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Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 45 - 50

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-45

Tectum, Baden-Baden
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Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn Maximilian verließ Burgund nach diesem jahrelangen Ringen um die Erbfolge als überaus erfahrener Feldherr. Seine Erlebnisse aus dem burgundischen Krieg verglich er zuweilen gerne mit dem Gallischen Krieg Caesars. Die Erfahrungen, die er in jenen Jahren sammeln konnte, sollten für das weitere Leben und Handeln des Habsburgers richtungsweisend sein. In Burgund hatten sich ihm völlig neue politische, gesellschaftliche und kulturelle Werte erschlossen. Alle weiteren Planungen Maximilians orientierten sich an der Weltanschauung und Lebenskultur, an den Verwaltungsreformen sowie am Militärwesen seiner zeitweiligen Wahlheimat.144 Man kann wohl mutmaßen, dass sich sein hohes Bewußtsein für die Reichsidee, das sich an karolingischen und staufischen Vorbildern ausrichtete, ebenso in Burgund herausgebildet haben dürfte. Mit dem römisch-deutschen Königtum und mit der in Aussicht stehenden Kaiserkrone brachte der Habsburger den seiner Überzeugung nach göttlichen Auftrag zur Wiederherstellung des universalen Imperiums in Verbindung.145 Allerdings hätte der Gegensatz zwischen dem tatsächlichen Zustand des Reiches beziehungsweise der habsburgischen Erblande und den politischen Visionen des jungen Königs kaum größer sein können. Der alte Kaiser hatte im Verlauf des Jahres 1485 Wien, Niederösterreich, die Steiermark sowie weite Teile Kärntens an den ungarischen König Matthias Corvinus verloren, wobei dem Ungarn eine nicht unbeträchtliche Zahl der Bevölkerung durchaus gewogen war und sich freiwillig ergeben hatte. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung, die manchem Zeitgenossen wohl eher wie ein lokal orientierter Zwist erschienen sein mag, hatte der Ungarnkönig stets betont, dass es ihm 144 Malte Prietzel: Das Heilige Römische Reich im Spätmittelalter, Darmstadt 2004, S. 142 145 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 246-247 45 nicht um einen Kampf gegen den Kaiser ginge, sondern ausschließlich um den Besitz Österreichs. Matthias sollte sich bis zu seinem Tod wenige Jahre später bevorzugt in Wien aufhalten. Friedrich III. fand mit 42 bepackten Wagen, dem Hausschatz, der Kanzlei und dem Archiv Zuflucht in Tirol. Der Vertriebene war fortan gezwungen, Begastung in Klöstern und Städten in Anspruch nehmen zu müssen. Von Innsbruck aus zog der Kaiser weiter ins Reich nach Frankfurt, um hier ab Februar 1486 die Königswahl seines Sohnes vorzubereiten. Friedrich schien zu jener Zeit derart bedürftig gewesen zu sein, dass er mit einem Ochsengespann die Lande durchquert haben soll.146 Auch in Tirol tat sich im Sommer 1487 ein massives Problem auf, das es schnellstmöglich zu lösen galt. Für das Erzhaus bestand hier die akute Gefahr, aufgrund des verantwortungslosen Handelns Erzherzog Sigmunds, eines Cousins Friedrichs III., Tirol und die Vorlande zu verlieren. Von ständiger Geldnot geplagt und von ruchlosen Ratgebern beeinflusst, schien Sigmund entschlossen, seine Territorien noch zu Lebzeiten zu veräußern, da er über keine legitimen Nachkommen verfügte. Die Zahl seiner unehelichen Kinder soll bei angeblich 40 gelegen haben.147 Herzog Albrecht IV. von Bayern-München bemühte sich darum, eben jene Länder – Tirol und die Vorlande – durch Ankauf in die Hände zu bekommen und so seinen Einfluss im Süden des Reiches maßgeblich zu erweitern. Der Kaiser fürchtete die Herausbildung einer bayerischen Großmacht an der Peripherie und infolge die Verdrängung seines Hauses aus dem Südosten des angestammten Territoriums. Der abtrünnige Erzherzog wurde zu Beginn des Jahres 1488 vom Kaiser kurzerhand gezwungen, diese Verpfändung der habsburgischen Lande zu widerrufen. Um seinem Vater in diesem Konflikt beizustehen, begab sich der junge König, dessen Kräfte zu jener Zeit bekanntlich vorrangig in Burgund gebunden waren, nach Innsbruck und verstand es, Erzherzog Sigmund gegen die Zahlung einer großzügigen Rente und das Zugeständnis, bis an sein Lebensende überall in Tirol fischen und jagen zu dürfen, zur Übergabe seiner Länder zu bewegen. Am 16. März 1490 trat Sigmund als Landesherr offiziell zurück und 146 Koller: Friedrich III., S. 214-216 147 Ebd., S. 219 Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn 46 Maximilian bekam, nach ausdrücklichem Verzicht seines Vaters, Tirol und die Vorlande als eigenständiger Landesfürst zugesprochen.148 Die Einheit des habsburgischen Besitzes war damit sichergestellt. Fortan entwickelte sich Tirol zu einem wesentlichen Zentrum der politischen und militärischen Vorhaben Maximilians. Dieses Erbland bildete sowohl eine Verbindung von Innerösterreich in die Vorlande als auch eine Brücke über den Brenner nach Italien. Für den Habsburger war Tirol das Kernland des Reiches und Innsbruck betrachtete er als seine künftige Haupt- und Residenzstadt. Geradezu legendär war auch der Reichtum Tirols. Die Schwazer Silber- und Kupferbergwerke, wie auch das Haller Salz gaben Maximilian für seine diversen politischen und militärischen Unternehmungen den finanziellen Rückhalt. Auch menschlich brachte er diesem Erbland und seiner Bevölkerung zeitlebens überaus viel Zuneigung, ja Herzlichkeit, entgegen.149 Nachdem Tirol und die Vorlande erfolgreich für das Erzhaus gesichert waren, galt es nun die Ungarn aus Wien, Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten zu vertreiben. Ein Reichsheer hatte bislang gegen Ungarn nichts bewirken können. Da erlag der ungarische König Matthias Corvinus Anfang April 1490 in der Wiener Burg, ohne einen legitimen männlichen Erben zu hinterlassen, völlig überraschend einem Schlaganfall. Dies sollte die Lage von Grund auf verändern.150 Unmißverständlich hatte Maximilian unmittelbar nach dem Ableben des Ungarnkönigs gegenüber den ungarischen Ständen deutlich gemacht, dass er die anvisierte, und im Juli auch tatsächlich erfolgte, Wahl des gutmütigen, aber schwachen Wladislaw von Böhmen zum König nicht hinnehmen werde. Diese Provokation stellte für ihn einen eindeutigen Kriegsgrund dar. Innerhalb kürzester Zeit gelang es dem Habsburger ein Heer aus mehreren Tausend Landsknechten zusammenzustellen, wobei er zugleich von den Tirolern mit hohen Kriegsabgaben unterstützt wurde. Derart gestärkt konnte er im August 1490 die Ungarn zunächst aus den österreichischen Erblanden vertreiben wie 148 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 225-226 149 Erich Egg: Die Erwerbung Tirols 1490, in: Koppensteiner (Hrsg.): Der Aufstieg eines Kaisers, S. 91, S. 94-96 150 Susanne Wolf: Probleme der Doppelregierung Kaiser Friedrichs III. und König Maximilians (1486-1493), in: Koppensteiner (Hrsg.): Der Aufstieg eines Kaisers, S. 75 Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn 47 auch Wien zurückerobern. Von Österreich aus stieß der Erzherzog dann ab Anfang Oktober zunächst bis weit in das Magyarenreich vor. Am 17. November 1490 vermochte er die alte ungarische Krönungsstadt Stuhlweißenburg zu nehmen. Seine Hoffnung, nun möglichst rasch bis nach Ofen (ungarisch Buda), der Haupt- und Residenzstadt, zu gelangen und ganz Ungarn zu erobern, erfüllte sich aber nicht.151 Fehlendes Soldgeld sowie ein plötzlicher Winter- und Kälteeinbruch, der den dringend benötigten Nachschub über die Donau verhinderte, zwangen den Habsburger vor den Toren Ofens kehrt zu machen und den Feldzug einzustellen. Die militärischen Kräfte Maximilians waren derart erschöpft, dass die Ungarn im folgenden Jahr einen Großteil der verlorenen ungarischen Gebiete wieder zurückerobern konnten. Wladislaw II. kam allerdings dem Habsburger entgegen, indem er mit ihm ohne Umschweife am 7. November 1491 den Preßburger Frieden schloss. Der Monarch garantierte dem Erzhaus hier das Erbrecht auf Ungarn, sollte er ohne männliche Nachkommen bleiben. Darüberhinaus sicherte er zu, sich ebenso in Böhmen für eine habsburgische Erbfolge einzusetzen. Neben einer hohen Kriegsentschädigung von 100.000 Gulden sowie westungarischen Grenzgebieten, darunter Eisenstadt, Forchtenstein und Güns, bekam Maximilian auch das Recht zugestanden, den Titel eines Königs von Ungarn führen zu dürfen. Die ungarische Ständeversammlung kam nicht umhin, diese Artikel des Friedensvertrages, wenn auch widerwillig, zu bestätigen.152 Nur wenige Tage später, am 15. Novemer 1491, wurde, nach längerer Belagerung der bretonischen Haupstadt Rennes durch Karl VIII. von Frankreich, der französisch-bretonische Friedensvertrag geschlossen. Nahezu zeitgleich mit der ungarischen Frage schien damit ein neuer Konflikt mit Frankreich bevorzustehen, da Maximilian seit Dezember 1490 mit Herzogin Anne, der 13jährigen Erbin seines langjährigen Verbündeten Franz II. und nunmehrigen Regentin der Bretagne, durch Ferntrauung per procurationem vermählt war. Die Eheschließung in Abwesenheit war seinerzeit durch den treuen Gefolgsmann Maximilians, Wolfgang von Polheim, erfolgt. Karl sah in dieser Verbindung von Anfang an die Gefahr einer Umklammerung seines Königreiches im 151 Wie Anm. 150, S. 76 152 Hollegger: Maximilian I., S. 74-75 Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn 48 Westen und Osten durch die Habsburger.153 Für den römisch-deutschen König war die eheliche Verbindung mit Anne freilich die beste Lösung zur Erhaltung der freien, von Frankreich unabhängigen, Bretagne. Da dem Habsburger zu jenem Zeitpunkt noch die Hände mit Beilegung der Querelen in Ungarn sowie in Teilen Burgunds gebunden waren und ihm der zwischen März und Juli 1491 in Nürnberg tagende Reichstag jede Unterstützung verweigerte, vermochte der Intrigen nicht abgeneigte französische König, Herzogin Anne zu überzeugen, dass die einzige Aussicht, ihr Land langfristig zu retten, in einem Bündnis mit Frankreich bestehe. Ohne Hoffnung auf Rettung und verlassen, willigte die Herzogin in einen Vergleich, schlussendlich sogar in eine Heirat mit Karl VIII. ein, wobei dessen bestehende Verlobung mit Erzherzogin Margarethe, der Tochter Maximilians, kurzerhand annuliert wurde. Die bretonische Frage war damit zugunsten Frankreichs entschieden.154 Da die Ehe Annes mit Maximilian als noch nicht vollzogen galt, fand das Verlöbnis mit Karl noch vor Ort, in Rennes, statt. Nicht nur der Habsburger Hof, sondern ebenso weite Teile des übrigen Europa zeigten sich entsetzt über diese handstreichartige Aktion – den sogenannten „bretonischen Brautraub“. Führende Vertreter der deutschen Fürsten sahen in diesem Affront allerdings eher einen dynastischen Zwist als eine Angelegenheit des Reiches. So waren letztlich nur wenige von ihnen dazu bereit, daraus den Grund für einen Reichskrieg gegen Frankreich abzuleiten. Papst Innozenz VIII., als oberste Instanz der Christenheit, schien von dieser anstehenden Vemählung Karls mit Anne zunächst nichts wissen zu wollen. Der päpstliche Dispens, der in erster Linie die Auflösung des Verlöbnisses zwischen Margarethe und Karl betraf, sollte fast noch ein Jahr lang auf sich warten lassen. Am Faktum der französisch-bretonischen Heirat vermochte auch diese offizielle Stellungnahme Roms, die allem Anschein nach die Eheschließung zwischen dem Habsburger und der Bretonin als nie bestehend ansah, nichts mehr zu ändern.155 153 Neithard Bulst: Karl VIII. (1483-1498), in: Joachim Ehlers, Heribert Müller, Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498, München 2006, S. 336-337 154 Ebd., S. 337-338 155 Gregor M. Metzig: Kommunikation und Konfrontation. Diplomatie und Gesandtschaftswesen Kaiser Maximilians I. (1486-1519), Berlin-Boston 2016, S. 43 Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn 49 Um diese enorme Schande, die wohl, wie Maximilian meinte, noch keinem römisch-deutschen König widerfahren ist, reinwaschen zu können, war ein Rachefeldzug gegen den König von Frankreich unumgänglich. Da die Verbündeten Maximilians, England sowie die spanischen Königreiche einen Sonderfrieden mit Frankreich schlossen, sah sich der Habsburger genötigt, diesen Krieg nahezu ausschließlich mit seinen Tiroler Truppenverbänden zu führen. Seitens des Reiches blieb ihm zum wiederholten Mal jegliche Hilfe versagt. Einen militärischen Erfolg konnte der Monarch mit seinen Truppen, wie erwähnt, bei Senlis im Januar 1493 erringen. Da weitere Erfolge, wie Maximilian einsah, aber wohl kaum zu erzielen waren und der französische König ihm gegenüber nun durchaus seine Bereitschaft zum Frieden und zu Zugeständnissen signalisierte, konnte die bretonische Angelegenheit im Zuge des Friedensschlusses von Senlis im Mai 1493 zwischen beiden Monarchen schließlich beigelegt werden. Maximilians 13jährige Tochter Margarethe übergab man den Gesandten ihres Vaters am 12. Juni. Die unleidliche Vermählungsaffäre hatte damit ein Ende gefunden.156 156 Wie Anm. 153, S. 342 Rückkehr nach Österreich, Befreiung Wiens und Kampf gegen Ungarn 50

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.