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Habsburgisches Kaisertum unter Friedrich III. – Aufstieg und Hausmachtbildung in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 7 - 10

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-7

Tectum, Baden-Baden
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Habsburgisches Kaisertum unter Friedrich III. – Aufstieg und Hausmachtbildung Das Kaisertum im Heiligen Römischen Reich unter den Habsburgern schien seit Generationen jeglicher realer Macht beraubt zu sein. Um die kaiserliche Stellung wieder zu kräftigen, wäre eine starke Hausmacht von Nöten gewesen. Gerade diese Schwäche hatte jedoch die Kurfürsten bewogen, Erzherzog Friedrich aus dem Hause Habsburg im Jahre 1440 zum deutschen König und somit zum künftigen Kaiser zu wählen. Da Angelegenheiten des Reiches über die Jahre zu Belangen des Erzhauses geworden waren, zeigte das Reichsgebilde in diversen Bereichen gravierende Auflösungserscheinungen. Friedrich III. fühlte sich zu wenig kompetent, eine umfassende Reichsreform in die Tat umzusetzen. Dynastische Interessen – insbesondere Grenz- und Erbstreitigkeiten – bestimmten das Handeln des Kaisers in den Reichslanden.12 Neben familiären Streitigkeiten im Erzhaus um Herrschaftsund Einflussgebiete setzten Landfriedensbrüche sowie marodierende Banden, die weite Teile der Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten, der Aufrechterhaltung kaiserlicher Macht stark zu. Hungersnöte, Seuchen und Heuschreckenplagen erschwerten die Lage zusätzlich. In Folge dieser Entwicklung blieben die Steuern aus. Um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, ließ der Kaiser in zunehmendem Maße minderwertige Münzen prägen, die sogenannten Schinderlinge, wodurch sich die Wirtschaftslage immens verschlechterte.13 Dieser Prozess trug wiederum zu einem Anwachsen des Einflusses der Stände und des Adels bei, da der Landesherr gezwungen war, verstärkt auf deren finanzielle und militärische Hilfe zurückzugreifen. Mochte Friedrichs Kaisertum zu jener Zeit auch schwach und 12 Heinz-Dieter Heimann: Die Habsburger. Dynastie und Kaiserreiche, München 2001, S. 39-41 13 Heinrich Koller: Kaiser Friedrich III., Darmstadt 2005, S. 255-256, S. 259 7 von Gegnern angefochten sein, so schien es doch durch das gute, fast freundschaftliche, Verhältnis zum Papst abgesichert zu sein.14 Die Krönung zum Kaiser durch Papst Nikolaus V. im März des Jahres 1452 in Rom war mit Sicherheit einer der Höhepunkte im Leben Friedrichs. Er war der vorletzte römisch-deutsche Kaiser, der vom Papst gekrönt wurde, und der letzte, bei dem dies in der Ewigen Stadt geschah. Es schien, als habe sich der Monarch mit Hilfe dieser Krönung neben dem Papst an der Spitze der christlich-abendländischen Welt etablieren können. Bald schon sollten Kirche und Reich ihr festes Bündnis unter Beweis stellen müssen.15 Mit dem Fall Konstantinopels an das Osmanische Reich Ende Mai 1453, war das Abendland gefordert, die Gefahr einer Invasion der Türken abzuwehren. Gewaltige Heere des Islam würden in naher Zukunft, so war zu erwarten, die Grenzen Ungarns und Österreichs bedrohen.16 Wie aber konnte das Heilige Römische Reich, ein Staatsgebilde ohne feste Ordnung, dieser neuen Großmacht am Rande Europas entgegentreten? Den angrenzenden Nachbarn der habsburgischen Erblande blieb nichts anderes übrig, als sich selbst gegen die einfallenden Türken, die 1456 vor Belgrad erschienen waren, zu verteidigen.17 Nicht nur die Osmanen bedrohten Friedrichs Erzherzogtum, sondern auch dessen Bruder, Erzherzog Albrecht VI., Regent Vorderösterreichs – also jenes Landesteils, der die Reste habsburgischen Besitzes in Schwaben, im Allgäu, in der Schweiz und im Vorarlberg umfasste – brachte den Kaiser in Bedrängnis.18 Albrecht forderte das österreichische Erbe des im Jahre 1457 verstorbenen Ladislaus Postumus, eines nachgeborenen Sohnes Albrechts II., des vormals letzten Königs von Ungarn und Böhmen aus dem Hause Habsburg. Da Albrecht II. während eines Feldzuges gegen die Türken im Herbst 1439 einer Seuche, wohl der Ruhr, zum Opfer gefallen war, übernahm Friedrich, als Vetter der nächste männliche Verwandte König Albrechts, die Vormundschaft für seinen vier Monate 14 Karl-Friedrich Krieger: Die Habsburger im Mittelalter. Von Rudolf I. bis Friedrich III., Stuttgart ²2004, S. 178-180 15 Ebd., S. 188, S. 191 16 Steven Runciman: Die Eroberung von Konstantinopel 1453, München 1966, S. 138-145 17 Wie Anm. 13, S. 139-140 18 Heimann: Die Habsburger, S. 41 Habsburgisches Kaisertum unter Friedrich III. – Aufstieg und Hausmachtbildung 8 nach dem Tod des Vaters geborenen Neffen.19 Mit Ladislaus' Ableben fiel nun die Verbindung weg, die die österreichischen Erblande mit Ungarn und Böhmen zusammengehalten hatte. Der Kaiser besaß nicht die Ressourcen, den Abfall dieser Königreiche vom Haus Habsburg aufzuhalten. Albrecht VI. beanspruchte allerdings neben der Erbmasse des Ladislaus auch die niederösterreichischen Länder inklusive Wien, der Residenzstadt Friedrichs. Damit schien der habsburgische Besitz in Österreich vor der Aufspaltung zu stehen.20 Diesem Bruderzwist, der daraufhin entlang der Donau entbrannte, sollten bürgerkriegsähnliche Zustände folgen, die sich über Jahre hinzogen. Plündernde und mordende Banden zogen durch das Land und versetzten dessen Bewohner unablässig in Angst und Schrecken. Wien lag im Zentrum dieser verheerenden Heimsuchungen und Kampfhandlungen. Über einen Zeitraum von sieben Wochen wurde der Kaiser im Herbst 1462 mitsamt seiner Familie und dem dreijährigen Maximilian in der Hofburg belagert. Friedrich war nicht bereit, seinen Widerstand aufzugeben und seinem Bruder Albrecht die Herrschaft zu überlassen. Letztlich konnte die kaiserliche Familie durch eine Söldnertruppe, die im Auftrag des böhmischen Königs Georg von Podiebrad eingriff, befreit werden.21 Dem abziehenden Kaiser schrie der Wiener Pöbel noch „Khets gen Graetz“22 (Haut ab nach Gratz) und „König der Juden“23 hinterher. In seiner Residenzstadt galt der Steirer Friedrich als landfremd und sah sich aus diesem Grund von Anfang an üblen Schmähungen ausgesetzt. Dieses entwürdigende Erlebnis sollte zu Maximilians frühesten Erinnerungen an seine Kindheit gehören. Mit dem überraschenden Tod Albrechts VI. im Dezember 1463 war die ursprüngliche Ordnung ganz von selbst wieder eingetreten und die Familie des Kaisers konnte nach Wien zurückkehren. Eine Vielzahl an Fehden veranlasste Friedrich für die kommenden drei Jahre seine Residenz in der Burg in Wiener Neustadt einzurichten und bis 19 Ebd. 20 Wie Anm. 14, S. 195-196 21 Koller: Friedrich III., S. 145-147, S. 152 22 Zit. nach: Alphons Lhotsky: Geschichte Österreichs seit der Mitte des 13. Jahrhunderts (1281-1358), Graz-Wien-Köln 1967, Bd. 2, S. 155 23 Ebd. Habsburgisches Kaisertum unter Friedrich III. – Aufstieg und Hausmachtbildung 9 auf weiteres nicht in der Hofburg zu residieren.24 Die Stärke Kaiser Friedrichs III. bestand wohl in der Fähigkeit, abwarten zu können. Er verlor die kommende Größe des Hauses Habsburg letztlich nicht aus den Augen und bereitete entscheidende Schritte für seinen Nachfolger vor, die dieser, zumindest teilweise, auch dereinst würde umsetzen können.25 24 Wie Anm. 21, S. 153, S. 159 25 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 236-237 Habsburgisches Kaisertum unter Friedrich III. – Aufstieg und Hausmachtbildung 10

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.