1. Eine alte Frage in:

Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?, page 5 - 8

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172-5

Tectum, Baden-Baden
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1. EinealteFrage „D ann sagte G ott: ‘N u n wollen wir den M enschen m achen, ein Wesen, das uns ähnlich ist!‘ ... G o tt schuf den M enschen nach seinem Bild, er schuf M ann u nd Frau“ (Genesis 1). N ach dem Selbstverständnis des C hristen tum s ist der M ensch zwar ein von G o tt Geschaffener, u nd es scheint dam it ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Schöpfer u nd G eschöpf aufgetan (vgl. Störig 1 1978, S. 215 ff). Entsprechend ist das Verhältnis zwischen dem M enschen und seinem Schöpfer konstituierend für die m enschliche Existenz. D ennoch bleibt auch festzuhalten, dass G o tt den M enschen nach seinem Bild geschaffen habe: Ein Wesen, das G o tt ähnlich ist. Erstaunlich ist allerdings, wie im A lten Testam ent der G o tt Israels von „seinen K indern“ in schöner Regelm äßigkeit verlangt, alle Feinde, wobei w ohl gem erkt die Stäm m e Israels die Invasoren sind, n icht einfach n u r zu besiegen. N ein, Frauen und K inder m üssen au f seinen Befehl h in abgeschlachtet werden. Sind diese M enschen n ich t auch von ihm , G ott, geschaffen, also gottähnlich? D em gegenüber definiert Aristoteles den M enschen als Z oon Politikon, als politisches Lebewesen, das sich n u r in der Gem einschaft m it seinesgleichen angemessen entwickeln kann (Störig 1, S. 186) . Im Gegensatz zu A lten Testa m en t legt Aristoteles den größten W ert au f die B estim m ung des M enschen als politisches u nd soziales Wesen, was n ich t verw underlich ist, da sein Ideal des m enschlichen Zusam m enlebens die D em okratie des athenischen Stadtstaates war. D am it w ird auch schon der blinde Fleck des M enschenbildes von A risto teles deutlich, denn die athenische D em okratie w ird von den freien M ännern A thens getragen. Für Sklaven, Unfreie u nd Frauen war die Beteiligung am dem okratischen Staatswesen n icht vorgesehen. Für die Gesellschaft des M ittelalters war der M ensch durch u nd durch sündig. Er lebt verkehrt und ist unruhig. „D u hast uns zu dir h in geschaffen und unser H erz ist unruhig, bis es ruhe in d ir“ (Augustinus, zit. nach Weischedel, S. 80). U rsprünglich sei der M ensch zwar als ein gutes W esen geschaffen worden, aber durch die Sünde Adams gegen die W eisung G ottes vom Baum der Erkenntnis zu essen, von G rund auf verderbt. Augustinus vertritt die pau linische Lehre von der Erbsünde, durch die der M ensch geschlagen sei und von der er n u r durch ein gottesfürchtiges Leben errettet werden kann (S. 81). 5 Z u einem ähnlichen Ergebnis, w enn auch ohne Bezug zu Religion, kom m t Thom as Hobbes, w enn er form uliert, ein W olf sei der M ensch dem M enschen (hom o hom ini lupus). Zwar relativiert er seine These dahingehend, dass die M enschen einen Staat schufen um Rechtschutz und Sicherheit zu finden. D och von N atu r aus sei der M ensch ein Egoist u nd strebe n u r danach seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Es herrsche daher ein „Krieg aller gegen alle“ (Störig 1, S. 298). N u r ein starker Staat verm ag die Egoismen zu zügeln u nd alle dem gleichen Recht unterzuordnen. Es bleibt dabei: Für Thomas H obbes ist die W olfsnatur des M enschen A usgangspunkt seiner Ü berlegungen, wobei die Vergleiche m it dem Tierreich bestim m te Fähigkeiten des M enschen eher verharm losen, wie noch zu zeigen sein wird. In der klassischen deutschen Philosophie von K ant bis Hegel steht der Begriff der V ernunft im Z en trum der neuen bürgerlichen W eltanschauung. V ernunft w ird dabei als das kritische Vermögen des M enschen definiert sich von alten, überkom m enen und n ich t legitim ierten Vorstellungen u nd A utori täten zu befreien. V ernunft w ird realisiert durch Aufklärung. „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus einer selbstverschul deten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das U nverm ögen, sich seines Ver standes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese U nm ündigkeit, w enn die Ursache derselben n ich t am M angel des Verstandes, sondern der Entschließung und des M utes liegt sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! H abe M ut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der W ahlspruch der A ufklärung“ (Kant S. 1) In seinem kurzen Abriss führt K ant weiter aus: „Zu dieser A ufklärung aber w ird nichts erfordert als Freiheit; u nd zwar die unschädlichste un ter allem, was nur Freiheit heißen mag, näm lich die: von seiner V ernunft in allen S tü cken öffentlichen Gebrauch zu m achen.“ (S. 2) Für K ant gehört es unabding bar zur m enschlichen N atur, Erkenntnisse zu erweitern, sie von Irrtüm ern zu reinigen und „überhaupt in der A ufklärung w eiterzuschreiten“. A uf sie zu ver zichten, hieße „die heiligen Rechte der M enschheit verletzen und m it Füßen treten (S. 6). Als das zentrale Verm ögen des M enschen zählt die V ernunft, wobei an die ser zweifellos w ichtigen B estim m ung vieles offen bleibt: U nter anderem die Frage, wieso sie gerade zu dem genannten Z eitpunk t in Erscheinung tritt und wo sie in der Z eit zuvor geblieben war. H aben die M enschen in den Jahrtau- 6 senden zuvor alle gegen die V ernunft oder möglicherweise ohne Bewusstsein ihrer V ernunft gelebt? W ie auch imm er: H alten w ir hier fest: D er M ensch soll m it V ernunft begabt sein. Die A ntw ort ließ n ich t lange au f sich w erten. Nachfolgende Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche beschäftigen sich m ehr m it dem Komplex der Gefühle. Einige Jahrzehnte später tra t Freud au f den Plan. Er prägte unser Verständnis des M enschen bis heute. Für Sigm und Freud ist der M ensch ein sexbesessener M aniac. D a der W unsch nach sexueller Befriedigung so stark sei, stellten die M enschen den W unsch nach genitaler Befriedigung in den M itte lpunk t ihres Lebens und betrachteten alle anderen M enschen und die gesamte äußere U m w elt als M it tel zum Zweck. Freud sieht im M enschen eine „wilde Bestie, der die Schonung der eigenen A rt frem d ist“ (Freud G W 14, S. 471). Diese wenigen, m ehr oder weniger zufällig ausgewählten Beispiele zeigen, wie unterschiedlich der M ensch gesehen werden kann: Von zutiefst böse bis grundlegend gut, schw ankend zwischen vernunftgeleitetem H andeln und finsterem, triebbestim m ten Verhalten; von tierischer N atu r bis gottähnlicher Bestim m theit ist alles drin. Was nun? K ann m an sich für eine Version entscheiden u nd die anderen vergessen, ohne dass wichtige Bestim m ungen un ter den Tisch fallen? O der gibt es, bzw. m uss es eine D efin ition der m enschlichen N atu r geben, die alle Aspekte umfasst? D arum w ird es im folgenden gehen. 7

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Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.