Teil III. Wohin gehen wir? in:

Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?, page 81 - 200

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172-81

Tectum, Baden-Baden
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T eil III. Woh in gehen w ir? 13. Jäger und Sammler - Die Ausbreitung des Menschen Die folgenden Überlegungen erweisen sich als ziem lich schwierig u nd sind aufgrund unterschiedlicher wissenschaftlicher Auffassungen u nd kaum vor handenen M aterials sehr spekulativ. Die erste Frage, die sich stellt, ist welches sind die entscheidenden Epochen der m enschlichen Geschichte? Je nach welt anschaulichem S tandpunkt, wissenschaftlichem Ansatz oder Sicht der jeweili gen Fachwissenschaft fällt die B eantw ortung dieser Frage sehr unterschiedlich aus. Eng dam it verbunden ist die Frage, was das W esentliche der jeweiligen Epoche ausmacht, was w iederum bedeutet, wesentlich für uns heutige M en schen und von zentraler B edeutung für unser jetziges Leben. W ährend der vorletzten Eiszeit, der sog. Saale-Kaltzeit, vor ru n d 160 000 Jahren lebten in der Afar-Senke im heutigen Ä thiopien eine Population von M enschen, die derzeit als die ältesten Repräsentanten des m odernen M enschen gelten (vgl. Dawkins, S. 101). W eitere Fossilien von H om o sapiens w urden in H öhlen Südafrikas gefunden u nd au f ein Alter von 120 000 Jahren eingestuft. Aus dem zeitlichen Unterschied lässt sich die V erm utung schließen, dass die M enschen entlang der ostafrikanischen Küste vom heutigen Ä thiopien bis ins südliche Afrika gew andert sind. D er W eg entlang der Küste scheint als W anderweg sehr attraktiv gewesen zu sein, da die N ahrung aus dem Meer, wie M uscheln, Schnecken und Fische eine wichtige Bereicherung für die Speise karte von H om o sapiens darstellte. Dies w ird im m er w ieder durch die Funde von großen M engen M uschelschalen und Schneckenhäusern bestätigt. Im übrigen passt der W anderweg ins südliche Afrika sehr gut zur sogenann ten Flaschenhalstheorie. Diese besagt aufgrund von Berechnungen der M uta tionsrate, dass das gesamte m enschliche G enom so klein ist, — beispielsweise im Vergleich zu dem G enom der Schim pansen — dass alle heute lebenden M enschen von einer G ruppe von wenigen hundert Individuen abstam m en müssen. Es m uss also in der Entw icklung von H om o sapiens einen dram ati schen Engpass gegeben haben u nd unsere A rt stand vor dem Aussterben. Die Ursache w ird in einem gewaltigen V ulkanausbruch des Toba auf Sum atra vor 74 000 Jahren verm utet. Diese Theorie w ird in der W issenschaft un ter dem 83 Begriff ,Toba-K atastrophe‘ diskutiert, ist aber sehr um stritten (W ikipedia vom 11 . 12 . 12 , Toba-Katastrophe). W ahrscheinlicher u nd näherliegend ist die A nnahm e, dass die vorletzte Eiszeit, die vor ru n d 200 000 Jahren begann u nd ru n d 80 000 Jahre dauerte, die Lebensbedingungen unserer Vorfahren dram atisch verschlechterten. D er Archäologe C.W . M arean beschreibt das Klim a in Afrika für diese Z eit als kühl und trocken. Die W üstenzonen waren viel weiter ausgedehnt und für M enschen unbew ohnbar. Von über zehntausend erwachsenen Individuen haben wohl gerade einige hundert überlebt (vgl. C.W . M arean, Spektrum der W issenschaft 12/10). Als Zufluchtsstätte für die dezim ierten M enschengruppen eignete sich nach M arean vor allem die südafrikanische Küste. A uf diesem Küstenstreifen leben im Verhältnis viele verschiedenartige Pflanzen, und vor allem solche, die unterschiedliche Speicherorgane ausbilden, wie Knollen, Zwiebeln oder Speicherwurzeln. A ußerdem treffen vor der südafrikanischen Küste der kalte Benguela Strom und der warm e Agulhas Strom aufeinander u nd schaffen op ti male Bedingungen für M uschelbänke, Schneckenkolonien u nd Krebse. Vor diesem H in terg rund untersuchten M arean und sein südafrikanischer Kollege Peter Nilssen m ehrere H öhlen au f der wild zerklüfteten Landzunge Pinnacle Point bei der K leinstadt Mossel Bay an der Südküste Afrikas. U nd in der Tat konnten die beiden W issenschaftler aufgrund diverser Funde, wie M uschelschalen und Schneckenhäuser, aber auch H erdstellen und Steinwerk zeugen nachweisen, dass die H öhlen im Z eitraum von 164 000 bis 35 000 Jah ren nahezu ununterbrochen besiedelt waren. U nd n icht n u r das: Es w urden auch eindeutige Hinweise für eine kulturelle Entw icklung gefunden. D a sich die Gezeiten im Laufe des Tages verschieben u nd Springniedrigwasser nu r bei einer bestim m ten K onstellation von Sonne u nd M ond stattfindet, m üssen die M enschen eine A rt Kalender geführt haben, um die optim alen Z eitpunkte für die Ernte von M uscheln und Schnecken zu bestim m en. A ußerdem w urde eine H itzebehandlung von G esteinen nach gewiesen, um feine und scharfe Klingen für W erkzeuge herzustellen. A uch die H erstellung von roter Farbe für kultische Zwecke u nd das Sam m eln von besonders schönen Schneckenhäusern zeugen davon, dass die M enschen die große B edeutung des Meeres für ihr Ü berleben in ihre W eltan schauung u nd ihre Rituale einbezogen haben. 84 W enn auch kaum vorstellbar ist, dass au f dem riesigen afrikanischen K onti n en t n u r an der südafrikanischen Küste Bedingungen geherrscht haben sollen, die menschliches Leben erm öglichten, so ist doch bisher kein anderer O rt für den Z eitraum der vorletzten Eiszeit von 200 000 bis 120 000 Jahren gefunden worden, an dem H om o sapiens seine Spuren hinterlassen hätte. Vor rund 100 000 Jahren sind G ruppen von H om o sapiens von Afrika in den N ahen O sten gewandert. D ie Schätzungen schwanken im Z eitraum von vor 150 000 (Dawkins S. 96) bis 60 000 Jahren (Reicholf S. 230). Die ersten Fossilien des m odernen M enschen außerhalb Afrikas sind in einer H öhle im Karm el-Gebirge und in der N ähe von N azareth gefunden w orden. Die ältesten von ihnen w urden au f ein Alter von 110 000 Jahren geschätzt. D anach wurde über m ehrere zehntausend Jahre weder an diesen Fundstellen noch anderswo Spuren m enschlichen Lebens entdeckt. Entw eder die M enschen starben aus, w anderten zurück nach Afrika oder die Spuren sind heute vom M eer bedeckt. W enn die M enschen entlang der Küsten w anderten, sind ihre Spuren heute vom M eer begraben, da aufgrund der Eisschmelze der Meeresspiegel heute deutlich höher liegt als vor 100 000 Jahren. M erkwürdigerweise finden sich die ersten Funde wieder in Australien, zir ka 1000 km westlich von Sydney. A m Lake M ungo entdeckte Jim Bowler die Fossilien eines M enschen, der „M ungo 3“ genannt wird. Sein Alter w urde auf 40 000 Jahre berechnet. U nterhalb dieser Fundstelle w urden aus einer tieferen Sedim entschicht m enschliche W erkzeuge ausgegraben, die sogar au f ein Alter von 60 000 Jahren datiert wurden. Som it hätten die M enschen innerhalb von 2000 G enerationen seit sie Afrika verlassen haben, die Strecke vom N ahen O sten bis Australien bewäl tigt. M an muss allerdings n icht davon ausgehen, dass sie zielgerichtet dorth in gew andert sind. V ielm ehr reicht es aus sich vorzustellen, dass einzelne G rup pen ihren A ktionsradius innerhalb einer G eneration um ein paar Kilom eter verschoben haben (W ikipedia, Ausbreitung des M enschen, 10.12.12). U m aber nach Australien zu gelangen, m ussten die M enschen in der Lage gewesen sein einfache Wasserfahrzeuge wie Flöße zu bauen, denn Australien war w ährend dieses Zeitraum s niemals m it der Inselbrücke Indonesien ver bunden . Australien u nd N euseeland befinden sich auf einer eigenen Festland scholle und sind durch m ehrere Tiefseegräben von der chinesischen Platte getrennt. 85 W ie prim itiv auch im m er die Wasserfahrzeuge gewesen sein m ögen, m üs sen sie doch hochseetüchtig gewesen sein um W ind u nd W ellen standzuhalten. A ußerdem muss eine A rt von Steuerung vorhanden gewesen sein um ein sicht bares Ziel wie die nächstgelegene Insel anzusteuern. A ußerordentlich erstaun lich ist die Fähigkeit sich zu orientieren, w enn das nächste Ziel außerhalb der Sichtweite lag. H aben die damaligen M enschen sich in diesem Fall dem Zufall überlassen oder sind sie einfach die erprobte H aup trich tung nach Süden bzw. Südwesten weitergefahren? N och m ehr in Erstaunen gerät m an bei der Frage, wie sie ihre Fahrzeuge vorwärts bewegt haben. Benutzten sie einfache Paddel oder haben sie möglicherweise schon eine A rt Segel benutzt? W ie auch im m er m an diese Ü berfahrten beurteilen mag, setzen sie doch planerische Intelligenz u nd gewisse technische Fähigkeiten und Erfahrungen m it Ström ungen, W ind und W ellen voraus. Sie m achen deutlich, dass H om o sapiens die Potentiale seines G ehirns und seiner Sprache sehr w ohl genutzt hat um die anstehenden Probleme zu lösen und sein Leben zu gestalten. In diesem Zusam m enhang stellt sich doch auch die Frage, was ihn über haup t veranlasst hat sich au f das M eer zu begeben und dort sein Leben zu riskieren? W aren es A benteuerlust, N eugier oder die südliche Sonne und die lange zurückliegende E rinnerung an die afrikanische Heimat? W ir wissen es n icht ! Ein Bevölkerungsdruck durch zu viele nachw andernde M enschen kann es in A nbetracht der damaligen Anzahl von Individuen kaum gewesen sein. A ußerdem hätten in diesem Fall die G ruppen im m er noch nach N orden, in das nördlichere Ostasien ausweichen können, was andere G ruppen denn auch getan haben. D ort m ussten sie keine Meere überqueren. Aber Australien erlebte n ich t n u r im H inblick au f die erfolgreiche Ü ber querung des Meeres und der anschließenden Besiedlung durch H om o sapiens eine Premiere, sondern auch in einer eher katastrophalen H insicht. M it dem Eintreffen des M enschen verschwanden viele australische G roßtiere von der Bildfläche. U nter anderem lebten in Australien Riesenkängeruhs, nashorn ähnliche Beuteltiere, Beutel-‘Leoparden’, große straußenähnliche Vögel und riesige Reptilien und Eidechsen (D iam ond, A rm u nd Reich, S. 54 ff). Die Tiere kannten den M ensch als Jäger n ich t und waren deshalb ihm gegenüber zutraulich und zahm, wie dies heute noch in unbew ohnten oder spät besiedel ten G ebieten, wie z. B. au f den Galapagosinseln der Fall ist. 86 Die M enschen m üssen diesen U m stand gnadenlos ausgenutzt haben, so dass die G roßtiere kurz nach ihrer A nkunft ausgerottet waren. In der W issen schaft w ird dieser Zusam m enhang unter dem Begriff der sogenannten O ver kill — H ypothese diskutiert. In jedem Fall m acht dieser Sachverhalt deutlich, dass es ein goldenes Zeitalter, in dem der M ensch im E inklang m it der N atu r gelebt hat, nie gegeben hat, und dass die M enschen die Angebote der N atu r im m er m it vollen H änden genom m en haben ohne groß etwaige Folgen zu bedenken. Zusam m enfassend kann m an festhalten, dass die M enschen in m ehreren Jahrzehnten beginnend vor ru n d 100 000 Jahren von Afrika aus den N ahen O sten u nd Südostasien bis Australien besiedelt haben. Dabei ist um stritten, ob er W eg nach Asien über die Sinai — H albinsel geführt hat oder durch den Süden der arabischen H albinsel und die Straße von H orm us. So w urden im Jem en Steinwerkzeuge im A lter von 80 000 und 125 000 Jahren gefunden. Jedoch fehlen bisher die Fossilien der W erkzeugmacher, verm utlich weil der Meeresspiegel heute viel höher liegt und deshalb die m eisten Zeugnisse der Ausbreitung nach Asien vom Indischen O zean begraben sind. Genetische Analysen zeigen jedoch, dass Südostasien m it Indien und C hina im Z eitraum von 80 000 bis 30 000 Jahren in m indestens zwei W ellen besiedelt wurde. Irgendw ann kam en die M enschen dann im N orden an eine erste Grenze als sie die Hochgebirge des H indukusch, H im alaya und Tian Shan erreichten. Im Süden bildeten die Meere erst des Indischen u nd dann des Pazifischen Ozeans die erste große Barriere (W ikipedia, Ausbreitung des M enschen, 10.12.12). Vor ru n d 40 000 Jahren kam H om o sapiens nach Südeuropa und siedelte vor allem im heutigen Frankreich u nd Spanien. N ach den ersten Funden im Jahr 1868 im Abri de C ro-M agnon an der D ordogne w ird er auch Cro M agnon M ensch genannt. Bekannt geworden ist er durch die beeindruckenden und plastischen H öhlenm alereien, wie beispielsweise in den H öhlen von Lascaux und Altam ira. Die Bilder zeigen Pferde, Auerochsen, H irsche u nd andere Tiere, die gejagt w urden, in expressiver Lebendigkeit. Kleine Figuren aus Elfenbein, Stein oder K nochen w urden vor allem in H öhlen auf der Schwäbischen Alb gefunden, auch Frauenstatuetten wie die Venus vom H ohlen Fels. Außerdem lagen dort auch K nochenflöten aus der Speiche eines Singschwans und eines 87 Gänsegeiers begraben. Bilder, S tatuetten und M usikinstrum ente weisen auf ausgeprägte kulturelle oder kultische Betätigungen hin. N eben m enschlichen Ü berresten wie K nochen, Schädel und Z ähnen w ur de typische W erkzeuge beschrieben: Projektilspitzen aus K nochen und Elfen bein w urde verm utlich als Speerspitzen benutzt. Stichel und lange schmale Klingen, die häufig an den Längsseiten wie tailliert geform t sind, w urden aus Feuerstein hergestellt. Vor allem m ehrteilige Werkzeuge, die aus m ehreren Elem enten bestehen und zusam m engebunden oder verleim t sind, wie Speere, die aus einer Knochenspitze und einem Holzschaft oder Beile, die aus einem Feuerstein und einem Holzstiel zusamm engesetzt sind, fallen auf. In ihrer G esam theit w ird diese Kulturstufe, die vor 40 000 bis 30 000 Jahren über ganz W est-M ittel- und Südeuropa verbreitet war, Aurignacien genannt. A ufgrund ihrer außerordentlichen B edeutung in der Entw icklung von H om o sapiens bezeichnet J. D iam ond diese Phase als den „großen Sprung nach vorn“, der sich dadurch auszeichnet, dass „sich zur m odernen A natom ie jetzt auch m odernes innovatives Verhalten gesellt hatte“ (D iam ond, D er dritte Schim panse, S. 64). D och wie kam es zu dieser kulturellen Blüte und vor allem w oher kam en diese ersten Europäer? H om o sapiens betrat näm lich plötzlich, ohne dass in der Z eit davor irgendwelche Spuren gefunden w urden, und in großer Zahl die Bühne Europas. Sein Erscheinen stellte die Geschichtswissenschaftler vor ein Rätsel:“Es m u tet uns an, als sei der neue M ensch aus dem N ichts hervor getreten“ (Propyläen W eltgeschichte Bd. 1, S. 195). Entgegen der naheliegenden V erm utung, das H om o sapiens aus dem Süden entlang der M ittelm eerküste eingew andert sei, sprechen die Fakten eine ande re Sprache. Er kom m t aus dem N orden nach M itteleuropa. „Die ältesten Vor kom m en jungpaläolithischer Kulturen fanden sich jedenfalls an der Peripherie eines ausgedehnten nordeurasiatischen Gebietes, dessen südliche Begrenzung ungefähr die Linie Baltikum — Kaspisee — N ordrand der asiatischen H o ch gebirge - O stsibirien ist“ (Propyläen, S. 197). In diesem Raum hatten die verschiedenen G ruppen ungestört von Einflüs sen anderer M enschengruppen ausreichend Z eit die Entw icklung ihrer W erk zeuge, G ebrauchsgüter und kultureller Bräuche voranzutreiben. Verm utlich sahen sich diese M enschen dann aufgrund der zunehm enden Kälte und Ver gletscherung der letzten Eiszeit gezwungen nach Süden abzuwandern, kam en 88 nach M itteleuropa und entfalteten ihre Kultur. Dies hätte dann den E indruck erweckt, als wäre sie urplötzlich aus dem N ichts entstanden. A ufgrund der herausragenden B edeutung kann m an schon von einem großen Sprung nach vorn sprechen, allerdings kam er n ich t aus heiterem H im m el, sondern war sozusagen von langer H an d vorbereitet. W enn es aber zutrifft, dass diese M enschengruppen aus dem N ordosten eingewandert sind, stellt sich sofort die Frage, wie sie dahin gekom m en sind. W enn die Siedler aus Afrika sich zunächst über Südostasien ausbreiteten, müssen sie nach einigen Jahrzehnten einen W eg gefunden haben, die großen asiatischen H ochgebirge Him alaya und H indukusch zu durchqueren. Diese M enschen hätten sich dann in einer ganz anderen ökologischen U m welt wie dergefunden u nd sich m it ihren Waffen, W erkzeugen, Jagd- u nd Sam m eltech niken u nd kulturellen Bräuchen auf die neuen Bedingungen einstellen müssen. Im Z eitraum von 30 000 bis 20 000 Jahren w urde O stsibirien besiedelt und vor rund 12 000 Jahren w anderten die M enschen über die Beringstraße nach Am erika ein. A ufgrund des tiefer liegenden Meeresspiegels gab es damals eine Landbrücke zwischen O stsibirien u nd Alaska und zu diesem Z eitpunk t hatte sich das Eis soweit zurückgezogen, dass eine Passage au f dem Landweg m ög lich war. Genetische Analysen zeigen, dass zehn bis zwanzig einw andernde Individuen ausreichen w ürden um die in Am erika anzutreffende genetische Vielfalt zu erklären (W ikipedia, Ausbreitung d. M .,10.12.12). Die A nköm m linge in A m erika waren die Vorfahren der Indianer u nd w er den von den Archäologen Clovis-M enschen genannt, da ihre Steinwerkzeuge, vor allem Speerspitzen, zum ersten M al bei der Stadt Clovis in der N ähe der texanischen Grenze gefunden w urden. Später w urden diese W erkzeuge an vielen anderen Stellen au f dem am erikanischen K ontinen t ausgegraben, und Funde in Chile beweisen, dass diese M enschen in der erstaunlichen Z eit von nu r tausend Jahren die Südspitze Südamerikas erreicht haben. N ach der D urchquerung der Eisschilde der Beringstraße und Kanadas müssen die E inw anderer geglaubt haben, sie seien im Paradies angekom m en. In den ausgedehnten Prärien, die vor ihnen lagen, w im m elte es von G roß tieren aller Art. Es gab M am m ute und M astodonten, riesige Bodenfaultiere und Gürteltiere, Säbelzahnkatzen, Geparde, Löwen, Kamele, Pferde u nd viele andere A rten. D ie Clovis-Jäger zückten ihre Speere u nd das D ram a nahm sei nen Lauf. 89 Es klingt noch unglaublicher und erstaunlicher als die W anderung bis zur Südspitze Südamerikas in n u r tausend Jahren: Im gleichen Z eitraum haben die M enschen 73 Prozent der G roßsäugetierarten in N ordam erika und sogar 80 Prozent in Südam erika ausgerottet. D iam ond n en n t den D urchm arsch nach dem Geowissenschaftler Paul M artin einen „Blitzkrieg“ (D iam ond, D er dritte Schim panse, S424 ff). Es ist das gleiche D ram a, das sich in Australien u nd vielen Inseln des ind i schen und pazifischen Ozeans abspielte. Die Tiere kannten den M enschen als Jäger n icht und waren ihm gegenüber zutraulich, nahezu zahm . N u r so lässt sich erklären, dass die M enschen ein derartiges Schlachtfest veranstalten konnten. Im Zuge der sogenannten austronesischen Expansion w urden im Z eitraum von vor 5000 bis 3000 Jahren von Taiwan ausgehend die Philippinen, Indone sien und die m eisten pazifischen Inseln bis Samoa besiedelt. N ach einer Pause von 1500 waren dann alle polynesischen und m ikronesischen Inseln bew ohnt, au f denen für M enschen geeignete Lebensbedingungen herrschten. D ie m odernen M enschen besiedelten jeden erreichbaren W inkel der Erde u nd überw anden dabei viele H indernisse: Gebirge u nd Flüsse, heiße W üsten u nd Eiswüsten, schließlich sogar das Meer. Es scheint, als w ollten sie ihr un i verselles Potential realisieren, indem sie alle W eltgegenden besiedelten, indem sie den zur Verfügung stehenden R aum eroberten. M ögen es im einzelnen konkrete Anlässe gewesen sein, w arum eine G ruppe weiterzog: K rankheiten oder N aturkatastrophen, wie Vulkanausbrüche, Ü ber schw em m ungen oder Trockenheit, Vorrücken der Eismassen, G ruppendruck durch nachrückende W anderer oder Überjagen des alten Reviers, sie allein sind keine hinreichende Erklärung, w arum M enschen bereit waren, große Risiken au f sich zu nehm en, einen unbekannten W eg zu beschreiten ohne zu wissen, welche Gefahren ihnen möglicherweise am nächsten Tag, in der nächsten N ach t drohten. Einzelne W anderungen m ögen durch lokale oder zufällige Faktoren aus gelöst w orden sein, doch im Ganzen gesehen setzt die Inbesitznahm e der Erde ein Potential voraus, das grenzenlose Neugier, umfangreiches W issen über die natürlichen Lebensbedingungen u nd dafür geeignete Techniken des Überlebens, hohe soziale K om petenz im U m gang m it der G ruppe m it einer 90 entschlossenen Tatkraft verbindet. Diese M enschen verfügten über ein un i verselles Vermögen. Sie sind in der Lage sich in einem M aß an klim atisch u nd geographisch unterschiedliche Bedingungen anzupassen, wie es keinem anderen Lebewesen au f der Erde je möglich war. U nd vor allem: Sie passen sich n ich t an, indem sie ihr E rbgut verändern und sich im Zuge evolutionärer Entw icklung an neue Bedingungen anpassen, sondern sie entwickeln im gesellschaftlichen Raum einer G ruppe neue Technologien, die veränderten geographischen oder kli m atischen Bedingungen angemessen sind. Sie nehm en das H eft selbst in die H and . Sie w erden selbst die Erzeuger von Veränderungen. U nd das können sie nu r D ank ihres universellen Potentials. D och schon in den Anfängen der m enschlichen Geschichte tritt auch die dunkle Seite der universellen Befähigung deutlich zu Tage: Indem der M ensch Tiere jagt und dabei in Australien, A m erika und vielen anderen O rten der W elt viele T ierarten ausrottet, w ird deutlich, dass dieses Potential für die Um welt und für die tierischen M itbew ohner unserer Erde katastrophale oder sogar tödliche Folgen haben kann. W enn auch die dam aligen M enschen die Folgen ihres Tuns in ihrer Tragweite wohl n ich t überblicken konnten , so zeigen die Blitzkriege gegen die N atu r doch schon am A nfang der Geschichte, welche verheerenden A uswirkungen menschliches H andeln oft hat. In jedem Fall w ird deutlich, dass alle Vorstellungen von edlen W ilden, die in H arm onie m it der N atu r lebten, von fernen goldenen Zeitaltern, paradie sischen Z uständen, oder urkom m unistischen G em einschaften an den harten Fakten der gesellschaftlichen Entw icklung zerschellen und lediglich als Pro jektion unserer eigenen N atu r in die geschichtliche Entw icklung verstanden werden können. So sehr wir sie uns auch w ünschen, sie können n ich t wirklich werden. Für uns heutige M enschen ist es n ich t m ehr m öglich die Zelte abzubrechen und sie einfach ein paar K ilom eter weiter w ieder aufzubauen u nd sich dort w ohnlich einzurichten. Jeder W inkel der Erde, der sich auch n u r einigerm a ßen zum Leben oder auch nur zum Ü berleben eignet, ist bew ohnt. Unsere Spezies war sehr erfolgreich, hat das Angesicht der Erde geprägt, und kein anderes Lebewesen hat die Erde nachhaltiger verändert als w ir M enschen. Die alljährlichen Urlaubsreisen für diejenigen, die es sich leisten können, der D rang nach fernen, exotischen Ländern, der A benteuerurlaub oder die 91 Cam pingreise an die Ostsee scheinen wie ein blasser Traum von längst vergan genen Zeiten. Die Sehnsucht ist geblieben, die historischen Konstellationen haben sich grundlegend geändert. A uch der D rang zum M eer scheint bis in diese ferne Zeiten zurückzurei chen. Die m eisten M enschen leben am Meer, viele große Städte und M etropo le liegen direkt an der Küste und was wäre ein Urlaub ohne ein Bad im M eer u nd ein Sonnenbad am Strand? Als die M enschen sich vor ru n d 100 000 Jahren aufm achten und von A fri ka aus die Erde besiedelten, sind sie in der Regel an den M eeresküsten entlang gezogen. V ielleicht um sich zu orientieren, vor allem aber um die Speisekarte zu erweitern: Fische, Krustentiere u nd M uscheln waren eine w illkom m ene N ahrung und am M eer ohne größeren Aufwand verfügbar. D och w enn im V erlauf des Klimawandels der Meeresspiegel ansteigt, w ird das Leben an den Küsten zunehm end gefährlich. Die damaligen M enschen konn ten sich einfach zurückziehen oder weiter w andern. W ir heutigen M en schen haben dort Häuser, Industrieanlagen und H äfen gebaut. Die K üsten bew ohner könn ten n u r unter großen Verlusten zurückweichen, w enn n ich t im H interland auch schon M enschen w ohnten. W ir sitzen fest. Als der W irbelsturm „Sandy“ über die O stküste der USA fegte, standen Teile N ew Yorks w ochenlang un ter Wasser. Viele E inw ohner hatten mehrere Tage in herbstlicher Kälte keinen Strom , U -B ahnen u nd andere Tunnel waren vollgelaufen u nd die bekannte N ew Yorker Geschäftigkeit kam zum Erliegen. U nd N ew York m ag hier nur als Beispiel für zahlreiche andere M etropole rund um die Erde stehen, für die ein W irbelsturm in K om bination m it dem steigen den Meeresspiegel verheerende Folgen haben wird. In den N iederlanden liegt ein G roßteil des Landes unterhalb des M eeres spiegels. Ü ber Jahrhunderte haben die Bewohner dem M eer getrotzt u nd m it unzähligen Deichen, Kanälen, riesigen Staudäm m en, Pum pen u nd Schleusen das M eer ferngehalten oder sogar neues Land erobert. D er niederländische A rchitekt Keen O lthus geht inzwischen neue Wege, verbündet sich m it dem M eer und entw irft W ohnanlagen, die au f dem Wasser schw im m en und bei Hochwasser m it dem Wasser steigen. So bau t er bei D en H aag den ersten schw im m enden A partm ent-K om plex Europas m it 600 W ohnungen. Die H äuser stehen auf einer Basis aus Beton und Styropor u nd können bei Bedarf auch an einen anderen O rt geschleppt werden. 92 D er A rchitekt bau t aber auch für Länder der dritten W elt, die viel m ehr vom M eeresanstieg betroffen sind u nd sich teure W ohnanlagen kaum leisten können. So berät er die Regierung der M alediven über den A ufbau von künst lichen Inseln, dam it — so die H offnung — die ru n d 300 000 Einw ohner des Inselstaates in ihrer vertrauten U m gebung bleiben können. Schreitet näm lich der Anstieg des Meeresspiegels in der bisherigen G eschwindigkeit fort, werden viele der 2000 Inseln in den nächsten Jahrzehnten unbew ohnbar werden. Die künstlichen Inseln werden wie Ö lplattform en m it Stahlseilen am M eeresbo den verankert und können einem steigenden Wasserspiegel angepasst werden. Sie schw im m en im Schutz von Atollen, den ringförm igen Korallenriffen und sind so vor den rauen W ellen des Ozeans geschützt. Soweit die Pläne (vgl. Berl. Z eitung vom 5./6 .1 . 13). All dies m acht deutlich: A uf der Erde ist es eng geworden und der drohende M eeresanstieg und die dam it verbundene Ü berflu tung großer Küstenbereiche werden die Problem e extrem verschärfen. W enn auch au f der Erde der zur Verfügung stehende R aum für m enschli ches Leben ausgeschöpft scheint, so ist die M enschheit derzeit erfolgreich dabei einen alten Traum zu realisieren: D en A ufbruch in den W eltraum . Zunächst einm al stellte schon der erste Schritt, das Verlassen der Erdatm osphäre, die Ingenieure vor große Schwierigkeiten. Es musste näm lich ein Antrieb gefun den werden, der große Lasten gegen die A nziehungskraft der Erde in den W elt raum zu transportieren verm ochte. Bisher kann dies n u r eine Rakete, die nach dem M ehrstufenprinzip gebaut und m it einem R aketenm otor ausgestattet ist, der nach dem R ückstoßprinzip funktioniert. Die Geschichte des Kalten Krieges zeigt, dass die Entw icklung der R aum fahrt vor allem im Zusam m enhang m it m ilitärischen Interessen u nd politi schen A m bitionen verlaufen ist. N ach dem sogenannten Sputnik-Schock im O ktober 1954 w urde der am erikanischen Politik und der am erikanischen Ö ffentlichkeit schlagartig klar, dass die Sow jetunion dabei war, Am erika auf dem G ebiet der W eltraum technologie zu überflügeln. M it ihrem Sputnik Pro gram m im Z eitraum von 1957 bis 1960 hatte die damalige Sow jetunion nicht n u r den ersten Satelliten überhaupt in den W eltraum geschossen, sondern auch die ersten Lebewesen, die beiden H ü n d in n en Strelka und Belka, nach einem Raum flug wieder sicher au f der Erde gelandet. 93 A m 12. April 1961 fliegt Juri Gagarin auf der W ostok 1 als erster M ensch in den W eltraum u nd um kreist die Erde. W eitere Flüge folgen, bis die USA m it einem Paukenschlag nachziehen: A m 16.Juli 1969 starten die A m erikaner m it Apollo 11 den Flug zum M ond. W enige Tage später betritt N eil A rm strong als erster M ensch den M ond. Fasziniert verfolgen M illionen von M enschen ru n d um den Globus das spektakuläre Ereignis an ihren M attscheiben und fiebern m it den O rganisatoren um das A benteuer erfolgreich zu beenden. Neil A rm strongs K om m entar brachte die B edeutung der ersten Schritte au f dem M ond au f den Punkt: „Das ist ein kleiner Schritt für einen M enschen, ein riesiger Schritt für die M enschheit.“ Im Februar 1986 begannen die Sowjets m it dem A ufbau der Raum station Mir, die 15 Jahre erfolgreich arbeitete, viele wissenschaftliche Experim ente erm öglichte und vielen W issenschaftlern den A ufenthalt im W eltraum erlaub te. Dabei um rundete sie in einer H öhe von 390 K ilom etern 86 325 M al die Erde. Im M ärz 2001 w urde sie gezielt zum W iederein tritt in die E rdatm osphä re gesteuert und verglühte über dem Pazifischen Ozean. Das bisher größte Projekt der R aum fahrt startete im N ovem ber 1998 m it dem Aufbau der Internationalen R aum station. Die ISS, wie sie kurz genannt wird, ist ein gemeinsames Projekt der U S-am erikanischen NASA der russi schen R aum fahrtagentur Roskosmos, der europäischen W eltraum agentur ESA, sowie der Raum fahrtagenturen Kanadas (CSA) und Japans (JAXA). W eitere Länder wie C hina, Indien und Südkorea haben ihr Interesse bekundet. Schritt für Schritt w urde die ISS m it Hilfe verschiedener M odule ausgebaut, die durch ru n d 40 Aufbauflüge an O rt und Stelle transportiert w urden. M it dem Start des russischen W ohnm oduls Swesda im Som m er 2000 konnte die erste Besatzung an Bord gehen. Z unächst haben n u r russische und am erika nische Raum fahrer au f der ISS gearbeitet, später auch europäische, japanische u nd kanadische, die sich in der Regel zwischen einem und sieben M onate dort aufhielten. Für kürzere Zeiten von ein bis zwei W ochen besuchten viele andere Raum fahrer aus den verschiedensten N ationen die ISS. Insgesamt haben über 200 Personen die Station besucht u nd in jüngster Z eit sogar W eltraum touristen, die für je zwanzig M illionen D ollar einen Flug au f einem Sojus-Raum schiff buchten . Die Kosten für den Aufbau und die ersten zehn Jahre der N u tzung werden von der ESA auf ru n d 100 M illiarden Euro geschätzt. Die D im ension eines solchen Projektes, die Kosten, O rgani 94 sation u nd technische D urchführung erfordern, wie es die bisherige Praxis der ISS zeigte, die internationale Z usam m enarbeit m öglichst vieler Partner, die in unterschiedlicher Weise zu dem Projekt beitragen können. Inzwischen hat die NASA ihr Shuttle Program m eingestellt — wegen der Kosten oder der beiden katastrophalen Unfällen sei dahingestellt — und hofft au f die Initiative von Privatfirmen. So hat im Juli 2012 die Firm a Space X als erste Privatfirm a eine Kapsel sicher zur ISS und zurück gebracht. D och das mittelfristige Ziel hat Präsident O bam a bereits angekündigt:“W ir werden in den nächsten zwanzig Jahren M enschen au f den M ars bringen“ (Berl .Zeitung vom 10.7.12) Im SETI-Projekt (Search for Extraterrestrial Intelligence) w ird nach intelli gentem Leben außerhalb der Erde gesucht, indem m an entsprechende Radio signale analysiert. Als 1972 die beiden interstellaren Raum sonden Pioneer 10 und Pioneer 11 ins All geschossen w urden, trugen sie goldene Tafeln m it sich, die Inform ationen enthielten über die Position unseres Sonnensystem s inner halb der Galaxie M ilchstraße, den A ufbau unseres Sonnensystem s, den Umriss und den W eg der Sonde, die S truk tur des W asserstoffatoms, das am m eisten vorhandene Elem ent im Universum , und eine A bbildung von M ann und Frau. Sollten diese Tafeln von anderen intelligenten Lebewesen gefunden werden, so könn ten sie— so die H offnung- die Inform ationen verstehen und dadurch von der M enschheit erfahren. Auch die Raum sonden Voyager 1 u nd Voyager 2, die von der NASA 1977 gestartet w urden, und die wohl inzwischen unser Sonnensystem verlassen haben, führen eine goldene D atenplatte m it Bild- und A udioinform ationen über die Erde und die M enschheit m it sich. W er intelligentes Leben au f Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystem s, finden will, müsste zunächst einm al in der Lage sein, solche Planeten zu identifizieren, die von ihrer Position in ihrem Sonnensystem über haup t die M öglichkeit hätten Leben hervorzubringen. Dies erweist sich als außerordentlich schwierig, weil unsere Teleskope (noch) zu lichtschwach sind um einen Planeten neben dem um ein Vielfaches helleren Stern überhaupt zu beobachten. Deshalb w urden die ersten Planeten erst seit 1995 und zwar indirekt durch Berechnung m it Hilfe der sogenannten Radialgeschwindig keitsm ethode entdeckt. Diese M ethode berechnet die Existenz eines m ögli 95 chen Planeten über die von diesem Planeten verursachte Unregelm äßigkeit der Bahn des Zentralgestirns um den gem einsam en Schw erpunkt. So w urden bis 2012 über 860 extrasolare Planeten in 678 Systemen bekannt. Erstmals im Jahre 2004 gab die Europäische Südsternwarte (ESO) bekannt, dass ihr die direkte A ufnahm e eines Planeten beim 225 Lichtjahre entfernten Braunen Zwerg 2M 1207 gelungen sei. Allerdings handelt es sich bei den m eisten der bisher entdeckten Planeten um sogenannte Gasriesen, auf denen selbst einfache Lebensform en ausgeschlossen sind. Inzwischen w urden aber auch G esteinsplaneten in der G rößenordnung unserer Erde entdeckt. So haben A stronom en einen erdähnlichen Planeten in direkter N achbarschaft zu unserem Sonnensystem entdeckt. Im 4,3 Lichtjahre entfernten Stern A lpha C entauri B, der zu einem D oppelsternsystem gehört, um kreist der Planet, der etwa die gleiche Masse wie die Erde besitzt, seine Sonne. O bw ohl A lpha C entauri das unserer Sonne nächstgelegene Sternsystem ist, w ürde eine Reise dahin un ter den gegebenen technischen M öglichkeiten doch Z ehntausende von Jahren dauern (Berl. Zeitung, 18.10.12). Ein weiteres Problem liegt in der schier unendlichen Anzahl von m öglichen Planeten. Eigentlich m üsste es in der M ilchstraße von intelligenten Zivilisa tionen n u r so w im m eln, gibt es doch allein hier M illiarden von Sternen und entsprechen m ehr Planeten. Schon 1950 fragte sich der N obelpreisträger in Physik Enrico Fermi, w arum n ich t schon längst Aliens au f der Erde gesichtet w urden. Seine Ü berlegungen werden seitdem un ter dem N am en Fermi-Paradoxon in der W issenschaftsgemeinde diskutiert. Im Anschluss an Fermis Ü berlegungen hat der Physiker Rasmus Björk vom Niels Bohr Institu t in Kopenhagen eine sehr einleuchtende R echnung aufgem acht: W enn eine Zivilisation die zehn M illiarden Sonnen in der M ilch straße, die Leben beherbergen könnten, m it einer Sonde, die m it zehn Prozent Lichtgeschwindigkeit fliegt, absuchen wollte, bräuchte sie dafür viele hundert M illionen Jahre. Das heißt für frem de Zivilisationen das Gleiche wie für uns selbst: Es braucht noch viel m ehr Zeit (vgl. Bild der W issenschaft, 19.1.2007). W ährend die E rkundung des W eltraum s bisher kaum über die ersten Schrit te hinausgekom m en ist und ständig m it neuen Schwierigkeiten konfrontiert wird, ist sie in L iteratur u nd Film längst Realität. In unzähligen Büchern und Film en w ird über A benteuer und Expeditionen im W eltraum und Kriegen m it anderen Zivilisationen erzählt. So ist der H eld einer der ersten und am m eisten 96 verbreiteten Serien, Perry R hodan, der m it Hilfe der überlegenen Technik der A rkoniden die M enschheit rettet und die zerstrittenen interstellaren Blöcke befriedet, inzwischen schon weit im Rentenalter. U nd einer der bekanntesten Aliens, der je die W elt besuchte, der so hässliche wie liebenswerte E.T., m achte als Star den Film „E.T. — D er A ußerirdische“ so bekannt, dass er einer der komm erziell erfolgreichsten Filme überhaupt wurde. Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Insgesamt m achen sie deutlich, wie populär, faszinierend, ja elektrisierend das Them a für viele M enschen ist. In der wirklichen R aum fahrt sind es ja n u r wenige Spezialisten, eine Elite von Piloten u nd Technikern oder M enschen m it sehr viel Geld, die bisher in einem Raum fahrzeug saßen u nd um die Erde kreisten. O ffensichtlich wollen aber auch „norm ale“ M enschen an diesem A benteuer teilhaben und leben dies in ihrer Phantasie aus, im Kinosaal oder vor einem Com puterspiel. W arum lassen w ir uns au f dieses A benteuer ein? W ären die im m ensen Kos ten, der Verlust an M enschenleben und die intellektuellen Kräfte n ich t besser angelegt, w enn w ir sie dafür nutzen w ürden, die Problem e auf der Erde zu lösen? Es gäbe da einiges zu tun ! Zwar werden diverse G ründe angeführt um die N otw endigkeit der R aum fahrt zu erklären. Vor allem stehen militärische Überlegungen, die aus dem Rüstungsw ettlauf zwischen den USA, Russland und C h ina resultieren. Andere hoffen M etalle wie Eisen, Platin und Seltene Erden auf anderen Planeten oder Asteroiden zu finden und auszubeuten, da diese inzwischen au f der Erde seltener u nd en t sprechend teurer geworden sind. Schließlich kann es auch darum gehen, m enschliche Siedlungen oder Kolo nien au f anderen Planeten oder dem M ond zu errichten. Dies ist sowohl ein großes Them a der Science Fiction, als auch längerfristiges Ziel nationaler und internationaler W eltraum program m e. W ie w ichtig die jeweiligen Begründungen für Staaten oder Konzerne auch sein m ögen, sie können weder als einzelne noch insgesam t die ungeheure Faszination erklären, die die R aum fahrt — sei es in der Realität, sei es in der (Science) Fiktion - ausübt. D er tiefere G rund liegt in unserer N atur. Unser universelles Verm ögen drängt au f Realisierung. W ir wollen wissen, was sich au f anderen Planeten abspielt, wie andere Zivilisationen leben; wir wollen unsere Fähigkeiten entwickeln u nd erproben. Dies liegt uns sozusagen im Blut. 97 A uch w enn W issenschaftler wie Stephen H aw king davor w arnen, den K ontakt m it frem den Zivilisationen zu suchen, da die Aliens, sofern sie die überlegenere Technik besäßen, die Erde erobern u nd m it Krieg überziehen w ürden. Aber gesetzt der Fall, die M enschen verfügten über die höher en t wickelte Technologie, w ürden wir dann höflich anklopfen und w arten bis m an uns hineinbittet? Ein Blick au f unsere Geschichte genügt um festzustellen, dass Eroberer, im m er w enn sie au f technisch unterlegene Artgenossen stießen, diese versklav ten, um brachten, durch m itgebrachte K rankheiten dezim ierten oder ihren Lebensraum zerstörten. A uch die Erde selber behandeln w ir eher wie einen Fußabtreter, so als wäre sie n icht unser H eim atplanet. W ir ro tten unzählige Tier- u nd Pflanzenarten aus und zerstören ganze Lebensräume, w enn beispiels weise die Urwälder abgeholzt werden. B ergbauunternehm en und Ö lm ultis kontam inieren ganze Landstriche ohne sich um die dortigen Bewohner zu küm m ern. Meere sind überfischt u nd zugemüllt. D urch den weltweit hohen C O 2 —A usstoß steigen die Tem peraturen, Gletscher u nd arktisches Eis schm el zen u nd der Meeresspiegel steigt. U nd w enn Flüchtlinge sich gezwungen sehen ihre H eim at zu verlassen, weil sie dort keine C hancen sehen ihre Lebensziele zu realisieren, und ins reiche Europa einw andern wollen, schauen w ir zu, wie sie im M ittelm eer ersaufen. Alles in allem sind die Aussichten, dass unsere A stronauten m it der Besat zung eines frem den Raumschiffes in der Intergalaxis-Bar ein Bier trinken und über die unterschiedlichen A ntriebe ihrer Raumschiffe fachsimpeln, n icht gerade rosig. Aber auch K olum bus ließ sich n ich t von angedrohten Seeun geheuern, Pechseen oder der Gefahr über den R and der Erdscheibe zu fallen abhalten. W ir heutigen M enschen werden es wieder tun — n u r ist es heute n icht der unbekannte O zean sondern der n ich t m inder frem dartige W eltraum . Es liegt in unserer N atur. 98 14. Bauern und Viehzüchter - Die Neolithische Revolution M it der jungsteinzeitlichen, der sogenannten N eolithischen Revolution, än derte sich das Leben der M enschen fundam ental. D er Archäologe G ordon C hilde prägte im Jahr 1936 den Begriff der N eolithischen Revolution und definierte ihn als eine W irtschaftsweise, die bestim m t war durch die D om esti zierung von Pflanzen und Tieren und durch die perm anente Sesshaftigkeit (vgl. G ordon C hilde 1959). W enn auch die Bezeichnung als Revolution um stritten ist (vgl. W eniger 2000), da sich dieser Prozess über m ehrere Jahrtausende h in zog u nd an m ehreren O rten unabhängig voneinander entstand, so ist er doch berechtigt, w enn m an in Rechnung stellt, wie gravierend und um fassend sich das Leben der M enschen änderte. Vor ru n d 12 000 Jahren endete die letzte Eiszeit, die W eichsel-Kaltzeit. Die G letscher zogen sich zurück, die eiszeitliche Flora und Fauna w urden nach N orden oder in die Hochgebirge zurückgedrängt und wärm eliebendere Tiere und Pflanzen begannen deren Platz einzunehm en. W ährend seiner gesam ten vorangegangenen Geschichte von knapp 200 000 Jahren ernährte sich H om o sapiens ausschließlich von W ild, das er jagte, Kleintieren wie M uscheln u nd Insekten, die er fand u nd Pflanzen, die er sammelte. D er größte Teil der Biomasse besteht aus H olz u nd Blättern und ist für m enschliche N ahrung n ich t geeignet. A uch die m eisten anderen Pflanzen und Tiere kom m en als N ahrung n ich t in Frage, sei es, weil sie giftig, m ühsam zu sam m eln oder gefährlich zu jagen sind. Indem M enschen n u n begannen auf einem geeigneten G rundstück die Pflanzen ihrer W ahl anzubauen, steigerten sie den Ertrag um ein Vielfaches. N ahezu gleichzeitig lernten sie H austiere zu halten; sie verfügten dam it n ich t n u r über Fleisch, das m it ihnen un ter einem D ach lebte, sondern auch über M ilch, D ünger u nd Zugtiere. W urde ein Tier geschlachtet, lieferte es n ich t n u r Fleisch, sondern auch ein Fell für das Schnei dern von Kleidern u nd viele andere wichtige M aterialien für die H erstellung von G ebrauchsgegenständen. M it dem Einsatz von Zugtieren beim Pflügen konn ten n u n auch schwere Böden bearbeitet werden, die ansonsten ungenutzt 99 geblieben wären. Dies führte erneut zu einer Steigerung des Ertrages an N ah rungsm itteln. Eine entscheidende Bedingung für die E ntstehung der bäuerlichen Lebens weise war die Sesshaftigkeit. W ährend Jäger und Sam m ler weiterzogen, w enn ihr Revier erschöpft war und nur noch wenig N ahrung bot, m ussten Bauern bei ihren Feldern und Tieren bleiben. Dies hatte zur Folge. dass sie N ahrungsm ittelvorräte anlegen konnten , was ja auch n u r Sinn m acht, w enn m an diese verarbeiten und bewachen konnte. Für um herziehende Jäger und Sammler, die n u r das N ötigste m itschleppen konnten, waren größere N ahrungsm ittelvorräte n u r zusätzliche Last. Ähnlich verhielt es sich m it K indern: W ährend Jäger und Sam m ler dafür sorgten, dass zwischen zwei G eburten im Schnitt vier Jahre lagen, da eine neue G eburt erst S inn ergab, w enn das ältere K ind schon laufen u nd m it den Erwachsenen Schritt halten konnte, brachten die Frauen der Bauern öfter und m ehr K inder zur W elt, denn sie m ussten sie n ich t ständig m it sich herum schleppen (vgl. D iam ond, A rm und Reich S. 94 ff). V orratshaltung und Sesshaftigkeit, landwirtschaftliche Produktion und T ierhaltung führen dazu, dass m ehr M enschen geboren w urden u nd auch ernährt werden konnten: Die Bevölkerung wuchs im Vergleich zu der Zeit davor um ein Vielfaches, was zur Folge hatte, dass noch m ehr N ahrung gebraucht wurde. Es begann ein sogenannter Rückkoppelungskreislauf, der einm al in G ang gesetzt, sich quasi autom atisch bewegt und im m er m ehr an Fahrt gew innt (vgl. D iam ond S. 126). Ein Anstieg der Bevölkerung erforderte m ehr N ahrung, führte zur Intensivierung der landw irtschaftlichen Produktion — u nd hatte zur Folge, dass m ehr K inder geboren w urden und ernährt werden konnten . Dieser Zusam m enhang erklärt auch das scheinbare Paradox, dass die M en schen der Jungsteinzeit deutlich schlechter ernährt waren als im vorherigen Leben als Jäger und Sammler. Die Skelettfunde aus dem N eolith ikum deuten au f m angelhafte bzw. unausgewogene Ernährung, kleinere K örpergrößen und geringere Lebenserwartung hin. Dies kann nu r bedeuten, dass das W achstum der Bevölkerung verhältnism äßig schnell von statten ging und die Produktion von N ahrungsm itteln hinterherhinkte. A ußerdem haben sich aus dem engen K ontakt m it den H austieren neue Krankheitserreger entwickelt, die das Leben der M enschen zusätzlich erschwerten. So hat sich verm utlich der Erreger der 100 Rinderpest gewandelt und ist als Erreger der M asern beim M enschen aufge taucht. Landwirtschaftliche Produktion und T ierhaltung sind weltweit in m indes tens fü n f Regionen unabhängig voneinander entstanden: Im N ahen O sten (fruchtbarer H albm ond), in C hina, M exiko, Peru u nd dem O sten der USA (Mississippi). Bei anderen Regionen, wie beispielsweise der afrikanischen Sahelzone oder N euguinea ist noch n ich t eindeutig festgestellt, ob es sich um originäre Entw icklungen handelt oder ob Im pulse aus den G ründerregionen den A nstoß gegeben haben. Die frühesten Kulturpflanzen w urden im G ebiet des Fruchtbaren H alb m ondes angebaut. Vor ru n d 10 000 Jahren w urden dort acht Anbaugewächse, näm lich drei G etreidearten (Emm erweizen, E inkornweizen u nd Gerste),vier H ülsenfrüchte (Linse, Erbse, Kichererbse und Linsenwicke) sowie Flachs als Lieferant von Ö l u nd Fasern dom estiziert (D iam ond, A rm u nd Reich S. 164). A ufgrund des m editerranen Klimas m it m ilden, feuchten W intern und langen, heißen und trockenen Som m ern gedeihen in dieser G egend ungew öhnlich viele einjährige Pflanzen, die n ich t in den A ufbau von H olzstrukturen und Blättern investieren, sondern große Sam en wachsen lassen, die einen langen, trockenen Som m er gut überstehen. A ußerdem begünstigten die unterschiedli chen H öhenlagen in Vorderasien, die vom Toten Meer, das un ter dem M eeres spiegel liegt, bis zu 5000 M eter hohen Berggipfeln reichen, die Entw icklung des G etreideanbaus. So konn ten die ersten A ckerbauern die reifen Samen zu unterschiedlichen Jahreszeiten samm eln, da die Gräser in höheren Lagen später reiften als die Gräser im Tal. Von da an war es n u r noch ein kleiner Schritt die Sam en der trockenen H öhenlagen in den feuchten Tälern wieder auszusäen. Ein weiterer Vorteil dieser Region war die verhältnism äßig große Anzahl domestizierbarer Säugetiere. So w urden dort im gleichen Z eitraum vor ru n d 10 000 Jahren Schafe, Ziege und Schweine zu H austieren und vor ca. 8000 Jahren auch das Rind. Einige Tausend Jahre später w iederum lernten die M enschen von den Tieren M ilch und W olle zu gewinnen und sie als Zugtiere für Pflug und Karren einzusetzen. Insgesamt boten die klim atischen u nd geographischen Bedingungen des Fruchtbaren H albm ondes, seine Flora und Fauna die optim alen Bedingungen für den Ü bergang zu einer bäuerlichen Lebensweise. Die M enschen konnten ein „Bio-Paket“ schnüren, das eine intensive Landwirtschaft erm öglichte und 101 die G rundbedürfnisse abdeckte. D rei G etreidearten lieferten Kohlehydrate, vier H ülsenfrüchte Eiweiß, Flachs Ö l u nd Fasern u nd zusätzlich steuerten vier H austierarten Eiweiß bei. „D am it deckten die Anbaupflanzen und Tiere der ersten bäuerlichen K ulturen Vorderasiens schließlich die gesam ten w irtschaft lichen G rundbedürfnisse des M enschen nach Kohlehydraten, Eiweiß, Fett, K leidung, Zugkraft und Fortbew egungsm itteln“ (D iam ond, A rm und Reich S. 165). Selbstverständlich haben die M enschen n ich t irgendw ann beschlossen Bauern zu werden. Aus bestim m ten N otw endigkeiten u nd Problem en ergaben sich einzelne Lösungsschritte u nd erst am Ende des ganzen Prozesses stand dann die neue Lebensweise. In der W issenschaftsgemeinde ist nach wie vor um stritten, welche Ursa chen zu dem Ü bergang in die bäuerliche Lebensweise geführt haben, was auch dam it zusam m enhängen mag, dass in den unterschiedlichen Regionen ver schiedene Faktoren ausschlaggebend waren. Für den N ahen O sten kristallisie ren sich zum indest folgende Aspekte heraus: D ie Z unahm e der Bevölkerung führte dazu, dass die riesigen Gazellenherden, die bis dahin als Fleischlieferan ten gedient hatten, zusam m enbrachen und als N ahrungsquelle zunehm end ausfielen. Es musste also eine Alternative her. D a die Sesshaftigkeit schon weit fortgeschritten war und die Anzahl der M enschen wohl auch zu groß, war auch die M öglichkeit einfach weiterzuziehen, keine echte Alternative. Die Lösung lag darin, solche Tiere zu suchen, die m it den M enschen am oder im H aus leben konnten: Es w urden also H austiere gezüchtet. Desweiteren entstanden m it den K lim averänderungen am Ende viele G rä serarten, aus deren Ä hren sich ohne allzu viel M ühe große u nd auch größere M engen von Sam en ernten ließen. Diese Gräser waren die w ilden A hnen der ersten Anbaupflanze im N ahen O sten: W eizen u nd Gerste. H inzu kam , dass neue Techniken zum Ernten, Lagern und Verarbeiten der neuen N ahrung entwickelt werden m ussten. Z u m Ernten w urden Sicheln, Dreschflegel und Körbe benötigt, das Getreide musste ein Jahr gelagert u nd vor Feuchtigkeit, Insekten und M äusen geschützt werden, und schließlich w urden die harten Körner m it Stößel oder M ahlscheibe aufgebrochen um daraus Brei, Brot oder — Bier herzustellen. Apropos Bier: M öglicherweise m uss m an sich von der Vorstellung lösen, dass die neuen Errungenschaften aus einer N otlage heraus entwickelt wurden. 102 Es ist n icht von der H an d zu weisen, dass neue Entw icklungen eher von G rup pen erarbeitet w urden, deren M itglieder gu t m it N ahrungsm itteln versorgt waren, so dass einzelne M itglieder Z eit und M uße hatten Neues auszuprobie ren. So geht Reicholf davon aus, dass Getreide, in diesem Fall Gerste, zuerst für die H erstellung von Bier gesamm elt wurde, u nd erst hunderte Jahre später zu Brot verbacken wurde. „Es war kein Fleischersatz in schlecht gewordenen Zeiten, sondern im Gegenteil ein Genussm ittel, das m an sich leisten konnte, als die Zeiten gut w aren“ (Reicholf, 2008 S. 268). N achdem das „G ründer-Paket“ einmal geschnürt war, verbreitete es sich innerhalb wenigen tausend Jahren nach M ittel- und W esteuropa, nach O sten ins Industal und ins heutige Ä thiopien und Ägypten. D abei gibt es, wie bei vielen anderen Techniken, im Prinzip zwei M öglichkeiten: Entw eder die ansässige Bevölkerung übern im m t die neuen landw irtschaftlichen Techniken von ihren N achbarn oder sie w ird vertrieben, ausgerottet oder marginalisiert. In den oben genannten Fällen w urde die Landwirtschaft verm utlich Schritt für Schritt von der G ründerregion in benachbarte Gebiete weitergetragen und übernom m en. Dagegen kam es in späteren Fällen, z. B. als die Europäer in N ordam erika, Südam erika oder Australien au f den Plan traten oder als die Bantu-Völker das südliche Afrika besiedelten, im m er wieder zur Vertreibung oder A uslöschung der ansässigen Jäger und Sammler. N och heute erleben wir die letzten Akte dieses Dram as, w enn wir erfahren, wie die letzten indigenen Völker beispielsweise des Amazonas oder der Kalahari im südlichen Afrika um ihre Existenz käm pfen u nd ihre Lebensweise als Jäger und Sam m ler verteidi gen müssen. Es gab, wie gesagt, m ehrere eigenständige Entw icklungen der Landw irt schaft, wobei die jeweiligen M enschengruppen unter sehr unterschiedlichen Bedingungen zu Bauern und/oder V iehzüchtern w urden. N ich t alle hatten so viel G lück wie die M enschen des Fruchtbaren H albm ondes. Als G egen beispiel sei hier das heutige M exiko angeführt. B ekannterm aßen ist M ais die wichtigste Getreidepflanze der N euen W elt. Aber im U nterschied zu der schnell erfolgreichen D om estizierung von W eizen und Gerste m üssen beim M ais H underte oder gar Tausende von Jahren ins Land gegangen sein um die heutige G röße des M aiskolbens zu erreichen. D er Unterschied ist so gewaltig, dass n icht einmal klar scheint, welches die wilde Ausgangspflanze für M ais war. Die verm utete W ildpflanze nam ens Teosinte lieferte n u r wenige u nd winzige 103 Samen in harten ungenießbaren Schalen und die G röße der Kolben lag im M illim eterbereich (D iam ond, A rm und Reich S. 158 f). Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass die M enschen sich tro tz sehr bescheidener Ausgangsbe dingungen daran m achten diese Pflanze für sich nutzbar zu machen. Vor ru n d 5500 Jahren, also 4500 Jahre später als im Fruchtbaren H alb m ond, konn ten die M enschen ihr „G ründer-Paket“ aus Mais, B ohnen und Kürbis schnüren um in die W elt der Bauern aufzubrechen. H austiere hatten sie außer dem T ruthahn keine, da in dieser Region keine domestizierbaren Tiere zur Verfügung standen. Das bedeutet, es gab keine großen Tiere als Fleischlieferanten oder Zugtiere für Pflug oder Karren. A ufgrund der sehr viel schwierigeren Ausgangsbedingungen starteten die M enschen M esoamerikas rund 4500 Jahre später in die agrarische Gesell schaft als die M enschen des Fruchtbaren H albm ondes. Z udem verhinderten die geographische Lage des am erikanischen K ontinents in Nord-Süd-Ausrichtung, die dam it verbundenen verschiedenen Klim azonen und natürliche Barrieren wie W üsten und Urwälder, dass die verschiedenen G ründerzentren au f diesem K ontinent, neben M esoamerika, die A nden, das Amazonasgebiet u nd die M ississippi-Region in den USA, sich frühzeitig austauschen konnten u nd sich dom estizierte Pflanzen und H austiere ausbreiteten. Die G ründer zentren waren über Tausende von Jahren voneinander isoliert. N ach D iam ond sind all diese unterschiedlichen Voraussetzungen eine zentrale Ursache für die spätere unterschiedliche Entw icklung in den einzelnen W eltregionen und letztlich auch der G rund, w arum die indianische U rbevölkerung den euro päischen Kolonisatoren nichts gleichwertiges entgegensetzen konnte. Sowohl was Waffen u nd A usrüstung angeht als auch Strategien der K riegsführung und K ulturtechniken wie Schreiben u nd Inform ationsüberm ittlung waren sie hoff nungslos unterlegen. Sie w urden erbarm ungslos an den R and gedrängt oder ausgerottet. A uch dass der damalige Papst Paul III. in der Bulle Sublimis Deus im Jahre 1537 die Indianer als vernunftbegabte W esen m it einer Seele, also zu M en schen wie alle anderen erklärte, änderte nichts an diesem Sachverhalt. Jeder M ensch habe das Recht au f Freiheit und E igentum und deshalb dürften die Indianer wie alle anderen indigenen Völker auch n icht versklavt werden. W er dagegen verstoße, folge den Einflüsterungen des Satans. Diese w eitreichenden 104 Festlegungen h inderten Papst Paul III. jedoch n ich t einige Jahre später den christlichen Staaten Besitz und H andel m it m uslim ischen Sklaven zu erlauben. Die beiden beschriebenen Beispiele der Entw icklung agrarischer Gesell schaften, Fruchtbarer H albm ond einerseits M esoam erika andererseits, zeigen n ich t nur, wie unterschiedlich die Voraussetzungen waren u nd dem entspre chend die Verläufe vor sich gingen, sie weisen auch au f einen weiteren sehr bedeutsam en Aspekt hin: Sowohl was die D om estizierung von Pflanzen als auch von Tieren angeht, haben die M enschen die gesamte Flora und Fauna au f die Brauchbarkeit für ihre Zwecke getestet. Dabei konn ten sie au f ihre Erfahrungen aus der Z eit als Jäger und Sam m ler zurückgreifen. Sie wussten, dass von den rund 200 000 W ildpflanzen nur wenige tausend für den m ensch lichen Verzehr geeignet sind. U nd diese w urden, wie eine Fundstellen am R an de des Euphrattales in Syrien beweist, systematisch au f ihre Brauchbarkeit für die D om estikation getestet (D iam ond A rm u nd Reich S. 168). Aber n icht nur die systematische Suche fällt auf, sondern auch — am Beispiel der Z üchtung des M ais w urde dies besonders deutlich — m it welch trotziger Zuversicht die M enschen daran gingen, Pflanzen m it zunächst kaum messbarem Erfolg aus zulesen u nd m it der H offnung au f Ertragssteigerung im m er wieder auszusäen. N achdem das Prinzip der natürlichen Auslese einm al verstanden war, w ur de es verallgem einert und au f alle Pflanzen, die in irgendeiner Weise Erfolg versprachen, angewendet. So w urden selbst Pflanzen m it bitteren oder giftigen W ildvorfahren wie M andeln, Kartoffeln oder Kohl, in den Speiseplan aufge nom m en, indem deren genießbare M utationen gezielt gesamm elt w urden. So w urden vor ru n d 10 000 Jahren im G ebiet des Fruchtbaren H albm on des die frühesten K ulturpflanzen wie W eizen, Gerste und Erbsen domestiziert. In einer zweiten Phase folgten vor rund 6000 Jahren die ersten O bst- und Nussbäum e. D azu zählten Oliven, Feigen, D atteln , G ranatäpfel und Trau ben. R und 3000 Jahre später w urden weitere O bstbäum e wie Äpfel, Birnen, Pflaum en und Kirschen kultiviert. Diese O bstsorten waren schwieriger zu domestizieren, da sie kom plizierte Veredelungsverfahren durchlaufen m ussten (D iam ond, A rm und Reich S. 142 ff). Unsere Vorfahren haben die Flora so gründlich durchforstet, dass für m odern Pflanzenzüchter kaum noch Pflanzen übrig blieben, die nutzbar gem acht w erden konnten . So sind zwar bei Beeren (Blaubeeren, Preiselbeeren) und N üssen (M acadam ia-, Pekan- u nd Cashewnüssen) einige neue Z ü ch tu n 105 gen gelungen, die aber im Vergleich m it so w ichtigen Gewächsen wie Weizen, M ais oder Reis eine eher geringe B edeutung haben. Ähnlich wie bei den Pflanzen suchten die M enschen auch in der Tierwelt nach K andidaten, die sie für ihre Zwecke nutzen konnten . Von den 148 gro ßen Säugetierarten blieben allerdings n u r fü n f T ierarten übrig, die den Weg in die erste Liga schafften. Das sind Schaf, Ziege, R ind, Schwein und Pferd, die weltweit von B edeutung sind. Die w ilden Vorfahren dieser fü n f lebten ausschließlich au f dem eurasischen K ontinent. D aneben gibt es neun weitere A rten, wie verschiedene Kamel- u nd R inderarten, sowie Esel u nd Rentier, die nur von regionaler B edeutung sind. Zwar w urden auch verschiedene andere T ierarten wie Elefanten oder G eparden gezähm t, erreichten aber nie den Status eines Haustieres, was bedeutet, dass es sich unter der O b h u t des M enschen fortpflanzt u nd von die sem durch Zuchtw ahl im H inblick au f bestim m te gewünschte Eigenschaften verändert wird. D aneben w urden auch viele Kleintiere wie M eerschweinchen u nd Kaninchen, zahlreiche Vogelarten (H ühner, Gänse, Enten, T ruthähne u nd Perlhühner), sogar Insekten (die H onigbiene in Eurasien u nd der Seiden spinner in China) gezüchtet, konn ten aber nie B edeutung der großen Fünf erlangen. Eine Sonderrolle spielt der H und, der w ohl als erster Begleiter des M en schen, lange bevor sie zur agrarischen Lebensweise übergingen, als Jagdgefähr te u nd W ächter diente. W ie kom m t es n u n aber, dass die m eisten H austierarten aus dem eurasischen R aum stam m en und beispielsweise aus dem afrikanischen R aum südlich der Sahara kein einziges, obw ohl die ostafrikanische Savanne eine Vielzahl großer Säugetierarten beherbergt? W arum viele R inderarten weltweit, n icht aber der afrikanische Büffel? W arum Pferde, aber n ich t Zebras? Für die E ignung als H austiere m üssen diverse Eigenschaften vorhanden sein. In der Regel waren die erfolgreichen Z üchtungen H erdentiere m it einer ausgeprägten D om inanzordnung, so dass der M ensch die Rolle der dom inan ten Tiere übernehm en konnte. A ußerdem beanspruchten sie kein Revier und duldeten andere Tiere au f ihrer W eide. W enn zwei H erden oder dom inante M ännchen um ein Revier käm pfen, lassen sie sich in keinem Fall in einen engen gem einsam en Pferch sperren. So gibt es für die m eisten T ierarten diver se weitere G ründe, w arum sie als H austiere für den M enschen n ich t in Frage 106 kom m en. Gerade afrikanische Büffel u nd Zebras sind generell sehr aggressiv, so dass es für M enschen lebensgefährlich oder zum indest der G esundheit sehr abträglich wäre, ihnen nahe zu kom m en. Seit der D om estikation der beiden Kam elarten vor 4500 Jahren war somit die Liste der in Frage kom m enden großen Säugetiere vollendet, die m it der neolithischen Revolution vor 10 000 Jahren begann. Es sind seitdem keine weiteren H austiere dazugekom m en. Zweifellos w urden alle in Frage kom m en den T ierarten m ehrfach getestet. So zeigen ägyptische M alereien, wie M en schen Gazellen, K uhantilopen, Giraffen oder sogar H yänen abrichten. Im 19. u nd 20. Jahrhundert w urden m it wissenschaftlicher Begleitung breit angelegte Zuchtprogram m e m it Elenantilope, H irsch, Elch, M oschus ochse, Z ebra und am erikanischem Bison durchgeführt. Sie blieben ohne Erfolg — die klassische Liste der H austiere hatte Bestand (D iam ond, A rm und Reich S. 196 f). Eine besondere Rolle n im m t die D om estikation des Pferdes ein. Dies betrifft zunächst den O rt. Sie erfolgte n ich t im Bereich des Fruchtbaren H alb m ondes, sondern in der westeurasischen Steppe, in einem G ebiet nördlich des Kaukasus zwischen Schwarzem M eer u nd Kaspischem Meer. Dies war die H eim at der frühen Indoeuropäer, die den „V iehnom adism us“ als W irt schaftsweise entwickelt hatten. Das H alten von Schafen oder R indern war in dem offenen Grasland in kleinerem M aßstab möglich. Als aber vor ru n d 7000 Jahren das Pferd dom estiziert war, konnte die T ierhaltung in der Steppe um ein Vielfaches potenziert werden. A uf dem Rücken eines Pferdes lassen sich schnell große Entfernungen zurücklegen um große Schaf- oder R inderherden zusam m enzutreiben und m it der E rfindung des O chsenkarrens konnten auch große Lasten über weite Strecken transportiert werden. Beide W irtschaftsweisen, die K ultur der Bauern und V iehzüchter aus dem Fruchtbaren H albm ond und die W irtschaftsform der V iehnom aden entw i ckelten sich unabhängig voneinander und kam en etwa zur gleichen Z eit in Europa an. „W ir haben es also in Europa m it zwei V arianten des Übergangs vom Jäger- u nd Sam m ler-D asein zu tun , m it zwei unterschiedlichen, neo lithischen R evolutionen“ (H aarm ann S. 25). Zwar entwickelten sich beide V arianten unabhängig voneinander, begannen aber vor ru n d 5000 Jahren sich zu verm ischen, als die Steppenvölker aufgrund klim atischer V erschlechterun gen in ihrer H eim at in m ehreren W ellen R ichtung W esteuropa u nd Indien 107 w anderten (D iam ond 1994, D er dritte Schim panse S. 340 f). Ihre K ultur muss überzeugend oder ihre K riegsführung überw ältigend gewesen sein, denn noch heute sprechen nahezu alle Europäer und viele M enschen in Südasien bis Indien indoeuropäische Sprachen. Im N achhinein ist es geradezu verblüffend, wie zielstrebig, systematisch u nd um fassend die M enschen Flora und Fauna durchforstet haben um die für sie geeigneten K andidaten zu finden. Was die dom estizierten Pflanzen angeht, w urde schon am Beispiel des Maises darauf hingewiesen, wie über viele G enerationen m it großer Zähigkeit daran festgehalten wurde, ein G etrei de m it m öglichst großen, einfach zu erntenden K örnern zu züchten. M an kann durchaus davon ausgehen, dass alle Pflanzen, die für die m enschliche E rnährung oder andere Zweck nützlich schienen, m ehrfach getestet wurden. So w urde beispielsweise vor ru n d 4500 Jahren in den K ulturen des Mississippi im am erikanischen O sten das Sumpfgras dom estiziert. Es hatte einen hohen A nteil an Eiweiß und Ö l, aber diverse N achteile, die den A nbau eher zu einem A benteuer werden ließ: Als Verwandte der Ambrosiapflanze ist das Gras stark allergieauslösend, Berührungen können zu H autreizungen führen und der G eruch ist alles andere als angenehm . Diese Pflanze w urde auch konsequenter weise n ich t m ehr angebaut, sobald das mexikanische Trio aus Mais, Bohnen u nd Kürbis in der Landwirtschaft am Mississippi übernom m en w orden war (D iam ond, A rm u nd Reich S. 176 f). In jedem Fall zeigt das beschriebene Beispiel m it welch einer geradezu penetranten H artnäckigkeit u nd stoischem Eifer die D om estizierung betrieben wurde. In ähnlicher Weise w urde auch die Tierwelt durchforstet um passende K an didaten für das Zusam m enleben m it den M enschen zu finden. N achdem die D om estikation der großen Säugetiere vor ru n d 4500 Jahren zu einem Ende gekom m en war, „müssen praktisch alle der 148 großen Säugetierarten der W elt viele M ale getestet w orden sein“, so dass keine geeigneten K andidaten übrig blieben (D iam ond, A rm und Reich S. 196). Sowohl die systematische Suche, die hartnäckige Zielstrebigkeit wie auch das Verständnis der Prozesse, die das Z üch ten von Pflanzen und das H alten von Tieren m it sich bringt, offenbaren, dass die ersten Bauern und V iehzüch ter - wie alle M enschen - über ein universelles Vermögen verfügten, das ihnen erlaubte alle Potentiale, die ihnen in ihrer damaligen historischen Situation zu Verfügung standen, auszuschöpfen. U nd sie taten dies so gründlich, dass uns 108 in dieser H insicht lediglich noch Kleinigkeiten wie das Z üch ten von Labor m äusen übrig bleiben. A m Beispiel der D om estikation des Pferdes lässt sich besonders schön dem onstrieren, m it welcher Energie und Zielstrebigkeit die ersten Z ü ch ter vorgingen um dieses T ier m öglichst perfekt für ihre Zwecke einzusetzen. N achdem das Pferd vor ru n d 6000 Jahren verm utlich zunächst als Lieferant von Fleisch u nd Fell dom estiziert war, w urden wenige Jahrhunderte später von den Reitervölkern in der G egend der heutigen Ukraine Sattel und Zaum zeug benutzt. Das Pferd als Reittier veränderte n ich t n u r die W irtschaftsweise der Steppenvölker, sondern revolutionierte auch die Kriegsführung. Jah rhunder telang waren n u n Reitervölker aufgrund der Schnelligkeit ihrer Pferde allen anderen kriegsführenden Parteien weit überlegen. Die M ilitärs der frühen G roßreiche wie der Assyrer und H eth iter entw i ckelten den von Pferden gezogenen Streitwagen und konn ten so die M acht ihrer H errscher ausbauen. Vor ru n d 3700 Jahren fielen die Hyksos, ein N om a denvolk unbekannter H erkunft, in Ägypten ein, eroberten m it ihren Streit wagen das ganze Land u nd stellten schließlich für einige Z eit den Pharao. Bis dahin kann ten die Ägypter weder Pferde noch Kampfwagen, und erst als sie selber die neue K am pftechnik beherrschten, konn ten sie die Hyksos wieder aus Ägypten vertreiben. Seit ru n d 3000 Jahren w urden größere Pferde gezüchtet, au f denen Krieger schneller und w endiger käm pfen konnten . Die Streitwagen kam en sozusagen aus der M ode. Die Beziehung Alexander des G roßen zu seinem Pferd Bukephalos war ebenso legendär wie seine Reiterei erfolgreich. Im M ittelalter w urde durch die E inführung des Steigbügels das Reiten weiter perfektioniert. D urch die A nw endung des Kum m ets, eines gepolsterten Halskragens, konnte das Pferd auch als Zug- u nd Arbeitstier eingesetzt wer den. Die bis dahin benutzten Geschirre schnürten den Pferden bei schweren Lasten die Luft ab. Im H ochm ittelalter waren die teuren Reitpferde nahezu ausschließlich dem Adel vorbehalten, aus dem dann schließlich die K ultur und Kriegsführung der R itter hervorging. Bis zum Ersten W eltkrieg war das Pferd in der K riegsführung praktisch unersetzbar, u nd erst m it der D urchsetzung der M otorisierung verschwand es nach und nach aus dem öffentlichen Verkehr, der W irtschaft und der Land wirtschaft. Auch w enn das Pferd heute n ich t m ehr die zentrale Bedeutung 109 wie in den vergangenen Jahrtausenden hat, verm ag ein Reiter, der im G alopp durch das Gelände jagt, noch im m er die Phantasie zu beflügeln. In diesem kurzen Abriss der Geschichte des Pferdes w urde deutlich, wie sowohl das Pferd selbst als auch die verschiedenen H ilfsm ittel über H underte von G enerationen den verschiedenen Zwecken entsprechend verändert und perfektioniert w urden. D er D rang nach V ollkom m enheit kennt keine G ren zen. Allerdings haben H austiere n ich t n u r Vorteile für uns M enschen. Es wurde eine Entw icklung in G ang gesetzt, die n ich t vorgesehen und vor allen D ingen alles andere als erw ünscht war: D urch die höhere Bevölkerungsdichte u nd das enge Zusam m enleben von M ensch u nd Tier, die oft genug gem einsam unter einem D ach lebten, entstand eine Reihe neuer K rankheiten m it oft verheeren den Folgen. So w urde durch m olekularbiologische U ntersuchungen nachgewiesen, dass das M asernvirus am engsten m it dem Erreger der Rinderpest verw andt ist. Die M asern sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die wir vor allem als K inder kennengelernt u nd oft auch durchgem acht haben. Sie kom m en w elt weit vor u nd gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten. In Länder m it niedrigen Standards bei Hygiene u nd Gesundheitsvorsorge kom m t es im m er wieder zu M assenepidem ien m it hohen Krankheits- u nd Sterblichkeitsraten. Eine spezielle Therapie gibt es nicht, aber durch weltweite Im pfkam pagnen, wie sie von der W H O durchgeführt w urden, konnte die Anzahl der Sterben den von 2000 bis 2010 um ru n d 74 Prozent gesenkt werden. M asern werden ausschließlich von M ensch zu M ensch übertragen. Tiere u nd vor allem Rinder erkranken daran nicht. U m gekehrt erkranken M enschen n icht an der Rinderpest, einer gefährlichen Seuche un ter R indern und deren wild lebenden Verwandten. Die enge Verwandtschaft zwischen dem R inder pestvirus u nd dem M asernvirus legt den Schluss nahe, dass der Erreger der R inderpest durch den engen K ontakt zwischen dom estizierten R indern und M enschen au f letzteren übersprang u nd sich im Laufe der Z eit über verschie denen Zwischenstufen zu dem M asernvirus entwickelte, das n u r von M ensch zu M ensch übertragen wird. Ü ber ru n d 10 000 Jahre hatte das V irus schließ lich genügend Z eit um es sich bei uns M enschen gem ütlich zu machen. D och n ich t nur was die M asern betrifft, sind die Erreger der m enschlichen u nd der tierischen Erkrankung am engsten verwandt, auch für Tuberkulose 110 und Pocken gibt es bei R indern entsprechende K rankheitsform en. Dagegen gibt es bei G rippe E rkrankungen bei Schweinen und E nten u nd für die M alaria tropica Erkrankungen bei H ühnern und Enten, deren Erreger am engsten m it der m enschlichen A rt verw andt sind (vgl. D iam ond, A rm und Reich S. 246 f). Die Parallelen sind eindeutig und verblüffend zugleich; sie zeigen uns die Grenzen. Auch w enn wir die N atu r für unsere Zwecke um gestalten, wie es Bauern und V iehzüchter zum ersten M al in einem größeren M aßstab getan haben, bleiben wir doch auch Teil der N atur. D ie neu entstandenen, verhee renden K rankheiten führen es uns drastisch vor Augen. Sie zeigen uns aber auch den Januskopf geschichtlicher Entw icklung. O ffensichtlich hat jeder E ingriff in die N atu r Folgen, die zunächst n ich t absehbar, die w om öglich gar n ich t gewollt waren, m it denen w ir dann aber leben müssen. W ir haben n icht nu r für die Erfolge, sondern für alle Folgen, ob positiv oder negativ, gerade zu stehen. Goldgräberstim m ung: Vor ru n d 7500 Jahren lernten die M enschen ein völlig neues M aterial zu nutzen, was bis heute ähnlich weitreichende Folgen hat wie die E inführung der Landwirtschaft: Sie fingen an M etalle zu bearbei ten. Z unächst w urden die elem entar vorkom m enden M etalle wie G old, Silber und Kupfer bearbeitet, indem die gewünschte Form aus dem Rohm aterial gehäm m ert wurde. Das älteste bisher entdeckte, bearbeitete G old w urde im Gräberfeld von W arna nahe der bulgarischen Stadt gleichen N am ens gefunden (W ikipedia, Gräberfeld von W arna, 1.4.13). N eben Skeletten in diversen G rä bern w urden in sogenannten symbolischen Bestattungen reiche Grabbeigaben aus G old wie K etten, Armreife, ein Z epter aus Gold, Teile einer Streitaxt, kuri oserweise eine A rt Penishülle und anderes m ehr gefunden. Die Funde deuten darauf h in , dass sich hierarchische M achstrukturen und eine patriarchalische geprägte O berschicht entw ickelt hatten. D er bekannteste M ensch aus dieser Epoche, die G letscherm um ie Ö tzi, der vor 5300 Jahren lebte, trug ein gut erhaltenes Kupferbeil m it sich. N ach und nach lernten die M enschen M etalle in der Erde, in offenen G ruben abzubauen, zu erhitzen, zu schmelzen und zu gießen. So w urde neben Kupfer, G old und Silber auch Blei und Z inn abgebaut. D am it waren die Bedingungen für die folgende Bronzezeit gelegt. Die H erstellung von Bronze vor ru n d 5000 Jahren w urde zum ersten M al in Palästina und Ägypten nachgewiesen. Bronze ist härter als Kupfer und 111 eignet sich dadurch gut für die H erstellung von Waffen u nd W erkzeugen. Bronze ist eine Legierung und besteht zu 90 Prozent aus Kupfer und 10 Pro zent aus Z inn . Schon diese Tatsache zeigt, dass eine lange Z eit vorangegangen sein muss, in der die M enschen Erfahrungen m it M etallen gesamm elt und Experim ente m it diversen M ischungen gem acht haben müssen. Ü berhaupt verlangt der ganze Arbeitsprozess vom A bbau der Erze, der Behandlung des Rohm aterials, das Schmelzen, M ischen und G ießen der flüssigen Metalle, das Herstellen der Form en usw. viel W issen, reiche E rfahrung und großes K önnen von den beteiligten M enschen. D urch die Erfordernis Kupfer u nd Z inn aus den unterschiedlichen Regionen zusam m enzuführen entstanden weite H an delswege im europäischen und vorderasiatischen Raum . All dies führte dazu, dass sich eine ausgeprägte A rbeitsteilung entwickelte u nd erste Berufe wie Bergm ann oder Schmelzer entstanden. A ußerdem k o nn ten n u n über die Beherrschung der Rohstoffe, der H erstellung von Bronze waffen, W erkzeugen oder Schm uck oder die H errschaft über die Handelswege R eichtüm er angehäuft werden, und es bildete sich eine O berschicht heraus, die ihre neuen Einflussm öglichkeiten nutzte um ihre M acht auszubauen und auszudehnen. Soziale U nterschiede entstanden und die herrschende O ber schicht bestim m te u nd regelte die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Einige Jahrhunderte später, vor 3600 Jahren entdeckten die M enschen ein neues M etall, das ihren Bedürfnissen noch besser entsprach: das Eisen. Das Eisenerz fanden sie an m anchen Stellen direkt an oder unter der Erdoberfläche (Raseneisenerz) oder sie bauten es wie die anderen M etalle un ter der Erde ab. Es ließ sich im Schmelzofen, allerdings bei höheren Tem peraturen, schmelzen, konnte dann aber im glühenden Z ustand in die gewünschte Form geschm ie det und durch Abschrecken in Wasser elastisch gem acht werden. G eschm iede tes Eisen war härter, w iderstandsfähiger und gleichzeitig biegsamer als Bronze, so dass diese nach u nd nach verdrängt wurde. D adurch w urde der M agier des Eisens, der Schm ied, zu einem der w ichtigsten Handwerker. Er war als Künstler hoch angesehen u nd w urde in verschiedenen Kulturen sogar als G o tt oder gottähnlich verehrt. D ie H eth iter waren die ersten, die die Bearbeitung des Eisens beherrsch ten, und sie hü teten dieses G eheim nis bis zum Ende ihres Reiches. Die ersten Nachweise über die V erhüttung von Eisen sind dort aus der Z eit vor 3600 Jah ren erbracht worden. Vor 3200 Jahren breitete sich diese Technik im Vorderen 112 O rien t und im M ittelm eerraum aus (W ikipedia, Eisenzeit, 6.7.13) u nd kam vor ru n d 2800 Jahren nach M itteleuropa. D ort entw ickelten sich die Kelten zu M eistern des Eisens. Sie brachten die Kunst des Schm iedens zu neuen H öhen und w urden berühm t für ihren D am szener Stahl, bei dem verschiedene Stäh le in m ehreren Schichten zu einem W erkstück beispielsweise einem Schwert geschm iedet w urden. N ach der Politur wies die Waffe die typischen organi schen M uster eines Dam aszener Stahls auf. A ufgrund ihrer waffentechnischen Ü berlegenheit breiteten sich die Kelten über weite Teile Europas aus, eroberten Gebiete in W est- und O steuropa und gelangten bis nach Italien. Sie fügten dem jungen röm ischen H eer eine ver n ichtende Niederlage zu, eroberten R om bis auf das K apitol u nd zogen erst nach Übergabe eines üppigen Lösegeldes wieder ab. M it der Entdeckung der Kohle als neuem Energieträger u nd der Erfindung der D am pfm aschine erreichte im Zuge der Industriellen Revolution der Berg bau und dam it die G ew innung von M etallen eine bis dahin nie dagewesene D im ension. A uf der G rundlage systematischer U ntersuchungen w urde Eisen durch die Legierung m it anderen M etallen wie C hrom oder V anadium für die un ter schiedlichsten Zwecke zu Stahl veredelt, drang in nahezu alle Bereiche vor und w urde au f diese Weise zu einer w ichtigen Grundlage unserer heutigen Kultur. O b Stahlbeton für unsere Häuser, Bleche für Autokarosserien, S tahlplatten für Containerschiffe oder Edelstahl für Kochtöpfe - w ohin m an auch schaut sind Eisen und andere M etalle verarbeitet. D och es w urden n icht nur neue Verfahren entwickelt und die Produktion von M etallen um ein Vielfaches ausgedehnt, auch viele neue M etalle w urden im Laufe der Industriellen Revolution entdeckt. M an denke n u r an A lum i n ium , das aufgrund seiner Leichtigkeit im Flugzeugbau unverzichtbar ist. H eutzutage ist oft von dem Erz C oltan die Rede, das vor allem in Z entral afrika vorkom m t und dort un ter äußerst m enschenunw ürdigen Bedingungen abgebaut wird. Aus C oltan w ird das M etall Tantal gew onnen, ohne das kein H andy funktionieren würde. So massiv wie heute Bergbau betrieben wird, verändert er Erdoberfläche und A tm osphäre. N ich t n u r Berge werden abgetragen und neu aufgeschüttet; Erze, M ineralien und Metalle, die über Jahrm illionen in der Erdkruste einge schlossen waren, werden heraus gegraben u nd au f der Erdoberfläche verstreut. 113 In früheren Zeiten waren M ineralstoffe in V erbindung m it M etallen eher selten, so dass unser Körper beispielsweise n ich t zwischen Z ink und K adm ium unterscheiden kann. Dies hat fatale Folgen: W ährend wir Z ink als Spuren elem ent benötigen, führt K adm ium , w enn es über die zinkbindenden Proteine aufgenom m en wird, zu schweren bis tödlichen Vergiftungen. G liedm aßen und das gesamte K nochengerüst werden brüchig u nd verursachen unerträgliche Schm erzen. A uf B lutarm ut und chronischem H usten folgen Nierenversagen u nd Tod (Flannery S. 220 / 221 ). D ie G iftigkeit von Quecksilber ist bekannt. M itte des letzten Jahrhunderts w underten sich die M enschen in M inam ata au f Japan über Katzen, die rück wärts gingen. Es stellte sich heraus, dass die Katzen un ter einer Quecksilber vergiftung litten. Sie hatten näm lich die Fischabfälle von den Fischen gefressen, die in der Bucht von M inam ata aus dem M eer gezogen w orden waren. In der selben Bucht hatte die japanische Firm a Chisso C orporation zwischen 1932 u nd 1968 ihre Quecksilberabfälle verklappt. So w anderte das Quecksilber von den Kleinstlebewesen im Wasser über die Fische zu den Katzen — und zu den M enschen. Dieses G ift reichert sich über die N ahrungskette im m er m ehr an und hat die unangenehm e Eigenschaft, dass es sehr anhänglich ist: M an w ird es nur schwer wieder los. D ie M enschen klagten über taube G liedm aßen, undeutliche Aussprache u nd Augenproblem e. Viele m achten die Folgen w ahn sinnig und sie schrien vor Schmerz. Die U nternehm ensleitung versuchte über Jahre die Problem e durch Täuschungen u nd D rohungen unter den Teppich zu kehren, bis sie sich 1968 gezwungen sah die Verklappungen einzustellen. D och bis zu diesem Z eitpunk t hatten über zehntausend M enschen körperliche und geistige Schäden, die n icht m ehr geheilt werden konnten (Flannery S. 216). Z ahnfüllungen aus Am algam bestehen zu 50 Prozent aus Quecksilber. V ie le M enschen haben sich diese Füllungen wieder entfernen lassen, weil sie an allen m öglichen Sym ptom en wie Kopfschm erzen oder H autausschlägen litten. Verm utlich sind wir alle inzwischen w andelnde Lagerstätten der verschie densten Metalle, ohne dass wir es wissen u nd ohne dass w ir die Folgen absehen können. D enn die Liste giftiger M etalle lässt sich problem los fortsetzen: Blei, Arsen, L ithium um von den radioaktiven Elem enten wie U ran oder P lu to n ium gar n ich t zu reden. Eine ganz andere D im ension von Problem en, die sich aus der G ew innung von M etallen ergeben, zeigt sich in den Berichten an den C lub o f Rome: 114 Schon im ersten Bericht, der un ter dem bezeichnenden Titel „Grenzen des W achstum s“ im Jahr 1972 erschien, w ird die Frage erörtert, ob die Erze, aus denen wir die M etalle gewinnen, n icht in naher Z u ku n ft erschöpft sind. Schon damals w urden Szenarien darüber entwickelt, was unsere Gesellschaft erwartet, w enn die Verfügbarkeit der m ineralischen Ressourcen ständig abnim m t. D er letzte Bericht aus dem Jahr 2013 kom m t zu dem Schluss, dass die jüngsten Versuche der weltweiten W irtschaft durch neue Verfahren auch noch die letzten verfügbaren Erze auszubeuten, einem erbarm ungslosen Krieg gegen unseren Planeten gleichen, der letztlich n ich t zu gew innen ist. „Auf lange Sicht w ird sich der Planet vom Angriff der die Bodenschätze ausbeutenden M ensch heit erholen und die einzig m öglichen O pfer sind am Ende wir selbst“ (Bardi S. 151). U m nicht O pfer der eigenen W irtschaftsweise zu werden, m üssen wir unser Verhalten grundlegend ändern: W eg von der Superm arktm entalität, die beinhaltet alles kaufen zu können und Reste und Abfall über die M ülltonne zu entsorgen. W eg von der Vorstellung die A usplünderung der Erde ließe sich w eiterhin ohne gravierende Folgen fortsetzen und unser Leben verliefe in den gew ohnten Bahnen. W ir m üssen lernen unseren Verbrauch zu reduzieren und gebrauchte M ineralien u nd andere Stoffe w ieder zu verwerten. W ichtige Elem ente unserer bisherigen Lebenshaltung lassen sich n u r auf recht erhalten, w enn w ir ganz und gar nachhaltig wirtschaften. W ir müssen sorgsam m it der Erde um gehen. W ir haben n u r die eine. In unserer Geschich te standen w ir im m er w ieder vor existenziellen Problem en. Es besteht kein G rund zu der A nnahm e, dass wir die derzeitige Krise n icht lösen könnten . Das Potential ist vorhanden. A uf der G rundlage unseres universellen Vermögens können wir intellektuelle Kraft, em otionale D ynam ik, ethische Energie und powervolle Tatkraft m obilisieren um dieser Krise, der ersten wirklich globalen Krise, die alle M enschen betrifft, zu begegnen. W ir m üssen es allerdings w ol len u nd viele liebgewonnene G ew ohnheiten überw inden. Interessanterweise vergleicht Bardi die Entw icklung der Krise m it den fün f Stadien der Trauer, wie sie von Kübler-Ross (New York 2005) beschrieben w urden. M enschen durchleben sie in der Regel, w enn sie einen persönlichen Verlust erleiden oder geliebte Angehörige oder Freund verlieren: N ich tw ahrha benwollen, Z orn u nd W ut, Feilschen und Verhandeln, Depression, Akzeptanz. D em nach befände sich die Gesellschaft angesichts der Krise tief im Stadium 115 des N ichtw ahrhabenw ollens m it Anfällen von Z orn und W ut. D ie M enschen haben von Problem en der Ressourcenknappheit, U m w eltzerstörung u nd Ver schm utzung der Meere gehört, viele haben schon begonnen ihr Verhalten zu ändern, aber die m eisten sind desinteressiert oder tun sie ärgerlich als extreme A nsichten von W eltuntergangspropheten ab (Bardi S. 309/310). 116 15. GroßeStädte,großeReiche- Sicherheit gegen Freiheit Die älteste S tadt der W elt ist Jericho. Sie liegt im Jordangraben, 250 M eter tiefer als der Meeresspiegel nördlich des Toten Meeres. Sie war m it einer sechs M eter hohen M auer und wehrhaften T ürm en befestigt. D ie Stadt, deren N am e sich vom M ondgott Jarich ableitet, liegt an einer uralten H andels- und Karawanenstraße. Als O asenstadt w ird sie auch Palm enstadt genannt. Im Alten Testam ent, im Buch Josua (6 ), w ird farbenfroh erzählt, wie die israelischen Stäm m e Jericho eroberten. D em nach zogen die Israeliten auf A nraten G ottes an sechs Tagen je einm al m it Priestern, Bundeslade und kriegs fähigen M ännern um die Stadt. A m siebten Tag zogen sie erneut um die Stadt. Als die Priester die H örner bliesen, stim m ten alle ein lautes Kriegsgeschrei an. D a stürzten die M auern der Stadt Jericho in sich zusam m en und die Israeli ten drangen von allen Seiten in die Stadt ein. N ach dem Befehl ihres G ottes töteten sie alles, was in der Stadt lebte m it dem Schwert: M änner u nd Frauen, K inder u nd Alte, Rinder, Schafe und Esel. D a ich m it der aufgeworfenen Fragestellung in den Bereich der Geschich te kom m e, in dem es auch schriftliche Aufzeichnungen gibt, werde ich auch Zeitangaben in der A rt vor u. Z ./nach u. Z . verwenden. Die archäologischen Befunde verweisen die Erzählung des A lten Testa m entes ins Reich der Legenden. W ährend der Geschichte der Stadt war die Besiedlung Jerichos m ehrfach aufgegeben u nd dann wieder aufgenom m en worden. Als die israelischen Stäm m e in den Jahren um 1300 v. u. Z . die Regi on eroberten, war Jericho eine kleine unbefestigte Siedlung, die im folgenden Jahrhundert aufgegeben w urde (W ikipedia, Jericho 10.9.13). Zwar lassen sich erste Siedlungsspuren bis in die Z eit vor 11 000 auffinden, die erste Stadtm auer w ird au f die Jahre 10 050, also 8050 v. u. Z ., datiert. Die bei den Ausgrabungen gefundene Töpferware und andere Gegenstände zeigen, dass Jericho ausgedehnte H andelsbeziehungen m it Syrien, Anatolien und Ägypten unterhielt, und diesen H andel verm utlich auch kontrollierte. Der dadurch entstandene R eichtum erregte das Interesse benachbarter Stäm m e und brachte es verm utlich m it sich, dass die Siedlung im m er wieder überfallen 117 wurde. Entsprechende G egenm aßnahm en führten dazu, dass die Bewohner vor ru n d 5000 Jahren ihre Sicherheitsvorkehrungen verstärkten u nd begannen zwei R ingm auern m it G raben und T ürm en zu bauen. Die Befestigungen m üs sen so beeindruckend gewesen sein, dass sie noch Jahrhunderte später, als die M auern längst zerfallen waren, ihren N iederschlag in Erzählungen wie dem A lten Testam ent gefunden haben. Ackerbau in V erbindung m it Bewässerungs anlagen, wie sie in Ägypten oder M esopotam ien entwickelt w urden, lassen sich für die G egend um Jericho n ich t nachweisen. Eine andere „M egacity“ des späten N eolith ikum s war U ruk. Vor m ehr als 5000 Jahren entwickelte sich an diesem O rt, dem heutigen W arka im Süden des Irak, eine Form des Zusam m enlebens, die für uns heutige M enschen die dom inierende Lebensform ist: städtisches Leben. U nter Stadt w ird dabei im Unterschied zu einem großen D o rf oder anderen größeren Ansiedlungen eine größere, abgegrenzte und zentralisierte Siedlung verstanden, die oft im S chn ittpunk t verschiedener Verkehrswege liegt, eine eigene Regierung, Ver w altung, M arkthoheit, einen eigenen Kult sowie eine sozial differenzierte Bevölkerung hat. Aus kleinen A nsiedlungen entwickelte sich im Süden M esopotam iens ein überregionales Z en trum , das um 3500 v. u. Z . eine Fläche von m ehr als fünf Q uadratk ilom eter umfasste. Was heute in der A usdehnung einer Kleinstadt entspricht, war damals der Beginn einer revolutionären Entwicklung: eine Art Initialzündung. Das Z en trum der Stadt w urde durch die K ultbauten der beiden H aup tgö t ter strukturiert. Im Eanna-Bezirk dom inierte das große H eiligtum der G öttin Inanna/Ischtar m it m ächtigen Tem pelgebäuden und ausgedehnten Höfen, w ährend im Viertel Kullaba, im A nu-Tem pel m it seinem gewaltigen Tem peltu rm (Zikkurat) zum H im m elsgott An gebetet w urde (W ikipedia, Uruk, 9.9.13). D ie A usgrabungen geben Hinweise auf ein hochentwickeltes Verwaltungs system. So w urden Rollsiegel gefunden, die die bis dahin üblichen Stempelsie gel abgelöst haben. Rollsiegel sind kleine Zylinder, die sich fortlaufend abrol len lassen, im m er wieder das gleiche M otiv abdrucken u nd eine A rt Reliefband ergeben. Sie w urden sowohl benutzt um Transportgefäße zu versiegeln als auch U rkunden zu besiegeln u nd waren eine A rt individuelle U nterschrift für einzelne Personen oder Institutionen. 118 Die folgenreichste N euerung war allerdings die Entw icklung der Schrift, die erste der M enschheit. Aus zunächst verw endeten Piktogram m en entwickelte sich die Keilschrift, die prim är verw endet w urde um verwaltungstechnische Abläufe wie Rechnungen, Steuern und Abgaben zu dokum entieren. Später w urden auch literarische Texte u nd medizinische oder astronom ische A bhand lungen in Keilschrift verfasst. A uch der älteste bekannte Friedensvertrag der W elt, der zwischen dem ägyptischen Pharao Rames II. und dem H ethiterkönig H attusili III. nach der Schlacht bei Kadesch im Jahr 1259 v. u. Z . geschlossen wurde, war in Keilschrift verfasst. Die G rundlage von Uruks R eichtum war allerdings die Landwirtschaft. Die alljährliche Ü berschw em m ung, die durch die Frühlingsschneeschmelze in den arm enischen Bergen ausgelöst w urde und beim Tigris im M ärz und beim E uphrat im April einsetzte, verwandelte das Land in eine riesige Wasser fläche. W enn das Wasser durch Kanäle, D äm m e und Schleusen angemessen verteilt w erden konnte, der m itgeführte Schlam m sich abgesetzt hatte und das Wasser langsam wieder abgeflossen war, verwandelte sich das Land in ein grü nendes fruchtbares Paradies.“Von allen Ländern“, sagt H erodot, „ist meines W issens keines so geeignet zum G etreidebau. Die G aben der D em eter bringt es in solcher Fülle hervor, das es in der Regel zweihundertfältige Frucht trägt, m itun ter sogar dreihundertfältige F rucht“ (zitiert nach Friedell S. 221). Die O rganisation und Ü berw achung der Bewässerungsanlagen oblag sogenannten Priesterfürsten, weltliche u nd religiöse M acht lagen in einer H and. H andel und H andw erk gewannen an Bedeutung, die S tadt w urde reich. D er Kauf, der H andel und der Einsatz von Sklaven, die in der Regel in Eroberungsfeldzügen erbeutet w urden, waren gang u nd gäbe. Die Stadt selbst war von einer m ächtigen, neun Kilom eter langen Stadt mauer, die laut Gilgam esch-Epos von Gilgam esch selbst, dem legendären König von U ruk, erbaut w orden sein soll. D ie aufwendige Verteidigungsanlage weist darauf hin, dass die Bewohner Uruks gute G ründe gehabt haben müssen Leben, H aus und E igentum gut zu schützen, denn um herziehende semitische Stäm m e oder m achthungrige N achbarn hätten all zu gern die Reichtüm er Uruks an sich gerissen. Aber selbst w enn die Stadtm auer die Feine abhalten konnte, waren die Felder u nd Anlagen für die W asserregulierung ungeschützt und konn ten von diesen aus ohnm ächtiger W ut oder taktischen Überlegungen 119 zerstört werden. H ier m ag ein M otiv liegen, w arum die Städte danach strebten ihr U m land auszudehnen u nd zu kontrollieren. U ruk war zwar die bedeutendste, aber n icht die einzige S tadt im südlichen M esopotam ien w ährend der Z eit der Sum erer (4000 bis 3000 v. u. Z .). Es gab viele Städte, deren N am en w ir heute kaum noch kennen u nd die alle m it einander konkurrierten . Zeitweise führten sie Krieg gegeneinander, zeitweise verbündeten sich einzelne Städte m iteinander um andere auszustechen. „Es ist im m er dasselbe: die Leute aus U m m a oder U ruk oder sonst einem Stadtstaat brechen in das N achbarreich ein, m etzeln die E inw ohner nieder, werfen Feuer in die Tempel und Paläste, zerschlagen die G ötterstatuen und rauben die Schätze. Die Kanäle werden verstopft, die N utztiere weggetrie ben, die O bstbäum e abgehauen, die G ärten niedergebrannt, die W iesen zer stampft; n icht selten w ird auch alles Ackerland durch Salpeter für die Z ukunft unbrauchbar gem acht“ (Friedell S. 243). Ü berhaupt ist die Geschichte M esopotam iens über Tausende von Jahren eine unendliche Abfolge von Kriegen zwischen streitbaren Stadtstaaten, un ter brochen von G roßreichen und Eroberungsfeldzügen aus N achbarregionen. Ü ber die Städte von Sumer, die Reiche A kkad (um 2235 bis 2094 v. u. Z.), Babylon (2000 bis 1595 v. u. Z .)u nd Assyrien (um 1700 bis 600 v. u .Z .) gab es in der Geschichte des Zweistrom landes zwar im m er wieder friedliche Pha sen, in denen Landwirtschaft u nd H andel blühten , aber dann folgten Krieg, Raub und Eroberung. Möglicherweise lassen sich daraus auch die G rausam keiten erklären, die beispielsweise von den Assyrern bekannt sind. Es genügte ihnen n ich t eine Stadt zu erobern und die Bauwerke zu zerstören. Sie w urde dem Erdboden gleichgem acht und ihre Bewohner gepfählt, gefoltert und ihre abgezogene H au t auf den M auern ausgebreitet. Eine besondere Vorliebe hatten sie für die M ethode des „Ausreißens“, d. h. die verpflanzten große Teile eines besiegten Volkes in weit entfernte G egenden des Reiches, wie es den besiegten Israeliten um das Jahr 587 v. u. Z . erging, als sie in die babylonische Gefangenschaft verschleppt wurden. In Ägypten dagegen verlief die Entw icklung zu einem einheitlichen Staat deutlich anders. Zwar war auch hier der Fluss und sein alljährlich m itgeführtes Hochwasser die G rundlage der fruchtbaren Landwirtschaft, und deshalb gel ten nach wie vor die W orte H erodots, Ägypten sei ein G eschenk des Nils. D er 120 Unterschied ergibt sich aus der speziellen Lage des Landes. D urch ihre Isolie rung gleicht die N ilebene einem für die A ußenwelt unzugänglichen Schlauch. Im O sten u nd W esten des Landes verhindern die W üsten militärische Angriffe im größeren M aßstab. Im N orden bilden das M ittelm eer und im Süden die diversen N ilkatarakte eine natürliche Schutzgrenze. Deshalb bestim m te vor allem in der Frühzeit ein ungetrübtes Sicherheitsgefühl das Leben der Ägyp ter und führte zu einer optim istisch durchdrungenen W eltanschauung (vgl. Propyläen W eltgeschichte, Bd. 1, S. 328). Schutzm auern und ein großes H eer waren n ich t nötig, ein Angriff, der größere Schäden anrichten konnte, unwahrscheinlich. D och 95 Prozent der Fläche Ägyptens sind W üste, die M enschen ballten sich an den schm alen U fern des N ils zusam m en. W enn das alte Ägypten nur zwei M illionen Einw ohner hatte, war die Bevölkerungsdichte im m er noch grö ßer als beispielsweise in der heutigen Türkei, Friedell spricht sogar von sieben M illionen E inw ohnern (S. 118). Das führte zu einer halb städtischen Lebens weise m it intensiven gesellschaftliche K ontakten, obwohl es Städte im engeren Sinne über lange Zeiträum e überhaupt n icht gab —abgesehen natürliche von den H auptstäd ten, in denen jeweils der Pharao residierte (Propyläen S. 329). Soweit Ägypten von anderen K ulturen isoliert u nd abhängig vom N il betrachtet wird, erscheint es als ein Land, die Ägypter selber sprachen m it einer gewissen Berechtigung von zwei Ländern: der schmale Schlauch O berägypten im Süden und das weite auseinanderstrebende D elta im N orden. U nterägyp ten, das ebenso fruchtbare wie sumpfige Delta, das über weite Strecken von einem D schungel bedeckt ist, erinnert daran, dass in vorgeschichtlicher Zeit das ganze N ilufer von einem w uchernden D ickicht aus Papyrus, Lotos und anderen Sum pfgewächsen bedeckt war. U m zwischen vordringender W üste und sum pfigem D schungel bestehen zu können, m ussten geplante Äcker m ühselig gerodet u nd trocken gelegt werden. Gleichzeitig m ussten die Felder im m er wieder bewässert werden, dam it sie n ich t austrockneten u nd an die W üste fielen. D ie Arbeit war hart u nd m ühevoll und muss sich über Tausende von Jahren hingezogen haben. W enn die Ägypter auch aufgrund ihres vorzüglichen Kalenders den Z eit pu nk t der N ilflu t berechnen konnten, so lag das A usm aß der Flut n ich t in ihrer H and . S tand das Hochwasser nur einen halben M eter unterhalb des O ptim um s von ru n d acht M etern (vor dem Bau des Staudam m s bei Assuan) 121 bedeutete dies eine schlechte Ernte u nd stand es n u r einen halben M eter höher, w urden D äm m e weggeschwemmt, Kanäle zerstört und im schlim m sten Fall die D örfer m it ihren L ehm hütten un ter Wasser gesetzt. In diesem Fall war die Ernte unw iederbringlich verloren u nd den M enschen drohte H unger u nd Tod. „Die Legende von den sieben fetten u nd den sieben mageren Jahren war für Ägypten nie reine Phantasie; die D rohung war stets aku t“ (Propyläen S. 307). Im Laufe der vordynastischen Jahrtausende, also im Z eitraum von rund 5000 bis 3000 v. u. Z ., schlossen sich einzelne Bauern in D örfern und schließ lich in G auen zusam m en, um das um fangreiche Bewässerungssystem zu erhalten, zu pflegen und auszubauen. Dieser Prozess w urde von sogenannten G aufürsten organisiert: das ägyptische W ort für G aufürst bedeutet dem ent sprechend „der die Kanäle bau t“ (W ikipedia, Altes Ägypten 8.10.13). Diese hatten auch dafür zu sorgen, dass Getreide für die Zeit schlechter E rnten zur Verfügung stand. Allerdings begannen die G aufürsten auch Kriege gegeneinander zu führen. Die Ausgrabungen haben n icht nur eine große Anzahl von Pfeilspitzen und Keulenknäufe zu Tage gefördert; die gefundenen Skelette weisen auch reichlich viel gebrochene K nochen auf. Aus dem G auen entstanden größere Einheiten, bis sich schließlich die beiden angesprochenen Länder herausbildeten, und um das Jahr 3000 v. u. Z . vereinigte M enes, der erste Pharao, O berägypten und U nterägypten zu einem Reich. A ufgrund seiner relativen Isolierung verlief der Prozess der Reichsbildung in Ägypten deutlich weniger gewalttätig als in M esopotam ien. Aber auch dort dom inierte die K onkurrenz zwischen den einzelnen G auen u nd Fürstentü m ern und höchstw ahrscheinlich w urden auch zahlreiche Kriege geführt bis ein einheitliches Reich entstand. Spätestens nachdem M enes sich als H errscher über die beiden Länder durchgesetzt hatte, war Ägypten eine absolute M onar chie. Als Pharao erließ er alle Gesetze, dirigierte das wirtschaftliche Geschehen u nd war als M ittler zwischen M enschen und G öttern für das religiöse Leben verantw ortlich — galt als Vertreter des G ottes selbst als göttlich. U nd dieser Z ustand blieb von kleineren U nterbrechungen und unwesentlichen Verände rungen abgesehen über knapp 3000 Jahre lang stabil. Erst m it der Eroberung Ägyptens durch Alexander den G roßen endete diese lange Periode. Zwischen den großen Reichen Ägyptens u nd M esopotam iens lag Syrien. Auch dort entstanden zahlreiche Städte wie Aleppo, A ntiochia, Dam askus 122 oder Ugarit, deren Klang m it einer reichen kulturellen u nd geschichtlichen Entw icklung verbunden ist. D och aufgrund seiner Lage im Spannungsfeld verschiedener G roßm ächte ist es in Syrien nie zur Entw icklung eines größeren Staatswesens, das über einzelne Städte hinausreichte, gekom m en. O ffensicht lich haben sich die syrischen Stadtkönige ständig untereinander bekriegt und sind nach B edarf Bündnisse m it den benachbarten G roßm ächten eingegangen, so dass für diese Zeit kriegerische Auseinandersetzungen an der Tagesordnung waren. Insofern ist es berechtigt zu sagen, der syrische Boden sei m it Blut getränkt. Offensichtlich ist dieses Erbe noch heute virulent, denn in keinem anderen Land hat der Arabische Frühling zu so einem grausamen, blutigen und n ich t enden w ollenden Bürgerkrieg geführt wie in Syrien un ter Staatschef Baschar al-Assad. Die Entw icklung von Städten und/oder größeren Reichen m ag zwar im N ahen O sten begonnen haben, setzte sich aber überall in der W elt fort, wie beispielsweise in Indien m it der H arappa-K ultur ab 2500 v. u. Z . oder in C h ina m it Xia-Dynastie ab 1766 v. u. Z . U m die Jahre 1300 treten au f dem G ebiet der heutigen Türkei die H eth iter au f den Plan und ab 550 v. u. Z .. die Perser. In Europa dom inierte ab 3000 v. u. Z . die M inoische K ultur au f Kreta und ab 1800 die Entw icklung in M ykene. Auch in Afrika südlich der Sahara entstanden Städte und Reiche, w enn auch deutlich später. Die W üste lag wie eine Barriere zwischen dem nördlichen und südlichen Afrika und erschwerte den kulturellen Austausch. So spielten W erkzeuge und Waffen der Bronzezeit in Schwarzafrika kaum eine Rolle. Erst m it der Entdeckung der E isenverarbeitung begannen afrikanische Kulturen aufzublühen. Die ägyptischen Pharaonen hatten über Jahrhunderte das Land Kusch im heutigen Sudan beherrscht. U m 700 v. u. Z . drehten die Könige von Kusch den Spieß um , besiegten nun ihrerseits die früheren Eroberer und besetzten den T hron des Pharao. So w anderten kulturelle Errungenschaften entlang des N ils nach Süden u nd verbreiteten sich südlich der Sahara. Die Schwesterstadt von Kusch liegt südlich von K hartum . Die Blütezeit von M eroe begann 200 v. u. Z . und w ährte fast tausend Jahre. M eroe war „das Z en trum der größten Eisenschm elzindustrie südlich der M ittelm eerküste“ (Davidson S. 57). Ü berhaupt schaffte der Besitz von Waffen u nd W erkzeugen aus Eisen 123 die Voraussetzung für großräum ige E roberung und Zentralisierung bis dahin unabhängiger Stammesgesellschaften. D er König von G hana, dessen Königreich nördlich des oberen Nigers lag u nd der den transsaharischen H andel m it G old und Salz kontrollierte, konnte 200 000 Krieger in den K am pf führen. Sein Reich datiert, soweit die Q uellen lage diese Inform ation zulässt, von 800 bis 1076 nach u.Z ., bis muslimische Eroberer das Königreich von G hana überrannten. Sehr viel später, um 1650 gründeten im heutigen G hana die A shanti ein weiteres Königreich. Aus einem losen Bündnis einzelner Stadtstaaten wuchs ein zentralisiertes Königreich m it der H aup tstad t Kumasi. D ie Könige expandierten, eroberten weitere Gebiete u nd m achten diese tributpflichtig. Das so entstandene G ebiet entspricht heute im großen und ganzen dem m odernen Staat G hana. In und um das heutige Z im babw e erstreckte sich vor rund 500 Jahren das Königreich Benam etapa m it zehntausenden alten Eisenerzm inen, Q uad ra t kilom eter von terrassierten H ügeln, einer stark befestigten H aup tstad t und zahlreichen Siedlungen (vgl. D avidson S. 236ff). Es lassen sich zahlreiche wei tere Beispiele für die Existenz großer Städte u nd bedeutender Reiche finden. Die genannten m ögen genügen um zu zeigen, dass Afrika n ich t der zurück gebliebene, sich quasi im N aturzustand befindliche K ontinen t ist, wie er so oft dargestellt wird. A uf dem am erikanischen K ontinen t hat sich die beschriebene Entw icklung naturgem äß noch später vollzogen, da dieser K ontinent erst vor maximal 12 000 Jahren von M enschen besiedelt wurde. W ährend der Blütezeit der M ayakultur, von ca. 600 bis 900 n. u. Z . gab es zahlreiche Stadtstaaten m it jeweils einem H errscher u nd eigener Verwaltung. Die Städte waren häufig durch D am m straßen m iteinander verbunden und m it m ehr als 10 000 E inw ohner größer als die Städte im dam aligen M itteleuropa. Z u den bekanntesten Städten, die m an in der Regel auch in den Katalogen der Reiseunternehm er findet, gehören un ter vielen anderen Palenque, Tikal, Calakm al oder C hichen Itza. D er Einflussbereich der M aya erstreckte sich vom Süden M exikos (Yucatan) bis Guatem ala, H onduras, El Salvador u nd Belize. D er A nbau von M ais spielte eine tragende Rolle und M athem atik der M aya und ihr Kalender waren hoch entwickelt. A ußerdem besaßen sie bis zur A nkunft der Spanier die einzige Schrift au f dem am erikanischen K ontinent. 124 Die Bearbeitung von M etallen wie G old, Silber u nd Kupfer diente lediglich ästhetischen und spirituellen Zwecken. Für den N iedergang der M ayakulturen werden verschiedene Ursachen diskutiert; am naheliegensten ist eine durch die M enschen mitverursachte Klim averänderung: Die verm ehrte A bholzung der W älder und verm inderte Niederschläge führten zu D ürren u nd schlechten Ernten. D en großen Städten wäre dam it ihre landwirtschaftliche G rundlage entzogen (W ikipedia, Maya, 26.10.13). Das Reich der Inka erstreckte sich in seiner größten A usdehnung von Ecu ador bis Chile u nd A rgentinien im Z eitraum von 1370 bis 1530 n. u. Z . Die Inka selbst waren ein kleiner Stam m , der nach und nach benachbarte Stäm m e besiegte u nd tributpflichtig m achte. Seine herrschende Sippe stellte später Adel, Klerus, Offiziere u nd den H errscher des theokratischen Reiches. Die M acht der herrschenden Schicht beruhte au f Tributen u nd Arbeitsleistungen der ansonsten w eitgehend autarken bäuerlichen G em einschaften. W erkzeuge und Waffen w urden aus Kupfer und Bronze hergestellt, G oldschm uck war dem Adel vorbehalten, Eisen war unbekannt (W ikipedia, Inka, 23.10.13). In der Z eit von 1300 bis 1520 n. u. Z . b lühte im Tal von M exiko und weiteren Teilen Zentralm exikos das Reich der Azteken. Z unächst verteilte sich die M acht au f den aztekischen D reibund der Städte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan. Im Laufe der Jahre gelang es den H errschern von Tenochtitlan zur dom inierenden M acht innerhalb der Dreier-Allianz aufzusteigen, indem um liegende Städte u nd Gebiete unterw orfen u nd tributpflichtig gem acht w ur den. In den Jahren 1519 und 1520 eroberte H ernan Cortes das Reich der Azte ken m it Hilfe von ru n d 500 Soldaten, einer H andvoll Reitern und m ehreren Vorderladern u nd Geschützen. D och seine größte Hilfe waren die von den Europäern eingeschleppten Pocken, die m ehr als die H älfte der Bevölkerung Tenochtitlans dahinrafften, darun ter auch den neuen König C u itl’auac (W ikipedia, Azteken, 26.10.13). Die aufgezählten Beispiele sollen verdeutlichen, dass die Entstehung von Städten und/oder größeren Reichen überall auf der W elt erfolgte, es sich ver m utlich um eine universelle Entw icklung handelt. D ie große A usnahm e stellt das alte Australien dar, aber auch dies scheint weniger den M enschen als den 125 gegebenen geographischen Bedingungen geschuldet, un ter denen die M en schen leben m ussten. W elche Bedingungen m üssen denn nun vorhanden sein, dam it die M ensch anfangen Städte anzulegen u nd Stadtm auern hochzuziehen? In jedem Fall ist die Grundlage ein hoch produktive Landwirtschaft, die einen so großen Überschuss erwirtschaftet, dass neben den Bauern handw erk liche Berufe wie Schmiede, Töpfer, W eber usw. entstehen können. In dem M aße wie Produkte ausgetauscht und über größere Strecken transportiert werden, fangen H ändler an den Austausch der W aren zu organisieren. U nd schließlich m üssen die bisher gewählten oder in anderer Weise ausgesuchten Vorsteher oder H äuptlinge neue Aufgaben übernehm en, die sich aus dem W achstum des Gem einwesens ergeben. W enn dann die Bevölkerung weiter anwächst, w ird es ab einem bestim m ten Punkt unum gänglich übergeordnete S trukturen wie S traßenführung, Verwaltungsgebäude, M ärkte und K ultgebäu de zu errichten, die für eine Stadt typisch sind. W enn die Bevölkerungsdichte einen bestim m ten Punkt erreicht, entsteht gewissermaßen eine A rt kritische Masse, die städtische Strukturen unum gänglich m acht. Es entstehen also aus G ruppen, die ursprünglich als Jäger u nd Sam m ler leb ten, zunächst sesshafte Stäm m e, die aus Clans verw andter G ruppen bestehen u nd dann sogenannte Häuptlingsreiche, die m ehrere D örfer u nd Tausende von M ensch umfassen (vgl. D iam ond A rm und Reich S. 322 ff). W ächst dann die Bevölkerungsdichte weiter und es leben 10 000 und m ehr M enschen in einer Siedlung, werden städtische S trukturen notw endig. U nter bestim m ten historischen Bedingungen entwickeln sich aus Städten große Reiche. W ie der G ang durch die H istorie gezeigt hat, entstehen Städte in dem oben genannten Entwicklungsprozess eigentlich in jedem Fall, w ährend große Reiche besonde rer Bedingungen bedürfen. M anche W issenschaftler führen die groß angelegten Bewässerungssysteme als Erklärung für die E ntstehung großer Reiche an. So erklärt W ittfogel in seiner Analyse der „orientalischen D espotie“ die E ntstehung großstaatlicher Gebilde aus der N otw endigkeit die Bewässerungsanlagen im Rahm en einer hydraulischen A grikultur — wie er diese A rt von Landwirtschaft charakterisiert — im großen M aßstab zu organisieren. Bekannterm aßen m üssen um die eigent liche Feldarbeit durchführen zu können weitreichende V orbereitungsm aß 126 nahm en wie der Bau von Kanälen, D äm m en, Rückstaubecken oder Pum pen geleistet werden. D och bei genauerem H insehen w ird deutlich, dass Bewässerungsanlagen lange vor der Entstehung großer Reiche von den örtlichen Bauern in A ngriff genom m en w orden sind. Sie w urden in lokaler Regie entwickelt (wie in Sumer) und sind es auch geblieben (wie bei den Inka). Es liegt auch nahe von den lokalen Bewässerungssystemen auszugehen, denn erst diese erm öglichten die hoch produktive Landwirtschaft, au f deren G rundlage dann Bevölkerungs w achstum u nd städtische Strukturen entstehen konnten. Ü berhaupt ist es doch weltweit zwar zur Bildung von Städten bzw. Stadtstaaten gekom m en, aber die E ntstehung großer Reiche, aus unserer Sicht möglicherweise die interessantere Variante, erfolgte erst in zweiter Linie und keinesfalls im gleichen Ausmaß. D am it kom m e ich auf die schon erw ähnten Bedingungen zurück: Indem eine sesshaft gewordenen Bevölkerung m it Hilfe von Bewässerungsanlagen eine Landwirtschaft betrieb, die m ehrere E rnten im Jahr erm öglichte und gro ße Überschüsse erzielte, wuchs die Bevölkerung so stark, dass neue Strukturen zwischenm enschlichen Lebens entwickelt werden m ussten: eine S tadt begann zu wachsen. D er angesamm elte Reichtum weckte die Begehrlichkeiten der N achbarn oder durchziehender Stäm m e. Spätestens nach dem dritten Überfall werden sich die Bewohner Schutzm aßnahm en ausgedacht haben, m ögen es bereit stehende W achen oder Schutzbauten gewesen sein. A uf diese Weise m ag nach und nach die riesige S tadtm auer von U ruk entstanden sein, die der Sage nach von Gilgamesch, dem legendären König von U ruk, erbaut w orden sein soll. M it großer W ahrscheinlichkeit ha t er sie n ich t allein gebaut. Was die Bewohner von U ruk können, m achen wir besser, dachten sich die M enschen um liegender Gem einwesen u nd fingen n u n ebenfalls an ihre Sied lung zu befestigen. A uf diese Weise entwickelten sich in K onkurrenz gegenei nander zahlreiche sumerische Städte im südlichen M esopotam ien. Schließlich ging es darum zu dem onstrieren: W er hat die höchste Stadtm auer, den präch tigsten Tempel, die herrlichsten Paläste u nd die größte M arkthalle. Selbstverständlich versuchte jede dieser Städte eine V orm achtstellung zu erringen, was einzelnen von ihnen auch gelang, aber nie von langer D auer war. A uf diese Weise hat die K onkurrenz dazu beigetragen, dass die sum eri 127 schen Städte w uchsen und b lühten . Es w urde quasi ein A utom atism us in Gang gesetzt, aus dem eine Stadt n u r bei Strafe ihres Untergangs ausscheren konnte. Erst ru n d tausend Jahre später, um 2300 v. u. Z ., eroberte der akkadische König Sargon die sum erischen Städte und schuf das erste große Reich in M esopotam ien. Er nann te sich „H err der vier W eltteile“ und dehnte sein Reich bis Arabien im Süden u nd G riechenland im W esten aus. Die Akkader waren semitische H irten , die durch den R eichtum der sum erischen Städte angelockt, in m ehreren W ellen in den N orden M esopotam iens eingewandert waren. A ufgrund ihrer überlegenen Bewaffnung m it Pfeil und Bogen konnten sie die Soldaten der sum erischen Städte besiegen. Die Tatsache, dass die Akkader ursprünglich w andernde H irten waren, m acht erneut deutlich, wie wenig die Entstehung von G roßreichen m it groß angelegten Bewässerungsanlagen zu tun haben. Zusam m enfassend lässt sich festhalten, dass Städte entstanden, w enn eine sehr produktive Landwirtschaft viele M enschen ernähren konnte u nd deshalb die Bevölkerungsdichte so hoch wurde, dass übergeordnete, eben städtische S trukturen notw endig w urden. Entstanden m ehrere Städte in unm ittelbarer N achbarschaft, wie in Sumer, gerieten sie unweigerlich in K onkurrenz gegen einander: jede wollte die Vorherrschaft. M eistens endete dies in einem Krieg. In dem M aße, wie überregionale H andelsbeziehungen entstanden, entw i ckelten sich auch an V erkehrsknotenpunkten oder entlang wichtiger H andels wege größere Ansiedlungen, die unter U m ständen zu Städten wuchsen. W elchen Vorteil ha t es jedoch für den einzelnen M enschen, in der Regel Bauern, einen O rt zu haben, der m it einer M auer um geben war? Die A ntw ort liegt au f der H and: Er konnte sich angesichts der häufigen kriegerischen Aus einandersetzungen schützen u nd Angehörige, V ieh und bewegliche H abe in Sicherheit bringen. Zwar war in den m eisten Fällen die Ernte verloren, denn seine Äcker konnte er n ich t h in ter die M auern m itnehm en, aber Leben und bewegliche G üter waren gerettet. Sobald die Feinde abgezogen waren, konnte der Bauer wieder m it seiner A rbeit beginnen. U nd bei m ehreren E rnten im Jahr, war eine, zwar n ich t leicht, aber zu verschmerzen. Aber die Feinde kam en n ich t nu r von außerhalb der Stadtm auer. Auch untereinander lebten die M enschen keineswegs harm onisch zusam m en. Schon in einer G ruppe von Jägern und Sam m lern, die nur aus ein paar D utzend M itgliedern bestand, kam es zu offenen A usbrüchen von Gewalt. So schildert 128 D iam ond einen Besuch bei den Iyau au f N euguinea, als eine A nthropologin die Frauen über ihre Lebensgeschichte und vor allem ihre E hem änner befragte. Es stellte sich heraus, dass die m eisten Frauen m ehrere Ehem änner nachein ander hatten, weil der vorhergehende M ann durch eifersüchtige N ebenbuh ler um gebracht w orden war. M ord und Totschlag gehörte zu den häufigsten Todesursachen (vgl. D iam ond A rm und Reich S. 323 und 339). Es zeigt sich, dass die Vorstellung eines friedlichen Lebens in der Z eit der Jäger und Sam m ler, die Vorstellung einer urkom m unistischen Idylle, eher den Vorstellungen kulturverdrossener Intellektueller als den w irklichen Verhältnissen entspricht. Diese G ruppen führten zwar keine Kriege im späteren Sinne, denn im Falle einer Auseinandersetzung m it einer anderen G ruppe konnten sie sich, w enn ihnen der Boden un ter den Füßen zu heiß wurde, rechtzeitig in die Büsche schlagen und verschwinden; die m eisten Fälle von M ord u nd Totschlag geschahen innerhalb der G ruppe (vgl. Berliner Z eitung 23.7.13). W enn schon in einer kleinen G ruppe von Jägern u nd Sam m lern, in der alle m ehr oder weniger m iteinander verw andt sind, der A usbruch von Gewalt nur schwer zu kontrollieren war, um wie viel größer waren die Problem e in einer Stadt m it m ehreren tausend Einw ohnern, die in der Regel n ich t nu r nicht m iteinander verw andt, sondern sich auch n icht persönlich kennen konnten. Es musste eine Instanz her, die Konflikte friedlich regelte u nd die Gewalt m onopolisierte. Schon in den sogenannten H äuptlingsreichen hatten die H äuptlinge das G ew altm onopol inne um die öffentliche O rdnung aufrecht zu erhalten und gewalttätige Auseinandersetzungen zu verhindern. In einer Stadt war diese Aufgabe n ich t n u r dringlicher sondern auch schwieriger zu bewerkstelligen. Einer oder einige waren „gleicher“ als alle anderen. W er auch im m er es war, der größte Bauer, der beste Krieger oder eine religiöser Führer, ihm kam die Aufgabe zu den Bau der M auer zu organisieren, die H andw erker einzusetzen, Streitereien zu schlichten und das von den Bauern erwirtschaftete M ehrpro dukt zu verwalten. Ihm , seiner Familie oder seinem Clan wuchs M acht zu. Er n ahm sie n ich t nur gerne, sondern übernahm weitere Aufgaben. Krieger m uss ten organisiert u nd trainiert, Gerichtsverfahren abgehalten, Abgaben kontro l liert und aufbewahrt, öffentliche Gebäude wie Speicher, Versam mlungsräum e und Tempel gebaut werden. 129 Im Laufe der Jahre entstand eine herrschende Schicht, die alle wichtigen Entscheidungen tra f und sich das reiche M ehrproduk t aneignete. U nd indem Ä m ter und M achtfülle vererbt w urden, blieben sie sozusagen in der Familie. Spätestens als die M achthaber begannen Status und H erkunft religiös zu ver bräm en, u nd sie quasi als Stellvertreter oder A bköm m linge der G ö tter in ihren Ä m tern fungierten, war eine herrschende Klasse m it einem König an der Spit ze entstanden, die selbstherrlich agierte und regierte. U ruk und die anderen sum erischen Städten w urden von sogenannten Pries terfürsten regiert, deshalb auch die Bezeichnung als Tem pelwirtschaft (W ikipedia M esopotam ien, 2 .11.13) In diesem Fall zeigt schon die N am ensgebung, dass weltliche M acht u nd religiöse Führung bereits völlig verschmolzen waren. Was hat n un aber die M enschen dazu bewogen Freiheit und Selbständig keit aufzugeben u nd sich der W illkür einer herrschenden Schicht, eines Königs oder auch Priesterfürsten zu unterwerfen? N ach den bisherigen Überlegungen liegt die A ntw ort au f der H and. D ie H errscher hatten die Aufgabe die Feinde von außen abzuwehren und im Innern des Gem einwesens Recht und O rd nung aufrecht zu erhalten. Sie waren - um es in m odernen Begriffen auszudrü cken - für die äußere und innere Sicherheit zuständig. Jäger u nd Sam m ler oder w andernde V iehnom aden konn ten sich des Problems entledigen, indem sie sich in entlegenere Gebiete zurückzogen. Aber der G roßteil der Bevölkerung war sesshaft wie die Bauern, H andw erker u nd Händler. Sie m ussten in den sauren Apfel beißen u nd viele Freiheiten aufgeben um eine sicheres Leben zugesichert zu bekom m en. W er dies n ich t tat, blieb außen vor und w urde in den zahlreichen Kriegen zwischen den Fronten zerrieben. W enn m an sich vor Augen hält, wie hysterisch in den letzten Jahren seit dem 11.9.2001 angesichts einer H andvoll Al Q aida Terroristen die Frage der Sicherheit diskutiert wird, kann m an vielleicht ermessen, welche B edeutung ein sicheres Leben für uns M enschen hat. D er ehemalige deutsche Innenm i nister H ans-Peter Friedrich postuliert gar ein „Supergrundrecht au f Sicher heit“, obw ohl weder das deutsche G rundgesetz noch die Allgemeine Erklärung der M enschenrechte der Vereinten N ationen diese A rt von Supergrundrecht legitimieren. Zwar w ird in Artikel 3 der Allgem einen Erklärung form uliert: „Jeder hat das Recht au f Leben, Freiheit u nd Sicherheit der Person“, aber dies ist ein Artikel un ter insgesamt 30, deren Stellenwert untereinander sorgfältig abgewogen werden muss. Ein Supergrundrecht au f Kosten anderer G ru n d 130 rechte kann und darf es n icht geben. Im übrigen w ird schon in dem zitierten Artikel selbst von Freiheit und Sicherheit gesprochen. W enn m an sieht, m it welch einer selbstverständlichen Ignoranz die Chefs der NSA und anderer am erikanischer u nd britischer Geheim dienste in ihren Erklärungen gegenüber Parlam ent u nd Ö ffentlichkeit die Ü berw achung und A usspähung der Bürger vieler Staaten rechtfertigen, verm itteln sie den E in druck, die Sicherheit der Bürger vor terroristischen Angriffen ginge ihnen über alles. Dass sie dabei andere wichtige G rundrechte wie die W ürde des M en schen (Artikel 1, Allgemeine Erklärung der M enschenrechte) und Freiheits sphäre des Einzelnen (Artikel 12) m it Füßen treten, ist ihnen offensichtlich gleichgültig. Die Bürger selbst beginnen langsam zu begreifen, was sie sich m it der vielgepriesenen Freiheit im In ternet eingehandelt haben — das A nsehen der USA und ihres ursprünglich hoch angesehenen Präsidenten Barack O bam a befindet sich im Sinkflug. Vor allem w ird im m er deutlicher, dass es in erster Linie n ich t um die Sicherheit der Bürger geht, sondern um die Sicherung wirtschaftlicher und politischer M acht, um die A usspähung anderer, befreundeter (?) Regierungen und um Industriespionage. Gespenstisch u nd beängstigend w ird die Situation, w enn staatliche O rgane W histleblower wie Eduard Snowden, die die W ahrheit über die wahnwitzigen Spähprogram m e ans Licht der Ö ffentlichkeit gebracht haben, n un selbst als Terroristen einstufen und sie unter dem M issbrauch ihrer M acht verfolgen, verurteilen u nd einkerkern lassen (Berl. Z eitung 8.11.13). Ich springe wieder 5000 Jahre zurück und schlendere durch die sumerische Stadt U ruk. Bauern und H andw erker m urren und dem onstrieren, weil ihr König Gilgam esch durch seinen despotischen Regierungsstil und die hohen Ausgaben, die er für seine im posanten Repräsentationsbauten benötigt, ihre G eduld über die M aßen strapaziert hat. Insbesondere die Frauen hat er durch sein ungehobeltes u nd aggressives Verhalten verärgert, so dass sie öffentlich die G ö ttin Ischtar um Hilfe anflehen. Als sein enger Freund E nkidu stirbt, stürzt Gilgamesch, halb G o tt halb M ensch, in eine tiefe Verzweiflung. Er begibt sich au f eine lange W anderschaft um das G eheim nis des Lebens zu ergründen. Er m öchte n ich t sterben wie sein Freund Enkidu, er will ewig leben. N ach vielen A benteuern, bei denen er m it G ö ttern aneinander gerät, kom m t er schließlich zu der Erkenntnis, dass er nu r durch nützliche W erke als guter König seinen 131 N am en unsterblich werden lassen kann: Er kehrt zurück und lässt die S tadt m auer von U ruk bauen (W ikipedia Gilgam esch Epos, 12.11.13). D ie Erzählung über Gilgamesch ist n u r in Bruchstücken u nd m ehreren Versionen überliefert, so dass es schwierig ist eindeutige Schlussfolgerungen zu ziehen. Eines scheint m ir allerdings ziem lich deutlich: Die M enschen w ün schen sich einen gütigen König, der in der Lage ist die Interessen aller Bevöl kerungsgruppen angemessen zu berücksichtigen. U nter U m ständen m ögen sie gegen einen unfähigen König aufbegehren, im besten Falle ihn davonzujagen u nd durch einen anderen zu ersetzen, aber solange sie n ich t bereit sind das System eines von G öttern gesandten oder gottähnlichen Herrschers in Frage zu stellen, werden sie dem D ilem m a n icht entkom m en. D ie M enschen können ihr universelles Verm ögen n ich t in der Freiheit einer selbstbestim m ten G ruppe realisieren, sondern m üssen sich der W illkür u nd dem Joch eines absolut herrschenden Königs unterwerfen. Ih r D enken u nd Fühlen, ihre Phantasie und ihr Tun w ird darauf ausgerichtet sein unter diesen Bedingungen einen K om prom iss zu finden, der den A nsprüchen des Herrschers gerecht w ird u nd ihnen einen R aum eröffnet den eigenen Zielen nachzugehen. Dieses D ilem m a setzte sich n ich t n u r fort, als der akkadische König Sargon die sum erischen Städte eroberte u nd das erste G roßreich in M esopotam ien errichtete, es potenzierte sich, da der H errscher n ich t nu r weit entfernt in seiner H aup tstad t residierte, sondern auch über eine bis dahin n ich t gekannte M achtfülle verfügte. Sein Reich erstreckte sich vom M ittelm eer bis zum Persi schen G olf und keine G ruppe der Gesellschaft konnte seine M acht beschrän ken. Seine M acht war total; politische, militärische und religiöse Funktionen waren in der Person des Herrschers vereint. Zwar gab es unterschiedliche Form en des Eigentum s in Landwirtschaft, H andel oder im Tempel, blieb aber Besitz, der keine M acht verleihen konnte. (W ittfogel S. 292 ff). D ie M enschen un ter einem solchen Regime lebten in der ständigen Angst eines m öglichen terroristischen Vorgehens ihres H errn oder seiner Lakaien gegen sich, ihr Leben oder ihr E igentum , sei es im Bereich des Steuereinzugs über willkürliche Festsetzungen, in gerichtlichen Verfahren oder in anderen Zusam m enhängen. In der K onfrontation m it der Staatsm acht hatte der Staat alle M acht, der U ntertan keine. G ehorsam war die vorherrschende Tugend u nd das H auptziel der Erziehung. Todesstrafe war an der Tagesordnung (W itt- 132 fogel S. 184 ff). D a es in dieser Gesellschaft keine rivalisierenden Kräfte m it der notw endigen eigentum sm äßigen oder organisatorischen Stärke (wie im antiken G riechenland oder im m ittelalterlichen Europa) gab, w urde dieser H errscher m it seiner Bürokratie überm ächtig; der Staat w urde stärker als die Gesellschaft. (W ittfogel S. 80 ff). Es entstand dieser Staat, der im allgemeinen unter dem Begriff „orientalische D espotie“ firmiert. U nd doch: Die M enschen lagen n ich t nu r au f dem Bauch vor ihren H err schern. So gibt es Berichte in altägyptischen H ieroglyphentexten über Streiks und D em onstrationen ägyptischer A rbeiter in der N ähe von Luxor. D ie Arbei ter hatten ihre Löhne n icht bekom m en u nd forderten Auszahlung der Löhne, Bekäm pfung der staatlichen K orruption u nd das offene O h r der Pharao. Der erste uns bekannte Streik der W eltgeschichte fand im Jahre 1151 vor Chr. in der N ähe von Luxor statt u nd griff bald au f andere Tempel- u nd G raban lagenbauplätze über. Die Behörden m ussten nachgeben u nd zum indest einen einen Teil der ausstehenden Löhne auszahlen. Es geht weniger darum , ob sie alle Forderungen durchsetzen konnten . Entscheidend ist: D ie einfachen Leute haben sich gewehrt (Berl. Z eitung 4.11.13). Ü ber die Jahrtausende hat sich die M achtstruk tur der orientalischen D espotie in w eiten Teilen des arabischen und asiatischen Raum es in den ver schiedensten staatlichen Form ationen und in den entsprechenden C harakter eigenschaften der M enschen erhalten und im m er wieder erneuert. M an kann diese A rt der C harakterstruktur in A nlehnung an Erich From m sicherlich als „autoritären C harakter“ einstufen (vgl. E. From m 1936). Im Laufe des arabischen Frühlings, in dem die M enschen in vielen ara bischen Staaten ab Dezem ber 2010 (wieder einmal) gegen ihre autoritären H errscher aufbegehrten und einige von ihnen zum Teufel jagten, haben sich inzwischen die Islamisten breit gem acht u nd bedrohten n u n ihrerseits die erkäm pften Freiheiten. So stehen sich inzwischen in Ägypten A nhänger des M ilitärs, dem alten H errschaftsapparat, und M uslim brüder unversöhnlich gegenüber. D ie Aktivisten der Revolution haben einen schweren Stand. Bassm a Husseini, eine aktive Käm pferin für bürgerliche Freiheiten, beschreibt die Lage folgenderm aßen: „Dass so viele Ägypter Al-Sisi zum Präsidenten haben wollen, zeigt, wie sehr sie sich im m er noch einschüchtern lassen. W enn m an ihnen verspricht, Recht und O rd n un g wieder herzustellen, sind sie bereit auf Freiheit zu verzichten“ (Berl. Z eitung 5./6 .10 .13). 133 16. D ieDem okratieAthens-EinFunke Hoffnung W ie ist es möglich, dass sich die M enschen über Jahrtausende unter das Joch absoluter Herrscher, seien es n u n gütige Könige oder blutige Tyrannen, ge beugt haben? Sicherlich gab es D em onstrationen, Streiks oder Aufstände, aber genauso sicher w urde jedes Aufbegehren b lu tig niedergeschlagen. Im besten Fall übernahm ein neuer König die M acht, der gegenüber Forderungen aus der Bevölkerung aufgeschlossener war. Aber absoluter H errscher blieb absoluter Herrscher. N eben der G arantie für äußere und innere Sicherheit entwickelten die Bür ger eines großen Reiches sicher auch eine A rt „nationalen“ Stolz. Bürger eines m ächtigen Reiches waren n ich t n u r sicher vor äußeren Feinden; die M acht ihres Herrschers strahlte auch au f sie selber über. Indem sie sich m it Herrscher und Reich identifizierten, konn ten sie sich selber m ächtig fühlen. G efühls m om ente ähnlicher A rt kann m an heute noch w ahrnehm en, w enn m an erlebt, wie m anche Briten ihrem verflossenen W eltreich oder m anche Russen selbst aus den untersten Schichten dem untergegangenen Sow jetim perium nach trauern. D er ausschlaggebende Punkt scheint m ir allerdings in der religiösen W eltanschauung zu liegen. W o auch im m er größere Staatswesen entstanden, legitim ierten die H errscher ihre M acht m it dem Verweis au f die G ötter. O b es nun der Pharao war, der sich als Sohn des Sonnengottes Re verehren ließ, oder Sargon, der als den G öttern besonders nahe stehend galt, im m er w urden die H im m lischen genutzt um den U ntergebenen die besondere Stellung des H errschers vor Augen zu führen. In W estafrika beteten die Yoruba und andere Volksstämme ihre „G öttlichen Könige“ an (Davidson S. 55). W er also gegen den H errscher opponierte, hatte n ich t n u r die königlichen Soldaten sondern auch die G ötter gegen sich. Letztendlich opponierte er dam it auch gegen sei ne eigene religiöse W eltanschauung, was erfahrungsgem äß m it den größeren Schwierigkeiten verbunden ist. So herrschten die „orientalischen D espoten“ m al m it M ilde m al m it b lu t triefender Brutalität über ru n d 3000 Jahre u nd sonnten sich in ihrer absoluten 135 M acht — es sei denn an den Grenzen erschien ein stärkerer Gegner, vertrieb den Inhaber der M acht u nd setzte sich an dessen Stelle. D och dann geht ein Stern auf, dessen Licht bis in unsere Tage erstrahlt. In einem kleinen Stadtstaat am Rande der dam aligen W elt w ird die D em okratie geboren: In A then über n im m t das Volk die M acht — Könige u nd G ötter als deren religiöse Legitim a tionsbasis treten ab. M it Perikles, der von 443 bis 429 v. u. Z . die Geschicke A thens lenkte, beginnt das goldene Zeitalter der Stadt. Zwar finden auch im gleichen Z eitraum in anderen Kulturkreisen bedeu tende V eränderungen statt: In C h ina lehrten Konfuzius u nd Laotse, in Indien Buddha, in Israel zahlreiche Propheten und in Persien Zarathustra. Deshalb spricht Karl Jaspers von einer Achsenzeit, in der religiöse und philosophische A nschauungen entstanden, aus denen die M enschen noch heute Kraft und H offnung schöpfen. D och all diese Ansätze verbleiben im Bereich individueller Lebensgestaltung u nd unterlagen dam it den Zufälligkeiten in der geschicht lichen Entw icklung, und in keinem Fall w urde die M acht der absoluten H err scher ernsthaft in Frage gestellt. N u r den A thenern gelang es die neuen Ideen in die politische Sphäre zu übertragen und dam it gingen sie in die Geschichte ein. D am it dies aber gelingen konnte, brauchte es eine lange Vorgeschichte. D ie G riechen betrieben eine produktive Landwirtschaft. Vor allem aber waren sie H ändler und Seefahrer. Sie befuhren das ganze M ittelm eer vom Schwarzen M eer im O sten bis zur Straße von G ibraltar im W esten. Überall an den Küsten hatten sich griechische K olonisten niedergelassen, besonders an der dem griechischen M utterland gegenüberliegenden W estküste Kleinasiens entstanden bedeutende Städte. H ändler und Seeleute trafen M enschen aus aller H erren Länder. W o viele K ulturen aufeinander trafen, fanden sich auch die unterschiedlichsten religiösen Vorstellungen wieder. W enn G laubensbe kenntnisse, die alle die absolute W ahrheit zu vertreten vorgeben, nebeneinan der erlebt werden, kann m an leicht anfangen an allen zu zweifeln. In der Z eit um 600 v. u. Z. begannen die ersten griechischen Philosophen die überlieferte Religion in Frage zu stellen u nd m it dem M ittel selbstständigen u nd vernunftm äßigen Denkens W elt u nd M ensch aus natürlichen Ursachen zu erklären. N am en wie Thales und A naxim andros aus M ilet, einer bedeuten den griechischen H andelsstadt im Südwesten der heutigen Türkei, stehen für die sogenannten N aturphilosophen. Allen gem einsam war ihre Suche nach einem U rstoff und die A blehnung theologischer Erklärungen. Ihre Theorien 136 sind lediglich in Fragm enten erhalten oder aus W erken späterer Philosophen zu entnehm en, die sich m it deren A rbeiten auseinandergesetzt haben. Jedoch jeder kenn t noch Pythagoras, der m ehrere m athem atische Z usam m enhänge geklärt hat, aus seiner Schulzeit. D en Lehrsatz über die Q uadrate der Seiten eines rechtwinkligen Dreiecks vergisst m an so leicht nicht. Auch dieser Philosoph lebte u nd lehrte in dieser Zeit. Im Südwesten Italiens südlich von N eapel lag die griechische Kolonie Elea. U nter den dortigen Philosophen zog vor allem Xenophanes gegen Religion, W under- u nd Aberglaube und Seelenwanderungslehre zu Felde und m achte sich über die M enschen lustig, die den G ö ttern m enschliche Eigenschaften und menschliches Verhalten andichteten (vgl. Störig 1, S. 125 ff). Von H eraklit ist der Ausspruch überliefert, „W ir können n ich t zweimal in denselben Fluss steigen“, u nd das berühm te W ort: „Alles fließt, nichts besteht“. H eraklit und andere N aturphilosophen versuchten die treibenden Kräfte und Gesetze h in ter der bunten und unendlichen Zahl der D inge und Vorgänge zu ergründen. Es ist wohl kein Zufall, dass sich der freie philosophische D iskurs zunächst vor allem in den kleinasiatischen und unteritalienischen Kolonien der G rie chen entfaltete u nd weniger im griechischen M utterland. W ährend in A then und den anderen griechischen Stadtstaaten die alten religiösen Traditionen gepflegt w urden, herrschte in den Kolonien ein freieres Klima, das den offenen Diskurs begünstigte. Die M acht der Konservativen bekam Sokrates, der als Lehrer in den Straßen A thens unterwegs war, zu spüren. Er w urde wegen G o tt losigkeit u nd V erführung der Jugend vor G ericht gestellt, zum Tode verurteilt und m usste den G iftbecher trinken — eine A rt der H inrich tung, die damals in A then üblich war. Sokrates, P laton u nd Aristoteles sind leuchtende Sterne am H im m el der Philosophie. Ihre G edanken u nd Systeme, ihre M ethoden u nd Vorgehenswei sen bilden bis heute das Fundam ent der geistigen Auseinandersetzung. Alle drei lebten u nd lehrten in A then; zu ihrer Z eit war die attische D em okratie allerdings schon fest etabliert. Sicherlich lässt sich die Entw icklung der D em okratie in A then n icht u n m it telbar aus philosophischen Vorgaben erklären, aber m it Sicherheit lässt sich sagen, dass es ohne das freie Philosophieren keine D em okratie gegeben hätte. 137 Z unächst waren es soziale Problem e, die erste Schritte h in zu einem dem o kratischen Gem einwesen lenkten. N ach der A bdankung des Königs herrschte in A then wie auch in allen anderen griechischen Stadtstaaten der Adel. D er Areopag, ein Rat aus Adligen, vergab die Ä m ter und übte die Kontrolle über die A m tsführung aus. Im m erhin w urden schon in dieser Z eit wichtige E n t scheidung, vor allem über Krieg und Frieden in der Volksversam mlung abge stim m t. D ie Politik des Adels führte dazu, dass die kleinen Bauern, Landarbeiter, Fischer und H irten stark verarm ten und die A rbeit den Lebensunterhalt n icht m ehr deckte. In der Folge gerieten viele von ihnen in die Schuldknechtschaft; d. h. sie hafteten m it Leib u nd Leben für ihre Schulden und w urden als Skla ven an reiche A thener oder ins Ausland verkauft. D er Streit zwischen Arm u nd Reich schlug hohe W ellen u nd spitzte sich in einem M aße zu, dass der Z usam m enhalt der gesam ten athenischen Gesellschaft in Gefahr geriet. Vor allem war die Verteidigungsfähigkeit n ich t m ehr gewährleistet, denn das H oplitenheer, die Grundlage des athenischen M ilitärs, stützte sich auf die Masse der freien Bauern. „Damals war der Gegensatz zwischen arm u nd reich so groß geworden, dass sich die Stadt in einer höchst kritischen Lage befand und es den Anschein hatte, als könne m an die G ärung im Volk n u r noch überw inden, indem m an eine Tyrannenherrschaft einrichtete u nd die ganze M acht einem einzigen starken M anne übertrug. Das ganze niedere Volk war näm lich den Reichen verschuldet. W er seiner Schulden wegen sich selbst verpfändet hatte, w urde von seinen G läubigern abgeführt und diente fortan entw eder im Lande als Sklave oder w urde in die Fremde verkauft. Viele waren auch genötigt, ihre eigenen K inder zu verkaufen, denn kein Gesetz verbot d a s “ (P lutarch zit. n. Ziegler, S. 61). In dieser kritischen Situation w urde Solon, der in die Konflikte n icht involviert war, vor der M ehrheit der Beteiligten 594/93 v. u. Z . zum A rchonten, d. h. in das höchste A m t gewählt. Er sollte die zerstrittenen Bürger versöhnen. Solons Reform werk zielte weniger au f die Entw icklung einer dem okrati schen O rd n un g als au f den „Abbau überkom m ener Vorrechte alter Adelsfa m ilien zugunsten eines breiteren M itw irkungsrechtes der athenischen Bürger schaft“ (W ikipedia, Attische D em okratie 5.12.13, S. 3). Solon schaffte die Schuldknechtschaft ab u nd ergriff M aßnahm en die Stellung der freien K lein bauern w ieder herzustellen und zu stärken. Insgesamt teilte er die Bevölkerung 138 je nach E inkom m en in vier Klassen, die jeweils unterschiedlichen Z ugang zu den w ählbaren Ä m tern u nd entsprechende Pflichten im M ilitär hatten. D urch die E inrichtung des Volksgerichtes, dessen Geschworene aus allen Klassen der Bevölkerung kam en, schuf er auch in der R echtsprechung ein Gegengewicht zum Areopag, der ausschließlich vom Adel besetzt wurde. N achdem zwischendurch 51 Jahre lang Tyrannen herrschten, stellte Kleisthenes 508 v. u. Z . die D em okratie au f eine neue G rundlage, indem er dem o kratische Strukturen au f — wie wir heute sagen w ürden — kom m unaler Ebene verankerte. Trotz der Kriege gegen die Perser konnte die attische D em okratie stabilisiert u nd erweitert werden. Persien, das größte Reich, das die W elt bis dahin gesehen hatte, erstreckte sich vom Indus bis ans M ittelm eer. Dagegen erschien eine griechische Polis wie A then geradezu lächerlich klein, randständig und unbedeutend. N ach dem die ionischen Städte an der kleinasiatischen Küste insbesondere M ilet einen A ufstand gegen die persische H errschaft begonnen hatten, beschlossen die persischen Könige G riechenland zu unterw erfen und ihrem Reich einzu verleiben. König Dareios leitete um fangreiche V orbereitungen für den Feldzug ein. Alle Provinzen und Städte m ussten Truppen, Kriegsschiffe, Pferde und Getreide stellen. H erodots Beschreibung m acht das A usm aß und den Stellen w ert des bevorstehenden Krieges deutlich: „N un war ganz Asien drei Jahre lang in Bewegung, und alle Tapferen sam m elten und rüsteten sich gegen H el las“ (H erodot V II 1/W ikipedia Perserkriege 28.12.13). D och obwohl die griechischen Stadtstaaten auch un ter sich sehr zerstritten waren u nd sich bei weitem n ich t alle an der Verteidigung gegen die Perser beteiligten, gelang es ihnen un ter der Führung Spartas und A thens die persi schen Streitkräfte aus G riechenland zurückzudrängen. N achdem die A thener 480 v. u. Z. w ährend der Seeschlacht bei Salamis die persische Flotte vernich teten, schlug das vereinte griechische H eer ein Jahr später in der Schlacht bei Plataiai auch das Landheer der Perser. Die Kriege haben der D em okratie n icht nu r n icht geschadet, sie haben zu einer weiteren Vertiefung geführt. D urch das um fangreiche R üstungs program m für die Kriegsflotte, das von dem A rchonten Themistokles forciert wurde, war A then zur größten Seem acht des M ittelm eeres geworden. Für die Schiffe w urden Ruderer gebraucht, die in der Regel aus den unteren Bevöl kerungsklassen kam en. Entsprechend der B edeutung der Kriegsflotte nahm 139 infolgedessen auch der Einfluss der besagten Bevölkerungsklasse zu und die M acht des Adels w urde zurückgedrängt. So w urde die Prüfung über die Füh rung der Amtsgeschäfte durch die H errscher und die allgemeine Aufsicht über die Beam ten dem Areopag entzogen und ging auf den Rat der 500 über, neben der Volksversam mlung dem zentralen O rgan der attischen D em okratie. U nter Perikles erlebte die D em okratie in A then ihre höchste und schönste Blüte. U nter seiner Führung w urde n u n auch der untersten Bevölkerungs schicht der Z ugang zum Rat der 500 eröffnet. Entsprechend w urden für B ür ger, die über wenig E inkom m en verfügten, D iäten eingeführt. Im Losverfah ren w urde entschieden, welcher K andidat für ein Jahr M itglied im Rat wurde. Perikles war in seiner politischen Tätigkeit so überzeugend u nd w urde offen sichtlich von vielen M enschen aus allen Bevölkerungsklassen hoch geschätzt, dass er über 30 Jahre lang die politische Entw icklung A thens gestalten konnte. So w urde er ab 443 v. u. Z . Jahr für Jahr zu einem der zehn Strategen gewählt, dem höchsten m ilitärischen Führungsam t, das durch W ahlen und n ich t durch das Losverfahren besetzt wurde. Im Zuge seiner politischen A rbeit ließ Perikles die Akropolis, die durch die Perser zerstört w orden war, unter der Leitung des berühm ten Bildhauers Phidias neu gestalten. Aus der alten Festung w urde ein Tempelbezirk zu Ehren der S tadtgöttin A thene. N och heute stehen wir staunend vor den R uinen des Parthenons u nd bew undern Ä sthetik u nd Ebenm aß des Tempels der Pallas A thene. M it der N eugestaltung der Akropolis brachte Perikles den neuen A nspruch A thens als führende M acht in G riechenland aufs Trefflichste zum A usdruck (vgl. W ikipedia Attische D em okratie 5.12.13). D ie Basis der attischen D em okratie war die Ekklesia, die Vollversammlung. D en Z ugang erlangten Vollbürger nach der Ableitung des M ilitärdienstes. R und 30 000 bis 40 000 M änner waren dam it stim m berechtigt. 6000 Anwe sende galten als das „Volk in Fülle“, die Versam m lung war dann berechtigt Beschlüsse über alle A ngelegenheiten zu treffen. Im Rat der 500 w urde über Anträge und Tagesordnung für die Vollver sam m lung entschieden. M it seiner Zuständigkeit über die Aufsicht der Beam ten und die Kontrolle der die Beschlüsse ausführenden Ratsm itglieder war der Rat sozusagen das H erz des dem okratischen Gemeinwesens. Alle M itglieder des Rates sowie die täglich wechselnden Vorsitzenden w urden un ter den frei willigen wahlberechtigten K andidaten ausgelost. 140 In den Volksgerichten üb ten Richter, die in einem kom plizierten Verfah ren aus 6000 athenischen Bürgern für jeweils ein Jahr ausgelost w urden, die Rechtsprechung aus. Sie m ussten sich in einem Eid au f die geltenden Gesetze verpflichten, waren aber ansonsten in ihrer Entscheidung völlig unabhängig. Trotz zahlreicher Krisen, wie beispielsweise dem fast drei Jahrzehnte dauernden Krieg (431 bis 404 v. u. Z .) gegen Sparta u nd zeitweiliger U n ter brechung durch eine tyrannische H errschaft hat sich die attische D em okratie über lange Z eit bew ährt. Von den ersten Schritten Solons im Jahre 594 bis zum Jahr 262 v. u. Z ., als A then der neuen m akedonischen Vorm acht unterlag, überdauerten die dem okratischen Institu tionen weit über drei Jahrhunderte und erm öglichten den Bürgern dem okratische M itw irkung u nd die A usübung zahlreicher Ämter. Aus der Sicht unseres heutigen Dem okratieverständnisses muss allerdings festgehalten werden, dass die D em okratie A thens eine eingeschränkte war: Frauen, Sklaven und Fremde hatten kein Recht sich in den dem okratischen Prozess einzubringen. U m 450 v. u. Z . lebten in A ttika ru n d 300 000 E inw oh ner, davon 150 000 Vollbürger m it ihren Familien, 75 000 Sklaven und 75 000 Fremde (Beyer S. 65). W enn m an eine Familie m it zwei K indern zugrunde legt, waren ru n d 35 000 M änner als Vollbürger berechtigt sich zu beteiligen, das sind etwas m ehr als ein Z ehntel der gesam ten Bevölkerung. Für die Beteiligung kam n u r in Frage, wer den Kriegsdienst abgeleistet hat. Dies verweist au f ein weiteres M anko: Die D em okratie innerhalb Athens war auf engste m it der strukturellen U nterw erfung aller anderen M itglieder des attischen Seebundes verbunden, der von A then dom iniert wurde. Schon Perikles selber weist au f diese widersprüchliche Problemlage hin, sieht aber keine M öglichkeit das Problem zu lösen. „D enn die Herrschaft, die ihr übt, ist jetzt schon Tyrannis; sie aufzurichten m ag ungerecht sein, sie aufzugeben, ist gefährlich“ (W ikipedia Attische D em okratie 5.12.13) Was auch im m er m an an Bedenken u nd K ritik vorbringen mag, in der Geschichte der M enschheit ist die attische D em okratie ein leuchtender Stern in absoluter D unkelheit. W eder in der Z eit davor noch lange Z eit danach findet sich Vergleichbares. D urch ihre O ffenheit für die verschiedensten M ei nungen, ihre Bereitschaft den überzeugenden A rgum enten Taten folgen zu lassen und die Bereitschaft auch gegenteiligen M einungen G ehör zu schenken w urde sie zum strahlenden Stern von der Antike bis zur N euzeit. Ihr G lanz ließ 141 Künste u nd Philosophie erstrahlen. D ichter wie Aischylos und Aristophanes, Bildhauer wie Phidias und Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles konn ten sich in seinem Licht entfalten. D ie B edeutung dem okratischer S trukturen sowohl für das politische und soziale Leben wie für künstlerische A ktivität u nd produktives D enken m acht deutlich, was meines Erachtens au f der H an d liegt: D em okratische Strukturen, die au f der Souveränität des Volkes gründen, sind die einzige Form politischer O rganisation, die es erlauben, dass m öglichst viele M enschen ihr universelles Vermögen optim al realisieren können. In Versam m lungen und Ä m tern können viele Individuen eines Gemeinwesens an der G estaltung der politischen und sozialen O rganisation m itw irken. Die O ffenheit der Entscheidungsprozesse erm öglicht den freien M einungsaustausch. Die produktive A tm osphäre ver m ag Künstler in ihrer A rbeit zu inspirieren u nd D enker und Philosophen zu neuen H orizonten zu führen. Es ist keine Frage, dass die D em okratie Athens trotz all ihrer E inschränkungen im Vergleich zu der damals vorherrschenden Staatsform der orientalischen Despotie den M enschen M öglichkeiten bot, die sie sonst nirgends au f der W elt zu V erfügung hatten. Allerdings erlaubte der dem okratische Prozess auch M enschen, die von der m it Ä m tern verbundenen M acht fasziniert waren, ihre A m bitionen auszule ben. Überzeugende Redner, geschickte Strategen und gewiefte Taktiker konn ten den dem okratischen W illensbildungsprozess beeinflussen, steuern oder gar zu ihren G unsten verbiegen. So ist es sicherlich kein Zufall, dass in der atti schen Polis diverse M aßnahm en entwickelt w urden um Ehrgeiz und M ach t streben einzelner Personen in Grenzen zu halten. Die m eisten Ä m ter w urden durch Lose vergeben, au f ein Jahr begrenzt und durften n icht ein zweites Mal durch die gleiche Person besetzt werden. Das A m t des Strategen war wegen seiner m ilitärischen A usrichtung u nd der jährlichen erneuten W ählbarkeit m it hohem Ansehen und großem politischen Einfluss verbunden. D er Stratege musste jedoch Rechenschaft ablegen und konnte bei M isserfolgen oder Eigen m ächtigkeiten vor G ericht gestellt und je nach U m ständen zu Tod oder Ver bannung verurteilt werden. Für besonders hartnäckige Fälle gab es das soge nannte Scherbengericht: Jeder wahlberechtigte A thener konnte den N am en eines Verdächtigen in eine Tonscherbe ritzen. W enn bei einer Teilnahm e von 6000 Bürgern eine M ehrheit zustande kam, musste der Betreffende die Stadt 142 für zehn Jahre verlassen. Vor allem m it der letztgenannten E inrichtung sollte verhindert werden, dass noch einm al ein Tyrann die H errschaft übernahm . Die A thener hatten also verschiedene M aßnahm en in den Prozess der dem okratischen W illensbildung eingebaut um zu verhindern, dass Einzelne zu viel M acht in die H an d bekom m en. Offensichtlich bietet die A usübung von M acht ein breites Spektrum , in dem M enschen ihr universelles Verm ö gen ausleben können. Die Besetzung einflussreicher politischer Ä m ter bringt Ansehen, M itw irkung an politischen Entscheidungen u nd oft auch Zugriff au f wirtschaftliche u nd finanzielle Ressourcen m it sich. Ü berhaupt ist die Betätigung in M achtpositionen scheinbar ohne Grenzen; m ehr an M acht ist im m er m öglich im Vergleich zu anderen Tätigkeitsfeldern wie in Sport, Beruf oder Familie. U nd das ist auch die Lehre, die A then für uns heutige bereit hält. Das M achtstreben einzelner kann nu r von der dem okratischen Gem einschaft begrenzt werden, indem entsprechende Pflöcke im dem okratischen System eingeram m t werden. W enn die Existenz dem okratischer S trukturen für die Realisierung des m enschlichen Vermögens, seiner universellen N atur, so grundlegend sind, w arum w urden sie in der Geschichte der M enschheit so selten verwirklicht? Angesichts der Tatsache, dass es seit der Existenz größerer m enschlicher Gem einschaften tausende von Jahren dauerte bis die ersten dem okratischen Versuche wirklich werden konn ten und dies auch n u r in einem kleinen, rela tiv unbedeutenden Stadtstaat am Rande der damals vorherrschenden großen Zivilisationen, und dass es nochm als m ehr als tausend Jahre dauerte, bis die bürgerlichen Revolutionen das Them a erneut au f die Tagesordnung setzten, stellt sich diese Frage in aller Schärfe. Offensichtlich ist es schwierig dem okratische S trukturen zu etablieren. K önnen gegnerische Kräfte sie verhindern oder lassen andere Interessen oder Bedürfnisse davor zurückschrecken? M it der Diskussion über Sicherheit im Kapitel davor w urde ein Aspekt erörtert. Das Problem, dass M enschen, Fami lien oder Klassen n icht von der M acht lassen können und wollen, die sie sich einm al erobert haben, lässt sich auch heute noch in allen V ariationen beobach ten. Diese Aspekte sind sicher wichtig, scheinen m ir aber n ich t h inreichend die aufgeworfene Frage zu beantw orten. Sie bleibt (vorläufig) offen. Knapp hu nd ert Jahre später nachdem die A thener ihr demokratisches Experim ent begannen, w urden in Rom ähnliche Versuche un ternom m en. Im 143 Jahre 509 v. u. Z . hatten die Röm er genug von ihren Königen und begannen im Rahm en der Röm ischen R epublik ihre Geschicke selbst in die H an d zu nehm en. Das höchste A m t teilten sich zwei K onsuln, die für Rechtsprechung, Finanzen u nd H eeresleitung zuständig waren. Sie w urden von einer Volks versam m lung gewählt, in der allerdings die herrschende Schicht stets eine M ehrheit hatte, da die Stim m en auf der G rundlage von Besitzverhältnissen festgelegt w urden. Das einflussreichste G rem ium war der Senat, dessen M itglieder aus dem höheren Adel kam en, und die in der Regel Senatoren au f Lebenszeit blieben. Er erteilte zwar n u r „Em pfehlungen“ für die A m tsinhaber, aber in der Praxis war sein Einfluss so groß, dass diese um standslos befolgt wurden. D ie Plebejer, wie die A rm en genannt w urden, hatten eine eigene Versam m lung, in der sie ihre Vertreter, die sogenannten V olkstribunen wählten. In A then wie in Rom bestim m ten der Gegensatz von A rm und Reich häu fig die Politik und war M otor für die W eiterentw icklung der dem okratischen Strukturen. Insgesamt waren die Röm er aber weniger konsequent als die Bürger Athens. D er dom inierende Einfluss der großen Adelsfamilien wurde n icht gebrochen; die Röm ische Republik war eine aristokratische Staatsform m it dem okratischen Elem enten (W ikipedia Röm ische Republik 13.1.14). Sie dauerte von 509 bis zum Jahre 27 v. u. Z ., als römische Kaiser die M acht übernahm en. Als originäre Entw icklung der Röm er gilt das römische Recht, in dem vor allem Erwerb, V erkauf u nd Besitz von E igentum geregelt werden. Römisches Recht ist bis heute m ehr oder weniger die G rundlage aller m odernen Rechts systeme. In der marxistischen G eschichtsbetrachtung w ird zwischen der asiatischen u nd der antiken Produktionsweise unterschieden (M E W Bd.13 S. 8/9) Bei genauerem H insehen zeigt sich allerdings, dass beide Gesellschaftstypen au f einer produktiven Landwirtschaft beruhten, wobei einer großen M enge kleiner Bauern die G roßgrundbesitzer gegenüberstanden, die ihr Land in der Regel von Sklaven bewirtschaften ließen. M it der A usnahm e von A then und in eingeschränktem M aße auch Rom herrschten in allen Staaten Könige oder Adelsfamilien. Sie waren alle politische Systeme vom Typ orientalischer D es potie. Selbst die griechischen Stadtstaaten um A then herum m achten in dieser H insicht keine A usnahm e. Das Bemerkenswerte liegt in der Tatsache, dass in 144 A then auf der G rundlage einer Sklavenhaltergesellschaft eine Form der D em o kratie entwickelt wurde. Einen M enschen zur Sklavin oder zum Sklaven zu m achen, ist das Schlim m ste und Abscheulichste was m an ihm an tun kann. Sklaven m üssen die niedrigsten Arbeiten verrichten, ihre Freiheit ist vernichtet und ihre W ürde w ird negiert. Ihr M enschsein w ird zu einem seelenlosen W erkzeug degradiert. Ihre Körper sind ihnen entfrem det, ihr Geist okkupiert, ihre Seele zerrissen. D er Besitzer kann seine Sklaven erniedrigen, dem ütigen, für schmutzige Arbeiten einsetzen, sexuell m issbrauchen, schließlich sogar töten. Es ist ihm freigestellt. Erstaunlicherweise leben Sklaven trotzdem weiter, singen, tanzen und fei ern, lieben und haben Kinder. Sie leisten W iderstand im R ahm en ihrer M ög lichkeiten. Ihre m enschliche Identität, ihr universelles Verm ögen ist unzerstör bar — außer sie werden um gebracht oder töten sich selbst. D enker u nd Philosophen haben zu allen Zeiten A rgum ente gefunden und entwickelt um die N otw endigkeit der Sklaverei zu begründen. Selbst der gro ße Aristoteles hat sich in diesem Sinne geäußert u nd erklärt, dass Sklaven zwar eine Seele hätten, diese aber n ich t voll ausbilden könnten . Deshalb sei es für sie sinnvoll als Sklaven zu dienen. Einen starken Im puls gegen die Sklaverei setzte das frühe C hristentum . Aus den Evangelien spricht eine klare Sprache für die G leichheit aller M en schen, die Sklaven n ich t ausschließt, und die Parteinahm e für Kranke, Arme und U nterdrückte aller Art. In dem von R om besetzten Judäa galten Zöllner, die für die Besatzer die Steuern eintrieben, als höchst verachtenswert. Jesus setzte sich m it einigen von ihnen dem onstrativ zu einem gem einsam en Essen an einen Tisch u nd wies die selbstgefälligen Besserwisser, die Pharisäer, zurück, die sich darüber em pörten, dass Jesus m it „diesem G esindel“ gemeinsam zu Tisch saß (M arkus 2 ,13-17). A uch die Forderung Jesus die Feinde zu lieben, muss für die damaligen M enschen, für die Kriege u nd tätliche Auseinandersetzungen quasi an der Tagesordnung waren, wie eine V erheißung von einem anderen Stern vorge kom m en sein. „Euch, die ihr m ir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tu t denen Gutes, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen u nd betet für alle, die euch schlecht behandeln“ (Lukas 6 , 27-28). 145 Sklaven m ussten die Behandlung als Gleiche un ter Gleichen, die frühe Christen w ährend des A bendm ahls und im U m gang m iteinander praktizierten, wie eine Erlösung erlebt haben. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass das frühe C hristen tum zunächst als Religion der Sklaven eingestuft wurde. Schließlich ist Jesus durch seinen Tod am Kreuz auch den Sklaventod gestorben. Aber schon Paulus m acht klar, wie das m it der G leichheit zu verstehen ist. „Es hat darum nichts m ehr zu sagen, ob einer Jude oder N ichtjude, ob er Sklave oder frei, ob M ann oder Frau. D urch eure V erbindung m it Jesus Christus seid ihr alle zu einem M enschen gew orden“ (Galater 3, 28). Sklaven sind gleich und frei — aber n u r vor Jesus Christus. In ihrem Alltag haben sie gefälligst w eiterhin Sklaven zu sein: „Die Sklaven, die zur G em einde gehören, m üssen ihren H erren m it aller schuldigen A chtung begegnen.“ U nd m it besonderer Perfidie: „W enn ein Sklave einen C hristen zum H errn hat, d arf er ihn deshalb n icht weniger achten, weil er sein Bruder ist. Er m uss ihm sogar noch besser dienen, weil ein Herr, der C hrist ist und sich von G o tt geliebt weiß, ihm ja auch viel G utes tu t“ (T im otheus 6, 1-2). W ährend der Spätantike war im C hristen tum die Frage der Sklaverei heftig um stritten. Viele K irchenväter sprachen sich dafür aus, wenige dagegen, aber viele christliche H erren ließen ihre Sklaven frei. U nter Kaiser K onstantin dem G roßen w urde das Los der Sklaven etwas hum aner: So durften Familien nicht m ehr auseinandergerissen werden, H erren war es verboten Sklavinnen an Kuppler zu verkaufen und widerspenstige Sklaven zu töten. A ußerdem verlieh K onstantin Bischöfen das Recht Sklaven rechtm äßig freizulassen. Etwa seit der Z eit Karls des G roßen durften C hristen andere C hristen nicht m ehr als Sklaven halten, was natürlich bedeutet, dass M uslim e oder A nhänger anderer Religionen sehr wohl versklavt werden durften. Ab der Jahrtausendw ende spielten nördlich der A lpen Sklavenhandel und Sklaverei kaum noch eine Rolle; der H andel verschob sich R ichtung M itte l meer. Vor allem die Kaufleute aus den oberitalienischen Seerepubliken G enua u nd Venedig verkauften Sklaven aus dem Kaukasus nach Südwesteuropa und Ägypten. D urch den Transsaharahandel w urden afrikanische Sklaven in den N ahen O sten verkauft. Dieser H andel w urde fast ausschließlich von orientali schen H ändlern abgewickelt u nd auch durch die Verbreitung des Islam n icht unterbrochen. 146 M it der E ntdeckung Amerikas nahm en Sklaverei und Sklavenhandel ungeahnte Ausm aße an. Für die Plantagenw irtschaft war eine große Zahl von A rbeitskräften nötig, die im D reieckshandel zwischen Afrika, A m erika und Europa herbeigeschafft w urden. Die Sklavenhändler kauften Sklaven an den afrikanischen Küsten u nd verkauften sie an Plantagen- und Bergwerksbesitzer in Amerika, nahm en dort Baumwolle, Zucker oder Kaffee auf, das sie w ieder um in Europa verkauften. Für diese abscheulichen Geschäfte w urden zwischen zehn u nd fünfzehn M illionen A frikaner aus ihrer H eim at verschleppt, unter m enschenunw ürdigen Bedingungen in die Schiffe gepfercht u nd zu den här testen Arbeiten gezwungen. Viele kam en schon w ährend der Sklavenjagd oder w ährend des Transportes zu Tode (W ikipedia Sklavenhandel 24.1.14). Die Abschaffung der Sklaverei erwies sich als schwierig u nd langwierig. N eben aufklärerischen Ideen waren es vor allem evangelische und freie K ir chen, die sich für das Verbot des Sklavenhandels einsetzten. Entsprechend ihrem Verständnis des M enschen als K ind G ottes stuften sie das H alten und Kaufen von Sklaven als Sünde ein. Als erste Sklavenhandelsnation verbot D änem ark ab 1803 den Sklavenhan del über den A tlantik. 1807 folgte das Vereinigte britische Königreich, verbot den Sklavenhandel und bekäm pfte den Sklavenhandel der anderen europäi schen N ationen. Ab 1834 w urden alle Sklaven im britischen Kolonialreich für frei erklärt. In den USA war die Situation längere Z eit sehr unterschiedlich. Die Kolonie Rhode Island erklärte bereits 1652 die Sklaverei für illegal. Die nördlichen Staaten schafften die Sklaverei Schritt für Schritt zwischen 1789 und 1830 allmählich ab (W ikipedia A bolitionism us 29.1.14). N ach der N ie derlage im Bürgerkrieg w urden die Sklaven auch in den Südstaaten befreit. In Frankreich, D eutschland und Portugal entstanden auch katholisch inspirierte Bewegungen gegen diesen inhum anen Gräuel. In H aiti erklärten sich 1799 ehemalige Sklaven als unabhängig und frei und gründeten den Staat H aiti. Als einer der letzten Staaten schaffte Saudi Arabien erst 1968 die Sklaverei offiziell ab. Aus den Schilderungen w ird ersichtlich, dass die christlichen Kirchen bei der Abschaffung der Sklaverei eine zentrale Rolle gespielt haben. Sowohl w äh rend der Z eit im frühen M ittelalter, als sie nördlich der A lpen ausgemerzt wurde, als auch in der N euzeit, nachdem sie durch den B edarf an Arbeits kräften au f dem am erikanischen K ontinen t ungeheure Ausm aße erreicht hatte, 147 standen die C hristen an vorderster Front. A m Bürgerkrieg in den Vereinig ten Staaten w ird deutlich, wie verbissen u nd unerbittlich sich Gegner und Befürworter der Sklaverei gegenüberstanden u nd wie b lutig und brutal die Auseinandersetzungen geführt w urden. Dies illustriert au f drastische A rt und Weise, welche W iderstände C hristen überw inden m ussten um die Sklaverei zurückzudrängen. D och die schlim m sten Gräuel entstanden erst nachdem sie offiziell abge schafft war. In den K onzentrationslagern und Arbeitslagern der N ationalso zialisten m ussten zwischen sieben u nd elf M illionen M enschen schuften, und viele von ihnen überlebten die T ortur nicht. Dies m acht deutlich, wie der zynische Spruch „Arbeit m acht frei“, der über dem Eingang des K onzentra tionslagers Auschwitz steht, gem eint war. Im Archipel G ulag w urden zwischen 1920 u nd 1955 18 bis 20 M illionen M enschen zur A rbeit gezwungen. W ie viele davon an Hunger, Entkräftung oder unbehandelten K rankheiten zugrunde gingen, w ird wohl n ich t so schnell ans Tageslicht kom m en. D ie chinesische Variante der Arbeitslager heiß t Laogai. „Die Laogai Research Foundation schätzt, dass seit 1949 vierzig bis fünfzig M illionen M en schen in den Lagern inhaftiert und zwanzig bis fünfundzwanzig M illionen von ihnen zu Tode gekom m en sind“ (Berl. Z eitung 15./16.2.14). Laogai ist fester Bestandteil der chinesischen W irtschaft, u nd die Profite, die die Arbeitsskla ven erwirtschaften, werden im H aushalt der chinesischen Regierung verbucht. Zwar erklärte die chinesische Regierung 2013 das Zwangsarbeitersystem für abgeschafft, aber überprüfen kann dies niem and. Es gibt heute zwar keine Sklavenhaltergesellschaft mehr, doch die Sklaverei als Geschäftsmodell ist eine Branche m it außerordentlichen Zuw achsraten. In seinem Artikel „Das alte M onster“ (Berl. Z eitung 15./16.2.14) führt Arno W idm an zahlreiche Beispiele an: So werden jedes Jahr weltweit 1,4 M illionen M enschen, überwiegend M ädchen und Frauen, gezwungen als Sexsklavinnen zu arbeiten. Sie werden gekauft, verkauft und weiterverkauft als handele es sich um T-Shirts oder Socken. N ach Q atar u nd andere arabische Em irate werden Arbeiter aus Ländern wie Bangladesch, N epal oder Pakistan über verlockende Versprechungen verm ittelt, die dort unter elenden W ohn- u nd A rbeitsbedingungen als Bau arbeiter oder Hausangestellte schuften müssen. D ie Im m igranten sind völlig 148 der W illkür ihrer jeweiligen H erren ausgeliefert, denn diese haben Pässe und Arbeitspapiere zurückbehalten. W enn sie sich ohne Papiere au f die Straße wagen, werden sie verhaftet u nd abgeschoben. A uch dürfen sie ohne Erlaubnis ihrer Arbeitgeber das Land n ich t verlassen. A uch in Europa werden Sklaven gehalten. Sie werden von Schleppern ins Land gebracht und von K ontraktfirm en als billige Arbeitskräfte in Verschlägen gehalten und nach B edarf an einheim ische Firm en verm ittelt. D ie Pässe w ur den ihnen abgenom m en, eine Arbeitserlaubnis ist n icht vorhanden. Frauen u nd M ädchen werden als Zw angsprostituierte von brutalen Z uhäl tern in zwielichtige Bordelle gezwungen. N ach einem Bericht der In ternationalen A rbeitsorganisation ILO vom M ai 2014 werden weltweit 21 M illionen M änner, Frauen und K inder als Sklaven gehalten u nd erbringen in Bergwerken, Fabriken, Landwirtschaft u nd H aus halt Arbeitsleistungen im W ert von über 50 M illiarden US-Dollar. Die Profite der Sklaventreiber liegen nach Schätzungen bei 150 M illiarden US-Dollar jährlich, wobei die sexuelle A usbeutung m it 100 M illiarden D ollar den ein träglichsten Geschäftszweig darstellt. Im Schnitt verdient ein Z uhälter an einer Zw angsprostituierten ru n d 22000 D ollar pro Jahr (Berl. Z eitung 21.5.14). Von den 21 M illionen in Sklaverei gehaltenen M enschen sind 5,5 M il lionen K inder u nd Jugendliche un ter 18 Jahren. D och K inder m üssen nicht nu r für Fremde schuften. Allein in Indien ackern ru n d 15 M illionen Kinder au f Baum wollfeldern, in Teppichm anufakturen, Ziegelbrennereien, S traßen restaurants oder in der Prostitu tion unter dem D ruck die Schulden ihrer Eltern abzuarbeiten. Im rechtlichen Sinne sind dies keine Sklaven, doch was ihre Lebensverhältnisse angeht, haben diese K inder keine andere W ahl als das Leben eines Sklaven (Berl. Z eitung 6.6.14). Für den Sklavenhalter ist der Einsatz von Sklaven n ich t n u r aus w irtschaft lichen G ründen attraktiv. Indem er über sie absolute M acht ausübt, kann er die Realisierung seiner universellen M öglichkeiten über die M aßen ausleben. Dies m acht die A usübung von M acht so außerordentlich attraktiv. D er E in satz von Sklaven potenziert seine M öglichkeiten um ein Vielfaches. Im Alltag funktioniert dies allerdings nur, w enn er über eine Ideologie verfügt, die den Sklaven n ich t als M enschen, also als seinesgleichen definiert, sondern als tierisch, m inderw ertigen M enschen oder ähnliches. In B. Brechts Volksstück „H err Puntila u nd sein K necht M atti“ erw idert der Gutsbesitzer 149 Puntila, als sein K necht M atti ihm vorwirft, so könne er einen M enschen n icht behandeln: „Was heißt einen M enschen? Bist du ein Mensch? V orhin hast du gesagt, du bist ein Chauffeur“ (Brecht S. 1613/1614). W enn auch ein G uts besitzer als H err über zahlreiche Knechte n ich t dieselbe Herrschaftsform wie ein Sklaventreiber darstellt, der seine U ntergebenen zu Tode schinden kann, so unterscheidet sich ihr G rundproblem lediglich graduell. In beiden Fällen m üs sen sie ihre U ntergebenen als grundsätzlich von sich verschieden ansehen. D er Gutsbesitzer Puntila kann diesen W iderspruch n u r aushalten, indem er sich regelm äßig m it A lkohol zuschüttet. Im Aquavitrausch darf er endlich M ensch sein, der seinen M itm enschen n u r Gutes will, und ihn seinen Alltag, in dem er seine Knechte drangsaliert, vergessen lässt. U m gekehrt lebt der Sklave in dem D ilem m a, die Realisierung seiner M öglichkeiten an den Bedürfnissen seines H errn ausrichten zu müssen. Er ist davon abhängig, ob dieser großzügig m it seinen Sklaven um geht oder klein lich, gewalttätig oder b lutrünstig . Er muss sich verbiegen u nd die W ünsche seines H errn m öglichst von dessen Augen ablesen. Er ist gezwungen die Rea lisierung seines universellen Vermögens m it der seines H errn in E inklang zu bringen. A n erster Stelle stehen dessen Erw artungen. W enn es dem Sklaven gelingt, diesen zu genügen, kann er hoffen auch sein eigenes Leben in den gegebenen Grenzen zu leben. 150 17. Das Mittelalter - Hoffen auf das Jenseits M it dem Begriff des M ittelalters w ird der Z eitraum zwischen dem Ende der Antike u nd dem Beginn der N euzeit benannt. U nter dem A nsturm von ger m anischen, keltischen und slawischen Völkern w ährend der V ölkerwanderung zerbrach im Jahr 476 n. u. Z . das weström ische Reich, und es entstanden zahlreiche neue Königreiche. Das oström ische Reich hielt sich unter dem A n sturm der Türken bis 1453, als K onstantinopel erobert und zum Z en trum des O sm anischen Reiches ausgebaut wurde. Die Differenz von fast tausend Jahren zwischen den beiden Ereignissen m acht es neben weiteren Fakten schwierig von einem einheitlichen Beginn des M ittelalters auszugehen. Von daher beschränkt sich der geografische R aum des M ittelalters im wesentlichen au f W est- und M itteleuropa nach dem Ende der V ölkerwanderung. Das Ende w ird je nach Schw erpunktsetzung m it der Erfindung des Buchdrucks (1450), der E ntdeckung Amerikas (1492) oder dem Beginn der Reform ation (1517) in V erbindung gebracht. Im Ü berblick lässt sich sagen, das M ittelalter dauerte von 500 bis 1500 n. u. Z ., ru n d tausend Jahre. (vgl. W ikipedia M ittelalter vom 14.4.14) Die Grundlage der m ittelalterlichen Gesellschaft war das Lehenswesen. D er König vergab an verdiente M itglieder des Adels (Kron-Vasallen) größere Gebiete zur Bewirtschaftung und A usbeutung. D afür m ussten die Vasallen ihrem König in den Krieg folgen und Reiter, Fußsoldaten, A usrüstung und Verpflegung stellen. Die Kron-Vasallen gaben n u n ihrerseits Teile ihres G ebie tes gegen entsprechende Leistungen an kleine Vasallen weiter. Im Laufe der Zeit w urden die Lehen erblich, u nd es entstand das feudale System, das die m ittelalterliche Gesellschaft strukturierte. A m Fuße der Pyramide stand die Masse der kleinen Bauern, die sich unter den Schutz der kirchlichen und weltlichen G rundherren begaben u nd von ihnen abhängig w urden. Sie m ussten Frondienste u nd Abgaben leisten und unterlagen der Gerichtsbarkeit des G rundherren. Im Zuge der V ölkerwanderung w urden viele Errungenschaften des röm i schen Reiches zerstört, Städte zerfielen, H andel und H andw erk gingen zurück. 151 Die M enschen lebten vom Ertrage ihrer Äcker und den geringen Ü berschüs sen, die sie gegen notw endige D inge für den Alltag tauschen konnten. D er G roßgrundbesitz gewann an B edeutung und viele kleine Bauern w ur den abhängig. H örige Bauern durften zwar bewegliches E igentum aber keinen G rund und Boden besitzen. Sie waren an das Land gebunden, das einem A dli gen oder K irchenfürsten gehörte, u nd w urden bei einem V erkauf des Landes m it diesem verkauft. D ie H örigkeit w urde auch an die K inder vererbt. Hörige Bauern bearbeiteten das Land, m ussten bestim m te Abgaben und Frondienste leisten und konn ten im Gegenzug Schutz und Fürsorge von ihrem G ru n d herren erwarten. Sie unterlagen der sogenannten niederen G erichtsbarkeit, die Folter, schwere Leibstrafen u nd die Todesstrafe ausschloss (W ikipedia H örig keit vom 26.2.14). Allerdings lag die Prügelstrafe allein in der M acht des G utsherren, ohne dass ein G ericht bem üht werden musste. W er die A rbeit n ich t nach dessen A nsprüchen ausführte, konnte jederzeit gezüchtigt werden. H eiraten durften Hörige n u r m it dem Einverständnis des G utsherren und das W egziehen von dem H o f war so gut wie ausgeschlossen. Zwischen Leibeigenschaft und H örig keit gibt es lediglich graduelle U nterschiede u nd w enn von verschiedenen G ruppen von Leibeigenen gesprochen wird, so sind auch in diesem Falle keine wesentlichen Unterschiede in einem insgesamt das ganze Leben betreffenden Abhängigkeitsverhältnis vom G utsherrn zu erkennen. Bei diesem Sachverhalt stellt sich sofort die Frage, ob es überhaupt einen Unterschied m acht, ob ein M ensch Leibeigener oder Sklave ist. Die Leibeigen schaft bedeutet in jedem Fall eine gegenseitige Verpflichtung, die beide Part ner eingehen, w enn auch un ter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen. D er Leibeigene galt n ich t wie der Sklave als bloße Sache, sondern hatte bestim m te Rechte. Er konnte in gewissem U m fang E igentum erwerben u nd durfte n icht gegen seinen W illen einem anderen H errn übergeben oder verkauft werden. O hne die U nterschiede bestreiten zu wollen, muss m an doch feststellen, dass die große M ehrheit der Bevölkerung in der frühen m ittelalterlichen Gesellschaft un ter erbärm lichen Verhältnissen leben musste, und die M en schen ihr universelles Verm ögen n u r unter ziemlich eingeschränkten Bedin gungen realisieren konnten . W enn m an Geschichte un ter der Frage nach der fortschreitenden Em anzi pation der M enschen von niederdrückenden Herrschaftsverhältnissen betrach 152 tet, kom m t m an n ich t um hin festzustellen, dass der Fortschritt sich in T ippel schritten und m it der G eschwindigkeit einer Schnecke bewegt. Das m ittelalterliche W eltbild war dom iniert durch das C hristentum . Die christliche Religion war das Fundam ent für W issenschaft und Literatur, Kunst und Kultur. Die herausragenden Bauwerke waren Kirchen, D om e und K athe dralen. Die Kirchensprache Latein war die gemeinsam e Sprache der G ebilde ten. W ie war es möglich, dass das C hristen tum eine derart dom inierende Stel lung einnehm en konnte? N och im röm ischen Reich gab es zahlreiche Religionen, die wie beispiels weise orientalische Kulte weit verbreitet waren. D och all diese Religionen hatten sich aus regionalen u nd oder nationalen Besonderheiten entwickelt und waren m it den verschiedensten Riten, Gesetzen u nd Vorschriften für die Lebensführung verbunden, die M enschen aus anderen Kulturkreisen eher abstießen. N u r das C hristen tum war offen für die m ultikulturelle Bevölke rung des röm ischen Reiches. D enn Jesus hatte als M ittler zwischen G o tt und den M enschen alle Sünden au f sich genom m en und sie dam it ein für alle mal gesühnt. D adurch waren weitere O pfer n ich t m ehr notw endig u nd weitere O pferzerem onien hatten sich erübrigt (vgl. Tokarew S.649 ff.). Es blieben das A bendm ahl als Feier des gem einsam en M ahls von Jesus m it seinen Jüngern und die Taufe als rituelle Reinigung und Zeichen für den Beginn des christli chen Lebens. Typisch für diese Auseinandersetzung ist die Frage, inwieweit die frühen C hristen jüdische Gesetze und R iten zu beachten hätten. Paulus lehnt dies entschieden ab m it dem Hinweis, dass C hristen durch die Taufe K inder G ottes seien und Jesus sie von dem Fluch des Gesetzes, also der Befolgung jüdischer Vorschriften über die Lebensführung, erlöst habe (vgl. Brief an die Galater 3 und 4). Ausschlaggebend für den Erfolg der christlichen Religion scheint m ir aller dings deren Jenseitsvorstellung zu sein. W er ein gottesfürchtiges Leben führt, sich an die grundlegenden G ebote hält u nd die Regeln der Kirche befolgt, hat dem nach gute C hancen sein ewiges Leben m it der Lobpreisung Gottes im H im m elreich zu verbringen. D em gegenüber sahen die alten Ägypter im Jenseits eher die Fortsetzung des irdischen Lebens. Deshalb musste der Kör per durch M um ifizierung erhalten u nd durch reichliche Grabbeigaben dafür gesorgt werden, dass das gewohnte Leben im Jenseits fortgesetzt werden konn 153 te (Tokarew S.412). Reiche und Vornehm e konnten auch dort ihre luxuriösen G ärten und H äuser genießen u nd sich von ihrer zahlreichen D ienerschaft ver w öhnen lassen. Dagegen hatten kleine Bauern und Sklaven, d. h. die große M ehrheit der Bevölkerung, die sich die teure M um ifizierung, ein G rab oder gar umfangreiche Grabbeigaben n ich t leisten konnte, ganz schlechte Karten. Ihre Leichen w urden irgendwo im Sand verscharrt u nd das W eiterleben nach dem Tod war aufgrund der dürftigen A usgangsbedingungen n ich t gesichert. W enn es ihnen trotzdem gelang an dem Totenrichter Osiris und dem seelen fressenden Knochenbrecher vorbeizukom m en, konn ten sie allenfalls hoffen das gleiche elende Leben zu führen, das sie schon im Diesseits hatten. W enn auch die Jenseitsvorstellungen für die M ehrheit der Bevölkerung im alten Ägypten, für die Bauern, kleinen H andw erkern u nd Sklaven n icht unbedingt attraktiv waren, so waren die alten Ägypter erstaunlicherweise doch gläubige M enschen, die au f eine ausgleichende Gerechtigkeit im Jenseits hofften. Die H offnung ist eine außerordentliche M acht, die W idrigkeiten und W idersprü che zu — w enn auch unangenehm en Kleinigkeiten — schrum pfen lassen kann. Für G riechen und Röm er war das Leben im Jenseits eine eher trostlose Angelegenheit. D er Hades war ein öder und finsterer O rt, in dem die Schatten der Toten um her geisterten ohne jemals Trost zu finden. O b Adliger, Krieger oder Bauer — aus der Tristesse des Hades gab es kein E ntkom m en (vgl. Tokarew S.519). G anz anders das C hristentum : W er in seinem G lauben ganz au f Jesus setzt, der werde au f ewig die H errlichkeit G ottes anschauen. Jesus spricht besonders die Arm en, K ranken und von M ühsal G eplagten an und verweist darauf, dass G o tt ihnen ihre Lasten abnehm e. Dagegen gilt R eichtum eher als H indernis für den W eg ins H im m elreich. Als Jesus einm al von einem einflussreichen M ann gefragt wird, was er tu n müsse, um das ewige Leben zu bekom m en, antw ortet Jesus: „Eines fehlt dir noch: Verkauf alles, was du hast, und verteil das G eld an die A rm en, so wirst du bei G o tt einen unverlierbaren R eichtum haben. U nd dann geh m it m ir“ (Lukas 18,22). Als der M ann das hörte, wurde er traurig, denn offensichtlich wollte er seinen R eichtum n ich t aufgeben. U nd Jesus fährt fort zu den U m stehenden zu reden: „Eher kom m t ein Kamel durch ein N adelöhr als ein Reicher in G ottes neue W elt“. Bei dem Geist, der aus den Evangelien und dem H andeln der frühen C hristen spricht, ist es n ich t verwunderlich, dass sich zunächst vor allem Skla 154 ven und Arm e angesprochen fühlten. Schien es für sie doch schon von ihrem sozialen Status her ein Leichtes den G lauben an Jesus zu übernehm en u nd au f ein besseres Leben im Jenseits zu hoffen. Ein Sklave konnte realistischer weise kaum erwarten, dass sich sein Leben im Diesseits grundlegend ändern würde. Umso m ehr Gew icht w ird er au f die H offnung setzen, dass nach dem elenden ein strahlendes Leben folgt. Die H offnung au f ein jubilierendes Zusam m ensein vor G o tt muss für ver sklavte und arme M enschen geradezu verführerisch gewesen sein. W enn im Diesseits die Realisierung eines selbstbestim m ten Lebens aussichtslos bleibt, w ird das universelle Verm ögen M enschen dazu bewegen ihr Heil außerhalb des realen Lebens zu suchen. Sie werden versuchen ihr G lück in der Im agi nation , der Phantasie zu finden und zu leben. Sei es im gem einsam en M ahl, Lied oder Tanz. Das frühe C hristen tum m achte ein Angebot, das offensicht lich viele attraktiv fanden. Sklaven und Arm e erlebten sich im gem einsam en M ahl als Gleiche u nd konn ten hoffen, dieses einzigartige Erlebnis im Jenseits in vollem U m fang zu leben. Das M ittelalter w ird auch als religiöses Zeitalter charakterisiert. Das bedeu tet das Alltagsleben w ird in w eiten Teilen von Erw artungen und H offnungen bestim m t, die dem Jenseits zugeschrieben w urden. D em Jam m ertal au f Erden entsprang die H offnung au f ewiges G lück im H im m el. Dieser Z ustand musste ewig währen, denn nur dies entsprach dem Z ukunftshorizont um universelles Verm ögen wirklich werden zu lassen. M it der Ü bernahm e des C hristentum s durch K onstantin den G roßen im Jahr 391 u nd durch den M erow ingerkönig C lodw ig I. um 500 w urde das C hristen tum zunächst im O ström ischen Reich und dann auch unter den Franken in M ittel- und W esteuropa zur Staatsreligion. D adurch veränderte sich das C hristen tum grundlegend. N u n war es plötzlich opportun C hrist zu sein, u nd die Z ahl der G em eindem itglieder stieg stark an. Jetzt kam en ver m ehrt M enschen aus den M ittelschichten u nd der herrschenden Klasse. Der G edanke der A rm ut w urde in den H in terg rund gedrängt u nd das gemeinsame Erlebnis der G leichheit verstärkt ins Jenseits verlegt. Das C hristen tum selber entwickelte staatsähnliche Form en, indem Bischö fe n u n die grundlegende Entw icklung bestim m ten u nd sich über die Lehre von der apostolischen K ontinu ität legitim ierten, nach der Jesus seinen Auftrag über die Apostel an die Bischöfe übergeben habe (Tokarew S.652). 155 Viele w ollten diese Entw icklung n ich t h innehm en u nd gründeten G egen bewegungen, die an die alten Ideale anknüpfen sollten. Sie alle w urden von der nun offiziellen Kirche als Ketzer gebrandm arkt und gnadenlos bekäm pft. Die einflussreichsten waren w ährend des frühen C hristentum s die Bewegung der A rianer und später K atharer u nd W aldenser (vgl. Tokarew S.652 ff.). A uch andere fühlten sich von der n un m ächtig gewordenen Kirche und der sündigen W elt im allgemeinen abgestoßen, zogen sich in die Einsam keit zurück und w idm eten sich ganz ihrem G ott. D ie ersten M önchsgem einschaf ten entstanden in der W üste Ägyptens nahe Theben. N ach und nach w urden in den m eisten christlichen Ländern Klöster gegründet. Im Jahr 529 schuf Benedikt von N ursia den Benediktinerorden, indem er Regeln für das Z usam m enleben der M önche verfasste, die für alle nachfolgenden O rden beispiel gebend w urden. D och von Anfang an waren die Klöster n icht n u r Rückzugsorte für ein geistiges Leben m it G ott, sondern auch Z entren für handw erkliche u nd land wirtschaftliche Entw icklung. In den K losterbibliotheken w urden Bücher und Schriften studiert, gesamm elt und vervielfältigt. D ie M önche sorgten dafür, dass W issen aus der A ntike bew ahrt u nd weitergegeben wurde. D ie Klöster im M ittelalter waren die kulturellen Z entren ihrer Zeit für M ittel- u nd W esteuropa, die K ulturträger schlechthin. Das abendländische W issen und die Kulturen Europas waren h in ter K losterm auern versammelt. D ie Klöster führten eigene landwirtschaftliche und handw erkliche Betriebe, entw ickelten neue Verfahren in Landbau, Pflanzenzucht u nd T ierhaltung und gaben ihre Erkenntnisse an die Landbevölkerung weiter. Sie sorgten für die m edizinische Betreuung der M enschen durch den A nbau von H eilkräutern u nd die praktische A nw endung des gesam m elten W issens über die H eilung der damals verbreiteten Krankheiten. G rundlegende K ulturtechniken wie Lesen und Schreiben konnten praktisch n u r in Klosterschulen erlernt und weitergehende Studien m ussten in der K losterbibliothek absolviert werden. M it der Entw icklung zur Staatsreligion ging auch eine M ilitarisierung des C hristentum s einher. So w urde die neue Religion n ich t nu r durch M issionare, sondern durch Feuer und Schwert verbreitet. Als bekanntes Beispiel sei hier der Krieg Karls des G roßen, König der Franken, gegen die Sachsen erwähnt: In einem nahezu dreißig Jahre dauernden, blutigen und grausam en Krieg, der von 727 bis 804 dauerte, w urden die Sachsen, die n ich t von ihrer Freiheit 156 lassen wollten, von Karl unterw orfen, zwangsweise christianisiert und ihr Ter rito rium seinem Reich einverleibt. Ü berhaupt führte Karl der G roße w ährend seiner Regentschaft nahezu ständig Kriege gegen seine N achbarn , wobei sich m achtpolitische u nd religiöse M otive aufs trefflichste ergänzten. A n W eihnachten des Jahres 800 w urde Karl von Papst Leo III. in Rom zum Kaiser gekrönt u nd dam it Schutzherr des Papstes, des Kirchenstaates und der gesamten C hristenheit. In diesem Wechselspiel von staatlicher M acht und christlicher Ü berzeugung gelang es Karl au f der G rundlage der lateinischen Sprache und Schriftkultur und des antiken Erbes eine kulturelle S truktur M itteleuropas zu form en, die den kulturellen N iedergang in der Folge der V ölkerw anderung um kehren konnte, u nd die sich noch heute auswirkt. Sie hat die G rundlage für die Entw icklung eines einheitlichen K ulturraum es in M itteleuropa gelegt (vgl. W ikipedia Karl der G roße vom 5.3.2014). Entspre chend legte Karl größten W ert au f Bildung und förderte die E rrichtung von Klosterschulen und w eiterbildende Studienm öglichkeiten für begabte Schüler. Im Ü brigen hatte das C hristen tum in diesem R aum noch so viel revolutio näre Potenz, dass es das Verbot der Sklaverei für C hristen durchsetzen konnte, obwohl das H alten von Sklaven im restlichen Teil der W elt gang und gäbe war. Dass deshalb M uslim e und andere „H eiden“ im m er noch als Sklaven gehalten und verkauft werden durften, schm älert diesen ersten w ichtigen Schritt kei neswegs. D em gegenüber w urde die Leibeigenschaft, die als Herrschafts- und U nter drückungssystem au f die Sklaverei folgte, von den C hristen als gottgewollt betrachtet. Sie w urde als Folge des Sündenfalls von A dam und Eva bzw. des Bruderm ordes an Kain betrachtet. U nfreiheit und Knechtschaft waren von G o tt gesandte Strafen, die m an geduldig auf sich zu nehm en hatte. Som it war die Rebellion gegen die Leibeigenschaft ein Aufbegehren gegen G o tt und galt als schwere Sünde. Es w ird oft gefragt, ob es für die Betroffenen einen U nterschied m acht, Sklave oder Leibeigener zu sein. A uch w enn m an kleine Fortschritte zugesteht, so gilt es doch festzuhalten, dass der größere Teil der Bevölkerung unter Bedin gungen leben musste, die seine Freiheitsrechte auf ein M in im um zurechtstutz te. A uch hier blieb in den m eisten Fällen nur, den Blick gen H im m el zu rich ten und zu hoffen, dass die elenden Verhältnisse nach dem diesseitigen Leben ein Ende haben w ürden. D abei ist hier n ich t vorrangig Elend im H inblick 157 au f die soziale S ituation gem eint, sondern die E inschränkung der Realisierung m enschlicher M öglichkeiten im Ganzen. U m die Jahrtausendw ende schien die Kirche au f dem H öhepunk t ihrer M achtentfaltung: Im sogenannten Investiturstreit, bei dem es um das Recht ging Bischöfe einzusetzen, konnte sich die Kirche erfolgreich behaupten. A uf der iberischen H albinsel war die Rückeroberung der von den M auren besetzten Gebiete durch christliche Könige in vollem Gange. Im Zuge der fortschreitenden C hristianisierung entstanden in N ordeuropa und O steuropa neue christliche Königreiche wie England, N orw egen oder Polen. Zwischen 1096 u nd 1270 forderten und organisierten die Päpste zahlrei che Kreuzzüge um das heilige Land und insbesondere Jerusalem zu befreien. In einem heiligen Krieg, der die friedliebende Intension des Evangeliums und der frühen C hristen in sein Gegenteil verkehrte, sollten die G eburtsstätten des C hristentum s befreit w erden (vgl. Le G off S.131 ff.). Es ist w ohl kein Zufall, dass die einzige erfolgreiche E roberung Jerusalems in einem Blutbad an den dort lebenden M uslim en endete. Ebenso wenig m ag es ein Zufall sein, dass die nun vorherrschende kriegerische O rien tierung m it gewaltsamen Übergriffen, Pogrom en und M assenm orden gegen die Juden einhergingen, die bis dahin relativ sicher im Europa des frühen M ittelalters gelebt hatten. Logischerweise m ussten die H enker des H eilands, die ungläubigen Juden, zunächst im eige nen Land ausgerottet werden. Schließlich richteten die Päpste die kriegerische Aggression gegen die Christen selbst. N eue christliche Laienbewegungen wie die Katharer oder W al denser, die von den M ächtigen der Kirche als Ketzer eingestuft w urden, galt es unschädlich zu m achen. Papst Innozenz III. verurteilte in seinem 1199 ver fassten D ekret Häresie als schlim mstes Verbrechen, der M ajestätsbeleidigung vergleichbar. H äretiker w urde exkom m uniziert, ihre G üter eingezogen und in Z usam m enarbeit m it der weltlichen M acht dem Feuer übergeben. Selbstver ständlich w urde von der „Heiligen Inquisition“ auch Folter eingesetzt, so dass unzählige M enschen schon un ter diesen barbarischen M aßnahm en starben, bevor sie ihrer eigentlichen Strafe, dem Tod au f dem Scheiterhaufen, zugeführt werden konnten . Es scheint, als ob die M ächtigen der Kirche, die sich selbst im m er m ehr M acht angeeignet hatten, ahnten, dass die Kraft der Überzeugung, die das frü 158 he C hristen tum trug, dahingeschw unden war, und sie sich gezwungen sahen au f nackte Gewalt und G rausam keit zu setzen. N achdem durch die W irren der V ölkerw anderung das städtische Leben nahezu gänzlich zum Erliegen gekom m en war, setzte nach der Jahrtausend wende eine Entw icklung ein, in deren Verlauf zahlreiche Städte entstanden. A uf der Grundlage einer zunehm end produktiveren Landwirtschaft wuchs die Bevölkerung außerordentlich. H andw erk und H andel b lühten auf. D urch die Kreuzzüge angestoßen entwickelte sich der Fernhandel zwischen dem N ahen O sten und Europa, der von den italienischen Stadtstaaten allen voran Venedig betrieben wurde. Vor diesem H in terg rund w urden in M itteleuropa zahlreiche Städte gegrün det. U m das Jahr 1030 w urde Speyer als großer S traßenm arkt angelegt und gilt als früheste im M ittelalter gegründete Stadt in D eutschland. N achdem Herzog Konrad von Zähringen 1118 Freiburg im Breisgau gründete u nd der S tadt das M arktrecht u nd eine weitgehende Selbstverwaltung zusprach, wirkte dies wie eine Initialzündung. In den folgenden 200 bis 300 Jahren w urden die meisten Städte gegründet, die wir heute in M itteleuropa kennen. Es zeigte sich, dass durch die G ründung einer Stadt sowohl der Landesherr wie die S tadt selber profitierte. D urch den zugestandenen Freiraum, in dem die Bürger viele wirtschaftliche, soziale und politische Belange in eigener Regie regeln konnten , b lüh ten die Städte auf, wuchsen und w urden reich. Entspre chend m ussten sie Steuern an ihren Landesherrn abführen und w urden so zu einer unverzichtbaren E innahm equelle für den Adel (vgl. W ikipedia G rü n dungsstadt vom 18.3.14). G rundlage der m ittelalterlichen Stadt war der M arkt. W ährend des W ochenm arktes trafen sich die reisenden H ändler, die ansässigen H andw erker und die Bauern aus der U m gebung und boten ihre W aren an. D ie Städte w urden zwar durch die um liegenden G üter m it Lebensm ittel versorgt, den noch war die T rennung zwischen Stadt u nd Land sehr m arkant. Dies wurde n ich t n u r am Erscheinungsbild durch die hohen Stadtm auern deutlich, durch deren Tore M enschen, Tiere und W aren in die Stadt fanden, sondern auch in ihrem Selbstverständnis: Städter waren gebildet und frei, die Bauern niedrig und tölpelhaft (Le Gofl^ S. 140). Die rechtlichen Säulen der m ittelalterlichen Stadt waren der städtische Frieden u nd die städtische Freiheit. D er städtische Frieden war eine wichtige 159 Voraussetzung für die geordnete D urchführung der M ärkte u nd war die zent rale Aufgabe des Stadtrates. A uch w enn der Verstoß gegen diese Regelung bei einer Streiterei gering war, w urde dies als Bruch des Bürgereides verstanden u nd streng bestraft. Das Rechtsprinzip der städtischen Freiheit bedeutete, dass der Städter n icht wie der Leibeigene von einem H errn abhängig war, sondern seine Angelegen heiten u nd Geschäfte in eigener Entscheidung regeln, seinen Besitz m ehren u nd die G ew inne nach eigenem Ermessen verwenden konnte. A ußerdem umfasste es die G leichheit der Bürger vor dem Gesetz. U nter gewissen U m stän den konn ten Leibeigene in der Stadt das volle Bürgerrecht oder zum indest die Befreiung von der Leibeigenschaft erlangen; daher auch der Spruch „Stadtluft m acht frei“ (W ikipedia Stadt vom 18.3.14). D ie politische Führung oblag dem Rat der Stadt u nd seinen Beamten. Er w urde aus den vornehm sten Familien des Patriziats rekrutiert, das w iederum aus den einflussreichen Fernhändlern u nd den städtischen G roßgrundbesit zern bestand. Die H andw erksm eister hatten in der Regel das Bürgerrecht und waren entsprechend ihren Berufen in Z ünften organisiert. Diese konnten zwar ihre inneren Angelegenheiten selbst regeln, hatten aber au f die politischen Pro zesse u nd Entscheidungen des Rates eher wenig Einfluss. Es gab einige wenige Zünfte, die auch Frauen akzeptierten, wie G arnm acher oder Seidenweber, aber im allgemeinen w urden Frauen eher aus dem H andw erk verdrängt. Gesellen, Lehrlinge u nd Knechte besaßen n icht das volle Bürgerrecht. D ie m ittelalterlichen Städte waren aber n icht n u r das Terrain der Kaufleute u nd Handwerker, sondern auch O rte für Schulen und Universitäten. W aren bis dahin vor allem die Klöster m it ihren B ibliotheken die alleinigen Schulu nd Bildungsstätten, so übernahm en n u n nach und nach die Städte die Auf gabe den N achw uchs zu bilden. B erühm t w urden die großen Universitäten wie diejenige in Paris, die ihre Privilegien von Papst u nd König vor dem Jahr 1200 zugesprochen bekam . Etwas später folgten Bologna, O xford, Cam bridge u nd viele andere (vgl. Le G off S.166 ff.). D ie Städte selber hatten bei weitem n icht die G röße wie w ir sie heute von Städten kennen. In der Regel hatten die m ittelalterlichen Städte zwischen zehn- und zwanzigtausend Einwohner, London, G enua u nd G enf zählten über fünfzigtausend. Die größten Städte waren Florenz und Venedig m it hu nd ert tausend M enschen u nd Paris m it ru n d zw eihunderttausend (Le Goff S.142). 160 In dem M aße wie die Städte aufblühten, durch H andel u nd H andw erk reich oder durch K ultur- und Bildungseinrichtungen berühm t w urden, ver suchten die Stadtherren ihre Städte aus m ilitärischen oder w irtschaftlichen M otiven un ter ihre Kontrolle zu bringen. Die Städte standen som it in stän diger Gegnerschaft zu weltlichen und geistlichen Fürsten, zu Adligen und Bischöfen. Die Bürger waren im m er wieder gezwungen ihre Freiheiten m it Z ähnen und Klauen zu verteidigen. Diese K onstellation schweißte die Bürger zusam m en und verlieh der europäischen Stadt im Vergleich zu anderen Städ ten ihren besonderen Charakter. Die Entw icklung der m ittelalterlichen Stadt verlief som it „insgesamt intensiver, vielfältiger, revolutionärer und, w enn m an es so nennen darf, dem okratischer“ als in allen anderen Städten (Lopez R. zitiert nach Le G off S.151). W enn m an in Rechnung stellt, dass die politischen Entscheidungen im wesentlichen von einer kleinen Schicht reicher Kaufleute getroffen w urden, denen eine im m er größer werdende Zahl von H andw erkern, Gesellen, Lehr lingen u nd K nechten gegenüberstand, so kann m an sich schon fragen, w orin die dem okratische S truk tur dieser Städte bestanden haben soll. M eines Erachtens besteht die dem okratische Potenz dieser Gem einwesen vielm ehr in der M öglichkeit, dass Kaufleute und in geringerem U m fang auch H andw erker im Rahm en ihrer Z ünfte ihre A ngelegenheiten selbstbestim m t regeln konnten . Im R ahm en dieser M öglichkeiten konn ten die M enschen nach eigenen Vorstellungen wirtschaften, ihren Besitz vergrößern (oder auch verlieren) und auf dieser Basis ihr Leben gestalten. W ir haben hier den K ern gehalt u nd A usgangspunkt dessen vor uns, was m an die Freiheit des Individu ums nennt. In den S trukturen der m ittelalterlichen Stadt konn ten die M enschen ihre individuellen Freiheiten entdecken, pflegen u nd ausbauen. Völlig frem d konn ten sie ihnen n ich t sein, denn sie gehören als Realisierungsraum ihrer universellen M öglichkeiten zu ihnen wie das Ei zum H uhn. Aus der konkre ten historischen Situation betrachtet scheint diese Entw icklung zu einem Frei heitsraum des Individuum s folgerichtig und quasi naturnotw endig . Sieht m an sie aber vor dem Gesam t m enschlicher Geschichte, so kann m an geradezu von einem Glücksfall der m enschlichen Entw icklung sprechen — vergleichbar m it der Genese der athenischen Dem okratie. 161 Im weiteren Verlauf des M ittelalters gewannen die Städte und m it ihnen Bürger und Kaufleute im m er m ehr an Bedeutung. Kriege, M ongoleneinfäl le ab 1241 oder Epidem ien konn ten diese Entw icklung zwar brem sen oder zurückwerfen, aber in ihrer D ynam ik schritt sie unaufhaltsam voran. Beson ders die Pestepidemie ab dem Jahr 1347 w ütete in den darauf folgenden Jahren vor allem in den d icht besiedelten Städten Europas und raffte zwischen einem D rittel u nd der H älfte der europäischen Bevölkerung dahin. Aber auch diese Katastrophe überstanden die Städte u nd w urden m ächtiger denn je. Als Beispiel m ag die Augsburger Handelsfam ilie der Fugger dienen, die um 1500 zu den bedeutendsten Kaufleuten und Bankiers in Europa auf stiegen. D urch den Baum wollhandel, den A bbau von Silber und Kupfer und ausgedehnte Bankgeschäfte entstand eine europaweit agierende Dynastie. Die U nterstü tzung des Hauses H absburg und die Finanzierung des Aufstiegs König Karls zum röm isch-deutschen König u nd schließlich zum Kaiser Karl V. verschaffte Jakob Fugger große E inw irkungsm öglichkeiten au f die europawei te Politik der Habsburger. 162 18. E ineneueZeit-Fre iheitdes Individuums U nter dem Begriffen H um anism us und Renaissance entstand ab 1300 eine neue Vorstellung des M enschen. W ährend der M ensch des M ittelalters sein Leben auf das Jenseits u nd die E rw artung des H im m elreichs orientierte, rückt n u n der M ensch selbst in seinem diesseitigen Leben in den V ordergrund. Das Ideal ist ein „eigenverantwortlicher, schöpferischer u nd vielseitig gebildeter M ensch, der sich unabhängig vom kirchlichen D ogm en in freier Selbstbe stim m ung entw ickelt“ (W ikipedia Universalm ensch 5.5.14). Dies bedeutet keineswegs, dass Religion vollständig abgelehnt wurde, vielm ehr sollten die kirchlichen D ogm en einer kritischen W ürdigung unterzogen werden. D urch die O rien tierung an antiken Sprachen, röm ischer u nd griechischer Philosophie und die V erbindung von W issen u nd Tugend erhoffte sich die hum anistische Bildung eine optim ale Entfaltung aller Potentiale einer Persön lichkeit. Ü berhaupt w urde in der A nknüpfung an griechische und römische Bildungskonzepte u nd in der beispielgebenden O rien tierung an klassischen V orbildern der beste W eg gesehen eine vielseitig ausgeprägte Persönlichkeit zu entwickeln. In den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten breitete sich das neue D enken an den Universitäten aus u nd w urde führend in Philosophie, Kunst und A rchitektur. D er Universalgelehrte Leonardo da V inci, der in Kunst, M edizin und Naturw issenschaften hohe M aßstäbe setzte, gilt als einer der berühm testen Vertreter dieses neuen M enschen. Befeuert durch neue E rfindungen wie den B uchdruck oder das Schießpul ver u nd die E ntdeckung neuer Erdteile, die eine G lobalisierung nie gekannten Ausmaßes einleitete, verbreitete sich das neue D enken über ganz Europa und w urde von den Europäern in die W elt getragen. Als M artin Luther m it dem Anschlag seiner Thesen an der Schlosskirche in W ittenberg die Reform ation auslöste u nd dam it der katholischen Kirche, die tief in die diesseitigen M achtklüngel verstrickt war, ihre A utorität absprach, war die neue Auffassung des M enschen auch in der religiösen Sphäre ange 163 kom m en. D am it hatte die Auseinandersetzung um das neue D enken die gesamte Gesellschaft erfasst. A uf der G rundlage des neuen Bildes vom M enschen als selbstständig den kende und schöpferisch arbeitende Persönlichkeit erblühten die N aturw issen schaften und erbrachten unaufhörlich neue Erkenntnisse. D urch Beobachtung u nd Experim ent w urden m athem atische und physikalische Gesetzm äßigkei ten entdeckt und bald darauf auch genutzt um technische H ilfsm ittel herzu stellen. Die bedeutendste N euerung bestand in der Entw icklung einer b rauch baren D am pfm aschine, die James W att um 1769 konstru iert hatte. M it dieser M aschine war es zum ersten M al m öglich m enschliche und tierische Kraft in einem größeren A usm aß zu ersetzen. Die Industrielle Revolution nahm ihren L auf und au f ihrer G rundlage dom inierte Europa über m ehrere Jahrhunderte die gesamte W elt. W ie war dies möglich? W ie war es möglich, dass Europa eine so heraus ragende Stellung einnehm en und die übrige W elt beherrschen konnte? U m das Jahr 1500, das im allgemeinen als Beginn der N euzeit angesetzt wird, war Europa allenfalls ein kulturelles M achtzentrum un ter anderen. In der Auseinandersetzung m it der m uslim ischen W elt schien Europa eher den Kürzeren zu ziehen. Zwar hatten die katholischen Könige Ferdinand und Isabella gerade erst die M auren von der iberischen H albinsel vertrieben, aber im O sten Europas eroberten die T ürken 1453 K onstantinopel und versetzten die christliche W elt in Schockstarre. U nd die A usdehnung des Osm anischen Reiches ging weiter: Die osm anischen Sultane eroberten G riechenland, einen großen Teil des Balkans u nd waren über m ehr als hundert Jahre eine ständige B edrohung für W ien. Bald beherrschten die osm anischen Truppen das gesam te östliche M ittelm eer, eroberten den N ahen O sten bis Ägypten u nd konnten so den G ew ürzhandel zwischen Südostasien und Europa unterbinden. Schließlich entwickelte das osmanische O berkom m ando eine gewaltige Flotte m it großen Galeeren und vielen kleineren Booten, die Angriffe zu Land un terstü tzten u nd im gesam ten M ittelm eer vor allem italienische und spani sche H äfen bedrohten u nd plünderten . M it den Janitscharen, die un ter christ lichen Jungen au f dem Balkan angeworben w urden, besaßen die türkischen Sultane eine gu t ausgebildete u nd hoch m otivierte E litetruppe. Ihre Armee war m it dem besten Belagerungsgerät und den effektivsten K anonen ausgerüs tet, die in der damaligen Z eit zu Verfügung standen. 164 Aber das Osm anische Reich besaß n icht n u r eine sehr effektive M ilitärm a schinerie. D urch die einheitliche Staatsreligion, eine gemeinsame Sprache und ein hohes technologisches u nd kulturelles N iveau war ein Staatsgebiet größer als das Röm ische Reich entstanden (vgl. K ennedy S. 37 ff). In vielen W issen schaften, vor allem M athem atik, M edizin u nd A stronom ie waren M uslime führend u nd in zahlreichen landw irtschaftlichen u nd technischen Bereichen entwickelten sie neue Verfahren, die teilweise noch heute Bestand haben. Die islamischen Städte waren großzügig angelegt, m it S traßenbeleuchtung ver sehen und m it Abwassersystemen ausgestattet. Einige besaßen Universitäten und große Bibliotheken. Die Baum eister übertrafen sich in der E rrichtung erlesener M oscheen. D er Einfluss des Propheten beschränkte sich jedoch n icht au f das O sm anische Reich. In Persien entwickelte sich un ter der Safawiden-Dynastie ein m achtvoller Staat m it hoher kultureller Blüte. Entlang der Seidenstraße etab lierten sich, nachdem das große m ongolische Reich zerfallen war, bedeutende islamische Khanate und im W esten Afrikas entstanden zahlreiche Staaten, die ebenfalls im Zuge des m uslim ischen Vorstoßes entstanden waren. Schließlich überrannten islamische Eroberer große Teile Indiens u nd errichteten ab1526 das Reich der M oguln, die über die große Masse der Bauern, die m ehrheitlich dem H induism us anhingen, herrschten und sie erbarm ungslos auspressten. D och nachdem sich die muslim ische G em einde in Schiiten u nd Sunniten aufgespalten hatte und diese Spaltung sich politisch manifestierte, indem die safawidischen H errscher in Persien u nd den um gebenden G ebieten den schiitischen Islam als Staatsreligion durchsetzten, war die D ynam ik der m uslim i schen Expansion gebrochen. Persien u nd das Osm anische Reich standen sich n u n in ständiger Auseinandersetzungen und Kriegen gegenüber, und Sultan und geistliche Führer sahen den einzigen Ausweg darin die schiitische D iaspo ra durch gewalttätige U nterdrückung klein zu halten. Diese Auseinandersetzung führte durchgängig zu einem rigiden Konserva tism us in allen gesellschaftlichen Bereichen. H ändler und U nternehm er w ur den drangsaliert, m it unberechenbaren Steuern belegt oder völlig enteignet. D er H andel versandete und die Städte verarm ten. D ie Bauern litten unter m arodierenden Soldaten, die ihre Ernte u nd ihr V ieh raubten. Freies D enken war höchst verdächtig. „Die Druckerpresse w urde verboten, weil sie zur Ver breitung gefährlicher M einungen beitragen könn te“ (Kennedy S.41). 165 Ein weiterer K andidat für eine führende Rolle in der W elt war C hina. Vor der M oderne war C h ina so weit von Europa entfernt, dass n u r wenige Rei sende C h ina erreichten u nd aus persönlichen Erfahrungen berichten konnten . N ach den Erzählungen musste es sich um eine außerordentlich hoch entw i ckelte Zivilisation gehandelt haben. C h ina ist das bevölkerungsreichste Land der Erde und schon im 15. Jahr hundert war die Anzahl der M enschen rund doppelt so hoch wie im damaligen Europa. C h ina war und ist seit m ehr als zweitausend Jahre sprachlich, politisch wie kulturell im Vergleich zu allen anderen kulturellen Z entren ein durchweg einheitliches Gebilde (vgl. D iam ond A rm u nd Reich S.398 ff). D ie M enschen verfügten über eine hoch produktive Landwirtschaft m it fruchtbaren Böden in den Ebenen der großen Flüsse wie Gelber Fluss und Jangtsekiang, die durch ein ausgeklügeltes Kanalsystem gebändigt w urden. Eine konfuzianisch gebil dete Elite sorgte für eine einheitliche u nd effektive Verwaltung des riesigen Reiches. Es waren große Städte m it ausgedehntem H andel untereinander en tstan den, der durch das ausgegebene Papiergeld zusätzlichen Schub erhielt. U m 1100 w urde in N ordchina schon m ehr Eisen als in England zu Beginn der Industriellen Revolution siebenhundert Jahre später produziert. Etwa zur glei chen Z eit w urde m it beweglichen Lettern gedruckt und es entstanden riesige Bibliotheken. M it großen D schunken segelten chinesische H ändler entlang der Küste bis Indien u nd den pazifischen Inseln u nd m achten glänzende Geschäfte. M it der kaiserlichen M arine verfügten die Kaiser der M ing-D ynastie, die 1368 die M ongolen endgültig besiegt hatten, über 1300 Kampfschiffe, schw im m ende Festungen u nd hunderte weitere Segelschiffe. Zwischen 1405 u nd 1433 un ternahm A dm iral C heng H o sieben ausgedehnte Kriegszüge zur See, die ihn bis zum R oten M eer und nach Sansibar führten (vgl. Kennedy S. 32 ff). D och die letzte Expedition sollte auch die letzte bleiben, denn 1436 verbot ein kaiserliches E dikt den Bau von hochseetüchtigen Schiffen. C hina zog sich au f sich selbst zurück, und die alles entscheidende Bürokratie verbot expansi ve Kriegszüge u nd alle A ußenhandelsaktivitäten. D ie M andarine betrachteten die K riegsführung generell als m inderw ertige Tätigkeit und der H andel der Kaufleute war ihnen äußerst suspekt, so dass diese in ihren Geschäften oft ein 166 geschränkt und beh indert w urden. Generell besaßen die chinesischen Städte nie die gleichen Freiheiten wie die Städte des europäischen M ittelalters und dem entsprechend konnte sich auch kein selbstbewusstes, au f eigenen Besitz gründendes B ürgertum entwickeln. N eben diversen anderen G ründen war daher „der reine Konservatismus der konfuzianischen Bürokratie der H au p t grund des chinesischen Rückzuges“ (Kennedy S. 35). U nd diese Entscheidung w urde auch um standslos umgesetzt, da es keine andere gesellschaftliche M acht gab, die sie hätte verhindern können. U m 1500 gab es noch weitere kulturelle Z entren wie Japan oder Russ land, doch die beiden beschriebenen Beispiele m ögen genügen, um zu ver deutlichen, dass es keineswegs ausgem acht war, dass es Europa war, das sich anschickte die W elt zu erobern. W arum also Europa, und w arum n ich t C hina oder die muslim ische Welt? Schon in der B etrachtung der m ittelalterlichen Städte Europas hatte sich gezeigt, welche Kraft und D ynam ik sich aus der Position des selbstständig agierenden Bürgers und seiner politischen O rganisationen entfaltete. Die Bürgerschaft, die sich im Laufe des späten M ittelalters in den europäischen Städten entfaltete, hatte über Jahrhunderte Gelegenheit sich zu erproben, ihre M öglichkeiten auszutesten und sich ihrer selbst zu vergewissern. Sie brachte jene selbstbewussten u nd n ich t selten auch größenw ahnsinnigen Charaktere hervor, die in den folgenden Jahrhunderten die w irtschaftliche und politische Entw icklung vorantrieben. N atürlich versuchten auch in Europa die M ächtigen des M ittelalters, die Fürsten, Könige u nd Kaiser die Kaufleute und deren Aktivitäten zu kontro l lieren und die G ew inne für sich zu reklamieren. D och Europa war sowohl geografisch und klim atisch sehr unterschiedlich gegliedert und noch m ehr politisch in die verschiedensten Gebiete unterteilt. D ie politische Karte Europas ähnelte einem Flickenteppich, dessen M uster sich ständig änderte. Es war n ich t m öglich ein ganz Europa umfassendes Herrschaftssystem , wie es in C h ina selbstverständlich war, zu etablieren. Zwar gab es im m er wieder Versuche, die aber in der Regel den jeweiligen H errscher n icht überlebten wie unter Karl dem G roßen, oder in einem Fiasko endeten wie un ter N apoleon oder Hitler. Kein Staat oder Stadtstaat konnte danach streben seine Einfluss sphäre zu erweitern, ohne dass ein N achbar oder andere Staaten au f den Plan traten um dies zu verhindern oder sich m it anderen N achbarn zu verbünden. 167 M it dem Prinzip des Balance o f Power hat die Politik G roßbritanniens diesen Sachverhalt zum außenpolitischen G rundsatz erhoben: Kein anderes Land auf dem K ontinen t durfte so stark werden, dass es die Sicherheit G roßbritanniens bedrohen konnte, u nd deshalb waren die jeweils schwächeren Staaten die natürlichen Bündnispartner. W enn n un also ein M ächtiger die Spielräume der Kaufleute u nd H an d werker zu sehr einengte, zogen diese weiter, nahm en Kenntnisse und Kapital m it und der Landesherr musste zusehen, wie sich die Handelswege aus seinem Einflussbereich verlagerten, seine E innahm en schmolzen u nd seine K redit w ürdigkeit dahinschw and. H ändler, H andw erker und Bankiers standen im Z en trum der Gesellschaft und m ussten n ich t wie in anderen Gesellschaften m isstrauisch beäugt am Rande leben. Das W achstum des H andels, das A ufblühen der Städte und M ärkte k o nn te von keinem der politisch M ächtigen w irklich kontro lliert werden u nd im Laufe der Z eit gingen alle europäischen Regime „eine sym biotische Beziehung m it der M arktw irtschaft ein“(Kennedy S.53), gaben ihr einen verlässlichen R ahm en und ein entsprechendes Rechtssystem u nd erhielten über angemesse ne Steuern A nteil am wachsenden Profit des Handels. D ie scharfe K onkurrenz zwischen den europäischen Staaten und das Bem ü hen gegenüber den N achbarn n ich t ins H intertreffen zu geraten, führte dazu, dass m ehr oder weniger alle Staaten danach trachteten die w irtschaftliche und technologische Entw icklung voranzutreiben und durch N euerungen einen Vorteil zu erlangen. So entwickelten die N ordeuropäer die N ordseekoggen, die m it m ehreren M asten und H eckruder ausgestattet waren und große Lasten tragen konnten . Sie waren zwar n ich t so elegant wie die osm anischen Schiffe, die das M ittelm eer befuhren, waren aber gut m anövrierfähig u nd konnten eher U nw etter u nd Sturm trotzen. Die Kabeljaufischerei vor N eufundland, die n icht n u r eine zunächst unerschöpfliche N ahrungsquelle erschloss, sondern auch neue H orizonte nach W esten eröffnete, u nd die W al- u nd Seehundsjagd, die wertvolle Rohstoffe erbrachte, gaben weitere Im pulse die Schifffahrt vor anzutreiben. Ü berhaupt trugen die langen Küsten und die vielen schiffbaren Flüsse in Europa dazu bei den H andel anzukurbeln, denn auf dem Wasser konn ten die W aren in größeren M engen u nd kostengünstiger transportiert werden als au f dem Landweg. So entstand seit dem späten M ittelalter ein flo rierender Seehandel zwischen der Ostsee, der Nordsee, dem M ittelm eer und 168 dem Schwarzen Meer. Die w ichtigsten Akteure waren die Kaufleute der Hanse und der oberitalienischen Städte. D urch K auf und V erkauf der W aren über den gesam ten K ontinent entw ickelten sich die Geldgeschäfte und Geldwechs ler, Kreditgeber u nd Bankiers gewannen an Einfluss und M acht. Die hässliche Seite der K onkurrenzsituation un ter den europäischen Staaten soll n icht unterschlagen werden. M an kann zwar n ich t so weit gehen und sagen, dass in Europa ständig Krieg herrschte, kom m t aber n ich t um hin festzustellen, dass fast im m er an irgendeinem O rt in Europa gekäm pft und H äuser n iedergebrannt w urden. M an denke nur an den H undertjährigen Krieg (1339 bis1453), der über unglaubliche hu nd ert Jahre dauerte oder den D reißigjährigen Krieg (1618 bis 1648), bei dem A rm een aus halb Europa über ein D rittel der Bevölkerung au f deutschem Boden massakrierten, vergewaltig ten und niederbrannten , was n ich t gestohlen oder geplündert werden konnte. In einer Kolum ne lässt G ötz Aly den A lthistoriker Friedrich O ertel zu W ort kom m en, der die Zerstörungsw ut u nd den dam it verbundenen Selbsthass der D eutschen w ährend des zweiten W eltkrieges m it den N achw irkungen des D reißigjährigen Krieges erklärt und die fehlende Souveränität au f die aus den Erlebnissen dieser Z eit resultierenden Kriegstraum ata zurückführt (Berliner Z eitung vom 8.5.12). M it ihren im perialistischen Raubzügen und im Zuge der Kolonialisierung trugen die Europäer Krieg, U nterdrückung und V ölkerm ord in die ganze Welt. In den beiden W eltkriegen schließlich verw andelten europäische M ächte die W elt in einen Hexenkessel von Blut u nd Tränen. Erst als m it den atom aren Waffen die völlige V ernichtung drohte, schien so etwa wie V ernunft einzukeh ren u nd die M enschen, Politiker wie Bürger kam en in Europa zu dem Schluss, dass Frieden doch die bessere Alternative zu sein schien. M it den Kriegen entwickelten sich auch die W affentechniken u nd die K onkurrenz un ter den europäischen Staaten führte dazu, dass sich die Rüs tungsspirale im m er enger drehte. M it der Verw endung von Schießpulver, der Entw icklung von m ächtigen K anonen und dem Einsatz von A rm brustschüt zen begann eine neue Ära, die das Zeitalter der R itter beendete. Die K anonen w urden im m er weiter verbessert, es entstanden K anonen aus Bronze u nd ver schiedenen Eisenlegierungen, so dass sich die Artillerie zu einer der zentralen W affengattungen entwickelte. Schließlich w urde die N utzung des Pulvers auch au f die leichten Waffen übertragen und bald waren die einfachen Soldaten 169 m it M usketen ausgerüstet. Es ist w ohl kein Zufall, dass sich in den N otizen von Leonardo da Vinci, dem berühm testen aller Künstler, auch Entw ürfe der verschiedensten Waffen finden. M ehr noch als an Land veränderte der Einsatz von K anonen die Kriegsfüh rung zur See (vgl. K ennedy S.59 ff). D ie w ettertauglichen kräftigen Dreim aster eigneten sich gut um mittschiffs au f beiden Seiten eine Reihe von K anonen zu installieren. D am it waren sie den leichten D haus der arabischen Flotte und den chinesischen D schunken weit überlegen. M it dieser Bewaffnung konnten sich die Europäer den W eg freischießen, die Handelswege au f den O zeanen kontrollieren und alle M ächte, die sich ihnen in den W eg stellten, einschüch tern. Sicherlich war der scharfe wirtschaftliche und militärische W ettbewerb zwischen den europäischen Staaten, das stete Suchen nach einem Vorteil für die weitere Entw icklung eine wichtige Voraussetzung für das „Europäische W under“ (Kennedy S.48). D och konkurrierende M achtzentren gab es auch in anderen K ulturen, ohne dass eine ähnliche Entw icklung wie in Europa ein gesetzt hätte. D er zentrale U nterschied zu allen anderen Regionen liegt m eines Erach tens in der Entw icklung der individuellen Freiheit, die w ährend der Blüte des M ittelalters von den Bürgern der Städte, den Kaufleuten u nd H andw erkern erkäm pft wurde. Diese grundlegende gesellschaftliche S truk tur brachte M än ner hervor wie H einrich den Seefahrer, C hristoph K olum bus oder Vasco da Gam a, die sich m it ihren M annschaften in die großen A benteuer weltweiter Entdeckungen stürzten und gegen die W eite der See, unbekannte Landschaf ten, feindliches Klim a oder grim m ige Feinde ankäm pften. Schließlich war es auch der W agem ut und U nternehm ergeist der Kaufleute, die diese Expeditio nen finanzierten und ausrüsteten. H öchstw ahrscheinlich sind auch die B rutalität und G rausam keit, m it der die europäischen Eroberer den Völkern Asiens, Afrikas, Amerikas u nd A ust raliens begegneten, ein Ausfluss dieser charakterlichen Struktur. Schließlich besaßen sie n ich t n u r die besseren Waffen, sondern waren in ihrem Selbstver ständnis auch die Auserwählten, die alle anderen M enschen aus A rm ut und Aberglaube zu erlösen hatten. W ar die Entw icklung des Europäischen W unders Glück, Zufall, historische Notwendigkeit? Fest steht, dass um 1500 verschiedene kulturelle Z entren von 170 ihrem w irtschaftlichen und m ilitärischen Standard her in der Lage gewesen wären eine weltweite Führungsrolle einzunehm en. Fest steht aber auch, dass in keiner anderen W eltregion eine Entw icklung zur individuellen Freiheit wie in den m ittelalterlichen Städten Europas stattgefunden hat. D ie Europäer übernahm en weltweit die Führungsrolle — m it allen hellen u nd dunklen Sei ten- alle anderen Regionen stagnierten. Angesichts dieser Tatsachen b in ich versucht zu sagen: Es war ein welthistorischer Glücksfall. Ä hnlich dem der attischen D em okratie. Individuelle Freiheit ist eine G rundbedingung der m enschlichen N atur. W ar sie bis dahin m ehr den zufälligen Bedingungen der individuellen Situa tion oder in einem gewissen M aße den M ächtigen vorbehalten, w urde sie n un zu einer m ächtigen Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung. Z um ersten M al nach vielen dunklen Jahrhunderten seit der E ntstehung der Städte und der großen Reiche w urde ein Funke entzündet, der die W elt in einem neuen Licht erstrahlen ließ. Die Bürger der m ittelalterlichen Städte, allen voran die Kaufleute gaben die Blaupause ab für die sich n u n entwickelnde individuelle Freiheit. Auch w enn diese bürgerliche Freiheit schon m it ihrem Beginn in sich zwiespältig war, genau wie die Existenz des Kaufm annes selbst, der einm al als Bourgeois agiert und sein Vermögen verm ehren will u nd dann als C itoyen für das W ohl der städtischen G em einschaft verantw ortlich ist, was bekanntlich m eist n icht einfach unter einen H u t zu bringen ist, so hat doch diese Entw icklung die W elt in einer bis dahin nie da gewesenen Weise verändert. M it Entw icklung der individuellen Freiheit entsteht ein völlig neuer Raum für die Realisierung der universellen M öglichkeit aller M enschen. Dieser Rahm en ist für das Leben der M enschen existentiell und unverzichtbar. Auch w enn dieser Raum für viele M enschen in vielen Teilen der W elt nur rud i m entär vorhanden ist, auch w enn er in langen Phasen der Geschichte n u r in Ansätzen oder gar n u r in der Im agination realisiert werden konnte, so laufen doch alle H offnungen, alle Kämpfe u nd Aufstände im Kern darauf hinaus den Traum von der individuellen Freiheit Realität w erden zu lassen. Im folgenden soll es n un darum gehen, wichtige E tappen dieser Entw ick lung zu identifizieren. A usgangspunkt waren, wie bereits beschrieben, die Freiheiten, die sich die Bürger der m ittelalterlichen Städte über Jahrhunderte gegen ihre adligen H erren erkäm pft hatten. 171 M itte des 13. Jahrhunderts trat eine Familie ins Ram penlicht der Geschich te, deren Einfluss die folgenden Jahrhunderte prägen sollte: die M edici. D urch den Textilhandel war die aus dem ländlichen Adel um Florenz stam m ende Familie reich geworden. Sie gründete eine Bank, entwickelte ein m odernes Finanzsystem u nd dom inierte bald den gesam ten europäischen H andel (W ikipedia M edici 7 .6 .14). D urch geschicktes Taktieren zwischen dem toskanischen Adel und den Forderungen des Volkes und m it Hilfe besonderer Beziehungen zu den Päpsten stieg die Familie zu einer der einflussreichsten D ynastien über m ehrere Jahrhunderte auf. Sie stellte zwei französische K öniginnen, über m ehrere Jahrhunderte die S tadtherren von Florenz u nd die Großherzöge der Toskana. Vor allem aber taten sich die M edici durch die Förderung von Kunst, A rchi tektur u nd W issenschaft hervor. Künstler und Gelehrte wie M ichelangelo und Leonardo da Vinci, deren N am en für künstlerische und wissenschaftliche Leis tungen stehen, die noch in heutiger Zeit Bew underung hervorrufen, w urden von den M edici beauftragt und gefördert. In diesem Prozess entwickelte sich das neue Bild vom M enschen, der selbstbewusst und kritisch sein Leben in eigener Regie gestaltet u nd sich n ich t von der Religion vorschreiben lässt, wie er sein Leben zu führen hat. Dabei waren die M edici n ich t nu r die Förderer, sondern sie selbst gaben quasi das Vor-Bild des M enschen ab, der sein Leben in die eigene H an d genom m en hat. Als Beispiel für das neue Verhältnis von Religion und hum anistischer W elt anschauung m ag das Gem älde die Heiligen D rei Könige bei der A nbetung von Sandro Botticelli gelten, au f dem die M edici m it ihrem Gefolge als die Könige dargestellt sind. Die M edici verkörperten den neuen Geist, die Freiheit des Individuum s, und förderten ihn m it aller M acht, so dass er in K unst und W issenschaft Fuß fassen u nd sich ausbreiten konnte. D ie Kehrseite von unerm esslichem R eichtum und großer M acht waren rücksichtsloses M achtstreben, Gier u nd Intrige un ter den einzelnen M itglieder der Dynastie. Selbst vor M ord schreckten sie n ich t zurück. Es ist w ohl kein Zufall, dass in diesem Zusam m enhang das berühm t-berüchtig te W erk „Der Fürst“ von N iccolo Machiavelli entstanden ist, in dem zwar vom Schutz der Freiheit die Rede ist, aber die H errschaft des Fürsten prinzipiell n icht angezweifelt wird. Von dem okratischen Verhältnissen ist allenfalls am Rande die Rede. Im G roßen und G anzen geht es um H errschaftstechniken und vor allem 172 um die Frage, wie der Fürst M acht u nd H errschaft m öglichst effektiv erobern und halten kann. N eu ist in jedem Fall die D iskussion staatlicher u nd politi scher Grundsätze ohne au f theologische Erw ägungen zurückzugreifen. Im Ü berblick lässt sich feststellen, dass vor allem die Familienm itglieder der M edici individuelle Freiheiten auskosten konnten , w ährend die M ehrzahl der Bürger, H andw erker u nd Künstler von dem leben m ussten, was vom Tisch der M ächtigen herunterfiel. Im Jahr 1215 w urde M agna C harta L ibertatum unterzeichnet, in der grundlegende politische Rechte des englischen Adels gegenüber dem König garantiert w urden. Vor allem w urde die persönliche Freiheit u nd der persönli che Besitz der Adligen un ter Schutz gestellt. Ausschlaggebend war der Gedanke, dass Gerechtigkeit n u r au f der G rundlage geschriebener Gesetze beruhen kann, die auch der König zu befolgen hat. Im Artikel 46 heiß t die zentrale Aus sage: „Kein freier M ann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner G üter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden, noch werden w ir ihm etwas zufügen oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von Seinesgleichen oder durch das Landgesetz“ (Die W elt 4 .6 .12). Steuer erhöhungen durften n u r noch von einer Reichsversam mlung, dem Parlament, vorgenom m en werden, w odurch G rundlagen für die G ew altenteilung und das Budgetrecht des Parlam ents gelegt w urden. Selbstverständlich hat König Johann dieser V ereinbarung nur m it zusam m engebissenen Z ähnen u nd unter dem D ruck der dam aligen Verhältnisse zugestim m t. Auch w enn er die Verein barungen im m er wieder hin tertrieben hat, haben sie sich doch im Laufe der folgenden Jahre durchgesetzt und begründeten m odernes Verfassungsrecht. Gegen die absolutistische H errschaft der englischen Könige aus dem Haus Stuart hat das Parlam ent m ehr als zwei Jahrhunderte später die Petition of Right durchgesetzt, in der das Recht au f Steuerbewilligung durch das Parla m en t vom König anerkannt wurde. Als der König die V ereinbarung brach, kam es zum Bürgerkrieg, in dessen Verlauf Karl I. Im Jahr 1649 hingerichtet wurde. In der G lorious Revolution berief das Parlam ent W ilhelm von O ranien zum englischen König, nachdem dieser die Rechte des Parlam ents au f Gesetz gebung u nd Steuerbewilligung anerkannt hatte. England entwickelte sich zu einer parlam entarischen M onarchie. In den Jahren 1291 bis 1315 gründeten au f dem G ebiet der heutigen Schweiz die drei W aldstätten Uri, Schwyz u nd U nterw alden die Eidgenos 173 senschaft u nd erkäm pften sich die U nabhängigkeit vom Heiligen Röm ischen Reich. Die V olksabstim m ung als Instrum ent der direkten D em okratie ist noch heute ein zentrales E lem ent des politischen Systems der Schweiz; sie entw i ckelte sich aus der damaligen alten Eidgenossenschaft. Inzwischen werden in den m eisten Staaten Europas V olksabstim m ungen durchgeführt. D er polnisch-litauische Staat, der sich über das heutige Polen, Litauen, L ettland und W eißrussland, sowie Teile des heutigen Russlands, Estlands, M ol dawiens, Rum äniens und der Ukraine erstreckte, war eine Adelsrepublik m it einem von A ristokraten in freier W ahl gewählten König (W ikipedia Polen-Li tauen 17.6.14). D a in diesem Staatswesen n ich t nur ein buntes Völkergemisch, sondern auch die verschiedensten Religionen nebeneinander lebten, war es für den Erhalt dieses Reiches nahezu unum gänglich den M enschen die freie A usübung der Religion zu ermögliche. So beschloss die K onföderation von W arschau am 28.Januar 1573 den Angehörigen aller G laubensbekenntnissen die volle Religionsfreiheit zu gewähren. D er Begriff der polnischen Freiheit w urde zu einem geflügelten W ort, das vieles versprach, wovon im restlichen Europa n u r geträum t werden konnte. W ie attraktiv diese Ideen waren, zeigt sich an der Reaktion der preußischen Könige, die befürchteten die eigenen U ntertanen könn ten vom polnischen Freiheitsbazillus angesteckt werden, und deshalb das freiheitliche System als polnische U nordnung u nd liederliche po l nische Freiheit diffam ierten (Berliner Z eitung 28./29 .1 .12). Als M artin Luther im April 1521 w ährend des W orm ser Reichstags vor dem gerade gekürten Kaiser Karl V. die W orte sprach: „ ... ich kann und will n ichts w iderrufen, weil es gefährlich und unm öglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tu n “, war dies n ich t n u r ein m utiger Schritt, der Luther hätte das Leben kosten können. Vor allem war es A usdruck der Tatsache, dass auch in der katholischen Kirche das neue D enken vom M enschen virulent geworden war. V erm utlich sind den katholischen W ürdenträgern und dem Kaiser ob der Frechheit des kleinen M önchs die K innladen nach un ten geklappt, doch die M enschen nahm en seinen A ufruf über die Freiheit eines C hristenm enschen beim W ort. Vor allem die Bauern ergriffen die Gelegenheit u nd forderten die Besei tigung der Leibeigenschaft. U nter Berufung au f das Evangelium verlangten sie in zwölf A rtikeln weitergehende dem okratische und soziale Rechte. Die Aufstände breiteten sich von schweizerischen, schwäbischen und badischen 174 Bauern bis T hüringen und Sachsen wie ein F lächenbrand aus. Z unächst ver suchte Luther zwischen den aufständischen Bauern und den Fürsten zu ver m itteln . Als aber bei der E roberung einer Burg ein G raf und seine Begleiter getötet w urden, schlug er sich au f die Seite der Fürsten, verdam m te in seiner Schrift „W ider die m örderischen R otten der Bauern“ die Aufstände als W erk des Teufels u nd forderte die Fürsten au f die Bauernheere m it Gewalt n ieder zuschlagen. D araufhin zogen die Fürsten ihre Heere zusam m en und schlugen die m ilitärisch unerfahrenen und oft n u r m it Sense und Dreschflegel ausgerüs teten Bauernsoldaten in blutigen Käm pfen nieder. Z ehntausende Bauern ver loren ihr Leben. D araufhin sollte es in D eutschland über 300 Jahre dauern bis die Leibeigenschaft und über 400 Jahre bis die M onarchie abgeschafft werden konnte (W ikipedia M artin Luther 23.6.14). Die n u n folgenden Auseinandersetzungen verliefen vor allem zwischen den Fürsten u nd dem Kaiser. N achdem sich der evangelische G laube schnell in D eutschland und N ordeuropa ausgebreitet hatte, nu tzten die Fürsten die neue Situation um ihre M acht gegenüber dem Kaiser zu stärken. Logischer weise bedeutete dies, dass der Fürst das Recht hatte die Religion zu wählen, die ihm politisch in den Kram passte — und die U ntertanen hatten ihm zu folgen. Im Augsburger Religionsfrieden w ährend des Reichstags in Augsburg im Jahr 1555 w urde offiziell beschlossen, dass Fürsten und Reichsstädte ihre Konfession frei wählen konnten , die U ntertanen hatten sich anzuschließen oder m ussten auswandern. Freie Religionsausübung sieht anders aus. D och die Reaktion der katholischen Kirche u nd der noch verbliebenen katholischen Fürsten ließ n icht lange au f sich w arten. Bald standen sich die protestantische U nion u nd die katholische Liga bis an die Zähne gegenüber, und ein kleiner Funke genügte um 1618 den D reißigjährigen Krieg auszulö sen. Was als Religionskrieg begann, führte zum M ach tkam pf zwischen Kaiser, Fürsten und Städten und bald tum m elten sich alle europäischen Könige und Fürsten von B edeutung au f dem deutschen Schlachtfeld. A m Ende w urde nur noch geraubt und geplündert, so dass D eutschland verwüstet am Boden lag und m ehr als zwei D rittel der 18 M illionen Einw ohner to t zurückblieben: geschändet, gefoltert und verhungert. 175 In seinem G edicht „Tränen des Vaterlandes“ führt uns Andreas Gryphius das G rauen vor Augen, wie m an es kaum deutlicher in W orte fassen kann: Andreas Gryphius Tränen des Vaterlandes Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun H at aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret. Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret. Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun, Die Jungfern sind geschändt, und wo wir hin nur schaun Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret. Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut. Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen. Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot, D aß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen. 1636 D er Dreißigjährige Krieg war ein so grausames Lehrstück über die M ach t politik der H errschenden, dass es eigentlich für die nächsten paar hundert Jahre hätte reichen m üssen um alle Finger von den Waffen zu lassen. Er war ein Traum a für die deutsche Bevölkerung, das noch bis heute A uswirkungen in der psychischen Verfasstheit der M enschen zeigt (vgl. Berliner Z eitung 8.5.12). U nd es war ein blutiges Lehrstück über die N otw endigkeit religiöser Toleranz gegenüber Andersgläubigen. U nd dann kam das Jahr 1789. Das absolutistische Königshaus hatte die Staatsfinanzen ruiniert. D er Adel blockierte alle Reform vorhaben. Die B rot 176 preise stiegen aufgrund einer M issernte so krass, dass ein städtischer H andw er ker etwa die H älfte seines E inkom m ens allein für die Brotversorgung ausgeben m usste. Für die Bauern, die ru n d 80 Prozent der Bevölkerung ausm achten und die unter der willkürlichen Besteuerung litten, war die S ituation noch prekärer. M arie A ntionettes Ausspruch „wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen“, m acht schlaglichtartig deutlich, wie verzweifelt die Lage der Bauern und wie ignorant das V erhalten des Königshauses war. Angesichts der drängenden Problem e und der h inhaltenden Blockade politik des Adels erklärte die Versam m lung des dritten Standes, dass sie über 96 Prozent der Franzosen repräsentiere u nd von daher die alleinige Entschei dungsbefugnis habe. Die Vertreter von Adel u nd Klerus sollten sich anschlie ßen. König Ludwig XVI. stim m te diesem Ergebnis zunächst — w enn auch zögerlich - zu, ließ aber gleichzeitig Truppen nach Paris verlegen (W ikipedia Franz. Revolution 27.6.14) Dies heizte die S tim m ung zusätzlich an u nd die Bürger begannen n u n ihrerseits sich zu bewaffnen. Eine Bürgermiliz wurde gegründet, königliche Waffenlager geplündert und am 14. Juli 1789 w urde die Bastille gestürm t um dort weitere Waffen in die H an d zu bekom m en. N ach einer blutigen Auseinandersetzung zog der König seine Truppen zurück u nd stellte die N ationalversam m lung un ter seinen Schutz. Im August 1789 beseitigte die N ationalversam m lung alle Privilegien des Adels und schaff te dam it quasi über N ach t das Ancien Regime m itsam t Feudalsystem und H errschaft der Aristokratie ab. Ebenfalls im August w urde die Erklärung der M enschen- u nd Bürgerrechte verabschiedet, die m it der Feststellung beginnt: „Von ihrer G eburt an sind u nd bleiben die M enschen frei und an Rechten einander gleich“ (W ikipedia Franz. Revolution). In 17 A rtikeln w erden un ter anderem das Recht au f Freiheit, E igentum , Sicherheit u nd das Recht au f W iderstand gegen U nterdrückung garantiert. In Artikel 11 w ird die freie Ä ußerung von G edanken und M einungen als eines der kostbarsten M enschenrechte form uliert. In Bezug auf den Staat w ird fest gelegt, dass die staatliche Souveränität prinzipiell u nd ausschließlich vom Volk ausgeht (Artikel 3), dass alle staatliche M aßnahm en ob Anklagen, V erurtei lungen oder Strafen n u r au f der G rundlage von Gesetzen erfolgen dürfen und eine Teilung der Gewalten als selbstverständlich erachtet w ird (Artikel 16). U m den Leviathan zu zähm en hatte Charles M ontesquieu schon ru n d 50 Jahre zuvor die Teilung der Gewalten in die gesetzgebende, ausführende und 177 richterliche G ewalt gefordert u nd ausführlich erläutert. M it einem bem erkens w erten Hinweis au f die m enschliche N atu r erklärt er: „es ist aber eine ständige Erfahrung, dass jeder M ensch geneigt ist, die Gewalt, die er hat, zu m issbrau chen; er geht so weit bis er Schranken findet. W er sollte es sagen, selbst die Tugend hat Schranken nö tig“ (Charles M ontesquieu zit. nach Fitzek II S.87). M it der Erklärung der M enschen- und Bürgerrechte sind die Bürger zur vorherrschenden Kraft in der politischen Arena geworden und die Freiheit des Individuum s w urde als verfassungsmäßig festgelegte N orm und dam it als Frei heitsraum zunächst für alle Franzosen, in der Intension aber für alle M enschen gültig. U nter der Parole Liberte, Egalite u nd Fraternite haben die M enschen in Frankreich eine gesellschaftliche Revolution in G ang gesetzt, die im gesamten Europa, ja in der ganzen W elt die M achtverhältnisse von G rund au f ändern sollte. Alle m odernen D em okratien in ihrer dem okratischen u nd liberalen Verfassung gründen sich prim är au f die Errungenschaften der Französischen Revolution. D ie M enschen- und Bürgerrechte sprachen zwar für alle M enschen, galten aber faktisch entsprechend dem damaligen Selbstverständnis nu r für M änner. Dies w ollten die Frauen keinesfalls h innehm en. In einer Erklärung forderten sie n u n ihrerseits die völlige G leichstellung m it dem M ann, versam m elten sich zu Tausenden in Versailles und zwangen schließlich sowohl den König als auch die N ationalversam m lung nach Paris um zuziehen, wo die Frauen direkter E in fluss nehm en konnten . D ennoch sollte es noch m ehr als hu nd ert Jahre dauern, bis die Frauen in Frankreich zum indest die formale G leichstellung vor dem Gesetz u nd das allgemeine W ahlrecht erkäm pft hatten. Inzwischen war die Frage nach der Stellung des Königs in der Verfassungs debatte im m er noch ungelöst. Z unächst beabsichtigte kaum ein Abgeordneter die Abschaffung des Königshauses, vielm ehr schien alles au f eine konstitu tio nelle M onarchie hinauszulaufen. D och die königliche Familie u nd Teile des Adels intrigierten gegen die N ationalversam m lung u nd versuchten die adlige Verwandtschaft an den europäischen H öfen zu einer Intervention gegen die neue O rd n un g zu bewegen. Als schließlich die königliche Familie versuchte aus Frankreich zu fliehen und zu gegenrevolutionären A ktionen aufrief, w urde sie au f dem W eg gefangen genom m en u nd in Paris gefangen gesetzt. A nfang A ugust1792 m arschierten österreichische und preußische Truppen in Frankreich ein m it dem Ziel König Ludwig XVI. zu befreien und ihn wieder 178 in seine angestam m ten Recht einzusetzen. Angesichts der inneren u nd äuße ren Bedrohung gewannen die radikalen Vertreter der Revolution die O ber hand u nd die neu geschaffene Revolutionsregierung verfolgte die Feinde der Revolution m it terroristischen M aßnahm en und schickte sie au f die Guillotine. D er König w urde des Hochverrats angeklagt, verurteilt u nd au f der G uillotine hingerichtet. D ie M onarchie w urde endgültig abgeschafft. Bei der H inrich tung blieb es in Paris u nd im ganzen Land von einzelnen royalistischen Protestaktionen abgesehen auffällig ruhig. Fast schien es so, als hielten die Bürger beim Tod ihres Königs den A tem an und fragten sich, ob der vor G o tt Gesalbte Hilfe von him m lischer Seite erhielte. W ürde sich die Erde auftun oder Blitze die H aup tstad t niederbrennen? Aber es geschah — nichts. Die Bürger stellten fest, dass blaues Blut genauso verrinnt wie das aller ande ren M enschen. Tausende von Jahren m ussten vergehen, bis die M enschen die Erkenntnis um setzen konnten , dass sie selbst der Souverän sind und n icht ein vor G o tt ausgewählter König. Auch w enn später der König w ieder eingesetzt wurde, der N im bus des vor G o tt gewählten Herrschers war ein für allemal dahin. In der dritten Phase der Revolution, der D irektorialzeit von 1795 bis 1799, dom inierten großbürgerliche Schichten, die vor allem interessiert waren, ihre w irtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Es gelang ihnen die Volksinitiati ven für soziale G leichheit zu unterdrücken u nd sich gleichzeitig der Bestrebun gen auf W iedereinsetzung des K önigtum s zu erwehren. Schließlich übernahm N apoleon, der sich vor allem au f das in den Revolutionskriegen erprobte Bürgerheer stützte, als erster Konsul die M acht u nd erklärte die Revolution für beendet (W ikipedia Franz. Revolution 8.7.14). Am 4 Juli 1776 proklam ierten die dreizehn britischen Kolonien in N o rd am erika ihre Unabhängigkeit u nd sagten sich von G roßbritann ien los. Die U nabhängigkeitserklärung ist quasi die G eburtsurkunde der USA und die m it ihr verbundenen Freiheitsräum e und Freiheitsträum e haben bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. In der Erklärung w ird vor allem auf die unveräußerlichen M enschenrechte wie Leben, Freiheit u nd Streben nach G lück abgehoben u nd betont, dass ein Volk das Recht hat seine Regierung selbst zu wählen (W ikipedia U nabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staa ten 13.7.14). Interessanterweise werden die M enschenrechte m it dem Hinweis begründet, dass der Schöpfer alle M enschen gleich geschaffen u nd m it unver 179 äußerlichen Rechten ausgestattet habe. Ebenso war es selbstverständlich, dass Frauen, Sklaven und Farbige von diesen Rechten ausgenom m en waren. E lf Jahre später, im Septem ber 1787, gaben sich die Vereinigten Staaten eine Verfassung m it föderaler S truktur der R epublik und einem Präsidenten als Staats- und Regierungschef. G rundlagen waren die Gewaltenteilung, das Bekenntnis zu Recht u nd Gesetz u nd ein verbindlicher Katalog der M enschen rechte. E inen Gottesbezug gab es diesmal nicht. D ie Präambel besteht aus einem einzigen Satz, der die Z ielsetzung der folgenden Artikel begründet: „Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der A bsicht geleitet, unseren Bund zu vervollkom m nen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine W ohl zu fördern und das G lück der Freiheit uns selbst u nd unseren N achkom m en zu bewahren, setzen u nd begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von A m erika“ (W ikipedia Verfassung der Vereinigten Staaten 13.7.14). D ie Einwanderer nach N ordam erika hatten den Vorteil, dass sie ihre Sou veränität n icht gegen einen alteingesessenen Adel oder einen vor G o tt gesalb ten König durchsetzen m ussten. N u r die indianischen U reinw ohner leisteten erbitterten W iderstand, hatten allerdings gegen die waffentechnische und kulturelle Ü berlegenheit der neuen Einw anderer keine C hancen. Sie w urden vertrieben oder um gebracht. N u r ein toter Indianer war ein guter Indianer. D er K am pf gegen die britischen K olonialherren war dagegen deutlich schwieriger, da das M utterland über erfahrene u nd gut ausgebildete Truppen verfügte, w ährend die am erikanische Armee zunächst n u r aus einer A nsam m lung von M iliztruppen bestand. D och im Laufe des Krieges w urden die am e rikanischen Truppen zu einer professionell agierenden Armee ausgebaut, die schließlich m it französischer, spanischer u nd niederländischer Hilfe die b riti sche Armee besiegte. N ach acht Jahren Krieg w urden die K am pfhandlungen im Septem ber 1783 m it dem Frieden von Paris offiziell beendet. D ie am erikanischen Einwanderer standen seit der G ründung der ersten Kolonien in einer dem okratischen Tradition, die au f jene Puritaner zurückgeht, die als sogenannte Pilgerväter an Bord der Mayflower nach A m erika segelten u nd Ende 1620 im heutigen M assachusetts an Land gingen. D eren Erklärung im Mayflower-Vertrag war konstituierend für das am erikanische Selbstver ständnis und begründete die dem okratische Tradition über die U nabhängig 180 keitserklärung bis h in zu der Verfassung der Vereinigten Staaten (W ikipedia Mayflower-Vertrag 14.7.14). W enn ich versuche die Entw icklung seit dem M ittelalter zu überblicken, lässt sich eine Relativierung der Religion nach Reform ation u nd D reißigjähri gem Krieg konstatieren, die dazu führt, dass Religion und Politik deutlich(er) getrennt werden und schließlich in eine Entw icklung m ündet, in der das Volk zum Souverän wird, die M enschen ihre M acht erkennen und für sich bean spruchen. Vor G o tt gesalbte Könige werden davongejagt oder zum indest ihre M acht auf repräsentative Aufgaben beschränkt. In dem M aß wie sich die b ü r gerliche W eltanschauung durchsetzt, werden unveräußerliche M enschenrech te proklam iert und in Kraft gesetzt, die den Freiheitsraum des Individuum s beschreiben, der durch nichts eingeschränkt werden darf außer die Freiheiten eines anderen Individuum s w ürden berührt. Die Souveränität und U nabhän gigkeit, die sich die Kaufleute als Bürger der m ittelalterlichen Stadt gegen Adel und König erkäm pft haben, besitzt n u n für alle M enschen G ültigkeit u nd ist durch die M enschenrechte garantiert. Es w ird allerdings dabei unterschlagen, dass n u r wenige M enschen die w irtschaftlichen M öglichkeiten und den Besitz haben ihre garantierten Freiheitsrechte auch voll zu entfalten. Gleichzeitig w ird der Staatsapparat durch G ew altenteilung und geschrie bene Gesetzgebung so um gestaltet, dass Einzelne n icht zu viel M acht an sich reißen können, um dann von Seiten des Staates die Rechte der Bürger wieder einzuschränken. Selbstverständlich verläuft die Entw icklung n ich t in einem gradlinigen Fortschreiten, sondern in einem widersprüchlichen H in und Her, m it Rück schritten u nd Rückschlägen, revolutionären Schüben u nd terroristischen Gewaltakten. So w urden beispielsweise die Rechte der Frauen und das dam it einhergehende Frauenwahlrecht in vielen Ländern erst in den Revolutionen nach dem 1. W eltkrieg oder wie in Frankreich erst nach dem 2. W eltkrieg 1945 durchgesetzt. In D eutschland m ussten nach dem BGB die Ehefrauen bis 1977 ihre E hem änner um Erlaubnis fragen, w enn sie einen B eruf ausüben wollten. Am 10. Dezem ber 1948 proklam ierte die G eneralversam m lung der Ver einten N ationen die Allgemeine Erklärung der M enschenrechte, die feststellt: „Alle M enschen sind frei und gleich an W ürde und Rechten geboren“. Zwar hat diese Erklärung im Sinne der Völkerrechts keine b indende W irkung, da nur 181 Resolutionen des Sicherheitsrates eine verbindliche völkerrechtliche Bedeu tung zukom m t. D och durch die Pakte über Bürgerliche u nd Politische Rechte u nd über W irtschaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte, die 1976 in Kraft getreten sind und n ich t zuletzt durch eine A rt G ew ohnheitsrecht sind die M enschenrechte für alle M enschen der W elt gültig u nd verbindlich geworden (vgl. W ikipedia Allgemeine Erklärung der M enschenrechte). D am it sind die Rechte, die sich die Bürger in den m ittelalterlichen Städ ten Europas erkäm pft haben, über viele Wege und Umwege zu universellen W erten geworden, die Freiheit, G leichheit und ein würdevolles Leben für alle M enschen weltweit garantieren (sollen). Dass diese Ziele in vielen Bereichen und zahlreichen Staaten noch lange n icht Realität geworden sind, m uss hier n icht weiter ausgeführt werden. In der westlichen W elt sind es vor allem die Rechte von Lesben und Schwulen und von M enschen m it H andicap, die zur Z eit au f der A genda stehen. Auch die Frage nach der V erwirklichung der M enschenrechte im Internet, wie z. B. dem Schutz der Privatsphäre, sind hoch aktuell. 182 19. Die Industrielle Revolution - und die Arbeiterbewegung W ie durch die N eolithische Revolution w ird auch durch die Industrielle Re volution die Situation der M enschen grundlegend verändert. Alle w irtschaft lichen, sozialen u nd kulturellen G egebenheiten werden umgewälzt. D ie Bevöl kerung wächst u nd die M enschen w andern in die Städte, wo die Produktion zunehm end stattfindet. O ft entstehen in diesem Zusam m enhang neue Städte um die Kerne der Industrie. Im Laufe dieser Entw icklung arbeiten im m er we niger M enschen in der Landwirtschaft u nd m ehr in industriellen Bereichen. D o rt stehen sich U nternehm er und Lohnabhängige gegenüber. A m A nfang der Industriellen Revolution stand die Dam pfm aschine. M it ihr begann der Herzschlag der neuen Zeit. M it der D am pfm aschine, der massen haften Förderung u nd V erw endung von Kohle u nd Eisen u nd der Erfindung des m echanischen W ebstuhls und der Spinnm aschine erreichte die britische B aum w ollindustrie um 1800 W achstum sraten von jährlich über zehn Prozent. Solche W achstum sraten sollte es in dieser Branche nie wieder geben. King C o tton regierte die englische W irtschaft (W ikipedia Industrielle Revolution 15.8.14) D och dies war n u r der Anfang. O rien tiert m an sich an den langen W ellen der W eltkonjunktur (H uber in: Jänicke 1985), so lassen sich bis zu fü n f Zyk len der Industrialisierung unterscheiden. N ach der ersten Phase leitete der Ausbau der Eisenbahn, die Entw icklung von Telegrafie und Fotografie und der Einsatz von Z em ent um 1850 den zwei ten Zyklus ein. D ie folgende Phase w urde vom A utom obil dom iniert. M it der Entdeckung des Erdöls, das zunächst nu r als Petroleum zur Beleuchtung der H äuser ver w endet wurde, fiel quasi als A bfallprodukt Benzin an. Z unächst w urde dies als billiges M ittel zur Fleckentfernung verkauft. Als sich herausstellte, dass Benzin auch äußerst effektiv als Treibstoff für die gerade entwickelten V erbrennungs m otoren genutzt werden konnte, war der weltweite Siegeszug von dem D uo Auto und Erdöl n ich t m ehr aufzuhalten. Erdöl war ein vielseitiger Rohstoff, aus dem n icht n u r Reifengum m i für die neuen Fahrzeuge, sondern auch B itu 183 m en für die n u n notw endig zu befestigenden Straßen hergestellt werden k o nn te. Parallel dazu entstand die chem ische Industrie u nd die Elektrifizierung der Städte w urde vorangetrieben, indem die Beleuchtung von Straßen und H äusern u nd der A ntrieb von Lokom otiven und Stadtbahnen au f elektrische Energie umgestellt wurde. Als neuer W erkstoff kam A lum inium dazu. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann m it dem Fernseher die neue Ära. W enn m an sich heute im E lektronikm arkt die neuesten Flach bildschirm e ansieht, ist es kaum zu glauben, dass es erst wenige Jahrzehnte her ist, dass die Epoche des Fernsehens m it einem kleinen Kasten begann, in dem schwarz-weiße Filme über die M attscheibe flim m erten. N eue, sogenannte Kunststoffe, kam en au f den M arkt, die ihre E ntstehung ebenfalls dem Erdöl verdankten. Die Plastiktüte eroberte die Welt. N achdem 1945 in den USA die erste nukleare Explosion gelang u nd nach dem die A tom bom ben über H iroshim a u nd Nagasaki ihre ungeheure Energie u nd ihre furchtbare Zerstörungskraft entfalteten, sahen viele den Beginn des Atom zeitalters, das grenzenlose Energie und W ohlstand für alle zu versprechen schien. D er Sputnik-Schock läutete das Zeitalter der R aum fahrt ein. Beim fünften und vorläufig letzten Zyklus lässt sich sicherlich darüber streiten u nd die M einungen werden je nach S tandpunk t auseinander gehen, ob m an ihn m it dem Beginn des In ternet anfangen lässt. Zwar gibt es diverse Vorläufer, aber 1995 löst das W orld W ide W eb den veralteten Service ab, AOL u nd Com puserve bieten ihren K unden Z ugang zum Internet, W indow s 95 w ird aufgelegt. In Jahr 1999 geht die Suchm aschine Google offiziell ans N etz u nd 2000 gibt es über eine M illiarde angezeigter W ebseiten. M it den zugrunde liegenden Techniken wie dem Einsatz von Glasfaserkabeln, M ikroelektronik, die integrierte Schaltungen in im m er kleinerem M aßstab zur V erfügung stellt, u nd der Entw icklung von M obiltelefonen u nd Sm artphones ist ein Prozess im Gang, der schon heute ungeahnte M öglichkeiten in allen gesellschaftlichen Bereichen eröffnet. Im Rahm en des H um angenom projektes w urde im Jahr 2001 die vollstän dige Entschlüsselung des m enschlichen Erbgutes verkündet. W elche Folgen u nd Im plikationen m it diesem Prozess verbunden sind u nd was in diesem Zusam m enhang noch zu erwarten ist kann m an heute allenfalls erahnen. U nter den Stichw orten A tom ausstieg und Energiewende w ird in vielen Ländern an einer nachhaltigen Energieversorgung gearbeitet. D ie fossilen 184 Brennstoffe sollen durch erneuerbare Energien wie W ind- oder Sonnenenergie ersetzt werden um den verheerenden Anstieg des C O 2 - Ausstoßes zu brem sen und zurückzufahren. O bw ohl dieser Prozess im m er noch in den Anfängen steckt, ist auch in diesem Fall zu erwarten, dass er weitreichende A usw irkun gen au f das gesellschaftliche Leben weltweit haben wird. M it der Entw icklung der industriellen Produktion erschien ein neuer sozia ler Typus au f der geschichtlichen Bühne: der Arbeiter. Er hatte und hat weder Besitz wie der Adlige, noch Ackerland wie der Bauer, noch Verm ögen und Beziehungen wie der K aufm ann. Er besaß einzig und allein seine Arbeitskraft, die er gezwungen war zu verkaufen um sein Leben und das seiner Frau und seiner K inder zu fristen. U m 1800 gab es in D eutschland noch wenige Fabrik arbeiter, um 1850 waren es schon 800 000 und um 1910 ru n d acht M illionen, die aus den D örfern in die Städte geström t waren. Die A rbeiter und ihre Familien führten zu Beginn der Industriellen Revolu tion ein elendes Leben. U nter dem R hythm us der M aschinen und dem inner betrieblichen D iktat des Fabrikherren m ussten sie und m eist auch ihre Frauen und K inder 12 bis 14 S tunden täglich schuften und bekam en dafür nur einen kargen Lohn. Dieser war so bemessen, dass er allenfalls für Brot, Kartoffel und Gem üse reichte u nd die M iete oft n u r unter schwierigsten Bedingungen aufgebracht werden konnte. So hausten in den M ietskasernen oft zehn Leute und m ehr in einem Raum , der un ter U m ständen noch schichtweise an andere Schlafende verm ietet wurde. M it der Z eit organisierten sich die Arbeiter, zunächst regional und auf begrenzte Zeit, führten Streik, Boykott u nd gegenseitige H ilfsm aßnahm en durch um Lohnerhöhungen, bessere A rbeitsbedingungen oder kürzere Arbeits zeiten zu erkäm pfen. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen schufen sich die Arbeiter Gewerkschaften als festgefügte nationale O rganisationen, die ihre Interessen gegen die Fabrikbesitzer vertraten. Sie organisierten sich in Genossenschaften wie W ohnungsbaugenossenschaften, um günstige M iet w ohnungen zur Verfügung zu haben, und gründeten zahlreiche Vereine um sich zu bilden oder Sport zu treiben. A ußerdem entstanden zahlreich A rbeiter parteien, die die Anliegen der A rbeiter in die politische Arena trugen. In den Revolutionen um 1840 standen auch zahlreiche Arbeiter au f den Barrikaden um für dem okratische Rechte zu käm pfen. Es ist naheliegend, dass es den A rbeitern zunächst um die D urchsetzung sozialer Rechte ging, wie 185 höhere Löhne, bessere A rbeitsbedingungen und das Recht au f Vereinigung. W enn die Revolutionen um 1840 als bürgerliche Revolution eingestuft wurde, so waren auch die A rbeiter in D eutschland wie in anderen Ländern an na tio naler E inheit und Selbstbestim m ung, an geschriebener Verfassung und bürger lichen Freiheitsrechten interessiert. Schließlich waren es vor allem die Arbeiter, die nach dem ersten W eltkrieg und der N ovem berrevolution das allgemeine, aktive u nd passive W ahlrecht durchsetzten, das unabhängig vom Besitz jedem Bürger eine Stim m e zusprach und vor allen D ingen auch die Frauen einschloss. Im Zuge dieser Revolution musste der Kaiser abdanken u nd D eutschland w urde zu einer parlam entarischen D em okratie. Die A rbeiterparteien setzten bürgerliche Freiheitsrechte u nd dem okratischen Staatsaufbau konsequent um, die bürgerliche Parteien aus Angst vor revolutionären A rbeitern n u r noch halbherzig verfolgten. D ie m eisten A rbeiterparteien, die in der Zeit zwischen 1860 und 1890 in Europa gegründet w urden, verstanden sich als marxistische Parteien. Ih r Ziel war die soziale Revolution, in deren Verlauf alle Klassen und Klassengegensät ze überw unden w ürden, da alle M enschen als A rbeiter über die Produktions m ittel verfügten. M it dieser Entw icklung w ürde auch der Staat als politische Institu tion verschwinden, da er nichts anderes sei, als ein Instrum ent der herr schenden Klasse zur U nterdrückung der anderen Klassen. „In W irklichkeit aber ist der Staat nichts als eine M aschine zur U nterdrückung einer Klasse durch eine andere, u nd zwar in der dem okratischen R epublik n ich t m inder als in der M onarchie; und im besten Fall ein Übel, das dem im K am pf um die Klassenherrschaft siegreichen Proletariat vererbt w ird und dessen schlim m sten Seiten es ebenso wenig wie die K om m une um hin können wird, sofort m ög lichst zu beschneiden, bis ein in neuen, freien Gesellschaftszuständen heran gewachsenes Geschlecht im stande sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzutun“ (M E W 17 S.625). In einem Punkt haben M arx u nd Engels sicher recht: D er Staat küm m ert sich vor allem um die Interessen der Besitzenden, um Banken, Konzerne, Fab rikbesitzer und deren Gefolge in W irtschaft u nd Politik, w enn dies heute auch meist m it dem A rgum ent, die Arbeitsplätze zu sichern, begründet wird. D och dies ist nur die eine Seite. D ie andere Seite besteht in der Aufgabe des Staates die äußere und innere Sicherheit zu garantieren, die im Interesse aller Bürger sind. Staaten, die diese Aufgabe n ich t erfüllen könne, sind zum U ntergang 186 verurteilt, wie m an dies in aller D eutlichkeit an den sogenannten >failed states< erkennen kann, die entw eder von Angreifern bedroht oder im Innern durch rivalisierende Banden, Kriegsherren oder religiöse Fanatiker chaotisiert wer den. Es wäre ein Rückfall in das Faustrecht. A ußerdem hat der Staat weitere Funktionen wie die U nterhaltung der Infrastruktur, des Bildungswesens, die Bereitstellung von Energie u nd Trinkwasser und vieles andere mehr, die dem Interesse aller Bürger dienen. Völlig abwegig ist jedoch die G leichsetzung der bürgerlichen D em okratie m it allen anderen Staatsform en wie M onarchie oder orientalischer Despotie. In diesem Fall haben M arx und Engels eine Bewertung vorgenom m en, die völlig an der historischen Realität vorbeigeht. Die bürgerliche D em okratie m it ihrem durch die G ew altenteilung geläuterten Staat u nd garantierten Bürger und M enschenrechten ist eine historische Errungenschaft wie sie kostbarer n ich t sein kann. Angesichts der Erfahrungen, die M arx m it dem preußischen Drei-Klassen-W ahlrecht u nd der preußischen Z ensur gem acht hat, hätte er es eigentlich besser wissen müssen. Seine Einschätzung lässt sich allenfalls aus der historischen Situation und dem damals unter den A rbeitern herrschenden Elend erklären. In diesem Z usam m enhang ist auch die K ennzeichnung des Übergangs zur kom m unistischen Gesellschaft als „D iktatur des Proletariats“ geradezu eine historische N aivität. In dieser Periode, so M arx, w endet das Proletariat „M ittel zur Befreiung an, die nach der Befreiung wegfallen; . . . “ (M E W 18 S.636). Was im m er M arx und Engels sich unter dieser Phase vorgestellt haben, K om m unisten wie Lenin und Stalin oder auch M ao Tse Tung haben den Begriff der D ik ta tu r durchaus w örtlich genom m en und furchtbare Regime errichtet. Alle Erfahrungen aus der m enschlichen Geschichte besagen, dass es nahezu unm öglich ist bestim m te Freiheiten aufzugeben um andere zu erlangen. Es ist naiv anzunehm en, die bürgerlichen Freiheiten beseitigen zu wollen um soziale Rechte durchzusetzen um dann nach einer gewissen Z eit die ursprünglichen Freiheiten, w om öglich in neuer Q ualität, w ieder in Kraft zu setzen. W er der artiges erhofft, hat eine naive Vorstellung der m enschlichen N atu r und dem in ihr w altenden D rang nach M acht und Einfluss. W er einmal M acht innehat, gibt sie selten freiwillig w ieder ab. Die Entw icklung in der Sow jetunion nach der Revolution zeigte, dass m it der M achtübernahm e der Bolschewiki die freiheitliche u nd demokratische 187 Entw icklung abgebrochen und von Lenin über Stalin die totale M acht ausge bau t u nd von Stalin durch Terror u nd M assenm ord perfektioniert w urde (vgl. A rendt S.479 f). Von der E inführung individueller Freiheiten war gewiss n icht m ehr die Rede. Erst nach dem Z usam m enbruch der Sow jetunion begann sich in Russland erneut eine zartes demokratisches Pflänzchen zu entwickeln. Es steht aber zu befürchten, dass sich durch Putins „gelenkte D em okratie“ im Zusam m enhang m it seinen außenpolitischen A benteuern in der Ukraine und anderen N achbarstaaten eine neue A rt von totalitärer H errschaft etablieren wird. Glücklicherweise haben sich die A rbeiter u nd ihre O rganisationen in den m eisten europäischen Staaten n ich t an den von M arx u nd Engels vorgeschla genen W eg gehalten. V ielm ehr haben sie konsequenter als die bürgerlichen Parteien für den Ausbau der dem okratischen Institu tionen und der Bürger u nd M enschenrechte gekämpft. Vor allem aber waren sie daran interessiert ihre soziale Situation zu verbessern. Die A rbeiter und ihre Gewerkschaften u nd Parteien forderten Löhne, die ein m enschenwürdiges Leben erm öglichten, angemessene A rbeitsbedingungen, bessere Bildungsm öglichkeiten und vieles andere mehr. So sah sich der Reichskanzler des D eutschen Reiches O tto von Bismarck gezwungen, nachdem die Sozialdemokratie un ter der K nute der Sozialisten gesetze n ich t n u r n ich t zerschlagen werden konnte, sondern in der Illegalität an M acht und Einfluss gewann, in den Jahren 1883 bis 1889 eine Kranken-, Renten- und Unfallversicherung einzuführen, die durch die anteilige Finanzie rung von Kapitaleignern u nd A rbeitern noch bis heute richtungsweisend sind. Bismarcks Absicht, die A rbeiter durch diese Zugeständnisse w ieder an den m onarchischen Staat zu binden, misslang allerdings völlig, da die gleichzeitige Verfolgung unter dem Sozialistengesetz deutlich m achte, dass der preußische Staat keineswegs gewillt war, allen seinen Bürgern die gleichen Rechte zu gewähren. Im Laufe der N ovem berrevolution von 1918 w urde in D eutschland der A chtstundentag eingeführt, dessen D urchsetzung schon Jahrzehnte zuvor von der A rbeiterbewegung gefordert w orden war. 1956 begann der D G B eine Kam pagne zur E inführung der 40-Stunden-W oche, die nach und nach im Laufe der 60er und 70er des letzten Jahrhunderts in den Tarifverträgen fest geschrieben wurde. 188 A uf diese Weise erkäm pfte sich die A rbeiterbewegung in D eutschland wie in anderen Ländern Schritt für Schritt soziale Reformen, die es den A rbeitern und ihren Familien, u nd letztendlich allen abhängig Beschäftigten erm öglich te ein Leben in Freiheit und W ürde zu führen. In der Revisionsm usdebatte forderte Eduard Bernstein entgegen der M arxschen Forderung nach einer sozialen Revolution schon um 1900, dass der Kapitalismus allm ählich durch Reform en zu verbessern sei. D em nach betrach tet er die D em okratie n icht n u r als strategisches K am pfm ittel, sondern als zentrales Ziel der Arbeiterbewegung. „Die D em okratie ist M ittel und Zweck zugleich. Sie ist das M ittel zur E rkäm pfung des Sozialismus, und sie ist die Form der Verwirklichung des Sozialismus“. Für die Politik seiner Partei zieht er den Schluss: „U nd die Sozialdemokratie kann dies W erk n ich t besser för dern, als w enn sie sich rückhaltlos, auch in der D oktrin , au f den Boden des allgemeinen W ahlrechts, der D em okratie stellt, m it allen sich daraus für ihre Taktik ergebenden K onsequenzen“ (Bernstein S. 154,156). Für Ralf D ahrendorf ist das Jah rhundert der Sozialdemokratie zu Ende gegangen — nicht unbeding t in dem Sinne, dass Sozialdem okraten über länge re Z eit in der Regierung gestanden hätten, sondern dass sie „ein Jahrhundert lang treibende Kraft der politischen Entw icklung w aren Das Jahrhundert war in seinem Antrieb u nd in seinen besten M öglichkeiten sozialdemokratisch. Als es dem Ziel nahe kam , war es folgerichtig m it der Kraft der Sozialdemo kratie vorbei“ (D ahrendorf S.1022 f). D em nach hätten auch andere Parteien die sozialdem okratische H altung übernom m en, die in der entschiedenen Ver teidigung von Rechtsstaat und D em okratie in V erbindung m it dem E intreten für Benachteiligte und Schwache bestehe. Sollte die soziale Frage tatsächlich gelöst sein? Selbst D ahrendorf konsta tiert eine neue soziale Frage (S.1036). Gerade heute, kurz vor W eihnachten 2014, lese ich in der Berliner Z eitung (17.12.14), dass jeder fünfte Einw ohner D eutschlands von A rm ut oder sozialer Ausgrenzung betroffen sei. „Das waren 2013 ru n d 16,2 M illionen M enschen beziehungsweise 20,3 Prozent der Bevöl kerung teilte das Statistische B undesam t am Dienstag aus der U ntersuchung 'Leben in E uropa ' m it“. Im folgenden w ird sich zeigen, inwieweit sich die soziale Frage erledigt hat, und w enn nicht, ob die Sozialdemokratie in der Lage ist die dam it verbunde nen Problem e anzugehen. 189 D ie A rbeiterbewegung hat vor allem auf soziale Reform en bestanden, und dies m it gutem G rund: W ährend die Bürger selbstverständlich davon ausgin gen, dass sie die materielle Basis ihrer Freiheit, näm lich ihr Vermögen und ihren Besitz schon besaßen oder in naher Z ukunft erwirtschaften w ürden, m ussten sich die A rbeiter die materielle Basis ihrer Freiheit von eben diesen Bürger, den Fabrikbesitzern im besonderen, erst erkäm pfen. Für beide Parteien w ird deutlich, dass Freiheitsrechte nur dann gelebt werden können, w enn ein angemessenes M aß an sozialer A bsicherung gegeben ist. Für die A rbeiter und alle anderen abhängig Beschäftigten ist es daher folgerichtig für angemessene Löhne, m enschenw ürdige Arbeitszeiten, m otivierende A rbeitsbedingungen u nd weitere soziale Rechte einzutreten. Was n icht bedeutet, dass sie sich dar au f beschränken w ürden, aber ohne materielle Basis können Freiheiten nur bedingt gelebt und ausgekostet werden, genauso wenig wie ohne dem okrati schen Staat u nd garantierte Bürger- u nd M enschenrechte. 190 20. Neoliberale Politik - Eine Rolle rückwärts In den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte der W irtschaftswissenschaftler M ilton Friedm an seine angebotsorientierte W irt schaftstheorie. In vielen Veröffentlichungen, vor allem in seinem Bestseller „Kapitalismus und Freiheit“, und in seiner Fernsehserie plädierte er für die Vorzüge des freien M arktes. Er forderte die M inim ierung der Rolle des Staates und beschrieb die N achteile staatlicher Eingriffe. Insbesondere der Sozialstaat war ihm ein D orn im Auge. Im Z en trum seiner Ü berlegungen stand die Frei heit des Einzelnen, die für den freien M arkt konstituierend sei. D em nach seien staatliche Eingriffe n ich t n u r von N achteil für den freien M arkt, sondern sie schränkten auch die Freiheit der Individuen ein. M ilton gilt als „Wegbereiter und M eisterdenker des neoliberalen Projekts“ (W ikipedia M ilton Friedm an 8.10.14). Friedm an lehrte an der Universität von Chicago u nd war dort M entor einer G ruppe von chilenischen W irtschaftswissenschaftlern, die später un ter dem N am en Chicago Boys Furore m achten. N ach dem M ilitärputsch Pinochets 1973 bestim m ten sie die W irtschaftspolitik Chiles, die au f den Ideen Fried m ans aufbaute. Für die M enschen Chiles war diese Politik eine Katastrophe: Bis au f die K upferm inen w urden nahezu alle Staatsunternehm en privatisiert, selbst das Renten- u nd Gesundheitssystem; höhere Schulen u nd Universitäten w urden an private Investoren verkauft. Viele einheim ische Betriebe konnten m it der internationalen K onkurrenz n icht m ithalten, m ussten schließen und die M itarbeiter entlassen. Die Arbeitslosigkeit stieg au f über 30 Prozent. D a auch die Preise liberalisiert w urden, stieg die Inflationsrate im Jahr 1977 au f knapp 600 Prozent. Viele Banken konn ten ihre V erbindlichkeiten nicht m ehr bedienen und standen vor dem Bankrott, so dass sich die Regierung unter Pinochet gezwungen sah, sie m it M illiarden K rediten zu retten. So w ur den 14 von 26 landesweit operierenden Banken de facto verstaatlicht, was so gar n ich t in das neoliberale Konzept passte. M illionen von Chilenen versanken in A rm ut, u nd am Ende der D ik ta tu r Pinochets 1990 lag die A rm utsquote bei 44 Prozent. 191 D ie für die große M ehrheit der C hilenen brutalen w irtschaftspolitischen M aßnahm en konn ten n u r durchgeführt werden, weil der Staat unter P ino chet m it Terror und Gewalt agierte. So w urden noch w ährend des Putsches politische Gegner im N ationalstadion von Santiago zusam m engetrieben, gefoltert oder getötet. W ährend der D iktatur w urden ru n d 4000 M enschen aus politischen G ründen erm ordet, ru n d 1000 davon verschwanden spurlos. Eine besonders infame M ethode südam erikanischer D iktatoren bestand darin politische Gegner zu foltern, zu töten, um sie dann über dem M eer aus dem H ubschrauber zu werfen. A uf diese Weise sind viele M enschen verschw un den, so dass bis heute — außer den M ördern — niem and weiß, was m it ihnen passiert ist. N ach dem Putsch flohen Tausende C hilenen ins Ausland, über eine M illion w anderte w ährend der M ilitärdik tatur aus Chile aus (W ikipedia Geschichte Chiles 16.10.14) Als M ilton Friedm an 1975 Chile besuchte u nd Pinochet traf, hatte er für die von staatlichem Terror u nd neoliberalen W irtschaftsm aßnahm en gebeu telten C hilenen kein W ort übrig. Später sprach er über die Tatsache, dass eine M ilitärdik tatur eine (neo)liberale M arktw irtschaft einführte, von dem „W un der von C hile“. In der späteren Entw icklung Chiles zur D em okratie sah er seine Ü berzeugung bestätigt, dass „freie M ärkte eine freie Gesellschaft hervor bringen“ (W ikipedia M ilton Friedm an 8.10.14). Letzteres stellt n u n eine geradezu groteske V erdrehung der Tatsachen dar: Dem okratische Rechte werden von M enschen erkäm pft u nd keineswegs von M ärkten hervorgebracht. M ir ist kein Beispiel in der Geschichte bekannt, wo n icht M enschen, oft un ter hohen Risiken u nd dem Verlust von Vermögen, G esundheit oder Leben für dem okratische Rechte und Freiheiten eingestan den wären. M ärkte funktionieren in D em okratien u nd in D iktaturen , ohne dass sich daraus ein D rang zu m ehr Freiheiten ergäbe. Im übrigen ist die Frage, wo der ideale M arkt, der Friedm an vorschwebt, überhaupt existiert. M ein t er den W eltm arkt, der von den großen Konzernen dom iniert wird, nationale M ärkte oder den G em üsem arkt um die Ecke? Im Jahr 1979 gewann die konservative Partei un ter M argaret Thatcher die W ahlen in G roßbritannien. Als Eiserne Lady verfolgte sie in der W irtschafts politik vor allem das Ziel den Einfluss des Staates au f die W irtschaft zurück zudrängen. Viele Staatsunternehm en wie Britisch Telecom, Britisch Petroleum, Britisch Airways, lokale U nternehm en der Trinkwasserversorgung und Elektri 192 zitätsunternehm en w urden privatisiert. Als 1984/85 die Bergarbeiter gegen die Schließung und Privatisierung ihrer Zechen streikten, blieb M argaret Thatcher hart. N ach einem Jahr m ussten die Bergarbeiter aufgeben, weil die Streikgelder aufgebraucht waren. Die Eiserne Lady hatte gew onnen u nd der Einfluss der Gewerkschaften war über Jahrzehnte drastisch beschnitten. Eine ähnliche W irtschaftspolitik betrieb Ronald Reagan in den USA, als er 1981 an der Spitze der Republikanischen Partei zum Präsidenten gewählt w orden war. Er senkte die E inkom m enssteuer um 30 Prozent und erleichterte A bschreibungen für die Industrie. W ährend Sozialprogramm e rigoros zusam m engestrichen w urden, stiegen die Ausgaben für R üstung enorm , so dass am Ende seiner Amtszeit, 1989, die Staatsverschuldung um 180 Prozent au f 2,6 Billionen D ollar gestiegen war (W ikipedia Ronald Reagan 16.10.14). Ebenfalls zu Beginn der 80er Jahre läutete die damalige FD P den Beginn einer neoliberalen W irtschaftspolitik in D eutschland ein. U nter dem sperrigen T itel „Konzept für eine Politik zur Ü berw indung der W achstum sschwäche und zur Bekäm pfung der Arbeitslosigkeit“ forderte der damalige W irtschaftsm inis ter G raf Lam bsdorff eine „m arktwirtschaftliche Politik“, die im Kern darauf h inauslief die sozialen Sicherungssysteme zu „reform ieren“, was nichts anderes bedeutete als sie radikal zurückzuschneiden, u nd die Situation für die Kapi talseite, die Investitionsbedingungen, zu verbessern. C hristoph Butterwegge nann te das Lambsdorff-Papier, wie es dann kurz u nd bünd ig genannt wurde, ein D rehbuch für den Sozialabbau. W ährend der W irtschaftskrise 1980 bis 1982 konn ten sich die beiden Regierungsparteien SPD und FD P n ich t über Tempo und Tiefe der sozia len E inschnitte einigen, so dass die FD P un ter G enscher nach einem neuen K oalitionspartner Ausschau hielt. Also w urde SPD — Kanzler Schm idt durch ein Konstruktives M isstrauensvotum gestürzt u nd H elm ut Kohl zum Bundes kanzler einer C D U /C S U /F D P - Koalition gewählt. Entgegen den Absichten der FD P — Führung w urden un ter der Regierung Kohl wenig substantielle E inschnitte in das soziale N etz vorgenom m en. Paradoxerweise w urden erst un ter Kanzler Schröder, Regierungschef der ersten ro t-grünen Koalition auf Bundesebene, M aßnahm en durchgesetzt, die weit über das Lambsdorff-Papier hinausgingen. M it dem „R eform paket“ H arz IV w urde ab 2003 die Arbeitslosenhilfe völlig abgeschafft und durch ein auf Sozialhilfe-Niveau abgesenktes Arbeitslosengeld II ersetzt. D er K ündigungs 193 schutz w urde gelockert, Leistungen der K ranken- und Rentenversicherung drastisch beschnitten. D er Spitzensteuersatz w urde von 53 auf 42 Prozent gesenkt. Zwar waren in dem Paket auch positive M aßnahm en wie die Förderung des M ittelstandes enthalten, aber insgesamt waren die Folgen dieser Politik verheerend: Es entstand, durchaus gewollt, ein großer A nteil prekär Beschäf tigter, gezeichnet von Leiharbeit, M inijobs, befristeten Arbeitsverhältnissen, unbezahlten Praktikum splätzen und verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit. N ach dem Bericht des Paritätischen W ohlfahrtsverbandes stieg die A rm utsquote in D eutschland, die Personen m it weniger als 60 Prozent des m ittleren E inkom m ens erfasst, 2013 au f 15,2 Prozent, das sind ru n d 12 M illionen M enschen, darun ter 2,5 M illionen Kinder. „D eutschland war noch nie so gespalten wie heu te“, lautete das Resümee (Berl. Z eitung 25.4.14). M an könnte also durchaus sagen, dass die prekär Beschäftigten den Auf schw ung der Jahre 2005 bis 2008 zum großen Teil finanziert haben. Vor allem erwerbslose M enschen, G eringverdiener und alleinerziehende M ütter leben an oder un ter der Arm utsgrenze, auch viele Selbstständige sind betroffen. In D eutschland wächst jedes sechste K ind in A rm ut auf und muss von H arz IV leben. Für die SPD waren die Folgen fatal, die W ähler liefen in Scharen davon, denn der A ngriff dieser A rt von Reform en auf Solidarität u nd soziale G erech tigkeit zerstörten den Identitätskern, die Seele der Partei. O b es um staatliche Sparpolitik ging, in deren Rahm en vor allem Leis tungen für den Bürger zusam m engestrichen w urden, und die der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin au f die lustige Form el „sparen bis es quietscht“ brachte, oder um einzelne Regionen wie K atalonien in Spanien oder Padanien in Italien handelt, die ihren R eichtum n ich t m it den ärm eren Regionen ihres Landes teilen wollen, Egoismen und Entsolidarisierung griffen um sich. D ie Käufer balgten sich um Schnäppchen u nd begaben sich au f die Suche nach den billigsten A ngeboten. D er W erbeslogan „Geiz ist geil“ gab die Z ielsetzung vor. Jeder könnte reich werden, w enn er es n u r geschickt anstellte, u nd m it G eld schien alles machbar. Das neoliberale G edankengut sickerte wie süßes G ift in alle Poren der Gesellschaft. Ich b in m ir bis heute n icht sicher, ob es sich bei dem neoliberalen Projekt um ein gigantisches U m verteilungskom plott handelt, un ter dem Vorwand der 194 G lobalisierung und der dam it einhergehenden internationalen Konkurrenz, argum entativ unterlegt vom Gros der W irtschaftswissenschaftler, betrieben von der W irtschaft, den Banken und ihren Institu tionen, lautstark unterm alt von den großen M edien, oder um eine A rt kollektiven Egowahn, der die M enschen zeitweise wie eine W intergrippe befällt. So, als m üssten sie sich ver gewissern, dass gesellschaftlich praktizierte Solidarität doch unverzichtbar ist. Pierre Bourdieu weist in der taz (4 ./5 .12 .99) schon sehr früh darauf hin, dass es sich bei der neoliberalen Ideologie um einen sozialphilosophischen Ansatz handelt, der au f der alten calvinistischen Vorstellung fußt, dass G ott denen helfe, die sich selbst helfen. D em nach ist jedes Individuum selbst und ausschließlich für sein G lück verantw ortlich. Bourdieu sieht in dieser radika len Auffassung die G rundlagen der europäischen K ultur untergraben, in der Solidarität und sozialer Z usam m enhalt eine zentrale Rolle spielen bzw. gespielt haben. D er W irtschaftswissenschaftler R udolf H ickel hält den Neoliberalis m us für den größten Irrtum in der Geschichte des ökonom ischen D enkens und plädiert für einen starken Staat, der den Finanzsektor durch harte Regu lierungen auf ein vernünftiges M aß reduziert u nd die großen Konzerne an die Leine n im m t (Tagesspiegel 23.10.11). N u n hielt sich auch die w irtschaftliche Realität leider n ich t an die neolibe ralen Vorgaben: W ährend der Krise der N ew Econom y ab M ärz 2000 verloren der D ax m ehr als die H älfte seines W ertes und viele Kleinanleger ihr Ver m ögen. U nd als die Spekulationsblase au f dem am erikanischen Im m obilien m arkt platzte, als die alt eingesessene am erikanische Investm ent-Bank Lehm an Brothers Konkurs anm eldete, geriet das Bankensystem weltweit ins W anken. Die Lehm an-Pleite war der (erste) H erzinfarkt der Finanzwelt. Zahlreiche Banken weltweit m ussten durch Verstaatlichung oder andere M aßnahm en gerettet werden, was nichts anderes bedeutete, als dass der Steuerzahler für die abenteuerlichen Spekulationen der Banken und der weltweit agierenden Fonds gerade stehen musste. Die Schockwellen der Krise waren so heftig, dass sogar bürgerliche und konservative Publizisten vom G lauben abfielen. So fragt sich Frank Schirrmacher, ob die Linke m it ihrer K ritik n ich t doch Recht hatte u nd zitiert den erzkonservativen Charles M oore, der im Daily Telegraph schreibt: „Die Stärke der Analyse der L inken liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die M äch tigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnum hang bedient haben, um 195 sich ihre Vorteile zu sichern. G lobalisierung zum Beispiel sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier H andel. Jetzt heiß t es, dass Ban ken die G ew inne internationalen Erfolgs an sich reißen u nd die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder N ation verteilen. Die Banken kom m en n u r noch nach Hause, w enn sie kein G eld m ehr haben. D ann geben unsere Regierungen ihnen neues“ (blz 10.2011). U nd Schirrm acher fährt fort: “Es war ja n icht so, dass der Neoliberalism us wie eine Gehirnwäsche über die Gesellschaft kam. Er bediente sich im im aginativen D epot des bürgerlichen Denkens: Freiheit, A utonom ie, Selbstbestim m ung bei gleichzeitiger A chtung von individuellen W erten, die C hance zu werden, wie m an w erden will, bei gleichzeitiger Z äh m ung des Staates und seiner A llm acht“. W ie auch im m er m an das neoliberale Projekt beurteilen mag, es hat dazu geführt, das weltweit wenig Reiche im m er reicher werden, dass große Teile der Bevölkerung verarm en und dass die M ittelschichten n ich t m ehr sicher sein können ihren sozialen und w irtschaftlichen Status zu halten. Es hat zu der absurden Situation geführt, dass unzählige M illiarden Euros und Dollars an Privatverm ögen um den Erdball rasen und nach profitablen und sicheren Anlagem öglichkeiten suchen, w ährend Staaten u nd K om m unen n ich t m ehr genug M ittel haben, um Schw im m bäder u nd Theater zu finanzieren oder Straßen und Brücken instand zu halten. U m vom Bildungssystem gar nicht zu reden. A ngeblich muss doch der Staatshaushalt saniert u nd eisern gespart werden. Das neoliberale Projekt hat krachend Schiffbruch erlitten. Dass es auch anders geht, kann m an überraschender Weise von den USA lernen: Als nach dem Schwarzen Freitag die N ew Yorker Börse zusam m en brach und eine Arbeitslosigkeit von 25 Prozent folgte, stand der demokratische Präsident Roosevelt vor der Frage, wie der die gewaltigen K onjunkturprogram me des N ew Deal finanzieren sollte. N ach seinem A m tsan tritt 1933 erhöhte er den Spitzensteuersatz von 24 auf 79! Prozent. U nter dem nachfolgenden republikanischen Präsidenten Eisenhower stieg er sogar au f 91 Prozent. Die Besteuerung der U nternehm en w urde von knapp 14 im Jahr 1933 au f m ehr als 45 Prozent im Jahr 1955 erhöht. Die Erbschaftssteuer stieg von 20 auf 77 Prozent (vgl. H errm ann S.179 ff). Innerhalb von wenigen Jahren veränderte die Steuerpolitik Roosevelts die am erikanische Gesellschaft. D ie unterschiedlichen E inkom m en w urden 196 nich t aufgehoben, aber angeglichen, so dass am Ende fast jeder der M ittel schicht angehörte. Insgesamt profitierten alle, denn w ährend des N ew Deal verzeichnete die am erikanische W irtschaft die stärksten W achstum sraten ihrer Geschichte. Die pragm atische und unideologische Politik der A m erikaner ab den 30er Jahren über fast ein halbes Jah rhundert m acht deutlich, wie wichtig ein starker Staat ist, der dafür sorgt, dass alle Schichten am gesellschaftlichen W ohlstand teilhaben. Er kann wirtschaftliche Krisen u nd dam it einhergehen de Arbeitslosigkeit besser abfedern u nd durch K onjunkturprogram m e gegen steuern. Es geht jedoch n icht n u r um gerechtere Verteilung im m ateriellen Sinne. M enschen in Gesellschaften m it großer sozialer U ngleichheit erleben oft Unsi cherheiten bezüglich A rbeitsplatz u nd E inkom m en, K onkurrenz, Entsolidarisierung u nd generelle Ängste, was ihre Lebensperspektive betrifft. Sie verlieren das V ertrauen in sich selbst und in ihr soziales Umfeld; die G rundlagen des gesellschaftlichen Z usam m enhalts steht in Frage. Es dom inieren Gefühle der Scham wie M inderw ertigkeit, Inkom petenz, Ausgeliefertsein u nd U nsicher heit. In ihrer um fangreichen Studie „Gleichheit ist G lück“ vergleichen Richard W ilkinson u nd Kate Pickett 23 Industriestaaten u nd deren A usm aß an Ungleichheit. A m oberen Ende der Skala stehen Japan und einige nordeuro päische Staaten; in Portugal, USA und Singapur ist die U ngleichheit am stärks ten ausgeprägt. Die beiden kom m en zu dem eindeutigen Ergebnis, dass viele soziale Pro bleme wie D rogenkonsum , Fettleibigkeit, schlechte schulische Leistungen oder Gewalt und K rim inalität signifikant häufiger in Ländern vorkom m en, in denen die E inkom m en weit auseinander driften. D er T itel des Buches „Gleich heit ist G lück“ ist vielleicht etwas zu optim istisch, denn auch eine gerechte Gesellschaft kann kein G lück garantieren. Aber eine gerechtere Gesellschaft, in der alle gesellschaftlichen G ruppen m itgenom m en werden, ist zum indest eine zentrale Voraussetzung, dam it alle M enschen ihre Potentiale realisieren können. D enn G lück heißt ja letztendlich nichts anderes, als dass M enschen au f einer gesicherten m ateriellen Basis ihren Freiheitsraum gestalten, ihre Ziele und Träume leben können. Dass sie in Stolz leben können. Es geht doch n ich t um eine soziale Gleichm acherei, da sind schon Eigen tum sverhältnisse u nd kapitalistische W irtschaftsstruktur vor. Aber w enn 197 M enschen m it hoher Selbstachtung für gesellschaftlichen Zusam m enhalt und wirtschaftliche Entw icklung stehen, dann profitieren letztlich alle davon, auch die oberen Zehntausend. A uch in einer anderen H insicht geht es um m ehr als Steuergerechtigkeit. In einer Studie haben Forscher der Eidgenössischen Technischen H ochschule Z ürich nachgewiesen, dass gerade mal 147 Firm en große Teile der W eltw irt schaft kontrollieren. „147 Firm en kontrollieren die W elt“, so lautete eine Schlagzeile der Berliner Z eitung vom 25.10.2011. Die großen Konzerne haben Kapitalumsätze, die über dem Staatshaushalt vieler N ationalstaaten liegen. Ihre Entscheidungen finden h in ter verschlossenen Türen statt, und welchen politischen Einfluss sie wo und wie ausüben, kann m an nur erahnen. Die genannten 147 Firm en, die weniger als 1 Prozent der internationalen U nternehm en ausm achen, kontrollieren über Beteiligungen 40 Prozent der 43 000 untersuchten internationalen U nternehm en. Im Kreis der 50 m äch tigsten Konzerne bewegen sich fast n u r Banken, Fondgesellschaften und Versicherungen, allen voran das britische Finanzunternehm en Barclays. Die M itglieder dieser G ruppe kontrollieren sich gegenseitig über ein kompliziertes Geflecht wechselseitiger Beteiligungen und sind abgeschottet gegen Einflüsse von außen. Sie bilden Staaten im Staat, die jeder dem okratischen Kontrolle entzogen sind. A ufgrund ihrer Größe, ihrer Verflechtungen u nd ihres in ter nationalen A ktionsradius haben die N ationalstaaten so gut wie keine M öglich keiten Einfluss geltend zu machen. W ie ist das möglich? Sollte n ich t das Volk der Souverän sein, der die g rund legenden Entscheidungen fällt? U nd sollte n icht die Politik in diesem Sinne agieren? O ffensichtlich w ird es notw endig die großen Konzerne einer dem okra tischen Kontrolle zu unterw erfen. O ffensichtlich m üssen die großen m u lti nationalen U nternehm en in einer ähnlichen A rt u nd Weise zivilisiert und dem okratisiert werden wie der Staat einige Jahrhunderte zuvor durch Gewal tenteilung, allgemeine W ahlen und garantierte M enschenrechte. D afür ist es notw endig die grundlegenden Entscheidungen öffentlich zur Diskussion zu stellen und eine dem okratische S truk tur zu etablieren, die eine produktive Z usam m enarbeit der Kapitalseite, der Beschäftigten und der öffentlichen H an d erm öglichen. In besonderer Weise gilt dies für den Finanzsektor. U m zu verhindern, dass kom m ende Krisen die gesamte Finanzwelt u nd m öglicher 198 weise ganze Volkswirtschaften destabilisieren, m üssen die F inanzinstitute auf ihre dienende Funktion zurückgesetzt u nd durch strenge politische Vorgaben reguliert werden (vgl. Hickel, Tagesspiegel 23.10.2011). In einem weitaus größeren M aß gilt dies auch für den gesam ten Bereich des Internets, der großen In ternetfirm en und der G eheim dienste. A uch w enn m an die digitale Revolution als eines der w ichtigen Ereignisse nach dem Zweiten W eltkrieg einstuft, das unser gesellschaftliches Leben grundlegend verändert hat u nd im m er noch verändert, so ist doch n ich t zu übersehen, dass das In ter net zu einem Tum m elplatz von Geheim diensten, Werbefuzzis, anonym en H etzern u nd krim inellen W egelagerern zu verkom m en droht, die uns m it ihren Spams, Trojanern, W ürm ern u nd anderen G em einheiten traktieren. M it dankensw erter O ffenheit hat der C h ef von Facebook M ark Zuckerberg verkündet, dass das Zeitalter der Privatheit vorbei sei und hat dam it wesent liche M enschenrechte gleich m it entsorgt. A nscheinend leben wir in einer Zeit, in der m ächtige Firmenbosse im Interesse ihres Profits über die G ültigkeit von Bürger- und M enschenrechten entscheiden können. Es w ird Z eit deutlich zu m achen, dass für die Bürger- und M enschenrechte w ieder gefochten werden muss. Es w ird Z eit deutlich zu m achen, dass auch im In ternet die G ru n d rechte V orrang vor allem anderen haben, dass Geheim dienste und die großen Internetfirm en einer dem okratischen Kontrolle unterw orfen werden müssen. A bschließend m öchte ich noch einm al au f die Ö kologiedebatte eingehen und im besonderen darauf hinweisen, wie w ichtig es ist, das von den Verein ten N ationen vorgegebene Ziel zu erreichen, näm lich den von uns M enschen verursachten Tem peraturanstieg au f zwei G rad zu begrenzen. D azu ist es n o t w endig bis zur M itte des Jahrhunderts die Em issionen um 40 bis 70 Prozent unter den aktuellen W ert zu senken. A nsonsten wären nach den Aussagen des W eltklim arats IP C C schwerwiegende und unum kehrbare V eränderungen auf der Erde zu erwarten. Für Europa bedeutete dies unter anderem Überschw em m ungen, Trockenheit u nd der Anstieg des Meeresspiegels um m ehr als einen halben Meter. Bei einem Anstieg um vier G rad wäre das Risiko kaum noch beherrschbar (Berliner Z eitung 3 .11.2014). W enn w ir diese Ziele erreichen wollen, m uss neben dem Ausstieg aus der Atom energie auch der Verzicht au f die V erstrom ung von Braunkohle und Steinkohle angegangen werden. Die Energiewende zu erneuerbaren Energien steht au f der Tagesordnung und m uss zielstrebig fortgeführt werden. 199 D ie gute N achricht ist, das sich K lim aschutz und W irtschaftsw achstum n icht ausschließen: ein internationales Expertenteam unter dem früheren mexikanischen Präsidenten Felipe C alderon kom m t zu folgendem Ergebnis: „W enn die Politik klug und entschieden handele, könn ten sich W achstum u nd Klim aschutz sogar gegenseitig befördern. U nd zwar n icht erst in ferner Z ukunft, sondern bereits sehr kurzfristig“ (Berl. Z eitung 18.5.2014). In ter essanterweise sitzt in dem G rem ium auch Ingrid Bonde, die Finanzchefin des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, der m it seinen Braunkohlekraftw er ken zu den größten U m w eltsündern in Europa gehört. 200

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References

Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.