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Kaiserproklamation und Krieg um Italien in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 93 - 98

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-93

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kaiserproklamation und Krieg um Italien Maximilians Aussichten, tatsächlich bis nach Rom zu gelangen, schienen im Herbst des Jahres 1507 äußerst gering zu sein, da die Mächte Europas – allen voran Frankreich als ärgster Konkurrent Habsburgs – darum bemüht waren, ihn an diesem Vorhaben zu hindern. Die Venezianer ließen den König wissen, dass sie ihn nur als einfachen Pilger durchziehen lassen würden – wie einst seinen Vater. Der Habsburger beabsichtigte jedoch, als künftiger Kaiser in Rom zu erscheinen und eine entsprechende Heeresmacht mit sich zu führen. Dieser Plan sollte sich so allerdings nicht umsetzen lassen.239 Die viel zu geringe Hilfe – von den bewilligten 120.000 Gulden waren zu Beginn des Italienzuges kaum 40.000 eingegangen – stellte Maximilian vor ein schwerwiegendes Problem, das die Situation noch verschärfte. Er konnte zudem nur über rund 1000 Mann, rekrutiert aus den Reichstruppen, verfügen, statt der zugesagten 12.000 Reiter und Landsknechte. All das Kapital, das ihm das Reich versagte, versuchte der König durch Verkäufe von Herrschaften, Verpfändungen und Anleihen aus seinem Kammergut zu erlangen. Da dies bei weitem nicht ausreichte, erbat Maximilian von den Landtagen seiner österreichischen Erblande weitere Gelder und Truppenkontingente. Inständig hoffte er, dass sich die finanziell angespannte Lage lösen würde, sobald seine Truppen die überaus wohlhabende Lombardei erreicht hätten, um letztlich den italienischen Städten und Provinzen, so sein Ansinnen, die Kosten dieses Italienzuges aufbürden zu können.240 Da man im südlichen Alpenvorland etwa 8000 Venezianer vermutete, die sich dort an der Grenze zu Tirol sowie Innerösterreich verschanzt hielten, sah Maximilian keine andere Möglichkeit, als alle Pässe mit seinem Heer zu umgehen. Er fasste den Entschluss, über das im 239 Kohler: Maximilian I. und das Kaisertum, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 85 240 Hollegger: Maximilian I., S. 186 93 Flusstal der Etsch gelegene Trient nach Rom zu ziehen. Anfang Februar des Jahres 1508 standen im Raum von Trient rund 4000 Reiter und 3000 Landsknechte bereit – davon nur etwa 1000 Mann Reichstruppen. Verglichen mit der vereinigten, etwa dreifachen Kriegsmacht der Venezianer und den mit ihnen verbündeten Franzosen, die bereits alle Kräfte in der Lombardei zusammenzogen, ein geradezu klägliches Aufgebot. Maximilian war angesichts dieser militärischen Übermacht klar, dass dies für einen Italien- oder gar Romzug keinesfalls ausreichen würde. Zudem schien auch ein erneuter Waffengang mit Frankreich um Einfluss und territorialen Besitz in Italien – vorrangig ging es hier um das in französischen Händen befindliche einstige Reichslehen Mailand – unvermeidbar. Aus diesem Grund entschloss sich der Habsburger, den Kaisertitel umgehend anzunehmen – vorerst ohne Krönung. Ein so bedeutender und prestigeträchtiger Akt staatlicher Machtentfaltung schien die enormen Kosten seines Aufmarsches vor der Öffentlichkeit zumindest einigermaßen zu rechtfertigen. Der König hoffte immer noch, die Krönung durch den Papst in Rom eventuell zu einem späteren Zeitpunkt nachholen zu können. Die wenigen geistlichen und weltlichen Fürsten, die bereit gewesen waren, sich seinem Romzug anzuschließen, hatte Maximilian nach Trient beordert. Beim Einzug in die Stadt trugen er und seine Begleiter Pilgerkleidung – lange Mäntel, breitkrempige Muschelhüte, Pilgerstäbe und um den Hals den Rosenkranz. Dem Unternehmen sollte so der Nimbus einer frommen „Kirchfahrt“ gegeben werden, die ganz im Namen des vollkommenen „Gottesfriedens“ vonstatten ging.241 Am 4. Februar 1508 fand die feierliche Zeremonie in Trient statt und wurde, ganz im Sinne Maximilians, in überlieferten Traditionen abgehalten. In einer glanzvollen Prozession wurde der Habsburger zum Dom geleitet, wobei man alle Reliquien, die in der Stadt aufzufinden waren – vor allem der Schrein des seligen Simon von Trient – mitführte. Vergleichbar mit den Krönungszeremonien in Rom oder Aachen sollte auch die Kaiserproklamation in Trient ganz im Zeichen der Heiligen und ihrer Reliquien zelebriert werden. Maximilian, der in schwarzes Samt gekleidet auf einem Schimmel zum Dom ritt, wurde nur von wenigen Fürsten – kein einziger Kurfürst befand sich unter seiner Entourage – begleitet. 241 Wie Anm. 239, S. 85-86 Kaiserproklamation und Krieg um Italien 94 Etwas Glanz und Farbe verliehen dem Zug die rund 1000 Reiter, die die Fahnen des Reiches und des Heiligen Georg mit sich führten. Auf den Chorstufen des Domes wurde den anwesenden Fürsten und Rittern feierlich der Sankt Georgsorden verliehen. Diese Zeremonie diente wohl als Ersatz für den bei einem Romzug üblichen Ritterschlag zum „Goldenen Ritter“ auf der Tiberbrücke.242 Der Fürstbischof von Gurk in Kärnten, Matthäus Lang von Wellenburg, verkündete im Anschluss daran vom Ambo des Chores aus den festen Willen Maximilians, seinen Krönungszug nunmehr anzutreten. Nach alter Tradition sollte der Habsburger, so der Bischof, fortan nicht mehr als „Römischer König“, sondern als „Erwählter Römischer Kaiser“ angeredet werden. Am Ende der Kaiserproklamation gelobten die anwesenden Truppenkontingente dem Kaiser ihr feierliches Treueversprechen und ließen Vivat-Rufe folgen, die wohl größtenteils im Schall der Trompeten und dem Schlagen der Trommeln untergegangen sein dürften. Maximilian wurde in Trient weder gekrönt noch gesalbt und so blieb es bei dieser Proklamation begleitet von kirchlichen Segensgebeten und Fürbitten. Bei dieser Gelegenheit trug der Monarch erstmals die für diesen Anlass angefertigte sogenannte Infelkrone, eine Mitrenkrone, die wohl ihr Vorbild in einer ähnlichen Variante Kaiser Friedrichs III. findet und für Maximilian fortan die alleinige Funktion einer Kaiserkrone erfüllte. Der nunmehr erlangte Kaisertitel wurde durch den Papst umgehend bestätigt. Julius II. erhoffte sich mit diesem Schritt die tatkräftige Unterstützung des Monarchen gegen Venedig, das Territorien der Kirche bedrohte. Zugleich war es ihm unstreitig gelungen, den Habsburger samt seiner Heeresmacht von Rom ferngehalten zu haben. Julius hatte ihn mit einem „Pergament“ abgefertigt. Da Maximilian die Wahrung seines Ansehens und seiner Herrscherwürde ein besonderes Anliegen war, ließ er aus Anlass der Kaiserproklamation Gedenkmünzen prägen, die ihn hoch zu Ross, mit Krone und dem kaiserlichen Doppeladler zeigen. Erwartungsvoll hoffte er weiterhin auf eine baldige Krönung durch den Papst in Rom, wozu es allerdings nicht mehr kommen sollte.243 242 Ebd., S. 86-87 243 Wie Anm. 240, S. 189-190 Kaiserproklamation und Krieg um Italien 95 Noch in der gleichen Nacht verließ der Kaiser Trient, um sich mit seinen Truppen an die Grenzen Venedigs zu begeben, nachdem er zuvor noch einmal vergeblich um friedlichen Durchzug gebeten hatte. Die Signorie sperrte sich gegen alle kaiserlichen Vorschläge und wollte den Monarchen mit allen Mitteln am weiteren Vorrücken durch Italien hindern. Der Habsburger ließ noch Anfang Februar 1508 Einheiten – rund 2000 bis 3000 Landsknechte – unter Führung des Markgrafen Kasimir von Brandenburg gegen Rovereto unweit Verona vorrücken und beabsichtigte, die Veroneser Klause, ein von der Etsch durchströmter Engpass nordwestlich von Verona, in einer Zangenbewegung zu nehmen, um anschließend von der Lombardei aus gegen Venedig operieren zu können. Damit begann jener große Krieg um die Lagunenstadt und Italien, der über Jahre nicht nur die Apennin-Halbinsel, sondern auch weite Teile Europas mit üblen Verwüstungen überziehen sollte.244 Das kaiserliche Heer war jedoch zu schwach, um seinen Gegnern begegnen oder ernsthaft gefährlich werden zu können. Die schwerste Niederlage dieses ersten kurzen Feldzuges erlitt das kaiserliche Heer Anfang März 1508 im Cadore, einer von den Dolomiten umrahmten Tallandschaft in Venetien, wo die Venezianer den Kaiserlichen in einer engen Schlucht den Durchzug mit Hilfe von Steinlawinen unmöglich machten und alle bis auf den letzten Mann hinmetzelten.245 Der Doge von Venedig ließ diesen Sieg voll Genugtuung vom jungen Tizian an die Wand des großen Ratssaales seines Palastes malen. Im weiteren Verlauf besetzten die Venezianer neben Kirchenbesitz die ganze Halbinsel Istrien, Fiume in Venetien und die Grenzmark Krain – allesamt habsburgische Territorien. Um weiteren Gebietsverlusten zu entgehen, schloss Maximilian am 6. Juni 1508 mit Venedig im Kloster Santa Maria delle Grazie bei Arco einen Waffenstillstand. Daraufhin zog der Kaiser über Süddeutschland an den Rhein und weiter nach Burgund, wo seine diplomatisch versierte Tochter, Erzherzogin Margarethe, als Statthalterin der sogenannten habsburgischen Niederlande mit Frankreich in Verhandlung trat und eine Wendung der politischen Lage in die Wege zu leiten versuchte. Da der französische König erbost da- 244 Hermann Wiesflecker: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 4: Gründung des habsburgischen Weltreiches. Lebensabend und Tod. 1508-1519, München 1981, S. 12, S. 15 245 Ebd., S. 18-19 Kaiserproklamation und Krieg um Italien 96 rüber war, dass die mit ihm verbündete Stadtrepublik Venedig einen Waffenstillstand mit dem Kaiser geschlossen hatte, war er durchaus verhandlungsfreudig und zeigte sich zu diplomatischen Konzessionen bereit.246 246 Wie Anm. 244, S. 19-22 Kaiserproklamation und Krieg um Italien 97

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.