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Augsburger Reichstag 1518 – Türkenfrage und Nachfolge im Reich in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 129 - 132

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-129

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Augsburger Reichstag 1518 – Türkenfrage und Nachfolge im Reich Mißmutig und kränklich begab sich Maximilian bald darauf nach Baden bei Wien, um hier in den Heilbädern Linderung von seinen Leiden zu finden – jedoch vergeblich. Das letzte Lebensjahr des Kaisers war erfüllt von rastloser Tätigkeit. Noch einmal nahm er seine ganze Kraft zusammen, um auf dem Augsburger Reichstag, der vom 7. Juli bis 14. Oktober 1518 tagte, – seinem letzten, aber zugleich einem der glänzendsten – zu einem Kreuzzug gegen die Osmanen aufzurufen und die Nachfolge seines Enkels Karl im Reich in die Wege zu leiten. Die Hauptfrage, mit der sich der Reichstag befasste und die im Fokus öffentlicher Erregung stand, war freilich der Plan eines Kreuzzuges gegen die Türken. Aufgrund ihrer Grenzlage waren die Erblande der Habsburger im Fall einer osmanischen Invasion unmittelbar betroffen. Die Reichsstände waren jedoch nicht gewillt, diese Frage im Detail zu erörtern und standen einem Kreuzzugsvorhaben von Anfang an ablehnend gegenüber. Insbesondere die Verbindung der Kreuzzugsfrage mit Steuerforderungen, Ablass und Sakramentsempfang erregte die Stände, da der Ablasskrieg, den die Thesen Luthers ausgelöst hatten, bereits hohe Wogen nach Augsburg schlug.313 Tatsache war, dass der eher kriegerische Sultan Selim I. seit Zurückschlagung der Perser sowie der Eroberung Syriens und Ägyptens zu einem Großangriff gegen das Abendland rüstete. Auch Papst Leo X. war darum bemüht, die christlichen Könige und Fürsten gegen die Osmanen zu einigen. Maximilian musste bald erkennen, dass ein Krezzug 313 Christoph Böhm: Die Reichsstadt Augsburg und Kaiser Maximilian I. Untersuchungen zum Beziehungsgeflecht zwischen Reichsstadt und Herrscher an der Wende zur Neuzeit (Abhandlungen zur Geschichte der Stadt Augsburg, Bd. 36), Sigmaringen 1998, S. 197-199 129 nicht nur am Widerstand der Reichsfürsten, sondern auch am gegenseitigen Mißtrauen der Großmächte scheitern würde.314 Ohne jede Auseinandersetzung einigten sich Kaiser und Fürsten hingegen auf die Rezeption des Römischen Rechts, das beim Volk wenig beliebt war. Das Kammergericht sollte fortan nach dem allgemeinen sowie nach dem kaiserlichen Recht – heißt Römischen Recht – verhandeln und Urteile fällen. Das Römische Recht war somit offiziell als Reichsrecht anerkannt worden, was weitreichende Folgen hatte. Die überlieferten Landrechte waren damit aber keineswegs völlig abgeschafft.315 Ansonsten gelang es auch auf diesem Reichstag nicht, die Reichsreform weiter voranzubringen. Einziger wirklicher Erfolg des Augsburger Reichstages war der positive Ausgang der Wahlverhandlungen zur Sicherung der Nachfolge Maximilians auf dem Kaiserthron. Binnen weniger Wochen war es dem Kaiser gelungen – allerdings nicht ohne horrende Bestechungsgelder – die Mehrzahl der Kurfürsten für die Wahl seines Enkels Karl zum römisch-deutschen König zu gewinnen. Jakob Fugger stellte die hierfür notwendigen Darlehen zur Verfügung. Zusätzlich investierte Maximilian auch österreichische Gelder in die Wahlwerbung. Dieser Erfolg hatte für den Kaiser oberste Priorität, da er jede Gefährdung der habsburgischen Nachfolge im Reich ausschließen wollte. Erzherzog Ferdinand, der Bruder Karls, sollte zukünftig nach dem Willen des Großvaters die österreichischen Erblande regieren.316 Der Kaiser war zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 1518, müde, krank, weit über die Jahre gealtert und dieser Welt seit längerem entrückt. So hat ihn Albrecht Dürer, der als Vertreter der Stadt Nürnberg am Augsburger Reichstag teilnahm, im Porträt festgehalten.317 Am 28. Juni 1518 ließ sich der Habsburger „… zw Awgspurg hoch oben 314 Soykut: Mutual Perceptions, in: Helmrath, Kocher, Sieber (Hrsg.): Maximilians Welt, S. 140, S. 147 315 Heil: Maximilian I. und das Reich, in: Schmidt-von Rhein (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 102 316 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 391-392, S. 403-404 317 Friedrich Polleroß: Tradition und Innovation. Kaiser Maximilian I. im Porträt, in: Eva Michel, Maria Luise Sternath (Hrsg.): Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, München-London-New York 2010, S. 110 Augsburger Reichstag 1518 – Türkenfrage und Nachfolge im Reich 130 awff / der pfaltz in seinem kleinen stüble …“318, also in der alten Bischofsfeste, von Dürer zeichnen. Die hier entstandene Kreidezeichnung sollte als Vorlage für einen Holzschnitt sowie für zwei Ölgemälde dienen. 318 Aus Albrecht Dürers Beschriftung der Kreidezeichnung Kaiser Maximilians, zit. nach: Michel, Sternath (Hrsg.): Kaiser Maximilian I., S. 292 Augsburger Reichstag 1518 – Türkenfrage und Nachfolge im Reich 131

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.