Einstieg in:

Bernhard Uhrig

Affe oder Gott?, page 1 - 4

Wie der Mensch wurde, was er ist - und was er sein könnte

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4299-1, ISBN online: 978-3-8288-7217-2, https://doi.org/10.5771/9783828872172-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einstieg In m einer Z eit als „gläubiger M arxist“ studierte ich w ährend der zweiten H älfte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts an der dam aligen Pädagogischen H ochschule Berlin. D o rt lehrte der Professor für Philosophie, Friedrich Tom berg. In seinem Aufsatz „M enschliche N atu r in historisch-m aterialistischer D efin ition“ ist es ihm gelungen m enschliche N atu r u nd Geschichte in einem überzeugend dialektischen Verhältnis zusam m enzubringen. Er war dam it der erste und meines W issens auch einzige M arxist, dem es gelungen ist, den bei den m eisten M arxisten vorherrschenden p latten Soziologismus zu überw inden. Für m ich waren seine Thesen eine O ffenbarung. Schienen sie doch für meine Frage nach dem Verhältnis von biologischen und sozialen Faktoren in der Geschichte u nd in der Entw icklung des Individuum s eine überzeugende E rklärung bereit zu halten. D och die Geschichte der folgenden Jahre u nd Jahrzehnte verlief anders als erwartet: Innerhalb weniger Jahre verschwand der marxistische Ansatz nahezu vollständig aus der wissenschaftlichen und politischen D ebatte, und ich war dam it beschäftigt m einen Schülern D eutsch u nd Geschichte zu verm itteln. Gleichzeitig w underte ich m ich, dass über die vielen Jahre weder W issenschaft ler noch Publizisten den genialen G edanken Tombergs aufgegriffen haben. Jahr für Jahr fragte ich m ich, w ann kom m t endlich das Buch, das diese Idee aufnim m t und ausführt. Es kam nicht, und ich dachte mir, w enn niem and es tu t, muss ich es selbst schreiben. Allerdings hat m ein Glaube an den „wissenschaftlichen Sozialismus“ inzwi schen arg gelitten, so dass ich m ich heute eher als M aterialisten m it einem H ang zu Kants Philosophie bezeichnen würde. Was ist der M ensch? Diese Frage treibt schließlich alle um . D ie einen mehr, die anderen weniger. M ich hat un ter dieser Fragestellung vor allem das Verhältnis von biologischen und sozialen Faktoren interessiert. W elchen Stellenwert hat die genetische D isposition und welchen Einfluss haben die K onstellationen der Geschichte? Lange Z eit schien es ausgemacht, dass der M ensch als soziales W esen vor allem durch die Gesellschaft geform t wird, u nd dass biologische Gegeben heiten allenfalls am R ande eine Rolle spielen. 1 D och dann kam en Biologen wie D iam ond, Dawkins oder Reicholf und konn ten überzeugend darlegen, wie w ichtig geographische, klim atische und biologische Faktoren für die Entw icklung des M enschen waren u nd sind. Die ökologische D ebatte hat diese A kzentuierung au f eindrucksvolle Weise bekräftigt. D och m it dieser Verlagerung auf die biologische Seite tauchten neue Schwierigkeiten auf: D enn w enn der M ensch n u n als eine, w enn auch ungew öhnliche A rt der M enschenaffen, als d ritter Schim panse eingestuft wird, wo bleibt dann das Besondere des M enschen? Diese Fragen m öchte ich n u n in m einen Ü berlegungen verfolgen und in der naturgeschichtlichen u nd geschichtlichen Entw icklung des M enschen nach A ntw orten suchen. In diesem Sinne gliedern sich das Buch in vier große Kapitel: • Wer sind wir? In diesem A bschnitt geht es darum , den Kern der m enschlichen N atu r zu erörtern . Es w ird deutlich, dass der M ensch über ein universelles Vermögen verfügt, das ihm erlaubt, in den u n ter schiedlichsten u nd oft auch höchst elenden geschichtlichen Situationen zurecht zu kom m en, zu leben u nd zu überleben, zu arbeiten u nd zu feiern, K inder groß zu ziehen und alt zu w erden. Allerdings kann dieses gewaltige Potential im m er n u r im Alltag einer bestim m ten historischen Situation realisiert werden, und muss deshalb im m er Stückwerk blei ben . In diesem W iderspruch leben wir M enschen und m üssen dam it klar kom m en. U nd das ist gewiss n icht im m er einfach. • Woher kommen wir? Ü ber viele Entw icklungslinien vor allem der G attung Australopithecus u nd der G attung H om o führt der W eg vor ru n d 200 000 Jahren zum H om o sapiens. Er verfügt über ein kreatives G ehirn und geschickte H ände u nd ist ein ausdauernder Läufer. D urch seine hohe soziale K om petenz und die Fähigkeit zu sprechen eröffnet sich für ihn ein neuer sozialer Raum: die Geschichte. • Wohin gehen wir? Je nach S tandpunk t u nd Fragestellung lässt sich Geschichte sehr unterschiedlich interpretieren und akzentuieren. M ein A ugenm erk richtete sich vor allem auf die von M enschen erkäm pften Freiheiten, denn n u r diese sind die besten Voraussetzungen um das Potential der M enschen optim al zu realisieren. U nter dieser Frage stellung haben sich zwei L euchttürm e, die w elthistorisch bedeutsam 2 w urden, herauskristallisiert: die attische D em okratie u nd die Freiheits rechte der bürgerlichen Gesellschaft. • Individuelle Entwicklung. W eder Geschichte noch individuelle E n t w icklung lassen sich verstehen, w enn m an die grundlegende Trieb struk tu r des M enschen außer Acht lässt: D en W iderspruch zwischen universellem Potential und den vorgefundenen geschichtlichen und sozialen Gegebenheiten. 3

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Zusammenfassung

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Seit den letzten gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch hat die Gattung Homo eine atemberaubende Entwicklung genommen. Aus Menschenaffen wurde der moderne Mensch, der wie keine zweite Spezies in der Lage ist, die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen – und dies im Laufe der Menschheitsgeschichte mit immer größerer Macht und Selbstverständlichkeit auch getan hat. Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Welche Schritte absolvierte der Mensch auf seinem Weg in die Gegenwart? Und wie vollzieht jeder einzelne von uns seinen ganz persönlichen Evolutionsprozess – von der Geburt bis ins hohe Alter? Aufbauend auf den Ideen von Friedrich Tomberg und Jared Diamond eröffnet Bernhard Uhrig einen neuen, entwicklungsbasierten Blick auf den Menschen – ein Wesen, dessen universelles Vermögen fortwährend auf Verwirklichung drängt, auf halbem Weg zwischen Affe und Gott.