Wenn ich das gewusst hätte … in:

Burckhard Wienand

Die Kehrseite des Glaubens, page 1 - 6

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundlehren des christlichen Abendlandes

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4282-3, ISBN online: 978-3-8288-7223-3, https://doi.org/10.5771/9783828872233-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Religionswissenschaft, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
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1 Wenn ich das gewusst hätte … Man kann es bedauern oder beklagen, es ist trotzdem nicht aufzuhalten. Die Menschheit verfügt heute nicht nur über den Zugriff auf beinahe unbegrenzte Informationsmengen, sondern sie wird auch durch die Vielzahl der Medien mit Informationen geradezu überschüttet. Tatsache ist jedoch, dass der einzelne Mensch immer weniger weiß. Die Menschen nehmen alles nur noch im Vorübergehen auf, vergessen schnell wieder, verdrängen, halten nichts mehr fest, alles ist flüchtig. Auch der Wahrheitsgehalt von Informationen ist unsicher geworden, kann kaum überprüft werden, wird sogar häufig akzeptiert, auch wenn er stark bezweifelt werden muss. Was wahr oder falsch ist, hängt nicht mehr vom eigenen Urteil ab, sondern davon, wer in den Medien und den sozialen Netzwerken am lautesten postet. Man ist heute in allen Netzwerken unterwegs, doch eine persönliche Begegnung will sich niemand antun. Tatsächlich getroffen fühlt sich keiner mehr. Man hat hunderte, ja tausende Freunde, doch keinen wirklichen Freund. Alles bleibt im Ungefähren, Oberflächlichen, Sub stanzlosen …, Gleichgültigkeit beherrscht die Szene. Sollte man sich darüber aufregen? Es wird nicht helfen, denn in modernen Gesellschaften sind die Menschen heute weitgehend Konsumenten, die in erster Linie ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, die nicht mehr nachdenken, sich werblich vereinnahmen lassen, keine Konsequenzen mehr ziehen aus der Klarheit eines Gedankens. Auch die politischen Eliten bringen nichts mehr zu Ende, sind von zum Teil selbst gemachten, vielfach bürokratischen Hindernissen blockiert, wurschteln sich durch, denken nicht mehr in „größeren Dimensionen“. Der Unsinn, wenn er nur lange genug und weit genug verbreitet worden ist, wird als Vernunftlösung verkauft. Alles steht auf schwankendem Boden, Unsicherheit greift um sich, einst wichtige Fundamente der Gesellschaft scheinen zu wanken … und jetzt auch noch das. 2 Wenn ich dAs geWusst hätte … Was als zu glaubende Wahrheit über Jahrhunderte hinweg verkündet worden ist, was unsere Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung maßgeblich mitbestimmt hat, es soll nicht mehr wahr sein? Selbst bei den Grundlehren des christlichen Abendlandes scheint Grundsätzliches nicht oder nicht mehr zu stimmen. Ein sicher geglaubtes Fundament scheint zusammenzubrechen. Mit den christlichen Kirchen ist kein Land mehr zu gewinnen. Im August 2018 versuchte Papst Franziskus mit Entschuldigungen die Skandale der katholischen Kirche in Irland, einem zutiefst christlichen Land, zu entschärfen1, Abbitte zu leisten für das unvorstellbare Ausmaß von Missbrauch durch Kleriker über Jahrzehnte hinweg. Doch auch dies wird am Ende nichts weiter sein, als ein Skandal unter vielen. Es werden Gremien eingesetzt, es wird untersucht, die Kleriker werden „im Verborgenen“ diskutieren, in Einzelfällen wird Entschädigung geleistet, es wird vertuscht und am Ende wird es die Zeit schon richten. Der Klerus hat kein Interesse, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, einer Wirklichkeit, die die Fundamente der Kirche erschüttern wird. Es ist schon schlimm genug, doch wird auch diese Schande letztlich nur eine Randnotiz der Geschichte der Kirche bleiben. Doch wie ist dies alles zu verstehen, was sind denn die Grundsätze dieser Kirche, wie verträgt sich dies alles mit der explizit formulierten Lehre und mit ihren dogmatischen Fundamenten? Was sind die Grundmauern des Christentums, wie sind sie ausformuliert, wie werden sie gelebt, wie beeinflussen sie noch heute den Alltag von Politik und Gesellschaft in dieser Welt? Sind sie nur noch schmückendes Beiwerk und emotionale Überhöhung von Familienfeiern? Wer kennt sie schon, die dogmatischen Grundsätze einer christlichen Lehre, die von allen Christen geglaubt werden müssen? Wer fragt noch nach dem Sinn oder Unsinn solcher Glaubenssätze? Ich gebe es ja zu. Dieses Buch habe ich für mich geschrieben. Ich wollte es einfach genauer wissen, wollte Klarheit haben über das, was Gegenstand der kirchlichen Lehre seit fast 2000 Jahren ist. Denn »der denkende Mensch muss mindestens darin seine Verstandestätigkeit einschalten, dass er die Vertrauenswürdigkeit prüft, von dem er etwas übernimmt«2. Auch ich wollte meinen Verstand walten lassen und nicht einfach dem 1 www.t-online.de/nachrichten … Nachrichten vom 26.08.2018. 2 Dr. Karl Holzamer, Philosophie, Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1962, Seite 95. 3 Wenn ich dAs geWusst hätte … sonntäglichen Credo der Kleriker folgen, für das sich eh kaum noch ein Bürger dieses Landes interessiert. Und dies trotz der Tatsache, dass Religionen und vor allem religiös motivierte Konflikte in dieser Welt den Medienalltag prägen und nach wie vor das Fach Religionslehre zum verpflichtenden Kanon der Schulen gehört. Meine Enkelkinder erzählen mir da Geschichten … Ich wollte nicht nur in das durch die Kirche verklärte Antlitz eines Gottes schauen, sondern diesen Gott der Christenheit von allen Seiten betrachten. Auch von der Rückseite. Das Hinterteil ansehen, um den Altar herumgehen, die christliche Lehre aus einer anderen Perspektive betrachten, mir ein vollständiges, ein umfassendes Bild machen. Den Weihrauch beiseiteschieben, das theologische Gestrüpp durchdringen. Vielleicht auch einmal dem Pfad des Wanderpredigers aus Galiläa folgen, soweit seine Worte als authentisch bezeichnet werden können, denn auf die Aussagen der Theologen ist doch kein Verlass. Wer nach der Wahrheit sucht, darf jedoch nicht zimperlich sein und muss sie, wenn er sie gefunden hat, auch aushalten können. Die überraschende Wahrheit ist, es gibt ihn nicht, den Gott, wie ihn die Kirche vermittelt, die ihn angeblich durch seinen Stellvertreter auf Erden repräsentiert. Die uns lehrt, wie er denn zu sein hat, wie er zu glauben ist, wie Jesus zu verstehen ist, nach seinen authentischen Worten in der Bibel und nach der dogmatischen Lehre der Kirche, so wie sie sich über die Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Selbst beim Inhalt der Bibel ist sich die exegetische Forschung unsicher, wie hoch der tatsächliche Anteil ist, der die authentischen Worte Jesu wiedergibt. Es bleibt am Ende nur sehr wenig übrig. Selbst die Schriften des jüdischen Volkes sind über Jahrhunderte hinweg revidiert, geändert, mehrfach übersetzt und doch nur von Juden für Juden geschrieben worden. Diese Schriften sind als Altes Testament, das das Wirken und die Lehre eines Wanderpredigers angeblich vorhersagt, von den Christen einfach übernommen worden. »Die Bibel«, sagt der Historiker van Schaik, hat zahllose Autoren und »stellt eine chaotisch zusammengestoppelte Sammlung zusammenhangloser Schriften dar«3. Er zitiert Richard Dawkins, der von Schriften spricht, 3 Carel van Schaik und Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit, Rowohlt Verlag, Hamburg, 5. Auflage 2017, Seite 24. 4 Wenn ich dAs geWusst hätte … »die von Hunderten anonymer Autoren, Herausgebern und Kopisten verfasst, umgearbeitet, übersetzt, verfälscht und verändert wurden«4. Für die durch die Kirche formulierten Grundsätze der christlichen Lehren sucht man als Zweifelnder zunächst nach sogenannten Schriftbeweisen, nach angeblichen Traditionsbeweisen, nach begründeten Belegen und findet am Ende doch nur Geschichten, Mythen, Erzählungen, Textmanipulationen, geschönte Überlieferungen, mündliche Wiedergaben und manipulierte Bibelstellen. Man stößt auf Lügen, nicht auf historische Belege, auf Wunschvorstellungen und ekstatische Visionen, statt auf Argumente, die mit der menschlichen Vernunft zu greifen wären. Ob ich den Versuch tatsächlich unternommen hätte, wenn ich gewusst hätte, was mich bei diesem Vorhaben erwartet, da bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich will keine allgemeine Beschimpfung der Kirche vornehmen, keine Anklage erheben, keine Beschreibung von Skandalen, von Mord und Totschlag in der Geschichte beschreiben, obwohl es für eine solche Beschreibung der Kirche, zumal der katholischen Kirche, bis zum heutigen Tage genug Gründe gibt. Dies ist nicht meine Absicht, denn die Frevel der Kirche und ihrer Vertreter sind anderswo umfangreich genug beschrieben worden. Mir geht es um Klarheit, um Vernunftgebrauch, um die tatsächlichen Aussagen, um die Bedeutung der dogmatischen Fundamente der Kirche und ihre Relevanz für die heutige Zeit. Darum, sich Aufklärung zu verschaffen, was der Christ nach der Lehre zu glauben hat und welche Positionen man ohne Aufgabe des Verstandes dazu einnehmen kann. Doch meine Erkenntnisse sind ernüchternd, aber ich will nicht vorgreifen. Meine Erkenntnisse rufen förmlich nach Konsequenzen, verlangen zwingend nach konkreten Handlungen innerhalb der Institution Kirche, wenn sie denn, wenn auch in veränderter Form, überleben will. Ich fürchte jedoch, dass solche Handlungen ausbleiben werden, weil in der Kirche das Unvernünftige, das Undurchschaubare, das Unsinnige und Unverständliche bleiben und nicht abnehmen wird. Weil kein Umdenken in Sicht ist, wird die christliche Lehre und die kirchliche Institution nicht nur an den Rand des Bewusstseins der Menschen, sondern auch an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. 4 Carel van Schaik und Kai Michel, a. a. O., Seite 12. 5 Wenn ich dAs geWusst hätte … Dann werden allerdings auch, wie Joachim Frank in der Berliner Zeitung schreibt5, »neue Formen des Heiligen außerhalb einer Kirche aufkommen«, denn die »Erfahrung des Heiligen ist etwas universell menschliches«. 5 Joachim Frank in: „Berliner Zeitung“ vom 08.04.2018.

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Zusammenfassung

Wir wollen doch alle die Kirche im Dorf lassen. Doch selbst hineingehen, nicht nur an Weihnachten, gar betend dort verweilen, daran ist kaum einer interessiert. Sich gar beschäftigen mit den Glaubensgrundsätzen, die nicht zuletzt zur Errichtung solcher Bauwerke beigetragen haben, dazu sieht nur selten jemand eine Veranlassung.

Burckhard Wienand zeigt einen lohnenden Weg, sich mit den Fundamenten der christlichen Lehre, vor allem der Lehre der katholischen Kirche, zu beschäftigen, die unser Leben über Jahrhunderte hinweg ganz wesentlich mitbestimmt haben. Er stößt die „Geweihten“ von ihrem Sockel und dringt vor zum wesentlichen Kern einer christlichen Überzeugung. Er schiebt die „betonierten“ Glaubensregeln einfach beiseite und zeigt eine Möglichkeit, die kirchlichen Räume wieder mit Leben zu füllen.

Denn die Kirchen werden die Menschen gänzlich verlieren, wenn sie sich nicht auf die eigentliche Botschaft des Wanderpredigers aus Galiläa konzentrieren und konsequent danach leben. Die Fehltritte ihres Personals beschleunigen diesen Erosionsprozess.

Erst wenn der ganze „Pfusch“ beseitigt worden ist, kann die Kirche auch im Dorf bleiben, als Haus für alle Menschen aller Ideologien und Weltanschauungen …