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Exkurs: “Gedechtnus“ – Konzeption eines Erinnerungswerkes am Beispiel des „Weißkunig“ in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 121 - 124

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-121

Tectum, Baden-Baden
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Exkurs: “Gedechtnus“ – Konzeption eines Erinnerungswerkes am Beispiel des „Weißkunig“ In jenen Jahren des fortwährenden Kampfes und der sich anbahnenden Niederlage besann sich der von Krankheit geplagte, melancholische Kaiser seines „Gedächtnisses“, des Bildes seiner Person und seiner Taten. Das von ihm konzipierte Erinnerungswerk, wie er es unter das Volk bringen und sich selbst der Nachwelt präsentieren wollte, gedachte er nicht seinen Feinden oder Widersachern zu überlassen. Maximilians Übermaß an Phantasie fand Ausdruck in seinen autobiographischen und graphischen Werken zur Verherrlichung des Kaisertums, seiner Person, seines Hauses und seines Schaffens. Hier konnte er seinem schwärmerischen, nach Gestaltung drängendem Geist freien Lauf lassen, hier gab es keine Grenzen.298 Das Streben Maximilians, sich noch zu Lebzeiten ein Gedächtniswerk zu schaffen, wird in seinen Schlussworten zum „Weißkunig“ nur allzu deutlich: „Wer ime im leben kain gedechtnus macht, der hat nach seinem tod kain gedechtnus und desselben menschen wird mit dem glockendon vergessen …“299 Der „Weißkunig“ gehört neben dem „Theuerdank“ zu den beiden autobiographischen Werken Kaiser Maximilians und knüpft an mittelalterliche Herrschertypologie an. Als Vorbild diente hier mit größter Wahrscheinlichkeit die Chronik des am burgundischen Hof tätigen Biographen und Buchillustrators Jean Molinet.300 Maximilians persönlicher Anteil an der Entstehung der einzelnen Werke ist schwer zu bestimmen und wird inzwischen weit zurückhaltender bewertet, als es die ältere Forschung noch sah. So sind etwa neben eigenhändigen Notizen des Kaisers auch Anweisungen für Holz- 298 Alexander Kagerer: Macht und Medien um 1500. Selbstinszenierungen und Legitimationsstrategien von Habsburgern und Fuggern, Berlin-Boston 2017, S. 70-73 299 Aus dem „Weißkunig“ Kaiser Maximilians I., zit. nach: Jan-Dirk Müller: Gedechtnus. Literatur- und Hofgesellschaft um Maximilian I., München 1982, S. 25 300 Wie Anm. 298, S. 78, S. 113 121 schnitte vorhanden, die den Text bereichern sollten. Dem Sekretär Maximilians, Marx Treitzsaurwein, kam beim “Weißkunig-Projekt“ zwischen 1505 und 1516 die Aufgabe zu, in enger Absprache mit dem Kaiser – quasi als „Ghostwriter“ –, Ereignisse aus dem Leben des Habsburgers niederzuschreiben und in griffigen Kapiteln zu gliedern.301 Das Werk besteht aus drei Teilen – einer Mischung aus Heldenroman, Chronik und Fürstenspiegel. Im ersten Teil werden Brautwerbung und Kaiserkrönung Friedrichs III., des Vaters Maximilians, geschildert. Im Anschluss daran berichtet die Erzählung von Geburt, Kindheit und Jugend Maximilians sowie in einem dritten Teil von dessen Herrschaft und Kriegstaten, wobei das höfisch-ritterliche Leben hier einen besonderen Stellenwert einnimmt. Mit der Schlacht von Vicenca Anfang Oktober 1513 bricht das Werk ab.302 Wie beim „Theuerdank“ auch sind die Namen der Protagonisten im Text verschlüsselt. Friedrich III. tritt als der „alte weiße König“, Maximilian als der „junge weiße König“ in Erscheinung. Die Bezeichnung „Weißkunig“ meint aber nicht nur den „weisen“ König, sondern bezieht sich ebenso auf die Farbe Weiß, die Maximilian im Turnier trug.303 Text und Bild, so die Intention, sollten bei diesem Geschichtswerk eine untrennbare Einheit bilden und sich gegenseitig ergänzen. Maximilian habe als Mitgestalter seiner Werke, so heißt es in den Anweisungen des Kaisers, „… zu der geschrift gestellt figuren, gemalt, damit das der leser […] mit […] mund und augen mag versten den Grund dises gemelds meines puechs […].“304Der „Weißkunig“ wurde mit 251 Holzschnitten nach Zeichnungen von Hans Burgkmair d. Ä., Leonard 301 Jörg Jochen Berns: Gedächtnis und Arbeitsteiligkeit. Zum gedechtnus-Konzept Maximilians im Kontext mnemonischer Programme und enzyklopädischer Modelle seiner Zeit, in: Jan-Dirk Müller, Hans-Joachim Ziegeler (Hrsg.): Maximilians Ruhmeswerk. Künste und Wissenschaften im Umkreis Kaiser Maximilians I., Berlin-Boston 2015, S. 71, S. 73-75 302 Wie Anm. 298, S. 90-94, S. 98-99 303 Björn Reich: Maximilian und die Leerstelle: Einige Gedanken zur Poetik von Maximilians gedechtnus-Werken, in: Helmrath, Kocher, Sieber (Hrsg.): Maximilians Welt, S. 94-96 304 Aus den Anweisungen Maximilians an seinen Sekretär Marx Treitzsaurwein, zit. nach: Müller: Gedechtnus, S. 80 Exkurs: “Gedechtnus“ – Konzeption eines Erinnerungswerkes am Beispiel des „Weißkunig“ 122 Beck sowie Hans Schäuffelein illustriert. Die gesamte Erzählung ist auf das Bildmaterial zugeschnitten. Auch hier sorgte Treitzsaurwein dafür, dass Text und Bild übereinstimmten. In erster Linie ging es bei den Werken Maximilians, so auch beim „Weißkunig“, darum, den „splendor maiestatis“ mit Hilfe von Text und Ausstattung hervorzuheben. Hierzu eigneten sich reproduzierbare Holzschnitte besonders gut. Maximilians Werk „Weißkunig“ blieb unvollendet und geriet über die Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst im Jahre 1775 wurde es in seiner unvollendeten Form in Wien veröffentlicht – rund 260 Jahre nach Maximilians aufreibendem Kampf in Italien.305 305 Elke Anna Werner: Kaiser Maximilians Weißkunig. Einige Beobachtungen zur Werkgenese der Illustrationen, in: Müller, Ziegeler (Hrsg.): Maximilians Ruhmeswerk, S. 349-350 Exkurs: “Gedechtnus“ – Konzeption eines Erinnerungswerkes am Beispiel des „Weißkunig“ 123

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.