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I. „Oma erzähl mal was von Früher“ in:

Nikola Stumpf

Vom Ladenkino zur Eigenproduktion, page 1 - 8

Kommunale Kinogeschichte in Zeiten des Wirtschaftswunders am Beispiel der Lichtspielhäuser Watzenborn-Steinbergs (1945-1964)

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4276-2, ISBN online: 978-3-8288-7215-8, https://doi.org/10.5771/9783828872158-1

Tectum, Baden-Baden
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„Oma erzähl mal was von Früher“ Diesen Satz hören fast alle Großeltern zumindest einmal in ihrem Leben und sind froh ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit den Nachkommen teilen zu dürfen. Manchmal werden Erinnerungen auch in einem Nebensatz durch einen aktuellen Zusammenhang zur Sprache gebracht, ohne dass auf den Sachverhalt, trotz Nachfrage, näher eingegangen wird. So kann es passieren, dass Informationen über Jahrzehnte im Unterbewusstsein verborgen bleiben, dann und wann auftauchen, um sofort wieder in den großen Aktenschränken des Gedächtnisses zu verschwinden. Die Psychologie hat für dieses Phänomen einen Namen: Vorbewusste Erinnerungen. In uns allen schlummern sie, bis eine Situation eintritt, in der wir sie bewusst benötigen.1 Die nun folgende Arbeit ist aufgrund einer solchen vorbewussten Erinnerung entstanden und fußt auch auf solchen vorbewussten Erinnerungen. Mehr als ein Vierteljahrhundert verging, von dem Hinweis auf ein Kino in Watzenborn-Steinberg, erwähnt in einem Nebensatz, bis zu den Nachforschungen über diese Einrichtung. Pohlheim, zu dem der Stadtteil Watzenborn-Steinberg gehört, brachte in den letzten Jahrzehnten viele forschungswütige Bürger sowie Vereine hervor. Sie investieren ihre Freizeit und auch ihr Privatvermögen, um die Geschichte der einzelnen Stadtteile aufzuarbeiten und zu veröffentlichen. Die Geschichte des Rex-Filmtheaters bildet eine Lücke, die diese Forschungsarbeit zu schließen gedenkt. Für die aktuell forschende Gemeinschaft sind es Jugenderinnerungen, für die jüngere Generation ist das Kino in Watzenborn-Steinberg meist eine Institution von der sie erstmalig hören. Die Altersgruppe, die mit Multiplex- Kinos von teils riesigem Ausmaß in den Großstädten aufwuchs, kann sich nur schwer vorstellen, dass ein Dorf mit damals nicht einmal 4000 I. 1 Vgl.: Zimbardo, 1996: 165. 1 Einwohnern2 stolz ein Kino sein eigen nennen durfte. Da noch viele Zeitzeugen3 leben, bot es sich an, auf Grundlage der in der Geschichtswissenschaft entwickelten Oral History, Erinnerungen durch Personenbefragungen zu sammeln. Der in den Vereinigten Staaten geprägte Begriff ist seit den 1930er Jahren in der Fachsprache etabliert. Praktisch gesehen beschreibt er die mündliche Weitergabe des Erlebten an Dritte, meist Historiker. In der Oral History kommen nicht die Eliten zu Wort, sondern der Fokus verschiebt sich auf Normalpersonen und ihre ganz individuellen Erfahrungen und Erlebnisse. Ihre Auffassung über ein Ereignis, hier der Kinobesuch, wird in Interviews, Zeugenbefragungen und meist als Tonmitschnitt festgehalten.4 Während der Befragungen wurde in diesem Fall auf die elektronische Aufnahme des Gesagten verzichtet und stattdessen ein manuell auszufüllender Fragebogen verwendet, um die Unbefangenheit des Erzählens und das Abschweifen auf damit zusammenhängende (und nicht unbedingt zusammenhängende, aber dennoch wertvolle) Erinnerungen zu gewährleisten. Die Fragen bezogen sich hauptsächlich auf individuelle Eindrücke, wie den Fragen nach der berühmten Bauchladentante und dem Preis eines Kinotickets, auf Erlebnisse, sprich der Motivation des Kinobesuchs, sowie den persönlichen Voraussetzungen, wie Alter und finanzielle Möglichkeiten. Es sollten nicht nur trockene Fakten erfragt werden, die aus den schriftlichen Überlieferungen des Stadtarchivs Pohlheim ohnehin hervorgehen, sondern es sollte der sozio-historische Kontext herausgefiltert werden. Dabei sollte auch der Frage nachgegangen werden, ob zwischen damals und heute, zwischen dem Verhalten und den Erfahrungen der damaligen Kinder und (jungen) Erwachsenen und den heutigen jüngeren Generationen, ein Unterschied im Hinblick auf den Kinobesuch besteht. Diese Interviews, die durchschnittlich ein bis zwei Stunden Zeit in Anspruch nahmen, waren für alle Beteiligten augenscheinlich ein posi- 2 Die Zahl der ortsanwesenden Personen stieg von 3441 im Jahre 1946 auf 3635 im Jahre 1949 und auf 3855 im Jahre 1957 (vgl. Stadtarchiv Pohlheim [StA Ph], II, Konv. 2, Fasz. 2, 5, 13 und 18). 3 Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird in der folgenden Arbeit auf die weibliche Form der Zeitzeugin verzichtet, wenn es sich um mehr als eine Person und beide Geschlechter handelt. 4 Vgl.: Opgenoorth und Schulz, 2001: 220. I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 2 tives Erlebnis. So wurden nicht nur unerwartete Antworten und Informationen bereitgestellt, die nach jedem Besuch das Gefühl vermittelten, einem Füllhorn an Informationen begegnet zu sein. Auch von Seiten der Befragten war zu spüren, wie gerne sie an diese Zeit zurückdachten. Nach anfänglicher Unsicherheit, keine Informationen nach solch einer langen Zeit garantieren zu können, erzählten sie mit Begeisterung. Ausnahmslos konnten alle Befragten wertvolle Berichte beisteuern. Skeptiker würden auf die Unzuverlässigkeit der Erinnerungen über große Zeiträume hinweg verweisen, doch für die Verlässlichkeit der Aussagen findet sich eine Erklärung in der Sozialpsychologie, die autobiographische Erinnerungen erforscht. Ohne diese Erinnerungen wäre ein kohärentes Konzept des Selbst nicht möglich. Wenn Menschen ihre Erfahrungen mitteilen sollen, bedienen sie sich meist aus Erinnerungen der näheren Vergangenheit. Hierbei gibt es jedoch zwei Ausnahmen: Ältere Erwachsene tendieren dazu eine große Anzahl an persönlichen Erinnerungen aus ihrer Adoleszenz und ihren jungen Jahren als Erwachsener zu ziehen. Dies geschieht aus der simplen Erklärung heraus, dass diese Jahre die ereignisreichsten im Leben eines Menschen sind. Die zweite Erklärung besteht darin, dass sich bei Individuen ihre „ersten Male“ besonders einprägen: der erste Schultag, der erste Arbeitstag, der erste Horrorfilm. Letzteres zählt eher zu den sogenannten flashbulb memories, die eigentlich mit dramatischen Ereignissen in Zusammenhang stehen, wie der Erinnerung, was man am 11. September 2001 getan hat.5 Solche extremen Erinnerungen traten während der Interviews nicht zu Tage. Traumatische Ereignisse, wie der Amoklauf 2012 in einem US-amerikanischen Kino in Aurora/ Colorado bei dem 12 Menschen starben und 58 Personen verletzt wurden, fanden glücklicherweise nicht statt. Nicht einmal der Mühlschutz, ein nahe gelegenes, damaliges Überschwemmungsgebiet,6 hat das Gebäude unter Wasser gesetzt und sorgte weder für nasse Füße noch für ruinierte Schuhe. Im Laufe der Befragungen zeigte sich, dass sich nicht unbedingt Extremfälle einprägen müssen. In einem individuellen Fall bleibt die Frage nach Kino und Traumatisierung durch das Gesehene und damit Erlebte ungeklärt, da die betroffene Person bereits verstor- 5 Vgl. Brehm et al., 1999: 65-66. 6 Vgl. Damasky, 2016: 116. I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 3 ben ist: Eine Interviewpartnerin erzählte von einem Film, den ihre Mutter unbedingt sehen wollte. Während einer Szene, die eine Herz- OP zeigte, fiel die Mutter in ihrem Sitz in Ohnmacht. Ob es nun für die Betroffene traumatisch war oder nicht, ihre Tochter scheint dies unter dem Aspekt der amüsanten Erinnerungen abgespeichert zu haben. Da extreme, kollektive flashbulb memories glücklicherweise in Bezug auf das Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg ausgeschlossen werden können, bleiben noch die zwei Ausnahmen bezüglich der autobiografischen Erinnerungen, die in dieser Arbeit beide greifen. Oftmals bezogen sich die Beschreibungen auf erste oder einprägsame Kinobesuche. Wie tiefgreifend solche Erinnerungen sein können, beweist die Aussage einer Zeitzeugin des Jahrgangs 1959. Sie erinnerte sich spontan daran, im Rex-Kino „Schneewittchen“ gesehen zu haben. Hinzu kommt, dass es sich bei ausschließlich allen Befragten um Erlebnisse handelt, die sich zwischen der Kindheit und dem jungen Erwachsenenalter ereigneten. Untersucht wurden die Erfahrungen und Erinnerungen von mehr als 30 Zeitzeugen, deren Geburtsjahre zwischen 1919 und 1959 liegen. Die Resultate der Interviews und Nachfragen, die zwischen Mai und September 2018 durchgeführt wurden, werden kontinuierlich eingeflochten und als Erfahrungsberichte herangezogen. Es ist hervorzuheben, dass das Jahr der Geburt nicht in Zusammenhang mit der Qualität der Erinnerungen zu sehen ist, sondern nur mit der Quantität. So beantwortete ein Interviewpartner des Jahrgangs 1953, der folglich nur als Kind das Kino erlebt hatte, eine Frage, die bis dahin niemand vor ihm beantworten konnte. Die Frage bezog sich auf die Herkunft einer Angestellten – diese war seine damalige Nachbarin. Die nun folgende Arbeit wird sich aus mehreren Teilen zusammensetzen. Ziel ist es die Lebenswirklichkeit des Dorfes zu fokussieren und Beispiele, die auf die urbane Lebenswelt abzielen, weitgehend au- ßer Acht zu lassen. Zunächst wird im zweiten Teil der Arbeit in Kapitel 1 ein Einblick in die Film- und Kinogeschichte gewährt, um theoretische Grundlagen zu schaffen und das Verständnis zu erleichtern. Dabei wird vorab die Entstehung der Filmtechnik, die Grundvoraussetzung eines jeden Films und somit eines jeden Kinos, kurz erläutert (Kapitel 1.1). Danach folgt ein kleiner Abriss über die Filmgeschichte von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre, da in Watzenborn- I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 4 Steinberg, vom Stummfilm bis zur damalig neusten Hollywood-Produktion, alle Filmgenres aller Jahrzehnte zur Aufführung kamen (Kapitel 1.2). Anschließend wird das deutsche Verleihsystem erklärt, das über die gezeigten Filme verfügte, und somit über das Programm der Lichtspielhäuser, auch in Watzenborn-Steinberg, bestimmte (Kapitel 1.3). Hier soll gezeigt werden, wie und warum der deutsche Film in den 1950er Jahren in die Krise geriet und Anfang der 1960er Jahre mit dem Bankrott kämpfen musste. Kapitel 2 widmet sich den Filmgenres. Im Vordergrund stehen der uramerikanische Western (Kapitel 2.1) und der typisch-deutsche Heimatfilm (Kapitel 2.2), da die befragten Zeitzeugen diese beiden Filmgattungen an oberster Stelle nannten und sich diese offensichtlich tief im kollektiven Gedächtnis der Kinogänger Watzenborn-Steinbergs verankert haben. Abschließend werden in Kapitel 2.3 weitere Filmgenres, insbesondere der 1950er und 1960er Jahre, die ebenfalls auf dem Programm in Watzenborn-Steinberg standen, knapp dargestellt. Der dritte Teil der Arbeit konzentriert sich auf die Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs von ihren Anfängen 1946 bis zur Planung des Rex-Filmtheaters 1954. Mit Kapitel 3.1 startet die Reise durch die kommunale Filmgeschichte. In riesen Konvois der Alliierten erreichten die bewegten Bilder die alte Volkshalle und standen dort den Soldaten zur Verfügung. Die Kinder des Dorfes erhielten durch deren Einladungen erstmals die Chance Filme zu sehen. Danach wird ein mehr oder minder geheimnisvolles Kapitel der Kinogeschichte Watzenborn-Steinbergs aufgeschlagen: das der AWO-Filmaufführungen in der alten Volkshalle (Kapitel 3.2). Es gibt duzende Niederschriften, die die Existenz dieses Lichtspieltheaters bestätigen, erinnern konnte sich indessen niemand. Dieses Teilkapitel nimmt sich zur Aufgabe den Scheinwerfer ins Dunkel zu werfen, um diese vergessene Geschichte zu rekonstruieren. An dieser Stelle wird auch erstmals Wilhelm Vogt, der spätere Besitzer des Rex-Filmtheaters, die Bühne betreten. Von dort aus zieht die Kinogeschichte in Kapitel 3.3 weiter in das Gasthaus „Zur Krone“ und mit ihr Wilhelm Vogt. Trotz des Provisoriums konnte sich das kleine Kino einer treuen Fangemeinde sicher sein, die es wöchentlich in die Filmvorstellungen lockte. Gemeinsam mit dem Wirt Robert Häuser III. bot Vogt ein Ladenkino, das technisch moderner ausgestattet war als die Volkshalle und neue Perspektiven bot. I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 5 Der vierte Teil behandelt die Geschichte des Rex-Filmtheaters von seinen Anfängen 1954 bis zur Schließung 1963. Wilhelm Vogt kümmerte sich seit 1947 um das Unterhaltungsprogramm der Watzenborn-Steinberger, doch die Zeitzeugen verbinden ihn nur mit dem Rex- Filmtheater. Daher soll er mit seiner Biographie erst in Kapitel 4 ins Rampenlicht treten, auch wenn er bereits zuvor immer wieder eine zentrale Rolle einnimmt. Dank seiner Schwiegertochter Regina Vogt, konnten wichtige Lücken seiner Vita geschlossen bzw. berichtigt werden. Außerdem halfen Urkunden, Steuerbescheide, Adressbücher und Verwaltungsdokumente bei der Rekonstruktion des Lebens Wilhelm Vogts und seiner Frau Elli. Bei der Sichtung dieser Dokumente war Erhard Eller vom Stadtarchiv Hungen maßgeblich behilflich. Danach rückt in Kapitel 5 das Rex-Filmtheater Watzenborn-Steinberg selbst in den Fokus. Zunächst beginnt der lange Weg von der Erschließung der Bachstraße bis zum ersten Spatenstich (Kapitel 5.1). Hier wird deutlich, wie gewieft Vogt Gläubiger vertrösten, hinhalten und schließlich mehr oder minder zufriedenstellen konnte. Aufgrund seines Durchhaltevermögens, das er trotz aller Widrigkeiten bewies, schaffte er es schließlich sein Rex-Filmtheater in Watzenborn-Steinberg in Rekordzeit zu bauen und zu Pfingsten 1955 zu eröffnen, wovon Kapitel 5.2 berichtet. Nach der Premiere richtet sich der Fokus auf den Alltag des Rex- Kinos (Kapitel 6). Dieses Kapitel basiert zu weiten Teilen auf den geführten Interviews, die in Form eines fiktiven Tages im Rex-Filmtheater verarbeitet werden. Es soll klar gestellt sein, dass Wilhelm Vogt an dieser Stelle fiktionalisiert wird. Um eine Sicht auf den Kinoalltag und die Besucher klarer vermitteln zu können, wird versucht, die Interviews anhand des stream of consciousness (Bewusstseinsstrom) zu verarbeiten. Dieser Ansatz wurde bewusst gewählt, um eine bessere Lesbarkeit zu erreichen und die Gefühle, Erwartungen und Haltungen der Zeitzeugen deutlicher darstellen zu können. Dabei unterliegen die hier dargelegten Erlebnisse der einzelnen Personen keiner chronologischen Abfolge. In der Realität ereigneten sich die Vorkommnisse nicht durchweg parallel und lagen teilweise Jahre auseinander. Kapitel 7 versucht den Grund der finanziellen Misere von Wilhelm Vogt und seiner Ehefrau Elli zu ermitteln. Die schlechten Finanzen des Rex-Filmtheaters lassen die hohen Hypothekenlasten sowie den stetig I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 6 eingehenden Strom von Rechnungen für laufende Kosten in den Mittelpunkt rücken. Zu diesen zählen insbesondere Vergnügungs- und Gewerbesteuer. Die Änderung des Vergnügungssteuergesetzes 1956 und die Verärgerung darüber, werden ebenso behandelt, wie der Groll Vogts, der sich als einer der Hauptsteuerzahler von der Gemeinde Watzenborn-Steinberg im Stich gelassen fühlte. In diesem Kapitel sollen beide Parteien mit Hilfe einer überlieferten Korrespondenz zu Wort kommen. Kapitel 8 befasst sich mit dem Ende des Rex-Filmtheaters. Hier werden die Gründe der Geschäftsaufgabe erläutert. Noch einmal haben die befragten Zeitzeugen das Wort. Ihre veränderte Lebenssituation wird als Erklärung für die Schließung des Rex-Kinos herangezogen. Im Zentrum der Betrachtung stehen dabei die neu aufkommenden Freizeitmöglichkeiten, Verlagerung der Arbeitsplätze und die aufkommende Mobilität in den Wirtschaftswunderjahren der 1960er Jahre. Es soll darüber hinaus auch das Bedauern über den Verlust dieser Kulturstätte vor Ort vermittelt werden. Schließlich soll das zweite Leben des Kinogebäudes nach der Geschäftsaufgabe kurz Erwähnung finden. Kapitel 9 nimmt den Leser mit auf einen kleinen Exkurs. Nachdem sich in Watzenborn-Steinberg ein Kino etabliert hatte, war die Gemeinde vom Filmfieber infiziert. Ein Werbebrief einer Produktionsfirma legte daher den Grundstein für eine Idee: Watzenborn-Steinberg sollte seinen eigenen Heimatfilm drehen. Verpflichtet wurde damals Helene Krehan, die eine Schmalfilmkamera besaß und bereits einige Aufnahmen des Dorflebens aus ihrem Archiv hervorholen konnte. Schließlich werden die Ergebnisse der Forschungsarbeit zusammengetragen und bewertet. Es sollen an dieser Stelle die Gründe für den Niedergang des kleinen Dorfkinos angeführt werden und weshalb es zukünftig keine Chancen mehr auf dem Markt hatte. Hier soll au- ßerdem deutlich werden, dass sich die Entscheidung für und gegen einen Kinobesuch nicht grundlegend in den vergangenen Jahrzehnten geändert hat und die Generationen, so unterschiedlich ihre Lebenswelten auch sein mögen, vieles verbindet. Im Anhang wird eine Übersicht der Filme, die im Rex-Filmtheater zwischen Juni 1955 und November 1963 aufgeführt wurden, zur Verfügung gestellt. Das erste Geschäftsjahr von Juni 1955 bis April 1956 weißt Lücken auf, da darüber keine detaillierten Vergnügungssteuer- I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 7 aufzeichnungen seitens der Gemeinde Watzenborn-Steinberg existieren. Erst ab Mai 1956 ist es möglich, alle Filme und Beifilmen sowie die dazugehörigen Einnahmen nachzuvollziehen – dank des neuen Vergnügungssteuergesetzes. Die Länge der Hauptfilme ist leider nur vereinzelt in den Abrechnungen zu finden. Auch der in den Interviews verwendete Fragebogen kann im Anhang nachgeschlagen werden. I. „Oma erzähl mal was von Früher“ 8

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Zusammenfassung

Die kommunale Kinogeschichte ist ein vielseitiger Forschungsgegenstand. Er reicht von den Wanderlichtspielen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Ladenkinos, die oftmals in Gaststätten untergebracht waren, bis zum Kino-Boom der 1950er und 1960er Jahre, im Zuge dessen selbst in kleinen Dörfern Filmtheater eröffneten.

Dieses Buch gewährt einen Einblick in die kommunale Kinogeschichte des ländlichen Raums. Im Fokus stehen hierbei die Wirtschaftswunderjahre. Mit Hilfe von Zeitzeugenberichten und Quellen kommunaler und privater Archive wird die Geschichte der Lichtspielhäuser paradigmatisch an dem Ort Watzenborn-Steinberg (Mittelhessen) nachvollzogen.

Der erste Teil des Buches verschafft zunächst einen allgemeinen Überblick über Filmgeschichte und Filmgattungen. Danach treten sozio-historische Hintergründe in den Fokus. Anhand des Werdegangs des Filmtheaterbetreibers Wilhelm Vogt wird der stetige Prozess vom provisorischen Ladenkino bis zum Bau eines modernen Filmtheaters mit allen technischen Raffinessen nachgezeichnet. Die Erfahrungsberichte der ortsansässigen Bevölkerung eröffnen einen ungeahnten Blickwinkel auf die herausragende Bedeutung eines Lichtspielhauses auf dem Dorf zu dieser Zeit. Wie veränderte das Filmtheater die Lebenswirklichkeit der Landbevölkerung? Welche Erinnerungen verbinden die Menschen mit ihrem Kino vor Ort? Haben sich in den letzten 70 Jahren die Gründe für einen Kinobesuch grundlegend gewandelt? Diese und weitere Fragen werden in diesem Buch beantwortet.