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Augsburger Reichstag des Jahres 1500, Entmachtung im Reich, Türken- und Ungarnfrage in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 79 - 82

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-79

Tectum, Baden-Baden
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Augsburger Reichstag des Jahres 1500, Entmachtung im Reich, Türken- und Ungarnfrage Am 10. April des Jahres 1500, dem Tag der Eröffnung des Augsburger Reichstages, wurde der Mailänder Herzog in französische Gefangenschaft abgeführt. Das alte Reichslehen Mailand ging bis auf weiteres an Frankreich. Es sollte Maximilian nicht gelingen, eine Freilassung Ludovicos zu erreichen und so starb dieser 1508 in französischer Gefangenschaft. Der Verlust Mailands war für den Habsburger auch deshalb ein so schwerer Schlag, da ihm der Herzog als Finanzier seiner kriegerischen Unternehmungen unersetzlich war. Als im Mai 1500 die Verhandlungen des Reichstages begannen, ging der Erzkanzler und Kurfürst von Mainz, Berthold von Henneberg, am Rande wohl auch auf den Verlust der Reichsrechte in Italien ein. Tatsächlich aber hatte er, wie der Verlauf des Reichstages zeigen sollte, vorrangig die Etablierung eines kurfürstlich dominierten Reichsregiments im Sinn, das den König weitgehend entmachten und die Reichsstände entsprechend stärken würde.214 Italien oder Mailand spielten im Machtkalkül der Stände nicht die geringste Rolle. Maximilian ließ sich in seinem Streben nach finanziellen Mitteln auch dieses Mal nicht beirren und brachte auf dem Reichstag den Vorschlag einer Verbesserung der Steuerordnung vor, da der Gemeine Pfennig bis dato nahezu wirkungslos geblieben war. Ohne Überlassung des Reichsregiments würde es, so die Bedingung der Stände, keine verbesserte Steuerordnung geben. Die Fürsten schienen vorrangig darauf bedacht zu sein, die Zwangslage des Königs auszunutzen und ihm auch den Rest seiner Herrschaftsrechte zu nehmen. Konsequent wurde Maximilians Einfluss zurückgedrängt und es blieb ihm letztlich nichts anderes übrig, als nahezu alle Königsrechte, zu- 214 Heil: Maximilian I. und das Reich, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 98-99 79 mindest vorübergehend, an die Reichsfürsten abzutreten, wollte er nicht für alle Zeiten auf eine Kriegssteuer und auf die Aufstellung eines Reichsheeres verzichten. Obgleich zwar auf dem Augsburger Reichstag beschlossen, wurde ein solches Heer in der Folgezeit nie aufgestellt. Die Landsknechte, die dem Habsburger manches Mal treu gedient hatten, sahen sich fortan gezwungen, ihren Sold unter französischen Fahnen zu verdienen.215 Am 2. Juli 1500 wurde vom Reichstag die neue Regiments- und Steuerordnung verkündet, die die bestehende Reichsverfassung von Grund auf veränderte. Als Gegenleistung für die Übertragung nahezu aller Hoheitsrechte an die Stände, stellte man dem König eine Steuerhilfe in Aussicht. Die Verteidigung Reichsitaliens und Mailands, worauf es Maximilian eigentlich ankam, fand keine weitere Beachtung mehr. Die Kurfürsten und Fürsten verließen den Augsburger Reichstag als Gewinner. Ihnen war es, wenn zwar auch nur für knapp zwei Jahre, bis März 1502, gelungen, die inneren Angelegenheiten des Reiches maßgeblich bestimmen sowie beeinflussen zu können. Auf Dauer sollte sich ein ständisch-zentralistisch angelegtes Reichsregiment allerdings nicht etablieren lassen, denn die Autorität des Königs beziehungsweise Kaisers blieb auch weiterhin unantastbar.216 Etwa zur selben Zeit, im Sommer des Jahres 1500, wurden Maximilians bislang eher vage Erbhoffnungen auf Ungarn durch die Anbahnung einer Heirat des bisher kinderlosen ungarischen Königs Wladislaw II. mit der französischen Prinzessin Anne de Foix-Candale, die schließlich im September 1502 auch zustande kam, grundsätzlich in Frage gestellt. Der König von Frankreich beabsichtigte, dem habsburgisch-spanischen Heiratsbündnis mit einem wirksamen französischen Gegenbund im Osten zu begegnen und förderte dieses Vorhaben unablässig, zumal es sich bei der zukünftigen Braut um eine Cousine seiner Gemahlin, Anne de Bretagne, handelte. Im östlichen Europa gelang es Ludwig XII. zudem am 14. Juli 1500 mit Polen, Litauen und auch Ungarn, die sich allesamt völlig schutzlos einer möglichen Attacke seitens des Osmanischen Reiches ausgesetzt sahen, eine Liga zur Abwehr der Türken auf den Weg zu bringen. Die allgemein vorherr- 215 Wie Anm. 214, S. 99 216 Ebd. Augsburger Reichstag des Jahres 1500, Entmachtung im Reich, Türken- und Ungarnfrage 80 schende Kreuzzugsstimmung jener Zeit kam ihm hier zweifellos sehr entgegen.217 Das Osmanische Reich war in der Tat eine ernstzunehmende Großmacht, die sich in ausgezeichneter Kriegsverfassung befand und über stehende Elitetruppen, die Janitscharen, verfügte. Vor diesem Hintergrund wird das Bedauern des Habsburgers umso verständlicher, das Magyarenreich nicht durch Erbschaft baldmöglichst mit seinem Haus vereinigen zu können, um im Notfall über einen Aufmarschraum gegen die Gefahr aus dem Osten zu verfügen. Ungarn wurde seit jeher als Bollwerk der Christenheit gegen die Türken angesehen. Gerade an den Grenzen der österreichischen Erbländer empfand man die Bedrohung freilich als weitaus gravierender, denn im Inneren des Reiches. Seit Generationen rief man sich Abend für Abend beim Schlag der „Türkenglocke“ diese Gefahr ins Gedächtnis. Man war sich der Tatsache absolut bewußt, dass die Osmanen die Eroberung Ungarns wie auch Italiens planten.218 Als erstes sollte, so plante das osmanische Sultanat in Konstantinopel, der „rote Apfel“, also Rom, der Sitz des Papstes, fallen. Sobald dieses Ziel erreicht worden wäre, sollten Ofen – der Sitz des Königs von Ungarn – und Wien – die Hauptstadt des Kaisers – folgen. Die Türkenfrage sah Maximilian, trotz seiner vorrangigen Orientierung nach Westen, als eine Hauptaufgabe seiner Herrschaft an. Mit Hilfe eines zukünftigen Kreuzzuges plante der Habsburger den Islam aus Europa zu vertreiben. Als oberster Herrscher der christlichen Welt sah er sich mit einem solchen Vorhaben persönlich in die Pflicht genommen, zumal während des Sommers 1500 venezianische Kolonien, die Insel Korfu sowie die beiden befestigten Kastelle Koron und Modon auf dem Peloponnes, in türkische Hand gefallen waren und damit die Brisanz der drohenden Gefahr vor aller Augen sichtbar wurde.219 Die Bilanz gegen Ende des Jahres 1500 fiel für Maximilian eher ernüchternd aus. Die Gefahr eines französisch-ungarischen Bündnisses, wie es bereits zu Zeiten des Ungarnkönigs Matthias Corvinus bestanden hatte, stand nunmehr wieder im Raum. Maximilian musste die 217 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 2, S. 163, S. 167-168 218 Mustafa Soykut: Mutual Perceptions of Europe and the Ottoman Empire, in: Helmrath, Kocher, Sieber (Hrsg.): Maximilians Welt, S. 141, S. 145-146 219 Ebd., S. 147-148 Augsburger Reichstag des Jahres 1500, Entmachtung im Reich, Türken- und Ungarnfrage 81 ungarisch-französische Heirat als Einkreisung seiner österreichischen Erbländer empfinden und schilderte seinen Landständen die Gefahren, die er aufgrund der politischen Konstellation heraufziehen sah, in durchwegs düsteren Farben. Nach der Verdrängung aus Reichsitalien schien dem Habsburger sogar der Verlust der Kaiserkrone möglich und er befürchtete, durch Ungarn und Franzosen aus seinen österreichischen Erblanden vertrieben zu werden. Vollkommen unbegründet schien diese Angst in der Tat nicht zu sein, da es noch nicht allzu lange her war, dass sich der vormalige Ungarnkönig Matthias Corvinus in Wien niedergelassen hatte. Hinzu kamen die militärischen und politischen Niederlagen der jüngeren Vergangenheit – etwa der unglückliche Ausgang des Schweizerkrieges, der Verlust des Mailänder Verbündeten sowie die Entmachtung auf dem Augsburger Reichstag – die ihn letztlich erkennen ließen, dass nur eine Änderung seiner außenpolitischen Strategie ihn aus dieser Ohnmacht würde herausführen können.220 220 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 2, S. 416-417 Augsburger Reichstag des Jahres 1500, Entmachtung im Reich, Türken- und Ungarnfrage 82

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.