugangsmöglichkeit zum Himmel. Trotzdem kann auch er durch sündhaftes Leben ohne ein weiteres Rettungspaket der Kirche, das heißt, ohne ein weiteres Sakrament empfangen zu haben, nach seinem Tode doch noch in den „Orkus“ fahren. Der Mensch ist dann nicht gerettet, wenn er es versäumt hat, zu Lebzeiten alle Möglichkeiten und Segnungen der Kirche zu nutzen. Denn nach der ersten Rettung durch die Taufe gibt es durch das Bußsakrament eine weitere Chance, um sich von den Sünden zu befreien, auch von den sogenannten „lässlichen“ Sünden, denn auch diese werden entsprechend dem Grad der „subjektiven Disposition“ des Glaubenden im Bußsakrament nachgelassen. Solche Privilegien müssen dann allerdings teuer erkauft werden, denn im Katechismus ist es eindeutig formuliert und die Kirche hält damit auch nicht hinter dem Berg: Wenn man zu einem Glied der Kirche geworden ist, dann »gehört der Getaufte nicht mehr sich selbst … Darum soll er sich in der Gemeinschaft der Kirche den anderen (sprich: der kirchlichen Hierarchie) unterordnen, ihnen dienen … den Vorstehern der Kirche gehorchen, sie anerkennen und hochschätzen …«141. 140 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 425. 141 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 352. 138 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Eine Frage stellt sich jetzt mit aller Klarheit, können wir eigentlich nach den beschriebenen Erkenntnissen dies alles noch wollen, was wir da sollen? Uns einer theologisch-dogmatischen und intellektuell fragwürdigen bzw. geradezu abenteuerlichen Gedankenkonstruktion unterwerfen, nur weil sie sich mehr als 1000 Jahre gehalten hat und angeblich der Heilige Geist bei der Abfassung auch im Spiel war? Die kirchliche Dogmatik ist ein von Menschen gebautes Gedankengebäude für die Strukturen einer Institution, das gekennzeichnet ist durch eine Mischung aus Angsterzeugung und Höllenfahrt. Ich muss es wiederholen, diese Theologie suggeriert den Menschen erst, dass sie eine Ursünde begangen haben und anschließend schafft die Kirche die Möglichkeit, durch privilegierte Personen bzw. Personengruppen im Zusammenspiel mit dem Geist Gottes den Menschen von dieser Ursünde zu befreien. Hinzu kommt, dass die Kirche auch weiterhin alle Mittel zur Verfügung stellt, damit der Gläubige die Gewissheit hat, dass nach dem Tode doch noch alles gut wird … Bei simpler intellektueller Durchdringung dieser theologischen Heilskonstruktion erscheint sie jedoch wenig glaubhaft, bei bestimmten Ausführungen sogar unmenschlich und in großen Teilen widersprüchlich. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies alles von dem allzu menschlichen Bedürfnis geprägt ist, als Institution Macht über andere Menschen zu erlangen, indem Urängste, bezogen auf die Endlichkeit des Menschen, erzeugt werden, obwohl auch die Kleriker nichts über das angebliche Leben nach dem Tode wissen, geschweige denn die Zeit, noch die Stunde … Die Angst, wegen des Bisses in eine Frikadelle am Freitag in die Hölle zu kommen … Es ist schon eine eigenartige Geschichte, die uns im Schöpfungsbericht der Bibel erzählt wird. Gott schuf Himmel und Erde »und er sah, dass alles gut war«. Doch dann geht er hin und schafft das Böse, auch wenn es nicht unbedingt eine Schlange war, so ist es doch von Gott geschaffen und dazu gedacht, die Menschen in Versuchung zu führen. Wenn vorher alles gut war, warum dann das? 139 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Es ist nur selten darüber nachgedacht worden, dass ein möglicher Gott selbst der Verursacher einer Sünde sein könnte. Doch bleibt die Frage offen, woher das Böse nun eigentlich kommt, denn der Begriff der Sünde findet sich interessanterweise nur bei den drei monotheistischen Religionen. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt dieser „Fehlentwicklung“. Die beiden Menschen fallen auch noch auf diese Versuchung herein und es gehen ihnen erst danach die Augen auf. Sie werden zur Sünde verführt und als Folge dieses „Sündenfalls“ ist nun das Leid, Tod und Verderben in der Welt. Die Vertreibung aus dem Paradies durch diesen Gott ist die logische Konsequenz und die Menschen sind jetzt darauf angewiesen, „den Ackerboden zu bearbeiten“. So wird aus einer einfachen Erzählung aus der Mythologie des Volkes Israel, das zwischen den beiden Hochkulturen am Nil und am Euphrat lebte, der wesentliche Anlass für den Fluch der Menschheit. Es sei gleich angemerkt, kein Theologe ist heute mehr der Meinung, dass es so etwas wie ein Paradies oder gar einen Sündenfall tatsächlich gegeben hat. Auch wenn man nicht an die aktuellen naturwissenschaftlichen Erklärungen einer Entstehung der Welt und an den „Urknall“ glaubt, aber an eine solche Geschichte zur Entstehung des Universums und zur Erklärung des Bösen in der Welt heute noch zu glauben, das muss schon schwerfallen. Für das jüdische Volk war es durchaus eine sinnvolle Erklärung, entsprechend ihrem Weltbild vor weit mehr als 3000 Jahren. Seit dieser Zeit ist die Menschheit nach den Vorstellungen des Christentums durch die „Auflehnung“ gegen Gott eine sündige Menschheit und dazu verurteilt, endlich zu sein, Krankheiten zu ertragen und den „Werken“ des Fleisches unterworfen zu sein. Irgendwann kann Gott es dann aber doch nicht mehr mit ansehen, dieser Schöpfer, der zwischendurch aus Zorn, nach den Aussagen des Alten Testamentes, fast alle Menschen ersaufen lässt und nur Noah mit Gattin und einigen Tieren das Leben lässt. Angesichts der verbleibenden Sündhaftigkeit der Menschen kann die „Sintflut“ doch nicht die Lösung sein. Was also tun, um auch langfristig die Menschheit vor der Sünde zu bewahren? Gott schickt seinen einzigen Sohn auf diese Erde, aber nicht nur das, er lässt ihn auch noch hinrichten. Nur noch durch den Tod seines eigenen Sohnes ist er zu besänftigen. Das alles erinnert doch sehr an die Menschenopfer alter Kulturen, die nur so ihre Götter zu besänftigen suchten. 140 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Und nun stelle man sich die Jünger dieses Gottes nach seinem Tod einmal vor, ihr Gott, hingerichtet wie ein Verbrecher. Das Häuflein Jünger und Jüngerinnen mit ein paar Getreuen sitzt da, ist verzweifelt und weiß nichts damit anzufangen, mit dem Tod ihres Gottes, der doch „das Reich“ in naher Zukunft versprochen hatte, mit allen Privilegien für sie und für die, die an ihn glaubten. Was sollen sie jetzt tun? Es ist nichts so gelaufen, wie es von Jesus prognostiziert worden ist. Der Tod Jesu wurde von seinen Anhängern zunächst nur als Schicksal eines Predigers oder gerechten Mannes verstanden und betrauert, also als unglückliches Geschehen beklagt. Da die Jünger die Texte des Alten Testamentes kannten, wovon wir mal ausgehen und Jesus selbst nichts Aufgeschriebenes hinterlassen hatte, entwickelte sich im Laufe des 1. Jahrhunderts in der jungen Kirche die Idee, den Tod Jesu mit der Schöpfungsgeschichte der jüdischen Schriften in Verbindung zu bringen. Wenn schon, dann war jetzt Jesus stellvertretend für alle Menschen gestorben, aber die entsprechende Wirkung seines Todes sollte nur für die gelten, die Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft wurden. Durch einen Taufvorgang, wie ihn Johannes der Täufer praktiziert hatte, konnte man Mitglied werden. So entwickelte sich die Idee einer Befreiung der Menschheit vom „Fehltritt“ der ersten Menschen durch die Taufe. Jetzt hatte der Tod Jesu doch noch einen Sinn bekommen. Wenn es allerdings notwendig war, dass sogar ein Gott für die Menschen sterben musste, dann musste die Sündhaftigkeit der Menschen weit tiefgreifender gesehen werden, als dies bis dahin der Fall war. Die Kleriker haben ihre Vorstellung von einer Sünde dann soweit überhöht, dass nur ein Gott am Kreuz diese Sünden tilgen konnte. Im Laufe der Ausbreitung des christlichen Glaubens und der Gründung der ersten christlichen Gemeinden entwickelte sich jedoch noch ein weiteres Problem. Obwohl von der Ursünde befreit und für den Himmel prädestiniert, stellten die Gemeinden fest, dass die Menschen nach wie vor sündigten, Gotteslästerung, Mord und Ehebruch betrieben und trotz dieser Befreiung kein allzu christliches Leben führten. Um dies aber trotzdem zu gewährleisten und die Gemeindemitglieder auf dem „rechten Pfad“ zu halten, musste man sich wieder etwas einfallen lassen. Eine »zweite Planke nach dem Schiffbruch« entwickeln, wie die Kirchenväter sagten. Nach der Taufe bildete sich nun ein weiteres System von Reue, Buße und Sündenvergebung heraus. Wesentliches Kriterium war hier nun die Einsicht, dass der Mensch ein notorischer Sünder ist. 141 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Es bleibt jedoch die völlig unsinnige Annahme, dass man aus einer natürlichen Konditionierung des Menschen zum Fehlverhalten den Grund für den Tod eines Gottes abgeleitet hat. Trotzdem entstand in der Kirche ein solcher Sündenbegriff als wesentliches Element der christlichen Dogmatik. Schon die ersten christlichen Theologen der frühen Kirche haben aus den Menschen gewohnheitsmäßige Sünder gemacht. Allerdings bleibt erst recht unverständlich, dass der Mensch einerseits als notorischer Sünder dargestellt wird und andererseits zu einem Ebenbild Gottes erklärt wird. Doch weil das alles nun so sein musste, stellte gleichzeitig diese Kirche exklusiv mit der Taufe als Befreiung und mit dem Sakrament der Buße/ Beichte als Sündenvergebung die „Hilfsmittel“ und Wege zur Verfügung, die notwendig sind, um trotz Sündhaftigkeit doch noch in das „Reich Gottes“ zu kommen. Nur mit den Gnadenmitteln der Kirche ist für die Menschen das Heil zu erlangen. Es ist schon eine geniale Idee, nur die Kirche besitzt die Gewalt, auf die jeder Mensch angewiesen ist, weil ja doch jeder gern im Leben ohne Leid sein will und nach dem Tod keine Höllenqualen erleiden möchte. Der katholische Katechismus schreibt dazu: »Das in der christlichen Initiation erhaltene neue Leben hat jedoch die Gebrechlichkeit und Schwäche der menschlichen Natur nicht behoben und auch nicht die Neigung zur Sünde, die sogenannte Konkubiszenz. Diese verbleibt in den Getauften, damit sie sich mit Hilfe der Gnade Christi im Kampf des christlichen Lebens bewähren«142. So entstand das sogenannte Herzstück der katholischen Dogmatik. Der immer sündige Mensch, der ohne sein Zutun, quasi automatisch durch die Geburt mit der Erbsünde vorbelastet ist und im Leben durch genetische Vorkonditionierung, bis auf wenige Ausnahmen, sündhaft bleibt und immer wieder rückfällig wird. Bei näherer Betrachtung der Inhalte des Katechismus wird augenfällig, dass die Sünde, das Wesen der Sünde, die Schwere der Sünde im Christentum allgegenwärtig ist. Immer wenn die katholische Theologie den Menschen in den Blick nimmt, ist die Sünde das beherrschende Thema. »Ein Verstoß gegen die Vernunft, eine Verfehlung gegen die wahre Liebe zu Gott, eine Beleidigung Gottes«143, all dies sind Formulierungen des Katechismus, die darüber hinwegtäuschen sollen, dass der „Sündenfall“ 142 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 389. 143 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 388 ff. 142 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … eine rätselhafte Geschichte, ein Mythos des Judentums ist und keinen realen Hintergrund hat. Bis zum heutigen Tage zieht die Kirche jedoch aus dieser, vor tausenden von Jahren entstandenen Erzählung reale Schlüsse, denn ohne diese Legende, ohne den Sündenfall und ohne seine automatische Übertragung auf die gesamte Menschheit gäbe es keine Notwendigkeit einer Erlösung. Ein Gott, der am Kreuz stirbt und dadurch die Menschheit erlöst, wäre also nicht notwendig gewesen. Soviel noch einmal zur Erbsünde. Sucht man in der Bibel angesichts der Unvollkommenheit des Menschen nach einem Hinweis zur Sündenvergebungsgewalt durch die Kirche, so wird man auch hier nicht fündig. Es gibt keine Formulierung im Neuen Testament, die nach der historischen Forschung eine Begründung für die Durchführung eines Bußsakramentes durch die Kirche liefert, die ein Sündenbekenntnis fordert und die irgendeinen Nachweis liefern könnte, der für die sogenannte „Binde- und Lösegewalt“ durch den katholischen Klerus spricht. Die angeblichen Worte zur „Schlüsselgewalt“ sind erst Jahre nach dem Tod Jesu durch den Evangelisten Matthäus in den Text eingefügt und Jesus „untergeschoben“ worden. Auch im Markusevangelium, das ja bekanntlich das älteste Evangelium ist, wurden vom Evangelisten fast vierzig Jahre nach dem Tod Jesu „Textergänzungen“ vorgenommen. Die Dogmatikliteratur der katholischen Kirche gibt es sogar zu: »(In die) Geschichte von der Heilung der Gelähmten durch Jesus … ist eine Sündenvergebungsgeschichte eingeflochten« worden. An einer weiteren Stelle wird eingeräumt, dass »die Sündenvergebungsgewalt … den Aposteln nicht als persönliches Charisma verliehen (wurde)«144. Die Bibelstellen im Johannesevangelium, in denen vom Nachlassen der Sünden die Rede ist, sind nach der historischen Bibelforschung nicht von Jesus gesprochen worden. Die Formulierungen im Katechismus: »Er (Jesus) hat Kraft seiner göttlichen Autorität den Menschen die Vollmacht gegeben, damit sie diese in seinem Namen ausüben«145, ist eher eine Vorstellung der damals entstehenden Kirche und schon gar nicht von Jesus geäußert. Es handelt sich auch hier wieder um das Werk der Theologen. Mit den vielen Fälschungen und den von Kirchenvätern nachträglich vorgenommenen unzähligen Ergänzungen im Neuen Testament wurde der gängigen Praxis und Lebenssituation in den sich entwickelnden Kir- 144 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 499. 145 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 393. 143 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … chengemeinden des ersten und zweiten Jahrhunderts nach Christus Rechnung getragen. Da Jesus ja keine Kirche gründen wollte, mussten seine Worte entsprechende Ergänzungen und Veränderungen erfahren, damit das Tun der Bischöfe, der Presbyter und der Diakone durch die angeblichen Worte Jesu eine von Gott gewollte Legitimation bekam. Keine authentische Bibelaussage Jesu legitimiert nach Kenntnis der aktuellen Bibelforschung die über Jahrhunderte entstandene Beicht- und Bußpraxis der katholischen Kirche. Die zu glaubenden Lehrsätze zur Sündenvergebungsgewalt sind entstanden auf der Basis der sich entwickelnden Klerushierarchie, einer Kirchenstruktur mit Priestern und Gläubigen, aber vor allem als Abgrenzung zu vielen Häretikern. Diese Dogmen wurde dann im Mittelalter zu einer Buß- und Ablassorgie aufgebläht, die nichts mehr mit dem Jesus der Bibel zu tun hatte. So entstand über die Jahrhunderte hinweg eine Kirche und ein Bußsakrament, bei dem die „Diener des Herrn“ Nachlass- und Vergebungsentscheidungen trafen und bis heute noch treffen, von Sünden lossprachen oder den Sünder „in die Hölle“ schickten. Die so entwickelte Bußdogmatik mit praktizierter Sündenvergebung, die der irdische Jesus nie gelehrt hatte, musste nach der Lehre der Kirche logischerweise auch Gott „die Hände binden“. Das einzige Konstrukt auf Erden, bei dem die Diener mehr zu sagen haben als ihr Herr. Ganz kurios wird es erst, wenn man der konkreten Ausprägung des so entwickelten Sakramentes weiter nachgeht und die heute praktizierte Praxis der Kirche einmal genauer unter die Lupe nimmt. Die frühen christlichen Gemeinden übten in den ersten Jahrhunderten eine Bußkultur aus, die den Ausschluss eines Gemeindemitgliedes vorsah, wenn er eine Todsünde begangen hatte. Todsünden waren damals Gotteslästerung, Mord und Ehebruch. Die Christen gingen davon aus, dass durch die Taufe, solange jemand Mitglied in der Gemeinde war, das „Reich Gottes“ nach dem Tode ganz sicher sei. Erst der Ausschluss eines Mitgliedes, der durch das Votum der ganzen Gemeinde bestimmt wurde, führte zur sicheren Fahrt in die Hölle. Für den Fall, dass ein ehemaliges Mitglied seine Sünden bereute, war eine einmalige Wiederaufnahme in die Gemeinde möglich. Dies allerdings erst nach einer der Tat angemessenen langen Bußphase in „Sack und Asche“. Erst nach entsprechender Reue und Ableistung der Buße war die Wiederaufnahme möglich. Diese alte Form der „Exkommunikation“, erst Reue, dann Auferlegung und Ableistung der Buße und danach die Wiederaufnahme, wurde nach und nach abgelöst, durch eine sogenannte „Privatbeichte“, die an- 144 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … geblich von irischen Mönchen eingeführt wurde. Diese Privatbeichte entwickelte sich zur bis heute praktizierten „Ohrenbeichte“ im Beichtstuhl. Der Charakter dieser Beichtform hatte zwei wesentliche Nachteile. Erstens ist es ein Zwiegespräch nur zwischen dem Priester und dem Sünder. Und zweitens, und das ist ganz entscheidend: Die Buße mit der Ableistung der Sündenstrafe erfolgt erst nach der schon vorgenommenen Sündenvergebung. Somit vollzieht sich die Lossprechung von den Sünden durch den Priester zuerst und dann erst die Ableistung der auferlegten Buße. Nun ist leicht nachvollziehbar, dass bei der so praktizierten Form von den Kirchenvätern auf Konzilien Beicht- und Bußvorschriften entwickelt werden mussten, die den Sünder verpflichten, nicht nur die Todsünden, sondern auch die sogenannten „lässlichen“ Sünden zu beichten. Die Kirche unterscheidet jetzt im Wesentlichen diese beiden Sündenarten, ohne jedoch präzise zu formulieren, wo denn die Grenze verläuft. Eine schwere Sünde »beraubt uns der Gemeinschaft mit Gott und macht uns dadurch zum ewigen Leben unfähig«146, so sagt es der Katechismus, eine lässliche Sünde wird begangen, wenn es sich nicht um eine „schwerwiegende“ Materie handelt oder gegen eine Vorschrift oder gegen ein Sittengesetz verstoßen wird. Was zum Beispiel schwerwiegend ist, soll in den Zehn Geboten der Bibel stehen, wird dagegen verstoßen, so ist die Verdammnis gewiss. Andererseits zieht jede Sünde, sagt die Lehre der Kirche, »eine schädliche Bindung an die Geschöpfe nach sich, was der Läuterung bedarf«147. Neben vielen anderen „Stolpersteinen“ ergaben sich bei dieser Bußpraxis weitere Probleme. Einmal musste exakter definiert werden, was Sünde beziehungsweise was schwere Sünde und was lässliche Sünde war und zum zweiten musste ein Strafkatalog entwickelt werden, der für eine Sünde auch eine angemessene Sündenstrafe festlegte. Sonst waren die Sünder den unterschiedlichen Vorstellungen der Priester ja schutzlos ausgeliefert. Die Kirche entwickelte also ein umfangreiches „Sündenregister“. Solche sogenannten „Beichtspiegel“ sind bis heute zu „besichtigen“, sie basieren unter anderem auf den Zehn Geboten des Alten Testamentes, die für eine aktuelle Sündenliste natürlich nur bedingt tauglich sind. Der alte Vorschriftenkatalog des jüdischen Volkes von vor über 3000 Jahren und die Sammlung der Gesetzestexte für die Juden sind si- 146 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 401. 147 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 401. 145 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … cher nicht sonderlich gut für ein heutiges Sündenverzeichnis als Grundlage geeignet. Was aber soll die Kirche tun? Will man die Konstruktion eines Beicht- und Bußsakramentes aufrechterhalten und die selbst entwickelte Legitimation der Vergebungsgewalt durch die Kirche stützen, so muss immer wieder deutlich gemacht werden, was Sünde ist, ohne hinter Aktualitäten herzulaufen. Die alten Definitionen von Todsünde und lässlicher Sünde lassen sich nicht mehr mit dem Blut Abels oder der Klage des unterdrückten Volkes in Ägypten glaubhaft erklären. Der aktuelle Katechismus der Kirche versucht es. Die schwere Sünde zerstört die Liebe, ist ein Verstoß gegen das Gesetz Gottes. Der Mensch wendet sich von Gott ab148. Auch dies ist nicht sehr hilfreich. Das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland ist da schon bedeutend präziser. Ist nun die Empfängnisverhütung, die Abtreibung, die Sterbehilfe, der Ehebruch heute eine Sünde, gar eine Todsünde? »Mich stört, dass Sexualität noch so häufig mit Sünde verbunden wird … wir sollten lieber über Sünde reden, wenn hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken«. Recht hat er, der Vorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm. Manchmal glaube ich, selbst der Papst in Rom hat erkannt, dass ein alter Sündenindex nicht mehr tragfähig ist. So hat Papst Franziskus im Mai 2016 in einer Morgenmesse formuliert: »Menschen zu einem Hungerlohn arbeiten zu lassen, um selbst daraus Profit zu ziehen, vom Blut dieser Menschen zu leben, das ist Todsünde«. Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, obwohl … was würden mir da eine Menge Leute einfallen, die alle in der „Hölle“ anzutreffen wären. Oder, man höre und staune, ein Zitat von Papst Franziskus aus dem Jahre 2016 bei einem Besuch in einer georgisch-orthodoxen Kirche: »Es gibt eine große Sünde gegen die ökumenische Bewegung: das Bekehren«. Diese Zitate geben Hoffnung, doch die Lehre der Kirche ist im Dogma verhaftet. Der Katechismus und die Gebetbücher für die Gläubigen listen „Gewissensspiegel“ auf, die für den geneigten Leser sicher spannend zu lesen sind. Interessanterweise müssen auch hier die Zehn Gebote nach wie vor als Übersicht herhalten, um eine mögliche Sünde im Beichtstuhl formulieren zu können. So stehen dort für die Gewissenserforschung beispielhaft Sätze wie: 148 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 388 ff. 146 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … • Gefährde ich meinen Glauben durch unkritische Lektüre glaubensfeindlicher Schriften? • Lasse ich mich treiben und von der sexuellen Begierde beherrschen? • Habe ich die voreheliche Keuschheit verletzt? • Habe ich das Leben anderer gefährdet z. B. durch Abtreibung?149 Die Liste ist „unendlich“ lang und es wird überdeutlich, welche menschlichen Handlungen und Unzulänglichkeiten der Klerus der Kirche als sündhaften und verwerflichen Tatbestand definiert und dies immer wieder mit dem Hinweis auf Gott, der ja angeblich all das als sündhaft bezeichnet haben soll. So führt für den Gläubigen die Tatsache, dass er in der Sünde verhaftet bleibt, wenn er nicht beichtet, zur Verurteilung vor Gott und letztendlich in das „ewige Verderben“. Auffällig sind immer wieder Hinweise zum 6. und zum 9. Gebot mit dezidierten Anweisungen, in welcher Weise der Gläubige sein Gewissen zu erforschen hat. Zum Beispiel solche: »Bei eigentlichen Sünden gegen die Keuschheit achte auf die Zahl und die erschwerenden Umstände«. Nicht vergessen werden darf die Tatsache, dass neben dem Sündenregister auf der Basis der Zehn Gebote noch die Weisungen der Kirche zu Buche schlagen. Hierzu gehört unter anderem die Aufforderung: »Verzichte auf Fleischspeisen und Genussmittel.. am Freitag …«150. Also ohne Not eine Frikadelle essen, zum Beispiel. Außerdem sind weitere sieben Hauptsünden formuliert, in denen es heißt: »War ich stolz, eitel, gefallsüchtig …«. Im Judentum wurde bekanntlich nach den Ausführungen der Bibel die Schuld des Sünders gesühnt, indem man Opfertiere käuflich erwarb oder lieferte und diese dann im Tempel als Sühneopfer geschlachtet wurden. Im Christentum gilt nun Jesus mit seinem Tod am Kreuz als Sühneopfer für die Verfehlungen der Menschheit. Mit der Vergebung der genannten und bereuten Sünden vor dem Priester ist man dank Jesus nun auch von seiner Sündenschuld befreit. Die Abarbeitung der Sündenstrafen, die durch den Priester als „Auflage“ definiert werden, erfolgt dann im Anschluss. 149 Vgl. hierzu: Gotteslob, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1975, Seite 118 ff. 150 Gotteslob, a. a. O., Seite 156. 147 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … Dieses Recht der Kleriker zur Festlegung einer Bußauflage, das durch keine Bibelstelle legitimiert ist, wird in der theologischen Literatur mit dem richterlichen Charakter der Sündenvergebungsgewalt begründet. Das definierte „Strafmaß“ hat sich natürlich im Laufe der Jahrhunderte verändert, geblieben ist aber nach wie vor, dass durch Gebete, Almosen, Messopfer, Ablässe oder „gute Werke“ die Buße abgeleistet werden kann. Nach Ableistung der Buße ist der Sünder wieder mit Gott versöhnt. Die Trennung von Gott durch die Sünde ist aufgehoben. Nicht durch eigene Kraft wird der Mensch also vor der „Finsternis“ gerettet, sondern nur durch die Gnade Gottes in Form seines „verlängerten Armes“, nämlich dem Personal der Kirche, das allein die Privilegien zur Sündenvergebung im Himmel und auf Erden besitzt. Welch eine Anmaßung. Dieses Machtpotential über Menschen, in Dogmen auf vielen Konzilien von Menschen festgelegt, häufig im Streit entwickelt, bisweilen mit Mord und Todschlag durchgesetzt, mit ständiger Wiederholbarkeit versehen, weil der Mensch ja immer wieder sündig wird und bis heute im Beichtstuhl nach wie vor als „Ohrenbeichte“ praktiziert. So konkretisiert es das Dogma: »Die Kirche hat von Christus die Gewalt empfangen, die nach der Taufe begangenen Sünden nachzulassen«. Obwohl heute für jeden Theologen unstrittig ist, dass in keinem Evangelium eine Vollmacht zur Sündenvergebung durch besondere Amtsträger formuliert ist, sagt ein weiteres Dogma, das für jeden Katholiken zu glauben ist, ganz klar: »Die Absolution bewirkt in Verbindung mit den Akten des Pönitenten (Sünders) die Sündenvergebung«. Was mit Akten des Pönitenten gemeint ist, drückt die Kirche unmissverständlich aus, dass nämlich nach der Vergebung der Sünden noch Strafen zu erleiden sind. Schafft es der Christ nicht, diese Sündenstrafen abzuarbeiten, bevor er stirbt oder stirbt er gar sündig, ohne Sündenvergebung durch die Kirche erlangt zu haben, was dann? Auch hierzu sind Antworten durch die kirchlichen Amtsträger gefunden worden. Was geschieht mit den „armen Seelen“, denn direkt zu Gott können sie sündig ja nicht kommen, sondern nur dann, wenn sie „rein“ 148 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … und gänzlich ohne Sünde sind. Bei einer schweren Sünde ist eh nichts zu machen, aber bei den „lässlichen“ Sünden müsste doch die Barmherzigkeit Gottes oder besser der irdische Klerus eine Möglichkeit schaffen können, die Sündenstrafe noch nach dem Tode zu reduzieren oder ganz beseitigen zu lassen. Natürlich fand auch hier die Kirche einen Weg. So entwickelte sie im Mittelalter die Idee eines „Reinigungsortes“, eines „Läuterungsortes“, eine Art „Vorhölle“, die umgangssprachlich auch als „Fegefeuer“ bezeichnet wird. Dies soll der Ort sein, an dem die Seelen, bevor sie zu Gott kommen, ihre Läuterung erfahren. Die „arme Seele“ ist also arm, weil sie noch durch das „Reinigungsfeuer“ muss. Wenn man sich seines Verstandes bedient, den man ja von Gott bekommen hat, so kann man eine solche Fegefeuerlehre nicht unwidersprochen lassen. Die theologische Literatur spricht immerzu von „zeitlichen Sündenstrafen“, die im Reinigungsort noch abgearbeitet werden müssen. Wie kann man nach dem Tode, ohne die Dimension der Zeit, noch eine Zeit an einem Reinigungsort verbringen? Nach dem heiligen Kirchenvater Augustinus erleiden manche Menschen sogar die zeitlichen Sündenstrafen bereits im irdischen Leben, sozusagen eine Art Fegefeuer auf Erden. Schaut man sich die leidende Bevölkerung in den Kriegsund Krisengebieten dieser Erde an, so dämmert einem, was Augustinus schon damals gemeint haben könnte. Man gerät ins Staunen, wenn man sich weiter in die Dogmatik der Kirche vertieft. Die lebenden Gläubigen können nach der Lehre der Kirche in jedem Fall durch Gebete, Almosen und „gute Werke“ die Sündenstrafen, also die Reinigung der „armen Seelen“ im Fegefeuer, abkürzen oder beschleunigen. Da die im Läuterungsort Sitzenden ja selbst nichts mehr für sich tun können, empfiehlt die Kirche den lebenden Gläubigen durch Bußwerke zugunsten der Verstorbenen eine Verkürzung der Läuterungszeit zu erwirken. Die Lebenden können sogar für die Lebenden eine Reduzierung der zeitlichen Sündenstrafen bei Gott erreichen, für den Fall, dass diese auch später einmal ins „Reinigungsfeuer“ müssen. Man kann es kaum glauben, aber die Lebenden können außerdem die, die als Heilige bei Gott sind, bitten, sie mögen bei Gott ein gutes Wort einlegen, damit für sie, die Lebenden wie die Toten, die mögliche Zeit im Fegefeuer verkürzt wird. Absonderlich ist außerdem die Geschichte mit dem „Kirchenschatz“. Bei diesem handelt es sich um eine Art Guthaben bei Gott, das Jesus 149 die Angst, Wegen des bisses in eine frikAdelle AM freitAg in die hölle zu koMMen … durch seinen Tod am Kreuz und die Heiligen aufgrund ihrer gottgefälligen Lebensweise erworben haben und aus dem nun die Kleriker der Kirche schöpfen können. Das heißt, die Kirche kann nach Gutsherrenart über diesen Schatz verfügen und den Verstorbenen im Fegefeuer wie den Lebenden je nach Anlass und Ereignis einen Teil des Schatzes zur Abgeltung ihrer Sündenstrafen zur Verfügung stellen. Zugegeben, der Begriff und die Vorstellung des Fegefeuers sollte nach der Enzyklika des Papstes aus dem Jahre 2007 nicht mehr verwendet werden, denn es dämmert mittlerweile auch dem Klerus, dass der Gedanke des „Brennens“ für den heutigen Gläubigen doch eher grauenvoll erscheint. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, ob dies nicht doch nur ein Etikettenschwindel ist, denn in der Enzyklika von Papst Benedikt XVI „Spe salvi“ ist die Rede von der »schmerzlichen Verwandlung wie durch Feuer hindurch …« und weiter, dass »die Dauer dieses Umbrennens nicht mit Zeitmaßen unserer Weltzeit (gemessen) werden kann …«. Zudem las ich im Focus 35/2016 die entlarvende Aussagen eines Prälaten, der die katholische Kirche in Fragen der Heiligsprechung berät: »Wir können nach der Lehre der Kirche den armen Seelen im Fegefeuer Ablässe zuwenden und auch unsere Gebete …«, also doch ein Etikettenschwindel. Der Klerus hat in den letzten Jahrhunderten keine neuen Erkenntnis erworben und offensichtlich nichts dazugelernt! Befremdlich ist in diesem Zusammenhang auch die Formulierung der Zuwendung von Ablässen. Man ist eigentümlich berührt, ob dieser Aussage. Glaubte man doch, dass diese mittelalterliche „Unsitte“, die unter anderem zur Teilung der Kirche und zu Krieg, Leid und Tod in Mitteleuropa geführt hat, überwunden sei. Doch weit gefehlt. Die Lehre der Kirche hat in ihrer Dogmatik nichts aufgegeben. Die Entwicklung des Ablasswesens beginnt schon im 11. Jahrhundert und wird bis heute in der Dogmatik immer wieder begründet mit der Schlüsselgewalt der Kirche. Trotz der nachweislich „untergeschobenen“ Textstelle im Matthäusevangelium bleibt die Kirche bei dem Dogma: »Die Kirche besitzt die Gewalt, Ablässe zu verleihen«. So vergibt der sogenannte Apostolische Stuhl auch weiterhin Ablässe, selbst für die „armen Seelen“ im Fegefeuer, wobei man jetzt die Wirkung freilich nicht mehr genau definiert. In der theologischen Literatur und nach der reinen Lehre unterscheidet man sogar je nach Umfang des Straferlasses den vollkommenden 150 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Ablass, also den Nachlass aller Sündenstrafen und den teilweisen Erlass der Sündenstrafen. Nur wenige Inhalte der Dogmatik sind der heutigen römischen Kurie so unangenehm, wie die Lehre vom Ablass. Es ist kaum vorzustellen und doch wird es wohl nach der Dogmatik so sein müssen, dass zum Beispiel Kaiser Konstantin, der römischer Kaiser zu Beginn des 4. Jahrhunderts nach Christus, der die bekannte positive Wende für das Christentum im damaligen römischen Reich einleitete, nach seinem Tode direkt ins Himmelreich eingezogen ist. Ein Mann, der Zeit seines Lebens neben dem christlichen Gott auch seine römischen Gottheiten im Blick hatte, der sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ und dem damit nach der Lehre der Kirche alle Sünden vergeben wurden. Ich will nicht über ihn richten, aber unverständlich ist es schon, wenn ein Mann kraft der Sündenvergebungsgewalt der Kirche „dort oben“ landet, obwohl er nach den Erkenntnissen der Historiker seinen Schwiegervater Maximian erhängen ließ, seine Schwäger Licinius und Basianus erwürgen ließ, den Prinzen Licinianus erschlagen hat, seinen Sohn Crispus umbringen und seine Gattin Fausta ersticken ließ. Wundern würde es mich aber auch nicht, wenn sie sich alle im Himmelreich treffen würden, die Massenmörder der Weltgeschichte, wie Hitler und Stalin. Schließlich hat zum Beispiel Stalin einige Jahre in einem Priesterseminar verbracht. Er wusste also um den Sündenbegriff seiner Kirche und auch um die Rettungs- und Absolutionsmöglichkeiten im Falle seines Todes. Warum sollte er diese Möglichkeiten nicht genutzt haben? Vielleicht ist er aber doch eher im Fegefeuer gelandet, denn wenn die zeitlichen Sündenstrafen nach der Absolution der Schwere der Schuld angemessen sein müssen, so konnte er wohl seine Schuld nicht mehr zu Lebzeiten abarbeiten. Auch werden wohl nach seinem Tode die Fürbitten der Gläubigen nicht genügen und der Gnadenschatz der Kirche nicht ausgereicht haben, um seinen Verbleib im Reinigungsort wesentlich zu verkürzen. Georg Lichtenberg drückt es in seinen Büchern sinngemäß so aus: Diejenigen, die erst die Vergebung von allen Sünden mit Hilfe von lateinischen Formeln erfunden haben, beteiligen sich dann maßgeblich an den größten Verbrechen der Menschheit151. Auch wenn man eine solche Aussage in dieser Schärfe nicht teilt, etwas dran ist schon … 151 Vgl. hierzu: Georg Lichtenberg, Sudelbücher, Matrix Verlag, 2. Auflage 2011, A39 ff. 151 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Wenn die Oblate am Gaumen klebt … Auf der Suche nach den Glaubensgrundsätzen zum Sakrament der Eucharistie macht sich zunächst Ratlosigkeit breit. Im katholischen Katechismus finden sich Formulierungen wie: »Wer durch die Taufe zur Würde des königlichen Priestertums erhoben (ist) … nimmt durch die Eucharistie am Opfer des Herrn teil« oder: »Unser Erlöser hat das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, damit dadurch das Opfer des Kreuzes … fortdauere und er so der Kirche, der geliebten Braut, das Gedächtnis seines Todes … anvertraue«152. Was soll man mit solchen Sätzen anfangen? In den höchsten Tönen wird das Sakrament gepriesen und als Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens bezeichnet. Die Superlative gehen den Autoren des Katechismus einfach nicht aus und der Inhalt wird zunehmend unverständlicher: »In der Eucharistie gipfelt das Handeln, durch das Gott die Welt in Christus heiligt«. Liest man weiter, so finden die Beschreibungen ihre Krönung in der Formulierung, dass »(die Eucharistiefeier) das ewige Leben vorweg (nimmt), in dem Gott alles in allen sein wird«153. Man ist ziemlich konsterniert, denn von der Vorwegnahme des ewigen Lebens ist, ehrlich gesagt, noch nichts bekannt geworden. Wenn der Glaube die Voraussetzung ist, um den Glauben an die Wirkung eines Sakraments nach den Aussagen der Kirche annehmen zu können, so haben wir wieder einmal das, was man einen Zirkelbeweis nennt. Oder anders ausgedrückt: Wir drehen uns im Kreis. Wie durchdringt man nun den Nebel von Lobpreisungen und stößt zum Kern der christlichen Glaubenssätze vor? Das „Eucharisticum Mysterium“ in der Messfeier muss doch irgendwo verständlich ausformuliert sein. Was passiert da, was nicht zu sehen, aber zu glauben ist? In der Dogmensammlung der katholischen Kirche, die jeder zu glauben hat, wird man fündig. Die dogmatischen Aussagen der Kirche sind eindeutig. Das Dogma lautet: »In der Eucharistie ist der Leib und das Blut Christi wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig«. 152 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 364. 153 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 364. 152 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Und weiter: »Christus wird im Altarsakrament durch Wandlung der ganzen Substanz des Brotes in seinen Leib und der ganzen Substanz des Weines in sein Blut gegenwärtig«. Aber die Oblaten sehen immer noch aus wie Oblaten und der Wein ist immer noch Wein. Nur wer glaubt, kann des Kaisers neue Kleider auch erkennen. »Dass die „Akzidenzien“ nicht verwandelt werden, beweist der Augenschein«154. Also, in der äußeren Wahrnehmung hat sich nichts geändert, nur der Glaube ermöglicht es, zu sehen. Solche Glaubenssätze, die seit über 800 Jahren in der Kirche Gültigkeit haben, sind immer noch gültig, bis in alle Ewigkeit und sie lassen das Volk Gottes verwirrt zurück. Der Katechismus sollte ja eigentlich Hilfestellung leisten, wenn es darum geht, dem Christenmenschen und allen Menschen „guten Willens“ die christliche Lehre besser auszulegen. Versuchen wir es daher weiter und suchen nach deutlicheren Auslegungen zum besseren Verständnis einer solchen Dogmatik und nach weiteren Erklärungen für ein Geschehen, das dem Christenmenschen doch so viel zumutet, nämlich den Verzicht darauf, selbstständig zu denken. Erwartet die Kirche wirklich von den Gläubigen die totale Aufgabe des Nachdenkens über das, was dieses Sakrament bedeuten soll? Das Studium der Aussagen des Katechismus zum Thema legt solche Überlegungen geradezu nahe. Was fängt der gläubige Christenmensch nur an mit diesen Dogmen und diesen Interpretationen der Kirche, die den Blick eher vernebeln als ihn aufzuhellen. Die Kirche versucht mit Schachtelsätzen und enormem Wortspektakel Aussagen zu erklären, die wohl nicht zu erklären, aber dafür zu glauben sind. Die Theologen legen mit dogmatischer Wortartistik und theologischen Finessen dar, was, deutlich formuliert, am Ende dann doch alle Erkenntnisse übersteigt, denn wie kann ich die Gabe der Eucharistie empfangen, wenn ich es nicht „erfassen“ kann. Auch die Erkenntnis der Autoren des Katechismus und sicherlich auch die Erkenntnis der Kirchenväter des 13. Jahrhunderts (Laterankonzil im Jahre 1215 nach Chr.) können doch nicht anders gewesen sein. 154 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 456. 153 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Vielleicht benötigt man ja deshalb so unverständliche Wortgebilde, weil man die Kompliziertheit der Materie nicht erläutern kann. Gilt nicht gerade hier das Zitat: Wenn man komplizierte Sachverhalte erläutern will, sollte man einfache Worte wählen? Oder liegt gar ein anderer Verdacht nahe? Wenn der Leser viel Zeit und Mühe benötigt, um einen Text zu verstehen, wie es sich der Autor auch wünscht, so entsteht leicht der Eindruck, als hätte der Schreiber mehr Tiefe und Verstand als der Leser. Dabei weiß jeder Studienrat am Gymnasium, dass nichts einfacher ist, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer ist, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen kann. Vielleicht hilft ja die Bibel weiter, wenn es darum geht, dem Verständnis des Sakraments der Eucharistie und den Intentionen der Kirche näher zu kommen. Nach den Aussagen der Bibel, soweit sie hierzu Aussagen macht, zieht Jesus mit seinem Gefolge nach Jerusalem, wohl um das Jahr 33 nach unserer Zeitrechnung, um das Pessach-Fest zu feiern, wie dies bei allen Juden in jener Zeit üblich war. Dies tat er vor allem, um bei dieser Gelegenheit seine Botschaft vom nahenden „Reich Gottes“ dem jüdischen Volk zu verkünden. Dieses Fest war für Juden eines der drei bedeutenden Wallfahrtsfeste, das an den Auszug des jüdischen Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens erinnern sollte, also der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Neben diesem Fest gab es nach der jüdischen Tradition noch das Erntefest (Schawnot) und im Herbst das sogenannte Laubhüttenfest (Sukkot). Schon im Babylonischen Exil (zwischen 586 und 539 vor Christus) wurde dieses Fest der Juden gefeiert und die rituellen Vorschriften zum Ablauf des Festes wurden in dieser Zeit auch festgelegt. Das eigentliche Fest beginnt mit einem üppigen Festmahl im Kreise der Familie am Abend vor dem Pessach, dem sogenannten „Sederabend“. Im Laufe dieses Abends werden die Speisen nach einem fest definierten Ablauf eingenommen. Es werden hierbei Zitate aus den Heiligen Schriften, der Thora, den schriftlichen Glaubensfundamenten des Judentums, vorgelesen, die unter anderem die Bedeutung der Speisen erläutern sollen. Zudem wird Wein getrunken, verbunden mit dem Gesang von Lob- und Dankesliedern. Das Schlachten von Tieren wurde zur Zeit der römischen Besatzung nicht mehr in den Häusern der Juden durchgeführt, sondern war nur noch im Vorhof des jüdischen Tempels erlaubt. Der Verzehr des Fleisches 154 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … mit Vorspeisen, Wein und Gesang wurde dann in den Häusern der jüdischen Bevölkerung vollzogen. Zur Zeit des Jesus von Nazareth war dies im Wesentlichen die praktizierte Form der festlichen Veranstaltungen am Vorabend des Pessach- Festes. Dieses Fest zu feiern, zieht Jesus nun als Prediger nach Jerusalem mit entsprechendem Gefolge. Die römischen Soldaten haben ihn und seine Jünger nach der Geschichtsschreibung nicht besonders wahrgenommen, zumal, wie in jedem Jahr, die Zahl der Pilger die Einwohnerzahl von Jerusalem damals (circa 40 000) bei Weitem überstieg. Die römischen Besatzer waren jedoch an diesen Festtagen besonders aufmerksam, da nach den Berichten des Historikers Josephus im Jahre vier vor Christus während eines Pessach-Festes das Militär einen jüdischen Aufstand niederschlagen musste. Man feierte an Pessach ja als unterdrücktes Volk die Befreiung vom Joch der Ägypter. Der römische Präfekt Pontius Pilatus, wegen seiner Grausamkeit zwei Jahre später als Präfekt durch Rom abberufen, war eigens zu diesen Festtagen in die Stadt gekommen, um die Festlichkeiten zu beobachten und eventuell schnell eingreifen zu können. Inmitten dieses Trubels legte sich Jesus noch vor dem Sederabend im Tempel mit den Geldwechslern und den Tierverkäufern an. Ein „Affront“ gegenüber den Priestern und Tempeldienern, die unter dem Schutz des römischen Präfekten standen. Jesus muss wohl geahnt haben, dass seine revolutionären Thesen vom nahen „Reich Gottes“ die römischen Besatzer auf den Plan rufen würde und dass die Provokation im Tempel als böser Anschlag auf das Heiligtum der Juden, dem größten sakralen Bau seiner Zeit, verstanden werden musste. Und nun sitzt dieser Jesus in einem gemieteten Raum eines Hauses mitten in Jerusalem mit seinen Jüngern und vollzieht wie jeder anständige Jude den Sederabend mit herbeigeschafften Speisen und Getränken. Die Jünger müssen ziemlich dumm dreingeschaut haben, als er beim Austeilen der Brote gesagt haben soll, »das ist mein Leib«. Dies, zumal er leibhaftig vor ihnen stand, und »das ist mein Blut«, obwohl die Jünger den Wein erst gerade in der Stadt organisiert hatten. Nimmt man diese Einsetzungsworte der Kirche, so wie sie im Sakrament der Eucharistie formuliert werden, so kann man ziemlich sicher sein, dass Jesus dies so nicht gesagt haben kann. Der profilierte Schweizer Theologe Hans Küng sagt hierzu: »Über das „ist“ in den Sätzen „das ist mein Leib, das ist mein Blut“ ist im Laufe der 155 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Kirchengeschichte immer wieder neu gestritten worden. Jesus selber hat es nach allem, was wir heute davon wissen, … überhaupt nicht gesprochen, zumal im Aramäischen (Jesus hat aramäisch gesprochen) die Copula (nach Duden: eine Sprachform, die das Subjekt und das Prädikat zu einer Aussage verbindet) nicht gebraucht wird«155. Der jüdische Religionsphilosoph Pinehas Lapide drückt es noch deutlicher aus, wenn er sagt: »Wie musste das beim letzten Abendmahl in den Ohren der Zwölf klingeln, wo es doch kein Wort für „ist“ auf aramäisch gibt«156. Jesus hat offensichtlich nichts anderes getan, als mit seinen Jüngern nach Aussagen von drei Evangelisten das traditionelle Fest der Juden als Pilger zu feiern und damit einen Brauch vollzogen, der typisch war für jeden Juden in dieser Zeit. Er hat die „Massa“ (ungesäuerte Brote) gegessen und Wein getrunken (nach dem Seder-Ritus sind es vier Becher Wein, die feierlich getrunken werden) und sicherlich bei seinen Gesprächen Bezug genommen auf das Fleisch und das Blut der Opfertiere bei der Schlachtung im Tempelvorhof. Wohl wissend um die Probleme mit der Besatzungsmacht und nach seinem Auftritt, der Provokation im Tempel, hat er sicherlich auch seinen möglichen Tod mit dem Brechen des Brotes und dem Trinken des Weins in Beziehung gebracht. Doch was bedeutet dies alles jetzt für das Sakrament, das die Kirche aus diesem „Sederabend“ gemacht hat? Die katholische Kirche begründet die Stiftung des Sakraments der Eucharistie, des sogenannten Abendmahls durch Jesus mit dem Sedermahl der Pilger an jenem Abend des Pessach-Festes und dies mit den „Einsetzungsworten“ Jesu, die es so nie gegeben hat. Der Katechismus der Kirche formuliert zu diesem Ereignis: »Der Anweisung des Herrn entsprechend führt die Kirche bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit zu seinem Gedächtnis das weiter, was er am Abend vor seinem Leiden getan hat …«157. Die Kirche führt also etwas weiter, was es nicht gegeben hat. Ja sie erweitert diese Aussage noch und sagt, dass durch »die Eucharistiefeier wir 155 Hans Küng, Die Kirche, Piper Verlag, München, 3. Auflage 1992, Seite 262. 156 Pinchas Lapide, Ist die Bibel richtig übersetzt?, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 5. Auflage 2015, Seite 141. 157 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 366. 156 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … uns schon jetzt mit der Liturgie des Himmels (vereinen) und das ewige Leben vorweg (nehmen)«. Starke Worte, die jeder Grundlage entbehren! Wie kommen Menschen dazu, zumal dann, wenn sie es besser wissen müssten, den Empfang der Eucharistie als Vorwegnahme des ewigen Lebens zu interpretieren und es als Glaubenswahrheit für alle Zeiten festzulegen? Auch der angebliche Auftrag, dieses Sedermahl wiederholt nachzuvollziehen, ist in der Bibel nur schwer zu finden. Er steht in drei von vier Evangelien überhaupt nicht Bei dem Evangelisten Lukas (Lk 22,17–20) ist dieser Auftrag nur formuliert für den Ritus des Brotbrechens (in älteren Handschriften von Lukas soll dieser Satz gänzlich fehlen). Die ersten christlichen Gemeinden, soviel wissen wir, vollzogen mit den Uraposteln, die Jesus noch gekannt hatten, kein sakramentales Mahl mit Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu, sondern praktizierten, wie zu Jesu Zeiten üblich, lediglich ein gemeinsames Essen zur Erinnerung an ihren „Meister“. Die Historiker legen sich fest: »Von der Lehre der Wesensverwandlung, wonach bei der „Wandlung“ aus Brot und Wein Leib und Blut Christi werden, … war in den ersten christlichen Jahrhunderten überhaupt nicht die Rede«158. Der Weg vom Sedermahl der ersten Jünger mit Jesus zum sakramentalen Mahl, zum Sakrament der Eucharistie mit der „Realgegenwart“ Jesu, dessen Leib und Blut wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig sein soll, ist schwer zu verstehen. Der Hauptbeweis soll nach den Lehrbüchern der Dogmatik in der Berichterstattung durch die Evangelisten liegen, die zwar sprachlich unterschiedlich formulieren, aber in der Sache angeblich einheitlich berichten. Bei dieser Argumentation wird jedoch bewusst unterschlagen, dass die Worte Jesu so nicht von ihm stammen können und der sogenannte Stiftungsbefehl für das Sakrament nur bei einem Evangelisten genannt wird. Zudem hat Jesus nie von einem „Heils ertrag“ seines Todes oder gar seiner Auferstehung gesprochen. Abgesehen davon war den Juden der Genuss von Blut aus religiösen Gründen strengstens verboten. Interessanterweise hat das Konzil von Trient dann im 16. Jahrhundert die Möglichkeit einer bildhaften Deutung der angeblichen Worte Jesu in der Bibel verworfen und die wörtliche Auslegung der Bibelformulierun- 158 Karheinz Deschner, Der gefälschte Glaube, Knesebeck Verlag, München 2004, Seite 133. 157 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … gen bei Paulus und dem Evangelisten Lukas für authentisch erklärt. Dies wohl in bewusster Abgrenzung zu den Reformatoren. Es kann wieder einmal nicht sein, was nicht sein darf, da sonst das komplette dogmatische Gebäude, der sogenannte Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens zusammenstürzt. Wie lässt sich eine solche „Uminterpretation“ und eine solche „sakramentale Überhöhung“ der Ereignisse in Jerusalem durch die katholische Kirche erklären? Vom Apostel Paulus wissen wir, dass er im Jahre 56 nach Chr. einen Brief an die Korinther schrieb (1 Kor. 11,24), in dem er ausführt, dass Jesus neben den „Einsetzungsworten“ gesagt haben soll: »Tut dies zu meinem Gedächtnis …«. Angeblich soll Paulus diese Formulierungen von Jesus empfangen haben, obwohl er Jesus überhaupt nicht kennengelernt hat und die Urapostel einschließlich Petrus mit der Urgemeinde in Jerusalem keine Form des sakramentalen Mahls praktizierten, ja es geradezu ablehnten. Aus diesem Brief des Paulus ist der Satz des Stiftungsbefehls dann in das später geschriebene Lukas-Evangelium übernommen worden. Wie Paulus zu diesen Ergänzungen der Worte Jesu kommt, ist leicht zu erklären. Er war das, was man heute einen Weltbürger nennen würde und er hatte die Vorstellung, die Lehren des Wanderpredigers Jesus über die Jerusalemer Urgemeinde hinaus in die damalige Welt tragen zu müssen. Er selbst war ja aufgewachsen im Umfeld der römischen Mysterienkulte. Dort kannte man Rituale, unter anderem im Mithraskult, wie das Untertauchen bei der Taufe, das Feiern mit Brot und Wein, Himmel und Hölle, eine Auferstehung von den Toten und vieles andere mehr. So ist es nur verständlich, dass die Vorstellungen von einem Abendmahl als volle Vereinigung mit Christus in die Lehren des Frühchristentums Eingang fanden. Nach der Historie gingen schon Dionysos und Mithras beim mystischen Mahl und beim Trinken des heiligen Weins „ganz in die Gotteswelt ein“. Auch hatte Paulus kein Problem damit, sich mit den Judenchristen in Jerusalem anzulegen, weil diese andere Vorstellungen entwickelt hatten. So setzte sich seine Sichtweise durch und schon rund 30 Jahre nach dem Tod Jesu verlor die jüdische Urgemeinde ihre bis dahin maßgebende Rolle. Mit der weiteren politischen Entwicklung in Judäa und Galiläa, den Aufständen in Jerusalem und dann der totalen Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Chr. verlor das Judenchristentum endgültig seine Bedeutung. Mit der Gründung von weiteren Gemeinden im gesamten Mit- 158 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … telmeerraum waren die Vorstellungen von Paulus und seinen Nachfolgern das tragende Fundament der entstehenden Kirche. Paulus selbst legte großen Wert auf die Durchsetzung seiner Vorstellungen vom Christentum und spricht deutlich in einem seiner Briefe: (1. Kor 11,17) »Bei folgender Anordnung weiß ich kein Lob für euch; denn eure Zusammenkünfte gereichen nicht zum Segen … Wenn ihr also gemeinsam zusammenkommt, so ist das nicht mehr ein Essen des Herrenmahls …« und dann weiter: »Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe …«. Und schon waren seine Vorstellungen über das, was Jesus gesagt haben soll, in der Welt: »In der Nacht, da er verraten wurde … nahm er das Brot, sagte Dank (und sprach) … das ist mein Leib …«. Für Paulus selbst war nach den Ausführungen der Geschichtsschreibung das Ritual der Verspeisung eines Gottes uralt und der Glaube an die Vereinigung mit ihm durch Essen und Trinken in der Religionsgeschichte hinlänglich bekannt. Übrigens, zu verraten gab es in der Nacht auch nichts! Die Besatzungsmacht und auch die Tempelpriester wussten genau, wo Jesus und seine Jünger sich aufhielten. Zu den Lebzeiten Jesu gab es auch keine „Silberlinge“, eine solche Währung war völlig unbekannt, wenn schon, dann gab es Denare, Drachmen oder Schekel. Auch hier ein fatales Beispiel wie Geschichten entstehen, die seit beinahe 2000 Jahren in der Welt sind und den jüdischen Bürger als geldgierig abstempeln, nur weil ein Jude namens Judas angeblich 30 Silberlinge für einen Verrat bekommen haben soll, der gar nicht stattgefunden hat. Die unseligen Folgen in der jüngsten deutschen Geschichte sind ein beredtes Zeugnis. Es wäre wohl besser für die gesamte Menschheit gewesen, zumal für die Deutschen, wenn Jesus ganz friedlich im Kreise seiner Jünger und seiner Familie gestorben wäre. Somit entspricht der in der Dogmatik-Literatur aufgeführte sogenannte biblische Beweis für die Worte Jesu an jenem Abend eher den Vorstellungen der Welt des Paulus als den tatsächlichen Aussagen Jesu. Ein solcher Beweis ist daher nichts wert. Auch die weiteren Zeugnisse der Tradition, die in der Literatur immer wieder beschrieben werden, sind völlig untauglich. Eine ganze Liste von Kirchenvätern ließe sich aufführen. Es ändert sich aber nichts am beschriebenen Tatbestand, zumal sich die Kirche bei ihrer weiteren Entwicklung im Römischen Reich entsprechend etablierte, sich Strukturen und Hierarchien verschaffte, sich mit den Mächtigen „ins Bett legte“ und selber weltliche Macht, Reichtum und Privilegien aneignete. 159 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … Es ist fast nichts mehr da, von den Vorstellungen des Wanderpredigers aus Judäa, der das Nahen des „Reiches Gottes“ dem jüdischen Volke verkünden wollte. Ein Mann, der wegen seiner revolutionären Thesen von den römischen Besatzern hingerichtet wurde, der als Prophet durch das Land gezogen war, um anschließend völlig umgedeutet zu werden. Ein Mann, der angeblich gestorben ist zur Aussöhnung mit Gott, als Opfer an einen Gott, der er selber ja ist, damit dieser Gott milde und gütig zu den Menschen ist. Ein solches „Opfer am Kreuz“ soll nun in der Eucharistie immer wieder nachvollzogen werden? Mit der Weiterentwicklung vom Sedermahl in Jerusalem zur durchstrukturierten Abfolge liturgischer Feierlichkeiten in der „Heiligen Messe“ in den nachfolgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Lehre und schließlich das Dogma von der sogenannten „Transsubstantiation“ (nach Duden: Die Verwandlung der Substanz von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi). Von dieser Wesensverwandlung, aus durchaus verständlichen Gründen unsichtbar, ist in den ersten christlichen Jahrhunderten an keiner Stelle die Rede. Erst mit dem Laterankonzil im Jahre 1215 durch den Papst Innozenz III wurde die Wesensverwandlung, vollzogen während des katholischen Gottesdienstes durch den Priester, zum Dogma und damit zu dem, was die katholischen Christenmenschen heute zu glauben haben. Und das Dogma lautet wörtlich: »In der Eucharistie ist der Leib und das Blut Christi wahrhaft, wirklich und wesenhaft gegenwärtig«. Seit dieser Zeit plagt sich die Geistlichkeit damit herum, diesen Glaubensunsinn als heilsnotwendig darzustellen und diese Torheit als Geheimnis des Glaubens zu präsentieren. Die Volksbibel formuliert als Interpretationshilfe für den Gläubigen: »Auf die Frage nach dem „wie“ der Wandlung von Brot und Wein und der persönlichen Gegenwart Jesu Christi unter den Gestalten von Brot und Wein verweisen wir auf die Allmacht Gottes«159. Hierzu schreibt der Katechismus in ähnlichem Wortlaut an entsprechender Stelle, dass »die Kraft der Worte (des Priesters) und des Handelns Christi und die Macht des Heiligen Geistes den Leib und das Blut 159 Gerhard Heyder, Volksbibel, Gerhard Heyder Verlag, Regensburg 1974, Seite 325. 160 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Christi … unter den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig (macht)«160. Und die Kirche fühlt sich durch die Beschreibung im Paulusbrief (1. Kor. 11, 24–25) verpflichtet, diesem Versprechen nachzukommen, das »der Herr am Abend vor seinem Leiden gegeben hat …«. Wenn kein gewichtigeres Argument durch die Bibelforschung mehr nachkommt, so kann man zumindest die Bibel offensichtlich nicht als Beweismittel anführen. Auf dem Konzil von Trient wurde als Dogma für die „Wandlungsworte“ auch festgehalten: »Die Gestalten von Brot und Wein bestehen nach der Substanzverwandlung fort«. Interessant ist hier, dass man sogar das, was man deutlich sieht, nämlich dass sich an der äußeren Gestalt nichts ändert, zum Dogma erklärt werden muss, nur um sich deutlich von den Reformatoren abzugrenzen, statt nach Gemeinsamkeiten zu suchen, die die Kirchenspaltung verhindert hätten. Man hat allerdings schon damals deutlich erkannt, dass dies alles für den Christen kaum nachzuvollziehen ist und so formulierten die Konzilsväter in Trient: »Die reale Gegenwart Christi in der Eucharistie ist ein Geheimnis des Glaubens«. Und da es ein Geheimnis ist, trichtert man bis zum heutigen Tage den Kindern vor der Erstkommunion ein, dass eben Dinge, die ein Geheimnis sind, nicht gewusst, sondern nur geglaubt werden können. Dabei ist es nur eine Oblate aus Weizenmehl, die nach nichts schmeckt, die man nur nüchtern zu sich nehmen darf, auf die man nicht beißen darf, die einem unangenehm am Gaumen klebt. Man traut sich nicht, als Kind, nach der Kommunion den Pastor zu fragen, wie sich das denn so verhält mit dem Leib Christi und dem Geschmack der Oblate. Man spürt einfach nichts von der Gnade des Herrn und dem Unterpfand künftiger Herrlichkeit. Übrigens, Leib und Blut Christi in Gestalt einer einzelnen Hostie, dies haben auch die Kirchenväter festgelegt und ihre Festlegung reicht wohl aus, doch vielleicht war ja wieder der Heilige Geist im Spiel. Das Repetitorium der Dogmatik spricht hier von der „Konkomitanz“ (also von der Tatsache, dass das Blut im Leib vorhanden sei). So hat man einem wissenschaftlichen Anspruch Genüge getan und der Theologie 160 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 372. 161 Wenn die oblAte AM gAuMen klebt … wieder eine Formulierung beschert, die zwar die Gläubigen nicht verstehen, die sich aber wissenschaftlich „anfühlt“. Die aktuelle Dogmatik versucht auch heute noch Erklärungs- und Rechtfertigungsgründe zu finden, um das Sakrament den Gläubigen, die scharenweise dem „Tisch des Herrn“ fernbleiben, nahezubringen. »Die menschliche Vernunft kann vor der göttlichen Offenbarung nicht ihre Tatsächlichkeit erkennen … (und) nicht … positiv beweisen. Die durch den Glauben erleuchtete Vernunft ist jedoch (dazu) imstande …«161, eine typische Formulierung der Theologen. Die Theologie versucht immer wieder zu erklären, dass das, was sie als Lehre verkündet, mit Vernunft nicht verstanden werden kann, sondern nur dadurch, dass man dran glaubt. Dann aber schon … Menschenwort soll von Menschen geglaubt werden, ohne dass es vernünftig erklärt werden kann, dies ist mehr als befremdlich. Und weil es so bizarr ist, noch ein Satz des alten Kirchenvaters Ambrosius: »Bevor die Worte des Priesters vollzogen werden, ist es Brot, sobald aber die Worte Christi hinzukommen, ist es der Leib Christi …«162. Wer es fassen kann, der fasse es! Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass kritische Theologen sich beginnen rhetorisch zu winden, und aktuelle Aussagen der Theologie beginnen mit neuen „Denkkategorien“ das für alle Ewigkeit gemeißelte Dogma aufzuweichen. Ich muss mal wieder den Schweizer Theologen zitieren: »Gewiss, Brot und Wein sind „Symbole“, aber wirklichkeitsgefüllte Symbole. Sie sind Zeichen, aber wirkkräftige …«. An einer anderen Stelle in den aktuellen Handbüchern heißt es: »Brot und Wein bleiben nicht nur Nahrungsmittel, sondern werden zu Realsymbolen …, Brot und Wein (verkörpern) die Gegenwart des Herrn …« und weiter, »dem veränderten Verstehenshorizont entsprechend versucht man, die eucharistische Wandlung vom Geschehenszusammenhang, vom Wandel des Beziehungsgefüges her zu interpretieren … Vor dem Hintergrund einer veränderten Denkform … spricht man statt von einem Substanzwandel von einem Bedeutungswandel …«163. Ist das wieder nur Wortgeklingel oder bewegt sich da was? Gelingt es der Kirche trotz dogmatischer Festlegungen eine Form zu finden, die 161 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 464. 162 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 285. 163 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 298. 162 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … eher den Anfängen des Christentums gerecht wird? Die gar die Lebenswirklichkeit der heutigen Christenmenschen mit einbezieht? Schaffen solche Überlegungen gar eine neue Basis für die ökumenische Verständigung? Denn so weit ist man dann von den anderen christlichen Kirchen ja doch nicht mehr entfernt. Die griechischen „Kirchenväter“ sprechen zum Beispiel von „Symbolen“ und von „Bildern“ im Zusammenhang mit der Wandlung von Brot und Wein. So richtig mag man nicht dran glauben, zumal, wenn man an die festgefügten und verkrusteten Strukturen einer Kirche der Kleriker denkt. Schlägt man noch einmal im aktuellen Katechismus nach, so wird man auch schnell eines Besseren belehrt: »Dass der wahre Leib und das wahre Blut Christi in diesem Sakrament seien, lässt sich nicht mit den Sinnen erfassen … sondern nur durch den Glauben, … zweifle nicht, ob das wahr sei«164, so Papst Paul VI. Wie man es auch dreht und wendet, es ist immer das gleiche Prinzip, was wieder und wieder zum Tragen kommt. Der Klerus der Kirche entwickelt im Laufe der Jahrhunderte ein theologisches Gedankengebäude zur Absicherung und Stabilisierung seiner eigenen Privilegien. Der einfache Christenmensch versteht das dogmatische Gebäude nicht mehr, so sehr er sich auch darum bemüht. Er kann nicht nachvollziehen, geschweige denn mit der Vernunft erfassen, was er glauben soll und die Theologen erklären mit sprachlich komplexen Redewendungen, mit Beschreibungen von Sachverhalten in Superlativen, was nicht zu erklären ist, sondern nur geglaubt werden kann. Solange der Heilige Geist nicht dabei hilft, wird es wohl nichts mehr werden mit dem Glauben, denn der blinde Gehorsam des Glaubenden existiert nicht mehr und die einstmalige Autorität einer Kirche schwindet für jedermann sichtbar dahin. Die Glaubensgrundsätze zum Sakrament der Eucharistie hinterlassen neben der Ratlosigkeit jedoch auch ein Staunen. Ein Staunen darüber, dass niemand zu interessieren scheint, ob und in welchem Umfang die noch zahlenden Mitglieder der Kirche diese Glaubensgrundsätze noch akzeptieren können. Vielleicht ist ja die Geschichte von einer Korrespondenz ganz erhellend, in der ein gläubiger Christenmensch seinen Bischof um Antwort bittet auf die Frage, ob er als Vegetarier denn zur Kommunion gehen dürfe … und dann doch keine schlüssige Antwort erhält. 164 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 379. 163 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Wenn der Bischof einem über die Wange streicht … Es ist nichts zu finden! So intensiv man im Neuen Testament auch sucht, zum Sakrament der Firmung gibt es keinen Hinweis, obwohl nach den Ausführungen des Katechismus der katholischen Kirche alle Sakramente ja von Jesus eingesetzt worden sind. Auch die theologische Literatur ist hier einmal ehrlich und konstatiert zum Problem eines biblischen Beweises: »Die Einsetzung der Firmung durch Christus lässt sich aus der Heiligen Schrift nur indirekt beweisen«. Oder an einer anderen Stelle: »Die Firmtheologie dagegen ist von einer gewissen Unsicherheit gekennzeichnet«165. Man muss sich also fragen, wieso praktiziert die Kirche dann ein solches Sakrament noch im beginnenden 21. Jahrhundert? Es muss wirklich gute Gründe geben, die ein solches Sakrament rechtfertigen. Zumal die Reformation dieses Sakrament als unbiblisch verworfen hat und es daher „zwischen“ den Kirchen steht. Zugegebenermaßen hat die evangelische Kirche mit der Konfirmation eine ähnliche rituelle Veranstaltung eingeführt, über deren Grundbedeutung auch innerhalb der evangelischen Kirchen kein Konsens besteht. Es kann aber doch nicht sein, dass die Kirchenväter unbedingt sieben Sakramente erreichen wollten und deshalb so etwas wie eine Ergänzung oder Erweiterung des Taufgeschehens entwickelt haben. So ganz von der Hand zu weisen ist dies nicht, denn die Zahl sieben hatte auch im Christentum eine besondere Bedeutung. Man denke nur an die sieben Gaben des Heiligen Geistes, an die wunderbare Brotvermehrung mit fünf Broten und zwei Fischen, an die sieben Wunder Jesu im Johannesevangelium oder an die sieben Posaunen von Jericho. Selbst Papst Gregor der Große hatte für den Katholizismus sieben Tugenden und sieben Laster formuliert. Auf der Suche nach guten Argumenten für ein solches Sakrament stößt man auf Thesen, die in der Kirchenhistorie begründet liegen und besagen, dass sich im Laufe der Kirchengeschichte ein Teil der symbolischen Handlungen, die man bei der Taufe vollzog, vom Taufritus abgelöst und dann verselbstständigt haben. Dies mag zwar ein Grund sein, rechtfertigt aber, auch bei genauer Betrachtung der Geschichte, noch nicht das Sakrament der Firmung. 165 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 433. 164 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Die Ausführungen in der Dogmatik und im Katechismus versuchen den Ritus der Handauflegung und der Salbung durch den Bischof mit einer nach der Taufe notwendigen zusätzlichen Anrufung des Heiligen Geistes zu begründen. Diese Begründung kann schon deswegen nicht überzeugen, weil doch beim Sakrament der Taufe der Heiligen Geist in vollem Umfang vorhanden war und es im Katechismus heißt: »Wer sich taufen lässt, erhält die Gabe des Heiligen Geistes«166. Sollte der Heilige Geist doch nicht vollständig dabei gewesen sein? Also warum bei der Firmung noch einmal die Handauflegung, um vielleicht die Gabe des heiligen Geistes auf eine bestimmte Weise zu erneuern? Zumal die Dogmatik-Literatur auch hier zugibt, dass »im Neuen Testament ein eigener, von der Taufe getrennter Ritus der Geistverleihung nicht zu erkennen ist«167. Trotzdem muss natürlich für den Katechismus respektive für den Gläubigen der Kirche eine biblische Begründung in der Heiligen Schrift für dieses Sakrament gesucht und auch gefunden werden. In der Apostelgeschichte finden sich zwei Stellen, auf die in der Dogmatik immer wieder Bezug genommen wird. In einer davon ist von Paulus die Rede, wie er Jüngern »die Hände auflegte (und) der Heilige Geist kam über sie und sie redeten in Zungen«(Apg 8,14 und Apg 19,6). Man ist immer wieder erstaunt über die Wunder, die selbst Aposteln gelingen, im Besonderen denen, die Jesus selbst nie gesehen haben und demzufolge nicht direkt autorisiert worden sind. Es ist die interessante Geschichte vom Apostel Paulus in Ephesus, der das Land durchwanderte und ihm dabei folgendes passierte: »Dort traf er einige Jünger und sagte zu ihnen: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“ Sie erwiderten ihm: „Wir haben ja nicht einmal gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt (geschweigen denn, ihn bei der Taufe wahrgenommen zu haben).“ Da fragte er sie: „Auf was hin seit ihr denn getauft worden?“ Sie antworteten: „Auf die Taufe des Johannes hin.“ Da sagte Paulus: „Johannes taufte … wobei er dem Volke sagte, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, das ist Jesu.“ Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus … und als er ihnen die Hände auflegte, kam der Heilige Geist über sie«. 166 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 340 ff. 167 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 260. 165 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Dieser Bibeltext produziert zwangsläufig mehr Fragen als Antworten. Taufte Johannes nach der Taufe Jesu weiter? Waren die so getauften Jünger dann Jünger Jesu? Oder welche Sekte war das? Bei der Taufe Jesu war doch der Heilige Geist auch anwesend, wieso bei den Jüngern des Johannes dann nicht mehr? Wenn es bereits Jünger waren, wessen Jünger? Warum taufte Paulus nochmal? Die Handauflegung hätte ja gereicht, schon wegen des Heiligen Geistes. Wieder eine Textstelle, die nicht nur Fragen, sondern auch viele Zweifel aufkommen lässt. Wenn dieser Text tatsächlich ein biblischer Beweis für das Sakrament der Firmung sein soll, dann beweist er ja doch nur, dass die Taufe mit der Handauflegung zum Empfang des Heiligen Geistes eine zusammenhängende und zusammenwirkende Handlung ist und keinen Beweis für ein weiteres Sakrament darstellt. Die sich bildenden Gemeinden im ersten und zweiten Jahrhundert haben nach dem Tode Jesu dies auch so gesehen und nach den Aussagen der Exegeten nur eine Veranstaltung praktiziert. Leider kann ich dem Leser an dieser Stelle eine Irritation nicht ersparen, denn es gibt nach den Aussagen der Bibel auch noch eine gegenteilige Position. An einer weiteren Stelle der Apostelgeschichte ist die Rede davon, dass in Samaria zwar getauft worden war, aber auf keinen der Gläubigen bisher der Heilige Geist herabgekommen sei. Könnte es vielleicht sein, dass es einen Unterschied macht, ob nur Juden oder Heiden und Juden getauft wurden und die Heiden einer besonderen Handauflegung durch die Apostel bedurften? Hier durfte ein Philippus zwar taufen, aber die Handauflegung und Geistanrufung war wohl den privilegierten Aposteln vorbehalten. Auch diese Textstelle lässt den Leser ratlos zurück und eröffnet wieder einen Fragenkatalog, zumal auch die Rede davon ist, dass Geld für die Handauflegung angeboten wurde, also eine Art von Bestechung für die Gabe des Heiligen Geistes, die allerdings abgelehnt wurde (Apg 8,14–19). Eine Begründung für das Firmsakrament sucht man nach wie vor vergebens, zumal zur Handauflegung zu einem späteren Zeitpunkt in der Kirchengeschichte noch eine Salbung hinzukam. Diese Salbung ist nach dem Katechismus »in der biblischen und antiken Bildersprache reich an Bedeutung … es ist Zeichen der Heilung … (und) macht schön, gesund und kräftig«168. Vielleicht kommt es ja auf die Art der Salbe an. Die Werbeindustrie hat diese Bibelstelle wohl noch nicht für sich entdeckt. 168 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 357. 166 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Es lässt sich somit nicht von der Hand weisen, dass die hierarchischen Strukturen der sich etablierenden Kirche, so wie sie sich im zweiten und dritten Jahrhundert entwickelten, den Bischöfen, Presbytern und Diakonen bestimmte Aufgaben zuordneten. Im Sinne einer Arbeitsteilung musste dies dann erledigt werden und es war das Vorrecht der Bischöfe, den Heiligen Geist in der Firmung anzurufen. Es gibt historische Quellen aus den Anfängen des dritten Jahrhunderts zum Beispiel durch den Bischof Hippolyt von Rom, in denen beschrieben wird, dass die Taufe durch den Diakon, die Salbung durch den Presbyter und die Handauflegung durch den Bischof erfolgte. Immer wieder tauchen in der theologischen Literatur die dogmatischen Formulierungen des Konzils von Trient (1545–1563) auf, in denen deutlich gemacht wird, dass im Gegensatz zu den antihierarchischen Tendenzen der damaligen Sektierer z. B. der Waldenser, der Hussiten … und im Gegensatz zur Lehre der orthodoxen Kirchen der einfache Priester nur in Ausnahmefällen das Sakrament spenden durfte. Das Dogma hierzu sagt: »Ordentlicher Spender der Firmung ist allein der Bischof«. Aber vielleicht gibt es ja doch noch ein anderes Argument, das eine Begründung für die Trennung von Taufe und Firmung liefern kann. Die Tatsache nämlich, dass zunehmend in der Kirche der ersten Jahrhunderte von der Erwachsenentaufe Abstand genommen wurde. Die Kindertaufe fand danach vermehrt Anwendung. Dies könnte ja dazu geführt haben, dass man aus Sicht der Dogmatiker zwar gute Gründe für die Kindertaufe ins Feld führen konnte, aber sich doch nicht ganz sicher war, ob dieses Sakrament zum Seelenheil wirklich ausreichte. Denn als Voraussetzung zur Taufe gehörte nach der Überzeugung der Kirchenväter sicherlich die bewusste Annahme des Glaubens. Dies konnte vom Säugling kaum schlüssig angenommen werden. Somit war eigentlich die Taufe von Kleinkindern ein etwas fragwürdiges Unterfangen, das konsequenterweise einer „zweiten Auflage“ bedurfte, um mit einer gewissen Sicherheit im fortgeschrittenen Alter (zwischen 12 und 14 Jahren) den Glauben bezeugen zu können. In einem Alter, in dem angenommen werden kann, dass der Firmling den Glauben auch ernsthaft lebt und das Erreichen des „Vernunftgebrauchs“ (eine Formulierung aus dem Codex Iuris canonici) unterstellt werden kann. 167 Wenn der bischof eineM Über die WAnge streicht … Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Sakrament trotz aller theologischen Begründungen keine erklärbare Berechtigung hat, obwohl immer wieder betont wird, dass bei der Taufe die übernatürliche Wirkung des Heiligen Geistes vorhanden ist, dies aber nach der Dogmatik der Kirche in einer anderen Form als es bei der Firmung geschieht. Wie soll man das nachvollziehen können, wenn man weiter liest, dass bei der Taufe die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist und bei der Firmung die Vollendung des übernatürlichen Lebens durch den Heiligen Geist erfolgen soll. Oder noch besser an anderer Stelle, dafür aber umso unverständlicher, dass der Heilige Geist die übernatürliche Vereinigung der Seele mit Gott durch die Mitteilung des göttlichen Seins der Gnade bewirkt. Diese krampfhaften Versuche, durch eine unverständliche Sprache Wissenschaftlichkeit und Wissenshoheit zu signalisieren, ist hier schon deutlich erkennbar, an anderen Stellen wird die Sprache der wissenschaftlichen Dogmatik noch weitaus „undurchsichtiger“. Der gläubige Christ kommt nicht darum herum: Das geltende Recht der Kirche schreibt den Gläubigen den Empfang (der Firmung) vor. Unterlässt er diesen Empfang, so wird ihm im Katechismus deutlich gemacht, dass er „schwer sündhaft“ gehandelt hat. Tröstlich ist dann aber doch noch folgender Wortlaut, dass nach der Lehre der Kirche »die Firmung nicht … wie die Taufe zum Heil notwendig ist«169. Um die Firmung in jedem Fall zu garantieren, ermöglicht die Kirche zudem, ähnlich der Taufe, eine sogenannte „Begierdefirmung“, das heißt, hier empfängt jemand schon dann die Firmung, wenn er das Verlangen nach dem Sakrament hat. Die sogenannten Ostkirchen sind der Trennung von Taufe und Firmung nicht gefolgt und vollziehen im Rahmen der Taufe, entsprechend den Anfängen des Christentums, den kompletten Ritus mit Taufe und Firmung innerhalb einer kirchlichen Amtshandlung. Auch bei der Erwachsenentaufe werden in der katholischen Kirche die Taufe und die Firmung mit der Eucharistie in einem rituellen Vorgang vollzogen. Nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts beim Firmritus der „Ritterschlag“, ein „Backenstreich“ durch den Bischof, abgeschafft. Auch Formulierungen, die die Position 169 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 441. 168 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … des Bischofs zu sehr betonten, wurden geändert, damit die Bedeutung des bischöflichen Amtsträgers etwas zurücktritt. Dies alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es durch Jesus keine Einsetzung eines solchen Sakraments gab, selbst dann nicht, wenn man doch einmal der Bibel Glauben schenken möchte. Außerdem beweist die gesamte Kirchen- und Dogmengeschichte, dass nichts dran ist, an der Ausgießung des Heiligen Geistes, nicht mal bei den Amtsträgern, sondern dass es sich um ein reines Phantasieprodukt des menschlichen Geistes handelt. Es ist einfach nicht vorstellbar und natürlich auch nicht nachweisbar, dass die Kirchengeschichte solche Riten entwickelt hat, weil ein Heiliger Geist am Werke war. Einen solchen Nachweis muss aber nicht der erbringen, der behauptet, dass nichts zu finden ist, sondern der, der behauptet, dass die Handauflegung tatsächlich zu einer Geistverleihung führt. Doch der Heilige Geist wird den Klerikern diesen Gefallen nicht tun! Wenn die Brauchtumspflege den Glauben ersetzt … Da passierte doch im westfälischen Münster im Frühjahr 2016 etwas Ungeheuerliches. Ein katholischer Priester schmeißt die Brocken hin. Nicht weil es seine angeschlagene Gesundheit nicht mehr zugelassen hätte, er gar „ausgebrannt“ wäre, weil er die Gelder der Gemeinde nicht sachgerecht verwendet hätte oder weil er gar dem Gelübde der Keuschheit „erlegen“ wäre. Nein, er tat dies, weil er »Zeit seines Priesterlebens immer nur erlebt habe, dass die Kirche an Bedeutung in der Gesellschaft verliert … und inzwischen fehle ihm die Hoffnung, dass sich dies bis zu seinem Tode ändern könne«170. Er beschreibt das Beispiel eines Ehepaares, das die Trauung in der Kirche als Brauchtumspflege zwar wünschte, aber schon wenige Wochen nach der kirchlichen Trauung aus der Kirche ausgetreten sei. Wohl wissend um die Situation der Kirche wollten die Gläubigen heute nicht mehr am Glauben, aber an den alten Traditionen festhalten und der Klerus praktiziere die Traditionen nur noch, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollten. 170 Zitat aus dem Interview mit Thomas Frings in: „Der Spiegel“ 14/2016. 169 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … Die noch verbleibenden Gläubigen forderten zwar die geistlichen Feste und die Sakramente, sie bedeuteten ihnen aber nichts mehr. Viel besser kann man die heutige Situation der katholischen Kirche in unserer Gesellschaft nicht formulieren. Dieser Priester hat für sich die Konsequenzen gezogen. Er ist ins Kloster gegangen … und hat wohl auch ein Buch geschrieben … Doch die Amtskirche tauft weiter, vergibt weiterhin Sünden und traut weiter Brautpaare. Die Sakramente sind heute in der Tat schmückendes Beiwerk einer Familienfeier, lediglich ein Ritual, um der Veranstaltung einen würdigen Anstrich zu geben. Sie sind nur da, um einen weihevollen Rahmen zu haben, der das Fest aus dem Alltag hervorhebt. Was hatte denn der Priester für eine Vorstellung von seiner Berufung, was hatte er erwartet, angesichts der Tatsache, dass in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Bevölkerung der Glaube an die Institution Kirche verloren gegangen ist? Was soll denn ein Sakrament der Ehe den Gläubigen heute noch bedeuten? Was stellt sich die Kirche vor? Haben denn die Vorstellungen der Vertreter der Kirche noch etwas mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun? Das Sakrament der Ehe ist im Katechismus mit seinen Glaubensgrundlagen in einem typischen „Theologengeschwurbel“ beschrieben. Bei intensiver Betrachtung der Ausführungen bedarf es schon einer gehörigen Portion Durchhaltevermögen, um zumindest den beschriebenen Sachverhalt nachvollziehen zu können. Da steht unter anderem geschrieben, dass »die innige Gemeinschaft des Lebens und der Liebe in der Ehe vom Schöpfer begründet wurde … Gott selbst ist der Urheber der Ehe … Da Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat, wird ihre gegenseitige Liebe ein Bild der unverbrüchlichen, absoluten Liebe, mit der Gott den Menschen liebt«171. Man schüttelt den Kopf. Wie weit weg ist das denn von den Vorstellungen und Gefühlen eines Brautpaares. Wie konträr zur Lebenswirklichkeit der Menschen müssen einem solche Formulierungen der Theologie vorkommen. Höchst aufschlussreich wird es, wenn man weiterliest und konstatieren muss, dass die katholische Ehe im Katechismus der Kirche unter die „Herrschaft der Sünde“ gestellt wird. Da steht es wörtlich: »Die schöne Berufung von Mann und Frau, fruchtbar zu sein, sich zu vermeh- 171 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 431. 170 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ren und sich die Erde zu unterwerfen, wird durch die Schmerzen des Gebärens und durch die Mühe des Broterwerbs belastet«172. Wie bei allen dogmatischen Ausführungen in der Sakramentenlehre tritt auch hier wieder das Bild zutage, das geprägt ist von der sündigen Natur des Menschen und von den Strafen, die die Sünden der Menschen nach sich ziehen. Doch der Mensch ist besser als sein kirchlicher Ruf, aber die Kirche muss ihn schlecht reden, muss ihn sündig werden lassen auch und gerade wenn es um die Ehe und die Sexualität innerhalb und außerhalb der Ehe geht. Nur so kann sie ihre Dogmen und Vorstellungen von der Gnade und Unauflöslichkeit des Sakramentes der Ehe legitimieren. Eine Begründung für das Ehesakrament und seine heutige dogmatische Ausprägung in der katholischen Kirche sucht man in der Heiligen Schrift wieder mal vergebens. Trotzdem wird von der Theologie zur Rechtfertigung des Sakramentes immer wieder das Alte Testament und das Neue Testament zitiert. Dies, um einen handfesten biblischen Beweis für die Richtigkeit der eigenen Anschauungen zu finden. Im Alten Testament muss die Formulierung: »So schuf Gott den Menschen nach seinem Abbild … als Mann und Frau schuf er sie«, als Begründung für das Sakrament der Ehe herhalten. Die Ausführungen im Neuen Testament zur Verbindung zwischen Mann und Frau sind nach der Dogmatik der Kirche im Wesentlichen von den Evangelisten Markus und Matthäus ausformuliert worden. Sie sind stark geprägt vom Frauenbild des damaligen Judentums und der frühchristlichen Gemeinden. Die Frau galt damals als Besitz des Mannes und nach jüdischem Recht konnte der Mann niemals seine Ehe brechen, sondern nur die Frau. Der Evangelist Markus »verbietet den Eheleuten, einander zu verlassen«. Matthäus (Mt 5,31–32) hingegen »erlaubt, die Frau zu verstoßen, wenn ihr Unzucht vorgeworfen wird«. Beim Evangelisten Markus (Mk 10,10) ist gar von der Unauflöslichkeit der Ehe die Rede. Den Jüngern, die jüdischen Glaubens und überwiegend verheiratet waren, gingen bei diesem Thema nach den Ausführungen des Evangelisten die Worte von Jesus offenbar schon zu weit, denn sie entgegneten ihm: »Wenn die Sache von Mann und Frau so steht, ist es nicht gut zu heiraten«. Paulus hat in seinen Briefen, soweit sie Teil des Neuen Testaments geworden sind und als echt von der Bibelwissenschaft anerkannt sind, ein eher „düsteres“ Frauenbild gezeichnet. Unter dem Eindruck der zeitgenössischen Vorstellungen von der Rolle der Frau im östlichen Mittel- 172 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 433. 171 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … meerraum formulierte er Sätze wie: »Die Frauen seien ihren Männern Untertan … denn der Mann ist das Haupt der Frau«. Paulus war alles andere als ein Freund der Ehe und schon gar kein Freund des weiblichen Geschlechts. Die Ehe galt auch ihm eher als ein Mittel zur Vermeidung von Unzucht. Seine Worte können kein biblischer oder gar kirchlich gültiger Beweis für das Sakrament einer Ehe sein. Auch sein Vergleich der christlichen Ehe als Verbindung von Christus mit der Kirche, wie es später das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert besonders hervorhebt, ist nichts anderes als der untaugliche Versuch der Kirchenväter, die Ehe als Sakrament doch noch zu begründen. Selbst die Bibelstellen im Markusevangelium, in denen von der Unauflöslichkeit der Ehe die Rede ist, gelten als unsicher und nachträglich eingefügt. Auch dass Jesus die Praxis verwirft, die es nur dem Manne ermöglichte, seine Frau zu entlassen, ist kein Indiz für die Einführung eines Sakramentes. Die sogenannten Judenchristen wie die Heidenchristen hatten wegen der Naherwartung des Reiches Gottes noch zu Lebzeiten der Apostel andere Probleme, als sich mit den Vorstellungen des Paulus über die Verbindung von Mann und Frau Gedanken zu machen. Paulus predigte schon in der Mitte des 1. Jahrhunderts, was die Kirchenväter später auf die Spitze trieben. »Zur Vermeidung der Unzucht habe ein jeder seine Frau und eine jede ihren Mann«. Die rein monogam organisierte Familie war im Judentum zu Jesu Zeiten durchaus gebräuchlich, allerdings waren außereheliche Beziehungen des Mannes durchaus legal, während die Männer ihre Frauen bei „Unzucht“ verlassen konnten. Auch entwickelte der Apostel Paulus in seinem Brief für die Gemeinde in Korinth erste aufschlussreiche „Eheregeln“: »Entzieht euch einander nicht, … es sei denn aus Übereinkommen, … dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht versuche, wenn ihr nicht enthaltsam sein könnt«. Die Kirchenväter der ersten Jahrhunderte hatten bei der Ausformulierung ihrer Vorstellungen vom Zusammenleben der Geschlechter allerdings ein weiteres Problem. Die gegensätzlichen Strömungen in der antiken Welt brachten sie in Schwierigkeiten. Auf der einen Seite stand ein weitgehend freizügiger Gebrauch der Sexualität bei den Griechen und Römern und auf der anderen Seite stand das Ethos der Juden, ihrer Stoa, mit dem Ideal der Leidenschaftslosigkeit in der Ehe. Außerdem hatten die Väter die Schwierigkeit, die eigene hohe Wertschätzung der Ehe mit der entstehenden Hochschätzung der Jungfräulichkeit zu vereinba- 172 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ren. Insgesamt betrachteten sie die Ehe von Anfang an als eine religiöse Angelegenheit, ohne eine ausreichende biblische Begründung zu haben. »Die Ehelosen haben die Ehe fest im Griff. Sie verkündigen ihre Wahrheiten, sie predigen, je nach dem, den Gebrauch, den Missbrauch oder die Enthaltsamkeit«173. Blickt man von Anfang des 3. Jahrhunderts bis heute in die Kirchengeschichte, so ist diese Historie überwiegend gekennzeichnet durch eine Frauenfeindlichkeit, durch die Unterdrückung des Geschlechtstriebs, durch kirchliche Sexualvorschriften und die Erzeugung von Angst und Schuldgefühlen. Schon bei Paulus (1. Kor 11,3–9) und erst recht seit dem Kirchenvater Augustinus sind geschlechterfeindliche Formulierungen und Aussagen elementarer Bestandteil der Lehre der Kirche. Die Versuche, das sexuelle Leben der Menschen zu unterdrücken und zu reglementieren, ziehen sich durch alle Jahrhunderte. Der große Kirchenlehrer Augustinus formulierte im 5. Jahrhundert174: »Gut wird die Ehe durch die drei Güter: Nachkommenschaft, Treue und Sakrament«. Das Konzil von Trient verteidigte die Lehre von der Ehe als Sakrament, betonte aber auch, dass »es besser und seliger sei, in Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit zu bleiben«175. Somit waren die wesentlichen Kriterien für das Sakrament der Ehe in der Welt und sie waren Richtschnur der Kirche für alle folgenden Jahrhunderte. Zudem vertrat Augustinus ja auch die Auffassung, dass durch die Lust beim Zeugungsakt das Kind automatisch mit der Erbsünde befleckt würde. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts legten Theologen die ersten Definitionen für die Sakramentenlehre der Kirche vor. Sie waren sich zu Anfang bei der Ehe jedoch unsicher, ob sie als ein wirkliches Sakrament anzusehen ist. Trotzdem nahmen sie die Ehe in ihre Liste der Sakramente auf, sprachen diesem Sakrament aber keine „Gnadenwirkung“ zu. Seit dieser Zeit gab es eine sogenannte Theologisierung der Ehe, und dies vor allem deshalb, weil die angeblich sexuellen Ausschweifungen der Christen nach den Vorstellungen der Kleriker nur durch ein Sakrament und die Verpflichtung zur lebenslangen monogamen Ehe kontrolliert und, so war die Hoffnung, auch eingedämmt werden konnten. 173 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, Tectum Verlag, Marburg 2015, Seite 76. 174 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 367. 175 Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, Band 2, a. a. O., Seite 370. 173 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … Die Kirchenväter formulierten deshalb in ihrer Theologie auch als Glaubensgrundsatz die angeblich von Christus eingesetzte Unauflöslichkeit der Ehe. Die Kleriker glaubten ernsthaft, dass das christliche Leben mit Gebet und das eheliche Leben mit möglicher Lustempfindung unvereinbare Gegensätze sind und hielten deshalb die Anwesenheit des Heiligen Geistes in der Seele der Eheleute zumindest für die Dauer des Geschlechtsverkehrs für undenkbar. Für sie selbst galt lange Zeit, man kann es nur wiederholen, die uralte Angst, dass ein Priester nachts den Körper einer Frau und in der Messe am Morgen den Leib Christi anfassen könne. Und was den Priestern ab dem 12. Jahrhundert selbst untersagt war, das sollten selbstverständlich die Gläubigen auch nur zu bestimmten Zeiten genießen dürfen. Die Historiker beschreiben es: »Untersagt war Geschlechtsverkehr an vielen Tagen des Jahres, so auch an Sonn- und Feiertagen, an Bußund Bitttagen, vor allem vor Ostern und Pfingsten, während der Fastenzeit, während der Adventszeit, vor der Kommunion, mitunter auch danach, während der Schwangerschaft und der Menstruation …«176. Also fast Zweidrittel des Jahres. Nur an wenigen Tagen im Jahr, nur zur Zeugung von Nachkommen, ohne Erregung und so schnell und lustlos wie möglich, das war die Devise. So wurden nicht nur im Mittelalter, sondern bis in die heutige Zeit die Fragen der Sexualität und die Sexualpraktiken der Gläubigen innerhalb einer Ehe und außerhalb der Ehe zu einer Art „Hauptbetätigungsfeld“ der geistlichen Vertreter der Kirche. Die Reformatoren bestritten heftig die Vorstellungen der damaligen katholischen Kirche, dass die Ehe ein Sakrament sei. Nach ihren Aussagen ließen sich in der Bibel keine Worte von Jesus finden, die ein solches Sakrament begründen könnten. Gezielt gegen die Vertreter der Reformation setzte dann das Konzil von Trient, natürlich immer mit Hilfe des Heiligen Geistes, die gegenteilige dogmatische Aussage: »Wer sagt, dass die Ehe nicht wahrhaft und eigentlich eines der sieben Sakramente sei, … das von Christus dem Herrn eingesetzt wurde, sondern es sei von Menschen in der Kirche erfunden worden, … der sei ausgeschlossen«. 176 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, a. a. O., Seite 82. 174 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Wer also die Bibel richtig gelesen hatte und dies waren zur damaligen Zeit noch nicht sehr viele, wer also feststellen musste, dass Jesus an keiner Stelle im Evangelium ein solches Sakrament eingesetzt hatte, der war ab dem 16. Jahrhundert aus der katholischen Kirche verbannt. Alle Formulierungen und Aussagen zum Thema Ehe als Sakrament stammen überwiegend von Paulus, dem Apostel, der aus eigenem Antrieb Vorstellungen über den damals entstehenden Glauben einer Kirche entwickelte. Wider besseres Wissen legte das Konzil von Trient die sieben Sakramente einschließlich der Ehe als Lehraussage der Kirche fest, ohne allerdings selbst so richtig überzeugt zu sein. Es ging den Kirchenvätern ausschließlich darum, den Aussagen der Reformatoren ein nach ihrer Überzeugung katholisches Glaubensgerüst entgegenzusetzen, statt sich mit Luthers Ausführungen konstruktiv auseinanderzusetzen. So kam auch für dieses Dogma, wie eingangs aufgeführt, die Standardformulierung in die Welt und seine Gültigkeit ist bis heute festgeschrieben. »Die Ehe ist ein wahres und eigentliches, von Christus eingesetztes Sakrament«. »Die Ehe verleiht den Ehekontrahenten die heiligmachende Gnade«. Nebenbei bemerkt, eigentlich eine etwas eigenartige Formulierung, die da gebraucht wird, denn wenn es wahr ist, muss es dann zusätzlich noch „eigentlich“, also tatsächlich, wirklich, bzw. in Wahrheit zu Grunde liegend sein? Das Konzil von Trient erklärte in seinem Dekret über das Sakrament der Ehe, dass »das Eheband wegen Häresie, wegen Schwierigkeiten des Zusammenlebens oder wegen böswilliger Abwesenheit des Ehegatten nicht gelöst werden kann«. Auch könne das Eheband nicht gelöst werden wegen des Ehebruchs eines Ehegatten. Die Kirche gestaltet in der Folge dieses Sakrament dann noch weiter aus. Sie belegt es mit dem Merkmal der Unauflöslichkeit und begründet es vor allem mit der Erzeugung von Nachkommen. Das wichtigste Anliegen der Kirche war aber, und das lässt sich in vielen Schriftstücken bei den Kirchenvätern nachlesen, die Vermeidung der Unzucht, denn nur in der Ehe ließe sich die ungehemmte Lust der sexuellen Erregung vermeiden. Im Übrigen sei allerdings die Jungfräulichkeit doch das höhere Gut. Wer es partout nicht glauben wollte und wenn alle Verbote 175 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … nichts fruchteten, dann wurden Horrorgeschichten in Umlauf gebracht, so zum Beispiel die mögliche Zeugung von Kindern mit Behinderungen. Die Geistlichen wurden auch nicht müde, den Eheleuten zu erklären, dass allzu häufiger Geschlechtsverkehr zum frühen Altern, zum schnelleren Sterben und zum Zerfall der Gehirnzellen führen würde. Dies alles allerdings bei gleichzeitig eigenen Verfehlungen der geistlichen Herren nicht nur damals, sondern bis zum heutigen Tage. Es ist schon viel über die Verfehlungen des Klerus der katholischen Kirche geschrieben worden und man möchte es nicht auch noch sagen müssen, doch kommt man aktuell an den Nachrichten über den Missbrauch von Kindern durch Geistliche und beim Studium der Literatur auch nicht an der freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Klerus und der Prostitution vorbei. Schon im 8. Jahrhundert spricht der Bischof Bonifatius bereits von Geistlichen, »die sich vier, fünf, auch noch mehr Konkubinen nachts im Bette halten«177. Der Hexenwahn des 13. bis 18. Jahrhunderts mit Erniedrigung, Folter und Scheiterhaufen ist ein Höhepunkt der offiziellen Frauenfeindlichkeit einer machtbewussten „Männerkirche“. Die Geschichte der Kirche ist voll davon, von Mord und Totschlag, von Dämonenaustreibung und Angst, von Höllenqualen und Finsternis, von erzwungener Ehelosigkeit bis zur Verbrennung von Ketzern, von Sexualfeindlichkeit und Neidkomplexen, von Verdrängung und Doppelmoral. Man mag einfach nicht mehr weiterlesen … Auch aktuell werden die Schlagzeilen in den Medien nicht weniger. Was tun die geistlichen Herren, die bis zur metaphysischen Vereinigung mit Gott zu keinem wie auch immer gearteten sexuellen Kontakt kommen dürfen? Ihre Fehltritte geraten schnell in Vergessenheit, zum Beispiel die Meldung vom Januar 2016, in der von über 230 Missbrauchsopfern bei den Regensburger Domspatzen die Rede ist. Priester und Lehrer haben hier über Jahrzehnte hinweg mindestens 231 Kinder geschlagen, gequält und sexuell missbraucht. Oder man erinnere sich an die Ergebnisse der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie im Jahre 2018. Nach dieser Studie wurden im Zeitraum von 1946 bis zum Jahre 2014 insgesamt 3677 überwiegend männliche Kinder und Jugendliche Op- 177 Karlheinz Deschner und Horst Herrmann, Der Antikatechismus, a. a. O., Seite 86. 176 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … fer sexueller Vergehen durch Priester. 1670 Kleriker werden dieser Taten beschuldigt. Wie es scheint, gibt es wohl eine Art „Überbrückungsstrategie“ der Priester bis zur „finalen Vereinigung“ mit Gott. Ich bin mir heute nicht mehr so sicher, ob man angesichts dieses Ausmaßes noch von Einzelfällen sprechen kann. Das Monopol der Sündenvergebung und die Androhung von Hölle und Fegefeuer verschafft den Priestern die notwendige Macht über ihre Gläubigen, so dass sie bis heute glauben, Regeln nicht nur für das Verhalten der gläubigen „Schäfchen“ vor der Ehe, sondern auch für die Sexualpraktiken innerhalb der Ehe vorschreiben zu können. Kein Mensch kann mehr genau sagen, woher denn diese kirchlichen Vorstellungen und die frommen Ideen von der Lustlosigkeit und von der vorehelichen Enthaltsamkeit kommen. Die Aussagen Jesu in der Bibel geben keinen Anlass zu solchen Interpretationen durch die Kirche, dass nämlich jeder Geschlechtsverkehr, der nicht durch eine Ehe autorisiert wurde, für die Kirche eine Sünde der Unzucht ist, die Gott dann bestrafen wird. Die Ehe dient nach der Überzeugung der Kirche bis heute lediglich dazu, den „unwiderstehlichen“ Geschlechtstrieb auf legale Weise abzureagieren. Weshalb ein Ehepartner dem anderen, so formulieren es Theologen, »die Pflicht leisten soll«. Die Pastorale Konstitution der Kirche „Gaudium et spes“ zur Förderung der Würde der Ehe und Familie von Papst Paul VI bleibt bei den historisch gewachsenen Vorstellungen der Kirche: »Gott selbst ist Urheber der Ehe, … Egoismus, bloße Genusssucht und unerlaubte Praktiken« entweihen die Fruchtbarkeit der Ehe. Zum Wohle der Kinder formuliert die Konstitution die »unbedingte Treue der Gatten und fordert die unauflösliche Einheit«. Die Eigenart der Ehe sei die »Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft«. Beim Thema Fruchtbarkeit der Ehe formuliert sie gar, dass die Eheleute »nicht nach eigener Willkür vorgehen können, … sondern auf das Lehramt der Kirche« hören sollen. Und die Kirche begibt sich weiter, sozusagen zwischen die Ehepartner: »Wenn die Zahl der Kinder nicht vermehrt werden kann, … weil die Ehepartner durch mancherlei Lebensbedingungen der heutigen Zeit „eingeengt“ sind«, dann kann »die Treue als Ehegut in Gefahr geraten«. »Manche wagen es sogar, für solche Schwierigkeiten unsittliche Lösungen anzubieten, ja sie scheuen selbst vor Tötung nicht zurück«. Den Men- 177 Wenn die brAuchtuMspflege den glAuben ersetzt … schen sei die »Aufrechterhaltung des Lebens übertragen …und Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen«. Es sind »die dem ehelichen Leben eigenen Akte … in Würde zu gestalten … (und sie sollen) human vollzogen werden«. Auch wird in der katholischen Ehe der aufrichtige Wille zur »Tugend ehelicher Keuschheit« empfohlen und deutlich formuliert, dass den Kindern der Kirche es nicht erlaubt ist, »in der Geburtenregelung Wege zu beschreiten, die das Lehramt in Auslegung des göttlichen Gesetzes verwirft«178. Doch damit nicht genug, die Kirche gibt nicht nur vor, wie das Eheleben zu gestalten ist, sondern definiert auch Verhaltensweisen, wenn es mal schwierig wird oder wenn die Ehe in die Brüche geht. »Es gibt Situationen, in denen das eheliche Zusammenleben … praktisch unmöglich wird. In diesen Fällen gestattet die Kirche, dass sich die Gatten trennen … Die Ehe bleibt aber erhalten … sie sind nicht frei, eine neue Ehe zu schließen«. Die Kirche »kann keine neue Verbindung als gültig anerkennen … da dies den Gesetzen Gottes objektiv widerspricht«. Und für die, die eine neue Verbindung eingehen, hat die Kirche gleich mehrere Gebote und Verbote parat: »Solange (die neue Ehe) andauert … können die Ehepartner die Kommunion nicht empfangen«, bis heute nicht. Die Aussöhnung mit der Kirche kann nur gelingen (wohlgemerkt, die Aussöhnung mit der Kirche, von Gott ist hier nicht die Rede), wenn sie in der neuen Ehe ihre Scheidung bereuen, Buße tun und »sich verpflichten … in völliger Enthaltsamkeit zu leben«179. Da haben wir es wieder, die Ehelosen haben das Sexualleben der Gläubigen und die Ehe fest im Blick. Es scheint in der Kirche ausgemachte Sache zu sein, dass die Kleriker einen besonderen Auftrag haben. Sie haben alle Sakramente, aber im Besonderen das Sakrament der Ehe mit Verboten, Regeln und Sanktionen versehen, die dann dogmatisch abgesichert und bis ins Detail ausformuliert werden. Auch Fragen einer sogenannten Mischehe sind im Kirchenrecht geklärt, sie »bedarf, um erlaubt zu sein, der ausdrücklichen Erlaubnis der kirchlichen Autoritäten … und wird nur dann akzeptiert, wenn der katholische Glaube bewahrt … und die Taufe und Erziehung der Kinder im katholischen Glauben gesichert ist«180. Es stellt sich nun die Frage, warum ausgerechnet die Priester einer Kirche so viel über voreheliche, eheliche, außereheliche, uneheliche und 178 Vgl. hierzu: Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 431 ff. 179 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 442. 180 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 439. 178 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … nacheheliche Themen zu sagen wissen, wo sie doch selbst ehelos sind. Ich vermute einmal, dass dies so ist, gerade weil ihre Oberhirten ihnen das vor fast 1000 Jahren untersagt haben. Es gibt neben dem Neidkomplex, dass nämlich andere dürfen, was man selbst nicht darf, wahrscheinlich nur diese eine Erklärung. Durch die Aufstellung von Geboten, Regeln und Verpflichtungen, deren Berechtigung, wie wir gesehen haben, aus der Bibel fälschlich herausinterpretiert und dann dogmatisch festgelegt wurde, übt die Kirche Macht über die Menschen aus. Die Übertretung dieser Gebote führt automatisch zur Sünde und damit wieder zu allen Folgen dieser Sünde mit Höllenandrohungen und Fegefeuer. Jeder Sünder und jede Sünderin, ob verheiratet oder zölibatär, erlangt nach einer Tat durch die Gnadengaben der Kirche nach Reue und Buße die Absolution just von den Priestern, die die Verantwortung tragen für eine Verfehlung, die sie selbst als Gebot formuliert und in die Welt gesetzt haben. Diese Art kirchlicher Morallehre hat ihre Legitimation nicht durch die Autorität eines Gottes der Bibel, sondern nur durch die vermeintliche Autorität einer Kirche, an deren Auftrag kaum noch einer glaubt. Da lob ich mir doch die Verhaltensweisen und Normen von kirchlichen Mitarbeitern, die in weiten Teilen Lateinamerikas tätig sind. Hier gibt es vereinzelt Priester der katholischen Kirche, die etwa alle drei Jahre in abgelegene Andendörfer kommen, die die Beichte abnehmen, taufen und trauen. Sie trauen Paare, die schon längst in einer Naturehe zusammenleben und Kinder haben, zum Teil auch von anderen Partnern. Hier wird das Sakrament der Ehe zum Sakrament der nachträglichen Festigung einer augenblicklichen Paarbeziehung erklärt, so wie sie halt gerade existiert. Die Monopolisierung der lebenslangen, monogamen Ehe ist nach der Ansicht kritischer Theologen rein kirchenpolitisch bedingt und weniger die Folge … theologischen Denkens und schon gar nicht die Folge der Worte Jesu in der Bibel. Wie sagte doch neulich eine Tochter zu ihrer Mutter: „Mama, du lässt dich doch nicht scheiden, oder?“ „Scheiden“, sagt die Mutter, „ich bin eine gute Katholikin, Luisa, wir lassen uns nicht scheiden, wir lassen nur unsere Männer für alle Ewigkeit Höllenqualen erleiden“. Es hilft nichts, die Kirche kann Regeln aufstellen, Enzykliken schreiben, Dogmen festlegen, die dem Erhalt ihrer Machtstrukturen zumindest in der Vergangenheit gedient haben, sie sind zwar kirchenhistorisch 179 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … gewachsen, jedoch durch die Bibel nicht begründbar, geschlechterfeindlich, menschenverachtend und heute durch die Lebenswirklichkeit der Menschen längst überholt. Ohne die Bibel weiter zu bemühen, muss doch deutlich gesagt werden, die Reformatoren haben es damals richtig erkannt und die katholische Kirche hat ihrerseits eine Chance vertan. Die Ehe ist und bleibt ein zutiefst „privates Ding“. Und weil dies so ist, sollten katholische Priester, auch wenn sie selbst im Stande der Ehelosigkeit verbleiben wollen, ganz undogmatisch und ohne irgendwelche Vorbedingungen, zur Feier des Hochzeitstages auch in Münster ihren Segen geben können und sie sollten nicht die Brocken hinschmeißen, denn zu tun gäbe es für sie genug … Wenn die Wäsche im Hinterhof hängt … Papst Franziskus soll die Geschichte erzählt haben. Treffen sich zwei katholische Priester. Der eine Priester fragt: „Wird ein neues Konzil den Pflichtzölibat aufheben?“ Der andere: „Ich glaube, ja“. Der erste: „Jedenfalls werden wir das nicht mehr erleben, sondern höchstens unsere Kinder“. Es darf gelacht werden. Doch ist einem nicht wohl dabei zumute, wenn die Verpflichtung der katholischen Priester zum Zölibat und der damit verbundene hohe Anspruch an den Menschen durch die Priesterweihe am Ende doch bei vielen Priestern zu heimlichen sexuellen Beziehungen und/oder gar zur Vaterschaft führen. Es gibt aus verständlichen Gründen nur wenig Zahlenmaterial zu diesem Thema und die Dunkelziffer ist hoch. Vor allem deshalb, weil die Kirche ihren Pfarrern in einer solchen Situation häufig vorschlägt, sich nach der Vaterschaft von der Lebensgefährtin zu trennen. Die Priester können dann nämlich ihr Amt behalten, wenn die Verlogenheit auf die Spitze getrieben wird und Mutter und Kind aufgefordert werden, die Vaterschaft des Pastors zu verschweigen. Verschiedene Quellen schätzen allein in Deutschland die Zahl der sogenannten „Priesterkinder“ auf 2000 bis 3000. Sie alle haben meist keinen eingetragenen Vater in der Geburtsurkunde, sie bekommen in den seltensten Fällen Unterhalt von der Kirche und nur wenige Betroffene gehen mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. 180 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Es ist schon was dran, wenn der Volksmund sagt, dass bei den protestantischen Pfarrern die Wäsche im Vorgarten hängt, während sie bei den katholischen Priestern im Hinterhof hängt. Noch schlimmer wird es, wenn die Verpflichtung zur Keuschheit unter anderem zum Missbrauch an Kindern und jungen Erwachsenen führt. Immer dann, wenn die Medien wieder und wieder konkrete Fälle aufdecken und anprangern, beginnt eine neue Diskussion über den Sinn und die Infragestellung des Zölibats, auf die sich die katholische Kirche aber bis heute nicht einlässt. Das konservative Verständnis der Kirche vom Priesteramt ist nicht zu erschüttern. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, verschließt man die Augen. Obwohl der Priestermangel so eklatant ist und die Meldungen über „Verfehlungen“ des Personals der Kirche nicht abreißen, bleibt sie bei ihrem historisch gewachsenen und festgefügten dogmatischen Konstrukt eines geweihten Menschen, der angeblich als Mittler zwischen Gott und den Menschen notwendig ist und der nach der Priesterweihe über besondere Gaben verfügen soll. Wie hat denn das Bild eines katholischen Priesters nach den dogmatischen Vorgaben der Kirche nun auszusehen, welche Vorschriften macht die Kirche einem Menschen, der in ihren Dienst tritt? Was hat der katholische Christ hier zu glauben, und dies schon seit Jahrhunderten? Welches Verständnis vom Personal muss der Gläubige aufbringen, trotz der Skandale und Missbräuche, trotz der Verfehlungen ihrer Amtsträger? Die Dogmen formulieren es so: »Das Weihesakrament verleiht dem Empfänger heiligmachende Gnade«. »Das Weihesakrament verleiht dem Empfänger eine dauernde geistliche Gewalt«. Trotz der „heiligmachenden Gnade“, der Priesterberuf ist, Dogma hin oder her, nach den Vorfällen der Vergangenheit in Verruf geraten, und das nicht ohne Grund. Eigentlich sollte es dem Laien gleichgültig sein, wie die Kirche ihr Personal rekrutiert. Doch stellt sich gerade beim katholischen Priestertum die Kluft zwischen dem hohen Anspruch, ja der Berufung und der gelebten Wirklichkeit besonders widersprüchlich dar. Die Kluft zwischen den lehramtlichen Charakterisierungen eines Priesters und den Unzu- 181 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … länglichkeiten des Menschen ist so groß, dass die Suche nach einer Erklärung und nach Begründungen für ein so ausgestaltetes Sakrament durch das Studium der theologischen Literatur vielleicht etwas Klarheit bringen könnte. Dies natürlich nur für jemanden, der noch nicht ganz an dieser Kirche verzweifelt. Für den Außenstehenden spielt es ohnehin keine Rolle mehr. Schon zu Beginn einer solchen Suche wird man nicht nur in der Dogmensammlung der Kirche, sondern auch in den Ausführungen des Katechismus mit so „göttlichen“ Worten konfrontiert, dass einem um den Menschen hinter dem Priester angst und bange wird. Welche Gnade und verliehene Gewalt gemeint ist, wird im Katechismus ausgeführt, dass nämlich »durch eine besondere Gabe des Heiligen Geistes dieses Sakrament … den Empfänger ermächtigt, als Vertreter Christi … zu handeln«181, ja der Geistliche wird sogar Christus „angeglichen“, mit einem unauslöschlichen Siegel versehen, mit einer Art Brandzeichen oder Tätowierung. Das Sakrament der Priesterweihe (auch Ordination genannt) geht »über eine bloße Bestimmung, Delegation oder Einsetzung hinaus, … die eine heilige Gewalt auszuüben gestattet, … die nur von Christus selbst … verliehen werden kann«182. In Wahrheit verleiht ja der Bischof bei der Weihe die Gewalt, und der ist wiederum von Christus als Nachfolger der Apostel mit einer besonderen Ausgießung des Heiligen Geistes beschenkt und nur er darf deshalb nach der Lehre der Kirche diese „geistlichen Gaben“ an die Priester weitergeben. Die „heilige Gewalt“, die der Priester dann besitzt, wird in den dogmatisch-theologischen Schriften weiter präzisiert und beschrieben. Die „geistlichen Gewalten“ wurzeln »im sakramentalen Charakter der Weihe und werden dem Ordinanden … übertragen, sie konzentrieren sich vornehmlich auf die heilige Eucharistie (die Umwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi) … und die Sündenvergebung«183. Die Weihegnade hat darüber hinaus noch den Zweck, den Priester zur würdigen Ausübung der Gewalten und zu einem entsprechenden Lebenswandel zu befähigen. Das mit dem Lebenswandel einer Vielzahl 181 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 182 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 183 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 545. 182 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … von Priestern hat ja wohl nicht ganz so geklappt, denn die Lebenswirklichkeit spricht eine andere Sprache. Für die Ausformung eines solchen Priester- und auch Bischofsamtes der Kirche muss es sicher sehr gute Argumente geben und die Geschichte wie die Tradition der Kirche muss ebenfalls ausreichende Beweise liefern, um wenigstens erklären zu können, wie man zu einer solchen Stellenbeschreibung eines Priesters kommen kann, die dem Ordinanden nach der Weihe schier übernatürliche, ja geradezu „göttliche“ Kräfte verleihen soll. Auch dieses zu glaubende Dogma zur Priesterweihe ist mit beinahe gleichlautenden Formulierungen wie die anderen Sakramente versehen und angeblich auch wieder durch Christus eingesetzt. Wer mag da schon widersprechen. Das Konzil von Trient des 16. Jahrhunderts, das in Abgrenzung zu den Reformatoren oder besser gesagt, als Antwort auf die Reformation eine römisch-katholische Position zu formulieren hatte, sagt in der 23. Sitzung auf die Infragestellung der Reformatoren zum Priesteramt ausdrücklich, dass die vom Bischof geweihten Priester »rechtmäßige Diener des Wortes und der Sakramente sind … und wer dies bloß für eine menschliche Einrichtung halte, der sei ausgeschlossen«184. Die Lehre der Kirche versucht auch bei diesem Sakrament den Nachweis zu erbringen, dass die Einsetzung durch Jesus begründet werden kann und zitiert Bibelstellen, die diesen Beweis erbringen sollen. Auch hier soll wieder zutreffen, was man einen sogenannten Schriftbeweis nennt. Ausgerechnet die Apostelgeschichte in der Bibel und die sogenannten Pastoralbriefe des Paulus müssen als Indizien herhalten. Die Kleriker tasten sich jedoch in der dogmatischen Literatur nur behutsam heran an die entsprechenden Bibelstellen und formulieren vorab, dass »in den Berichten der Schrift … über die Aufnahme in die kirchliche Hierarchie … der Sakramentenbegriff deutlich hervortritt«185. Beschäftigt man sich zunächst mit der Apostelgeschichte (Apg 6,6 und 14,23), so findet man hier folgende Äußerungen: »Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese beteten und legten ihnen die Hände auf« und zusätzlich an anderer Stelle: »In jeder Gemeinde bestellten sie durch Handauflegen Älteste … und empfahlen sie dem Herrn«. 184 Gerhard Kardinal Müller, Katholische Dogmatik, a. a. O., Seite 746. 185 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 537. 183 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … Die Apostelgeschichte des Neuen Testamentes ist im ausgehenden ersten Jahrhundert bzw. am Anfang des zweiten Jahrhunderts vom Verfasser des Lukasevangeliums geschrieben worden, wahrscheinlich von einem hochgebildeten griechischen Christen. Er schrieb diese Geschichte in der Zeit nach dem Tode der Apostel und ihrer Nachfolger. In einer Zeit also, als das Christentum sich bereits auf dem Wege zu einer Institution Kirche befand. Somit ist auch diese Geschichte mit entsprechender Absicht und Intention geschrieben worden. Diese Ausführungen des Lukas waren die ersten deutlichen Beschreibungen für das spätere Entstehen einer christlichen Kirche. Also auch hier keine guten Voraussetzungen für die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Bibelworte des Wanderpredigers. Auch die angeblichen Briefe von Paulus an Timotheus, die als Schriftbeweis für das Sakrament der Weihe dienen sollen, sind nach der aktuellen Bibelforschung nicht von Paulus verfasst worden, sondern es sind eindeutig Fälschungen. Die zwei Briefe an Timotheus stammen gewiss nicht von Paulus. Denn ihre Sprache, ihr Stil und ihre Denkweise sind vollkommen „unpaulinisch“. Diese Pastoralbriefe sind nachgewiesenermaßen erst im 2. Jahrhundert geschrieben worden. Selbst in der Bibelausgabe des Pattloch-Verlages von 1992 steht im Einleitungstext zu den Pastoralbriefen ausdrücklich, dass die Echtheit dieser Briefe »aus verschiedenen Gründen bezweifelt« wird und dass sie daher als »Zeugnisse der sich entfaltenden Kirche« gelten müssen. Auch soll, so steht es dort weiter, trotz aller Ehrfurcht »vor den Schriften des Neuen Testamentes … die mündliche Tradition als Quelle des Glaubensbekenntnisses … nicht übersehen werden«186. Man kann nur immer wieder konstatieren, dass Autoren Texte viele Jahre nach dem Tod Jesu verfassten, diese dann in die Bibel aufnahmen, um der entstehenden Kirche die Legitimation für eine Personalstruktur zu geben, an die Jesus niemals gedacht hatte. Zumal er, ich wiederhole mich, keine Institution wie die heutige Kirche gründen wollte. Nimmt man die Tradition der sich entfaltenden römisch-katholischen Kirche als Argumentation noch hinzu, so kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie schnell sich eine Hierarchie von Bischöfen, Presbytern und Diakonen entwickelt hatte, um die schon früh auftretenden Differenzen der gerade entstandenen einzelnen Gemeinden innerhalb 186 Die Bibel, Pattloch Verlag, Augsburg 1992, Neues Testament, Seite 288. 184 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … des damaligen Weltreichs in Glaubensfragen in den Griff zu bekommen und um die Kraft einer von Gott verliehenen Autorität als Nachfolger der Apostel bestimmen zu können. So konnte schon sehr früh durch die Bischöfe bestimmt werden, was der rechte Glaube ist oder was reine Häresie war. Eine solche Entwicklung ist schon bemerkenswert. Sehr früh, angefangen beim Disput zwischen Petrus und Paulus über die Frage, ob man erst Jude werden müsse, um Christ werden zu können, entwickelten sich in den einzelnen Gemeinden rund um das Mittelmeer die unterschiedlichsten theologischen Auffassungen, die dann letztendlich durch ein Konzil oder von einzelnen Bischöfen als Glaubenswahrheit per Dekret bestimmt werden mussten. So gab es bereits ab Anfang des 3. Jahrhunderts nachweislich unterschiedliche Vorstellungen über die Interpretation bestimmter Passagen in den biblischen Texten. Dies wundert freilich niemanden, da bekanntlich alle Texte der Bibel erst Generationen nach Jesus verfasst und am Anfang immer mündlich überliefert wurden. Der Konflikt war vorprogrammiert. Die noch „Loseblatt-Sammlung“ der Schrift, die in den Gemeinden in Umlauf war, wurde erst im vierten Jahrhundert zusammengefasst und als Neues Testament mit 27 Schriften des Früh-Christentums für die Kirche und alle Gläubigen als maßgeblich definiert. Doch auch diese Texte ließen von Beginn an viel Interpretationsspielraum zu. Schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts geht im Christentum die Zahl der charismatischen Persönlichkeiten, der Propheten und Lehrer zurück und es entwickelt sich eine Organisation mit Leitungsämtern in den Gemeinden, obwohl ganz zu Anfang des Christentums noch keine eindeutige Über- und Unterordnung erkennbar war. Auch ist klar, dass schon zu Beginn des Christentums in verschiedenen Diensten Frauen tätig waren, doch bildeten sich überwiegend männliche Funktionsträger heraus, die bestimmte Aufgaben zu erfüllen hatten. Die Geschichte kennt bereits in den ersten Jahren des dritten Jahrhunderts in Rom einen Gegenpapst namens Hippolyt, der die Schriften viel „konservativer“ interpretierte, als dies der liberale Papst und Bischof von Rom Calixt I tat. Nachweislich wurden zu dieser Zeit die Schriften durch Bischöfe und Presbyter sehr unterschiedlich ausgelegt. Die Theologen hatten in dieser Zeit eine schwierige Aufgabe zu bewältigen, sie hatten die Traditionen und die überlieferten Texte gegen sogenannte „Irrlehrer“ zu hüten und die Gemeinde trotzdem im Sinne der Schriften zu „führen“. 185 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … Somit entwickelte sich zwangsläufig eine Struktur in der Kirche, die von Über- und Unterordnung geprägt war. Ihre Amtsträger weihten und bestimmten entsprechend ihrer Überzeugung durch Amtsübernahmen und Handauflegungen die Kontinuität der Lehre bzw. die Wahrung der Identität des Glaubens. Die Entwicklung einer solchen Ämterstruktur basierte also auf der Sorge um die „Reinheit der Lehre“. Durch das starke Anwachsen der Heidenmission, durch die Vielzahl der heidenchristlichen Gemeinden und ihre institutionelle Etablierung, durch die Entwicklung einer Liturgie und die Darlegung der Lehre, nicht zuletzt durch die theologisch-dogmatischen Auseinandersetzungen, entwickeln die eingesetzten Amtsträger ihre selbst gegebene Machtfülle. Obwohl das Neue Testament für das entstehende Heidenchristentum keine vermittelnde „Klerikerkaste“ vorsieht und die Schrift für das Sakrament der Weihe keinen tragfähigen Beweis liefert, wird trotzdem im Laufe der Jahrhunderte der Priester im Christentum, ähnlich wie in vielen anderen Religionen, eine Art „Amtsperson“ der Religionspraxis. In den anderen monotheistischen Religionen und im späteren Protestantismus wird jedoch der Mund nicht gar so voll genommen, wie dies in der römisch-katholischen Kirche der Fall ist. Nur in dieser Kirche wird durch ein eigenes Sakrament mit Salbung und Anrufung des Heiligen Geistes ein »unauslöschliches Zeichen verliehen, der Priester gar Christus gleichförmig (gemacht)«. Der Katechismus sagt es so: »Letztlich handelt Christus selbst durch den geweihten Priester und bewirkt durch ihn das Heil«187. Welche Überforderung für den so geweihten Menschen. Das Judentum und der Islam kennen keinen Mittler zwischen den Menschen und Gott, folglich gibt es bei diesen Religionen auch keine Vermittler im Sinne des Verständnisses der katholischen Kirche. Die jüdischen Tempelbediensteten und die islamischen Imame sind mehr theologisch gebildete Bedienstete, die bestimmte Aufgaben bei den „Gottesdiensten“ zu erfüllen haben. Die katholische Kirche ist offensichtlich fehlgeleitet, ist im besten Falle vom Wege abgekommen, hat ihren Amtsträgern eine Bürde aufgeladen, die von keinem Menschen getragen werden kann. Beim besten Willen nicht! Man kann aber auch sagen, dass es eine Dreistigkeit ist, ja eine Kühnheit, im Laufe der Jahrhunderte, in denen sich die Kirche mit Unrecht, Verbrechen und Vergehen, mit Schurkereien und Schandtaten, mit Mord und Todschlag schuldig gemacht hat, ein solches Bild von einem 187 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 426. 186 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Priester zu entwickeln. Noch im letzten Jahrhundert schrieb der Papst Pius XII in seiner Enzyklika „Mediator Dei“, dass »der gleiche Priester Jesus Christus (ist), dessen heilige Person sein berufener Diener vertritt« und dass er »durch die Priesterweihe dem Hohen Priester angeglichen« wird. Der Priester besitzt also nach der Weihe die Kraft, »an Stelle der Person Christi selbst zu handeln«188. Die Kirche weiß um diesen Irrweg und lässt trotzdem die Gläubigen weiterhin an ein Dogma glauben, das weder eine Legitimation durch die Heilige Schrift besitzt, noch vom Amtsträger selbst nach der Lehre der Kirche ausgefüllt werden kann. Nicht zuletzt deshalb formuliert sie, quasi zur Absicherung des Sakramentes, einen Satz im Katechismus, der aufhorchen lässt: »Diese Gegenwart Christi im Amtsträger ist nicht so zu verstehen, dass dieser gegen alle menschlichen Schwächen gefeit wäre … gegen Herrschsucht, Irrtümer, ja gegen die Sünde«189. So kann man sich also auch absichern und gleichzeitig dafür Sorge tragen, dass möglichst keine Zweifel an der Segnung des Amtsträgers und an den Institutionen der Amtskirche aufkommen. »Die Kraft des Heiligen Geistes«, so heißt es weiter, »bürgt nicht für alle Taten der Amtsträger … während bei den Sakramenten die Gewähr gegeben ist, dass selbst die Sündhaftigkeit des Spenders die Frucht der Gnade nicht verhindern kann«. Die Kraft des Heiligen Geistes verschafft also die beschriebenen Gewalten in der Weihe, bürgt aber gleichzeitig nicht für den Amtsträger. Der Zweifel ist mitten unter ihnen, unter den Klerikern, unter den Gläubigen sowieso, außer, sie haben sich konsequenterweise gänzlich abgewandt und wollen der kirchlichen Dogmatik nicht mehr folgen. Ein solches Amtsverständnis treibt sie trotzdem weiter weg, die Gläubigen von ihrer Kirche, denn während im frühen Christentum alle Gemeindemitglieder stark durch den Gegensatz zur nichtchristlichen Umwelt verbunden waren, so tritt schon seit dem Mittelalter der Gegensatz zwischen den Amtsträgern und den Gläubigen nicht nur in dieser Zeit, sondern auch heute noch besonders deutlich zu Tage. Selbst ein Mann wie Hans Küng, der in der Kirche geblieben ist, obwohl ihm übel mitgespielt wurde, sagte schon vor Jahren, dass »der Abstand der heutigen Kirche zur ursprünglichen Verfassung (und zur Absicht Jesu) erschre- 188 aus: Enzyklika von Papst Pius XII „Mediator Dei“, vom 20. November 1947. 189 Katechismus der katholischen Kirche, a. a. O., Seite 418. 187 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … ckend groß« ist. »Statt auf das ursprüngliche Zeugnis der Schrift, … beruft man sich bis heute auf die „Tradition“ und die „Kirchenväter“«190. Man hat in der Kirchenhistorie die anfängliche Geschichte vom Wanderprediger Jesus einfach nach einem neuen Plan zusammengesetzt und zusätzlich weiteres „Material“ hineingeschmuggelt, damit die hierarchischen Strukturen in der Geschichte Bestand haben konnten. Das Konzil von Trient ist nach wie vor für die heutige dogmatische Beschreibung der Sakramente verantwortlich. Die Konzilsväter hatten, natürlich wieder unter zur Hilfenahme des Heiligen Geistes, festgelegt, dass die durch göttliche Anordnung eingesetzte Hierarchie aus Bischöfen, Presbytern und Diakonen besteht. Eine solche Aussage stimmt heute, aber auch damals schon nicht mit der biblischen wie historischen Wirklichkeit überein. Das II. Vatikanische Konzil hat dann ein wenig Kosmetik betrieben und die „heiligen Gewalten“ zur Weihe, zur Sündenvergebung und zur Verwandlung von Brot und Wein nach hinten verschoben und den Dienst am Wort etwas stärker als Aufgabe des Priesters in den Vordergrund gerückt. Die Stellenausschreibung für Priesteramtskandidaten sieht bis heute Zulassungsbedingungen vor, die nur durch die historische Praxis der Kirche zu erklären sind. Der Kandidat muss getaufter Christ und männlich sein, er muss zölibatär leben, Armut geloben und der Kirche den notwendigen Gehorsam leisten. Frauen sind ausgeschlossen. Die Erklärung für den Ausschluss der Frauen wird in der Dogmatik nachgeliefert. Dass nämlich »Männer zum Empfang des Weihesakraments befähigt sind, beruht auf positivem göttlichen Recht«191. Man fragt sich, welches Recht denn hier wohl gemeint ist. Christus habe nur Männer zum Apostolat berufen, so sagt die Kirche, dabei waren auch Frauen in der unmittelbaren Umgebung des „Menschensohnes“ zu sehen. Sogar bis zu seiner, in der Bibel beschriebenen, Stunde des Todes. Die Begründung für dieses Recht der Männer, das ja bis heute geltendes Kirchendogma ist, liegt eher in der geschichtlichen Entwicklung der Kirche als in der Heiligen Schrift. Trotzdem oder gerade deshalb bleibt die Frage, wie es denn zu dieser historischen Praxis kommen konnte. Man findet neben dem Argument, dass unter den Aposteln keine Frau war, noch weitere Begründungen, die jedoch heu- 190 Hans Küng, Die Kirche, a. a. O., Seite 487. 191 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 548. 188 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … te niemand mehr nachvollziehen kann. Es wird argumentiert, dass die Kontinuität der Tradition und die Beharrlichkeit der Lehre der Kirche, ohne auf aktuelle Entwicklungen zum Verständnis des Amtes einzugehen, ein positives Signal an die Welt sei. Der Priester solle ja Christus repräsentieren und Christus war halt ein Mann. Gott ist also männlich! Die Kirchenväter hatten bei der Einführung dieser Regelung den schon genannten und erwiesenermaßen gefälschten Timotheusbrief intensiv gelesen (1. Tim. 2,11–15), dort hatte der Verfasser auch sein Frauenbild ausführlich ausgebreitet. Seine Beschreibungen führten dann konsequenterweise zum Rollenverständnis der Frauen in der Kirche. »Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen … dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht … denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva … und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen«. Heute wagt kein Priester mehr, diesen Teil des gefälschten Pastoralbriefs von der Kanzel zu zitieren. Trotzdem sind und bleiben dies die Aussagen der Bibel, die die Kirche zur Grundlage für die rechte Ordnung in den Gemeinden und in der gesamten Kirche nimmt. Die Frau wird dadurch gerettet werden, dass sie Kinder zur Welt bringt und ein besonnenes Leben führt, so steht es in den kirchlichen Texten. Der Mann hingegen ist zum Priesteramt berufen und gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren. Was ist gekämpft worden, in den Jahrhunderten, um das Zölibat. Doch wie erschreckend wenig hat sich der Klerus selbst während der gesamten Kirchengeschichte daran gehalten. Die Historie der Kirche ist voll davon, von Auseinandersetzungen und Verboten, von Verfehlungen und Übertretungen. In der Literatur ist dies ausführlich nachzulesen. Als Papst Gregor VII im Jahre 1074 den Zölibat amtlich vorschrieb, da hagelte es noch wütende Proteste von verheirateten Geistlichen. Noch größer als in Italien soll damals der Protest des Klerus in deutschen Landen gewesen sein. Doch ab dieser Zeit gibt es kein Entrinnen mehr, es gilt ein allgemein verbindliches Zölibatsgesetz, das in der tatsächlichen Praxis bis heute wohl doch nur bedingt eingehalten wird. Im 13. Jahrhundert nennt Papst Innozenz III seine Priester »sittenloser als Laien«. Beim Konzil von Konstanz (1414–1418), das den sittenstrengen Jan Hus zur höheren Ehre Gottes verbrennt, sind 300 Bischöfe zugegen und 700 Prostituierte zu deren Bedienung. Papst Sixtus IV baute nicht nur die Sixtinische Kapelle im Vatikan, in der die Papstwahlen 189 Wenn die Wäsche iM hinterhof hängt … stattfinden, sondern auch ein „Freudenhaus“. Noch im 17. Jahrhundert hatten die Hirten nicht nur „Schafe“, sondern auch Frauen und Kinder. Interessanterweise muss man konstatieren, dass der Priester in den sogenannten „Ostkirchen“ bis zum heutigen Tage verheiratet sein darf und trotzdem geweiht wird. Die römisch-katholische Kirche will dagegen die Ehelosigkeit ihrer „Würdenträger“ beibehalten und sie muss mit diesem Zustand irgendwie fertig werden. Betrachtet man die historische Entwicklung des Zölibates genauer, so ergeben sich im Wesentlichen drei Argumente, die immer wieder gegen die Verheiratung von Priestern angeführt werden. Der Priester sollte zur Zelebration und Ausübung seines heiligen Auftrags nicht nur ein „gottgefälliges Leben“ führen, sondern angesichts seines „Herausgehobenseins“ aus dem Menschengeschlecht auch kultisch rein sein und nicht in der Nacht „Venus“ in den Arm nehmen und am Morgen die Gottesmutter Maria anrufen. Darüber hinaus führe die Ehelosigkeit zur vollen Einsatzfähigkeit und Verfügbarkeit der Priester für den kirchlichen Dienst. Nicht zuletzt kristallisierte sich in der Kirchengeschichte immer deutlicher auch ein Grund heraus, der eindeutig vermögensrechtlicher Natur war. Die verheirateten Priester vererbten den angeblichen Kirchenbesitz an ihre Kinder und das konnte ja auf keinen Fall zugelassen werden. Und heute? Trotz Zölibat gibt es auch und gerade im 21. Jahrhundert viele Priester und auch Bischöfe, die Beziehungen zu Frauen oder auch Männern eingehen, sogar Kinder zeugen und trotzdem im Amt verbleiben oder sich outen und dann suspendiert werden. Es ist gängige Praxis, dass der Priester bei „Vergehen“ gegen das Zölibat nur dann, wenn er in der Beziehung verharrt, vom Amt suspendiert wird. Auch unabhängig von den Aussagen der Bibeltexte vertreiben diese Verfehlungen der Priester in den letzten Jahrhunderten und zudem die entdeckten „Missbrauchsfälle“ in den letzten Jahren jeden Gedanken an ein von Jesus eingesetztes Sakrament. Und was ist mit dem Gelübde der Armut? Seit das Christentum Staatsreligion wurde, haben sich die Amtsträger nachweislich bereichert. Beispielsweise waren schon im 12. Jahrhundert mit der aufkommenden Geldwirtschaft beim Klerus kaufmännische Tugenden gefragt. Und die Kleriker haben eifrig mitgemischt. Bisher war unbekannt, dass schon im Jahre 1893 der Vatikan seinen Priestern erlaubte, den florierenden Handel mit Aktien zu betreiben, natürlich zur höheren Ehre Gottes. 190 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Reich sind sie, die Vertreter der Kirche und sie sagen, es müsse sein, weil es Arme gibt, die sie nur so unterstützen könnten. In der jüngeren Vergangenheit haben die Medien mehrfach Beispiele ausbreiten müssen, die das genaue Gegenteil von dem zeigen, was der Prophet im heiligen Lande damals gepredigt hatte. Über den ehemaligen Bischof von Limburg muss man kein Wort mehr verlieren. Der frühere Kardinalstaatssekretär des Vatikan Tarcisio Bertone will »nach dem Skandal um die Mitfinanzierung seiner Wohnungsrenovierung durch die Stiftung der vatikanischen Kinderklinik … einen Großteil des Geldes zurückerstatten. Er wolle eine Schenkung in Höhe von 150 000 € leisten«192. Eine weitere Schlagzeile: „Razzia bei Kardinal Müller in Rom“. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Rom wurden 20 000 € Bargeld (wer hat schon so viel Bargeld in seiner Wohnung rumliegen?) gefunden und beschlagnahmt, weil die Herkunft nicht geklärt werden konnte. Die Behörden des Kirchenstaates ermitteln. Ausgerechnet gegen den ehemaligen Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, just der Kongregation, die für die reine Lehre der Kirche zuständig ist193. Man kann es nicht oft genug betonen. Eine solche Kirche, mit dieser hierarchischen Personalstruktur, mit dem Papst an der Spitze, den Bischöfen und Priestern, hat aber auch gar nichts mit den Vorstellungen und Äußerungen des Wanderpredigers aus Galiläa zu tun. Doch damit es nicht immer so negativ endet, am Schluss noch eine Schlagzeile aus dem Jahre 2016 von einem Markforschungsinstitut in den USA: „Nirgendwo wird mehr gesoffen, als im Vatikan!“. Der Vatikan hat, bezogen auf die Einwohnerzahl, den weltweit höchsten Weinkonsum. Meine erste Reaktion: Wer zölibatär leben muss, hat auch allen Grund zu trinken. Die tatsächliche Lösung ist allerdings schlichter. Im Supermarkt des Vatikan gibt es Alkohol „duty free“, also um 22 Prozent billiger als in den Supermärkten Roms. Nicht nur die 800 Einwohner des Vatikanstaates, sondern auch alle Angestellten, die in Rom und Umgebung leben, decken sich kistenweise dort mit alkoholischen Getränken ein. Möglicherweise ist aber doch etwas dran, an meiner Vermutung. Denn dies ist der Staat auf der Erde mit den meisten Singles und einer Geburtenrate, die „gegen Null“ geht. Natürlich wird hier gesoffen, sei es aus Einsamkeit oder aus Weltschmerz, unter Glaubensbrüdern beim Abendessen, sagen selbst die Kleriker. 192 Zitiert aus: www.katholisch.de/aktuelles/… vom 13.10.2017. 193 Zitiert aus: Handelsblatt vom 09.12.2015. 191 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Vielleicht sprechen die Kleriker, nicht nur in Rom, doch etwas mehr dem guten Wein zu, weil sie unter der Last der ihnen gegebenen „Gewalten“ und den hohen Ansprüchen an ihre Person mit Keuschheit, Armut und Gehorsam nicht doch zum Trinker werden müssen. Geld genug ist ja da. Wenn der Priester die freiliegende Schulter berührt … Niki Lauda war stinksauer. Der ehemalige Formel1-Pilot und mehrfache Weltmeister war nach seinem schicksalhaften Unfall beim Rennen auf dem Nürburgring im Jahre 1978 unter dramatischen Umständen ins Krankenhaus eingeliefert worden; er lag auf der Intensivstation und kämpfte um sein Leben. Auf die Frage nach der „Letzten Ölung“ hat er später berichtet: „Ich habe kurz überlegt und mir gedacht, schaden kann mir das ja nicht. Also habe ich genickt und darauf gewartet, was passiert“. Nach seiner Beschreibung hat ihn der herbeigerufene Priester nur an der Schulter berührt und sonst ist nichts weiter geschehen. „Ich erwarte, dass da jemand kommt, mit mir redet, mich auch tröstet, und dann so etwas …“. Die Wut über diesen Vorgang hat ihn nach eigenen Angaben närrisch gemacht und ihn geradezu angespornt, sich nicht hängen zu lassen und nicht aufzugeben194. Von einer Gnade Gottes zum übernatürlichen Heil der Seele oder gar zum natürlichen Heil des Leibes hatte er nach eigenen Aussagen nichts bemerkt. Vielmehr scheint der Ärger über den Vorgang Kräfte freigesetzt zu haben, die für die Heilung des Körpers förderlich waren. Eine solche Wirkung der „Letzten Ölung“, jetzt Krankensalbung genannt, entspricht aber sicher nicht der Intention der katholischen Kirche. Ihre Intention steht im Dogma: »Die Krankensalbung bewirkt die Nachlassung der noch vorhandenen schweren und lässlichen Sünden«. Der Priester hatte wahrscheinlich bei Niki Lauda nach den dogmatischen Vorgaben der Kirche korrekt gehandelt, da er annehmen musste, dass der 194 Information aus: www.motorsport-total.com/formel1/news/lauda_letzte_oelung … 192 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Patient aufgrund der Schwere der Verletzungen nicht mehr ansprechbar war und sein verbundener Körper nur noch die Schulter freigab, um die Salbung mit Öl vornehmen zu können. Die lateinischen Formulierungen und Gebete wird er sicher wegen der fehlenden Ansprechbarkeit des Todkranken besonders leise gesprochen haben. Die nicht zu beanstandende Form der „Letzten Ölung“ besteht nach den Vorgaben der Kirche in der Salbung und in dem begleitenden Gebet des Priesters für den Kranken. Also war alles korrekt verlaufen. Zumal die Gültigkeit des Empfangs von der Intention des Sterbenden abhängig ist, dieses Sakrament auch empfangen zu wollen, und dies hatte Niki Lauda ja nun deutlich genug artikuliert. Obwohl, so richtig würdig empfangen hat er diese „Ölung“ ja wohl doch nicht, denn eine vollkommene Reue der Sünden wäre ja die Voraussetzung für die Nachlassung der Sünden und für die Gültigkeit des Sakramentes gewesen. Aber was soll’s. Niki Lauda hat es damals überlebt. Die Frage ist nur noch, ob es trotz oder wegen der „letzten Ölung“ so gut ausgegangen ist. So ganz sicher ist sich da nicht einmal die Kirche, denn die Heilung des Körpers durch die Salbung des Priesters bei der Sakramentenspendung ist ja bis heute immer noch nicht nachgewiesen und es redet aktuell ja auch niemand mehr davon. Ein weiteres, nach wie vor zu glaubendes Dogma der Kirche besagt auch: »Die letzte Ölung bewirkt bisweilen, wenn es dem Seelenheil dienlich ist, die Wiederherstellung der leiblichen Gesundheit«. Wie kann denn so etwas geschehen? Ein vom Katholiken zu glaubendes Dogma mit einer Formulierung „bisweilen“ ist genauso unsinnig wie die Aussage: „Ab und zu“ oder „dann und wann“ oder „manchmal“ wird die leibliche Gesundheit wiederhergestellt. Und dann auch nur, wenn es dem Seelenheil dient. Wenn es diesem nicht dient, wird die Gesundheit wahrscheinlich nicht wiederhergestellt. Eine dogmatische Aussage, die ewig Gültigkeit haben soll, kann doch nicht so schwammig formuliert sein. Sie muss eindeutig sein, statt jede Menge Fragen aufzuwerfen. Offensichtlich hat es der Klerus auch schon bemerkt. Die Kraft Kranke zu heilen hat schon in der Vergangenheit die Geistlichkeit stark überfordert. Die Chance, die die Medizin bietet, scheint da doch bedeutend grö- ßer zu sein. Eine solche Kraft wurde von Jesus und seinen Nachfolgern 193 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … wohl nicht richtig weitergegeben. So bleibt für den Gläubigen die Genesung durch die „Salbung“ reiner Zufall. Gott sei Dank hat man heutzutage eine hoch entwickelte medizinische Versorgung. Auch die aktuellen Schriften der Theologen haben für dieses Problem keine Lösung parat und sie flüchten in die Ausführungen der alten Kirchenväter: »Das Decretum … schreibt der „Letzten Ölung“ die Heilung der Seele und unter Umständen auch die Heilung des Leibes zu«195. Unter welchen Umständen das gelingen soll, schreiben sie allerdings nicht. Seit dem II. Vatikanischen Konzil ist bei diesem Sakrament auch vom „Wandel in der Sinngebung“ die Rede und die Formulierung „Letzte Ölung“ wurde von der Versammlung der Bischöfe durch das Wort „Krankensalbung“ ersetzt. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass man sich zurückbesinnen wollte auf die Ursprünge des Christentums, von einem Sterbesakrament zu einem Sakrament der Hilfe bei schwerer Krankheit. Die Rückbesinnung auf Praktiken des frühen Mittelalters hilft wenig, wenn es darum geht, dem Sakrament eine biblische Begründung und eine Legitimation durch die Worte Jesu zu geben. »Das Sakrament der Krankensalbung ist in der Heiligen Schrift angedeutet«196, sagen die Theologen. Viel unsicherer kann man es eigentlich nicht formulieren. Nach der Bibel hat Jesus den Kranken die Hand aufgelegt und sogenannte Wunder bewirkt. Zumindest sagen die Evangelisten dies, die Jesus zwar nie gesehen haben, es aber vom Hörensagen zu wissen glauben. Von Naturwundern über Dämonenaustreibungen, von Krankenheilungen bis zur Erweckung von Toten, die ganze Palette wird in der Bibel ausgebreitet. Doch bei kritischer Betrachtung bleibt von den Wundern nicht viel übrig. Viele Theologen sprechen im Alltag nicht mehr von Wundern, sondern qualifizieren diese Bibelstellen als rein historische Beschreibungen. Für die Dämonenaustreibungen und die Krankenheilungen in der Bibel würde die heutige Psychiatrie und die Medizin sicher erklärbare Diagnosen liefern können. Für Jesus und das Judentum, wie für viele damaligen Völker des arabischen Raumes waren Krankheiten nie nur ein rein medizinisches Problem, sondern immer auch verbunden mit lebensfeindlichen Mächten (Dämonen), mit der Klage über Gottesferne, mit dem Zorn Gottes und mit ihrer eingeschränkten Kenntnis über die Welt und die kosmischen Gesetzmäßigkeiten. Eine Krankheit war auch 195 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 533. 196 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 530. 194 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … immer die fehlende Zuwendung eines Gottes, an den man glaubte und nicht nur das Problem einer eingeschränkten Kenntnis über Defekte des menschlichen Organismus. Für die Menschen der Antike gab es einen fließenden Übergang zwischen der damaligen medizinischen Versorgung und einem stark ideologisch verankerten Glauben an die Wundertaten der Götter. Von einer göttlichen Zuwendung ging Heilung aus, das war der Glaube des jüdischen Volkes und Jesus lebte und handelte in diesem Bewusstsein. Jesus hat als Kind seiner Zeit dieses archaisch-mythologische Weltbild geteilt, genauso wie die frühen christlichen Gemeinden. Nur so sind die zahlreichen Berichte in der Bibel über Jesu Wundertaten zu verstehen. Die Theologie streitet bis heute darüber und wird es auch weiterhin tun, welche Wundertaten Jesu sie selbst überhaupt noch vertreten soll. Ein gläubiger Christ bleibt angesichts dieser Unstimmigkeiten einfach nur ratlos zurück. Alle Theologen an den Hochschulen sind sich heute darüber einig, dass die Totenerweckungen in der Bibel keine historisch verifizierbaren Ereignisse waren, sondern das Werk der Bibelautoren, die die kursierenden Erzählungen in den christlichen Gemeinden der damaligen Zeit weiter ausgeschmückt haben. Was bleibt also für den kritischen Betrachter? Aufgrund der fehlenden authentischen Quellen ist es unmöglich, das Wirken Jesu in Galiläa zu rekonstruieren und es ist einhellige Überzeugung der historisch-kritischen Bibelforschung, dass die spektakulären Wunder Jesu als sogenannte nachösterliche Eintragungen und spätere Ergänzungen bzw. Überhöhungen in die Bibel eingeflossen sind. Die wunderwirkenden Züge Jesu wurden erst später in die ursprünglich nicht wunderhaften Berichte eingetragen. Die Forschung hat in Einzelfällen sogar nachgewiesen, dass das Wunderhafte in Bibelstellen nicht nur erfunden, sondern im Laufe der Zeit sogar noch gesteigert worden ist. Bei kritischer Betrachtung sind die Wunder Jesu in der Bibel, dies gilt übrigens auch für alle „Wunderbeweise“, die im Rahmen von Heiligsprechungen nach wie vor gefordert werden, niemals als Beweis anzusehen, dass irgendwelche Naturgesetze „ausgehebelt“ worden sind. Solche Wunder gibt es einfach nicht. Und doch! Die von Jesus angeblich vollbrachten und in der Bibel ausformulierten Taten waren in den Augen seiner Zeitgenossen häufig Wundertaten. »Und es erhob sich ein gewaltiger Sturm … Und die Wellen schlugen in das Boot … Und der Meister schlief. Da weckten sie ihn und sagten: 195 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen?“ … Wach geworden gebot er dem Sturm: „Schweige, sei still!“«. Die Beschreibungen der Taten Jesu werden vielfach durch die Evangelisten dramaturgisch gesteigert und man fügte den Erzählungen typische Elemente einer akuten Bedrohung hinzu. Nicht nur dass das Boot drohte unterzugehen, sondern dass ausgerechnet der schläft und nichts unternimmt, der allein die Situation hätte entschärfen können. Jesus hat keinen Sturm gestillt, keine Brote vermehrt und auch keinen Feigenbaum verflucht. Solche und weitere Wundertaten von tatsächlicher Naturbeeinflussung, von Krankenheilung und Dämonenaustreibung haben nie stattgefunden. Auch sie entsprachen lediglich den erzählerischen Zutaten und Ergänzungen der Evangelisten bei der Beschreibung der Lebensgeschichte Jesu. Diese Berichte sind reines Wunschdenken und spiegeln die überhöhte Anschauung Jesu wider, wie sie die noch zahlenmä- ßig kleinen christlichen Gemeinden nach dem Tod und der angeblichen Auferstehung Jesu mündlich überliefert hatten. Es war mehr die feste Überzeugung des frühen Christentums, dass die Handauflegungen, die Berührungen und Gesten Jesu heilende Wirkung hatten und dass seine Nachfolger durch Gebete, Salbungen und Handauflegungen Kranke heilen, Dämonen austreiben und Sünden vergeben konnten. Folglich praktizierten die Gemeinden nach dem Tode ihres Gottes diese Rituale der Krankenheilung und der Dämonenaustreibung auch weiter. Obwohl sich in der Schrift, trotz aller Ergänzungen und Veränderungen, kein Nachweis für die Einsetzung eines solchen Sakramentes durch Jesus finden lässt, ist es menschlich leicht nachvollziehbar, dass die Nachfolger der Apostel und die Bischöfe bzw. Priester der Folgezeit bei Krankheiten und Tod von Gemeindemitgliedern, bei unerklärlichen Phänomenen der Natur und bei allen Ereignissen, in denen sie das Wirken außergewöhnlicher (überirdischer) Mächte zu spüren meinten, ein Ritual entwickelten und auch handeln wollten, wie „der Herr“. Oder zumindest etwas tun wollten im Namen des Herrn oder als Verwalter der Geheimnisse Gottes. Gewirkt hat es freilich nicht! Die schriftlichen Ausführungen der ersten Jahrhunderte zur Krankensalbung und Heilung durch die Presbyter sind nicht gerade zahlreich. In einer Kirchenordnung des Bischofs Hippolyt von Rom aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts ist ein Gebet zur Weihe des Öls und ein Gebet um Gesundheit aufgeführt und zwar für die, die es gebrauchen können. Die Wirkung der Salbung als Befreiung von körperlichen Krankheiten und Schwächen und die Austreibung bö- 196 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … ser Geister ist nirgendwo belegt. Wie sollte sie auch? Die gewünschte Wirkung wird sich auch hier wieder nur dem Glaubenden erschließen! Ohne freilich schon Sakrament zu sein, ist die Salbung von Kranken in den christlichen Gemeinden historisch belegt. So mahnt zum Beispiel im 6. Jahrhundert Cäsarius von Arles die Gläubigen, im Falle einer Krankheit nicht zu den Wahrsagern und Zauberern zu gehen und durch Anwendung von Zaubermitteln Heilung zu suchen, sondern zur Kirche zu kommen. Trotzdem wurde die Krankensalbung durch Priester keine flächendeckende Angelegenheit und dies aus einer Vielzahl von Gründen. Die Gesundheit des Leibes stellte sich trotz der Krankensalbung nicht wie gewünscht ein und das Nachlassen der Sünden war durch die Beichte und Buße ja schon gegeben. Zudem entwickelten sich Missbräuche, wie sie vielfach in der Kirchengeschichte zu beobachten sind. Diese waren vor allem gekennzeichnet durch ungebührlich hohe Abgaben an den Klerus oder häufig auch durch schwere Bußauflagen. Außerdem sind weitere „irrtümliche Anschauungen“ wie Unerlaubtheit des ehelichen Verkehrs, Verbot des Genusses von Fleischspeisen, Barfußgehen nach dem Empfang der Salbung, in der theologischen Literatur aufgeführt. Sie alle haben dazu geführt, dass schon ab dem 8. Jahrhundert eine Art Umakzentuierung oder auch Umdeutung der Krankensalbung durch die Kleriker vorgenommen wurde. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurden diese Tätigkeiten dann zu einem Sakrament, das als sogenannte „Letzte Ölung“ am Lebensende zu spenden ist. Ab da steht interessanterweise nicht mehr die Heilung von Krankheiten im Mittelpunkt, sondern die Heilung der Seele und nur noch unter Umständen die Heilung des Leibes. Im 16. Jahrhundert zählt das Konzil von Trient die Wirkungen der „Letzten Ölung“ auf: »Verleihung der Gnade, Nachlassen der Sünden, Beseitigung der „Überbleibsel der Sünde“, die Erleichterung und Stärkung der Kranken …«. Seit dieser Zeit wird die „letzte Ölung“ zu einem Sakrament der Weggehenden und damit zu einer Art Rettungsanker als Ergänzung zum Sakrament der Buße. Durch dieses Sakrament soll die Seele des Kranken geheilt werden, die Beschwerden des Todeskampfes erträglicher werden und die sittliche Schwäche überwunden werden, die im Kranken als Folge der Sünde zurückgeblieben ist. Somit entwickelte sich in der Kirche die subtile Konstruktion einer dritten „Rettungsplanke“ für die Gemeindemitglieder, damit sie nicht verloren gehen und in der ewigen Verdammnis landen. 197 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Das Sakrament ist außerdem jederzeit wiederholbar, sollte sich der Zustand des Kranken verbessern und ihm ein weiterer Lebensabschnitt vergönnt sein. Es kann also sein, dass dieser unverhoffte weitere Lebensabschnitt dann wieder zur Sünde führt, wovon im Allgemeinen auszugehen ist und dass deswegen die erneute Spende der „Letzten Ölung“ notwendig wird. Denn es ist am Lebensende besonders wichtig, von aller Schuld frei zu sein. Diese Befreiung geht nur durch die „Ölung“, nur sie tilgt nach der Lehre der Kirche »per accidens (also so nebenher) aufgrund der Einsetzung durch Christus die schweren Sünden«. Dieselbe Kirche, die so redet, artikuliert auf der nächsten Seite der Dogmatik-Literatur, dass sich »ein ausdrücklich göttliches Gebot für den Empfang der „Letzten Ölung“ nicht erweisen lässt«197. Auch wenn das II. Vatikanische Konzil die Intentionen des frühen Christentums wieder in den Vordergrund gerückt hat und so von „Krankensalbung“ und nicht mehr von „Letzter Ölung“ spricht, so bleibt doch die Absicht der Kirche unverändert. Die Krankensalbung wird zu einem angemessenen Zeitpunkt gespendet, am Lebensende und die von den Kirchenvätern formulierte und dogmatisch festgelegte Wirkung des Sakraments soll nach wie vor eintreten. Nämlich die Heilung von der Schwächung der Seele und die endgültige Beseitigung von der Anhaftung der Sündenreste198. Doch was, um Himmels Willen, sind bloß diese Sündenreste? Dass sich Jesus, seine Jünger und das frühe Christentum im Besonderen der Kranken und Schwachen annahm, ist nicht hoch genug zu bewerten. Es war ein wesentlicher Kernpunkt der Lehren Jesu und zu seiner Zeit eher ungewöhnlich und daher auch für die heutige Zeit besonders bemerkenswert. Dieser Aspekt des Christentums hat sicher auch neben vielen weiteren Faktoren zur schnellen Ausbreitung der Lehre Jesu im östlichen Mittelmeerraum geführt. Die Begründung für ein Sakrament, das am Lebensende gespendet wird, lässt sich jedoch aus den Worten Jesu in der Bibel nicht ermitteln. Erst die Kirche und ihr Personal entwickelte im Laufe der Jahrhunderte einen Sakramentenfundus zum angeblichen Nachlassen der Sünden und zur Tilgung von Restschulden durch ihre Priester. Dies ist also ein historisch in der Kirche gewachsener Vorgang, der niemals durch Gottes Wort legitimiert ist und zum Heil notwendig ist er schon mal gar nicht. 197 Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 535. 198 Vgl. hierzu: Ludwig Ott, Grundriss der Dogmatik, a. a. O., Seite 533 ff. 198 Wenn Absurditäten zur denkschWäche fÜhren … Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich auch dieses Sakrament im Laufe der Kirchengeschichte selbst schuf und es dann der Bibel zudiktiert wurde, wie so vieles. Man zuckt zurück, scheut sich, will nicht wieder „draufschlagen“ und nicht undifferenziert in eine allgemeine Polemik gegenüber der Kirche verfallen. Doch während einem klar wird, dass ein großer Teil der selbst geschaffenen, über Jahrhunderte entwickelten Strukturen und Glaubenssätze der Kirche keine biblische Begründung mehr haben und nie hatten, veröffentlicht beispielsweise das Erzbistum Paderborn im Jahre 2016 seine Vermögensbilanz des Jahres 2015. Sie ahnen schon, was jetzt kommt … Während die Kirche die Ängste und Fragen der Menschen zum Leben nach dem Tode mit Androhungen des ewigen Feuers beantwortet und sich selbst anmaßt, dass nur durch die „Handauflegung“ ihres Personals der Mensch zur Erlösung kommen kann, veröffentlicht das Bistum Paderborn seinen Aktien- und Wertpapierbesitz in Höhe von 2,7 Milliarden Euro. Der reine Gewinn des Jahres belief sich auf weit über 44 Millionen Euro. Das Gesamtvermögen besteht nach den Meldungen der Medien im Jahre 2018199 unter anderem aus Finanzanlagen und Wertpapieren und hatte zu dieser Zeit ein Volumen von 3,95 Milliarden Euro. Die Kleriker spekulieren mit ihrem Vermögen, zocken an der Börse, mit den Kirchensteuern der Gläubigen … Während einem klar wird, dass die eigentliche Aufgabe einer christlichen Gemeinschaft auch und gerade nach den Texten Jesu in der Bibel, die ja von Menschen nach dem Hörensagen ausformuliert worden sind, die Sorge um die Alten, Kranken und Schwachen in dieser Welt ist und zwar die konkrete Sorge und aktive Hilfe, beschreibt das Bistum Paderborn sein Vermögen in einer solchen Größenordnung, wohlgemerkt, ohne das Vermögen des „Bischöflichen Stuhls“. Was könnte mit diesen Mitteln nicht alles konkret umgesetzt werden, im Kampf um bessere Lebenschancen für Bedrohte, im Kampf um die Lebensrettung von Kriegsflüchtlingen, im Kampf um den Hunger in dieser Welt, im Kampf um die Bewältigung des Elendes auf dem Globus, aber natürlich auch zur geistlichen Unterstützung bei der Bewältigung eines wichtigen Themas in der westlichen Welt, nämlich der Enttabuisierung des Todes. 199 Nachricht aus der Tageszeitung: „Neue Westfälische“, Bielefeld, 11.10.2018. 199 Wenn der priester die freiliegende schulter berÜhrt … Mit reiner Symbolik scheint es heute wohl nicht mehr getan zu sein, hier müssen die Strukturen und Aufgaben der katholischen Kirche grundsätzlich neu gedacht und neu definiert werden. Selbstverständlich ist auch der Einsatz eines Klerikers vor Ort wichtig, sich einzusetzen für Kranke und Schwache, zu reden, zu trösten, so wie Niki Lauda sich das vorgestellt hatte, denn wenn dies in der entsprechenden Weise geschieht, so soll die Salbung mit Öl auf der Schulter des Schwerverletzten in „Gottes Namen“ auch geschehen.

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Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …