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IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) in:

Nikola Stumpf

Vom Ladenkino zur Eigenproduktion, page 51 - 112

Kommunale Kinogeschichte in Zeiten des Wirtschaftswunders am Beispiel der Lichtspielhäuser Watzenborn-Steinbergs (1945-1964)

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4276-2, ISBN online: 978-3-8288-7215-8, https://doi.org/10.5771/9783828872158-51

Tectum, Baden-Baden
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„Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex- Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) Wilhelm Vogt, Kinobesitzer (1915–1978) Nachdem Wilhelm Vogt als Vater des Kinos in Watzenborn-Steinberg eine prominente Rolle in den vorangegangenen Kapiteln spielte und auch in den folgenden Kapiteln spielen wird, soll nun eine kurze Biographie den Mann hinter den Kulissen vorstellen. Durch Einblicke in die Fotosammlung der Familie Vogt und Erinnerungen seiner Schwiegertochter, war es möglich, viele Lücken in der Biografie zu schließen. Wilhelm Vogt sei ein kluger Mensch gewesen, der immer freundlich war, Charisma hatte und als Respektsperson galt. Er besaß die wichtigste Eigenschaft eines Geschäftsmanns: er war Networker. Seine Frau Elli hingegen wurde als recht dominante Grand Dame beschrieben, die mit ihrem Auftreten beeindruckte. Doch so unnahbar beide erschienen, packten sie tatkräftig mit an, um ihren Traum zu verwirklichen. Wilhelm Vogt stammte aus soliden Verhältnissen. Er wurde am 25. Januar 1915 als Sohn eines Bäckermeisters und einer Hausfrau in Hungen geboren. August Wilhelm Vogt (1882–1959), geboren in Wetter, betrieb neben seiner Bäckerei auch eine Gaststätte in Hungen. Er heiratete Lina Knau (1881–1960), die gebürtig aus Pracht im Westerwald stammte und deren Familie sich im Marburger Land niederließ. Die Eheschließung fand im Juli 1903 in Kirchhain statt.107 Lina bekam im Laufe der Ehe drei Söhne: Friedrich (*04.07.1904), der später nach Hannover zog; August Wilhelm Hartmann (1908–1975), der in die Fußstapfen seines Vaters trat, ebenfalls Bäckermeister wurde und das Geschäft in Hungen übernahm; und schließlich Mathias Karl Wilhelm IV. 4. 107 Vgl. hierzu „Familienbuch Hungen“ von Hans-Karl Brückmann. 51 (1915–1978), der ins Kinogewerbe einstieg. Die Reihenfolge seiner Rufnamen variierte im Laufe seines Lebens. Über Wilhelms Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Er besuchte die Realschule in Laubach. Sein Abschlusszeugnis der Klasse 8 vom September 1929 weist ihn als mittelmäßigen Schüler aus, der jedoch sehr gute Kenntnisse der Mathematik vorweisen konnte. Danach verliert sich die Spur. Die Vermutung liegt nahe, dass er einen kaufmännischen Beruf erlernte. Erst in den Kriegsjahren lässt sich sein Weg weiter nachverfolgen. Wilhelm wurde eingezogen und musste an die Front. Er diente schließlich als Oberfeldwebel der Luftnachrichtentruppe in Ostpreußen. Dort lernte er seine spätere Frau Gerda Elli Fischer (*17.01.1921) kennen. Sie war gebürtig aus Landsberg, Kreis Preußisch Eylau, wo Wilhelm diente. Im April 1944 gaben die beiden offiziell ihre Verlobung bekannt. Die Fischers mussten, wie so viele ihrer Landsleute, ihre Heimat verlassen und eine grauenhafte Flucht antreten. In Begleitung ihres Verlobten Wilhelm, erreichten Elli und ihre Eltern Albert (*1882) und Martha Sophie Fischer (*1888) schließlich Hungen, wo sie sich niederließen. Am 14. August 1948 gaben sich Wilhelm Vogt und Elli Fischer das Ja-Wort. Sein Bruder Friedrich, der mittlerweile in Niedersachen lebte, fungierte als Trauzeuge. Bereits am 23. Dezember 1948 lag ihr Sohn Erich Wilhelm Bernhard unter dem Weihnachtsbaum. Benannt wurde er nicht nur nach seinem Vater, sondern auch nach Ellis als vermisst gemeldetem Bruder, der nie wieder aus dem Krieg zurückkehrte. Elli, die nun als einziges Kind zurückblieb, erhielt von ihren Eltern die volle Aufmerksamkeit. Sie sagte immer über sich selbst: „Ich war die kleine Prinzessin“. Diese Aufmerksamkeit schenkte sie im Laufe ihres Lebens auch ihrem Sohn Bernhard, der das einzige Kind Wilhelm und Elli Vogt geb. Fischer (Foto: Regina Vogt) Abb. 14 IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 52 der Vogts blieb. Die drei entwickelten eine sehr enge Bindung zueinander mit Bernhard als Familienmittelpunkt. In den 1950er Jahren begann eine emsige Zeit für Vogt. Aufgrund der aussichtslosen Lage in der Volkshalle Watzenborn-Steinberg (siehe Kapitel 3.2), zog er 1949 mit seiner Firma „Lichtspiele“ ins Gasthaus „Zur Krone“ (siehe Kapitel 3.3). Doch nicht nur sein Unternehmen suchte eine neue Bleibe, auch die Vogts wechselten den Wohnort. Gemeinsam mit Ellis Mutter, die ebenfalls Teil des Haushalts war, verschlug es die Familie nach Langgöns, wo Wilhelm eine Filiale seiner „Lichtspiele“ eröffnete. Im Laufe seiner Karriere betrieb er mehrere Filmtheater im Kreis Gießen. Seine Firma „Lichtspiele“ umfasste im März 1954 insgesamt drei Kinos: in Langgöns, Großen-Linden und Watzenborn-Steinberg.108 Aus seinem Werdegang heraus wird deutlich, dass Wilhelm Vogt nach den Sternen griff. Er träumte von einem eigenen Kinogebäude mit neuster Technik, Zentralheizung und bequemeren Sitzplätzen. Inwiefern Elli die treibende Kraft hinter den Ambitionen ihres Mannes war, ist ungeklärt. Vieles deutet darauf hin, dass Wilhelm seiner Familie mehr bieten wollte und dies war nur durch Expansion zu realisieren. 1954 sollte sein Traum Wirklichkeit werden. Seine Heimatstadt Hungen war Vorreiter. Hier öffnete er am Karsamstag, 17. April 1954, seine Pforten. Die Vorbereitungen für den Kinoneubau in Watzenborn-Steinberg liefen bereits und die Premiere dort sollte ein Jahr später folgen. Mit der Eröffnung des Ki- Hochzeitsanzeige von Wilhelm und Elli Vogt, geb. Fischer (Regina Vogt) Abb. 15 108 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 14, Fasz. 30. 4. Wilhelm Vogt, Kinobesitzer (1915–1978) 53 nos zogen die Vogts im Dezember 1954 wieder zurück nach Hungen. Im ersten Stock des Kinoneubaus hatten sie sich eine Wohnung ausbauen lassen.109 Vogt entschloss sich infolgedessen für zwei Namens- änderungen. Er taufte sein Unternehmen in Rex-Filmtheater um und er selbst ließ sich nun offiziell als Wilhelm führen. Während die Rex- Filmtheater erfolgreich anliefen, gab er sein zweites Standbein, die „Lichtspiele“, auf. Das Gewerbe in Langgöns wurde nur zwei Jahre später abgemeldet. Auch das Großen-Lindener Lichtspielhaus währte nicht viel länger. Im Jahr 1959 überschrieb Vogt 51% seines Unternehmens seiner Frau Elli, da Flüchtlingen von der Bundesrepublik Steuererleichterungen gewährt wurden. Von da an waren sie nicht mehr nur Ehe- sondern auch Geschäftspartner. Etwa zeitgleich um den Dekadenwechsel erwarb Wilhelm eine weitere Niederlassung und zwar in Laubach. Dort gab es 1954 noch zwei Kinos: das Apollo und das Roxy. Etwa zwei Jahre später, 1956, schlossen die „Apollo-Lichtspiele“ in der Gie- ßener Straße, die einst in der Gaststätte des Hermann Desch untergebracht waren. Dies rief Wilhelm Vogt auf den Plan. Laubach war für ihn ein heikles Pflaster. Dort wohnten und arbeiteten Ida und Josef Brunner, die 1955 mit ihrem Roxy-Filmtheater das Ladenkino in der „Krone“ in Watzenborn-Steinberg zu retten versuchten und gleichzeitig in Laubach einen Neubau planten (siehe Kapitel 3.3). Parallel verwandelte Vogt das Laubacher Apollo, das noch immer in der Gießener Straße ansässig war, in ein weiteres Rex. 1960 wird das Unternehmen der Vogts schließlich zur Rex-Filmtheaterbetriebe OHG mit Sitz in Hungen. Zu ihr gehörten drei Filialen: Neben der Hauptstelle Hungen und der Zweigstelle Watzenborn-Steinberg, nun auch offiziell die Niederlassung in Laubach. Es sei am Rande bemerkt, dass im Adressbuch 1963/64 die Geschäftsstelle in Watzenborn-Steinberg in der Bachstraße erstmals offiziell verzeichnet wurde. Zeitgleich wurde sie jedoch abgewickelt. In den Unterlagen der Familie Vogt ist indessen kein Hinweis auf ein Laubacher Rex-Kino zu finden. Dass eine Expansion dorthin stattgefunden hatte, bestätigt ein Steuerformular. Da die Vogts zu dieser Zeit bereits Liquiditätsprobleme hatten, kam es nie zur Verwirk- 109 Vgl. Presseartikel Gießener Freien Presse vom 17. April 1954 und 20. April 1954. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 54 lichung eines modernen Baus wie in Hungen und Watzenborn-Steinberg.110 Briefkopf Januar 1963 (StA Ph) Die Rex-Filmtheaterbetriebe OHG existierte bis zum 31. Dezember 1965. Die Abmeldung erfolgte erst im März 1970, da Wilhelm Vogt Formalitäten gerne verschlief.111 Schriftliche Aufforderungen der Behörden waren an der Tagesordnung. In Hungen nahm am 26. Februar 1966 die Gaststätte „Star-Palast“ im ehemaligen Kinogebäude der Lindenallee den Betrieb auf. Der Bau selbst existiert bis heute. Zwischenzeitlich diente er auch als Lagerhaus.112 Die Vogts meldeten sich genau einen Monat zuvor aus Hungen ab und zogen nach Friedberg. Vogt bezeichnete sich mittlerweile als Kaufmann, Elli war Hausfrau und Sohn Bernhard ein Laborschüler. Später arbeitete dieser als Chemielaborant, dann als Systemanalytiker. Die Nähe zu seinem Elternhaus hatte Bernhard nie verloren. Während er werktags in einem Zimmer der Chemiewerke in Höchst lebte, verbrachte er seine Wochenenden zu Hause bei seinen Eltern in Friedberg. Während der Friedberger Zeit lernte Bernhard seine spätere Frau Regina Baumann kennen. Die Echzellerin, die auch heute noch in der Hofreite ihrer Familie lebt, war beeindruckt von der Größe der Friedberger Wohnung. Im Vergleich fühlte sie sich dort, als sei sie in einem Schloss. Elli, die gerne exquisite und teure Dinge kaufte, hatte die Wohnung dementsprechend ausgestattet. Während ihrer Fahrten nach Frankfurt, auf denen sie neue Filme für ihre Kinos abholten, begab Elli sich auf ausgedehnte Shopping-Touren, um sich und das Zuhause auszustaffieren. Sie war eine Frau, die gut repräsentieren konnte. Bis zuletzt blieb sie „die kleine Prinzessin“. 1973 ließen sich die Vogts scheiden. Eine andere Frau war in Wilhelms Leben getreten, und er zog zu ihr nach Norddeutschland. Dort Abb. 16 110 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 7, Fasz. 15 (neue Ordnung). 111 Vgl. Gewerbetagebuch von Hungen. 112 Vgl. Prokosch, 1982: 477. 4. Wilhelm Vogt, Kinobesitzer (1915–1978) 55 lebten sie allerdings in getrennten Wohnungen. Die Verbindung hielt nicht lange. Wilhelm schien die Trennung nie verkraftet zu haben. Er kehrte nahezu als gebrochener Mann zurück nach Hessen und nahm sich eine kleine Junggesellenwohnung in Gießen. Zu dieser Zeit arbeitete er als Versicherungsinspektor bei der DAS. Auch Elli begann ein neues Leben. Zunächst arbeitete sie als Verkäuferin in einem Gießener Kaufhaus, da sie nach der Scheidung Geld verdienen musste. Sie trat noch einmal vor den Altar. Gemeinsam mit ihrer Mutter zog sie zu ihrem zweiten Ehemann nach Langgöns. Am 11. Juli 1978 verstarb Wilhelm Vogt. Auf der Autobahn ereilte ihn mit gerade einmal 63 Jahren ein Herzinfarkt. Er konnte sich gerade noch auf den Seitenstreifen retten und sich bemerkbar machen. Er verschied in einem Krankenhaus in Lahn-Wetzlar. Elli verstarb verwitwet am 20. November 1999 in einem Pflegeheim in Echzell, dem Wohnort der Familie ihres Sohnes. Auch Bernhard verstarb viel zu früh, nur zwei Tage nach seinem 60. Geburtstag am 25. Dezember 2013 ebenfalls nach einem Infarkt. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) „Wollen Sie nun den Bauplatz, oder nicht?!“ – Der steinige Weg bis zum ersten Spatenstich Auf die Frage hin, welche Reaktionen die Perspektive auf ein neues Kinogebäude hervorrief, waren die Antworten fast identisch. „Wir bekommen ein Kino! Wie schön!“, war die einhellige Meinung. Die Einführung des Rex-Filmtheaters wurde durch die Generationen hindurch als eine Bereicherung empfunden, die das kulturelle Leben in Watzenborn-Steinberg aufwertete und einen großen cineastischen Fortschritt mit sich brachte. Alles begann mit der Planung der Bachstraße (heute Zur Eichwiese) im Jahre 1953. Die Gemeindevertretung beschloss im März den Teilbebauungsplan, so dass die Suche nach Interessenten für die Grundstücke beginnen konnte. Ein Jahr später stellte Wilhelm Vogt einen Antrag auf Überlassung eines Platzes von der Größe 17 x 30 Metern an der Obergasse (heute Gießener Straße) in Erbpacht, um dort 5. 5.1 IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 56 seinen Kinoneubau zu errichten. Diesem gab die Gemeindevertretung statt.113 Vogt teilte im März 1954 mit, dass er im Sommer mit dem Bau beginnen könne. Schwierigkeiten und witterungsbedingte Verzögerungen hätten erst an Ostern eine Eröffnung des Hungener Kinos zugelassen und erst danach sollte seiner Planung nach der Bau in Watzenborn- Steinberg folgen. Das Areal bestand zu diesem Zeitpunkt noch aus Nutzgärten und Streuobstwiesen. Vogt setzte sich mit der Gemeinde und den Grundstückseignern in Verbindung. Am 24. Juni 1954 erwarb er offiziell Toni Zulaufs 430 qm großes Grundstück am Mühlschutz. Die Kaufbedingungen waren damals nicht anders als heute: Vogt verpflichtete sich, den Kinobau innerhalb eines Jahres zu beginnen, da sonst das Grundstück an die Gemeinde zu übertragen sei. Im August erhielt Wilhelm außerdem das Grundstück von Karl Harnisch VIII. von 446 qm Größe. Ihm standen nun insgesamt 876 qm Bauland zur Verfügung. Der Bauplatz war nun gesichert und die Planung konnte beginnen. Die Planungsphase gestaltete sich jedoch langwieriger und schwieriger als die Gemeinde Watzenborn-Steinberg und Wilhelm Vogt sich dies erhofft hatten. Kein Neubau ist einfach, oftmals sind Nachbarn involviert und jeder möchte seine Interessen so gut es geht durchsetzen. Dies führte unausweichlich in die Grabgarten-Affäre. Alles begann, als das Kreisbauamt auf den Plan gerufen wurde. Es maß, berechnete und legte schließlich fest, wo genau das Kino auf dem Grundstück zu stehen habe. Dies rief Protest in unmittelbarer Nachbarschaft hervor. Die Umrisse des Kinogebäudes auf den Grundstücken 639 und 640 (Walter Damasky) Abb. 17 113 Vgl. Gemeindeprotokoll vom 31.03.1954 (StA Ph). 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 57 Gemeinde teilte Vogt mit, dass die Lage des Neubaus noch nicht vollständig geklärt sei. Otto Häuser III., Gründer des gleichnamigen Autohauses, besaß einen Nutzgarten, der direkt an Vogts Grundstück grenzte. Häuser befürchtete, dass dieser durch den Bau des Kinos beeinträchtigt werden könnte. Wilhelm Vogt setzte sich daraufhin mit Häuser in Verbindung. Er bot an, seinen Bau auf dem unteren Teil des Grundstückes entstehen zu lassen und ihm den oberen unbebauten Teil mit ca. 400 qm zu überlassen. Dies erforderte jedoch, laut Sicherheitsbestimmungen, die Abgabe von ca. drei bis vier laufenden Metern von Häusers Garten an Vogt. Häuser lehnte dies kategorisch ab. Er wollte weder seinen Garten verkleinern, noch den oberen Teil des Vogt‘schen Besitzes. Stattdessen schlug er vor, den Bau an die Grenze des Grundstücks der Langs zu rücken. Vom Kinoneubau betroffene Gärten (StA Ph) Dies lehnte der Kreis wiederum ab. Aufgrund der Bestimmungen mussten 6 qm zwischen den Notausgängen und dem nächsten Grundstück liegen. Dieses nächstgelegene Grundstück war der von Häuser vorgeschlagene Grabgarten des Rudolf Lang. Lang hätte auch ohne weiteres seinen Garten hergegeben, doch da Häuser auf eine Errich- Abb. 18 IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 58 tung des Kinos im oberen Teil des Grundstückes bestand, war die Notwendigkeit für Lang, seinen Garten aufzugeben, nicht erforderlich. Oberste Priorität Häusers war die Erhaltung seines Gartens ohne Schattenbeeinträchtigung durch den Neubau. Nach ein paar Telefonaten mit dem damaligen Bürgermeister Karl Brückel gab er schließlich sein Einverständnis, dass der Neubau des Kinos auf dem oberen Teil des Grundstücks an der Bachstraße erfolgen könne114. Dies bedeutete zwar enorme Mehrkosten für Wilhelm Vogt, doch der Bau konnte nun endlich beginnen.115 Der nächste Schritt bestand darin, einen passenden Kreditgeber zu finden. Doch auch dies gestaltete sich langwieriger und schwieriger als erhofft. Wie schon in den vorangegangenen Kapiteln deutlich wurde, war Vogt ein Genie im Ignorieren von Rechnungen und im Umgang mit Zahlungsverzug. Er wusste, wie er ein Maximum an Aufschub erreichte und damit lange Zeit durchkam. Ein Handbuch über seine Geschäftspraktiken hatte er zu Lebzeiten leider keines verfasst. Es hätte erfolgreich werden können. Als arroganten Schaumschläger hatte ihn indessen niemand in Erinnerung. Nett sei er gewesen, sagte ein Zeitzeuge. Zwei weitere Zeitzeugen berichteten, dass Vogt sich nicht zu schade war, selbst an der Kinokasse zu sitzen. Zudem kann sich der Hungener Stadtarchivar daran erinnern, dass Elli Vogt im dortigen Rex die Kasse betreute. Die Rex-Filmtheaterbetriebe OHG war also ein kleines Familienunternehmen mit einer Hand voll Angestellter, das versuchte im harten Alltag und in Konkurrenz zu den neu aufkommenden Freizeitmöglichkeiten und Medien trickreich zu expandieren und zu überleben. So gewitzt Vogt war, so sehr hielt er die Gemeindeverwaltung auf Trab. Die Lage der Grundmauern des Kinos schien nun endlich geregelt zu sein, das Finanzielle allerdings noch nicht. Während die nervenaufreibende Suche nach dem passenden Geldgeber lief, war zu allem Übel neuer Ärger in Sicht. Diesmal ging es um die erworbenen Grundstücke. Passend zur Apfelernte begann im Oktober 1954 die Obstbaum-Affäre. Neben den Obstbäumen spielen hier auch Bürgermeister Karl Brückel und zwei Anrainer die Hauptrollen. Auf dem vor- 114 Vgl. Damasky, 2016: 237. 115 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 14, Fasz. 30. 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 59 maligen Besitz des Karl Harnisch standen Obstbäume, und Harnisch hatte vertraglich regeln lassen, dass der Wert der besagten Bäume von Vogt zu erstatten sei. Eines schönen Oktobertages schaute aus diesem Grund Kreisobstbauinspektor Schäfer auf Harnischs Grundstück vorbei. Er galt als Fachmann auf diesem Gebiet. Dies teile die Gemeinde Harnisch explizit mit, wahrscheinlich um Debatten aus dem Wege zu gehen. Schäfer tat, was ein Kreisobstbauinspektor nun einmal tut: er inspizierte und schätzte. Nach ein bisschen prüfen und rechnen, stellte er fest, dass sich auf dem Grundstück eine Zwetschge und vier Apfelbäume unterschiedlichen Wertes befanden. Er nahm seinen Rechenschieber und kalkulierte, dass Harnisch weitere DM 89 Entschädigung zustünden. Mit dieser neuen Forderung an Vogt sollte der Gemeinde klar werden, dass weiterer Ärger ins Haus stand. Die Gemeinde setzte Harnisch vom Ergebnis in Kenntnis. Auch Vogt erhielt eine Benachrichtigung mit der Aufforderung das Geld an Harnisch zu überweisen. Zeitgleich wurde Harnisch bei der Gemeinde mit einer Beschwerde vorstellig. Der Kaufpreis des Grundstückes war noch immer nicht beglichen. Daraufhin wurde die Gemeinde unruhig. An Harnisch schrieb sie: „Sollte dies [die Zahlung des Grundstückes und des Schätzwertes der Bäume] innerhalb der nächsten 14 Tage nicht erfolgreich sein, wollen Sie bitte Mitteilung machen, damit wir Vogt energisch zur Zahlung angehen“116. Die Gemeinde sah sich persönlich für die Sache verantwortlich. Am selben Tag übersandte sie Vogt nicht nur die Obstbaumrechnung, sondern auch die Aufforderung Harnisch den Kaufpreis unverzüglich zu erstatten. Zudem wollte die Gemeinde endlich Taten sehen und fragte nach dem Verhandlungsfortschritt bezüglich des Kinoneubaus. Der Oktober ging, der November war auch schon fast vorüber, doch Harnisch wartete weiterhin auf sein Geld. Die Nervosität des Bürgermeisters schwoll proportional zur Wut Harnischs. Brückel bat Vogt darum, ihm weiter keine Unannehmlichkeiten zu bereiten und teilte ihm mit, dass Harnisch nicht nur Verzugszinsen, sondern auch juristischen Beistand in Erwägung zöge. Zu Karl Brückels Verdruss war Harnisch nicht alleine. Marie Bender, die Mutter der damals noch minderjährigen Toni Zulauf geb. Bender, war des Wartens ebenso 116 StA Ph, XXVI, Konv. 14, Fasz. 30. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 60 überdrüssig und forderte den Anteil ihrer Tochter, mit dem Vogt ebenfalls rückständig war. Die Erwähnung der so genannten Schwierigkeiten, die zur Verzögerung bei dem Neubau in Hungen führten, hätte der Gemeinde eine Warnung sein sollen. Im November fragte die Spar- und Leihkasse Hungen bei der Gemeinde an, ob sie bereit sei eine Ausfallbürgschaft in Höhe von DM 7.000 zu übernehmen. Die Gemeinde nahm die Anfrage zur Kenntnis und beriet mit zu erwartendem negativen Ergebnis. Im Dezember erhielt Harnisch ein Nikolausgeschenk, mit dem er in diesem Jahr sicher nicht mehr gerechnet hatte. Vogt sendete einen Scheck über DM 600 an die Gemeinde für Harnisch mit dem Versprechen, seine Schulden bei ihm und der Familie Bender-Zulauf in der ersten Januarwoche zu begleichen. Er berichtete enthusiastisch, dass einer Finanzierung bei der Bank nichts mehr im Wege stünde. Der Jahreswechsel brachte allerdings nichts Neues. Zu Vogts Kummer lief er gemeinsam mit dem Bankberater der Spar- und Leihkasse Hungen zufällig im Landratsamt Bürgermeister Brückel in die Arme. Brückel bot Vogt bei dieser Gelegenheit an, vom Kaufvertrag zurücktreten zu können, wenn eine Finanzierung aussichtlos sei. Vogt lehnte dies ab. Wieder Zuhause, riss Brückels Geduldsfaden. Vier Tage später verfasste er erneut ein Schreiben an Vogt, das persönlich von Watzenborn- Steinberg nach Hungen gefahren und dort abgegeben wurde. Abermals fordert er Vogt auf, die ausstehenden Zahlungen zu leisten, da er, Brückel, „seinerzeit den Leuten gegenüber die moralische Verantwortung übernommen“117 habe und er sie unter keinen Umständen länger hinhalten könne. Erneut bot Brückel Vogt an, vom Kaufvertrag zurücktreten zu können. Die Gemeinde wollte endlich die Baulücken in der Bachstraße schließen und sah es aus wirtschaftlichen Gründen geboten, den Druck zu erhöhen. Brückel teilte Vogt bei dieser Gelegenheit den negativen Entscheid der Gemeinde mit. Watzenborn-Steinberg könne ihm die Übernahme der Bürgschaft der Hungener Bank nicht zusichern. Dies war ein harter Schlag für Vogt. Ihm fehlte Geld und zwar viel Geld. Auch wenn er ein Meister im Verschleppen von Zahlungen war, ein Bankräuber war er nicht. Was also tun? 117 ebd. 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 61 Anfang Februar 1955 schien plötzlich eine Geldquelle zu sprudeln. Die Familien Bender-Zulauf und Harnisch erhielten endlich ihr langersehntes Geld. Einen Tag später bescheinigte Brückel, dass die Grundstücke nun lastenfrei seien und er bekundete das besondere Interesse der Gemeinde an der Ausführung des Kinoneubaus sowie die Förderung des Projekts in jeglicher Weise. Der Retter in der Not hieß Frankfurter Hypothekenbank, die sich schließlich dazu bereit erklärte, Wilhelm Vogt das nötige Kapital zur Verfügung zu stellen. Ende Februar bestätigte Brückel in einem Schreiben an den Architekten Hermann Köhler aus Langsdorf, dass die Finanzierung definitiv gesichert sei. Nun bedurfte es nur noch des Erwerbs eines kleinen Geländestreifens und der erste Spatenstich konnte erfolgen. Nach all den Unannehmlichkeiten hatte die Gemeinde noch eine weitere positive Meldung für Vogt: Sie senkte die Gewerbesteuer noch einmal. Das Bauvolumen der Gemeinde war derart ausgelastet, dass dem Gemeinderat eine Minderung vertretbar erschien.118 Keinen Monat später, im April 1955, meldete sich abermals Nachbar Otto Häuser III. zu Wort und läutete den zweiten Teil der Grabgarten-Affäre ein. Kurioserweise handelte es sich nicht um den kleinen Geländestreifen, den das Kino noch benötigte. In diesem Teil der Affäre wurde stattdessen erneut die Position des Kinoneubaus beanstandet. Ausgangspunkt war ein Streit mit Rudolf Lang, in dem Häuser ihm Vorhaltungen gemacht und sich dabei in der Wortwahl vergriffen hatte. Dies meldete Lang umgehend Bürgermeister Brückel, der einen baldigen Baubeginn nach dem monatelangen Hin und Her in weiter Ferne sah. Stattdessen musste er, als gute Führungskraft, nun zwischen den Streithähnen vermitteln. Vermutlich Zähne knirschend setzte sich Brückel erneut mit dem Kreisbauamt in Verbindung. Er fragte dort Geländestreifen, den Wilhelm Vogt zusätzlich erwerben musste, Juli 1955 (StA Ph) Abb. 19 118 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger und Gießener Freie Presse vom 25. März 1955. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 62 nach dem Für und Wieder einer Abänderung der Einmessung des Kinos im Verhältnis zu Häusers Grundstück. Das Kreisbauamt bestand darauf, dass der Bau unter allen Umständen innerhalb der derzeitigen Grenzen des Vogt’schen Eigentums errichtet werden müsse, es sei denn, Vogt sei bereit, den Baubeginn um einige Wochen zu verschieben. Vogt lehnte dies strikt ab. Er war Häuser bereits entgegen gekommen, als er zuvor den Kinobau vom unteren Teil des Grundstücks an der Obergasse auf den oberen Teil des Grundstücks an die Bachstraße verlegte. Dies hatte dem klammen Unternehmer finanziell enorm zugesetzt. Nun war das Grundstück mit einer Hypothek belastet. Eine Bestandsveränderung hätte die Auszahlungsreife des Darlehnes um Monate verzögert. Vogt wäre nicht in der Lage gewesen, auch dies wirtschaftlich zu stemmen. Bürgermeister Brückel machte Otto Häuser daher klar, dass seinerzeit seine Wünsche erfüllt wurden und er sich nun mit dem geplanten Bau abfinden müsse. Er schlug Häuser vor, seinen Grabgarten an das untere Ende zu verlegen. Auf diese Weise blieb der Schaden klein, da so der obere Teil nach Ost und West völlig frei war.119 Längsschnitt der Bachstraße mit Kinopodest, Juli 1955 (StA Ph) Nachdem nun alle Fragen geklärt waren und das Rex-Filmtheater seinen Platz in der Bachstraße gefunden hatte, konnte die Bauphase beginnen. Bürgermeister Karl Brückel machte sicher drei Kreuze in sei- Abb. 20 119 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 14, Fasz. 30. 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 63 nen Kalender, als er die Pläne zu sehen bekam.120 Im Längsschnitt ist das Kinopodest eingezeichnet. Eine der Errungenschaften, die das Rex-Kino in Watzenborn-Steinberg einführte und auf das heute noch von den Zeitzeugen mit Stolz verwiesen wird. Vom Grundstein zur Premiere in drei Wochen Die Zeitzeugen berichten, dass der Kinoneubau in rasender Geschwindigkeit hochgezogen wurde. Die Einwohner nannten es damals sogar „das schnellste Gebäude“.121 Innerhalb von nur drei Wochen stampften es die Fachleute aus der Erde, wenn die Planungsphase mit hinzugerechnet wird, dauerte der Bau insgesamt sieben Wochen.122 Die Au- ßenfassade war zwar noch nicht verputzt, doch wen interessierte das schon, wenn im Gebäude Sonja Ziemann und Al „Fuzzy“ St. John aufgeführt wurden?! Am 28. Mai 1955 erschien im Gießener Anzeiger ein großer Artikel über die an diesem Tag anstehende Eröffnung des Rex- Filmtheaters. Laut diesem galt Watzenborn-Steinberg als eine der baufreudigsten Gemeinden des Kreises Gießen. Wenn alteingesessene Watzenborn-Steinberger Revue passieren lassen, welche Veränderungen alleine in den letzten fünfzig Jahren stattgefunden haben, mag man dem damaligen Journalisten zustimmen. Bei der Auflistung der früheren Neubauten im privaten sowie öffentlichen Bereich, wird dem heutigen Leser schwindelig. Es ist erstaunlich, was in den Wirtschaftswunderjah- 5.2 Rex-Filmtheater in der Bachstraße. (Foto: Hans-Dieter Spangenberg, Willi Linhard) Abb. 21 120 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 20, Fasz. 2. Ein Bauplan des Kinogebäudes konnte weder in den Stadtarchiven Hungen und Pohlheim, noch beim Kreisbauamt in Gie- ßen gefunden werden. 121 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 28. Mai 1955. 122 Vgl. Presseartikel Gießener Freie Presse vom 31. Mai 1955 IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 64 ren der 1950er und 1960er Jahre möglich war. Dazu wird Wilhelm Vogt als geschäftstüchtig bezeichnet. Wer die bisherige Arbeit aufmerksam durchgelesen hat, wird dem wohl zustimmen. Watzenborn- Steinberg und der Hungener Kinounternehmer schienen sich gesucht und gefunden zu haben. Programmhinweis auf einen 3-D-Film, Gemeinde-Nachrichten, September 1955 (StA Ph) Das Kinogebäude war ein Filmtheater-Zweckbau der Größe 26,5 x 13,0 Metern,123 hochgezogen unter den modernsten Gesichtspunkten. Die gesamten Bauarbeiten koordinierte der ortsansässige Bauunternehmer Karl Haas gemeinsam mit dem Architekten Hermann Köhler aus Langsdorf, der auch schon für den Kinobau in Hungen verantwortlich war. Die Mauer besteht noch heute aus Hohlblocksteinen, die einen Lattenrost tragen, auf dem ein Drahtgeflecht befestigt ist. Danach folgte ein Belag aus Glaswolle, die auf bituminiertes Papier geklebt war. Dieser damals moderne Wandbelag hielt die Feuchtigkeit aus dem Bau, isolierte und wirkte obendrein schalldämpfend. Die technischen Anforderungen entsprachen ebenfalls dem neusten Stand. Sämtliche Bildarten konnten vorgeführt werden, vom Normalbild über Breitband bis hin zum CinemaScope. Sogar ein 3-D-Erlebnis war möglich. Die Leinwand (9 x 4) umgab ein Rahmen aus tiefschwarzem Moltonstoff. Dieser saugte das überflüssige Licht auf und schaffte so eine scharfe Bildbegrenzung. Die seitlichen Rahmenteile waren verstellbar und konnten somit den entsprechenden Bildbreiten angepasst werden. Außerdem sorgten acht Lautsprecher mit Löscheffekt für eine gleichmäßige Tonverteilung im Saal, d.h. in der ersten Reihe wurde der Ton nicht lauter empfunden als in der letzten. Sogar eine Klimaanlage ließ Vogt einbauen, um im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen. Der Vorführraum hatte drei Fenster. Dort standen zwei Apparate Abb. 22 123 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 2, Fasz. 34. 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 65 der Kategorie A124, das modernste der damaligen Technik, sowie eine Umspulmaschine, ein Filmschrank und ein Werkzeugbehälter. Technische Notfälle konnten folglich sofort behoben werden, ohne umständlich auf das richtige Werkzeug warten zu müssen. Diese technischen Anlagen baute der Frankfurter Fachmann Palland ein. Wie aus einem der Interviews hervorging, waren Karl Schmandt III. und Otto Hirz I. aus der Ludwigstraße Vogts bevorzugte Haustechniker, die seine Anlage in all den Jahren am Laufen hielten. Der Kinosaal war insgesamt 21 Meter lang, 13 Meter breit und 6,5 Meter hoch. 399 Zuschauer fanden darin Platz. Der Haupteingang zur Bachstraße hin wurde durch Seiten- bzw. Notausgänge an der Südwand ergänzt, die durch Samtportieren abgeschlossen waren. Die Wandbespannung präsentierte sich in silberblau. Die Bühnengestaltung führte damals der ortsansässige Karl Harnisch durch, dem das gleichnamige Tapetenhaus am Ort und in der Gießener Bahnhofstraße gehörte. Er wählte einen Deckenbelag aus Wilhelmi-Akustik-Platten und entschied sich für Asphaltfliesen auf dem Boden. Des Weiteren übernahm die August Rinker OHG aus Ober-Bessingen den kompletten Innenausbau, Fritz Jursitzki aus Hungen kümmerte sich um die Dachdeckerarbeiten, Rudolf Blank aus Watzenborn-Steinberg um die Zimmererarbeiten und Licht-Appel aus Gießen um die Beleuchtung. Dank all dieser Firmen konnten die Watzenborn-Steinberger in einem modernen, solide gebauten Gebäude fröhliche Filmabende genießen. Der Presseartikel lobt das großzügige Entgegenkommen des Bürgermeisters Karl Brückel und der Gemeinde Watzenborn-Steinberg. Ob der Journalist Kenntnis über die bisher genommenen Hürden hatte, ist nicht bekannt. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn sich Notausgänge des Rex (Screenshot „Watzenborn- Steinberg 1958" von Helene Krehan) Abb. 23 124 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 42. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 66 Karl Brückel nach der Premiere erst einmal in den wohlverdienten Sommerurlaub verabschiedet hätte. Nicht nur die Wirtschaft boomte, auch die Emanzipation schritt voran. Der Journalist zollte Elli Vogt Dank für ihre tatkräftige Einsatzbereitschaft. Sie bewies großen Weitblick bei der Lösung theoretischer sowie praktischer Fragen. Darüber hinaus zeigte sie sich aufgeschlossen gegenüber dem Unternehmen ihres Mannes, heißt es im Presseartikel weiter. Dass Elli hier immerhin erwähnt und als Frau der Tat dargestellt wird, konnte Frauen damals hoffen lassen. Einen riesen Schritt nach vorne hätte der Journalist allerdings gewagt, wenn er zusätzlich erwähnt hätte, dass Elli Gesellschafterin der OHG war und somit ein finanzielles Interesse an reibungslosen Abläufen hatte. Premierenankündigung (Gießener Anzeiger, 28. Mai 1955) Am 28. Mai 1955 meldete Vogt sein Gewerbe in Watzenborn-Steinberg an. Dies war auch der Premierentag des Rex-Filmtheaters. Einen Tag Abb. 24 5. Das Rex-Filmtheater von der Planung bis zur Premiere (1954–1955) 67 später, Pfingstsonntag, startete das reguläre Programm. Gezeigt wurde „Ludwig II. Glanz und Ende eines Königs“ (1955) mit O.W. Fischer und Ruth Leuwerik. Diesen Film wollte Regisseur Helmut Käutner ursprünglich im Stil von Orson Wells Klassiker Citizen Kane (1941) drehen. Eine Innovation, von der er leider abgehalten wurde.125 Ob der Film auch dann noch als massentaugliche Premiere im Rex gelaufen wäre, ist fraglich. Vor dem Film begrüßte Wilhelm Vogt Einheimische sowie auswärtige Gäste. Er danke allen am Bau Beteiligten für die rasche Abwicklung und vorbildliche Einsatzbereitschaft. Vogt betonte nur wertvolle Filme zeigen zu wollen. Dass er dieses Versprechen weitgehend einhielt, beweisen die Vergnügungssteueraufzeichnungen des Rex-Filmtheaters.126 Zynisch zeigte sich Architekt Hermann Köhler am Premierenabend. In seinen Dankesworten wünschte er ersprießliche Einnahmen, die das Kino gut gebrauchen könne. Ob Bürgermeister Karl Brückel unbeeindruckt über diese Worte hinwegging oder ob er kurzzeitig sein Gesicht verzog, ist nicht überliefert. Er dankte danach im Namen des Gemeindevorstandes, der Gemeindevertretung und der Gemeindeverwaltung. Er drückte seinen Stolz über die Errichtung des Kinos aus und hoffte, dass nicht nur Spiel- sondern auch Kulturfilme auf dem Programm stehen mögen. Auch der Beauftragte des Wirtschaftsverbandes der Filmtheater war anwesend und sprach ein paar Worte wie ein Jahr zuvor in Hungen.127 Dr. Gustav Zimmermann gab den Anwesenden grundsätzliche Erklärungen über das deutsche Filmwesen und wünschte „Gut Ton, gut Licht und volle Kassen“. Unter den Premierengästen war auch Bürgermeister Hubert Vitt aus Hungen, der Glückwünsche aussprach und noch einmal Haas und allen Handwerksbetrieben dankte. Nach all den Dankesworten und Glücksbekundungen über das Lichtspielhaus durften die Premierengäste endlich das tun, wozu sie eigentlich angereist waren: Der Film „Ludwig II.“ startete und läutete damit das Zeitalter des professionellen Kinos in Watzenborn-Steinberg ein.128 125 Vgl. Seidl, 1987: 24 und 140–147. 126 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 127 Vgl. Presseartikel Gießener Freie Presse vom 17. April 1954 und 20. April 1954. 128 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger und Gießener Freie Presse vom 31. Mai 1955. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 68 Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt Das goldene Morgenlicht der Julisonne schien sanft auf das Rex-Filmtheater als Wilhelm Vogt mit seinem Auto in die Bachstraße in Watzenborn-Steinberg einbog. Er atmete die stickige Sommerluft tief ein, als er die Tür seines Wagens zuschlug. In solch einer drückenden Hitze war schwer zu kalkulieren, wie viele Besucher heute den Weg in das Kino finden würden. Die mühselige Ernte sollte bald beginnen und die Arbeit in den Handwerksbetrieben und Fabriken ermüdete seine Kundschaft. Dennoch versprach ihnen die eingebaute Klimaanlage des Kinos Kühlung nach einem schweißtreibenden, arbeitsreichen Tag. Dankbar und voller Enthusiasmus hatten nicht nur die Watzenborn- Steinberger das Kino angenommen, sondern auch die Bevölkerung der umliegenden Dörfer reiste meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad an, um seine Vorführungen zu besuchen. Gießen bedeutete einen Tagesausflug, ebenso war Lich nur umständlich per Bahn zu erreichen. Die Zugverbindungen waren schlecht und Autos rar. Er schlenderte über die Straße und betrat zufrieden das kühle Innere durch die repräsentative Pforte. Ein neuer Arbeitstag konnte beginnen. Im Foyer steuerte Vogt auf die Theke links des Eingangs zu, bevor er sich hinter die große Kasse setzte. Neue Ticketrollen lagen schon bereit. Einer der Angestellten hatte sie gestern bei der Gemeinde abgeholt und die nicht aufgebrauchten Karten vom Juni dort abgegeben, damit die Vergnügungssteuer berechnet werden konnte.129 Er ließ den Blick über die Plakate links von ihm an der Wand 6. Otto A. Linhard vor dem Schaukasten (Foto: Hans-Dieter Spangenberg, Willi Linhard) Abb. 25 129 Vgl. Gemeinde-Nachrichten vom 15. März 1954. 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 69 schweifen. Austauschen musste er sie, am besten noch heute nach der Spätvorstellung. Seine Frau Elli soll sie morgen in der Hungener Filiale aufhängen. Er hingegen würde wiederum die Hungener Filmplakate morgen Vormittag hier in Watzenborn-Steinberg anbringen. In diesem Zuge mussten auch die Filmrollen noch verpackt werden, um sie mit denen in seiner Hungener Filiale zu tauschen. Am Wochenende würden sie wieder nach Frankfurt fahren, um die gezeigten Filmrollen gegen neue zu tauschen. Es war ein ewiger Kreislauf, der zwar nicht auf absolute Aktualität zielte, aber ein abwechslungsreiches Angebot für die Nachfrage schaffte. Den Schaukasten am Haus durfte er darüber nicht vergessen, denn den hielt er immer auf dem neusten Stand. Vogt wusste, dass dieser mehr Werbung für sein Kino bedeutete als alle Annoncen, die er früher in den Gemeinde-Nachrichten geschaltet hatte, zusammen. Im Laufe der Zeit hatte er immer weniger in bezahlte Reklame investiert und bewarb sein Programm nun ausschließlich in den Bekanntmachungen am schwarzen Brett. Meist liefen die Schüler nach der Schule und die Frauen aus der Zigarrenfabrik nach Feierabend durch die Kuhgasse, auf einen kleinen Abstecher zum Kino. Dort informierten sie sich, wie alle anderen, an den zwei Kästen links und rechts des Eingangs über das Filmangebot der kommenden Woche. In den Gemeinde-Nachrichten zu inserieren hatte er daher aufgegeben.130 Die Mehrheit besuchte das Kino ein bis zwei Mal im Monat, andere weniger. Meist war dies vom Alter und den finanziellen Möglichkeiten abhängig. Die Wochenenden gehörten zu den bestbesuchten Tagen. Samstage erzielten Spitzeneinnahmen, aber Sonntage waren auch nicht zu unterschätzen. Die Bäckereien Reitschmidt und Süßmuth hatten geschlossen, niemand musste zur Arbeit, auch private Handwerksarbei- Die „Kuhgasse" heute (Foto: Sebastian Richter) Abb. 26 130 Vgl. Gemeinde-Nachrichten der Jahrgänge 1955–1963. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 70 ten ruhten. Die Bevölkerung hatte daher Muße genug, um den Tag mit einer Filmvorstellung zu füllen. Vogt hatte sich einen treuen Kreis an Stammkunden aufgebaut. Seine Besucher gehörten zwar allen Generationen an, doch zum Großteil nahmen Kinder und junge Erwachsene sein Kinoangebot an. Sie kamen mehrmals im Monat mit polierten Schuhen, sauberen Hosen und einem frischen Hemd, manche gar im Anzug mit oder ohne Krawatte. Meist betraten sie das Foyer mit dem Freundeskreis oder ihrer Freundin an der Hand. Die Mädchen erschienen im Petticoat mit dezenten schwarzen oder knallroten Schuhen, ebenfalls nie alleine. Die Eltern begleiteten sie nicht, nur die Mutter wurde dann und wann einmal mitgenommen. Die Erwachsenen blieben lieber unter sich. Der Kinobesuch war etwas Besonderes, wofür sich das Herausputzen lohnte. Diese Kleidung trugen die Damen niemals während der Arbeitszeit. Ebenso ließen sie ihre Schürzen zu Hause. Die Garderobe, in der sie hier erschienen, gehörte zu ihrem so genannten Sonntagsstaat, der nur bei besonderen Gelegenheiten getragen werden durfte. Wilhelm war stolz, dass ein Besuch in seinem Kino dazu zählte. Aufgrund der Hitze, vermutete er, würden heute viele Besucher in ihrer Sommerkleidung eintreffen, in kurzen Hosen und kurzärmeligen Blusen. Vielleicht hatte sich die ein oder andere junge Dame, von ihrem mageren Lehrlingsgehalt oder ihrem Fabriklohn, von der netten Flüchtlingsdame sogar ein neues, luftiges Sommerkleid schneidern lassen. Er durfte die Klimaanlage also nicht zu kalt einstellen. Kranke Dorfbewohner konnten schließlich nicht ins Kino gehen. Kinokarte (StA Ph) Das Rex-Filmtheater avancierte im Laufe der Jahre zu einem Ort des Sehens und Gesehenwerdens. Vor allem etablierte es sich als Treffpunkt der Jugendlichen, für die es schon fast selbstverständlich war, Abb. 27 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 71 ein Kino im Dorf zu haben. Durch den Zustrom aus den Nachbardörfern erweiterte sich der Bekanntenkreis und Freundschaften wurden wieder aufgefrischt. Wer einst gemeinsam in der „Krone“ einen Tanzkurs belegte, saß nun gemeinsam im Kino und schaute sich einen Film an. Doch auch als Partnerbörse fungierte das Filmtheater. Bei intensiver gepflegten Bekanntschaften dienten die letzten drei Reihen auch gerne zum Knutschen und Schmusen. Der Film war dabei wohl eher Nebensache. Es hatten sich sogar Rituale etabliert. Eine Gruppe junger Männer kam beispielsweise fast jeden Samstag in die gut besuchte Spätvorstellung. Sie sangen in einem der vielen örtlichen Gesangvereine, bei denen es Tradition war, dem Sangesbruder zur Hochzeit oder zu einem runden Geburtstag ein Ständchen zu singen. Fröhlich und gut gesättigt stürmten sie nach der Feier das Kino und füllten die Reihen. Gerade Frauen nutzen Filme auch dazu, um die neusten Modetrends zu verfolgen. Sie beobachteten die Garderobe und Frisuren der Schauspielerinnen. Sie merkten sich Stoffe und Schnitte, die sie Zuhause gleich niederschrieben. Das eine oder andere Modell lief schließlich ein paar Wochen später durch das Foyer. Die Jugendlichen verschlug es nach der Vorstellung oftmals in die nahegelegene Kuhgasse. Dort bot der Schiffenberg mit seinem Kloster einen herrlichen Anblick. Hier unterhielten sie sich über den gerade gesehenen Film. Im dörflichen Leben konnte Vogt, bei seiner Angebotsbreite, nur der Fußballverein gefährlich werden. Grundsätzlich war es Minderjährigen erlaubt, das Kino zu besuchen. Häufig waren ihre Eltern froh, die Kinder einmal aus dem Haus zu haben und gleichzeitig sicher in den Kinobänken zu wissen. Die Jugendlichen waren ihrerseits froh, nicht zu Hause bei den Eltern sitzen zu müssen. Erst neulich besuchte ein mürrisch dreinblickender Junge mit seiner kleinen Schwester an der Hand „Schneewittchen“. Als Vogt ihm die Karten verkaufte, war es für ihn nicht schwer zu erraten, dass der Junge mit einem Freund lieber „Fuzzy“ in der späteren Vorstellung gesehen hätte. Nicht nur, weil der Knirps Western favorisierte, darüber hinaus war für einen Zehnjährigen die Spätnachmittagsvorstellung gegen fünf Uhr der Höhepunkt der Woche. Für die leuchtenden Augen seiner Schwester hatte er dadurch natürlich nicht viel übrig. Die einzige elterliche Einschränkung galt den Auswärtigen, die meist vor Anbruch der Dunkelheit zu Hause erwartet wurden. Ortsansässige Eltern IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 72 waren hingegen recht entspannt, wenn ihr Kind eine Spätvorstellung am Abend besuchte. So erzählte einmal ein Mädchen, dass sie mit der Mutter eine Verabredung getroffen habe. Sie lege den Haustürschlüssel auf den Toilettentisch des Schlafzimmers, so dass ihre Mutter im Halbschlaf sehen könne, ob sie wieder zu Hause sei. Das Kino diente auch als Ausrede. Jugendliche mit strengen Eltern behaupteten, sie seien im Kino, um länger oder überhaupt ausgehen zu dürfen, da ihre Eltern wussten, dass sie von dort pünktlich und gesund wieder nach Hause fanden. Stattdessen vergnügten sie sich lieber in der Gaststätte gegen- über dem Schwimmbad Dörr.131 Kinokarte (StA Ph) Wilhelm Vogt öffnete die Kasse: War genug Wechselgeld vorhanden? Als er sein Filmtheater eröffnete, trat er in Konkurrenz zur „Krone“. Er wusste, dass die Brunners damals nie hätten mithalten können, nicht bei seinem modernen Neubau. Auch seine Eintrittspreise waren niedriger. Während die Besucher in der „Krone“ zwischen DM 1 und DM Abb. 28 131 Die Gaststätte „Zum Schwimmbad“, gegründet von Emma Dörr geb. Junker im Jahre 1952 in der Schwimmbadstraße 21, war über viele Jahre ein Jugendtreff, zu dem auch ein Vorläufer der Diskothek in den 1950er und 1960er Jahren gehörte. Sie bestand anfangs aus einem Doppelgastzimmer mit Terrasse. Später kamen saisonale Speiseangebote und ein Billardtisch, der in Watzenborn-Steinberg damals eine Attraktion darstellte, hinzu. Die Gaststätte existierte noch lange Jahre nach der Schließung des Schwimmbads Dörr bis in das Jahr 1985. 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 73 1,20 zahlen mussten,132 berechnete er zu Beginn die hinteren Plätze mit 70 Pfennigen, ab der Mitte nahm er für die vorderen Plätze 60 Pfennige pro Karte. Mittlerweile überlegte er, ob eine Erhöhung angemessen sei. Es würde wohl darauf hinauslaufen müssen. Er wäre nichtsdestotrotz auch weiterhin deutlich günstiger als seine Gießener Kollegen, die zwischen DM 1 und DM 1,50 nahmen. Wie sollte dies auch sein junges Klientel zahlen können? Gerade einmal DM 25 Lehrlingsgehalt stand ihnen im ersten Lehrjahr zur Verfügung, danach DM 35 und schließlich DM 45. Den Löwenanteil mussten sie Zuhause abgeben. Da blieb nicht viel übrig. Manchmal hatten die jungen Burschen nicht einmal Geld, um ihre Begleitung einzuladen. Die Älteren, die genügend übrig hatten, übernahmen die volle Rechnung mit stolz geschwellter Brust. Für sie war dies eine Gentleman-Sache. Erfahrungsgemäß bekamen die Kinder DM 1 für den Besuch in die Hand gedrückt. Abzüglich des Tickets gönnten sie sich dazu etwas Süßes oder ein Getränk. Einmal folgte Vogt einer Unterredung zwischen einer Gruppe Jugendlicher, die sich über den Eintritt unterhielt. Teuer fänden sie es nicht, hörte er, und schon gar nicht im Vergleich zu Gie- ßen. Wenn die Jugendlichen Geld zur Verfügung hatten, trugen sie es gerne ins Kino. Die Großeltern fragten sie nicht, da das 20. Jahrhundert dieser Generation bisher finanziell am stärksten zugesetzt hatte. Da gingen sie lieber zu den Eltern. Die steckten ihnen gerne Geld zu. Das war ihnen lieber, als es für sich selbst auszugeben. Zwischen den Kriegen hatten sie in ihrer Jugend ohne jeglichen Luxus gelebt. Nun sollten es ihre Kinder besser haben. Grundsätzlich galt: Wenn der Clan ging, wurde nicht lange über das eigene Portemonnaie nachgedacht. Sogar kleinere Jobs hatten Vogts Besucher übernommen, um sich zusätzlich etwas Geld für das Kino zu verdienen. Auf der Open-Air-Kegelbahn der „Krone“ hatten sie beispielsweise Kegel aufgestellt, um sich das Taschengeld aufzubessern. Als Vogt aufsah, stand eine ältere Dame vor ihm mit einem kleinen Jungen an der Hand, der nicht viel älter sein konnte, als der Knirps mit seiner Schwester. Sie war eine Stammkundin, die ihre Karte immer im Voraus kaufte, um der Schlange an der Abendkasse zu entgehen. Sie hatte, wie so oft, Leihbücher dabei, die sie auf ihrer Runde 132 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 74 austauschte, bevor sie das Kino erreichte. Heute war es wieder soweit. Es war Freitag, ihr Mann besuchte die Singstunde und sie hatte keinerlei Interesse daran, den Abend allein zu Hause zu verbringen. Vogt übergab ihr die Kinokarte, während ihr Enkel mit offenem Mund die Filmplakate studierte. Beide verabschiedeten sich freundlich und verließen das Kinogebäude wieder. Zeitvertreib: dies war einer der Gründe, wieso die Bevölkerung sein Kino so gut annahm. Zuhause wären sie nur wieder den Ärger des Alltags in ihren Köpfen durchgegangen. Stattdessen wollten die Leute Neues erleben und Neues sehen. Die ganze Woche hindurch freuten sich seine Gäste auf den Kinobesuch. Die Wenigsten suchten sich gezielt Filme aus, es sei denn, ein bestimmter Schauspieler oder eine bestimmte Schauspielerin traten auf. Der Zustrom hing auch von der Aktualität der Produktionen ab, oder ob ein Western oder Heimatfilm auf dem Programm stand. Diese Genres riefen nämlich auch in Watzenborn- Steinberg Faszination hervor. Das Publikum war begeistert, wenn der Held in das Geschehen eingriff und ein Happy End herbeiführte: Der Saal jubelte. Heimatfilme hingegen präsentierten die Geographie des eigenen Landes wie ein Tourismusunternehmen und wirkten wie Balsam auf der Seele. Teilweise verabschiedeten sich Frauen nach der Vorstellung mit Tränen in den Augen: „Es woar goasche schi“ (Es war sehr schön), sagten sie, und begaben sich glücklich auf den Heimweg. Das Angebot war dennoch bunt gemischt – von alten Ufa-Schinken bis zur Neuerscheinung. Aus seinen Gedanken gerissen, durchquerte Wilhelm Vogt das Foyer, vorbei an den Plakaten, die der kleine Mann gerade noch ehrfürchtig angesehen hatte. Die Tür zum Saal ignorierend, stieg er die Treppe zum Vorführraum hinauf. Erst gestern mussten die Herren Eingang des Kinos (Screenshot „Watzenborn-Steinberg 1958" von Helene Krehan) Abb. 29 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 75 Schmandt und Hirz nach dem Rechten sehen. Wieder eine Rechnung, die ihm ins Haus flattern würde. Er öffnete den Filmschrank und nahm die Filmrollen für „Im Zeichen des Zorro“ heraus. Voll würde das Haus wieder werden: Weder Zorro noch Fuzzy hatten ihn je im Stich gelassen. Bei der Premiere hatte er seine Hauptaufgabe darin gesehen, „ein Programm zu bieten, das im Rahmen seiner Möglichkeiten den Wünschen des Publikums gerecht wird“133. Es war ein Balanceakt. Er wollte die Zuschauer unterhalten und ihnen geben, was sie verlangten. Doch leider entsprach dies meist nicht den Vorstellungen der Filmstelle. Diese vergab die Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“. Nur wenige seiner Besucher kannten diese Vergabepraxis. Die junge Frau, die immer Filmheftchen kaufte, wenn sie mit ihrem Verlobten eine Vorstellung besuchte, wusste es bestimmt. Doch die anderen, die sich nicht für die Hintergründe interessierten, denen die Zeitschrift zu teuer war oder die Filmplakate nicht nach solchen Hinweisen absuchten, kannten diese Bewertungen bestimmt nicht. Die gezeigten Beifilme waren ein notwendiges Übel und kurbelten meist den Süßigkeitenverkauf an. Von den 15–20-minütigen Dokumentationen waren nur wenige beeindruckt. Vogt hörte einmal, wie eine Zuschauerin fasziniert von der gezeigten Dokumentation über die erste deutsche Pilotin Elly Beinhorn beim Verlassen des Kinos sprach. Die „Foxtönende Wochenschau“, oder auch gerne „Fox-tönerne Wochenschau“ genannt, war hingegen sehr beliebt. Der Wochenrückblick konnte jedoch auch erschreckend sein. Den Anblick der Hiroshima-Bombe hätte er seinen Besuchern gerne erspart. Wilhelm Vogt warf einen Blick durch eines der drei Fenster des Vorführraums und betrachtete den Kinosaal. Er konnte sich gut an die Premierenfeier erinnern. Voll besetzt bis zum letzten Platz war er damals gewesen. Alle waren gekommen: zwei Bürgermeister, alle Bauverantwortlichen und der Beauftragte des Wirtschaftsverbandes. In letzter Zeit machte das Fernsehen Vogt das Leben schwer. Nachdem die „Wilhelmshöhe“ ein Gerät in ihrer Gastwirtschaft aufgestellt hatte, zogen die anderen nach. Dabei schien zu Beginn alles so verheißungsvoll. 133 Vgl. ebd. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 76 Die Bevölkerung freute sich auf einen schönen Filmabend im bequemen Kinosessel. Sein Rex war neu, modern und toll. Die Jugend sah seinen Bau als Fortschritt an. Endlich ein richtiges Kino! Kein Provisorium mehr. Besonders gut kam das Podest an. Die Zuschauer mussten nicht mehr auf einer Höhe sitzen, sondern hatten die Möglichkeit, wie in einem Theater, über die Köpfe hinwegsehen zu können – falls der Vordermann nicht zu groß war. Das Rex konnte aber auch mit der Technik beeindrucken. Die Heimatfilme liefen in Watzenborn-Steinberg zu Beginn noch in schwarz-weiß. Die Möglichkeit endlich Farbfilme sehen zu können, zog die Massen an. Diesen Vorteil hatte er vor dem Fernsehen noch immer. Der kleine Flimmerkasten strahlte nur in schwarz-weiß aus. Die Wirtsleute der „Krone“, bei denen er zuvor ein Lichtspielhaus betrieben hatte, waren hingegen nicht glücklich über den Neubau gewesen. Zeitgleich hatten sie ihren Saal modernisiert. Mit Garantieeinnahmen hatte sie gerechnet. Doch was hätte Vogt denn tun sollen? Als Geschäftsmann brauchte er eine Perspektive. Wenig Zulauf hatte er dort gehabt und der Verleih war teuer. Am Ende sprach selbst „Fuzzy“ nur zwanzig Zuschauer an. Sein Kino wurde als eine Aufwertung des kulturellen Lebens gesehen, als Bereicherung und Erlebnis zugleich. Zum Jahreswechsel 1955/56 schrieb Bürgermeister Brückel in den Gemeinde-Nachrichten, als er das Jahr noch einmal Revue passieren ließ, dass der Bau des gro- ßen, modernen Lichtspieltheaters nicht nur eine Kulturstätte, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor und somit für die Gemeinde von großer Bedeutung sei.134 Einige fanden es natürlich auch sehr mutig, dass er den Gießener Kinos entgegentrat, da in diesen aktuelle Filme sofort auf dem Programm standen. Vogt selbst erhielt die Streifen erst drei Kinosaal des Rex (Foto: Regina Vogt) Abb. 30 134 Vgl. Gemeinde-Nachrichten vom 30. Dezember 1955. 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 77 Wochen nach dem Start. Doch das Stammpublikum zog es vor zu warten, statt eine umständliche Anfahrt nach Gießen in Kauf zu nehmen. Stellenanzeige, Bekanntmachungen, Mai 1955 (StA Ph) Vogt stieg wieder die Treppe hinab. Auf seinem Rundgang öffnete er eine Tür und warf einen Blick in den kleinen Raum hinein. Seife war noch genügend vorhanden. Sauber war es obendrein. Der kleine Waschraum hatte ihm bei seinen Besuchern viele Pluspunkte beschert. Niemand musste mehr an kalten und nassen Wintertagen aus dem warmen Saal durch die Kälte über den Hof gehen. Luxus war nun angesagt. Seine Mitarbeiterzahl war überschaubar. Mit zwei stundenweise beschäftigten Platzanweiserinnen hatte er begonnen. Eine davon war eine Familienangehörige,135 eine weitere war Marie Häuser, die so genannte Milch Marie, von Milchmanns nebenan. Zu Anfang hatte Herr Lehmann noch die Filme vorgeführt, der auch kleinere Dienstbotengänge erledigte, wie das Überbringen der Vergnügungssteuerabrechnungen an die Gemeinde.136 Die Kasse in Watzenborn-Steinberg bediente Wilhelm am liebsten selbst, um den Kontakt zu seinen Kunden zu pflegen. Elli übernahm diese Rolle in Hungen. Nach und nach wuchs die Rex-Filmtheater-Familie. Vogt hatte schließlich fast einen ganzen Clan verpflichtet, der ebenfalls aus Hungen stammte, sich nun aber in Watzenborn angesiedelt hatte. Sie betrieben den kleinen Kiosk, auch Budchen genannt, an der Obergasse hinter dem Penz. Fritze wurden sie hier genannt. Die Eigentümerin Mariechen Fritz,137 eine kleine und füllige Dame, trat dann und wann als Bauchladentante bei ihm auf. Ihre Schwiegertochter Marietta, die auch im Budchen arbeitete, riss Karten ab, und ihr Mann Erich und Schwager Bertl Fritz arbeiteten als Filmvorführer. Auch Rudolf Brandel hatte Vogt für den Vorführraum verpflichtet. Kurt Hahn übernahm ab und an auch die Film- Abb. 31 135 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 2, Fasz. 34. 136 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. 137 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 3, Fasz. 35. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 78 vorführerrolle, doch im Grunde war er Mädchen für alles. Und dann war da noch die Kartenabreißerin Hildegard Höfer. Vogt sah sie von weitem auf das Gebäude zukommen. Sie war das Abbild einer Platzanweiserin, wie sie in einem seiner amerikanischen Filme hätte auftreten können. Sie war, wie Marietta, eine gut aussehende Frau, die es verstand sich zu frisieren, zu schminken und zu kleiden. Ihre Kinder kamen zurzeit im Ein-Jahres-Takt auf die Welt. Vogt fragte sich immer, ob sie gerade alleine zur Arbeit ging oder im Doppelpack um die Ecke gebogen kam. Vogts Gedanken schweiften erneut ab. Er musste an den Tag zuvor denken. Leider musste er jemanden zu ihr nach Hause beordern, da eine Vorstellung mangels Besucher abgesagt werden musste. Doch heute, mit dem Wochenende vor der Tür, hatte sich Hildegard nicht umsonst herausgeputzt. Im Kino verkaufte Süßigkeiten (Margit Rustler) Vogt ging zurück zur Theke, um das Karamell aufzufüllen. Auch das war fast ausverkauft. Vielleicht konnten Milchmanns nebenan ihm aushelfen, falls die neue Lieferung bei Fritze noch nicht eingetroffen war. Er musste lächeln. Die Süßigkeitendichte war in dieser Gegend sehr hoch. An der Obergasse gegenüber stand Fritzes kleines Budchen, nebenan bot die Molkerei der Häusers ein kleines Sortiment an und er kam mit seiner kleinen Auswahl von Getränken und Snacks auch noch hinzu. Das Kino hatte dieses Angebot noch nicht lange, doch es wurde begeistert angenommen. Er rechnete vor allem heute, an solch einem heißen Tag, mit einem guten Eiscreme- und Getränkeverkauf. Die Schogetten-Lieferung war gestern glücklicherweise pünktlich eingegangen, wie er sehen konnte. Es heißt, dass sie nur erfunden wurden, damit es im Kino nicht so raschelt. Er sollte Mariechen Fritz welche auf den Bauchladen legen. Das Brausezeugs durfte er nicht vergessen Abb. 32 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 79 und natürlich stand auch der Kaugummi hoch im Kurs, seitdem Fußballbilder darin versteckt waren. Neben Zorro stand heute noch ein Heimatfilm auf dem Programm. Die neuste Produktion war es nicht, doch die Leute liebten es. Der Heimatfilm versprach ein volles Haus, auch wenn einige auswärtige Zuschauer für solche Filme meist in ihrem eigenen Ladenkino am Ort blieben. All die großen deutschen Namen waren auf seiner Leinwand schon vertreten gewesen, wie beispielsweise Rudolf Prack und Sonja Ziemann. Vogts Haus war damals bis auf den letzten Platz ausverkauft. „Immensee“ (1943) hatte viele berührt. Über „Die Fischerin vom Bodensee“ (1956) und die „Schützenliesl“ (1954) bis zu „Wenn die Heide blüht“ (1960) hatte das Publikum noch lange gesprochen. Die Inhalte wurden auch hier auf dem Dorf als nicht gerade anspruchsvoll empfunden, doch den Zuschauern war es wichtiger, die eigene Heimat endlich kennenzulernen. Endlich zu wissen, was hinter dem Limesturm und der alten Windmühle, dem so genannten Hoink Dippe138, liegt. Manchen jüngeren Zuschauern war es sogar nur erlaubt, ausschließlich Heimatfilme im Rex anzuschauen. Erwachsenen dienten sie als eine Art Wellnessprogramm, das für Entspannung sorgte. Wenn sie hingegen etwas Aufregendes sehen wollten, bevölkerten Frauen wie Männer die Sitzreihen während einer Westernaufführung. „12 Uhr Mittags“ (1952) hatte sein Haus zum Platzen gebracht. Viele unvergessliche Momente hatten die Zuschauer bisher schon im Rex erlebt. Sie hatten von James Dean und Kenneth Spencer bis hin zu Audy Murphy und Dick und Doof alle gesehen. Fuzzy blieb jedoch nach wie vor der Liebling unter den Filmhelden. Der Schauspieler musste nur von der Bank fallen und das Kino jubelte. 138 Die alte Windmühle, oder auch Grüninger Warte, wurde 1713 nach holländischem Vorbild durch den Grafen Wilhelm Moritz zu Solms-Braunfels erbaut und bereits im Jahre 1794 dem Verfall preisgegeben. Im Volksmund wird die unter Denkmalschutz stehende und mit der Haagener Plakette ausgezeichnete Ruine, aufgrund ihres Aussehens, Hoink (Pflaumenmus) Dippe (Topf) genannt. Heute dient sie als Aussichtsturm (vgl. Magistrat der Stadt Pohlheim. 1982. Pohlheim. Junge Stadt am Pfahlgraben. Gießen: Herr, Seite 294). IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 80 Kinoprogramm, Gemeinde-Nachrichten, Dezember 1955 (StA Ph) Vogt lachte kurz auf. Hildegard sah ihn über die Schulter verdutzt an, als sie im Kinosaal verschwand, um nach dem Rechten zu sehen. Er erinnerte sich plötzlich an den Tag, als einmal die Schule sein Kino nutz- Abb. 33 6. Ein Tag im Rex-Filmtheater aus Sicht des Wilhelm Vogt 81 te, um Bildungsfilme für die Kinder aufzuführen. Als sie das Pflichtprogramm endlich hinter sich gebracht hatten, bot der Vorführer den Kindern an, einen Film frei aussuchen zu dürfen. Alle schrien, die Jungs am lautesten. Einen Indianer-Film wollten sie sehen. Zu ihrem Unheil meldete sich eine Mutter zu Wort, die als Begleiterin fungierte. Sie bestand auf einen Film, der für alle Altersklassen geeignet sei und nicht nur für die Großen. Um keinen Ärger zu provozieren, ließ das Rex daraufhin einen Kinderfilm laufen, auch wenn Fuzzy vielen, nach dem drögen Bildungsprogramm, eher zugesagt hätte. Annonce der „Lichtspiele“ in der Volkshalle, Bekanntmachungen, Januar 1948 (StA Ph) Vogt atmete tief ein und nickte Kurt Hahn zu, der gerade zur Tür hereinkam und in Richtung Vorführraum verschwand. Der Jugendschutz! Wilhelm konnte sich noch gut an das Jahr 1946 erinnern. Rigide war der Jugendschutz damals gewesen, den man gleich nach dem Krieg verabschiedet hatte. Nach neun Uhr abends durfte sich niemand unter 18 Jahren ohne Begleitung im Kino aufhalten. Hereingestürmt kamen die Beamten und die Vorstellungen mussten unterbrochen werden. Sie kannten kein Pardon. Damals musste sogar der hessische Innenminister einschreiten und derartige Unterbrechungen untersagen: Vor den Vorstellungen sollte kontrolliert werden, aber doch nicht währenddessen.139 Schon 1951 musste er im „Kroner Sälchen“ die diesbezügliche Polizeiverordnung gut sichtbar anbringen,140 neben dem Bestuhlungsplan und den Rauchverbotsschildern. Die örtliche Gendarmerie kontrollierte trotz des Aufrufs aus dem Ministerium weiterhin rigoros und zog die Jugendlichen aus den Reihen. Ganze Vorführungen mussten dafür noch immer angehalten werden. Damals flogen alle unter 17 Abb. 34 139 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 38. 140 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 4. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 82 Jahren gnadenlos raus. Die Altersgrenzen waren bis 1956 noch etwas anders aufgeteilt: bis 10 Jahre, über 10 Jahre und ab 16 Jahre.141 Vogt ließ es sich noch gefallen, dass kleine Kinder unter sechs Jahren nur in Begleitung Erwachsener zu ihm durften. Das war nur vernünftig. Er hätte seinen Bernhard schließlich auch nicht mit fünf Jahren alleine in der Weltgeschichte herumlaufen lassen. Aber 15-jährige im eigenen Dorf wegen fünf Minuten nach Hause delegieren? Das war etwas übertrieben. 1957 verschärfte der Kreis das Jugendschutzgesetz sogar noch einmal für die Kleinsten. Kindern unter sechs Jahren wurden Filmveranstaltungen gar nicht mehr gestattet, es sei denn das Kino zeigte Märchen, die speziell für die Kleinen auf dem Programm standen. Unter 12-jährige durften sich nach 20 Uhr nicht mehr im Kino aufhalten, unter 16-jährige mussten spätestens um 22 Uhr das Kino verlassen. Die Gruppe der 16- bis 17-jährigen durfte nun bis 23 Uhr in der Vorstellung sitzen bleiben. Dazu kamen die Altersfreigaben ab 6, ab 12, ab 16 und ab 18 Jahren. Natürlich musste er auch die Werbevorspanne und Beifilme auf diese Freigaben anpassen.142 Allerdings konnte das Rex heute gelassener diesen Kontrollen entgegensehen. Hildegard und Marietta waren alle minderjährigen Besucher bekannt. Doch falls ein Film auch nur fünf Minuten zu lange dauern und die örtliche Gendarmerie um 22 Uhr eintreffen sollte, bedeutete dies die Unterbrechung der Vorstellung. Ärgerlich! Vogt sah auf seine Uhr. Bald würde das Nachmittagsprogramm starten. Hildegard öffnete gerade die Tür zum Saal als er auch schon die ersten Kinder auf das Gebäude zukommen sah. Er musste nur noch schnell die Süßigkeitenbestellungen an Marietta weitergeben und nach den Lieferungen fragen. Die Show konnte beginnen. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! Das Hauptproblem zwischen Wilhelm Vogt und der Gemeinde Watzenborn-Steinberg hatte einen Namen: Steuer. Egal, ob Gewerbe- oder 7. 141 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 38. 142 Vgl. Der Kreis Gießen. Amtliches Mitteilungsblatt der Kreisverwaltung Nr. 27 vom 03. Dezember 1957. Seite 79. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 83 Vergnügungssteuer, die Gemeinde hatte es schwer, ihren Anteil einzutreiben. Mit dem neuen Vergnügungssteuergesetz, das am 1. Mai 1956 in Kraft trat, mussten detaillierte Aufzeichnungen über die gezeigten Filme an die Gemeinde zwecks Steuerberechnungen eingereicht werden.143 Aus diesem Grund können erst ab Mai 1956 alle Aufführungen von Hauptund Beifilmen lückenlos nachvollzogen werden. Schon im Vorfeld wurde diese Steuer, die zu 3/5 von den Filmtheatern getragen und mit Inkrafttreten zur reinen Gemeindesteuer wurde, hitzig diskutiert. Im Landtag bezeichnete ein Abgeordneter die Vergnügungssteuer gar als Steuer mit erzieherischer Funktion.144 Denn ihr Ziel war es, die Filmindustrie mit dieser Hilfe unter Druck zu setzen und umzuerziehen, d.h. die Neuregelung sollte den ausufernden Kosten und Ausgaben Einhalt gebieten. Das neue Gesetz stärkte den Einfluss der Filmtheaterbesitzer, die dazu gezwungen werden sollten, mit der Filmindustrie eine neue Verdienstspanne aus- Prädikat der Filmbewertungsstelle, 1958 (StA Ph) Abb. 35 143 Vgl. Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen vom 17. März 1956, Seiten 83-90. 144 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 18. April 1956. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 84 zuhandeln. Nach Regierungsmeinung seien die Produzenten auf das Kino und die Besucher angewiesen und nicht umgekehrt. Sie hofften daher auf Widerstand der Kinobetreiber. In diesem Zuge versuchten die Politiker auch die Mammutgagen einzudämmen. Für den Film „Star mit Kurven“ erhielt die Hauptdarstellerin die damals unfassbare Gage von DM 400.000. Dieses neue Vergnügungssteuergesetz versuchte dieser Maßlosigkeit entgegenzuwirken. Ein Ärgernis für die Filmwirtschaft waren vor allem die Beifilme. Aufgrund der neuen Vorschriften mussten jährlich 200–240 Kurzfilme von mehr als 250 Metern Länge mit einem Budget von etwa DM 5-6 Millionen produziert werden. Die Regierung erhoffte sich kulturell anspruchsvolle Beifilme, da mit diesen die Kinobetreiber die Differenz zwischen altem und neuem Steuersatz ausgleichen konnten. Zudem waren Ermäßigungen für prädikatisierte Filme erstmals bindend für die Kommunen. Somit griffen Preisnachlässe früher. Vor Inkrafttreten des Gesetzes musste der Filmtheaterbesitzer auf das Wohlwollen der Gemeinde hoffen. Schon im Mai 1953 hatte Vogt für das „Kroner Kino“ um Steuervorteile bei Aufführung prädikatisierter Streifen gebeten. Die Gemeinde hatte nach kurzer Prüfung zugestimmt145. Zudem wurde die Grenze für Ermäßigungen von 3000 Meter Film auf 2700 Meter Film gesenkt146. Die Crux der meisten Filmtheaterbesitzer war die Rücksichtslosigkeit der Verleiher. Neben den publikumssicheren Filmen, lieferten sie auch weitere verpflichtend mit.147 Dr. Gustav Zimmermann, der Geschäftsführer des Wirtschaftsverbandes der Filmtheater e.V., der auch schon am Premierenabend der beiden Rex-Kinos zugegen war, tobte. In einem Leserbrief forderte er dazu auf, Filmtheater kulturell zu fördern und zu schützen. Die Kinos seien nicht in der Lage mit den bisherigen Eintrittspreisen die Last zu stemmen. Die Folge sei daher eine Erhöhung der Eintrittsgelder.148 Der Verband empfahl daher den Städten und Gemeinden, die Steuer 145 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. 146 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 20. Januar 1956. Wie in Kapitel 1.1 bereits erklärt wurde, entsprechen 280 Metern etwa 15 Filmminuten. 147 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 18. April 1956. 148 Vgl. Leserbrief Gießener Anzeiger vom 19. April 1956. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 85 moderat zu erhöhen und sich dabei nach dem vorherigen Satz zu richten.149 Doch die Bürgermeister verteidigten die Strategie des Landes. 1920 führten die Gemeinden im gesamten Reichsgebiet erstmals eine verpflichtende Vergnügungssteuer ein. Militärgesetze nach 1945 und Ländergesetze sorgten dann für einen grundlegenden Wandel. Eine erste Ortssatzung verabschiedete Watzenborn-Steinberg im Sommer 1947. Schließlich beschloss der Landtag im Jahre 1956 das damals neue Vergnügungssteuergesetz.150 Das Vergnügungssteuerrecht sollte somit in der Bundesrepublik einheitlich werden. Nur so konnten Ermäßigungen prädikatisierter Filme gleichmäßig wirksam werden. Die Spanne des Steuersatzes auf jede Filmvorführung erstreckte sich von 15% bis 20%. Eine weitere Neuerung des Gesetzes waren Nachlässe auf die Eintrittskarten für sozial Schwache.151 Die Gemeinde Watzenborn-Steinberg folgte dem Aufruf Zimmermanns. Wilhelm Vogt hatte somit Glück und musste nur einen Steuersatz von 15% zahlen. Falls der Hauptfilm das Prädikat „wertvoll“ erhielt, sank die Steuer um 3%. Falls der Beifilm ebenfalls für „wertvoll“ befunden wurde, sank die Steuer um weitere 4%. Bei Filmen und Beifilmen, die das Prädikat „besonders wertvoll“ trugen, sank der Steuersatz um 5% und 6%. So war es möglich, den Vergnügungssteuersatz maximal auf 4% zu senken.152 Prädikatisierte Märchenfilme waren sogar steuerfrei.153 Die Abrechnungen der Vergnügungssteuer belastete die Geschäftsbeziehung zwischen der Gemeinde Watzenborn-Steinberg und Wilhelm Vogt immens. Zwischen 1948 und 1952 war Vogt nur einmal in Prädikat auf heute aktuellen Filmplakaten (2018) Abb. 36 149 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 21. April 1956. 150 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 24. April 1956. 151 Vgl. Presseartikel Gießener Freie Presse vom 2. Mai 1956 und Gießener Anzeiger vom 3. Mai 1956. 152 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. 153 Vgl. Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen vom 17. März 1956 Seite 86. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 86 Zahlungsverzug geraten, gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in der „Krone“ im Jahr 1950. Im Vergleich zu den Steuerrückständen des Rex handelte es sich damals um einen kleinen Betrag.154 Mit Eröffnung des Rex-Filmtheaters 1955 ließ er die Verzögerung der Zahlungen allerdings zum Leidwesen der Gemeinde zur Gewohnheit werden. Schon im Mai und Juni desselben Jahres erhielt Vogt eine Zahlungserinnerung, mit der Bitte regelmäßig die Steuern zum Monatsende zu begleichen. Von Formalitäten hielt Vogt jedoch wenig, wie sich in den vorangegangenen Kapiteln zeigte. Es standen daneben noch Abholung und Gebühr der Betriebsanmeldung aus, an die er im Juli nochmals erinnert werden musste. Im Oktober bat Bürgermeister Brückel erstmals darum, unnötige Schreiberei durch eine pünktliche Abrechnung zu vermeiden. Eintragung der OHG ins Handelsregister (Regina Vogt) Bereits im Februar 1956 wunderte sich die Gemeindevertretung in ihrer Sitzung, dass Vogt grundsätzlich zwei Monate mit seinen Zahlungen im Rückstand sei. Ab dem 1. April sollten daher die Eintrittskarten nur noch über die Gemeinde geliefert werden. Dies bedeutete, dass Vogt nur gegen sofortige Zahlung die Karten erhielt. Als weitere Begründung für diese Praktik führten sie die positiven Erfahrungen anderer Städte und Gemeinden mit diesem System an. Die Kommune versuchte des Weiteren mit allen schriftlichen Tricks ihr Geld einzutreiben. Bürgermeister Brückel schrieb von ständigen Mahnungen (März) und verwies darauf, dass viel Porto eingespart werden könne, sobald die Gemeinde nicht mehr Zahlungserinnerungen verschicken müsse (Dezember). In der Zwischenzeit übergab Vogt der Gemeinde Abb. 37 154 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 23, Fasz. 7. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 87 die Durchschriften der Abrechnungen mit dem Filmverleiher ohne Unterschrift. Zudem hielt er sich nicht an die Wünsche der Verwaltung: Diese verlangte beglaubigte Kopien der Original-Prädikatsbescheide, die der Stadt Hungen vorlagen. Hungen und Watzenborn- Steinberg entschlossen sich schließlich das Verzeichnis der Filmbewertungsstelle zu erwerben, um unnötige Bürokratie auf allen Seiten zu vermeiden. Ob die fehlende Unterschrift und die fehlenden Dienstsiegel Verzögerungstaktiken waren, kann abschließend nicht geklärt werden. Es muss jedoch wiederholt vorgekommen sein, denn die Gemeinde fragte sich, weshalb eine einwandfreie Abrechnung mit Vogt nicht möglich sei. Im Juli wurde die Kommune sichtlich ungehalten, denn es war ihr nicht gelungen, Vogt telefonisch zu erreichen. Watzenborn- Steinberg wollte endlich Geld sehen. Im September findet sich gar ein handschriftlicher Vermerk auf einer Rechnung, die neben der Vergnügungssteuer auch das Wassergeld anmahnt: Der Feller solle darauf achten, den Betrag bei Vogt direkt an der Abendkasse zu erheben. Auch wenn die Gemeinde auf eine neue Ortssatzung verzichtete, war sie gesetzlich verpflichtet, die neuen Steuersätze, die ab dem 1. Mai 1956 mit Inkrafttreten des neuen Vergnügungssteuergesetzes galten, anzuwenden. Trotz all des Ärgers bewies Bürgermeister Brückel dennoch Geduld. Erst im Spätherbst des darauffolgenden Jahres wollte er den Zustand nicht mehr länger hinnehmen. Im November 1957 erreichten beide Parteien eine neue Eskalationsstufe. In ihrem Schreiben drohte die Gemeinde Wilhelm Vogt den Vollzug der Strafbestimmungen des Vergnügungssteuergesetzes an. Wilhelm antwortete prompt. Er schrieb von Schwierigkeiten, die einer Klärung bedurften, aufgrund deren er bereits mit der Bürgermeisterei Hungen in Kontakt stehe. Er fühle sich als einer der größten Steuerzahler Watzenborn-Steinbergs unfair behandelt, seine Investitionen rentierten sich nicht und selbst seinen Besuchern sei die mangelnde Unterstützung der Gemeinde schon aufgefallen. Sie hätten ihm daher schon mehrfach geraten, sich an die Vertretung zu wenden. Wenn man schon in dieser Gemeinde 5 Kirchweihen hält, so sollte man nicht noch mehr Veranstaltungen heranziehen […]. Oder [g]lauben Sie, dass es richtig, wenn man hier froh ist ein derartiges modernes Theater zu haben, laufende Filmveranstaltungen des Kulturrings für angebracht IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 88 hält, von denen man noch nicht einmal Steuern erhebt, die dann für einen Eintrittspreis zu DM 0,50 Vorstellungen geben können.155 Wilhelm fühlte sich als Steuerzahler in keiner Weise gewürdigt. Er führte dabei seine Heimatstadt Hungen an, die sich hinter ihn stelle und ihn unterstütze. Die Stadt hätte zudem auch einen großen Anteil daran, dass das Filmtheater dort realisiert werden konnte. Sie gab Vogt damals einen Bauzuschuss, da die Gemeinde weitsichtig genug war, zu erkennen, welch gute Steuerquelle dort zu erschließen sei. Watzenborn- Steinberg machte hingegen nur Versprechungen, doch tat letzten Endes nichts. Stattdessen sollte Vogt auch noch die Rechnung des Vorplatzes begleichen. Er brüskierte sich, dass er von der Gemeinde nur den Rat bekommen habe, einmal mit der Firma in Kontakt zu treten. Vogt tobte theatralisch: Alles zusammengenommen ist das Bild, wie es jetzt aussieht, […] mehr als unschön. Dabei kann man leicht die Lust verlieren. Sollte sich daher das Milieu nicht ändern, und eine gewisse Zusammenarbeit gewährleistet werden, wird Watzenborn-Steinberg die längste Zeit ein Kino von diesem Format gehabt haben. Über meinen eigenen Schatten, kann ich nun einmal nicht springen.156 Vogt ließ es sich nicht nehmen, auf einen Zeitungsartikel zu verweisen, der von höheren Steuererträgen, aufgrund der Gewerbesteuer in Watzenborn-Steinberg, berichtet. 1/3 dieser Erträge rechnete Vogt dem Kino zu. Die Gemeinde ließ Wilhelm in ihrem Schreiben wissen, dass sie darauf nicht antworten werde, da keine Diskussion vom Zaun gebrochen werden solle. Genau dies tat sie dann aber doch. Die Gemeinde wies ihn darauf hin, dass die Hungener Stadtkasse keineswegs erfreut sei und sich ebenfalls über die Zahlungsrückstände ärgere. Es sei unverständlich, weshalb er nicht umgehend seine Rechnungen begleichen könne, obwohl er ein Bargeschäft habe. Weiter warf sie Vogt vor, dass er nur auf Drängen das Programm in den Gemeinde-Nachrichten veröffentliche. Altklug schlug sie vor, dass er mehr werben müsse, statt über schlechte Bilanzen zu klagen. Dass es in Watzenborn-Steinberg 155 StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. 156 ebd. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 89 zu viele andere Veranstaltungen gebe, sei bedauerlich, aber nicht zu ändern. Weiter heißt es in dem Schreiben der Gemeinde, dass Bürgermeister Brückel auf die Filmvorführungen des Kulturrings zukünftig noch mehr achten werde. Er habe sich wiederholt dafür eingesetzt, dass diese keine Spielfilme mehr aus dem laufenden Kinoprogramm zeigen sollten. Dies sei nun auch seitens des Kulturrings versprochen worden. Brückel werde in Zukunft ein Auge darauf haben und seinen Einfluss geltend machen, um diesbezüglich das Rex zu unterstützen. Die Gemeinde warb außerdem für die Vorführung wertvoller und lehrreicher Filme sowie um eine Zusammenarbeit mit den Schulen und sonstigen Organisationen. Bei diesen Sondervorstellungen sei sie bereit, ihn zu unterstützen, denn: „Ihre [Vogts] Arbeit kann sich nun einmal nicht darin erschöpfen, dass sie Ihre Filmprogramme veröffentlichen und sich an die Kasse setzen.“157 Danach wird es kurios. Die Gemeinde wirft Vogt vor, seine Vorstellungen nicht im Griff zu haben und nicht ordnungsgemäß zu beaufsichtigen. Es herrsche Unruhe, da Flaschenbier verkauft und in den Vorstellungen konsumiert würde. Dies resultiere in geringeren Einnahmen, da dies potentielle Besucher abstieße. Die Gemeinde verzichtete auf eine weitere Aufreihung der Gründe, die sie als Negativwerbung ansah. Brückel weist weiterhin jegliche Vorwürfe von sich. Nie hätte er einen Zuschuss der Baukosten in Aussicht gestellt: „Sie hätten sonst wahrscheinlich auch mit Nachdruck darauf bestanden“,158 merkte er konsterniert an. Weiter wird Vogt noch einmal auf die immense Unterstützung während des Grundstückskaufs und der Bauphase seitens Brückels erinnert. Zudem, verteidigt sich die Gemeinde, hätte Wilhelm von Beginn an gewusst, dass Watzenborn- Steinberg nicht dieselben finanziellen Möglichkeiten wie Hungen habe. Außerdem sei der Ausbau der Bachstraße dem Kino geschuldet. Ohne das Filmtheater hätte sich der Straßenausbau noch um Jahre verzögert. Die Gemeinde lässt Vogt des Weiteren wissen, dass sie durchaus glücklich über die Steuereinnahmen sei. Jedoch sei sie gesetzlich dazu verpflichtet, Rückstände an die Vollstreckungsstelle zu melden, da sie ansonsten ein Eingreifen der Aufsichtsbehörde herausfordere. Die Ge- 157 ebd. 158 ebd. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 90 meinde war daher gezwungen die Schulden Vogts einzutreiben. Das Schreiben endet mit einer versteckten Drohung: Der Unterzeichnete [Brückel] hatte bisher bei persönlichen Besprechungen eigentlich nie das Gefühl, dass eine schlechte Zusammenarbeit bestehe. Er hat versucht, den persönlichen Kontakt in einer angenehmen Atmosphäre zu halten […]. Wir würden dies [die Schließung des Kinos] sehr bedauern, nehmen aber an, dass Sie, wenn sie das Kino aufgeben oder aber nur schlechte Filme bringen werden, sich in erster Linie selbst schädigen.159 Wilhelm Vogt schien nach dieser Antwort zunächst einmal tief Luft zu holen. Das Ziel keine weiteren Diskussionen vom Zaun zu brechen, hatte die Gemeinde verfehlt. Da sie zu all seinen Punkten im Laufe des Schreibens doch Stellung nahm, war eine Antwort Vogts vorprogrammiert. Die lieferte er im Januar 1958, da sich die Vogts über die Feiertage bevorzugt der Kundschaft widmeten. Auf die Richtigstellung der Gemeinde folgte daher die Richtigstellung Vogts. Auf der einen Seite schien Wilhelm nicht ganz zu verstehen, dass Watzenborn-Steinberg tatsächlich die Hände gebunden waren. Die Gemeinde war gesetzlich dazu verpflichtet Zwangsmaßnahmen einzuleiten. Auf der anderen Seite war Vogt natürlich auch nicht auf den Kopf gefallen. Er hatte den Monat des tiefen Durchatmens genutzt und bei der Stadtkasse Hungen angefragt. Laut seiner Aussage sei der Stadtkasse Hungen nicht bekannt verärgert zu sein. Vogt bittet daraufhin um den Namen des Angestellten, damit er den Sachverhalt persönlich klären könne. Er habe schließlich, dank einer Bürgschaft, Darlehensmittel von DM 120.000 erhalten. Wilhelm bezweifelt, dass es ein zweites Geschäft in Watzenborn-Steinberg gebe, das solche Investitionen zu stemmen habe und gleichzeitig horrende Steuern abführen müsse. Zu allem Übel seien auch noch die Zinsen gestiegen. Statt anfangs 8,5%, koste ihn der Kredit nun 14% Zinsen. Darüber hinaus hätten sich ebenfalls die laufenden Kosten verteuert. Steuern, Löhne, Kosten für Heizöl, Filme und Kinobedarf seien ebenso gestiegen. Hinzu kam die schlechte Auslastung des Kinos. Laut Wilhelm, helfe nur eine Erhöhung der Eintrittspreise. Er beteuert, dass er dies nur widerwillig 159 ebd. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 91 tue und wirbt um Verständnis, denn weiter verlange er von der Gemeinde nichts. Filmprogramm mit Werbeslogan, Bekanntmachungen, Juli 1958 (StA Ph) Vogt geht außerdem auf die ihm vorgeworfene mangelhafte Werbung ein. Er sei einer der wenigen Filmtheaterbesitzer, der Plakate drucken lasse. Die Annoncen in den Gemeinde-Nachrichten sehe er, aufgrund des seltenen und unregelmäßigen Erscheinens, als wirkungslos an. Er müsse vier Wochen im Voraus planen. Über nachträgliche Änderungen sei seine Kundschaft dann verärgert. Zudem erscheine das Gemeindeblatt nur in Watzenborn-Steinberg und nicht in anderen Ortschaften. Außerdem bekomme Vogt nie den Annahmeschluss des Blattes mitgeteilt.160 Im November 1957 erschien das vorerst letzte Kinoprogramm in den Gemeinde-Nachrichten. Im Oktober und November 1963 schaltete das Rex noch zwei letzte Anzeigen. In der Zwischenzeit inserierte Vogt regelmäßig in den Bekanntmachungen, die bis zur Einstellung 1958 am schwarzen Brett veröffentlicht wurden.161 Die Zeitzeugen können sich indes an Werbung in den Gemeinde- Nachrichten gar nicht mehr erinnern. Sie passierten ohnehin des Öfteren das Kinogebäude und bezogen ihre Programminformationen aus den Schaukästen neben dem Eingang oder den Plakaten im Foyer. Sie sahen keine Notwendigkeit die Gemeinde-Nachrichten hinzuzuziehen. Dies zeigt, dass Wilhelm Vogt durch seinen intensiven Kundenkontakt Abb. 38 160 Vgl. ebd. 161 Vgl. XV, Konv. 7, Fasz. 5. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 92 sein Publikum gut kannte. Seine Werbestrategie ist den Befragten bis heute im Gedächtnis geblieben. Festprogramm des Rex, Gemeinde-Nachrichten, Dezember 1956 (StA Ph) Betroffen war er über den Vorwurf wenige bis keine wertvollen und belehrenden Filme zu zeigen. Laut Vogt entsprach dies nicht der Wahrheit. Er zeigte diese, doch sie wurden vom Publikum nur schlecht angenommen. Danach geht er auf seine angeblich mangelnde Kooperationsbereitschaft ein. Er beschuldigt im Gegenzug die Schulleiterin. Sie hätte anfangs eine Zusammenarbeit erschwert. Sonstige Organisationen seien Wilhelm überdies fremd. Eine Empfehlung nehme er ger- Abb. 39 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 93 ne an.162 Der Vorwurf der Gemeinde konnte sich nur auf die Quantität beziehen, denn Wilhelm war nicht untätig. Schon Ende November 1955 taten sich Gemeinde und Kulturring zusammen, um im Rex einen Schillerabend mit Vorträgen und dem Film „Friedrich Schiller. Der Triumph eines Genies“ (1940) zu präsentieren.163 Im Oktober des darauffolgenden Jahres stellte er dem Verband der Heimkehrer sein Filmtheater zur Verfügung, um das Drama „Weit ist der Weg“ (1946) zu zeigen. Zudem bot das Rex ein Festprogramm an den Weihnachtsfeiertagen. Mangelnden Unternehmergeist konnte Vogt ohnehin nicht vorgeworfen werden: Selbst Sonderveranstaltungen kabarettistischer Art gab er im Rex, wie das „einmalige Gastspiel des weltbekannten Humoristen Manfred Lommel“164 im September 1957. Im folgenden April kam Besuch aus Hannover. Wilhelm Tiedemann, ein Fotospezialist für Tierzucht und Pferdesport, führte zwei Dokumentarfilme unter dem gemeinsamen Titel „Pferdefilm 1957“ im Rex vor. Dieser handelte von internationalen Reitturnieren und Meteor, dem erfolgreichsten Springpferd der Welt. Die Gemeinde befreite diese Veranstaltung letztendlich von der Vergnügungssteuer.165 Die für die gleiche Zeit angesetzte Vorstellung des Spielfilms „Die ganze Welt singt nur Amore“ (1956) verschob Vogt dafür sogar um einen Tag.166 Konsterniert verteidigt er sich weiter: Sie bemängeln, dass ich „nur“ an der Kasse sitze. Ich bin eigentlich mehr als erstaunt, wenn Sie glauben, dies sei unsere ganze Aufgabe, den Leuten auf der Strasse nehme ich dies nicht übel, ich nahm aber an, dass Sie doch in etwa über unsre Arbeit informiert sind. Wieviel Theaterbesitzer gibt es überhaupt die sich der Mühe unterziehen, und sich noch an die Kasse setzen. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass meine Frau in Hungen und ich in Watzenborn-Steinberg die Kasse machen, um den ersten Kontakt mit den Besuchern selbst zu haben. Wenn Sie dies bemängeln, dann habe ich bestimmt keine Worte mehr.167 162 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. 163 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 6, Fasz. 12. 164 StA Ph, XV, Konv. 7, Fasz. 3. 165 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. 166 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 7, Fasz. 4. 167 StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 94 Anschließend ließ er es sich nicht nehmen das Thema „Flaschenbier“ aufzugreifen. Er sah dieses weniger einträgliche Geschäft als Dienst am Kunden und in Filmtheatern üblich: Wenn nun wie dies in Watzenborn-Steinberg in besonderem Masse der Fall ist, einige Halbstarke darunter sind, die sich einen Spass daraus machen, mit den Flaschen die Vorstellungen zu stören, so dürfte dies bezeichnend sein. Hier kann ich Ihnen noch mitteilen, dass diese Burschen es sogar fertig bringen, die Armlehnen von den Stühlen abzureißen. In Ihrem Sinne müsste ich nun diese auch entfernen.168 Deeskalierend fährt er fort: „Sie sehen, Herr Bürgermeister, jedes Ding hat seine zwei Seiten, und wenn Sie einmal im Kino Durst haben sollten, so wird auch Ihnen dies sehr angenehm sein, wenn Sie etwas zu trinken erhalten.“169 Wilhelm Vogt wirbt erneut um Verständnis. Er schreibt, dass die Besucher sehr verwöhnt und anspruchsvoll seien. Er könne, wie Brückel selbst wissen müsse, nicht jedem alles Recht machen. Wilhelm beharrte weiterhin darauf, dass Bürgermeister Brückel ihm damals Hoffnungen auf einen Bauzuschuss gemacht hätte. In Hungen hätte Brückel sich sogar über die dortige Handhabung diesbezüglich informiert und ihm schließlich nach dem Bau eine Absage erteilt. Auch den Ausbau der Bachstraße hätte die Gemeinde ihm versprochen, die daraus selbst große Vorteile zöge. Doch statt des Zuschusses leitete die Gemeinde im Spätsommer 1956 die Rechnung der Straßenbauarbeiten zur Befestigung des Kinovorplatzes unmittelbar an Vogt weiter. Vogt indessen regulierte die Rechnung nicht. In einem Telefonat teilte er dem Bauunternehmen mit, dass es sich an die Gemeinde zur Begleichung der Rechnung wenden müsse. Die Straßenbaufirma wartete bereits seit sechs Monaten auf ihr Geld und wandte sich somit ungeduldig abermals an die Gemeinde. Die verwies ihrerseits erneut auf Vogt und gab dem Unternehmen den Rat energisch vorzugehen, da er bekannt dafür sei, Zeit zu gewinnen.170 Wilhelm unterließ es in seinem Antwortschreiben weitere Punkte anzuführen und schlug stattdessen eine Aussprache vor. Nachdem sich 168 ebd. 169 ebd. 170 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 20, Fasz. 2. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 95 die Streithähne nach einem Gespräch171 am Valentinstag wieder beruhigt hatten, gab die Gemeinde ihre Apelle auf und schickte kommentarlos und in regelmäßigen Abständen Zahlungserinnerungen an Wilhelm Vogts Adresse, die dieser nach alter Gewohnheit monatelang ignorierte. Die finanzielle Lage des Rex-Filmtheaters war von Beginn an desolat. Die Vogts hatten horrend hohes Fremdkapital aufgenommen und sich damit übernommen. Der Gewinn entsprach bei Weitem nicht den Erwartungen. Dies hatte zur Folge, dass der Familie die Verbindlichkeiten und laufenden Kosten schon früh über den Kopf wuchsen. Bereits 1957 bat die Rex-Filmtheater-Betriebe OHG die Gemeinde um eine Bescheinigung für den Verleiher. Sie brauchte die schriftliche Bestätigung, dass ihr Umsatz in Watzenborn-Steinberg unter DM 65.000 lag. Ein weitsichtiger Gemeindeangestellter notierte vorsorglich schon einmal die Zahlen von März 1958 bis Februar 1959 als Randnotiz auf dem Schreiben. In diesem Zeitraum betrug der Gesamtumsatz DM 52.848,93.172 1959 engagierten die Vogts den Hungener Steuerberater Hans Pflicht, der ihnen im Dickicht des Steuerrechts weiterhelfen sollte. Er führte Korrespondenzen bezüglich Stundungen, versuchte Zwangsmaßnahmen zu verhindern und fand Schlupflöcher, die den Vogts Steuervorteile sichern sollten. Um die Gewerbesteuer zu mindern, überschrieb Wilhelm 51% seines Unternehmens noch im selben Jahr seiner Frau Elli. Als Teilhaberin konnte sie Steuervergünstigungen für Flüchtlinge geltend machen. Das Finanzministerium sah trotz allem vor, dass nur im Einvernehmen mit derElli und Wilhelm Vogt (Foto: Regina Vogt) Abb. 40 171 Über das Gespräch liegen keine schriftlichen Quellen vor. 172 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 12. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 96 Gemeinde eine Steuererleichterung gestattet werden könne. Der Gemeindevorstand und die Gemeindevertretung segneten den Antrag auf Teilerlass aufgrund Ellis Flüchtlingsstatus schließlich in ihren Sitzungen ab. Dies musste jedoch jedes Jahr aufs Neue beantragt und von allen Seiten genehmigt werden. Der Wert des Rex begann derweil ständig zu sinken. Für das Jahr 1956 schätze das Finanzamt das Betriebsvermögen auf DM 139.000. Für das Jahr 1957 veranschlagte das Amt nur noch ein Betriebsvermögen von DM 122.000. Jedoch sanken auch die Schulden von DM 286.630 auf DM 255.076.173 Wilhelm Vogt blieb jedoch nicht untätig. Als Networker übertrug er zuweilen die Aufgaben an seiner Kinokasse an einen seiner Angestellten und nahm an öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen teil. Der Landesverband Hessen des Wirtschaftsverbands der Filmtheater e.V. lud nach Wiesbaden zu einem Vortrag mit anschließendem Empfang ein. So traf Vogt im November 1960 auf Ruth Leuwerik. Von diesem Treffen zeugen noch immer ein Foto und ein datiertes Autogramm. Auf diese Weise strafte Wilhelm Vogt die Gemeinde Watzenborn-Steinberg immer wieder Lügen, als sie einst behauptete, er säße nur hinter seiner Kasse. Währenddessen erholte sich das Filmtheater jedoch nicht. Im Dezember 1960 erkannte die Gemeinde die Notlage des Kinos. Zwar bat sie im eigenen Interesse um Zahlung, da das Rechnungsjahr bald endete, doch kam sie Vogt entgegen. Bürgermeister Brückel bestand nicht auf den vollen Betrag, sondern drängte Vogt, zumindest die Monate September und Oktober zu begleichen. Die Besucherzahlen der Lichtspieltheater brachen im Allgemeinen ein. Dies war dem Gießener Anzeiger vom 3. Januar 1962 sogar eine Meldung wert. Die sechs Gießener Lichtspielhäuser hatten eine durch- Wilhelm Vogt (2.v.l.) mit Ruth Leuwerik, November 1960 (Foto: Regina Vogt) Abb. 41 173 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 7, Fasz. 15 (neue Ordnung). 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 97 schnittliche Platzausnutzung von nur 17,1% im Jahre 1961 erreicht. Das Kino auf dem Land teilte dieses Schicksal. Die Zuschauerzahlen des Rex-Filmtheaters verdeutlichen diesen dramatischen Rückgang. Sie sanken wie folgt: 1956 auf 51.723, 1957 auf 52.228, 1958 auf 43.911, 1959 auf 36.262, 1960 auf 34.287. Die Schuld gab Wilhelm Vogt dem Fernsehen. Auch die befragten Zeitzeugen nannten dies als Hauptgrund für den Besucherrückgang des Rex. Damals strahlte der Rundfunk zu 30% Filme aus, ohne dass er dafür Steuern zahlen musste. Dies war ein gravierender Vorteil. Vogt hatte sich unterdessen mit seinem Problem an den Verband gewandt. Dieser hatte ihm mitgeteilt, dass viele Gemeinden Ermäßigungen oder gar Erlasse einsetzten, um das Lichtspieltheater vor Ort zu erhalten.174 Im Herbst 1961 begann Vogt sein Kino für Werbeveranstaltungen zu öffnen. Karlheinz Fischer, ein Vertreter für Waschmaschinen, zeigte nach der Präsentation seines Produkts kostenlos den Spielfilm „Du darfst mich nicht verlassen“ (1948) mit O.W. Fischer und Curd Jürgens. Im Januar des darauffolgenden Jahres mietete Hugo Simms das Filmtheater für die Mittelfränkische Metallwarenfabrik.175 Doch dies war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Brückel setzte sich im selben Monat für Vogt ein, der noch immer mit den Zahlungen seit Mai 1961 im Rückstand war. Brückel schlug vor, das vierte Quartal 1961 zu erlassen, wenn er bis Monatsende den Rest der Schuld beglich. Böswilligkeit ist dem damaligen Bürgermeis- Wilhelm Vogt (Foto: Regina Vogt) Abb. 42 174 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 175 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 3, Fasz. 1 (neue Ordnung). IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 98 ter bei weitem nicht vorzuwerfen. In Quellen wie dieser wird deutlich, dass er immer wieder versuchte das Filmtheater zu retten. Jedoch war Brückel gesetzlich verpflichtet die Festsetzung einer Pauschale anzudrohen. Fast schon zynisch wirkt die Floskel in einem Schreiben Ende Dezember, als die Gemeinde die Steuern der Monate Juli bis Dezember des gleichen Jahres einforderte. Sie wünschte Vogt viel Glück und Erfolg für das Jahr 1962. Einen Tag später bat Vogt um die Ermäßigung bzw. den Erlass der Vergnügungssteuer. Anfang Februar 1962 schrieb Karl Brückel sogar die Vollstreckungsstelle des Landkreises Gießen an und bat um die Rückgabe des Vollstreckungsauftrages, da Verhandlungen wegen Stundungen am Laufen seien. Brückels Vorschlag zog eine lebhafte Diskussion in der Sitzung der Gemeindevertretung nach sich. Diese war der Auffassung, dass Vogt die Vergnügungssteuer mitvereinnahme und lediglich treuhänderisch verwalte. Demzufolge müsse er sie auch abführen. Außerdem wollten die Gemeindevertreter einer Ungleichbehandlung der Steuerzahler vorbeugen. Noch im selben Monat trafen sich Vogt und Brückel, um die Misere zu besprechen. Wilhelm sah es ganz und gar nicht wie die Gemeindevertretung. Seiner Auffassung nach agiere er keinesfalls als Treuhänder. Brückel riet ihm, einen erneuten Stundungsantrag zu stellen, damit er sich nochmals für ihn einsetzen könne. Obwohl der Gemeindevorstand sowie der Haupt- und Finanzausschuss einen Erlass der Vergnügungssteuer der Monate Oktober bis Dezember 1961 befürwortet hatten, lehnte die Gemeindevertretung mit 6 gegen 6 Stimmen bei 1 Enthaltung den Antrag ab. Anfang März riet Brückel nochmals den Vogts, dass sie einen Stundungsantrag stellen mögen, damit Mahnungs- und Vollstreckungsmaßnahmen seitens der Kasse vermieden würden. Zu diesem Zeitpunkt stand der Verkauf des Gebäudes bereits im Raum. Brückel versuchte sich als Makler. Zwei Vereinen bot er das Kino an, die sich aber nicht endgültig äußern wollten. Wilhelm Vogt sah seinen Traum dahinschwinden. Sein Filmtheater, das er mit viel Mühe in der Bachstraße errichtet hatte, stand vor dem Aus. Diese Verzweiflung spiegelt sich auch in den Schreiben wider. Die Ablehnung seines Antrags verwundere ihn nicht, schrieb er, da dies die Gesamteinstellung zu seinem Kino zeige, die sich in den Besucherzahlen ebenfalls wiederfinde. Laut Vogt befänden er und Elli 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 99 sich nur durch das Kino in Watzenborn-Steinberg in dieser Miesere. In Hungen erwirtschafte das Filmtheater immerhin noch eine Rendite und die Gemeindevertretung zeige sich dort mehr als großzügig. Er sähe daher seine Chance nur noch in einem Verkauf bei nächster Gelegenheit. Doch Wilhelm Vogt wäre nicht Wilhelm Vogt gewesen, wenn er hier nicht auch getrickst hätte. Beiliegend übersandte er einen Scheck für die Monate Juni bis September abzüglich der zu viel gezahlten Steuer für 1960. Der Gemeindeangestellte versah diese Stelle des Briefes mit einem Fragezeichen. Bürgermeister Brückel gab jedoch nicht auf, sich für die Vogts einzusetzen und beteuerte Verständnis. In dem Antwortschreiben an das Ehepaar versicherte er, sich für einen Erlass der Säumniszuschläge und Mahngebühren einzusetzen. Des Weiteren legte er ihnen nahe, nochmals den Antrag auf Erlass der Kinosteuer im letzten Quartal 1961 zu wiederholen. Im September 1962 drohte die Gemeinde erneut auf pauschale Festsetzung der rückständigen Vergnügungssteuern. Diese Drohung machte sie schließlich im Januar 1963 wahr. Wilhelm und Elli Vogt erhielten ein Schreiben, das sie darüber informierte, dass die Gemeinde von § 17 des Hessischen Vergnügungssteuergesetzes Gebrauch mache. Für die Monate Juni bis Dezember 1962 schätzten sie die Steuereinnahmen und setzten eine Pauschale von DM 250 fest. Ein guter Deal war dies nicht, da der tatsächliche Steuerbetrag niedriger lag. Da Vogt auch diese Rechnung nicht beglich, wurde die Zwangsvollstreckung eingeleitet. Eine Woche später zahlte Vogt. Schließlich stellte Wilhelm Vogt beim Wirtschaftsverband der Filmtheater des Landesverbands Hessen einen Gema-Härteantrag für das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg. Hier ist auch ersichtlich, dass er die Preise im Laufe der letzten Jahre stark angehoben hatte. Vier Kategorien bot das Rex, laut des Schreibens, am Ende: 59 Sitze á DM 1,80 160 Sitze á DM 1,60 120 Sitze á DM 1,40 60 Sitze á DM 1,10. Im Jahr 1962 gab das Rex insgesamt 428 Vorstellungen. Die Kapazitätsausnutzung lag bei gerade einmal 14,3%. Der Erlös einer ausverkauften Vorstellung belief sich auf DM 596,20 nach Steuer. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 100 Im Mai 1963 begann das Spiel von vorne. Die Gemeinde legte nach § 17 diesmal eine Pauschale von DM 200 fest. Auch hier machte Vogt keinen guten Deal. Im Februar 1963 lag beispielsweise die zu zahlende Steuer bei gerade einmal DM 109,26. Nur der April lief mit DM 211,28 besser. Auch im Oktober 1963 sah sich Watzenborn-Steinberg gezwungen auf den Paragrafen zurückzugreifen. Sie blieb bei dem Pauschalbetrag von DM 200.176 Die detaillierten Aufstellungen der Finanzen in den Schreiben des Steuerberaters Hans Pflicht geben heute Auskunft über die desolate Lage der Rex-Filmtheater-Betriebe OHG. Er liefert eine detaillierte Aufstellung der Verbindlichkeiten, u.a. des Kalenderjahres 1961, um abermals einen Teilerlass der Gewerbesteuer aufgrund Ellis Flüchtlingsstatus bei der Gemeinde zu erwirken. An dieser Stelle wird deutlich, welches Ausmaß die Schulden annahmen. Die Vogts mussten horrende Zinsen stemmen. 1961 beliefen sich die Kosten der Dauerschulden auf DM 26.598. Von einer Niedrigzinsphase konnte das Ehepaar nur träumen. Aus dem Schreiben gehen zudem Informationen bezüglich der Steuerverteilung hervor. Die Zerlegungsanteile der Gewerbesteuer verteilten sich innerhalb der Rex-Filmtheater-Betriebe OHG wie folgt: Hungen 47%, Watzenborn-Steinberg 28% und Laubach 25%. Der Zerlegungsanteil für Watzenborn-Steinberg wurde im Steuerjahr 1962 auf 24% gesenkt. Die Betriebseinnahmen der gesamten OHG sanken kontinuierlich: DM 201.000 in 1956 (Anteil für Watzenborn-Steinberg DM 78.000) DM 194.000 in 1960 (Anteil für Watzenborn-Steinberg DM 53.000) DM 189.000 in 1961 (Anteil für Watzenborn-Steinberg DM 53.000) DM 157.000 in 1962 (Anteil für Watzenborn-Steinberg DM 38.000) Zum Vergleich: In „Kroner Jahren“ besaß Vogt ebenfalls drei Kinos, in Langgöns, Großen-Linden und Watzenborn-Steinberg. Die prozentuale Verteilung der Zerlegungsanteile ist in diesem Fall unbekannt. 1952 erwirtschaftete er mit diesen drei Filmtheatern insgesamt DM 67.000 (Anteil für Watzenborn-Steinberg DM 12.000).177 An diesen Zahlen ist ersichtlich, weshalb Vogt das hohe Risiko einging. Doch den erhofften 176 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 177 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 24, Fasz. 1. 7. Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen! Nichts als Rechnungen! 101 höheren Einnahmen standen von 1955 an enorme Mehrkosten gegen- über, die Ladenkinos nicht mit sich brachten. Die Gemeinde hatte erneut ein Einsehen und gab dem Antrag auf Teilerlass statt. Zwar fielen die Zinsen 1962 auf DM 19.586, doch statt einem Gewinn, begannen die Vogts nun Verluste zu schreiben.178 Diese Tatsachen und die sich plötzlich verändernde Lebensweise der Bevölkerung, führten zu schlechten Bilanzen und schließlich zur Auflösung der OHG. That’s All Folks! Das Ende des Rex-Filmtheaters Die Zeiten änderten sich. Überall auf den Dörfern war die wirtschaftliche Rentabilität der Lichtspielhäuser rückläufig und sie mussten schließen. Die Gastwirtschaften boten ihren Gästen Fernsehgeräte, teils gegen ein geringes Entgelt von 10 Pfennigen. 1954 führte die „Wilhelmshöhe“ in Watzenborn-Steinberg bereits den ersten Fernsehapparat zur Feier der Fußballweltmeisterschaft ein. Die Menschen hatten so das Glück, das Wunder von Bern direkt zu erleben, statt es nur in der „Fox-tönenden Wochenschau“ als Rückblick geliefert zu bekommen. Die anderen Gastwirtschaften zogen nach. Alle warben mit ihren Fernsehgeräten, wie die heutigen Gaststätten mit Pay-TV. Mit den Flimmerkästen sorgte beispielsweise Willi Millowitsch in „Der Etappenhase“ (1956) für ein volles Wirtshaus. Der Fernseher war zwar klein und das Bild schwarz-weiß, doch das Kino bot derartige Unterhaltung, die speziell für den Rundfunk produziert wurde, nicht. Die neue Technik zog zunehmend auch in immer mehr Haushalten ein. Die Rundfunkanstalten strahlten nicht nur Filmproduktionen aus, sondern riefen dazu den Showsamstag ins Leben. Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff eroberten die deutschen Wohnzimmer und unterhielten die Leute nun bequem zu Hause auf dem Sessel. Nach einer Durststrecke in den Nachkriegsjahren standen Krimis in den 1960er Jahren wieder hoch im Kurs. Edgar Wallace beherrschte nun den Feierabend und fegte die Straßen leer. Niemand war mehr gezwungen für einen Film durch Wind und Wetter den Kinosaal zu besuchen. 8. 178 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 7, Fasz. 15 (neue Ordnung). IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 102 Vorletzte Annonce des Rex-Filmtheaters, Gemeinde-Nachrichten, Oktober 1963 (StA Ph) Doch das Fernsehen hatte auch Skeptiker. Die Gemeinde veröffentlichte eine Umfrage der Klassen 5 bis 8 der Schule in Watzenborn- Steinberg. Hier gaben 25-30% der Kinder an, dass der elterliche Haushalt einen Fernseher besäße. Werden eingeladene Freunde mit hinzugerechnet, erreichten manche Sendungen bis zu 40% der Oberstufenschüler. Des Weiteren wurde eine Studie aus Großbritannien herangezogen, die vor Kurzsichtigkeit warnt, zudem leide die Gesundheit im Allgemeinen. Kopfschmerzen, gerötete und tränende Augen seien die Folge. Auch mental werde das Kind gefährdet. In den frühen 1960er Jahren war das Bildungsfernsehen noch in der Entwicklung. Kindgerechte Sendungen wie die „Sesamstraße“ oder „Die Sendung mit der Maus“ lagen in der Zukunft. Der Apparat diente der reinen Unterhal- Abb. 43 8. That’s All Folks! Das Ende des Rex-Filmtheaters 103 tung. Weiter warnt der Artikel davor, den Fernseher als Babysitter zu missbrauchen, da er die Kinder schlaff, träge, denk- und handlungsfaul mache. Sie bräuchten schöpferische Tätigkeiten und vor allem Bücher.179 All diese Bedenken richteten sich gegen das allseits zur Verfügung stehende Fernsehen. Lichtspielhäuser wurden indessen nicht kritisiert. Der Vormarsch der gigantischsten Erfindung der Unterhaltungstechnik war jedoch nicht mehr aufzuhalten. Auch die zunehmende Mobilität der Wirtschaftswunder-Gesellschaft begünstigte ein Abwandern der Kundschaft. Die Familien leisteten sich Autos, die eine Fahrt nach Gießen auf wenige Minuten reduzierte. Neben neuen Interessen der damaligen Teenager, wie Tanzveranstaltungen, Spritztouren mit dem Auto und Home-Hopping, lautete die Antwort für Cineasten: Gloria-Palast in Gießen. Die Zeitzeugen gaben diesbezüglich sehr individuelle Auskünfte. Für die einen stand nach der Heirat und mit dem Erwachsensein keine Freizeit mehr für das Kino zur Verfügung. Das „Gloria“ blieb für sie die Ausnahme, d.h. große Produktionen wie „Sissi“ (1955–1957) oder „Ben Hur“ (1959) waren eine Reise dorthin wert. Andere sahen sich in den Kinos der Stadt die Django-Filme an, wieder andere bevorzugten Klassiker wie „Goethes Faust“. Einige der Befragten gaben an, bis zum Schluss ausnahmslos dem Rex die Treue gehalten zu haben. Teilweise fanden sie die Schließung auch ärgerlich. Auch wenn die Befragten einstimmig die Aufgabe des Rex bedauerten, waren für die Cineasten unter ihnen die Kinos in Gießen schließlich attraktiver geworden. Dort liefen aktuelle Streifen, es gab mehr Lichtspielhäuser und das Angebot an Filmen war riesig. Sogar vormittags zeigten sie Märchenvorführungen für Kinder. Es wurde auch die Meinung vertreten, dass die in Watzenborn- Steinberg gezeigten Filme eher zweitklassig und nur selten up-to-date waren. Die steigende Mobilität bewirkte zudem, dass die Landbevölkerung vermehrt in der Stadt arbeitete und die Landwirtschaft auf einen Nebenerwerb reduzierte. Die Menschen pendelten nun jeden Morgen zwischen Watzenborn-Steinberg und Gießen oder gar Frankfurt/Main. Dort erfuhren sie vom aktuellen Kinoprogramm in den Großstädten. Nichtsdestotrotz bildeten sie Fahrgemeinschaften, um städtische Kinos 179 Vgl. Gemeinde-Nachrichten vom 17. Mai 1961. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 104 zu besuchen, da die Anreise für viele noch immer mit Umständen verbunden war. Acht Jahre und sechs Monate nach der ersten Vorstellung fiel im November 1963 der letzte Vorhang. Zu guter Letzt liefen Filme, die heute zu den Klassikern gehören, wie „Frühstück bei Tiffany“ (1962) und „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ (1953). Auch Zorro hatte noch einen letzten Auftritt in „Zorros Rückkehr Teil 2“ (1944). An diesen drei Beispielen wird noch einmal das bunt gemischte Programm des Kinos deutlich. Die steuerfreie Abschlussvorstellung des Rex-Filmtheaters zeigte „Der längste Tag“ (1962). Die Gesamt-Brutto-Einnahmen des Films beliefen sich auf DM 665,50.180 Es ist davon auszugehen, dass das Rex-Kino bis zum letzten Platz ausverkauft war. Doch für eine Rettung war es zu spät. Am 11. Februar 1964 war es schließlich so weit: Wilhelm Vogt verkaufte sein Kino an Karl Häuser XIX. Die Gemeinde Watzenborn-Steinberg verzichtete auf ihr Vorkaufsrecht.181 Die Familie Häuser kaufte nur das Grundstück inklusive Gebäude, nicht aber das Inventar. Bestuhlung und die Gerätschaften zur Filmvorführung mussten von den Vogts entfernt werden. Mit dem Verkauf konnte das Ehepaar seine Schulden von DM 60.000 bei der Frankfurter Hypothekenbank ablösen. Der Rest des Ertrags von DM 20.000 erhielt die Hungener Bank eGmbH Hungen, die sich bereit erklärt hatte, nach Erhalt des Geldes, eine Löschungsbewilligung zu erteilen und das Zwangsversteigerungsverfahren zurückzunehmen. Am 31. Juli legten Wilhelm und Elli Vogt ihr Gewerbe schließlich nieder.182 Im August meldete sich der Pallas-Film-Verleih bei der Gemeinde und fragte an, ob Wilhelm Vogt für den 12. Juni 1964 eine Abrechnung eingereicht hätte. Die Gemeinde konnte dies nur vernei- Das Kinogebäude heute (Foto: Sebastian Richter) Abb. 44 180 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 181 Vgl. StA Ph, X, Konv. 14, Fasz. 44. 182 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 2, Fasz. 37. 8. That’s All Folks! Das Ende des Rex-Filmtheaters 105 nen.183 Daraufhin verfasste Bürgermeister Brückel am 5. Oktober ein letztes Schreiben an Wilhelm Vogt, in welchem er ihn abermals an die noch ausstehenden Formalitäten und die noch zu zahlende Gewerbesteuer erinnerte. Daraufhin meldeten Elli und Wilhelm Vogt am 12. Oktober 1964 das Gewerbe auch offiziell in Nidda beim zuständigen Amtsgericht ab.184 Ende Dezember 1965 unterschrieb Wilhelm Vogt schließlich ein Schuldanerkenntnis.185 Ein Jahr später, im Dezember 1966, beglich er letzten Endes seine Schulden bei der Gemeinde und schloss damit das Kapitel Watzenborn-Steinberg in seiner Vita.186 Aus dem Kino wurde schließlich eine Werkstatt. Die Familie Häuser hatte über die Jahre extreme Platzprobleme durch ihr immer weiter expandierendes Unternehmen bekommen. Eine Gewerbefläche war in der Gemeinde Watzenborn-Steinberg in den 1960er Jahren noch nicht eingeplant und so blieb der Familie nichts anderes übrig als alle umliegenden Grundstücke und Gebäude aufzukaufen, so wie das Rex-Filmtheater. Der Kinobau ist im Grundriss bis heute erhalten. 1966 stellte Karl Häuser XIX. schließlich einen Bauantrag auf Umbau eines Kinos und Erweiterung für eine Autowerkstatt. Das ehemalige Rex bekam einen Anbau, dem ein weiterer folgen sollte. So steht es heute noch in der Straße „Zur Eichwiese“ (ehemals Bachstraße) im Pohlheimer Stadtteil Watzenborn-Steinberg. Exkurs: Wir drehen einen Heimatfilm! (1958) Mitte der 1950er Jahre, nach der Eröffnung des Rex-Filmtheaters, war Watzenborn-Steinberg im Kinofieber. Zeitlich passend erreichte die Gemeinde im Mai 1957 ein Schreiben der Axel von Koss Produktion aus Hamburg. Axel von Koss (*1925) geriet im Vereinigten Königreich in Kriegsgefangenschaft. Danach arbeitete er in England für den Film- 9. 183 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 184 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 3, Fasz. 4 (neue Ordnung). Da die Rex-Filmtheater-Betriebe OHG in Hungen ihren Hauptsitz hatte, war das Amtsgericht Nidda für die Abmeldung zuständig. 185 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 29, Fasz. 4 (neue Ordnung). 186 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 203, Fasz. 3 (neue Ordnung). IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 106 dienst „War Prisoners Aid“. Nach seiner Rückkehr 1948 drehte er Filme in Deutschland, arbeitete am Theater und übersetzte englische Theaterstücke. 1953 gründete er seine erste Firma, den „Deutschen Heimatfilm-Dienst“. Mit dieser produzierte er mehr als 140 Filme über deutsche Ortschaften. Er drehte, schnitt und kommentierte sie. Schließlich organisierte von Koss noch deren jeweilige Uraufführungen in ortsansässigen Gasthäusern und Kinosälen. Die Filme umfassten eine Dauer zwischen 70 und 100 Minuten und trugen den Titel „Bei uns in …“.187 Axel von Koss bot Watzenborn-Steinberg in seinem Schreiben an, einen Heimatfilm zu drehen, der sich selbst finanzieren sollte. Er warb mit einer Garantieklausel, die besagt, dass mit der Herstellung und der Vorführung des Heimatfilms keinerlei Kosten entstehen können, da jeder entstandene Verlust zurückgezahlt würde, falls die Einkünfte bei der Erstaufführung die entstandenen Auslagen nicht decken sollten. Von Koss wollte so jedem Ort, unabhängig von Größe und finanziellen Mittel, die Möglichkeit geben, einen eigenen Heimatfilm zu drehen. Weiter verweist er in seinem Schreiben auf den historischen Wert für zukünftige Generationen. Zudem wirbt von Koss mit der Aussicht auf einen nennenswerten Überschuss, der oftmals erwirtschaftet werde. Dieser könne in der Gemeinde an geeigneter Stelle investiert werden. Watzenborn-Steinberg sprang auf diese Idee an. Der Gemeindevorstand beschloss im Juli Kontakt zur Produktionsfirma aufzunehmen.188 Letztlich entschied sich die Gemeinde Watzenborn-Steinberg jedoch gegen das Angebot eines professionell gedrehten Films. Im darauffolgenden November wandte sich Bürgermeister Brückel stattdessen an Helene Krehan, die bei Gelegenheit bei ihm vorsprechen solle. Helene Krehan, geb. Heim (*1906) war die emsige Frau eines prototypischen Landarztes einer längst vergangenen Epoche. Seine Patienten erreichte Dr. med. Walter Krehan (1903–1972) per Fahrrad und transportierte deren Akten auf seinem Gepäckträger. Währenddessen gab seine Frau Englischkurse für den Kulturring an der Volkshochschule189 und drehte Filme mit ihrer Schmalfilmkamera. Eine Zeitzeu- 187 Vgl https://www.koerber-stiftung.de/haus-im-park/ehrenamt/axel-von-koss vom 13.08.2018. 188 Vgl. StA Ph, II, Konv. 1, Fasz. 28. 189 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 15. 9. Exkurs: Wir drehen einen Heimatfilm! (1958) 107 gin beschrieb sie mit einem Lachen. Helene hätte die Hosen angehabt, sagte sie. Drehplan, Gemeinde-Nachrichten, März 1958 (StA Ph) Helene Krehan ließ sich nicht lange bitten und erschien für eine Unterredung bei Brückel. Sie erklärte sich bereit, mit ihrer Kamera zur Verfügung zu stehen. Ende Januar 1958 erteilte ihr Bürgermeister Brückel den Auftrag, dass öffentliche Veranstaltungen und das Dorfleben im Allgemeinen zu filmen. Weiter schrieb er: „[Der Gemeindevorstand] Abb. 45 IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 108 hat sich bereit erklärt, Ihnen die Kosten hierfür zu erstatten. Ich kann Ihnen zusichern, dass wir dabei nicht kleinlich sein wollen, weil ein solcher Filmstreifen doch für vielerlei Zwecke Verwendung finden kann“190. Helene Krehan solle der Gemeindevertretung einen Filmstreifen im Filmsaal der Schule vorführen, um festzulegen „was dabei für uns von Interesse ist und für die Zukunft aktuell ist, damit ein wirklich schöner Heimatfilm zustande kommt“191. Bürgermeister Brückel plädierte in der Gemeindevertretung für den Heimatfilm, um eine lebendige Gemeindechronik zu schaffen. Zwar hätten, laut Brückel, schon verschiedene Firmen ihre Angebote unterbreitet, doch wie sich herausstellte, sei Helene Krehan im Besitze eines Filmgeräts. Mit diesem hätte sie schon einige Veranstaltungen und Szenen aus dem Dorfleben gefilmt. Zum Abschluss der Gemeindevertretersitzung Mitte Februar führte Helene Krehan, mit Unterstützung von Fräulein Schmid192 am Tonbandgerät, Filmproben vor und präsentierte ihren Drehplan. Sie bat Lehrer Karl Söhngen (*1903), der ebenfalls anwesend war, um Unterstützung. Söhngen willigte ein und empfahl ihr, zur Anregung zunächst den Heuchelheimer Heimatfilm anzusehen. Nachdem die Gemeindevertretung ihr Einverständnis gab, war Helene Krehan offiziell engagiert. Das Projekt „Schaffung eines Heimatfilms“ konnte beginnen. Es war nun an der Filmemacherin, weiteres Bildmaterial aus ihrem Archiv auszusuchen und neue Szenen zu planen. Hierfür suchte Krehan den Kontakt zu Freunden und Bekannten, die ihre Dreherlaubnis gaben, so eine Zeitzeugin, deren standesamtliche Trauung Krehan verewigte. Im August 1958 hatte Krehan bereits erste Filmszenen in Testvorstellungen vorgeführt. Brückel honorierte ihre Arbeit mit den Worten: „Nach dem, was ich bisher von Ihrer Arbeit sehen durfte, bin ich auch überzeugt davon, daß der Film tatsächlich gut wird“.193 Ob dies nun als Kompliment aufzufassen ist, sei dahingestellt. Nach diesem etwas missglückten Zuckerbrot, kam umgehend die Peitsche. Helene Krehan hatte offenbar das Budget aus den Augen verloren. Das Ge- 190 StA Ph, II, Konv. 1, Fasz. 28. 191 ebd. 192 Die Identität der Dame konnte abschließend nicht geklärt werden. 193 StA Ph, II, Konv. 1, Fasz. 28. 9. Exkurs: Wir drehen einen Heimatfilm! (1958) 109 samtvolumen betrug DM 500, die Filmemacherin hatte bereits DM 375 ausgegeben, als Bürgermeister Brückel um einen Kostenvoranschlag für die Mehrkosten bat.194 Am Ende müssen sich Helene Krehan und die Gemeinde geeinigt haben, denn der Film mit dem Titel „Watzenborn-Steinberg 1958“ kam 1959 zum Abschluss. Im April verkündeten die Gemeindevertreter freudig, dass der Heimatfilm mit Erfolg von Helene Krehan fertiggestellt sei. Die Uraufführung fand schließlich am Samstag, 23. Mai 1959 im Gasthaus „Zur Krone“ statt.195 Wieso sich das Rex-Filmtheater die Premiere nicht gesichert hatte, konnte abschließend nicht geklärt werden. Fünf Jahre später startete die Foto- und Filmarbeitsgemeinschaft des Kulturrings ein weiteres Filmprojekt mit dem Titel „Rückblende 1963“. Die Premiere fand am Freitag, 13. März 1964 im Bürgerhaus statt.196 Die Faszination Film blieb den Watzenborn-Steinbergern erhalten. Zum 850. Dorf-Jubiläum im Jahre 1991 vertonte Dieter Fuchs den Heimatfilm neu. Helene Krehan, nun 33 Jahre älter, spricht einleitende Worte und kommentiert ihren Film aus dem off. So beträgt die Gesamtlaufzeit 2:12 Stunden. Zeitzeugen teilten mit Bedauern mit, dass sich leider viel Filmmaterial über die Jahre zersetzt habe und unwiederbringlich verloren sei. Da zwischenzeitlich drei Jahrzehnte vergangen wären, entsprächen nicht alle Erklärungen Helene Krehans der Richtigkeit, so die Zeitzeugen weiter. Nichtsdestotrotz wurde mit dem Film das gewünschte Ziel erreicht. Heutigen Generationen ist es möglich, das Dorf einer längst vergangenen Ära zu erleben. Auch wenn die Aufnahmen verwaschen sind, ist der Film ein wichtiges, schützenswertes Kulturgut für Watzenborn-Steinberg. Aus diesem Grund war er auch für diese Forschungsarbeit von großem Nutzen. Neben vielen anderen Szenen, ist auch das Rex-Filmtheater verewigt. Helene Krehan kommentiert dies wehmütig, wie alle befragten Zeitzeugen: „Es wurden gute Filme gezeigt. Ich weiß nicht, warum das [nicht] aufgelassen wurde. Es hat sich wahrscheinlich nicht rentiert“.197 194 Vgl. ebd. 195 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 16. April 1959. 196 Vgl. Gemeinde-Nachrichten vom 1. März 1964. 197 „Watzenborn-Steinberg 1958“, Helene Krehan, 13:51–14:05. IV. „Juchuuu! Wir bekommen ein Kino!“ – Das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg (1954–1964) 110 Trotz der Neuauflage des Films in den frühen 1990er Jahren und der nachträglichen Digitalisierung im Jahr 2007, wussten nicht alle Befragten von der Existenz der Eigenproduktion und zeigten sich überrascht. Gerne sehen würden ihn alle noch einmal. Das Interesse ist nach wie vor ungebrochen. 9. Exkurs: Wir drehen einen Heimatfilm! (1958) 111

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References

Zusammenfassung

Die kommunale Kinogeschichte ist ein vielseitiger Forschungsgegenstand. Er reicht von den Wanderlichtspielen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Ladenkinos, die oftmals in Gaststätten untergebracht waren, bis zum Kino-Boom der 1950er und 1960er Jahre, im Zuge dessen selbst in kleinen Dörfern Filmtheater eröffneten.

Dieses Buch gewährt einen Einblick in die kommunale Kinogeschichte des ländlichen Raums. Im Fokus stehen hierbei die Wirtschaftswunderjahre. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten und Quellen kommunaler und privater Archive wird die Geschichte der Lichtspielhäuser paradigmatisch an dem Ort Watzenborn-Steinberg (Mittelhessen) nachvollzogen.

Der erste Teil des Buches verschafft zunächst einen allgemeinen Überblick über Filmgeschichte und Filmgattungen. Danach treten sozio-historische Hintergründe in den Fokus. Anhand des Werdegangs des Filmtheaterbetreibers Wilhelm Vogt wird der stetige Prozess vom provisorischen Ladenkino bis zum Bau eines modernen Filmtheaters mit allen technischen Raffinessen nachgezeichnet. Die Erfahrungsberichte der ortsansässigen Bevölkerung eröffnen einen ungeahnten Blickwinkel auf die herausragende Bedeutung eines Lichtspielhauses auf dem Dorf zu dieser Zeit. Wie veränderte das Filmtheater die Lebenswirklichkeit der Landbevölkerung? Welche Erinnerungen verbinden die Menschen mit ihrem Kino vor Ort? Haben sich in den letzten 70 Jahren die Gründe für einen Kinobesuch grundlegend gewandelt? Diese und weitere Fragen werden in diesem Buch beantwortet.