Content

Ende des Venezianerkrieges, Frieden mit Frankreich und Reichstag zu Mainz 1517 in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 125 - 128

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-125

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Ende des Venezianerkrieges, Frieden mit Frankreich und Reichstag zu Mainz 1517 Von den schweren Niederlagen des Kaisers verdeckt, erhob sich nahezu unbemerkt die neue Großmacht seines Enkels Karl – das Königreich Spanien mit ausgedehntem Kolonialbesitz in der Neuen Welt. Mochte der junge spanische König seine Macht auch zunächst bescheiden zurückhalten, so war er doch keinesfalls gewillt, auf Ansprüche seines Hauses – am allerwenigsten in Italien, das nach seinen Vorstellungen dereinst die spanischen und deutschen Territorien der Habsburger verbinden sollte – dauerhaft zu verzichten. Zu ebenjenem Zeitpunkt erschien es ihm aber opportun, eine einvernehmliche und friedliche Lösung mit allen Nachbarländern zu suchen. Gegen den Willen seines Großvaters setzte Karl am 13. August beziehungsweise am 3. Dezember 1516 die Verträge von Noyon und Brüssel durch, die den Frieden mit Frankreich wie auch den Waffenstillstand mit Venedig besiegelten. Dem König von Spanien wurde allerdings das Versprechen abverlangt, beim Kaiser den Verzicht auf das strategisch so wichtige Verona zu erwirken. Die Stadt sollte gegen eine Zahlung von 200.000 Goldkronen in den Besitz der Signorie übergehen. Maximilian konnte dieser aufgezwungenen vertraglichen Vereinbarung nichts entgegensetzen, geschweige denn diese verhindern. Um dem Kaiser die Unterschrift unter dieses Vertragswerk abzuringen, bedurfte es der vereinten Kraft aller einflußreichen Hofleute. Mit dem Ende des Venezianerkrieges waren de facto alle weiteren Kampfhandlungen in Italien aussichtslos geworden. Der Kaiser sah sich nun gezwungen, seine letzten Positionen vor Ort zu räumen.306 Dies war für Maximilian eine überaus bittere Erfahrung, sich noch zu Lebzeiten der Politik seines Nachfolgers Karl und dessen burgundischen Rates unterwerfen zu müssen. Verona, das er dem Erbland Tirol 306 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 252, S. 255-256 125 hatte zuschlagen wollen, war damit verloren. Das Herzogtum Mailand verblieb in französischer Hand. Da den Kaiser die mit genanntem Vertragswerk verbundenen Gebietsverluste und die Aussichtslosigkeit seines Tuns über die Maßen erschütterten, zog er sich für mehrere Tage von aller Welt zurück. Am allermeisten schmerzte ihn freilich der beschämende und wenig ruhmreiche Ausgang des Kampfes um Venedig. Bei diesem langjährigen Ringen mit der Lagunenstadt konnte der Habsburger letztendlich nur die kleineren Grenzorte Riva, am Nordufer des Gardasees, sowie Rovereto und Ala im Trentiner Etschtal, die bislang allesamt unter venezianischer Herrschaft gestanden hatten, für sein Haus hinzugewinnen.307 Der Venezianerkrieg war zweifellos einer der längsten, schwersten und verlustreichsten Kampfhandlungen vor dem Dreißigjährigen Krieg. Erstmals waren Massenheere gegeneinander angetreten und die Opferzahlen dieses Krieges gingen in die Zehntausende. Ganze Landstriche waren in den Kampfgebieten Friauls und Oberitaliens verödet. Zahlreiche Städte und Dörfer waren gebrandschatzt und mitunter sogar dem Erdboden gleichgemacht worden. Felder blieben über Jahre hinweg unbestellt, so dass Hungerepidemien vielfach die Folge waren.308 Nicht nur das achtjährige Ringen um Venedig, sondern die Kriege in Italien insgesamt hatten auch den österreichischen Erblanden erheblich zugesetzt. Zwar war das Erzherzogtum Österreich nicht unmittelbar von den Kriegsereignissen betroffen gewesen, hatte aber unter Handelsausfall und Plünderungen durchziehender Truppen sowie Hungersnöten oder Seuchen zu leiden gehabt. Die Landstände zeigten sich aufgrund dieser Entwicklung höchst unzufrieden und sahen ihren Landesherrn, Erzherzog Maximilian, in der Schuld. Bürger wie Bauern litten unter der hohen Steuerlast, beklagten die rasch fortschreitende Geldentwertung. In den Kassen der Erbländer hatten die langen Kriegsjahre massive Löcher hinterlassen, denn der Kaiser war gezwungen gewesen, Truppen und Kapital fast ausschließlich aus Mitteln seines Kammergutes aufzubringen. Auch wenn er die Erträge seiner Bergwerke als Pfand einsetzte, überstieg die Schuldenlast, die er ange- 307 Wie Anm. 306, S. 251, S. 253-254 308 Hollegger: Maximilian I., S. 211 Ende des Venezianerkrieges, Frieden mit Frankreich und Reichstag zu Mainz 1517 126 häuft hatte, die gesamten Einnahmen eines Jahres aus den Erbländern und dem Reich etwa um das Zehnfache.309 Es gab damals wohl kaum Zeitgenossen, die die Großmachtpolitik Maximilians besonders gepriesen hätten. In der Tat stellte sich die Frage, ob der Preis, den gerade die österreichischen Erblande für den Aufbau eines habsburgischen Weltreiches zu zahlen hatten, nicht zu hoch war, zumal Spanien daraus letztlich den eigentlichen Vorteil ziehen konnte.310 Ein Universaldominat des Hauses Habsburg, der Europa nahezu zwei Jahrhunderte beherrschen sollte, war trotz aller militärischen Mißerfolge des Kaisers nicht mehr aufzuhalten. Die innere Zerrüttung und Ohnmacht des Reiches hatten auf diese Entwicklung eher noch fördernde Wirkung.311 Mit Beilegung des Konfliktes in Italien, gelang es Maximilian nach vierjähriger Pause im Sommer des Jahres 1517 die Stände endlich wieder auf einem Reichstag zu versammeln. Von Ende Juni bis Ende August tagten die Reichsstände in Mainz. Während der jahrelangen Feldzüge des Kaisers waren die Landfriedensbrüche, die Fürstenfehden, die Raubzüge verarmter Ritter, die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den Reichs- und Bischofsstädten sowie die Bauernaufstände auf dem Land untragbar geworden. Maximilian brachte zum wiederholten Mal den Vorschlag ein, dass der Ritterstand in den unmittelbaren Dienst des Reiches übernommen werden und ihm fortan die Sicherung des Landfriedens wie auch die Vollstreckung von Gerichtsurteilen übertragen werden sollte. Doch der Vorschlag des Kaisers, der den Reichstag nur aus der Ferne verfolgte, fand bei den Versammelten kein Gehör und so wurde der Tag zu Mainz ohne Abschied aufgelöst und alle vorgebrachten Verhandlungspunkte auf den nächsten Reichstag verschoben.312 309 Ebd., S. 232-233 310 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 342-343 311 Vocelka: Europäisierung der habsburgischen Hausmachtpolitik, in: Herbers, Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert, S. 204-205, S. 212 312 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 280-282 Ende des Venezianerkrieges, Frieden mit Frankreich und Reichstag zu Mainz 1517 127

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.