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Außenpolitischer Systemwechsel – Ausgleich mit Frankreich in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 83 - 86

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-83

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Außenpolitischer Systemwechsel – Ausgleich mit Frankreich Maximilian kam nicht umhin einzusehen, dass Mailand kurzfristig wohl kaum zurückerobert werden könnte und sich seine anvisierte Vorherrschaft in Europa mit Waffengewalt nicht würde erringen lassen. Allenfalls mit Hilfe kluger Diplomatie, weitsichtiger Koalitionen und langfristiger Heiratsbündnisse schien sich ein Wandel herbeiführen zu lassen. Die politische Situation lief unvermindert auf einen Zweikampf der Häuser Habsburg und Valois hinaus. Inwieweit Maximilian, der sich ausschließlich auf seine Hausmacht stützen konnte, in einem Duell mit dem französischen König würde bestehen können, bliebe noch abzuwarten. Der Habsburger erkannte nur allzu deutlich, dass ein Ausgleich mit Frankreich letzten Endes die einzige Lösung wäre, wenn er sein politisches Gleichgewicht wiederfinden und sich unter den Mächten Europas behaupten wollte.221 Ein Bündnis mit dem König von Frankreich sollte aber trotz mühevoller Verhandlungen vorerst noch nicht zustandekommen. Es blieb bis auf weiteres bei einem Waffenstillstand, dem der römisch-deutsche König im Jahre 1501 nur allzu gerne zustimmte und den keine Seite gefährden wollte. Zu groß war zudem das Mißtrauen Maximilians gegenüber Ludwig.222 Für einen Bündnis- und Friedensvertrag mit dem Habsburger forderte der Franzose die Belehnung mit Mailand und damit die Anerkennung seiner italienischen Eroberungen, wozu der Habsburger sich nur schwerlich hätte bereitfinden können. Maximilian wusste nur allzu gut, dass Ludwig sich mit Mailand nicht begnügen würde, zumal der französische König sich bei all seinem Handeln der Unterstützung durch Papst Alexander VI. sicher sein konnte, der eindeutig auf Seiten Frankreichs stand. Als der Borgia-Papst allerdings im August 1503 221 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 144 222 Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter, S. 164-165 83 starb, trat eine völlig neue Situation ein. Mit der Wahl seines Nachfolgers, Pius III., eines Freundes und Unterstützers der Habsburger, am 1. November schien zugleich auch eine Kaiserkrönung Maximilians in Rom mit einem Mal aussichtsreicher zu werden, als all die Jahre zuvor. Papst Pius saß jedoch nur zehn Tage auf dem Stuhl Petri und zum neuen Stellvertreter Christi wählte man Kardinal Giuliano della Rovere als Julius II., der wiederum als großer Gönner Frankreichs galt. Zur allgemeinen Überraschung lud der neue Papst den römisch-deutschen König in die Ewige Stadt ein, da er die Romfahrt des Monarchen geradezu als kaiserliche Pflicht verstand.223 Auch in Italien hatte sich die Konstellation zwischenzeitlich vollkommen verändert. Frankreich und das mit ihm verbündete Aragón waren zur Jahresmitte 1502 über die Teilung Neapels, der gemeinsamen Kriegsbeute, in Streit geraten. Da die Franzosen, die mittlererweile auch ganz Mittelitalien als ihren Einflussbereich ansahen, eindeutig im militärischen Vorteil waren, wandte sich Ferdinand von Aragón hilfesuchend an Maximilian. Gebunden durch das Reichsregiment vermochte es der Habsburger nicht, das Reich zum militärischen Eingreifen zu bewegen. Zumindest aber gelang es ihm, den Oberbefehlshaber der aragonesischen Expeditionsarmee, Gonzalo Fernández de Córdoba, den seine Truppen voll Bewunderung „Gran Capitán“ nannten, mit Landsknechten, schweren Waffen und Artillerie zu unterstützen. Rund 3000 Kämpfer aus dem Reich standen den Spaniern in Unteritalien zur Seite und waren wohl entscheidend am bald darauf erfolgten Sieg über Frankreich beteiligt. Am 29. Dezember 1503 suchte das französische Heer am Ufer des mittelitalienischen Flusses Garigliano die Entscheidung gegen die Spanier und wurde vernichtend geschlagen. Da die Niederlage der Franzosen derart verheerend war, mussten sie die Apenninhalbinsel räumen und Unteritalien samt Neapel befand sich fortan im Besitz Ferdinands von Aragón.224 Ludwig XII. blieb keine andere Möglichkeit, als mit dem Habsburger einen Frieden zu schließen, der, versehen mit einem umfangreichen Vertragswerk, erst am 4. April 1505 auf der alten Reichsburg zu Hagenau im Elsass ratifi- 223 Wie Anm. 221, S. 145 224 Hermann Wiesflecker: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 3: Auf der Höhe des Lebens. 1500-1508. Der große Systemwechsel. Politischer Wiederaufstieg, München 1977, S. 73, S. 75-77 Außenpolitischer Systemwechsel – Ausgleich mit Frankreich 84 ziert werden sollte. Der Ausgleich mit Frankreich bot dem römischdeutschen König die Chance, in die europäische Großmachtpolitik zurückzukehren. Um die Jahreswende 1503/04 war der außenpolitische Systemwechsel vollzogen. Das Bündnis mit Frankreich führte den Habsburger aus der wohl heikelsten Lage seines Lebens heraus, auch wenn er nicht umhin kam, die Belehnung des französischen Königs mit Mailand durch den Papst als friedenssicherndes Zugeständnis zu tolerieren. Maximilian hatte nun aufgrund der aus habsburgischer Sicht vorteilhaften Verträge mit Frankreich den Rücken frei für alle akut anstehenden Angelegenheiten der Reichspolitik.225 225 Wie Anm. 222, S. 186-187, S. 191 Außenpolitischer Systemwechsel – Ausgleich mit Frankreich 85

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.