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Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 73 - 78

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-73

Tectum, Baden-Baden
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Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands Als zu Beginn des Jahres 1499 bei Maximilian die ersten Meldungen vom Ausbruch eines militärischen Konfliktes der schweizerischen Eidgenossen mit dem Schwäbischen Bund – einem Zusammenschluss der schwäbischen Reichsstände und maßgeblichen Verbündeten des Habsburgers – eintrafen, begab sich der in höchstem Maße beunruhigte Monarch auf schnellstem Weg an die Schweizer Grenze. Die Eidgenossen, die bis dato den römisch-deutschen König formal auch als den ihrigen anerkannt beziehungsweise sich als Glieder des Heiligen Römischen Reiches gesehen hatten, waren ohne Zögern auf die Seite Frankreichs getreten, nachdem der französische König ihnen als Gegenleistung volle Unterstützung im Kampf gegen Maximilian und die mit ihm verbündeten Schwaben zugesichert hatte. Ihr Bündnis mit dem Herzog von Mailand, dem zugleich einzig verbliebenen Bundesgenossen des Habsburgers, gaben die Schweizer dafür ohne weiteres preis. Derart gewappnet waren sie guten Mutes, einen Waffengang gegen den römisch-deutschen König, das Reich sowie die ihnen verhassten Schwaben, Tiroler und Vorderösterreicher aufnehmen zu können.201 Den Eidgenossen widerstrebten die auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1495 vereinbarten Reichsreformen zutiefst. Sie sprachen sich gegen Neuerungen und vor allem gegen die allgemeine Steuer, den Gemeinen Pfennig, aus. Zudem stellte die Eingliederung der bis dahin unabhängigen freien Reichsstadt Konstanz in den Schwäbischen Bund im November 1498 für die Schweizer eine arge Provokation dar.202 201 Alois Niedrstätter: Der Schwaben- oder Schweizerkrieg. Die Ereignisse und ihre Bedeutung für Österreich-Habsburg, in: Peter Niederhäuser, Werner Fischer (Hrsg.): Vom „Freiheitskrieg“ zum Geschichtsmythos. 500 Jahre Schweizer- oder Schwabenkrieg, Zürich 2000, S. 55-56 202 Bernhard Stettler: Reich und Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert, in: Niederhäuser, Fischer (Hrsg.): Vom „Freiheitskrieg“ zum Geschichtsmythos, S. 18-20 73 Den eigentlichen Kriegsausbruch hatten letztlich Grenzstreitigkeiten zwischen dem seit 1497 formell der schweizerischen Eidgenossenschaft zugehörigen Graubünden, wo die Habsburger im Verlauf des 15. Jahrhunderts Besitz erworben hatten, und Tirol, das Mitglied des Schwäbischen Bundes war, im Januar 1499 ausgelöst. Hierbei ging es allerdings nicht nur um lokale Reibereien, die die habsburgische Präsenz vor Ort nach sich zog, sondern auch um politisch-strategische Interessen. Das vollständig im Gebiet der Alpen gelegene Graubünden besass für Maximilian eine ganz wesentliche verkehrstechnische Bedeutung – die Verbindung nach Mailand –, seinem wichtigsten Verbündeten gegen Frankreich. Die Eidgenossen beunruhigten aber nicht nur die Spannungen, die sich aus der Überschneidung gemeinsamer Interessensgebiete ergaben, sondern auch der erhebliche Machtzuwachs der Habsburger aufgrund des burgundischen Erbes.203 Seit jeher wehrten sich die eidgenössischen Bürger und Bauern vehement gegen jedwede Form von Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten und Freiheiten oder gar machtpolitische Übergriffe. Maximilian hätte dieses tapfere Bergvolk, dessen Kriegstüchtigkeit er schätzte, nur allzu gerne enger an sich gebunden und ihre Unterstützung im Kriegsfall je nach Bedarf in Anspruch genommen. Seit den Burgunderkriegen, seit ihren großen Siegen bei Grandson (1474) und Murten (1476) galten die Schweizer als eine ernstzunehmende Kriegsmacht, die im Feld ohne weiteres neben den Großmächten Europas bestehen konnte und weit über ihre Grenzen hinaus geachtet und gefürchtet war.204 Auch aus politischer Hinsicht wäre dem Habsburger nichts lieber gewesen, als die Schweizer im Rahmen eines dauerhaften Bündnisses in den Reichsverband einzugliedern. Doch die Eidgenossen, die sich durchaus dem Heiligen Römischen Reich zugehörig fühlten, erinnerten sich nur allzu gut an Maximilians gewaltbereite Art während der Burgunderkriege und begegneten ihm von daher mit Mißtrauen. Als ihren Erzfeind betrachteten die Schweizer aber den Schwäbischen Bund, der bereits im Jahre 1488 unter tatkräftiger Mitwirkung Kaiser 203 Wie Anm. 201, S. 54 204 Hans-Joachim Schmidt: Kaiser Maximilian I. und die Schweizer. Vom regionalen Konflikt zum europäischen Mächtekampf, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 108 Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands 74 Friedrichs III. zur Wahrung des Landfriedens im Südwesten des Reiches gegründet worden war. Durch dieses Bündnis sahen die Eidgenossen ihre Freiheit massiv bedroht. Ein Schutz- und Trutzbündnis mit dem König von Frankreich bestand seit November 1495 und sicherte den Schweizern im Falle eines Krieges den entsprechenden Rückhalt zu.205 Nachdem sich Anfang Februar 1499 zwischen den Gegnern weitere Gewalttätigkeiten im Alpenrheintal ereignet hatten, wollten offenbar beide Parteien, sowohl der Schwäbische Bund wie auch der überwiegende Teil der Eidgenossen, die militärische Konfrontation und lie- ßen entsprechende Truppenverbände an den Grenzen aufmarschieren.206 Westlich des Bodensees überschritten die Schweizer am 12. Februar den Rhein, stiessen alles verwüstend und brandschatzend in die schwäbischen Gebiete vor und eroberten nahezu die gesamten österreichischen Vorlande bis zum Arlberg. Zwischen Februar und April 1499 sollten die Eidgenossen in allen Kämpfen siegreich bleiben. Bei der Schlacht im Schwaderloh, einem Gebiet unweit von Konstanz, am 11. April 1499 erbeuteten sie von den Reichstruppen, die Maximilian noch von Geldern aus hatte in Marsch setzen lassen, den größten Teil der Artillerie. Im gleichen Monat gelang es den Schweizern bei Frastanz nahe Feldkirch im Vorarlberger Walgau, am Ausgang des Illtals, die zahlenmäßig überlegenen Schwaben und Tiroler zu schlagen, wobei sie etliche der feindlichen Soldaten in den Fluss Ill trieben, der zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Schneeschmelze in den Bergen Hochwasser führte. Auf Seiten der österreichischen beziehungsweise königlichen Truppenverbände sollen mindestens 2000 Mann allein in dieser Schlacht gefallen sein.207 Die Reichsstände stellten dem Habsburger in diesem Konflikt nur in sehr geringem Umfang Truppenkontingente zur Verfügung und bewiesen damit ihrem König gegenüber zum wiederholten Male eine wenig hilfreiche, geradezu ablehnende Haltung. Seitens der schwäbischen Städte sah es nicht wesentlich besser aus, denn sie schickten zur Vertei- 205 Ebd., S. 109 206 Wie Anm. 201, S. 56-57 207 Niederstätter: Schwaben- oder Schweizerkrieg, in: Niederhäuser, Fischer (Hrsg.): Vom „Freiheitskrieg“ zum Geschichtsmythos, S. 57, S. 61-62, S. 64-65 Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands 75 digung ausnahmslos schlecht ausgebildetes und ungeübtes Kriegsvolk, das den Schweizern von Anfang an bei weitem unterlegen war. Derart isoliert war man auf königlicher Seite schlichtweg nicht in der Lage, koordiniert und zielgerichtet zu handeln. Selbst die Maximilian treu ergebenen Tiroler nutzten diese Kampfhandlungen hauptsächlich zu ihren eigenen Gunsten und führten im unteren Engadin einen Raubund Plünderungszug sondersgleichen.208 Der Habsburger, der Ende April 1499 die Führung seiner Truppen übernommen hatte, plante vom tirolerischen Vinschgau aus den entscheidenden Schlag gegen Graubünden zu führen, um so den Krieg möglichst rasch zu beenden. Da er aber nur über geringe Kontingente verfügte und auf Kapital sowie Verpflegungsnachschub angewiesen war – beides stellte ihm der Mailänder Ludovico Moro zur Verfügung –, war die Lage für den König von Anfang an eher desolat. Ludovico hoffte, dass Maximilian ihm für diese Hilfestellung gegen Frankreich würde beistehen können, das ohne Zweifel einen Überfall auf Mailand plante. Die Graubündner schienen die sich anbahnende Gefahr geahnt zu haben, denn noch ehe der Habsburger mit seinen Truppen vor Ort eintreffen konnte, überfielen sie am 22. Mai 1499 die Stellungen der Tiroler an der Calvener Schanze, einer Talenge, die das Münstertal vom Vinschgau trennt, und bereiteten den Tirolern die wohl schwerste Niederlage des gesamten Krieges.209 Da sie die Truppen der Tiroler sowohl von vorne, als auch von hinten angegriffen hatten, war es ihnen gelungen, deren Verbände vollkommen aufzureiben. An die 4000 Bauern des Tiroler Landsturms sollen bei den Kampfhandlungen umgekommen sein. Die Ritter, die unweit des Geschehens zum Eingreifen bereit standen, hatten auf dem Höhepunkt des Kampfes die Flucht ergriffen und so den Landsturm der Vernichtung preisgegeben. Maximilian schien durch diese Niederlage schwer getroffen zu sein, zumal als er erfuhr, wie schändlich sich seine Reiter verhalten hatten. Der Wohlstand der umliegenden Täler war für mindestens eine Generation zugrunde gerichtet worden.210 Ein von Maximilian befohlener Gegenschlag ins Engadin blieb militärisch ohne jeglichen Nutzen, da die Kontingente der Bündner den 208 Wie Anm. 204, S. 110-111 209 Wie Anm. 207, S. 65-66 210 Ebd. Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands 76 königlichen Verbänden auswichen. Die mangelnden finanziellen und personellen Ressourcen machten in Folge weitere Kämpfe am südlichen Kriegsschauplatz unmöglich. Zu aIlem Übel schlug dann im Juli auch der Vorstoß des Grafen Heinrich von Fürstenberg, Feldhauptmann der vorderösterreichischen Lande, gegen Solothurn, Bern und Freiburg im Üechtland, also im Schweizer Mittelland, zur Entlastung des Habsburgers fehl. In der Schlacht bei Dornach, unweit von Basel, fügten die Eidgenossen am 22. Juli dem dort eher sorglos lagernden Heer des Grafen empfindliche Verluste zu. 3.500 Mann sollen dort, inklusive Fürstenbergs, getötet worden sein. Artillerie, Kriegskasse und Wagenburg fielen in die Hände der siegreichen Schweizer. Die Hoffnung Maximilians, diesen Krieg erfolgreich beenden zu können, schien damit endgültig vereitelt worden zu sein.211 Um das Unglück noch zu vollenden, trafen bei Maximilian die verzweifelten Hilferufe Ludovico Moros ein, dass der französische König im Begriff sei, Mailand anzugreifen. Der Habsburger solle, so der Herzog, schnellstmöglich mit den Eidgenossen Frieden schließen und ihm zur Hilfe kommen. Schon bald darauf blieben die Mailänder Hilfsgelder aus und an eine Fortsetzung des Krieges mit den Schweizern war nicht mehr zu denken. Aber auch die Eidgenossen ließen dem König mitteilen, sie seien einem Waffenstillstand oder Frieden durchaus zugetan. Beide Seiten waren erschöpft und es bestand keine Aussicht mehr, eine endgültige militärische Entscheidung der Auseinandersetzung herbeizuführen. Maximilian schickte nun eine Friedensgesandtschaft nach Basel, zumal das Reich und der Schwäbische Bund bereits begonnen hatten, ihre Truppenkontingente abzuziehen. Ende August 1499 einigte man sich auf die Friedensartikel und am 22. September wurde, vor allem unter Vermittlung Mailands, zu Basel der endgültige Frieden geschlossen. Im Kern hielt der Friedensvertrag am status quo, also an einer auch weiterhin nicht näher verpflichtenden Zugehörigkeit der Schweiz zum Verbund des Reiches, fest. Österreichs Herrschaftsrechte in Graubünden blieben bestehen. Alle Eroberungen während des Krieges waren gegenseitig zurückzuerstatten. Maximilian sah die Basler Artikel offenbar nur als Intermezzo an, doch letztlich sollte dieser Friede die Vorgaben für Jahrhunderte liefern. Das Haus 211 Wie Anm. 207, S. 67 Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands 77 Habsburg war fortan aus schweizerischem Gebiet, abgesehen von Besitzungen in Graubünden, endgültig verdrängt.212 In jenen Tagen, im Herbst des Jahres 1499, vollzog sich auch das Schicksal Ludovico Moros und seines Herzogtums Mailand, das der Habsburger stets als Bestandteil des deutschen Kaisertums betrachtet hatte. Der Herzog war samt seines Hausschatzes vor den Franzosen, die innerhalb kurzer Zeit ganz Mailand unterwarfen, an den Innsbrucker Hof geflohen. Ludovico gelang es zwar im Januar des folgenden Jahres mit in aller Eile angeworbenen 12.000 Mann die Hauptstadt seines Herzogtums vorübergehend zu besetzen, doch letztlich verlor er sein Land an Frankreich. Maximilian konnte ihn bei seinem Abwehrkampf nur mit bescheidenen Mitteln unterstützen. Eine etwaige Hilfe des Reiches ließ sich nicht vermitteln, da die Reichsstände dies zu umgehen wussten, indem sie die Eröffnung eines beschlussfähigen Reichstages so lange hinauszögerten, bis jede Hilfe für den Bedrängten zu spät kam.213 212 Wie Anm. 207, S. 68-69 213 Schmidt: Maximilian I. und die Schweizer, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 112-113 Schweizer- und Schwabenkrieg sowie Verlust Mailands 78

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.