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Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit in:

Wolf H. Birkenbihl

Maximilian I., page 113 - 120

Kaiser zwischen Traum und Wirklichkeit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4301-1, ISBN online: 978-3-8288-7216-5, https://doi.org/10.5771/9783828872165-113

Tectum, Baden-Baden
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Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit Als sich Heinrich VIII. wenig später darauf auf den Rückmarsch machte, um den Sieg seiner Heimatarmee gegen die Schotten militärisch und politisch weiter auszunützen, wandte sich Maximilian erneut Operationen in Italien zu. Im Verbund mit Ferdinand von Aragón wollte er nun endlich Venedig unterwerfen. Ferdinand ließ sich ohne Zögern auf einen gemeinsamen Feldzug mit dem Habsburger ein. Alles, was dem gemeinsamen Erbe beider Dynastien schaden könnte, sollte fortan vermieden werden. In einem wahren Plünderungszug bewegten sich bald darauf kaiserliche und aragonesische Truppen an Padua vorbei, das sie nicht zu erobern vermochten. Am 30. September 1513 brannten sie die unweit Venedigs gelegene Stadt Mestre nieder. Von Mestre aus beschoss die kaiserliche Artillerie sogar Venedig, wobei diese Aktion allenfalls kurzfristig Schrecken verbreitete, auf lange Sicht aber wenig auszurichten vermochte. Die Lagunenstadt war uneinnehmbar. Auch Handelssperre und Hungerblokade konnten der Stadt keinen wirklichen Schaden zufügen.282 Die Signorie hoffte inständig, das brandschatzende und plündernde kaiserlich-aragonesische Heer nordwestlich von Venedig, bei Vicenza, einkreisen und schlagen zu können. Doch den vereinigten Truppen beider Monarchen gelang am 7. Oktober 1513 in einer hart erkämpften Ausbruchsschlacht der freie Abzug, wobei sich insbesondere die Landsknechte unter Führung Georg von Frundsbergs hervortaten. Die Tapferkeit und List der Landsknechte wurden allgemein gerühmt. „Je mehr Feind, je mehr Glück“283 soll der Tagesbefehl Frundsbergs da- 282 Ebd., S. 133-134 283 Georg von Frundsberg in der Schlacht bei Vicenza am 7. Oktober 1513, zit. nach: Dieter Mertens, Werner Wilhelm Schnabel, Theodor Verweyen (Hrsg.): Julius Wilhelm Zincgref. Gesammelte Schriften. Apophthegmata teutsch, 2 Bde., Berlin- Boston 2011, Bd. 1, S. 129 113 mals gelautet haben. In diesem auch als „Schlacht von La Motta“ bezeichneten Gefecht wurden die Venezianer trotz Übermacht so empfindlich geschlagen, dass sie sich im ersten Schock flehend an den Papst wandten, er möge einen Frieden oder Waffenstillstand mit dem Kaiser vermitteln. Der Habsburger wäre zu diesem Zeitpunkt durchaus bereit gewesen, einen Waffenstillstand zu schließen, aber nicht ohne jeglichen territorialen Gewinn.284 Ebenso wie der aragonesische König, dachte auch Maximilian in erster Linie an die geographische Lage Italiens, eben jene strategisch so überaus wichtige Landverbindung zwischen den habsburgischen Erblanden und den spanischen Ländern seiner zukünftigen Erben. Letztlich war der Kaiser aus eben diesem Grund nicht bereit, sich auf einen endgültigen Frieden mit der Signorie einzulassen. Immer noch hoffte er, von ihm begehrte Gebiete in Venetien für sein Haus sichern zu können.285 Schien der Sieg bei Vicenza dem Monarchen auch neuen Mut gemacht und sein Ansehen wieder gesteigert zu haben, so zollten die Feldzüge der vergangenen Jahre ihren gesundheitlichen Tribut. Maximilian fühlte sich alt, verbraucht und mitunter dem Tode nah. So manches Mal hatte er zehn Stunden lang im Sattel seines Hengstes gesessen. Erkältungen und Fieber plagten ihn öfter als früher. Auch ein altes Fußleiden machte ihm verstärkt zu schaffen und ließ ihn ein Ende der Kampfhandlungen herbeisehnen. Alle Kriegsparteien erhofften sich nach den langen Kriegsjahren gegen Ende des Jahres 1513 einen Frieden, doch keine Partei war zu den notwendigen Zugeständnissen bereit.286 Der Papst konnte zwar einen neuen Waffenstillstand zwischen der Signorie und dem Habsburger vermitteln, der kraft seines Schiedsspruches am 4. März 1514 von beiden Seiten angenommen wurde, doch sollte dieser nicht lange währen. Schon bald hatten sich die Venezianer von der schweren Niederlage bei Vicenza erholt und lehnten, unnachgiebiger als zuvor, jede Abtretung von Territorium an den Kaiser ab. Da auch Leo X. letzten Endes eher die Sache Venedigs zu begünstigen schien, war es wenig verwunderlich, dass dieser halbherzig geschlossene Waffenstillstand binnen kurzer Zeit wieder aufgekündigt 284 Hollegger: Maximilian I., S. 206 285 Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 136-137 286 Wie Anm. 284, S. 207 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 114 wurde und der Kampf einen noch erbitterteren Fortgang nahm als zuvor. Maximilian rüstete sich für einen letzten, entscheidenden Waffengang. Der ihm treu ergebene Tiroler Landtag bewilligte dem Monarchen für dieses Unternehmen 50.000 Gulden.287 Da die Gelegenheit zu einem günstigen Verhandlungsfrieden somit vertan war, versuchte der Kaiser nun im Frühjahr 1514 mit einem Großangriff das venezianische Festland zu erobern und die Republik Venedig auf diese Weise zu einem dauerhaften Frieden zu bringen. Auch wenn Maximilian alle verfügbaren Geldmittel aus den österreichischen Erblanden heranzuziehen versuchte, erwiesen sich die kaiserlichen Soldaten als zu schwach. Es gelang ihm zwar, die Stadt Marano in Venetien zu erobern und den Zusammenbruch seiner Armee zu verhindern, doch gewannen die Venezianer ganz Friaul im Nordosten Italiens zurück, das seit dem Jahre 1420 zur Stadtrepublik gehört hatte. Allzu gern hätte Maximilian sich dieses Gebiet, das im Norden an Kärnten grenzt, dauerhaft gesichert. Venedig kämpfte um seine Existenz und dem Kaiser ging es bei diesem Kampf in erster Linie, wie er selbst sagte, um „honneur et prouffit“.288 Letztlich sollte es der Republik Venedig gelingen, sich in diesem noch nahezu drei Jahre andauernden Krieg sowohl gegen den Kaiser, als auch gegen den französischen König und den Papst zu behaupten.289 Bald schon kündigte sich aufgrund der verfahrenen Situation in Italien ein Bündniswechsel des Kaisers an – eine Rückkehr in das französische Lager. Dieser erneute Wechsel schien einen günstigen Abschluss des Italienkrieges zu versprechen, den Maximilian nicht mehr länger durchzuhalten vermochte. König Ferdinand von Aragón sollte bei den Verhandlungen mit dem französischen Monarchen zur treibenden Kraft werden. Obgleich der Habsburger diesem Plan mißtraute, war er aufgrund des in Aussicht stehenden spanischen Erbes gezwungen, Ferdinand entgegenzukommen. Am 13. März 1514, neun Tage nach dem gescheiterten Waffenstillstand mit Venedig, kam zwischen Ludwig XII., Maximilian und dem mit ihm verbündeten König Aragóns in Orléans ein Waffenstillstand zustande. Der englische Monarch fühlte sich angesichts dieses überraschenden Bündniswechsels 287 Wie Anm. 285, S. 139-140 288 Zit. nach: Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 142 289 Wie Anm. 285, S. 140-142 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 115 vom Kaiser hintergangen, der kurzerhand zugunsten des neuen Bundes mit Frankreich den Pakt mit dem Inselreich aufgekündigt hatte. Heinrich VIII. seinerseits ging von daher nur allzu gerne auf die Offerte des französischen Königs ein, mit ihm ein separates Bündnis einzugehen. Papst Leo X. unterstützte ohne Umschweife diesen diplomatischen Coup einer englisch-französischen Allianz, da er die Entstehung einer spanisch-habsburgischen Großmacht in Italien fürchtete.290 Mit der Thronbesteigung von Franz I. in Frankreich zu Jahresbeginn 1515, nahm der Krieg in Italien eine völlig unerwartete Wendung. Auch dem neuen König schlug man eine einvernehmliche Teilung Italiens vor, wobei die Anteile der spanischen Krone, Reichsitalien und das habsburgische Hausgut alles in allem ein durchaus ansehnliches „Königreich Italien“ abgegeben hätten. Frankreich, das stets die bedrohliche Umklammerung durch Habsburger und Spanier fürchten musste, sah in Italien vorrangig das Bindeglied jenes habsburgischspanischen Machtblockes und war von daher nicht willens, sich von seinem alten Bundesgenossen Venedig loszusagen. Der junge französische König vertraute auf sein eigenes Waffenglück und setzte sich – wie seine Vorgänger – zunächst die Eroberung Mailands, dann Neapels zum Ziel.291 Für ihn war die Rückgewinnung einer festen Position seines Hauses in Italien von überragender Bedeutung. Mit dem Sieg des eidgenössischen Heeres über die Franzosen in der Schlacht bei Novara im Juni 1513 war Mailand – das seither unter dem Protektorat der Eidgenossen gestanden hatte – der französischen Krone verloren gegangen. Voll Tatendrang und vom Ehrgeiz getrieben, überquerte Franz die Alpen. In der zweitägigen Schlacht unweit des lombardischen Marignano am 13. und 14. September 1515 schlug er, dank seines taktischen Geschicks und der überlegenen Feuerkraft seiner Artillerie, die im Dienst des Herzogs von Mailand, Massimiliano Sforza, kämpfenden und von ihren kaiserlichen, aragonesischen und päpstlichen Verbündeten verlassenen Schweizer. Das Herzogtum Mailand ging nun wieder in französischen Besitz über. Diesen Sieg hatten in erster Linie deutsche Landsknechte, die als sogenannte „Schwarze Garden“ im Sold Frankreichs standen, errungen.292 290 Metzig: Kommunikation und Konfrontation, S. 260 291 Ebd. 292 Hollegger: Maximilian I., S. 208-209 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 116 Maximilian blieb nichts anderes übrig, als den Franzosenkönig in Italien gewähren zu lassen, denn er war bis August jenen Jahres mit dem Abschluss eines überaus engen Bündnisses zwischen Ungarn und Österreich befasst gewesen. Nach langwierigen Verhandlungen war es ihm gelungen, eine Doppelhochzeit zu arrangieren, die dereinst von größter Tragweite für das Haus Habsburg werden sollte. Bei der sogenannten Wiener Doppelhochzeit am 22. Juli 1515 wurden im Wiener Stephansdom Ludwig, der neunjährige Sohn des ungarischen Königs Wladislaw, mit der gleichaltrigen Enkelin Maximilians, Maria, sowie der Kaiser stellvertretend für seinen Enkel Ferdinand mit Anna, der Tochter Wladislaws, vermählt. Der Ungarnkönig, der seine aufsässigen Magnaten kaum weniger fürchten musste als den kampfbereiten Sultan Selim, sah in der engen Verbindung beider Dynastien die Rettung Ungarns vor den Türken. Im Freundschaftsvertrag vom 3. August 1515 – wenige Tage nach Abschluss der Hochzeitsfeierlichkeiten – sicherten sich beide Monarchen gegenseitige Unterstützung bei Bedrohung durch das Osmanische Reich zu.293 Während sich der Kaiser noch in Wien aufhielt, hatte ein erneuter Überfall des französischen Königs auf die Lombardei im September 1515 Italien vollkommen unvorbereitet getroffen. Auch der Papst kam nicht umhin, sich nach der Schlacht von Marignano dem Diktat des Siegers zu beugen. Auf Grundlage des Konkordats von Bologna, das im Dezember des Jahres 1515 verabschiedet werden sollte, wurde Leo X. verpflichtet, fortan die Rechte der gallikanischen Kirche mit dem König von Frankreich zu teilen. Franz I. benötigte den Papst zudem als Verbündeten gegen den Kaiser und den König von Aragón, denn die habsburgisch-spanische Partei gab sich nach der Niederlage der mit ihnen verbündeten Eidgenossen bei Marignano keineswegs geschlagen. Der bereits vom Tod gezeichnete aragonesische König bemühte sich, dem siegreichen Frankreich im Herbst des Jahres 1515 eine neue Allianz – bestehend aus Aragón, dem Reich und der Schweiz – entgegenzustellen, da er fürchten musste, Franz I. werde womöglich auch das mit ihm in Personalunion verbundene Neapel angreifen. Selbst England schloss sich bereitwillig diesem Bund – letztlich eine Neuauflage 293 Vocelka: Europäisierung der habsburgischen Hausmachtpolitik, in: Herbers, Schuller (Hrsg.): Europa im 15. Jahrhundert, S. 210-211 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 117 der Liga von Mecheln – an, den auch Leo X. insgeheim unterstützte. Die Bündnispartner planten einen neuen Feldzug gegen Frankreich, den der Kaiser – seine Kräfte bei weitem überschätzend – persönlich anführen wollte.294 Der Tod Ferdinands im Januar 1516 war für die Partner der Allianz ein schwerer Schlag, da er alle Feldzugspläne gegen Frankreich zunichte machte. Der verstorbene Monarch hatte großzügige Hilfsgelder und vor allem militärische Unterstützung für das Unternehmen in Aussicht gestellt. Thronfolger und Alleinerbe beider spanischen Königreiche war Ferdinands beziehungsweise Maximilians Enkel, der spätere Kaiser Karl V., der als Karl I. das vereinigte Königreich Spanien begründete. Die Personalunion zwischen Aragón und Kastilien, die bereits im Jahre 1469 durch die Heirat der sogenannten „Katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella begonnen hatte, wurde nun durch die Nachfolge Karls auf beiden Thronen vollendet. Maximilians Enkel war fortan ausschließlich mit seinem Erbe befasst – zu dem auch der Kolonialbesitz in der Neuen Welt gehörte – und ließ dem Großvater bei seinen militärischen Operationen in Italien keine Hilfe zuteilwerden. Dieses Verhalten werde in den Annalen Karls als „boess stückle“295 unvergessen bleiben, tadelte ihn der Kaiser. Karl folgte ganz der an Frankreich orientierten Politik seines burgundischen Rates und sollte mit Franz I. auf schnellstem Weg Frieden schließen.296 Dem seit geraumer Zeit kränklichen Kaiser gelang es im Frühjahr 1516 zwar mit äußerster Kraftanstrengung einen Feldzug gegen das unter französischer Herrschaft stehende Mailand voranzutreiben, kam aber mit seinen Truppen vor der gut befestigten Stadt zum Stehen. Mochte der Habsburger auch über rund 14.000 Landsknechte und Reiter, schweres Gerät sowie rund 100 leichte Geschütze verfügen, so fehlten ihm für eine Belagerung oder gar Erstürmung mauerbrechende Geschütze. Hinzu kam, dass er kaum mehr in der Lage war, das Soldgeld für die nächsten zwei Wochen aufzubringen. Maximilian war nur allzu bewusst, dass er seine für einen Erfolg unverzichtbaren Lands- 294 Hollegger: Maximilian I., S. 209-210 295 Aus einem Bericht Kaiser Maximilians an seinen Schatzmeister Jakob Villinger von Schönenberg vom Juni 1516, zit. nach: Wiesflecker: Kaiser Maximilian I., Bd. 4, S. 241 296 Ferenc Majoros: Karl V. Habsburg als Weltmacht, Graz-Wien-Köln 2000, S. 25, S. 29-30 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 118 knechte in Kürze nicht mehr würde bezahlen können. Geldmangel, Enttäuschung und Krankheit scheinen den Kaiser derart zermürbt zu haben, dass er den Feldzug abbrach und seine Truppen nach Tirol zurückführte. Der desaströse Ausgang dieses Unternehmens war ein bitteres Erlebnis, eine einzige Demütigung für den gealterten und kranken Kaiser. Schwere gesundheitliche Probleme machten ihm derart zu schaffen, dass er Mühe hatte, sein Pferd zu besteigen.297 297 Wie Anm. 294, S. 210 Kampf um Venedig, Wechsel der Bündnisse und Wiener Doppelhochzeit 119

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Zusammenfassung

Maximilian I., der zweite Habsburger auf dem deutschen Kaiserthron, als Nachfolger seines Vaters Friedrich III. 1459 in Wiener Neustadt geboren, 1486 in Frankfurt am Main zum römisch-deutschen König gewählt und in Aachen gekrönt, seit 1493 Alleinherrscher im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, 1508 zum „Erwählten Römischen Kaiser“ proklamiert – dieser Maximilian ist mit Sicherheit eine der faszinierendsten Gestalten an der Wende zur Neuzeit.

Er war Ritter und moderner Herrscher zugleich, Krieger und Visionär. Er schätzte Turniere und war stolz auf seine konkurrenzlose Artillerie, mit der er Städte und Länder eroberte. Sein politisches Streben war von Anfang an klar auf Expansion ausgelegt, sowohl mit kriegerischen Mitteln als auch durch vorausschauende Heiratspolitik.