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Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 57 - 62

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-57

Tectum, Baden-Baden
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Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 Nach seiner Ankunft in den burgundischen Ländern entließ Maximilian seinen Sohn Philipp, der zwischenzeitlich das 16. Lebensjahr erreicht hatte, auf ausdrücklichen Wunsch der Generalstände im September 1494 vorzeitig aus der Vormundschaft und übertrug ihm offiziell die Regierung in Burgund. Erbherzog Philipp zog nun von einer Stadt zur nächsten, um sich als neuem Herrn huldigen zu lassen. In Gent ließ er sich allerdings vertreten, da er seinen Missmut über das rebellische Verhalten der Stadt während des Erbfolgekrieges öffentlich kundtun wollte. Nach den langen Erbstreitigkeiten hatte sich der Separatismus in den burgundischen Territorien so weit abgeschwächt, dass fortan ein Mittelweg zwischen landesfürstlicher Herrschaft und ständischer Autonomie als durchaus miteinander vereinbar akzeptiert wurde.170 Das vorrangige Ziel Maximilians nach Entlassung des Sohnes aus der Vormundschaft bestand vor allem darin, nicht alle seine Rechte einer Mitregentschaft an den burgundischen Rat zu verlieren. Um seinen Einfluss auf Burgund auch in Zukunft sicherstellen zu können, richtete der Habsburger eine Regiments- und Hofordnung ein, die klar auf die Struktur des burgundischen Gesamtstaates zugeschnitten war und, zumindest dem Anschein nach, in keinster Weise mit dessen Anspruch auf Eigenständigkeit kollidierte. Es sollte Maximilian jedoch nicht gelingen, die Finanzen der burgundischen Gebiete und Österreichs in der Hand eines verantwortlichen Generalschatzmeisters zu vereinen, um auf diese Weise frei über das Kapital der wohlhabenden burgundischen Länder verfügen zu können, die er wie ein weiteres Ensemble an Erblanden zu behandeln gedachte.171 170 Kamp: Burgund, S. 100-101 171 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 384 57 Schon bald zeigte sich, dass der burgundische Rat Philipp, dessen Verhältnis zum Vater nie sonderlich eng gewesen war, gänzlich beherrschte und für sich eingenommen hatte. Die jahrelange Beeinflussung des Sohnes durch die Stände, in deren Obhut er sich befand, trat nun offen zu Tage. Über jegliche Einmischungsversuche Maximilians setzte sich der selbsbewußte Rat in zunehmendem Maße hinweg. Seinen Beratern folgend suchte Philipp zudem einen dauerhaften Frieden mit Frankreich.172 Anfang September 1494 hatte Maximilian vom Einmarsch des französischen Königs in Italien erfahren und musste machtlos zusehen, wie die Franzosen innerhalb weniger Monate Neapel samt Unteritalien besetzten. Diese Invasion drohte das bestehende Mächtegleichgewicht in Europa umzuwerfen.173 Seit dem 14. Jahrhundert hatte die Reichshoheit in Italien zwar immer mehr an Bedeutung und Einfluss verloren, doch war der Habsburger nicht bereit, hier gänzlich auf einen Anspruch des Reiches zu verzichten. Im Wesentlichen hatte das geographisch nicht genau eingrenzbare „Königreich Italien“ der lombardischen Könige im Hochmittelalter, als deren Nachfolger die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sich sahen, Ober- und Mittelitalien umfasst. Der Monarch beanspruchte die Lehenshoheit über diverse Fürstentümer und Stadtstaaten wie Mailand, Genua, Bologna, Florenz und Pisa – wobei manche Forderung als umstritten galt.174 Insbesondere Mailand stand im Widerstreit der Interessen, da ja auch Frankreich Ansprüche auf das Herzogtum anmeldete. An erster Stelle aber beanspruchte der französische König Neapel. Binnen weniger Monate war es Karl VIII. gelungen, die Apenninhalbinsel zu überrennen, im Februar 1495 als Sieger in Neapel einzuziehen und ganz Süditalien zu unterwerfen. Florenz, das zu jener Zeit ganz im Banne des Sittenpredigers Savonarola stand, hatte sich gleich nach Erscheinen Karls in Italien auf die Seite Frankreichs geschlagen. Die mittelitalienische Stadt, Residenz der Medici, wurde so für einige Zeit Hauptstütz- 172 Wie Anm. 170, S. 101-102 173 Bulst: Karl VIII., in: Ehlers, Müller, Schneidmüller (Hrsg.): Die französischen Könige des Mittelalters, S. 345 174 Joachim Whaley: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und seine Territorien, Darmstadt 2014, Bd. 1, S. 100-102, S. 104 Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 58 punkt der französischen Partei im Land. Über die bestehenden Reichsrechte in Florenz – ebenso wie in Pisa und Siena – setzte sich der französische König ohne weiteres hinweg.175 Maximilian fühlte sich durch den französischen Einfall in Italien herausgefordert und war nicht bereit, die Ereignisse widerstandslos hinzunehmen. Bis auf weiteres hielt er aber in Form unverbindlicher Verhandlungen die Verbindung zum König von Frankreich aufrecht, um den Abschluss der Liga von Venedig nicht zu gefährden. Am 31. März 1495, spät in der Nacht, wurde dieser auch Heilige Liga genannte Bund, initiiert durch Papst Alexander VI., im venezianischen Dogenpalast zwischen dem Apostolischen Stuhl, dem Heiligen Römischen Reich, den Königreichen Aragón und Kastilien, dem Herzogtum Mailand sowie der Republik Venedig geschlossen. Diese Vereinbarung war als Schutz- und Verteidigungsbündnis gegen das Hegemonialstreben Frankreichs gerichtet, mit dem vorrangigen Ziel, den französischen König aus Italien zu verteiben. Offiziell war dieser Pakt, wie zumeist, als eine Allianz gegen das Osmanische Reich deklariert worden.176 Maximilian sah es als persönlichen Verhandlungserfolg an, dass alle Unterzeichner der Liga seinen noch ausstehenden traditionellen Romzug zu unterstützen versprachen. Als es tatsächlich soweit sein sollte, sah die Realität freilich anders aus. Für den Habsburger war die Liga von Venedig wohl auch deshalb von so großer Bedeutung, da er nicht auf die überaus reichlichen Einkünfte aus Reichsitalien verzichten wollte. Das Herzogtum Mailand für sich genommen, brachte ihm mehr Gelder ein, als das gesamte Reich an Steuern leisten konnte. Der Abschluss der Liga traf das in Neapel stehende französische Heer vollkommen überraschend.177 Nachdem aragonesische Heere in Unteritalien gelandet waren und die Venezianer die apulischen Küstenstädte besetzt hatten, sah sich der französische König gezwungen, einen raschen Rückzug einzuleiten. Karl konnte ungehindert über die Apenninenpässe nach Frankreich zurückkehren, denn Maximilian befand sich zu eben diesem Zeitpunkt, im Frühjahr 1495, auf dem soeben einberufenen Reichstag zu Worms. 175 Wie Anm. 173, S. 345-346 176 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 43-44 177 Hollegger: Maximilian I., S. 97-98 Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 59 In jenen Wochen, die der römisch-deutsche König zwischen Ende März und Anfang August in Worms festsaß, hätte durchaus eine entscheidende Wende im Konflikt mit Frankreich in Italien herbeigeführt werden können. Die auf dem Reichstag versammelten Reichsstände waren jedoch, unter dem Vorwand, seit langem überfällige Reformfragen lösen zu wollen, nicht bereit, sofortige Hilfsgelder und ein entsprechendes Truppenaufgebot für den laufenden Feldzug in Italien zur Verfügung zu stellen. Den französischen König vermochten die Ligamächte alleine nicht aufzuhalten oder gar zu stellen. Karl VIII. und sein Heer waren durch diese fatale Entscheidung des Wormser Reichstages vor dem sicheren Untergang bewahrt worden.178 Obgleich aufgrund der Ereignisse in Italien unter immensen Druck, ging Maximilian mit viel Geduld und großem Verständnis auf die Anliegen der in Worms versammelten Fürsten ein. Den Reichsständen ging es in erster Linie jedoch um eine Stärkung ihrer eigenen Stellung innerhalb des Reiches. Um dies zu erreichen, beabsichtigten sie, ein sogenanntes Reichsregiment zu etablieren, also die reichsunmittelbaren Regierungsorgane unter ihren persönlichen, ständigen Einfluss zu bringen und das Reich in eine von Fürsten gelenkte Oligarchie zu verwandeln. Dies konnte nicht im Sinne des römisch-deutschen Königs sein, da die Stellung des Kaisers so auf eine rein repräsentative Funktion beschränkt worden wäre. Maximilian lehnte diesen Vorschlag, der auf eine Initiative des Mainzer Kurfürsten Berthold von Henneberg – einem der ärgsten Widersacher des Königs – zurückging, ab und drängte seinerseits vor allem auf Gewährung einer großzügigen Steuerhilfe, um ein entsprechendes Heer aufstellen zu können.179 Das Entgegenkommen der Reichsstände ihm gegenüber sollte insgesamt äußerst gering bleiben. Trotz aller Gegensätzlichkeiten und Interessenskonflikte einigten sich König und Stände letztendlich in Grundzügen auf die Durchsetzung eines ewigen Landfriedens – also des unbefristeten Fehdeverbotes im gesamten Reichsgebiet –, die Etablierung des Reichskammergerichts als oberstes Organ der Rechtsprechung im Heiligen Römischen Reich, das fortan ein geregeltes Streitverfahren an die Stelle von Fehden setzte, und die Erhebung einer allgemeingültigen Steuer, des sogenannten Gemei- 178 Wie Anm. 177 179 Prietzel: Das Heilige Römische Reich, S. 143-144 Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 60 nen Pfennigs.180 Dieser (all-) gemeine Pfennig, der dem Kaiser die Mittel für die Kriege gegen Frankreich, gegen das Osmanische Reich sowie zum Unterhalt des Reichskammergerichts beschaffen sollte, war als Kopfsteuer konzipiert worden und wurde von allen Untertanen über 16 Jahren während der Gottesdienste in den Kirchen eingesammelt, da das Reich über keine eigene Einrichtung verfügte, diesen Obolus beim Volk einzutreiben. Trotz seiner Bewilligung auf dem Wormser Reichstag erwies sich der Gemeine Pfennig insgesamt als wenig hilfreich, da von dieser Einnahme bis auf weiteres nicht allzu viel in der Staatskasse einging. Die Mehrzahl der Reichsstände leiste die Zahlung nur widerstrebend, manche verweigerten sie sogar. Die Fürsten des Reiches wollten auf diese Weise wohl auch ihrem Widerstand gegenüber dem geplanten Italienzug Maximilians Ausdruck verleihen. Alles in allem konnte auf dem Reichstag zu Worms zumindest der Grundstein zu einer umfassenden Reichsreform gelegt werden.181 180 Peter Moraw: Der Reichstag zu Worms von 1495, in: Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz (Hrsg.): 1495 – Kaiser, Reich, Reformen. Der Reichstag zu Worms, Koblenz 1995, S. 33-34 181 Dietmar Heil: Maximilian I. und das Reich, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 97-98 Übergabe der Regierung in Burgund, Liga von Venedig und Reichstag zu Worms 1495 61

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.