Ausstieg in:

Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?, page 231 - 232

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172-231

Tectum, Baden-Baden
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Ausstieg Zweifellos sind m eine Ü berlegungen zur m enschlichen N atu r in mancherlei H insicht ziemliche spekulativ. D och bin ich davon überzeugt, dass die G rund idee von dem universellen Potential der M enschen in sich stim m ig ist, denn die vielfältigen Entw icklungen in der Geschichte der M enschheit sind nur er klärbar, w enn m an ein entsprechendes Potential voraussetzt. In der V erknüp fung der m enschlichen N atu r m it der Entw icklung von historisch erkäm pften Freiheitsräum en bleiben allerdings Fragen offen. W enn gewisse Freiheiten unabdingbar zur m enschlichen N atu r gehören, so hat es doch Jahrhunderte, w enn n ich t Jahrtausende gedauert bis Entw icklungen wie die attische D em o kratie oder die individuelle Freiheit der Bürger realisiert werden konnten . M it Sicherheit haben M enschen in allen historischen S ituationen mal m ehr mal weniger für ihre Freiheiten gekämpft, doch nur die beiden genannten sind welthistorisch bedeutsam geworden. W enn in diesem Zusam m enhang der V orw urf eines eurozentrischen D en kens n icht von der H an d zu weisen ist, so ist es aber nun einm al Tatsache, dass diese beiden genannten Entw icklungen in Europa stattgefunden haben, auch w enn wir diese Errungenschaften n ich t einer besonderen Begabung der Europäer zu verdanken haben, sondern den geographischen u nd politischen Bedingungen, welche die M enschen in Europa vorgefunden haben. Sie hatten einfach m ehr Glück. A uch w enn alle Völker mal m ehr mal weniger ihren Bei trag zu m enschlichen K ultur geleistet haben, was die Entw icklung von Frei heiten angeht, gingen die entscheidenden Im pulse von Europa aus. Sowohl die D em okratie in A then als auch die Entw icklung der Bürger- u nd M enschen rechte in K om bination m it einem durch Volkssouveränität, Gew altenteilung und geschriebenen Gesetzen dem okratisierten Staat sind Früchte europäischer Käm pfe für Freiheit und Selbstbestim m ung. A m wenigsten fundiert sind m eine Ü berlegungen zur G enom struktur des M enschen. Dass eine wie auch im m er geartete universelle Entw icklungsm ög lichkeit in den G enen verankert sein muss, ist eine logische Schlussfolgerung, die ich aber em pirisch n ich t beweisen kann. W eder b in ich G enetiker oder Biologe, noch ist die G enetik so weit, dass sie einen solchen Beweis erbringen könnte. Die W issenschaftler haben gerade mal das A lphabet bzw. die Buch- 231 stabenfolge des m enschlichen G enom s entschlüsselt u nd können einzelne W örter lesen, sind aber vom Verständnis einzelner Sätze oder gar der ganzen Geschichte noch weit entfernt. M an kann sich also n u r in G eduld üben und hoffen, dass die G enetik w eiterhin so erfolgreich voranschreitet wie in den letzten Jahren. Im letzten Kapitel ging es um die individuelle Entw icklung. Ich bin davon überzeugt, dass m an weder die Geschichte noch die Entw icklung des Individu ums verstehen kann, w enn m an die grundlegende Triebstruktur des M enschen außer A cht lässt: U nd diese ist das universelle Potential in Auseinandersetzung m it den vorgefundenen geschichtlichen u nd sozialen Gegebenheiten. 232

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Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.