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III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 in:

Nikola Stumpf

Vom Ladenkino zur Eigenproduktion, page 27 - 50

Kommunale Kinogeschichte in Zeiten des Wirtschaftswunders am Beispiel der Lichtspielhäuser Watzenborn-Steinbergs (1945-1964)

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4276-2, ISBN online: 978-3-8288-7215-8, https://doi.org/10.5771/9783828872158-27

Tectum, Baden-Baden
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Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters „Die Amis kommen!“ – Wie die bewegten Bilder Watzenborn- Steinberg erreichten Die schriftlichen Quellen über Wanderlichtspielvorführungen erschöpfen sich im Falle Watzenborn-Steinbergs in allgemeinen Schreiben des Kreisamtes Gießen aus den 1920er Jahren, wie in Kapitel 1.2 bereits geschildert. Zeitzeugen sind schon lange nicht mehr unter uns, und die cineastischen Erinnerungen, der heute noch lebenden Kinder von damals, beginnen erst 1945, nachdem die US-Amerikaner Deutschland besetzt hatten. Diese Kindheitserinnerungen sind durchwachsen. Es sind Erzählungen einer Generation, die den Krieg nicht begonnen hatte und dennoch ein Leben lang unter der Kriegsschuld zu leiden hatte. Erinnerungen von Menschen, die im Krieg zuvor den Großvater und nun auch noch den Vater verloren hatten. Zu allem Übel brachten die Repressalien sie auch noch um ihre unbeschwerte Kindheit. Das erstaunliche in den Gesprächen war, dass keine Ressentiments vorherrschten. Zwar klang an, dass die erste Welle der US-amerikanischen Soldaten, die selbst im Krieg kämpfen mussten, nicht nur positive Eindrücke hinterließen. Die Zeitzeugen erinnern sich jedoch auch an schöne Momente mit den Besatzern der zweiten Welle, wie sie es nannten. Als kurz nach der Kapitulation die Panzer anrollten, änderte sich das junge Leben schlagartig erneut. Die US-Soldaten brauchten eine Unterkunft und die Hauseigentümer mussten weichen. Teilweise teilten sich zwölf Menschen nicht einmal 100 qm. Eine Zeitzeugin berichtete über die große Angst, die sie damals hatte: Als zwei Panzer in den III. 3. 3.1 27 kleinen Hof des Elternhauses einfuhren, begann sie unkontrolliert die Habseligkeiten der Familie in eine kleine Handkarre zu laden. Sie war 13 Jahre alt und stand bitterlich weinend im Hof. Da trat ein afro-amerikanischer Soldat an ihre Seite, um sie zu trösten. Er artikulierte, dass er selbst Kinder zu Hause habe und alles gut werden würde. Der Mikrokosmos der Dorfbevölkerung eines Agrarstaates, der erst spät in die Industrialisierung einstieg und sich in großen Teilen aus der Kolonialisierung des 19. Jahrhunderts herausgehalten hatte, bekam Risse. Die Einwohner waren plötzlich mit einer Fremdsprache und ethnischen Unterschieden konfrontiert, die für jüngere Generationen durch die heutige Medienvielfalt alltäglich sind. Dass dieser Riss nicht nur in kultureller Hinsicht ein Gewinn werden sollte, hätte die Dreizehnjährige in dieser Situation sicher niemandem geglaubt. Die zweite Welle der US- Soldaten blieb bei den heute älteren Generationen generell positiv im Gedächtnis. Nachdem die Besatzungsmacht die alte Schule konfisziert hatte, diente sie den US-Amerikanern als Stützpunkt. Sie war Einsatzzentrale und Freizeiteinrichtung zugleich. Hier gingen die Soldaten nicht nur ihrem Auftrag nach, sondern trieben beispielsweise auch Sport. Ein Zeitzeuge erzählte, dass sein Bruder aus Versehen von einem Baseball am Kopf getroffen wurde. Die beiden hätten nie wieder derart viele Sü- ßigkeiten auf einmal gesehen. Überhaupt schienen sich die Soldaten der unschuldigen Kinder ihrer einstigen Kriegsgegner anzunehmen, um den tristen Nachkriegsalltag und die damit einhergehenden Entbehrungen erträglicher zu gestalten. Berührungsängste mit der fremden Kultur verschwanden. Speziell Mr. Ricks, ebenfalls Afro-Amerikaner, blieb vielen im Gedächtnis. Einmal warf er kurzer Hand sein Verdeck über das Armeeauto und fuhr die Kinder zum Zeltlager nach Alte Volkshalle, erbaut 1936, mit der alten Schule, erbaut 1904 (StA Ph) Abb. 2 III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 28 Kirchvers, das Pfarrer Wilhelm Gontrum (1910–1969) damals organisiert hatte. Als vorbildlicher Chauffeur holte Ricks sie auch wieder nach Hause. Natürlich wollten sich auch die US-Soldaten in ihrer Freizeit vergnügen und dabei vergessen, dass sie in einem weit entfernten, fremden Land stationiert waren. So kamen die ersten Lichtspielvorführungen nach Watzenborn-Steinberg: Das eher semi-professionelle Kino in privater Soldatenhand war in der alten Volkshalle50 untergebracht. Dieses Filmtheater wurde eigennützig betrieben, denn die Öffentlichkeit war davon ausgeschlossen – außer deren Kinder. Im März 1945 eröffnete es und zeigte Filme bis in den Herbst hinein als schließlich die US-Soldaten nach Gießen umzogen. Die sporadischen Vorführungen erfolgten in englischer Sprache und die Kinder des Dorfes wurden dorthin eingeladen. Es liefen Filme wie Charlie Chaplins The Gold Rush („Goldrausch“), eine Stummfilm-Komödie von 1925. Die Kinder fanden hier nicht nur Ablenkung, sondern lernten ein anderes Land, mit einer anderen Kultur, einer anderen Bevölkerungsstruktur und einer anderen Landschaft, kennen. Das Medium Film wurde somit zum Botschafter. Das Mysterium der AWO-Lichtspielvorführungen (1946–1954) Jedes Dorf hat seine Geheimnisse. Im Falle Watzenborn-Steinbergs scheint eines davon eng mit der Kinogeschichte verwoben zu sein. Es ist ein Geheimnis, das eigentlich gar keines ist. Seitenweise liegen Quellen über die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und ihre Lichtspielvorführungen in der alten Volkshalle vor. Sie liegen seit Jahrzehnten für jeden einsehbar und wohlgehütet in Archivkartons des Stadtarchivs Pohlheim. Bei Nachfragen zu diesem Thema scheint sich jedoch niemand mehr an die Vorgänge zu erinnern. Aber erst einmal ganz von vorne. 3.2 50 Die alte Volkshalle wurde 1936 an das historische Schulgebäude von 1904 angebaut. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Volkshalle vor ihrem vollendeten Umund Ausbau 1982. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 29 Die AWO bittet um Filmvorführungsrechte, Gemeindeprotokoll, Oktober 1946 (StA Ph) Obwohl die US-Soldaten nach wenigen Monaten nach Gießen zogen, blieb die Volkshalle zunächst unter ihrer Jurisdiktion. Es war ihnen immer noch erlaubt sie für Aufführungen freizugeben oder diese zu untersagen, wie beispielsweise im März 1946.51 Dies änderte sich im Laufe des Frühjahrs. Wieder Herr über ihre Besitzungen, beschloss die Gemeindevertretung Watzenborn-Steinberg im Mai desselben Jahres, dass die Volkshalle für Filmvorführungen freigegeben werden solle.52 Dies schien sich herumzusprechen, denn vier Monate später erreichte die Gemeindevertretung ein Schreiben der Arbeiterwohlfahrt Watzenborn-Steinberg, die um die Erlaubnis bat, an zwei bis drei Tagen in der Woche ein Kino in der Turnhalle53 betreiben zu dürfen. Ziel war es, laufende Kosten zu decken und mit dem Überschuss hilfsbedürftige Ortseinwohner zu unterstützen. Dies wiederum bedeutete, so argumentierte die AWO, im Idealfall eine enorme finanzielle Entlastung der Gemeinde, die ihrerseits für die Armenfürsorge zuständig war. Ende Oktober gab die Gemeindevertretung dem Ersuchen einstimmig statt und erteilte die Auflage, dass Veranstaltungen der Gemeinde und der ortsansässigen Vereine Vorrang hätten und die Volkshalle dementsprechend freizuhalten sei. Geldgier konnte der Gemeindevertretung nicht vorgeworfen werden, denn Saalmiete und Vergnügungssteuer sollten erst in einer späteren Sitzung festgelegt werden.54 Abb. 3 51 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 9. 52 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 9, Fasz. 1. 53 Die Turnhalle war gleichzeitig der große Saal von 450 qm Größe. Dieser war mit einer Theatertribüne ausgestattet und wurde für vielerlei Veranstaltungen genutzt (vgl. StA Ph, XV, Konv. 23, Fasz. 1). 54 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 40. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 30 Währenddessen gründete der Kreis Gießen um die Jahreswende eine Filmstelle. Diese sollte zukünftig in den Gemeinden Filmabende kulturellen und unterhaltenden Charakters garantieren. Die Gemeinden wurden Mitte Januar 1947 freudig über die neugeborene Institution informiert und sogleich aufgefordert mitzuteilen, ob ein Filmapparat und ein ausgebildeter Filmvorführer zur Verfügung stünden. Nun hatte die Gemeinde Watzenborn-Steinberg weder einen Vorführapparat noch einen geeigneten Filmvorführer, doch diesen Dilemmata war leicht zu entkommen. Ein Bewerber, der Schmalfilmvorführungen beherrschte, hatte bereits sein Interesse bekundet.55 Ihm fehlten nur noch eine Fortbildung und die dazugehörige Prüfung.56 Zudem war dem Kreis die Bildung seiner Bürger derart wichtig, dass er anbot, sofort Unterstützung zu leisten, falls die nötige Apparatur fehlen sollte. Hier kam er der Militärregierung zuvor. Im Mai 1948 wurden alle Bürgermeister durch die amtlichen Mitteilungen des Kreises Gießen unterrichtet, dass eine motorisierte Filmstelle unterwegs sei. Dem Filmvorführer sei nach Eintreffen jegliche Unterstützung zu gewähren. Für diese Filmvorführungen sollten die Gemeinden Vorkehrungen treffen, wie beispielsweise einen abgedunkelten Saal einrichten. Der Eintritt war frei, um eine Spende wurde jedoch gebeten.57 Inwiefern dieses mobile Kino auch in Watzenborn-Steinberg haltmachte, geht aus den örtlichen Quellen nicht hervor. Saal der alten Volkshalle, erbaut 1936 (StA Ph) Abb. 4 55 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. 56 Vgl. Hessisches Regierungsblatt Nr. 9 (10. Juni 1938), E „Betriebsvorschriften für den Vorführer“, § 54, Seite 58. 57 Vgl. Amtliche Bekanntmachungen für den Landkreis Gießen, Nr. 33, 11. Juni 1948, Seite 119. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 31 Das erklärte Ziel des Kreises im Jahre 1947 war, dass jede Gemeinde in der Lage sein sollte, ihren Einwohnern Filme für ein geringes Entgelt zeigen zu können.58 Wer dies finanzieren sollte, schien im ersten Moment eher zweitrangig. Die Entscheidung des Kreises zog derweil zwielichtige Gestalten an. Bereits Ende Februar warnte der Landkreis vor Unternehmungen, die aufdringliche Repräsentanten losschicken würden, um Gastspielverträge abzuschließen. Diese wären durch das Staatsministerium nicht lizensiert. Dazu lieferten sie nicht das erwartete Niveau und verlangten zudem horrende Eintrittspreise.59 Die Chancen dieser dubiosen Personen strebten in Watzenborn-Steinberg ohnehin gen Null. Wie im Protokoll vom 20. Januar 1947 ersichtlich ist, hielten die Gemeindevertreter viel von Ordnung. Sie begrüßten die Ambitionen des Kreises Gießen um eine Filmstelle, gewährten jedoch der AWO Vorrang, da diese sich zeitlich früher um Aufführungsrechte beworben hatte und diesem Ersuchen bereits stattgegeben wurde.60 Damit schlugen sie dubiosen Unternehmern die Tür vor der Nase zu. Das AWO-Kino nahm schließlich im Dezember 1947 seinen Betrieb auf.61 Es ist anzunehmen, dass die AWO das Hilfsangebot der Kreisfilmstelle annahm. Um ihr Vorhaben zu realisieren, holte sie sich im Laufe des besagten Jahres weitere Unterstützung: in Gestalt des Kinounternehmers Wilhelm Vogt aus Hungen, dem späteren Gründer des Rex-Filmtheaters in Watzenborn-Steinberg.62 Als Premierenvorstellung zeigte das Kino „Damals“ (1943) mit Zarah Leander. Auch für die Kleinen wurde ein Programm geboten. Sie konnten sich auf den Märchenfilm „Der kleine Muck“ (1944) freuen. Anfangszeiten sind nicht überliefert, nur der Hinweis, dass diese auf Plakaten nachzulesen seien. Der Eintrittspreis für Kinder betrug Wilhelm Vogt (Foto: Regina Vogt) Abb. 5 58 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 38. 59 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 27. 60 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 9, Fasz. 1. 61 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 40. 62 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 32 RM 0,60. Im Januar 1948 lieferte eine Annonce des Lichtspielhauses erstmals alle wichtigen Informationen auf einen Blick. Zwei Wochen später wurde das Angebot um eine Freitagabendvorstellung um 20 Uhr erweitert. Der Betreiber bat die ortsansässige Bevölkerung, möglichst freitags und samstags das Kino zu besuchen, um den Andrang an Sonntagen zu reduzieren. So sollte einer Überfüllung und der damit einhergehenden Abweisung von Zuschauern vorgebeugt werden.63 Da er explizit die Bevölkerung vor Ort in dieser Annonce anspricht, ist davon auszugehen, dass auch Menschen aus der Umgebung das Kino nutzten. Im Laufe der Zeit variierten die Vorführzeiten und -tage. Dies lag sicher auch an dem Versprechen, Vereinen und der Gemeinde Vorrang zu gewähren. Mal wurde eine Zusatzvorstellung an einem Dienstagabend gegeben, mal wurde ein Film am Freitag, Dienstag und Mittwoch aufgeführt.64 Spielplanänderungen waren daher keine Seltenheit. Der Cineast war gut beraten, die Augen auf das schwarze Brett zu richten.65 So konnte ein Film beispielsweise schon um 19 Uhr starten, sodass er um 21 Uhr noch einmal gezeigt werden konnte. Auf vielseitige Anfrage zeigte das Lichtspielhaus auch Filme nochmals, beispielsweise „Die goldene Fessel“ (1944) im Oktober 1948.66 Daher verwundert es, dass ein Vierteljahr nach der Währungsreform die Geschäfte noch immer schlecht liefen. Zehn Monate zuvor im Januar 1948, als die Währungsreform noch ein halbes Jahr in der Zukunft lag und sich die Menschen mit Tauschgeschäften über Wasser hielten, war es nur eine logische Konsequenz, dass die Bevölkerung kein Geld für eine Eintrittskarte in ein Kino besaß. Aufgrund hoher Verluste, befürchtete der Kinoausschuss des Ortsvereins der AWO Watzenborn-Steinberg die Einstellung des Kinos. 63 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 12. 64 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 13. 65 In der Realität existierten mehrere schwarze Bretter. Eines befand sich beispielsweise in Watzenborn an der heutigen Ecke Fahrtgasse/Steinstraße, in Steinberg beispielsweise am Haus der Familie Damasky in der Wilhelmstraße, ein weiteres schwarzes Brett hing am Haus der Gemeinde (heutiges Heimatmuseum in der Ludwigstraße). An diesen Stellen veröffentlichte die Gemeindeverwaltung bis 1958 alle Bekanntmachungen der Verwaltung, Inserate, Veranstaltungshinweise, Fundsachen usw. Seit Dezember 1953 ist es möglich die Gemeinde-Nachrichten (heute Pohlheimer Nachrichten) in gedruckter Form zu abonnieren. 66 Vgl. StA Ph, XV. Konv. 5, Fasz. 14. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 33 Der Ausschuss bat Bürgermeister Georg Burk (1893–1974) um die Revision des Mietvertrages.67 Dieser Mietvertrag vom April 1947 sieht den Regelsatz von RM 30 exklusive Nebenkosten für die öffentlichen Vorstellungen freitags bis sonntags vor. Bis zu diesem Zeitpunkt war die bestbesuchte Vorstellung unter der Woche die Eröffnungsvorstellung mit einer Auslastung von 60% gewesen. Dahingegen war kaum ein Drittel der zu fassenden Zuschauerzahl üblich. Sonntage hingegen waren ausverkauft, was die Verluste an Wochentagen jedoch nicht ausglich. In ihrem Schreiben argumentiert die AWO, dass auch Interessen der Gemeinde auf dem Spiel stünden. So hätten drei kinderreiche Frauen68 Arbeit gefunden und sozial Schwache würden unterstützt. Ein großer Kostenpunkt war die Abgabe an die Filmkontrollstelle in Frankfurt, die 50% der Einnahmen verlangte. Die restlichen 50% mussten für Vergnügungssteuer, Strom, Reklame, Lohn, Versicherung usw. aufgewendet werden. Die Einnahmen an einem Wochentag beliefen sich, abzüglich der Abgabe an Frankfurt, auf RM 150. Damit waren zum einen die Verbindlichkeiten kaum zu decken und zum anderen rückte eine Ausgestaltung des Kinos in der Volkshalle in weite Ferne. Die AWO bat daher die Gemeinde, auf eine prozentuale Abgabe umzusteigen. Sie schlug 10% der Gesamteinnahmen inklusive Vergnügungssteuer vor. Kaum hatte Watzenborn-Steinberg ein offizielles Kino, sollte es schon wieder vor dem Aus stehen.69 Über diesen Teil der Kinogeschichte können nur das Stadtarchiv Pohlheim sowie die privaten Unterlagen der Familie Vogt Zeugnis ablegen. Die Zeitzeugen erinnern sich indessen gar nicht. Kurioserweise existieren auch keine schriftlichen Belege bei der AWO selbst. Die Nachfrage bei der AWO Gießen, die aufgrund eines Jubiläums erst 2016 ihre Geschichte aufgearbeitet hatte, blieb erfolglos. Sie verwies auf den Ortsverein Pohlheim, dem Watzenborn-Steinberg angegliedert ist. Dieser verwies wiederum auf die Vorgängerin des heutigen Vorsitzenden, deren Schwiegermutter zu dieser Zeit beim AWO Ortsverein Watzenborn-Steinberg tätig war. Doch auch sie hatte keine Erinnerungen an die damaligen Kinovorstellungen in der Volkshalle. Aus diesem 67 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 23, Fasz. 5. 68 Die Identität der Damen konnte nicht ermittelt werden. Die siebenfache Mutter Hildegard Höfer, die später im Rex arbeitete, scheidet aus Altersgründen aus. 69 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 40. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 34 Grund können nur schriftliche Quellen als Belege herangezogen werden. Einladung zur Eröffnungsvorstellung in der Volkshalle (Regina Vogt) Die Kommunikation zwischen AWO und Wilhelm Vogt scheint gestört gewesen zu sein. Die eine Hand wusste nicht, was die andere tat. Während Vogt es in seiner Verantwortung sah, als Mieter und Veranstalter alles zu managen, funkte die AWO, sicher unwissentlich und nur mit den besten Absichten, dazwischen. Fast zeitgleich hatte Vogt seinerseits Einspruch gegen die Miete von RM 30 eingelegt. Er, ganz Geschäftsmann, appellierte nicht an das soziale Gewissen, sondern fuhr schwerere Geschütze auf: Laut seines Verbandes sei die Saalmiete zu hoch und müsse sich auf nur 4% der Bruttoeinnahmen belaufen. Anfang Februar beschloss die Gemeindevertretung, laut Protokoll, einen Kompromiss zwischen den erbetenen 10% der AWO und den geforderten 4% Vogts. Sie reduzierte die Miete auf 6% der Bruttoeinnahmen. Aus Sicht der AWO war dies ein Erfolg, doch der nächste finanzielle Gau folgte. Das Regierungspräsidium Darmstadt stellte Forderungen an die AWO. Es handelte sich um die Miete der Filmapparaturen, die sich damals auf 20% des Neuwertes beliefen. Die selbstlose Abb. 6 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 35 Vision der Kreisfilmstelle entpuppte sich zusehends als ein Fass ohne Boden.70 Inwiefern Untervermietungen Geld einbrachten, ist nicht überliefert. Zwei Jahre nach ihrem Abmarsch nach Gießen tauchen die Amerikaner wieder in den Quellen auf. Im Januar 1948 lud die Amerikanische Jugendbetreuung alle Kinder und Jugendlichen zu einer Filmvorführung in die Volkshalle ein. Der Eintrittspreis betrug RM 0,30.71 Ob die Alliierten im besetzten Deutschland Miete zahlen mussten, ist fraglich. Im Juni schien sich die angespannte finanzielle Lage der AWO und des Wilhelm Vogt noch immer nicht erholt zu haben. Plötzlich ging alles wieder retour. Vogt schaltete das Regierungspräsidium Darmstadt72 ein, das in seinem Auftrag die Gemeinde bat, eine Festmiete statt einer prozentualen Miete zu akzeptieren. Sie argumentierten mit der Währungsreform und damit, dass der Saal nie voll besetzt sei. Außerdem würden nur an drei Wochentagen (freitags bis sonntags) Filmvorführungen in der Volkshalle angeboten. Ende Juni gab die Gemeinde dieser Verfügung statt und die beiden Parteien verständigten sich auf eine Miete von DM 25. Am 30. Juni 1948 erhielt Vogt selbst schließlich die Erlaubnis des Kreises Gießen ein Lichtspieltheater zu betreiben. In dieser Genehmigung wird als Vorführort explizit die Volkshalle genannt. Aufgrund der Sicherheitsbestimmungen durften nicht mehr als 594 Sitzplätze besetzt werden, 1000 wären möglich gewesen.73 Bestuhlungspläne und Rauchverbotsschilder mussten außerdem sichtbar angebracht werden. Währenddessen stiegen die Kosten weiter an. Aufgrund der Währungsreform sah sich die finanziell gebeutelte Gemeinde im Juli dazu gezwungen, die vorgeschriebenen 10% Vergnügungssteuer einzutreiben. Ob sie auf diese, aufgrund der Wohltätigkeit, zuvor verzichtet hatte, ist aus den Dokumenten nicht ersichtlich. Vogt fand indes eine vor- übergehende Lösung für seine finanziellen Engpässe. Ende August er- 70 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 40 und 41. 71 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 13. 72 Wilhelm Vogt wandte sich an das Regierungspräsidium Darmstadt, da sich im März 1946 ein Landesausschuss Großhessen der AWO gebildet hatte. Im September des gleichen Jahres folgte die Gründung eines AWO-Bezirksverbands für die damaligen Regierungspräsidien Darmstadt und Wiesbaden (vgl. E-Mail der AWO Gießen, 14. Mai 2018). 73 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 36 hielt Watzenborn-Steinberg erneut Post aus Darmstadt. Die leidige Problematik der Pacht und somit des Betreibers hatte sich noch immer nicht gelöst. Der Schriftverkehr zeigt, dass im Betreff wiederholt die Arbeiterwohlfahrt, Ortsverein Watzenborn-Steinberg, als Vermieterin genannt und Wilhelm Vogt aus Hungen als Mieter aufgeführt wurden. Doch Vogt schien dies plötzlich nicht eindeutig genug. Er war erst bereit sich auf die Mietvereinbarungen einzulassen, wenn die Frage der Vermieterin der Volkshalle definitiv geklärt sei – AWO oder Gemeinde. Dies gewährte ihm einen Zahlungsaufschub bis Ende September, als es schließlich zur Einigung kam. Daraufhin erhielt Wilhelm Vogt von der Gemeinde die Erlaubnis für ein halbes Jahr Lichtspielvorführungen veranstalten zu dürfen.74 Um den Dekadenwechsel wird die Geschichte des Filmtheaters in der Volkshalle wieder obskur. Ende Oktober 1948 wurden die Mietbedingungen der Volkshalle neu beschlossen. Die Währungsreform nagte weiterhin am Gemeindesäckel, und bisher war die Vermietung ein Verlustgeschäft. Die Gemeindevertretung erhöhte den Mietpreis der Volkshalle schließlich von DM 25 auf DM 30 exklusive Nebenkosten.75 Es ist wahrscheinlich, dass auch aus diesem Grund Wilhelm Vogt 1949 der Volkshalle den Rücken kehrte und mit seinem Unternehmen in das Gasthaus „Zur Krone“ zog. Doch dazu später mehr. Der AWO ging es finanziell immer schlechter. Im Protokoll der Gemeindevertretung vom Dezember 1949 ist nachzulesen, dass sie um Erlass der Miete für die am 3. Dezember abgehaltene und sehr schlecht besuchte Vorstellung bat. Der Antrag wurde abgelehnt, stattdessen gewährte die Gemeinde eine Spende von DM 40 an die AWO. Die Volkshalle, zwei Jahre zuvor erst für ständige Vorführungen geöffnet, stand in den darauffolgenden Jahren Wanderlichtspielen zur Verfügung. Dem Landrat schien Angst und Bange, als die Zahl der Wanderlichtspielinhaber, die zum Großteil aus anderen Landkreisen stammten, im Herbst 1949 stark anstieg. In mehreren Schreiben bat er die Bürgermeister des Kreises um die Einhaltung der Vorschriften. So musste der Betreiber einen Wandergewerbeschein vorlegen und die Sicherheitsvorschriften beachten. Das Landratsamt forderte die Bürger- 74 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 40. 75 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 23, Fasz. 1. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 37 meister auf, selbst auf die Einhaltung der Vorschriften zu drängen und im Extremfall Verantwortung zu übernehmen. Ein großes Problem stellten die mitgeführten Bildwerfer dar, die nicht der richtigen Gefahrenklasse angehörten und zur Brandgefahr werden konnten.76 Doch auch das Volkshallengebäude hatte mit den neuen technischen Standards zu kämpfen. Im Dezember 1952 entzog der Landrat der Volkshalle die Betriebserlaubnis. Mittlerweile hatte sich Gerhard Reimer aus Gießen dazu veranlasst gesehen, dem Wunsch der Filmstelle nachzukommen, die Bevölkerung mit Wanderlichtspielen zu unterhalten. Jedoch gehörten auch seine Geräte nicht der richtigen Gefahrenklasse an. Reimers Ambitionen waren indessen seriös. Im Februar 1953 veranlasste er, auf eigene Kosten, eine Überprüfung der elektrischen Anlage der Volkshalle, um eine neue Betriebserlaubnis zu erhalten. Es traten dabei gravierende Sicherheitsmängel zu Tage.77 Bis zur Beseitigung dieser Mängel schloss der Landkreis Gießen die Einrichtung.78 Gerhard Reimer zog sich daraufhin zurück. Es folgte die Gießener Firma „Reiba-Film“. Sie gab einige Probevorstellungen, die sich jedoch nur durch Hörensagen bis zum Bürgermeister durchgeschlagen hatten. „Reiba-Film“ befand schließlich, dass die Erfüllung der Auflagen illusorisch sei. Das Landratsamt Gießen erteilte im August 1954 letztendlich keine erneute Betriebserlaubnis für Lichtspiele in der Volkshalle, da keine Vorführungen mehr erfolgten.79 Kurioserweise ist der Adressat Wilhelm Vogt, der bereits fünf Jahre zuvor die Volkshalle aufgegeben hatte. Offiziell schien er immer noch als Betreiber geführt zu werden. Die Abmeldung hatte er offensichtlich vergessen. Besonders die Lücken in der Überlieferung der Vergnügungssteuer stellen bei der Rekonstruktion der damaligen Vorgänge ein Problem dar. Die rechtliche Grundlage war bereits seit der Verabschiedung der Ortssatzung über eine Vergnügungssteuer im Juli 1947 gegeben. Wie allerdings zwischen den Zeilen deutlich wurde, hatte die Gemeinde es bis zur Währungsreform nicht so genau mit dieser Satzung genommen. Sicher auch im Hinblick auf die AWO als wohltätigen Verein, der zwar 76 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 38. Vgl. auch Hessisches Regierungsblatt Nr. 9 (10. Juni 1938), IV. „Vorschriften für den Bildwerfer“, §§ 59-61, Seite 59. 77 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 23, Fasz. 16. 78 Vgl. StA Ph, XXVII, Konv. 1, Fasz. 15. 79 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 38 weniger erfolgreich, aber mit Kräften versuchte, Watzenborn-Steinberg finanziell in der Armenhilfe zu unterstützen. Dennoch fehlen Aufzeichnungen von Sommer 1948 bis zur endgültigen Abmeldung des Gewerbes 1954. Eine Erklärung ist leicht zu finden. Nach dem Weggang Vogts 1949 herrschte Chaos, es liefen vorrangig Testvorstellungen und um das Jahr 1953 stellte das Kino in der Volkshalle letztendlich komplett den Betrieb ein. Es ist davon auszugehen, dass nach Vogts Wechsel in die „Krone“ keine regulären und abgabepflichtigen Filmvorstellungen mehr angeboten wurden. Die Volkshalle wurde, trotz ihrer Mängel, weiterhin genutzt. Im Dezember 1949 organisierte die AWO dort eine Theatervorstellung.80 Am 3. April 1954 lud der Kulturring zu einem „Festlichen Abend“ ein. Im zweiten Teil der Veranstaltung zeigte der Verein den Film „Im Banne des Monte Miracolo“ (1948) von und mit Luis Trenker. Der Unkostenbeitrag von 60 Pfennigen kam der Dorfverschönerung zu Gute.81 Damit endet die geheimnisvolle Chronik der Lichtspielvorführungen in der Volkshalle. Doch das nächste Kapitel der Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs schloss sich nahtlos an. „Wir gingen in die Kruhn “ – Filmtheater im Gasthaus „Zur Krone“ (1949–1954) Da die Quellenlage zunächst eindeutig auf das Lichtspielhaus in der Volkshalle als Vorläufer des Rex-Filmtheaters hinwies, war es naheliegend dieses in den Fragenkatalog mitaufzunehmen. Jedoch stieß die Erwähnung auf fragende Gesichter: „Nein, von der Volkshalle weiß ich nichts“, war die gängige Antwort. „Wir gingen in die Krone!“ Da zahlreiche Quellen zur Volkshalle vorliegen, jedoch nur wenige über das Kino der Gastwirtschaft „Zur Krone“ vorhanden sind, mussten in den Gesprächen diesbezüglich zusätzliche Fragen gestellt werden. Einige der folgenden Informationen stützen sich auf die geführten Interviews. 3.3 80 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 5, Fasz. 16. 81 Vgl. Gemeinde-Nachrichten vom 15. März 1954 und 1. April 1954. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 39 Damals wie heute gehört nicht nur eine gehörige Portion Glück zum Leben, sondern auch das Erkennen von Chancen. Wilhelm Vogt war 1949 mit beidem gesegnet. Die Volkshalle war ein reines Verlustgeschäft, an dem er nicht länger festhalten konnte und wollte. Nachdem Vogt deutlich sah, dass die Investitionen ins Uferlose laufen würden und es demzufolge keine Perspektive auf Ausbau des Unternehmens gab, verabschiedete er sich von der Volkshalle, um sein Glück im Wirtshaus zu suchen. Sein Vater war selbst Gastwirt in Hungen gewesen und er wusste, wie solch ein Unternehmen tickte. Also schnürte er sein Bündel und ging. Vermutlich wollte er den steigenden Mietpreisen entkommen, und falls dies der Wahrheit entspricht, war es nicht der einzige Grund. Doch dazu später mehr. Er schlenderte also eines schönen Sommertages dem neuen Wirt der „Krone“ entgegen. Weit hatte er sein Bündel nicht zu tragen, denn durch die Kuhgasse lag das Gasthaus nicht weit entfernt. Der alte Wirt Georg Häuser XIV. setzte sich gerade zur Ruhe und eine neue Generation rückte nach. Sein Sohn und Nachfolger Robert hatte wohl schon eigene Ideen entwickelt, eine davon in Zusammenarbeit mit Wilhelm Vogt. Anfang August 1949 erhielt Vogt hochoffiziell die Erlaubnis zum Betrieb eines Lichtspieltheaters im Saalbau des Gastwirts Robert Häuser III. in Watzenborn-Steinberg. Am 1. November 1949 übernahm Häuser schließlich die Gastwirtschaft seiner Vorfahren.82 Gasthaus „Zur Krone", 1955 (Foto: Erhard Schmandt) (StA Ph) Abb. 7 82 Vgl. StA Ph, XXIII, Konv. 2, Fasz. 33. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 40 Bauplan Gasthaus „Zur Krone", 1903 (StA Ph) Wilhelm Vogt und Robert Häuser machten sich voller Tatendrang ans Werk. Bereits zur Jahrhundertwende hatte Roberts Familie das alte Gasthaus ausgebaut und um einen großen Saal mit Bühne erweitert.83 Hier sollten zukünftig die Lichtspielvorführungen stattfinden. Nun hatte der Saal schon fast ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel und musste daher dringend den gesetzlichen Bestimmungen und dem Brandschutz angepasst werden. Von einem Neubau sahen Vogt und Häuser ab. Sie entschieden sich stattdessen für eine Renovierung, bei der sie Auflagen des Kreises Gießen erfüllen mussten. Die Empore durfte Vogt aufgrund der Statik nicht nutzen, seine Rauchverbotsschilder musste er wieder aufhängen und ein neuer Bestuhlungsplan war natürlich auch gefordert. Der Saal war für maximal 190 Zuschauer bewilligt. Dies entsprach gerade einmal einem Drittel der zugelassenen Abb. 8 83 Vgl. StA Ph, XXVI, Konv. 5, Fasz. 51. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 41 Kapazität der Volkshalle.84 Eine Zeitzeugin berichtete, dass sie oftmals nur noch einen Stehplatz ergattern konnte, da alle Sitzplätze belegt waren. Nachdem das joint venture Häuser-Vogt alle Brandschutzauflagen erfüllt hatte, konnten sie beginnen. Alles in allem schien sich die Geschäftsidee auszuzahlen. Im Gegensatz zur Volkshalle lag nun eine Betriebserlaubnis vor, und – das Wichtigste an der ganzen Geschichte – die Zeitzeugen erinnern sich noch heute an dortige Aufführungen, jedoch nicht an Wilhelm Vogt als Veranstalter. Vogt und Häuser betrieben im so genannten „Kruhner Sälchen“ (heute „Großer Saal“) ein Provisorium, das die begeisterten Massen anzog. Die Alternative war ein Kinobesuch in Gießen, der zu Beginn der 1950er Jahre mit großen Umständen verbunden war und einem Tagesausflug gleich gekommen wäre. Vogt arbeitete technisch professionell, alles andere hätte der Landkreis nicht geduldet. Die Ausstattung des „Kruhner Sälchens“ war hingegen einfach gehalten. Insgesamt umfasste das Kino 150 Sitzplätze und 40 Stehplätze.85 Das Publikum saß auf Holzbänken und Stühlen, die außerhalb der Vorstellungen weggeräumt wurden. Einen Vorführraum gab es noch nicht. Der Projektor stand samt Vorführer im Saal. Geheizt wurde der Raum mit einem einfachen Ofen, der mit Sägemehl, später mit Holz, angefeuert wurde. Ein wichtiges Kriterium war, dass der Saal abgedunkelt werden konnte. Dies kam nicht nur der Filmvorführung zu Gute, sondern war auch für das Händchenhalten mit der ersten zarten Liebe geeignet. Gezeigt wurden vorwiegend Heimatfilme. Das „Kroner Kino“ öffnete nicht später als Februar 1950 seine Pforten. Ende Januar desselben Jahres gaben die Lichtspiele bekannt, dass sie aus technischen Gründen einen Film erst mit zweiwöchiger Verspätung anlaufen lassen könnten, jedoch ein anderer Streifen am Mittwoch gezeigt werde.86 Ob dieses Inserat auf Startschwierigkeiten im „Kruhner Sälchen“ hinweist, kann abschließend nicht bestätigt werden. Eine wertvolle Quelle stützt jedoch diese Theorie: Die Gemeinde erhielt Mitte Februar einen Fragebogen vom Kreis Gießen. Sie sollte über die kulturellen Einrichtungen und Vereine des Dorfes Auskunft geben. Der zuständige Gemeindeangestellte gab unter dem Punkt 84 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. 85 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 2, Fasz. 6. 86 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 6, Fasz. 1. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 42 „Filmtheater“ an: „Es finden regelmäßig Vorstellungen an Samstagen und Sonntagen im Gasthause „Zur Krone“ durch den Kinobesitzer Wilhelm Vogt aus Langgöns statt“.87 Hier wird von offizieller Seite bestätigt, dass Wilhelm Vogt in der „Krone“ schon im Februar 1950 ein Kino betrieb. Dies zeigt außerdem, dass die Volkshalle als Lichtspielhaus zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr spielte. Wie zuvor schon die Vermieterinnenfrage in Kapitel 3.2 veranschaulicht hat, war Wilhelm Vogt ein Meister darin, eingehenden Rechnungen zunächst aus dem Wege zu gehen. Neben den bisher aufgeführten Gründen, warum sich Vogt mit Robert Häuser zusammenschloß, liefert das Protokoll der Gemeindevertretung vom November 1951 noch einen weiteren Grund. Als die Ortssatzung der Vergnügungssteuer im Juli 1947 verabschiedet wurde, waren die Verantwortlichen zu kurzsichtig mit dem Sachverhalt umgegangen. Die Steuer bezog sich lediglich auf das Wort „Tanzfläche“.88 Dieses stimmte mit der Lokalität der Volkshalle überein, die öfter auch für Tanzabende genutzt wurde. Die „Krone“ zählte hingegen zu den Ladenkinos, die historisch in Gastwirtschaften und Läden untergebracht waren. Die Crux für Watzenborn-Steinberg lag demzufolge in der Bezeichnung, die in der Satzung verankert war. Die „Krone“ hatte keine Tanzfläche und fiel somit, rein juristisch gesehen, nicht unter die Vergnügungssteuer. Daher existieren weder Zahlungsnachweise noch Aufzeichnungen über gezeigte Filme der ersten beiden Geschäftsjahre. Die Gemeindevertreter korrigierten im November 1951 schließlich diesen Missstand und fassten den Beschluss, § 2 der Satzung zu ändern. Das Wort „Tanzfläche“ wurde durch das Wort „Saalfläche“ ersetzt.89 Nichtsdestotrotz sind keine Vergnügungssteuerbescheide der darauffolgenden Jahre überliefert und dies erschwert erneut eine Rekonstruktion. Diese Bescheide hätten Aufschluss über die von Vogt gezeigten Filme geben können. Auch die wertvolle Quelle der Bekanntmachungen kann in diesem Fall nicht hinzugezogen werden, da er nicht durchgängig inserierte. Dass überhaupt keine Vergnügungssteuer abgeführt wurde, wi- 87 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 2, Fasz. 6. 88 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. 89 Vgl. Protokoll der Gemeindevertretung vom 7. November 1951 (StA Ph). 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 43 derlegt hingegen der Gewerbesteuerbescheid von 1952, auf dem sich ein Zahlungshinweis befindet.90 Inserat der Lichtspiele Watzenborn-Steinberg, Bekanntmachungen, März 1952 (StA Ph) Annonce der „Lichtspiele“, Bekanntmachungen, Dezember 1952 (StA Ph) Ein weiteres Lichtspielprogramm veröffentlichte Wilhelm Vogt in den Bekanntmachungen vom März 1952.91 In der Annonce wird bereits deutlich, dass sich der Umzug Vogts auszuzahlen schien, denn er konnte den Spielplan erweitern. Es ist außerdem ersichtlich, dass er den Namen des Unternehmens geringfügig abgeändert hatte: in „Lichtspiele Watzenborn-Steinberg“. Naheliegend ist, dass Vogt den Zusatz „Watzenborn-Steinberg“ deshalb wählte, da er parallel in Langgöns und Großen-Linden zwei weitere Lichtspielhäuser betrieb. Der Vorführort blieb indessen in der Kinowerbung lange ungenannt. An offizieller Stelle liefert nur das Wirtschafts- und Behördenhandbuch des Kreises Gießen von 1950 einen Hinweis. Als Vorführtage werden dort Donnerstag, Samstag und Sonntag genannt. Dies deutet auf die „Krone“ als Vorführort hin: Robert Häuser beherbergte nämlich neben dem Kino auch den Gesangverein „Jugendfreund“. Dieser hält bis heute freitags seine Proben im dortigen Saal ab. Für das Kino war an diesem Wochentag kein Platz. Erst in den Bekanntmachungen vom De- Abb. 9 Abb. 10 90 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 26, Fasz. 10. 91 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 6, Fasz. 5. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 44 zember 1952 wird erstmals eindeutig auf die „Krone“ als Kino hingewiesen.92 Ein Jahr später, am 1. Dezember 1953 erschienen erstmals die Gemeinde-Nachrichten. Statt zum schwarzen Brett laufen zu müssen, wurden nun alle Neuigkeiten des Dorfes direkt ins Haus geliefert. Nun konnten Bürger und Geschäftsleute auch hier inserieren. Diese Möglichkeit nahm auch Wilhelm Vogt wahr. In seiner Annonce wies er explizit darauf hin, dass sich die Räumlichkeiten der „Lichtspiele Watzenborn-Steinberg“ in der Gastwirtschaft „Zur Krone“ befanden. Die Vorführzeiten folgten noch immer keinem festen Spielplan. Dies zeigen die Inserate in den Bekanntmachungen und in den Gemeinde- Nachrichten. Im Laufe seiner „Kroner“ Zeit präsentierte Vogt seine Filme mal an einem Montag, in einer anderen Anzeige sind als Vorführtage Mittwoch, Sonntag, Dienstag und noch einmal Mittwoch genannt. An Werktagen gab Vogt ausschließlich Abendvorstellungen um 20:30 Uhr. Sonntags wurde das Angebot um eine Nachmittagsvorstellung um 15 bzw. 17 Uhr erweitert. Diese Abweichungen wurden an inoffizieller Stelle bestätigt: Aufgrund des verabschiedeten Jugendschutzgesetzes bat der Landkreis im März 1953 erneut um Auskunft bezüglich der örtlichen Lichtspielhäuser. Der Gemeindeangestellte teilte mit, dass die Aufführungen unregelmäßig stattfänden. Teilweise spielte Vogt samstags, sonntags und dienstags zwischen 21 und 23 Uhr. Er gab auch Vorstellungen von 20 bis 22 Uhr, um eine Nachtvorstellung anschließen zu können.93 Auch Sondervorstellungen fehlten in Vogts Konzept nicht. Zur Fußball WM warb er im Juli 1953 für einen Dokumentarfilm in den „Lichtspielen Steinberg“.94 Weihnachtsprogramm 1953 der Lichtspiele, Gemeinde-Nachrichten (StA Ph) Abb. 11 92 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 6, Fasz. 8. 93 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 4. 94 Vgl. StA Ph, XV, Konv. 6, Fasz. 8. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 45 Alles in allem dauerte die Geschäftsbeziehung zwischen Robert Häuser und Wilhelm Vogt von 1950 bis 1953, wie die Gewerbesteuerbescheide belegen.95 Doch dann lief 1954 etwas schief. Noch im Januar inserierten die „Lichtspiele Watzenborn-Steinberg“ ihr Kinoprogramm, das sie in der „Krone“ präsentierten. Im weiteren Verlauf des Jahres investierte Robert Häuser sogar in den „Kroner Saal“ und erweiterte das Gebäude um einen Vorführraum.96 Diesen eröffnete die Familie Häuser feierlich im September. Der Gastwirt beabsichtigte das Projekt Kino zu professionalisieren, doch zeitgleich plante Vogt bereits den Bau und die Eröffnung des Rex- Filmtheaters Watzenborn-Steinberg. Dieses sollte zur direkten und luxuriösen Konkurrenz der „Kroner“ Einrichtung aufsteigen. Es lassen sich mehrere Gründe für Vogts Abschied finden. Zum einen baute er zeitgleich ein großes Kino in Hungen. Wahrscheinlich wollte er sich auch in Watzenborn-Steinberg weiterentwickeln. Weg vom Ladenkino und hin zum Filmtheater. Zum anderen verabschiedete die Gemeinde im Februar 1954 die Senkung der Gewerbesteuer, um ein Abwandern der Unternehmen zu vermeiden.97 Dies könnte auch ein Anreiz gewesen sein, weshalb Vogt die Chance ergriff, ein eigenständiges Lichtspielhaus zu bauen. Ob Häuser dies im ersten Moment als schlechten Aprilscherz auffasste, ist nicht bestätigt. Gewiss war es für ihn ein harter Schlag, als Vogt am 1. April 1954 seinen Kinobetrieb in der „Krone“ offiziell einstellte.98 Robert Häuser hatte viele Hoffnungen in seine Investitionen und Renovierungen gesetzt. Wieso keine Absprache erfolgte, ist nicht überliefert. Inserat Robert Häusers, Gemeinde-Nachrichten, September 1954 (StA Ph) Abb. 12 95 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 24, Fasz. 16; IX, Konv. 26, Fasz. 2, 10 und 18. 96 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 4, Fasz. 2 (neue Ordnung). 97 Vgl. Presseartikel Gießener Anzeiger vom 26. Februar 1954. 98 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 46 Robert Häuser gab sich jedoch so schnell nicht geschlagen. Nachdem Vogt aus dem joint venture ausgestiegen war, suchte sich Häuser umgehend Ersatz. Es stand ein modernisierter Saal mit Projektionsraum zur Verfügung, der genutzt werden wollte. Zunächst betrat Eckehard Baller für einen kuriosen Gastauftritt die Bühne.99 Der Berufskraftfahrer lebte zu dieser Zeit in Alten-Buseck. Er veranstaltete eine Filmvorstellung am 1. Weihnachtsfeiertag 1954 in der „Krone“, und dann verschwand der Geist der damaligen Weihnacht auch schon wieder. Die Gemeinde Watzenborn-Steinberg kannte nicht einmal seinen richtigen Namen und adressierte ihn in jeder Korrespondenz als Eckhard. Auch wenn es sich um eine einmalige Vorstellung handelte, musste Ordnung sein. Die Gemeinde verlangte von Baller die nicht verbrauchten Eintrittskarten, um ihre Forderungen berechnen zu können. Nachdem Baller, nach mehrmaliger Aufforderung, endlich die Eintrittskarten übersandt hatte, konnte die Vergnügungssteuer in Rechnung gestellt werden. Offen bleibt jedoch, ob die Gemeinde ihr Geld je sah.100 Baller schien dem Kinogewerbe letzten Endes doch nichts abgewonnen zu haben und zog mit seinem LKW weiter. Gehört von ihm hat niemand mehr. Auch in den nachfolgenden Adressbüchern des Landkreises Gießen ist er nicht mehr aufzufinden. Ein seriöser Ersatz klopfte zwischen den Jahren 1954/55 an Häusers Tür: Kinobesitzer Josef Brunner mit seiner Ehefrau Ida, einer Filmvorführerin. Sie lebten und arbeiteten in Laubach.101 Ihnen gehörte der dortige Roxy-Filmpalast in der Kaiserstraße und beide zogen eine Expansion nach Watzenborn-Steinberg in Erwägung. Ende Dezember 1954 erhielt Josef Brunner die Erlaubnis Lichtspiele mit Sicherheitsfilmen und Geräten der Gefahrenklasse „C“ im Saal der „Krone“ aufführen zu dürfen.102 Nachdem alle Formalitäten besprochen waren, eröffnete das Roxy-Theater am 16. Januar 1955. Sie verpflichteten sich gegenüber der Gemeinde 10 Pfennige Vergnügungssteuer pro verkaufter Eintrittskarte zu zahlen. Brunner verzichtete des Weiteren auf die Inanspruchnahme von Ermäßigungen von steuerbegünstigten Filmen. 99 Vgl. Adressbuch des Landkreises Gießen 1954. 100 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. 101 Vgl. Adressbuch des Landkreises Gießen 1954. 102 Vgl. StA Ph, XIX, Konv. 1, Fasz. 41. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 47 Der Preis der Karten betrug DM 1 im 1. Platz und DM 1,20 für den Sperrsitz. Wieso die Brunners es riskierten, einem geplanten Kinoneubau entgegenzutreten, ist unklar. Vielleicht wussten sie von den schleppend vorangehenden Planungen und hofften auf ein Scheitern des Projekts. Das Pfingstwochenende desselben Jahres wurde schließlich zur Herausforderung, angesichts der Eröffnung des Rex-Filmtheaters. Einen Monat lang schafften es die Brunners auf dem Markt zu überleben. Einen Monat, in dem Watzenborn-Steinberg zwei Lichtspielhäuser sein eigen nennen konnte. Noch Mitte Juni inserierte das Ehepaar. In den Gemeinde-Nachrichten vom 18. Juni 1955 erschienen erstmals parallel Inserate des Rex und des Roxys. Für das Rex sollte es die erste Annonce im örtlichen Amtsblatt sein, für das Roxy die letzte. Der Gewerbesteuerbescheid der Firma Josef Brunner Filmtheater aus dem Jahre 1955 bestätigt, dass das „Kruhner Sälchen“ letztendlich ein Verlustgeschäft war. Die Vereinigten Roxy-Lichtspiele umfassten, neben Watzenborn- Steinberg, Filialen in Laubach, Hungen, Londorf und Villingen. Die Betriebseinnahmen beliefen sich auf insgesamt DM 73.000, davon entfiel ein Zerlegungsanteil von DM 6.000 auf die Gemeinde Watzenborn-Steinberg103. Am Ende gewährte diese den Brunners Stundung Annonce des Roxy-Theaters, Gemeinde-Nachrichten, Januar 1955 (StA Ph) Abb. 13 103 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 24, Fasz. 3 und IX, Konv. 27, Fasz. 6. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 48 sowie Ratenzahlung104. Im Juli schrieb Bürgermeister Karl Brückel (1914–2007) Josef Brunner an. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass der Kinobetrieb im Saal der „Krone“ eingestellt wäre, und nun sollten die letzten Formalitäten geklärt werden. In einem Brief vom August bestritt Brunner die Geschäftsaufgabe entschieden. Er sei mit seinem Neubau in Laubach momentan derart überlastet, dass es ihm nicht möglich sei, in Watzenborn-Steinberg zu spielen. Zudem entschuldigte er sich mit dem Sommerloch: Durch viele andere Veranstaltungen der Vereine sei in dieser Zeit ohnehin mit kaum Besuch zu rechnen. Er schloss damit, dass er zu gegebener Zeit seinen Betrieb in der „Krone“ wieder aufnehmen würde. Dieses Vorhaben setzte Josef Brunner allerdings nie in die Tat um. Das Ehepaar wurde in Watzenborn-Steinberg nicht mehr gesehen. Im Februar 1956 hörte die Gemeinde das letzte Mal von den beiden. Der Gloria-Filmverleih fragte an, ob es den Tatsachen entspräche, dass das Roxy-Theater geschlossen sei. Bürgermeister Brückel antwortete prompt und bestätigte den Verdacht. Die Brunners hätten ihren Kinobetrieb am 12. Juni 1955 eingestellt. Eine Betriebsanmeldung wurde nie vorgenommen. Daher, schloss Brückel in seinem Schreiben an den Verleih, sei seiner Auffassung nach dieser Kinobetrieb für immer eingestellt.105 Ob Brunners der Konkurrenz nicht gewachsen waren, oder ob sie tatsächlich den Zeitaufwand eines Kinoneubaus unterschätzt hatten, bleibt an dieser Stelle ungeklärt. Ihr Kinounternehmen scheinen sie um den Dekadenwechsel aufgelöst zu haben, zumindest im Kreis Gießen. Inwiefern Vogt darin verwickelt war, ist ebenfalls unklar. In die Quere kamen sich die Kinounternehmer in nicht weniger als drei Orten. Brunners wilderten in Vogts Gebiet, sprich Hungen und Watzenborn-Steinberg. Ob Vogt aufgrund dessen, mit voller Absicht, später nach Laubach expandierte, kann an dieser Stelle leider ebenfalls nicht geklärt werden. Am Ende sind im Adressbuch 1963/64 weder die Brunners selbst, noch ihre Firmenzentrale in Laubach zu finden. Darin vertreten ist jedoch Wilhelm Vogt mit der neusten Filiale seines Rex-Filmtheaters. Auch in den folgenden Jahren blieb die „Krone“ in cineastischer Hinsicht nicht ungenutzt. Robert Häuser hatte trotz allem das Aben- 104 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 27, Fasz. 6. 105 Vgl. StA Ph, IX, Konv. 32, Fasz. 13. 3. Von der Privatvorstellung zum Ladenkino: Die Vorläufer des Rex-Filmtheaters 49 teuer Kino noch nicht aufgegeben. Allerdings arbeitete er nun mit einem Verein zusammen, der bis heute existiert. Sein renoviertes und modernisiertes „Kruhner Sälchen“ übergab er an den Kulturring, der dort hauptsächlich Kulturfilme und Dokumentationen aufführte.106 Abschließend ist anzumerken, dass die Zeitzeugen nicht rekapitulieren konnten, wer das „Kroner Kino“ damals leitete. Weder wussten sie, dass Wilhelm Vogt die dortigen Aufführungen organisierte, noch kannten sie den Namen Brunner. Ebenso war niemandem das Roxy- Filmtheater ein Begriff. Das Kino, das dagegen alle Befragten bis heute kennen, ist das Rex-Filmtheater. Auch die Bachstraße können sie noch benennen und Wilhelm Vogt ist in diesem Zusammenhang auch jedem bekannt. Daher wird nun das Scheinwerferlicht auf die prominenteste Filminstitution Watzenborn-Steinbergs gerichtet. 106 Vgl. u.a. Gemeinde-Nachrichten vom 15. November 1954. III. Die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von 1945 bis 1955 50

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References

Zusammenfassung

Die kommunale Kinogeschichte ist ein vielseitiger Forschungsgegenstand. Er reicht von den Wanderlichtspielen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Ladenkinos, die oftmals in Gaststätten untergebracht waren, bis zum Kino-Boom der 1950er und 1960er Jahre, im Zuge dessen selbst in kleinen Dörfern Filmtheater eröffneten.

Dieses Buch gewährt einen Einblick in die kommunale Kinogeschichte des ländlichen Raums. Im Fokus stehen hierbei die Wirtschaftswunderjahre. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten und Quellen kommunaler und privater Archive wird die Geschichte der Lichtspielhäuser paradigmatisch an dem Ort Watzenborn-Steinberg (Mittelhessen) nachvollzogen.

Der erste Teil des Buches verschafft zunächst einen allgemeinen Überblick über Filmgeschichte und Filmgattungen. Danach treten sozio-historische Hintergründe in den Fokus. Anhand des Werdegangs des Filmtheaterbetreibers Wilhelm Vogt wird der stetige Prozess vom provisorischen Ladenkino bis zum Bau eines modernen Filmtheaters mit allen technischen Raffinessen nachgezeichnet. Die Erfahrungsberichte der ortsansässigen Bevölkerung eröffnen einen ungeahnten Blickwinkel auf die herausragende Bedeutung eines Lichtspielhauses auf dem Dorf zu dieser Zeit. Wie veränderte das Filmtheater die Lebenswirklichkeit der Landbevölkerung? Welche Erinnerungen verbinden die Menschen mit ihrem Kino vor Ort? Haben sich in den letzten 70 Jahren die Gründe für einen Kinobesuch grundlegend gewandelt? Diese und weitere Fragen werden in diesem Buch beantwortet.