Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172

Tectum, Baden-Baden
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Te ct um Bernhard Uhrig Affe oder Gott? Wie der Mensch wurde, was er ist und was er sein könnte Bernhard Uhrig Affe oder Gott? Bernhard Uhrig Affe oder Gott? Wie der Mensch wurde, was er ist und was er sein könnte Tectum Verlag Bernhard Uhrig Affe oder Gott? Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte © Tectum - ein Verlag in der Nom os Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7217-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes W erk unter der ISBN 978-3-8288-4299-1 im Tectum Verlag erschienen.) U m schlagabbildung: unsplash.com © Rishi Ragunathan, ChokdiDesign Schriftsatz: Dr. Bernd Floßm ann Alle Rechte vorbehalten Inform ationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available online at http://dnb.ddb.de. Dank an meine Frau, Ingrid Kaisers, die mich beraten hat, wann immer ich das Gespräch brauchte. Inhalt Einstieg 1 1. Eine alte Frage 5 Teil I. Wer sind wir? 9 2. Universelles Potential 11 3. Freud u nd die Physik 25 4. D iam ond und die Biologie 31 5. G ehlen u nd die Soziologie 37 Teil II. Woher kommen wir? 41 6 . Soziale Egoisten — Leben in der G ruppe 43 7. Australopithecus — D er aufrechte G ang 51 8 . M am a Afrika - U r-H eim at Afrika 55 9. H om o habilis - Das große G ehirn 59 10. H om e erectus — D ie ersten Auswanderer 65 11. D er N eandertaler — Leben in der Kälte 71 12. H om o sapiens — Die E rfindung der Sprache 75 Teil III. Wohin gehen wir? 81 13. Jäger und Sam m ler — Die A usbreitung des M enschen 83 14. Bauern und V iehzüchter — Die N eolithische Revolution 99 15. G roße Städte, große Reiche — Sicherheit gegen Freiheit 117 16. Die D em okratie A thens — Ein Funke H offnung 135 17. Das M ittelalter — H offen au f das Jenseits 151 18. Eine neue Z eit — Freiheit des Individuum s 163 19. Die Industrielle Revolution — u nd die Arbeiterbewegung 183 20. Neoliberale Politik — Eine Rolle rückwärts 191 VII Teil IV. Individuelle Entwicklung 201 21. G ene und G ehirn 203 22. K inder — V ertrauen schaffen 209 23. Jugendliche — Identität bilden 217 24. Erwachsene — Persönlichkeit entwickeln 225 25. Alte — W eisheit praktizieren 229 Ausstieg 231 Literatur 233 Ü ber den A utor 237 VIII Einstieg In m einer Z eit als „gläubiger M arxist“ studierte ich w ährend der zweiten H älfte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts an der dam aligen Pädagogischen H ochschule Berlin. D o rt lehrte der Professor für Philosophie, Friedrich Tom berg. In seinem Aufsatz „M enschliche N atu r in historisch-m aterialistischer D efin ition“ ist es ihm gelungen m enschliche N atu r u nd Geschichte in einem überzeugend dialektischen Verhältnis zusam m enzubringen. Er war dam it der erste und meines W issens auch einzige M arxist, dem es gelungen ist, den bei den m eisten M arxisten vorherrschenden p latten Soziologismus zu überw inden. Für m ich waren seine Thesen eine O ffenbarung. Schienen sie doch für meine Frage nach dem Verhältnis von biologischen und sozialen Faktoren in der Geschichte u nd in der Entw icklung des Individuum s eine überzeugende E rklärung bereit zu halten. D och die Geschichte der folgenden Jahre u nd Jahrzehnte verlief anders als erwartet: Innerhalb weniger Jahre verschwand der marxistische Ansatz nahezu vollständig aus der wissenschaftlichen und politischen D ebatte, und ich war dam it beschäftigt m einen Schülern D eutsch u nd Geschichte zu verm itteln. Gleichzeitig w underte ich m ich, dass über die vielen Jahre weder W issenschaft ler noch Publizisten den genialen G edanken Tombergs aufgegriffen haben. Jahr für Jahr fragte ich m ich, w ann kom m t endlich das Buch, das diese Idee aufnim m t und ausführt. Es kam nicht, und ich dachte mir, w enn niem and es tu t, muss ich es selbst schreiben. Allerdings hat m ein Glaube an den „wissenschaftlichen Sozialismus“ inzwi schen arg gelitten, so dass ich m ich heute eher als M aterialisten m it einem H ang zu Kants Philosophie bezeichnen würde. Was ist der M ensch? Diese Frage treibt schließlich alle um . D ie einen mehr, die anderen weniger. M ich hat un ter dieser Fragestellung vor allem das Verhältnis von biologischen und sozialen Faktoren interessiert. W elchen Stellenwert hat die genetische D isposition und welchen Einfluss haben die K onstellationen der Geschichte? Lange Z eit schien es ausgemacht, dass der M ensch als soziales W esen vor allem durch die Gesellschaft geform t wird, u nd dass biologische Gegeben heiten allenfalls am R ande eine Rolle spielen. 1 D och dann kam en Biologen wie D iam ond, Dawkins oder Reicholf und konn ten überzeugend darlegen, wie w ichtig geographische, klim atische und biologische Faktoren für die Entw icklung des M enschen waren u nd sind. Die ökologische D ebatte hat diese A kzentuierung au f eindrucksvolle Weise bekräftigt. D och m it dieser Verlagerung auf die biologische Seite tauchten neue Schwierigkeiten auf: D enn w enn der M ensch n u n als eine, w enn auch ungew öhnliche A rt der M enschenaffen, als d ritter Schim panse eingestuft wird, wo bleibt dann das Besondere des M enschen? Diese Fragen m öchte ich n u n in m einen Ü berlegungen verfolgen und in der naturgeschichtlichen u nd geschichtlichen Entw icklung des M enschen nach A ntw orten suchen. In diesem Sinne gliedern sich das Buch in vier große Kapitel: • Wer sind wir? In diesem A bschnitt geht es darum , den Kern der m enschlichen N atu r zu erörtern . Es w ird deutlich, dass der M ensch über ein universelles Vermögen verfügt, das ihm erlaubt, in den u n ter schiedlichsten u nd oft auch höchst elenden geschichtlichen Situationen zurecht zu kom m en, zu leben u nd zu überleben, zu arbeiten u nd zu feiern, K inder groß zu ziehen und alt zu w erden. Allerdings kann dieses gewaltige Potential im m er n u r im Alltag einer bestim m ten historischen Situation realisiert werden, und muss deshalb im m er Stückwerk blei ben . In diesem W iderspruch leben wir M enschen und m üssen dam it klar kom m en. U nd das ist gewiss n icht im m er einfach. • Woher kommen wir? Ü ber viele Entw icklungslinien vor allem der G attung Australopithecus u nd der G attung H om o führt der W eg vor ru n d 200 000 Jahren zum H om o sapiens. Er verfügt über ein kreatives G ehirn und geschickte H ände u nd ist ein ausdauernder Läufer. D urch seine hohe soziale K om petenz und die Fähigkeit zu sprechen eröffnet sich für ihn ein neuer sozialer Raum: die Geschichte. • Wohin gehen wir? Je nach S tandpunk t u nd Fragestellung lässt sich Geschichte sehr unterschiedlich interpretieren und akzentuieren. M ein A ugenm erk richtete sich vor allem auf die von M enschen erkäm pften Freiheiten, denn n u r diese sind die besten Voraussetzungen um das Potential der M enschen optim al zu realisieren. U nter dieser Frage stellung haben sich zwei L euchttürm e, die w elthistorisch bedeutsam 2 w urden, herauskristallisiert: die attische D em okratie u nd die Freiheits rechte der bürgerlichen Gesellschaft. • Individuelle Entwicklung. W eder Geschichte noch individuelle E n t w icklung lassen sich verstehen, w enn m an die grundlegende Trieb struk tu r des M enschen außer Acht lässt: D en W iderspruch zwischen universellem Potential und den vorgefundenen geschichtlichen und sozialen Gegebenheiten. 3 1. EinealteFrage „D ann sagte G ott: ‘N u n wollen wir den M enschen m achen, ein Wesen, das uns ähnlich ist!‘ ... G o tt schuf den M enschen nach seinem Bild, er schuf M ann u nd Frau“ (Genesis 1). N ach dem Selbstverständnis des C hristen tum s ist der M ensch zwar ein von G o tt Geschaffener, u nd es scheint dam it ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Schöpfer u nd G eschöpf aufgetan (vgl. Störig 1 1978, S. 215 ff). Entsprechend ist das Verhältnis zwischen dem M enschen und seinem Schöpfer konstituierend für die m enschliche Existenz. D ennoch bleibt auch festzuhalten, dass G o tt den M enschen nach seinem Bild geschaffen habe: Ein Wesen, das G o tt ähnlich ist. Erstaunlich ist allerdings, wie im A lten Testam ent der G o tt Israels von „seinen K indern“ in schöner Regelm äßigkeit verlangt, alle Feinde, wobei w ohl gem erkt die Stäm m e Israels die Invasoren sind, n icht einfach n u r zu besiegen. N ein, Frauen und K inder m üssen au f seinen Befehl h in abgeschlachtet werden. Sind diese M enschen n ich t auch von ihm , G ott, geschaffen, also gottähnlich? D em gegenüber definiert Aristoteles den M enschen als Z oon Politikon, als politisches Lebewesen, das sich n u r in der Gem einschaft m it seinesgleichen angemessen entwickeln kann (Störig 1, S. 186) . Im Gegensatz zu A lten Testa m en t legt Aristoteles den größten W ert au f die B estim m ung des M enschen als politisches u nd soziales Wesen, was n ich t verw underlich ist, da sein Ideal des m enschlichen Zusam m enlebens die D em okratie des athenischen Stadtstaates war. D am it w ird auch schon der blinde Fleck des M enschenbildes von A risto teles deutlich, denn die athenische D em okratie w ird von den freien M ännern A thens getragen. Für Sklaven, Unfreie u nd Frauen war die Beteiligung am dem okratischen Staatswesen n icht vorgesehen. Für die Gesellschaft des M ittelalters war der M ensch durch u nd durch sündig. Er lebt verkehrt und ist unruhig. „D u hast uns zu dir h in geschaffen und unser H erz ist unruhig, bis es ruhe in d ir“ (Augustinus, zit. nach Weischedel, S. 80). U rsprünglich sei der M ensch zwar als ein gutes W esen geschaffen worden, aber durch die Sünde Adams gegen die W eisung G ottes vom Baum der Erkenntnis zu essen, von G rund auf verderbt. Augustinus vertritt die pau linische Lehre von der Erbsünde, durch die der M ensch geschlagen sei und von der er n u r durch ein gottesfürchtiges Leben errettet werden kann (S. 81). 5 Z u einem ähnlichen Ergebnis, w enn auch ohne Bezug zu Religion, kom m t Thom as Hobbes, w enn er form uliert, ein W olf sei der M ensch dem M enschen (hom o hom ini lupus). Zwar relativiert er seine These dahingehend, dass die M enschen einen Staat schufen um Rechtschutz und Sicherheit zu finden. D och von N atu r aus sei der M ensch ein Egoist u nd strebe n u r danach seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es herrsche daher ein „Krieg aller gegen alle“ (Störig 1, S. 298). N u r ein starker Staat verm ag die Egoismen zu zügeln u nd alle dem gleichen Recht unterzuordnen. Es bleibt dabei: Für Thomas H obbes ist die W olfsnatur des M enschen A usgangspunkt seiner Ü berlegungen, wobei die Vergleiche m it dem Tierreich bestim m te Fähigkeiten des M enschen eher verharm losen, wie noch zu zeigen sein wird. In der klassischen deutschen Philosophie von K ant bis Hegel steht der Begriff der V ernunft im Z en trum der neuen bürgerlichen W eltanschauung. V ernunft w ird dabei als das kritische Vermögen des M enschen definiert sich von alten, überkom m enen und n ich t legitim ierten Vorstellungen u nd A utori täten zu befreien. V ernunft w ird realisiert durch Aufklärung. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbstverschul deten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das U nverm ögen, sich seines Ver standes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese U nm ündigkeit, w enn die Ursache derselben n ich t am M angel des Verstandes, sondern der Entschließung und des M utes liegt sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! H abe M ut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der W ahlspruch der A ufklärung“ (Kant S. 1) In seinem kurzen Abriss führt K ant weiter aus: „Zu dieser A ufklärung aber w ird nichts erfordert als Freiheit; u nd zwar die unschädlichste un ter allem, was nur Freiheit heißen mag, näm lich die: von seiner V ernunft in allen S tü cken öffentlichen Gebrauch zu m achen.“ (S. 2) Für K ant gehört es unabding bar zur m enschlichen N atur, Erkenntnisse zu erweitern, sie von Irrtüm ern zu reinigen und „überhaupt in der A ufklärung w eiterzuschreiten“. A uf sie zu ver zichten, hieße „die heiligen Rechte der M enschheit verletzen und m it Füßen treten (S. 6). Als das zentrale Verm ögen des M enschen zählt die V ernunft, wobei an die ser zweifellos w ichtigen B estim m ung vieles offen bleibt: U nter anderem die Frage, wieso sie gerade zu dem genannten Z eitpunk t in Erscheinung tritt und wo sie in der Z eit zuvor geblieben war. H aben die M enschen in den Jahrtau- 6 senden zuvor alle gegen die V ernunft oder möglicherweise ohne Bewusstsein ihrer V ernunft gelebt? W ie auch imm er: H alten w ir hier fest: D er M ensch soll m it V ernunft begabt sein. Die A ntw ort ließ n ich t lange au f sich w erten. Nachfolgende Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche beschäftigen sich m ehr m it dem Komplex der Gefühle. Einige Jahrzehnte später tra t Freud au f den Plan. Er prägte unser Verständnis des M enschen bis heute. Für Sigm und Freud ist der M ensch ein sexbesessener M aniac. D a der W unsch nach sexueller Befriedigung so stark sei, stellten die M enschen den W unsch nach genitaler Befriedigung in den M itte lpunk t ihres Lebens und betrachteten alle anderen M enschen und die gesamte äußere U m w elt als M it tel zum Zweck. Freud sieht im M enschen eine „wilde Bestie, der die Schonung der eigenen A rt frem d ist“ (Freud G W 14, S. 471). Diese wenigen, m ehr oder weniger zufällig ausgewählten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich der M ensch gesehen werden kann: Von zutiefst böse bis grundlegend gut, schw ankend zwischen vernunftgeleitetem H andeln und finsterem, triebbestim m ten Verhalten; von tierischer N atu r bis gottähnlicher Bestim m theit ist alles drin. Was nun? K ann m an sich für eine Version entscheiden u nd die anderen vergessen, ohne dass wichtige Bestim m ungen un ter den Tisch fallen? O der gibt es, bzw. m uss es eine D efin ition der m enschlichen N atu r geben, die alle Aspekte umfasst? D arum w ird es im folgenden gehen. 7 T eil I. Wer sin d w ir? 2. Universelles Potential W enn wir n u n wissen wollen, was der M ensch im eigentlichen Sinne ist, was sein inneres W esen ausm acht, w ohin müsse w ir dann schauen? Eine der auf fälligsten Eigenschaften des M enschen im Vergleich zu seinen nächsten Ver w andten im Tierreich, den großen M enschenaffen, ist der aufrechte Gang. Im Unterschied zu ihnen gehen wir, sobald w ir dies in den ersten M onaten oft mühselig, aber hartnäckig gelernt haben, durchgehend aufrecht und haben die H ände frei für alle m öglichen Tätigkeiten. Bei näherem H insehen wird jedoch deutlich, dass der aufrechte Gang, zwar n ich t in der E indeutigkeit wie beim M enschen, doch bei vielen Tieren in den unterschiedlichsten Varianten vorkom m t. O b m an n u n einen Strauß oder ein K änguru beobachtet, in bei den Fällen hat sich aus ganz unterschiedlichen N otw endigkeiten der Evolution die Vorwärtsbewegung au f zwei Beinen herausgebildet. A uch viele Affen, wie Schim pansen, O rang-U tans oder G ibbons gehen zum indest streckenweise auf recht. O ffensichtlich gibt dieses M erkm al doch n ich t so viel her um M ensch und Tier, bzw. M ensch u nd Affe eindeutig unterscheiden zu können. Lange Z eit betrachtete m an den G ebrauch von W erkzeug als eine typische Fähigkeit des M enschen. Aber auch hier w urde sehr schnell deutlich, dass viele Tiere die unterschiedlichsten W erkzeuge benutzen um ihr Ü berleben zu sichern. Schim pansen schieben Stöcke in T erm itenbauten um an die begehrten Term iten zu kom m en, Paviane verteidigen sich m it K nüppeln gegen Leopar den u nd eine A rt der berühm ten Galapagos-Finken stochert m it den Stacheln von Kakteen nach den begehrten Insekten. W enn aber diese genannten u nd verschiedene andere M erkm ale zwar w ichtig aber n icht h inreichend sind, um die Besonderheit des M enschen zu erfassen, wo m üssen wir dann suchen? In seiner Auseinandersetzung m it Feuerbach form uliert Karl M arx 11 The sen über die Philosophie Ludwig Feuerbachs. Diese 11 Thesen gehören zu den bekannteren Schriften M arxens. In der 6 . These heiß t es: „ ... das menschliche W esen ist kein dem einzelnen Individuum innew ohnendes A bstraktum . In seiner W irklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (M E W 3, S. 6 ) 11 W enn ich m ich der These vom h interen Teil annähere, stellt sich zuerst die Frage, was M arx m it „dem Ensemble der gesellschaftliche Verhältnisse“ m eint. Betrifft es nu r die Gesellschaft, die M arx direkt vor Augen hatte, also seine eigene Z eit um 1845, oder m eint er alle Gesellschaften seit Entw icklung des M enschen? Er spricht im Plural, also ist w ohl letzteres gem eint. W ie sieht es aber m it zukünftigen Gesellschaften aus? M arx war ein politisch denken der M ensch und hatte ziemlich präzise Vorstellungen, wie die politische und gesellschaftliche Entw icklung sich aus seiner Sicht vollziehen sollte. Schließ lich beabsichtigte er m it seiner politischen A rbeit genau daraufhin zu wirken. Zwar ist es anders gekom m en, die Geschichte hat sich n icht an M arxens Vor gaben gehalten. D ennoch kann m an hier davon ausgehen, dass auch zukünf tige Gesellschaften unter dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse m itgedacht werden sollen. H alten w ir uns vor Augen, was dies für das m enschliche W esen bedeu tet: M enschen leben als Jäger und Sam m ler sowohl im tropischen Dschungel, in den Tundren der Eiszeit wie unter der sengenden Sonne der Savanne. Sie roden ganze W älder und ackern au f den Feldern oder ziehen als V iehzüchter von Wasserstelle zu Wasserstelle. Im alten Ägypten errichten sie die Pyram iden u nd ernten ein paar W ochen später die Zwiebeln au f ihren Feldern. Im M ittelalter bauen sie den Kölner D om und in jüngerer Zeit entwickeln sie Lokom otive u nd A uto u nd konstruieren den Airbus. Parallel erfinden sie Pfeil und Bogen, schm ieden Schwerter u nd entwickeln in unserer Z eit M as senvernichtungswaffen, m it deren Hilfe sie in der Lage sind, das m enschliche Leben auf der Erde m ehrfach zu zerstören. G ib t es etwas, das dieses W esen n ich t kann? Ich habe keine Zweifel, dass wir irgendw ann in naher Z ukunft auch in der Lage sein werden die Erde in R ichtung W eltraum zu verlassen, andere Sonnensystem e zu erreichen und deren Planeten zu besuchen. H öchst wahrscheinlich werden w ir au f einigen Planeten auch diverse Form en des Lebens und m ith in auch intelligentes, uns ebenbürtiges Leben finden. Im H inblick au f die M illiarden von Sonnen und der um ein Vielfaches größeren Anzahl von Planeten und angesichts der Potenz, Vielfältigkeit und R obustheit der evolutionären Entw icklung wäre es geradezu unwahrscheinlich, w enn wir die einzigen im Universum wären. Das Problem w ird weniger sein intelligentes Leben zu finden, als zu verhindern, dass wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen bevor wir m iteinander kom m unizieren. 12 N ich t zufällig heiß t eine der großen Erzählungen über den Vorstoß in den W eltraum „Krieg der Sterne“. Diese Tage gab es eine N achrichten, die in diese R ich tung deutet (vgl. Berl. Z eitung vom 4 ./5 .12 .2010). So haben W issenschaftler der Europäischen Süd sternwarte in C hile die A tm osphäre eines Planeten in 40 Lichtjahren E ntfer nung (GJ 1214b) untersucht u nd festgestellt, dass diese W asserdam pf enthält. Leben wäre dem nach möglich. In diesem Zusam m enhang hat der Astrophysi ker Stephen H aw king davor gewarnt K ontakt m it außerirdischen intelligenten Lebewesen aufzunehm en, denn diese besäßen verm utlich die besseren Waffen und w ürden die Erde erobern u nd ausplündern. Diese G efahr besteht sicher lich, wobei sich die Frage auch um drehen lässt: Angesichts unserer eigenen Geschichte m ag ich m ir gar n ich t vorstellen, wie wir M enschen uns verhalten w ürden, w enn w ir in der Lage wären, frem de Planeten m it höher entwickel tem Leben zu erreichen oder gar zu erobern. Selbstverständlich können M enschen die Naturgesetze n ich t außer Kraft setzen. W ir sind aus der N atu r hervorgegangen und bleiben Teil der N atur. Das G roßartige ist jedoch, dass wir in der Lage sind, diese Gesetze zu erkennen und für uns nutzbar zu machen. Ich kom m e zurück zu der Ausgangsfrage: Was ist das für ein Wesen, das all dies zustande bringt? H ält m an sich die Geschichte und mögliche Z ukunft vor Augen, bleibt n u r diese Schlussfolgerung: M enschen besitzen universelles Potential. In einem B onm ot w ird gefordert: Ich will alles u nd zwar sofort! W enn auch ironisch gem eint, ist es n ich t völlig daneben. M enschen kennen keine Grenzen, im G uten wie im Bösen. Sie schauen zu den Sternen in der H offnung, dass sich ihre W ünsche erfüllen, u nd sie wollen zu den Sternen. Letztlich wollen sie, blasphem isch ausgedrückt, sein wie G ott. Universelles Potential vorausgesetzt, muss es natürlicherweise seine m ate rielle G rundlage in der biologischen S truk tur des M enschen haben. Es muss dem entsprechend im m enschlichen G enom verankert sein. In den Jahren 1990 bis 2003 arbeiteten über 100 W issenschaftler im R ah m en des H um angenom projektes daran, das G enom des M enschen vollständig zu entschlüsseln, d. h. die Abfolge der Basenpaare der m enschlichen D N A auf ihren einzelnen C hrom osom en in ihrer Reihenfolge zu identifizieren. Im Jahre 1998 bekam das H um angenom projekt durch die von Craig Venter gegründete U S-Firm a Celera private Konkurrenz. 13 2001 haben beide U nternehm en unabhängig voneinander die Sequenzie rung des m enschlichen G enom s verkündet. Seit April 2003 gilt der Bauplan des m enschlichen O rganism us offiziell als in vollem U m fang entschlüsselt. Was w urden n ich t für H offnungen an dieses Projekt geknüpft: Viele E rbkrank heiten ließen sich heilen, der Bauplan des M enschen sei entschlüsselt, m an erhoffte sich gar das Verstehen des göttlichen Bauplans. Bei der Vorstellung des erfolgreichen Projektes sprach der damalige U S-Präsident Bill C lin ton von einer „phänom enalen Forschungsleistung“ (Berl. Z eitung vom 27.6.2000). W issenschaftler zogen Vergleiche m it den Entdeckungen von Kopernikus und D arw in. Keine Frage, die Entschlüsselung des m enschlichen G enom s war in der Tat eine großartige wissenschaftliche Leistung. Bald danach hat sich allerdings eine gewisse E rnüchterung breit gem acht, u nd es zeigte sich, dass die beschriebene Entschlüsselung lediglich der erste Schritt von vielen weiteren war, die noch folgen m üssen um den „göttlichen Bauplan“ w irklich zu verstehen. Es hat sich sogar herausgestellt, dass sich die G enom e von M ensch u nd beispielsweise Schim panse lediglich in 1,2% der 3,2 M illiarden Paare, die in den D oppe l strängen der D N S in Paaren angeordnet sind, unterscheiden. Viele W issen schaftler aus verschiedenen Ländern haben an der Aufgabe gearbeitet, das E rb gut des Schim pansen zu entziffern und m it dem des M enschen zu vergleichen. D ie Ergebnisse w urden im W issenschaftsmagazin N ature veröffentlicht. Es stellte sich heraus, dass die Unterschiede im G enom der beiden A rten , die sich vor ru n d 6 M illionen Jahren in ihrer Entw icklung trenn ten , relativ gering sind. Gleichzeitig stellte einer der beteiligten W issenschaftler, Tarjei Mikkelsen von der H arvard University m it Bedauern fest, dass sie, die beteiligten W issen schaftler, bislang n ich t wüssten, „welche unserer genetischen Eigenschaften dazu geführt haben, dass wir M enschen auf zwei Beinen laufen, über ein großes G ehirn u nd eine komplexe Sprache verfügen“ (Berl. Z eitung vom 1.9.2005). Z ehn Jahre nach der weltweit gefeierten Analyse des m enschlichen G enom s u nd nach euphorischen A nkündigungen einer neuen G eneration von M edi kam enten, die au f der G rundlage einer individuellen Genom analyse m aßge schneidert hergestellt w erden sollten, hat sich gezeigt, dass die Erw artungen zu hoch u nd die Euphorie verfrüht waren. D ie Vorstellung, dass ein bestim m tes G en für ein einzelnes M erkm al wie Haarfarbe, Augenfarbe oder gar Intelligenz zuständig sei, ha t sich als falsch 14 erwiesen. In der Regel sind an einem M erkm al viele G ene beteiligt, u nd um ge kehrt ist ein G en häufig an verschiedenen M erkm alen beteiligt. Es geht also darum diese komplexe Beziehungen zu verstehen. Bisher kennen w ir quasi den W ortschatz. Die Sätze u nd die Beziehung zwischen den Sätzen liegen noch im D unkeln. A ußerdem hat m an inzwischen begonnen, den weitaus größeren Teil des m enschlichen Genom s, das keine Gene enthält und bisher als „M üll-D N S“ ignoriert wurde, in Augenschein zu nehm en. Dabei stellte sich heraus, dass es sich keinesfalls um Abfall handelt, sondern dass diese Teile m it den G enen interagieren. Aber auch w enn w ir die Sätze und die 'G esch ichte‘ lesen können, ist n icht zu erwarten, dass die N atu r des M enschen entschlüsselt vor uns liegt. D er M ensch ist keine M aschine, bei der die Gene quasi die Blaupause liefert. V iel m ehr agieren die Gene untereinander, sie stehen im Austausch m it ihrer Zelle und werden durch den gesamten Körper und seine U m w elt beeinflusst. Diesen kom plexen Zusam m enhang gilt es zu verstehen, w enn m an in E rfahrung bringen will, wie einzelne G ene sich auf bestim m te Eigenschaften auswirken (vgl. Tagesspiegel vom 5.12. 2010 ). N ichtsdestotrotz: W enn die Forschung bisher noch keinen wesentlichen Unterschied zu unseren tierischen V erw andten in der Analyse der jeweiligen G enom e zu Tage gefördert hat, so muss er doch vorhanden sein. Sonst ließe sich die unterschiedliche Entw ick lung, die M enschen und andere Prim aten genom m en haben, n ich t erklären. D enn wie sollte es sonst möglich sein, dass die M enschen die ganze Erde besiedelt haben, die Erde gem äß ihren Bedürfnissen um gestaltet und ausge beutet haben, w ährend — um bei den Schim pansen zu bleiben — diese um ihre Lebenswelt käm pfen m üssen und möglicherweise vom Aussterben bedroht sind. Sie werden gejagt, getötet oder gefangen, u nd wir M enschen sind dabei, ihre letzten Lebensräum e zu vernichten. Es ist an der Zeit, dass wir unseren nächsten V erw andten endlich den nötigen Respekt erweisen, ihre A rt zu leben akzeptieren u nd ihnen den nötigen Lebensraum zugestehen. U m es noch einm al zu betonen: Das universelle Potential, das den M en schen auszeichnet, muss in seinem E rbgut angelegt sein. Es m uss also nach der T rennung von unserem nächsten Verwandten, dem Schim pansen, vor ru n d 6 M illionen Jahren eine Entw icklung eingesetzt haben, die uns aus dem Tierreich herauskatapultiert hat. Dieser revolutionäre Verlauf hat dam it zu tun , dass ab 15 einem gewissen Punkt die biologische, evolutionäre Entw icklung durch h is torische und kulturelle G esetzm äßigkeiten überlagert wird. Ich kom m e später noch einm al ausführlich darauf zurück. Schließlich wende ich m ich noch ein mal der bereits angesprochenen 6 . Feuerbach-These von M arx zu, und zwar dem ersten Teil: In der M öglichkeit, die im genetischen Potential angelegt ist, kann m an das m enschliche W esen sehr wohl als ein dem einzelnen Individu um innew ohnendes A bstraktum bezeichnen. Als Potential ist die universelle Entwicklungsfähigkeit in jedem m enschlichen Individuum angelegt. N u n ist diese M öglichkeit n ich t einfach vorhanden u nd in die Beliebigkeit jedes ein zelnen gestellt, ob er sie verwirklicht oder nicht. D er M ensch hat keine andere W ahl: Er m uss diese M öglichkeit in die Realität umsetzen. Tom berg n en n t dies eine notw endige M öglichkeit. „Er ist aus, der Sicht seiner Vollendung, anfänglich erst M enschen-M öglichkeit, als diese aber, so wie er existiert, voll u nd ganz wirklich. Es ist seine N atur, sich als M ensch ausbilden zu müssen. Seine M öglichkeit, M ensch zu sein, ist eine notw endige M öglichkeit, sie ist seine natürliche Bestim m ung, die er m ehr oder weniger verfehlen, vor der er jedoch n ich t in eine andere Seinsweise aus weichen k ann .“ (Tomberg, 1978, S. 61) W ir können dies m it Freude tun oder daran verzweifeln, im Taum el des Rausches agieren oder uns im A lltagstrott verlieren, wir können es aber n icht — n ich t tun . W ir haben n icht die Freiheit zu entscheiden, ob wir unser universelles Potential verwirklichen wollen, son dern nur, wie wir sie realisieren. W ir m üssen es tun , u nd tun es im m er auch in einer bestim m ten Zeit, an einem bestim m ten O rt und dam it auch in einer bestim m ten gesellschaft lich-historischen Situation. Ein M ensch ist n icht allein, isoliert au f der W elt u nd beginnt seine M öglichkeiten zu realisieren. Er lebte beispielsweise als Bauer im alten Ägypten u nd lernte pflügen, säen u nd viele andere Dinge, die er für seinen Lebensunterhalt brauchte. Er wusste den Stand des Getreides einzuschätzen und kannte sich vielleicht m it der N ilflu t aus. Er konnte in der Regel n icht lesen u nd schreiben, denn dies lernten n u r die Schreiber. D afür hätte der Bauer in eine andere Schicht aufsteigen müssen, was n u r in den seltensten Fällen m öglich war. U m gekehrt konnte der Schreiber in der Regel wenig oder nichts darüber wissen, wie Saat u nd Ernte im Wechsel der Jahres zeiten verliefen, noch viel weniger konnte er selbst als Bauer tätig sein. 16 N u n kann m an einwenden, dass dies in unserer m odernen Gesellschaft ganz anders sei und hier jeder die C hance habe alles zu lernen, was er will. Dies ist keine Frage, doch auch hier gilt: Indem ich eines tue, schließe ich unzählige andere M öglichkeiten aus. W enn ich D eutsch als M uttersprache lerne, sind dam it alle anderen Sprachen ausgeschlossen — in Ausnahm efällen kann es noch eine zweite oder gar eine dritte sein, aber das war es dann auch. N atürlich kann ich später weitere Frem dsprachen lernen, u nd m anche Sprach genies schaffen es sogar, zehn u nd m ehr Sprachen flüssig zu sprechen. Aber dann bleiben im m er noch hunderte Sprachen übrig. G anz zu schweigen von den anderen Potentialen, die im Beruf, Sport, in der M usik und in vielen anderen Bereichen noch m öglich sind. M an kann es drehen und w enden, wie m an will: U m das universelle Verm ögen in Gänze zu realisieren, müsste m an ewig leben — u nd dem sind bekanntlich recht enge Grenzen gesetzt. Das universelle Verm ögen drängt, realisiert zu werden, u nd kann doch im m er n u r partiell verwirklicht werden: Das ist die grundlegende Tragik m enschlicher Existenz. Dieser W iderspruch treibt uns in allem, was wir tun , und lässt uns m anchm al an uns selbst verzweifeln. Er treibt M enschen zu gefährlichen A benteuern, historischen G roßtaten und zu den verabscheuungswürdigsten Verbrechen. D am it w ird der grundlegende W iderspruch deutlich, der für uns M enschen bestim m end ist: Universelles Vermögen, das sich im m er n u r eingeschränkt verwirklichen kann — universelle M öglichkeiten in der Beschränktheit einer bestim m ten sozialen Lage in einer konkreten historischen Situation. Oder, blasphem isch ausgedrückt: Göttliches K önnen gegen alltäglichen Kleinkram. Religiöse M enschen nennen dieses universelle Verm ögen die Seele. U nd die H offnung, dass die Seele ewig lebe, ist nichts anderes als die H offnung, dass das universelle Vermögen angesichts eines alltäglichen Alltags doch noch an einem anderen O rt w irklich w erden könnte. U nter diesem Aspekt lässt auch die Erzählung vom Paradies, als die M en schen im G arten Eden eins m it sich waren, als M ann u nd Frau „eins, m it Leib und Seele“ (IM ose, Genesis 2) waren, n u r zwei Interpretationsm öglichkeiten zu: Entw eder es ist nu r eine from m e Geschichte oder es w ird ein vorm enschli cher Z ustand beschrieben. M enschen im eigentlichen Sinne waren A dam und Eva vor dem Sündenfall jedenfalls nicht. D enn au f die A ndrohung Gottes, dass die M enschen sterben w ürden, äßen sie vom Baum des W issens, zischelt 17 die Schlange: „. au f keinen Fall werdet ihr sterben. Aber G o tt weiß, sobald ihr davon esst, werden euch die Augen aufgehen und ihr werdet alles wissen, genau wie G ott. D ann werdet ihr euer Leben selbst in die H an d nehm en können .“ In der A nm erkung w ird zusätzlich ausgeführt, dass un ter W issen die Erkenntnis des G uten u nd Schlechten zu verstehen ist (1, Mose, Genesis 2,3). Das bedeutet, erst m it dem Sündenfall u nd darauf folgend der Vertreibung aus dem Paradies werden A dam und Eva zu dem , was sie heute noch sind: M enschen. G ottähnlich u nd gleichzeitig zu harter A rbeit verdonnert, die viel M ühe u nd Schweiß kosten. Von daher ist es jedem M enschen aufgegeben seinen W eg zu finden zwi schen G lück und Unglück, H offnung und Verzweiflung, zwischen Liebe und Hass. Jeder m uss sich seinen Sinn erarbeiten zwischen U topie und A ktion, zwischen Hilfsbereitschaft und M ordlust. N u n ist jeder M ensch ein Individuum , einzigartig und unverwechselbar. So wie jeder M ensch über einen Fingerabdruck verfügt, der ihn von allen anderen M enschen unterscheidet, so m uss m an davon ausgehen, dass auch das un i verselle Vermögen im m er n u r in der jeweiligen individuellen Ausprägung exis tiert. Jeder M ensch besitzt das universelle Verm ögen in der n u r ihm eigenen Fassung u nd realisiert es gemäß der ihm gegebenen einzigartigen Bedingungen. A uf der Grundlage der Arbeiten von M arx hat sich Friedrich Tomberg schon in den 70ern m it dieser Problem atik auseinandergesetzt. „Die M enschen haben sich“, so stellt er fest, „von der N otw endigkeit der N atu r getrieben, innerhalb dieser N atu r als besonders geartete Lebewesen form iert, indem sie die M ittel zur E rhaltung ihres Lebens durch A rbeit produzieren. Die A rbeit ist seither die naturnotw endige Grundlage der Existenz des M enschen“ (Tomberg, 1978, S. 44). D er Begriff der A rbeit w ird je nach S tandpunkt und wissenschaftlicher Arbeitsweise unterschiedlich benutzt; hier ist er in dem Sinne zu verstehen, dass unter A rbeit die m enschliche Tätigkeit schlechthin gem eint ist. Tiere und dam it auch die großen M enschenaffen üben Tätigkeiten aus, wobei die beson dere Tätigkeit, die hier A rbeit genannt wird, ausschließlich dem M enschen vorbehalten ist. M arx selber beschreibt den Sachverhalt sehr anschaulich: „Die seiner (des M enschen d. V.) Leiblichkeit angehörigen N aturkräfte, Arm e und Beine, K opf u nd H and, setzt er in Bewegung, um sich den N atu rsto ff in einer für sein eigene Leben brauchbaren Form anzueignen. . E r entwickelt die in 18 ihr schlum m ernden Potenzen und unterw irft das Spiel ihrer Kräfte seiner eige nen B otm äßigkeit“ (M E W 23, S. 192). Tom berg n en n t die Entgegensetzung der m enschlichen N atu r innerhalb der N atur, das Verm ögen des M enschen gegenüber der N atu r eigenständige N atu rm acht zu sein, in A nlehnung an die klassische deutsche Philosophie: V ernunft-N atur. In diesem Sinne ist das Selbstbewusstsein konstituierend für die m enschliche N atur. Selbstverständ lich ist das Selbstbewusstsein grundlegend für die m enschliche Existenz, aber es ist eben n icht nu r der Kopf, sondern auch Arme, Beine, H and , wie M arx es ausgedrückt hat, oder auch um die Reihe fortzusetzen, der aufrechte Gang, die Augen des M enschen, sein Sprechapparat usw. Aus diesem G rund bleibe ich bei m einem Begriff des universellen Potentials, er scheint m ir am besten geeignet, die Potenzen des M enschen zu fassen. M enschen haben keine Flügel, trotzdem können sie weiter und schneller fliegen als jeder Vogel. M it Raketen, Raum fahrzeugen und Satelliten dringen sie sogar in den W eltraum vor. M enschen haben keine Kiemen, können aber trotzdem Jahre über oder un ter Wasser verbringen, ohne au f ihre gew ohnten Lebensum stände verzichten zu müssen. Sie können sich schneller, weiter und bequem er als jedes Tier von einem x-beliebigen O r t au f der Erde zu einem anderen bewegen. M enschen haben auch keine Adleraugen, trotzdem können sie m it Hilfe ihrer Instrum ente und A pparaturen in D im ensionen sowohl im G roßen wie im Kleinen vordringen, die für kein Tier erreichbar sind. In seiner N aturphilosophie beschreibt Hegel die G rundbefindlichkeit alles Lebendigen „m it dem G efühl des M angels und dem Trieb, ihn aufzuheben. ... E in solches, das den W iderspruch seiner selbst in sich zu haben u nd zu ertra gen fähig ist, ist das Subjekt;“ (Hegel, Bd. 9, S. 468/469) Dies gilt n u n für die Individuen jeder lebenden Spezies, wo liegt nun aber die Besonderheit, die den M enschen auszeichnet? Hegel w ürde verm utlich zu einer längeren Vorlesung ausholen u nd den M enschen in der heutigen Term inologie als ein m it Selbstbewusstsein und V ernunft ausgestattetes geistiges W esen charakte risieren. W ährend sich Begriffe wie Selbstbewusstsein und V ernunft durchaus m it der m odernen wissenschaftlichen Diskussion vereinbaren lassen, so ist die Vorstellung von M ensch und K ultur als Geist nu r schwer verdaulich. W ie auch imm er: W enn ich zu dem Begriff des universellen Potentials zurückkom m e, so ergeben sich jetzt für die U nterscheidung zwischen tieri schem und m enschlichem Leben weitreichende Konsequenzen: D enn w äh 19 rend alle Tiere bis h in zu den großen M enschenaffen als Individuen einer A rt zwar auch den W iderspruch alles Lebenden in sich tragen, können sie diesen W iderspruch lösen, indem sie ihre Triebe im m er wieder realisieren. Sprich: W enn der Löwe sich gründlich satt gefressen hat, liegt er m ehrere S tunden faul in der Savanne und fühlt sich eins m it der Welt. D er M ensch ist prinzipiell nie eins m it der W elt. Deshalb entwickelt er seit Beginn seines M ensch-Seins im R ahm en der Auseinandersetzung m it der N atur, in seiner Tätigkeit, in seiner A rbeit eine neue D im ension, die n u r dem M enschen eigen ist: Ich m öchte sie spirituelle A rbeit nennen und bezeichne dam it alle Tätigkeiten spiritueller, religiöser u nd künstlerischer Art, die dem M enschen dazu dient, sich selbst zu finden, eins zu werden m it der N atur. D am it verdoppelt sich quasi die m enschliche Tätigkeit: Es gibt die Arbeit, m it der Absicht die N atu r entsprechend m enschlicher Bedürfnisse um zuge stalten und die spirituelle Arbeit, die dazu d ient den n ich t auflösbaren W ider spruch zwischen universellem Potential u nd seiner im m er n u r partiell m ög lichen Realisierung auszuhalten und/oder für die m enschliche Entw icklung fruchtbar zu m achen. Die Resultate kann m an bestaunen von den Pyram iden über gotische K athedralen bis zu den M useum sbauten Frank Gehrys, von den Bildern Leonardo da Vincis bis zu den Expressionisten um n u r einige Beispiele zu nennen. M an kann sich dies allerdings n icht als getrennte Bereiche vorstellen, son dern nu r in der Weise, dass in jedem Akt der Arbeit beide M om ente vorhan den sind u nd m al der eine m al der andere Aspekt dom iniert. K unst hat also die Aufgabe au f der sinnlich-ästhetischen Ebene die K luft zwischen universellem Potential und historisch gegebener Situation offenzu legen und gleichzeitig die Realität des universellen Potentials im K unstw erk zu verdeutlichen — quasi das n ich t M ögliche hier u nd jetzt erlebbar zu m achen u nd zu genießen. Hegel sieht in der Kunst die „sinnliche D arstellung des Abso lu ten“ (Hegel G W 13 S. 100). N eben der K unst gehören das W echselspiel von G lauben und W issen von A nfang an zu den konstitu ierenden M erkm alen einer W eltanschauung. Schon w enn bei einer Jagdzerem onie in der Altsteinzeit m it Tanz und Gesang der Jagderfolg beschworen wird, bilden der Glaube, dass das B itten bei einer höheren M acht den Jagderfolg bringen wird, das W issen über die gejagten Tiere und die Beherrschung der jeweiligen Jagdtechniken u nd Tanz u nd Gesang bzw. H öhlenm alerei als Beschwörung eine Einheit, die 20 den erhofften Erfolg garantieren soll. In diesem allgemeinen Sinne gilt dies bis heute, n u r dass sich die einzelnen Aspekte weiterentwickelt, differenziert und verselbständigt haben. Es ist also davon auszugehen, dass diese drei Aspekte Glauben, W issen u nd K unst die Tätigkeit des M enschen durchdringen und für sein Leben konstituierend sind: Sie m achen das U nm ögliche m öglich und zeigen den M enschen in seinem universellen Potential. Gelingt einem M enschen die Balance zwischen seinen universellen M ög lichkeiten und den realen G egebenheiten, gelingt ihm die Balance auf des Messers Schneide, ist er ein glücklicher M ensch. Das vorherrschende Gefühl ist die Liebe, die Bejahung seines Lebens. „W enn ich einen M enschen wirklich liebe, liebe ich alle M enschen, liebe ich die ganze W elt und liebe ich das Leben. W enn ich zu einem anderen sagen kann: ,Ich liebe dich‘, m uss ich auch sagen können: Ich liebe in dir alle M enschen, ich liebe in dir die W elt, ich liebe in dir auch m ich selbst“ (From m 1979, S. 70) Das bedeutet, das erste, grundlegends te u nd für das Ü berleben wichtigste G efühl ist die Liebe. K ann ein M ensch dieses G efühl für sich entwickeln und ausbauen, kann er die Balance zwischen seinen universellen M öglichkeiten und seiner gegebenen Situation im m er wie der herstellen, w ird er sich zu einer souveränen Persönlichkeit entwickeln, die au f einer universellen und liebevollen H inw endung zur W elt basiert. In den M om enten, in denen er diese E inheit erlebt, ist er glücklich. Gelingt es einem M enschen n ich t seine universelle Fähigkeit in seiner rea len Lebenswelt zu realisieren, kann er n icht glücklich werden. Gleichgültigkeit oder Verzweiflung werden sein Leben bestim m en. O der er w ird sich im Hass ausleben — sei es gegen sich selbst oder seine M itm enschen. Im schlim m s ten Fall w ird er n ich t m ehr leben wollen. „Die Hoffnungslosigkeit ist selber, im zeitlichen wie sachlichen Sinn, das U nhaltbarste, das ganz u nd gar dem m enschlichen Bedürfnisse U nerträgliche“ (Bloch S. 3) D och die H offnung stirbt zuletzt. Solange der M ensch lebt, w ird er hoffen, sein Schicksal doch noch zu w enden. „Das Leben aller M enschen ist von Tagträum en durchzogen, darin ist ein Teil lediglich, auch entnervende Flucht, auch Beute für Betrüger, aber ein anderer Teil reizt auf, lässt m it dem schlecht vorhandenen sich nicht abfinden, lässt eben n ich t entsagen. Dieser andere Teil ist das H offen im Kern, und er ist lehrbar.“ (Bloch S. 1) 21 G roße D ichter wussten schon immer, dass M enschen ihr Leben n ich t auf die alltäglichen G egebenheiten reduzieren können. W ir sind zu Besserem geboren als das, was w ir vorfinden. U nd die H offnung auf das Bessere lässt uns leben u nd hoffen. G enau diesen Sachverhalt b ring t Schiller in seinem G edicht zum Ausdruck. Friedrich von Schiller Hoffnung Es reden und träumen die Menschen viel Von bessern künftigen Tagen, Nach einem glücklichen goldenen Ziel Sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, Doch der Mensch hofft immer Verbesserung! Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, Sie umflattert den fröhlichen Knaben, Den Jüngling begeistert ihr Zauberschein, Sie wird mit dem Greis nicht begraben, Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf. Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Toren; Im Herzen kündet es laut sich an, Zu was Besserm sind wir geboren! U nd was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht. U nd selbst w enn ein M ensch stirbt, lebt die H offnung in den Zurückgeblie benen weiter. 22 W er m oderne Lyrik liebt, sei au f den Song der Toten H osen „Tage wie diese“ verwiesen. Auch w enn er inzwischen von vielen gesungen und teilweise auch gegrölt wird, m acht der Refrain deutlich w orum es geht: „An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht.“ Es gibt M om ente im Leben, in denen m an sich seiner universellen Verfasstheit h ingeben kann u nd in der W elt aufgehoben fühlt. Das ist Glück. U nd dann w ünscht m an sich natürlich, dass diese M om ente nie aufhören. Sie hören natürlich auf, und verm utlich ist dies auch gu t so, denn n u r so können wir sie schätzen. U nd was den genannten Song angeht, ist den Toten H osen n ich t n u r ein überzeugender Text, sondern auch eine eingängige M elodie gelungen, die den Song zu einer m odernen H ym ne werden ließ. 23 24 3. Freud und die Physik W enn es darum geht, Triebe zu charakterisieren u nd zu verstehen, kom m t m an an Sigm und Freud n ich t vorbei. D ie Triebtheorie muss als Fundam ent der psychoanalytischen Theorie betrachtet werden. Im m er wieder gilt Freuds Bem ühen ihrer weiteren Bearbeitung, Differenzierung und Um gestaltung. Rückblickend au f sein Lebenswerk, im Jahre 1933, hat er die B edeutung der Triebtheorie noch einm al unterstrichen und gleichzeitig eingestehen müssen, dass seine Auffassung der Triebe noch gewichtige Problem e offen lässt. „Die Triebtheorie ist sozusagen unsere M ythologie. W ir können in unserer Arbeit keinen A ugenblick von ihnen absehen und sind dabei nie sicher, sie scharf zu sehen“ (Freud GW, Bd. XV S. 101). Zwar hat Freud im Fortschreiten innerhalb seiner Theorie zunächst von Ichtrieben und Sexualtrieben gesprochen, dann m it der E inführung des N ar zissmus im Jahr 1914 den Schw erpunkt au f den Gegensatz von Ichlibido und O bjektlibido gelegt u nd in einer dritten Phase den D ualism us von Lebenstrieb und Todestrieb hervorgehoben, so kann m an doch im großen und ganzen davon ausgehen, dass für Freud durchgehend die Frage nach dem W esen der Sexualität u nd dem ihr zugrunde liegenden Trieb konstituierend für seine Auf fassung des M enschen ist. A uf diese Frage stöß t er am Beginn seiner A rbeit bei der U ntersuchung der Ursachen von N eurosen und bei ihr bleibt er m it ver schiedenen Differenzierungen und A kzentuierungen bis zu seinem Tod. Der Sexualtrieb steht im M itte lpunk t seiner Arbeit. An ihm entwickelt er seine allgemeine Auffassung des m enschlichen Triebes. In A nlehnung an M oll bezeichnet Freud die Energie des Sexualtriebes als Libido. „W ir haben uns au f den Begriff der Libido festgelegt als einer quantitativ veränderlichen Kraft, welche Vorgänge u nd U m setzungen au f dem G ebiet der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern w ir von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein unterzulegen ist, m it Beziehung au f ihren besonderen U rsprung u nd verleihen ihr so auch einen qualitativen C harakter“ (G W V S. 118). In U nterscheidung von einem Reiz w ird der Trieb definiert als die psychische Repräsentanz einer kontinuierlich fließenden innersom atischen Reizquelle, w ährend der Reiz, durch vereinzelte u nd von außen kom m ende Erregungen hergestellt wird. Charakteristisch für den Freudschen Triebbegriff 25 ist die T rennung zwischen Triebenergie und dem Ziel oder O bjekt des Triebes. „M an kann am Trieb Quelle, O bjekt u nd Ziel unterscheiden. Die Q uelle ist ein Erregungszustand im Körperlichen, das Ziel die A ufhebung dieser Erregung; au f dem W eg von der Q uelle zum Ziel w ird der Trieb psychisch wirksam. W ir stellen ihn vor als einen gewissen Energiebetrag, der nach einer bestim m ten R ichtung drängt. Von diesem D rängen hat er den N am en: Trieb“ (G W XV, S. 103). A n dem O bjekt kann oder will der Trieb sein Ziel erreichen. Es ist sehr variabel u nd n ich t unm ittelbar m it ihm verknüpft, sondern ihm n u r zugeord net, weil es ihm die Befriedigung erm öglicht. G anz allgemein gilt es festzuhalten, dass für Freud das W esen des M en schen durch seine Triebe bestim m t ist. „Die psychologische — im strengeren Sinne die psychoanalytische — U ntersuchung zeigt vielmehr, dass das tiefste W esen des M enschen in Triebregungen besteht, die elem entarer N atur, bei allen M enschen gleichartig sind und au f die Befriedigung gewisser ursprüng licher Bedürfnisse zielen“ (G W X, S. 331 f.) Es verw undert daher nicht, w enn Freud von „Trieben und Triebschicksalen“ spricht u nd dam it den M enschen wesentlich von seinen Trieben bestim m t sieht. In weiteren A usführungen präzisiert Freud seine Auffassung und beschreibt — das ist hier von zentraler B edeutung — die Libido als konstante Größe. „W ir finden also das W esen des Triebes zunächst in seinen H auptcharakteren, der H erkunft von Reizquellen im Innern des Organism us, dem A uftreten als konstanter Kraft, und leiten davon eines seiner weiteren M erkmale, seine Unbezw ingbarkeit durch F luchtaktionen ab“ (G W X, S. 212 f). D er G edanke von der Konstanz der zur Verfügung stehenden Energie zieht sich als g rund legendes M om ent durch alle Entwicklungsphasen der Freudschen Theorie. D ie Auffassung von einem feststehenden Volum en der vorhandenen E ner gie kom m t aus der Physik von H erm ann von H elm holtz. Sie w urde von B rü cke als erklärendes Prinzip in die Physiologie übernom m en und über diesen Umweg zu Freuds allgemeiner theoretischer G rundlage. Ernst Brücke, der erste große Lehrer Freuds, war ein V ertreter der sogenannten H elm holtz-Schule u nd lehrte dem entsprechend eine im damaligen Sinne streng physikalisch ausgerichtete Physiologie. Diese Schule hatte sich zum Program m erhoben, „die W ahrheit geltend zu m achen, dass im O rganism us keine anderen Kräfte wirksam sind als die gem einen physikalisch-chem ischen; dass, wo diese bis lang n icht zur Erklärung ausreichen, m ittels der physikalisch-m athem atischen 26 M ethode entw eder nach ihrer A rt und Weise die W irksam keit im konkreten Fall gesucht werden muss, oder dass neue Kräfte angenom m en werden müssen, welche von gleicher D ignität m it den physikalisch-chem ischen, der M aterie inhärent, stets au f nu r abstoßende oder anziehende C om ponenten zurückzu führen sind“ (D u Bois-Reym ond in: Jones Bd. I, S. 61f). In den Jahren 1876 bis 1882 führte Freud zeitweise noch als S tudent in Brückes physiologischem Laboratorium seine ersten neurophysiologischen U ntersuchungen über das Nervensystem niederer Fischarten durch und ver öffentlichte die dabei gew onnenen Erkenntnisse. Die in dieser Z eit gelegten grundlegenden theoretischen Voraussetzungen begleiteten Freud w ährend seiner gesam ten wissenschaftlichen Arbeit. So hält er in seinen Briefen aus drücklich fest: „Es ist die Brückesche Physiologie, fest begründet auf physi kalischen Vorstellungen m it ihrem Ideal von der M essbarkeit aller Vorgänge, die am A usgangspunkt der psychoanalytischen Theorienbildung gestanden ist“ (Freud S. Aus den A nfängen ... S. 25). U nwillkürliche musste ich bei der Analyse von Freuds Triebbegriff an eine D am pfm aschine denken, die ihre Energie von außen durch Feuer zugeführt bekom m t und die verschiedensten M aschinen, vom W ebstuhl bis zur Loko motive, antreibt. Sobald keine Energie m ehr zugeführt wird, stellt die D am pf m aschine die A rbeit ein. D och der M ensch ist keine M aschine. Freuds Absich ten sind ehrenwert: W ollte er doch die N atu r des M enschen entsprechend dem seiner Z eit vorherrschenden naturwissenschaftlichen Verständnis erklären und verständlich m achen. Vor allen D ingen wollte er seine Erklärung der m ensch lichen Psyche auf ein sicheres wissenschaftliches Fundam ent stellen — so wie die Naturw issenschaften seiner Z eit wissenschaftliche Erkenntnis definierten. Es stellt sich von daher folgende Frage. K önnen physikalische oder chem i sche Gesetzm äßigkeiten die m enschliche N atu r h inreichend erklären? N ach m einem Verständnis können sie es nicht. Es ist keine Frage, dass im m ensch lichen Körper zahlreiche physikalische und chemische Prozesse ablaufen. Aber sie dienen dem Erhalt des O rganism us und sind biologischen G esetzm äßig keiten wie Stoffwechsel, Sinnesw ahrnehm ung usw. untergeordnet. Anders aus gedrückt: Sie sind in einer höheren O rd n un g aufgehoben. In jeder Zelle bis h in zum Einzeller laufen kom plizierte chemische und physikalische Prozesse ab. D och w enn die Zelle abstirbt, finden auch diese Vorgänge ihr Ende. Sie können nur in diesem geschützten kleinen, lebendigen 27 O rganism us ablaufen. Bei der Funktion des Auges spielt bekannterm aßen das Licht eine entscheidende Rolle. Elektrom agnetische Strahlen w erden als Reize von sogenannten Fotorezeptoren aufgenom m en und gelangen über die Seh nerven ins G ehirn. Aber bevor w ir ein W ort lesen können, m uss unser G ehirn n icht n u r das Bild auf die Füße gestellt haben; es m uss gleichzeitig in der Lage sein Buchstaben zu erkennen, den Sinn des W ortes verstehen u nd dem ent sprechend die Sprache u nd es m uss den in dem besagten W ort benannten G egenstand selber in seinem kulturellen Kontext gekannt haben. Das heißt der physikalische Reiz als solcher bleibt ohne Bedeutung, w enn er n ich t in den Lebenszusam m enhang des M enschen eingeordnet werden kann. Was für einzelne O rgane gilt, hat selbstverständlich auch für den gesam ten O rganis m us Gültigkeit: Physikalische u nd chem ische Vorgänge sind unverzichtbare Voraussetzung für menschliches Leben, aber sie haben dienende Funktion u nd können deshalb die zentrale Frage nach dem m enschlichen W esen n icht beantw orten. Freud hat viele Erkenntnisse über den M enschen zu Tage gefördert, die auch heute noch gar n icht hoch genug eingeschätzt w erden können und die unsere alltägliche Denkweisen beeinflussen. Vor allem, dass er die B edeutung der Sexualität hervorgehoben und in vielen Facetten beleuchtet hat, ist sein bleibender historischer Verdienst. M an m uss n u r eine Blick in die W eltlitera tu r werfen oder die TV -Program m zeitschrift m it ihren unzähligen Seifenopern aufschlagen um sofort zu verstehen, welch bedeutenden Stellenwert das Ver hältnis M ann u nd Frau im gesellschaftlichen Kontext hatte und im m er noch hat. M an kann von Freud viel lernen: Seinen M ut an der einm al erkannten B edeutung des Sexuellen entgegen aller öffentlichen Prüderie u nd Ignoranz der wissenschaftlichen G em einde seiner Z eit festzuhalten, seinen unnachgie bigen D rang präzise u nd exakte wissenschaftliche Ergebnisse zu erzielen, seine differenzierte Beschreibung der D ynam ik seelischer Vorgänge, doch eines soll te m an außen vor lassen: Seine au f Physik reduzierte Vorstellung des m ensch lichen Triebes. Dieses Verständnis des Triebes führt dazu, dass er in sein Theoriegebäude viele A nnahm en u nd W inkelzüge einbauen muss, um dann doch wieder beim M enschen als sozialem W esen anzukom m en. 28 W ie kom m t es dazu, so fragt sich Freud selbst, dass die originär sexuellen, von der Physik des Triebes bestim m ten Bestrebungen sich in Strukturen ver wandeln, die für Persönlichkeitsentwicklung u nd K ultur so bedeutsam sind? Im Prozess der Sublim ierung, so beantw ortet er die gestellte Frage, w ird die Energie von der sexuellen V erw endung abgeleitet u nd auf neue, kulturelle Z ie le orientiert (G W V, S. 78 ff). Freud m uss also einen M echanism us in seine Theorie einbauen, die erklären soll, wie die ursprünglich physikalische Ener gie in eigentlich m enschliche Tätigkeit um gew andelt wird. Dies funktioniert praktisch n ich t und ist deshalb auch in der Theorie n icht nachvollziehbar. Es ist wie au f der H ochzeit in Kanaan: In einem W under w ird Wasser zu W ein. Ä hnlich verhält es sich auch im G egenüber von Lustprinzip und Realitätsprizip. Letzteres m uss Freud einführen, dam it M enschen, die nach seiner Auffassung vom Lustprinzip beherrscht im G runde n u r danach streben die A nhäufung von Erregung zu verringern, indem sie sich durch die Verringerung der Erregung Lust verschaffen, doch noch in der realen W elt (über)leben kön nen (G W V III, S. 231 ff). Praktisch hat die Freudsche Triebtheorie zur Folge, dass der M ensch in zwei Teile zerfällt, und m an sich fragt, wie er m it dieser G rundstruk tu r überhaupt noch handlungsfähig sein kann. All diese Problem e lassen sich n u r verm eiden, alle verschiedenen Aspekte des m enschlichen Lebens lassen sich n u r un ter einen H u t bringen, w enn m an eine S truktur des m enschlichen G rundtriebes voraussetzt, die au f der H öhe der m enschlichen Entw icklung ansetzt: U nd dam it sind w ir wieder bei dem universellen Potential. 29 4. Diamond und die Biologie W arum m uss m an denn eigentlich den M enschen als Ganzes, als E inheit von genetisch bestim m ter M enschenm öglichkeit u nd geschichtlicher Realität den ken? W äre n icht zu erwarten, dass m enschliche Verzweiflung u nd Zerrissen heit gerade aus dem Unterschied von möglicherweise tierischen W urzeln und menschlicher, m oderner Lebensweise resultieren? Dieser Frage geht auch Jared D iam ond in seinem Buch „Der dritte Schim panse“ nach. D er Titel ist Program m . So unterscheidet sich in der Entw ick lung der höheren Prim aten der M ensch vom gew öhnlichen Schim pansen und dem Zwergschim pansen (Bonobo) in 1,6 Prozent seiner D N S und trennte sich vor rund 7 M illionen Jahren von seinen beiden V ettern (D iam ond, S. 32). D ie Verwandtschaft ist auch kaum von der H an d zu weisen, denn w ir ähneln unseren V ettern in so vielen D ingen, von M uskeln, inneren O rganen über H ände u nd Skelett, dass sie kaum zu übersehen ist. Es ist offensichtlich: Die Evolution des M enschen begann vor 7 M illionen Jahren als d ritter Schim pan se. Aber ist es auch dabei geblieben? W ohin hat sich der M ensch entwickelt? In der U ntersuchung m enschlicher Sexualität geht D iam ond vor allem der Frage nach, wie im Zusam m enhang m it der Lebensweise in G ruppen das Zusam m enleben von M ann und Frau organisiert w urde (S. 86 ff) D a Babys und K leinkinder für lange Jahre versorgt, ernährt und unterrichtet werden m üssen, sind sowohl M utter als auch Vater, vielleicht auch die ganze G ruppe gefordert. D a Väter einen erheblichen Beitrag leisten müssen, sind sie in ter essiert über ihre Vaterschaft Bescheid zu wissen, diese zu sichern, da sie sonst schlechtere C hancen hätten ihre Erbanlagen weiterzugeben. Für den M ann ist es deshalb wichtig, dass die M onogam ie seiner Partnerin sichergestellt wird. Im U nterschied zu den Prim aten sind M enschen das ganze Jahr über sexu ell aktiv; sie haben also keine Brunstphasen und zeigen auch keine auffälligen Körperm erkm ale als Zeichen der Bereitschaft zur Paarung. Im Gegenteil: Der E isprung der Frau ist so wenig sichtbar, dass n iem and der Beteiligten sicher sein, w ann es zur B efruchtung kom m t. Aller M onogam ieregeln zum Trotz praktizieren ein n ich t unerheblicher Teil der M enschen den außerehelichen Geschlechtsverkehr, wobei hier M än ner deutlich im Vorteil sind. In fast allen Gesellschaften durch die gesamte 31 Geschichte h indurch gilt der außereheliche Geschlechtsverkehr der Frau als Verbrechen gegen die Ehre des M annes u nd w ird entsprechend geahndet, w äh rend der E hem ann meistens glim pflich davonkom m t. H ier w ird deutlich, dass m it der Frage nach dem gesellschaftlichen Ver hältnis von M ann und Frau neue Entw icklungen eine Rolle spielen. D enn im Herrschaftsverhältnis zwischen M ann und Frau geht es natürlich auch um sexuelle Kontrolle, aber viel weitergehender um die M acht des M annes und den G ehorsam der Frau: Es geht um die M acht des M annes die Frau nach Belieben für seine Bedürfnisse zuzurichten: ob als Gebärm aschine, Sexgespie lin, Arbeitssklavin oder Hausfrau. O der um es anders auszudrücken: D er M ensch ist in die Geschichte ein getreten u nd die Gesetze der Evolution werden von ökonom ischen und ku l turellen D eterm inanten überlagert. „Das dritte Verhältnis, was hier gleich von vornherein in die geschichtliche Entw icklung eintritt, ist das, dass die M en schen, die ihr eigenes Leben täglich neu m achen, anfangen andre M enschen zu m achen, sich fortzupflanzen — das Verhältnis zwischen M ann und Weib, Eltern und K indern, die Familie (M E W 3, S. 29) H ier stellt sich auch die Frage, ob n ich t generell oder in w eiten Teilen eine m atriarchale Entw icklung stattgefunden hat, w ährend der Frauen je nach D efi n ition die M acht innehatten oder zum indest eine bedeutende Rolle in K ultur u nd Religion gespielt haben. Die D ebatte um diese Frage w ird in aller Breite u nd m it heftigen A ttacken geführt, was n ich t verw undert: Je nach B eantw or tung hat sie weitreichende politische B edeutung (vgl. wikipedia: M atriarchat vom 5.6.2011). Friedrich Engels hat die historische und politische B edeutung dieses Sach verhaltes sehr anschaulich au f den Punkt gebracht, w enn er schreibt: „Der U m sturz des M utterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weibli chen Geschlechts. D er M ann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entw ürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust u nd bloßes W erkzeug der K inder erzeugung“ (M E W 21, S. 61). D ie neue M achtverteilung hatte für die Frauen drastische Folgen: Sie reich ten von der E inschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, über restriktive Kleider ordnungen bis h in zu körperlichen V erstüm m lungen wie das A bschneiden der Scham lippen u nd dem Z unähen der Vagina. W enn das alles n ich t half wurde zugeschlagen bis h in zum M ord. N och heute sind viele Richter geneigt bei 32 einem M ord aus Eifersucht oder verletzter Ehre, wie es oft auch genannt wird, M ilde walten zu lassen. Viele werden entgegnen, dass in der heutigen Gesellschaft die G leichheit von M ann und Frau doch längst erreicht sei: D och die Statistiken über die ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die M ehrfachbelastung der Frauen durch Arbeit, H aushalt u nd Familie, die Verteilung der Vorstandsposten in den großen Konzernen u nd die Zahlen über sexuelle Anm ache, Vergewalti gung und brutale Gewalt sprechen eine andere Sprache. Dies war die schlechte N achricht, die gute ist: Liebe u nd Sexualität spielen eine zentrale Rolle in unserem Leben. O b m an Literatur oder O per betrachtet: Im m er ist der „Liebeshändel“ von großer B edeutung — allerdings geht er oft n icht gut aus: Die Affäre zwischen der schönen H elena u nd dem trojanischen Prinzen Paris endete bekanntlich in einem Krieg, bei der Liebe zwischen Romeo und Julia blieben die beiden Liebenden to t zurück. N u r in der Schm onzette „kriegen“ beide einander und w erden glücklich — lebensläng lich. Es sollte deutlich geworden sein, in welchem A usm aß gerade Liebesbezie hungen ökonom ischen, sozialen u nd kulturellen D eterm inanten unterliegen. D iam ond gesteht zwar zu, dass der evolutionäre Ansatz allein menschliches Sexualverhalten n ich t h inreichend erklärt. „Das Ziel allen m enschlichen Ver haltens lässt sich n ich t darauf reduzieren, m öglichst viele N achkom m en zu hinterlassen“ (S. 126). Er lässt allerdings offen, welche anderen Faktoren noch eine Rolle spielen sollen. Bei der E rörterung der Frage, welche W urzeln die K unst im Tierreich hat, kom m t D iam ond zu dem Ergebnis, dass die Unterschiede zwischen M ensch und Tier n ich t sehr groß seien. Er beschreibt Elefanten und Schim pansen, die beeindruckende Bilder malen, allerdings n u r im Zoo. d. h. un ter m enschlicher O b h u t. A ußerdem führt er die Laubenvögel au f N euguinea an, die w under schöne, beeindruckend große Lauben m it dekorativen G ärten bauen um die W eibchen anzulocken, zu beeindrucken u nd zu begatten. D iam ond untersucht nun anhand von drei Kriterien die Unterschiede und Gem einsam keiten der künstlerischen Aktivitäten von M ensch und Tier (S. 227 ff). Sowohl unsere Kunststile wie die jeweiligen Laubenstile sind erlernt und n ich t angeboren, so dass sich in dieser H insicht kein Unterschied fest stellen lasse. Beim zweiten K riterium , dem ästhetischen Genuss muss die Frage offen bleiben, denn die Laubenvögel geben uns darüber keine Auskunft. 33 Bleibt das K riterium des N utzens: Es ist keine Frage, dass Kunst sowohl für Tiere als auch für M enschen einen N utzen haben muss, wobei ich m ich etwas sträube für Tiere den Begriff Kunst zu benutzen. Sicherlich hat die Kunst - wie vieles andere auch — ihre W urzeln im Tierreich. So gebührt laut D iam ond „den Laubenvögeln das Verdienst, entdeckt zu haben, dass O rnam ente außerhalb des eigenen Körpers flexiblere Statussym bole darstellen als solche, die m an sich erst wachsen lassen m uss.“ A ber“, so fährt er fort, “es war der M ensch, der dieses Prinzip so recht zur Entfaltung brachte“ (S. 228). Aber, so stellt sich hier sofort die Frage, hat der M ensch ein im Tierreich vorhandenes Prinzip n u r quantitativ weiterentwickelt, oder ist bei der M ensch w erdung etwas grundsätzlich N eues entstanden? Ist das Verhalten eines Kunstsamm lers, der Gem älde und Plastiken im M illionenw ert besitzt, u nd der n un glaubt, das neu au f den M arkt gekom m ene Gem älde von - nehm en wir als Beispiel K irchner — unbedingt besitzen zu müssen, aus seiner Funktion als Signal für „gute Gene u nd W ohlstand“ zu erklären? Sind es die Sorgen um gute Gene, w enn tausende Besucher durch das wieder eröffnete N eue M useum in Berlin schlendern um die Büste der N ofretete in ihrem neuen D om izil zu bewundern? M it der M enschw erdung hat K unst eine neue, einzigartige B edeutung gewonnen: K unst ist die Brücke zwischen dem D rang zur Realisierung des universellen Potentials u nd der Alltäglichkeit der W elt. In ihr bleibt gewisser m aßen die Z eit für einen A ugenblick stehen. Sie ist ein H auch der Ewigkeit. W enn Kunst und Sexualität beim M enschen eine neuartige Q ualität gewin nen, so stellt sich die Frage, ob dies auch für den M enschen als Ganzes gilt. Schon die A ufteilung in die verschiedenen W issenschaftsbereiche zeigt, dass es selbstverständlich ist einzelne Aspekte des M enschen zu untersuchen und zu analysieren. Gerade in den Naturw issenschaften u nd der M edizin gehen die Fragestellungen im m er m ehr ins Detail, werden dadurch im m er präziser aber auch im m er kleinteiliger. D .h . sie führen in der Tendenz weg von einer Gesam tvorstellung des M enschen. D er um gekehrte Prozess, die vielen Einzelergebnisse wieder zu einem G esam tbild zu fügen, findet dagegen eher seltener und unzulänglich statt. Diam onds Buch ist ein Versuch diesen Zusam m enhang herzustellen. Ist ihm dies gelungen? 34 Bekanntlich handelt der M ensch im m er als ganzer M ensch. A uch w enn einzelne Aspekte dom inieren, so ist er im m er als ganzer M ensch tätig. Ist ein M ensch m it Liebesdingen beschäftigt — um bei diesem Them a zu bleiben — so tu t er dies im m er als Ind iv iduum m it all seinen Vorlieben u nd Abneigungen, m it seinen ererbten M öglichkeiten und m it den in Familie, Schule u nd ande ren gesellschaftlichen Bereichen erw orbenen Fähigkeiten. Für D iam ond sind M enschen Schim pansen, der dritte Schim panse ! die verschiedene Fähigkeiten besonders effektiv weiterentwickelt haben. Dies ist sicherlich richtig, aber es ist n u r die halbe W ahrheit. D ie wesentlich wichtigere H älfte der W ahrheit ist, dass die M enschen einen qualitativ neuen Entw ick lungsschritt aus dem Tierreich hinaus zu ihrem universellen Potential vollzo gen haben. Interessanterweise lässt D iam ond die eigentliche M enschw erdung m it dem „großen Sprung nach vorn“ beginnen (S. 46 ff) D em nach hätte sich die Lebensweise der M enschen n ich t wesentlich von der der Schim pansen unterschieden bis vor ru n d 40 000 Jahren in W esteuropa die m odernen M enschen au f den Plan traten und Kunst und Fortschritt m it brachten. W ie war dies möglich? H atte sich doch der anatom isch m oderne M ensch vor ru n d 200 000 Jahren in Afrika neben anderen Populationen en t wickelt. D iam ond spricht von dem Paradoxon, dass unser kultureller Aufstieg aus dem Tierreich n ich t proportional zu V eränderungen in unserem Erbm aterial verlief. Das Problem wird deutlicher, w enn m an die Frage an einem Bei spiel erörtert. Das m enschliche G ehirn ist das kom plizierteste u nd effektivste O rgan, das die N atu r hervorgebracht hat. U nd dieses wundervolle G eschenk sollten die M enschen zehntausende w enn n ich t sogar hunderttausende von Jahren unge nu tz t durch die G egend getragen haben? Die Evolution geht sparsam und effektiv m it ihren Ressourcen um . U nd gewiss arbeitet sie n ich t au f Vorrat. W ie alle anderen O rgane m uss auch die Entw icklung des G ehirns den N otw endigkeiten evolutionärer Gesetze folgen. So verm utet Mayr, dass der Evolutionsdruck zu G unsten einer zunehm enden G ehirngröße von der Tatsache ausging, dass die frühen M enschen, die Australopithecinen, gezwungen waren sich bei der Verteidigung gegen Raubtiere ihres G ehirns zu bedienen, weil sie in der Buschsavanne n ich t m ehr wie ihre Vorfahren au f die Bäume flüchten konn ten (M ayr 2003, S. 303). 35 Generell scheint die Entw icklung eines größeren G ehirns im Verhältnis zur K örpergröße ein durchgängiger Prozess gewesen zu sein. Seit sich der M ensch vor ru n d 7 M illionen Jahren vom Schim pansen trennte, dessen G ehirn unge fähr das doppelte V olum en eines typischen Säugetiers seiner G röße hatte, ist das G ehirn beim hom o erectus au f das Vierfache und beim m odernen M en schen auf das sechsfache Volum en eines Säugetiers der vergleichbaren Größe angewachsen (Dawkins 2010, S. 129 ff). So war das G ehirnw achstum bei dem m odernen M enschen zu diesem Z eitpunk t zu einem relativen Ende gekom m en, der m oderne M ensch war sozusagen vor ru n d 200 000 Jahren „fertig“. W ozu brauchte er die Kapazitäten seines neuen Gehirns? U m diese Z eit setzte eine andere Entw icklung ein, die für die aufgeworfene Frage von großer B edeutung ist: D ie M enschen lernten sprechen. Dies lässt sich daran belegen, dass der K ehlkopf des M enschen sich weiterentwickelte, er sich absenkte, so dass n u n die A rtikulation differenzierterer Laute, besonders der Vokale, möglich w urde (Reicholf 2004, S 162 ff). Erst das Z usam m en spiel von D enken u nd Sprechen m acht den M enschen zum ganzen M enschen. M öglicherweise verweist dies au f einen noch größeren Zusam m enhang, der sowohl Grips als auch eine differenzierte K om m unikation erforderte: Das Leben in der G ruppe, wo es um den Ausgleich zwischen unterschied lichen Individuen m it verschiedenen Rängen, also M achtverhältnisse geht, sexuelle u nd soziale Interessen austariert werden, das Aufziehen der K inder organisiert wird, und m ehrere G enerationen zusam m enleben, erfordert aus geklügelte Regeln, die entwickelt und besprochen w erden müssen. A ußerdem m ussten die A lten integriert werden, denn das gesamm elte W issen, über das sie verfügten, konnte (über)lebenswichtig werden. W enn das keine angemes sene Aufgabe für ein großes G ehirn darstellt — was dann? 36 5. GehlenunddieSoziologie W enn D iam ond davon ausgeht, dass der M ensch im w esentlichen durch seine H erkunft aus dem Tierreich, als d ritter Schim panse determ iniert ist, so ver tritt A rnold G ehlen als bedeutender Vertreter der Philosophischen A nth ro pologie die gegenteilige Position: N ach seiner Auffassung ist der M ensch ein „Mängelwesen, das sich n u r im gesellschaftlichen Zusam m enhang entwickeln, bzw. überhaupt existieren kann. Beim M enschen gibt es instinktives Verhalten überall da, wo die O rgane arbeiten, wie es sich gehört, also beim Saugen des kleinen Kindes, seinen Greifübungen, vielleicht bei der Um arm ungsbewegung. N atürlich ist eine instinktive W urzel des Geschlechtslebens sicher. Ü ber diese u nd wenige andere, allenfalls noch diskutable Beispiele hinaus aber gilt, dass w ir M enschen n u r als Kulturwesen kennen, also als tätig in unbeschreiblich vielseitigen, sozial verm ittelten H andlungen, d. h. solchen, die ohne andere H andlungen anderer M enschen gar n ich t zu verstehen sind, und die m an gelernt hat (Gehlen S. 356). M it der A nnahm e der „W eltoffenheit“ u nd „universalen Plastizität“ der m enschlichen Bedürfnisse, die au f die R eduktion der Instinkte zurückzufüh ren sind, weist G ehlen jegliche A nnahm e über G rundtriebe u nd die Aufstel lung von Instinktkatalogen entschieden zurück. D er M ensch kann n icht wie das Tier seine Bedürfnisse unm ittelbar, sozusagen tierisch-natürlich befriedi gen, „denn ihm fehlt der kurze Weg, au f dem die Instinkte des Tieres durch die reizverwandten Sinne h indurch ihre durch die höhere W eisheit der N atu r schon bereitliegende Ziele finden“ (Gehlen S. 361). Dagegen sind die Bedürfnisse des M enschen dadurch gekennzeichnet, dass er ihre Befriedigung aufschieben kann; denn gerade die adäquate Befriedigung erfordert es, die Bearbeitung sachlich-logisch, d. h. die vorhandenen Bedin gungen berücksichtigend zu betreiben, um sie n icht durch affektives oder begieriges Verhalten zu gefährden. W eiterhin ist es für m enschliche Bedürf nisse charakteristisch, dass sie in der H and lung selbst entstehen. „U nd die A ntw ort ist diese: die m enschlichen A ntriebe sind entwicklungsfähig und form bar, sie sind im stande, den H andlungen nachzuwachsen, die dam it selber zu Bedürfnissen w erden“ (S. 363). Zusam m enfassend beschreibt G ehlen die Bedürfnisstruktur des M enschen wie folgt: „So wie der M ensch in die W elt, so 37 dringt die W elt in den M enschen ein, und m an kann genauso sagen, dass die erfahrenen, bewältigten, erstrebten, aber auch die verfehlten Sachverhalte im M enschen treiben“ (S. 376). Einm al davon abgesehen, dass sich die einfache Z uordnung von Instinkt gesteuertem Verhalten bei T ieren und w eitgehend von Instinkten befreitem Verhalten bei M enschen kaum durchhalten lässt, w ird m it diesen Aussagen deutlich, dass G ehlen eine A rt Tabula rasa- Konzeption des M enschen zugrun de legt. D er M ensch kom m t als unbeschriebenes Blatt zur W elt, au f das Gesell schaft u nd K ultur ihre Schriftzüge prägen. Alle Bedürfnisse, die sexuellen ein geschlossen, w erden dem nach in ihrer spezifisch m enschlichen A usprägung ausschließlich au f die E inw irkung der Gesellschaft zurückgeführt. M it der A nnahm e, der M ensch sei ein M ängelwesen, muss G ehlen als Vor aussetzung für seine theoretischen Ü berlegungen eine biologistische Setzung vornehm en, da auch er an der Tatsache n ich t vorbeikom m t, dass menschliche Bedürfnisse irgendwie m it biologischen Prozessen verbunden sind. Lersch b ring t dieses Problem auf den Punkt, w enn er schreibt: “Eine nähere A na lyse der anthropologischen Thesen von G ehlen lehrt jedoch, dass seine ganze A bleitung von H andlungen, Sprache, K ultur u nd m enschlicher Innerlichkeit n icht möglich wäre, w enn er n icht stillschweigend bei dem von ihm so dra m atisch geschilderten ,M ängelwesen‘ M ensch einen unbeugsam en Trieb bzw. W illen zu Selbstbehauptung voraussetzen w ürde“ (Lersch S. 419). In Bezug au f die Sexualität füh rt H elm ut Schelsky die A rgum entation Gehlens fort und sieht gerade in ihrer biologischen Ungesichertheit und Plas tizität die Ursache für die N otw endigkeit der Form ung und Führung durch soziale N orm ierung. „Die kulturelle Ü berform ung der sexuellen A ntriebe gehört sicherlich ebenso zu den ursprünglichen Kulturleistungen u nd Exis tenzerfordernissen des M enschen wie W erkzeug und Sprache, ja, es spricht nichts dagegen, in dieser Regelung der Geschlechts- und Fortpflanzungsbezie hungen des M enschen die prim äre Sozialform alles m enschlichen Verhaltens zu erblicken“ (Schelsky S. 12). W enn n u n M enschen, die aufgrund ihrer universalen Plastizität erforder lichen sozialen N orm en und Verhaltensweisen erlernt, eingeübt und verin nerlicht haben, wie ist es dann möglich, dass sie jemals diese verinnerlichten W erte in Frage stellen oder gar verändern? W ie war es beispielsweise m ög lich, dass um 1968 eine junge G eneration die bis dahin geltenden, scheinbar 38 unum stößlichen Vorstellungen u nd N orm en der Sexualmoral radikal in Frage stellte und die Gesellschaften der westlichen W elt nachhaltig veränderte? D er Slogan vom M ai 6 8 : „D enk ich an die Revolution, will ich Liebe m achen“ verdeutlicht, wie eng sexuelle Bedürfnisse u nd politische A ktionen verzahnt waren. „Persönliche und soziale Befreiung gingen also H an d in H and . U nd die wirksamste M ethode, die M acht des Staates, der Eltern, der N achbarn, des Gesetzes u nd der K onventionen zu brechen und die Beziehungen zu ihnen zu erschüttern, hieß: Sex u nd D rogen.“(H obsbaw m S. 418) Sex and D rugs and R o ck 'n Roll — auf diesen N enner lässt sich das Lebensgefühl der damaligen Jugend bringen. Sicherlich gibt es in der Gesellschaft kritische Geister, Philosophen und Vordenker, die A nstöße lieferten. Aber auch diese m ussten ja über ein Potential verfügen, das ihnen erm öglichte die kritische D istanz zu überlieferten N o r m en zu entwickeln. Vor allen D ingen lässt sich m it dem Ansatz der Philosophischen A n th ropologie n ich t erklären, w arum plötzlich diese M assenbewegung entstand und noch weniger, w arum M enschen überhaupt anfangen, gesellschaftliche Verhältnisse, herrschende N orm en oder politische Institu tionen in Frage zu stellen. Was veranlasst sie zu revoltieren? A lbert Cam us hat un ter der Überschrift „Revolte“ eine unvergleichliche Beschreibung geliefert, die ich dem Leser n icht vorenthalten m öchte: „Diese A uflehnung gibt dem Leben seinen W ert. Erstreckt sie sich über die ganze D auer einer Existenz, so verleiht sie ihr ihre Größe. Für einen M enschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im W ider streit m it einer ihm überlegenen W irklichkeit. Das Schauspiel des m ensch lichen Stolzes ist unvergleichlich“ (Cam us S. 50): Starke W orte ! Cam us klärt die Revolte au f dem H in terg rund seiner politisch-philosophischen W eltsicht als Besonderheit des „absurden M enschen“. N ach m einem Verständnis gehört die Revolte als konstituierendes M erk m al zur N atu r des M enschen. G etrieben seine universelle N atu r zu realisieren stöß t der M ensch ständig und naturnotw endig an Grenzen seines natürlichen oder gesellschaftlichen Umfeldes. Er ist also ständig gezwungen gegen diese Grenzen anzugehen u nd zu versuchen diese zu überw inden. Im alltäglichen „Kleinkrieg“ enden diese Versuche meistens m it geballten Fäusten in den H osentaschen. M anchm al sind sie erfolgreich oder enden vor dem Richter. 39 Sind genug G em einsam keiten vorhanden, werden Kämpfe politisch, au f der Straße oder in Streiks ausgetragen. Als Revolutionen schaffen es n u r die h is torischen Kämpfe in die Schulbücher. W ill dam it sagen: D er K am pf um ein besseres Leben, um optim ale Realisierung der m enschlichen M öglichkeiten, sowohl im Alltag wie in der Politik, gehört genuin zum m enschlichen Leben. Revolte kann heroisch werden, aber zunächst einm al ist sie alltäglich. Zugegeben: Es gibt M enschen, die scheinbar n ich t m ehr käm pfen. Vielleicht haben sie sich aufgegeben, aber da müsste m an schon genauer hinschauen. 40 T eil II. Wo h e r kommen w ir? 6. Soziale Egoisten - Leben in der Gruppe Überblickt m an die m enschliche Geschichte, so lässt sich ein Prozess zuneh m ender Vergesellschaftung n ich t übersehen. Vor der E ntstehung erster D örfer über das Z usam m en W achsen in Stäm m en, der Entstehung erster Staaten in Ägypten und M esopotam ien, der Entw icklung m oderner N ationalstaaten bis h in zu den aktuellen Schüben der G lobalisierung scheint dieser Prozess stetig zunehm end, unaufhaltsam u nd unum kehrbar zu verlaufen, quasi naturw üch sig. Selbst gegenläufige Geschehnisse wie Epidem ien u nd N aturkatastrophen, Kriege u nd Völkermordexzesse konn ten diese Entw icklung lediglich verlang sam en oder zeitweilig aufhalten. D och nach jeder K atastrophe haben die M enschen sich wieder aufgerich tet — und es ging weiter: m it dem Leben und m it der Vergesellschaftung. Paral lel dazu verlief eine konträre Entwicklung: Die einzelnen M enschen, die Ind i viduen haben sich im m er m ehr Rechte und Freiheiten genom m en, erkäm pft und bekom m en. Zwar verlief diese Entw icklung sehr unterschiedlich, und es gab lange Phasen in der Geschichte, w ährend derer großen M enschengruppen die m eisten Rechte abgesprochen w urden, wie z. B. den Sklaven in den großen Sklavenhaltergesellschaften oder den Bauern in langen Phasen des europäi schen M ittelalters. Aber m it Beginn der Renaissance in den italienischen Stadtstaaten, m it den A uswirkungen des Protestantism us in w eiten Teilen Europas erhielt dieser Prozess einen ungeahnten Schub und die Entw icklung zu m ehr individueller Selbständigkeit scheint unaufhaltsam . D och individuelle Freiheiten haben n icht n u r positive Seiten. Politisch und wirtschaftlich M ächtige haben ihre M öglichkeiten im m er auch zu ihren G uns ten genutzt und teilweise egomanische Exzesse zelebriert. Derzeit lässt sich dies an der H altung der großen Bänker im Zuge der neoliberalen Entw icklung beobachten: N ich t zufällig haben sich die H erren — D am en waren au f diesen höheren Etagen eh kaum vertreten — als „masters o f universe“ gesehen. G eht es noch größenwahnsinniger? W enn sie auch durch die Bankenkrise im Jahre 2008 ziem lich kleinlaut w urden, zeigt dies Beispiel, in welche egozentrische D im ensionen sich Ind i viduen versteigen können, w enn gesellschaftliche Regelm echanism en fehlen. 43 D a beide D im ensionen, gesellschaftliche wie individuelle, m an kann auch von sozialen und egoistischen sprechen, in allen Individuen angelegt scheinen u nd im Laufe des Lebens unterschiedlich ausgeprägt werden, die Gewichte sich m al auf die eine, mal auf die andere Seite neigen, entzünden sich an den unterschiedlichsten Anlässen im m er w ieder ähnliche D iskussionen, die sich in der Regel au f die Frage zuspitzen: Ist der M ensch Egoist oder soziales Wesen, A nton Schlecker oder M utter Teresa? U m der A ntw ort au f diese Frage näher zu kom m en, begeben w ir uns jetzt einige hunderttausend Jahre zurück in die Geschichte und schauen uns die M enschw erdung an. M enschen sind Egoisten, keine Frage. W ie alle anderen Lebewesen au f unse rem Planeten unterliegen w ir dem Prinzip Eigennutz: das eigene Überleben hat Priorität, w enn nötig auch au f Kosten anderer (vgl. W ickler, Seibt 1991). Ein Krankheitskeim nistet sich ein ohne Rücksicht darauf, wie es dem W irt ergeht. G nus ziehen dem wachsenden Gras h in terher ohne zu fragen, ob es je wieder nachwachsen wird. Löwen schlagen einen jungen Büffel ohne zu bedenken, dass er erst einige Tage alt ist. Individuen einer Spezies, die n icht zuerst an das eigene Ü berleben denken, hätten n ich t eine G eneration überlebt. Selbst das Einfühlungsverm ögen, also die Fähigkeit zu verstehen, wie andere Lebewesen reagieren, ist un ter dem Aspekt des Eigennutzes entstanden. N u r w enn der Löwe weiß, dass das Büffel kalb noch neugierig, naiv und unbeholfen ist, u nd dass er es von seiner M utter trennen muss, kann seine Jagd erfolgreich sein. Aus eben diesem G rund, wegen der m achtvollen W irkung des Eigennutzes leben die m eisten Lebewesen allein u nd treffen sich n u r zeitweise zu Paarung oder leben als K inder bei der M utter bis sie erwachsen sind, um sich dann von ihr zu trennen. O ffensichtlich ist das Prinzip Eigennutz sehr erfolgreich, bzw. sogar so erfolgreich, dass keine andere Kraft dagegen bestehen kann. D ennoch haben sich im Laufe der Evolution im m er w ieder G ruppen bei den verschiedens ten T ierarten entwickelt, was eigentlich dem Prinzip Eigennutz w iderspricht, denn w enn alle Individuen stur ihre eigenen Interessen verfolgen, w ird jede G ruppe im N u auseinandergesprengt. (D ie Insekten u nd vor allem solche m it hoch entwickelten G em einschaften, wie Ameisen u nd Bienen lasse ich hier mal außen vor.) 44 Die einfachste Form der G ruppe ist ein Zusam m enleben aus Schutz vor Fressfeinden wie bei den eben genannten G nus, die in riesigen H erden um her ziehen, aber sonst n ich t viel m iteinander zu tun haben. Eine G num utter küm m ert sich n u r um ihr eigenes Kalb und weist frem de ab. Ein Kalb, das sich w ährend einer F lucht verirrt oder in der riesigen H erde seine M utter nicht findet, hat schlechte Karten. Ab und an gibt es Streitereien zwischen einzelnen Bullen, w enn es darum geht, ein attraktives W eibchen zu erobern. M it letzterem Hinweis w ird deutliche, w arum es für Lebewesen ziemlich schwierig ist, eine G ruppe zu bilden. Eine differenzierte G ruppe, aus der wir M enschen schließlich entstanden sind, muss viele und komplizierte Aufgaben erfüllen: • Z unächst einmal muss sie nach außen erfolgreich sein, d. h. sie muss das Ü berleben besser sichern, als w enn die betreffenden Lebewesen ver einzelt leben w ürden. D azu gehört auch un ter U m ständen ein Revier erfolgreich zu verteidigen. • N ach innen m üssen die Individuen lernen — und das ist bestim m t die härteste N uss — ihren E igennutz zu zügeln. Die G ruppe gibt sich eine bestim m te Hierarchie, die sich im Laufe des Zusam m enlebens entw i ckelt, in der die einzelnen Tiere ihre Rolle erkäm pfen bzw. zugewiesen bekom m en. • Das Sexualverhalten m uss regeln wie m ännliche und weibliche Tiere m iteinander um gehen: Was nu tz t eine G ruppe, w enn sie beim ersten Streit zwischen zwei dom inanten M ännchen auseinanderfliegt? • Schließlich m uss die Aufzucht des Nachwuchses gesichert werden. N ur w enn die G ruppe sich erfolgreich fortpflanzen kann, ist ihre Existenz auch langfristig gesichert. Jede Aufgabe ist an sich schon ziemlich kom pliziert, teilweise w idersprechen sich die einzelnen Aspekte, in ihrer G esam theit scheinen sie eine kaum lösbare Gemengelage. U nd doch hat die N atu r Lösungen gefunden. Bei den Säugetieren fallen vor allem Löwen und Elefanten auf, die eine differenzierte G ruppenstruk tu r entw ickelt haben, die bei den Elefanten sogar soweit geht, gemeinsame Trauerrituale für ein totes H erdenm itglied abzuhal ten. D ie großen afrikanischen M enschenaffen, die m ich hier vor allem interes sieren, leben ausschließlich in differenzierten G ruppen. Das bedeutet, dass ver 45 m utlich schon in der G enstruk tur vorgegeben ist, was die einzelnen Jungtiere dann auch im Alltag von den älteren Artgenossen vorgelebt bekom m en, und sie in ihren Lernprozessen nachvollziehen: Das Leben in der G ruppe ist für sie selbstverständlich, und kein Individuum käm e von sich aus au f die Idee, das Leben allein bestreiten zu wollen. Allerdings gibt es zwischen den drei afrikanischen M enschenaffen Gorilla, Schim panse u nd dem Zwergschim pansen (Bonobo) deutliche U nterschiede in der S truk tur ihrer jeweiligen G ruppen. Gorillas leben in G ruppen m it bis zu 40 Tieren zusam m en. In der Regel übern im m t ein dom inantes M ännchen (der Silberrücken) die Führungsrolle u nd verteidigt die G ruppe gegen Angreifer und Eindringlinge. D ie G ruppe besteht som it aus m ehreren W eibchen, deren N achw uchs und noch n icht erwachsenen M ännchen. N u r der Silberrücken n im m t sich das Recht die W eibchen zu beglücken u nd ist som it das einzige M ännchen, das sich fo rt pflanzt. M ännchen und W eibchen, die erwachsen werden, verlassen in der Regel ihre G eburtsgruppe u nd suchen sich neue G ruppen. Schim pansen leben in G roßgruppen, die sich bei der N ahrungssuche oft in kleinere G ruppen aufteilen. D ie G ruppe w ird von m ehreren dom inanten M ännchen geführt, die sich natürlich auch die Vorrechte in allen sexuellen Angelegenheiten nehm en. Schim pansen können sich wie Gorillas das ganze Jahr über fortpflanzen. Bei den Schim pansenw eibchen zeigt sich die fruch t bare Zeit in einer deutlichen Schwellung des Gesäßbereiches. (Dieses Detail w ird noch von Interesse sein, w enn es um die Sexualität beim M enschen geht.) A uch Bonobos (Zwergschim pansen) leben in G ruppen, haben aber eine ganz andere G ruppenstruk tu r als Schim pansen. Sie benutzen Sex um andere zu besänftigen, soziale K ontakte zu pflegen oder ihre D om inanz zu festigen, selbst w enn es sich um K leinkinder handelt. D er Prim atenforscher Frans de Waal hat den U nterschied zwischen Schim pansen u nd Bonobos folgenderm a ßen beschrieben: „Der Schim panse löst sexuelle Angelegenheiten m it M acht; der Bonobo löst M achtfragen m it Sex . . . “ (Dawkins S. 163) D ie drei Beispiele aus dem Leben unserer nächsten V erw andten zeigen, wie unterschiedlich Sexualverhalten u nd M achtfragen u nd deren Verhältnis zueinander in den jeweiligen G ruppen gelöst werden, ohne dass die G ruppe als solche in Frage steht. 46 D am it kom m e ich zum M enschen: D ie Tatsache, dass m an bei M enschen, sowohl was sexuelle Verhaltensweisen als auch Fragen der M acht betreffen, die ganze Variationsbreite des bei allen M enschenaffen geschilderten Verhaltens und daneben noch viele weitere Verhaltensm öglichkeiten findet, verweist auf den entscheidenden Unterschied: M enschen besitzen universelles Potential, sie sind genetisch n ich t au f einen Verhaltenskom plex festgelegt. Ein Gorilla bleibt Gorilla, er kann n icht aus seiner H aut. Auch ein M ensch kann n ich t aus seiner H aut, aber er kann in einem H arem je nach Geschlecht als H arem sda me, Sultan oder E unuch leben, in einem patriarchalisch strukturierten Fami lienverband oder in einer m odernen Zweierbeziehung. Er kann das, weil seine genetische S truk tur es ihm erlaubt — sie ist universell — u nd weil die gesell schaftlichen Bedingungen in der jeweiligen Gesellschaft so sind wie sie sind. Er kann diese G egebenheiten akzeptieren oder er kann dagegen opponieren. Bei allem U nterschied haben wir aber doch eine große G em einsam keit m it unseren afrikanischen Verwandten: Auch wir brauchen die G ruppe. U nd wir brauchen sie n ich t n u r in der Weise wie unsere Verwandten, sondern in einer ganz neuen A rt u nd Weise: M it der M enschw erdung treten wir in die Geschichte ein, die Gesetze der Evolution werden von ökonom ischen, sozialen und kulturellen D eterm inanten überlagert. D adurch bekom m t unsere Z uge hörigkeit zu einer G ruppe eine neue Q ualität. M it einem ironischen Schlenker hat M arx au f dieses N eue hingewiesen: „W ir m üssen bei den voraussetzungslo sen D eutschen dam it anfangen, dass wir die erste Voraussetzung aller m ensch lichen Existenz, also auch aller Geschichte konstatieren, näm lich die Voraus setzung, dass die M enschen im stande sein m üssen zu leben, um ‘Geschichte m achen‘ zu können. Z u m Leben aber gehört vor allem Essen u nd Trinken, W ohnung, K leidung u nd noch einiges andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der M ittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Pro duktion des m ateriellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine G rundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich u nd stündlich erfüllt werden muss, um die M enschen n u r am Leben zu erhalten . . . . “(M E W 3 S. 28). M enschen fingen an W erkzeuge herzustellen — w enn es am Anfang auch nu r ein Faustkeil, ein roh bearbeiteter Steinklotz war — Rituale und E rkennt nisse über ihre Lebensum welt wie Klima, Pflanzen und Tiere an ihre K inder und weitere nachfolgende G enerationen weiter zu geben, konn ten dadurch 47 ihre Lebenssituation verbessern, w urden aus evolutionärer Sicht überlebens tüchtiger u nd arbeiteten sich dadurch gleichzeitig aus der N atu r heraus. Sie traten in die Geschichte ein. Die G ruppen entwickelten eine Kultur, also eine A rt und Weise des Zusam m enlebens, die über Jahrhunderte oder gar Jahrtau sende tragfähig war, d. h. das Ü berleben optim al garantierte. A uf diese Weise entwickelte sich im Prozess der M enschw erdung aus den N otw endigkeiten des in G ruppen Lebens die gesellschaftliche N atu r des M enschen, die un trennbar m it der kulturellen Entw icklung verbunden in die Geschichte führt. So k o nn ten, nachdem der m oderne M ensch au f den Plan getreten war, aus G ruppen H orden und Stäm m e u nd schließlich Städte u nd N ationen werden. U nd w enn wir heute über das Vereinte Europa streiten, gehen wir — w enn auch m anch mal m ühselig — lediglich einen weiteren Schritt in der Vergesellschaftung des M enschen. D ie gesellschaftliche N atu r w ird keineswegs nur „von außen“ an die M en schen herangetragen, wie m anche neoliberale A nsichten glauben m achen m öchten, sondern ist tief in unserer biologischen Verfasstheit verankert: Dies haben die U ntersuchungen zur em otionalen Intelligenz (G olem an 1997) und vor allem die E ntdeckung der sogenannten Spiegelneuronen (Bauer 2006) ein drucksvoll bestätigt. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die eine bestim m te Aktivität realisieren können, die aber auch dann aktiv werden, w enn m an nur m it ansieht, wie ein anderes Individuum diese H and lung vollzieht (Bau er, S. 23). W enn es um M itgefühl geht, bewirken die Spiegelneuronen eine eindeuti ge Aktivität: “Es zeigt sich also auch hier eine Reaktion, als hätte die Versuchs person die beim Partner beobachteten Schm erzen selbst erlebt“ (Bauer S. 48). W eitere Belege finden sich in der neueren H orm onforschung. Das H orm on O xytocin ist offensichtlich für viele Verhaltensweisen wie Z utrauen, M itgefühl, Em pathie und Liebe m itverantw ortlich. Die Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass O xytocin in der Ö ffentlichkeit gelegentlich als O rgasm ushorm on, K uschelhorm on oder Treuehorm on diskutiert wird. Tatsächlich ist die Signifi kanz für Fühlen und H andeln in zahlreichen Studien bestätigt, allerdings ist zu beachten, dass psychische Zustände wie zum Beispiel „Liebe“ keinen einheit lichen biologischen Phänom enen entsprechen“ (W ikipedia vom 15.02.12). N och viel weiter geht der bereits zitierte Frans de Waal, w enn er in einem Interview erklärt, dass sogar der sogenannte K illerinstinkt des M enschen eher 48 einer W unschvorstellung hartgesottener M ilitaristen als einer biologischen Tatsache entspricht. „Em pathie ist tief verwurzelt in uns. A uch gegenüber unseren Feinden, und auch, w enn uns befohlen wird, sie zu töten. M an spricht viel vom Killerins tink t des M enschen. Aber wir wissen, dass die große M ehrzahl der Tötungen in einem Krieg von ein bis zwei Prozent der Soldaten vorgenom m en wird. Das sind in etwa so viele, wie es Psychopathen in der Gesellschaft g ib t.“ D er Psy chopath kann einfacher töten, „weil er n u r die kognitive Fähigkeit zur Em pa thie hat, n ich t aber die em otionale“ (Berliner Z eitung 30 .04 /01 .05 . 2011 ). W enn m an n u n all diese Fakten und Ü berlegungen überblickt, scheint es als sei m an der Beantw ortung der Frage, ob der M ensch n u n von seiner bio logischen Verfasstheit Egoist oder soziales W esen ist, keinen Schritt w eiter gekom m en. Es bleibt n u r eine einzige Schlussfolgerung: Die Frage ist falsch gestellt, der M ensch ist beides. Er ist eigennützig u nd em phatisch. U nd aufgrund seiner universellen biologischen A usstattung kann er sich unter bestim m ten historisch-gesellschaftlichen Bedingungen in beide R ichtungen ins Extrem steigern. So sehen wir derzeit au f der einen Seite einen Baschar al-Assad, der eher bereit ist, sein Land zu ruinieren und viele seiner Landsleute abzuschlachten als au f seinen Ego-Trip und seine Privilegien zu verzichten. A uf der anderen Seite erleben w ir M enschen, die selbstlos ihr ganzes Leben oder Teile ihrer Lebenszeit als Ärzte, M issionare oder in anderen Berufen dem D ienst an ande ren M enschen w idm en. Es hängt also vor allem von den gesellschaftlichen B edingungen u nd den G egebenheiten seiner Sozialisation und Erziehung ab, ob ein M ensch zum Egoisten, Geizhals oder em pathischen M enschen wird und inwieweit es ihm gelingt, beide Pole in ein harm onisches Verhältnis zu bringen. Im übrigen liegt es auch an jedem von uns moralische Standards und Gesetze zu entwickeln, die extreme Egotrips, die au f Kosten anderer gehen, unm öglich m achen. 49 7. Australopithecus - Der aufrechte Gang Im Jahr 1974 fanden der A nthropologe D onald Johanson und seine M it arbeiter im Afar-Dreieck in Ä thiopien Teile eines Skeletts, das als weibliches Individuum der A rt Australopithecus afarensis eingestuft w urde . Das Fossil w urde Lucy genannt, weil damals der Beatles-Song Lucy in the Sky w ith Diam onds im C am p der Forscher häufig auf einem Kassettenrecorder abgespielt wurde. Lucys A lter w urde au f 3,2 M illionen datiert. Sie wog w ohl etwas über 25 Kilogram m u nd war knapp 1,25 M eter groß. Bau des Beckens, der O ber schenkelknochen und die relative Länge von A rm en u nd Beinen zeigten: Lucy ging aufrecht. A uf den ersten Blick m ag Australopithecus als großer Schim panse durch gehen, auch was die Schädelgröße und dam it die Gehirnm asse von etwa 400 bis 500 K ubikzentim eter angeht, doch beim genaueren H insehen zeigt sich der entscheidende Unterschied: der aufrechte Gang. Zwar gehen auch G oril las und Schim pansen streckenweise aufrecht, doch sie m üssen im m er wieder die verhältnism äßig langen Arm e zu Hilfe nehm en u nd sich au f den Finger gelenken abstützen (Knöchel-Gang). Ihr gesamter K örperbau zeigt, dass ihr eigentlicher Lebensraum die Baum krone ist, u nd sie n u r ab und zu au f den Erdboden kom m en u nd noch seltener aufrecht gehen. Sie sind W aldbew ohner (R eichholf 2004 S. 39 ff) Ganz anders Australopithecus, und das hat seinen G rund: Im Laufe der Jahrm illionen nach dem U ntergang der Saurier veränderte sich das vorherr schende Klim a grundlegend. Es w urde kühler und trockener, die dom inieren den W älder gingen zurück, es entstanden Savannen u nd Steppen. Die große G ruppe der Gräser erlebte einen rasanten Aufschwung: D a ihr Vegetations schw erpunkt im U nterschied zu den Blütenpflanzen un ter der Erde liegt, kom m en sie gut m it wenig Wasser aus und können sich besser an saisonale und jahreszeitlich bedingte U nterschiede der Niederschläge anpassen. Das lässt sich schon daran ersehen, wie schnell Landschaften nach einem Regenguss plötzlich ergrünen, wo vorher scheinbar n u r W üste war. H inzu kom m t, dass Grasländer die Beweidung durch G roßtiere regelrecht brauchen, da ansons ten die absterbenden H alm e zu einer dichten M atte verfilzen w ürden, die das N achw achsen junger H alm e verhindern. So entstanden die von G roßtieren 51 u nd ihnen „entsprechenden“ Raubtieren besiedelten Steppen u nd Savannen, wie w ir sie heute noch in Ostafrika, in der Serengeti und anderen N aturparks als kläglichen Rest erleben können. Es entstehen also erdgeschichtlich gesehen riesige neue Räum e, natürlich au f Kosten der Wälder, und für die große Säugetiergruppe der Prim aten stellt sich die Frage, wie die neuen Räum e genutzt werden können. W obei sich sofort die weitere Frage anschließt, w arum diese Reaktion m it Australopithecus vor rund 6 M illionen Jahren so spät erfolgte, wo doch die neuen Räum e schon w ährend des M iozäns vor rund 20 M illionen Jahren existierten. Im m erhin hat auch eine andere Affenart, der Pavian, Savannen u nd Step pen besiedelt, ohne dass sie dafür einen aufrechten G ang entwickelt hat, wobei auch hier keine Belege bzw. Fossilien aufzufinden sind, die eine Bevölkerung vor der Z eit von Australopithecus beweisen könnten. W ie auch im m er: Australopithecus ging au f zwei Beinen und bildete sei nen Körper um . Aus den Greiffüßen, die für die Bewegung in Baum kronen bestens geeignet waren, w urden Füße, die zum G ehen au f dem Boden und zum Abfangen des Körpergewichtes gestaltet waren. Die W irbelsäule wurde flexibler und senkrecht gehalten, das Becken beweglicher. U nd — die Arm e und H ände konn ten jetzt ganz andere Aufgaben übernehm en. U nd — die Augen konn ten jetzt in die Ferne schweifen u nd die weiten Räum e der Savannen erforschen. Daw kins erw ähnt und beschreibt m ehr als zehn verschiedene H ypothesen (Dawkins S. 141ff), die m ehr oder weniger um stritten und plausibel das E n t stehen des aufrechten Ganges erklären sollen. Sie reichen von der Theorie der sexuellen Selektion, nach der Australopithecus sich aufrichtete um seinen Penis zu zeigen, über den Vorteil der Befreiung der H ände bis zum Fressen in H ockstellung. N ach der Auffassung von Jonathan K ingdom verlangt seine Theorie keine großen V orannahm en, sondern erklärt aus dieser H ockstellung die verschiedenen anatom ischen Ver änderungen, die dann später einen einfachen Ü bergang zum aufrechten G ang erm öglichten. D er Aspekt der freien H ände beim aufrechten G ehen scheint m ir beson ders interessant, da er weitreichende Konsequenzen hat. So sind die H ände frei u nd können Steine und Stöcke als erste prim itive W erkzeuge nutzen. A ußerdem können die freien H ände wertvolle N ahrung wie Knollen, Insekten 52 oder Fleisch zu Frau und K ind bringen, die durch das Stillen ihres Säuglings n ich t an größeren Suchaktionen nach N ahrung teilnehm en kann. Indem er Frau und K ind besser ernährt, erhöht er ihre Ü berlebenschancen. „Ein M ann, der viel N ahrung nach Hause bringt, verschafft sich also einen unm ittelbaren Fortpflanzungsvorteil gegenüber einem Rivalen, der N ahrung n u r da zu sich nim m t, wo er sie findet“ (Dawkins S. 145). Aber er konnte die wertvolle N ah rung auch einem anderen G ruppenm itglied bringen, das ihm dadurch einen Gefallen schuldet, w enn das G lück Fleisch oder Insekten zu finden, einmal anders verteilt war. U nbeabsichtigt w urde dadurch auch der Zusam m enhalt der G ruppe bestärkt. Möglicherweise war das Verhältnis zwischen aufrechtem G ang u nd freier Beweglichkeit der H ände ein sich selbst verstärkender Prozess: W enn unser Vorfahr erst einmal die Vorteile der freien H ände erkannt hatte, w urden sie auch im m er öfter in dieser Weise genutzt und beschleunigten dadurch den Umbauprozess der gesam ten Anatom ie. Selbstverständlich muss dies als Aus leseprozess über viele G enerationen betrachtet werden, in dem die Individuen sich am erfolgreichsten fortpflanzten, die ihre H ände am geschicktesten ein setzten. Eine außerordentliche interessante Auffassung zu E ntstehung des auf rechten Ganges vertritt die A utorin Elaine M organ. N ach ihrer Theorie hat unser U rahne eine längere Phase als W asserbewohner im Küstenbereich durchgem acht und über die Jahrhunderttausende entsprechende körperliche V eränderungen vollzogen. M organ zählt eine beeindruckende Anzahl dieser V eränderungen au f (M organ S. 24ff): So sei unsere N asenform , die bei keiner anderen Affenart zu finden ist, ein kunstvolles K norpeldach, das dazu diente das Wasser abzuleiten und die N asenhöhlen zu schützen. Das Stirn Runzeln, das ebenfalls n u r dem M enschen eigen ist, diente dazu die Augen vor dem im Wasser funkelnden Sonnenlicht zu schützen. U nd unsere Tränen rührten wie bei vielen Seevögeln, bei Salzwasserkrokodilen u nd R obben aus der Zeit als M eeresbewohner und hatte die Aufgabe das Salz, das m it dem Meerwasser aufgenom m en wurde, wieder auszuscheiden. O b die Schweißdrüsen eine ähn liche Aufgabe hatten, die ja sonst in der W asserwelt wenig Sinn ergäben, lässt M organ offen. D ie äußere Erscheinung veränderte sich dram atisch: D a ein nasses Fell beim Schw im m en eher h inderlich ist, verlor unser U rahn seinen Pelz wie viele andere Säuger, die vom Land zurück ins M eer gew andert sind, 53 wie z. B. D elphin, Flusspferd oder Walross (S. 33) S tatt dessen entwickelte er, um sich im Wasser w arm zu halten eine Fettschicht, das U nterhautfettgew ebe, das bei keinem anderen Prim aten zu finden ist. D ie nackte H au t förderte auch die Entw icklung der Brüste, denn da nun kein Fell m ehr vorhanden war, an dem das Baby sich hätte festhalten können, entw ickelten sich die Brüste, die die M ilch näher an das Baby in der A rm beuge brachte und zudem für die kleinen H ände einen griffigen H alt ergaben. Selbst die sexuelle Begegnung von Angesicht zu Angesicht bekom m t so eine andere Bedeutung: „D enn w enn Sie sich erst vergegenwärtigen, dass prak tisch alle Landsäugetiere die sexuelle A nnäherung von h in ten u nd praktisch alle Wassersäuger die frontale A nnäherung dabei benutzen, dann werden Sie m indestens argwöhnen, dass das n ich t reiner Zufall sein kann“ (S. 70). M organ führt noch viele weitere Beispiele physiologischer Veränderungen an, die ihrer M einung darauf hinweisen, dass es eine Phase in der Entw icklung zum M enschen gegeben haben muss, in der unsere Vorfahren im M eer und an den Küsten Ostafrikas lebten. Das A rgum ent, das m ich am m eisten beein druckt hat, war ihr Hinweis au f den Unterschied zwischen Wasser und Land bew ohnenden A rten im H inblick auf ihr Spiel- u nd Neugierverhalten: „Die m eisten A rten, die ins Wasser zurückgegangen sind, scheinen unendlichen Spaß am Leben zu haben „ (S. 79) Zwar spielen alle Säugetiere m ehr oder weniger in ihrer K indheit. D och den M enschen zeichnet aus, dass er dieses Spiel- und Neugierverhalten quasi sein ganzes Leben beibehält, ja dass es für die Entw icklung der m enschlichen K ultur konstitu ierend wird. Fest steht in jedem Fall, dass Australopithecus aufrecht gehend durch die ostafrikanische Savanne gezogen ist u nd dadurch viele Vorteile hatte. Fest steht auch, dass er durch diesen Prozess ein ungeahntes Entw icklungspotential frei gesetzt hat (vgl. M ayr 2003 S. 293 ff). 54 8. Mama Afrika - Ur-Heimat Afrika K om m en w ir M enschen aus Afrika? O der ist der M ensch an verschiedenen O rten der Erde unabhängig voneinander entstanden? Diese Fragen w urden lange und ausgiebig in Kreisen der W issenschaft und der interessierten Ö f fentlichkeit diskutiert, ohne dass eindeutige Beweise für die eine oder andere Position vorlagen. Zwar gab es reichliche Fossilfunde in Afrika, aber auch in Südostasien fanden sich Fragm ente m enschlicher Skelette, auf deren G rundlage n ich t ausgeschlossen w erden konnte, dass sich dort ebenfalls eine unabhängige Entw icklung zum M enschen vollzogen hätte. Später richteten sich die H offnungen au f die G enetik u nd ihre M öglich keiten durch die Analyse der Gene weit in die Vergangenheit zurückzuschauen. D och an diesem Punkt kam en die W issenschaftler n ich t weiter: Liegt es doch in der N atu r der Gene, dass sie sich bei jeder Zeugung neu m ischen, so dass keine eindeutigen Pfade in die Vergangenheit zu erm itteln waren. U nd nicht nu r die Gene m ischen sich, auch die M enschen der verschiedensten Rassen sorgten untereinander für Nachw uchs. Es gibt keine Rasse, die ihr Erbgut völlig unbeeinflusst von anderen Rassen weitergegeben hat. D och im Jahr 1987 ereignete sich eine wissenschaftliche Sensation, die breit in der Ö ffentlichkeit diskutiert wurde: Allan W ilson, Biochem iker an der Universität von Berkeley in Kalifornien, hatte sich in seiner A rbeit auf die M itochondrien , die Kraftwerke der Zellen konzentriert. Eigentlich liegt es nahe, w enn m an nach E rbinform ationen sucht, im G enom des Zellkerns zu suchen. Die M itochondrien bewegen sich jedoch außerhalb des Zellkerns im Zellplasma. Als W ilson sie n u n genauer untersuchte, m achte er zwei ver blüffende Entdeckungen. Z unächst stellte er fest, dass die M itochondrien eigenes, vom Zellkern unabhängiges Erbgut besitzen. D a diese in einem relativ stabilen U m feld leben, das sich möglicherweise seit M illionen von Jahren kaum geändert hat, erfolgt auch die M utation , die bei der „G eburt“ von M itochondrien im m er passiert, in so winzigen Schritten, dass die W eitergabe der E rbinform ationen über sehr lange Zeiträum e zurückverfolgt werden kann. W enn diese V eränderungen auf bestim m te Zeitspannen geeicht sind, kann m an Aussagen über bestim m te 55 historische Zusam m enhänge treffen. In der W issenschaft n en n t m an diesen Vorgang das „Ticken der m olekularen U h r“ (Reicholf S. 13 ff). D ie zweite große Entdeckung, die Allan W ilson m achte, war noch ver blüffender als die erste: W ährend sich bei der B efruchtung der m enschlichen Eizelle m it der Samenzelle das Erbgut des Vaters m it dem der M utter mischt, passiert dies bei den M itochondrien gerade nicht. Bei der B efruchtung werden keine M itochondrien des M annes weitergereicht. D .h . diese werden ausschließ lich von den M üttern über die Töchter zu den Enkelinnen weitergegeben. Es entsteht eine rein weibliche Linie. Ausgerechnet über die Frauen ! M it diesen Entdeckungen war n u n eine für die Erfordernisse der genetischen Analyse reine d. h. unverm ischte Linie gefunden, die viel weiter als die m enschliche Entw icklung zurückreicht. O hne n un weiter auf Details der genetischen Analyse einzugehen, lässt sich folgendes Ergebnis festhalten: Aus der U ntersuchung der Ä nderungen in der D N S der M itochondrien lassen sich zwei G ruppen unterscheiden: Bei den Afrikanern, also allen in Afrika lebenden M enschen, lassen sich größere Unterschiede im Vergleich zu allen anderen M enschen feststellen. N ach dieser Analyse werden also die M enschen in die A frikaner au f der einen Seite u n ter schieden und alle anderen M enschen au f der anderen Seite. Dies lässt den Schluss zu, dass in Afrika die frühesten M enschen in den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen lebten u nd leben und deshalb die größeren Unterschiede im D N S ihrer M itochondrien aufweisen. Reicholf vergleicht die Entw icklung m it einem Baum: Die W urzeln befin den sich in Afrika. D er S tam m steht im N orden der arabischen Halbinsel. D urch ihn m ussten alle w andernden M enschengruppen h indurch um dann die verschiedenen R ichtungen nach Europa, Asien, Südostasien u nd A ustra lien, u nd schließlich A m erika einzuschlagen. Letztere wären dann die großen Äste des Baumes (vgl. Reicholf S. 18f). D am it wäre die eingangs gestellte Frage beantw ortet: W ir M enschen kom m en aus Afrika - und haben die ganze W elt besiedelt. Unsere Vorfahren haben im m ehreren W anderungswellen Afrika verlassen u nd sind zunächst nach Europa und Asien „ausgewandert“. Dawkins bezieht sich auf seinen Kollegen Alan Tem pleton, der n icht n u r zwei, wie bisher angenom m en, sondern drei große A uswanderungen aus Afrika konstatiert. So ist H om o erectus zweimal, vor ru n d 1,7 M illionen Jahren u nd vor 600 000 Jahren, 56 ausgewandert. Vor ru n d 100 000 Jahren begab sich H om o sapiens au f die große Reise (Dawkins S. 93 ff). W ie ist es aber möglich, dass ein Bewohner des tropischen Afrika in die kälteren Klim azonen vordringt und dort n ich t n u r überlebt, sondern sich weiterentwickelt? K ann m an sich vorstellen, dass eine H orde Schim pansen in den Pfälzer W ald einw andert u nd dort überleben kann? Sie w ürde den ersten W inter wohl n ich t überleben. 57 9. H o m o hab ilis-D asgro ßeG ehirn D en geschickten M enschen, H om o habilis, treffen w ir vor ru n d zwei M illio nen Jahren in der afrikanischen Savanne. Er unterscheidet sich von Australopithecus durch sein im Verhältnis größeres G ehirn. W enn hier die Entw icklung des M enschen in groben Zügen skizziert wird, darf m an n ich t übersehen, dass es sich um A bstraktionen handelt, die die w ichtigsten Entw icklungsstationen m arkieren sollen. Die wirkliche Entw icklung muss m an sich eher wie einen Baum m it zahlreichen Ästen unterschiedlicher Stärke vorstellen. Alle Äste wa ren zu unterschiedlichen Zeiten lebendig, aber bis au f einen Ast sind heute alle ausgestorben. A uf dem sitzen wir heutigen M enschen. Das W achstum verlief in kleinen Schritten, so dass einzelne Individuen, die an der Grenze zwischen zwei fossilen A rten lebten, oft n icht eindeutig zuzuordnen sind. Ich kom m e zurück zu der G röße des Gehirns. Generell scheint die ver hältnism äßige G rößenentw icklung des Gehirns im Laufe der Evolution ein durchgehender Entwicklungsprozess zu sein, der sich m it den Prim aten, ins besondere den M enschenaffen noch einmal beschleunigt. „Das G ehirn des M enschen ist also selbst nach den M aßstäben der Prim aten zu g roß ,und das durchschnittliche G ehirn der Prim aten ist w iederum im Vergleich zu den Säu getieren im Allgem einen zu groß. D arüber hinaus ist das durchschnittliche Säugetiergehirn auch nach den M aßstäben aller W irbeltiere zu um fangreich“ (Dawkins S. 131). Das G ehirn von H om o habilis ist in etwa viermal größer wie es bei einem durchschnittlichen Säugetier entsprechender G röße zu erwar ten wäre. H om o habilis hat m it 750 K ubikzentim eter Gehirnm asse einen Punkt erreicht, an dem er sich so deutlich von seinen Vorfahren abhob, dass er als neue Spezies erkennbar wurde. Ü berhaupt sehen die m eisten W issenschaftler diese neue G ehirngröße als das entscheidende C harakteristikum . H om o habilis war der erste frühe M ensch (vgl. Dawkins S. 121 ff). Er wog ungefähr 40 Kilogram m u nd aus G röße u nd Bau seiner Zähne lässt sich schlie ßen, dass er m ehr Fleisch als sein Vorgänger, Australopithecus, gegessen hat. Sein Schädel hat sich vergrößert, so dass die G roßhirnrinde genügend Platz fand, der ja bekanntlich Fähigkeiten wie Intelligenz u nd logisches D enken zugeschrieben werden. 59 Was hat n un zu dieser Entw icklung geführt, was hat die Entw icklung vor angetrieben, in der das im m er weiter wachsende G ehirn eine zentrale Rolle spielt? Reicholf hat dazu ein interessantes Szenario entwickelt: Z unächst seht die Frage, welche N ahrung H om o habilis zu sich genom m en haben muss, dam it sich das größere G ehirn entwickeln konnte? Im Unterschied zu anderen O rga nen, beispielsweise den M uskeln, ist die G röße des G ehirns bei der G eburt im großen und ganzen festgelegt. Was danach folgt sind innere Vernetzungen. U nd im Unterschied zu anderen O rganen braucht das G ehirn auch eine andere Zusam m ensetzung der Nährstoffe. Vor allem braucht es Phosphor. Phosphorverbindungen gehören zu den G rundelem enten des Lebens und sind für den Energiehaushalt der Nervenzellen unverzichtbar (vgl. Reicholf S. 117). N u n gehört aber Phosphor zu den eher seltenen Stoffen in der Um welt unserer Vorfahren. Dies zeigt sich beispielsweise bei dem im m er w ieder beob achteten Fleischhunger von Schim pansen, die sich in der Regel von Trieben, Blättern und Früchten ernähren. W enn sie ein kleines Tier erbeuten u nd den Schädel öffnen um das G ehirn zu verzehren, zeugt dies n ich t von besonderer Brutalität, sondern ist dem Phosphorm angel geschuldet. H irn und K nochen m ark enthalten eben viele dieser Phosphorverbindungen. In diesem Zusam m enhang lässt sich auch erklären, w arum die Entw icklung zum M enschen gerade in dieser Region Ostafrikas stattgefunden hat. D urch die rege V ulkantätigkeit im ostafrikanischen G rabenbruch werden M ineralien aller A rt und dam it auch Phosphor in den Kreislauf des Lebens befördert und von Pflanzen und Tieren aufgenom m en. W ie gelangen diese M ineralien n u n zu H om o habilis? N ach Reicholfs Sze nario hat er sich vor allem von toten Tieren ernährt. Tiere, die durch Krankheit, Alter, Erschöpfung oder D urst in der Savanne gestorben sind. Unsere Vorfah ren haben Aas gegessen. Das ist starker Tobak für alle, die unsere Vorfahren gerne als m utige Jäger und starke M änner gesehen hätten. D och Reichholf un term auert seine H ypothese m it so guten A rgum enten, dass sie letzten Endes doch überzeugt. So m üssten zunächst einm al so viele tote Tiere anfallen, dass sie für alle Aas fresser und Raubtiere ausreichten u nd für H om o habilis ein gehöriges Stück vom K uchen übrig bliebe. W enn die großen H erden durchziehen, sterben so viele Tiere, dass die großen Raubtiere sie n u r zum Teil verwerten. A ußerdem 60 zeige die Evolution der Geier, die sich au f die V erw ertung von unterschied lichen Teilen eines Kadavers spezialisiert haben, dass genügend tote Tiere zur V erfügung gestanden haben müssen, sonst hätten sich diese Vögel n ich t in einer Weise spezialisieren können, dass sie überhaupt keine andere N ahrung m ehr verwerten (Reicholf S. 120). Die Geier sind es auch, die unseren Vorfahren den W eg zeigen. Sobald es hell genug geworden ist, lassen sie sich von den w ärm er w erdenden Aufwinden hoch über die Savanne tragen und suchen nach ihrer Beute. Sobald sie ein totes T ier entdeckt haben, gleiten sie hinab und signalisieren dam it anderen Geiern, wo der Tisch gedeckt ist. H om o erectus steht in der Savanne, die H an d über den Augen um nicht von der aufgehenden Sonne geblendet zu werden, und sieht die Geier n ieder gehen. Er weiß, was das zu bedeuten hat, alarm iert die anderen G ruppenm it glieder, und alle rennen los, vorne weg die stärksten M änner, verm utlich lang samer die Frauen m it K indern. Jetzt m uss es schnell gehen. Sie m üssen an die kostbare N ahrung kom m en bevor die Verwesung einsetzt, u nd das Leichengift, das Bakterien w ährend der Zersetzung des Kadavers produzieren, das Fleisch für die G ruppe ungenießbar m acht. A ußerdem m üssen sie den großen R aub katzen und den Aasfressern wie H yänen zuvorkom m en. D enn gegen deren Zähne und Krallen hätten sie keine Chance, es bliebe n u r die Flucht. Am Kadaver angekom m en w urde das Fell aufgeschnitten. D azu nu tzten sie einfache Schaber u nd Splitter. A m besten zum Schneiden eignet sich O bsidian, ein vulkanisches Glas, aus dem sich unglaublich scharfe Schneiden herstellen lassen, und der in G ebieten m it aktiven V ulkanen häufig zu finden ist. Sie schneiden also das Tier auf, schneiden sich die besten Stücke ab, nehm en den einen oder anderen M arkknochen m it u nd bringen sich m it ihrer Beute m ög lichst schnell in Sicherheit. W ürden sie von einem Löwen oder einem Rudel H yänen überrascht, m üssten sie ihre Beute im Stich lassen oder einige von ihnen w ürden im schlim m sten Fall selbst zu Beute. Im Laufe dieser Entw icklung w ird unser Vorfahr zum Läufer. Aber n icht die H etzjagd nach A rt der Wölfe oder die H ochgeschw indigkeit der Geparde war seine D om äne, sondern der kräfteschonende Dauerlauf. W enn es darum ging ein verendetes Großtier, das einige Kilom eter entfernt war, so schnell wie m öglich zu erreichen, dann war der raum greifende D auerlauf wie ihn heu 61 te noch Langstreckenläufer oder M arathonläufer praktizieren, bestens dazu geeignet (Reicholf S. 142). Was Statur und Füße angeht, war H om o habilis schon bestens ausgerüstet. Aber weitere Anpassungen erfolgten. Laufen kostet Energie u nd produziert W ärm e. In der ostafrikanischen Savanne, in der die Tem peraturen leicht 30 G rad u nd m ehr erreichen, w urde dies zum Problem. „Die Lösung brachte eine N euerung, die für die Eigenart der G attung H om o ähnlich kennzeichnend ist wie der aufrechte Gang. Es ist dies die Entw icklung von Schweißdrüsen am ganzen Körper in V erbindung m it der V erm inderung des Haarkleides“ (Reicholf S. 145). D urch die N acktheit w ird unser Vorfahre in die Lage versetzt W ärm e schnell abzugeben, da keine im Fell eingeschlossene Luftschicht die W ärm e zurück hält. D ie V erdunstung durch Wasser ist ein sehr effektiver M echanism us den Körper zu kühlen und die durch das Laufen erzeugte W ärm e abzugeben. Allerdings hat dieser K ühlm echanism us einen hohen Preis: W enn der Kör per je nach A usm aß des Schwitzens bis zu zehn Liter Wasser pro Tag verlieren kann, m uss dieser Verlust wieder ausgeglichen werden. D er M ensch ist der jenige, der im Verhältnis zu seinem Körpergewicht unter den Großsäugern am m eisten trinken muss. A ußerdem muss auch der Salzverlust ausgeglichen w er den. Beides liefert die ostafrikanische Savanne in einem ausreichenden M aß. D urch Regenzeiten, G ew itter u nd Schneeschmelze am Kilim andscharo und M oun t Kenia fließt im m er genügend Wasser in erreichbaren Entfernungen, u nd durch die regelmäßige V ulkantätigkeit werden im m er wieder M ineralien u nd Salze über die Erdoberfläche geschleudert, die sich in Gewässern ansam m eln. W enn diese dann durch die große H itze austrockneten, stand im m er wieder genügend Salz zur Verfügung. D urch die nackte H au t entstand allerdings ein weiteres Problem: Die UV-Strahlen der Sonne verbrannten die vom H aarkleid ungeschützte H au t erbarm ungslos; H om o habilis neigte zum Sonnenbrand. Die G egenreaktion kennen w ir alle vom Strandurlaub: D urch die E inlagerung von M elanin wird die H au t b raun bis dunkel und schützt uns so vor den gefährlichen Strahlen. Schließlich bleibt noch die Frage, ob unser Vorfahre schon in irgendeiner Weise sesshaft war, d. h. ortsgebunden lebte wie beispielsweise ein Löwenrudel, das sein angestam m tes Revier n ich t verlassen kann, ohne in Konflikt m it dem N achbarrudel zu geraten. W äre dies n ich t der Fall, und er w ürde sich wie bei 62 spielsweise Paviane w ährend der N ach t auf geschütztere, höher gelegene Ruhe plätze wie Bäume oder Felsenklippen zurückziehen, so hätte dies für ihn den großen Vorteil, dass er quasi m it den w andernden H erden, seinem Abendessen sozusagen, m itziehen könnte u nd au f diese Weise seinen Fleischbedarf ständig um sich hätte. D abei bleibt allerdings offen, ob M ütter m it ihren Babies bei einer solchen Lebensweise hätten m ithalten können, denn es gab ja kein Fell mehr, in dem sich die Kleinen hätten festhalten können. 63 10. Home erectus - Die ersten Auswanderer Vor ru n d 1,8 M illionen bis 250 000 Jahren (Dawkins S. 107 f) lebte H om o er ectus. M it bis zu 1100 K ubikzentim eter G ehirnm asse u nd etwa 50 Kilogram m Gew icht kam er dem m odernen M enschen schon deutlich näher als sein Vor gänger, obwohl der Schädel m it fliehender Stirn u nd kräftigen A ugenbrauen w ülsten noch n ich t so ganz unserem Schönheitsideal entsprach. D er aufrechte Gang, der entsprechende K örperbau u nd die raum greifende K örperhaltung hatten sich endgültig durchgesetzt. D och ein dicker K opf m it großem G ehirn hat n ich t n u r Vorteile. Ist doch bei der G eburt die G rößenentw icklung des Gehirns im großen u nd ganzen abgeschlossen. Es werden sogar ru n d ein D rittel m ehr Nervenzellen bereit gestellt als M enschen letztlich brauchen (H üther S. 37). M it den folgenden Ü berlegungen kom m e ich einen Schritt näher an die reale Abfolge der G ene rationen, w enn es um Fragen der G eburt und um das Verhältnis von M utter und K ind geht. In den bisherigen Ü berlegungen war es möglich, die m ensch liche Entw icklung als Abfolge von Erwachsenen zu beschreiben. Aber diese Abstraktion trägt nu r bis zu einem gewissen Grad. Jetzt kom m en Aspekte dazu, die bisher vernachlässigt werden konnten . M ütter m üssen also n icht nu r eine nährstoffreiche N ahrung m it Eiweißen und Phosphatverbindungen bereitstellen (vgl. Reicholf S. 150 ff). W egen der G röße des Kopfes ist schon die G eburt selbst schm erzhaft u nd risikoreich. D er Fötus muss durch den G eburtskanal und dam it durch den Beckenring, der aus K nochen besteht und sich n icht ausdehnen kann. Ab einer Kopfgröße m it m ehr als 1000 Kubikzentim eter Gehirnm asse wird es eng. Für die Frauen des m odernen M enschen ist deshalb die G eburt häufig m it Schm erzen verbunden. N ach der G eburt m uss das Baby über m ehrere Jahre gestillt, um sorgt und un terrichtet werden. Bis M enschenkinder selbstständig werden, m üssen die Eltern sie intensiv betreuen, sie investieren ein M ehrfaches an Z eit u nd Ener gie als alle anderen Säugetiere. D urch die lange intensive Betreuung entsteht ein enges Verhältnis zwi schen K indern u nd M üttern , das un ter bestim m ten Voraussetzungen auch die 65 Väter einschließt. Dies trägt w iederum zu einer stabilen G ruppenstruk tu r bei. D ie A utorin Blaffer Hrdy, die ausdrücklich die weibliche Seite der Evolution hervorhebt, geht noch einen Schritt weiter und weist darauf hin, dass quasi alle erwachsenen M itglieder der G ruppe an der A ufzucht der über lange Zeit unselbstständigen N achkom m en beteiligt gewesen sein müssen. A nsonsten hätten viele K inder das Erwachsenenalter gar n ich t erreicht und unseren Vor fahren wäre es n ich t gelungen sich so erfolgreich fortzupflanzen. Das bedeutet in den G ruppen der frühen M enschen m uss sich eine neue, besondere Form der Em pathie entwickelt haben, muss sich ein soziales Klim a herausgebildet haben, in dem K inder über viele Jahre sicher aufgehoben waren. H rdy spricht ausdrücklich von Alloeltern u nd m eint dam it alle betreuenden Personen außer der M utter, heb t aber besonders die Rolle der G roßm ütter hervor. In diesem Zusam m enhang m öchte ich einen weiteren Aspekt erwähnen, der im Z usam m enleben unserer Vorfahren von B edeutung war. Schon D arw in wies darauf hin, dass neben der natürlichen Selektion, in der klim atische oder geographische Faktoren wirksam werden, die sexuelle Selektion eine große Rolle spielt, bzw. erstere sogar überlagern kann. In der sexuellen Selektion erfolgt die Auslese über die Partnerwahl, wobei es prinzipiell zwei M öglich keiten gibt: Entw eder die M ännchen tragen Rivalenkämpfe um die W eibchen aus, d. h. die Entscheidung liegt bei den M ännchen, oder die W ahl liegt bei den W eibchen. Dies hat zur Folge, dass die M ännchen sich zur Schau stellen müssen. Es liegt au f der H and , dass jede der beiden Varianten ganz unterschiedliche Eigenschaften u nd Verhaltensweisen nach sich zieht. Sollten unsere Vorfahren sich für die „female choice“, wie es schon D arw in form uliert hat, entschieden haben, dann müsste das Verhalten der frühen und der m odernen M enschen durch weibliche D om inanz oder zum indest durch gleichberechtigte Teilhabe der weiblichen G ruppenm itglieder geprägt sein. D er Stellenwert von körper licher Schönheit u nd A ttraktivität läge höher als beispielsweise aggressives Ver halten. O der wie es H ilde N eunhofer ziem lich euphorisch form uliert: „H om o sapiens . ist ein K ind der Liebe, der Freude und der Freiheit“ . Zwar weist die D ebatte um m atriarchale u nd m utterrechtliche Entw ick lungsphasen in der Frühzeit der m enschlichen Geschichte darauf hin, dass die M enschen sich in dem oben genannten Sinne entwickelt haben m ögen. Aber w enn diese Eigenschaften zu der — nennen wir es einm al G rundausstat 66 tung des M enschen — gehörten, wie wäre es dann möglich, dass sie sich in der späteren patriarchalen Entw icklung m it all ihren B rutalitäten gerade, was die Freiheiten von Frauen angeht, geradezu in ihr Gegenteil verkehrt hätten: Von Freiheit u nd Liebe ist nu r noch wenig übrig geblieben. Die Grundlage für all diese Prozesse ist u nd bleibt die Ernährung. Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, die nötigen M ineralien und V itam ine m üssen in ausreichenden M aßen zur V erfügung gestanden haben. Das Gebiss von H om o erectus bestätigt zum indest, dass er sich n icht n u r von Fleisch ernährt, sondern auch stärkereiche N ahrung wie Knollen, Früchte u nd Sam en gegessen hat. H om o erectus war unser erster Vorfahre, der Afrika verlassen hat. Vor rund 1,7 M illionen Jahren und vor 800 000 bis 400 000 Jahren (Dawkins S. 94 ff) ist er aus Afrika aufgebrochen und hat tausende K ilom eter in R ichtung Süd asien und Europa zurückgelegt. D och Europa konnte ungem ütlich werden. Im m er w ieder kam es zu Eis zeiten, die Eispanzer schoben sich aus dem N orden u nd von den A lpen her vor und H om o erectus musste sich zurückziehen. D och was für eine unglaubliche Leistung! D er Zweibeiner m it der dunklen H au t, der sich im tropischen Afrika entwickelt hat, der optim al an tropische Verhältnisse angepasst war, m acht sich auf und w andert tausende Kilom eter durch subtropische Landschaften um dann irgend w ann nördlich der Alpen staunend vor einer W and aus Eis zu stehen. Was hat ihn veranlasst seine H eim at zu verlassen? W arum hat er n ich t in für ihn angenehm eren Gefilden H alt gemacht, sondern ist bis an die für ihn m ög liche Grenzen vorgestoßen? K lingt hier n icht schon das universelle Vermögen des späteren H om o sapiens an, jener unbezähm bare W issensdurst u nd jene grenzenlose Neugier, die h in ter jeder Biegung des Flusses, h in ter jedem Hügel bessere Lebensbedingungen oder gar paradiesische Zustände erhofft. U m in den kühleren Breiten zu überleben, war es sicherlich von Vorteil über Feuer zu verfügen. So gibt es diverse Hinweise, dass H om o erectus in der Lage war das Feuer zu nutzen (Berl. Z eitung vom 23.08.2011). A m eri kanische Forscher um Chris O rgan von der H arvard University verglichen Z ahndaten , Körpergewicht u nd E rbgut von von nicht-m enschlichen Prim aten, von 14 ausgestorbenen H om iniden und dem m odernen M enschen. Sie kam en zu dem Ergebnis, dass H om o erectus im Vergleich verhältnism äßig kleine Backenzähne hatte, u nd sie schlossen daraus, dass er seine N ahrung über dem 67 Feuer zubereitet haben muss. D adurch w urden Fleisch, W urzeln u nd Samen weicher, große Backenzähne waren n ich t m ehr nötig. D och das Feuer hatte n ich t n u r praktische Vorteile wie W ärm e u nd Licht, Z ubereiten der N ah rung und Vertreiben von Raubtieren. W enn die N acht hereingebrochen war u nd alle M itglieder der H orde um das Feuer saßen, en t standen n ich t n u r ausgeprägte Gem einschaftsgefühle, sondern der Blick in das Feuer öffnete weite Räum e für Phantasie, Träume und H offnungen. Auch w enn wir heutige M enschen offene Feuer kaum noch benötigen, können wir uns, w enn die Flam m en knistern und die Funken in die N ach t fliegen, diesem Reiz kaum entziehen. H om o erectus konnte n icht n u r m it dem Feuer um gehen, sondern hat auch im Laufe seiner Entw ickung die Bearbeitung von Steinwerkzeugen vorange trieben. Aus zunächst einfachen Faustkeilen entstanden beidseitig bearbeitete, m it durchgehender Schneide versehene, lanzenförmige Faustkeile, Schaber, Spitzen u nd Bohrer. U nter dem reißerischen Titel „Vom Raubtier zum M en schen“ berichtete der Spiegel vor einigen Jahren über die A usgrabungen der „Forschungsstelle Bilzingsleben“ bei Erfurt. Professor D ietrich M ania hat dort m it seinem Team ein urzeitliches D o rf aus der Z eit vor ru n d 360 000 Jahren ausgegraben. Dabei hat er Ahlen, Dolche, Hackm esser u nd einen Faustkeil aus Elefantenknochen zu Tage gefördert (Spiegel vom 02.02.2004, S. 140 ff). A uf dem D orfplatz fanden sich neben Fischzähnen, K nochen von Bibern und H irschen auch die Überreste eines jungen Elefanten. A nhand von vielen Schä delfragm enten w urden die Bewohner der Siedlung als Vertreter von H om o erectus identifiziert. Sie lebten in G rashütten und jagten m it ihren Speeren Nashörner, Elefanten und Flusspferde. Unser Vorfahre verließ also die w arm en Savannen Afrikas und ist entlang dem subtropischen G ürtel in R ichtung O sten bis nach Südostasien u nd R ich tung W esten durch N ordafrika gezogen. Fossilien aus Georgien (D m anisi), die 1,7 M illionen Jahre alt sind, deuten darauf h in , dass er um das Schwarze Meer herum nach W esten, nach Europa zog. W eiter Fossilien w urden in einer H öhle in A tapuerca (Spanien) und in C eprano (Italien) gefunden, die auf ein Alter von 800 000 Jahren datiert w urden. U m 600 000 wagte der Frühm ensch den M arsch in kühlere Breiten, Fossilien w urden in M auer bei H eidelberg und später in dem bereits beschriebenen Bilzingsleben gefunden. Sogar in Süd england w urden H interlassenschaften von H om o erectus nachgewiesen. W enn 68 auch der Vorstoß ins nördliche Europa verm utlich w ährend der W arm zeiten erfolgte, so ist dies doch eine außerordentliche Pionierleistung: Unser Vorfah re aus Afrika, an die klim atischen Verhältnisse der Tropen gew öhnt, eroberte sich nach und nach die halbe W elt. D em nach hätte also H om o erectus im Unterschied zu Australopithecus, der unter anderem von toten Tieren lebte, die Jagd als M öglichkeit der N ah rungsbeschaffung für sich entdeckt und perfektioniert. Allerdings sei hier angem erkt, dass die B edeutung der Jagd für die Entw icklung zum M enschen oft überschätzt wird. Das Jagdglück ist launisch und viele A nthropologen sind sich einig, dass die erfolgreiche Jagd auf G roßtiere eher selten gelang. D er größere Teil der N ahrung bestand aus gesamm elten W urzeln, Pilzen, Samen und Beeren u nd Kleintieren wie Fröschen, Schnecken oder dem einen oder anderen H asen (vgl. D iam ond S. 53 ff). V erm utlich war auch der mehrfache Wechsel von Kalt- und W arm zeiten ein wichtiger N ährboden für zahlreich N euerungen: Feuerzeuge, Zelte und warm e Kleidung, “aber auch Gefäße aus Baum rinde sowie Decken, Taschen, Futterale“ (Spiegel S. 148) w urden entwickelt lange bevor H om o sapiens die Szene betrat. Die Entw icklung der Waffen u nd W erkzeuge, die Jagdtechniken, die N ahrungsbeschaffung u nd —zubereitung, die N u tzung des Feuers u nd die E n t w icklung vieler G ebrauchsgegenstände weisen darauf h in , dass schon H om o erectus über eine ausgeprägte K ultur verfügt haben muss. Zwar gibt es auch bei Säugetieren oder Vögeln Elem ente kultureller Entw icklung wie rud im en tärer W erkzeuggebrauch, Lernen von erwachsenen Tieren oder Z usam m en arbeit in der G ruppe. Aber die umfassende Art, die K om bination verschiede ner Elem ente und die E inbettung in die soziale Gem einschaft erm öglichten den Vertretern der G attung M ensch eine kulturelle Entw icklung, die au f der einm al erreichten Stufe eine perm anente Fortentw icklung und Verfeinerung erm öglichte und sich schließlich in verschiedenen Traditionen verfestigte. In dieser H insicht war H om o erectus ein w ürdiger Vorfahre. 69 11. Der Neandertaler - Leben in der Kälte Im Ü bergang zwischen H om o erectus u nd H om o sapiens gab es — wie gene rell in der Entw icklung zum M enschen — diverse Zw ischenform en und E n t wicklungslinien, deren Vertreter ausgestorben sind. Vor ru n d 130 000 Jahren entwickelte sich aus diesem Feld ein Vertreter, den wir schon länger kennen: der N eandertaler. D iesm al n ich t in Afrika, sondern in Europa und im N a hen O sten (Dawkins S. 103). Er lebte w ährend der gesamten Kälteperiode der letzten Eiszeit in Europa, war dam it über ru n d 60 000 Jahre Zeitgenosse von H om o sapiens u nd starb vor etwa 20 000 Jahren aus. D er N eandertaler hatte m it einem V olum en von bis zu 1800 K ubikzentim eter ein größeres G e h irn als wir heutigen M enschen; er hatte kräftige Augenbrauenwülste, einen stäm m igen Körperbau, kurze G liedm aßen u nd eine gewaltige Nase. Er muss hellhäutig und wenig behaart gewesen sein (R eicholf S. 203/204). Sicherlich war er ein äußerst flinker u nd gew andter Jäger, der schnell und ausdauernd laufen konnte. O b er schon Pfeil und Bogen benutzte, lässt sich aus dem vorliegenden M aterial n icht ersehen. K onnte er schon sprechen? An dieser Frage scheiden sich die Geister: Reicholf verneint dies (S. 205), andere W issenschaftler halten die Sprechfähigkeit für viel älter (Dawkins S. 110). Ich kom m e im nächsten Kapitel au f diese Frage zurück. D er N eandertaler lebte von der Jagd au f G roßtiere wie M am m ut, Wollnashorn und Riesenhirsch. Sein Gebiss war sehr kräftig u nd die starken K no chen zeugen von einer guten Versorgung m it M ineralien. „Es m uss ein kraft voller M enschenschlag gewesen sein, der den Lebensbedingungen der Eiszeit ungleich besser angepasst war als der heutige M ensch“ (Reicholf S. 206). D er N eandertaler konnte so kräftig werden und ein großes G ehirn entwickeln, weil der die eiszeitlichen G roßtiere jagte, deren Fleisch einen hohen Fettgehalt aufwies, der diese ihrerseits gegen die Kälte schützte. Dies war auch für den N eandertaler überlebenswichtig, denn fettreiches Fleisch erleichtert n icht nur das Anlegen eines eigenen Fettdepots, sondern erm öglicht auch eine große innere W ärm eproduktion. Ä hnlich wie den Eskimos stand auch den N ean dertalern in der eiszeitlichen T undra kein H olz als Feuer- und W ärmequelle 71 zur Verfügung. N ichtsdesto tro tz sind sie m it w arm en Fellen u nd hochwertiger fetter N ahrung gut über die R unden gekom m en. A uch die harten W inter, w enn die G roßtiere in ihre geschützteren W in ter standorte wechselten, konn ten sie gut überstehen, da die Fleischvorräte über dem eiszeitlichen D auerfrostboden wie in einem K ühlschrank aufbew ahrt werden konnten . D er N eandertaler hatte sich erfolgreich an die Verhältnisse der Eiszeit ange passt. Als geschickter Jäger hatte er in der Regel genügend Fleisch der G roß tiere vorrätig und verfügte som it über eine kalorienreiche m it allen wichtigen N ährstoffen angereicherte N ahrung. Die verschiedenen Fundorte von H in te r lassenschaften dieser M enschenart zeigen, wie eng sie m it dem Leben w ährend der Eiszeit verbunden waren. „ ... das V orkom m en der N eandertaler deckt sich m it den Regionen der eiszeitlichen Tundra in Eurasien“ (Reicholf S. 211). W enn er so erfolgreich war, w arum ist er dann ausgestorben? Die paradoxe A ntw ort lautet: W eil er so erfolgreich war! D er N eandertaler hatte sich optim al an seine eiszeitliche U m w elt angepasst, er war sozusagen Spezialist für die Eis zeit. Als diese W elt unterging, verschwand er m it ihr. Das trockene und kalte Klima der Eiszeit, das über Jahrtausende relativ sta bil war, änderte sich grundlegend: Es w urde wärm er und feuchter. H och und T ief wechselten häufig. D er D auerfrostboden taute u nd W älder drangen in breiter Front vor. Die eiszeitlichen G roßtiere wie M am m ut u nd W ollnashorn konn ten sich den neuen Bedingungen n ich t anpassen und starben aus. D am it war auch dem N eandertaler die Lebensgrundlage entzogen. N u n lebten im eiszeitlichen Europa n ich t n u r die N eandertaler. N achdem H om o sapiens vor ru n d 100 000 Jahren aus Afrika ausgewandert war, lebten beide M enschenarten m ehrere 10 000 Jahre nebeneinander. H atten sie K on takt untereinander? H aben sie sich bekriegt? H aben sie gemeinsam e Kinder gezeugt? Verm utlich gab es zwischen den beiden G ruppen das ganze Repertoire m enschlicher Verhaltenweisen; dies lässt sich allerdings kaum nachweisen. Die Frage, ob die heutigen Europäer irgendwelche Gene von den N eandertalern übernom m en haben, ist un ter W issenschaftlern heftig um stritten. Inzwischen ist jedenfalls das E rbgut der N eandertaler sequenziert und nach diversen Vergleichen steht fest: Zwischen einem u nd vier Prozent des m ensch lichen G enom s stam m en vom N eandetaler — und das gilt für alle M enschen 72 außer denen Afrikas. Das bedeutet, dass die W anderer aus Afrika zum indest m it N eandertalern aus dem N ahen O sten sexuelle K ontakte gehabt haben müssen. Dieses Erbe trugen sie dann in die ganze W elt — n u r n icht zurück nach Afrika (Tagesspiegel vom 7.5. 2010 ). U nter der Schlagzeile „Schützenhilfe aus dem N eandertal“ berichtet die Berliner Zeitung, dass w ir dem Techtelm echtel m it dem N eandertaler vor 50 000 Jahren unser starkes Im m unsystem zu verdanken hätten. D em nach sei die Fähigkeit unseres Körpers eine Vielfalt hochspezifischer A ntikörper zu bilden, dem Im m unsystem der N eandertaler zu verdanken, die doch bestens den harschen Bedingungen der Eiszeit angepasst waren (Berl. Z eitung vom 30.08. 2011). 73 12. Homo sapiens - Die Erfindung der Sprache Vor rund 200 000 Jahren betritt er in Afrika die Bühne — H om o sapiens. Er trägt statt Baumwolle die Felle erlegter Tiere, ansonsten unterscheidet er sich von uns heutigen M enschen nicht. W ahrscheinlich war er ziem lich schlank, weil es selten N ahrung im Überfluss gab, und verm utlich war er gesünder, weil er sich viel bewegte u nd ausgewogener ernährte. Was unterscheidet ihn n u n aber von seinen Vorfahren, dem K raftprotz aus dem N eandertal und H om o erectus? Es ist vor allem die Sprache. Die Sprache ist ein Produkt des Gehirns. Aber in ihren unzähligen M öglichkeiten weist sie weit über das Leistungsverm ögen eines einzelnen M enschen, eines einzelnen G ehirns hinaus. Sie ist das M edium , in dem sich die G ruppe, die G em einschaft verständigt. Sie bildet quasi ein kollektives Gehirn. U nd sie ver weist dam it in die Geschichte, in der die G ruppe ihre M ythen u nd Traditio nen im M edium der Sprache bew ahrt und weitergibt. Bis zur Erfindung der Schrift vor einigen Jahrtausenden war die Sprache über Jahrzehntausende das entscheidende K om m unikationsm edium zwischen den M enschen. Sprache erm öglicht es Zukünftiges zu erahnen, Vergangenes zu verstehen und so die G egenwart besser zu bewältigen. W ie kann m an aber wissen, dass H om o sapiens über eine Sprache verfügte, der N eandertaler, der m ehrere Jahrtausende in Europa zur gleichen Z eit lebte, jedoch nicht? U m eine differenzierte Sprache in unserem heutigen Sinne auszubilden, bedarf es eines angemessenen Sprechapparates. Die Lage von Z ungenbein und K ehlkopf gelten als Hinweis für die Fähigkeit artikuliert zu sprechen. Beim N eandertaler und allen anderen Vorläufern des m odernen M enschen saß der K ehlkopf deutlich höher, so dass diese n icht in der Lage waren differenziert zu sprechen. Deshalb konnte der N eandertaler die Potentiale seines großen G ehirns, das deutlich größer war als das unsere, überhaupt n icht ausschöpfen. D ie R ückkoppelung über die Sprache war n ich t vorhanden. Erst als sich der K ehlkopf beim m odernen M enschen um m ehrere Z entim eter absenkte, konn ten artikulierte Laute gesprochen werden, die Entw icklung der Sprache begin 75 nen. Das brachte zwar den N achteil m it sich, dass wir uns leicht verschlucken können, da die Eingänge von Luft- u nd Speiseröhre nun d icht beieinander liegen, w urde aber durch die n un entstehenden M öglichkeiten m ehr als auf gewogen (vgl. Reicholf S. 162 ff). Allerdings sind die A nw orten au f die Frage nach der Entstehung der Spra che ziemlich um stritten . Die Pariser Gesellschaft für Sprachforschung ging 1866 sogar soweit, die D iskussion über diese Frage zu verbieten, weil sie als n icht beantw ortbar eingestuft wurde. Z u m G lück hat sich die W issenschaft n icht an dieses Verdikt gehalten u nd so gibt es ziem lich unterschiedliche Ansätze. Einige W issenschaftler gehen davon aus, dass schon H om o erectus sprechen konnte. Dawkins referiert die verschiedenen Ansätze, kom m t aber selber aufgrund einer genetischen Analyse zu dem Ergebnis, dass die Fähigkeit zu sprechen vor weniger als 200 000 Jahren entstanden sein muss. Dies deckt sich recht gut m it der Entw icklung von H om o sapiens (Dawkins S. 109 ff). A uch der neuseeländische K ulturanthropologe Q uen tin A tkinson ana lysierte m ehrere hundert Sprachen u nd erm ittelte die Zahl der bedeutungs unterscheidenden Vokale, K onsonanten und T onhöhen (Phonem e). Er kam zu dem Ergebnis, dass die Sprachen m it der größten Vielfalt an Phonem en in Afrika im allgemeinen u nd Südwestafrika im besonderen gesprochen werden. A tkinson schließt aus seinen Ergebnissen, „dass der H om o sapiens im Südwes ten Afrikas die erste Sprache überhaupt gesprochen hat u nd dass aus ihr säm t liche andere Sprachen hervorgegangen sind“ (Berl. Z eitung vom 21.6.2011). A n dieser Stelle halte ich es für sinnvoll und notw endig, ein (erstes) Resümee zu ziehen. Z um einen, weil m an die N a tu r des M enschen n u r in der Zusam m enschau verstehen kann. Viele W issenschaftler, die sich m it dieser Frage beschäftigen, gehen von dem einen oder anderen M erkm al aus und ziehen dann weitrei chende Schlussfolgerungen. D och diese Vergehensweise halte ich für zu kurz gesprungen. N u r w enn alle w esentlichen Aspekte in ihren unterschiedlichen Z usam m enhängen auf der G rundlage einer klaren Vorstellung von der g rund legenden B estim m ung des M enschen zusam m engefügt werden, kann m an eine zufriedenstellende Vorstellung von der N atu r des M enschen gewinnen. Z um anderen bin ich m it m einen Ü berlegungen an einem Punkt angekom m en, an dem die biologische Entw icklung zum H om o sapiens abgeschlossen 76 ist, er ist genetisch fertig entwickelt. Alle weiteren V eränderungen in seinen Erbanlagen sind von geringer B edeutung im Vergleich zu der geschichtlichen Entw icklung, die sich n u n vollzieht. Von daher liegt es nahe, das Wesen, das n u n in die Geschichte ein tritt, noch einm al in seiner ganzen K om plexität in Augenschein zu nehm en. Die N aturgeschichte des M enschen beginnt n ich t erst m it der Trennung vom Schim pansen vor sechs bis sieben M illionen Jahren. Im G runde beginnt sie m it der Entw icklung der ersten Zellen. D och soweit zurück m öchte ich hier n ich t gehen — dies w ürde m ich in m einen Ü berlegungen in vielerlei H in sicht überfordern. Im übrigen gibt es Studien in diesem Zusam m enhang von dem russischen Psychologen Leontjew u nd im Anschluss an diesen von Klaus H olzkam p im R ahm en der Kritischen Psychologie. Ich halte es im R ahm en m einer Ü berlegungen für sinnvoller, m it den Säu getieren anzusetzen. Die frühen Säugetiere waren spitzm ausähnliche, kleine Tiere, die über M illionen Jahre im Schatten der großen Saurier lebten. Sie h a t ten gegen die großen Echsen keine Chance. D a sie aber eine geregelte K örper tem peratur entw ickelt hatten, konn ten sie in die Kühle der N ach t ausweichen (vgl. Reicholf S. 44 ff). In dieser ökologischen N ische waren sie vor den Beutezügen der Echsen einigerm aßen sicher, da diese in den kühleren N ächten eher träge w urden. Die frühen Säuger streiften also über M illionen von Jahren durch die N ach t und suchten nach ihrer bevorzugten N ahrung, nach Insekten. Für die O rien tierung in der N ach t waren die Augen allein n ich t ausrei chend. Die frühen Säugetiere entwickelten Tastsinn, G eruchssinn und G ehör zu neuen Höchstleistungen. W enn Sinne op tim iert w urden, bedeutet dies auch immer, dass entsprechende Areale im G ehirn auf- oder ausgebaut werden und dass diese Leistungen, sofern sie über G enerationen stabil bleiben, im G enom verankert sein müssen. Als der Einschlag eines riesigen M eteoriten vor 65 M illionen Jahren die H errschaft der Saurier beendete u nd die anschließende Im paktnacht und der Im paktw inter, den die Säugetiere überstanden, weil sie an das Leben in der N ach t gew öhnt waren, vorbei waren, begann ihre große Zeit. Sie übernahm en n u n auch die H errschaft über den Tag. U nd n ich t nu r das: Die Prim aten unter den Säugetieren eroberten sich auch den Luftraum . N ein, sie fingen n ich t an zu fliegen wie Vögel oder Fledermäuse. Ih r Revier w urden die K ronen der 77 Bäume, das Gewirr von Ästen, Zweigen, Luftwurzeln und Lianen. D ort gin gen sie au f die Jagd nach Insekten und au f die Suche nach reifen Früchten und jungen Trieben. Für diese Tätigkeit b rauchten die Prim aten n ich t nu r spezielle H in ter- und Vorderbeine, m it denen sie kraftvoll springen und präzise zugreifen konnten , sondern auch besondere Augen, m it denen sie dreidim ensional sehen konnten . N u r w enn die Gesichtsfelder der Augen sich bis zu einem gewissen G rad über schneiden, ist es m öglich, E ntfernungen präzise abzuschätzen, die Sprungw ei ten entsprechend durchzuführen u nd den Ast sicher zu greifen. A ußerdem verfügen die Prim aten im U nterschied zu allen anderen Säugetieren über ein ausgeprägtes Farbensehen, das sogenannte trichrom atische Farbensehen. W ährend die m eisten Säuger nur zwei Farben, näm lich Blau und G rün u n ter scheiden können, verfügen Prim aten über dreierlei Zapfen auf der N etzhaut, u nd zwar für die Farben Rot, G rün u nd Blau. Verm utlich hängt dies dam it zusam m en, dass die Affen durch die leuchtenden Farben der Früchte ange lockt werden (Dawkins S. 219 ff). Australopithecus verlässt den W ald. Er steigt von den Bäum en herab und erobert die Savanne. Er beherrscht den aufrechten G ang und hat die H ände frei für Betätigungen aller Art. M öglicherweise m acht er in dieser langen Zeit von m ehreren M illionen Jahren auch eine Phase als Wasser- oder K üstenbe w ohner durch und w ird m it dem Elem ent Wasser vertraut. H om o habilis hat sich in seiner körperlichen A usstattung m it Schweiß drüsen, dunkler nackter H au t und drahtigem H aar optim al an das tropische Klima der ostafrikanischen Savanne angepasst. U m an das begehrte Fleisch toter Tiere zu kom m en w ird er zum ausdauernden Läufer. In der Folge wächst sein G ehirn so stark, dass er den ersten Schritt zur M enschw erdung tu t und dam it zur G attung H om o zählt. D en nächsten Schritt zur M enschw erdung m acht H om o erectus. Sein G ehirn ist weiter gewachsen, u nd er verfügt über ausgefeilte Waffen und W erk zeuge. D urch die Jagd und das Sam m eln von Wurzel, Beeren und Samen hat er sich ein breites N ahrungsangebot verschafft. Vor allen D ingen hat er seinen A ktionsradius außerordentlich ausgedehnt und ist bis Arabien, Südasien und Südeuropa gewandert. Er nutzte das Feuer und lernte w ährend der Eiszeit auch das Leben am Rande des Eises kennen. 78 Schließlich sehen w ir H om o sapiens vor uns. Seine G ehirngröße hat sich in einem optim alen M aß eingependelt, so dass er die Kapazität voll ausschöp fen kann und die G eburt erfolgreich verläuft. M it diesem G ehirn und m it seinen geschickten H änden verfügt er über ein Instrum entarium , das ihm eine unendliche Fülle von M öglichkeiten erschließt. D urch die B enutzung der Sprache u nd eine hohe soziale K om petenz werden diese M öglichkeiten in den sozialen R aum fortgesetzt und dam it potenziert. A ußerdem kann er au f eine G enom struktur bauen, in der die wesentlichen Entw icklungen seiner Vorgänger gespeichert sind, seien es n u n E ntw icklun gen im Bereich der Sinne oder Erfahrungen aus verschiedenen Lebenswelten. H om o sapiens ist n icht nu r Allesfresser, er ist auch Alleskönner. Er ist G ene ralist par exellence. Er hat dam it ein Verm ögen entwickelt, das weit über seine Entstehungsbedingungen hinausweist. Er besitzt ein universelles Vermögen, das sich n ich t au f die Erde beschränkt, sondern au f das ganze Universum gerichtet ist. Z unächst jedoch geht H om o sapiens zu Fuß — und besiedelt die ganze Erde. 79 T eil III. Woh in gehen w ir? 13. Jäger und Sammler - Die Ausbreitung des Menschen Die folgenden Überlegungen erweisen sich als ziem lich schwierig u nd sind aufgrund unterschiedlicher wissenschaftlicher Auffassungen u nd kaum vor handenen M aterials sehr spekulativ. Die erste Frage, die sich stellt, ist welches sind die entscheidenden Epochen der m enschlichen Geschichte? Je nach welt anschaulichem S tandpunkt, wissenschaftlichem Ansatz oder Sicht der jeweili gen Fachwissenschaft fällt die B eantw ortung dieser Frage sehr unterschiedlich aus. Eng dam it verbunden ist die Frage, was das W esentliche der jeweiligen Epoche ausmacht, was w iederum bedeutet, wesentlich für uns heutige M en schen und von zentraler B edeutung für unser jetziges Leben. W ährend der vorletzten Eiszeit, der sog. Saale-Kaltzeit, vor ru n d 160 000 Jahren lebten in der Afar-Senke im heutigen Ä thiopien eine Population von M enschen, die derzeit als die ältesten Repräsentanten des m odernen M enschen gelten (vgl. Dawkins, S. 101). W eitere Fossilien von H om o sapiens w urden in H öhlen Südafrikas gefunden u nd au f ein Alter von 120 000 Jahren eingestuft. Aus dem zeitlichen Unterschied lässt sich die V erm utung schließen, dass die M enschen entlang der ostafrikanischen Küste vom heutigen Ä thiopien bis ins südliche Afrika gew andert sind. D er W eg entlang der Küste scheint als W anderweg sehr attraktiv gewesen zu sein, da die N ahrung aus dem Meer, wie M uscheln, Schnecken und Fische eine wichtige Bereicherung für die Speise karte von H om o sapiens darstellte. Dies w ird im m er w ieder durch die Funde von großen M engen M uschelschalen und Schneckenhäusern bestätigt. Im übrigen passt der W anderweg ins südliche Afrika sehr gut zur sogenann ten Flaschenhalstheorie. Diese besagt aufgrund von Berechnungen der M uta tionsrate, dass das gesamte m enschliche G enom so klein ist, — beispielsweise im Vergleich zu dem G enom der Schim pansen — dass alle heute lebenden M enschen von einer G ruppe von wenigen hundert Individuen abstam m en müssen. Es m uss also in der Entw icklung von H om o sapiens einen dram ati schen Engpass gegeben haben u nd unsere A rt stand vor dem Aussterben. Die Ursache w ird in einem gewaltigen V ulkanausbruch des Toba auf Sum atra vor 74 000 Jahren verm utet. Diese Theorie w ird in der W issenschaft un ter dem 83 Begriff ,Toba-K atastrophe‘ diskutiert, ist aber sehr um stritten (W ikipedia vom 11 . 12 . 12 , Toba-Katastrophe). W ahrscheinlicher u nd näherliegend ist die A nnahm e, dass die vorletzte Eiszeit, die vor ru n d 200 000 Jahren begann u nd ru n d 80 000 Jahre dauerte, die Lebensbedingungen unserer Vorfahren dram atisch verschlechterten. D er Archäologe C.W . M arean beschreibt das Klim a in Afrika für diese Z eit als kühl und trocken. Die W üstenzonen waren viel weiter ausgedehnt und für M enschen unbew ohnbar. Von über zehntausend erwachsenen Individuen haben wohl gerade einige hundert überlebt (vgl. C.W . M arean, Spektrum der W issenschaft 12/10). Als Zufluchtsstätte für die dezim ierten M enschengruppen eignete sich nach M arean vor allem die südafrikanische Küste. A uf diesem Küstenstreifen leben im Verhältnis viele verschiedenartige Pflanzen, und vor allem solche, die unterschiedliche Speicherorgane ausbilden, wie Knollen, Zwiebeln oder Speicherwurzeln. A ußerdem treffen vor der südafrikanischen Küste der kalte Benguela Strom und der warm e Agulhas Strom aufeinander u nd schaffen op ti male Bedingungen für M uschelbänke, Schneckenkolonien u nd Krebse. Vor diesem H in terg rund untersuchten M arean und sein südafrikanischer Kollege Peter Nilssen m ehrere H öhlen au f der wild zerklüfteten Landzunge Pinnacle Point bei der K leinstadt Mossel Bay an der Südküste Afrikas. U nd in der Tat konnten die beiden W issenschaftler aufgrund diverser Funde, wie M uschelschalen und Schneckenhäuser, aber auch H erdstellen und Steinwerk zeugen nachweisen, dass die H öhlen im Z eitraum von 164 000 bis 35 000 Jah ren nahezu ununterbrochen besiedelt waren. U nd n icht n u r das: Es w urden auch eindeutige Hinweise für eine kulturelle Entw icklung gefunden. D a sich die Gezeiten im Laufe des Tages verschieben u nd Springniedrigwasser nu r bei einer bestim m ten K onstellation von Sonne u nd M ond stattfindet, m üssen die M enschen eine A rt Kalender geführt haben, um die optim alen Z eitpunkte für die Ernte von M uscheln und Schnecken zu bestim m en. A ußerdem w urde eine H itzebehandlung von G esteinen nach gewiesen, um feine und scharfe Klingen für W erkzeuge herzustellen. A uch die H erstellung von roter Farbe für kultische Zwecke u nd das Sam m eln von besonders schönen Schneckenhäusern zeugen davon, dass die M enschen die große B edeutung des Meeres für ihr Ü berleben in ihre W eltan schauung u nd ihre Rituale einbezogen haben. 84 W enn auch kaum vorstellbar ist, dass au f dem riesigen afrikanischen K onti n en t n u r an der südafrikanischen Küste Bedingungen geherrscht haben sollen, die menschliches Leben erm öglichten, so ist doch bisher kein anderer O rt für den Z eitraum der vorletzten Eiszeit von 200 000 bis 120 000 Jahren gefunden worden, an dem H om o sapiens seine Spuren hinterlassen hätte. Vor rund 100 000 Jahren sind G ruppen von H om o sapiens von Afrika in den N ahen O sten gewandert. D ie Schätzungen schwanken im Z eitraum von vor 150 000 (Dawkins S. 96) bis 60 000 Jahren (Reicholf S. 230). Die ersten Fossilien des m odernen M enschen außerhalb Afrikas sind in einer H öhle im Karm el-Gebirge und in der N ähe von N azareth gefunden w orden. Die ältesten von ihnen w urden au f ein Alter von 110 000 Jahren geschätzt. D anach wurde über m ehrere zehntausend Jahre weder an diesen Fundstellen noch anderswo Spuren m enschlichen Lebens entdeckt. Entw eder die M enschen starben aus, w anderten zurück nach Afrika oder die Spuren sind heute vom M eer bedeckt. W enn die M enschen entlang der Küsten w anderten, sind ihre Spuren heute vom M eer begraben, da aufgrund der Eisschmelze der Meeresspiegel heute deutlich höher liegt als vor 100 000 Jahren. M erkwürdigerweise finden sich die ersten Funde wieder in Australien, zir ka 1000 km westlich von Sydney. A m Lake M ungo entdeckte Jim Bowler die Fossilien eines M enschen, der „M ungo 3“ genannt wird. Sein Alter w urde auf 40 000 Jahre berechnet. U nterhalb dieser Fundstelle w urden aus einer tieferen Sedim entschicht m enschliche W erkzeuge ausgegraben, die sogar au f ein Alter von 60 000 Jahren datiert wurden. Som it hätten die M enschen innerhalb von 2000 G enerationen seit sie Afrika verlassen haben, die Strecke vom N ahen O sten bis Australien bewäl tigt. M an muss allerdings n icht davon ausgehen, dass sie zielgerichtet dorth in gew andert sind. V ielm ehr reicht es aus sich vorzustellen, dass einzelne G rup pen ihren A ktionsradius innerhalb einer G eneration um ein paar Kilom eter verschoben haben (W ikipedia, Ausbreitung des M enschen, 10.12.12). U m aber nach Australien zu gelangen, m ussten die M enschen in der Lage gewesen sein einfache Wasserfahrzeuge wie Flöße zu bauen, denn Australien war w ährend dieses Zeitraum s niemals m it der Inselbrücke Indonesien ver bunden . Australien u nd N euseeland befinden sich auf einer eigenen Festland scholle und sind durch m ehrere Tiefseegräben von der chinesischen Platte getrennt. 85 W ie prim itiv auch im m er die Wasserfahrzeuge gewesen sein m ögen, m üs sen sie doch hochseetüchtig gewesen sein um W ind u nd W ellen standzuhalten. A ußerdem muss eine A rt von Steuerung vorhanden gewesen sein um ein sicht bares Ziel wie die nächstgelegene Insel anzusteuern. A ußerordentlich erstaun lich ist die Fähigkeit sich zu orientieren, w enn das nächste Ziel außerhalb der Sichtweite lag. H aben die damaligen M enschen sich in diesem Fall dem Zufall überlassen oder sind sie einfach die erprobte H aup trich tung nach Süden bzw. Südwesten weitergefahren? N och m ehr in Erstaunen gerät m an bei der Frage, wie sie ihre Fahrzeuge vorwärts bewegt haben. Benutzten sie einfache Paddel oder haben sie möglicherweise schon eine A rt Segel benutzt? W ie auch im m er m an diese Ü berfahrten beurteilen mag, setzen sie doch planerische Intelligenz u nd gewisse technische Fähigkeiten und Erfahrungen m it Ström ungen, W ind und W ellen voraus. Sie m achen deutlich, dass H om o sapiens die Potentiale seines G ehirns und seiner Sprache sehr w ohl genutzt hat um die anstehenden Probleme zu lösen und sein Leben zu gestalten. In diesem Zusam m enhang stellt sich doch auch die Frage, was ihn über haup t veranlasst hat sich au f das M eer zu begeben und dort sein Leben zu riskieren? W aren es A benteuerlust, N eugier oder die südliche Sonne und die lange zurückliegende E rinnerung an die afrikanische Heimat? W ir wissen es n icht ! Ein Bevölkerungsdruck durch zu viele nachw andernde M enschen kann es in A nbetracht der damaligen Anzahl von Individuen kaum gewesen sein. A ußerdem hätten in diesem Fall die G ruppen im m er noch nach N orden, in das nördlichere Ostasien ausweichen können, was andere G ruppen denn auch getan haben. D ort m ussten sie keine Meere überqueren. Aber Australien erlebte n ich t n u r im H inblick au f die erfolgreiche Ü ber querung des Meeres und der anschließenden Besiedlung durch H om o sapiens eine Premiere, sondern auch in einer eher katastrophalen H insicht. M it dem Eintreffen des M enschen verschwanden viele australische G roßtiere von der Bildfläche. U nter anderem lebten in Australien Riesenkängeruhs, nashorn ähnliche Beuteltiere, Beutel-‘Leoparden’, große straußenähnliche Vögel und riesige Reptilien und Eidechsen (D iam ond, A rm u nd Reich, S. 54 ff). Die Tiere kannten den M ensch als Jäger n ich t und waren deshalb ihm gegenüber zutraulich und zahm, wie dies heute noch in unbew ohnten oder spät besiedel ten G ebieten, wie z. B. au f den Galapagosinseln der Fall ist. 86 Die M enschen m üssen diesen U m stand gnadenlos ausgenutzt haben, so dass die G roßtiere kurz nach ihrer A nkunft ausgerottet waren. In der W issen schaft w ird dieser Zusam m enhang unter dem Begriff der sogenannten O ver kill — H ypothese diskutiert. In jedem Fall m acht dieser Sachverhalt deutlich, dass es ein goldenes Zeitalter, in dem der M ensch im E inklang m it der N atu r gelebt hat, nie gegeben hat, und dass die M enschen die Angebote der N atu r im m er m it vollen H änden genom m en haben ohne groß etwaige Folgen zu bedenken. Zusam m enfassend kann m an festhalten, dass die M enschen in m ehreren Jahrzehnten beginnend vor ru n d 100 000 Jahren von Afrika aus den N ahen O sten u nd Südostasien bis Australien besiedelt haben. Dabei ist um stritten, ob er W eg nach Asien über die Sinai — H albinsel geführt hat oder durch den Süden der arabischen H albinsel und die Straße von H orm us. So w urden im Jem en Steinwerkzeuge im A lter von 80 000 und 125 000 Jahren gefunden. Jedoch fehlen bisher die Fossilien der W erkzeugmacher, verm utlich weil der Meeresspiegel heute viel höher liegt und deshalb die m eisten Zeugnisse der Ausbreitung nach Asien vom Indischen O zean begraben sind. Genetische Analysen zeigen jedoch, dass Südostasien m it Indien und C hina im Z eitraum von 80 000 bis 30 000 Jahren in m indestens zwei W ellen besiedelt wurde. Irgendw ann kam en die M enschen dann im N orden an eine erste Grenze als sie die Hochgebirge des H indukusch, H im alaya und Tian Shan erreichten. Im Süden bildeten die Meere erst des Indischen u nd dann des Pazifischen Ozeans die erste große Barriere (W ikipedia, Ausbreitung des M enschen, 10.12.12). Vor ru n d 40 000 Jahren kam H om o sapiens nach Südeuropa und siedelte vor allem im heutigen Frankreich u nd Spanien. N ach den ersten Funden im Jahr 1868 im Abri de C ro-M agnon an der D ordogne w ird er auch Cro M agnon M ensch genannt. Bekannt geworden ist er durch die beeindruckenden und plastischen H öhlenm alereien, wie beispielsweise in den H öhlen von Lascaux und Altam ira. Die Bilder zeigen Pferde, Auerochsen, H irsche u nd andere Tiere, die gejagt w urden, in expressiver Lebendigkeit. Kleine Figuren aus Elfenbein, Stein oder K nochen w urden vor allem in H öhlen auf der Schwäbischen Alb gefunden, auch Frauenstatuetten wie die Venus vom H ohlen Fels. Außerdem lagen dort auch K nochenflöten aus der Speiche eines Singschwans und eines 87 Gänsegeiers begraben. Bilder, S tatuetten und M usikinstrum ente weisen auf ausgeprägte kulturelle oder kultische Betätigungen hin. N eben m enschlichen Ü berresten wie K nochen, Schädel und Z ähnen w ur de typische W erkzeuge beschrieben: Projektilspitzen aus K nochen und Elfen bein w urde verm utlich als Speerspitzen benutzt. Stichel und lange schmale Klingen, die häufig an den Längsseiten wie tailliert geform t sind, w urden aus Feuerstein hergestellt. Vor allem m ehrteilige Werkzeuge, die aus m ehreren Elem enten bestehen und zusam m engebunden oder verleim t sind, wie Speere, die aus einer Knochenspitze und einem Holzschaft oder Beile, die aus einem Feuerstein und einem Holzstiel zusamm engesetzt sind, fallen auf. In ihrer G esam theit w ird diese Kulturstufe, die vor 40 000 bis 30 000 Jahren über ganz W est-M ittel- und Südeuropa verbreitet war, Aurignacien genannt. A ufgrund ihrer außerordentlichen B edeutung in der Entw icklung von H om o sapiens bezeichnet J. D iam ond diese Phase als den „großen Sprung nach vorn“, der sich dadurch auszeichnet, dass „sich zur m odernen A natom ie jetzt auch m odernes innovatives Verhalten gesellt hatte“ (D iam ond, D er dritte Schim panse, S. 64). D och wie kam es zu dieser kulturellen Blüte und vor allem w oher kam en diese ersten Europäer? H om o sapiens betrat näm lich plötzlich, ohne dass in der Z eit davor irgendwelche Spuren gefunden w urden, und in großer Zahl die Bühne Europas. Sein Erscheinen stellte die Geschichtswissenschaftler vor ein Rätsel:“Es m u tet uns an, als sei der neue M ensch aus dem N ichts hervor getreten“ (Propyläen W eltgeschichte Bd. 1, S. 195). Entgegen der naheliegenden V erm utung, das H om o sapiens aus dem Süden entlang der M ittelm eerküste eingew andert sei, sprechen die Fakten eine ande re Sprache. Er kom m t aus dem N orden nach M itteleuropa. „Die ältesten Vor kom m en jungpaläolithischer Kulturen fanden sich jedenfalls an der Peripherie eines ausgedehnten nordeurasiatischen Gebietes, dessen südliche Begrenzung ungefähr die Linie Baltikum — Kaspisee — N ordrand der asiatischen H o ch gebirge - O stsibirien ist“ (Propyläen, S. 197). In diesem Raum hatten die verschiedenen G ruppen ungestört von Einflüs sen anderer M enschengruppen ausreichend Z eit die Entw icklung ihrer W erk zeuge, G ebrauchsgüter und kultureller Bräuche voranzutreiben. Verm utlich sahen sich diese M enschen dann aufgrund der zunehm enden Kälte und Ver gletscherung der letzten Eiszeit gezwungen nach Süden abzuwandern, kam en 88 nach M itteleuropa und entfalteten ihre Kultur. Dies hätte dann den E indruck erweckt, als wäre sie urplötzlich aus dem N ichts entstanden. A ufgrund der herausragenden B edeutung kann m an schon von einem großen Sprung nach vorn sprechen, allerdings kam er n ich t aus heiterem H im m el, sondern war sozusagen von langer H an d vorbereitet. W enn es aber zutrifft, dass diese M enschengruppen aus dem N ordosten eingewandert sind, stellt sich sofort die Frage, wie sie dahin gekom m en sind. W enn die Siedler aus Afrika sich zunächst über Südostasien ausbreiteten, müssen sie nach einigen Jahrzehnten einen W eg gefunden haben, die großen asiatischen H ochgebirge Him alaya und H indukusch zu durchqueren. Diese M enschen hätten sich dann in einer ganz anderen ökologischen U m welt wie dergefunden u nd sich m it ihren Waffen, W erkzeugen, Jagd- u nd Sam m eltech niken u nd kulturellen Bräuchen auf die neuen Bedingungen einstellen müssen. Im Z eitraum von 30 000 bis 20 000 Jahren w urde O stsibirien besiedelt und vor rund 12 000 Jahren w anderten die M enschen über die Beringstraße nach Am erika ein. A ufgrund des tiefer liegenden Meeresspiegels gab es damals eine Landbrücke zwischen O stsibirien u nd Alaska und zu diesem Z eitpunk t hatte sich das Eis soweit zurückgezogen, dass eine Passage au f dem Landweg m ög lich war. Genetische Analysen zeigen, dass zehn bis zwanzig einw andernde Individuen ausreichen w ürden um die in Am erika anzutreffende genetische Vielfalt zu erklären (W ikipedia, Ausbreitung d. M .,10.12.12). Die A nköm m linge in A m erika waren die Vorfahren der Indianer u nd w er den von den Archäologen Clovis-M enschen genannt, da ihre Steinwerkzeuge, vor allem Speerspitzen, zum ersten M al bei der Stadt Clovis in der N ähe der texanischen Grenze gefunden w urden. Später w urden diese W erkzeuge an vielen anderen Stellen au f dem am erikanischen K ontinen t ausgegraben, und Funde in Chile beweisen, dass diese M enschen in der erstaunlichen Z eit von nu r tausend Jahren die Südspitze Südamerikas erreicht haben. N ach der D urchquerung der Eisschilde der Beringstraße und Kanadas müssen die E inw anderer geglaubt haben, sie seien im Paradies angekom m en. In den ausgedehnten Prärien, die vor ihnen lagen, w im m elte es von G roß tieren aller Art. Es gab M am m ute und M astodonten, riesige Bodenfaultiere und Gürteltiere, Säbelzahnkatzen, Geparde, Löwen, Kamele, Pferde u nd viele andere A rten. D ie Clovis-Jäger zückten ihre Speere u nd das D ram a nahm sei nen Lauf. 89 Es klingt noch unglaublicher und erstaunlicher als die W anderung bis zur Südspitze Südamerikas in n u r tausend Jahren: Im gleichen Z eitraum haben die M enschen 73 Prozent der G roßsäugetierarten in N ordam erika und sogar 80 Prozent in Südam erika ausgerottet. D iam ond n en n t den D urchm arsch nach dem Geowissenschaftler Paul M artin einen „Blitzkrieg“ (D iam ond, D er dritte Schim panse, S424 ff). Es ist das gleiche D ram a, das sich in Australien u nd vielen Inseln des ind i schen und pazifischen Ozeans abspielte. Die Tiere kannten den M enschen als Jäger n icht und waren ihm gegenüber zutraulich, nahezu zahm . N u r so lässt sich erklären, dass die M enschen ein derartiges Schlachtfest veranstalten konnten. Im Zuge der sogenannten austronesischen Expansion w urden im Z eitraum von vor 5000 bis 3000 Jahren von Taiwan ausgehend die Philippinen, Indone sien und die m eisten pazifischen Inseln bis Samoa besiedelt. N ach einer Pause von 1500 waren dann alle polynesischen und m ikronesischen Inseln bew ohnt, au f denen für M enschen geeignete Lebensbedingungen herrschten. D ie m odernen M enschen besiedelten jeden erreichbaren W inkel der Erde u nd überw anden dabei viele H indernisse: Gebirge u nd Flüsse, heiße W üsten u nd Eiswüsten, schließlich sogar das Meer. Es scheint, als w ollten sie ihr un i verselles Potential realisieren, indem sie alle W eltgegenden besiedelten, indem sie den zur Verfügung stehenden R aum eroberten. M ögen es im einzelnen konkrete Anlässe gewesen sein, w arum eine G ruppe weiterzog: K rankheiten oder N aturkatastrophen, wie Vulkanausbrüche, Ü ber schw em m ungen oder Trockenheit, Vorrücken der Eismassen, G ruppendruck durch nachrückende W anderer oder Überjagen des alten Reviers, sie allein sind keine hinreichende Erklärung, w arum M enschen bereit waren, große Risiken au f sich zu nehm en, einen unbekannten W eg zu beschreiten ohne zu wissen, welche Gefahren ihnen möglicherweise am nächsten Tag, in der nächsten N ach t drohten. Einzelne W anderungen m ögen durch lokale oder zufällige Faktoren aus gelöst w orden sein, doch im Ganzen gesehen setzt die Inbesitznahm e der Erde ein Potential voraus, das grenzenlose Neugier, umfangreiches W issen über die natürlichen Lebensbedingungen u nd dafür geeignete Techniken des Überlebens, hohe soziale K om petenz im U m gang m it der G ruppe m it einer 90 entschlossenen Tatkraft verbindet. Diese M enschen verfügten über ein un i verselles Vermögen. Sie sind in der Lage sich in einem M aß an klim atisch u nd geographisch unterschiedliche Bedingungen anzupassen, wie es keinem anderen Lebewesen au f der Erde je möglich war. U nd vor allem: Sie passen sich n ich t an, indem sie ihr E rbgut verändern und sich im Zuge evolutionärer Entw icklung an neue Bedingungen anpassen, sondern sie entwickeln im gesellschaftlichen Raum einer G ruppe neue Technologien, die veränderten geographischen oder kli m atischen Bedingungen angemessen sind. Sie nehm en das H eft selbst in die H and . Sie w erden selbst die Erzeuger von Veränderungen. U nd das können sie nu r D ank ihres universellen Potentials. D och schon in den Anfängen der m enschlichen Geschichte tritt auch die dunkle Seite der universellen Befähigung deutlich zu Tage: Indem der M ensch Tiere jagt und dabei in Australien, A m erika und vielen anderen O rten der W elt viele T ierarten ausrottet, w ird deutlich, dass dieses Potential für die Um welt und für die tierischen M itbew ohner unserer Erde katastrophale oder sogar tödliche Folgen haben kann. W enn auch die dam aligen M enschen die Folgen ihres Tuns in ihrer Tragweite wohl n ich t überblicken konnten , so zeigen die Blitzkriege gegen die N atu r doch schon am A nfang der Geschichte, welche verheerenden A uswirkungen menschliches H andeln oft hat. In jedem Fall w ird deutlich, dass alle Vorstellungen von edlen W ilden, die in H arm onie m it der N atu r lebten, von fernen goldenen Zeitaltern, paradie sischen Z uständen, oder urkom m unistischen G em einschaften an den harten Fakten der gesellschaftlichen Entw icklung zerschellen und lediglich als Pro jektion unserer eigenen N atu r in die geschichtliche Entw icklung verstanden werden können. So sehr wir sie uns auch w ünschen, sie können n ich t wirklich werden. Für uns heutige M enschen ist es n ich t m ehr m öglich die Zelte abzubrechen und sie einfach ein paar K ilom eter weiter w ieder aufzubauen u nd sich dort w ohnlich einzurichten. Jeder W inkel der Erde, der sich auch n u r einigerm a ßen zum Leben oder auch nur zum Ü berleben eignet, ist bew ohnt. Unsere Spezies war sehr erfolgreich, hat das Angesicht der Erde geprägt, und kein anderes Lebewesen hat die Erde nachhaltiger verändert als w ir M enschen. Die alljährlichen Urlaubsreisen für diejenigen, die es sich leisten können, der D rang nach fernen, exotischen Ländern, der A benteuerurlaub oder die 91 Cam pingreise an die Ostsee scheinen wie ein blasser Traum von längst vergan genen Zeiten. Die Sehnsucht ist geblieben, die historischen Konstellationen haben sich grundlegend geändert. A uch der D rang zum M eer scheint bis in diese ferne Zeiten zurückzurei chen. Die m eisten M enschen leben am Meer, viele große Städte und M etropo le liegen direkt an der Küste und was wäre ein Urlaub ohne ein Bad im M eer u nd ein Sonnenbad am Strand? Als die M enschen sich vor ru n d 100 000 Jahren aufm achten und von A fri ka aus die Erde besiedelten, sind sie in der Regel an den M eeresküsten entlang gezogen. V ielleicht um sich zu orientieren, vor allem aber um die Speisekarte zu erweitern: Fische, Krustentiere u nd M uscheln waren eine w illkom m ene N ahrung und am M eer ohne größeren Aufwand verfügbar. D och w enn im V erlauf des Klimawandels der Meeresspiegel ansteigt, w ird das Leben an den Küsten zunehm end gefährlich. Die damaligen M enschen konn ten sich einfach zurückziehen oder weiter w andern. W ir heutigen M en schen haben dort Häuser, Industrieanlagen und H äfen gebaut. Die K üsten bew ohner könn ten n u r unter großen Verlusten zurückweichen, w enn n ich t im H interland auch schon M enschen w ohnten. W ir sitzen fest. Als der W irbelsturm „Sandy“ über die O stküste der USA fegte, standen Teile N ew Yorks w ochenlang un ter Wasser. Viele E inw ohner hatten mehrere Tage in herbstlicher Kälte keinen Strom , U -B ahnen u nd andere Tunnel waren vollgelaufen u nd die bekannte N ew Yorker Geschäftigkeit kam zum Erliegen. U nd N ew York m ag hier nur als Beispiel für zahlreiche andere M etropole rund um die Erde stehen, für die ein W irbelsturm in K om bination m it dem steigen den Meeresspiegel verheerende Folgen haben wird. In den N iederlanden liegt ein G roßteil des Landes unterhalb des M eeres spiegels. Ü ber Jahrhunderte haben die Bewohner dem M eer getrotzt u nd m it unzähligen Deichen, Kanälen, riesigen Staudäm m en, Pum pen u nd Schleusen das M eer ferngehalten oder sogar neues Land erobert. D er niederländische A rchitekt Keen O lthus geht inzwischen neue Wege, verbündet sich m it dem M eer und entw irft W ohnanlagen, die au f dem Wasser schw im m en und bei Hochwasser m it dem Wasser steigen. So bau t er bei D en H aag den ersten schw im m enden A partm ent-K om plex Europas m it 600 W ohnungen. Die H äuser stehen auf einer Basis aus Beton und Styropor u nd können bei Bedarf auch an einen anderen O rt geschleppt werden. 92 D er A rchitekt bau t aber auch für Länder der dritten W elt, die viel m ehr vom M eeresanstieg betroffen sind u nd sich teure W ohnanlagen kaum leisten können. So berät er die Regierung der M alediven über den A ufbau von künst lichen Inseln, dam it — so die H offnung — die ru n d 300 000 Einw ohner des Inselstaates in ihrer vertrauten U m gebung bleiben können. Schreitet näm lich der Anstieg des Meeresspiegels in der bisherigen G eschwindigkeit fort, werden viele der 2000 Inseln in den nächsten Jahrzehnten unbew ohnbar werden. Die künstlichen Inseln werden wie Ö lplattform en m it Stahlseilen am M eeresbo den verankert und können einem steigenden Wasserspiegel angepasst werden. Sie schw im m en im Schutz von Atollen, den ringförm igen Korallenriffen und sind so vor den rauen W ellen des Ozeans geschützt. Soweit die Pläne (vgl. Berl. Z eitung vom 5./6 .1 . 13). All dies m acht deutlich: A uf der Erde ist es eng geworden und der drohende M eeresanstieg und die dam it verbundene Ü berflu tung großer Küstenbereiche werden die Problem e extrem verschärfen. W enn auch au f der Erde der zur Verfügung stehende R aum für m enschli ches Leben ausgeschöpft scheint, so ist die M enschheit derzeit erfolgreich dabei einen alten Traum zu realisieren: D en A ufbruch in den W eltraum . Zunächst einm al stellte schon der erste Schritt, das Verlassen der Erdatm osphäre, die Ingenieure vor große Schwierigkeiten. Es musste näm lich ein Antrieb gefun den werden, der große Lasten gegen die A nziehungskraft der Erde in den W elt raum zu transportieren verm ochte. Bisher kann dies n u r eine Rakete, die nach dem M ehrstufenprinzip gebaut und m it einem R aketenm otor ausgestattet ist, der nach dem R ückstoßprinzip funktioniert. Die Geschichte des Kalten Krieges zeigt, dass die Entw icklung der R aum fahrt vor allem im Zusam m enhang m it m ilitärischen Interessen u nd politi schen A m bitionen verlaufen ist. N ach dem sogenannten Sputnik-Schock im O ktober 1954 w urde der am erikanischen Politik und der am erikanischen Ö ffentlichkeit schlagartig klar, dass die Sow jetunion dabei war, Am erika auf dem G ebiet der W eltraum technologie zu überflügeln. M it ihrem Sputnik Pro gram m im Z eitraum von 1957 bis 1960 hatte die damalige Sow jetunion nicht n u r den ersten Satelliten überhaupt in den W eltraum geschossen, sondern auch die ersten Lebewesen, die beiden H ü n d in n en Strelka und Belka, nach einem Raum flug wieder sicher au f der Erde gelandet. 93 A m 12. April 1961 fliegt Juri Gagarin auf der W ostok 1 als erster M ensch in den W eltraum u nd um kreist die Erde. W eitere Flüge folgen, bis die USA m it einem Paukenschlag nachziehen: A m 16.Juli 1969 starten die A m erikaner m it Apollo 11 den Flug zum M ond. W enige Tage später betritt N eil A rm strong als erster M ensch den M ond. Fasziniert verfolgen M illionen von M enschen ru n d um den Globus das spektakuläre Ereignis an ihren M attscheiben und fiebern m it den O rganisatoren um das A benteuer erfolgreich zu beenden. Neil A rm strongs K om m entar brachte die B edeutung der ersten Schritte au f dem M ond au f den Punkt: „Das ist ein kleiner Schritt für einen M enschen, ein riesiger Schritt für die M enschheit.“ Im Februar 1986 begannen die Sowjets m it dem A ufbau der Raum station Mir, die 15 Jahre erfolgreich arbeitete, viele wissenschaftliche Experim ente erm öglichte und vielen W issenschaftlern den A ufenthalt im W eltraum erlaub te. Dabei um rundete sie in einer H öhe von 390 K ilom etern 86 325 M al die Erde. Im M ärz 2001 w urde sie gezielt zum W iederein tritt in die E rdatm osphä re gesteuert und verglühte über dem Pazifischen Ozean. Das bisher größte Projekt der R aum fahrt startete im N ovem ber 1998 m it dem Aufbau der Internationalen R aum station. Die ISS, wie sie kurz genannt wird, ist ein gemeinsames Projekt der U S-am erikanischen NASA der russi schen R aum fahrtagentur Roskosmos, der europäischen W eltraum agentur ESA, sowie der Raum fahrtagenturen Kanadas (CSA) und Japans (JAXA). W eitere Länder wie C hina, Indien und Südkorea haben ihr Interesse bekundet. Schritt für Schritt w urde die ISS m it Hilfe verschiedener M odule ausgebaut, die durch ru n d 40 Aufbauflüge an O rt und Stelle transportiert w urden. M it dem Start des russischen W ohnm oduls Swesda im Som m er 2000 konnte die erste Besatzung an Bord gehen. Z unächst haben n u r russische und am erika nische Raum fahrer au f der ISS gearbeitet, später auch europäische, japanische u nd kanadische, die sich in der Regel zwischen einem und sieben M onate dort aufhielten. Für kürzere Zeiten von ein bis zwei W ochen besuchten viele andere Raum fahrer aus den verschiedensten N ationen die ISS. Insgesamt haben über 200 Personen die Station besucht u nd in jüngster Z eit sogar W eltraum touristen, die für je zwanzig M illionen D ollar einen Flug au f einem Sojus-Raum schiff buchten . Die Kosten für den Aufbau und die ersten zehn Jahre der N u tzung werden von der ESA auf ru n d 100 M illiarden Euro geschätzt. Die D im ension eines solchen Projektes, die Kosten, O rgani 94 sation u nd technische D urchführung erfordern, wie es die bisherige Praxis der ISS zeigte, die internationale Z usam m enarbeit m öglichst vieler Partner, die in unterschiedlicher Weise zu dem Projekt beitragen können. Inzwischen hat die NASA ihr Shuttle Program m eingestellt — wegen der Kosten oder der beiden katastrophalen Unfällen sei dahingestellt — und hofft au f die Initiative von Privatfirmen. So hat im Juli 2012 die Firm a Space X als erste Privatfirm a eine Kapsel sicher zur ISS und zurück gebracht. D och das mittelfristige Ziel hat Präsident O bam a bereits angekündigt:“W ir werden in den nächsten zwanzig Jahren M enschen au f den M ars bringen“ (Berl .Zeitung vom 10.7.12) Im SETI-Projekt (Search for Extraterrestrial Intelligence) w ird nach intelli gentem Leben außerhalb der Erde gesucht, indem m an entsprechende Radio signale analysiert. Als 1972 die beiden interstellaren Raum sonden Pioneer 10 und Pioneer 11 ins All geschossen w urden, trugen sie goldene Tafeln m it sich, die Inform ationen enthielten über die Position unseres Sonnensystem s inner halb der Galaxie M ilchstraße, den A ufbau unseres Sonnensystem s, den Umriss und den W eg der Sonde, die S truk tur des W asserstoffatoms, das am m eisten vorhandene Elem ent im Universum , und eine A bbildung von M ann und Frau. Sollten diese Tafeln von anderen intelligenten Lebewesen gefunden werden, so könn ten sie— so die H offnung- die Inform ationen verstehen und dadurch von der M enschheit erfahren. Auch die Raum sonden Voyager 1 u nd Voyager 2, die von der NASA 1977 gestartet w urden, und die wohl inzwischen unser Sonnensystem verlassen haben, führen eine goldene D atenplatte m it Bild- und A udioinform ationen über die Erde und die M enschheit m it sich. W er intelligentes Leben au f Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystem s, finden will, müsste zunächst einm al in der Lage sein, solche Planeten zu identifizieren, die von ihrer Position in ihrem Sonnensystem über haup t die M öglichkeit hätten Leben hervorzubringen. Dies erweist sich als außerordentlich schwierig, weil unsere Teleskope (noch) zu lichtschwach sind um einen Planeten neben dem um ein Vielfaches helleren Stern überhaupt zu beobachten. Deshalb w urden die ersten Planeten erst seit 1995 und zwar indirekt durch Berechnung m it Hilfe der sogenannten Radialgeschwindig keitsm ethode entdeckt. Diese M ethode berechnet die Existenz eines m ögli 95 chen Planeten über die von diesem Planeten verursachte Unregelm äßigkeit der Bahn des Zentralgestirns um den gem einsam en Schw erpunkt. So w urden bis 2012 über 860 extrasolare Planeten in 678 Systemen bekannt. Erstmals im Jahre 2004 gab die Europäische Südsternwarte (ESO) bekannt, dass ihr die direkte A ufnahm e eines Planeten beim 225 Lichtjahre entfernten Braunen Zwerg 2M 1207 gelungen sei. Allerdings handelt es sich bei den m eisten der bisher entdeckten Planeten um sogenannte Gasriesen, auf denen selbst einfache Lebensform en ausgeschlossen sind. Inzwischen w urden aber auch G esteinsplaneten in der G rößenordnung unserer Erde entdeckt. So haben A stronom en einen erdähnlichen Planeten in direkter N achbarschaft zu unserem Sonnensystem entdeckt. Im 4,3 Lichtjahre entfernten Stern A lpha C entauri B, der zu einem D oppelsternsystem gehört, um kreist der Planet, der etwa die gleiche Masse wie die Erde besitzt, seine Sonne. O bw ohl A lpha C entauri das unserer Sonne nächstgelegene Sternsystem ist, w ürde eine Reise dahin un ter den gegebenen technischen M öglichkeiten doch Z ehntausende von Jahren dauern (Berl. Zeitung, 18.10.12). Ein weiteres Problem liegt in der schier unendlichen Anzahl von m öglichen Planeten. Eigentlich m üsste es in der M ilchstraße von intelligenten Zivilisa tionen n u r so w im m eln, gibt es doch allein hier M illiarden von Sternen und entsprechen m ehr Planeten. Schon 1950 fragte sich der N obelpreisträger in Physik Enrico Fermi, w arum n ich t schon längst Aliens au f der Erde gesichtet w urden. Seine Ü berlegungen werden seitdem un ter dem N am en Fermi-Paradoxon in der W issenschaftsgemeinde diskutiert. Im Anschluss an Fermis Ü berlegungen hat der Physiker Rasmus Björk vom Niels Bohr Institu t in Kopenhagen eine sehr einleuchtende R echnung aufgem acht: W enn eine Zivilisation die zehn M illiarden Sonnen in der M ilch straße, die Leben beherbergen könnten, m it einer Sonde, die m it zehn Prozent Lichtgeschwindigkeit fliegt, absuchen wollte, bräuchte sie dafür viele hundert M illionen Jahre. Das heißt für frem de Zivilisationen das Gleiche wie für uns selbst: Es braucht noch viel m ehr Zeit (vgl. Bild der W issenschaft, 19.1.2007). W ährend die E rkundung des W eltraum s bisher kaum über die ersten Schrit te hinausgekom m en ist und ständig m it neuen Schwierigkeiten konfrontiert wird, ist sie in L iteratur u nd Film längst Realität. In unzähligen Büchern und Film en w ird über A benteuer und Expeditionen im W eltraum und Kriegen m it anderen Zivilisationen erzählt. So ist der H eld einer der ersten und am m eisten 96 verbreiteten Serien, Perry R hodan, der m it Hilfe der überlegenen Technik der A rkoniden die M enschheit rettet und die zerstrittenen interstellaren Blöcke befriedet, inzwischen schon weit im Rentenalter. U nd einer der bekanntesten Aliens, der je die W elt besuchte, der so hässliche wie liebenswerte E.T., m achte als Star den Film „E.T. — D er A ußerirdische“ so bekannt, dass er einer der komm erziell erfolgreichsten Filme überhaupt wurde. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Insgesamt m achen sie deutlich, wie populär, faszinierend, ja elektrisierend das Them a für viele M enschen ist. In der wirklichen R aum fahrt sind es ja n u r wenige Spezialisten, eine Elite von Piloten u nd Technikern oder M enschen m it sehr viel Geld, die bisher in einem Raum fahrzeug saßen u nd um die Erde kreisten. O ffensichtlich wollen aber auch „norm ale“ M enschen an diesem A benteuer teilhaben und leben dies in ihrer Phantasie aus, im Kinosaal oder vor einem Com puterspiel. W arum lassen w ir uns au f dieses A benteuer ein? W ären die im m ensen Kos ten, der Verlust an M enschenleben und die intellektuellen Kräfte n ich t besser angelegt, w enn w ir sie dafür nutzen w ürden, die Problem e auf der Erde zu lösen? Es gäbe da einiges zu tun ! Zwar werden diverse G ründe angeführt um die N otw endigkeit der R aum fahrt zu erklären. Vor allem stehen militärische Überlegungen, die aus dem Rüstungsw ettlauf zwischen den USA, Russland und C h ina resultieren. Andere hoffen M etalle wie Eisen, Platin und Seltene Erden auf anderen Planeten oder Asteroiden zu finden und auszubeuten, da diese inzwischen au f der Erde seltener u nd en t sprechend teurer geworden sind. Schließlich kann es auch darum gehen, m enschliche Siedlungen oder Kolo nien au f anderen Planeten oder dem M ond zu errichten. Dies ist sowohl ein großes Them a der Science Fiction, als auch längerfristiges Ziel nationaler und internationaler W eltraum program m e. W ie w ichtig die jeweiligen Begründungen für Staaten oder Konzerne auch sein m ögen, sie können weder als einzelne noch insgesam t die ungeheure Faszination erklären, die die R aum fahrt — sei es in der Realität, sei es in der (Science) Fiktion - ausübt. D er tiefere G rund liegt in unserer N atur. Unser universelles Verm ögen drängt au f Realisierung. W ir wollen wissen, was sich au f anderen Planeten abspielt, wie andere Zivilisationen leben; wir wollen unsere Fähigkeiten entwickeln u nd erproben. Dies liegt uns sozusagen im Blut. 97 A uch w enn W issenschaftler wie Stephen H aw king davor w arnen, den K ontakt m it frem den Zivilisationen zu suchen, da die Aliens, sofern sie die überlegenere Technik besäßen, die Erde erobern u nd m it Krieg überziehen w ürden. Aber gesetzt der Fall, die M enschen verfügten über die höher en t wickelte Technologie, w ürden wir dann höflich anklopfen und w arten bis m an uns hineinbittet? Ein Blick au f unsere Geschichte genügt um festzustellen, dass Eroberer, im m er w enn sie au f technisch unterlegene Artgenossen stießen, diese versklav ten, um brachten, durch m itgebrachte K rankheiten dezim ierten oder ihren Lebensraum zerstörten. A uch die Erde selber behandeln w ir eher wie einen Fußabtreter, so als wäre sie n icht unser H eim atplanet. W ir ro tten unzählige Tier- u nd Pflanzenarten aus und zerstören ganze Lebensräume, w enn beispiels weise die Urwälder abgeholzt werden. B ergbauunternehm en und Ö lm ultis kontam inieren ganze Landstriche ohne sich um die dortigen Bewohner zu küm m ern. Meere sind überfischt u nd zugemüllt. D urch den weltweit hohen C O 2 —A usstoß steigen die Tem peraturen, Gletscher u nd arktisches Eis schm el zen u nd der Meeresspiegel steigt. U nd w enn Flüchtlinge sich gezwungen sehen ihre H eim at zu verlassen, weil sie dort keine C hancen sehen ihre Lebensziele zu realisieren, und ins reiche Europa einw andern wollen, schauen w ir zu, wie sie im M ittelm eer ersaufen. Alles in allem sind die Aussichten, dass unsere A stronauten m it der Besat zung eines frem den Raumschiffes in der Intergalaxis-Bar ein Bier trinken und über die unterschiedlichen A ntriebe ihrer Raumschiffe fachsimpeln, n icht gerade rosig. Aber auch K olum bus ließ sich n ich t von angedrohten Seeun geheuern, Pechseen oder der Gefahr über den R and der Erdscheibe zu fallen abhalten. W ir heutigen M enschen werden es wieder tun — n u r ist es heute n icht der unbekannte O zean sondern der n ich t m inder frem dartige W eltraum . Es liegt in unserer N atur. 98 14. Bauern und Viehzüchter - Die Neolithische Revolution M it der jungsteinzeitlichen, der sogenannten N eolithischen Revolution, än derte sich das Leben der M enschen fundam ental. D er Archäologe G ordon C hilde prägte im Jahr 1936 den Begriff der N eolithischen Revolution und definierte ihn als eine W irtschaftsweise, die bestim m t war durch die D om esti zierung von Pflanzen und Tieren und durch die perm anente Sesshaftigkeit (vgl. G ordon C hilde 1959). W enn auch die Bezeichnung als Revolution um stritten ist (vgl. W eniger 2000), da sich dieser Prozess über m ehrere Jahrtausende h in zog u nd an m ehreren O rten unabhängig voneinander entstand, so ist er doch berechtigt, w enn m an in Rechnung stellt, wie gravierend und um fassend sich das Leben der M enschen änderte. Vor ru n d 12 000 Jahren endete die letzte Eiszeit, die W eichsel-Kaltzeit. Die G letscher zogen sich zurück, die eiszeitliche Flora und Fauna w urden nach N orden oder in die Hochgebirge zurückgedrängt und wärm eliebendere Tiere und Pflanzen begannen deren Platz einzunehm en. W ährend seiner gesam ten vorangegangenen Geschichte von knapp 200 000 Jahren ernährte sich H om o sapiens ausschließlich von W ild, das er jagte, Kleintieren wie M uscheln u nd Insekten, die er fand u nd Pflanzen, die er sammelte. D er größte Teil der Biomasse besteht aus H olz u nd Blättern und ist für m enschliche N ahrung n ich t geeignet. A uch die m eisten anderen Pflanzen und Tiere kom m en als N ahrung n ich t in Frage, sei es, weil sie giftig, m ühsam zu sam m eln oder gefährlich zu jagen sind. Indem M enschen n u n begannen auf einem geeigneten G rundstück die Pflanzen ihrer W ahl anzubauen, steigerten sie den Ertrag um ein Vielfaches. N ahezu gleichzeitig lernten sie H austiere zu halten; sie verfügten dam it n ich t n u r über Fleisch, das m it ihnen un ter einem D ach lebte, sondern auch über M ilch, D ünger u nd Zugtiere. W urde ein Tier geschlachtet, lieferte es n ich t n u r Fleisch, sondern auch ein Fell für das Schnei dern von Kleidern u nd viele andere wichtige M aterialien für die H erstellung von G ebrauchsgegenständen. M it dem Einsatz von Zugtieren beim Pflügen konn ten n u n auch schwere Böden bearbeitet werden, die ansonsten ungenutzt 99 geblieben wären. Dies führte erneut zu einer Steigerung des Ertrages an N ah rungsm itteln. Eine entscheidende Bedingung für die E ntstehung der bäuerlichen Lebens weise war die Sesshaftigkeit. W ährend Jäger und Sam m ler weiterzogen, w enn ihr Revier erschöpft war und nur noch wenig N ahrung bot, m ussten Bauern bei ihren Feldern und Tieren bleiben. Dies hatte zur Folge. dass sie N ahrungsm ittelvorräte anlegen konnten , was ja auch n u r Sinn m acht, w enn m an diese verarbeiten und bewachen konnte. Für um herziehende Jäger und Sammler, die n u r das N ötigste m itschleppen konnten, waren größere N ahrungsm ittelvorräte n u r zusätzliche Last. Ähnlich verhielt es sich m it K indern: W ährend Jäger und Sam m ler dafür sorgten, dass zwischen zwei G eburten im Schnitt vier Jahre lagen, da eine neue G eburt erst S inn ergab, w enn das ältere K ind schon laufen u nd m it den Erwachsenen Schritt halten konnte, brachten die Frauen der Bauern öfter und m ehr K inder zur W elt, denn sie m ussten sie n ich t ständig m it sich herum schleppen (vgl. D iam ond, A rm und Reich S. 94 ff). V orratshaltung und Sesshaftigkeit, landwirtschaftliche Produktion und T ierhaltung führen dazu, dass m ehr M enschen geboren w urden u nd auch ernährt werden konnten: Die Bevölkerung wuchs im Vergleich zu der Zeit davor um ein Vielfaches, was zur Folge hatte, dass noch m ehr N ahrung gebraucht wurde. Es begann ein sogenannter Rückkoppelungskreislauf, der einm al in G ang gesetzt, sich quasi autom atisch bewegt und im m er m ehr an Fahrt gew innt (vgl. D iam ond S. 126). Ein Anstieg der Bevölkerung erforderte m ehr N ahrung, führte zur Intensivierung der landw irtschaftlichen Produktion — u nd hatte zur Folge, dass m ehr K inder geboren w urden und ernährt werden konnten . Dieser Zusam m enhang erklärt auch das scheinbare Paradox, dass die M en schen der Jungsteinzeit deutlich schlechter ernährt waren als im vorherigen Leben als Jäger und Sammler. Die Skelettfunde aus dem N eolith ikum deuten au f m angelhafte bzw. unausgewogene Ernährung, kleinere K örpergrößen und geringere Lebenserwartung hin. Dies kann nu r bedeuten, dass das W achstum der Bevölkerung verhältnism äßig schnell von statten ging und die Produktion von N ahrungsm itteln hinterherhinkte. A ußerdem haben sich aus dem engen K ontakt m it den H austieren neue Krankheitserreger entwickelt, die das Leben der M enschen zusätzlich erschwerten. So hat sich verm utlich der Erreger der 100 Rinderpest gewandelt und ist als Erreger der M asern beim M enschen aufge taucht. Landwirtschaftliche Produktion und T ierhaltung sind weltweit in m indes tens fü n f Regionen unabhängig voneinander entstanden: Im N ahen O sten (fruchtbarer H albm ond), in C hina, M exiko, Peru u nd dem O sten der USA (Mississippi). Bei anderen Regionen, wie beispielsweise der afrikanischen Sahelzone oder N euguinea ist noch n ich t eindeutig festgestellt, ob es sich um originäre Entw icklungen handelt oder ob Im pulse aus den G ründerregionen den A nstoß gegeben haben. Die frühesten Kulturpflanzen w urden im G ebiet des Fruchtbaren H alb m ondes angebaut. Vor ru n d 10 000 Jahren w urden dort acht Anbaugewächse, näm lich drei G etreidearten (Emm erweizen, E inkornweizen u nd Gerste),vier H ülsenfrüchte (Linse, Erbse, Kichererbse und Linsenwicke) sowie Flachs als Lieferant von Ö l u nd Fasern dom estiziert (D iam ond, A rm u nd Reich S. 164). A ufgrund des m editerranen Klimas m it m ilden, feuchten W intern und langen, heißen und trockenen Som m ern gedeihen in dieser G egend ungew öhnlich viele einjährige Pflanzen, die n ich t in den A ufbau von H olzstrukturen und Blättern investieren, sondern große Sam en wachsen lassen, die einen langen, trockenen Som m er gut überstehen. A ußerdem begünstigten die unterschiedli chen H öhenlagen in Vorderasien, die vom Toten Meer, das un ter dem M eeres spiegel liegt, bis zu 5000 M eter hohen Berggipfeln reichen, die Entw icklung des G etreideanbaus. So konn ten die ersten A ckerbauern die reifen Samen zu unterschiedlichen Jahreszeiten samm eln, da die Gräser in höheren Lagen später reiften als die Gräser im Tal. Von da an war es n u r noch ein kleiner Schritt die Sam en der trockenen H öhenlagen in den feuchten Tälern wieder auszusäen. Ein weiterer Vorteil dieser Region war die verhältnism äßig große Anzahl domestizierbarer Säugetiere. So w urden dort im gleichen Z eitraum vor ru n d 10 000 Jahren Schafe, Ziege und Schweine zu H austieren und vor ca. 8000 Jahren auch das Rind. Einige Tausend Jahre später w iederum lernten die M enschen von den Tieren M ilch und W olle zu gewinnen und sie als Zugtiere für Pflug und Karren einzusetzen. Insgesamt boten die klim atischen u nd geographischen Bedingungen des Fruchtbaren H albm ondes, seine Flora und Fauna die optim alen Bedingungen für den Ü bergang zu einer bäuerlichen Lebensweise. Die M enschen konnten ein „Bio-Paket“ schnüren, das eine intensive Landwirtschaft erm öglichte und 101 die G rundbedürfnisse abdeckte. D rei G etreidearten lieferten Kohlehydrate, vier H ülsenfrüchte Eiweiß, Flachs Ö l u nd Fasern u nd zusätzlich steuerten vier H austierarten Eiweiß bei. „D am it deckten die Anbaupflanzen und Tiere der ersten bäuerlichen K ulturen Vorderasiens schließlich die gesam ten w irtschaft lichen G rundbedürfnisse des M enschen nach Kohlehydraten, Eiweiß, Fett, K leidung, Zugkraft und Fortbew egungsm itteln“ (D iam ond, A rm und Reich S. 165). Selbstverständlich haben die M enschen n ich t irgendw ann beschlossen Bauern zu werden. Aus bestim m ten N otw endigkeiten u nd Problem en ergaben sich einzelne Lösungsschritte u nd erst am Ende des ganzen Prozesses stand dann die neue Lebensweise. In der W issenschaftsgemeinde ist nach wie vor um stritten, welche Ursa chen zu dem Ü bergang in die bäuerliche Lebensweise geführt haben, was auch dam it zusam m enhängen mag, dass in den unterschiedlichen Regionen ver schiedene Faktoren ausschlaggebend waren. Für den N ahen O sten kristallisie ren sich zum indest folgende Aspekte heraus: D ie Z unahm e der Bevölkerung führte dazu, dass die riesigen Gazellenherden, die bis dahin als Fleischlieferan ten gedient hatten, zusam m enbrachen und als N ahrungsquelle zunehm end ausfielen. Es musste also eine Alternative her. D a die Sesshaftigkeit schon weit fortgeschritten war und die Anzahl der M enschen wohl auch zu groß, war auch die M öglichkeit einfach weiterzuziehen, keine echte Alternative. Die Lösung lag darin, solche Tiere zu suchen, die m it den M enschen am oder im H aus leben konnten: Es w urden also H austiere gezüchtet. Desweiteren entstanden m it den K lim averänderungen am Ende viele G rä serarten, aus deren Ä hren sich ohne allzu viel M ühe große u nd auch größere M engen von Sam en ernten ließen. Diese Gräser waren die w ilden A hnen der ersten Anbaupflanze im N ahen O sten: W eizen u nd Gerste. H inzu kam , dass neue Techniken zum Ernten, Lagern und Verarbeiten der neuen N ahrung entwickelt werden m ussten. Z u m Ernten w urden Sicheln, Dreschflegel und Körbe benötigt, das Getreide musste ein Jahr gelagert u nd vor Feuchtigkeit, Insekten und M äusen geschützt werden, und schließlich w urden die harten Körner m it Stößel oder M ahlscheibe aufgebrochen um daraus Brei, Brot oder — Bier herzustellen. Apropos Bier: M öglicherweise m uss m an sich von der Vorstellung lösen, dass die neuen Errungenschaften aus einer N otlage heraus entwickelt wurden. 102 Es ist n icht von der H an d zu weisen, dass neue Entw icklungen eher von G rup pen erarbeitet w urden, deren M itglieder gu t m it N ahrungsm itteln versorgt waren, so dass einzelne M itglieder Z eit und M uße hatten Neues auszuprobie ren. So geht Reicholf davon aus, dass Getreide, in diesem Fall Gerste, zuerst für die H erstellung von Bier gesamm elt wurde, u nd erst hunderte Jahre später zu Brot verbacken wurde. „Es war kein Fleischersatz in schlecht gewordenen Zeiten, sondern im Gegenteil ein Genussm ittel, das m an sich leisten konnte, als die Zeiten gut w aren“ (Reicholf, 2008 S. 268). N achdem das „G ründer-Paket“ einmal geschnürt war, verbreitete es sich innerhalb wenigen tausend Jahren nach M ittel- und W esteuropa, nach O sten ins Industal und ins heutige Ä thiopien und Ägypten. D abei gibt es, wie bei vielen anderen Techniken, im Prinzip zwei M öglichkeiten: Entw eder die ansässige Bevölkerung übern im m t die neuen landw irtschaftlichen Techniken von ihren N achbarn oder sie w ird vertrieben, ausgerottet oder marginalisiert. In den oben genannten Fällen w urde die Landwirtschaft verm utlich Schritt für Schritt von der G ründerregion in benachbarte Gebiete weitergetragen und übernom m en. Dagegen kam es in späteren Fällen, z. B. als die Europäer in N ordam erika, Südam erika oder Australien au f den Plan traten oder als die Bantu-Völker das südliche Afrika besiedelten, im m er wieder zur Vertreibung oder A uslöschung der ansässigen Jäger und Sammler. N och heute erleben wir die letzten Akte dieses Dram as, w enn wir erfahren, wie die letzten indigenen Völker beispielsweise des Amazonas oder der Kalahari im südlichen Afrika um ihre Existenz käm pfen u nd ihre Lebensweise als Jäger und Sam m ler verteidi gen müssen. Es gab, wie gesagt, m ehrere eigenständige Entw icklungen der Landw irt schaft, wobei die jeweiligen M enschengruppen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen zu Bauern und/oder V iehzüchtern w urden. N ich t alle hatten so viel G lück wie die M enschen des Fruchtbaren H albm ondes. Als G egen beispiel sei hier das heutige M exiko angeführt. B ekannterm aßen ist M ais die wichtigste Getreidepflanze der N euen W elt. Aber im U nterschied zu der schnell erfolgreichen D om estizierung von W eizen und Gerste m üssen beim M ais H underte oder gar Tausende von Jahren ins Land gegangen sein um die heutige G röße des M aiskolbens zu erreichen. D er Unterschied ist so gewaltig, dass n icht einmal klar scheint, welches die wilde Ausgangspflanze für M ais war. Die verm utete W ildpflanze nam ens Teosinte lieferte n u r wenige u nd winzige 103 Samen in harten ungenießbaren Schalen und die G röße der Kolben lag im M illim eterbereich (D iam ond, A rm und Reich S. 158 f). Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass die M enschen sich tro tz sehr bescheidener Ausgangsbe dingungen daran m achten diese Pflanze für sich nutzbar zu machen. Vor ru n d 5500 Jahren, also 4500 Jahre später als im Fruchtbaren H alb m ond, konn ten die M enschen ihr „G ründer-Paket“ aus Mais, B ohnen und Kürbis schnüren um in die W elt der Bauern aufzubrechen. H austiere hatten sie außer dem T ruthahn keine, da in dieser Region keine domestizierbaren Tiere zur Verfügung standen. Das bedeutet, es gab keine großen Tiere als Fleischlieferanten oder Zugtiere für Pflug oder Karren. A ufgrund der sehr viel schwierigeren Ausgangsbedingungen starteten die M enschen M esoamerikas rund 4500 Jahre später in die agrarische Gesell schaft als die M enschen des Fruchtbaren H albm ondes. Z udem verhinderten die geographische Lage des am erikanischen K ontinents in Nord-Süd-Ausrichtung, die dam it verbundenen verschiedenen Klim azonen und natürliche Barrieren wie W üsten und Urwälder, dass die verschiedenen G ründerzentren au f diesem K ontinent, neben M esoamerika, die A nden, das Amazonasgebiet u nd die M ississippi-Region in den USA, sich frühzeitig austauschen konnten u nd sich dom estizierte Pflanzen und H austiere ausbreiteten. Die G ründer zentren waren über Tausende von Jahren voneinander isoliert. N ach D iam ond sind all diese unterschiedlichen Voraussetzungen eine zentrale Ursache für die spätere unterschiedliche Entw icklung in den einzelnen W eltregionen und letztlich auch der G rund, w arum die indianische U rbevölkerung den euro päischen Kolonisatoren nichts gleichwertiges entgegensetzen konnte. Sowohl was Waffen u nd A usrüstung angeht als auch Strategien der K riegsführung und K ulturtechniken wie Schreiben u nd Inform ationsüberm ittlung waren sie hoff nungslos unterlegen. Sie w urden erbarm ungslos an den R and gedrängt oder ausgerottet. A uch dass der damalige Papst Paul III. in der Bulle Sublimis Deus im Jahre 1537 die Indianer als vernunftbegabte W esen m it einer Seele, also zu M en schen wie alle anderen erklärte, änderte nichts an diesem Sachverhalt. Jeder M ensch habe das Recht au f Freiheit und E igentum und deshalb dürften die Indianer wie alle anderen indigenen Völker auch n icht versklavt werden. W er dagegen verstoße, folge den Einflüsterungen des Satans. Diese w eitreichenden 104 Festlegungen h inderten Papst Paul III. jedoch n ich t einige Jahre später den christlichen Staaten Besitz und H andel m it m uslim ischen Sklaven zu erlauben. Die beiden beschriebenen Beispiele der Entw icklung agrarischer Gesell schaften, Fruchtbarer H albm ond einerseits M esoam erika andererseits, zeigen n ich t nur, wie unterschiedlich die Voraussetzungen waren u nd dem entspre chend die Verläufe vor sich gingen, sie weisen auch au f einen weiteren sehr bedeutsam en Aspekt hin: Sowohl was die D om estizierung von Pflanzen als auch von Tieren angeht, haben die M enschen die gesamte Flora und Fauna au f die Brauchbarkeit für ihre Zwecke getestet. Dabei konn ten sie au f ihre Erfahrungen aus der Z eit als Jäger und Sam m ler zurückgreifen. Sie wussten, dass von den rund 200 000 W ildpflanzen nur wenige tausend für den m ensch lichen Verzehr geeignet sind. U nd diese w urden, wie eine Fundstellen am R an de des Euphrattales in Syrien beweist, systematisch au f ihre Brauchbarkeit für die D om estikation getestet (D iam ond A rm u nd Reich S. 168). Aber n icht nur die systematische Suche fällt auf, sondern auch — am Beispiel der Z üchtung des M ais w urde dies besonders deutlich — m it welch trotziger Zuversicht die M enschen daran gingen, Pflanzen m it zunächst kaum messbarem Erfolg aus zulesen u nd m it der H offnung au f Ertragssteigerung im m er wieder auszusäen. N achdem das Prinzip der natürlichen Auslese einm al verstanden war, w ur de es verallgem einert und au f alle Pflanzen, die in irgendeiner Weise Erfolg versprachen, angewendet. So w urden selbst Pflanzen m it bitteren oder giftigen W ildvorfahren wie M andeln, Kartoffeln oder Kohl, in den Speiseplan aufge nom m en, indem deren genießbare M utationen gezielt gesamm elt w urden. So w urden vor ru n d 10 000 Jahren im G ebiet des Fruchtbaren H albm on des die frühesten K ulturpflanzen wie W eizen, Gerste und Erbsen domestiziert. In einer zweiten Phase folgten vor rund 6000 Jahren die ersten O bst- und Nussbäum e. D azu zählten Oliven, Feigen, D atteln , G ranatäpfel und Trau ben. R und 3000 Jahre später w urden weitere O bstbäum e wie Äpfel, Birnen, Pflaum en und Kirschen kultiviert. Diese O bstsorten waren schwieriger zu domestizieren, da sie kom plizierte Veredelungsverfahren durchlaufen m ussten (D iam ond, A rm und Reich S. 142 ff). Unsere Vorfahren haben die Flora so gründlich durchforstet, dass für m odern Pflanzenzüchter kaum noch Pflanzen übrig blieben, die nutzbar gem acht w erden konnten . So sind zwar bei Beeren (Blaubeeren, Preiselbeeren) und N üssen (M acadam ia-, Pekan- u nd Cashewnüssen) einige neue Z ü ch tu n 105 gen gelungen, die aber im Vergleich m it so w ichtigen Gewächsen wie Weizen, M ais oder Reis eine eher geringe B edeutung haben. Ähnlich wie bei den Pflanzen suchten die M enschen auch in der Tierwelt nach K andidaten, die sie für ihre Zwecke nutzen konnten . Von den 148 gro ßen Säugetierarten blieben allerdings n u r fü n f T ierarten übrig, die den Weg in die erste Liga schafften. Das sind Schaf, Ziege, R ind, Schwein und Pferd, die weltweit von B edeutung sind. Die w ilden Vorfahren dieser fü n f lebten ausschließlich au f dem eurasischen K ontinent. D aneben gibt es neun weitere A rten, wie verschiedene Kamel- u nd R inderarten, sowie Esel u nd Rentier, die nur von regionaler B edeutung sind. Zwar w urden auch verschiedene andere T ierarten wie Elefanten oder G eparden gezähm t, erreichten aber nie den Status eines Haustieres, was bedeutet, dass es sich unter der O b h u t des M enschen fortpflanzt u nd von die sem durch Zuchtw ahl im H inblick au f bestim m te gewünschte Eigenschaften verändert wird. D aneben w urden auch viele Kleintiere wie M eerschweinchen u nd Kaninchen, zahlreiche Vogelarten (H ühner, Gänse, Enten, T ruthähne u nd Perlhühner), sogar Insekten (die H onigbiene in Eurasien u nd der Seiden spinner in China) gezüchtet, konn ten aber nie B edeutung der großen Fünf erlangen. Eine Sonderrolle spielt der H und, der w ohl als erster Begleiter des M en schen, lange bevor sie zur agrarischen Lebensweise übergingen, als Jagdgefähr te u nd W ächter diente. W ie kom m t es n u n aber, dass die m eisten H austierarten aus dem eurasischen R aum stam m en und beispielsweise aus dem afrikanischen R aum südlich der Sahara kein einziges, obw ohl die ostafrikanische Savanne eine Vielzahl großer Säugetierarten beherbergt? W arum viele R inderarten weltweit, n icht aber der afrikanische Büffel? W arum Pferde, aber n ich t Zebras? Für die E ignung als H austiere m üssen diverse Eigenschaften vorhanden sein. In der Regel waren die erfolgreichen Z üchtungen H erdentiere m it einer ausgeprägten D om inanzordnung, so dass der M ensch die Rolle der dom inan ten Tiere übernehm en konnte. A ußerdem beanspruchten sie kein Revier und duldeten andere Tiere au f ihrer W eide. W enn zwei H erden oder dom inante M ännchen um ein Revier käm pfen, lassen sie sich in keinem Fall in einen engen gem einsam en Pferch sperren. So gibt es für die m eisten T ierarten diver se weitere G ründe, w arum sie als H austiere für den M enschen n ich t in Frage 106 kom m en. Gerade afrikanische Büffel u nd Zebras sind generell sehr aggressiv, so dass es für M enschen lebensgefährlich oder zum indest der G esundheit sehr abträglich wäre, ihnen nahe zu kom m en. Seit der D om estikation der beiden Kam elarten vor 4500 Jahren war somit die Liste der in Frage kom m enden großen Säugetiere vollendet, die m it der neolithischen Revolution vor 10 000 Jahren begann. Es sind seitdem keine weiteren H austiere dazugekom m en. Zweifellos w urden alle in Frage kom m en den T ierarten m ehrfach getestet. So zeigen ägyptische M alereien, wie M en schen Gazellen, K uhantilopen, Giraffen oder sogar H yänen abrichten. Im 19. u nd 20. Jahrhundert w urden m it wissenschaftlicher Begleitung breit angelegte Zuchtprogram m e m it Elenantilope, H irsch, Elch, M oschus ochse, Z ebra und am erikanischem Bison durchgeführt. Sie blieben ohne Erfolg — die klassische Liste der H austiere hatte Bestand (D iam ond, A rm und Reich S. 196 f). Eine besondere Rolle n im m t die D om estikation des Pferdes ein. Dies betrifft zunächst den O rt. Sie erfolgte n ich t im Bereich des Fruchtbaren H alb m ondes, sondern in der westeurasischen Steppe, in einem G ebiet nördlich des Kaukasus zwischen Schwarzem M eer u nd Kaspischem Meer. Dies war die H eim at der frühen Indoeuropäer, die den „V iehnom adism us“ als W irt schaftsweise entwickelt hatten. Das H alten von Schafen oder R indern war in dem offenen Grasland in kleinerem M aßstab möglich. Als aber vor ru n d 7000 Jahren das Pferd dom estiziert war, konnte die T ierhaltung in der Steppe um ein Vielfaches potenziert werden. A uf dem Rücken eines Pferdes lassen sich schnell große Entfernungen zurücklegen um große Schaf- oder R inderherden zusam m enzutreiben und m it der E rfindung des O chsenkarrens konnten auch große Lasten über weite Strecken transportiert werden. Beide W irtschaftsweisen, die K ultur der Bauern und V iehzüchter aus dem Fruchtbaren H albm ond und die W irtschaftsform der V iehnom aden entw i ckelten sich unabhängig voneinander und kam en etwa zur gleichen Z eit in Europa an. „W ir haben es also in Europa m it zwei V arianten des Übergangs vom Jäger- u nd Sam m ler-D asein zu tun , m it zwei unterschiedlichen, neo lithischen R evolutionen“ (H aarm ann S. 25). Zwar entwickelten sich beide V arianten unabhängig voneinander, begannen aber vor ru n d 5000 Jahren sich zu verm ischen, als die Steppenvölker aufgrund klim atischer V erschlechterun gen in ihrer H eim at in m ehreren W ellen R ichtung W esteuropa u nd Indien 107 w anderten (D iam ond 1994, D er dritte Schim panse S. 340 f). Ihre K ultur muss überzeugend oder ihre K riegsführung überw ältigend gewesen sein, denn noch heute sprechen nahezu alle Europäer und viele M enschen in Südasien bis Indien indoeuropäische Sprachen. Im N achhinein ist es geradezu verblüffend, wie zielstrebig, systematisch u nd um fassend die M enschen Flora und Fauna durchforstet haben um die für sie geeigneten K andidaten zu finden. Was die dom estizierten Pflanzen angeht, w urde schon am Beispiel des Maises darauf hingewiesen, wie über viele G enerationen m it großer Zähigkeit daran festgehalten wurde, ein G etrei de m it m öglichst großen, einfach zu erntenden K örnern zu züchten. M an kann durchaus davon ausgehen, dass alle Pflanzen, die für die m enschliche E rnährung oder andere Zweck nützlich schienen, m ehrfach getestet wurden. So w urde beispielsweise vor ru n d 4500 Jahren in den K ulturen des Mississippi im am erikanischen O sten das Sumpfgras dom estiziert. Es hatte einen hohen A nteil an Eiweiß und Ö l, aber diverse N achteile, die den A nbau eher zu einem A benteuer werden ließ: Als Verwandte der Ambrosiapflanze ist das Gras stark allergieauslösend, Berührungen können zu H autreizungen führen und der G eruch ist alles andere als angenehm . Diese Pflanze w urde auch konsequenter weise n ich t m ehr angebaut, sobald das mexikanische Trio aus Mais, Bohnen u nd Kürbis in der Landwirtschaft am Mississippi übernom m en w orden war (D iam ond, A rm u nd Reich S. 176 f). In jedem Fall zeigt das beschriebene Beispiel m it welch einer geradezu penetranten H artnäckigkeit u nd stoischem Eifer die D om estizierung betrieben wurde. In ähnlicher Weise w urde auch die Tierwelt durchforstet um passende K an didaten für das Zusam m enleben m it den M enschen zu finden. N achdem die D om estikation der großen Säugetiere vor ru n d 4500 Jahren zu einem Ende gekom m en war, „müssen praktisch alle der 148 großen Säugetierarten der W elt viele M ale getestet w orden sein“, so dass keine geeigneten K andidaten übrig blieben (D iam ond, A rm und Reich S. 196). Sowohl die systematische Suche, die hartnäckige Zielstrebigkeit wie auch das Verständnis der Prozesse, die das Z üch ten von Pflanzen und das H alten von Tieren m it sich bringt, offenbaren, dass die ersten Bauern und V iehzüch ter - wie alle M enschen - über ein universelles Vermögen verfügten, das ihnen erlaubte alle Potentiale, die ihnen in ihrer damaligen historischen Situation zu Verfügung standen, auszuschöpfen. U nd sie taten dies so gründlich, dass uns 108 in dieser H insicht lediglich noch Kleinigkeiten wie das Z üch ten von Labor m äusen übrig bleiben. A m Beispiel der D om estikation des Pferdes lässt sich besonders schön dem onstrieren, m it welcher Energie und Zielstrebigkeit die ersten Z ü ch ter vorgingen um dieses T ier m öglichst perfekt für ihre Zwecke einzusetzen. N achdem das Pferd vor ru n d 6000 Jahren verm utlich zunächst als Lieferant von Fleisch u nd Fell dom estiziert war, w urden wenige Jahrhunderte später von den Reitervölkern in der G egend der heutigen Ukraine Sattel und Zaum zeug benutzt. Das Pferd als Reittier veränderte n ich t n u r die W irtschaftsweise der Steppenvölker, sondern revolutionierte auch die Kriegsführung. Jah rhunder telang waren n u n Reitervölker aufgrund der Schnelligkeit ihrer Pferde allen anderen kriegsführenden Parteien weit überlegen. Die M ilitärs der frühen G roßreiche wie der Assyrer und H eth iter entw i ckelten den von Pferden gezogenen Streitwagen und konn ten so die M acht ihrer H errscher ausbauen. Vor ru n d 3700 Jahren fielen die Hyksos, ein N om a denvolk unbekannter H erkunft, in Ägypten ein, eroberten m it ihren Streit wagen das ganze Land u nd stellten schließlich für einige Z eit den Pharao. Bis dahin kann ten die Ägypter weder Pferde noch Kampfwagen, und erst als sie selber die neue K am pftechnik beherrschten, konn ten sie die Hyksos wieder aus Ägypten vertreiben. Seit ru n d 3000 Jahren w urden größere Pferde gezüchtet, au f denen Krieger schneller und w endiger käm pfen konnten . Die Streitwagen kam en sozusagen aus der M ode. Die Beziehung Alexander des G roßen zu seinem Pferd Bukephalos war ebenso legendär wie seine Reiterei erfolgreich. Im M ittelalter w urde durch die E inführung des Steigbügels das Reiten weiter perfektioniert. D urch die A nw endung des Kum m ets, eines gepolsterten Halskragens, konnte das Pferd auch als Zug- u nd Arbeitstier eingesetzt wer den. Die bis dahin benutzten Geschirre schnürten den Pferden bei schweren Lasten die Luft ab. Im H ochm ittelalter waren die teuren Reitpferde nahezu ausschließlich dem Adel vorbehalten, aus dem dann schließlich die K ultur und Kriegsführung der R itter hervorging. Bis zum Ersten W eltkrieg war das Pferd in der K riegsführung praktisch unersetzbar, u nd erst m it der D urchsetzung der M otorisierung verschwand es nach und nach aus dem öffentlichen Verkehr, der W irtschaft und der Land wirtschaft. Auch w enn das Pferd heute n ich t m ehr die zentrale Bedeutung 109 wie in den vergangenen Jahrtausenden hat, verm ag ein Reiter, der im G alopp durch das Gelände jagt, noch im m er die Phantasie zu beflügeln. In diesem kurzen Abriss der Geschichte des Pferdes w urde deutlich, wie sowohl das Pferd selbst als auch die verschiedenen H ilfsm ittel über H underte von G enerationen den verschiedenen Zwecken entsprechend verändert und perfektioniert w urden. D er D rang nach V ollkom m enheit kennt keine G ren zen. Allerdings haben H austiere n ich t n u r Vorteile für uns M enschen. Es wurde eine Entw icklung in G ang gesetzt, die n ich t vorgesehen und vor allen D ingen alles andere als erw ünscht war: D urch die höhere Bevölkerungsdichte u nd das enge Zusam m enleben von M ensch u nd Tier, die oft genug gem einsam unter einem D ach lebten, entstand eine Reihe neuer K rankheiten m it oft verheeren den Folgen. So w urde durch m olekularbiologische U ntersuchungen nachgewiesen, dass das M asernvirus am engsten m it dem Erreger der Rinderpest verw andt ist. Die M asern sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die wir vor allem als K inder kennengelernt u nd oft auch durchgem acht haben. Sie kom m en w elt weit vor u nd gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten. In Länder m it niedrigen Standards bei Hygiene u nd Gesundheitsvorsorge kom m t es im m er wieder zu M assenepidem ien m it hohen Krankheits- u nd Sterblichkeitsraten. Eine spezielle Therapie gibt es nicht, aber durch weltweite Im pfkam pagnen, wie sie von der W H O durchgeführt w urden, konnte die Anzahl der Sterben den von 2000 bis 2010 um ru n d 74 Prozent gesenkt werden. M asern werden ausschließlich von M ensch zu M ensch übertragen. Tiere u nd vor allem Rinder erkranken daran nicht. U m gekehrt erkranken M enschen n icht an der Rinderpest, einer gefährlichen Seuche un ter R indern und deren wild lebenden Verwandten. Die enge Verwandtschaft zwischen dem R inder pestvirus u nd dem M asernvirus legt den Schluss nahe, dass der Erreger der R inderpest durch den engen K ontakt zwischen dom estizierten R indern und M enschen au f letzteren übersprang u nd sich im Laufe der Z eit über verschie denen Zwischenstufen zu dem M asernvirus entwickelte, das n u r von M ensch zu M ensch übertragen wird. Ü ber ru n d 10 000 Jahre hatte das V irus schließ lich genügend Z eit um es sich bei uns M enschen gem ütlich zu machen. D och n ich t nur was die M asern betrifft, sind die Erreger der m enschlichen u nd der tierischen Erkrankung am engsten verwandt, auch für Tuberkulose 110 und Pocken gibt es bei R indern entsprechende K rankheitsform en. Dagegen gibt es bei G rippe E rkrankungen bei Schweinen und E nten u nd für die M alaria tropica Erkrankungen bei H ühnern und Enten, deren Erreger am engsten m it der m enschlichen A rt verw andt sind (vgl. D iam ond, A rm und Reich S. 246 f). Die Parallelen sind eindeutig und verblüffend zugleich; sie zeigen uns die Grenzen. Auch w enn wir die N atu r für unsere Zwecke um gestalten, wie es Bauern und V iehzüchter zum ersten M al in einem größeren M aßstab getan haben, bleiben wir doch auch Teil der N atur. D ie neu entstandenen, verhee renden K rankheiten führen es uns drastisch vor Augen. Sie zeigen uns aber auch den Januskopf geschichtlicher Entw icklung. O ffensichtlich hat jeder E ingriff in die N atu r Folgen, die zunächst n ich t absehbar, die w om öglich gar n ich t gewollt waren, m it denen w ir dann aber leben müssen. W ir haben n icht nu r für die Erfolge, sondern für alle Folgen, ob positiv oder negativ, gerade zu stehen. Goldgräberstim m ung: Vor ru n d 7500 Jahren lernten die M enschen ein völlig neues M aterial zu nutzen, was bis heute ähnlich weitreichende Folgen hat wie die E inführung der Landwirtschaft: Sie fingen an M etalle zu bearbei ten. Z unächst w urden die elem entar vorkom m enden M etalle wie G old, Silber und Kupfer bearbeitet, indem die gewünschte Form aus dem Rohm aterial gehäm m ert wurde. Das älteste bisher entdeckte, bearbeitete G old w urde im Gräberfeld von W arna nahe der bulgarischen Stadt gleichen N am ens gefunden (W ikipedia, Gräberfeld von W arna, 1.4.13). N eben Skeletten in diversen G rä bern w urden in sogenannten symbolischen Bestattungen reiche Grabbeigaben aus G old wie K etten, Armreife, ein Z epter aus Gold, Teile einer Streitaxt, kuri oserweise eine A rt Penishülle und anderes m ehr gefunden. Die Funde deuten darauf h in , dass sich hierarchische M achstrukturen und eine patriarchalische geprägte O berschicht entw ickelt hatten. D er bekannteste M ensch aus dieser Epoche, die G letscherm um ie Ö tzi, der vor 5300 Jahren lebte, trug ein gut erhaltenes Kupferbeil m it sich. N ach und nach lernten die M enschen M etalle in der Erde, in offenen G ruben abzubauen, zu erhitzen, zu schmelzen und zu gießen. So w urde neben Kupfer, G old und Silber auch Blei und Z inn abgebaut. D am it waren die Bedingungen für die folgende Bronzezeit gelegt. Die H erstellung von Bronze vor ru n d 5000 Jahren w urde zum ersten M al in Palästina und Ägypten nachgewiesen. Bronze ist härter als Kupfer und 111 eignet sich dadurch gut für die H erstellung von Waffen u nd W erkzeugen. Bronze ist eine Legierung und besteht zu 90 Prozent aus Kupfer und 10 Pro zent aus Z inn . Schon diese Tatsache zeigt, dass eine lange Z eit vorangegangen sein muss, in der die M enschen Erfahrungen m it M etallen gesamm elt und Experim ente m it diversen M ischungen gem acht haben müssen. Ü berhaupt verlangt der ganze Arbeitsprozess vom A bbau der Erze, der Behandlung des Rohm aterials, das Schmelzen, M ischen und G ießen der flüssigen Metalle, das Herstellen der Form en usw. viel W issen, reiche E rfahrung und großes K önnen von den beteiligten M enschen. D urch die Erfordernis Kupfer u nd Z inn aus den unterschiedlichen Regionen zusam m enzuführen entstanden weite H an delswege im europäischen und vorderasiatischen Raum . All dies führte dazu, dass sich eine ausgeprägte A rbeitsteilung entwickelte u nd erste Berufe wie Bergm ann oder Schmelzer entstanden. A ußerdem k o nn ten n u n über die Beherrschung der Rohstoffe, der H erstellung von Bronze waffen, W erkzeugen oder Schm uck oder die H errschaft über die Handelswege R eichtüm er angehäuft werden, und es bildete sich eine O berschicht heraus, die ihre neuen Einflussm öglichkeiten nutzte um ihre M acht auszubauen und auszudehnen. Soziale U nterschiede entstanden und die herrschende O ber schicht bestim m te u nd regelte die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Einige Jahrhunderte später, vor 3600 Jahren entdeckten die M enschen ein neues M etall, das ihren Bedürfnissen noch besser entsprach: das Eisen. Das Eisenerz fanden sie an m anchen Stellen direkt an oder unter der Erdoberfläche (Raseneisenerz) oder sie bauten es wie die anderen M etalle un ter der Erde ab. Es ließ sich im Schmelzofen, allerdings bei höheren Tem peraturen, schmelzen, konnte dann aber im glühenden Z ustand in die gewünschte Form geschm ie det und durch Abschrecken in Wasser elastisch gem acht werden. G eschm iede tes Eisen war härter, w iderstandsfähiger und gleichzeitig biegsamer als Bronze, so dass diese nach u nd nach verdrängt wurde. D adurch w urde der M agier des Eisens, der Schm ied, zu einem der w ichtigsten Handwerker. Er war als Künstler hoch angesehen u nd w urde in verschiedenen Kulturen sogar als G o tt oder gottähnlich verehrt. D ie H eth iter waren die ersten, die die Bearbeitung des Eisens beherrsch ten, und sie hü teten dieses G eheim nis bis zum Ende ihres Reiches. Die ersten Nachweise über die V erhüttung von Eisen sind dort aus der Z eit vor 3600 Jah ren erbracht worden. Vor 3200 Jahren breitete sich diese Technik im Vorderen 112 O rien t und im M ittelm eerraum aus (W ikipedia, Eisenzeit, 6.7.13) u nd kam vor ru n d 2800 Jahren nach M itteleuropa. D ort entw ickelten sich die Kelten zu M eistern des Eisens. Sie brachten die Kunst des Schm iedens zu neuen H öhen und w urden berühm t für ihren D am szener Stahl, bei dem verschiedene Stäh le in m ehreren Schichten zu einem W erkstück beispielsweise einem Schwert geschm iedet w urden. N ach der Politur wies die Waffe die typischen organi schen M uster eines Dam aszener Stahls auf. A ufgrund ihrer waffentechnischen Ü berlegenheit breiteten sich die Kelten über weite Teile Europas aus, eroberten Gebiete in W est- und O steuropa und gelangten bis nach Italien. Sie fügten dem jungen röm ischen H eer eine ver n ichtende Niederlage zu, eroberten R om bis auf das K apitol u nd zogen erst nach Übergabe eines üppigen Lösegeldes wieder ab. M it der Entdeckung der Kohle als neuem Energieträger u nd der Erfindung der D am pfm aschine erreichte im Zuge der Industriellen Revolution der Berg bau und dam it die G ew innung von M etallen eine bis dahin nie dagewesene D im ension. A uf der G rundlage systematischer U ntersuchungen w urde Eisen durch die Legierung m it anderen M etallen wie C hrom oder V anadium für die un ter schiedlichsten Zwecke zu Stahl veredelt, drang in nahezu alle Bereiche vor und w urde au f diese Weise zu einer w ichtigen Grundlage unserer heutigen Kultur. O b Stahlbeton für unsere Häuser, Bleche für Autokarosserien, S tahlplatten für Containerschiffe oder Edelstahl für Kochtöpfe - w ohin m an auch schaut sind Eisen und andere M etalle verarbeitet. D och es w urden n icht nur neue Verfahren entwickelt und die Produktion von M etallen um ein Vielfaches ausgedehnt, auch viele neue M etalle w urden im Laufe der Industriellen Revolution entdeckt. M an denke n u r an A lum i n ium , das aufgrund seiner Leichtigkeit im Flugzeugbau unverzichtbar ist. H eutzutage ist oft von dem Erz C oltan die Rede, das vor allem in Z entral afrika vorkom m t und dort un ter äußerst m enschenunw ürdigen Bedingungen abgebaut wird. Aus C oltan w ird das M etall Tantal gew onnen, ohne das kein H andy funktionieren würde. So massiv wie heute Bergbau betrieben wird, verändert er Erdoberfläche und A tm osphäre. N ich t n u r Berge werden abgetragen und neu aufgeschüttet; Erze, M ineralien und Metalle, die über Jahrm illionen in der Erdkruste einge schlossen waren, werden heraus gegraben u nd au f der Erdoberfläche verstreut. 113 In früheren Zeiten waren M ineralstoffe in V erbindung m it M etallen eher selten, so dass unser Körper beispielsweise n ich t zwischen Z ink und K adm ium unterscheiden kann. Dies hat fatale Folgen: W ährend wir Z ink als Spuren elem ent benötigen, führt K adm ium , w enn es über die zinkbindenden Proteine aufgenom m en wird, zu schweren bis tödlichen Vergiftungen. G liedm aßen und das gesamte K nochengerüst werden brüchig u nd verursachen unerträgliche Schm erzen. A uf B lutarm ut und chronischem H usten folgen Nierenversagen u nd Tod (Flannery S. 220 / 221 ). D ie G iftigkeit von Quecksilber ist bekannt. M itte des letzten Jahrhunderts w underten sich die M enschen in M inam ata au f Japan über Katzen, die rück wärts gingen. Es stellte sich heraus, dass die Katzen un ter einer Quecksilber vergiftung litten. Sie hatten näm lich die Fischabfälle von den Fischen gefressen, die in der Bucht von M inam ata aus dem M eer gezogen w orden waren. In der selben Bucht hatte die japanische Firm a Chisso C orporation zwischen 1932 u nd 1968 ihre Quecksilberabfälle verklappt. So w anderte das Quecksilber von den Kleinstlebewesen im Wasser über die Fische zu den Katzen — und zu den M enschen. Dieses G ift reichert sich über die N ahrungskette im m er m ehr an und hat die unangenehm e Eigenschaft, dass es sehr anhänglich ist: M an w ird es nur schwer wieder los. D ie M enschen klagten über taube G liedm aßen, undeutliche Aussprache u nd Augenproblem e. Viele m achten die Folgen w ahn sinnig und sie schrien vor Schmerz. Die U nternehm ensleitung versuchte über Jahre die Problem e durch Täuschungen u nd D rohungen unter den Teppich zu kehren, bis sie sich 1968 gezwungen sah die Verklappungen einzustellen. D och bis zu diesem Z eitpunk t hatten über zehntausend M enschen körperliche und geistige Schäden, die n icht m ehr geheilt werden konnten (Flannery S. 216). Z ahnfüllungen aus Am algam bestehen zu 50 Prozent aus Quecksilber. V ie le M enschen haben sich diese Füllungen wieder entfernen lassen, weil sie an allen m öglichen Sym ptom en wie Kopfschm erzen oder H autausschlägen litten. Verm utlich sind wir alle inzwischen w andelnde Lagerstätten der verschie densten Metalle, ohne dass wir es wissen u nd ohne dass w ir die Folgen absehen können. D enn die Liste giftiger M etalle lässt sich problem los fortsetzen: Blei, Arsen, L ithium um von den radioaktiven Elem enten wie U ran oder P lu to n ium gar n ich t zu reden. Eine ganz andere D im ension von Problem en, die sich aus der G ew innung von M etallen ergeben, zeigt sich in den Berichten an den C lub o f Rome: 114 Schon im ersten Bericht, der un ter dem bezeichnenden Titel „Grenzen des W achstum s“ im Jahr 1972 erschien, w ird die Frage erörtert, ob die Erze, aus denen wir die M etalle gewinnen, n icht in naher Z u ku n ft erschöpft sind. Schon damals w urden Szenarien darüber entwickelt, was unsere Gesellschaft erwartet, w enn die Verfügbarkeit der m ineralischen Ressourcen ständig abnim m t. D er letzte Bericht aus dem Jahr 2013 kom m t zu dem Schluss, dass die jüngsten Versuche der weltweiten W irtschaft durch neue Verfahren auch noch die letzten verfügbaren Erze auszubeuten, einem erbarm ungslosen Krieg gegen unseren Planeten gleichen, der letztlich n ich t zu gew innen ist. „Auf lange Sicht w ird sich der Planet vom Angriff der die Bodenschätze ausbeutenden M ensch heit erholen und die einzig m öglichen O pfer sind am Ende wir selbst“ (Bardi S. 151). U m nicht O pfer der eigenen W irtschaftsweise zu werden, m üssen wir unser Verhalten grundlegend ändern: W eg von der Superm arktm entalität, die beinhaltet alles kaufen zu können und Reste und Abfall über die M ülltonne zu entsorgen. W eg von der Vorstellung die A usplünderung der Erde ließe sich w eiterhin ohne gravierende Folgen fortsetzen und unser Leben verliefe in den gew ohnten Bahnen. W ir m üssen lernen unseren Verbrauch zu reduzieren und gebrauchte M ineralien u nd andere Stoffe w ieder zu verwerten. W ichtige Elem ente unserer bisherigen Lebenshaltung lassen sich n u r auf recht erhalten, w enn w ir ganz und gar nachhaltig wirtschaften. W ir müssen sorgsam m it der Erde um gehen. W ir haben n u r die eine. In unserer Geschich te standen w ir im m er w ieder vor existenziellen Problem en. Es besteht kein G rund zu der A nnahm e, dass wir die derzeitige Krise n icht lösen könnten . Das Potential ist vorhanden. A uf der G rundlage unseres universellen Vermögens können wir intellektuelle Kraft, em otionale D ynam ik, ethische Energie und powervolle Tatkraft m obilisieren um dieser Krise, der ersten wirklich globalen Krise, die alle M enschen betrifft, zu begegnen. W ir m üssen es allerdings w ol len u nd viele liebgewonnene G ew ohnheiten überw inden. Interessanterweise vergleicht Bardi die Entw icklung der Krise m it den fün f Stadien der Trauer, wie sie von Kübler-Ross (New York 2005) beschrieben w urden. M enschen durchleben sie in der Regel, w enn sie einen persönlichen Verlust erleiden oder geliebte Angehörige oder Freund verlieren: N ich tw ahrha benwollen, Z orn u nd W ut, Feilschen und Verhandeln, Depression, Akzeptanz. D em nach befände sich die Gesellschaft angesichts der Krise tief im Stadium 115 des N ichtw ahrhabenw ollens m it Anfällen von Z orn und W ut. D ie M enschen haben von Problem en der Ressourcenknappheit, U m w eltzerstörung u nd Ver schm utzung der Meere gehört, viele haben schon begonnen ihr Verhalten zu ändern, aber die m eisten sind desinteressiert oder tun sie ärgerlich als extreme A nsichten von W eltuntergangspropheten ab (Bardi S. 309/310). 116 15. GroßeStädte,großeReiche- Sicherheit gegen Freiheit Die älteste S tadt der W elt ist Jericho. Sie liegt im Jordangraben, 250 M eter tiefer als der Meeresspiegel nördlich des Toten Meeres. Sie war m it einer sechs M eter hohen M auer und wehrhaften T ürm en befestigt. D ie Stadt, deren N am e sich vom M ondgott Jarich ableitet, liegt an einer uralten H andels- und Karawanenstraße. Als O asenstadt w ird sie auch Palm enstadt genannt. Im Alten Testam ent, im Buch Josua (6 ), w ird farbenfroh erzählt, wie die israelischen Stäm m e Jericho eroberten. D em nach zogen die Israeliten auf A nraten G ottes an sechs Tagen je einm al m it Priestern, Bundeslade und kriegs fähigen M ännern um die Stadt. A m siebten Tag zogen sie erneut um die Stadt. Als die Priester die H örner bliesen, stim m ten alle ein lautes Kriegsgeschrei an. D a stürzten die M auern der Stadt Jericho in sich zusam m en und die Israeli ten drangen von allen Seiten in die Stadt ein. N ach dem Befehl ihres G ottes töteten sie alles, was in der Stadt lebte m it dem Schwert: M änner u nd Frauen, K inder u nd Alte, Rinder, Schafe und Esel. D a ich m it der aufgeworfenen Fragestellung in den Bereich der Geschich te kom m e, in dem es auch schriftliche Aufzeichnungen gibt, werde ich auch Zeitangaben in der A rt vor u. Z ./nach u. Z . verwenden. Die archäologischen Befunde verweisen die Erzählung des A lten Testa m entes ins Reich der Legenden. W ährend der Geschichte der Stadt war die Besiedlung Jerichos m ehrfach aufgegeben u nd dann wieder aufgenom m en worden. Als die israelischen Stäm m e in den Jahren um 1300 v. u. Z . die Regi on eroberten, war Jericho eine kleine unbefestigte Siedlung, die im folgenden Jahrhundert aufgegeben w urde (W ikipedia, Jericho 10.9.13). Zwar lassen sich erste Siedlungsspuren bis in die Z eit vor 11 000 auffinden, die erste Stadtm auer w ird au f die Jahre 10 050, also 8050 v. u. Z ., datiert. Die bei den Ausgrabungen gefundene Töpferware und andere Gegenstände zeigen, dass Jericho ausgedehnte H andelsbeziehungen m it Syrien, Anatolien und Ägypten unterhielt, und diesen H andel verm utlich auch kontrollierte. Der dadurch entstandene R eichtum erregte das Interesse benachbarter Stäm m e und brachte es verm utlich m it sich, dass die Siedlung im m er wieder überfallen 117 wurde. Entsprechende G egenm aßnahm en führten dazu, dass die Bewohner vor ru n d 5000 Jahren ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkten u nd begannen zwei R ingm auern m it G raben und T ürm en zu bauen. Die Befestigungen m üs sen so beeindruckend gewesen sein, dass sie noch Jahrhunderte später, als die M auern längst zerfallen waren, ihren N iederschlag in Erzählungen wie dem A lten Testam ent gefunden haben. Ackerbau in V erbindung m it Bewässerungs anlagen, wie sie in Ägypten oder M esopotam ien entwickelt w urden, lassen sich für die G egend um Jericho n ich t nachweisen. Eine andere „M egacity“ des späten N eolith ikum s war U ruk. Vor m ehr als 5000 Jahren entwickelte sich an diesem O rt, dem heutigen W arka im Süden des Irak, eine Form des Zusam m enlebens, die für uns heutige M enschen die dom inierende Lebensform ist: städtisches Leben. U nter Stadt w ird dabei im Unterschied zu einem großen D o rf oder anderen größeren Ansiedlungen eine größere, abgegrenzte und zentralisierte Siedlung verstanden, die oft im S chn ittpunk t verschiedener Verkehrswege liegt, eine eigene Regierung, Ver w altung, M arkthoheit, einen eigenen Kult sowie eine sozial differenzierte Bevölkerung hat. Aus kleinen A nsiedlungen entwickelte sich im Süden M esopotam iens ein überregionales Z en trum , das um 3500 v. u. Z . eine Fläche von m ehr als fünf Q uadratk ilom eter umfasste. Was heute in der A usdehnung einer Kleinstadt entspricht, war damals der Beginn einer revolutionären Entwicklung: eine Art Initialzündung. Das Z en trum der Stadt w urde durch die K ultbauten der beiden H aup tgö t ter strukturiert. Im Eanna-Bezirk dom inierte das große H eiligtum der G öttin Inanna/Ischtar m it m ächtigen Tem pelgebäuden und ausgedehnten Höfen, w ährend im Viertel Kullaba, im A nu-Tem pel m it seinem gewaltigen Tem peltu rm (Zikkurat) zum H im m elsgott An gebetet w urde (W ikipedia, Uruk, 9.9.13). D ie A usgrabungen geben Hinweise auf ein hochentwickeltes Verwaltungs system. So w urden Rollsiegel gefunden, die die bis dahin üblichen Stempelsie gel abgelöst haben. Rollsiegel sind kleine Zylinder, die sich fortlaufend abrol len lassen, im m er wieder das gleiche M otiv abdrucken u nd eine A rt Reliefband ergeben. Sie w urden sowohl benutzt um Transportgefäße zu versiegeln als auch U rkunden zu besiegeln u nd waren eine A rt individuelle U nterschrift für einzelne Personen oder Institutionen. 118 Die folgenreichste N euerung war allerdings die Entw icklung der Schrift, die erste der M enschheit. Aus zunächst verw endeten Piktogram m en entwickelte sich die Keilschrift, die prim är verw endet w urde um verwaltungstechnische Abläufe wie Rechnungen, Steuern und Abgaben zu dokum entieren. Später w urden auch literarische Texte u nd medizinische oder astronom ische A bhand lungen in Keilschrift verfasst. A uch der älteste bekannte Friedensvertrag der W elt, der zwischen dem ägyptischen Pharao Rames II. und dem H ethiterkönig H attusili III. nach der Schlacht bei Kadesch im Jahr 1259 v. u. Z . geschlossen wurde, war in Keilschrift verfasst. Die G rundlage von Uruks R eichtum war allerdings die Landwirtschaft. Die alljährliche Ü berschw em m ung, die durch die Frühlingsschneeschmelze in den arm enischen Bergen ausgelöst w urde und beim Tigris im M ärz und beim E uphrat im April einsetzte, verwandelte das Land in eine riesige Wasser fläche. W enn das Wasser durch Kanäle, D äm m e und Schleusen angemessen verteilt w erden konnte, der m itgeführte Schlam m sich abgesetzt hatte und das Wasser langsam wieder abgeflossen war, verwandelte sich das Land in ein grü nendes fruchtbares Paradies.“Von allen Ländern“, sagt H erodot, „ist meines W issens keines so geeignet zum G etreidebau. Die G aben der D em eter bringt es in solcher Fülle hervor, das es in der Regel zweihundertfältige Frucht trägt, m itun ter sogar dreihundertfältige F rucht“ (zitiert nach Friedell S. 221). Die O rganisation und Ü berw achung der Bewässerungsanlagen oblag sogenannten Priesterfürsten, weltliche u nd religiöse M acht lagen in einer H and. H andel und H andw erk gewannen an Bedeutung, die S tadt w urde reich. D er Kauf, der H andel und der Einsatz von Sklaven, die in der Regel in Eroberungsfeldzügen erbeutet w urden, waren gang u nd gäbe. Die Stadt selbst war von einer m ächtigen, neun Kilom eter langen Stadt mauer, die laut Gilgam esch-Epos von Gilgam esch selbst, dem legendären König von U ruk, erbaut w orden sein soll. D ie aufwendige Verteidigungsanlage weist darauf hin, dass die Bewohner Uruks gute G ründe gehabt haben müssen Leben, H aus und E igentum gut zu schützen, denn um herziehende semitische Stäm m e oder m achthungrige N achbarn hätten all zu gern die Reichtüm er Uruks an sich gerissen. Aber selbst w enn die Stadtm auer die Feine abhalten konnte, waren die Felder u nd Anlagen für die W asserregulierung ungeschützt und konn ten von diesen aus ohnm ächtiger W ut oder taktischen Überlegungen 119 zerstört werden. H ier m ag ein M otiv liegen, w arum die Städte danach strebten ihr U m land auszudehnen u nd zu kontrollieren. U ruk war zwar die bedeutendste, aber n icht die einzige S tadt im südlichen M esopotam ien w ährend der Z eit der Sum erer (4000 bis 3000 v. u. Z .). Es gab viele Städte, deren N am en w ir heute kaum noch kennen u nd die alle m it einander konkurrierten . Zeitweise führten sie Krieg gegeneinander, zeitweise verbündeten sich einzelne Städte m iteinander um andere auszustechen. „Es ist im m er dasselbe: die Leute aus U m m a oder U ruk oder sonst einem Stadtstaat brechen in das N achbarreich ein, m etzeln die E inw ohner nieder, werfen Feuer in die Tempel und Paläste, zerschlagen die G ötterstatuen und rauben die Schätze. Die Kanäle werden verstopft, die N utztiere weggetrie ben, die O bstbäum e abgehauen, die G ärten niedergebrannt, die W iesen zer stampft; n icht selten w ird auch alles Ackerland durch Salpeter für die Z ukunft unbrauchbar gem acht“ (Friedell S. 243). Ü berhaupt ist die Geschichte M esopotam iens über Tausende von Jahren eine unendliche Abfolge von Kriegen zwischen streitbaren Stadtstaaten, un ter brochen von G roßreichen und Eroberungsfeldzügen aus N achbarregionen. Ü ber die Städte von Sumer, die Reiche A kkad (um 2235 bis 2094 v. u. Z.), Babylon (2000 bis 1595 v. u. Z .)u nd Assyrien (um 1700 bis 600 v. u .Z .) gab es in der Geschichte des Zweistrom landes zwar im m er wieder friedliche Pha sen, in denen Landwirtschaft u nd H andel blühten , aber dann folgten Krieg, Raub und Eroberung. Möglicherweise lassen sich daraus auch die G rausam keiten erklären, die beispielsweise von den Assyrern bekannt sind. Es genügte ihnen n ich t eine Stadt zu erobern und die Bauwerke zu zerstören. Sie w urde dem Erdboden gleichgem acht und ihre Bewohner gepfählt, gefoltert und ihre abgezogene H au t auf den M auern ausgebreitet. Eine besondere Vorliebe hatten sie für die M ethode des „Ausreißens“, d. h. die verpflanzten große Teile eines besiegten Volkes in weit entfernte G egenden des Reiches, wie es den besiegten Israeliten um das Jahr 587 v. u. Z . erging, als sie in die babylonische Gefangenschaft verschleppt wurden. In Ägypten dagegen verlief die Entw icklung zu einem einheitlichen Staat deutlich anders. Zwar war auch hier der Fluss und sein alljährlich m itgeführtes Hochwasser die G rundlage der fruchtbaren Landwirtschaft, und deshalb gel ten nach wie vor die W orte H erodots, Ägypten sei ein G eschenk des Nils. D er 120 Unterschied ergibt sich aus der speziellen Lage des Landes. D urch ihre Isolie rung gleicht die N ilebene einem für die A ußenwelt unzugänglichen Schlauch. Im O sten u nd W esten des Landes verhindern die W üsten militärische Angriffe im größeren M aßstab. Im N orden bilden das M ittelm eer und im Süden die diversen N ilkatarakte eine natürliche Schutzgrenze. Deshalb bestim m te vor allem in der Frühzeit ein ungetrübtes Sicherheitsgefühl das Leben der Ägyp ter und führte zu einer optim istisch durchdrungenen W eltanschauung (vgl. Propyläen W eltgeschichte, Bd. 1, S. 328). Schutzm auern und ein großes H eer waren n ich t nötig, ein Angriff, der größere Schäden anrichten konnte, unwahrscheinlich. D och 95 Prozent der Fläche Ägyptens sind W üste, die M enschen ballten sich an den schm alen U fern des N ils zusam m en. W enn das alte Ägypten nur zwei M illionen Einw ohner hatte, war die Bevölkerungsdichte im m er noch grö ßer als beispielsweise in der heutigen Türkei, Friedell spricht sogar von sieben M illionen E inw ohnern (S. 118). Das führte zu einer halb städtischen Lebens weise m it intensiven gesellschaftliche K ontakten, obwohl es Städte im engeren Sinne über lange Zeiträum e überhaupt n icht gab —abgesehen natürliche von den H auptstäd ten, in denen jeweils der Pharao residierte (Propyläen S. 329). Soweit Ägypten von anderen K ulturen isoliert u nd abhängig vom N il betrachtet wird, erscheint es als ein Land, die Ägypter selber sprachen m it einer gewissen Berechtigung von zwei Ländern: der schmale Schlauch O berägypten im Süden und das weite auseinanderstrebende D elta im N orden. U nterägyp ten, das ebenso fruchtbare wie sumpfige Delta, das über weite Strecken von einem D schungel bedeckt ist, erinnert daran, dass in vorgeschichtlicher Zeit das ganze N ilufer von einem w uchernden D ickicht aus Papyrus, Lotos und anderen Sum pfgewächsen bedeckt war. U m zwischen vordringender W üste und sum pfigem D schungel bestehen zu können, m ussten geplante Äcker m ühselig gerodet u nd trocken gelegt werden. Gleichzeitig m ussten die Felder im m er wieder bewässert werden, dam it sie n ich t austrockneten u nd an die W üste fielen. D ie Arbeit war hart u nd m ühevoll und muss sich über Tausende von Jahren hingezogen haben. W enn die Ägypter auch aufgrund ihres vorzüglichen Kalenders den Z eit pu nk t der N ilflu t berechnen konnten, so lag das A usm aß der Flut n ich t in ihrer H and . S tand das Hochwasser nur einen halben M eter unterhalb des O ptim um s von ru n d acht M etern (vor dem Bau des Staudam m s bei Assuan) 121 bedeutete dies eine schlechte Ernte u nd stand es n u r einen halben M eter höher, w urden D äm m e weggeschwemmt, Kanäle zerstört und im schlim m sten Fall die D örfer m it ihren L ehm hütten un ter Wasser gesetzt. In diesem Fall war die Ernte unw iederbringlich verloren u nd den M enschen drohte H unger u nd Tod. „Die Legende von den sieben fetten u nd den sieben mageren Jahren war für Ägypten nie reine Phantasie; die D rohung war stets aku t“ (Propyläen S. 307). Im Laufe der vordynastischen Jahrtausende, also im Z eitraum von rund 5000 bis 3000 v. u. Z ., schlossen sich einzelne Bauern in D örfern und schließ lich in G auen zusam m en, um das um fangreiche Bewässerungssystem zu erhalten, zu pflegen und auszubauen. Dieser Prozess w urde von sogenannten G aufürsten organisiert: das ägyptische W ort für G aufürst bedeutet dem ent sprechend „der die Kanäle bau t“ (W ikipedia, Altes Ägypten 8.10.13). Diese hatten auch dafür zu sorgen, dass Getreide für die Zeit schlechter E rnten zur Verfügung stand. Allerdings begannen die G aufürsten auch Kriege gegeneinander zu führen. Die Ausgrabungen haben n icht nur eine große Anzahl von Pfeilspitzen und Keulenknäufe zu Tage gefördert; die gefundenen Skelette weisen auch reichlich viel gebrochene K nochen auf. Aus dem G auen entstanden größere Einheiten, bis sich schließlich die beiden angesprochenen Länder herausbildeten, und um das Jahr 3000 v. u. Z . vereinigte M enes, der erste Pharao, O berägypten und U nterägypten zu einem Reich. A ufgrund seiner relativen Isolierung verlief der Prozess der Reichsbildung in Ägypten deutlich weniger gewalttätig als in M esopotam ien. Aber auch dort dom inierte die K onkurrenz zwischen den einzelnen G auen u nd Fürstentü m ern und höchstw ahrscheinlich w urden auch zahlreiche Kriege geführt bis ein einheitliches Reich entstand. Spätestens nachdem M enes sich als H errscher über die beiden Länder durchgesetzt hatte, war Ägypten eine absolute M onar chie. Als Pharao erließ er alle Gesetze, dirigierte das wirtschaftliche Geschehen u nd war als M ittler zwischen M enschen und G öttern für das religiöse Leben verantw ortlich — galt als Vertreter des G ottes selbst als göttlich. U nd dieser Z ustand blieb von kleineren U nterbrechungen und unwesentlichen Verände rungen abgesehen über knapp 3000 Jahre lang stabil. Erst m it der Eroberung Ägyptens durch Alexander den G roßen endete diese lange Periode. Zwischen den großen Reichen Ägyptens u nd M esopotam iens lag Syrien. Auch dort entstanden zahlreiche Städte wie Aleppo, A ntiochia, Dam askus 122 oder Ugarit, deren Klang m it einer reichen kulturellen u nd geschichtlichen Entw icklung verbunden ist. D och aufgrund seiner Lage im Spannungsfeld verschiedener G roßm ächte ist es in Syrien nie zur Entw icklung eines größeren Staatswesens, das über einzelne Städte hinausreichte, gekom m en. O ffensicht lich haben sich die syrischen Stadtkönige ständig untereinander bekriegt und sind nach B edarf Bündnisse m it den benachbarten G roßm ächten eingegangen, so dass für diese Zeit kriegerische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren. Insofern ist es berechtigt zu sagen, der syrische Boden sei m it Blut getränkt. Offensichtlich ist dieses Erbe noch heute virulent, denn in keinem anderen Land hat der Arabische Frühling zu so einem grausamen, blutigen und n ich t enden w ollenden Bürgerkrieg geführt wie in Syrien un ter Staatschef Baschar al-Assad. Die Entw icklung von Städten und/oder größeren Reichen m ag zwar im N ahen O sten begonnen haben, setzte sich aber überall in der W elt fort, wie beispielsweise in Indien m it der H arappa-K ultur ab 2500 v. u. Z . oder in C h ina m it Xia-Dynastie ab 1766 v. u. Z . U m die Jahre 1300 treten au f dem G ebiet der heutigen Türkei die H eth iter au f den Plan und ab 550 v. u. Z .. die Perser. In Europa dom inierte ab 3000 v. u. Z . die M inoische K ultur au f Kreta und ab 1800 die Entw icklung in M ykene. Auch in Afrika südlich der Sahara entstanden Städte und Reiche, w enn auch deutlich später. Die W üste lag wie eine Barriere zwischen dem nördlichen und südlichen Afrika und erschwerte den kulturellen Austausch. So spielten W erkzeuge und Waffen der Bronzezeit in Schwarzafrika kaum eine Rolle. Erst m it der Entdeckung der E isenverarbeitung begannen afrikanische Kulturen aufzublühen. Die ägyptischen Pharaonen hatten über Jahrhunderte das Land Kusch im heutigen Sudan beherrscht. U m 700 v. u. Z . drehten die Könige von Kusch den Spieß um , besiegten nun ihrerseits die früheren Eroberer und besetzten den T hron des Pharao. So w anderten kulturelle Errungenschaften entlang des N ils nach Süden u nd verbreiteten sich südlich der Sahara. Die Schwesterstadt von Kusch liegt südlich von K hartum . Die Blütezeit von M eroe begann 200 v. u. Z . und w ährte fast tausend Jahre. M eroe war „das Z en trum der größten Eisenschm elzindustrie südlich der M ittelm eerküste“ (Davidson S. 57). Ü berhaupt schaffte der Besitz von Waffen u nd W erkzeugen aus Eisen 123 die Voraussetzung für großräum ige E roberung und Zentralisierung bis dahin unabhängiger Stammesgesellschaften. D er König von G hana, dessen Königreich nördlich des oberen Nigers lag u nd der den transsaharischen H andel m it G old und Salz kontrollierte, konnte 200 000 Krieger in den K am pf führen. Sein Reich datiert, soweit die Q uellen lage diese Inform ation zulässt, von 800 bis 1076 nach u.Z ., bis muslimische Eroberer das Königreich von G hana überrannten. Sehr viel später, um 1650 gründeten im heutigen G hana die A shanti ein weiteres Königreich. Aus einem losen Bündnis einzelner Stadtstaaten wuchs ein zentralisiertes Königreich m it der H aup tstad t Kumasi. D ie Könige expandierten, eroberten weitere Gebiete u nd m achten diese tributpflichtig. Das so entstandene G ebiet entspricht heute im großen und ganzen dem m odernen Staat G hana. In und um das heutige Z im babw e erstreckte sich vor rund 500 Jahren das Königreich Benam etapa m it zehntausenden alten Eisenerzm inen, Q uad ra t kilom eter von terrassierten H ügeln, einer stark befestigten H aup tstad t und zahlreichen Siedlungen (vgl. D avidson S. 236ff). Es lassen sich zahlreiche wei tere Beispiele für die Existenz großer Städte u nd bedeutender Reiche finden. Die genannten m ögen genügen um zu zeigen, dass Afrika n ich t der zurück gebliebene, sich quasi im N aturzustand befindliche K ontinen t ist, wie er so oft dargestellt wird. A uf dem am erikanischen K ontinen t hat sich die beschriebene Entw icklung naturgem äß noch später vollzogen, da dieser K ontinent erst vor maximal 12 000 Jahren von M enschen besiedelt wurde. W ährend der Blütezeit der M ayakultur, von ca. 600 bis 900 n. u. Z . gab es zahlreiche Stadtstaaten m it jeweils einem H errscher u nd eigener Verwaltung. Die Städte waren häufig durch D am m straßen m iteinander verbunden und m it m ehr als 10 000 E inw ohner größer als die Städte im dam aligen M itteleuropa. Z u den bekanntesten Städten, die m an in der Regel auch in den Katalogen der Reiseunternehm er findet, gehören un ter vielen anderen Palenque, Tikal, Calakm al oder C hichen Itza. D er Einflussbereich der M aya erstreckte sich vom Süden M exikos (Yucatan) bis Guatem ala, H onduras, El Salvador u nd Belize. D er A nbau von M ais spielte eine tragende Rolle und M athem atik der M aya und ihr Kalender waren hoch entwickelt. A ußerdem besaßen sie bis zur A nkunft der Spanier die einzige Schrift au f dem am erikanischen K ontinent. 124 Die Bearbeitung von M etallen wie G old, Silber u nd Kupfer diente lediglich ästhetischen und spirituellen Zwecken. Für den N iedergang der M ayakulturen werden verschiedene Ursachen diskutiert; am naheliegensten ist eine durch die M enschen mitverursachte Klim averänderung: Die verm ehrte A bholzung der W älder und verm inderte Niederschläge führten zu D ürren u nd schlechten Ernten. D en großen Städten wäre dam it ihre landwirtschaftliche G rundlage entzogen (W ikipedia, Maya, 26.10.13). Das Reich der Inka erstreckte sich in seiner größten A usdehnung von Ecu ador bis Chile u nd A rgentinien im Z eitraum von 1370 bis 1530 n. u. Z . Die Inka selbst waren ein kleiner Stam m , der nach und nach benachbarte Stäm m e besiegte u nd tributpflichtig m achte. Seine herrschende Sippe stellte später Adel, Klerus, Offiziere u nd den H errscher des theokratischen Reiches. Die M acht der herrschenden Schicht beruhte au f Tributen u nd Arbeitsleistungen der ansonsten w eitgehend autarken bäuerlichen G em einschaften. W erkzeuge und Waffen w urden aus Kupfer und Bronze hergestellt, G oldschm uck war dem Adel vorbehalten, Eisen war unbekannt (W ikipedia, Inka, 23.10.13). In der Z eit von 1300 bis 1520 n. u. Z . b lühte im Tal von M exiko und weiteren Teilen Zentralm exikos das Reich der Azteken. Z unächst verteilte sich die M acht au f den aztekischen D reibund der Städte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan. Im Laufe der Jahre gelang es den H errschern von Tenochtitlan zur dom inierenden M acht innerhalb der Dreier-Allianz aufzusteigen, indem um liegende Städte u nd Gebiete unterw orfen u nd tributpflichtig gem acht w ur den. In den Jahren 1519 und 1520 eroberte H ernan Cortes das Reich der Azte ken m it Hilfe von ru n d 500 Soldaten, einer H andvoll Reitern und m ehreren Vorderladern u nd Geschützen. D och seine größte Hilfe waren die von den Europäern eingeschleppten Pocken, die m ehr als die H älfte der Bevölkerung Tenochtitlans dahinrafften, darun ter auch den neuen König C u itl’auac (W ikipedia, Azteken, 26.10.13). Die aufgezählten Beispiele sollen verdeutlichen, dass die Entstehung von Städten und/oder größeren Reichen überall auf der W elt erfolgte, es sich ver m utlich um eine universelle Entw icklung handelt. D ie große A usnahm e stellt das alte Australien dar, aber auch dies scheint weniger den M enschen als den 125 gegebenen geographischen Bedingungen geschuldet, un ter denen die M en schen leben m ussten. W elche Bedingungen m üssen denn nun vorhanden sein, dam it die M ensch anfangen Städte anzulegen u nd Stadtm auern hochzuziehen? In jedem Fall ist die Grundlage ein hoch produktive Landwirtschaft, die einen so großen Überschuss erwirtschaftet, dass neben den Bauern handw erk liche Berufe wie Schmiede, Töpfer, W eber usw. entstehen können. In dem M aße wie Produkte ausgetauscht und über größere Strecken transportiert werden, fangen H ändler an den Austausch der W aren zu organisieren. U nd schließlich m üssen die bisher gewählten oder in anderer Weise ausgesuchten Vorsteher oder H äuptlinge neue Aufgaben übernehm en, die sich aus dem W achstum des Gem einwesens ergeben. W enn dann die Bevölkerung weiter anwächst, w ird es ab einem bestim m ten Punkt unum gänglich übergeordnete S trukturen wie S traßenführung, Verwaltungsgebäude, M ärkte und K ultgebäu de zu errichten, die für eine Stadt typisch sind. W enn die Bevölkerungsdichte einen bestim m ten Punkt erreicht, entsteht gewissermaßen eine A rt kritische Masse, die städtische Strukturen unum gänglich m acht. Es entstehen also aus G ruppen, die ursprünglich als Jäger u nd Sam m ler leb ten, zunächst sesshafte Stäm m e, die aus Clans verw andter G ruppen bestehen u nd dann sogenannte Häuptlingsreiche, die m ehrere D örfer u nd Tausende von M ensch umfassen (vgl. D iam ond A rm und Reich S. 322 ff). W ächst dann die Bevölkerungsdichte weiter und es leben 10 000 und m ehr M enschen in einer Siedlung, werden städtische S trukturen notw endig. U nter bestim m ten historischen Bedingungen entwickeln sich aus Städten große Reiche. W ie der G ang durch die H istorie gezeigt hat, entstehen Städte in dem oben genannten Entwicklungsprozess eigentlich in jedem Fall, w ährend große Reiche besonde rer Bedingungen bedürfen. M anche W issenschaftler führen die groß angelegten Bewässerungssysteme als Erklärung für die E ntstehung großer Reiche an. So erklärt W ittfogel in seiner Analyse der „orientalischen D espotie“ die E ntstehung großstaatlicher Gebilde aus der N otw endigkeit die Bewässerungsanlagen im Rahm en einer hydraulischen A grikultur — wie er diese A rt von Landwirtschaft charakterisiert — im großen M aßstab zu organisieren. Bekannterm aßen m üssen um die eigent liche Feldarbeit durchführen zu können weitreichende V orbereitungsm aß 126 nahm en wie der Bau von Kanälen, D äm m en, Rückstaubecken oder Pum pen geleistet werden. D och bei genauerem H insehen w ird deutlich, dass Bewässerungsanlagen lange vor der Entstehung großer Reiche von den örtlichen Bauern in A ngriff genom m en w orden sind. Sie w urden in lokaler Regie entwickelt (wie in Sumer) und sind es auch geblieben (wie bei den Inka). Es liegt auch nahe von den lokalen Bewässerungssystemen auszugehen, denn erst diese erm öglichten die hoch produktive Landwirtschaft, au f deren G rundlage dann Bevölkerungs w achstum u nd städtische Strukturen entstehen konnten. Ü berhaupt ist es doch weltweit zwar zur Bildung von Städten bzw. Stadtstaaten gekom m en, aber die E ntstehung großer Reiche, aus unserer Sicht möglicherweise die interessantere Variante, erfolgte erst in zweiter Linie und keinesfalls im gleichen Ausmaß. D am it kom m e ich auf die schon erw ähnten Bedingungen zurück: Indem eine sesshaft gewordenen Bevölkerung m it Hilfe von Bewässerungsanlagen eine Landwirtschaft betrieb, die m ehrere E rnten im Jahr erm öglichte und gro ße Überschüsse erzielte, wuchs die Bevölkerung so stark, dass neue Strukturen zwischenm enschlichen Lebens entwickelt werden m ussten: eine S tadt begann zu wachsen. D er angesamm elte Reichtum weckte die Begehrlichkeiten der N achbarn oder durchziehender Stäm m e. Spätestens nach dem dritten Überfall werden sich die Bewohner Schutzm aßnahm en ausgedacht haben, m ögen es bereit stehende W achen oder Schutzbauten gewesen sein. A uf diese Weise m ag nach und nach die riesige S tadtm auer von U ruk entstanden sein, die der Sage nach von Gilgamesch, dem legendären König von U ruk, erbaut w orden sein soll. M it großer W ahrscheinlichkeit ha t er sie n ich t allein gebaut. Was die Bewohner von U ruk können, m achen wir besser, dachten sich die M enschen um liegender Gem einwesen u nd fingen n u n ebenfalls an ihre Sied lung zu befestigen. A uf diese Weise entwickelten sich in K onkurrenz gegenei nander zahlreiche sumerische Städte im südlichen M esopotam ien. Schließlich ging es darum zu dem onstrieren: W er hat die höchste Stadtm auer, den präch tigsten Tempel, die herrlichsten Paläste u nd die größte M arkthalle. Selbstverständlich versuchte jede dieser Städte eine V orm achtstellung zu erringen, was einzelnen von ihnen auch gelang, aber nie von langer D auer war. A uf diese Weise hat die K onkurrenz dazu beigetragen, dass die sum eri 127 schen Städte w uchsen und b lühten . Es w urde quasi ein A utom atism us in Gang gesetzt, aus dem eine Stadt n u r bei Strafe ihres Untergangs ausscheren konnte. Erst ru n d tausend Jahre später, um 2300 v. u. Z ., eroberte der akkadische König Sargon die sum erischen Städte und schuf das erste große Reich in M esopotam ien. Er nann te sich „H err der vier W eltteile“ und dehnte sein Reich bis Arabien im Süden u nd G riechenland im W esten aus. Die Akkader waren semitische H irten , die durch den R eichtum der sum erischen Städte angelockt, in m ehreren W ellen in den N orden M esopotam iens eingewandert waren. A ufgrund ihrer überlegenen Bewaffnung m it Pfeil und Bogen konnten sie die Soldaten der sum erischen Städte besiegen. Die Tatsache, dass die Akkader ursprünglich w andernde H irten waren, m acht erneut deutlich, wie wenig die Entstehung von G roßreichen m it groß angelegten Bewässerungsanlagen zu tun haben. Zusam m enfassend lässt sich festhalten, dass Städte entstanden, w enn eine sehr produktive Landwirtschaft viele M enschen ernähren konnte u nd deshalb die Bevölkerungsdichte so hoch wurde, dass übergeordnete, eben städtische S trukturen notw endig w urden. Entstanden m ehrere Städte in unm ittelbarer N achbarschaft, wie in Sumer, gerieten sie unweigerlich in K onkurrenz gegen einander: jede wollte die Vorherrschaft. M eistens endete dies in einem Krieg. In dem M aße, wie überregionale H andelsbeziehungen entstanden, entw i ckelten sich auch an V erkehrsknotenpunkten oder entlang wichtiger H andels wege größere Ansiedlungen, die unter U m ständen zu Städten wuchsen. W elchen Vorteil ha t es jedoch für den einzelnen M enschen, in der Regel Bauern, einen O rt zu haben, der m it einer M auer um geben war? Die A ntw ort liegt au f der H and: Er konnte sich angesichts der häufigen kriegerischen Aus einandersetzungen schützen u nd Angehörige, V ieh und bewegliche H abe in Sicherheit bringen. Zwar war in den m eisten Fällen die Ernte verloren, denn seine Äcker konnte er n ich t h in ter die M auern m itnehm en, aber Leben und bewegliche G üter waren gerettet. Sobald die Feinde abgezogen waren, konnte der Bauer wieder m it seiner A rbeit beginnen. U nd bei m ehreren E rnten im Jahr, war eine, zwar n ich t leicht, aber zu verschmerzen. Aber die Feinde kam en n ich t nu r von außerhalb der Stadtm auer. Auch untereinander lebten die M enschen keineswegs harm onisch zusam m en. Schon in einer G ruppe von Jägern und Sam m lern, die nur aus ein paar D utzend M itgliedern bestand, kam es zu offenen A usbrüchen von Gewalt. So schildert 128 D iam ond einen Besuch bei den Iyau au f N euguinea, als eine A nthropologin die Frauen über ihre Lebensgeschichte und vor allem ihre E hem änner befragte. Es stellte sich heraus, dass die m eisten Frauen m ehrere Ehem änner nachein ander hatten, weil der vorhergehende M ann durch eifersüchtige N ebenbuh ler um gebracht w orden war. M ord und Totschlag gehörte zu den häufigsten Todesursachen (vgl. D iam ond A rm und Reich S. 323 und 339). Es zeigt sich, dass die Vorstellung eines friedlichen Lebens in der Z eit der Jäger und Sam m ler, die Vorstellung einer urkom m unistischen Idylle, eher den Vorstellungen kulturverdrossener Intellektueller als den w irklichen Verhältnissen entspricht. Diese G ruppen führten zwar keine Kriege im späteren Sinne, denn im Falle einer Auseinandersetzung m it einer anderen G ruppe konnten sie sich, w enn ihnen der Boden un ter den Füßen zu heiß wurde, rechtzeitig in die Büsche schlagen und verschwinden; die m eisten Fälle von M ord u nd Totschlag geschahen innerhalb der G ruppe (vgl. Berliner Z eitung 23.7.13). W enn schon in einer kleinen G ruppe von Jägern u nd Sam m lern, in der alle m ehr oder weniger m iteinander verw andt sind, der A usbruch von Gewalt nur schwer zu kontrollieren war, um wie viel größer waren die Problem e in einer Stadt m it m ehreren tausend Einw ohnern, die in der Regel n ich t nu r nicht m iteinander verw andt, sondern sich auch n icht persönlich kennen konnten. Es musste eine Instanz her, die Konflikte friedlich regelte u nd die Gewalt m onopolisierte. Schon in den sogenannten H äuptlingsreichen hatten die H äuptlinge das G ew altm onopol inne um die öffentliche O rdnung aufrecht zu erhalten und gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern. In einer Stadt war diese Aufgabe n ich t n u r dringlicher sondern auch schwieriger zu bewerkstelligen. Einer oder einige waren „gleicher“ als alle anderen. W er auch im m er es war, der größte Bauer, der beste Krieger oder eine religiöser Führer, ihm kam die Aufgabe zu den Bau der M auer zu organisieren, die H andw erker einzusetzen, Streitereien zu schlichten und das von den Bauern erwirtschaftete M ehrpro dukt zu verwalten. Ihm , seiner Familie oder seinem Clan wuchs M acht zu. Er n ahm sie n ich t nur gerne, sondern übernahm weitere Aufgaben. Krieger m uss ten organisiert u nd trainiert, Gerichtsverfahren abgehalten, Abgaben kontro l liert und aufbewahrt, öffentliche Gebäude wie Speicher, Versam mlungsräum e und Tempel gebaut werden. 129 Im Laufe der Jahre entstand eine herrschende Schicht, die alle wichtigen Entscheidungen tra f und sich das reiche M ehrproduk t aneignete. U nd indem Ä m ter und M achtfülle vererbt w urden, blieben sie sozusagen in der Familie. Spätestens als die M achthaber begannen Status und H erkunft religiös zu ver bräm en, u nd sie quasi als Stellvertreter oder A bköm m linge der G ö tter in ihren Ä m tern fungierten, war eine herrschende Klasse m it einem König an der Spit ze entstanden, die selbstherrlich agierte und regierte. U ruk und die anderen sum erischen Städten w urden von sogenannten Pries terfürsten regiert, deshalb auch die Bezeichnung als Tem pelwirtschaft (W ikipedia M esopotam ien, 2 .11.13) In diesem Fall zeigt schon die N am ensgebung, dass weltliche M acht u nd religiöse Führung bereits völlig verschmolzen waren. Was hat n un aber die M enschen dazu bewogen Freiheit und Selbständig keit aufzugeben u nd sich der W illkür einer herrschenden Schicht, eines Königs oder auch Priesterfürsten zu unterwerfen? N ach den bisherigen Überlegungen liegt die A ntw ort au f der H and. D ie H errscher hatten die Aufgabe die Feinde von außen abzuwehren und im Innern des Gem einwesens Recht und O rd nung aufrecht zu erhalten. Sie waren - um es in m odernen Begriffen auszudrü cken - für die äußere und innere Sicherheit zuständig. Jäger u nd Sam m ler oder w andernde V iehnom aden konn ten sich des Problems entledigen, indem sie sich in entlegenere Gebiete zurückzogen. Aber der G roßteil der Bevölkerung war sesshaft wie die Bauern, H andw erker u nd Händler. Sie m ussten in den sauren Apfel beißen u nd viele Freiheiten aufgeben um eine sicheres Leben zugesichert zu bekom m en. W er dies n ich t tat, blieb außen vor und w urde in den zahlreichen Kriegen zwischen den Fronten zerrieben. W enn m an sich vor Augen hält, wie hysterisch in den letzten Jahren seit dem 11.9.2001 angesichts einer H andvoll Al Q aida Terroristen die Frage der Sicherheit diskutiert wird, kann m an vielleicht ermessen, welche B edeutung ein sicheres Leben für uns M enschen hat. D er ehemalige deutsche Innenm i nister H ans-Peter Friedrich postuliert gar ein „Supergrundrecht au f Sicher heit“, obw ohl weder das deutsche G rundgesetz noch die Allgemeine Erklärung der M enschenrechte der Vereinten N ationen diese A rt von Supergrundrecht legitimieren. Zwar w ird in Artikel 3 der Allgem einen Erklärung form uliert: „Jeder hat das Recht au f Leben, Freiheit u nd Sicherheit der Person“, aber dies ist ein Artikel un ter insgesamt 30, deren Stellenwert untereinander sorgfältig abgewogen werden muss. Ein Supergrundrecht au f Kosten anderer G ru n d 130 rechte kann und darf es n icht geben. Im übrigen w ird schon in dem zitierten Artikel selbst von Freiheit und Sicherheit gesprochen. W enn m an sieht, m it welch einer selbstverständlichen Ignoranz die Chefs der NSA und anderer am erikanischer u nd britischer Geheim dienste in ihren Erklärungen gegenüber Parlam ent u nd Ö ffentlichkeit die Ü berw achung und A usspähung der Bürger vieler Staaten rechtfertigen, verm itteln sie den E in druck, die Sicherheit der Bürger vor terroristischen Angriffen ginge ihnen über alles. Dass sie dabei andere wichtige G rundrechte wie die W ürde des M en schen (Artikel 1, Allgemeine Erklärung der M enschenrechte) und Freiheits sphäre des Einzelnen (Artikel 12) m it Füßen treten, ist ihnen offensichtlich gleichgültig. Die Bürger selbst beginnen langsam zu begreifen, was sie sich m it der vielgepriesenen Freiheit im In ternet eingehandelt haben — das A nsehen der USA und ihres ursprünglich hoch angesehenen Präsidenten Barack O bam a befindet sich im Sinkflug. Vor allem w ird im m er deutlicher, dass es in erster Linie n ich t um die Sicherheit der Bürger geht, sondern um die Sicherung wirtschaftlicher und politischer M acht, um die A usspähung anderer, befreundeter (?) Regierungen und um Industriespionage. Gespenstisch u nd beängstigend w ird die Situation, w enn staatliche O rgane W histleblower wie Eduard Snowden, die die W ahrheit über die wahnwitzigen Spähprogram m e ans Licht der Ö ffentlichkeit gebracht haben, n un selbst als Terroristen einstufen und sie unter dem M issbrauch ihrer M acht verfolgen, verurteilen u nd einkerkern lassen (Berl. Z eitung 8.11.13). Ich springe wieder 5000 Jahre zurück und schlendere durch die sumerische Stadt U ruk. Bauern und H andw erker m urren und dem onstrieren, weil ihr König Gilgam esch durch seinen despotischen Regierungsstil und die hohen Ausgaben, die er für seine im posanten Repräsentationsbauten benötigt, ihre G eduld über die M aßen strapaziert hat. Insbesondere die Frauen hat er durch sein ungehobeltes u nd aggressives Verhalten verärgert, so dass sie öffentlich die G ö ttin Ischtar um Hilfe anflehen. Als sein enger Freund E nkidu stirbt, stürzt Gilgamesch, halb G o tt halb M ensch, in eine tiefe Verzweiflung. Er begibt sich au f eine lange W anderschaft um das G eheim nis des Lebens zu ergründen. Er m öchte n ich t sterben wie sein Freund Enkidu, er will ewig leben. N ach vielen A benteuern, bei denen er m it G ö ttern aneinander gerät, kom m t er schließlich zu der Erkenntnis, dass er nu r durch nützliche W erke als guter König seinen 131 N am en unsterblich werden lassen kann: Er kehrt zurück und lässt die S tadt m auer von U ruk bauen (W ikipedia Gilgam esch Epos, 12.11.13). D ie Erzählung über Gilgamesch ist n u r in Bruchstücken u nd m ehreren Versionen überliefert, so dass es schwierig ist eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen. Eines scheint m ir allerdings ziem lich deutlich: Die M enschen w ün schen sich einen gütigen König, der in der Lage ist die Interessen aller Bevöl kerungsgruppen angemessen zu berücksichtigen. U nter U m ständen m ögen sie gegen einen unfähigen König aufbegehren, im besten Falle ihn davonzujagen u nd durch einen anderen zu ersetzen, aber solange sie n ich t bereit sind das System eines von G öttern gesandten oder gottähnlichen Herrschers in Frage zu stellen, werden sie dem D ilem m a n icht entkom m en. D ie M enschen können ihr universelles Verm ögen n ich t in der Freiheit einer selbstbestim m ten G ruppe realisieren, sondern m üssen sich der W illkür u nd dem Joch eines absolut herrschenden Königs unterwerfen. Ih r D enken u nd Fühlen, ihre Phantasie und ihr Tun w ird darauf ausgerichtet sein unter diesen Bedingungen einen K om prom iss zu finden, der den A nsprüchen des Herrschers gerecht w ird u nd ihnen einen R aum eröffnet den eigenen Zielen nachzugehen. Dieses D ilem m a setzte sich n ich t n u r fort, als der akkadische König Sargon die sum erischen Städte eroberte u nd das erste G roßreich in M esopotam ien errichtete, es potenzierte sich, da der H errscher n ich t nu r weit entfernt in seiner H aup tstad t residierte, sondern auch über eine bis dahin n ich t gekannte M achtfülle verfügte. Sein Reich erstreckte sich vom M ittelm eer bis zum Persi schen G olf und keine G ruppe der Gesellschaft konnte seine M acht beschrän ken. Seine M acht war total; politische, militärische und religiöse Funktionen waren in der Person des Herrschers vereint. Zwar gab es unterschiedliche Form en des Eigentum s in Landwirtschaft, H andel oder im Tempel, blieb aber Besitz, der keine M acht verleihen konnte. (W ittfogel S. 292 ff). D ie M enschen un ter einem solchen Regime lebten in der ständigen Angst eines m öglichen terroristischen Vorgehens ihres H errn oder seiner Lakaien gegen sich, ihr Leben oder ihr E igentum , sei es im Bereich des Steuereinzugs über willkürliche Festsetzungen, in gerichtlichen Verfahren oder in anderen Zusam m enhängen. In der K onfrontation m it der Staatsm acht hatte der Staat alle M acht, der U ntertan keine. G ehorsam war die vorherrschende Tugend u nd das H auptziel der Erziehung. Todesstrafe war an der Tagesordnung (W itt- 132 fogel S. 184 ff). D a es in dieser Gesellschaft keine rivalisierenden Kräfte m it der notw endigen eigentum sm äßigen oder organisatorischen Stärke (wie im antiken G riechenland oder im m ittelalterlichen Europa) gab, w urde dieser H errscher m it seiner Bürokratie überm ächtig; der Staat w urde stärker als die Gesellschaft. (W ittfogel S. 80 ff). Es entstand dieser Staat, der im allgemeinen unter dem Begriff „orientalische D espotie“ firmiert. U nd doch: Die M enschen lagen n ich t nu r au f dem Bauch vor ihren H err schern. So gibt es Berichte in altägyptischen H ieroglyphentexten über Streiks und D em onstrationen ägyptischer A rbeiter in der N ähe von Luxor. D ie Arbei ter hatten ihre Löhne n icht bekom m en u nd forderten Auszahlung der Löhne, Bekäm pfung der staatlichen K orruption u nd das offene O h r der Pharao. Der erste uns bekannte Streik der W eltgeschichte fand im Jahre 1151 vor Chr. in der N ähe von Luxor statt u nd griff bald au f andere Tempel- u nd G raban lagenbauplätze über. Die Behörden m ussten nachgeben u nd zum indest einen einen Teil der ausstehenden Löhne auszahlen. Es geht weniger darum , ob sie alle Forderungen durchsetzen konnten . Entscheidend ist: D ie einfachen Leute haben sich gewehrt (Berl. Z eitung 4.11.13). Ü ber die Jahrtausende hat sich die M achtstruk tur der orientalischen D espotie in w eiten Teilen des arabischen und asiatischen Raum es in den ver schiedensten staatlichen Form ationen und in den entsprechenden C harakter eigenschaften der M enschen erhalten und im m er wieder erneuert. M an kann diese A rt der C harakterstruktur in A nlehnung an Erich From m sicherlich als „autoritären C harakter“ einstufen (vgl. E. From m 1936). Im Laufe des arabischen Frühlings, in dem die M enschen in vielen ara bischen Staaten ab Dezem ber 2010 (wieder einmal) gegen ihre autoritären H errscher aufbegehrten und einige von ihnen zum Teufel jagten, haben sich inzwischen die Islamisten breit gem acht u nd bedrohten n u n ihrerseits die erkäm pften Freiheiten. So stehen sich inzwischen in Ägypten A nhänger des M ilitärs, dem alten H errschaftsapparat, und M uslim brüder unversöhnlich gegenüber. D ie Aktivisten der Revolution haben einen schweren Stand. Bassm a Husseini, eine aktive Käm pferin für bürgerliche Freiheiten, beschreibt die Lage folgenderm aßen: „Dass so viele Ägypter Al-Sisi zum Präsidenten haben wollen, zeigt, wie sehr sie sich im m er noch einschüchtern lassen. W enn m an ihnen verspricht, Recht und O rd n un g wieder herzustellen, sind sie bereit auf Freiheit zu verzichten“ (Berl. Z eitung 5./6 .10 .13). 133 16. D ieDem okratieAthens-EinFunke Hoffnung W ie ist es möglich, dass sich die M enschen über Jahrtausende unter das Joch absoluter Herrscher, seien es n u n gütige Könige oder blutige Tyrannen, ge beugt haben? Sicherlich gab es D em onstrationen, Streiks oder Aufstände, aber genauso sicher w urde jedes Aufbegehren b lu tig niedergeschlagen. Im besten Fall übernahm ein neuer König die M acht, der gegenüber Forderungen aus der Bevölkerung aufgeschlossener war. Aber absoluter H errscher blieb absoluter Herrscher. N eben der G arantie für äußere und innere Sicherheit entwickelten die Bür ger eines großen Reiches sicher auch eine A rt „nationalen“ Stolz. Bürger eines m ächtigen Reiches waren n ich t n u r sicher vor äußeren Feinden; die M acht ihres Herrschers strahlte auch au f sie selber über. Indem sie sich m it Herrscher und Reich identifizierten, konn ten sie sich selber m ächtig fühlen. G efühls m om ente ähnlicher A rt kann m an heute noch w ahrnehm en, w enn m an erlebt, wie m anche Briten ihrem verflossenen W eltreich oder m anche Russen selbst aus den untersten Schichten dem untergegangenen Sow jetim perium nach trauern. D er ausschlaggebende Punkt scheint m ir allerdings in der religiösen W eltanschauung zu liegen. W o auch im m er größere Staatswesen entstanden, legitim ierten die H errscher ihre M acht m it dem Verweis au f die G ötter. O b es nun der Pharao war, der sich als Sohn des Sonnengottes Re verehren ließ, oder Sargon, der als den G öttern besonders nahe stehend galt, im m er w urden die H im m lischen genutzt um den U ntergebenen die besondere Stellung des H errschers vor Augen zu führen. In W estafrika beteten die Yoruba und andere Volksstämme ihre „G öttlichen Könige“ an (Davidson S. 55). W er also gegen den H errscher opponierte, hatte n ich t n u r die königlichen Soldaten sondern auch die G ötter gegen sich. Letztendlich opponierte er dam it auch gegen sei ne eigene religiöse W eltanschauung, was erfahrungsgem äß m it den größeren Schwierigkeiten verbunden ist. So herrschten die „orientalischen D espoten“ m al m it M ilde m al m it b lu t triefender Brutalität über ru n d 3000 Jahre u nd sonnten sich in ihrer absoluten 135 M acht — es sei denn an den Grenzen erschien ein stärkerer Gegner, vertrieb den Inhaber der M acht u nd setzte sich an dessen Stelle. D och dann geht ein Stern auf, dessen Licht bis in unsere Tage erstrahlt. In einem kleinen Stadtstaat am Rande der dam aligen W elt w ird die D em okratie geboren: In A then über n im m t das Volk die M acht — Könige u nd G ötter als deren religiöse Legitim a tionsbasis treten ab. M it Perikles, der von 443 bis 429 v. u. Z . die Geschicke A thens lenkte, beginnt das goldene Zeitalter der Stadt. Zwar finden auch im gleichen Z eitraum in anderen Kulturkreisen bedeu tende V eränderungen statt: In C h ina lehrten Konfuzius u nd Laotse, in Indien Buddha, in Israel zahlreiche Propheten und in Persien Zarathustra. Deshalb spricht Karl Jaspers von einer Achsenzeit, in der religiöse und philosophische A nschauungen entstanden, aus denen die M enschen noch heute Kraft und H offnung schöpfen. D och all diese Ansätze verbleiben im Bereich individueller Lebensgestaltung u nd unterlagen dam it den Zufälligkeiten in der geschicht lichen Entw icklung, und in keinem Fall w urde die M acht der absoluten H err scher ernsthaft in Frage gestellt. N u r den A thenern gelang es die neuen Ideen in die politische Sphäre zu übertragen und dam it gingen sie in die Geschichte ein. D am it dies aber gelingen konnte, brauchte es eine lange Vorgeschichte. D ie G riechen betrieben eine produktive Landwirtschaft. Vor allem aber waren sie H ändler und Seefahrer. Sie befuhren das ganze M ittelm eer vom Schwarzen M eer im O sten bis zur Straße von G ibraltar im W esten. Überall an den Küsten hatten sich griechische K olonisten niedergelassen, besonders an der dem griechischen M utterland gegenüberliegenden W estküste Kleinasiens entstanden bedeutende Städte. H ändler und Seeleute trafen M enschen aus aller H erren Länder. W o viele K ulturen aufeinander trafen, fanden sich auch die unterschiedlichsten religiösen Vorstellungen wieder. W enn G laubensbe kenntnisse, die alle die absolute W ahrheit zu vertreten vorgeben, nebeneinan der erlebt werden, kann m an leicht anfangen an allen zu zweifeln. In der Z eit um 600 v. u. Z. begannen die ersten griechischen Philosophen die überlieferte Religion in Frage zu stellen u nd m it dem M ittel selbstständigen u nd vernunftm äßigen Denkens W elt u nd M ensch aus natürlichen Ursachen zu erklären. N am en wie Thales und A naxim andros aus M ilet, einer bedeuten den griechischen H andelsstadt im Südwesten der heutigen Türkei, stehen für die sogenannten N aturphilosophen. Allen gem einsam war ihre Suche nach einem U rstoff und die A blehnung theologischer Erklärungen. Ihre Theorien 136 sind lediglich in Fragm enten erhalten oder aus W erken späterer Philosophen zu entnehm en, die sich m it deren A rbeiten auseinandergesetzt haben. Jedoch jeder kenn t noch Pythagoras, der m ehrere m athem atische Z usam m enhänge geklärt hat, aus seiner Schulzeit. D en Lehrsatz über die Q uadrate der Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks vergisst m an so leicht nicht. Auch dieser Philosoph lebte u nd lehrte in dieser Zeit. Im Südwesten Italiens südlich von N eapel lag die griechische Kolonie Elea. U nter den dortigen Philosophen zog vor allem Xenophanes gegen Religion, W under- u nd Aberglaube und Seelenwanderungslehre zu Felde und m achte sich über die M enschen lustig, die den G ö ttern m enschliche Eigenschaften und menschliches Verhalten andichteten (vgl. Störig 1, S. 125 ff). Von H eraklit ist der Ausspruch überliefert, „W ir können n ich t zweimal in denselben Fluss steigen“, u nd das berühm te W ort: „Alles fließt, nichts besteht“. H eraklit und andere N aturphilosophen versuchten die treibenden Kräfte und Gesetze h in ter der bunten und unendlichen Zahl der D inge und Vorgänge zu ergründen. Es ist wohl kein Zufall, dass sich der freie philosophische D iskurs zunächst vor allem in den kleinasiatischen und unteritalienischen Kolonien der G rie chen entfaltete u nd weniger im griechischen M utterland. W ährend in A then und den anderen griechischen Stadtstaaten die alten religiösen Traditionen gepflegt w urden, herrschte in den Kolonien ein freieres Klima, das den offenen Diskurs begünstigte. Die M acht der Konservativen bekam Sokrates, der als Lehrer in den Straßen A thens unterwegs war, zu spüren. Er w urde wegen G o tt losigkeit u nd V erführung der Jugend vor G ericht gestellt, zum Tode verurteilt und m usste den G iftbecher trinken — eine A rt der H inrich tung, die damals in A then üblich war. Sokrates, P laton u nd Aristoteles sind leuchtende Sterne am H im m el der Philosophie. Ihre G edanken u nd Systeme, ihre M ethoden u nd Vorgehenswei sen bilden bis heute das Fundam ent der geistigen Auseinandersetzung. Alle drei lebten u nd lehrten in A then; zu ihrer Z eit war die attische D em okratie allerdings schon fest etabliert. Sicherlich lässt sich die Entw icklung der D em okratie in A then n icht u n m it telbar aus philosophischen Vorgaben erklären, aber m it Sicherheit lässt sich sagen, dass es ohne das freie Philosophieren keine D em okratie gegeben hätte. 137 Z unächst waren es soziale Problem e, die erste Schritte h in zu einem dem o kratischen Gem einwesen lenkten. N ach der A bdankung des Königs herrschte in A then wie auch in allen anderen griechischen Stadtstaaten der Adel. D er Areopag, ein Rat aus Adligen, vergab die Ä m ter und übte die Kontrolle über die A m tsführung aus. Im m erhin w urden schon in dieser Z eit wichtige E n t scheidung, vor allem über Krieg und Frieden in der Volksversam mlung abge stim m t. D ie Politik des Adels führte dazu, dass die kleinen Bauern, Landarbeiter, Fischer und H irten stark verarm ten und die A rbeit den Lebensunterhalt n icht m ehr deckte. In der Folge gerieten viele von ihnen in die Schuldknechtschaft; d. h. sie hafteten m it Leib u nd Leben für ihre Schulden und w urden als Skla ven an reiche A thener oder ins Ausland verkauft. D er Streit zwischen Arm u nd Reich schlug hohe W ellen u nd spitzte sich in einem M aße zu, dass der Z usam m enhalt der gesam ten athenischen Gesellschaft in Gefahr geriet. Vor allem war die Verteidigungsfähigkeit n ich t m ehr gewährleistet, denn das H oplitenheer, die Grundlage des athenischen M ilitärs, stützte sich auf die Masse der freien Bauern. „Damals war der Gegensatz zwischen arm u nd reich so groß geworden, dass sich die Stadt in einer höchst kritischen Lage befand und es den Anschein hatte, als könne m an die G ärung im Volk n u r noch überw inden, indem m an eine Tyrannenherrschaft einrichtete u nd die ganze M acht einem einzigen starken M anne übertrug. Das ganze niedere Volk war näm lich den Reichen verschuldet. W er seiner Schulden wegen sich selbst verpfändet hatte, w urde von seinen G läubigern abgeführt und diente fortan entw eder im Lande als Sklave oder w urde in die Fremde verkauft. Viele waren auch genötigt, ihre eigenen K inder zu verkaufen, denn kein Gesetz verbot d a s “ (P lutarch zit. n. Ziegler, S. 61). In dieser kritischen Situation w urde Solon, der in die Konflikte n icht involviert war, vor der M ehrheit der Beteiligten 594/93 v. u. Z . zum A rchonten, d. h. in das höchste A m t gewählt. Er sollte die zerstrittenen Bürger versöhnen. Solons Reform werk zielte weniger au f die Entw icklung einer dem okrati schen O rd n un g als au f den „Abbau überkom m ener Vorrechte alter Adelsfa m ilien zugunsten eines breiteren M itw irkungsrechtes der athenischen Bürger schaft“ (W ikipedia, Attische D em okratie 5.12.13, S. 3). Solon schaffte die Schuldknechtschaft ab u nd ergriff M aßnahm en die Stellung der freien K lein bauern w ieder herzustellen und zu stärken. Insgesamt teilte er die Bevölkerung 138 je nach E inkom m en in vier Klassen, die jeweils unterschiedlichen Z ugang zu den w ählbaren Ä m tern u nd entsprechende Pflichten im M ilitär hatten. D urch die E inrichtung des Volksgerichtes, dessen Geschworene aus allen Klassen der Bevölkerung kam en, schuf er auch in der R echtsprechung ein Gegengewicht zum Areopag, der ausschließlich vom Adel besetzt wurde. N achdem zwischendurch 51 Jahre lang Tyrannen herrschten, stellte Kleisthenes 508 v. u. Z . die D em okratie au f eine neue G rundlage, indem er dem o kratische Strukturen au f — wie wir heute sagen w ürden — kom m unaler Ebene verankerte. Trotz der Kriege gegen die Perser konnte die attische D em okratie stabilisiert u nd erweitert werden. Persien, das größte Reich, das die W elt bis dahin gesehen hatte, erstreckte sich vom Indus bis ans M ittelm eer. Dagegen erschien eine griechische Polis wie A then geradezu lächerlich klein, randständig und unbedeutend. N ach dem die ionischen Städte an der kleinasiatischen Küste insbesondere M ilet einen A ufstand gegen die persische H errschaft begonnen hatten, beschlossen die persischen Könige G riechenland zu unterw erfen und ihrem Reich einzu verleiben. König Dareios leitete um fangreiche V orbereitungen für den Feldzug ein. Alle Provinzen und Städte m ussten Truppen, Kriegsschiffe, Pferde und Getreide stellen. H erodots Beschreibung m acht das A usm aß und den Stellen w ert des bevorstehenden Krieges deutlich: „N un war ganz Asien drei Jahre lang in Bewegung, und alle Tapferen sam m elten und rüsteten sich gegen H el las“ (H erodot V II 1/W ikipedia Perserkriege 28.12.13). D och obwohl die griechischen Stadtstaaten auch un ter sich sehr zerstritten waren u nd sich bei weitem n ich t alle an der Verteidigung gegen die Perser beteiligten, gelang es ihnen un ter der Führung Spartas und A thens die persi schen Streitkräfte aus G riechenland zurückzudrängen. N achdem die A thener 480 v. u. Z. w ährend der Seeschlacht bei Salamis die persische Flotte vernich teten, schlug das vereinte griechische H eer ein Jahr später in der Schlacht bei Plataiai auch das Landheer der Perser. Die Kriege haben der D em okratie n icht nu r n icht geschadet, sie haben zu einer weiteren Vertiefung geführt. D urch das um fangreiche R üstungs program m für die Kriegsflotte, das von dem A rchonten Themistokles forciert wurde, war A then zur größten Seem acht des M ittelm eeres geworden. Für die Schiffe w urden Ruderer gebraucht, die in der Regel aus den unteren Bevöl kerungsklassen kam en. Entsprechend der B edeutung der Kriegsflotte nahm 139 infolgedessen auch der Einfluss der besagten Bevölkerungsklasse zu und die M acht des Adels w urde zurückgedrängt. So w urde die Prüfung über die Füh rung der Amtsgeschäfte durch die H errscher und die allgemeine Aufsicht über die Beam ten dem Areopag entzogen und ging auf den Rat der 500 über, neben der Volksversam mlung dem zentralen O rgan der attischen D em okratie. U nter Perikles erlebte die D em okratie in A then ihre höchste und schönste Blüte. U nter seiner Führung w urde n u n auch der untersten Bevölkerungs schicht der Z ugang zum Rat der 500 eröffnet. Entsprechend w urden für B ür ger, die über wenig E inkom m en verfügten, D iäten eingeführt. Im Losverfah ren w urde entschieden, welcher K andidat für ein Jahr M itglied im Rat wurde. Perikles war in seiner politischen Tätigkeit so überzeugend u nd w urde offen sichtlich von vielen M enschen aus allen Bevölkerungsklassen hoch geschätzt, dass er über 30 Jahre lang die politische Entw icklung A thens gestalten konnte. So w urde er ab 443 v. u. Z . Jahr für Jahr zu einem der zehn Strategen gewählt, dem höchsten m ilitärischen Führungsam t, das durch W ahlen und n ich t durch das Losverfahren besetzt wurde. Im Zuge seiner politischen A rbeit ließ Perikles die Akropolis, die durch die Perser zerstört w orden war, unter der Leitung des berühm ten Bildhauers Phidias neu gestalten. Aus der alten Festung w urde ein Tempelbezirk zu Ehren der S tadtgöttin A thene. N och heute stehen wir staunend vor den R uinen des Parthenons u nd bew undern Ä sthetik u nd Ebenm aß des Tempels der Pallas A thene. M it der N eugestaltung der Akropolis brachte Perikles den neuen A nspruch A thens als führende M acht in G riechenland aufs Trefflichste zum A usdruck (vgl. W ikipedia Attische D em okratie 5.12.13). D ie Basis der attischen D em okratie war die Ekklesia, die Vollversammlung. D en Z ugang erlangten Vollbürger nach der Ableitung des M ilitärdienstes. R und 30 000 bis 40 000 M änner waren dam it stim m berechtigt. 6000 Anwe sende galten als das „Volk in Fülle“, die Versam m lung war dann berechtigt Beschlüsse über alle A ngelegenheiten zu treffen. Im Rat der 500 w urde über Anträge und Tagesordnung für die Vollver sam m lung entschieden. M it seiner Zuständigkeit über die Aufsicht der Beam ten und die Kontrolle der die Beschlüsse ausführenden Ratsm itglieder war der Rat sozusagen das H erz des dem okratischen Gemeinwesens. Alle M itglieder des Rates sowie die täglich wechselnden Vorsitzenden w urden un ter den frei willigen wahlberechtigten K andidaten ausgelost. 140 In den Volksgerichten üb ten Richter, die in einem kom plizierten Verfah ren aus 6000 athenischen Bürgern für jeweils ein Jahr ausgelost w urden, die Rechtsprechung aus. Sie m ussten sich in einem Eid au f die geltenden Gesetze verpflichten, waren aber ansonsten in ihrer Entscheidung völlig unabhängig. Trotz zahlreicher Krisen, wie beispielsweise dem fast drei Jahrzehnte dauernden Krieg (431 bis 404 v. u. Z .) gegen Sparta u nd zeitweiliger U n ter brechung durch eine tyrannische H errschaft hat sich die attische D em okratie über lange Z eit bew ährt. Von den ersten Schritten Solons im Jahre 594 bis zum Jahr 262 v. u. Z ., als A then der neuen m akedonischen Vorm acht unterlag, überdauerten die dem okratischen Institu tionen weit über drei Jahrhunderte und erm öglichten den Bürgern dem okratische M itw irkung u nd die A usübung zahlreicher Ämter. Aus der Sicht unseres heutigen Dem okratieverständnisses muss allerdings festgehalten werden, dass die D em okratie A thens eine eingeschränkte war: Frauen, Sklaven und Fremde hatten kein Recht sich in den dem okratischen Prozess einzubringen. U m 450 v. u. Z . lebten in A ttika ru n d 300 000 E inw oh ner, davon 150 000 Vollbürger m it ihren Familien, 75 000 Sklaven und 75 000 Fremde (Beyer S. 65). W enn m an eine Familie m it zwei K indern zugrunde legt, waren ru n d 35 000 M änner als Vollbürger berechtigt sich zu beteiligen, das sind etwas m ehr als ein Z ehntel der gesam ten Bevölkerung. Für die Beteiligung kam n u r in Frage, wer den Kriegsdienst abgeleistet hat. Dies verweist au f ein weiteres M anko: Die D em okratie innerhalb Athens war auf engste m it der strukturellen U nterw erfung aller anderen M itglieder des attischen Seebundes verbunden, der von A then dom iniert wurde. Schon Perikles selber weist au f diese widersprüchliche Problemlage hin, sieht aber keine M öglichkeit das Problem zu lösen. „D enn die Herrschaft, die ihr übt, ist jetzt schon Tyrannis; sie aufzurichten m ag ungerecht sein, sie aufzugeben, ist gefährlich“ (W ikipedia Attische D em okratie 5.12.13) Was auch im m er m an an Bedenken u nd K ritik vorbringen mag, in der Geschichte der M enschheit ist die attische D em okratie ein leuchtender Stern in absoluter D unkelheit. W eder in der Z eit davor noch lange Z eit danach findet sich Vergleichbares. D urch ihre O ffenheit für die verschiedensten M ei nungen, ihre Bereitschaft den überzeugenden A rgum enten Taten folgen zu lassen und die Bereitschaft auch gegenteiligen M einungen G ehör zu schenken w urde sie zum strahlenden Stern von der Antike bis zur N euzeit. Ihr G lanz ließ 141 Künste u nd Philosophie erstrahlen. D ichter wie Aischylos und Aristophanes, Bildhauer wie Phidias und Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles konn ten sich in seinem Licht entfalten. D ie B edeutung dem okratischer S trukturen sowohl für das politische und soziale Leben wie für künstlerische A ktivität u nd produktives D enken m acht deutlich, was meines Erachtens au f der H an d liegt: D em okratische Strukturen, die au f der Souveränität des Volkes gründen, sind die einzige Form politischer O rganisation, die es erlauben, dass m öglichst viele M enschen ihr universelles Vermögen optim al realisieren können. In Versam m lungen und Ä m tern können viele Individuen eines Gemeinwesens an der G estaltung der politischen und sozialen O rganisation m itw irken. Die O ffenheit der Entscheidungsprozesse erm öglicht den freien M einungsaustausch. Die produktive A tm osphäre ver m ag Künstler in ihrer A rbeit zu inspirieren u nd D enker und Philosophen zu neuen H orizonten zu führen. Es ist keine Frage, dass die D em okratie Athens trotz all ihrer E inschränkungen im Vergleich zu der damals vorherrschenden Staatsform der orientalischen Despotie den M enschen M öglichkeiten bot, die sie sonst nirgends au f der W elt zu V erfügung hatten. Allerdings erlaubte der dem okratische Prozess auch M enschen, die von der m it Ä m tern verbundenen M acht fasziniert waren, ihre A m bitionen auszule ben. Überzeugende Redner, geschickte Strategen und gewiefte Taktiker konn ten den dem okratischen W illensbildungsprozess beeinflussen, steuern oder gar zu ihren G unsten verbiegen. So ist es sicherlich kein Zufall, dass in der atti schen Polis diverse M aßnahm en entwickelt w urden um Ehrgeiz und M ach t streben einzelner Personen in Grenzen zu halten. Die m eisten Ä m ter w urden durch Lose vergeben, au f ein Jahr begrenzt und durften n icht ein zweites Mal durch die gleiche Person besetzt werden. Das A m t des Strategen war wegen seiner m ilitärischen A usrichtung u nd der jährlichen erneuten W ählbarkeit m it hohem Ansehen und großem politischen Einfluss verbunden. D er Stratege musste jedoch Rechenschaft ablegen und konnte bei M isserfolgen oder Eigen m ächtigkeiten vor G ericht gestellt und je nach U m ständen zu Tod oder Ver bannung verurteilt werden. Für besonders hartnäckige Fälle gab es das soge nannte Scherbengericht: Jeder wahlberechtigte A thener konnte den N am en eines Verdächtigen in eine Tonscherbe ritzen. W enn bei einer Teilnahm e von 6000 Bürgern eine M ehrheit zustande kam, musste der Betreffende die Stadt 142 für zehn Jahre verlassen. Vor allem m it der letztgenannten E inrichtung sollte verhindert werden, dass noch einm al ein Tyrann die H errschaft übernahm . Die A thener hatten also verschiedene M aßnahm en in den Prozess der dem okratischen W illensbildung eingebaut um zu verhindern, dass Einzelne zu viel M acht in die H an d bekom m en. Offensichtlich bietet die A usübung von M acht ein breites Spektrum , in dem M enschen ihr universelles Verm ö gen ausleben können. Die Besetzung einflussreicher politischer Ä m ter bringt Ansehen, M itw irkung an politischen Entscheidungen u nd oft auch Zugriff au f wirtschaftliche u nd finanzielle Ressourcen m it sich. Ü berhaupt ist die Betätigung in M achtpositionen scheinbar ohne Grenzen; m ehr an M acht ist im m er m öglich im Vergleich zu anderen Tätigkeitsfeldern wie in Sport, Beruf oder Familie. U nd das ist auch die Lehre, die A then für uns heutige bereit hält. Das M achtstreben einzelner kann nu r von der dem okratischen Gem einschaft begrenzt werden, indem entsprechende Pflöcke im dem okratischen System eingeram m t werden. W enn die Existenz dem okratischer S trukturen für die Realisierung des m enschlichen Vermögens, seiner universellen N atur, so grundlegend sind, w arum w urden sie in der Geschichte der M enschheit so selten verwirklicht? Angesichts der Tatsache, dass es seit der Existenz größerer m enschlicher Gem einschaften tausende von Jahren dauerte bis die ersten dem okratischen Versuche wirklich werden konn ten und dies auch n u r in einem kleinen, rela tiv unbedeutenden Stadtstaat am Rande der damals vorherrschenden großen Zivilisationen, und dass es nochm als m ehr als tausend Jahre dauerte, bis die bürgerlichen Revolutionen das Them a erneut au f die Tagesordnung setzten, stellt sich diese Frage in aller Schärfe. Offensichtlich ist es schwierig dem okratische S trukturen zu etablieren. K önnen gegnerische Kräfte sie verhindern oder lassen andere Interessen oder Bedürfnisse davor zurückschrecken? M it der Diskussion über Sicherheit im Kapitel davor w urde ein Aspekt erörtert. Das Problem, dass M enschen, Fami lien oder Klassen n icht von der M acht lassen können und wollen, die sie sich einm al erobert haben, lässt sich auch heute noch in allen V ariationen beobach ten. Diese Aspekte sind sicher wichtig, scheinen m ir aber n ich t h inreichend die aufgeworfene Frage zu beantw orten. Sie bleibt (vorläufig) offen. Knapp hu nd ert Jahre später nachdem die A thener ihr demokratisches Experim ent begannen, w urden in Rom ähnliche Versuche un ternom m en. Im 143 Jahre 509 v. u. Z . hatten die Röm er genug von ihren Königen und begannen im Rahm en der Röm ischen R epublik ihre Geschicke selbst in die H an d zu nehm en. Das höchste A m t teilten sich zwei K onsuln, die für Rechtsprechung, Finanzen u nd H eeresleitung zuständig waren. Sie w urden von einer Volks versam m lung gewählt, in der allerdings die herrschende Schicht stets eine M ehrheit hatte, da die Stim m en auf der G rundlage von Besitzverhältnissen festgelegt w urden. Das einflussreichste G rem ium war der Senat, dessen M itglieder aus dem höheren Adel kam en, und die in der Regel Senatoren au f Lebenszeit blieben. Er erteilte zwar n u r „Em pfehlungen“ für die A m tsinhaber, aber in der Praxis war sein Einfluss so groß, dass diese um standslos befolgt wurden. D ie Plebejer, wie die A rm en genannt w urden, hatten eine eigene Versam m lung, in der sie ihre Vertreter, die sogenannten V olkstribunen wählten. In A then wie in Rom bestim m ten der Gegensatz von A rm und Reich häu fig die Politik und war M otor für die W eiterentw icklung der dem okratischen Strukturen. Insgesamt waren die Röm er aber weniger konsequent als die Bürger Athens. D er dom inierende Einfluss der großen Adelsfamilien wurde n icht gebrochen; die Röm ische Republik war eine aristokratische Staatsform m it dem okratischen Elem enten (W ikipedia Röm ische Republik 13.1.14). Sie dauerte von 509 bis zum Jahre 27 v. u. Z ., als römische Kaiser die M acht übernahm en. Als originäre Entw icklung der Röm er gilt das römische Recht, in dem vor allem Erwerb, V erkauf u nd Besitz von E igentum geregelt werden. Römisches Recht ist bis heute m ehr oder weniger die G rundlage aller m odernen Rechts systeme. In der marxistischen G eschichtsbetrachtung w ird zwischen der asiatischen u nd der antiken Produktionsweise unterschieden (M E W Bd.13 S. 8/9) Bei genauerem H insehen zeigt sich allerdings, dass beide Gesellschaftstypen au f einer produktiven Landwirtschaft beruhten, wobei einer großen M enge kleiner Bauern die G roßgrundbesitzer gegenüberstanden, die ihr Land in der Regel von Sklaven bewirtschaften ließen. M it der A usnahm e von A then und in eingeschränktem M aße auch Rom herrschten in allen Staaten Könige oder Adelsfamilien. Sie waren alle politische Systeme vom Typ orientalischer D es potie. Selbst die griechischen Stadtstaaten um A then herum m achten in dieser H insicht keine A usnahm e. Das Bemerkenswerte liegt in der Tatsache, dass in 144 A then auf der G rundlage einer Sklavenhaltergesellschaft eine Form der D em o kratie entwickelt wurde. Einen M enschen zur Sklavin oder zum Sklaven zu m achen, ist das Schlim m ste und Abscheulichste was m an ihm an tun kann. Sklaven m üssen die niedrigsten Arbeiten verrichten, ihre Freiheit ist vernichtet und ihre W ürde w ird negiert. Ihr M enschsein w ird zu einem seelenlosen W erkzeug degradiert. Ihre Körper sind ihnen entfrem det, ihr Geist okkupiert, ihre Seele zerrissen. D er Besitzer kann seine Sklaven erniedrigen, dem ütigen, für schmutzige Arbeiten einsetzen, sexuell m issbrauchen, schließlich sogar töten. Es ist ihm freigestellt. Erstaunlicherweise leben Sklaven trotzdem weiter, singen, tanzen und fei ern, lieben und haben Kinder. Sie leisten W iderstand im R ahm en ihrer M ög lichkeiten. Ihre m enschliche Identität, ihr universelles Verm ögen ist unzerstör bar — außer sie werden um gebracht oder töten sich selbst. D enker u nd Philosophen haben zu allen Zeiten A rgum ente gefunden und entwickelt um die N otw endigkeit der Sklaverei zu begründen. Selbst der gro ße Aristoteles hat sich in diesem Sinne geäußert u nd erklärt, dass Sklaven zwar eine Seele hätten, diese aber n ich t voll ausbilden könnten . Deshalb sei es für sie sinnvoll als Sklaven zu dienen. Einen starken Im puls gegen die Sklaverei setzte das frühe C hristentum . Aus den Evangelien spricht eine klare Sprache für die G leichheit aller M en schen, die Sklaven n ich t ausschließt, und die Parteinahm e für Kranke, Arme und U nterdrückte aller Art. In dem von R om besetzten Judäa galten Zöllner, die für die Besatzer die Steuern eintrieben, als höchst verachtenswert. Jesus setzte sich m it einigen von ihnen dem onstrativ zu einem gem einsam en Essen an einen Tisch u nd wies die selbstgefälligen Besserwisser, die Pharisäer, zurück, die sich darüber em pörten, dass Jesus m it „diesem G esindel“ gemeinsam zu Tisch saß (M arkus 2 ,13-17). A uch die Forderung Jesus die Feinde zu lieben, muss für die damaligen M enschen, für die Kriege u nd tätliche Auseinandersetzungen quasi an der Tagesordnung waren, wie eine V erheißung von einem anderen Stern vorge kom m en sein. „Euch, die ihr m ir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tu t denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen u nd betet für alle, die euch schlecht behandeln“ (Lukas 6 , 27-28). 145 Sklaven m ussten die Behandlung als Gleiche un ter Gleichen, die frühe Christen w ährend des A bendm ahls und im U m gang m iteinander praktizierten, wie eine Erlösung erlebt haben. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass das frühe C hristen tum zunächst als Religion der Sklaven eingestuft wurde. Schließlich ist Jesus durch seinen Tod am Kreuz auch den Sklaventod gestorben. Aber schon Paulus m acht klar, wie das m it der G leichheit zu verstehen ist. „Es hat darum nichts m ehr zu sagen, ob einer Jude oder N ichtjude, ob er Sklave oder frei, ob M ann oder Frau. D urch eure V erbindung m it Jesus Christus seid ihr alle zu einem M enschen gew orden“ (Galater 3, 28). Sklaven sind gleich und frei — aber n u r vor Jesus Christus. In ihrem Alltag haben sie gefälligst w eiterhin Sklaven zu sein: „Die Sklaven, die zur G em einde gehören, m üssen ihren H erren m it aller schuldigen A chtung begegnen.“ U nd m it besonderer Perfidie: „W enn ein Sklave einen C hristen zum H errn hat, d arf er ihn deshalb n icht weniger achten, weil er sein Bruder ist. Er m uss ihm sogar noch besser dienen, weil ein Herr, der C hrist ist und sich von G o tt geliebt weiß, ihm ja auch viel G utes tu t“ (T im otheus 6, 1-2). W ährend der Spätantike war im C hristen tum die Frage der Sklaverei heftig um stritten. Viele K irchenväter sprachen sich dafür aus, wenige dagegen, aber viele christliche H erren ließen ihre Sklaven frei. U nter Kaiser K onstantin dem G roßen w urde das Los der Sklaven etwas hum aner: So durften Familien nicht m ehr auseinandergerissen werden, H erren war es verboten Sklavinnen an Kuppler zu verkaufen und widerspenstige Sklaven zu töten. A ußerdem verlieh K onstantin Bischöfen das Recht Sklaven rechtm äßig freizulassen. Etwa seit der Z eit Karls des G roßen durften C hristen andere C hristen nicht m ehr als Sklaven halten, was natürlich bedeutet, dass M uslim e oder A nhänger anderer Religionen sehr wohl versklavt werden durften. Ab der Jahrtausendw ende spielten nördlich der A lpen Sklavenhandel und Sklaverei kaum noch eine Rolle; der H andel verschob sich R ichtung M itte l meer. Vor allem die Kaufleute aus den oberitalienischen Seerepubliken G enua u nd Venedig verkauften Sklaven aus dem Kaukasus nach Südwesteuropa und Ägypten. D urch den Transsaharahandel w urden afrikanische Sklaven in den N ahen O sten verkauft. Dieser H andel w urde fast ausschließlich von orientali schen H ändlern abgewickelt u nd auch durch die Verbreitung des Islam n icht unterbrochen. 146 M it der E ntdeckung Amerikas nahm en Sklaverei und Sklavenhandel ungeahnte Ausm aße an. Für die Plantagenw irtschaft war eine große Zahl von A rbeitskräften nötig, die im D reieckshandel zwischen Afrika, A m erika und Europa herbeigeschafft w urden. Die Sklavenhändler kauften Sklaven an den afrikanischen Küsten u nd verkauften sie an Plantagen- und Bergwerksbesitzer in Amerika, nahm en dort Baumwolle, Zucker oder Kaffee auf, das sie w ieder um in Europa verkauften. Für diese abscheulichen Geschäfte w urden zwischen zehn u nd fünfzehn M illionen A frikaner aus ihrer H eim at verschleppt, unter m enschenunw ürdigen Bedingungen in die Schiffe gepfercht u nd zu den här testen Arbeiten gezwungen. Viele kam en schon w ährend der Sklavenjagd oder w ährend des Transportes zu Tode (W ikipedia Sklavenhandel 24.1.14). Die Abschaffung der Sklaverei erwies sich als schwierig u nd langwierig. N eben aufklärerischen Ideen waren es vor allem evangelische und freie K ir chen, die sich für das Verbot des Sklavenhandels einsetzten. Entsprechend ihrem Verständnis des M enschen als K ind G ottes stuften sie das H alten und Kaufen von Sklaven als Sünde ein. Als erste Sklavenhandelsnation verbot D änem ark ab 1803 den Sklavenhan del über den A tlantik. 1807 folgte das Vereinigte britische Königreich, verbot den Sklavenhandel und bekäm pfte den Sklavenhandel der anderen europäi schen N ationen. Ab 1834 w urden alle Sklaven im britischen Kolonialreich für frei erklärt. In den USA war die Situation längere Z eit sehr unterschiedlich. Die Kolonie Rhode Island erklärte bereits 1652 die Sklaverei für illegal. Die nördlichen Staaten schafften die Sklaverei Schritt für Schritt zwischen 1789 und 1830 allmählich ab (W ikipedia A bolitionism us 29.1.14). N ach der N ie derlage im Bürgerkrieg w urden die Sklaven auch in den Südstaaten befreit. In Frankreich, D eutschland und Portugal entstanden auch katholisch inspirierte Bewegungen gegen diesen inhum anen Gräuel. In H aiti erklärten sich 1799 ehemalige Sklaven als unabhängig und frei und gründeten den Staat H aiti. Als einer der letzten Staaten schaffte Saudi Arabien erst 1968 die Sklaverei offiziell ab. Aus den Schilderungen w ird ersichtlich, dass die christlichen Kirchen bei der Abschaffung der Sklaverei eine zentrale Rolle gespielt haben. Sowohl w äh rend der Z eit im frühen M ittelalter, als sie nördlich der A lpen ausgemerzt wurde, als auch in der N euzeit, nachdem sie durch den B edarf an Arbeits kräften au f dem am erikanischen K ontinen t ungeheure Ausm aße erreicht hatte, 147 standen die C hristen an vorderster Front. A m Bürgerkrieg in den Vereinig ten Staaten w ird deutlich, wie verbissen u nd unerbittlich sich Gegner und Befürworter der Sklaverei gegenüberstanden u nd wie b lutig und brutal die Auseinandersetzungen geführt w urden. Dies illustriert au f drastische A rt und Weise, welche W iderstände C hristen überw inden m ussten um die Sklaverei zurückzudrängen. D och die schlim m sten Gräuel entstanden erst nachdem sie offiziell abge schafft war. In den K onzentrationslagern und Arbeitslagern der N ationalso zialisten m ussten zwischen sieben u nd elf M illionen M enschen schuften, und viele von ihnen überlebten die T ortur nicht. Dies m acht deutlich, wie der zynische Spruch „Arbeit m acht frei“, der über dem Eingang des K onzentra tionslagers Auschwitz steht, gem eint war. Im Archipel G ulag w urden zwischen 1920 u nd 1955 18 bis 20 M illionen M enschen zur A rbeit gezwungen. W ie viele davon an Hunger, Entkräftung oder unbehandelten K rankheiten zugrunde gingen, w ird wohl n ich t so schnell ans Tageslicht kom m en. D ie chinesische Variante der Arbeitslager heiß t Laogai. „Die Laogai Research Foundation schätzt, dass seit 1949 vierzig bis fünfzig M illionen M en schen in den Lagern inhaftiert und zwanzig bis fünfundzwanzig M illionen von ihnen zu Tode gekom m en sind“ (Berl. Z eitung 15./16.2.14). Laogai ist fester Bestandteil der chinesischen W irtschaft, u nd die Profite, die die Arbeitsskla ven erwirtschaften, werden im H aushalt der chinesischen Regierung verbucht. Zwar erklärte die chinesische Regierung 2013 das Zwangsarbeitersystem für abgeschafft, aber überprüfen kann dies niem and. Es gibt heute zwar keine Sklavenhaltergesellschaft mehr, doch die Sklaverei als Geschäftsmodell ist eine Branche m it außerordentlichen Zuw achsraten. In seinem Artikel „Das alte M onster“ (Berl. Z eitung 15./16.2.14) führt Arno W idm an zahlreiche Beispiele an: So werden jedes Jahr weltweit 1,4 M illionen M enschen, überwiegend M ädchen und Frauen, gezwungen als Sexsklavinnen zu arbeiten. Sie werden gekauft, verkauft und weiterverkauft als handele es sich um T-Shirts oder Socken. N ach Q atar u nd andere arabische Em irate werden Arbeiter aus Ländern wie Bangladesch, N epal oder Pakistan über verlockende Versprechungen verm ittelt, die dort unter elenden W ohn- u nd A rbeitsbedingungen als Bau arbeiter oder Hausangestellte schuften müssen. D ie Im m igranten sind völlig 148 der W illkür ihrer jeweiligen H erren ausgeliefert, denn diese haben Pässe und Arbeitspapiere zurückbehalten. W enn sie sich ohne Papiere au f die Straße wagen, werden sie verhaftet u nd abgeschoben. A uch dürfen sie ohne Erlaubnis ihrer Arbeitgeber das Land n ich t verlassen. A uch in Europa werden Sklaven gehalten. Sie werden von Schleppern ins Land gebracht und von K ontraktfirm en als billige Arbeitskräfte in Verschlägen gehalten und nach B edarf an einheim ische Firm en verm ittelt. D ie Pässe w ur den ihnen abgenom m en, eine Arbeitserlaubnis ist n icht vorhanden. Frauen u nd M ädchen werden als Zw angsprostituierte von brutalen Z uhäl tern in zwielichtige Bordelle gezwungen. N ach einem Bericht der In ternationalen A rbeitsorganisation ILO vom M ai 2014 werden weltweit 21 M illionen M änner, Frauen und K inder als Sklaven gehalten u nd erbringen in Bergwerken, Fabriken, Landwirtschaft u nd H aus halt Arbeitsleistungen im W ert von über 50 M illiarden US-Dollar. Die Profite der Sklaventreiber liegen nach Schätzungen bei 150 M illiarden US-Dollar jährlich, wobei die sexuelle A usbeutung m it 100 M illiarden D ollar den ein träglichsten Geschäftszweig darstellt. Im Schnitt verdient ein Z uhälter an einer Zw angsprostituierten ru n d 22000 D ollar pro Jahr (Berl. Z eitung 21.5.14). Von den 21 M illionen in Sklaverei gehaltenen M enschen sind 5,5 M il lionen K inder u nd Jugendliche un ter 18 Jahren. D och K inder m üssen nicht nu r für Fremde schuften. Allein in Indien ackern ru n d 15 M illionen Kinder au f Baum wollfeldern, in Teppichm anufakturen, Ziegelbrennereien, S traßen restaurants oder in der Prostitu tion unter dem D ruck die Schulden ihrer Eltern abzuarbeiten. Im rechtlichen Sinne sind dies keine Sklaven, doch was ihre Lebensverhältnisse angeht, haben diese K inder keine andere W ahl als das Leben eines Sklaven (Berl. Z eitung 6.6.14). Für den Sklavenhalter ist der Einsatz von Sklaven n ich t n u r aus w irtschaft lichen G ründen attraktiv. Indem er über sie absolute M acht ausübt, kann er die Realisierung seiner universellen M öglichkeiten über die M aßen ausleben. Dies m acht die A usübung von M acht so außerordentlich attraktiv. D er E in satz von Sklaven potenziert seine M öglichkeiten um ein Vielfaches. Im Alltag funktioniert dies allerdings nur, w enn er über eine Ideologie verfügt, die den Sklaven n ich t als M enschen, also als seinesgleichen definiert, sondern als tierisch, m inderw ertigen M enschen oder ähnliches. In B. Brechts Volksstück „H err Puntila u nd sein K necht M atti“ erw idert der Gutsbesitzer 149 Puntila, als sein K necht M atti ihm vorwirft, so könne er einen M enschen n icht behandeln: „Was heißt einen M enschen? Bist du ein Mensch? V orhin hast du gesagt, du bist ein Chauffeur“ (Brecht S. 1613/1614). W enn auch ein G uts besitzer als H err über zahlreiche Knechte n ich t dieselbe Herrschaftsform wie ein Sklaventreiber darstellt, der seine U ntergebenen zu Tode schinden kann, so unterscheidet sich ihr G rundproblem lediglich graduell. In beiden Fällen m üs sen sie ihre U ntergebenen als grundsätzlich von sich verschieden ansehen. D er Gutsbesitzer Puntila kann diesen W iderspruch n u r aushalten, indem er sich regelm äßig m it A lkohol zuschüttet. Im Aquavitrausch darf er endlich M ensch sein, der seinen M itm enschen n u r Gutes will, und ihn seinen Alltag, in dem er seine Knechte drangsaliert, vergessen lässt. U m gekehrt lebt der Sklave in dem D ilem m a, die Realisierung seiner M öglichkeiten an den Bedürfnissen seines H errn ausrichten zu müssen. Er ist davon abhängig, ob dieser großzügig m it seinen Sklaven um geht oder klein lich, gewalttätig oder b lutrünstig . Er muss sich verbiegen u nd die W ünsche seines H errn m öglichst von dessen Augen ablesen. Er ist gezwungen die Rea lisierung seines universellen Vermögens m it der seines H errn in E inklang zu bringen. A n erster Stelle stehen dessen Erw artungen. W enn es dem Sklaven gelingt, diesen zu genügen, kann er hoffen auch sein eigenes Leben in den gegebenen Grenzen zu leben. 150 17. Das Mittelalter - Hoffen auf das Jenseits M it dem Begriff des M ittelalters w ird der Z eitraum zwischen dem Ende der Antike u nd dem Beginn der N euzeit benannt. U nter dem A nsturm von ger m anischen, keltischen und slawischen Völkern w ährend der V ölkerwanderung zerbrach im Jahr 476 n. u. Z . das weström ische Reich, und es entstanden zahlreiche neue Königreiche. Das oström ische Reich hielt sich unter dem A n sturm der Türken bis 1453, als K onstantinopel erobert und zum Z en trum des O sm anischen Reiches ausgebaut wurde. Die Differenz von fast tausend Jahren zwischen den beiden Ereignissen m acht es neben weiteren Fakten schwierig von einem einheitlichen Beginn des M ittelalters auszugehen. Von daher beschränkt sich der geografische R aum des M ittelalters im wesentlichen au f W est- und M itteleuropa nach dem Ende der V ölkerwanderung. Das Ende w ird je nach Schw erpunktsetzung m it der Erfindung des Buchdrucks (1450), der E ntdeckung Amerikas (1492) oder dem Beginn der Reform ation (1517) in V erbindung gebracht. Im Ü berblick lässt sich sagen, das M ittelalter dauerte von 500 bis 1500 n. u. Z ., ru n d tausend Jahre. (vgl. W ikipedia M ittelalter vom 14.4.14) Die Grundlage der m ittelalterlichen Gesellschaft war das Lehenswesen. D er König vergab an verdiente M itglieder des Adels (Kron-Vasallen) größere Gebiete zur Bewirtschaftung und A usbeutung. D afür m ussten die Vasallen ihrem König in den Krieg folgen und Reiter, Fußsoldaten, A usrüstung und Verpflegung stellen. Die Kron-Vasallen gaben n u n ihrerseits Teile ihres G ebie tes gegen entsprechende Leistungen an kleine Vasallen weiter. Im Laufe der Zeit w urden die Lehen erblich, u nd es entstand das feudale System, das die m ittelalterliche Gesellschaft strukturierte. A m Fuße der Pyramide stand die Masse der kleinen Bauern, die sich unter den Schutz der kirchlichen und weltlichen G rundherren begaben u nd von ihnen abhängig w urden. Sie m ussten Frondienste u nd Abgaben leisten und unterlagen der Gerichtsbarkeit des G rundherren. Im Zuge der V ölkerwanderung w urden viele Errungenschaften des röm i schen Reiches zerstört, Städte zerfielen, H andel und H andw erk gingen zurück. 151 Die M enschen lebten vom Ertrage ihrer Äcker und den geringen Ü berschüs sen, die sie gegen notw endige D inge für den Alltag tauschen konnten. D er G roßgrundbesitz gewann an B edeutung und viele kleine Bauern w ur den abhängig. H örige Bauern durften zwar bewegliches E igentum aber keinen G rund und Boden besitzen. Sie waren an das Land gebunden, das einem A dli gen oder K irchenfürsten gehörte, u nd w urden bei einem V erkauf des Landes m it diesem verkauft. D ie H örigkeit w urde auch an die K inder vererbt. Hörige Bauern bearbeiteten das Land, m ussten bestim m te Abgaben und Frondienste leisten und konn ten im Gegenzug Schutz und Fürsorge von ihrem G ru n d herren erwarten. Sie unterlagen der sogenannten niederen G erichtsbarkeit, die Folter, schwere Leibstrafen u nd die Todesstrafe ausschloss (W ikipedia H örig keit vom 26.2.14). Allerdings lag die Prügelstrafe allein in der M acht des G utsherren, ohne dass ein G ericht bem üht werden musste. W er die A rbeit n ich t nach dessen A nsprüchen ausführte, konnte jederzeit gezüchtigt werden. H eiraten durften Hörige n u r m it dem Einverständnis des G utsherren und das W egziehen von dem H o f war so gut wie ausgeschlossen. Zwischen Leibeigenschaft und H örig keit gibt es lediglich graduelle U nterschiede u nd w enn von verschiedenen G ruppen von Leibeigenen gesprochen wird, so sind auch in diesem Falle keine wesentlichen Unterschiede in einem insgesamt das ganze Leben betreffenden Abhängigkeitsverhältnis vom G utsherrn zu erkennen. Bei diesem Sachverhalt stellt sich sofort die Frage, ob es überhaupt einen Unterschied m acht, ob ein M ensch Leibeigener oder Sklave ist. Die Leibeigen schaft bedeutet in jedem Fall eine gegenseitige Verpflichtung, die beide Part ner eingehen, w enn auch un ter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. D er Leibeigene galt n ich t wie der Sklave als bloße Sache, sondern hatte bestim m te Rechte. Er konnte in gewissem U m fang E igentum erwerben u nd durfte n icht gegen seinen W illen einem anderen H errn übergeben oder verkauft werden. O hne die U nterschiede bestreiten zu wollen, muss m an doch feststellen, dass die große M ehrheit der Bevölkerung in der frühen m ittelalterlichen Gesellschaft un ter erbärm lichen Verhältnissen leben musste, und die M en schen ihr universelles Verm ögen n u r unter ziemlich eingeschränkten Bedin gungen realisieren konnten . W enn m an Geschichte un ter der Frage nach der fortschreitenden Em anzi pation der M enschen von niederdrückenden Herrschaftsverhältnissen betrach 152 tet, kom m t m an n ich t um hin festzustellen, dass der Fortschritt sich in T ippel schritten und m it der G eschwindigkeit einer Schnecke bewegt. Das m ittelalterliche W eltbild war dom iniert durch das C hristentum . Die christliche Religion war das Fundam ent für W issenschaft und Literatur, Kunst und Kultur. Die herausragenden Bauwerke waren Kirchen, D om e und K athe dralen. Die Kirchensprache Latein war die gemeinsam e Sprache der G ebilde ten. W ie war es möglich, dass das C hristen tum eine derart dom inierende Stel lung einnehm en konnte? N och im röm ischen Reich gab es zahlreiche Religionen, die wie beispiels weise orientalische Kulte weit verbreitet waren. D och all diese Religionen hatten sich aus regionalen u nd oder nationalen Besonderheiten entwickelt und waren m it den verschiedensten Riten, Gesetzen u nd Vorschriften für die Lebensführung verbunden, die M enschen aus anderen Kulturkreisen eher abstießen. N u r das C hristen tum war offen für die m ultikulturelle Bevölke rung des röm ischen Reiches. D enn Jesus hatte als M ittler zwischen G o tt und den M enschen alle Sünden au f sich genom m en und sie dam it ein für alle mal gesühnt. D adurch waren weitere O pfer n ich t m ehr notw endig u nd weitere O pferzerem onien hatten sich erübrigt (vgl. Tokarew S.649 ff.). Es blieben das A bendm ahl als Feier des gem einsam en M ahls von Jesus m it seinen Jüngern und die Taufe als rituelle Reinigung und Zeichen für den Beginn des christli chen Lebens. Typisch für diese Auseinandersetzung ist die Frage, inwieweit die frühen C hristen jüdische Gesetze und R iten zu beachten hätten. Paulus lehnt dies entschieden ab m it dem Hinweis, dass C hristen durch die Taufe K inder G ottes seien und Jesus sie von dem Fluch des Gesetzes, also der Befolgung jüdischer Vorschriften über die Lebensführung, erlöst habe (vgl. Brief an die Galater 3 und 4). Ausschlaggebend für den Erfolg der christlichen Religion scheint m ir aller dings deren Jenseitsvorstellung zu sein. W er ein gottesfürchtiges Leben führt, sich an die grundlegenden G ebote hält u nd die Regeln der Kirche befolgt, hat dem nach gute C hancen sein ewiges Leben m it der Lobpreisung Gottes im H im m elreich zu verbringen. D em gegenüber sahen die alten Ägypter im Jenseits eher die Fortsetzung des irdischen Lebens. Deshalb musste der Kör per durch M um ifizierung erhalten u nd durch reichliche Grabbeigaben dafür gesorgt werden, dass das gewohnte Leben im Jenseits fortgesetzt werden konn 153 te (Tokarew S.412). Reiche und Vornehm e konnten auch dort ihre luxuriösen G ärten und H äuser genießen u nd sich von ihrer zahlreichen D ienerschaft ver w öhnen lassen. Dagegen hatten kleine Bauern und Sklaven, d. h. die große M ehrheit der Bevölkerung, die sich die teure M um ifizierung, ein G rab oder gar umfangreiche Grabbeigaben n ich t leisten konnte, ganz schlechte Karten. Ihre Leichen w urden irgendwo im Sand verscharrt u nd das W eiterleben nach dem Tod war aufgrund der dürftigen A usgangsbedingungen n ich t gesichert. W enn es ihnen trotzdem gelang an dem Totenrichter Osiris und dem seelen fressenden Knochenbrecher vorbeizukom m en, konn ten sie allenfalls hoffen das gleiche elende Leben zu führen, das sie schon im Diesseits hatten. W enn auch die Jenseitsvorstellungen für die M ehrheit der Bevölkerung im alten Ägypten, für die Bauern, kleinen H andw erkern u nd Sklaven n icht unbedingt attraktiv waren, so waren die alten Ägypter erstaunlicherweise doch gläubige M enschen, die au f eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits hofften. Die H offnung ist eine außerordentliche M acht, die W idrigkeiten und W idersprü che zu — w enn auch unangenehm en Kleinigkeiten — schrum pfen lassen kann. Für G riechen und Röm er war das Leben im Jenseits eine eher trostlose Angelegenheit. D er Hades war ein öder und finsterer O rt, in dem die Schatten der Toten um her geisterten ohne jemals Trost zu finden. O b Adliger, Krieger oder Bauer — aus der Tristesse des Hades gab es kein E ntkom m en (vgl. Tokarew S.519). G anz anders das C hristentum : W er in seinem G lauben ganz au f Jesus setzt, der werde au f ewig die H errlichkeit G ottes anschauen. Jesus spricht besonders die Arm en, K ranken und von M ühsal G eplagten an und verweist darauf, dass G o tt ihnen ihre Lasten abnehm e. Dagegen gilt R eichtum eher als H indernis für den W eg ins H im m elreich. Als Jesus einm al von einem einflussreichen M ann gefragt wird, was er tu n müsse, um das ewige Leben zu bekom m en, antw ortet Jesus: „Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, und verteil das G eld an die A rm en, so wirst du bei G o tt einen unverlierbaren R eichtum haben. U nd dann geh m it m ir“ (Lukas 18,22). Als der M ann das hörte, wurde er traurig, denn offensichtlich wollte er seinen R eichtum n ich t aufgeben. U nd Jesus fährt fort zu den U m stehenden zu reden: „Eher kom m t ein Kamel durch ein N adelöhr als ein Reicher in G ottes neue W elt“. Bei dem Geist, der aus den Evangelien und dem H andeln der frühen C hristen spricht, ist es n ich t verwunderlich, dass sich zunächst vor allem Skla 154 ven und Arm e angesprochen fühlten. Schien es für sie doch schon von ihrem sozialen Status her ein Leichtes den G lauben an Jesus zu übernehm en u nd au f ein besseres Leben im Jenseits zu hoffen. Ein Sklave konnte realistischer weise kaum erwarten, dass sich sein Leben im Diesseits grundlegend ändern würde. Umso m ehr Gew icht w ird er au f die H offnung setzen, dass nach dem elenden ein strahlendes Leben folgt. Die H offnung au f ein jubilierendes Zusam m ensein vor G o tt muss für ver sklavte und arme M enschen geradezu verführerisch gewesen sein. W enn im Diesseits die Realisierung eines selbstbestim m ten Lebens aussichtslos bleibt, w ird das universelle Verm ögen M enschen dazu bewegen ihr Heil außerhalb des realen Lebens zu suchen. Sie werden versuchen ihr G lück in der Im agi nation , der Phantasie zu finden und zu leben. Sei es im gem einsam en M ahl, Lied oder Tanz. Das frühe C hristen tum m achte ein Angebot, das offensicht lich viele attraktiv fanden. Sklaven und Arm e erlebten sich im gem einsam en M ahl als Gleiche u nd konn ten hoffen, dieses einzigartige Erlebnis im Jenseits in vollem U m fang zu leben. Das M ittelalter w ird auch als religiöses Zeitalter charakterisiert. Das bedeu tet das Alltagsleben w ird in w eiten Teilen von Erw artungen und H offnungen bestim m t, die dem Jenseits zugeschrieben w urden. D em Jam m ertal au f Erden entsprang die H offnung au f ewiges G lück im H im m el. Dieser Z ustand musste ewig währen, denn nur dies entsprach dem Z ukunftshorizont um universelles Verm ögen wirklich werden zu lassen. M it der Ü bernahm e des C hristentum s durch K onstantin den G roßen im Jahr 391 u nd durch den M erow ingerkönig C lodw ig I. um 500 w urde das C hristen tum zunächst im O ström ischen Reich und dann auch unter den Franken in M ittel- und W esteuropa zur Staatsreligion. D adurch veränderte sich das C hristen tum grundlegend. N u n war es plötzlich opportun C hrist zu sein, u nd die Z ahl der G em eindem itglieder stieg stark an. Jetzt kam en ver m ehrt M enschen aus den M ittelschichten u nd der herrschenden Klasse. Der G edanke der A rm ut w urde in den H in terg rund gedrängt u nd das gemeinsame Erlebnis der G leichheit verstärkt ins Jenseits verlegt. Das C hristen tum selber entwickelte staatsähnliche Form en, indem Bischö fe n u n die grundlegende Entw icklung bestim m ten u nd sich über die Lehre von der apostolischen K ontinu ität legitim ierten, nach der Jesus seinen Auftrag über die Apostel an die Bischöfe übergeben habe (Tokarew S.652). 155 Viele w ollten diese Entw icklung n ich t h innehm en u nd gründeten G egen bewegungen, die an die alten Ideale anknüpfen sollten. Sie alle w urden von der nun offiziellen Kirche als Ketzer gebrandm arkt und gnadenlos bekäm pft. Die einflussreichsten waren w ährend des frühen C hristentum s die Bewegung der A rianer und später K atharer u nd W aldenser (vgl. Tokarew S.652 ff.). A uch andere fühlten sich von der n un m ächtig gewordenen Kirche und der sündigen W elt im allgemeinen abgestoßen, zogen sich in die Einsam keit zurück und w idm eten sich ganz ihrem G ott. D ie ersten M önchsgem einschaf ten entstanden in der W üste Ägyptens nahe Theben. N ach und nach w urden in den m eisten christlichen Ländern Klöster gegründet. Im Jahr 529 schuf Benedikt von N ursia den Benediktinerorden, indem er Regeln für das Z usam m enleben der M önche verfasste, die für alle nachfolgenden O rden beispiel gebend w urden. D och von Anfang an waren die Klöster n icht n u r Rückzugsorte für ein geistiges Leben m it G ott, sondern auch Z entren für handw erkliche u nd land wirtschaftliche Entw icklung. In den K losterbibliotheken w urden Bücher und Schriften studiert, gesamm elt und vervielfältigt. D ie M önche sorgten dafür, dass W issen aus der A ntike bew ahrt u nd weitergegeben wurde. D ie Klöster im M ittelalter waren die kulturellen Z entren ihrer Zeit für M ittel- u nd W esteuropa, die K ulturträger schlechthin. Das abendländische W issen und die Kulturen Europas waren h in ter K losterm auern versammelt. D ie Klöster führten eigene landwirtschaftliche und handw erkliche Betriebe, entw ickelten neue Verfahren in Landbau, Pflanzenzucht u nd T ierhaltung und gaben ihre Erkenntnisse an die Landbevölkerung weiter. Sie sorgten für die m edizinische Betreuung der M enschen durch den A nbau von H eilkräutern u nd die praktische A nw endung des gesam m elten W issens über die H eilung der damals verbreiteten Krankheiten. G rundlegende K ulturtechniken wie Lesen und Schreiben konnten praktisch n u r in Klosterschulen erlernt und weitergehende Studien m ussten in der K losterbibliothek absolviert werden. M it der Entw icklung zur Staatsreligion ging auch eine M ilitarisierung des C hristentum s einher. So w urde die neue Religion n ich t nu r durch M issionare, sondern durch Feuer und Schwert verbreitet. Als bekanntes Beispiel sei hier der Krieg Karls des G roßen, König der Franken, gegen die Sachsen erwähnt: In einem nahezu dreißig Jahre dauernden, blutigen und grausam en Krieg, der von 727 bis 804 dauerte, w urden die Sachsen, die n ich t von ihrer Freiheit 156 lassen wollten, von Karl unterw orfen, zwangsweise christianisiert und ihr Ter rito rium seinem Reich einverleibt. Ü berhaupt führte Karl der G roße w ährend seiner Regentschaft nahezu ständig Kriege gegen seine N achbarn , wobei sich m achtpolitische u nd religiöse M otive aufs trefflichste ergänzten. A n W eihnachten des Jahres 800 w urde Karl von Papst Leo III. in Rom zum Kaiser gekrönt u nd dam it Schutzherr des Papstes, des Kirchenstaates und der gesamten C hristenheit. In diesem Wechselspiel von staatlicher M acht und christlicher Ü berzeugung gelang es Karl au f der G rundlage der lateinischen Sprache und Schriftkultur und des antiken Erbes eine kulturelle S truktur M itteleuropas zu form en, die den kulturellen N iedergang in der Folge der V ölkerw anderung um kehren konnte, u nd die sich noch heute auswirkt. Sie hat die G rundlage für die Entw icklung eines einheitlichen K ulturraum es in M itteleuropa gelegt (vgl. W ikipedia Karl der G roße vom 5.3.2014). Entspre chend legte Karl größten W ert au f Bildung und förderte die E rrichtung von Klosterschulen und w eiterbildende Studienm öglichkeiten für begabte Schüler. Im Ü brigen hatte das C hristen tum in diesem R aum noch so viel revolutio näre Potenz, dass es das Verbot der Sklaverei für C hristen durchsetzen konnte, obwohl das H alten von Sklaven im restlichen Teil der W elt gang und gäbe war. Dass deshalb M uslim e und andere „H eiden“ im m er noch als Sklaven gehalten und verkauft werden durften, schm älert diesen ersten w ichtigen Schritt kei neswegs. D em gegenüber w urde die Leibeigenschaft, die als Herrschafts- und U nter drückungssystem au f die Sklaverei folgte, von den C hristen als gottgewollt betrachtet. Sie w urde als Folge des Sündenfalls von A dam und Eva bzw. des Bruderm ordes an Kain betrachtet. U nfreiheit und Knechtschaft waren von G o tt gesandte Strafen, die m an geduldig auf sich zu nehm en hatte. Som it war die Rebellion gegen die Leibeigenschaft ein Aufbegehren gegen G o tt und galt als schwere Sünde. Es w ird oft gefragt, ob es für die Betroffenen einen U nterschied m acht, Sklave oder Leibeigener zu sein. A uch w enn m an kleine Fortschritte zugesteht, so gilt es doch festzuhalten, dass der größere Teil der Bevölkerung unter Bedin gungen leben musste, die seine Freiheitsrechte auf ein M in im um zurechtstutz te. A uch hier blieb in den m eisten Fällen nur, den Blick gen H im m el zu rich ten und zu hoffen, dass die elenden Verhältnisse nach dem diesseitigen Leben ein Ende haben w ürden. D abei ist hier n ich t vorrangig Elend im H inblick 157 au f die soziale S ituation gem eint, sondern die E inschränkung der Realisierung m enschlicher M öglichkeiten im Ganzen. U m die Jahrtausendw ende schien die Kirche au f dem H öhepunk t ihrer M achtentfaltung: Im sogenannten Investiturstreit, bei dem es um das Recht ging Bischöfe einzusetzen, konnte sich die Kirche erfolgreich behaupten. A uf der iberischen H albinsel war die Rückeroberung der von den M auren besetzten Gebiete durch christliche Könige in vollem Gange. Im Zuge der fortschreitenden C hristianisierung entstanden in N ordeuropa und O steuropa neue christliche Königreiche wie England, N orw egen oder Polen. Zwischen 1096 u nd 1270 forderten und organisierten die Päpste zahlrei che Kreuzzüge um das heilige Land und insbesondere Jerusalem zu befreien. In einem heiligen Krieg, der die friedliebende Intension des Evangeliums und der frühen C hristen in sein Gegenteil verkehrte, sollten die G eburtsstätten des C hristentum s befreit w erden (vgl. Le G off S.131 ff.). Es ist w ohl kein Zufall, dass die einzige erfolgreiche E roberung Jerusalems in einem Blutbad an den dort lebenden M uslim en endete. Ebenso wenig m ag es ein Zufall sein, dass die nun vorherrschende kriegerische O rien tierung m it gewaltsamen Übergriffen, Pogrom en und M assenm orden gegen die Juden einhergingen, die bis dahin relativ sicher im Europa des frühen M ittelalters gelebt hatten. Logischerweise m ussten die H enker des H eilands, die ungläubigen Juden, zunächst im eige nen Land ausgerottet werden. Schließlich richteten die Päpste die kriegerische Aggression gegen die Christen selbst. N eue christliche Laienbewegungen wie die Katharer oder W al denser, die von den M ächtigen der Kirche als Ketzer eingestuft w urden, galt es unschädlich zu m achen. Papst Innozenz III. verurteilte in seinem 1199 ver fassten D ekret Häresie als schlim mstes Verbrechen, der M ajestätsbeleidigung vergleichbar. H äretiker w urde exkom m uniziert, ihre G üter eingezogen und in Z usam m enarbeit m it der weltlichen M acht dem Feuer übergeben. Selbstver ständlich w urde von der „Heiligen Inquisition“ auch Folter eingesetzt, so dass unzählige M enschen schon un ter diesen barbarischen M aßnahm en starben, bevor sie ihrer eigentlichen Strafe, dem Tod au f dem Scheiterhaufen, zugeführt werden konnten . Es scheint, als ob die M ächtigen der Kirche, die sich selbst im m er m ehr M acht angeeignet hatten, ahnten, dass die Kraft der Überzeugung, die das frü 158 he C hristen tum trug, dahingeschw unden war, und sie sich gezwungen sahen au f nackte Gewalt und G rausam keit zu setzen. N achdem durch die W irren der V ölkerw anderung das städtische Leben nahezu gänzlich zum Erliegen gekom m en war, setzte nach der Jahrtausend wende eine Entw icklung ein, in deren Verlauf zahlreiche Städte entstanden. A uf der Grundlage einer zunehm end produktiveren Landwirtschaft wuchs die Bevölkerung außerordentlich. H andw erk und H andel b lühten auf. D urch die Kreuzzüge angestoßen entwickelte sich der Fernhandel zwischen dem N ahen O sten und Europa, der von den italienischen Stadtstaaten allen voran Venedig betrieben wurde. Vor diesem H in terg rund w urden in M itteleuropa zahlreiche Städte gegrün det. U m das Jahr 1030 w urde Speyer als großer S traßenm arkt angelegt und gilt als früheste im M ittelalter gegründete Stadt in D eutschland. N achdem Herzog Konrad von Zähringen 1118 Freiburg im Breisgau gründete u nd der S tadt das M arktrecht u nd eine weitgehende Selbstverwaltung zusprach, wirkte dies wie eine Initialzündung. In den folgenden 200 bis 300 Jahren w urden die meisten Städte gegründet, die wir heute in M itteleuropa kennen. Es zeigte sich, dass durch die G ründung einer Stadt sowohl der Landesherr wie die S tadt selber profitierte. D urch den zugestandenen Freiraum, in dem die Bürger viele wirtschaftliche, soziale und politische Belange in eigener Regie regeln konnten , b lüh ten die Städte auf, wuchsen und w urden reich. Entspre chend m ussten sie Steuern an ihren Landesherrn abführen und w urden so zu einer unverzichtbaren E innahm equelle für den Adel (vgl. W ikipedia G rü n dungsstadt vom 18.3.14). G rundlage der m ittelalterlichen Stadt war der M arkt. W ährend des W ochenm arktes trafen sich die reisenden H ändler, die ansässigen H andw erker und die Bauern aus der U m gebung und boten ihre W aren an. D ie Städte w urden zwar durch die um liegenden G üter m it Lebensm ittel versorgt, den noch war die T rennung zwischen Stadt u nd Land sehr m arkant. Dies wurde n ich t n u r am Erscheinungsbild durch die hohen Stadtm auern deutlich, durch deren Tore M enschen, Tiere und W aren in die Stadt fanden, sondern auch in ihrem Selbstverständnis: Städter waren gebildet und frei, die Bauern niedrig und tölpelhaft (Le Gofl^ S. 140). Die rechtlichen Säulen der m ittelalterlichen Stadt waren der städtische Frieden u nd die städtische Freiheit. D er städtische Frieden war eine wichtige 159 Voraussetzung für die geordnete D urchführung der M ärkte u nd war die zent rale Aufgabe des Stadtrates. A uch w enn der Verstoß gegen diese Regelung bei einer Streiterei gering war, w urde dies als Bruch des Bürgereides verstanden u nd streng bestraft. Das Rechtsprinzip der städtischen Freiheit bedeutete, dass der Städter n icht wie der Leibeigene von einem H errn abhängig war, sondern seine Angelegen heiten u nd Geschäfte in eigener Entscheidung regeln, seinen Besitz m ehren u nd die G ew inne nach eigenem Ermessen verwenden konnte. A ußerdem umfasste es die G leichheit der Bürger vor dem Gesetz. U nter gewissen U m stän den konn ten Leibeigene in der Stadt das volle Bürgerrecht oder zum indest die Befreiung von der Leibeigenschaft erlangen; daher auch der Spruch „Stadtluft m acht frei“ (W ikipedia Stadt vom 18.3.14). D ie politische Führung oblag dem Rat der Stadt u nd seinen Beamten. Er w urde aus den vornehm sten Familien des Patriziats rekrutiert, das w iederum aus den einflussreichen Fernhändlern u nd den städtischen G roßgrundbesit zern bestand. Die H andw erksm eister hatten in der Regel das Bürgerrecht und waren entsprechend ihren Berufen in Z ünften organisiert. Diese konnten zwar ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln, hatten aber au f die politischen Pro zesse u nd Entscheidungen des Rates eher wenig Einfluss. Es gab einige wenige Zünfte, die auch Frauen akzeptierten, wie G arnm acher oder Seidenweber, aber im allgemeinen w urden Frauen eher aus dem H andw erk verdrängt. Gesellen, Lehrlinge u nd Knechte besaßen n icht das volle Bürgerrecht. D ie m ittelalterlichen Städte waren aber n icht n u r das Terrain der Kaufleute u nd Handwerker, sondern auch O rte für Schulen und Universitäten. W aren bis dahin vor allem die Klöster m it ihren B ibliotheken die alleinigen Schulu nd Bildungsstätten, so übernahm en n u n nach und nach die Städte die Auf gabe den N achw uchs zu bilden. B erühm t w urden die großen Universitäten wie diejenige in Paris, die ihre Privilegien von Papst u nd König vor dem Jahr 1200 zugesprochen bekam . Etwas später folgten Bologna, O xford, Cam bridge u nd viele andere (vgl. Le G off S.166 ff.). D ie Städte selber hatten bei weitem n icht die G röße wie w ir sie heute von Städten kennen. In der Regel hatten die m ittelalterlichen Städte zwischen zehn- und zwanzigtausend Einwohner, London, G enua u nd G enf zählten über fünfzigtausend. Die größten Städte waren Florenz und Venedig m it hu nd ert tausend M enschen u nd Paris m it ru n d zw eihunderttausend (Le Goff S.142). 160 In dem M aße wie die Städte aufblühten, durch H andel u nd H andw erk reich oder durch K ultur- und Bildungseinrichtungen berühm t w urden, ver suchten die Stadtherren ihre Städte aus m ilitärischen oder w irtschaftlichen M otiven un ter ihre Kontrolle zu bringen. Die Städte standen som it in stän diger Gegnerschaft zu weltlichen und geistlichen Fürsten, zu Adligen und Bischöfen. Die Bürger waren im m er wieder gezwungen ihre Freiheiten m it Z ähnen und Klauen zu verteidigen. Diese K onstellation schweißte die Bürger zusam m en und verlieh der europäischen Stadt im Vergleich zu anderen Städ ten ihren besonderen Charakter. Die Entw icklung der m ittelalterlichen Stadt verlief som it „insgesamt intensiver, vielfältiger, revolutionärer und, w enn m an es so nennen darf, dem okratischer“ als in allen anderen Städten (Lopez R. zitiert nach Le G off S.151). W enn m an in Rechnung stellt, dass die politischen Entscheidungen im wesentlichen von einer kleinen Schicht reicher Kaufleute getroffen w urden, denen eine im m er größer werdende Zahl von H andw erkern, Gesellen, Lehr lingen u nd K nechten gegenüberstand, so kann m an sich schon fragen, w orin die dem okratische S truk tur dieser Städte bestanden haben soll. M eines Erachtens besteht die dem okratische Potenz dieser Gem einwesen vielm ehr in der M öglichkeit, dass Kaufleute und in geringerem U m fang auch H andw erker im Rahm en ihrer Z ünfte ihre A ngelegenheiten selbstbestim m t regeln konnten . Im R ahm en dieser M öglichkeiten konn ten die M enschen nach eigenen Vorstellungen wirtschaften, ihren Besitz vergrößern (oder auch verlieren) und auf dieser Basis ihr Leben gestalten. W ir haben hier den K ern gehalt u nd A usgangspunkt dessen vor uns, was m an die Freiheit des Individu ums nennt. In den S trukturen der m ittelalterlichen Stadt konn ten die M enschen ihre individuellen Freiheiten entdecken, pflegen u nd ausbauen. Völlig frem d konn ten sie ihnen n ich t sein, denn sie gehören als Realisierungsraum ihrer universellen M öglichkeiten zu ihnen wie das Ei zum H uhn. Aus der konkre ten historischen Situation betrachtet scheint diese Entw icklung zu einem Frei heitsraum des Individuum s folgerichtig und quasi naturnotw endig . Sieht m an sie aber vor dem Gesam t m enschlicher Geschichte, so kann m an geradezu von einem Glücksfall der m enschlichen Entw icklung sprechen — vergleichbar m it der Genese der athenischen Dem okratie. 161 Im weiteren Verlauf des M ittelalters gewannen die Städte und m it ihnen Bürger und Kaufleute im m er m ehr an Bedeutung. Kriege, M ongoleneinfäl le ab 1241 oder Epidem ien konn ten diese Entw icklung zwar brem sen oder zurückwerfen, aber in ihrer D ynam ik schritt sie unaufhaltsam voran. Beson ders die Pestepidemie ab dem Jahr 1347 w ütete in den darauf folgenden Jahren vor allem in den d icht besiedelten Städten Europas und raffte zwischen einem D rittel u nd der H älfte der europäischen Bevölkerung dahin. Aber auch diese Katastrophe überstanden die Städte u nd w urden m ächtiger denn je. Als Beispiel m ag die Augsburger Handelsfam ilie der Fugger dienen, die um 1500 zu den bedeutendsten Kaufleuten und Bankiers in Europa auf stiegen. D urch den Baum wollhandel, den A bbau von Silber und Kupfer und ausgedehnte Bankgeschäfte entstand eine europaweit agierende Dynastie. Die U nterstü tzung des Hauses H absburg und die Finanzierung des Aufstiegs König Karls zum röm isch-deutschen König u nd schließlich zum Kaiser Karl V. verschaffte Jakob Fugger große E inw irkungsm öglichkeiten au f die europawei te Politik der Habsburger. 162 18. E ineneueZeit-Fre iheitdes Individuums U nter dem Begriffen H um anism us und Renaissance entstand ab 1300 eine neue Vorstellung des M enschen. W ährend der M ensch des M ittelalters sein Leben auf das Jenseits u nd die E rw artung des H im m elreichs orientierte, rückt n u n der M ensch selbst in seinem diesseitigen Leben in den V ordergrund. Das Ideal ist ein „eigenverantwortlicher, schöpferischer u nd vielseitig gebildeter M ensch, der sich unabhängig vom kirchlichen D ogm en in freier Selbstbe stim m ung entw ickelt“ (W ikipedia Universalm ensch 5.5.14). Dies bedeutet keineswegs, dass Religion vollständig abgelehnt wurde, vielm ehr sollten die kirchlichen D ogm en einer kritischen W ürdigung unterzogen werden. D urch die O rien tierung an antiken Sprachen, röm ischer u nd griechischer Philosophie und die V erbindung von W issen u nd Tugend erhoffte sich die hum anistische Bildung eine optim ale Entfaltung aller Potentiale einer Persön lichkeit. Ü berhaupt w urde in der A nknüpfung an griechische und römische Bildungskonzepte u nd in der beispielgebenden O rien tierung an klassischen V orbildern der beste W eg gesehen eine vielseitig ausgeprägte Persönlichkeit zu entwickeln. In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten breitete sich das neue D enken an den Universitäten aus u nd w urde führend in Philosophie, Kunst und A rchitektur. D er Universalgelehrte Leonardo da V inci, der in Kunst, M edizin und Naturw issenschaften hohe M aßstäbe setzte, gilt als einer der berühm testen Vertreter dieses neuen M enschen. Befeuert durch neue E rfindungen wie den B uchdruck oder das Schießpul ver u nd die E ntdeckung neuer Erdteile, die eine G lobalisierung nie gekannten Ausmaßes einleitete, verbreitete sich das neue D enken über ganz Europa und w urde von den Europäern in die W elt getragen. Als M artin Luther m it dem Anschlag seiner Thesen an der Schlosskirche in W ittenberg die Reform ation auslöste u nd dam it der katholischen Kirche, die tief in die diesseitigen M achtklüngel verstrickt war, ihre A utorität absprach, war die neue Auffassung des M enschen auch in der religiösen Sphäre ange 163 kom m en. D am it hatte die Auseinandersetzung um das neue D enken die gesamte Gesellschaft erfasst. A uf der G rundlage des neuen Bildes vom M enschen als selbstständig den kende und schöpferisch arbeitende Persönlichkeit erblühten die N aturw issen schaften und erbrachten unaufhörlich neue Erkenntnisse. D urch Beobachtung u nd Experim ent w urden m athem atische und physikalische Gesetzm äßigkei ten entdeckt und bald darauf auch genutzt um technische H ilfsm ittel herzu stellen. Die bedeutendste N euerung bestand in der Entw icklung einer b rauch baren D am pfm aschine, die James W att um 1769 konstru iert hatte. M it dieser M aschine war es zum ersten M al m öglich m enschliche und tierische Kraft in einem größeren A usm aß zu ersetzen. Die Industrielle Revolution nahm ihren L auf und au f ihrer G rundlage dom inierte Europa über m ehrere Jahrhunderte die gesamte W elt. W ie war dies möglich? W ie war es möglich, dass Europa eine so heraus ragende Stellung einnehm en und die übrige W elt beherrschen konnte? U m das Jahr 1500, das im allgemeinen als Beginn der N euzeit angesetzt wird, war Europa allenfalls ein kulturelles M achtzentrum un ter anderen. In der Auseinandersetzung m it der m uslim ischen W elt schien Europa eher den Kürzeren zu ziehen. Zwar hatten die katholischen Könige Ferdinand und Isabella gerade erst die M auren von der iberischen H albinsel vertrieben, aber im O sten Europas eroberten die T ürken 1453 K onstantinopel und versetzten die christliche W elt in Schockstarre. U nd die A usdehnung des Osm anischen Reiches ging weiter: Die osm anischen Sultane eroberten G riechenland, einen großen Teil des Balkans u nd waren über m ehr als hundert Jahre eine ständige B edrohung für W ien. Bald beherrschten die osm anischen Truppen das gesam te östliche M ittelm eer, eroberten den N ahen O sten bis Ägypten u nd konnten so den G ew ürzhandel zwischen Südostasien und Europa unterbinden. Schließlich entwickelte das osmanische O berkom m ando eine gewaltige Flotte m it großen Galeeren und vielen kleineren Booten, die Angriffe zu Land un terstü tzten u nd im gesam ten M ittelm eer vor allem italienische und spani sche H äfen bedrohten u nd plünderten . M it den Janitscharen, die un ter christ lichen Jungen au f dem Balkan angeworben w urden, besaßen die türkischen Sultane eine gu t ausgebildete u nd hoch m otivierte E litetruppe. Ihre Armee war m it dem besten Belagerungsgerät und den effektivsten K anonen ausgerüs tet, die in der damaligen Z eit zu Verfügung standen. 164 Aber das Osm anische Reich besaß n icht n u r eine sehr effektive M ilitärm a schinerie. D urch die einheitliche Staatsreligion, eine gemeinsame Sprache und ein hohes technologisches u nd kulturelles N iveau war ein Staatsgebiet größer als das Röm ische Reich entstanden (vgl. K ennedy S. 37 ff). In vielen W issen schaften, vor allem M athem atik, M edizin u nd A stronom ie waren M uslime führend u nd in zahlreichen landw irtschaftlichen u nd technischen Bereichen entwickelten sie neue Verfahren, die teilweise noch heute Bestand haben. Die islamischen Städte waren großzügig angelegt, m it S traßenbeleuchtung ver sehen und m it Abwassersystemen ausgestattet. Einige besaßen Universitäten und große Bibliotheken. Die Baum eister übertrafen sich in der E rrichtung erlesener M oscheen. D er Einfluss des Propheten beschränkte sich jedoch n icht au f das O sm anische Reich. In Persien entwickelte sich un ter der Safawiden-Dynastie ein m achtvoller Staat m it hoher kultureller Blüte. Entlang der Seidenstraße etab lierten sich, nachdem das große m ongolische Reich zerfallen war, bedeutende islamische Khanate und im W esten Afrikas entstanden zahlreiche Staaten, die ebenfalls im Zuge des m uslim ischen Vorstoßes entstanden waren. Schließlich überrannten islamische Eroberer große Teile Indiens u nd errichteten ab1526 das Reich der M oguln, die über die große Masse der Bauern, die m ehrheitlich dem H induism us anhingen, herrschten und sie erbarm ungslos auspressten. D och nachdem sich die muslim ische G em einde in Schiiten u nd Sunniten aufgespalten hatte und diese Spaltung sich politisch manifestierte, indem die safawidischen H errscher in Persien u nd den um gebenden G ebieten den schiitischen Islam als Staatsreligion durchsetzten, war die D ynam ik der m uslim i schen Expansion gebrochen. Persien u nd das Osm anische Reich standen sich n u n in ständiger Auseinandersetzungen und Kriegen gegenüber, und Sultan und geistliche Führer sahen den einzigen Ausweg darin die schiitische D iaspo ra durch gewalttätige U nterdrückung klein zu halten. Diese Auseinandersetzung führte durchgängig zu einem rigiden Konserva tism us in allen gesellschaftlichen Bereichen. H ändler und U nternehm er w ur den drangsaliert, m it unberechenbaren Steuern belegt oder völlig enteignet. D er H andel versandete und die Städte verarm ten. D ie Bauern litten unter m arodierenden Soldaten, die ihre Ernte u nd ihr V ieh raubten. Freies D enken war höchst verdächtig. „Die Druckerpresse w urde verboten, weil sie zur Ver breitung gefährlicher M einungen beitragen könn te“ (Kennedy S.41). 165 Ein weiterer K andidat für eine führende Rolle in der W elt war C hina. Vor der M oderne war C h ina so weit von Europa entfernt, dass n u r wenige Rei sende C h ina erreichten u nd aus persönlichen Erfahrungen berichten konnten . N ach den Erzählungen musste es sich um eine außerordentlich hoch entw i ckelte Zivilisation gehandelt haben. C h ina ist das bevölkerungsreichste Land der Erde und schon im 15. Jahr hundert war die Anzahl der M enschen rund doppelt so hoch wie im damaligen Europa. C h ina war und ist seit m ehr als zweitausend Jahre sprachlich, politisch wie kulturell im Vergleich zu allen anderen kulturellen Z entren ein durchweg einheitliches Gebilde (vgl. D iam ond A rm u nd Reich S.398 ff). D ie M enschen verfügten über eine hoch produktive Landwirtschaft m it fruchtbaren Böden in den Ebenen der großen Flüsse wie Gelber Fluss und Jangtsekiang, die durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem gebändigt w urden. Eine konfuzianisch gebil dete Elite sorgte für eine einheitliche u nd effektive Verwaltung des riesigen Reiches. Es waren große Städte m it ausgedehntem H andel untereinander en tstan den, der durch das ausgegebene Papiergeld zusätzlichen Schub erhielt. U m 1100 w urde in N ordchina schon m ehr Eisen als in England zu Beginn der Industriellen Revolution siebenhundert Jahre später produziert. Etwa zur glei chen Z eit w urde m it beweglichen Lettern gedruckt und es entstanden riesige Bibliotheken. M it großen D schunken segelten chinesische H ändler entlang der Küste bis Indien u nd den pazifischen Inseln u nd m achten glänzende Geschäfte. M it der kaiserlichen M arine verfügten die Kaiser der M ing-D ynastie, die 1368 die M ongolen endgültig besiegt hatten, über 1300 Kampfschiffe, schw im m ende Festungen u nd hunderte weitere Segelschiffe. Zwischen 1405 u nd 1433 un ternahm A dm iral C heng H o sieben ausgedehnte Kriegszüge zur See, die ihn bis zum R oten M eer und nach Sansibar führten (vgl. Kennedy S. 32 ff). D och die letzte Expedition sollte auch die letzte bleiben, denn 1436 verbot ein kaiserliches E dikt den Bau von hochseetüchtigen Schiffen. C hina zog sich au f sich selbst zurück, und die alles entscheidende Bürokratie verbot expansi ve Kriegszüge u nd alle A ußenhandelsaktivitäten. D ie M andarine betrachteten die K riegsführung generell als m inderw ertige Tätigkeit und der H andel der Kaufleute war ihnen äußerst suspekt, so dass diese in ihren Geschäften oft ein 166 geschränkt und beh indert w urden. Generell besaßen die chinesischen Städte nie die gleichen Freiheiten wie die Städte des europäischen M ittelalters und dem entsprechend konnte sich auch kein selbstbewusstes, au f eigenen Besitz gründendes B ürgertum entwickeln. N eben diversen anderen G ründen war daher „der reine Konservatismus der konfuzianischen Bürokratie der H au p t grund des chinesischen Rückzuges“ (Kennedy S. 35). U nd diese Entscheidung w urde auch um standslos umgesetzt, da es keine andere gesellschaftliche M acht gab, die sie hätte verhindern können. U m 1500 gab es noch weitere kulturelle Z entren wie Japan oder Russ land, doch die beiden beschriebenen Beispiele m ögen genügen, um zu ver deutlichen, dass es keineswegs ausgem acht war, dass es Europa war, das sich anschickte die W elt zu erobern. W arum also Europa, und w arum n ich t C hina oder die muslim ische Welt? Schon in der B etrachtung der m ittelalterlichen Städte Europas hatte sich gezeigt, welche Kraft und D ynam ik sich aus der Position des selbstständig agierenden Bürgers und seiner politischen O rganisationen entfaltete. Die Bürgerschaft, die sich im Laufe des späten M ittelalters in den europäischen Städten entfaltete, hatte über Jahrhunderte Gelegenheit sich zu erproben, ihre M öglichkeiten auszutesten und sich ihrer selbst zu vergewissern. Sie brachte jene selbstbewussten u nd n ich t selten auch größenw ahnsinnigen Charaktere hervor, die in den folgenden Jahrhunderten die w irtschaftliche und politische Entw icklung vorantrieben. N atürlich versuchten auch in Europa die M ächtigen des M ittelalters, die Fürsten, Könige u nd Kaiser die Kaufleute und deren Aktivitäten zu kontro l lieren und die G ew inne für sich zu reklamieren. D och Europa war sowohl geografisch und klim atisch sehr unterschiedlich gegliedert und noch m ehr politisch in die verschiedensten Gebiete unterteilt. D ie politische Karte Europas ähnelte einem Flickenteppich, dessen M uster sich ständig änderte. Es war n ich t m öglich ein ganz Europa umfassendes Herrschaftssystem , wie es in C h ina selbstverständlich war, zu etablieren. Zwar gab es im m er wieder Versuche, die aber in der Regel den jeweiligen H errscher n icht überlebten wie unter Karl dem G roßen, oder in einem Fiasko endeten wie un ter N apoleon oder Hitler. Kein Staat oder Stadtstaat konnte danach streben seine Einfluss sphäre zu erweitern, ohne dass ein N achbar oder andere Staaten au f den Plan traten um dies zu verhindern oder sich m it anderen N achbarn zu verbünden. 167 M it dem Prinzip des Balance o f Power hat die Politik G roßbritanniens diesen Sachverhalt zum außenpolitischen G rundsatz erhoben: Kein anderes Land auf dem K ontinen t durfte so stark werden, dass es die Sicherheit G roßbritanniens bedrohen konnte, u nd deshalb waren die jeweils schwächeren Staaten die natürlichen Bündnispartner. W enn n un also ein M ächtiger die Spielräume der Kaufleute u nd H an d werker zu sehr einengte, zogen diese weiter, nahm en Kenntnisse und Kapital m it und der Landesherr musste zusehen, wie sich die Handelswege aus seinem Einflussbereich verlagerten, seine E innahm en schmolzen u nd seine K redit w ürdigkeit dahinschw and. H ändler, H andw erker und Bankiers standen im Z en trum der Gesellschaft und m ussten n ich t wie in anderen Gesellschaften m isstrauisch beäugt am Rande leben. Das W achstum des H andels, das A ufblühen der Städte und M ärkte k o nn te von keinem der politisch M ächtigen w irklich kontro lliert werden u nd im Laufe der Z eit gingen alle europäischen Regime „eine sym biotische Beziehung m it der M arktw irtschaft ein“(Kennedy S.53), gaben ihr einen verlässlichen R ahm en und ein entsprechendes Rechtssystem u nd erhielten über angemesse ne Steuern A nteil am wachsenden Profit des Handels. D ie scharfe K onkurrenz zwischen den europäischen Staaten und das Bem ü hen gegenüber den N achbarn n ich t ins H intertreffen zu geraten, führte dazu, dass m ehr oder weniger alle Staaten danach trachteten die w irtschaftliche und technologische Entw icklung voranzutreiben und durch N euerungen einen Vorteil zu erlangen. So entwickelten die N ordeuropäer die N ordseekoggen, die m it m ehreren M asten und H eckruder ausgestattet waren und große Lasten tragen konnten . Sie waren zwar n ich t so elegant wie die osm anischen Schiffe, die das M ittelm eer befuhren, waren aber gut m anövrierfähig u nd konnten eher U nw etter u nd Sturm trotzen. Die Kabeljaufischerei vor N eufundland, die n icht n u r eine zunächst unerschöpfliche N ahrungsquelle erschloss, sondern auch neue H orizonte nach W esten eröffnete, u nd die W al- u nd Seehundsjagd, die wertvolle Rohstoffe erbrachte, gaben weitere Im pulse die Schifffahrt vor anzutreiben. Ü berhaupt trugen die langen Küsten und die vielen schiffbaren Flüsse in Europa dazu bei den H andel anzukurbeln, denn auf dem Wasser konn ten die W aren in größeren M engen u nd kostengünstiger transportiert werden als au f dem Landweg. So entstand seit dem späten M ittelalter ein flo rierender Seehandel zwischen der Ostsee, der Nordsee, dem M ittelm eer und 168 dem Schwarzen Meer. Die w ichtigsten Akteure waren die Kaufleute der Hanse und der oberitalienischen Städte. D urch K auf und V erkauf der W aren über den gesam ten K ontinent entw ickelten sich die Geldgeschäfte und Geldwechs ler, Kreditgeber u nd Bankiers gewannen an Einfluss und M acht. Die hässliche Seite der K onkurrenzsituation un ter den europäischen Staaten soll n icht unterschlagen werden. M an kann zwar n ich t so weit gehen und sagen, dass in Europa ständig Krieg herrschte, kom m t aber n ich t um hin festzustellen, dass fast im m er an irgendeinem O rt in Europa gekäm pft und H äuser n iedergebrannt w urden. M an denke nur an den H undertjährigen Krieg (1339 bis1453), der über unglaubliche hu nd ert Jahre dauerte oder den D reißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), bei dem A rm een aus halb Europa über ein D rittel der Bevölkerung au f deutschem Boden massakrierten, vergewaltig ten und niederbrannten , was n ich t gestohlen oder geplündert werden konnte. In einer Kolum ne lässt G ötz Aly den A lthistoriker Friedrich O ertel zu W ort kom m en, der die Zerstörungsw ut u nd den dam it verbundenen Selbsthass der D eutschen w ährend des zweiten W eltkrieges m it den N achw irkungen des D reißigjährigen Krieges erklärt und die fehlende Souveränität au f die aus den Erlebnissen dieser Z eit resultierenden Kriegstraum ata zurückführt (Berliner Z eitung vom 8.5.12). M it ihren im perialistischen Raubzügen und im Zuge der Kolonialisierung trugen die Europäer Krieg, U nterdrückung und V ölkerm ord in die ganze Welt. In den beiden W eltkriegen schließlich verw andelten europäische M ächte die W elt in einen Hexenkessel von Blut u nd Tränen. Erst als m it den atom aren Waffen die völlige V ernichtung drohte, schien so etwa wie V ernunft einzukeh ren u nd die M enschen, Politiker wie Bürger kam en in Europa zu dem Schluss, dass Frieden doch die bessere Alternative zu sein schien. M it den Kriegen entwickelten sich auch die W affentechniken u nd die K onkurrenz un ter den europäischen Staaten führte dazu, dass sich die Rüs tungsspirale im m er enger drehte. M it der Verw endung von Schießpulver, der Entw icklung von m ächtigen K anonen und dem Einsatz von A rm brustschüt zen begann eine neue Ära, die das Zeitalter der R itter beendete. Die K anonen w urden im m er weiter verbessert, es entstanden K anonen aus Bronze u nd ver schiedenen Eisenlegierungen, so dass sich die Artillerie zu einer der zentralen W affengattungen entwickelte. Schließlich w urde die N utzung des Pulvers auch au f die leichten Waffen übertragen und bald waren die einfachen Soldaten 169 m it M usketen ausgerüstet. Es ist w ohl kein Zufall, dass sich in den N otizen von Leonardo da Vinci, dem berühm testen aller Künstler, auch Entw ürfe der verschiedensten Waffen finden. M ehr noch als an Land veränderte der Einsatz von K anonen die Kriegsfüh rung zur See (vgl. K ennedy S.59 ff). D ie w ettertauglichen kräftigen Dreim aster eigneten sich gut um mittschiffs au f beiden Seiten eine Reihe von K anonen zu installieren. D am it waren sie den leichten D haus der arabischen Flotte und den chinesischen D schunken weit überlegen. M it dieser Bewaffnung konnten sich die Europäer den W eg freischießen, die Handelswege au f den O zeanen kontrollieren und alle M ächte, die sich ihnen in den W eg stellten, einschüch tern. Sicherlich war der scharfe wirtschaftliche und militärische W ettbewerb zwischen den europäischen Staaten, das stete Suchen nach einem Vorteil für die weitere Entw icklung eine wichtige Voraussetzung für das „Europäische W under“ (Kennedy S.48). D och konkurrierende M achtzentren gab es auch in anderen K ulturen, ohne dass eine ähnliche Entw icklung wie in Europa ein gesetzt hätte. D er zentrale U nterschied zu allen anderen Regionen liegt m eines Erach tens in der Entw icklung der individuellen Freiheit, die w ährend der Blüte des M ittelalters von den Bürgern der Städte, den Kaufleuten u nd H andw erkern erkäm pft wurde. Diese grundlegende gesellschaftliche S truk tur brachte M än ner hervor wie H einrich den Seefahrer, C hristoph K olum bus oder Vasco da Gam a, die sich m it ihren M annschaften in die großen A benteuer weltweiter Entdeckungen stürzten und gegen die W eite der See, unbekannte Landschaf ten, feindliches Klim a oder grim m ige Feinde ankäm pften. Schließlich war es auch der W agem ut und U nternehm ergeist der Kaufleute, die diese Expeditio nen finanzierten und ausrüsteten. H öchstw ahrscheinlich sind auch die B rutalität und G rausam keit, m it der die europäischen Eroberer den Völkern Asiens, Afrikas, Amerikas u nd A ust raliens begegneten, ein Ausfluss dieser charakterlichen Struktur. Schließlich besaßen sie n ich t n u r die besseren Waffen, sondern waren in ihrem Selbstver ständnis auch die Auserwählten, die alle anderen M enschen aus A rm ut und Aberglaube zu erlösen hatten. W ar die Entw icklung des Europäischen W unders Glück, Zufall, historische Notwendigkeit? Fest steht, dass um 1500 verschiedene kulturelle Z entren von 170 ihrem w irtschaftlichen und m ilitärischen Standard her in der Lage gewesen wären eine weltweite Führungsrolle einzunehm en. Fest steht aber auch, dass in keiner anderen W eltregion eine Entw icklung zur individuellen Freiheit wie in den m ittelalterlichen Städten Europas stattgefunden hat. D ie Europäer übernahm en weltweit die Führungsrolle — m it allen hellen u nd dunklen Sei ten- alle anderen Regionen stagnierten. Angesichts dieser Tatsachen b in ich versucht zu sagen: Es war ein welthistorischer Glücksfall. Ä hnlich dem der attischen D em okratie. Individuelle Freiheit ist eine G rundbedingung der m enschlichen N atur. W ar sie bis dahin m ehr den zufälligen Bedingungen der individuellen Situa tion oder in einem gewissen M aße den M ächtigen vorbehalten, w urde sie n un zu einer m ächtigen Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung. Z um ersten M al nach vielen dunklen Jahrhunderten seit der E ntstehung der Städte und der großen Reiche w urde ein Funke entzündet, der die W elt in einem neuen Licht erstrahlen ließ. Die Bürger der m ittelalterlichen Städte, allen voran die Kaufleute gaben die Blaupause ab für die sich n u n entwickelnde individuelle Freiheit. Auch w enn diese bürgerliche Freiheit schon m it ihrem Beginn in sich zwiespältig war, genau wie die Existenz des Kaufm annes selbst, der einm al als Bourgeois agiert und sein Vermögen verm ehren will u nd dann als C itoyen für das W ohl der städtischen G em einschaft verantw ortlich ist, was bekanntlich m eist n icht einfach unter einen H u t zu bringen ist, so hat doch diese Entw icklung die W elt in einer bis dahin nie da gewesenen Weise verändert. M it Entw icklung der individuellen Freiheit entsteht ein völlig neuer Raum für die Realisierung der universellen M öglichkeit aller M enschen. Dieser Rahm en ist für das Leben der M enschen existentiell und unverzichtbar. Auch w enn dieser Raum für viele M enschen in vielen Teilen der W elt nur rud i m entär vorhanden ist, auch w enn er in langen Phasen der Geschichte n u r in Ansätzen oder gar n u r in der Im agination realisiert werden konnte, so laufen doch alle H offnungen, alle Kämpfe u nd Aufstände im Kern darauf hinaus den Traum von der individuellen Freiheit Realität w erden zu lassen. Im folgenden soll es n un darum gehen, wichtige E tappen dieser Entw ick lung zu identifizieren. A usgangspunkt waren, wie bereits beschrieben, die Freiheiten, die sich die Bürger der m ittelalterlichen Städte über Jahrhunderte gegen ihre adligen H erren erkäm pft hatten. 171 M itte des 13. Jahrhunderts trat eine Familie ins Ram penlicht der Geschich te, deren Einfluss die folgenden Jahrhunderte prägen sollte: die M edici. D urch den Textilhandel war die aus dem ländlichen Adel um Florenz stam m ende Familie reich geworden. Sie gründete eine Bank, entwickelte ein m odernes Finanzsystem u nd dom inierte bald den gesam ten europäischen H andel (W ikipedia M edici 7 .6 .14). D urch geschicktes Taktieren zwischen dem toskanischen Adel und den Forderungen des Volkes und m it Hilfe besonderer Beziehungen zu den Päpsten stieg die Familie zu einer der einflussreichsten D ynastien über m ehrere Jahrhunderte auf. Sie stellte zwei französische K öniginnen, über m ehrere Jahrhunderte die S tadtherren von Florenz u nd die Großherzöge der Toskana. Vor allem aber taten sich die M edici durch die Förderung von Kunst, A rchi tektur u nd W issenschaft hervor. Künstler und Gelehrte wie M ichelangelo und Leonardo da Vinci, deren N am en für künstlerische und wissenschaftliche Leis tungen stehen, die noch in heutiger Zeit Bew underung hervorrufen, w urden von den M edici beauftragt und gefördert. In diesem Prozess entwickelte sich das neue Bild vom M enschen, der selbstbewusst und kritisch sein Leben in eigener Regie gestaltet u nd sich n ich t von der Religion vorschreiben lässt, wie er sein Leben zu führen hat. Dabei waren die M edici n ich t nu r die Förderer, sondern sie selbst gaben quasi das Vor-Bild des M enschen ab, der sein Leben in die eigene H an d genom m en hat. Als Beispiel für das neue Verhältnis von Religion und hum anistischer W elt anschauung m ag das Gem älde die Heiligen D rei Könige bei der A nbetung von Sandro Botticelli gelten, au f dem die M edici m it ihrem Gefolge als die Könige dargestellt sind. Die M edici verkörperten den neuen Geist, die Freiheit des Individuum s, und förderten ihn m it aller M acht, so dass er in K unst und W issenschaft Fuß fassen u nd sich ausbreiten konnte. D ie Kehrseite von unerm esslichem R eichtum und großer M acht waren rücksichtsloses M achtstreben, Gier u nd Intrige un ter den einzelnen M itglieder der Dynastie. Selbst vor M ord schreckten sie n ich t zurück. Es ist w ohl kein Zufall, dass in diesem Zusam m enhang das berühm t-berüchtig te W erk „Der Fürst“ von N iccolo Machiavelli entstanden ist, in dem zwar vom Schutz der Freiheit die Rede ist, aber die H errschaft des Fürsten prinzipiell n icht angezweifelt wird. Von dem okratischen Verhältnissen ist allenfalls am Rande die Rede. Im G roßen und G anzen geht es um H errschaftstechniken und vor allem 172 um die Frage, wie der Fürst M acht u nd H errschaft m öglichst effektiv erobern und halten kann. N eu ist in jedem Fall die D iskussion staatlicher u nd politi scher Grundsätze ohne au f theologische Erw ägungen zurückzugreifen. Im Ü berblick lässt sich feststellen, dass vor allem die Familienm itglieder der M edici individuelle Freiheiten auskosten konnten , w ährend die M ehrzahl der Bürger, H andw erker u nd Künstler von dem leben m ussten, was vom Tisch der M ächtigen herunterfiel. Im Jahr 1215 w urde M agna C harta L ibertatum unterzeichnet, in der grundlegende politische Rechte des englischen Adels gegenüber dem König garantiert w urden. Vor allem w urde die persönliche Freiheit u nd der persönli che Besitz der Adligen un ter Schutz gestellt. Ausschlaggebend war der Gedanke, dass Gerechtigkeit n u r au f der G rundlage geschriebener Gesetze beruhen kann, die auch der König zu befolgen hat. Im Artikel 46 heiß t die zentrale Aus sage: „Kein freier M ann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner G üter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden, noch werden w ir ihm etwas zufügen oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von Seinesgleichen oder durch das Landgesetz“ (Die W elt 4 .6 .12). Steuer erhöhungen durften n u r noch von einer Reichsversam mlung, dem Parlament, vorgenom m en werden, w odurch G rundlagen für die G ew altenteilung und das Budgetrecht des Parlam ents gelegt w urden. Selbstverständlich hat König Johann dieser V ereinbarung nur m it zusam m engebissenen Z ähnen u nd unter dem D ruck der dam aligen Verhältnisse zugestim m t. Auch w enn er die Verein barungen im m er wieder hin tertrieben hat, haben sie sich doch im Laufe der folgenden Jahre durchgesetzt und begründeten m odernes Verfassungsrecht. Gegen die absolutistische H errschaft der englischen Könige aus dem Haus Stuart hat das Parlam ent m ehr als zwei Jahrhunderte später die Petition of Right durchgesetzt, in der das Recht au f Steuerbewilligung durch das Parla m en t vom König anerkannt wurde. Als der König die V ereinbarung brach, kam es zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf Karl I. Im Jahr 1649 hingerichtet wurde. In der G lorious Revolution berief das Parlam ent W ilhelm von O ranien zum englischen König, nachdem dieser die Rechte des Parlam ents au f Gesetz gebung u nd Steuerbewilligung anerkannt hatte. England entwickelte sich zu einer parlam entarischen M onarchie. In den Jahren 1291 bis 1315 gründeten au f dem G ebiet der heutigen Schweiz die drei W aldstätten Uri, Schwyz u nd U nterw alden die Eidgenos 173 senschaft u nd erkäm pften sich die U nabhängigkeit vom Heiligen Röm ischen Reich. Die V olksabstim m ung als Instrum ent der direkten D em okratie ist noch heute ein zentrales E lem ent des politischen Systems der Schweiz; sie entw i ckelte sich aus der damaligen alten Eidgenossenschaft. Inzwischen werden in den m eisten Staaten Europas V olksabstim m ungen durchgeführt. D er polnisch-litauische Staat, der sich über das heutige Polen, Litauen, L ettland und W eißrussland, sowie Teile des heutigen Russlands, Estlands, M ol dawiens, Rum äniens und der Ukraine erstreckte, war eine Adelsrepublik m it einem von A ristokraten in freier W ahl gewählten König (W ikipedia Polen-Li tauen 17.6.14). D a in diesem Staatswesen n ich t nur ein buntes Völkergemisch, sondern auch die verschiedensten Religionen nebeneinander lebten, war es für den Erhalt dieses Reiches nahezu unum gänglich den M enschen die freie A usübung der Religion zu ermögliche. So beschloss die K onföderation von W arschau am 28.Januar 1573 den Angehörigen aller G laubensbekenntnissen die volle Religionsfreiheit zu gewähren. D er Begriff der polnischen Freiheit w urde zu einem geflügelten W ort, das vieles versprach, wovon im restlichen Europa n u r geträum t werden konnte. W ie attraktiv diese Ideen waren, zeigt sich an der Reaktion der preußischen Könige, die befürchteten die eigenen U ntertanen könn ten vom polnischen Freiheitsbazillus angesteckt werden, und deshalb das freiheitliche System als polnische U nordnung u nd liederliche po l nische Freiheit diffam ierten (Berliner Z eitung 28./29 .1 .12). Als M artin Luther im April 1521 w ährend des W orm ser Reichstags vor dem gerade gekürten Kaiser Karl V. die W orte sprach: „ ... ich kann und will n ichts w iderrufen, weil es gefährlich und unm öglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tu n “, war dies n ich t n u r ein m utiger Schritt, der Luther hätte das Leben kosten können. Vor allem war es A usdruck der Tatsache, dass auch in der katholischen Kirche das neue D enken vom M enschen virulent geworden war. V erm utlich sind den katholischen W ürdenträgern und dem Kaiser ob der Frechheit des kleinen M önchs die K innladen nach un ten geklappt, doch die M enschen nahm en seinen A ufruf über die Freiheit eines C hristenm enschen beim W ort. Vor allem die Bauern ergriffen die Gelegenheit u nd forderten die Besei tigung der Leibeigenschaft. U nter Berufung au f das Evangelium verlangten sie in zwölf A rtikeln weitergehende dem okratische und soziale Rechte. Die Aufstände breiteten sich von schweizerischen, schwäbischen und badischen 174 Bauern bis T hüringen und Sachsen wie ein F lächenbrand aus. Z unächst ver suchte Luther zwischen den aufständischen Bauern und den Fürsten zu ver m itteln . Als aber bei der E roberung einer Burg ein G raf und seine Begleiter getötet w urden, schlug er sich au f die Seite der Fürsten, verdam m te in seiner Schrift „W ider die m örderischen R otten der Bauern“ die Aufstände als W erk des Teufels u nd forderte die Fürsten au f die Bauernheere m it Gewalt n ieder zuschlagen. D araufhin zogen die Fürsten ihre Heere zusam m en und schlugen die m ilitärisch unerfahrenen und oft n u r m it Sense und Dreschflegel ausgerüs teten Bauernsoldaten in blutigen Käm pfen nieder. Z ehntausende Bauern ver loren ihr Leben. D araufhin sollte es in D eutschland über 300 Jahre dauern bis die Leibeigenschaft und über 400 Jahre bis die M onarchie abgeschafft werden konnte (W ikipedia M artin Luther 23.6.14). Die n u n folgenden Auseinandersetzungen verliefen vor allem zwischen den Fürsten u nd dem Kaiser. N achdem sich der evangelische G laube schnell in D eutschland und N ordeuropa ausgebreitet hatte, nu tzten die Fürsten die neue Situation um ihre M acht gegenüber dem Kaiser zu stärken. Logischer weise bedeutete dies, dass der Fürst das Recht hatte die Religion zu wählen, die ihm politisch in den Kram passte — und die U ntertanen hatten ihm zu folgen. Im Augsburger Religionsfrieden w ährend des Reichstags in Augsburg im Jahr 1555 w urde offiziell beschlossen, dass Fürsten und Reichsstädte ihre Konfession frei wählen konnten , die U ntertanen hatten sich anzuschließen oder m ussten auswandern. Freie Religionsausübung sieht anders aus. D och die Reaktion der katholischen Kirche u nd der noch verbliebenen katholischen Fürsten ließ n icht lange au f sich w arten. Bald standen sich die protestantische U nion u nd die katholische Liga bis an die Zähne gegenüber, und ein kleiner Funke genügte um 1618 den D reißigjährigen Krieg auszulö sen. Was als Religionskrieg begann, führte zum M ach tkam pf zwischen Kaiser, Fürsten und Städten und bald tum m elten sich alle europäischen Könige und Fürsten von B edeutung au f dem deutschen Schlachtfeld. A m Ende w urde nur noch geraubt und geplündert, so dass D eutschland verwüstet am Boden lag und m ehr als zwei D rittel der 18 M illionen Einw ohner to t zurückblieben: geschändet, gefoltert und verhungert. 175 In seinem G edicht „Tränen des Vaterlandes“ führt uns Andreas Gryphius das G rauen vor Augen, wie m an es kaum deutlicher in W orte fassen kann: Andreas Gryphius Tränen des Vaterlandes Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun H at aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret. Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret. Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret. Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, D aß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen. 1636 D er Dreißigjährige Krieg war ein so grausames Lehrstück über die M ach t politik der H errschenden, dass es eigentlich für die nächsten paar hundert Jahre hätte reichen m üssen um alle Finger von den Waffen zu lassen. Er war ein Traum a für die deutsche Bevölkerung, das noch bis heute A uswirkungen in der psychischen Verfasstheit der M enschen zeigt (vgl. Berliner Z eitung 8.5.12). U nd es war ein blutiges Lehrstück über die N otw endigkeit religiöser Toleranz gegenüber Andersgläubigen. U nd dann kam das Jahr 1789. Das absolutistische Königshaus hatte die Staatsfinanzen ruiniert. D er Adel blockierte alle Reform vorhaben. Die B rot 176 preise stiegen aufgrund einer M issernte so krass, dass ein städtischer H andw er ker etwa die H älfte seines E inkom m ens allein für die Brotversorgung ausgeben m usste. Für die Bauern, die ru n d 80 Prozent der Bevölkerung ausm achten und die unter der willkürlichen Besteuerung litten, war die S ituation noch prekärer. M arie A ntionettes Ausspruch „wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen“, m acht schlaglichtartig deutlich, wie verzweifelt die Lage der Bauern und wie ignorant das V erhalten des Königshauses war. Angesichts der drängenden Problem e und der h inhaltenden Blockade politik des Adels erklärte die Versam m lung des dritten Standes, dass sie über 96 Prozent der Franzosen repräsentiere u nd von daher die alleinige Entschei dungsbefugnis habe. Die Vertreter von Adel u nd Klerus sollten sich anschlie ßen. König Ludwig XVI. stim m te diesem Ergebnis zunächst — w enn auch zögerlich - zu, ließ aber gleichzeitig Truppen nach Paris verlegen (W ikipedia Franz. Revolution 27.6.14) Dies heizte die S tim m ung zusätzlich an u nd die Bürger begannen n u n ihrerseits sich zu bewaffnen. Eine Bürgermiliz wurde gegründet, königliche Waffenlager geplündert und am 14. Juli 1789 w urde die Bastille gestürm t um dort weitere Waffen in die H an d zu bekom m en. N ach einer blutigen Auseinandersetzung zog der König seine Truppen zurück u nd stellte die N ationalversam m lung un ter seinen Schutz. Im August 1789 beseitigte die N ationalversam m lung alle Privilegien des Adels und schaff te dam it quasi über N ach t das Ancien Regime m itsam t Feudalsystem und H errschaft der Aristokratie ab. Ebenfalls im August w urde die Erklärung der M enschen- u nd Bürgerrechte verabschiedet, die m it der Feststellung beginnt: „Von ihrer G eburt an sind u nd bleiben die M enschen frei und an Rechten einander gleich“ (W ikipedia Franz. Revolution). In 17 A rtikeln w erden un ter anderem das Recht au f Freiheit, E igentum , Sicherheit u nd das Recht au f W iderstand gegen U nterdrückung garantiert. In Artikel 11 w ird die freie Ä ußerung von G edanken und M einungen als eines der kostbarsten M enschenrechte form uliert. In Bezug auf den Staat w ird fest gelegt, dass die staatliche Souveränität prinzipiell u nd ausschließlich vom Volk ausgeht (Artikel 3), dass alle staatliche M aßnahm en ob Anklagen, V erurtei lungen oder Strafen n u r au f der G rundlage von Gesetzen erfolgen dürfen und eine Teilung der Gewalten als selbstverständlich erachtet w ird (Artikel 16). U m den Leviathan zu zähm en hatte Charles M ontesquieu schon ru n d 50 Jahre zuvor die Teilung der Gewalten in die gesetzgebende, ausführende und 177 richterliche G ewalt gefordert u nd ausführlich erläutert. M it einem bem erkens w erten Hinweis au f die m enschliche N atu r erklärt er: „es ist aber eine ständige Erfahrung, dass jeder M ensch geneigt ist, die Gewalt, die er hat, zu m issbrau chen; er geht so weit bis er Schranken findet. W er sollte es sagen, selbst die Tugend hat Schranken nö tig“ (Charles M ontesquieu zit. nach Fitzek II S.87). M it der Erklärung der M enschen- und Bürgerrechte sind die Bürger zur vorherrschenden Kraft in der politischen Arena geworden und die Freiheit des Individuum s w urde als verfassungsmäßig festgelegte N orm und dam it als Frei heitsraum zunächst für alle Franzosen, in der Intension aber für alle M enschen gültig. U nter der Parole Liberte, Egalite u nd Fraternite haben die M enschen in Frankreich eine gesellschaftliche Revolution in G ang gesetzt, die im gesamten Europa, ja in der ganzen W elt die M achtverhältnisse von G rund au f ändern sollte. Alle m odernen D em okratien in ihrer dem okratischen u nd liberalen Verfassung gründen sich prim är au f die Errungenschaften der Französischen Revolution. D ie M enschen- und Bürgerrechte sprachen zwar für alle M enschen, galten aber faktisch entsprechend dem damaligen Selbstverständnis nu r für M änner. Dies w ollten die Frauen keinesfalls h innehm en. In einer Erklärung forderten sie n u n ihrerseits die völlige G leichstellung m it dem M ann, versam m elten sich zu Tausenden in Versailles und zwangen schließlich sowohl den König als auch die N ationalversam m lung nach Paris um zuziehen, wo die Frauen direkter E in fluss nehm en konnten . D ennoch sollte es noch m ehr als hu nd ert Jahre dauern, bis die Frauen in Frankreich zum indest die formale G leichstellung vor dem Gesetz u nd das allgemeine W ahlrecht erkäm pft hatten. Inzwischen war die Frage nach der Stellung des Königs in der Verfassungs debatte im m er noch ungelöst. Z unächst beabsichtigte kaum ein Abgeordneter die Abschaffung des Königshauses, vielm ehr schien alles au f eine konstitu tio nelle M onarchie hinauszulaufen. D och die königliche Familie u nd Teile des Adels intrigierten gegen die N ationalversam m lung u nd versuchten die adlige Verwandtschaft an den europäischen H öfen zu einer Intervention gegen die neue O rd n un g zu bewegen. Als schließlich die königliche Familie versuchte aus Frankreich zu fliehen und zu gegenrevolutionären A ktionen aufrief, w urde sie au f dem W eg gefangen genom m en u nd in Paris gefangen gesetzt. A nfang A ugust1792 m arschierten österreichische und preußische Truppen in Frankreich ein m it dem Ziel König Ludwig XVI. zu befreien und ihn wieder 178 in seine angestam m ten Recht einzusetzen. Angesichts der inneren u nd äuße ren Bedrohung gewannen die radikalen Vertreter der Revolution die O ber hand u nd die neu geschaffene Revolutionsregierung verfolgte die Feinde der Revolution m it terroristischen M aßnahm en und schickte sie au f die Guillotine. D er König w urde des Hochverrats angeklagt, verurteilt u nd au f der G uillotine hingerichtet. D ie M onarchie w urde endgültig abgeschafft. Bei der H inrich tung blieb es in Paris u nd im ganzen Land von einzelnen royalistischen Protestaktionen abgesehen auffällig ruhig. Fast schien es so, als hielten die Bürger beim Tod ihres Königs den A tem an und fragten sich, ob der vor G o tt Gesalbte Hilfe von him m lischer Seite erhielte. W ürde sich die Erde auftun oder Blitze die H aup tstad t niederbrennen? Aber es geschah — nichts. Die Bürger stellten fest, dass blaues Blut genauso verrinnt wie das aller ande ren M enschen. Tausende von Jahren m ussten vergehen, bis die M enschen die Erkenntnis um setzen konnten , dass sie selbst der Souverän sind und n icht ein vor G o tt ausgewählter König. Auch w enn später der König w ieder eingesetzt wurde, der N im bus des vor G o tt gewählten Herrschers war ein für allemal dahin. In der dritten Phase der Revolution, der D irektorialzeit von 1795 bis 1799, dom inierten großbürgerliche Schichten, die vor allem interessiert waren, ihre w irtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Es gelang ihnen die Volksinitiati ven für soziale G leichheit zu unterdrücken u nd sich gleichzeitig der Bestrebun gen auf W iedereinsetzung des K önigtum s zu erwehren. Schließlich übernahm N apoleon, der sich vor allem au f das in den Revolutionskriegen erprobte Bürgerheer stützte, als erster Konsul die M acht u nd erklärte die Revolution für beendet (W ikipedia Franz. Revolution 8.7.14). Am 4 Juli 1776 proklam ierten die dreizehn britischen Kolonien in N o rd am erika ihre Unabhängigkeit u nd sagten sich von G roßbritann ien los. Die U nabhängigkeitserklärung ist quasi die G eburtsurkunde der USA und die m it ihr verbundenen Freiheitsräum e und Freiheitsträum e haben bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. In der Erklärung w ird vor allem auf die unveräußerlichen M enschenrechte wie Leben, Freiheit u nd Streben nach G lück abgehoben u nd betont, dass ein Volk das Recht hat seine Regierung selbst zu wählen (W ikipedia U nabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staa ten 13.7.14). Interessanterweise werden die M enschenrechte m it dem Hinweis begründet, dass der Schöpfer alle M enschen gleich geschaffen u nd m it unver 179 äußerlichen Rechten ausgestattet habe. Ebenso war es selbstverständlich, dass Frauen, Sklaven und Farbige von diesen Rechten ausgenom m en waren. E lf Jahre später, im Septem ber 1787, gaben sich die Vereinigten Staaten eine Verfassung m it föderaler S truktur der R epublik und einem Präsidenten als Staats- und Regierungschef. G rundlagen waren die Gewaltenteilung, das Bekenntnis zu Recht u nd Gesetz u nd ein verbindlicher Katalog der M enschen rechte. E inen Gottesbezug gab es diesmal nicht. D ie Präambel besteht aus einem einzigen Satz, der die Z ielsetzung der folgenden Artikel begründet: „Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der A bsicht geleitet, unseren Bund zu vervollkom m nen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine W ohl zu fördern und das G lück der Freiheit uns selbst u nd unseren N achkom m en zu bewahren, setzen u nd begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von A m erika“ (W ikipedia Verfassung der Vereinigten Staaten 13.7.14). D ie Einwanderer nach N ordam erika hatten den Vorteil, dass sie ihre Sou veränität n icht gegen einen alteingesessenen Adel oder einen vor G o tt gesalb ten König durchsetzen m ussten. N u r die indianischen U reinw ohner leisteten erbitterten W iderstand, hatten allerdings gegen die waffentechnische und kulturelle Ü berlegenheit der neuen Einw anderer keine C hancen. Sie w urden vertrieben oder um gebracht. N u r ein toter Indianer war ein guter Indianer. D er K am pf gegen die britischen K olonialherren war dagegen deutlich schwieriger, da das M utterland über erfahrene u nd gut ausgebildete Truppen verfügte, w ährend die am erikanische Armee zunächst n u r aus einer A nsam m lung von M iliztruppen bestand. D och im Laufe des Krieges w urden die am e rikanischen Truppen zu einer professionell agierenden Armee ausgebaut, die schließlich m it französischer, spanischer u nd niederländischer Hilfe die b riti sche Armee besiegte. N ach acht Jahren Krieg w urden die K am pfhandlungen im Septem ber 1783 m it dem Frieden von Paris offiziell beendet. D ie am erikanischen Einwanderer standen seit der G ründung der ersten Kolonien in einer dem okratischen Tradition, die au f jene Puritaner zurückgeht, die als sogenannte Pilgerväter an Bord der Mayflower nach A m erika segelten u nd Ende 1620 im heutigen M assachusetts an Land gingen. D eren Erklärung im Mayflower-Vertrag war konstituierend für das am erikanische Selbstver ständnis und begründete die dem okratische Tradition über die U nabhängig 180 keitserklärung bis h in zu der Verfassung der Vereinigten Staaten (W ikipedia Mayflower-Vertrag 14.7.14). W enn ich versuche die Entw icklung seit dem M ittelalter zu überblicken, lässt sich eine Relativierung der Religion nach Reform ation u nd D reißigjähri gem Krieg konstatieren, die dazu führt, dass Religion und Politik deutlich(er) getrennt werden und schließlich in eine Entw icklung m ündet, in der das Volk zum Souverän wird, die M enschen ihre M acht erkennen und für sich bean spruchen. Vor G o tt gesalbte Könige werden davongejagt oder zum indest ihre M acht auf repräsentative Aufgaben beschränkt. In dem M aß wie sich die b ü r gerliche W eltanschauung durchsetzt, werden unveräußerliche M enschenrech te proklam iert und in Kraft gesetzt, die den Freiheitsraum des Individuum s beschreiben, der durch nichts eingeschränkt werden darf außer die Freiheiten eines anderen Individuum s w ürden berührt. Die Souveränität und U nabhän gigkeit, die sich die Kaufleute als Bürger der m ittelalterlichen Stadt gegen Adel und König erkäm pft haben, besitzt n u n für alle M enschen G ültigkeit u nd ist durch die M enschenrechte garantiert. Es w ird allerdings dabei unterschlagen, dass n u r wenige M enschen die w irtschaftlichen M öglichkeiten und den Besitz haben ihre garantierten Freiheitsrechte auch voll zu entfalten. Gleichzeitig w ird der Staatsapparat durch G ew altenteilung und geschrie bene Gesetzgebung so um gestaltet, dass Einzelne n icht zu viel M acht an sich reißen können, um dann von Seiten des Staates die Rechte der Bürger wieder einzuschränken. Selbstverständlich verläuft die Entw icklung n ich t in einem gradlinigen Fortschreiten, sondern in einem widersprüchlichen H in und Her, m it Rück schritten u nd Rückschlägen, revolutionären Schüben u nd terroristischen Gewaltakten. So w urden beispielsweise die Rechte der Frauen und das dam it einhergehende Frauenwahlrecht in vielen Ländern erst in den Revolutionen nach dem 1. W eltkrieg oder wie in Frankreich erst nach dem 2. W eltkrieg 1945 durchgesetzt. In D eutschland m ussten nach dem BGB die Ehefrauen bis 1977 ihre E hem änner um Erlaubnis fragen, w enn sie einen B eruf ausüben wollten. Am 10. Dezem ber 1948 proklam ierte die G eneralversam m lung der Ver einten N ationen die Allgemeine Erklärung der M enschenrechte, die feststellt: „Alle M enschen sind frei und gleich an W ürde und Rechten geboren“. Zwar hat diese Erklärung im Sinne der Völkerrechts keine b indende W irkung, da nur 181 Resolutionen des Sicherheitsrates eine verbindliche völkerrechtliche Bedeu tung zukom m t. D och durch die Pakte über Bürgerliche u nd Politische Rechte u nd über W irtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte, die 1976 in Kraft getreten sind und n ich t zuletzt durch eine A rt G ew ohnheitsrecht sind die M enschenrechte für alle M enschen der W elt gültig u nd verbindlich geworden (vgl. W ikipedia Allgemeine Erklärung der M enschenrechte). D am it sind die Rechte, die sich die Bürger in den m ittelalterlichen Städ ten Europas erkäm pft haben, über viele Wege und Umwege zu universellen W erten geworden, die Freiheit, G leichheit und ein würdevolles Leben für alle M enschen weltweit garantieren (sollen). Dass diese Ziele in vielen Bereichen und zahlreichen Staaten noch lange n icht Realität geworden sind, m uss hier n icht weiter ausgeführt werden. In der westlichen W elt sind es vor allem die Rechte von Lesben und Schwulen und von M enschen m it H andicap, die zur Z eit au f der A genda stehen. Auch die Frage nach der V erwirklichung der M enschenrechte im Internet, wie z. B. dem Schutz der Privatsphäre, sind hoch aktuell. 182 19. Die Industrielle Revolution - und die Arbeiterbewegung W ie durch die N eolithische Revolution w ird auch durch die Industrielle Re volution die Situation der M enschen grundlegend verändert. Alle w irtschaft lichen, sozialen u nd kulturellen G egebenheiten werden umgewälzt. D ie Bevöl kerung wächst u nd die M enschen w andern in die Städte, wo die Produktion zunehm end stattfindet. O ft entstehen in diesem Zusam m enhang neue Städte um die Kerne der Industrie. Im Laufe dieser Entw icklung arbeiten im m er we niger M enschen in der Landwirtschaft u nd m ehr in industriellen Bereichen. D o rt stehen sich U nternehm er und Lohnabhängige gegenüber. A m A nfang der Industriellen Revolution stand die Dam pfm aschine. M it ihr begann der Herzschlag der neuen Zeit. M it der D am pfm aschine, der massen haften Förderung u nd V erw endung von Kohle u nd Eisen u nd der Erfindung des m echanischen W ebstuhls und der Spinnm aschine erreichte die britische B aum w ollindustrie um 1800 W achstum sraten von jährlich über zehn Prozent. Solche W achstum sraten sollte es in dieser Branche nie wieder geben. King C o tton regierte die englische W irtschaft (W ikipedia Industrielle Revolution 15.8.14) D och dies war n u r der Anfang. O rien tiert m an sich an den langen W ellen der W eltkonjunktur (H uber in: Jänicke 1985), so lassen sich bis zu fü n f Zyk len der Industrialisierung unterscheiden. N ach der ersten Phase leitete der Ausbau der Eisenbahn, die Entw icklung von Telegrafie und Fotografie und der Einsatz von Z em ent um 1850 den zwei ten Zyklus ein. D ie folgende Phase w urde vom A utom obil dom iniert. M it der Entdeckung des Erdöls, das zunächst nu r als Petroleum zur Beleuchtung der H äuser ver w endet wurde, fiel quasi als A bfallprodukt Benzin an. Z unächst w urde dies als billiges M ittel zur Fleckentfernung verkauft. Als sich herausstellte, dass Benzin auch äußerst effektiv als Treibstoff für die gerade entwickelten V erbrennungs m otoren genutzt werden konnte, war der weltweite Siegeszug von dem D uo Auto und Erdöl n ich t m ehr aufzuhalten. Erdöl war ein vielseitiger Rohstoff, aus dem n icht n u r Reifengum m i für die neuen Fahrzeuge, sondern auch B itu 183 m en für die n u n notw endig zu befestigenden Straßen hergestellt werden k o nn te. Parallel dazu entstand die chem ische Industrie u nd die Elektrifizierung der Städte w urde vorangetrieben, indem die Beleuchtung von Straßen und H äusern u nd der A ntrieb von Lokom otiven und Stadtbahnen au f elektrische Energie umgestellt wurde. Als neuer W erkstoff kam A lum inium dazu. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann m it dem Fernseher die neue Ära. W enn m an sich heute im E lektronikm arkt die neuesten Flach bildschirm e ansieht, ist es kaum zu glauben, dass es erst wenige Jahrzehnte her ist, dass die Epoche des Fernsehens m it einem kleinen Kasten begann, in dem schwarz-weiße Filme über die M attscheibe flim m erten. N eue, sogenannte Kunststoffe, kam en au f den M arkt, die ihre E ntstehung ebenfalls dem Erdöl verdankten. Die Plastiktüte eroberte die Welt. N achdem 1945 in den USA die erste nukleare Explosion gelang u nd nach dem die A tom bom ben über H iroshim a u nd Nagasaki ihre ungeheure Energie u nd ihre furchtbare Zerstörungskraft entfalteten, sahen viele den Beginn des Atom zeitalters, das grenzenlose Energie und W ohlstand für alle zu versprechen schien. D er Sputnik-Schock läutete das Zeitalter der R aum fahrt ein. Beim fünften und vorläufig letzten Zyklus lässt sich sicherlich darüber streiten u nd die M einungen werden je nach S tandpunk t auseinander gehen, ob m an ihn m it dem Beginn des In ternet anfangen lässt. Zwar gibt es diverse Vorläufer, aber 1995 löst das W orld W ide W eb den veralteten Service ab, AOL u nd Com puserve bieten ihren K unden Z ugang zum Internet, W indow s 95 w ird aufgelegt. In Jahr 1999 geht die Suchm aschine Google offiziell ans N etz u nd 2000 gibt es über eine M illiarde angezeigter W ebseiten. M it den zugrunde liegenden Techniken wie dem Einsatz von Glasfaserkabeln, M ikroelektronik, die integrierte Schaltungen in im m er kleinerem M aßstab zur V erfügung stellt, u nd der Entw icklung von M obiltelefonen u nd Sm artphones ist ein Prozess im Gang, der schon heute ungeahnte M öglichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen eröffnet. Im Rahm en des H um angenom projektes w urde im Jahr 2001 die vollstän dige Entschlüsselung des m enschlichen Erbgutes verkündet. W elche Folgen u nd Im plikationen m it diesem Prozess verbunden sind u nd was in diesem Zusam m enhang noch zu erwarten ist kann m an heute allenfalls erahnen. U nter den Stichw orten A tom ausstieg und Energiewende w ird in vielen Ländern an einer nachhaltigen Energieversorgung gearbeitet. D ie fossilen 184 Brennstoffe sollen durch erneuerbare Energien wie W ind- oder Sonnenenergie ersetzt werden um den verheerenden Anstieg des C O 2 - Ausstoßes zu brem sen und zurückzufahren. O bw ohl dieser Prozess im m er noch in den Anfängen steckt, ist auch in diesem Fall zu erwarten, dass er weitreichende A usw irkun gen au f das gesellschaftliche Leben weltweit haben wird. M it der Entw icklung der industriellen Produktion erschien ein neuer sozia ler Typus au f der geschichtlichen Bühne: der Arbeiter. Er hatte und hat weder Besitz wie der Adlige, noch Ackerland wie der Bauer, noch Verm ögen und Beziehungen wie der K aufm ann. Er besaß einzig und allein seine Arbeitskraft, die er gezwungen war zu verkaufen um sein Leben und das seiner Frau und seiner K inder zu fristen. U m 1800 gab es in D eutschland noch wenige Fabrik arbeiter, um 1850 waren es schon 800 000 und um 1910 ru n d acht M illionen, die aus den D örfern in die Städte geström t waren. Die A rbeiter und ihre Familien führten zu Beginn der Industriellen Revolu tion ein elendes Leben. U nter dem R hythm us der M aschinen und dem inner betrieblichen D iktat des Fabrikherren m ussten sie und m eist auch ihre Frauen und K inder 12 bis 14 S tunden täglich schuften und bekam en dafür nur einen kargen Lohn. Dieser war so bemessen, dass er allenfalls für Brot, Kartoffel und Gem üse reichte u nd die M iete oft n u r unter schwierigsten Bedingungen aufgebracht werden konnte. So hausten in den M ietskasernen oft zehn Leute und m ehr in einem Raum , der un ter U m ständen noch schichtweise an andere Schlafende verm ietet wurde. M it der Z eit organisierten sich die Arbeiter, zunächst regional und auf begrenzte Zeit, führten Streik, Boykott u nd gegenseitige H ilfsm aßnahm en durch um Lohnerhöhungen, bessere A rbeitsbedingungen oder kürzere Arbeits zeiten zu erkäm pfen. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen schufen sich die Arbeiter Gewerkschaften als festgefügte nationale O rganisationen, die ihre Interessen gegen die Fabrikbesitzer vertraten. Sie organisierten sich in Genossenschaften wie W ohnungsbaugenossenschaften, um günstige M iet w ohnungen zur Verfügung zu haben, und gründeten zahlreiche Vereine um sich zu bilden oder Sport zu treiben. A ußerdem entstanden zahlreich A rbeiter parteien, die die Anliegen der A rbeiter in die politische Arena trugen. In den Revolutionen um 1840 standen auch zahlreiche Arbeiter au f den Barrikaden um für dem okratische Rechte zu käm pfen. Es ist naheliegend, dass es den A rbeitern zunächst um die D urchsetzung sozialer Rechte ging, wie 185 höhere Löhne, bessere A rbeitsbedingungen und das Recht au f Vereinigung. W enn die Revolutionen um 1840 als bürgerliche Revolution eingestuft wurde, so waren auch die A rbeiter in D eutschland wie in anderen Ländern an na tio naler E inheit und Selbstbestim m ung, an geschriebener Verfassung und bürger lichen Freiheitsrechten interessiert. Schließlich waren es vor allem die Arbeiter, die nach dem ersten W eltkrieg und der N ovem berrevolution das allgemeine, aktive u nd passive W ahlrecht durchsetzten, das unabhängig vom Besitz jedem Bürger eine Stim m e zusprach und vor allen D ingen auch die Frauen einschloss. Im Zuge dieser Revolution musste der Kaiser abdanken u nd D eutschland w urde zu einer parlam entarischen D em okratie. Die A rbeiterparteien setzten bürgerliche Freiheitsrechte u nd dem okratischen Staatsaufbau konsequent um, die bürgerliche Parteien aus Angst vor revolutionären A rbeitern n u r noch halbherzig verfolgten. D ie m eisten A rbeiterparteien, die in der Zeit zwischen 1860 und 1890 in Europa gegründet w urden, verstanden sich als marxistische Parteien. Ih r Ziel war die soziale Revolution, in deren Verlauf alle Klassen und Klassengegensät ze überw unden w ürden, da alle M enschen als A rbeiter über die Produktions m ittel verfügten. M it dieser Entw icklung w ürde auch der Staat als politische Institu tion verschwinden, da er nichts anderes sei, als ein Instrum ent der herr schenden Klasse zur U nterdrückung der anderen Klassen. „In W irklichkeit aber ist der Staat nichts als eine M aschine zur U nterdrückung einer Klasse durch eine andere, u nd zwar in der dem okratischen R epublik n ich t m inder als in der M onarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im K am pf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt w ird und dessen schlim m sten Seiten es ebenso wenig wie die K om m une um hin können wird, sofort m ög lichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen heran gewachsenes Geschlecht im stande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun“ (M E W 17 S.625). In einem Punkt haben M arx u nd Engels sicher recht: D er Staat küm m ert sich vor allem um die Interessen der Besitzenden, um Banken, Konzerne, Fab rikbesitzer und deren Gefolge in W irtschaft u nd Politik, w enn dies heute auch meist m it dem A rgum ent, die Arbeitsplätze zu sichern, begründet wird. D och dies ist nur die eine Seite. D ie andere Seite besteht in der Aufgabe des Staates die äußere und innere Sicherheit zu garantieren, die im Interesse aller Bürger sind. Staaten, die diese Aufgabe n ich t erfüllen könne, sind zum U ntergang 186 verurteilt, wie m an dies in aller D eutlichkeit an den sogenannten >failed states< erkennen kann, die entw eder von Angreifern bedroht oder im Innern durch rivalisierende Banden, Kriegsherren oder religiöse Fanatiker chaotisiert wer den. Es wäre ein Rückfall in das Faustrecht. A ußerdem hat der Staat weitere Funktionen wie die U nterhaltung der Infrastruktur, des Bildungswesens, die Bereitstellung von Energie u nd Trinkwasser und vieles andere mehr, die dem Interesse aller Bürger dienen. Völlig abwegig ist jedoch die G leichsetzung der bürgerlichen D em okratie m it allen anderen Staatsform en wie M onarchie oder orientalischer Despotie. In diesem Fall haben M arx und Engels eine Bewertung vorgenom m en, die völlig an der historischen Realität vorbeigeht. Die bürgerliche D em okratie m it ihrem durch die G ew altenteilung geläuterten Staat u nd garantierten Bürger und M enschenrechten ist eine historische Errungenschaft wie sie kostbarer n ich t sein kann. Angesichts der Erfahrungen, die M arx m it dem preußischen Drei-Klassen-W ahlrecht u nd der preußischen Z ensur gem acht hat, hätte er es eigentlich besser wissen müssen. Seine Einschätzung lässt sich allenfalls aus der historischen Situation und dem damals unter den A rbeitern herrschenden Elend erklären. In diesem Z usam m enhang ist auch die K ennzeichnung des Übergangs zur kom m unistischen Gesellschaft als „D iktatur des Proletariats“ geradezu eine historische N aivität. In dieser Periode, so M arx, w endet das Proletariat „M ittel zur Befreiung an, die nach der Befreiung wegfallen; . . . “ (M E W 18 S.636). Was im m er M arx und Engels sich unter dieser Phase vorgestellt haben, K om m unisten wie Lenin und Stalin oder auch M ao Tse Tung haben den Begriff der D ik ta tu r durchaus w örtlich genom m en und furchtbare Regime errichtet. Alle Erfahrungen aus der m enschlichen Geschichte besagen, dass es nahezu unm öglich ist bestim m te Freiheiten aufzugeben um andere zu erlangen. Es ist naiv anzunehm en, die bürgerlichen Freiheiten beseitigen zu wollen um soziale Rechte durchzusetzen um dann nach einer gewissen Z eit die ursprünglichen Freiheiten, w om öglich in neuer Q ualität, w ieder in Kraft zu setzen. W er der artiges erhofft, hat eine naive Vorstellung der m enschlichen N atu r und dem in ihr w altenden D rang nach M acht und Einfluss. W er einmal M acht innehat, gibt sie selten freiwillig w ieder ab. Die Entw icklung in der Sow jetunion nach der Revolution zeigte, dass m it der M achtübernahm e der Bolschewiki die freiheitliche u nd demokratische 187 Entw icklung abgebrochen und von Lenin über Stalin die totale M acht ausge bau t u nd von Stalin durch Terror u nd M assenm ord perfektioniert w urde (vgl. A rendt S.479 f). Von der E inführung individueller Freiheiten war gewiss n icht m ehr die Rede. Erst nach dem Z usam m enbruch der Sow jetunion begann sich in Russland erneut eine zartes demokratisches Pflänzchen zu entwickeln. Es steht aber zu befürchten, dass sich durch Putins „gelenkte D em okratie“ im Zusam m enhang m it seinen außenpolitischen A benteuern in der Ukraine und anderen N achbarstaaten eine neue A rt von totalitärer H errschaft etablieren wird. Glücklicherweise haben sich die A rbeiter u nd ihre O rganisationen in den m eisten europäischen Staaten n ich t an den von M arx u nd Engels vorgeschla genen W eg gehalten. V ielm ehr haben sie konsequenter als die bürgerlichen Parteien für den Ausbau der dem okratischen Institu tionen und der Bürger u nd M enschenrechte gekämpft. Vor allem aber waren sie daran interessiert ihre soziale Situation zu verbessern. Die A rbeiter und ihre Gewerkschaften u nd Parteien forderten Löhne, die ein m enschenwürdiges Leben erm öglichten, angemessene A rbeitsbedingungen, bessere Bildungsm öglichkeiten und vieles andere mehr. So sah sich der Reichskanzler des D eutschen Reiches O tto von Bismarck gezwungen, nachdem die Sozialdemokratie un ter der K nute der Sozialisten gesetze n ich t n u r n ich t zerschlagen werden konnte, sondern in der Illegalität an M acht und Einfluss gewann, in den Jahren 1883 bis 1889 eine Kranken-, Renten- und Unfallversicherung einzuführen, die durch die anteilige Finanzie rung von Kapitaleignern u nd A rbeitern noch bis heute richtungsweisend sind. Bismarcks Absicht, die A rbeiter durch diese Zugeständnisse w ieder an den m onarchischen Staat zu binden, misslang allerdings völlig, da die gleichzeitige Verfolgung unter dem Sozialistengesetz deutlich m achte, dass der preußische Staat keineswegs gewillt war, allen seinen Bürgern die gleichen Rechte zu gewähren. Im Laufe der N ovem berrevolution von 1918 w urde in D eutschland der A chtstundentag eingeführt, dessen D urchsetzung schon Jahrzehnte zuvor von der A rbeiterbewegung gefordert w orden war. 1956 begann der D G B eine Kam pagne zur E inführung der 40-Stunden-W oche, die nach und nach im Laufe der 60er und 70er des letzten Jahrhunderts in den Tarifverträgen fest geschrieben wurde. 188 A uf diese Weise erkäm pfte sich die A rbeiterbewegung in D eutschland wie in anderen Ländern Schritt für Schritt soziale Reformen, die es den A rbeitern und ihren Familien, u nd letztendlich allen abhängig Beschäftigten erm öglich te ein Leben in Freiheit und W ürde zu führen. In der Revisionsm usdebatte forderte Eduard Bernstein entgegen der M arxschen Forderung nach einer sozialen Revolution schon um 1900, dass der Kapitalismus allm ählich durch Reform en zu verbessern sei. D em nach betrach tet er die D em okratie n icht n u r als strategisches K am pfm ittel, sondern als zentrales Ziel der Arbeiterbewegung. „Die D em okratie ist M ittel und Zweck zugleich. Sie ist das M ittel zur E rkäm pfung des Sozialismus, und sie ist die Form der Verwirklichung des Sozialismus“. Für die Politik seiner Partei zieht er den Schluss: „U nd die Sozialdemokratie kann dies W erk n ich t besser för dern, als w enn sie sich rückhaltlos, auch in der D oktrin , au f den Boden des allgemeinen W ahlrechts, der D em okratie stellt, m it allen sich daraus für ihre Taktik ergebenden K onsequenzen“ (Bernstein S. 154,156). Für Ralf D ahrendorf ist das Jah rhundert der Sozialdemokratie zu Ende gegangen — nicht unbeding t in dem Sinne, dass Sozialdem okraten über länge re Z eit in der Regierung gestanden hätten, sondern dass sie „ein Jahrhundert lang treibende Kraft der politischen Entw icklung w aren Das Jahrhundert war in seinem Antrieb u nd in seinen besten M öglichkeiten sozialdemokratisch. Als es dem Ziel nahe kam , war es folgerichtig m it der Kraft der Sozialdemo kratie vorbei“ (D ahrendorf S.1022 f). D em nach hätten auch andere Parteien die sozialdem okratische H altung übernom m en, die in der entschiedenen Ver teidigung von Rechtsstaat und D em okratie in V erbindung m it dem E intreten für Benachteiligte und Schwache bestehe. Sollte die soziale Frage tatsächlich gelöst sein? Selbst D ahrendorf konsta tiert eine neue soziale Frage (S.1036). Gerade heute, kurz vor W eihnachten 2014, lese ich in der Berliner Z eitung (17.12.14), dass jeder fünfte Einw ohner D eutschlands von A rm ut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sei. „Das waren 2013 ru n d 16,2 M illionen M enschen beziehungsweise 20,3 Prozent der Bevöl kerung teilte das Statistische B undesam t am Dienstag aus der U ntersuchung 'Leben in E uropa ' m it“. Im folgenden w ird sich zeigen, inwieweit sich die soziale Frage erledigt hat, und w enn nicht, ob die Sozialdemokratie in der Lage ist die dam it verbunde nen Problem e anzugehen. 189 D ie A rbeiterbewegung hat vor allem auf soziale Reform en bestanden, und dies m it gutem G rund: W ährend die Bürger selbstverständlich davon ausgin gen, dass sie die materielle Basis ihrer Freiheit, näm lich ihr Vermögen und ihren Besitz schon besaßen oder in naher Z ukunft erwirtschaften w ürden, m ussten sich die A rbeiter die materielle Basis ihrer Freiheit von eben diesen Bürger, den Fabrikbesitzern im besonderen, erst erkäm pfen. Für beide Parteien w ird deutlich, dass Freiheitsrechte nur dann gelebt werden können, w enn ein angemessenes M aß an sozialer A bsicherung gegeben ist. Für die A rbeiter und alle anderen abhängig Beschäftigten ist es daher folgerichtig für angemessene Löhne, m enschenw ürdige Arbeitszeiten, m otivierende A rbeitsbedingungen u nd weitere soziale Rechte einzutreten. Was n icht bedeutet, dass sie sich dar au f beschränken w ürden, aber ohne materielle Basis können Freiheiten nur bedingt gelebt und ausgekostet werden, genauso wenig wie ohne dem okrati schen Staat u nd garantierte Bürger- u nd M enschenrechte. 190 20. Neoliberale Politik - Eine Rolle rückwärts In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte der W irtschaftswissenschaftler M ilton Friedm an seine angebotsorientierte W irt schaftstheorie. In vielen Veröffentlichungen, vor allem in seinem Bestseller „Kapitalismus und Freiheit“, und in seiner Fernsehserie plädierte er für die Vorzüge des freien M arktes. Er forderte die M inim ierung der Rolle des Staates und beschrieb die N achteile staatlicher Eingriffe. Insbesondere der Sozialstaat war ihm ein D orn im Auge. Im Z en trum seiner Ü berlegungen stand die Frei heit des Einzelnen, die für den freien M arkt konstituierend sei. D em nach seien staatliche Eingriffe n ich t n u r von N achteil für den freien M arkt, sondern sie schränkten auch die Freiheit der Individuen ein. M ilton gilt als „Wegbereiter und M eisterdenker des neoliberalen Projekts“ (W ikipedia M ilton Friedm an 8.10.14). Friedm an lehrte an der Universität von Chicago u nd war dort M entor einer G ruppe von chilenischen W irtschaftswissenschaftlern, die später un ter dem N am en Chicago Boys Furore m achten. N ach dem M ilitärputsch Pinochets 1973 bestim m ten sie die W irtschaftspolitik Chiles, die au f den Ideen Fried m ans aufbaute. Für die M enschen Chiles war diese Politik eine Katastrophe: Bis au f die K upferm inen w urden nahezu alle Staatsunternehm en privatisiert, selbst das Renten- u nd Gesundheitssystem; höhere Schulen u nd Universitäten w urden an private Investoren verkauft. Viele einheim ische Betriebe konnten m it der internationalen K onkurrenz n icht m ithalten, m ussten schließen und die M itarbeiter entlassen. Die Arbeitslosigkeit stieg au f über 30 Prozent. D a auch die Preise liberalisiert w urden, stieg die Inflationsrate im Jahr 1977 au f knapp 600 Prozent. Viele Banken konn ten ihre V erbindlichkeiten nicht m ehr bedienen und standen vor dem Bankrott, so dass sich die Regierung unter Pinochet gezwungen sah, sie m it M illiarden K rediten zu retten. So w ur den 14 von 26 landesweit operierenden Banken de facto verstaatlicht, was so gar n ich t in das neoliberale Konzept passte. M illionen von Chilenen versanken in A rm ut, u nd am Ende der D ik ta tu r Pinochets 1990 lag die A rm utsquote bei 44 Prozent. 191 D ie für die große M ehrheit der C hilenen brutalen w irtschaftspolitischen M aßnahm en konn ten n u r durchgeführt werden, weil der Staat unter P ino chet m it Terror und Gewalt agierte. So w urden noch w ährend des Putsches politische Gegner im N ationalstadion von Santiago zusam m engetrieben, gefoltert oder getötet. W ährend der D iktatur w urden ru n d 4000 M enschen aus politischen G ründen erm ordet, ru n d 1000 davon verschwanden spurlos. Eine besonders infame M ethode südam erikanischer D iktatoren bestand darin politische Gegner zu foltern, zu töten, um sie dann über dem M eer aus dem H ubschrauber zu werfen. A uf diese Weise sind viele M enschen verschw un den, so dass bis heute — außer den M ördern — niem and weiß, was m it ihnen passiert ist. N ach dem Putsch flohen Tausende C hilenen ins Ausland, über eine M illion w anderte w ährend der M ilitärdik tatur aus Chile aus (W ikipedia Geschichte Chiles 16.10.14) Als M ilton Friedm an 1975 Chile besuchte u nd Pinochet traf, hatte er für die von staatlichem Terror u nd neoliberalen W irtschaftsm aßnahm en gebeu telten C hilenen kein W ort übrig. Später sprach er über die Tatsache, dass eine M ilitärdik tatur eine (neo)liberale M arktw irtschaft einführte, von dem „W un der von C hile“. In der späteren Entw icklung Chiles zur D em okratie sah er seine Ü berzeugung bestätigt, dass „freie M ärkte eine freie Gesellschaft hervor bringen“ (W ikipedia M ilton Friedm an 8.10.14). Letzteres stellt n u n eine geradezu groteske V erdrehung der Tatsachen dar: Dem okratische Rechte werden von M enschen erkäm pft u nd keineswegs von M ärkten hervorgebracht. M ir ist kein Beispiel in der Geschichte bekannt, wo n icht M enschen, oft un ter hohen Risiken u nd dem Verlust von Vermögen, G esundheit oder Leben für dem okratische Rechte und Freiheiten eingestan den wären. M ärkte funktionieren in D em okratien u nd in D iktaturen , ohne dass sich daraus ein D rang zu m ehr Freiheiten ergäbe. Im übrigen ist die Frage, wo der ideale M arkt, der Friedm an vorschwebt, überhaupt existiert. M ein t er den W eltm arkt, der von den großen Konzernen dom iniert wird, nationale M ärkte oder den G em üsem arkt um die Ecke? Im Jahr 1979 gewann die konservative Partei un ter M argaret Thatcher die W ahlen in G roßbritannien. Als Eiserne Lady verfolgte sie in der W irtschafts politik vor allem das Ziel den Einfluss des Staates au f die W irtschaft zurück zudrängen. Viele Staatsunternehm en wie Britisch Telecom, Britisch Petroleum, Britisch Airways, lokale U nternehm en der Trinkwasserversorgung und Elektri 192 zitätsunternehm en w urden privatisiert. Als 1984/85 die Bergarbeiter gegen die Schließung und Privatisierung ihrer Zechen streikten, blieb M argaret Thatcher hart. N ach einem Jahr m ussten die Bergarbeiter aufgeben, weil die Streikgelder aufgebraucht waren. Die Eiserne Lady hatte gew onnen u nd der Einfluss der Gewerkschaften war über Jahrzehnte drastisch beschnitten. Eine ähnliche W irtschaftspolitik betrieb Ronald Reagan in den USA, als er 1981 an der Spitze der Republikanischen Partei zum Präsidenten gewählt w orden war. Er senkte die E inkom m enssteuer um 30 Prozent und erleichterte A bschreibungen für die Industrie. W ährend Sozialprogramm e rigoros zusam m engestrichen w urden, stiegen die Ausgaben für R üstung enorm , so dass am Ende seiner Amtszeit, 1989, die Staatsverschuldung um 180 Prozent au f 2,6 Billionen D ollar gestiegen war (W ikipedia Ronald Reagan 16.10.14). Ebenfalls zu Beginn der 80er Jahre läutete die damalige FD P den Beginn einer neoliberalen W irtschaftspolitik in D eutschland ein. U nter dem sperrigen T itel „Konzept für eine Politik zur Ü berw indung der W achstum sschwäche und zur Bekäm pfung der Arbeitslosigkeit“ forderte der damalige W irtschaftsm inis ter G raf Lam bsdorff eine „m arktwirtschaftliche Politik“, die im Kern darauf h inauslief die sozialen Sicherungssysteme zu „reform ieren“, was nichts anderes bedeutete als sie radikal zurückzuschneiden, u nd die Situation für die Kapi talseite, die Investitionsbedingungen, zu verbessern. C hristoph Butterwegge nann te das Lambsdorff-Papier, wie es dann kurz u nd bünd ig genannt wurde, ein D rehbuch für den Sozialabbau. W ährend der W irtschaftskrise 1980 bis 1982 konn ten sich die beiden Regierungsparteien SPD und FD P n ich t über Tempo und Tiefe der sozia len E inschnitte einigen, so dass die FD P un ter G enscher nach einem neuen K oalitionspartner Ausschau hielt. Also w urde SPD — Kanzler Schm idt durch ein Konstruktives M isstrauensvotum gestürzt u nd H elm ut Kohl zum Bundes kanzler einer C D U /C S U /F D P - Koalition gewählt. Entgegen den Absichten der FD P — Führung w urden un ter der Regierung Kohl wenig substantielle E inschnitte in das soziale N etz vorgenom m en. Paradoxerweise w urden erst un ter Kanzler Schröder, Regierungschef der ersten ro t-grünen Koalition auf Bundesebene, M aßnahm en durchgesetzt, die weit über das Lambsdorff-Papier hinausgingen. M it dem „R eform paket“ H arz IV w urde ab 2003 die Arbeitslosenhilfe völlig abgeschafft und durch ein auf Sozialhilfe-Niveau abgesenktes Arbeitslosengeld II ersetzt. D er K ündigungs 193 schutz w urde gelockert, Leistungen der K ranken- und Rentenversicherung drastisch beschnitten. D er Spitzensteuersatz w urde von 53 auf 42 Prozent gesenkt. Zwar waren in dem Paket auch positive M aßnahm en wie die Förderung des M ittelstandes enthalten, aber insgesamt waren die Folgen dieser Politik verheerend: Es entstand, durchaus gewollt, ein großer A nteil prekär Beschäf tigter, gezeichnet von Leiharbeit, M inijobs, befristeten Arbeitsverhältnissen, unbezahlten Praktikum splätzen und verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit. N ach dem Bericht des Paritätischen W ohlfahrtsverbandes stieg die A rm utsquote in D eutschland, die Personen m it weniger als 60 Prozent des m ittleren E inkom m ens erfasst, 2013 au f 15,2 Prozent, das sind ru n d 12 M illionen M enschen, darun ter 2,5 M illionen Kinder. „D eutschland war noch nie so gespalten wie heu te“, lautete das Resümee (Berl. Z eitung 25.4.14). M an könnte also durchaus sagen, dass die prekär Beschäftigten den Auf schw ung der Jahre 2005 bis 2008 zum großen Teil finanziert haben. Vor allem erwerbslose M enschen, G eringverdiener und alleinerziehende M ütter leben an oder un ter der Arm utsgrenze, auch viele Selbstständige sind betroffen. In D eutschland wächst jedes sechste K ind in A rm ut auf und muss von H arz IV leben. Für die SPD waren die Folgen fatal, die W ähler liefen in Scharen davon, denn der A ngriff dieser A rt von Reform en auf Solidarität u nd soziale G erech tigkeit zerstörten den Identitätskern, die Seele der Partei. O b es um staatliche Sparpolitik ging, in deren Rahm en vor allem Leis tungen für den Bürger zusam m engestrichen w urden, und die der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin au f die lustige Form el „sparen bis es quietscht“ brachte, oder um einzelne Regionen wie K atalonien in Spanien oder Padanien in Italien handelt, die ihren R eichtum n ich t m it den ärm eren Regionen ihres Landes teilen wollen, Egoismen und Entsolidarisierung griffen um sich. D ie Käufer balgten sich um Schnäppchen u nd begaben sich au f die Suche nach den billigsten A ngeboten. D er W erbeslogan „Geiz ist geil“ gab die Z ielsetzung vor. Jeder könnte reich werden, w enn er es n u r geschickt anstellte, u nd m it G eld schien alles machbar. Das neoliberale G edankengut sickerte wie süßes G ift in alle Poren der Gesellschaft. Ich b in m ir bis heute n icht sicher, ob es sich bei dem neoliberalen Projekt um ein gigantisches U m verteilungskom plott handelt, un ter dem Vorwand der 194 G lobalisierung und der dam it einhergehenden internationalen Konkurrenz, argum entativ unterlegt vom Gros der W irtschaftswissenschaftler, betrieben von der W irtschaft, den Banken und ihren Institu tionen, lautstark unterm alt von den großen M edien, oder um eine A rt kollektiven Egowahn, der die M enschen zeitweise wie eine W intergrippe befällt. So, als m üssten sie sich ver gewissern, dass gesellschaftlich praktizierte Solidarität doch unverzichtbar ist. Pierre Bourdieu weist in der taz (4 ./5 .12 .99) schon sehr früh darauf hin, dass es sich bei der neoliberalen Ideologie um einen sozialphilosophischen Ansatz handelt, der au f der alten calvinistischen Vorstellung fußt, dass G ott denen helfe, die sich selbst helfen. D em nach ist jedes Individuum selbst und ausschließlich für sein G lück verantw ortlich. Bourdieu sieht in dieser radika len Auffassung die G rundlagen der europäischen K ultur untergraben, in der Solidarität und sozialer Z usam m enhalt eine zentrale Rolle spielen bzw. gespielt haben. D er W irtschaftswissenschaftler R udolf H ickel hält den Neoliberalis m us für den größten Irrtum in der Geschichte des ökonom ischen D enkens und plädiert für einen starken Staat, der den Finanzsektor durch harte Regu lierungen auf ein vernünftiges M aß reduziert u nd die großen Konzerne an die Leine n im m t (Tagesspiegel 23.10.11). N u n hielt sich auch die w irtschaftliche Realität leider n ich t an die neolibe ralen Vorgaben: W ährend der Krise der N ew Econom y ab M ärz 2000 verloren der D ax m ehr als die H älfte seines W ertes und viele Kleinanleger ihr Ver m ögen. U nd als die Spekulationsblase au f dem am erikanischen Im m obilien m arkt platzte, als die alt eingesessene am erikanische Investm ent-Bank Lehm an Brothers Konkurs anm eldete, geriet das Bankensystem weltweit ins W anken. Die Lehm an-Pleite war der (erste) H erzinfarkt der Finanzwelt. Zahlreiche Banken weltweit m ussten durch Verstaatlichung oder andere M aßnahm en gerettet werden, was nichts anderes bedeutete, als dass der Steuerzahler für die abenteuerlichen Spekulationen der Banken und der weltweit agierenden Fonds gerade stehen musste. Die Schockwellen der Krise waren so heftig, dass sogar bürgerliche und konservative Publizisten vom G lauben abfielen. So fragt sich Frank Schirrmacher, ob die Linke m it ihrer K ritik n ich t doch Recht hatte u nd zitiert den erzkonservativen Charles M oore, der im Daily Telegraph schreibt: „Die Stärke der Analyse der L inken liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die M äch tigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnum hang bedient haben, um 195 sich ihre Vorteile zu sichern. G lobalisierung zum Beispiel sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier H andel. Jetzt heiß t es, dass Ban ken die G ew inne internationalen Erfolgs an sich reißen u nd die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder N ation verteilen. Die Banken kom m en n u r noch nach Hause, w enn sie kein G eld m ehr haben. D ann geben unsere Regierungen ihnen neues“ (blz 10.2011). U nd Schirrm acher fährt fort: “Es war ja n icht so, dass der Neoliberalism us wie eine Gehirnwäsche über die Gesellschaft kam. Er bediente sich im im aginativen D epot des bürgerlichen Denkens: Freiheit, A utonom ie, Selbstbestim m ung bei gleichzeitiger A chtung von individuellen W erten, die C hance zu werden, wie m an w erden will, bei gleichzeitiger Z äh m ung des Staates und seiner A llm acht“. W ie auch im m er m an das neoliberale Projekt beurteilen mag, es hat dazu geführt, das weltweit wenig Reiche im m er reicher werden, dass große Teile der Bevölkerung verarm en und dass die M ittelschichten n ich t m ehr sicher sein können ihren sozialen und w irtschaftlichen Status zu halten. Es hat zu der absurden Situation geführt, dass unzählige M illiarden Euros und Dollars an Privatverm ögen um den Erdball rasen und nach profitablen und sicheren Anlagem öglichkeiten suchen, w ährend Staaten u nd K om m unen n ich t m ehr genug M ittel haben, um Schw im m bäder u nd Theater zu finanzieren oder Straßen und Brücken instand zu halten. U m vom Bildungssystem gar nicht zu reden. A ngeblich muss doch der Staatshaushalt saniert u nd eisern gespart werden. Das neoliberale Projekt hat krachend Schiffbruch erlitten. Dass es auch anders geht, kann m an überraschender Weise von den USA lernen: Als nach dem Schwarzen Freitag die N ew Yorker Börse zusam m en brach und eine Arbeitslosigkeit von 25 Prozent folgte, stand der demokratische Präsident Roosevelt vor der Frage, wie der die gewaltigen K onjunkturprogram me des N ew Deal finanzieren sollte. N ach seinem A m tsan tritt 1933 erhöhte er den Spitzensteuersatz von 24 auf 79! Prozent. U nter dem nachfolgenden republikanischen Präsidenten Eisenhower stieg er sogar au f 91 Prozent. Die Besteuerung der U nternehm en w urde von knapp 14 im Jahr 1933 au f m ehr als 45 Prozent im Jahr 1955 erhöht. Die Erbschaftssteuer stieg von 20 auf 77 Prozent (vgl. H errm ann S.179 ff). Innerhalb von wenigen Jahren veränderte die Steuerpolitik Roosevelts die am erikanische Gesellschaft. D ie unterschiedlichen E inkom m en w urden 196 nich t aufgehoben, aber angeglichen, so dass am Ende fast jeder der M ittel schicht angehörte. Insgesamt profitierten alle, denn w ährend des N ew Deal verzeichnete die am erikanische W irtschaft die stärksten W achstum sraten ihrer Geschichte. Die pragm atische und unideologische Politik der A m erikaner ab den 30er Jahren über fast ein halbes Jah rhundert m acht deutlich, wie wichtig ein starker Staat ist, der dafür sorgt, dass alle Schichten am gesellschaftlichen W ohlstand teilhaben. Er kann wirtschaftliche Krisen u nd dam it einhergehen de Arbeitslosigkeit besser abfedern u nd durch K onjunkturprogram m e gegen steuern. Es geht jedoch n icht n u r um gerechtere Verteilung im m ateriellen Sinne. M enschen in Gesellschaften m it großer sozialer U ngleichheit erleben oft Unsi cherheiten bezüglich A rbeitsplatz u nd E inkom m en, K onkurrenz, Entsolidarisierung u nd generelle Ängste, was ihre Lebensperspektive betrifft. Sie verlieren das V ertrauen in sich selbst und in ihr soziales Umfeld; die G rundlagen des gesellschaftlichen Z usam m enhalts steht in Frage. Es dom inieren Gefühle der Scham wie M inderw ertigkeit, Inkom petenz, Ausgeliefertsein u nd U nsicher heit. In ihrer um fangreichen Studie „Gleichheit ist G lück“ vergleichen Richard W ilkinson u nd Kate Pickett 23 Industriestaaten u nd deren A usm aß an Ungleichheit. A m oberen Ende der Skala stehen Japan und einige nordeuro päische Staaten; in Portugal, USA und Singapur ist die U ngleichheit am stärks ten ausgeprägt. Die beiden kom m en zu dem eindeutigen Ergebnis, dass viele soziale Pro bleme wie D rogenkonsum , Fettleibigkeit, schlechte schulische Leistungen oder Gewalt und K rim inalität signifikant häufiger in Ländern vorkom m en, in denen die E inkom m en weit auseinander driften. D er T itel des Buches „Gleich heit ist G lück“ ist vielleicht etwas zu optim istisch, denn auch eine gerechte Gesellschaft kann kein G lück garantieren. Aber eine gerechtere Gesellschaft, in der alle gesellschaftlichen G ruppen m itgenom m en werden, ist zum indest eine zentrale Voraussetzung, dam it alle M enschen ihre Potentiale realisieren können. D enn G lück heißt ja letztendlich nichts anderes, als dass M enschen au f einer gesicherten m ateriellen Basis ihren Freiheitsraum gestalten, ihre Ziele und Träume leben können. Dass sie in Stolz leben können. Es geht doch n ich t um eine soziale Gleichm acherei, da sind schon Eigen tum sverhältnisse u nd kapitalistische W irtschaftsstruktur vor. Aber w enn 197 M enschen m it hoher Selbstachtung für gesellschaftlichen Zusam m enhalt und wirtschaftliche Entw icklung stehen, dann profitieren letztlich alle davon, auch die oberen Zehntausend. A uch in einer anderen H insicht geht es um m ehr als Steuergerechtigkeit. In einer Studie haben Forscher der Eidgenössischen Technischen H ochschule Z ürich nachgewiesen, dass gerade mal 147 Firm en große Teile der W eltw irt schaft kontrollieren. „147 Firm en kontrollieren die W elt“, so lautete eine Schlagzeile der Berliner Z eitung vom 25.10.2011. Die großen Konzerne haben Kapitalumsätze, die über dem Staatshaushalt vieler N ationalstaaten liegen. Ihre Entscheidungen finden h in ter verschlossenen Türen statt, und welchen politischen Einfluss sie wo und wie ausüben, kann m an nur erahnen. Die genannten 147 Firm en, die weniger als 1 Prozent der internationalen U nternehm en ausm achen, kontrollieren über Beteiligungen 40 Prozent der 43 000 untersuchten internationalen U nternehm en. Im Kreis der 50 m äch tigsten Konzerne bewegen sich fast n u r Banken, Fondgesellschaften und Versicherungen, allen voran das britische Finanzunternehm en Barclays. Die M itglieder dieser G ruppe kontrollieren sich gegenseitig über ein kompliziertes Geflecht wechselseitiger Beteiligungen und sind abgeschottet gegen Einflüsse von außen. Sie bilden Staaten im Staat, die jeder dem okratischen Kontrolle entzogen sind. A ufgrund ihrer Größe, ihrer Verflechtungen u nd ihres in ter nationalen A ktionsradius haben die N ationalstaaten so gut wie keine M öglich keiten Einfluss geltend zu machen. W ie ist das möglich? Sollte n ich t das Volk der Souverän sein, der die g rund legenden Entscheidungen fällt? U nd sollte n icht die Politik in diesem Sinne agieren? O ffensichtlich w ird es notw endig die großen Konzerne einer dem okra tischen Kontrolle zu unterw erfen. O ffensichtlich m üssen die großen m u lti nationalen U nternehm en in einer ähnlichen A rt u nd Weise zivilisiert und dem okratisiert werden wie der Staat einige Jahrhunderte zuvor durch Gewal tenteilung, allgemeine W ahlen und garantierte M enschenrechte. D afür ist es notw endig die grundlegenden Entscheidungen öffentlich zur Diskussion zu stellen und eine dem okratische S truk tur zu etablieren, die eine produktive Z usam m enarbeit der Kapitalseite, der Beschäftigten und der öffentlichen H an d erm öglichen. In besonderer Weise gilt dies für den Finanzsektor. U m zu verhindern, dass kom m ende Krisen die gesamte Finanzwelt u nd m öglicher 198 weise ganze Volkswirtschaften destabilisieren, m üssen die F inanzinstitute auf ihre dienende Funktion zurückgesetzt u nd durch strenge politische Vorgaben reguliert werden (vgl. Hickel, Tagesspiegel 23.10.2011). In einem weitaus größeren M aß gilt dies auch für den gesam ten Bereich des Internets, der großen In ternetfirm en und der G eheim dienste. A uch w enn m an die digitale Revolution als eines der w ichtigen Ereignisse nach dem Zweiten W eltkrieg einstuft, das unser gesellschaftliches Leben grundlegend verändert hat u nd im m er noch verändert, so ist doch n ich t zu übersehen, dass das In ter net zu einem Tum m elplatz von Geheim diensten, Werbefuzzis, anonym en H etzern u nd krim inellen W egelagerern zu verkom m en droht, die uns m it ihren Spams, Trojanern, W ürm ern u nd anderen G em einheiten traktieren. M it dankensw erter O ffenheit hat der C h ef von Facebook M ark Zuckerberg verkündet, dass das Zeitalter der Privatheit vorbei sei und hat dam it wesent liche M enschenrechte gleich m it entsorgt. A nscheinend leben wir in einer Zeit, in der m ächtige Firmenbosse im Interesse ihres Profits über die G ültigkeit von Bürger- und M enschenrechten entscheiden können. Es w ird Z eit deutlich zu m achen, dass für die Bürger- und M enschenrechte w ieder gefochten werden muss. Es w ird Z eit deutlich zu m achen, dass auch im In ternet die G ru n d rechte V orrang vor allem anderen haben, dass Geheim dienste und die großen Internetfirm en einer dem okratischen Kontrolle unterw orfen werden müssen. A bschließend m öchte ich noch einm al au f die Ö kologiedebatte eingehen und im besonderen darauf hinweisen, wie w ichtig es ist, das von den Verein ten N ationen vorgegebene Ziel zu erreichen, näm lich den von uns M enschen verursachten Tem peraturanstieg au f zwei G rad zu begrenzen. D azu ist es n o t w endig bis zur M itte des Jahrhunderts die Em issionen um 40 bis 70 Prozent unter den aktuellen W ert zu senken. A nsonsten wären nach den Aussagen des W eltklim arats IP C C schwerwiegende und unum kehrbare V eränderungen auf der Erde zu erwarten. Für Europa bedeutete dies unter anderem Überschw em m ungen, Trockenheit u nd der Anstieg des Meeresspiegels um m ehr als einen halben Meter. Bei einem Anstieg um vier G rad wäre das Risiko kaum noch beherrschbar (Berliner Z eitung 3 .11.2014). W enn w ir diese Ziele erreichen wollen, m uss neben dem Ausstieg aus der Atom energie auch der Verzicht au f die V erstrom ung von Braunkohle und Steinkohle angegangen werden. Die Energiewende zu erneuerbaren Energien steht au f der Tagesordnung und m uss zielstrebig fortgeführt werden. 199 D ie gute N achricht ist, das sich K lim aschutz und W irtschaftsw achstum n icht ausschließen: ein internationales Expertenteam unter dem früheren mexikanischen Präsidenten Felipe C alderon kom m t zu folgendem Ergebnis: „W enn die Politik klug und entschieden handele, könn ten sich W achstum u nd Klim aschutz sogar gegenseitig befördern. U nd zwar n icht erst in ferner Z ukunft, sondern bereits sehr kurzfristig“ (Berl. Z eitung 18.5.2014). In ter essanterweise sitzt in dem G rem ium auch Ingrid Bonde, die Finanzchefin des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, der m it seinen Braunkohlekraftw er ken zu den größten U m w eltsündern in Europa gehört. 200 T eil IV. In d iv id u e lle En tw ic k lu n g 21. GeneundGehirn Die m eisten W issenschaftler sind davon überzeugt, dass das m enschliche G e h irn das komplizierteste D ing im gesam ten U niversum darstellt. H undert M illiarden Nervenzellen funken in bis zu 1000 mal m ehr V erbindungen durch unser G ehirn. Das wären ungefähr so viele wie der Regenwald am Amazonas Blätter hat, wobei ich n ich t davon ausgehe, dass sie jemals gezählt w urden. Unser G ehirn wiegt knapp drei Pfund und sieht au f den ersten Blick aus wie eine überdim ensionierte W alnuss (vgl. Precht S.40 ff). O bw ohl es durch schnittlich n u r zwei Prozent unseres Körpergewichtes ausmacht, verbraucht es 20 Prozent des Sauerstoffs und 25 Prozent der Glukose. Im U nterschied zu den anderen Zellen, die relativ kom pakt sind, ist eine Nervenzelle au f K om m unikation ausgerichtet. W er zu Sylvester oder bei einer G eburtstagsparty einm al eine brennende W underkerze in der H an d hielt, hat eine Vorstellung, wie eine Nervenzelle funktioniert. Sie streckt ihre Strahlen, die D endriten , nach allen Seiten aus um über die Synapsen K ontakt m it den N achbarzellen aufzunehm en. A natom isch werden im G ehirn vier große Partien unterschieden: der H irn stam m , das Zw ischenhirn, das K leinhirn u nd das G roßhirn . D er H irnstam m , der gleichsam eine Fortsetzung des Nervenstrangs der W irbelsäule bildet, regelt autom atisierte Funktionen wie Herzschlag, A tm ung oder Blutdruck. Das Zw ischenhirn, ein relativ kleiner Bereich über dem H irnstam m , ist unter anderem für Schlafrhythm us, Schm erzem pfindungen und Regulierung der K örpertem peratur zuständig. Das Kleinhirn steuert unter anderem Bewegungsabläufe, ist in etwa so groß wie eine K inderfaust u nd sitzt h in ter dem Stam m hirn im unteren H interkopf. Das G roßhirn bildet, wie der N am e schon sagt, den größten Teil des Gehirns und sitzt wie eine Kappe über allen anderen Teilen. In ihm laufen die originär m enschlichen Prozesse des D enkens, Sprechens und Fühlens ab. Das Limbische System scheint n ich t eindeutig einem der vier großen Partien zugeordnet werden zu können. Die H irnforscher sind sich n icht einig, inwie weit seine unterschiedlichen Teile dem G roßhirn angehören. Es liegt wie eine kleinere Kappe unterhalb des G roßhirns u nd verarbeitet vor allem Em otionen 203 u nd Triebverhalten. Von seiner Lage her könnte es eine Brücke zu allen ande ren G ehirnteilen darstellen (vgl. W ikipedia Limbisches System 26.12.14). D ie Rinde des G roßhirns, also die obere graue Schicht des G roßhirns, w ird je nach Funktion laut der sogenannten B rodm ann-K arte in fünfzig u nd nach dem neueren JuBrain-Atlas in m ehr als hundert Areale aufgeteilt (Brüning Berl. Z eitung 11./12.1.14). Allerdings zeigen U ntersuchungen auch, dass m an eine bestim m te F unk tion, wie z. B. Laufen, in keinem Fall au f ein Teil oder Areal des G ehirns reduzieren darf. W enn dort auch ein Schw erpunkt der Aktivität sichtbar wird, so sind doch auch im m er andere Bereiche des G ehirns u nd verm utlich andere N ervenzentren im Körper bei einer bestim m ten Tätigkeit ebenfalls aktiv. Viele H irnforscher sind von den neuen bildgebenden Verfahren wie der M agnetresonanztom ografie, die es erlaubt aktive N ervenbündel sichtbar zu m achen, so begeistert, dass sie hoffen, bald auch höhere Prozesse wie D enken u nd Bewusstsein erklären zu können. D och der W eg von der U ntersuchung aktiver Nervenareale zu der Erklärung von E m otionen oder Denkprozessen ist lang und steinig. Vor allem die Frage, wie m an von einer allgemeinen phy siologischen Theorie der Abläufe im G ehirn zu einer Erklärung subjektiver Erlebniszustände wie z. B. Verliebt Sein, W utausbruch oder Spinnenphobie kom m en kann, scheint m ir völlig offen. D er N eurobiologe G erald H ü ther ist ein S tück au f diesem W eg gegangen. Er sieht im G ehirn ein sich selbst organisierendes O rgan, das w ir in der Regel nur zu zwei D rittel nutzen. Ein großer Teil liegt brach. Das Zuviel spielt schon bei der Entw icklung des Em bryo eine Rolle. Schon vor der G eburt w ird ein beträchtlicher Überschuss an Nervenzellen u nd an V erknüpfungen zwischen den Nervenzellen in den verschiedenen Regionen des G ehirns bereitgestellt. N u r jene V erknüpfungen, die sich zu funktionellen N etzw erken entwickeln, werden erhalten und ausgebaut. Die übrig gebliebenen Nervenzellen und Ver bindungen, etwa ein D rittel, werden wieder abgebaut. H ü ther veranschau licht diesen Prozess an der A rm bewegung eines Embryos im M utterleib. Jedes M al, w enn das K ind seinen A rm unw illkürlich bewegt, entsteht im G ehirn ein entsprechendes Bewegungsmuster, das bei jeder Arm bewegung im m er wieder bestätigt wird, so dass m an gegen Ende der Schwangerschaft beobachten kann, wie das K ind aufgrund der im G ehirn entwickelten V ernetzung in der Lage ist, seinen D aum en gezielt in den M und zu stecken (H üther S .37 ff). 204 Seine zentrale Z ielsetzung form uliert H ü ther folgenderm aßen: U m glück lich, zufrieden und m utig leben zu können, um einen Ausweg aus dem Irrsinn unserer gegenwärtigen Lebenswelt zu finden, m üssen wir versuchen, „die ver loren gegangene E inheit von D enken, Fühlen und H andeln, von R ationalität und Em otionalität, von Geist, Seele u nd Körper w iederzufinden. Sonst laufen wir Gefahr, uns selbst zu verlieren“ (H üther S. 87). D ie wichtigste Eigenschaft um dieses Ziel zu erreichen ist die Fähigkeit zu begeistern. „Begeisterung ist D ünger fürs H irn “(S.92). D enn nur dadurch entstehe eine Signaltransduk tionskaskade, die bis in die Zellkerne der Nervenzellen durchdringt und dort die H erausbildung neuer K ontakte zu anderen Nervenzellen anregt. U m die sen Prozess zu veranschaulichen nu tz t H ü th er das Bild einer „G ießkanne der Begeisterung“. Das G rundprinzip der G ehirnentw icklung des M enschen beruht, wie bereits erw ähnt, au f der Tatsache, dass deutlich m ehr Nervenzellen und Ver knüpfungen hergestellt als im Laufe des Lebens gebraucht werden. N u n ist zu verm uten, dass bei den Säugetieren im allgemeinen und besonders den M enschenaffen ein ähnlicher Prozess stattfindet, denn auch bei ihnen sind viele Verhaltensweisen n icht durch Instinkte festgelegt, sondern m üssen in Auseinandersetzung m it den jeweiligen U m w eltbedingungen erlernt werden. In diesem Falle w ürde aber die rein quantitative A nnahm e, dass m ehr N erven zellen produziert als gebraucht werden, n icht erklären können, w arum sich ein G ehirn zu einem m enschlichen G ehirn entwickelt und n icht zu dem, um ein Beispiel zu nennen, eines Schim pansen. M an kann einen Schim pansen noch so viel trainieren u nd m otivieren, und er m ag noch so viel lernen, er w ird nie originär m enschliche Fähigkeiten beherrschen. Es muss also eine Triebkraft geben, die das G ehirn zu einem m enschlichen G ehirn form t. U nd dies kann nu r das m enschliche G enom sein. In der Tat gibt es neuere U ntersuchungen in der G enetik, die beweisen, dass sich Schim panse u nd M ensch in ihrem E rbgut m ehr unterscheiden als bisher angenom m en. So kom m t eine internationale Forschergruppe zu dem Ergebnis, dass sich beide A rten in m ehreren tausend G enen unterscheiden (Presse-Newsletter der M ax-Planck-Gesellschaft 27.5.04). Eine andere M ittei lung vom 18.10.2011 beginnt m it der Schlagzeile „Neue G ene für das G eh irn“ und fährt fort, dass ru n d 1800 G ene nach der T rennung von der Prim atenlinie 205 entstanden seien und zwar verhältnism äßig viele Gene, die im G ehirn aktiv sind (scienceticker.info). Dies weist darauf hin, dass es keinen Sinn m acht, das G enom gegen das G ehirn auszuspielen, etwa m it der A rgum entation, das G enom sei m ehr oder weniger au f einer Verwandtschaftsstufe m it dem Schim pansen stehen geblie ben und das G ehirn habe sich un ter kulturellem Einfluss au f ein m odernes N iveau entwickelt. G enau so wenig m acht es Sinn zu behaupten, unser G enom stam m e aus der Steinzeit und sei uns heute eher hinderlich oder wirke gar kontraproduktiv. W enn es so wäre, w ürden wir heute noch im m er als Jäger u nd Sam m ler durch die Savannen streifen. Das Problem lässt sich nu r auflösen, w enn w ir davon ausgehen, dass wir M enschen über ein G enom verfügen, das eine universelle Potenz in sich trägt. D enn n u r dann lässt sich erklären, dass wir in jeder historischen Situation über ein flexibles und kreatives G ehirn verfügen, das es dem Besitzer erlaubt sich in der jeweiligen Situation zurechtzufinden. Ein G ehirn, m it dessen Hilfe wir unsere Geschichte verstehen, unsere G egenwart bewusst gestalten und über unsere Z ukunft m it der H offnung spekulieren können auf dem W eg der Selbstverwirklichung ein oder zwei Schritte w eiterzukom m en. Aber unser G enom ist n ich t nu r für dieses w underbare O rgan in unse rem K opf verantw ortlich. Es sorgt auch dafür, dass wir aufrecht gehen und m it unseren H änden ein universelles W erkzeug zur Verfügung haben. M it der Sprache und unserer sozialen K om petenz findet jeder in seiner jeweiligen U m welt seinen Platz, kann sich in ihr bewegen und sie m itgestalten. Es ist kei ne Frage, dass für all diese Prozesse gesellschaftlich u nd kulturell organisiertes Lernen notw endig ist. Aber die G rundlagen, das genetische Fundam ent muss vorhanden sein- sonst passiert gar nichts. U nd dieses Fundam ent ist nichts anderes als unser G enom m it seiner universellen Potenz. In der öffentlichen D ebatte w ird im m er wieder, u nd meistens m it uner bittlicher Heftigkeit, über die Verteilung von Intelligenz gestritten. Je nach S tandpunk t w ird dabei anderen E thnien, unteren Schichten, den Frauen oder M enschen m it H andicap unterstellt, sie verfügten über weniger Intelligenz als der „norm ale“ weiße M ann. H äufig w ird dabei noch unterstellt, dass diese A rt von Intelligenz m ehr oder weniger angeboren sei. Es ist ziemlich eindeutig, dass dies in der bequem en oder bösartigen A bsicht geschieht, die angespro chene G ruppe zu diffamieren, denn w enn Intelligenz angeboren ist, ließe sich 206 an dem Z ustand eh nichts ändern, und die beschriebene Eigenschaft und die dam it häufig verbundene soziale Benachteiligung wäre dann naturgegeben oder un ter G läubigen gottgegeben. Dabei ist un ter Psychologen unbestritten, dass sowohl Vererbung als auch Umwelteinflüsse bei der Entw icklung der kognitiven Fähigkeiten eine Rolle spielen. W enn es allerdings um die G ew ichtung der jeweiligen Seite geht, ist es m it der Gem einsam keit vorbei. D ie Schätzungen über die H öhe des geneti schen Anteils reichen von 30 bis 80 Prozent. Andere Psychologen gehen davon aus, dass sich die Intelligenzleistung um ein D rittel steigen lasse, w enn vor dem Test entsprechende Program m e durchgeführt w erden (W ikipedia Intelli genz 30.12.14). A usgehend von dem universellen Potential der m enschlichen N atur, meine ich, dass Intelligenz als M öglichkeit zu tausend Prozent bei allen M enschen, jeweils individuell verschieden, angeboren, etwas flapsig ausgedrückt, dass alles mögliche angeboren ist. Was tatsächlich daraus wird, was jeder daraus m acht stellt n u r ein Bruchteil des tatsächlich M öglichen dar. N ehm en wir als Beispiel die m enschliche H and . Es ist offensichtlich, dass die S truk tur der H an d u nd die Anzahl der Finger genetisch festgelegt sind. O b aber die H an d einen Schm iedeham m er hält oder die Sonaten Beethovens au f dem Klavier spielt, ob sie eine Frau streichelt oder schlägt, hängt von einer Unzahl sozialer Faktoren w ährend der Sozialisation ab. Das Potential, das in einer H an d liegt, ist som it n ich t zählbar und geht weit über das hinaus, was sie tatsächlich tut. Im Ü brigen finde ich es generell wichtiger als unfruchtbare D ebatten über angeborene Anteile von Intelligenz zu führen, festzuhalten, dass w ir das Poten tial unserer Intelligenz in einem Leben gar n ich t ausschöpfen können. Dies zeigt sich beispielsweise am Verhalten von M enschen, die nach einem aktiven Berufsleben ein neues S tudium beginnen, ein Instrum ent lernen oder künst lerisch tätig werden. W enn jem and die nötige Begeisterung m itbringt, ist, um noch einmal m it H ü ther zu sprechen, (fast) alles möglich. 207 22. Kinder - Vertrauen schaffen Jede Entw icklung setzt voraus, dass Lebewesen einen D rang in sich haben aus dem em bryonalen in den erwachsenen Z ustand zu gelangen — egal ob Pflanze, T ier oder M ensch. Eine Bohne fängt unter akzeptablen Bedingungen wie aus reichendem Sonnenlicht, W ärm e, Luft und m it N ährstoffen bestückter Erde an zu keim en und wächst zu einer großen Pflanze heran. W enn ein H ühnerei angemessen bebrü te t wird, entwickelt sich nach wenigen W ochen ein Küken, das ungestüm die Schalen des Eis sprengt und sofort anfängt zu laufen, zu picken u nd natürlich auch zu fressen. Auch der M ensch trägt den D rang oder Trieb in sich, das zu realisieren, was in ihm steckt — und das ist seine universelle N atur. „Es gibt keine Entw icklung ohne Erbanlagen, deren G esam theit als G enotyp bezeichnet wird. Erbanlagen brauchen für ihre Entw icklung eine geeignete Umwelt, von der Befruchtung an in allen Lebenslagen“ (O erter S.34). N ach der Empfängnis übernehm en zunächst die Gene die Regie. In Auseinandersetzung m it den Einflüssen der Umwelt, in dem Fall vor allem m it der G ebärm utter, entwickelt sich ein neues Individuum . Die individuelle Besonderheit ist von Anfang an, sowohl von Seiten des G enom s als auch von Seiten der U m w elt gegeben. Die universelle N atu r des M enschen existiert im m er nur in den einzelnen Individuen. Genauso wenig wie es identische Fingerabdrücke, Augen oder Gesichter gibt, ist auch das Potential eines M enschen einem anderen gleich. Selbst eineiige Zwillinge sind bei aller Ä hnlichkeit keine Klone. Sie haben zwar das gleiche Erbgut, werden aber doch durch die unterschiedliche Entw icklung des G enom s u nd durch unterschiedliche Umwelteinflüsse zu eigenständigen, w enn auch m anchm al leicht verwechselbaren Individuen. N ach vier W ochen ist der Em bryo zwar nu r sechs bis acht M illim eter groß, aber schon bilden sich innere O rgane u nd die W ahrnehm ungsorgane wie Augen, O hren u nd M und sind zu erkennen. N ach acht W ochen kann m an erste Bewegungen der Arm e und Beine erkennen, und um die elfte W oche bewegt sich die H an d gezielt zum Gesicht. Ab dem dritten M onat — das wer dende K ind heiß t n un Fötus — wächst das G ehirn in einem ersten großen W achstum sschub. Das zentrale Nervensystem differenziert sich und die O rga 209 ne nehm en ihre Funktion auf. Gliazellen, die für die eigentlichen Nervenzellen vor allem stützende u nd isolierende Funktionen übernehm en, u nd N erven zellen verm ehren sich rapide. In der Z eit kurz vor der G eburt beginnt der zweite W achstum sschub des G ehirns. Die Nervenzellen differenzieren sich in starkem M aße und bilden viele Synapsen. D ie Schaltkreise zwischen G ehirn u nd Sinnesorganen begin nen zu arbeiten. Die grundlegende S truk tur des G ehirns u nd die m eisten Gehirnzellen sind n u n vorhanden. Die Anzahl der Gliazellen wächst in ähn lich großem Umfang. Diese Entw icklung setzt sich nach der G eburt fort und endet im dritten Lebensjahr (O erter S. 171 ff). Im Verlauf dieses Prozesses übern im m t nach und nach das G ehirn die en t scheidende Funktion. D er V erlauf der weiteren Entw icklung w ird jetzt vorran gig vom G ehirn gesteuert. Das bedeutet, dass n un auch im G ehirn das Streben nach einer universellen Entw icklung verankert sein muss. W erden dem K ind körperliche N ähe, G eborgenheit oder N ah rung ver weigert, entw ickelt es Gefühle der Bedrohung, des Verlassen u nd Ausgeliefert Seins. Anstelle des Ur-Vertrauens kann sich ein grundlegendes M isstrauen etablieren (W ikipedia Stufenm odell der psychosozialen Entw icklung 24.4.14). Allerdings gilt für die gesamte kindliche Entw icklung, dass eine positive Z uw endung und em otionale U nterstü tzung durch die E ltern oder andere erziehende Erwachsene eine zentrale Voraussetzung für das optim ale Aufwach sen des Kindes sind. Ab dem vierten M onat verm ag der Säugling Schauen und Greifen deutlich besser zu koordinieren, m it acht bis zehn M onaten kann er frei sitzen und sich durch Rollen, Rutschen oder Kriechen fortbewegen. M it dem Ende des ersten Lebensjahres kann er sich aufrichten, das Gleichgewicht halten u nd die ersten Schritte gehen. Jeder Entw icklungsschritt b ring t eine bessere K oordination von Sinnesorganen, Bewegungsaktivitäten und G ehirnstrukturen m it sich, u nd das N etz der Nervenzellen im G ehirn differenziert sich entsprechend der A ktivitäten des Säuglings. Das Laufen Lernen stellt für das kleine K ind einen zentralen Entw icklungs schritt dar. D enn n u n verm ag es eine gleichartige H altung wie ein Erwachse ner einzunehm en und gleichzeitig erlaubt es ihm einen größeren Überblick. Die Fähigkeit laufen zu können eröffnet ihm bis dahin ungeahnte neue M öglichkeiten seinen Bewegungsdrang auszuleben. Es kann rennen bis zur 210 Erschöpfung und durch Schaukeln oder Rutschen die G renzen der Schwer kraft austesten. Die neue Beweglichkeit fördert die Raum orientierung, erlaubt eine erweiterte A rt der U m w elterkundung und forciert die Entw icklung neuer kognitiver Fähigkeiten u nd Strategien der Problem lösung. A ußerdem werden auch für das em otionale u nd soziale Erleben neue Türen aufgestoßen. M it dem Erlernen der Sprache setzt ein erneuter Schub in der Entw icklung des Denkens ein. M it dem ersten G eburtsjahr w erden einzelne W örter gespro chen, m it anderthalb Jahren erreichen K inder die „magische 50-W örter-M arke“ (O erter S. 715). Ab diesem Z eitpunk t lernen sie W örter sehr viel schneller und beherrschen wenige M onate später einen W ortschatz von rund 200 W örtern. M it 16 Jahren verfügen sie über einen G rundw ortschatz von ungefähr 60 000 W örtern; d. h. das K ind lernt täglich neun neue W örter. Eine beeindruckende Leistung! (O erter S.719) M it dem Erreichen der „magischen 50-W örter-M arke“ werden auch die ersten W ortkom binationen gebildet, die in der Regel aus zwei W örtern beste hen, und oft nu r vor dem H in terg rund der G esam tsituation zu verstehen sind. M it zweieinhalb Jahren können K inder die ersten Sätze sprechen u nd m it vier beherrschen sie die w ichtigsten Satzkonstruktionen ihrer M uttersprache. D och erst m it ru n d acht Jahren verfügen K inder über ein Sprachwissen, das ihnen erlaubt über Sprache nachzudenken u nd G esetzm äßigkeiten zu erklären (O erter S.730 f). Es ist ein langer W eg vom ersten gesprochenen W ort bis zum kom petenten U m gang m it der M uttersprache. Die zentrale Tätigkeit, in der das K ind aktiv ist, in der es lernt, füh lt und spricht, in die es seine H offnungen u nd W ünsche legt, ist das Spiel. Es gibt zwar zahlreiche Theorien und Erklärungen, aber nach O erter weisen die meis ten Psychologen dem Spiel einen tieferen Sinn zu: „Es übern im m t Aufgaben der Lebensbewältigung zu einem Z eitpunkt, da andere Techniken u nd M ög lichkeiten noch n icht zur Verfügung stehen“ (O erter S.252). N ach W ygotski sucht das K ind im Spiel seine „unrealistischen“ W ünsche in einer eingebilde ten Phantasiewelt zu realisieren, da es noch n ich t möglich ist, seine W ünsche real umzusetzen. D och w enn es spielend groß und stark sein will wie der Vater oder erfolgreich wie die M utter, sind solche Spiele n ich t völlig ohne Realitäts gehalt; denn Vater oder M utter w erden im Spiel nachgeahm t m it der Absicht als Erwachsene so zu werden wie das idealisierte Vorbild. A ußerdem gehört es zum C harakter eines Spiels, dass K inder nahezu völlig au tonom — abgesehen 211 von der Absprache m it anderen K indern — über Zielsetzung, Bedingungen u nd Z eitraum entscheiden können. Insofern können K inder spielend ihr un i verselles Potential entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe einbringen. Sieht sich ein K ind beispielsweise als Superm ann, ist es stärker und klüger als alle Erwachsenen, u nd kann A rm en und Schwachen zu ihrem Recht verhelfen. Physikalische Gesetze spielen für es keine Rolle. Ein weiterer wesentlicher Schritt in der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist die Identifikation m it einem Geschlecht. N ach neueren E rkennt nissen gestaltet es seine Geschlechterrolle selbst in aktiver Auseinandersetzung m it seiner Umwelt. Dieser Prozess w ird über m ehrere Jahre in vier Schritten vollzogen. So können K inder um zwei Jahre die Geschlechter klar unterschei den u nd wissen welches Verhalten für die jeweiligen Geschlechter typisch ist. N achdem sich das K ind einem Geschlecht, das in der Regel das biologische Geschlecht ist, zugeordnet hat, bevorzugt es Verhaltensweisen, Vorbilder, Spie le und G egenstände, die zu dem gewählten Geschlecht passen. D er letzte Schritt, das Erreichen der sogenannten Geschlechterkonstanz, zieht sich über m ehrere Jahre h in u nd kann bis in die Pubertät fortdauern. D am it ist gem eint, dass sich das K ind endgültig einem Geschlecht zugeordnet hat u nd weiß, dass dies so bleibt, auch w enn Aktivitäten, Einstellungen oder äußere Erscheinung sich ändern oder sogar dagegen sprechen (vgl. O erter S. 268 ff). M it sechs Jahren kom m t das K ind in die Schule. In der körperlichen E n t w icklung hat es den ersten Gestaltwandel durchlaufen, hat zahlreiche Varian ten des Spielens erprobt u nd kann sich in seiner M uttersprache korrekt und differenziert ausdrücken. In der Entw icklung des D enkens hat es die Phase anschaulicher Denkprozesse überw unden und kann konkrete O perationen vollziehen; d. h. das D enken w ird unabhängiger von der konkreten W ahrneh m ung (vgl. Piaget 26.11.14). Das K ind zeigt eine ausgeprägte Leistungsm oti vation und w etteifert m it anderen K indern um Erfolg. Es gibt starke Konflikte zwischen Erfolgs und Misserfolgs Erw artungen (O erter S.793). M it der E ntdeckung des eigenen Ich, indem es sich im Spiegel als sich selbst erkennt, das im Z eitraum um 18 M onate auftritt u nd dem Ablegen des kindlichen Egozentrismus, w ährend dessen das K ind sich selbst u nd andere gleichsetzt, hat es die Voraussetzung erlangt um nach u nd nach Em pathie für die Personen seiner U m gebung zu entwickeln. 212 U m das sechste Lebensjahr beginnt auch die Auseinandersetzung m it N orm en. K inder hinterfragen jetzt A nordnungen der Erwachsenen, erwarten Begründungen und können un ter U m ständen ihre Berechtigung anzweifeln (O erter S.872). M it diesen Voraussetzungen kom m t das K ind in die Schule. W enn m an von Schulfähigkeit spricht, bedeutet dies, dass das K ind jetzt die A nforde rungen, die von der Schule gestellt werden, aller Voraussicht nach erfüllen kann. Bekanntlich scheitern auch ein n ich t unerheblicher Teil der K inder an den Zielsetzungen der Schule. Erikson form uliert dies in dem Gegensatz von W erksinn versus M inderwertigkeitsgefühl. K inder in diesem Alter wollen zeigen, dass sie etwas Nützliches u nd Gutes können; sie wollen in stärkerem M aße an der W elt der Erwachsenen teilnehm en. W erden sie in diesem Bem ü hen n icht ernst genom m en, überfordert oder überschätzen sie sich selbst, kann es zu bleibenden M inderw ertigkeitsgefühlen kom m en (Erikson S.3). Die Interaktionsform en der Schule unterscheiden sich deutlich von denen in der Familie. In der Familie darf das K ind seine Individualität in einer ein maligen sozialen K onstellation in der Regel in starkem M aß ausleben. In der Schule ist es einem allgemeinen Regelsystem unterw orfen, das für alle Schüler gilt und das oft verlangt, individuelle Bedürfnisse zurückzunehm en oder auf zuschieben. Die zentralen K ulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Frem d sprachen stehen jetzt im M ittelpunkt. Vor allem die Schriftsprache ist von großer B edeutung u nd n im m t großen Einfluss au f die kognitive Entwicklung. Ü berhaupt ist die Schule ab dem Z eitpunk t des Schuleintritts der wichtigste Faktor für die Entw icklung der Persönlichkeit, ob es sich n u n um die soge nann ten Sekundärtugenden wie Fleiß oder Zuverlässigkeit, um M otivations prozesse oder Berufsperspektiven handelt (O erter S .277 ff). Schon in der Kita, aber vor allem in der Schule, werden Gleichaltrige zu w ichtigen Bezugspersonen. U nter Gleichaltrigen können sich K inder im Unterschied zu der K om m unikation m it Erwachsenen als Gleichberechtigte verhalten. Dies stärkt die B edeutung von G leichheit u nd G erechtigkeit und bereichert das Selbstverständnis. Als M itglied einer G ruppe sieht sich das K ind höher angesehen, besonders w enn die G ruppe selber einen hohen Status hat; die G ruppenm itglieder spiegeln u nd potenzieren das Selbstverständnis der Einzelnen. 213 U nabhängig von der Zugehörigkeit zu einer G ruppe findet sich bei allen K indern schon frühzeitig ein ausgeprägtes fürsorgendes Sozialverhalten. Bereits m ir drei Jahren versuchen sie andere Kinder, die weinen, zu trösten, indem sie m anchm al sogar das Lieblingsspielzeug anbieten. Im G rundschulalter werden die H ilfsangebote ausgeprägter, denn ab diesem Z eitraum nutzen sie verstärkt die Sprache um Trost zu spenden. Im Rahm en von stabilen sozialen Beziehungen wie Kita, E lterngruppen oder beruflichen B indungen der E ltern entstehen zwischen K indern Freund schaften. W enn sie sich im gem einsam en Spiel verlieren, wachsen G em ein sam keiten und Gefühle der Zusam m engehörigkeit. W ährend der Schulzeit werden Freundschaften in der Regel von einem ausgeglichenen G eben und N ehm en bestim m t, allerdings werden auch Aggressionen nach dem gleichen Prinzip ausgetauscht (O erter S.295 ff). Aus den bisherigen Beschreibungen w ird deutlich, wie vielfältig u nd kom plex die Entw icklungen sind, die K inder durchlaufen. Spätestens hier stellt sich die Frage, welche D ynam ik diesen Prozess vorantreibt. W arum bleiben K inder n ich t an irgend einem Punkt stehen? Was ja in Ausnahm efällen durch aus passiert. Aber dies ist n ich t die Regel. D er große M ann der Entwicklungspsychologie, Jean Piaget, der vor allem die geistige Entw icklung in ihren unterschiedlichen Stadien un tersucht hat, beantw ortet die Frage m it seinem Konzept der „Ä quilibration“. Das bedeu tet das Streben nach Gleichgewicht. Sobald es dem nach zu einem Konflikt oder W iderspruch zwischen Realität und dem bestehenden kognitiven System kom m t, sieht sich das K ind gezwungen, das System so zu ändern, dass die W idersprüche integriert werden können. N u n ist es ohne Frage für K inder wie Erwachsene sinnvoll und produktiv, w enn sie über ein D enken verfügen, das m öglichst flexibel alle Inform ationen in einem angemessen kom plexen System aufnehm en kann. Andererseits leben K inder und Erwachsene, verm utlich alle Erwachsene, durchaus ein sinnvolles Leben, obw ohl in ihrem K opf die größten W idersprüche nebeneinander exis tieren. M an denke nur an die zahlreichen Konflikte zwischen Religion und Naturw issenschaften oder die unzähligen U ngereim theiten zwischen W eltan schauung, M oralvorstellungen u nd Alltagsleben. D am it w ird deutlich, dass das Streben nach Gleichgewicht n u r ein m om entaner und untergeordneter Prozess sein kann. U nd selbst w enn sich 214 W idersprüche n ich t sofort oder gar n ich t auflösen lassen: Das Leben und die Entw icklung gehen weiter. Es m uss also ein viel tiefer liegender und m ächtig vorantreibender Im puls sein, der die Entw icklung des Kindes forciert. Es gibt keinen Zweifel: Schon m it der Verschmelzung von Sam en und Eizelle entfaltet das universelle Vermögen, das in den G enen der Keimzellen angelegt ist, seine W irkung. M it der G eburt und M onate später übern im m t das G ehirn das Steuer. K inder wollen ihr universelles Potential realisierten und dazu m üssen sie zunächst einmal erwachsen werden. Sie wollen die W elt verstehen, fühlen und in ihr tätig werden. W er hätte als Erwachsener n icht schon mal vor der überw ältigenden A ktivität, den scheinbar grenzenlosen Gefühlsausbrüchen und dem n ich t zu stillenden W issensdurst der K inder die Waffen gestreckt? 215 23. Jugendliche-Identitätbilden Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren, M ädchen zwei Jahre früher, wachsen in einen deutlichen Schub, wobei sich n icht alle Körperteile synchron en t wickeln. H ände und Arm e, Füße u nd Beine und der K opf eilen dem R um pf voraus, w odurch die schlaksigen und ungelenken Bewegungen entstehen, die für dieses Alter typisch sind. D och die hauptsächlichen V eränderungen des Körpers entwickeln sich aufgrund einer außerordentlichen horm onellen U m stellung im Bereich des Geschlechts. Von 12 bis 16 Jahren wachsen beim Jungen Penis, H oden, H odensack und die Vorsteherdrüse. Er erlebt die erste E jakulation und den Stim m bruch. Bald darauf wachsen Achselhaare, Schamhaare und Bart. D er Stimmwechsel wird manifest. Beim M ädchen runden sich ab 10 Jahren die H üften und die Brüste beginnen sich zu entwickeln. M it 11 Jahren wachsen Schamhaare, Eierstö cke, G ebärm utter, Vagina u nd Scham lippen. G latte Scham haare w erden nun gelockt. M it ru n d 15 Jahren kom m en Achselhaare und die Brüste entwickeln sich zu ihrer erwachsenen Form. Das Sexualverhalten entwickelt sich in einem kom plexen Zusam m enspiel von körperlichen, vor allem horm onellen Faktoren und kulturellen Gegeben heiten, die Aufklärung, sexuelle A nregungen und soziale K ontakte, die zu erotischen A nnäherungen führen, bereit halten können. Es sind aber auch oft kulturelle K onstellationen, die ein negatives Frauenbild verbreiten und sexuelle K ontakte außerhalb der Institu tion Ehe missbilligen oder sogar unter Strafe stellen. N im m t m an die Selbstbefriedigung als Indiz für das W irken des erwachen den Sexualtriebes, oder wie Freud sagen würde, der genitalen Sexualität, so zeigt sich ein erstaunlicher W iderspruch zwischen m ännlichen u nd weiblichen Jugendlichen. O bw ohl bei M ädchen die Pubertät ein bis zwei Jahre früher ein setzt, beginnt das Praktizieren der Selbstbefriedigung erst m it 15 Jahren, also zwei Jahre später als bei Jungen. W enn auch unterschiedliche Erklärungen für diese Frage vorgelegt werden, so scheint es m ir doch auf der H an d zu liegen, dass die unterschiedlichen Rollenzuschreibungen für M änner und Frauen die Erklärung für das zögerliche Verhalten der M ädchen liefern. N ach wie vor 217 ist es für M ädchen und Frauen n ich t selbstverständlich ihre Sexualität aktiv auszuleben, u nd w enn sie es trotzdem tun, sind sie ganz schnell als N u tten abgestempelt. Bei der A ufnahm e sexueller K ontakte liegen das W issen über sexuelle Zusam m enhänge und das Verhalten oft weit auseinander. So w ird der erste Koitus bei ru n d einem D rittel der M ädchen und der H älfte der Jungen ohne hinreichende V erhütung vollzogen. Viele Jugendliche glauben, dass m an n icht so einfach schwanger werden könne, und vor allem sehen sie sich als eine besondere Persönlichkeit, die quasi kraft eigenem Selbstverständnis einen Unfall wie eine Schwangerschaft ausschließen kann (O erter S.345) D am it sind wir bei dem zentralen Them a des Jugendalters: N ach O erter w ird m it dem Begriff der Iden tität das Besondere dieser Lebensphase gekenn zeichnet. D em nach wird un ter Iden tität die einzigartige Persönlichkeitsstruk tu r verstanden, die Selbsterkenntnis und das Bild, das andere von dieser Per sönlichkeit haben, einschließen. Ä hnlich wie Iden tität m ein t auch das Selbst das W esentliche einer Person, den Kern der Persönlichkeit (O erter S.346). Ein so zentraler Begriff wie das Selbst w ird naturgem äß von den u n ter schiedlichsten W issenschaftlern aufgegriffen u nd gedeutet. Sowohl Philoso phen von Heidegger bis Sartre, als auch Psychologen wie M aslow oder Rogers haben diesem Begriff seine jeweilige spezielle D eu tung gegeben. M ir scheint vor allem wichtig, dass in der Vorstellung des Selbst der gegenwärtige „wie ich b in “, der zukünftige „wie ich sein m öchte“ u nd der soziale Aspekt „wie andere m ich sehen“ unterschieden w ird (O erter S.347). Das bedeutet, dass in dieser K onzeption ständig D ynam ik und Entw icklung zwischen den unterschied lichen Aspekten stattfindet. Bedeutet denn n u n die Z uschreibung von Identitätsentw icklung au f die Jugend, dass K inder noch keine Identität, noch kein Selbst haben? Sind K in der noch keine Persönlichkeiten? W enn m an den Begriff der Persönlichkeit für das erwachsene, entwickelte Individuum reservieren will, dann kann m an bei K indern noch n ich t von Persönlichkeit sprechen, allenfalls von einer k ind lichen Persönlichkeit. W ährend K inder versuchen ihre universelle N atu r zu realisieren, indem sie sich auf die unm ittelbare U m gebung beziehen, Vorbilder in G estalt einzelner Personen suchen und einfach nur in der gegebenen W elt erwachsen werden wollen, entw ickelt der Jugendliche ein Ideal, eine Vorstellung wie die W elt 218 zu sein hat. G egenüber dem Bezug au f die unm ittelbar gegebene U m gebung dom iniert n un die D istanz und die B etonung der eigenen universellen M ög lichkeit. Aus dem W iderspruch zwischen der realen W elt u nd dem eigenen Ideal erwächst der A nspruch, die W irklichkeit entsprechend umzugestalten. D a dies in der Regel n icht so läuft, füh lt sich der Jugendliche in seinem Bestreben von der W elt n icht anerkannt. „So w ird der Friede, in welchem das K ind m it der W elt lebt, vom Jüngling gebrochen“(Hegel Bd 10 S.83). D er Zukunftsaspekt in der Identitätsentw icklung m uss dem nach neben der Frage nach der individuellen Z ukunft „wie m öchte ich sein“ auch die Frage nach der Z ukunft gesellschaftlicher Entw icklung „wie soll Gesellschaft aussehen“ en t halten. In der Psychologie w ird die Betonung der eigenen universellen M öglich keit und den daraus erwachsenden ideellen Vorstellungen unter der These des Jugend-Egozentrism us diskutiert, die besagt, dass sich der Jugendliche als M itte lpunk t u nd einmalige Persönlichkeit sieht (vgl. O erter S.345). W ährend einige psychologische und philosophische Ansätze und oft auch die öffentliche M einung eher von einer konfliktreichen Entw icklung in der Jugendzeit ausgehen, kom m en em pirische U ntersuchungen zu ganz anderen Ergebnissen. In einer breit angelegten Befragung von ru n d 6000 Jugendlichen in zehn Ländern gibt die überwiegende M ehrzahl der Jugendlichen an, keine tiefergehenden Problem e zu haben. V ielm ehr fühlen sie sich w ohl in ihrem sozialen Um feld u nd schätzen ihre persönliche Identität positiv ein. Was ihre Berufsorientierung, ihre Beziehung zu Eltern u nd sozialem Um feld angeht, schauen sie optim istisch in die Z ukunft (O erter S. 349). Es ist allerdings fraglich, ob m an im Rahm en einer Fragebogenaktion eine so komplexe Genese wie die Entw icklung der Identität überhaupt erfassen kann. Sind doch gerade Einm aligkeit und Individualität Eigenschaften, die Iden tität ausm achen. Im Rahm en von speziell entw ickelten Interviews hat M arcia den Probanden Fragen über das Ausm aß von V erpflichtung in Berei chen wie B eruf oder Religion gestellt u nd konnte dadurch die Entw icklung von Iden tität differenziert erfassen. D em nach kom m t es nach einer Krise, die durch W idersprüche, U nsicherheit oder auch Rebellion gekennzeichnet ist, zu einer Phase der Exploration, in der nach Lösungen gesucht wird. D abei wer den graduelle Entwicklungsstufen sichtbar, die von einer „diffusen Iden titä t“, in der keine Festlegung au f Beruf oder W erte erfolgt, über eine „übernom m ene 219 Iden titä t“, in der Probanden die Entscheidungen von den Eltern übernehm en, bis zu der „erarbeiteten Iden titä t“, in der W ert- und Berufsentscheidungen nach eigener W ahl getroffen w erden (O erter S.351 ff). Diese Differenzierung m acht deutlich, dass die Entw icklung zu einer ausgeglichenen, stim m igen Iden tität auch scheitern oder au f einem diffusen Stand stagnieren kann. Viele A utoren gehen davon aus, dass Jugendliche sich zwischen unvereinbaren Zielen u nd sich w idersprechenden W erten zurecht finden müssen. D er W iderspruch gilt als M otor der Persönlichkeitsentwick lung. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass den K onflikten auf der Ebene der Iden tität der weitaus tiefer liegende W iderspruch zwischen dem universel len Potential und den realen G egebenheiten zugrunde liegt. Aus ihm gibt es kein E ntkom m en; er ist unser Schicksal und er begleitet uns von der Zeugung bis zum Tod. „M it 17 hat m an noch Träume . . . “, singt Peggy M arch in einem deutschen Schlager aus den 60er Jahren. Träume von Liebe und Lust, Freiheit und U nab hängigkeit, Feiern und Reisen. Das Leben liegt vor einem u nd bietet noch alle C hancen und M öglichkeiten. D er Alltag scheint keine Rolle zu spielen und Alter und Tod liegen in unwirkliches Ferne. „M it 17 hat m an noch Träume . . . “, m uss n ich t bedeuten, dass erwachsene oder alte M enschen keine Träume m ehr haben, aber die Träume der Jugend haben den Glanz des Universellen. Alles scheint möglich. M an kann die W elt aus den Angeln heben. M it dem Einsetzen der Pubertät streben Jugendliche nach größerer U nab hängigkeit, was unweigerlich zu m ehr D istanz gegenüber der Familie u nd zur M issachtung der elterlichen A utorität führt. D ie M einung der Freunde kann nun wichtiger w erden als Vorgaben von Vater oder M utter. Die dram atischen V eränderungen am eigenen Körper und die dam it einhergehenden psychischen Konflikte können auch Gefahren m it sich bringen, w enn Jugendliche ihre Grenzen austesten wollen und m it D rogen experim entieren oder in kriminelle M ilieus abrutschen. Das heiß t nun nicht, dass die Familie keine Rolle m ehr spielt. W enn die Eltern in der Lage sind sich au f die neuen Befindlichkeiten der Jugendlichen einzustellen, kann dies gew innbringend für alle Seiten sein. Das Bestreben nach größerer Unabhängigkeit m uss n ich t prinzipiell zu m ehr D istanz gegenüber der Familie führen. D ie G ruppe der Gleichaltrigen und G leichgesinnten, die sogenannte Peer group, spielt für Jugendliche im Ü bergang zu Erwachsenen eine besondere 220 Rolle. Sie suchen im Ablöseprozess vom Elternhaus neue Bezugspersonen und experim entieren m it neuen Form en der Beziehung. „Die Gleichaltrigen gewährleisten in den Beziehungen besser als Erwachsene die M om ente von G leichheit und Toleranz“(O erter S.369). G leichheit bedeutet die U nter schiede der einzelnen Jugendlichen zu tolerieren, was au f der anderen Seite berechtigt die eigenen Anliegen durchzusetzen. A uf diese Weise entwickeln sich universelle Gerechtigkeitsvorstellungen. Souveränität erleben Jugendliche als M öglichkeit der Selbstdarstellung, der Verfolgung persönlicher Ziele, und da dies oft auch die Ziele der G ruppe sind, als Stärkung gegenüber anderen G ruppen oder der Familie. Im Zusam m enhang der Peergroups entwickeln sich zwischen einzelnen Jugendlichen tiefere u nd festere Beziehungen — es kom m t zu Freundschaften. D a Jugendliche m it zunehm ender Selbstreflektion sich als einmalige Person erkennen, brauchen sie ein Gegenüber, dem sie sich offenbaren können. D urch die wechselseitige Bestätigung entstehen V ertrauen und Verlässlichkeit, und die Entw icklung der Iden tität w ird gefestigt. Die Peergroup selber unterliegt einer allm ählichen W andlung. W ährend in der frühen Adoleszenz, also ab 14 Jahren, die C liquen gleichgeschlechtlich und voneinander isoliert agieren, entstehen bald gemischte G ruppen von Jun gen u nd M ädchen, die in m ehr oder weniger engem K ontakt untereinander stehen. W ährend der späten Adoleszenz, ab etwa 18 Jahren, lösen sich die G ruppen zu G unsten einer losen G ruppierung befreundeter Paare zunehm end au f (vgl. O erter S.381). A uch die Schule spielt im Leben des Jugendlichen nach wie vor eine große Rolle und hat beträchtliche A uswirkungen für die Entw icklung seiner Identität. M ag das Streben nach größerer Unabhängigkeit auch eine D istanz zur Schule m it sich bringen, so werden doch Eigenschaften wie A nstrengung, Fleiß und Fähigkeiten von der Schule geprägt und dam it Teil der jugendlichen Identität. N u r wer sich diese Eigenschaften selbst zuschreibt u nd praktiziert, kann sicher sein die erwartete Leistung auch in Z u kunft zu bewältigen. Erst dadurch kann der Jugendliche eine stabile Iden titä t entwickeln. D er W echsel von der Schule in den Beruf stellt einen tiefgreifenden E in schnitt dar. W ährend Schule als vorbereitende Phase im m er noch eine gewisse Leichtigkeit haben kann, beginnt m it dem E in tritt in das Berufsleben endgül tig der Ernst des Lebens. N u r wer einen B eruf ausübt, bzw. wer arbeitet, ist ein 221 vollwertiges M itglied der Gesellschaft. A uf diese Weise sind A usbildung und Beruf unm ittelbar m it der Entw icklung der Iden titä t verknüpft. Es kom m t also jetzt für den Jugendlichen darauf an die eigenen Interessen, W ünsche und Fähigkeiten m it den Gegebenheiten des Arbeitsm arktes abzu gleichen. Schüler der 10. Schulstufe, die eine Lehre anstreben, m üssen sich im Laufe dieses Schuljahres entscheiden: Schüler, die m it dem A bitur abschließen wollen, haben drei weitere Jahre Zeit. Schon w ährend der Schulzeit, aber spätestens m it dem E in tritt in das Berufsleben m achen sich die unterschiedlichen Voraussetzungen, die Jugend liche m itbringen, bemerkbar. Sowohl was die schon erreichte Q ualifikation, der ausgebildete G rad der Identität, als auch die U nterstü tzung durch Familie u nd Eltern betrifft, gehen die Jugendlichen jetzt sehr unterschiedliche Wege. Die Palette reicht von den erfolgreichen Karrieren in Stud ium u nd Beruf bis zu den Jugendlichen, die diverse Lehren im m er wieder abbrechen u nd nur schwer im Berufsleben Fuß fassen können. In allen Fällen ist ausschlaggebend, in welchem M aß die Familie angemessen m it dem Jugendlichen um gehen kann. Ist das vorherrschende Klim a durch harm onische In teraktion u nd p ro duktives Austragen von K onflikten geprägt, ist der Jugendliche in der Regel auch im Ü bergang zum B eruf erfolgreich. H errscht dagegen eine autoritäre Konfliktregelung vor und füh lt sich der Jugendliche bevorm undet, scheitern viele Jugendliche w ährend der Ausbildung. G lobal gesehen ist un ter W issenschaftlern ziem lich um stritten, welchen Stellenwert die Jugend als eigenständige Entwicklungsphase zwischen K in dern u nd Erwachsenen hat, bzw. ob sie überhaupt als gleichwertiger Abschnitt in der Entw icklung des M enschen angesehen werden kann. So geht M agaret M ead in ihrem kulturanthropologischen Ansatz davon aus, dass sich in soge nann ten statischen Gesellschaften, in denen V eränderungen sich sehr langsam vollziehen, der Ü bergang vom K ind zum Erwachsenen m it E in tritt der Puber tät durch Rituale schnell und m it freudiger E rw artung vollzieht, ohne dass es zu einer längeren Zeit m it andauernden Krisen und K onflikten kom m t. Eine „Sturm und D rang“ Periode bleibt aus. Andererseits w ird schon in Keilschrifttafeln aus Ur um 2000 v. u. Z . über die zuchtlose und heruntergekom m ene Jugend geklagt, und w enn Sokrates spricht, m ein t m an einen schlecht gelaunten Vater von heute zu hören: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte M anieren, verachtet 222 die A utorität, ha t keinen Respekt vor den älteren Leuten u nd schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer“ (Sokrates um 440 v. u. Z .). W ir wissen nicht, welche Jugendliche Sokrates im Blick hatte, junge Sklaven konn ten sich die beschriebenen Verhaltensweisen wohl kaum leisten. Eine eigenständige Phase für die große M ehrheit der Jugendlichen bil dete sich jedenfalls erst m it den veränderten sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in Folge der Industriellen Revolution heraus. „Jugend w ird zur Zeitspanne, die von Erwerbsarbeit freisetzt u nd - n ich t n u r privilegierten G ruppen — den institu tionellen Z ugang zu A usbildung und Vorbereitung auf A nforderungen der Lebensbewältigung erm öglicht“ (O erter S. 311). 223 24. Erwachsene - Persönlichkeit entwickeln M it dem Erwachsen W erden rücken Partnerschaft u nd Elternschaft in den M ittelpunkt. A uch w enn w ährend der Jugendzeit m it alternativen Lebens m odellen experim entiert wurde, werden jetzt in der Regel Partnerschaft und vertrauensvolle soziale Beziehungen favorisiert. G elingt es dem jungen Er wachsenen n ich t stabile Beziehungen aufzubauen, drohen Selbst- Bezogenheit, soziale Isolierung u nd im schlim m sten Falle Hass au f die M itm enschen. Bei der Partnerwahl w ird in der Regel danach getrachtet „in den eigenen Kreisen“ zu heiraten, wobei Frauen dazu tendieren den E hepartner in „besse ren Kreisen“ zu suchen. Für Frauen ist wichtig, dass der M ann genügend Res sourcen bereit stellen kann, dam it auch K inder angemessen abgesichert sind, denn die V erantw ortung für sie tragen in der Regel noch im m er die Frauen. Im Zuge der studentischen Revolution im Laufe der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts hat sich im H inblick au f das Z usam m enleben in der Familie vieles grundlegend geändert. D ie verkrustete Sexualmoral w urde libera lisiert, Unverheiratete leben als Paare, die Scheidungsraten stiegen. Die Frauen em anzipierten sich, engagierten sich in stärkerem M aß in der Bildung und im Berufsleben und forderten von den M ännern die M itarbeit in H aushalt und Kindererziehung. Auch M inderheiten wie Schwule u nd Lesben verlangten die A chtung ihrer M enschenrechte und die A nerkennung ihrer Lebensweise. D och tro tz aller V eränderungen bleiben K inder wichtige Eckpunkte für die Lebensplanung von Frauen u nd M ännern. Allerdings ist heute n icht m ehr der W unsch nach späterer Versorgung durch die K inder das ausschlaggebende Motiv, sondern das Zusam m enleben m it ihnen steht im V ordergrund. Kinder werden als Q uelle persönlichen Glücks und em otionaler Bereicherung erfah ren. Für die m eisten Erwachsenen ist die G eburt eines Kindes, vor allem des ers ten Kindes, ein m arkanter E inschnitt. Schwangerschaft, G eburt u nd die erste Zeit m it dem N eugeborenen bringen große H erausforderungen m it sich und erfordern weitreichende neue O rientierungen im H inblick au f Partnerschaft, Verwandtschaft u nd Freundeskreis. Auch die alltägliche Lebensgestaltung muss sich dem R hythm us des Kindes anpassen. D er Verlauf der Elternschaft 225 kann sowohl ein Anreiz sein die neuen H erausforderungen m it Bravour zu bewältigen als auch zu Krisen u nd K onflikten führen. Ein wichtiger Punkt für eine erfolgreiche Bewältigung der neuen Situation liegt in der Rolle der Väter. Zeigen sie A nteilnahm e an der Schwangerschaft, u nd beteiligen sie sich aktiv an der Vorbereitung der G eburt, erleben auch die M ütter diese Z eit eher positiv und befriedigend. Zeigen die Partner dagegen kein Interesse oder gar A blehnung bleiben die M ütter oft verunsichert. Sie reagieren ablehnend au f die ersten Bewegungen des Kindes im M utterleib und zeigen wenig Bereitschaft ihr K ind zu stillen. Bei Eltern, die offen m iteinander kom m unizierten, ihre sexuellen Vorlieben ansprachen u nd zärtlich m iteinan der um gingen, waren auch die Beziehungen zu dem K ind durchweg positiv gestim m t (O erter S.417). U nter den A nforderungen der Elternschaft m achen die M ütter in der Regel die größeren Kompromisse. A ufgrund der starren Strukturen des Arbeitsm arktes u nd häufig noch fehlender Plätze in K indertagesstätten oder anderen U nterbringungsm öglichkeiten sehen sich die Frauen gezwungen ihre beruflichen Ziele zurückzustecken u nd die Alltagsarbeit m it den K indern zu übernehm en. Die vorherrschende M utterideologie, die eine umfassende und selbstlose M utterliebe abfordert, u nd die finanzielle Abhängigkeit vom Partner, w enn die eigene Berufstätigkeit aufgegeben oder eingeschränkt wurde, tragen das ihre dazu bei, dass die M ütter sich wenig wertgeschätzt und sozial isoliert fühlen. A uch w enn sie die neue Lebenssituation als Freiraum schätzen können u nd durch die V erantw ortung für die K inder neue Fähigkeiten erwerben, birgt die O rien tierung au f D ienstleistungen für die Familie die Gefahr, dass sie lang fristig au f diese einseitige Aufgabe festgelegt werden. Erwerbstätige M ütter lassen sich zwar n ich t au f Fam ilienarbeit beschränken, sind aber durch H aushalt, E rziehung der K inder und berufliche A nforderun gen dreifach belastet und geraten dadurch oft an die Grenzen ihrer Kapazitäten. „Sie leben im Spagat zwischen zwei Lebenswelten. Ein Einstellungswandel hat zwar auch bei den M ännern schon eingesetzt, er ist jedoch n u r ausgesprochen zögerlich handlungsleitend“ (O erter S.420). K om m en noch weitere Problem e hinzu wie fehlende Betreuungsm öglichkeiten, ungünstige W ohnverhältnisse oder finanzielle Belastungen, dann w ird die Partnerschaft schon m al au f eine harte Probe gestellt. 226 In vielerlei Hinsicht spielt die berufliche Arbeit eine Hauptrolle im Leben der Erwachsenen. Schon in ihren Familien haben sie mitbekommen, in welchem Ausmaß die berufliche Stellung der Eltern die materielle Situation und das soziale Ansehen der Familie geprägt hat. Auch die für den Beruf relevanten Werte wie Fleiß, Pünktlichkeit, Disziplin oder Erfolgsorientierung werden in der Familie vermittelt. „Die Erfahrungen früherer Generationen m it der Arbeitswelt werden also in der Familie übermittelt und wirken in dem folgenden Generationen fort“ (Oerter S.423). Besonders deutlich zeigt sich dies im Zusammenhang zwischen Schichtzugehö rigkeit und Bildungszielen. So wünschen sich sozial Benachteiligte zwar eine bessere Zukunft für ihre Kinder, halten aber zu 52 Prozent den Mittleren Schulabschluss für ausreichend, während in höheren Schichten 90 Prozent der Eltern das Abitur für ihre Sprösslinge anstreben (Berl. Zeitung 12.3.15). W enn Lehrer immer wieder betonen, dass nicht für die Schule, sondern für das Leben gelernt wird, meinen sie vor allem das Erwerbsleben. Spätestens m it dem neunten und zehnten Schuljahr wird den meisten Schülern klar, welche Bedeutung Schullaufbahn und Zeugnisse für die nun anstehende Entscheidung der Berufsfin dung haben. Schüler, die das Abitur anstreben, können diese Entscheidung noch einige Jahre hinausschieben, und können in der Regel nach einem entsprechenden Studium die gewünschten Berufe ergreifen. Auch andere Schüler, die Abitur oder den Mittleren Schulabschluss erfolgreich hinter sich gebracht haben, bekommen meist den gewünschten Lehrvertrag. Dagegen haben Schüler, die während ihrer Schulzeit überwiegend Misserfolge erlebt haben, auch Probleme beim Übergang in die Arbeitswelt. Standen zuerst ihre Interessen und entsprechende Berufswünsche im Vordergrund, ging es bald nur noch darum überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen. Was in Schule und Ausbildung angebahnt wird, setzt sich im späteren Berufs leben fort. Nach einer für Deutschland repräsentativen Gallup-Umfrage über das berufliche Engagement sind 15 Prozent der 33,4 Millionen Beschäftigten m it ihrer Arbeit zufrieden. Sie empfinden ihr Gehalt als angemessen, identifizieren sich mit ihrem Unternehmen und leisten in der Regel m ehr als von ihnen verlangt wird. Am anderen Ende der Skala stehen ebenfalls 15 Prozent, die bereits innerlich gekündigt haben. Sie werden von ihren Vorgesetzten nicht wertgeschätzt und sehen in ihrem Unternehmen kein Weiterkommen. Sie stehen unter Stress und fühlen sich unglück lich m it ihrer Arbeit. Die große Gruppe von 70 Prozent bewegt sich zwischen diesen beiden Extremen. Die Mitarbeiter erledigen ihre Aufgaben mal m it mehr mal m it weniger Engage 227 m ent und haben allenfalls eine geringe Bindung an ihr Unternehmen (Berl. Zeitung 11.3.14). Sicherlich spielen für die Zufriedenheit am Arbeitsplatz viele Faktoren eine Rolle: Die Führungsqualität der Vorgesetzten, die Höhe des Lohns, Aufstiegsmöglichkeiten, der Umgang der Mitarbeiter untereinander, die wirtschaftliche Situation des Unter nehmens und nicht zuletzt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. In verschiedenen Untersuchungen wird deutlich, dass es vor allem auf die jeweiligen Gestaltungsmög lichkeiten ankommt, die aus einem Beschäftigten einen zufriedenen Mitarbeiter machen. Das bedeutet angemessene Anforderungen und eigene Gestaltungs- und Entscheidungsmöglichkeiten sind wichtige Voraussetzungen (vgl. Oerter S.425 ff). Wie wichtig die Arbeit trotz aller Krisen und Widersprüche als sinngebendes Element für die Persönlichkeitsentwicklung ist, zeigt sich bei Menschen, die keine Arbeit haben. Arbeitslose erleben ihre Situation neben den materiellen Verlusten in der Regel als Stigmatisierung und Ausgrenzung. Sie empfinden Gefühle von Nie dergeschlagenheit, Angst, Stress und Schwinden des Selbstwertgefühls bis hin zur Depression. Schließlich wird der lebenslange Einfluss der Arbeit auch dann deutlich, wenn Menschen ihre Berufstätigkeit hinter sich lassen. W enn schon im Beruf Entschei dungen erforderlich und Planungen realisiert wurden, wird auch die Zeit nach der Berufstätigkeit aktiv gestaltet. Das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit hat sich durch Internet, H andy und Co drastisch verändert. Unter dem Druck neoliberalen Wirtschaftens wird oft eine ständige Verfügbarkeit erwartet und so steht oft auch die Freizeit unter dem Diktat beruflicher Zwänge. Es ist deutlich geworden, dass ein Erwachsener vor der nicht einfachen Aufgabe steht eine Balance zwischen den verschiedenen Bereichen seines Lebens zu finden. Beruf, Haushalt, Erziehung der Kinder, Erholung in der freien Zeit und gesellschaft liche oder politische Einflussnahme müssen unter einen H ut gebracht werden. Erfahrungsgemäß stellt dies Frauen, die in der Regel noch immer die Hauptver antwortung für die Kinder übernehmen, vor ganz andere Herausforderungen als Männer. Gelingt dem Einzelnen - jedem auf seine Weise - diese Balance, dann kann man davon ausgehen, dass er seine universellen Möglichkeiten nach bestem Wissen und m it besten Kräften umgesetzt hat. Er hat sein Glück gefunden und ist zu einer Persönlichkeit geworden. 228 25. Alte - Weisheit praktizieren „M it 66 Jahren, da fängt das Leben an M it 66Jahren, da hat m an Spaß daran M it 66 Jahren, da kom m t m an erst in Schuss M it 66 Jahren ist noch lange n ich t Schluss.“ In seinem Schlager m acht Udo Jürgens deutlich, dass die Z eit nach der Berufs tätigkeit neue Perspektiven eröffnet. D ie Zwänge des Berufs und oft auch die V erantw ortung für die K inder haben sich erledigt, u nd R entner oder Pensionä re können sich ganz ihren Interessen u nd N eigungen hingeben. Die Situation der Alten ist geradezu eine Paradebeispiel um zu zeigen, welche Potentiale selbst noch im Alter in den M enschen stecken. Die universelle E nt wicklungsmöglichkeit bekom m t einen neuen weiteren Realisierungsschub und erm öglicht ihnen neue Aufgaben zu bewältigen. In seiner Kolum ne (Berl. Zei tung 27.3.15) weist Karl-Heinz Karisch darauf hin, dass „Alter ein Gewinn ist, eine Lebensphase m it neuen Fähigkeiten und Interessen“. Auch G ehirnkrank heiten wie D em enz und Alzheimer würden seltener auftreten, da die grauen Zellen aktiv bleiben, w enn sie entsprechend genutzt würden. W ährend über lange Zeit das Alter m it Krankheit, Hinfälligkeit, Verlust an Realitätstüchtigkeit und der Vorbereitung au f das nahende Ende assoziiert wurde, sind heute m ehr die neuen Chancen und Betätigungsmöglichkeiten im Focus. N achdem in den Industrieländern die Lebenserwartung deutlich gestie gen ist, und zwei Drittel der M enschen 70 Jahre und älter werden, sind die Alten leistungsfähiger denn je. Die 80jährigen entsprechen heute den 60jährigen von vor zwanzig Jahren. Sie werden alt ohne alt zu sein (vgl. W estendorp 2015). Dass wir im m er älter werden ist inzwischen eine Binsenweisheit. N ich t zufällig beschreiben Sozialpolitiker den demographischen W andel in bedrohlichen Sze narien und warnen vor dem Zusam m enbruch der Renten- und Sozialsysteme. O b M enschen sich alt fühlen hängt weniger vom tatsächlichen Alter ab, als von den gesellschaftlichen Bedingungen, die m it dem Alter zusamm enhängen. So sind eine deutliche Verschlechterung des Einkom m ens und gesundheitliche Probleme verbunden m it Einschränkungen der Aktivität und M obilität Fakto ren, die eher dazu führen, dass M enschen sich „alt“ fühlen (O erter S.448/449). 229 Selbst die Z uordnung zu einer bestim m ten G eneration sagt weniger über das gefühlte Alter aus als individuelle Umstände. Deutliche Unterschiede scheint es zwischen den sogenannten „jungen A lten“ und den „alten A lten“ zu geben, wobei die Grenze zwischen beiden G ruppen bei 75 Jahren liegt. Aber selbst in Fällen, bei denen m it 75 Jahren die kognitiven Leistungen abgefallen waren, wurde deutlich, dass durch entsprechendes Trai ning das alte Leistungsniveau wieder erreicht werden konnte (O erter S. 458). Die Entwicklungspsychologen sprechen von einem „Zufriedenheitsparadox“ und sind erstaunt, dass sich die Alten wohl fühlen, obwohl sie doch angesichts der „Massaker des Alterns“ in ständige Depression verfallen müssten. Sie erklären sich diesen W iderspruch durch die Feststellung, dass die Alten über ein breites Spektrum „lindernder Bewältigungsreaktionen“ verfügen, indem sie neue Stan dards in der Selbstbewertung setzen, nicht (mehr) erreichbare Ziele aufgeben oder zunächst bedrohliche Inform ationen um deuten (O erter S. 485). Allerdings sollte m an bedenken, dass auch schon Kinder oder Erwachsene diese M echanis m en anwenden, nur dass verm utlich durch die Erfahrungen eines langen Lebens diese Verhaltensweisen ausgefeilter und vielfältiger werden. Seit jeher wird m it dem Alter W eisheit assoziiert. Traditionell sind m it wei sen M enschen eher herausragende Persönlichkeiten gemeint, die in sich ruhen, Gelassenheit ausstrahlen, dem Streben nach M acht, Karriere und R uhm entsagt und die Angst vor Krankheit, Alter und Tod überw unden haben. M anchm al wird auch von weisen Herrschern gesprochen, die in der Lage waren, die unter schiedlichen Interessen zwischen den sozialen Schichten und ihren verschiede nen Völkern angemessen auszubalancieren und den Frieden zu wahren. Für Erikson bedeutet W eisheit vor allem sein Leben m it all seinen Erfol gen, Fehlern und Schicksalsschlägen anzunehm en, die glücklichen M om ente zu erkennen und zu schätzen, und sich auf dieser Grundlage m it seinem Ende aus einanderzusetzen. Angst vor dem Tod und Verzweiflung werden auf diese Weise vielleicht nicht überw unden, aber auf ein menschliches und dam it erträgliches M aß reduziert. W eisheit erlangt, wer die V erantwortung für sein Leben über nim m t. Volle V erantwortung bedeutet meines Erachtens aber auch, die Illusion aufzugeben, wir hätten irgendwo noch ein zweites ewiges Leben, in dem es keine Probleme und keine V erantwortung gibt und wo wir selig vor uns hindäm m ern. W ir haben nur diese eine Erde und dieses eine Leben. 230 Ausstieg Zweifellos sind m eine Ü berlegungen zur m enschlichen N atu r in mancherlei H insicht ziemliche spekulativ. D och bin ich davon überzeugt, dass die G rund idee von dem universellen Potential der M enschen in sich stim m ig ist, denn die vielfältigen Entw icklungen in der Geschichte der M enschheit sind nur er klärbar, w enn m an ein entsprechendes Potential voraussetzt. In der V erknüp fung der m enschlichen N atu r m it der Entw icklung von historisch erkäm pften Freiheitsräum en bleiben allerdings Fragen offen. W enn gewisse Freiheiten unabdingbar zur m enschlichen N atu r gehören, so hat es doch Jahrhunderte, w enn n ich t Jahrtausende gedauert bis Entw icklungen wie die attische D em o kratie oder die individuelle Freiheit der Bürger realisiert werden konnten . M it Sicherheit haben M enschen in allen historischen S ituationen mal m ehr mal weniger für ihre Freiheiten gekämpft, doch nur die beiden genannten sind welthistorisch bedeutsam geworden. W enn in diesem Zusam m enhang der V orw urf eines eurozentrischen D en kens n icht von der H an d zu weisen ist, so ist es aber nun einm al Tatsache, dass diese beiden genannten Entw icklungen in Europa stattgefunden haben, auch w enn wir diese Errungenschaften n ich t einer besonderen Begabung der Europäer zu verdanken haben, sondern den geographischen u nd politischen Bedingungen, welche die M enschen in Europa vorgefunden haben. Sie hatten einfach m ehr Glück. A uch w enn alle Völker mal m ehr mal weniger ihren Bei trag zu m enschlichen K ultur geleistet haben, was die Entw icklung von Frei heiten angeht, gingen die entscheidenden Im pulse von Europa aus. Sowohl die D em okratie in A then als auch die Entw icklung der Bürger- u nd M enschen rechte in K om bination m it einem durch Volkssouveränität, Gew altenteilung und geschriebenen Gesetzen dem okratisierten Staat sind Früchte europäischer Käm pfe für Freiheit und Selbstbestim m ung. A m wenigsten fundiert sind m eine Ü berlegungen zur G enom struktur des M enschen. Dass eine wie auch im m er geartete universelle Entw icklungsm ög lichkeit in den G enen verankert sein muss, ist eine logische Schlussfolgerung, die ich aber em pirisch n ich t beweisen kann. W eder b in ich G enetiker oder Biologe, noch ist die G enetik so weit, dass sie einen solchen Beweis erbringen könnte. Die W issenschaftler haben gerade mal das A lphabet bzw. die Buch- 231 stabenfolge des m enschlichen G enom s entschlüsselt u nd können einzelne W örter lesen, sind aber vom Verständnis einzelner Sätze oder gar der ganzen Geschichte noch weit entfernt. M an kann sich also n u r in G eduld üben und hoffen, dass die G enetik w eiterhin so erfolgreich voranschreitet wie in den letzten Jahren. Im letzten Kapitel ging es um die individuelle Entw icklung. Ich bin davon überzeugt, dass m an weder die Geschichte noch die Entw icklung des Individu ums verstehen kann, w enn m an die grundlegende Triebstruktur des M enschen außer A cht lässt: U nd diese ist das universelle Potential in Auseinandersetzung m it den vorgefundenen geschichtlichen u nd sozialen Gegebenheiten. 232 Literatur A rendt H annah , Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. M ünchen 1982 Bardi Ugo, Der geplünderte Planet. M ünchen 2013 Bauer Joachim , Warum ich fühle, was du fühlst. 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Z ürich 1954 235 Über den Autor Bernhard Uhrig, Jahrgang 1950, w urde als Sohn einer W inzerfam ilie an der W einstraße geboren. In der Pfalz wuchs er auf, lernte einiges über den A nbau und den Genuss von W einen, studierte do rt und absolvierte das 1.Staatsexam en für das Lehram t an G rund- und H auptschulen. Im Alter von 25 Jahren brach er nach Berlin au f und schloss in einem Auf baustud ium an der damaligen Pädagogischen H ochschule m it dem D iplom der Pädagogik ab. D ort hörte er auch den Professor für Philosophie, Friedrich Tomberg, dem er die grundlegende Idee für sein Buch verdankt. Im Anschluss unterrichtete er in diversen E inrichtungen der außerschuli schen Bildung, um dann ru n d 25 Jahre an einer G rundschule in Berlin N eu kölln, in der N ähe des quirligen Herm annplatzes, die Schüler der fünften und sechsten Klassen für D eutsch, Geschichte und Erdkunde zu begeistern. Was m al m ehr m al weniger gelang. Er versucht sich über das Besondere des M enschen, über den Kern der m enschlichen N atur, Klarheit zu verschaffen. D afür ergaben sich aus der Aus einandersetzung m it seinen Schülern erhellende Lernprozesse für ihn selbst. 237

Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.

References
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Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.