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Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 51 - 56

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-51

Tectum, Baden-Baden
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Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat Im August 1493 starb nach 53jähriger Herrschaft Kaiser Friedrich III. im 78. Lebensjahr, rund zwei Monate nach Amputation des altersbrandigen linken Beines, in der Burg zu Linz, auf die er sich in seinen letzten Lebensjahren ganz zurückgezogen hatte. Bereits seit Jahren hatte ihn ein Fußleiden geplagt, das ihn in zunehmendem Maße unbeweglich werden ließ. In einer Kammer der Linzer Burg soll er, so wurde behauptet, astrologischen und alchimistischen Beschäftigungen nachgegangen sein. Andere Beobachter wollten ihn gar beim Sammeln von Mausekot und Fliegen erblickt haben. Bis zuletzt behielt der alte Kaiser die Zügel der Macht fest in seinen Händen. Den Sohn hielt er immer wieder in der Zeit ihrer gemeinsamen Regierung von allzu eigenwilligen Vorhaben zurück und weigerte sich mitunter sogar, seinen Thronerben zu empfangen.157 Aufgrund des in den letzten Jahren äußerst angespannten Verhältnisses zwischen Vater und Sohn, scheint sich Maximilians Trauer eher in Grenzen gehalten zu haben. Weitaus mehr beschäftigte ihn offenbar ein beinahe schon sagenumwobener, geheimer Schatz des Kaisers, von dem seit Jahren Gerüchte im Umlauf waren und von dem niemand zu wissen schien, wo dieser tatsächlich aufgefunden werden könnte. Rege Nachforschungen ergaben, dass ein Teil dieses Schatzes sich auf Schloss Strechau in der Steiermark, der andere sich im Mauerwerk einer Nürnberger Kirche befand. Allerdings handelte es sich hierbei nicht um größere Bargeldsummen, wie zunächst angenommen, sondern um den Hausschatz Friedrichs – in erster Linie Gegenstände höfischer Repräsentation, vorrangig Goldund Silbergeschirr.158 157 Koller: Friedrich III., S. 232-234 158 Hollegger: Maximilian I., S. 80 51 Die feierliche Beisetzung des Vaters, aber auch dringend anstehende Verpflichtungen der Regierungsübernahme, hatte Maximilian zunächst zurückstellen müssen. Erst Anfang Dezember 1493 sollte in Wien die eigentliche Totenfeier für den Verstorbenen in Gegenwart des Königs, der Vertreter aller Erbländer sowie zahlreicher Gesandter der europäischen Mächte stattfinden, da ein starkes türkisches Heer im Laufe des Sommers in Kärnten, in der Steiermark, in Krain sowie Ungarn und Kroatien eingefallen war. Die dortige Bevölkerung hatte teils massiv unter den Repressalien der Angreifer zu leiden gehabt. Es war nicht nur alles Land verwüstet worden, sondern wohl auch eine nicht unbeträchtliche Zahl an Menschen und Vieh in Gefangenschaft der Osmanen geraten. Maximilians erste und dringlichste Aufgabe als neuer Landesfürst der betroffenen Gebiete bestand nun zweifellos darin, seinen bedrängten Untertanen schnellstmöglich zur Hilfe zu kommen. Mit einem eilig aufgestellten Söldnerheer begab er sich im Oktober 1493 an die Grenzen der Steiermark. Noch vor seinem Eintreffen am Kriegsschauplatz musste der Habsburger feststellen, dass die gegnerischen Formationen bereits abgezogen waren und sich auf dem Rückmarsch befanden. Er konnte sich lediglich darauf beschränken, die südöstlichen Grenzen mit etwa 6000 Mann zu sichern.159 Maximilian sah sich bald gezwungen, von weiteren militärischen Vorhaben im Osten Abstand zu nehmen, da der französische König nach dem Tod Ferdinands I. von Neapel, Ende Januar 1494, Ansprüche seines Hauses auf den neapolitanischen Thron geltend machte. Karl VIII. führte seine Anwartschaft auf René, den Bruder seiner Mutter und letzten Herrscher Neapels aus dem Haus Anjou, zurück. Bereits im Februar traf Karl erste Vorbereitungen für einen Feldzug gegen Neapel. Um seinen Anspruch öffentlichkeitswirksam zu untermauern, nahm er den Titel der Anjouherrscher „König von Neapel und Jerusalem“ an. Der Beginn dieses Feldzuges sollte allerdings noch einige Monate auf sich warten lassen, denn erst Ende August machte sich der Franzosenkönig auf den beschwerlichen Weg über die Alpen nach Italien.160 Zudem richtete Karl nach dem Tod des kränklichen, erst 25 Jahre alten, Gian Galeazzo Sforza im Oktober 1494, ebenfalls mit 159 Wie Anm. 158, S. 80, 82 160 Bulst: Karl VIII., in: Ehlers, Müller, Schneidmüller (Hrsg.): Die französischen Könige des Mittelalters, S. 343-344 Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat 52 einem dynastischen Anspruch seines Hauses begründet, auch gewisse Begehrlichkeiten auf dessen Herzogtum Mailand – ein Reichslehen. Maximilian war freilich nicht bereit, weite Teile Oberitaliens – das sogenannte Reichsitalien –, auf das er im Namen des Heiligen Römischen Reiches Anspruch erhob, den Franzosen zu überlassen und sah sich vor die Herausforderung militärischer Interventionen gestellt. Somit schien der erst im Vorjahr zwischen beiden Monarchen geschlossene Frieden von Senlis wieder gefährdet.161 Zur Sicherung Reichsitaliens sollte auch die bevorstehende, bereits im Juni 1493 schriftlich vereinbarte Heirat mit der Mailänderin Bianca Maria Sforza beitragen, die Maximilian noch zu Lebzeiten des Vaters – aber ohne dessen Wissen – mit dem späteren mailändischen Herzog, Ludovico Maria il Moro, dem Onkel Biancas, ausgehandelt hatte. Der Habsburger hegte die Hoffnung, mit Hilfe dieser Verbindung seine Stellung in Italien stärken zu können. Zudem wird ihn wohl der Reichtum der Sforza gelockt haben, den er sich für kommende, kriegerische Unternehmungen zu erschliessen gedachte.162 Auch Ludovico, dem Maximilian noch vor Gian Galeazzos Ableben die Belehnung mit Mailand zugesagt hatte, versprach sich durchaus Vorteile aus diesem Bund – die Festigung seiner eigenen, keineswegs unangefochtenen Stellung und eventuell sogar die Königskrone für sein Herzogtum. Die Mailänder Heirat wurde am 30. November 1493 per Stellvertreter – Markgraf Christoph von Baden vertrat den Bräutigam vor Ort – im Namen Maximilians vorgenommen. Noch im Spätherbst jenen Jahres brachte man die 21jährige Braut, die mit ihrer eher kräftigen Nase und dem fliehendem Kinn sicherlich keine Schönheit war, samt ihrer Entourage und reichen Mitgift, rund 400.000 Gulden, über verschneite Bergpässe nach Innsbruck. Hier wartete sie rund drei Monate lang auf ihren Bräutigam, da der König sich zunächst noch dem Türkeneinfall in der Steiermark und der Neuordnung seiner niederösterreichischen Erbländer zu widmen hatte.163 Erst im März 1494 kehrte der von manchem Zeitgenossen bereits als Türkensieger gefeierte Habsburger in seine österreichischen Erblande 161 Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter, S. 142 162 Sabine Weiss: Die vergessene Kaiserin. Bianca Maria Sforza. Kaiser Maximilians zweite Gemahlin, Innsbruck-Wien 2010, S. 53, S. 55-56 163 Ebd., S. 56, S. 60, S. 62 Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat 53 zurück. Im tirolerischen Hall begegnete er erstmals seiner Braut und beging anschließend mit einem „gemeinsamen Kirchgang unter der Krone“164 in seiner Residenzstadt Innsbruck die Hochzeit in festlichem Rahmen. Schon bald zu Anfang dieser Ehe beklagte sich Maximilian über den nur mittelmäßigen Verstand Biancas, deren eher kränkliche Konstitution sowie ihren Hang zur Verschwendung. Da sie gern Süßigkeiten aß, nahm sie rasch zu. Aber auch ihre Einfältigkeit und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie keine Kinder gebären konnte, trugen mit zur baldigen Entfremdung zwischen Maximilian und Bianca bei. Bereits vier Jahre nach der Eheschließung schien der König jegliches Interesse an ihr verloren zu haben und widmete sich fortan wohl nur noch seinen Geliebten, die ihm insgesamt mindestens elf Kinder gebären sollten. Bianca besaß zeitlebens nicht den geringsten politischen Einfluss und verdämmerte über die Jahre in zunehmender Bedeutungslosigkeit.165 Bald nach den Hochzeitsfeierlichkeiten in Innsbruck begab sich Maximilian auf Reisen, um an Fürsten und Städte im Reich die traditionellen Regalien zu verleihen. Mit Erneuerung der Privilegien, Rechte und Freiheiten sowie den damit verbundenen Steuern verfügte der König, neben den Mitgiftzahlungen aus Mailand, zunächst über ausreichend Kapital. Die Einhebung der Taxen und die Erneuerung der Privilegien sollte allein in den Orten Füssen und Kempten, wo der Habsburger sich im April und Mai 1494 aufhielt, bevor er in das Rheinland weiterzog, Wochen in Anspruch nehmen. Allerortens wurde Maximilian, zumeist unter Glockengeläut, ein feierlicher Empfang bereitet. Erstaunte Bürger konnten einen jovialen und leutseligen Monarchen sehen, der auf sie zuging und dem Bürgermeister ihrer Stadt die Hand reichte.166 Besonders große Sorgen bereitete dem König die Wiederherstellung des Landfriedens. Bereits zu Lebzeiten Kaiser Friedrichs war die Zahl der Fehden im Reich überdurchschnittlich hoch gewesen. So gab es etwa Streitigkeiten der Städte Nürnberg, Windsheim und Weißenburg im Nordgau (Bayern) mit dem Markgrafen von Brandenburg; 164 Aus dem Bericht der Frankfurter Gesandten, zit. nach: Johannes Janssen (Hrsg.): Frankfurts Reichscorrespondenz nebst andern verwandten Aktenstücken von 1376-1519, Freiburg im Breisgau 1872, Bd. 2, S. 579-580 165 Wie Anm. 162, S. 65-66, S. 71, S. 73 166 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 372 Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat 54 Auseinandersetzungen der Städte Köln und Worms mit ihren Bischöfen oder aber Zwist zwischen dem Pfalzgrafen bei Rhein sowie der Stadt und dem Stift Weißenburg im Elsass. Hinzu kamen diverse innerstädtische Reibereien, bei denen die alteingesessenen Familien ihre Stadtherrschaft gegen aufstrebende Handwerker und Zünfte zu verteidigen suchten. Zweifellos bot sich dem Monarchen hier eine der ersten Möglichkeiten nach Regierungsantritt, seine königliche Macht unter Beweis zu stellen.167 Im Sommer des Jahres 1494 reiste Maximilian mit seinem Tross weiter rheinabwärts Richtung Burgund. Hier trat ihm als erstes der Herzog von Geldern entgegen, dessen Herzogtum einst von Karl dem Kühnen dem burgundischen Länderkonglomerat eingegliedert worden war, aber unablässig seine Unabhängigkeit zurückforderte. Die Städte Gelderns versperrten dem Habsburger die Tore, so dass er gezwungen war, diesen Widerstand mit Waffengewalt zu brechen. Obgleich der König die großen Festungen nicht bezwingen konnte, vermochten seine Truppenverbände dem Herzogtum doch derart zuzusetzen, dass sich Gelderns Herzog, Karl von Egmond, im August 1494 zu einem Vergleich bereitfand. Man verständigte sich darauf, die Kurfürsten über diese Entscheidung in Kenntnis zu setzen. Von langer Dauer sollte diese Einigung jedoch nicht sein, da der junge Herzog die getroffenen Vereinbarungen brach, sobald die Truppen des Königs außer Sichtweite waren und die Auseinandersetzung begann von neuem.168 Ähnlich große Schwierigkeiten bereitete dem Habsburger Friesland. Doch hier gelang es ihm, zumindest eine formelle Anerkennung seiner Person und entsprechende Tributzahlungen durchzusetzen. Die erklärte Intention Maximilians zielte darauf ab, der Hoheit des Reiches auch im Norden wieder verstärkt Geltung zu verschaffen. Um diesem Ziel näherzukommen, gab der König Friesland vier Jahre später seinem treu ergebenen Vertrauten, Herzog Albrecht von Sachsen, als Reichslehen für dessen überaus große Verdienste im Burgundischen Erbfolgekrieg. Der Monarch war überzeugt, dass Albrecht, der bekannt war für sein nicht unumstrittenes Durchsetzungsvermögen, der schwierigen Lage vor Ort würde Herr werden können.169 167 Ebd., S. 373 168 Ebd., S. 378-379 169 Ebd., S. 381-382 Nachfolge in den österreichischen Erblanden, Abwehr der Türken und Mailänder Heirat 55

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.