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Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 19 - 44

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-19

Tectum, Baden-Baden
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Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg Bereits im Jahre 1463 hatte Papst Pius II., der vor seiner Erhebung unter seinem Geburtsnamen Enea Silvio Piccolomini, Sekretär in Diensten Kaiser Friedrichs III. gewesen war, eine Heirat Maximilians mit Maria von Burgund, der Tochter Herzog Karl des Kühnen, angeregt. Seiner Ansicht nach würde durch eine Verbindung des Hauses Habsburg mit der Großmacht Burgund die Stellung des Kaisers im Heiligen Römischen Reich immens gestärkt und zudem ein mögliches Bollwerk gegen die drohende Türkengefahr geschaffen werden. Die Türken waren für die österreichischen Erblande zu einer existentiellen Frage geworden und sollten es für Jahrhunderte bleiben.57 Karl sah über die Hand seiner einzigen Tochter, deren erstaunliches Erbe auch den Kaiser in Bann ziehen musste, eine willkommene Möglichkeit, für sein Länderkonglomerat Burgund – einem Großreich von der Nordsee bis zum Mittelmeer – die Königskrone als Reichslehen zu erlangen.58 Das burgundische Staatsgebilde bestand, ähnlich wie die habsburgischen Erblande, aus einer Vielzahl eigenständiger Territorien, die ausschließlich durch das dynastische Band zusammengehalten wurden. Friedrich III. betrachtete das Ansinnen des Burgunderherzogs eher mit Skepsis und so schien es, dass sich alle weiteren Verhandlungen bis auf weiteres zerschlagen hätten. Nach Prüfung möglicher anderer Heiratsoptionen begann man auf Drängen Karls im Dezember 1472 die Beratungen wieder aufzunehmen, um eine Heirat zu konkretisieren.59 Eine Zusammenkunft beider Fürsten wurde nach diversen Aufschüben für September 1473 anberaumt. Die seit einiger Zeit im Raum stehende Vorbereitung eines Kreuzzuges der Christenheit gegen die Türken schien die Hoffnungen und Erwartungen vieler 57 Hollegger: Maximilian I., S. 29 58 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 213 59 Ebd., S. 214 19 angesichts dieses Treffens zu beflügeln. Ein sich aus dieser Verbindung ergebender Machtblock zwischen den Häusern Valois in Burgund und Habsburg in Österreich würde allerdings, so die allgemeine Befürchtung, die Stellung manch anderer Dynastie in Europa sowie den Einfluss der Reichsfürsten ganz erheblich schwächen.60 Mit einem großem Gefolge von Kurfürsten, Fürsten und Reitern – insgesamt etwa 2500 Pferde – hielt der Kaiser in Begleitung seines 14jährigen Sohnes am 28. September 1473 Einzug in die Bischofsstadt Trier. Zwei Tage später traf auch der Burgunder, begleitet von der Elite seines Adels, mit einem weitaus prächtigeren Zug als Friedrich III. in der Stadt ein. Rund 3000 schwere Panzerreiter und 5000 leichte Reiter sowie etliche tausend Mann Fußtruppen zählten zu seiner Begleitung.61 Maximilian hegte größte Bewunderung für den stets in kostbarster Aufmachung auftretenden Herzog, den er – weitaus mehr als den Vater – als richtungsweisendes Vorbild ansah. Auch Karl soll am jungen Erzherzog, der auf seinem braunen Hengst einen imposanten Anblick bot, durchaus Gefallen gefunden haben.62 Neben der eher vorgeschobenen Planung eines Türkenfeldzuges näherte man sich in den folgenden acht Wochen der eigentlichen Thematik an – den Heiratsplänen und dem Streben Karls nach einer burgundischen Königskrone –, quasi als Gegenleistung für das anvisierte Eheprojekt. Zwischen den Verhandlungen gab es auf beiden Seiten diverse Festlichkeiten, Gastmähler und Turniere, wobei man sich stets darum bemühte, die jeweils andere Seite an Aufwand und Extravaganz zu übertreffen.63 Das Ansinnen Karls, ihm neben dem Titel eines Burgunderkönigs auch das römisch-deutsche Königtum und somit die Aussicht auf die Nachfolge im Heiligen Römischen Reich zuzugestehen, lehnte Friedrich III. freilich ab. Der Kaiser mag hier mit Sicherheit vorrangig an seinen Sohn Maximilian gedacht haben, dem dereinst diese Krone zufallen sollte.64 60 Buchner: Maximilian I., S. 16-17 61 Wie Anm. 55, S. 96-97 62 Fichtenau: Der junge Maximilian, S. 24 63 Ebd., S. 24-26 64 Koller: Friedrich III., S. 186-187 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 20 Friedrich war darüber hinaus nicht gewillt, sich ohne weiteres über die Rechte der Kurfürsten, dem Wahlgremium des Reiches, hinwegzusetzen. Ohne eindeutige Zustimmung des Kurfürstenkollegiums, konnte es nach Auffassung des Habsburgers generell keine Königswahl geben. Die immer maßloser werdenden Forderungen Karls führten letztlich dazu, dass es zu keinem Konsens zwischen den beiden Parteien mehr kam.65 Der Kaiser belehnte den Burgunder zwar ehrenhalber mit dem Herzogtum Geldern am Niederrhein, das Karl bereits zuvor erobert hatte. Auch ein Königstitel für eines der reichslehenbaren Länder Burgunds wäre mit ihm durchaus verhandelbar gewesen. Darüber hinaus zeigte sich der Monarch aber zu keinen weiteren Zugeständnissen bereit, die auf Kosten seines Majestätsrechtes oder zu Lasten des Reiches gegangen wären.66 Friedrich konnte sich wohl auch des nicht unbegründeten Verdachtes erwehren, dass der Burgunderherzog mit Erlangung eines Königstitels zugleich all jene Territorien seines Herrschaftsverbandes, die bislang unmittelbare Reichslehen waren, wie etwa das Herzogtum Luxemburg, vom Reichsgebiet trennen wollte. Diese Pattsituation bei den Verhandlungen sowie genannte Unstimmigkeiten veranlassten den Habsburger schließlich dazu, am frühen Morgen des 25. November 1473 Trier ohne Verabschiedung der burgundischen Delegation zu verlassen.67 Der Herzog wollte sich nicht geschlagen geben. Mögen seine Pläne für ein Königreich Burgund auch in Trier gescheitert sein, so setzte er fortan auf eine militärische Lösung seines Vorhabens. Einen Anlass für eine kriegerische Aktion gab ihm die sogenannte Kölner Stiftsfehde. Hierbei ging es um eine erbitterte Auseinandersetzung des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs, Ruprecht von der Pfalz, mit dem Domkapitel, der Stadt Köln und den Landständen bezüglich der finanziellen Sanierung des unter seinen Vorgängern völlig abgewirtschafteten Hochstifts.68 Ruprecht beabsichtigte, die finanziellen Privilegien der innerhalb seines Erzbistums gelegenen Städte und Dörfer zu beschneiden, um so – mit Hilfe einer höheren Besteuerung – die wirtschaftliche Situation möglichst rasch in den Griff zu bekommen. Karl, den ein en- 65 Ebd. 66 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 214-215 67 Ebd., S. 213-214 68 Wie Anm. 64, S. 190 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 21 ges Bündnis mit dem Kölner Kurfürsten verband, bot dieser Streit eine willkommene Gelegenheit, gegen den Kaiser zu intervenieren, der eindeutig die Partei des Domkapitels sowie der Stadt Köln ergriffen hatte. Dem in Bedrängnis geratenen und durch das Domkapitel kurzerhand abgesetzten Erzbischof kam nun sein burgundischer Schutzherr zur Hilfe.69 Der Plan Karls bestand wohl vorrangig darin, sich Köln untertan zu machen, so wie sich einst die Bistümer Lüttich, Utrecht und andere den Herzögen von Burgund hatten unterwerfen müssen. Zunächst versuchte der Burgunder in einer mehr als zehnmonatigen Belagerung zwischen Ende Juli 1474 und Ende Mai 1475 – letztlich erfolglos – die zum Kölner Erzstift gehörende Stadt Neuss am Niederrhein einzunehmen, da diese sich eindeutig gegen seinen Verbündeten, den Erzbischof, positioniert hatte. Friedrich III., der kriegerischen Auseinandersetzungen eher reserviert gegenüberstand, gelang es, ein Reichsheer zu sammeln und die belagerte Stadt zu entsetzen.70 In seinem Aufgebotsschreiben zum Reichskrieg machte sich der Habsburger eine bis dahin kaum gekannte Erregung der Bevölkerung nach dem Einfall des Burgunders zu Nutzen, indem er die Reichsstände mit einer in dieser Form bisher nicht gebrauchten und von daher ungewöhnlichen Formel an ihre Gehorsamspflicht erinnerte: „… als ir uns, dem heiligen reich, euch selbst und Deutscher nacion zu tunde schuldig seit.“71 Die Ankunft des Entsatzheeres unter Führung des fast 60jährigen Kaisers am 22. Mai 1475 vor den Mauern von Neuss, scheint den Burgunderherzog schließlich zum Einlenken bewogen zu haben. Karl brach die Belagerung ab, schloss am 29. Mai mit Friedrich Waffenstillstand und gab ihm das Versprechen, seine Tochter Maria mit Maximilian zu vermählen.72 Eine Gegenleistung in Form einer Königskrone konnte der burgundische Herzog unter diesen Umständen freilich nicht mehr fordern. Den Mißerfolg von Neuss sollte der Burgunder bald darauf mit einem raschen und glanzvollen Sieg über Lothringen, das ihm im Juni 1475 – 69 Wie Anm. 64, S. 191 70 Werner Paravicini: Karl der Kühne. Das Ende des Hauses Burgund, Zürich-Frankfurt 1976, S. 85, S. 90-91 71 Zit. nach: Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 217 72 Wie Anm. 70, S. 91 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 22 noch während der Belagerung von Neuss – den Krieg erklärt hatte, ausgleichen und sein angeschlagenes Selbsbewußtsein wieder stärken können. Karl hatte René, dem Herzog von Lothringen, die Rechtmä- ßigkeit seiner Erbfolge streitig gemacht und ihn auf diese Weise herausgefordert. Die Eroberung Lothringens schien ihm die schon lange angestrebte Realisierung einer Landverbindung zwischen den nördlichen und südlichen Territorien seines burgundischen Herrschaftsbereiches zu ermöglichen.73 Bald nach dem Einzug als gefeierter Sieger in die Residenzstadt Nancy am 30. November 1475 begann der Herzog, siegessicher und voll Elan, im Februar 1476 einen Feldzug gegen die Schweizer Eidgenossen – seinem gefährlichsten Gegner an der südöstlichen Grenze des Burgunderreiches. Die Eidgenossenschaft hatte sich zudem eindeutig gegen die Expansionsbestrebungen Karls positioniert. Dieses Unternehmen sollte ihm letztlich zum Verhängnis werden. Bereits das erste Treffen mit einer eidgenössischen Armee am 2. März 1476 bei Grandson im Kanton Waadt endete für den Burgunder mit einer herben Niederlage, bei der er nicht nur seine gesamte Artillerie, sondern auch einen Teil seines Hausschatzes, den er stets mit sich führte, verlor.74 Das Unglück war von da an nicht mehr aufzuhalten. Nahe des schweizerischen Murten im Waadtland wurde der Herzog am 22. Juni 1476 von den Eidgenossen vernichtend geschlagen, wobei er einen Großteil seiner Truppen einbüßte. Es erfolgte nun zwar kein Generalangriff auf den burgundischen Staat, aber Karls Prestige war ernstlich getroffen. Mit weit unterlegenen Kräften und nachdem sich das erst kurz zuvor eroberte Lothringen – begünstigt durch Aufstände der Bevölkerung – wieder erfolgreich von ihm losgesagt hatte, suchte der Machthaber Burgunds in seiner verzweifelten Lage die Entscheidung vor Nancy, das der lothringische Herzog kurz zuvor ohne größere Anstrengungen wieder hatte einnehmen können.75 Unmittelbar vor Beginn der Schlacht soll der Burgunder den kaiserlichen Gesandten nochmals seinen festen Willen zur bereits beschlossenen Heirat bekundet haben. Im Falle seines Todes sah er in 73 Hermann Kamp: Burgund. Geschichte und Kultur, München 2007, S. 70 74 Wolf-Dietrich Hänssler: Die großen Herzöge Burgunds, Wegbereiter Europas, Eislingen 1981, S. 144-147 75 Ebd., S. 149-151 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 23 dieser Verbindung zwischen Österreich und Burgund allem Anschein nach die einzig reelle Chance, sein Herzogtum vor dem sicheren Untergang zu bewahren.76 Am späten Vormittag des 5. Januar 1477 bezog Burgunds Herzog mit seinen Truppen vor den Toren Nancys Stellung und wurde von einem lothringisch-eidgenössischen Heer endgültig geschlagen. Bei Einbruch der Dunkelheit war die Schlacht entschieden und das Schicksal Karls besiegelt. Den stark entstellten Leichnam des 44jährigen Herzogs, von schweizerischen Söldnern nahezu völlig ausgeraubt, fand man zwei Tage später halbnackt, gefroren, von Lanzenstichen durchbohrt und von Wölfen angefressen nahe einem Weiher.77 Verhandlungen über eine einvernehmliche Lösung seitens Burgunds mit dem französischen König Ludwig XI., der den Tod Karls geradezu mit Euphorie aufgenommen haben soll, zerschlugen sich rasch. Ludwig zog umgehend die altburgundischen Länder, bei denen es sich nicht nur um französische Kronlehen, sondern auch um sogenannte Mannlehen handelte, die allesamt nicht auf Karls Tochter und Erbin übergehen konnten, für die französische Krone ein. Er beabsichtigte zudem, sich das übrige Herzogtum inklusive der zum Lehensverband des Heiligen Römischen Reiches gehörenden Freigrafschaft Burgund anzueignen – eventuell auch durch eine Eheschließung des erst siebenjährigen Dauphin mit der 20 Jahre alten Erbherzogin Maria. Das Herzogtum auf diese Weise vor dem Zugriff Frankreichs zu bewahren, kam für die Erbin Burgunds jedoch zu keinem Zeitpunkt in Betracht.78 Die Tochter Karls verstand es, all den äußeren und inneren Feinden entschlossen entgegenzutreten. Unterstützung erfuhr sie hierbei durch einige wenige Getreue und Verwandte, wie etwa ihrer Mutter Margarethe von York, die fest auf ihrer Seite standen. Da Maria über keine Armee verfügte, berief sie die Generalstände in das flandrische Gent, um von ihnen angesichts der drohenden französischen Invasion finanzielle Hilfe und die Aufstellung von Truppen zu erbitten. Als Gegenleistung bestanden die Stände auf Rückgabe ihrer Privilegien, die ihnen einst von Karl dem Kühnen stark geschmälert oder gar genommen worden waren. Die Ständeversammlung ließ sich, angetrieben von den starken 76 Koller: Friedrich III., S. 195 77 Hänssler: Die großen Herzöge Burgunds, S. 158-159 78 Paravicini: Karl der Kühne, S. 112-113 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 24 Spannungen nach Auflösung des rigiden Zentralismus, der während der Regentschaft Karls vorgeherrscht hatte, zu einem offenen Aufstand mitreißen.79 Binnen kurzer Zeit wurden auch andere Provinzen des Herzogtums – Brabant, Hennegau und Holland – von der Genter Erhebung ergriffen, die wohl auch als eine Warnung an Maria gesehen werden kann, sollte sie an den Herrschaftsprinzipien ihres Vaters festhalten. Derart bedrängt, räumte sie den Generalständen Burgunds bereits im Februar 1477 das sogenannte Große Privileg ein, das ihnen das Recht zubilligte, sich jederzeit selbst einberufen zu können. Zudem verpflichtete sie sich, ohne Zustimmung der Stände keine Kriege zu führen oder Friedensschlüsse auszuhandeln.80 In dieser prekären Lage gelang es der Erbherzogin, sich als klug und ausdauernd zu bewähren. Ihre ganze Hoffnung konzentrierte sich nun auf die Heirat mit ihrem Verlobten Maximilian, die schließlich durch Ferntrauung am 21. April 1477 in Brüssel zustande kam. Burgunds Erbherrin bat ihren Bräutigam, so rasch wie möglich in die burgundischen Länder zu kommen, da seine aktive Unterstützung für sie unverzichtbar geworden war.81 Die angesichts der drohenden Gefahr endlich – wenn zunächst auch nur per procurationem – zu einem Abschluss gekommene Heirat führte zu einer unverhofften Wendung der öffentlichen Meinung zu Gunsten Marias. Man erwartete sich vom Haus Habsburg die rasche Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung im Land sowie einen umfassenden Schutz gegen jedwede französische Bedrohung. Die Rebellion flaute nun allmählich ab.82 Der Widerstandsgeist des heimischen Adels und der Bevölkerung gegenüber den französischen Eindringlingen wurde wohl noch durch die Tatsache befördert, dass es sich bei der Erbherzogin Burgunds um eine Frau handelte. Mit rascher Umsetzung der Heirat wollte der Kaiser seinem Haus nun die burgundischen Länder sichern und handelte sofort. Noch im April 1477 schickte Friedrich III. unter Führung des kaiserlichen Rates, Protonotars und Bischofs von Metz, Georg von Heßler, eine Delegation nach Burgund, die von 79 Ebd., S. 114 80 Kamp: Burgund, S. 95-96 81 Ebd., S. 97 82 Hollegger: Maximilian I., S. 33 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 25 300 Reitern eskortiert wurde.83 Die kaiserlichen Gesandten konnten voll Zufriedenheit nach Wien berichten, dass der junge Erzherzog geradezu sehnsüchtig erwartet werde. Maximilian brach am 21. Mai 1477 von Wien auf und hielt 88 Tage später, am 18. August, unter Begleitung seines engeren Hofstaates von rund 70 Personen, Einzug in Gent. Der Prinz sei, so berichtet der burgundische Hofdichter und Chronist, Jean Molinet, „wie ein Engel, der vom Himmel kam“84 eingeritten und vom Volk mit überschwänglichem Jubel empfangen worden.85 Noch am Abend des gleichen Tages fand die erstmalige Begegnung beider Brautleute in der herzoglichen Stadtresidenz Ten Walle zu Gent statt und es wurde die letztgültige Fassung des Heiratsvertrages von beiden Seiten unterzeichnet. Am folgenden Tag, dem 19. August, beging man, wohl aufgrund der Hoftrauer um Karl den Kühnen, in eher bescheidenem, aber dennoch feierlichem Rahmen, die Hochzeit in der Hofkapelle. Festmähler, Turniere und Maskenbälle wechselten sich im Anschluss daran in rascher Folge ab.86 An seinen Freund und Vertrauten, Sigmund Prüschenk Freiherrn zu Stettenberg, schrieb Maximilian voll Euphorie in den ersten Wochen nach seiner Ankunft: „Hetten wir hie fried, wir säßen im rosengarten!“87 Doch man hatte den jungen Erzherzog wahrhaftig nicht für die Teilhabe an diversen Vergnügungen nach Burgund kommen lassen, sondern um mit seiner tatkräftigen Unterstützung und der seines Hauses die Franzosen zu bekämpfen, die den Frieden des Landes unmittelbar bedrohten. Bereits kurz nach den Hochzeitsfeierlichkeiten begannen unter der Ägide Maximilians die Verhandlungen mit den 83 Fichtenau: Der junge Maximilian, S. 30-31 84 Zit. nach: Wiesflecker, Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 131-132 85 Wie Anm. 83, S. 32-33 86 Ebd., S. 33 87 Brief Maximilians an Sigmund Prüschenk vom 8. Dezember 1477, zit. nach: Victor von Kraus (Hrsg.): Maximilians I. vertraulicher Briefwechsel mit Sigmund Prüschenk Freiherrn zu Stettenberg nebst einer Anzahl zeitgenössischer das Leben am Hofe beleuchtender Briefe, Innsbruck 1875, S. 28 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 26 Generalständen bezüglich der dringend benötigten Geld- und Truppenhilfen.88 Es bestand Anlass zur Eile, denn zwischenzeitlich war die französische Armee an die Grenzen der burgundischen Gebiete Flandern und Hennegau vorgerückt. Die Vorbereitungen für einen breit angelegten Vorstoß gegen Gent, Brügge, Lüttich und Brüssel – allesamt wichtige Handelszentren des Herzogtums Burgund – liefen bereits. Maximilian sollte bei der Verteidigung der seinem Haus durch Heirat zugefallenen Territorien überaus viel Weitsicht und Kampfbereitschaft aufbringen. Der Habsburger forderte in seinem und im Namen Marias ohne langes Zögern vom französischen König die Herausgabe der von ihm besetzten burgundischen Territorien.89 Da Ludwig XI. harte und womöglich lang andauernde Kampfhandlungen unbedingt vermeiden wollte, willigte er im November 1477 in einen Waffenstillstand mit Maximilian ein, der jedoch nur von kurzer Dauer sein sollte. Einige wenige Grenzstädte – darunter die Reichsstadt Cambrai – trat der Franzosenkönig auf Grundlage vertraglicher Vereinbarungen wieder ab. Kaiser Friedrich III. hatte hier unter Androhung eines Reichskrieges vehement gegen die Verletzung von Reichsrechten protestiert. Den größten Teil der von ihm besetzten Gebiete, insbesondere das eigentliche Kerngebiet Burgunds mit der Residenzstadt Dijon, die Freigrafschaft Burgund sowie die nördlichen, einst zu Frankreich gehörenden, Regionen Picardie und Artois, behielt Ludwig bis auf weiteres zurück. Maximilian war es gelungen, den französischen Vormarsch mit weit unterlegenen Kräften aufgehalten zu haben.90 An den Grenzen Burgunds hatte sich mit den Habsburgern eine starke Schutzmacht etabliert, die auf den König von Frankreich allem Anschein nach eine durchaus abschreckende Wirkung besaß. Der frisch vermählte 18jährige Maximilian, ein mittelgroßer Mann von eher untersetzter, aber athletischer Statur mit kantigem Gesicht, umrahmt von schulterlangen, leicht gewellten, blonden Haaren und Hakennase, iure uxoris Herzog 88 Wim Blockmans: Maximilian und die burgundischen Niederlande, in: Georg Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I. Bewahrer und Reformer, Ramstein 2002, S. 57 89 Buchner: Maximilian I., S. 23 90 Paul Murray Kendall: Ludwig XI. König von Frankreich 1423-1483, München 1979, S. 396-397 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 27 von Burgund, war sich bewußt, dass dieser Krieg gegen Frankreich noch lange nicht beendet, geschweige denn gewonnen war.91 Als Verbündete gegen die an den Grenzen liegenden Franzosen konnte er mit Hilfe seiner Schwiegermutter, Margarethe von York, die Engländer gewinnen, da weder sein im Kampf gegen den Ungarnkönig Matthias Corvinus verstrickter Vater noch die Reichsstände bereit waren, ihm finanzielle Hilfe für die Aufstellung von Truppenkontingenten zur Verfügung zu stellen. Das burgundisch-englische Bündnis, das sich auf ein bereits existierendes Handelsabkommen stützen konnte, sollte schließlich sogar zu einem Kriegsbündnis erweitert werden.92 Aufgrund des Waffenstillstands zwischen Burgund und Frankreich verliefen die Wintermonate 1477/78 ruhig und ohne tiefgreifende Kampfhandlungen. Maximilian fand nun Zeit, sich seiner jungen Ehe zu widmen. Für ihn war Maria von Burgund, wie er seinem Vertrauten, Sigmund Prüschenk, im Dezember 1477 schrieb, die wohl schönste Frau der Welt: „Hab ein schöns, froms, tugenhafftigs weib, […] von leib klein […] und schneeweis; ein prauns haar, ein kleins naßl, ein kleins heuptel und antlitz; praun undt grabe (graue) augen gemischt, schön und lauter […]. Der mund ist etwas hoch, doch rein und rot […]. Mein gemahl ist ein gantze waidtmännin mit valckhen und hundten. Sie hat ein weiß windtspil […] daz liegt […] alle nacht bey uns.“93 Maximilian und Maria scheinen in mancherlei Hinsicht durchaus wesensverwandt gewesen zu sein. Beide widmeten sich mit Leidenschaft dem Reiten, Jagen und der Falknerei. Auch den Künsten gegenüber waren beide überaus aufgeschlossen. Namhafte Künstler aller Gattungen konnten sich sicher sein, an ihrem Hof Gehör und reges Interesse zu finden. Ihre jeweilige Muttersprache lernten sie im täglichen Umgang voneinander.94 Maximilian konnte Französisch und Flämisch in verhälnismäßig kurzer Zeit recht flüssig sprechen und nahezu ebenso schreiben. Er war, wie seine Briefe offensichtlich werden lassen, von dem erheirateten burgundischen Erbe geradezu überwältigt. Die Prachtentfaltung 91 Hollegger: Maximilian I., S. 28, S. 42 92 Ebd., S. 44 93 Brief Maximilians an Sigmund Prüschenk vom 8. Dezember 1477, zit. nach: Kraus (Hrsg.): Maximilians I. vertraulicher Briefwechsel, S. 27-28 94 Wie Anm. 91, S. 37-38 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 28 des burgundischen Hofes und seiner jeweiligen Zentren begeisterte den Habsburger. Große Städte, vergleichbar mit Wien, sowie unzählige Residenzen und Wasserschlösser scheinen immensen Eindruck auf ihn gemacht zu haben, wie er ebenfalls Prüschenk wissen ließ: „… es sein groß stett ob XX als Wien […] die jede nur ein tag reiß von der andern liegt […] XX großen geschlossen im wasser, als Laxenburg ist …“95 Trotz all der höfischen Festlichkeiten und Zerstreuungen, war sich Maximilian der weiterhin bedrohlichen Lage voll bewußt und verlor seine herrscherlichen Pflichten nie aus den Augen.96 Zu einem unvermeidlichen Waffengang mit Frankreich kam es im Frühjahr 1478, als Ludwig XI. seine Armee gegen den Hennegau – einer Grafschaft im Besitz der Burgunderherzöge, die nominell zum Territorium des Heiligen Römischen Reiches gehörte – vorrücken ließ. Maximilian, den der französische König etwas abfällig „Herzog von Österreich“ nannte, begab sich umgehend mit seinen Truppen vom Norden bis an die Südgrenze des Herzogtums, um das Land vor einem feindlichen Einfall zu schützen. Ludwig gelang es auch dieses Mal wieder, einen für ihn günstigen Waffenstillstand mit dem Habsburger auszuhandeln, ohne dabei die Existenz eines eigenständigen burgundischen Staates anzuerkennen. Auch dieser auf zunächst ein Jahr festgelegte Waffenstillstand vom 11. Juli 1478 sollte letztlich nicht mehr sein als eine Atempause.97 Wenig später, am 22. Juli 1478, wurde Maximilians und Marias erster Sohn geboren. Um an die burgundische Ahnenreihe anzuknüpfen und an eine Periode des Friedens und Wohlstandes Burgunds unter Philipp dem Guten zu erinnern, wurde das Kind – der spätere Philipp der Schöne – auf den Namen des Großvaters „Philippus“ getauft. Zwei Jahre später, im Jahre 1480, sollte eine Tochter zur Welt kommen, die nach den drei bedeutenden Burgunderinnen den Namen Margarethe erhielt. Ein drittes Kind, Franz, benannt nach dem Herzog der Bretagne, starb bereits kurz nach der Geburt. Die burgundische Dynastie 95 Brief Maximilians an Sigmund Prüschenk vom 4. Februar 1478, zit. nach: Kraus (Hrsg.): Maximilians I. vertraulicher Briefwechsel, S. 32-33 96 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 139-140 97 Gesa Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter. Vertragsdiplomatie zwischen Maximilian I., dem römisch-deutschen Reich und Frankreich, Berlin-Boston 2017, S. 24, S. 49 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 29 war somit zweifach für die Zukunft gesichert. Frankreichs Aussichten auf eine etwaige Erbfolge in Burgund schienen damit außer Reichweite gekommen zu sein.98 Der Waffenstillstand mit Ludwig XI. brachte letztlich keine grundlegenden Veränderungen mit sich, auch wenn der Kaiser Maria und Maximilian zwischenzeitlich mit Burgund, also der Gesamtheit der Länder einschließlich der französischen Kronlehen, belehnt hatte. Friedrich III. wollte damit ganz klar zum Ausdruck bringen, dass der König von Frankreich keinerlei Anspruch auf die Besitzungen des burgundischen Herzogpaares habe, da diese zu großen Teilen zum Lehensverband des Reiches gehörten. An den Grenzen Burgunds war es den ganzen Herbst und Winter über zu kleineren Kämpfen gekommen, die es notwendig machten, entsprechende Truppenkontingente dort zu stationieren. Im April 1479 eröffnete der französische König die Kriegshandlungen erneut mit einem Angriff an der Südgrenze der burgundischen Territorien, um sich endgültig der Freigrafschaft Burgund und der Picardie zu bemächtigen.99 Maximilian gelang es in aller Eile, eine Armee von rund 20.000 Soldaten zusammenzustellen. Unter ihnen befanden sich neben burgundischer Reiterei, englischen Bogenschützen und flandrischen Fußsoldaten auch die ersten deutschen Landsknechte. Einige Monate später, am 7. August 1479, forderte der junge Erzherzog, mit Zustimmung der burgundischen Generalstände, die Franzosen nahe des Ortes Guinegate-Thérouanne im Artois bei strahlendem Sonnenschein zum Gefecht heraus. Maximilian befand sich während des gesamten Kampfes hoch zu Ross inmitten seiner Soldaten und hatte bei Einbruch der Dunkelheit die Schlacht für sich entschieden. Die französische Armee war freilich nicht vollständig vernichtet worden, doch erschien der siegreiche Feldherr Maximilian vielen Burgundern als ein durchaus würdiger Nachfolger ihrer großen Herzöge. An der südlichen Grenze nahmen die kriegerischen Auseinandersetzungen allerdings bis auf weiteres ihren Fortgang und so stellte sich ein bleibender militärischer Erfolg der Schlacht bei Guinegate- Thérouanne nicht ein.100 98 Hollegger: Maximilian I., S. 37-38 99 Ebd., S. 45 100 Ebd., S. 45-46 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 30 Der junge Habsburger hatte wohl erkannt, dass der Krieg trotz der momentanen Erfolge letztlich keinen anderen Lohn bot als „… stech und schleg, hunger und durst, angst, mühe und arbeit …“101 Dieser sehr menschliche Tonfall trat nun in der Korrespondenz Maximilians mit seinem Vertrauten Prüschenk immer häufiger neben die ansonsten eher ritterlich-heldische Wortwahl. Inwieweit der neue Erbherzog auch die Not und das Elend der Bevölkerung in den heimgesuchten Gebieten wahrgenommen hat, die aufgrund der Kampfhandlungen allenthalben groß war, ist im Einzelnen nicht überliefert. Insbesondere die Bauern der Grenzregion schienen arg betroffen gewesen zu sein, da ihre Ernten aufgrund der fortlaufenden Kriegsereignisse stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Besonderen Unwillen erregte bei den Bauern freilich das Landesaufgebot, da dieses sie verpflichtete, Kriegsdienst zu leisten und sie die Erntemonate nicht auf ihren heimischen Äckern verbringen konnten.102 Als Folge nahm die Notlage nicht nur auf dem Land, sondern bald auch in den Städten verheerende Ausma- ße an. Maximilian sah sich innerhalb kurzer Zeit mit enormen Widerständen, ja sogar Anfeindungen seitens der großen flandrischen Städte Gent und Brügge konfrontiert. Im Zuge der allgemeinen Unzufriedenheit und der raschen Ausbreitung aufrührerischer Tendenzen, warf man dem Habsburger vor, er setze die Gewaltpolitik und das verschwenderische Gebaren Karls des Kühnen fort. Verglichen mit dem Aufwand der alten burgundischen Herzöge, nahm sich Maximilians Hofhaltung geradezu bescheiden aus. Andererseits lässt sich nicht bestreiten, dass der Habsburger Vertraute aus Österreich, die ihn an den burgundischen Hof begleitet hatten, offenkundig mit lukrativen Posten und Pensionen bedachte.103 Auch das Jahr 1480 setzte sich mit einer Reihe französischer Überfälle auf die Südgrenze des burgundischen Territoriums im Raum Namur und Luxemburg fort, die allesamt zurückgeschlagen werden konnten. Nur mit größter Mühe allerdings sollte es Maximilian gelingen, sich seiner Gegner im nördlichen Burgund – von Holland, Seeland über Utrecht bis Geldern – zu erwehren. Knapp entging er in je- 101 Brief Maximilians an Sigmund Prüschenk vom 26. September 1479, zit. nach: Kraus (Hrsg.): Maximilians I. vertraulicher Briefwechsel, S. 39 102 Fichtenau: Der junge Maximilian, S. 36-37 103 Ebd., S. 39 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 31 nen turbulenten Tagen einem Mordanschlag und trug seither zumeist ein Panzerhemd, das ihn vor Stichen, Hieben und Schüssen zu bewahren half. Das Leben inmitten von unbezahlten Landsknechten, Giftmischern und Mördern erwies sich als immens gefährlich.104 Dem Bedrängten wurde auch dieses Mal seitens des Reiches keine militärische oder finanzielle Hilfe zuteil. Die Hausmachtpolitik der Habsburger war absolut nicht im Interesse der Reichsstände und primär der Kurfürsten. Wesentlich wichtiger als die Erbansprüche Maximilians erschien ihnen eine möglichst rasche Beilegung des Konflikts. Ein durch seine Schwiegermutter im Juli 1480 arrangiertes Freundschafts- beziehungsweise Kriegsbündnis mit England führte wiederum zum Abschluss eines neuen Waffenstillstandes mit Frankreich. Keine der Vertragsparteien war jedoch zu diesem Zeitpunkt an einem dauerhaften Frieden interessiert, da jede Seite ihre territorialen Ansprüche geschmälert sah und nicht bereit war, Kompromisse einzugehen. Maximilian hoffte insgeheim weiterhin, das gesamte burgundische Erbe zurückgewinnen zu können.105 Im Frühjahr des folgenden Jahres, im April 1481, konnte der Habsburger erneut sein Geschick als Feldherr unter Beweis stellen. Mit zwei Flottillen erschien Maximilian vor Dortrecht, Rotterdam und Leyden, um die sich erhebende Grafschaft Holland zu unterwerfen. In einer Reihe weitgehend erfolgreicher Feldzüge in Holland, aber auch in Geldern, gelang es ihm, seine Macht in diesen burgundischen Provinzen soweit zu konsolidieren, dass er in der alten Festungsstadt s'Hertogenbosch die Erbhuldigung empfangen konnte. Am 16. April jenen Jahres war es zudem geglückt, mit Unterstützung Englands ein enges Bündnis mit der Bretagne zu schließen. Für Maximilian schien dieses Jahr allem Anschein nach durchwegs erfolgreich zu verlaufen.106 Hinzu kam, dass Ludwig XI. infolge eines Schlaganfalles seit Herbst 1481 gesundheitlich schwer angeschlagen war und dessen Ableben womöglich in Kürze bevorstand. Dies würde der burgundischen Politik in naher Zukunft, so die Hoffnung, völlig neue Perspektiven eröffnen. Man arbeitete nun mit Nachdruck an dem Vorhaben, nach dem Tod Ludwigs in Kooperation mit England das französische Königreich ein- 104 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 154-155 105 Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter, S. 53-55 106 Wie Anm. 104, S. 158-159 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 32 zukreisen und endgültig zu bezwingen. Alle diese Pläne sollten sich innerhalb kurzer Zeit als nichtig erweisen, da der französische König wider Erwarten gesundete.107 Dank der Bündnisverträge mit England und der Bretagne sowie der Befriedung Hollands und Gelderns schien die Position Maximilians in Burgund im Frühjahr 1482 einigermaßen gefestigt, als den jungen Erzherzog mit dem plötzlichen Tod Marias infolge eines Reitunfalls am 27. März 1482 ein Schicksalsschlag von großer Tragweite traf, der zunächst alles in Frage zu stellen schien. Die Herzogin war nahe Brügge Anfang des Monats zur Reiherbeize ausgeritten, übersprang mit ihrem Pferd einen Graben und wurde, da wohl der Sattelgurt riss, gegen einen Baumstrunk geschleudert. Innerhalb von drei qualvollen Wochen erlag sie ihren schweren inneren Verletzungen.108 Ihre beiden Kinder, Philipp und Margarethe, hatte sie testamentarisch zu ihren Universalerben bestimmt. Als deren Vormund setzte sie ihren Gemahl ein. Bis zur Volljährigkeit des Sohnes wurde Maximilian mit der Regentschaft Burgunds betraut. An ihrem Sterbebett verpflichtete sie die Ritter vom Orden des Goldenen Vlieses zur Einhaltung dieser testamentarischen Verfügung, was sich jedoch als vergeblich erweisen sollte. Mit einem aufwändigen Leichenzug – 15.000 Menschen aller Stände sollen ihr die letzte Ehre erwiesen haben – wurde die Erbin Burgunds zu Grabe getragen und im Chor der Liebfrauenkirche zu Brügge beigesetzt. Maximilian gedachte seiner Gemahlin, der „Königin von Feuereisen“109, zeitlebens und liess in Dichtungen und Bildwerken die Erinnerung an sie wachhalten.110 Bald nach der Beisetzung ihrer Erbherzogin meldeten sich die Generalstände des Landes auf ihrer Zusammenkunft am 28. April 1482 in Gent zu Wort und forderten, nach formaler Anerkennung der nominellen Vormundschaft Maximilians, die freie Verfügung über ihren vierjährigen Erbprinzen Philipp sowie die Einrichtung eines Regentschaftsrates. Den Vater des Knaben drängten sie zu einem baldigen 107 Kendall: Ludwig XI., S. 410, S. 440-441 108 Hollegger: Maximilian I., S. 48 109 Diese Bezeichnung für Maria von Burgund in Maximilians autobiographischen Werk „Theuerdank“ ist abgeleitet vom sogenannten Feuereisen, dem Schlagring des Goldenen Vlieses. 110 Wie Anm. 108, S Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 33 Friedensschluss mit Frankreich und legten ihm nahe, sich zeitnah in seine österreichischen Erblande zurückzuziehen. Maximilian musste sich eingestehen, in seiner Wahlheimat Burgund allenfalls geduldet, aber keineswegs anerkannt oder gar geachtet zu sein.111 Ludwig XI. ließ in dieser prekären Lage, ungeachtet des bestehenden Waffenstillstandes, umgehend seine Armee an den Grenzen aufmarschieren und schürte zugleich nach Kräften die aufkommenden Aufstände im Süden und Norden Burgunds gegen die Herrschaft Maximilians. Wie bereits im Jahre 1477 waren es die Genter, die den Widerstand anführten und um jeden Preis einen Frieden mit Frankreich herbeiführen wollten. Ihr wesentliches Ziel, das deckungsgleich mit dem der burgundischen Stände war, bestand darin, auf schnellstem Wege eine Heirat Margarethes, der zweijährigenTochter Maximilians, mit dem zwölfjährigen französischen Dauphin Karl zu arrangieren, um mit Hilfe dieser dynastischen Verbindung zukünftig alle weiteren Kriegspläne des Habsburgers zu vereiteln und den Frieden dauerhaft zu sichern.112 Für einen Friedensschluss mit Frankreich waren die Genter ebenso wie die Generalstände allem Anschein nach sogar bereit, auf den burgundischen Gesamtstaat und die nördlichen Grenzregionen Artois, Picardie sowie weitere Gebiete zu verzichten. Ohne Maximilian in dieser Frage zu konsultieren, wurden auf einem im Mai 1482 eiligst einberufenen Ständetag in der flandrischen Stadt Aalst Friedens- und Heiratsverhandlungen mit Frankreich beschlossen, die in den Vertrag von Arras zwischen Ludwig XI. und Maximilian am 23. Dezember 1482 mündeten.113 Mit diesem Vertragswerk bekam der französische König neben der kleinen Erzherzogin Margarethe, gleichsam als Mitgift, auch die wertvollsten Gebiete Südburgunds zugesprochen. Bereits im folgenden Jahr brachte man die Tochter Maximilians nach Frankreich und verlobte sie mit dem Dauphin. Philipp verblieb in der Vormundschaft der Generalstände und wurde fortan in Gent ganz in deren Sinne erzogen.114 111 Kamp: Burgund, S. 99 112 Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter, S. 66-67 113 Ebd., S. 68, S. 71-72 114 Fichtenau: Der junge Maximilian, S. 40 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 34 Angesichts dieser verheerenden Situation und gewissermaßen als Reaktion auf die erlittene Niederlage im Vertrag von Arras ließ sich der Habsburger zu einem Vergeltungsschlag hinreißen, der eine Verschärfung der Lage nach sich ziehen sollte. Er erteilte den Befehl, seine Widersacher in den Städten Mecheln, Löwen, Antwerpen und Brüssel in Haft zu nehmen. Die Oberhäupter der Stände stellte man vor Gericht, wobei einige von ihnen – darunter der Bürgermeister von Antwerpen – enthauptet wurden. Daraufhin eskalierten die Aufstände im Laufe des Jahres 1483 erneut und man beschuldigte Maximilian, ungerechtfertigte sowie kostspielige Kriege zu führen.115 Zudem wurde ihm vorgeworfen, seine Leute würden burgundisches Kapital in großen Mengen ins Heilige Römische Reich transferieren. Allenthalben – vor allem in den Regionen Holland, Seeland, Utrecht und Lüttich – entwickelten sich die Kämpfe zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu Lande und zur See zu ausufernden Grausamkeiten zwischen den Aufständischen und den Anhängern Maximilians, bei denen Ernten vernichtet, Vieh geraubt sowie Bauern erschlagen wurden.116 Anfang September 1483 gelang es dem Habsburger nach zweimonatiger Belagerung, die rebellische Stadt Utrecht einzunehmen. Sie musste Kriegskosten in Höhe von 40.000 Gulden zahlen und verlor alle bisherigen Sonderrechte. Bislang ungebrochen war der Widerstand der führenden flandrischen Städte Gent, Brügge und Ypern, die während der Sommermonate des Jahres 1484 mit unverhohlenen Kriegshandlungen gegen den Erzherzog hervortraten. Mit Hilfe einer List – Maximilian ließ als Nonnen und Mönche verkleidete Landsknechte auf einem Heuwagen in der ostflandrischen Stadt Dendermonde Zuflucht suchen und anschließend von ihnen die Tore öffnen – konnte er Ende November 1484 mit einigen hundert Reitern handstreichartig eine weitere Hochburg der Aufständischen ausschalten.117 Zu Anfang des Jahres 1485 eroberte der Habsburger Oudenaarde im Osten Flanderns und stoppte einen Vorstoss der Flamen gegen Brüssel, der Hauptstadt Brabants. Allgemeine Not sowie aktive Truppenwerbung 115 Matthias Pfaffenbichler: Maximilian und Burgund, in: Norbert Koppensteiner (Hrsg.): Der Aufstieg eines Kaisers: Von seiner Geburt bis zur Alleinherrschaft 1459-1493, Wien 2000, S. 55 116 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 167-168 117 Wie Anm. 115, S. 56-57 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 35 bescherten Maximilian die schlagkräftigste Armee, über die er in den burgundischen Erblanden je hatte verfügen können. Dies erleichterte ihm ein rasches und zielorientiertes Vorrücken kolossal. Seine vorangegangenen Kriegserfolge ermöglichten es dem Habsburger im Mai 1485 entschieden gegen Gent, die Keimzelle des Widerstandes, vorzugehen. Das vorrangige Ziel des Erzherzogs war die Befreiung seines Sohnes Philipp aus der Obhut der Stände und die Wiedererlangung der Vormundschaft.118 Wiederum mit Hilfe einer List – Maximilian ließ Häuser, Gehöfte sowie Windmühlen vor den Toren Gents anzünden und konnte, verdeckt von dichtem Rauch, bis vor die Stadt ziehen – sollte es ihm gelingen, dieses Widerstandsnest zu bezwingen. Zwar vermochten die Bürger unter enormen Verlusten eine Einnahme ihrer Stadt abzuwehren, doch setzte sich nunmehr die friedenswillige Partei, bestehend aus Reedern sowie Kaufleuten, durch und nahm umgehend Verhandlungen mit Maximilian auf. Am 8. Juli 1485 schloss die vorrangig wirtschaftlich orientierte neue Stadtregierung Gents Frieden mit dem Erzherzog. Damit hatte er – zumindest vorläufig – einen Etappensieg davontragen können.119 Beim Einzug in die befriedete Stadt marschierte Maximilian mit geschultertem Spieß an der Spitze seiner Landsknechte, um so dieser Truppengattung seine persönliche Anerkennung für ihr Engagement zuteilwerden zu lassen. Es war ihm gelungen, das mächtige Gent zu unterwerfen, die Vormundschaft über seinen Sohn Philipp zurückzugewinnen und als Regent Burgunds anerkannt zu werden.120 Kurz zuvor hatte der Habsburger auch die Stadtoberen und die Kaufleute von Brügge unter Androhung von Repressalien – einem etwaigen Angriff auf die im Hafen liegenden Handelsschiffe – zum Einlenken zu bewegen vermocht. Nach einem eiligst herbeigeführten Friedensschluss war den Bürgern von Brügge nichts anderes übrig geblieben, als dem Erzherzog Ende Juni 1485 die Tore ihrer Stadt zu öffnen und ihm zu huldigen. Alle Rebellen wurden hart bestraft, ihre Anführer enthauptet.121 Einige Wochen vor dem siegreichen Einzug Maximilians in Gent, hatte der ungarische König, Matthias Corvinus, Anfang Juni Wien 118 Wie Anm. 115, S. 57 119 Blockmans: Maximilian und die burgundischen Niederlande, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 63 120 Wie Anm. 118 121 Kamp: Burgund, S. 99-100 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 36 besetzt. Kaiser Friedrich III. war daher gezwungen gewesen, seine Residenzstadt zu verlassen und zog seither auf der Suche nach Hilfe durch die Lande. Seine ganze Hoffnung, wie auch die der Reichsstände, konzentrierte sich in dieser verzweifelten Lage auf seinen Sohn, dessen Erfolge in aller Munde waren. Maximilian sagte, wohl etwas voreilig, dem in arge Bedrängnis geratenen Vater sowie den mit seiner Wahl zum römisch-deutschen König betrauten Reichsfürsten umgehende militärische Unterstützung zu.122 Die österreichischen Erblande sollten nach den glanzvollen Wahl- und Krönungszeremonien im Februar beziehungsweise April 1486 in Frankfurt und Aachen – in der Pfalzkapelle Karls des Großen war Maximilian am 9. April nach alter Tradition gesalbt und gekrönt worden – vergeblich auf eine militärische Intervention des jungen Königs warten. Dieser hatte sich, zur Überraschung aller, im Mai wieder Richtung Westen gewandt und war kurzerhand in die noch längst nicht endgültig befriedeten burgundischen Länder zurückgekehrt. Der Kaiser konnte nunmehr aber zumindest von der Gewissheit ausgehen, seinem Haus die Nachfolge im Reich gesichert und etwaige Bestrebungen des Ungarnkönigs auf die Kaiserkrone endgültig vereitelt zu haben.123 Nach Maximilians Überzeugung ging von Frankreich für die burgundischen Territorien auch weiterhin größte Gefahr aus, der auf schnellstem Wege energisch begegnet werden musste. Wohl um den Vater von der Notwendigkeit seines Vorhabens zu überzeugen, veranlasste er ihn, mit nach Burgund zu kommen, wo man Friedrich III. in Brüssel einen überaus ehrenvollen Empfang bereitete. Hier trat er gemeinsam mit seinem Sohn, dem römisch-deutschen König, öffentlich auf und ließ sich als Oberhaupt des Reiches feiern. Einen Feldzug gegen Ungarn plante Maximilian für die Zeit nach einer endgültigen Befriedung Burgunds.124 Der junge Monarch schien mit dieser Einschätzung der Lage durchaus richtig zu liegen, denn der Ungarnkönig beabsichtigte, im Verbund mit Frankreich und England, einen großangelegten Krieg gegen das Haus Habsburg zu beginnen, dessen Macht allseits als bedrohlich empfunden wurde. Um dieser Gefahr zu begegnen, erneuerte Ma- 122 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 222 123 Jörg Rogge: Die deutschen Könige im Mittelalter. Wahl und Krönung, Darmstadt 2006, S. 87-89 124 Koller: Friedrich III., S. 214 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 37 ximilian das Bündnis mit der freien, von Frankreich unabhängigen, Bretagne und verbündete sich zudem mit den Kronvasallen des innerfranzösischen Widerstandes. Dieser Bund zwischen dem Habsburger, Herzog Ludwig von Orléans und König Johann III. von Navarra richtete sich gegen Anna von Beaujeu, die für ihren minderjährigen Bruder, Karl VIII. von Frankreich, seit dem Tod Ludwigs XI. im Jahre 1483 die Regentschaft führte.125 Wiederum folgten im Sommer 1487 neue Feldzüge gegen Frankreich, für deren Durchführung Maximilian auf die finanzielle und militärische Hilfe der Generalstände Burgunds dringend angewiesen war, da all sein „… ende und woelfaert daran cleft …“126, wie er einem Schreiben an die Stadt Ypern eigenhändig beifügte. Dieser Umstand entfachte von neuem einen allgemeinen Unmut in der Bevölkerung. Bei Béthune, einer Kleinstadt südöstlich von Calais, erlitten Maximilians Truppen, 1300 Reiter und 1600 Infanteristen, im Juli 1487 eine empfindliche Niederlage gegen die Franzosen. Wesentliche Teile des mit den Habsburgern verbündeten burgundischen Hochadels gerieten hier in einen Hinterhalt und kamen ums Leben oder wurden in französische Gefangenschaft verschleppt.127 An vielen Orten Flanderns kam es unmittelbar nach dieser Wende des Krieges, die alle mühsam errungenen Erfolge wieder grundsätzlich in Frage zu stellen schien, zur Rebellion. Im Herbst jenen Jahres bemächtigten sich die niederen Stände in Brügge und Gent, überwiegend Zünfte, erneut der Stadtregierung, prangerten die Herrschaft der habsburgischen Beamten an und beschwerten sich über die hohe Steuernlast. Zudem blieb die Forderung nach einem Friedensschluss mit Frankreich weiterhin offen. Da die Regentin Anna den Genter Bürgern im Namen des französischen Königs die Stellung einer eigenständigen Stadtrepublik anbot, stellte sich die Stadt nur allzu gerne unter den Schutz Frankreichs. Ungeachtet der Ereignisse in Flandern berief Maximilian die Generalstände für das kommende Jahr nach Brügge ein, 125 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 200-201 126 Schreiben Maximilians an die Stadt Ypern vom 1. Februar 1487, zit. nach: Louis Prosper Gachard (Hrsg.): Lettres inédits de Maximilien, duc d'Autriche, roi des Romains et empereur, sur les affaires de Pays-Bas, Brüssel-Gent-Leipzig 1851-1852, Bd. 1, S. 30 127 Wie Anm. 125, S. 204-205 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 38 um von diesen – im Gegenzug für sein Zugeständnis bei der Bildung eines neuen ständisch kontrollierten Finanzrates im Dezember 1487 – Geld und Truppenhilfe für den Kampf gegen Frankreich zu erbitten. Als der Monarch Anfang des Jahres 1488 mit einem verhältnismäßig kleinen Teil seiner Truppen, rund 150 Landsknechten, vor den Toren Brügges erschien, verweigerte ihm die Bevölkerung der Stadt zunächst den Einzug. Die weitaus größere Zahl seiner Kontingente, 200 Reiter und 300 Landsknechte, hatte der Habsburger bereits Richtung Gent geschickt, um den dortigen Aufstand niederzuschlagen, nichts ahnend, dass ihn die bei weitem ernstere Bedrohung tatsächlich vor Ort in Brügge erwarten sollte.128 Obgleich die Stimmung in der Stadt äußerst angespannt war, erschien Maximilian mit einem Teil seiner Knechte auf dem Marktplatz, ermahnte die Bürger zur Ruhe und versuchte, mit ihnen in Verhandlung zu treten. Dies scheiterte vollkommen, denn man schrie den Habsburger nieder und setzte ihn mit einigen wenigen Getreuen kurzerhand in dem als Granenburg bezeichneten Haus eines Gewürzhändlers am Grote Markt fest. Maximilian befand sich insgesamt fast 16 Wochen – vom 5. Februar bis 16. Mai 1488 – in Gefangenschaft der Stadt Brügge.129 In erster Linie forderte die Bürgerschaft Brügges vom König den seit langem ersehnten Frieden mit Frankreich, Verzicht auf dessen Regentschaft in Burgund zugunsten seines Sohnes Philipp und Bestrafung aller korrupten Beamten aus seinem Umfeld. Auf dem Hauptmarkt von Brügge errichteten die Rebellen Mitte Februar 1488, direkt unter den vergitterten Fenstern der Granenburg, eine Richtstätte, sodass der inhaftierte Maximilian gezwungen war, die Folterungen und Hinrichtungen einiger seiner Leute mitanzusehen. Insgesamt wurden zehn von ihnen enthauptet.130 Auch einigen Landsknechten aus Maximilians Begleitung erging es kaum besser. Die aufgebrachte Menge trieb sie durch die Stadt und erschlug so manchen von ihnen wahllos. Trotz dieser prekären Lage blieb der Habsburger in all den Wochen seiner Gefangenschaft voll Mut und Hoffnung. Seine Bewacher erinnerte er immer wieder daran, welche gravierenden Folgen eine etwaige 128 Pfaffenbichler: Maximilian und Burgund, in: Koppensteiner (Hrsg.): Der Aufstieg eines Kaisers, S. 58 129 Ebd. 130 Wie Anm. 119 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 39 Gewaltanwendung gegen den römisch-deutschen König zur Folge haben würde oder welche Schritte gar eine mögliche Auslieferung seiner Person an Frankreich nach sich ziehen könnte. Das Haus Habsburg, so stellte er in den Raum, sei mächtig genug, jedwedes Vergehen gegen ihn unerbittlich zu bestrafen.131 Zwischenzeitlich hatte sich massiver Widerstand gegen die Vorgänge in Brügge formiert und die Befreiung Maximilians war zur obersten Priorität erklärt worden. Die Stände jener burgundischen Provinzen, die dem Habsburger treu ergeben waren, versammelten sich in Mecheln, ersuchten Kaiser sowie Papst um Hilfe und sammelten sich zum Gegenangriff.132 Der Kaiser, den der Sohn in einem hinausgeschmuggelten Schreiben persönlich um Hilfe gebeten hatte, mobilisierte das Reich und sorgte für die Aufstellung von Truppenkontingenten; der Papst drohte der rebellischen Stadt Brügge, die es gewagt hatte, den römisch-deutschen König gefangen zu nehmen, mit dem Kirchenbann. Die Verbündeten Maximilians, die Könige von England, Portugal, Aragón und Kastilien, übermittelten den Rebellen ebenfalls die Androhung von Repressalien, sollte der Habsburger nicht umgehend freigelassen werden.133 Ebenso große Loyalität gegenüber ihrem Regenten zeigten die führenden Handelsgesellschaften, die in Brügge, aber auch in Gent ansässig waren. Da ihnen die Lage allerdings zu unsicher geworden war, verließen die Gesellschaften ihre Standorte und begaben sich nach Antwerpen, wo sie sich, bis zur Besserung der Lage, vorübergehend niederließen. Der wirtschaftliche Nachteil, der daraus erwuchs, war für beide Städte enorm und verstärkte deren isolierte Lage ganz wesentlich. Dennoch sollte es auch nach Erscheinen des 73jährigen Kaisers an der Spitze eines Reichsheeres von 4000 Reitern und 11.000 Landsknechten vor den Toren Brügges Anfang Mai 1488 und den folgenden zähen Verhandlungen noch Tage dauern, bis sich die Rebellen zu einem Vergleich – dem Vertrag von Brügge – bewegen ließen und folglich den Monarchen freigaben.134 Dieses Vertragswerk beinhaltete im Kern jedoch nichts anderes, als die Entmachtung Maximilians und die Wiederherstellung aller Freiheiten der nach Autonomie strebenden 131 Hollegger: Maximilian I., S. 55 132 Wie Anm. 128, S. 59 133 Wie Anm. 131, S. 56 134 Koller: Friedrich III., S. 221 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 40 Stände. Der Habsburger hatte in seiner mißlichen Lage keinen Handlungsspielraum und sah sich gezwungen, auf die Bedingungen einzugehen. Mit Unterzeichnung des Vertrages von Brügge am 12. Mai 1488 entsagte er der Regentschaft, versprach den Abzug seiner Truppen und versicherte, mit Frankreich Frieden zu schließen.135 Maximilian, der am 16. Mai aus der Gefangenschaft freikam, wird insgeheim sicherlich geahnt haben, dass sich der überaus erregte Kaiser von einer Bestrafung der Verantwortlichen nicht würde abhalten lassen, da die Gefangennahme eines römisch-deutschen Königs als schwerwiegendes, unverzeihliches Majestätsverbrechen galt, das geahndet werden musste. Alle Aufständischen wurden geächtet und hatten mit den schärfsten Strafen zu rechnen, konnten sich aber größtenteils durch Flucht der Vollstreckung entziehen. Friedrich III. sah den Vertrag von Brügge als nicht bindend an und ein Fürstengericht in Löwen erklärte denn auch den Eid Maximilians für nichtig, da dieser unter Zwang erfolgt sowie darüber hinaus nicht mit Reichsrecht zu vereinbaren sei. Der Habsburger war mit diesem Akt zumindest formal wieder als rechtmäßiger Herr in den burgundischen Ländern anerkannt worden.136 Ohne tatsächlich etwas ausrichten zu können, zog das Reichsheer weiter gegen Gent, wo man die Keimzelle des Widerstandes gegen Maximilian vermutete. Aufgrund der starken Befestigungsanlagen der Stadt und wegen massiver Versorgungsschwierigkeiten musste die Belagerung nach vierzig Tagen Mitte Juli 1488 abgebrochen werden. Im Zuge der Kampfhandlungen wurden weite Teile des Umlandes verwüstet, Dörfer geplündert und niedergebrannt sowie Bauern erschlagen – ein offensichtlicher Bruch des Vertrages von Brügge. Es ist kaum verwunderlich, dass unter diesen Umständen nur noch wenige Städte – darunter Antwerpen sowie Mecheln – und Provinzen bereit waren, Maximilian als Regenten Burgunds die Treue zu halten. Binnen kurzer Zeit waren nahezu alle flandrischen Städte, Teile Brabants, Holland und Seeland von ihm abgefallen und befanden sich in den Händen von Rebellen.137 Ausgehend von Sluis, dem Seehafen von Brügge, formierten sich Land- und Seestreitkräfte der Rebellen, um gegen den unerwünschten 135 Krieger: Die Habsburger im Mittelalter, S. 224 136 Wie Anm. 134, S. 222 137 Ebd., S. 222-223 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 41 Regenten in den Krieg zu ziehen. Da Maximilian an der Südgrenze des burgundischen Territoriums, bei Lille, in Kämpfe mit den Franzosen gebunden war, gelang es aufständischen flandrischen Truppen im Verbund mit französischen Einheiten im Verlauf des Sommers 1488 weite Teile Flanderns zu besetzen und einen Angriff auf die noch nicht in Rebellenhand befindlichen Gebiete Brabants zu beginnen. Im September jenen Jahres zog die flandrische Rebellenarmee in Brüssel, der Hauptstadt Brabants, ein. Diese Erfolge der Rebellen zwangen den Habsburger zum Rückzug und gefährdeten alle seine bisherigen Gebietsgewinne.138 Als sich auch Amsterdam, Delft, Rotterdam und weitere holländische Städte der Rebellion anschlossen, begab Maximilian sich umgehend nach Norden, um die widerspenstigen Orte wieder unter seine Kontrolle zu bekommen, was ihm letztlich auch gelingen sollte. Auf der Überfahrt von Amsterdam nach Sperdamm geriet das Schiff des Habsburgers im Januar 1489 auf der Nordsee in einen schweren Sturm und es hätte wohl nicht viel gefehlt, dass es gekentert wäre. Er war überzeugt, dass er sein Leben einem puren Wunder zu verdanken habe. So stürmisch und bedrohlich dieses Jahr auch begonnen haben mag, sollte Maximilian 1489 letztlich mehrere durchschlagende Erfolge zu verbuchen haben.139 Durch ein neues Bündnis mit England, Aragón und Kastilien sowie der Bretagne, das sich zwischen Februar und Juni 1489 formierte, gelang es ihm, die militärische Lage bis auf weiteres zu sichern. Um auf dem Reichstag, der im Juni und Juli in Frankfurt tagte, weitere Kriegshilfen einzufordern, vertraute der König das Kommando über seine Truppen Herzog Albrecht von Sachsen an, den er als seinen Statthalter in Burgund eingesetzt hatte, und begab sich ins Reich. In Frankfurt bereitete man einen Präliminarfrieden – genaugenommen einen Waffenstillstand – mit Frankreich vor, der am 23. Juli 1489 tatsächlich zustande kommen sollte – den sogenannten Frankfurter Frieden. Ende Oktober jenen Jahres wurde Maximilian in einer Sondervereinbarung seitens der flandrischen Städte, im Frieden von Montils-les-Tours, die vormundschaftliche Regierung für seinen Sohn Philipp bis zu dessen 138 Pfaffenbichler: Maximilian und Burgund, in: Koppensteiner (Hrsg.): Der Aufstieg eines Kaisers, S. 60 139 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 1, S. 222 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 42 Volljährigkeit offiziell zugestanden. Dies konnte die an diversen Orten in Flandern befindlichen Aufständischen letztlich aber nicht zur endgültigen Aufgabe ihres Widerstandes gegen die ihnen so verhasste „Fremdherrschaft“ des Habsburgers bewegen.140 So führten die Rebellen den Krieg in Flandern, Brabant und Holland auch nach Ausscheiden Frankreichs noch vier weitere Jahre fort, bis sich endlich ein Erschöpfungsfriede einstellen sollte. Verwüstungen, Hungersnöte und Seuchen trugen ebenso wie allgemeine Kriegsmüdigkeit zur Beendigung dieses jahrelangen Konfliktes bei. Nicht unwesentlich war hierbei mit Sicherheit auch das harte, erbarmungslose Vorgehen Albrechts von Sachsen im Kriegsgebiet, um zu einem raschen Abschluss der Kampfhandlungen zu gelangen. Nach der endgültigen Unterwerfung Gents, der Hochburg des Widerstandes, sowie dem Fall von Sluis im Sommer und Herbst 1492 war der 15 Jahre andauernde Krieg um das burgundische Erbe in den nördlichen Landesteilen beendet.141 Auch im Süden kam es nach dem Sieg des kaiserlichen Feldhauptmanns Friedrich Kappler über die Franzosen in der Schlacht bei Senlis am 17. Januar 1493 zu einer Einigung. Der Habsburger konnte hier den größten Teil der Freigrafschaft Burgund zurückgewinnen und handelte über seine Unterhändler Anfang März mit Karl VIII. von Frankreich zunächst einen viermonatigen Waffenstillstand aus, der als Vorbereitung des endgültigen Friedensschlusses gelten kann. Im Frieden von Senlis, den man am 23. Mai 1493 schloss, bekam Maximilian im Namen seines Sohnes Philipp, in Abänderung des Friedens von Arras aus dem Jahre 1482, die Freigrafschaft Burgund, die Grafschaften Flandern, Artois und Charolais sowie die Herrschaft Noyers zugesprochen – nicht jedoch das eigentliche Herzogtum Burgund, das unter französischer Lehenshoheit verbleiben sollte. Allen Widerständen zum Trotz war es Maximilian zumindest gelungen, einen nicht unbeträchtlichen Teil seines erheirateten Erbes für das Haus Habsburg gesichert zu haben.142 Die Lage, die sich nach dem Friedensschluss in den burgundischen Ländern bot, war infolge von Plünderungen, Brandschatzungen sowie der immensen Zahl von Toten überaus desolat. Der einst große Wohl- 140 Wie Anm. 138, S. 60-61 141 Hollegger: Maximilian I., S. 58-59 142 Wilangowski: Frieden schreiben im Spätmittelalter, S. 119-120, S. 137 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 43 stand der Städte war während der Kriegsjahre aufgezehrt worden. Manufakturen, wie der Handel allgemein, lagen, auch aufgrund des Währungsverfalls, vollkommen am Boden.143 143 Blockmans: Maximilian und die burgundischen Niederlande, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 65-66 Burgundische Heirat und Burgundischer Erbfolgekrieg 44

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References

Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.