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Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 63 - 68

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-63

Tectum, Baden-Baden
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Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit Der Habsburger musste erkennen, dass er mit einer militärischen Unterstützung des Reiches wie auch steuerlichen Hilfen für den bevorstehenden Italienzug nicht zu rechnen brauchte. Vergeblich hatte er versucht, die Fürsten davon zu überzeugen, dass die Stellung des Kaisers und dessen Herrschaft über das christliche Abendland auf dem Besitz Italiens beruhten. Mochten die Reichsstände auch keinen Kriegsgrund gegen Frankreich sehen, so waren die Ligamächte, allen voran Mailand und Venedig, hingegen darum bemüht, den römisch-deutschen König mit diversen Versprechungen für einen baldigen Zug nach Italien zu gewinnen. Den Verbündeten Maximilians ging es vorrangig um die Vertreibung der Franzosen aus Italien. Ihm selbst war allem Anschein nach nichts dringlicher, als endlich die Reichsrechte in Italien wiederherzustellen und Frankreich vernichtend zu schlagen, um so seine lang ersehnte Universalherrschaft begründen zu können.182 In Worms hatten die Reichsstände „zur Rettung Italiens“ zumindest eine bescheidene finanzielle Hilfe in Aussicht gestellt. So war es möglich, zunächst ein Truppenkontingent nach Mailand zu entsenden, um entsprechende Einsätze vor Ort, je nach Bedarf, dirigieren zu können. Ende Juli 1496 traf Maximilian mit dem Herzog von Mailand, dem päpstlichen Nuntius, den Gesandten Venedigs, der spanischen Königreiche sowie den Vertretern diverser italienischer Fürstentümer im oberen Vinschgau zusammen, um die Größe eines gemeinsamen Heeres zur Niederschlagung Frankreichs auszuhandeln. Man einigte sich schließlich auf eine Kriegsmacht von insgesamt 75.000 Kämpfern, die Frankreich von allen Seiten angreifen sollte. Dies war der sogenannte „große Plan“ des Habsburgers, den seine Verbündeten so aber 182 Ebd., S. 98 63 nicht mittragen wollten.183 Sie dachten eher an Hilfsmaßnahmen im Augenblick größter Bedrohung, wollten ansonsten aber das Mächtegleichgewicht in Europa gewahrt wissen. Eine starke Reichsherrschaft in Italien war genauso wenig in ihrem Sinne wie eine Hegemonie Frankreichs. Was Maximilian letztlich wirklich bewogen haben mag, trotz des eklatanten Mangels an Kapital und Truppen nach Italien zu ziehen, dürfte wohl in erster Linie jene alte, ehrwürdige Tradition des Romzuges und der Kaiserkrönung durch den Papst gewesen sein. Auch der Überfall des französischen Königs auf Italien wird ihn zu raschem Handeln bewegt haben. Zudem schien der Zeitpunkt überaus passend zu sein, da die Ligamächte dem Habsburger jene Hilfe in Aussicht stellten, die ihm die Reichsstände bisher verwehrt hatten. Als zusätzliche Geldquelle für den König erwies sich die notgedrungen in die Wege geleitete Verpfändung der Tiroler Silber- und Kupferminen an das Bankhaus der Fugger in Augsburg. Dennoch war seine finanzielle Lage derart beklemmend, dass er den Reisehofstaat seiner Gemahlin Bianca Maria nur mit Mühe bei diversen Wirten und Herbergen auslösen konnte.184 Maximilian wollte diesen Italienzug, in dessen Rahmen er letztlich auch die Kaiserkrönung durch den Papst in Rom zu erlangen hoffte, um jeden Preis wagen; er hatte die Gefahren des bevorstehenden Unternehmens ein ganzes Jahr lang abgewogen und war sich eines möglichen Scheiterns durchaus bewusst. Der Habsburger plante, von Genua aus mit italienischen Schiffen und Truppen nach Frankreich überzusetzen, in der Provence anzulanden und so das Zeichen zum Einfall zu geben. Truppen aus dem Reich, Italien, Aragón und Kastilien sowie Burgund sollten anschließend, so der Plan, auf Paris vorrücken. Maximilian hoffte, neben den Mitgliedstaaten der Liga letztlich ganz Europa mobilisieren zu können, um Frankreich ein wahres Fiasko zu bereiten.185 Er hielt die Gesamtlage für so günstig, dass er das Abenteuer wagte und im August 1496 mit knapp 300 bewaffneten Reitern von Innsbruck aus über die Alpen nach Norditalien in die Lombardei zog. Auf anderen Wegen folgten ihm kleinere Verbände nach Italien. Kein Reichsfürst hatte sich jedoch bereit gefunden, ihn bei diesem Wagnis 183 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 397-398 184 Hollegger: Maximilian I., S. 98-99 185 Ebd., S. 100 Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit 64 zu begleiten. Sobald die Italiener der geringen Heeresmacht Maximilians gewahr wurden, hielten auch sie sich in zunehmendem Maße mit ihrem Engagement zurück. Zu allem Übel fielen auch die anderen Ligamächte peu á peu von ihm ab. Selbst mit Hilfe seines Sohnes Philipp vermochte der Habsburger Burgund nicht zum Kriegseintritt gegen Frankreich zu bewegen. Diese persönliche Intervention des Königs mit einem viel zu geringen Truppenaufgebot sollte im November 1496 mit einer herben Niederlage vor der toskanischen Hafenstadt Livorno enden.186 Trotz seines akuten Hilfegesuches an den ab August 1496 bis Februar 1497 in Lindau tagenden Reichstag ließ man Maximilian bei seinem Vormarsch in Italien und bei den folgenden Kämpfen gegen die französische Flotte vor Livorno im Oktober 1496 weder finanzielle Unterstützung, noch weitere Truppenkontingente zukommen. Der Vorwurf der Reichsstände lautete, Maximilian habe ohne Erlaubnis der Reichsfürsten den Italienzug eigenmächtig begonnen. Für die angedachte Kaiserkrönung in Rom wäre eine explizite Zustimmung der Reichsstände allerdings gar nicht von Nöten gewesen. In all diesen Ausflüchten offenbarte sich die Hinhaltetaktik der in Lindau tagenden Fürsten nur allzu deutlich. Auf dem Reichstag zu Worms war seinerzeit einstimmig eine Hilfe für den Zug des Habsburgers nach Italien beschlossen worden.187 Notgedrungen bediente sich Maximilian der Steuereinnahmen des Erzherzogtums Österreich, um so seinen begonnenen Feldzug fortsetzen zu können. Dies trug ihm eine Rüge der Reichsstände ein, da er, so lautete der Vorwurf, die Gelder nicht ordnungsgemäß an den Schatzmeister des Reiches abgeführt habe. Den gesamten Herbst hindurch verweigerten die Stände ihrem König beharrlich jegliche Unterstützung, brachten zudem keine nennenswerten Reformen auf den Weg und erreichten, was sie von Anfang an beabsichtigt hatten – den Abbruch des Italienzuges und die Rückkehr Maximilians.188 Die kontraproduktive Haltung des Lindauer Reichstages, die Unzuverlässigkeit der Ligamächte, die Gefahr französischer Landungsun- 186 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 44 187 Alfred Kohler: Kaiser Maximilian I. und das Kaisertum, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 84-85 188 Whaley: Das Heilige Römische Reich, Bd. 1, S. 104-105 Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit 65 ternehmen in Italien sowie der einbrechende Winter zwangen den Habsburger schließlich dazu, das Unternehmen einzustellen. Bei Regen, Schnee und Eis begab sich Maximilian samt seines verbliebenen, geschwächten Heeres im Spätherbst 1496 über den ligurischen Apennin, das Wormser Joch und das obere Inntal zurück nach Innsbruck.189 Das Ansehen des Königs erlitt aufgrund dieses Rückzuges bei den italienischen Verbündeten immensen Prestigeverlust. Dennoch war Maximilian nicht willens, den Italienzug des Jahres 1496 als endgültige Niederlage anzusehen – eher als ein unglückliches Intermezzo. Die Wiederherstellung der Reichsrechte in Italien blieb auch weiterhin eines seiner vorrangigen Ziele. Trotz all seiner Versuche, den Ligavertrag neu zu fassen, war das Bündnis nur noch Makulatur und sollte sich in absehbarer Zeit – zur Jahreswende 1498/99 – letztlich selbst auflösen.190 Nach seiner Rückkehr ließ der König dem unnachgiebigen, noch bis Februar 1497 in Lindau tagenden, Reichstag die Botschaft überbringen, dass er keinesfalls aufgeben oder den eigenmächtigen Anordnungen der Stände Folge leisten werde. Er fürchte weder Ränkespiele noch den Teufel in der Hölle, gab Maximilian unmißverständlich zu verstehen. Die Fortführung der begonnenen Reichsreform sei, so der König, auch von einer soliden Reichssteuer abhängig, ohne die ein Monarch nicht regieren könne. Über die Vorwürfe des Habsburgers gaben sich die Stände zumindest nach außen hin bestürzt bis erschrocken und signalisierten ihm größeres Engagement bei der Eintreibung des Gemeinen Pfennigs. Letztlich aber galt das vorrangige Streben der Reichsfürsten auch weiterhin nichts geringerem als der uneingeschränkten Regierungsgewalt im Reich. Der Dissens zwischen dem Kaiser und den Reichsorganen war zu diesem Zeitpunkt kaum mehr zu übersehen.191 Aus dem Streit der europäischen Mächte um Italien war nach jahrelangen Verhandlungen, die Maximilian mit König Ferdinand von Aragón bedächtig und zunächst eher zurückhaltend geführt hatte, jene 189 Hermann Wiesflecker: Kaiser Maximilian I. Das Reich, Österreich und Europa an der Wende zur Neuzeit, Bd. 2: Reichsreform und Kaiserpolitik. 1493-1500. Entmachtung des Königs im Reich und in Europa, München 1975, S. 116-118 190 Ebd., S. 120-121, S. 123 191 Hollegger: Maximilian I., S. 85, S. 101 Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit 66 habsburgisch-spanische Doppelheirat zwischen Erzherzog Philipp und Infantin Juana sowie zwischen dem Infanten Juan und der Erzherzogin Margarethe am 5. November 1495 zustandegekommen. Diese dynastische Verbindung kann wohl als die folgenreichste der frühen Neuzeit gelten, da sie, verknüpft mit gegenseitigen Erbverträgen, die Vorherrschaft der Habsburger in weiten Teilen Europas begründete. Der gemeinsame Feind Frankreich hatte beide – Österreich und die spanischen Königreiche – in einer Koalition, die rund zwei Jahrhunderte bestehen sollte, vereint. Der Habsburger sah in dieser Heirat freilich auch eine Möglichkeit, seiner desolaten Finanzlage begegnen zu können.192 Aufgrund der Verzögerungen durch den Italienzug konnte Philipp erst im Herbst 1496 das Beilager mit Juana zu Lier, unweit Antwerpen, vollziehen, womit die bereits Anfang November 1495 per Ferntrauung geschlossene Ehe vollgültig und unauflöslich wurde. Tochter Margarethe sollte ihre Hochzeit erst im April 1497 zu Burgos in Kastilien feierlich begehen können. Die spanische Doppelhochzeit brachte Maximilian und seinem Haus letztlich einen weitaus größeren Erfolg ein als alle seine kriegerischen Unternehmen.193 192 Karl Vocelka: Die Europäisierung der habsburgischen Hausmachtpolitik, in: Klaus Herbers, Florian Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert. Herbst des Mittelalters – Frühling der Neuzeit?, Regensburg 2012, S. 209-210 193 Wie Anm. 192 Italienzug, Reichstag von Lindau 1496/97 und Spanische Doppelhochzeit 67

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.