Teil II. Woher kommen wir? in:

Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?, page 41 - 80

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172-41

Tectum, Baden-Baden
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T eil II. Wo h e r kommen w ir? 6. Soziale Egoisten - Leben in der Gruppe Überblickt m an die m enschliche Geschichte, so lässt sich ein Prozess zuneh m ender Vergesellschaftung n ich t übersehen. Vor der E ntstehung erster D örfer über das Z usam m en W achsen in Stäm m en, der Entstehung erster Staaten in Ägypten und M esopotam ien, der Entw icklung m oderner N ationalstaaten bis h in zu den aktuellen Schüben der G lobalisierung scheint dieser Prozess stetig zunehm end, unaufhaltsam u nd unum kehrbar zu verlaufen, quasi naturw üch sig. Selbst gegenläufige Geschehnisse wie Epidem ien u nd N aturkatastrophen, Kriege u nd Völkermordexzesse konn ten diese Entw icklung lediglich verlang sam en oder zeitweilig aufhalten. D och nach jeder K atastrophe haben die M enschen sich wieder aufgerich tet — und es ging weiter: m it dem Leben und m it der Vergesellschaftung. Paral lel dazu verlief eine konträre Entwicklung: Die einzelnen M enschen, die Ind i viduen haben sich im m er m ehr Rechte und Freiheiten genom m en, erkäm pft und bekom m en. Zwar verlief diese Entw icklung sehr unterschiedlich, und es gab lange Phasen in der Geschichte, w ährend derer großen M enschengruppen die m eisten Rechte abgesprochen w urden, wie z. B. den Sklaven in den großen Sklavenhaltergesellschaften oder den Bauern in langen Phasen des europäi schen M ittelalters. Aber m it Beginn der Renaissance in den italienischen Stadtstaaten, m it den A uswirkungen des Protestantism us in w eiten Teilen Europas erhielt dieser Prozess einen ungeahnten Schub und die Entw icklung zu m ehr individueller Selbständigkeit scheint unaufhaltsam . D och individuelle Freiheiten haben n icht n u r positive Seiten. Politisch und wirtschaftlich M ächtige haben ihre M öglichkeiten im m er auch zu ihren G uns ten genutzt und teilweise egomanische Exzesse zelebriert. Derzeit lässt sich dies an der H altung der großen Bänker im Zuge der neoliberalen Entw icklung beobachten: N ich t zufällig haben sich die H erren — D am en waren au f diesen höheren Etagen eh kaum vertreten — als „masters o f universe“ gesehen. G eht es noch größenwahnsinniger? W enn sie auch durch die Bankenkrise im Jahre 2008 ziem lich kleinlaut w urden, zeigt dies Beispiel, in welche egozentrische D im ensionen sich Ind i viduen versteigen können, w enn gesellschaftliche Regelm echanism en fehlen. 43 D a beide D im ensionen, gesellschaftliche wie individuelle, m an kann auch von sozialen und egoistischen sprechen, in allen Individuen angelegt scheinen u nd im Laufe des Lebens unterschiedlich ausgeprägt werden, die Gewichte sich m al auf die eine, mal auf die andere Seite neigen, entzünden sich an den unterschiedlichsten Anlässen im m er w ieder ähnliche D iskussionen, die sich in der Regel au f die Frage zuspitzen: Ist der M ensch Egoist oder soziales Wesen, A nton Schlecker oder M utter Teresa? U m der A ntw ort au f diese Frage näher zu kom m en, begeben w ir uns jetzt einige hunderttausend Jahre zurück in die Geschichte und schauen uns die M enschw erdung an. M enschen sind Egoisten, keine Frage. W ie alle anderen Lebewesen au f unse rem Planeten unterliegen w ir dem Prinzip Eigennutz: das eigene Überleben hat Priorität, w enn nötig auch au f Kosten anderer (vgl. W ickler, Seibt 1991). Ein Krankheitskeim nistet sich ein ohne Rücksicht darauf, wie es dem W irt ergeht. G nus ziehen dem wachsenden Gras h in terher ohne zu fragen, ob es je wieder nachwachsen wird. Löwen schlagen einen jungen Büffel ohne zu bedenken, dass er erst einige Tage alt ist. Individuen einer Spezies, die n icht zuerst an das eigene Ü berleben denken, hätten n ich t eine G eneration überlebt. Selbst das Einfühlungsverm ögen, also die Fähigkeit zu verstehen, wie andere Lebewesen reagieren, ist un ter dem Aspekt des Eigennutzes entstanden. N u r w enn der Löwe weiß, dass das Büffel kalb noch neugierig, naiv und unbeholfen ist, u nd dass er es von seiner M utter trennen muss, kann seine Jagd erfolgreich sein. Aus eben diesem G rund, wegen der m achtvollen W irkung des Eigennutzes leben die m eisten Lebewesen allein u nd treffen sich n u r zeitweise zu Paarung oder leben als K inder bei der M utter bis sie erwachsen sind, um sich dann von ihr zu trennen. O ffensichtlich ist das Prinzip Eigennutz sehr erfolgreich, bzw. sogar so erfolgreich, dass keine andere Kraft dagegen bestehen kann. D ennoch haben sich im Laufe der Evolution im m er w ieder G ruppen bei den verschiedens ten T ierarten entwickelt, was eigentlich dem Prinzip Eigennutz w iderspricht, denn w enn alle Individuen stur ihre eigenen Interessen verfolgen, w ird jede G ruppe im N u auseinandergesprengt. (D ie Insekten u nd vor allem solche m it hoch entwickelten G em einschaften, wie Ameisen u nd Bienen lasse ich hier mal außen vor.) 44 Die einfachste Form der G ruppe ist ein Zusam m enleben aus Schutz vor Fressfeinden wie bei den eben genannten G nus, die in riesigen H erden um her ziehen, aber sonst n ich t viel m iteinander zu tun haben. Eine G num utter küm m ert sich n u r um ihr eigenes Kalb und weist frem de ab. Ein Kalb, das sich w ährend einer F lucht verirrt oder in der riesigen H erde seine M utter nicht findet, hat schlechte Karten. Ab und an gibt es Streitereien zwischen einzelnen Bullen, w enn es darum geht, ein attraktives W eibchen zu erobern. M it letzterem Hinweis w ird deutliche, w arum es für Lebewesen ziemlich schwierig ist, eine G ruppe zu bilden. Eine differenzierte G ruppe, aus der wir M enschen schließlich entstanden sind, muss viele und komplizierte Aufgaben erfüllen: • Z unächst einmal muss sie nach außen erfolgreich sein, d. h. sie muss das Ü berleben besser sichern, als w enn die betreffenden Lebewesen ver einzelt leben w ürden. D azu gehört auch un ter U m ständen ein Revier erfolgreich zu verteidigen. • N ach innen m üssen die Individuen lernen — und das ist bestim m t die härteste N uss — ihren E igennutz zu zügeln. Die G ruppe gibt sich eine bestim m te Hierarchie, die sich im Laufe des Zusam m enlebens entw i ckelt, in der die einzelnen Tiere ihre Rolle erkäm pfen bzw. zugewiesen bekom m en. • Das Sexualverhalten m uss regeln wie m ännliche und weibliche Tiere m iteinander um gehen: Was nu tz t eine G ruppe, w enn sie beim ersten Streit zwischen zwei dom inanten M ännchen auseinanderfliegt? • Schließlich m uss die Aufzucht des Nachwuchses gesichert werden. N ur w enn die G ruppe sich erfolgreich fortpflanzen kann, ist ihre Existenz auch langfristig gesichert. Jede Aufgabe ist an sich schon ziemlich kom pliziert, teilweise w idersprechen sich die einzelnen Aspekte, in ihrer G esam theit scheinen sie eine kaum lösbare Gemengelage. U nd doch hat die N atu r Lösungen gefunden. Bei den Säugetieren fallen vor allem Löwen und Elefanten auf, die eine differenzierte G ruppenstruk tu r entw ickelt haben, die bei den Elefanten sogar soweit geht, gemeinsame Trauerrituale für ein totes H erdenm itglied abzuhal ten. D ie großen afrikanischen M enschenaffen, die m ich hier vor allem interes sieren, leben ausschließlich in differenzierten G ruppen. Das bedeutet, dass ver 45 m utlich schon in der G enstruk tur vorgegeben ist, was die einzelnen Jungtiere dann auch im Alltag von den älteren Artgenossen vorgelebt bekom m en, und sie in ihren Lernprozessen nachvollziehen: Das Leben in der G ruppe ist für sie selbstverständlich, und kein Individuum käm e von sich aus au f die Idee, das Leben allein bestreiten zu wollen. Allerdings gibt es zwischen den drei afrikanischen M enschenaffen Gorilla, Schim panse u nd dem Zwergschim pansen (Bonobo) deutliche U nterschiede in der S truk tur ihrer jeweiligen G ruppen. Gorillas leben in G ruppen m it bis zu 40 Tieren zusam m en. In der Regel übern im m t ein dom inantes M ännchen (der Silberrücken) die Führungsrolle u nd verteidigt die G ruppe gegen Angreifer und Eindringlinge. D ie G ruppe besteht som it aus m ehreren W eibchen, deren N achw uchs und noch n icht erwachsenen M ännchen. N u r der Silberrücken n im m t sich das Recht die W eibchen zu beglücken u nd ist som it das einzige M ännchen, das sich fo rt pflanzt. M ännchen und W eibchen, die erwachsen werden, verlassen in der Regel ihre G eburtsgruppe u nd suchen sich neue G ruppen. Schim pansen leben in G roßgruppen, die sich bei der N ahrungssuche oft in kleinere G ruppen aufteilen. D ie G ruppe w ird von m ehreren dom inanten M ännchen geführt, die sich natürlich auch die Vorrechte in allen sexuellen Angelegenheiten nehm en. Schim pansen können sich wie Gorillas das ganze Jahr über fortpflanzen. Bei den Schim pansenw eibchen zeigt sich die fruch t bare Zeit in einer deutlichen Schwellung des Gesäßbereiches. (Dieses Detail w ird noch von Interesse sein, w enn es um die Sexualität beim M enschen geht.) A uch Bonobos (Zwergschim pansen) leben in G ruppen, haben aber eine ganz andere G ruppenstruk tu r als Schim pansen. Sie benutzen Sex um andere zu besänftigen, soziale K ontakte zu pflegen oder ihre D om inanz zu festigen, selbst w enn es sich um K leinkinder handelt. D er Prim atenforscher Frans de Waal hat den U nterschied zwischen Schim pansen u nd Bonobos folgenderm a ßen beschrieben: „Der Schim panse löst sexuelle Angelegenheiten m it M acht; der Bonobo löst M achtfragen m it Sex . . . “ (Dawkins S. 163) D ie drei Beispiele aus dem Leben unserer nächsten V erw andten zeigen, wie unterschiedlich Sexualverhalten u nd M achtfragen u nd deren Verhältnis zueinander in den jeweiligen G ruppen gelöst werden, ohne dass die G ruppe als solche in Frage steht. 46 D am it kom m e ich zum M enschen: D ie Tatsache, dass m an bei M enschen, sowohl was sexuelle Verhaltensweisen als auch Fragen der M acht betreffen, die ganze Variationsbreite des bei allen M enschenaffen geschilderten Verhaltens und daneben noch viele weitere Verhaltensm öglichkeiten findet, verweist auf den entscheidenden Unterschied: M enschen besitzen universelles Potential, sie sind genetisch n ich t au f einen Verhaltenskom plex festgelegt. Ein Gorilla bleibt Gorilla, er kann n icht aus seiner H aut. Auch ein M ensch kann n ich t aus seiner H aut, aber er kann in einem H arem je nach Geschlecht als H arem sda me, Sultan oder E unuch leben, in einem patriarchalisch strukturierten Fami lienverband oder in einer m odernen Zweierbeziehung. Er kann das, weil seine genetische S truk tur es ihm erlaubt — sie ist universell — u nd weil die gesell schaftlichen Bedingungen in der jeweiligen Gesellschaft so sind wie sie sind. Er kann diese G egebenheiten akzeptieren oder er kann dagegen opponieren. Bei allem U nterschied haben wir aber doch eine große G em einsam keit m it unseren afrikanischen Verwandten: Auch wir brauchen die G ruppe. U nd wir brauchen sie n ich t n u r in der Weise wie unsere Verwandten, sondern in einer ganz neuen A rt u nd Weise: M it der M enschw erdung treten wir in die Geschichte ein, die Gesetze der Evolution werden von ökonom ischen, sozialen und kulturellen D eterm inanten überlagert. D adurch bekom m t unsere Z uge hörigkeit zu einer G ruppe eine neue Q ualität. M it einem ironischen Schlenker hat M arx au f dieses N eue hingewiesen: „W ir m üssen bei den voraussetzungslo sen D eutschen dam it anfangen, dass wir die erste Voraussetzung aller m ensch lichen Existenz, also auch aller Geschichte konstatieren, näm lich die Voraus setzung, dass die M enschen im stande sein m üssen zu leben, um ‘Geschichte m achen‘ zu können. Z u m Leben aber gehört vor allem Essen u nd Trinken, W ohnung, K leidung u nd noch einiges andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der M ittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Pro duktion des m ateriellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine G rundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich u nd stündlich erfüllt werden muss, um die M enschen n u r am Leben zu erhalten . . . . “(M E W 3 S. 28). M enschen fingen an W erkzeuge herzustellen — w enn es am Anfang auch nu r ein Faustkeil, ein roh bearbeiteter Steinklotz war — Rituale und E rkennt nisse über ihre Lebensum welt wie Klima, Pflanzen und Tiere an ihre K inder und weitere nachfolgende G enerationen weiter zu geben, konn ten dadurch 47 ihre Lebenssituation verbessern, w urden aus evolutionärer Sicht überlebens tüchtiger u nd arbeiteten sich dadurch gleichzeitig aus der N atu r heraus. Sie traten in die Geschichte ein. Die G ruppen entwickelten eine Kultur, also eine A rt und Weise des Zusam m enlebens, die über Jahrhunderte oder gar Jahrtau sende tragfähig war, d. h. das Ü berleben optim al garantierte. A uf diese Weise entwickelte sich im Prozess der M enschw erdung aus den N otw endigkeiten des in G ruppen Lebens die gesellschaftliche N atu r des M enschen, die un trennbar m it der kulturellen Entw icklung verbunden in die Geschichte führt. So k o nn ten, nachdem der m oderne M ensch au f den Plan getreten war, aus G ruppen H orden und Stäm m e u nd schließlich Städte u nd N ationen werden. U nd w enn wir heute über das Vereinte Europa streiten, gehen wir — w enn auch m anch mal m ühselig — lediglich einen weiteren Schritt in der Vergesellschaftung des M enschen. D ie gesellschaftliche N atu r w ird keineswegs nur „von außen“ an die M en schen herangetragen, wie m anche neoliberale A nsichten glauben m achen m öchten, sondern ist tief in unserer biologischen Verfasstheit verankert: Dies haben die U ntersuchungen zur em otionalen Intelligenz (G olem an 1997) und vor allem die E ntdeckung der sogenannten Spiegelneuronen (Bauer 2006) ein drucksvoll bestätigt. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die eine bestim m te Aktivität realisieren können, die aber auch dann aktiv werden, w enn m an nur m it ansieht, wie ein anderes Individuum diese H and lung vollzieht (Bau er, S. 23). W enn es um M itgefühl geht, bewirken die Spiegelneuronen eine eindeuti ge Aktivität: “Es zeigt sich also auch hier eine Reaktion, als hätte die Versuchs person die beim Partner beobachteten Schm erzen selbst erlebt“ (Bauer S. 48). W eitere Belege finden sich in der neueren H orm onforschung. Das H orm on O xytocin ist offensichtlich für viele Verhaltensweisen wie Z utrauen, M itgefühl, Em pathie und Liebe m itverantw ortlich. Die Forschungsergebnisse haben dazu geführt, dass O xytocin in der Ö ffentlichkeit gelegentlich als O rgasm ushorm on, K uschelhorm on oder Treuehorm on diskutiert wird. Tatsächlich ist die Signifi kanz für Fühlen und H andeln in zahlreichen Studien bestätigt, allerdings ist zu beachten, dass psychische Zustände wie zum Beispiel „Liebe“ keinen einheit lichen biologischen Phänom enen entsprechen“ (W ikipedia vom 15.02.12). N och viel weiter geht der bereits zitierte Frans de Waal, w enn er in einem Interview erklärt, dass sogar der sogenannte K illerinstinkt des M enschen eher 48 einer W unschvorstellung hartgesottener M ilitaristen als einer biologischen Tatsache entspricht. „Em pathie ist tief verwurzelt in uns. A uch gegenüber unseren Feinden, und auch, w enn uns befohlen wird, sie zu töten. M an spricht viel vom Killerins tink t des M enschen. Aber wir wissen, dass die große M ehrzahl der Tötungen in einem Krieg von ein bis zwei Prozent der Soldaten vorgenom m en wird. Das sind in etwa so viele, wie es Psychopathen in der Gesellschaft g ib t.“ D er Psy chopath kann einfacher töten, „weil er n u r die kognitive Fähigkeit zur Em pa thie hat, n ich t aber die em otionale“ (Berliner Z eitung 30 .04 /01 .05 . 2011 ). W enn m an n u n all diese Fakten und Ü berlegungen überblickt, scheint es als sei m an der Beantw ortung der Frage, ob der M ensch n u n von seiner bio logischen Verfasstheit Egoist oder soziales W esen ist, keinen Schritt w eiter gekom m en. Es bleibt n u r eine einzige Schlussfolgerung: Die Frage ist falsch gestellt, der M ensch ist beides. Er ist eigennützig u nd em phatisch. U nd aufgrund seiner universellen biologischen A usstattung kann er sich unter bestim m ten historisch-gesellschaftlichen Bedingungen in beide R ichtungen ins Extrem steigern. So sehen wir derzeit au f der einen Seite einen Baschar al-Assad, der eher bereit ist, sein Land zu ruinieren und viele seiner Landsleute abzuschlachten als au f seinen Ego-Trip und seine Privilegien zu verzichten. A uf der anderen Seite erleben w ir M enschen, die selbstlos ihr ganzes Leben oder Teile ihrer Lebenszeit als Ärzte, M issionare oder in anderen Berufen dem D ienst an ande ren M enschen w idm en. Es hängt also vor allem von den gesellschaftlichen B edingungen u nd den G egebenheiten seiner Sozialisation und Erziehung ab, ob ein M ensch zum Egoisten, Geizhals oder em pathischen M enschen wird und inwieweit es ihm gelingt, beide Pole in ein harm onisches Verhältnis zu bringen. Im übrigen liegt es auch an jedem von uns moralische Standards und Gesetze zu entwickeln, die extreme Egotrips, die au f Kosten anderer gehen, unm öglich m achen. 49 7. Australopithecus - Der aufrechte Gang Im Jahr 1974 fanden der A nthropologe D onald Johanson und seine M it arbeiter im Afar-Dreieck in Ä thiopien Teile eines Skeletts, das als weibliches Individuum der A rt Australopithecus afarensis eingestuft w urde . Das Fossil w urde Lucy genannt, weil damals der Beatles-Song Lucy in the Sky w ith Diam onds im C am p der Forscher häufig auf einem Kassettenrecorder abgespielt wurde. Lucys A lter w urde au f 3,2 M illionen datiert. Sie wog w ohl etwas über 25 Kilogram m u nd war knapp 1,25 M eter groß. Bau des Beckens, der O ber schenkelknochen und die relative Länge von A rm en u nd Beinen zeigten: Lucy ging aufrecht. A uf den ersten Blick m ag Australopithecus als großer Schim panse durch gehen, auch was die Schädelgröße und dam it die Gehirnm asse von etwa 400 bis 500 K ubikzentim eter angeht, doch beim genaueren H insehen zeigt sich der entscheidende Unterschied: der aufrechte Gang. Zwar gehen auch G oril las und Schim pansen streckenweise aufrecht, doch sie m üssen im m er wieder die verhältnism äßig langen Arm e zu Hilfe nehm en u nd sich au f den Finger gelenken abstützen (Knöchel-Gang). Ihr gesamter K örperbau zeigt, dass ihr eigentlicher Lebensraum die Baum krone ist, u nd sie n u r ab und zu au f den Erdboden kom m en u nd noch seltener aufrecht gehen. Sie sind W aldbew ohner (R eichholf 2004 S. 39 ff) Ganz anders Australopithecus, und das hat seinen G rund: Im Laufe der Jahrm illionen nach dem U ntergang der Saurier veränderte sich das vorherr schende Klim a grundlegend. Es w urde kühler und trockener, die dom inieren den W älder gingen zurück, es entstanden Savannen u nd Steppen. Die große G ruppe der Gräser erlebte einen rasanten Aufschwung: D a ihr Vegetations schw erpunkt im U nterschied zu den Blütenpflanzen un ter der Erde liegt, kom m en sie gut m it wenig Wasser aus und können sich besser an saisonale und jahreszeitlich bedingte U nterschiede der Niederschläge anpassen. Das lässt sich schon daran ersehen, wie schnell Landschaften nach einem Regenguss plötzlich ergrünen, wo vorher scheinbar n u r W üste war. H inzu kom m t, dass Grasländer die Beweidung durch G roßtiere regelrecht brauchen, da ansons ten die absterbenden H alm e zu einer dichten M atte verfilzen w ürden, die das N achw achsen junger H alm e verhindern. So entstanden die von G roßtieren 51 u nd ihnen „entsprechenden“ Raubtieren besiedelten Steppen u nd Savannen, wie w ir sie heute noch in Ostafrika, in der Serengeti und anderen N aturparks als kläglichen Rest erleben können. Es entstehen also erdgeschichtlich gesehen riesige neue Räum e, natürlich au f Kosten der Wälder, und für die große Säugetiergruppe der Prim aten stellt sich die Frage, wie die neuen Räum e genutzt werden können. W obei sich sofort die weitere Frage anschließt, w arum diese Reaktion m it Australopithecus vor rund 6 M illionen Jahren so spät erfolgte, wo doch die neuen Räum e schon w ährend des M iozäns vor rund 20 M illionen Jahren existierten. Im m erhin hat auch eine andere Affenart, der Pavian, Savannen u nd Step pen besiedelt, ohne dass sie dafür einen aufrechten G ang entwickelt hat, wobei auch hier keine Belege bzw. Fossilien aufzufinden sind, die eine Bevölkerung vor der Z eit von Australopithecus beweisen könnten. W ie auch im m er: Australopithecus ging au f zwei Beinen und bildete sei nen Körper um . Aus den Greiffüßen, die für die Bewegung in Baum kronen bestens geeignet waren, w urden Füße, die zum G ehen au f dem Boden und zum Abfangen des Körpergewichtes gestaltet waren. Die W irbelsäule wurde flexibler und senkrecht gehalten, das Becken beweglicher. U nd — die Arm e und H ände konn ten jetzt ganz andere Aufgaben übernehm en. U nd — die Augen konn ten jetzt in die Ferne schweifen u nd die weiten Räum e der Savannen erforschen. Daw kins erw ähnt und beschreibt m ehr als zehn verschiedene H ypothesen (Dawkins S. 141ff), die m ehr oder weniger um stritten und plausibel das E n t stehen des aufrechten Ganges erklären sollen. Sie reichen von der Theorie der sexuellen Selektion, nach der Australopithecus sich aufrichtete um seinen Penis zu zeigen, über den Vorteil der Befreiung der H ände bis zum Fressen in H ockstellung. N ach der Auffassung von Jonathan K ingdom verlangt seine Theorie keine großen V orannahm en, sondern erklärt aus dieser H ockstellung die verschiedenen anatom ischen Ver änderungen, die dann später einen einfachen Ü bergang zum aufrechten G ang erm öglichten. D er Aspekt der freien H ände beim aufrechten G ehen scheint m ir beson ders interessant, da er weitreichende Konsequenzen hat. So sind die H ände frei u nd können Steine und Stöcke als erste prim itive W erkzeuge nutzen. A ußerdem können die freien H ände wertvolle N ahrung wie Knollen, Insekten 52 oder Fleisch zu Frau und K ind bringen, die durch das Stillen ihres Säuglings n ich t an größeren Suchaktionen nach N ahrung teilnehm en kann. Indem er Frau und K ind besser ernährt, erhöht er ihre Ü berlebenschancen. „Ein M ann, der viel N ahrung nach Hause bringt, verschafft sich also einen unm ittelbaren Fortpflanzungsvorteil gegenüber einem Rivalen, der N ahrung n u r da zu sich nim m t, wo er sie findet“ (Dawkins S. 145). Aber er konnte die wertvolle N ah rung auch einem anderen G ruppenm itglied bringen, das ihm dadurch einen Gefallen schuldet, w enn das G lück Fleisch oder Insekten zu finden, einmal anders verteilt war. U nbeabsichtigt w urde dadurch auch der Zusam m enhalt der G ruppe bestärkt. Möglicherweise war das Verhältnis zwischen aufrechtem G ang u nd freier Beweglichkeit der H ände ein sich selbst verstärkender Prozess: W enn unser Vorfahr erst einmal die Vorteile der freien H ände erkannt hatte, w urden sie auch im m er öfter in dieser Weise genutzt und beschleunigten dadurch den Umbauprozess der gesam ten Anatom ie. Selbstverständlich muss dies als Aus leseprozess über viele G enerationen betrachtet werden, in dem die Individuen sich am erfolgreichsten fortpflanzten, die ihre H ände am geschicktesten ein setzten. Eine außerordentliche interessante Auffassung zu E ntstehung des auf rechten Ganges vertritt die A utorin Elaine M organ. N ach ihrer Theorie hat unser U rahne eine längere Phase als W asserbewohner im Küstenbereich durchgem acht und über die Jahrhunderttausende entsprechende körperliche V eränderungen vollzogen. M organ zählt eine beeindruckende Anzahl dieser V eränderungen au f (M organ S. 24ff): So sei unsere N asenform , die bei keiner anderen Affenart zu finden ist, ein kunstvolles K norpeldach, das dazu diente das Wasser abzuleiten und die N asenhöhlen zu schützen. Das Stirn Runzeln, das ebenfalls n u r dem M enschen eigen ist, diente dazu die Augen vor dem im Wasser funkelnden Sonnenlicht zu schützen. U nd unsere Tränen rührten wie bei vielen Seevögeln, bei Salzwasserkrokodilen u nd R obben aus der Zeit als M eeresbewohner und hatte die Aufgabe das Salz, das m it dem Meerwasser aufgenom m en wurde, wieder auszuscheiden. O b die Schweißdrüsen eine ähn liche Aufgabe hatten, die ja sonst in der W asserwelt wenig Sinn ergäben, lässt M organ offen. D ie äußere Erscheinung veränderte sich dram atisch: D a ein nasses Fell beim Schw im m en eher h inderlich ist, verlor unser U rahn seinen Pelz wie viele andere Säuger, die vom Land zurück ins M eer gew andert sind, 53 wie z. B. D elphin, Flusspferd oder Walross (S. 33) S tatt dessen entwickelte er, um sich im Wasser w arm zu halten eine Fettschicht, das U nterhautfettgew ebe, das bei keinem anderen Prim aten zu finden ist. D ie nackte H au t förderte auch die Entw icklung der Brüste, denn da nun kein Fell m ehr vorhanden war, an dem das Baby sich hätte festhalten können, entw ickelten sich die Brüste, die die M ilch näher an das Baby in der A rm beuge brachte und zudem für die kleinen H ände einen griffigen H alt ergaben. Selbst die sexuelle Begegnung von Angesicht zu Angesicht bekom m t so eine andere Bedeutung: „D enn w enn Sie sich erst vergegenwärtigen, dass prak tisch alle Landsäugetiere die sexuelle A nnäherung von h in ten u nd praktisch alle Wassersäuger die frontale A nnäherung dabei benutzen, dann werden Sie m indestens argwöhnen, dass das n ich t reiner Zufall sein kann“ (S. 70). M organ führt noch viele weitere Beispiele physiologischer Veränderungen an, die ihrer M einung darauf hinweisen, dass es eine Phase in der Entw icklung zum M enschen gegeben haben muss, in der unsere Vorfahren im M eer und an den Küsten Ostafrikas lebten. Das A rgum ent, das m ich am m eisten beein druckt hat, war ihr Hinweis au f den Unterschied zwischen Wasser und Land bew ohnenden A rten im H inblick auf ihr Spiel- u nd Neugierverhalten: „Die m eisten A rten, die ins Wasser zurückgegangen sind, scheinen unendlichen Spaß am Leben zu haben „ (S. 79) Zwar spielen alle Säugetiere m ehr oder weniger in ihrer K indheit. D och den M enschen zeichnet aus, dass er dieses Spiel- und Neugierverhalten quasi sein ganzes Leben beibehält, ja dass es für die Entw icklung der m enschlichen K ultur konstitu ierend wird. Fest steht in jedem Fall, dass Australopithecus aufrecht gehend durch die ostafrikanische Savanne gezogen ist u nd dadurch viele Vorteile hatte. Fest steht auch, dass er durch diesen Prozess ein ungeahntes Entw icklungspotential frei gesetzt hat (vgl. M ayr 2003 S. 293 ff). 54 8. Mama Afrika - Ur-Heimat Afrika K om m en w ir M enschen aus Afrika? O der ist der M ensch an verschiedenen O rten der Erde unabhängig voneinander entstanden? Diese Fragen w urden lange und ausgiebig in Kreisen der W issenschaft und der interessierten Ö f fentlichkeit diskutiert, ohne dass eindeutige Beweise für die eine oder andere Position vorlagen. Zwar gab es reichliche Fossilfunde in Afrika, aber auch in Südostasien fanden sich Fragm ente m enschlicher Skelette, auf deren G rundlage n ich t ausgeschlossen w erden konnte, dass sich dort ebenfalls eine unabhängige Entw icklung zum M enschen vollzogen hätte. Später richteten sich die H offnungen au f die G enetik u nd ihre M öglich keiten durch die Analyse der Gene weit in die Vergangenheit zurückzuschauen. D och an diesem Punkt kam en die W issenschaftler n ich t weiter: Liegt es doch in der N atu r der Gene, dass sie sich bei jeder Zeugung neu m ischen, so dass keine eindeutigen Pfade in die Vergangenheit zu erm itteln waren. U nd nicht nu r die Gene m ischen sich, auch die M enschen der verschiedensten Rassen sorgten untereinander für Nachw uchs. Es gibt keine Rasse, die ihr Erbgut völlig unbeeinflusst von anderen Rassen weitergegeben hat. D och im Jahr 1987 ereignete sich eine wissenschaftliche Sensation, die breit in der Ö ffentlichkeit diskutiert wurde: Allan W ilson, Biochem iker an der Universität von Berkeley in Kalifornien, hatte sich in seiner A rbeit auf die M itochondrien , die Kraftwerke der Zellen konzentriert. Eigentlich liegt es nahe, w enn m an nach E rbinform ationen sucht, im G enom des Zellkerns zu suchen. Die M itochondrien bewegen sich jedoch außerhalb des Zellkerns im Zellplasma. Als W ilson sie n u n genauer untersuchte, m achte er zwei ver blüffende Entdeckungen. Z unächst stellte er fest, dass die M itochondrien eigenes, vom Zellkern unabhängiges Erbgut besitzen. D a diese in einem relativ stabilen U m feld leben, das sich möglicherweise seit M illionen von Jahren kaum geändert hat, erfolgt auch die M utation , die bei der „G eburt“ von M itochondrien im m er passiert, in so winzigen Schritten, dass die W eitergabe der E rbinform ationen über sehr lange Zeiträum e zurückverfolgt werden kann. W enn diese V eränderungen auf bestim m te Zeitspannen geeicht sind, kann m an Aussagen über bestim m te 55 historische Zusam m enhänge treffen. In der W issenschaft n en n t m an diesen Vorgang das „Ticken der m olekularen U h r“ (Reicholf S. 13 ff). D ie zweite große Entdeckung, die Allan W ilson m achte, war noch ver blüffender als die erste: W ährend sich bei der B efruchtung der m enschlichen Eizelle m it der Samenzelle das Erbgut des Vaters m it dem der M utter mischt, passiert dies bei den M itochondrien gerade nicht. Bei der B efruchtung werden keine M itochondrien des M annes weitergereicht. D .h . diese werden ausschließ lich von den M üttern über die Töchter zu den Enkelinnen weitergegeben. Es entsteht eine rein weibliche Linie. Ausgerechnet über die Frauen ! M it diesen Entdeckungen war n u n eine für die Erfordernisse der genetischen Analyse reine d. h. unverm ischte Linie gefunden, die viel weiter als die m enschliche Entw icklung zurückreicht. O hne n un weiter auf Details der genetischen Analyse einzugehen, lässt sich folgendes Ergebnis festhalten: Aus der U ntersuchung der Ä nderungen in der D N S der M itochondrien lassen sich zwei G ruppen unterscheiden: Bei den Afrikanern, also allen in Afrika lebenden M enschen, lassen sich größere Unterschiede im Vergleich zu allen anderen M enschen feststellen. N ach dieser Analyse werden also die M enschen in die A frikaner au f der einen Seite u n ter schieden und alle anderen M enschen au f der anderen Seite. Dies lässt den Schluss zu, dass in Afrika die frühesten M enschen in den unterschiedlichsten Entwicklungsstufen lebten u nd leben und deshalb die größeren Unterschiede im D N S ihrer M itochondrien aufweisen. Reicholf vergleicht die Entw icklung m it einem Baum: Die W urzeln befin den sich in Afrika. D er S tam m steht im N orden der arabischen Halbinsel. D urch ihn m ussten alle w andernden M enschengruppen h indurch um dann die verschiedenen R ichtungen nach Europa, Asien, Südostasien u nd A ustra lien, u nd schließlich A m erika einzuschlagen. Letztere wären dann die großen Äste des Baumes (vgl. Reicholf S. 18f). D am it wäre die eingangs gestellte Frage beantw ortet: W ir M enschen kom m en aus Afrika - und haben die ganze W elt besiedelt. Unsere Vorfahren haben im m ehreren W anderungswellen Afrika verlassen u nd sind zunächst nach Europa und Asien „ausgewandert“. Dawkins bezieht sich auf seinen Kollegen Alan Tem pleton, der n icht n u r zwei, wie bisher angenom m en, sondern drei große A uswanderungen aus Afrika konstatiert. So ist H om o erectus zweimal, vor ru n d 1,7 M illionen Jahren u nd vor 600 000 Jahren, 56 ausgewandert. Vor ru n d 100 000 Jahren begab sich H om o sapiens au f die große Reise (Dawkins S. 93 ff). W ie ist es aber möglich, dass ein Bewohner des tropischen Afrika in die kälteren Klim azonen vordringt und dort n ich t n u r überlebt, sondern sich weiterentwickelt? K ann m an sich vorstellen, dass eine H orde Schim pansen in den Pfälzer W ald einw andert u nd dort überleben kann? Sie w ürde den ersten W inter wohl n ich t überleben. 57 9. H o m o hab ilis-D asgro ßeG ehirn D en geschickten M enschen, H om o habilis, treffen w ir vor ru n d zwei M illio nen Jahren in der afrikanischen Savanne. Er unterscheidet sich von Australopithecus durch sein im Verhältnis größeres G ehirn. W enn hier die Entw icklung des M enschen in groben Zügen skizziert wird, darf m an n ich t übersehen, dass es sich um A bstraktionen handelt, die die w ichtigsten Entw icklungsstationen m arkieren sollen. Die wirkliche Entw icklung muss m an sich eher wie einen Baum m it zahlreichen Ästen unterschiedlicher Stärke vorstellen. Alle Äste wa ren zu unterschiedlichen Zeiten lebendig, aber bis au f einen Ast sind heute alle ausgestorben. A uf dem sitzen wir heutigen M enschen. Das W achstum verlief in kleinen Schritten, so dass einzelne Individuen, die an der Grenze zwischen zwei fossilen A rten lebten, oft n icht eindeutig zuzuordnen sind. Ich kom m e zurück zu der G röße des Gehirns. Generell scheint die ver hältnism äßige G rößenentw icklung des Gehirns im Laufe der Evolution ein durchgehender Entwicklungsprozess zu sein, der sich m it den Prim aten, ins besondere den M enschenaffen noch einmal beschleunigt. „Das G ehirn des M enschen ist also selbst nach den M aßstäben der Prim aten zu g roß ,und das durchschnittliche G ehirn der Prim aten ist w iederum im Vergleich zu den Säu getieren im Allgem einen zu groß. D arüber hinaus ist das durchschnittliche Säugetiergehirn auch nach den M aßstäben aller W irbeltiere zu um fangreich“ (Dawkins S. 131). Das G ehirn von H om o habilis ist in etwa viermal größer wie es bei einem durchschnittlichen Säugetier entsprechender G röße zu erwar ten wäre. H om o habilis hat m it 750 K ubikzentim eter Gehirnm asse einen Punkt erreicht, an dem er sich so deutlich von seinen Vorfahren abhob, dass er als neue Spezies erkennbar wurde. Ü berhaupt sehen die m eisten W issenschaftler diese neue G ehirngröße als das entscheidende C harakteristikum . H om o habilis war der erste frühe M ensch (vgl. Dawkins S. 121 ff). Er wog ungefähr 40 Kilogram m u nd aus G röße u nd Bau seiner Zähne lässt sich schlie ßen, dass er m ehr Fleisch als sein Vorgänger, Australopithecus, gegessen hat. Sein Schädel hat sich vergrößert, so dass die G roßhirnrinde genügend Platz fand, der ja bekanntlich Fähigkeiten wie Intelligenz u nd logisches D enken zugeschrieben werden. 59 Was hat n un zu dieser Entw icklung geführt, was hat die Entw icklung vor angetrieben, in der das im m er weiter wachsende G ehirn eine zentrale Rolle spielt? Reicholf hat dazu ein interessantes Szenario entwickelt: Z unächst seht die Frage, welche N ahrung H om o habilis zu sich genom m en haben muss, dam it sich das größere G ehirn entwickeln konnte? Im Unterschied zu anderen O rga nen, beispielsweise den M uskeln, ist die G röße des G ehirns bei der G eburt im großen und ganzen festgelegt. Was danach folgt sind innere Vernetzungen. U nd im Unterschied zu anderen O rganen braucht das G ehirn auch eine andere Zusam m ensetzung der Nährstoffe. Vor allem braucht es Phosphor. Phosphorverbindungen gehören zu den G rundelem enten des Lebens und sind für den Energiehaushalt der Nervenzellen unverzichtbar (vgl. Reicholf S. 117). N u n gehört aber Phosphor zu den eher seltenen Stoffen in der Um welt unserer Vorfahren. Dies zeigt sich beispielsweise bei dem im m er w ieder beob achteten Fleischhunger von Schim pansen, die sich in der Regel von Trieben, Blättern und Früchten ernähren. W enn sie ein kleines Tier erbeuten u nd den Schädel öffnen um das G ehirn zu verzehren, zeugt dies n ich t von besonderer Brutalität, sondern ist dem Phosphorm angel geschuldet. H irn und K nochen m ark enthalten eben viele dieser Phosphorverbindungen. In diesem Zusam m enhang lässt sich auch erklären, w arum die Entw icklung zum M enschen gerade in dieser Region Ostafrikas stattgefunden hat. D urch die rege V ulkantätigkeit im ostafrikanischen G rabenbruch werden M ineralien aller A rt und dam it auch Phosphor in den Kreislauf des Lebens befördert und von Pflanzen und Tieren aufgenom m en. W ie gelangen diese M ineralien n u n zu H om o habilis? N ach Reicholfs Sze nario hat er sich vor allem von toten Tieren ernährt. Tiere, die durch Krankheit, Alter, Erschöpfung oder D urst in der Savanne gestorben sind. Unsere Vorfah ren haben Aas gegessen. Das ist starker Tobak für alle, die unsere Vorfahren gerne als m utige Jäger und starke M änner gesehen hätten. D och Reichholf un term auert seine H ypothese m it so guten A rgum enten, dass sie letzten Endes doch überzeugt. So m üssten zunächst einm al so viele tote Tiere anfallen, dass sie für alle Aas fresser und Raubtiere ausreichten u nd für H om o habilis ein gehöriges Stück vom K uchen übrig bliebe. W enn die großen H erden durchziehen, sterben so viele Tiere, dass die großen Raubtiere sie n u r zum Teil verwerten. A ußerdem 60 zeige die Evolution der Geier, die sich au f die V erw ertung von unterschied lichen Teilen eines Kadavers spezialisiert haben, dass genügend tote Tiere zur V erfügung gestanden haben müssen, sonst hätten sich diese Vögel n ich t in einer Weise spezialisieren können, dass sie überhaupt keine andere N ahrung m ehr verwerten (Reicholf S. 120). Die Geier sind es auch, die unseren Vorfahren den W eg zeigen. Sobald es hell genug geworden ist, lassen sie sich von den w ärm er w erdenden Aufwinden hoch über die Savanne tragen und suchen nach ihrer Beute. Sobald sie ein totes T ier entdeckt haben, gleiten sie hinab und signalisieren dam it anderen Geiern, wo der Tisch gedeckt ist. H om o erectus steht in der Savanne, die H an d über den Augen um nicht von der aufgehenden Sonne geblendet zu werden, und sieht die Geier n ieder gehen. Er weiß, was das zu bedeuten hat, alarm iert die anderen G ruppenm it glieder, und alle rennen los, vorne weg die stärksten M änner, verm utlich lang samer die Frauen m it K indern. Jetzt m uss es schnell gehen. Sie m üssen an die kostbare N ahrung kom m en bevor die Verwesung einsetzt, u nd das Leichengift, das Bakterien w ährend der Zersetzung des Kadavers produzieren, das Fleisch für die G ruppe ungenießbar m acht. A ußerdem m üssen sie den großen R aub katzen und den Aasfressern wie H yänen zuvorkom m en. D enn gegen deren Zähne und Krallen hätten sie keine Chance, es bliebe n u r die Flucht. Am Kadaver angekom m en w urde das Fell aufgeschnitten. D azu nu tzten sie einfache Schaber u nd Splitter. A m besten zum Schneiden eignet sich O bsidian, ein vulkanisches Glas, aus dem sich unglaublich scharfe Schneiden herstellen lassen, und der in G ebieten m it aktiven V ulkanen häufig zu finden ist. Sie schneiden also das Tier auf, schneiden sich die besten Stücke ab, nehm en den einen oder anderen M arkknochen m it u nd bringen sich m it ihrer Beute m ög lichst schnell in Sicherheit. W ürden sie von einem Löwen oder einem Rudel H yänen überrascht, m üssten sie ihre Beute im Stich lassen oder einige von ihnen w ürden im schlim m sten Fall selbst zu Beute. Im Laufe dieser Entw icklung w ird unser Vorfahr zum Läufer. Aber n icht die H etzjagd nach A rt der Wölfe oder die H ochgeschw indigkeit der Geparde war seine D om äne, sondern der kräfteschonende Dauerlauf. W enn es darum ging ein verendetes Großtier, das einige Kilom eter entfernt war, so schnell wie m öglich zu erreichen, dann war der raum greifende D auerlauf wie ihn heu 61 te noch Langstreckenläufer oder M arathonläufer praktizieren, bestens dazu geeignet (Reicholf S. 142). Was Statur und Füße angeht, war H om o habilis schon bestens ausgerüstet. Aber weitere Anpassungen erfolgten. Laufen kostet Energie u nd produziert W ärm e. In der ostafrikanischen Savanne, in der die Tem peraturen leicht 30 G rad u nd m ehr erreichen, w urde dies zum Problem. „Die Lösung brachte eine N euerung, die für die Eigenart der G attung H om o ähnlich kennzeichnend ist wie der aufrechte Gang. Es ist dies die Entw icklung von Schweißdrüsen am ganzen Körper in V erbindung m it der V erm inderung des Haarkleides“ (Reicholf S. 145). D urch die N acktheit w ird unser Vorfahre in die Lage versetzt W ärm e schnell abzugeben, da keine im Fell eingeschlossene Luftschicht die W ärm e zurück hält. D ie V erdunstung durch Wasser ist ein sehr effektiver M echanism us den Körper zu kühlen und die durch das Laufen erzeugte W ärm e abzugeben. Allerdings hat dieser K ühlm echanism us einen hohen Preis: W enn der Kör per je nach A usm aß des Schwitzens bis zu zehn Liter Wasser pro Tag verlieren kann, m uss dieser Verlust wieder ausgeglichen werden. D er M ensch ist der jenige, der im Verhältnis zu seinem Körpergewicht unter den Großsäugern am m eisten trinken muss. A ußerdem muss auch der Salzverlust ausgeglichen w er den. Beides liefert die ostafrikanische Savanne in einem ausreichenden M aß. D urch Regenzeiten, G ew itter u nd Schneeschmelze am Kilim andscharo und M oun t Kenia fließt im m er genügend Wasser in erreichbaren Entfernungen, u nd durch die regelmäßige V ulkantätigkeit werden im m er wieder M ineralien u nd Salze über die Erdoberfläche geschleudert, die sich in Gewässern ansam m eln. W enn diese dann durch die große H itze austrockneten, stand im m er wieder genügend Salz zur Verfügung. D urch die nackte H au t entstand allerdings ein weiteres Problem: Die UV-Strahlen der Sonne verbrannten die vom H aarkleid ungeschützte H au t erbarm ungslos; H om o habilis neigte zum Sonnenbrand. Die G egenreaktion kennen w ir alle vom Strandurlaub: D urch die E inlagerung von M elanin wird die H au t b raun bis dunkel und schützt uns so vor den gefährlichen Strahlen. Schließlich bleibt noch die Frage, ob unser Vorfahre schon in irgendeiner Weise sesshaft war, d. h. ortsgebunden lebte wie beispielsweise ein Löwenrudel, das sein angestam m tes Revier n ich t verlassen kann, ohne in Konflikt m it dem N achbarrudel zu geraten. W äre dies n ich t der Fall, und er w ürde sich wie bei 62 spielsweise Paviane w ährend der N ach t auf geschütztere, höher gelegene Ruhe plätze wie Bäume oder Felsenklippen zurückziehen, so hätte dies für ihn den großen Vorteil, dass er quasi m it den w andernden H erden, seinem Abendessen sozusagen, m itziehen könnte u nd au f diese Weise seinen Fleischbedarf ständig um sich hätte. D abei bleibt allerdings offen, ob M ütter m it ihren Babies bei einer solchen Lebensweise hätten m ithalten können, denn es gab ja kein Fell mehr, in dem sich die Kleinen hätten festhalten können. 63 10. Home erectus - Die ersten Auswanderer Vor ru n d 1,8 M illionen bis 250 000 Jahren (Dawkins S. 107 f) lebte H om o er ectus. M it bis zu 1100 K ubikzentim eter G ehirnm asse u nd etwa 50 Kilogram m Gew icht kam er dem m odernen M enschen schon deutlich näher als sein Vor gänger, obwohl der Schädel m it fliehender Stirn u nd kräftigen A ugenbrauen w ülsten noch n ich t so ganz unserem Schönheitsideal entsprach. D er aufrechte Gang, der entsprechende K örperbau u nd die raum greifende K örperhaltung hatten sich endgültig durchgesetzt. D och ein dicker K opf m it großem G ehirn hat n ich t n u r Vorteile. Ist doch bei der G eburt die G rößenentw icklung des Gehirns im großen u nd ganzen abgeschlossen. Es werden sogar ru n d ein D rittel m ehr Nervenzellen bereit gestellt als M enschen letztlich brauchen (H üther S. 37). M it den folgenden Ü berlegungen kom m e ich einen Schritt näher an die reale Abfolge der G ene rationen, w enn es um Fragen der G eburt und um das Verhältnis von M utter und K ind geht. In den bisherigen Ü berlegungen war es möglich, die m ensch liche Entw icklung als Abfolge von Erwachsenen zu beschreiben. Aber diese Abstraktion trägt nu r bis zu einem gewissen Grad. Jetzt kom m en Aspekte dazu, die bisher vernachlässigt werden konnten . M ütter m üssen also n icht nu r eine nährstoffreiche N ahrung m it Eiweißen und Phosphatverbindungen bereitstellen (vgl. Reicholf S. 150 ff). W egen der G röße des Kopfes ist schon die G eburt selbst schm erzhaft u nd risikoreich. D er Fötus muss durch den G eburtskanal und dam it durch den Beckenring, der aus K nochen besteht und sich n icht ausdehnen kann. Ab einer Kopfgröße m it m ehr als 1000 Kubikzentim eter Gehirnm asse wird es eng. Für die Frauen des m odernen M enschen ist deshalb die G eburt häufig m it Schm erzen verbunden. N ach der G eburt m uss das Baby über m ehrere Jahre gestillt, um sorgt und un terrichtet werden. Bis M enschenkinder selbstständig werden, m üssen die Eltern sie intensiv betreuen, sie investieren ein M ehrfaches an Z eit u nd Ener gie als alle anderen Säugetiere. D urch die lange intensive Betreuung entsteht ein enges Verhältnis zwi schen K indern u nd M üttern , das un ter bestim m ten Voraussetzungen auch die 65 Väter einschließt. Dies trägt w iederum zu einer stabilen G ruppenstruk tu r bei. D ie A utorin Blaffer Hrdy, die ausdrücklich die weibliche Seite der Evolution hervorhebt, geht noch einen Schritt weiter und weist darauf hin, dass quasi alle erwachsenen M itglieder der G ruppe an der A ufzucht der über lange Zeit unselbstständigen N achkom m en beteiligt gewesen sein müssen. A nsonsten hätten viele K inder das Erwachsenenalter gar n ich t erreicht und unseren Vor fahren wäre es n ich t gelungen sich so erfolgreich fortzupflanzen. Das bedeutet in den G ruppen der frühen M enschen m uss sich eine neue, besondere Form der Em pathie entwickelt haben, muss sich ein soziales Klim a herausgebildet haben, in dem K inder über viele Jahre sicher aufgehoben waren. H rdy spricht ausdrücklich von Alloeltern u nd m eint dam it alle betreuenden Personen außer der M utter, heb t aber besonders die Rolle der G roßm ütter hervor. In diesem Zusam m enhang m öchte ich einen weiteren Aspekt erwähnen, der im Z usam m enleben unserer Vorfahren von B edeutung war. Schon D arw in wies darauf hin, dass neben der natürlichen Selektion, in der klim atische oder geographische Faktoren wirksam werden, die sexuelle Selektion eine große Rolle spielt, bzw. erstere sogar überlagern kann. In der sexuellen Selektion erfolgt die Auslese über die Partnerwahl, wobei es prinzipiell zwei M öglich keiten gibt: Entw eder die M ännchen tragen Rivalenkämpfe um die W eibchen aus, d. h. die Entscheidung liegt bei den M ännchen, oder die W ahl liegt bei den W eibchen. Dies hat zur Folge, dass die M ännchen sich zur Schau stellen müssen. Es liegt au f der H and , dass jede der beiden Varianten ganz unterschiedliche Eigenschaften u nd Verhaltensweisen nach sich zieht. Sollten unsere Vorfahren sich für die „female choice“, wie es schon D arw in form uliert hat, entschieden haben, dann müsste das Verhalten der frühen und der m odernen M enschen durch weibliche D om inanz oder zum indest durch gleichberechtigte Teilhabe der weiblichen G ruppenm itglieder geprägt sein. D er Stellenwert von körper licher Schönheit u nd A ttraktivität läge höher als beispielsweise aggressives Ver halten. O der wie es H ilde N eunhofer ziem lich euphorisch form uliert: „H om o sapiens . ist ein K ind der Liebe, der Freude und der Freiheit“ . Zwar weist die D ebatte um m atriarchale u nd m utterrechtliche Entw ick lungsphasen in der Frühzeit der m enschlichen Geschichte darauf hin, dass die M enschen sich in dem oben genannten Sinne entwickelt haben m ögen. Aber w enn diese Eigenschaften zu der — nennen wir es einm al G rundausstat 66 tung des M enschen — gehörten, wie wäre es dann möglich, dass sie sich in der späteren patriarchalen Entw icklung m it all ihren B rutalitäten gerade, was die Freiheiten von Frauen angeht, geradezu in ihr Gegenteil verkehrt hätten: Von Freiheit u nd Liebe ist nu r noch wenig übrig geblieben. Die Grundlage für all diese Prozesse ist u nd bleibt die Ernährung. Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, die nötigen M ineralien und V itam ine m üssen in ausreichenden M aßen zur V erfügung gestanden haben. Das Gebiss von H om o erectus bestätigt zum indest, dass er sich n icht n u r von Fleisch ernährt, sondern auch stärkereiche N ahrung wie Knollen, Früchte u nd Sam en gegessen hat. H om o erectus war unser erster Vorfahre, der Afrika verlassen hat. Vor rund 1,7 M illionen Jahren und vor 800 000 bis 400 000 Jahren (Dawkins S. 94 ff) ist er aus Afrika aufgebrochen und hat tausende K ilom eter in R ichtung Süd asien und Europa zurückgelegt. D och Europa konnte ungem ütlich werden. Im m er w ieder kam es zu Eis zeiten, die Eispanzer schoben sich aus dem N orden u nd von den A lpen her vor und H om o erectus musste sich zurückziehen. D och was für eine unglaubliche Leistung! D er Zweibeiner m it der dunklen H au t, der sich im tropischen Afrika entwickelt hat, der optim al an tropische Verhältnisse angepasst war, m acht sich auf und w andert tausende Kilom eter durch subtropische Landschaften um dann irgend w ann nördlich der Alpen staunend vor einer W and aus Eis zu stehen. Was hat ihn veranlasst seine H eim at zu verlassen? W arum hat er n ich t in für ihn angenehm eren Gefilden H alt gemacht, sondern ist bis an die für ihn m ög liche Grenzen vorgestoßen? K lingt hier n icht schon das universelle Vermögen des späteren H om o sapiens an, jener unbezähm bare W issensdurst u nd jene grenzenlose Neugier, die h in ter jeder Biegung des Flusses, h in ter jedem Hügel bessere Lebensbedingungen oder gar paradiesische Zustände erhofft. U m in den kühleren Breiten zu überleben, war es sicherlich von Vorteil über Feuer zu verfügen. So gibt es diverse Hinweise, dass H om o erectus in der Lage war das Feuer zu nutzen (Berl. Z eitung vom 23.08.2011). A m eri kanische Forscher um Chris O rgan von der H arvard University verglichen Z ahndaten , Körpergewicht u nd E rbgut von von nicht-m enschlichen Prim aten, von 14 ausgestorbenen H om iniden und dem m odernen M enschen. Sie kam en zu dem Ergebnis, dass H om o erectus im Vergleich verhältnism äßig kleine Backenzähne hatte, u nd sie schlossen daraus, dass er seine N ahrung über dem 67 Feuer zubereitet haben muss. D adurch w urden Fleisch, W urzeln u nd Samen weicher, große Backenzähne waren n ich t m ehr nötig. D och das Feuer hatte n ich t n u r praktische Vorteile wie W ärm e u nd Licht, Z ubereiten der N ah rung und Vertreiben von Raubtieren. W enn die N acht hereingebrochen war u nd alle M itglieder der H orde um das Feuer saßen, en t standen n ich t n u r ausgeprägte Gem einschaftsgefühle, sondern der Blick in das Feuer öffnete weite Räum e für Phantasie, Träume und H offnungen. Auch w enn wir heutige M enschen offene Feuer kaum noch benötigen, können wir uns, w enn die Flam m en knistern und die Funken in die N ach t fliegen, diesem Reiz kaum entziehen. H om o erectus konnte n icht n u r m it dem Feuer um gehen, sondern hat auch im Laufe seiner Entw ickung die Bearbeitung von Steinwerkzeugen vorange trieben. Aus zunächst einfachen Faustkeilen entstanden beidseitig bearbeitete, m it durchgehender Schneide versehene, lanzenförmige Faustkeile, Schaber, Spitzen u nd Bohrer. U nter dem reißerischen Titel „Vom Raubtier zum M en schen“ berichtete der Spiegel vor einigen Jahren über die A usgrabungen der „Forschungsstelle Bilzingsleben“ bei Erfurt. Professor D ietrich M ania hat dort m it seinem Team ein urzeitliches D o rf aus der Z eit vor ru n d 360 000 Jahren ausgegraben. Dabei hat er Ahlen, Dolche, Hackm esser u nd einen Faustkeil aus Elefantenknochen zu Tage gefördert (Spiegel vom 02.02.2004, S. 140 ff). A uf dem D orfplatz fanden sich neben Fischzähnen, K nochen von Bibern und H irschen auch die Überreste eines jungen Elefanten. A nhand von vielen Schä delfragm enten w urden die Bewohner der Siedlung als Vertreter von H om o erectus identifiziert. Sie lebten in G rashütten und jagten m it ihren Speeren Nashörner, Elefanten und Flusspferde. Unser Vorfahre verließ also die w arm en Savannen Afrikas und ist entlang dem subtropischen G ürtel in R ichtung O sten bis nach Südostasien u nd R ich tung W esten durch N ordafrika gezogen. Fossilien aus Georgien (D m anisi), die 1,7 M illionen Jahre alt sind, deuten darauf h in , dass er um das Schwarze Meer herum nach W esten, nach Europa zog. W eiter Fossilien w urden in einer H öhle in A tapuerca (Spanien) und in C eprano (Italien) gefunden, die auf ein Alter von 800 000 Jahren datiert w urden. U m 600 000 wagte der Frühm ensch den M arsch in kühlere Breiten, Fossilien w urden in M auer bei H eidelberg und später in dem bereits beschriebenen Bilzingsleben gefunden. Sogar in Süd england w urden H interlassenschaften von H om o erectus nachgewiesen. W enn 68 auch der Vorstoß ins nördliche Europa verm utlich w ährend der W arm zeiten erfolgte, so ist dies doch eine außerordentliche Pionierleistung: Unser Vorfah re aus Afrika, an die klim atischen Verhältnisse der Tropen gew öhnt, eroberte sich nach und nach die halbe W elt. D em nach hätte also H om o erectus im Unterschied zu Australopithecus, der unter anderem von toten Tieren lebte, die Jagd als M öglichkeit der N ah rungsbeschaffung für sich entdeckt und perfektioniert. Allerdings sei hier angem erkt, dass die B edeutung der Jagd für die Entw icklung zum M enschen oft überschätzt wird. Das Jagdglück ist launisch und viele A nthropologen sind sich einig, dass die erfolgreiche Jagd auf G roßtiere eher selten gelang. D er größere Teil der N ahrung bestand aus gesamm elten W urzeln, Pilzen, Samen und Beeren u nd Kleintieren wie Fröschen, Schnecken oder dem einen oder anderen H asen (vgl. D iam ond S. 53 ff). V erm utlich war auch der mehrfache Wechsel von Kalt- und W arm zeiten ein wichtiger N ährboden für zahlreich N euerungen: Feuerzeuge, Zelte und warm e Kleidung, “aber auch Gefäße aus Baum rinde sowie Decken, Taschen, Futterale“ (Spiegel S. 148) w urden entwickelt lange bevor H om o sapiens die Szene betrat. Die Entw icklung der Waffen u nd W erkzeuge, die Jagdtechniken, die N ahrungsbeschaffung u nd —zubereitung, die N u tzung des Feuers u nd die E n t w icklung vieler G ebrauchsgegenstände weisen darauf h in , dass schon H om o erectus über eine ausgeprägte K ultur verfügt haben muss. Zwar gibt es auch bei Säugetieren oder Vögeln Elem ente kultureller Entw icklung wie rud im en tärer W erkzeuggebrauch, Lernen von erwachsenen Tieren oder Z usam m en arbeit in der G ruppe. Aber die umfassende Art, die K om bination verschiede ner Elem ente und die E inbettung in die soziale Gem einschaft erm öglichten den Vertretern der G attung M ensch eine kulturelle Entw icklung, die au f der einm al erreichten Stufe eine perm anente Fortentw icklung und Verfeinerung erm öglichte und sich schließlich in verschiedenen Traditionen verfestigte. In dieser H insicht war H om o erectus ein w ürdiger Vorfahre. 69 11. Der Neandertaler - Leben in der Kälte Im Ü bergang zwischen H om o erectus u nd H om o sapiens gab es — wie gene rell in der Entw icklung zum M enschen — diverse Zw ischenform en und E n t wicklungslinien, deren Vertreter ausgestorben sind. Vor ru n d 130 000 Jahren entwickelte sich aus diesem Feld ein Vertreter, den wir schon länger kennen: der N eandertaler. D iesm al n ich t in Afrika, sondern in Europa und im N a hen O sten (Dawkins S. 103). Er lebte w ährend der gesamten Kälteperiode der letzten Eiszeit in Europa, war dam it über ru n d 60 000 Jahre Zeitgenosse von H om o sapiens u nd starb vor etwa 20 000 Jahren aus. D er N eandertaler hatte m it einem V olum en von bis zu 1800 K ubikzentim eter ein größeres G e h irn als wir heutigen M enschen; er hatte kräftige Augenbrauenwülste, einen stäm m igen Körperbau, kurze G liedm aßen u nd eine gewaltige Nase. Er muss hellhäutig und wenig behaart gewesen sein (R eicholf S. 203/204). Sicherlich war er ein äußerst flinker u nd gew andter Jäger, der schnell und ausdauernd laufen konnte. O b er schon Pfeil und Bogen benutzte, lässt sich aus dem vorliegenden M aterial n icht ersehen. K onnte er schon sprechen? An dieser Frage scheiden sich die Geister: Reicholf verneint dies (S. 205), andere W issenschaftler halten die Sprechfähigkeit für viel älter (Dawkins S. 110). Ich kom m e im nächsten Kapitel au f diese Frage zurück. D er N eandertaler lebte von der Jagd au f G roßtiere wie M am m ut, Wollnashorn und Riesenhirsch. Sein Gebiss war sehr kräftig u nd die starken K no chen zeugen von einer guten Versorgung m it M ineralien. „Es m uss ein kraft voller M enschenschlag gewesen sein, der den Lebensbedingungen der Eiszeit ungleich besser angepasst war als der heutige M ensch“ (Reicholf S. 206). D er N eandertaler konnte so kräftig werden und ein großes G ehirn entwickeln, weil der die eiszeitlichen G roßtiere jagte, deren Fleisch einen hohen Fettgehalt aufwies, der diese ihrerseits gegen die Kälte schützte. Dies war auch für den N eandertaler überlebenswichtig, denn fettreiches Fleisch erleichtert n icht nur das Anlegen eines eigenen Fettdepots, sondern erm öglicht auch eine große innere W ärm eproduktion. Ä hnlich wie den Eskimos stand auch den N ean dertalern in der eiszeitlichen T undra kein H olz als Feuer- und W ärmequelle 71 zur Verfügung. N ichtsdesto tro tz sind sie m it w arm en Fellen u nd hochwertiger fetter N ahrung gut über die R unden gekom m en. A uch die harten W inter, w enn die G roßtiere in ihre geschützteren W in ter standorte wechselten, konn ten sie gut überstehen, da die Fleischvorräte über dem eiszeitlichen D auerfrostboden wie in einem K ühlschrank aufbew ahrt werden konnten . D er N eandertaler hatte sich erfolgreich an die Verhältnisse der Eiszeit ange passt. Als geschickter Jäger hatte er in der Regel genügend Fleisch der G roß tiere vorrätig und verfügte som it über eine kalorienreiche m it allen wichtigen N ährstoffen angereicherte N ahrung. Die verschiedenen Fundorte von H in te r lassenschaften dieser M enschenart zeigen, wie eng sie m it dem Leben w ährend der Eiszeit verbunden waren. „ ... das V orkom m en der N eandertaler deckt sich m it den Regionen der eiszeitlichen Tundra in Eurasien“ (Reicholf S. 211). W enn er so erfolgreich war, w arum ist er dann ausgestorben? Die paradoxe A ntw ort lautet: W eil er so erfolgreich war! D er N eandertaler hatte sich optim al an seine eiszeitliche U m w elt angepasst, er war sozusagen Spezialist für die Eis zeit. Als diese W elt unterging, verschwand er m it ihr. Das trockene und kalte Klima der Eiszeit, das über Jahrtausende relativ sta bil war, änderte sich grundlegend: Es w urde wärm er und feuchter. H och und T ief wechselten häufig. D er D auerfrostboden taute u nd W älder drangen in breiter Front vor. Die eiszeitlichen G roßtiere wie M am m ut u nd W ollnashorn konn ten sich den neuen Bedingungen n ich t anpassen und starben aus. D am it war auch dem N eandertaler die Lebensgrundlage entzogen. N u n lebten im eiszeitlichen Europa n ich t n u r die N eandertaler. N achdem H om o sapiens vor ru n d 100 000 Jahren aus Afrika ausgewandert war, lebten beide M enschenarten m ehrere 10 000 Jahre nebeneinander. H atten sie K on takt untereinander? H aben sie sich bekriegt? H aben sie gemeinsam e Kinder gezeugt? Verm utlich gab es zwischen den beiden G ruppen das ganze Repertoire m enschlicher Verhaltenweisen; dies lässt sich allerdings kaum nachweisen. Die Frage, ob die heutigen Europäer irgendwelche Gene von den N eandertalern übernom m en haben, ist un ter W issenschaftlern heftig um stritten. Inzwischen ist jedenfalls das E rbgut der N eandertaler sequenziert und nach diversen Vergleichen steht fest: Zwischen einem u nd vier Prozent des m ensch lichen G enom s stam m en vom N eandetaler — und das gilt für alle M enschen 72 außer denen Afrikas. Das bedeutet, dass die W anderer aus Afrika zum indest m it N eandertalern aus dem N ahen O sten sexuelle K ontakte gehabt haben müssen. Dieses Erbe trugen sie dann in die ganze W elt — n u r n icht zurück nach Afrika (Tagesspiegel vom 7.5. 2010 ). U nter der Schlagzeile „Schützenhilfe aus dem N eandertal“ berichtet die Berliner Zeitung, dass w ir dem Techtelm echtel m it dem N eandertaler vor 50 000 Jahren unser starkes Im m unsystem zu verdanken hätten. D em nach sei die Fähigkeit unseres Körpers eine Vielfalt hochspezifischer A ntikörper zu bilden, dem Im m unsystem der N eandertaler zu verdanken, die doch bestens den harschen Bedingungen der Eiszeit angepasst waren (Berl. Z eitung vom 30.08. 2011). 73 12. Homo sapiens - Die Erfindung der Sprache Vor rund 200 000 Jahren betritt er in Afrika die Bühne — H om o sapiens. Er trägt statt Baumwolle die Felle erlegter Tiere, ansonsten unterscheidet er sich von uns heutigen M enschen nicht. W ahrscheinlich war er ziem lich schlank, weil es selten N ahrung im Überfluss gab, und verm utlich war er gesünder, weil er sich viel bewegte u nd ausgewogener ernährte. Was unterscheidet ihn n u n aber von seinen Vorfahren, dem K raftprotz aus dem N eandertal und H om o erectus? Es ist vor allem die Sprache. Die Sprache ist ein Produkt des Gehirns. Aber in ihren unzähligen M öglichkeiten weist sie weit über das Leistungsverm ögen eines einzelnen M enschen, eines einzelnen G ehirns hinaus. Sie ist das M edium , in dem sich die G ruppe, die G em einschaft verständigt. Sie bildet quasi ein kollektives Gehirn. U nd sie ver weist dam it in die Geschichte, in der die G ruppe ihre M ythen u nd Traditio nen im M edium der Sprache bew ahrt und weitergibt. Bis zur Erfindung der Schrift vor einigen Jahrtausenden war die Sprache über Jahrzehntausende das entscheidende K om m unikationsm edium zwischen den M enschen. Sprache erm öglicht es Zukünftiges zu erahnen, Vergangenes zu verstehen und so die G egenwart besser zu bewältigen. W ie kann m an aber wissen, dass H om o sapiens über eine Sprache verfügte, der N eandertaler, der m ehrere Jahrtausende in Europa zur gleichen Z eit lebte, jedoch nicht? U m eine differenzierte Sprache in unserem heutigen Sinne auszubilden, bedarf es eines angemessenen Sprechapparates. Die Lage von Z ungenbein und K ehlkopf gelten als Hinweis für die Fähigkeit artikuliert zu sprechen. Beim N eandertaler und allen anderen Vorläufern des m odernen M enschen saß der K ehlkopf deutlich höher, so dass diese n icht in der Lage waren differenziert zu sprechen. Deshalb konnte der N eandertaler die Potentiale seines großen G ehirns, das deutlich größer war als das unsere, überhaupt n icht ausschöpfen. D ie R ückkoppelung über die Sprache war n ich t vorhanden. Erst als sich der K ehlkopf beim m odernen M enschen um m ehrere Z entim eter absenkte, konn ten artikulierte Laute gesprochen werden, die Entw icklung der Sprache begin 75 nen. Das brachte zwar den N achteil m it sich, dass wir uns leicht verschlucken können, da die Eingänge von Luft- u nd Speiseröhre nun d icht beieinander liegen, w urde aber durch die n un entstehenden M öglichkeiten m ehr als auf gewogen (vgl. Reicholf S. 162 ff). Allerdings sind die A nw orten au f die Frage nach der Entstehung der Spra che ziemlich um stritten . Die Pariser Gesellschaft für Sprachforschung ging 1866 sogar soweit, die D iskussion über diese Frage zu verbieten, weil sie als n icht beantw ortbar eingestuft wurde. Z u m G lück hat sich die W issenschaft n icht an dieses Verdikt gehalten u nd so gibt es ziem lich unterschiedliche Ansätze. Einige W issenschaftler gehen davon aus, dass schon H om o erectus sprechen konnte. Dawkins referiert die verschiedenen Ansätze, kom m t aber selber aufgrund einer genetischen Analyse zu dem Ergebnis, dass die Fähigkeit zu sprechen vor weniger als 200 000 Jahren entstanden sein muss. Dies deckt sich recht gut m it der Entw icklung von H om o sapiens (Dawkins S. 109 ff). A uch der neuseeländische K ulturanthropologe Q uen tin A tkinson ana lysierte m ehrere hundert Sprachen u nd erm ittelte die Zahl der bedeutungs unterscheidenden Vokale, K onsonanten und T onhöhen (Phonem e). Er kam zu dem Ergebnis, dass die Sprachen m it der größten Vielfalt an Phonem en in Afrika im allgemeinen u nd Südwestafrika im besonderen gesprochen werden. A tkinson schließt aus seinen Ergebnissen, „dass der H om o sapiens im Südwes ten Afrikas die erste Sprache überhaupt gesprochen hat u nd dass aus ihr säm t liche andere Sprachen hervorgegangen sind“ (Berl. Z eitung vom 21.6.2011). A n dieser Stelle halte ich es für sinnvoll und notw endig, ein (erstes) Resümee zu ziehen. Z um einen, weil m an die N a tu r des M enschen n u r in der Zusam m enschau verstehen kann. Viele W issenschaftler, die sich m it dieser Frage beschäftigen, gehen von dem einen oder anderen M erkm al aus und ziehen dann weitrei chende Schlussfolgerungen. D och diese Vergehensweise halte ich für zu kurz gesprungen. N u r w enn alle w esentlichen Aspekte in ihren unterschiedlichen Z usam m enhängen auf der G rundlage einer klaren Vorstellung von der g rund legenden B estim m ung des M enschen zusam m engefügt werden, kann m an eine zufriedenstellende Vorstellung von der N atu r des M enschen gewinnen. Z um anderen bin ich m it m einen Ü berlegungen an einem Punkt angekom m en, an dem die biologische Entw icklung zum H om o sapiens abgeschlossen 76 ist, er ist genetisch fertig entwickelt. Alle weiteren V eränderungen in seinen Erbanlagen sind von geringer B edeutung im Vergleich zu der geschichtlichen Entw icklung, die sich n u n vollzieht. Von daher liegt es nahe, das Wesen, das n u n in die Geschichte ein tritt, noch einm al in seiner ganzen K om plexität in Augenschein zu nehm en. Die N aturgeschichte des M enschen beginnt n ich t erst m it der Trennung vom Schim pansen vor sechs bis sieben M illionen Jahren. Im G runde beginnt sie m it der Entw icklung der ersten Zellen. D och soweit zurück m öchte ich hier n ich t gehen — dies w ürde m ich in m einen Ü berlegungen in vielerlei H in sicht überfordern. Im übrigen gibt es Studien in diesem Zusam m enhang von dem russischen Psychologen Leontjew u nd im Anschluss an diesen von Klaus H olzkam p im R ahm en der Kritischen Psychologie. Ich halte es im R ahm en m einer Ü berlegungen für sinnvoller, m it den Säu getieren anzusetzen. Die frühen Säugetiere waren spitzm ausähnliche, kleine Tiere, die über M illionen Jahre im Schatten der großen Saurier lebten. Sie h a t ten gegen die großen Echsen keine Chance. D a sie aber eine geregelte K örper tem peratur entw ickelt hatten, konn ten sie in die Kühle der N ach t ausweichen (vgl. Reicholf S. 44 ff). In dieser ökologischen N ische waren sie vor den Beutezügen der Echsen einigerm aßen sicher, da diese in den kühleren N ächten eher träge w urden. Die frühen Säuger streiften also über M illionen von Jahren durch die N ach t und suchten nach ihrer bevorzugten N ahrung, nach Insekten. Für die O rien tierung in der N ach t waren die Augen allein n ich t ausrei chend. Die frühen Säugetiere entwickelten Tastsinn, G eruchssinn und G ehör zu neuen Höchstleistungen. W enn Sinne op tim iert w urden, bedeutet dies auch immer, dass entsprechende Areale im G ehirn auf- oder ausgebaut werden und dass diese Leistungen, sofern sie über G enerationen stabil bleiben, im G enom verankert sein müssen. Als der Einschlag eines riesigen M eteoriten vor 65 M illionen Jahren die H errschaft der Saurier beendete u nd die anschließende Im paktnacht und der Im paktw inter, den die Säugetiere überstanden, weil sie an das Leben in der N ach t gew öhnt waren, vorbei waren, begann ihre große Zeit. Sie übernahm en n u n auch die H errschaft über den Tag. U nd n ich t nu r das: Die Prim aten unter den Säugetieren eroberten sich auch den Luftraum . N ein, sie fingen n ich t an zu fliegen wie Vögel oder Fledermäuse. Ih r Revier w urden die K ronen der 77 Bäume, das Gewirr von Ästen, Zweigen, Luftwurzeln und Lianen. D ort gin gen sie au f die Jagd nach Insekten und au f die Suche nach reifen Früchten und jungen Trieben. Für diese Tätigkeit b rauchten die Prim aten n ich t nu r spezielle H in ter- und Vorderbeine, m it denen sie kraftvoll springen und präzise zugreifen konnten , sondern auch besondere Augen, m it denen sie dreidim ensional sehen konnten . N u r w enn die Gesichtsfelder der Augen sich bis zu einem gewissen G rad über schneiden, ist es m öglich, E ntfernungen präzise abzuschätzen, die Sprungw ei ten entsprechend durchzuführen u nd den Ast sicher zu greifen. A ußerdem verfügen die Prim aten im U nterschied zu allen anderen Säugetieren über ein ausgeprägtes Farbensehen, das sogenannte trichrom atische Farbensehen. W ährend die m eisten Säuger nur zwei Farben, näm lich Blau und G rün u n ter scheiden können, verfügen Prim aten über dreierlei Zapfen auf der N etzhaut, u nd zwar für die Farben Rot, G rün u nd Blau. Verm utlich hängt dies dam it zusam m en, dass die Affen durch die leuchtenden Farben der Früchte ange lockt werden (Dawkins S. 219 ff). Australopithecus verlässt den W ald. Er steigt von den Bäum en herab und erobert die Savanne. Er beherrscht den aufrechten G ang und hat die H ände frei für Betätigungen aller Art. M öglicherweise m acht er in dieser langen Zeit von m ehreren M illionen Jahren auch eine Phase als Wasser- oder K üstenbe w ohner durch und w ird m it dem Elem ent Wasser vertraut. H om o habilis hat sich in seiner körperlichen A usstattung m it Schweiß drüsen, dunkler nackter H au t und drahtigem H aar optim al an das tropische Klima der ostafrikanischen Savanne angepasst. U m an das begehrte Fleisch toter Tiere zu kom m en w ird er zum ausdauernden Läufer. In der Folge wächst sein G ehirn so stark, dass er den ersten Schritt zur M enschw erdung tu t und dam it zur G attung H om o zählt. D en nächsten Schritt zur M enschw erdung m acht H om o erectus. Sein G ehirn ist weiter gewachsen, u nd er verfügt über ausgefeilte Waffen und W erk zeuge. D urch die Jagd und das Sam m eln von Wurzel, Beeren und Samen hat er sich ein breites N ahrungsangebot verschafft. Vor allen D ingen hat er seinen A ktionsradius außerordentlich ausgedehnt und ist bis Arabien, Südasien und Südeuropa gewandert. Er nutzte das Feuer und lernte w ährend der Eiszeit auch das Leben am Rande des Eises kennen. 78 Schließlich sehen w ir H om o sapiens vor uns. Seine G ehirngröße hat sich in einem optim alen M aß eingependelt, so dass er die Kapazität voll ausschöp fen kann und die G eburt erfolgreich verläuft. M it diesem G ehirn und m it seinen geschickten H änden verfügt er über ein Instrum entarium , das ihm eine unendliche Fülle von M öglichkeiten erschließt. D urch die B enutzung der Sprache u nd eine hohe soziale K om petenz werden diese M öglichkeiten in den sozialen R aum fortgesetzt und dam it potenziert. A ußerdem kann er au f eine G enom struktur bauen, in der die wesentlichen Entw icklungen seiner Vorgänger gespeichert sind, seien es n u n E ntw icklun gen im Bereich der Sinne oder Erfahrungen aus verschiedenen Lebenswelten. H om o sapiens ist n icht nu r Allesfresser, er ist auch Alleskönner. Er ist G ene ralist par exellence. Er hat dam it ein Verm ögen entwickelt, das weit über seine Entstehungsbedingungen hinausweist. Er besitzt ein universelles Vermögen, das sich n ich t au f die Erde beschränkt, sondern au f das ganze Universum gerichtet ist. Z unächst jedoch geht H om o sapiens zu Fuß — und besiedelt die ganze Erde. 79

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References

Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.