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NACHWORT in:

Helmut Breidenstein

Mozarts Tempo-System, page 246 - 246

Ein Handbuch für die professionelle Praxis

3. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4316-5, ISBN online: 978-3-8288-7201-1, https://doi.org/10.5771/9783828872011-246

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
246 Mozarts Tempo-System NACHWORT „Dem Mozart-Spieler ist eine Last der Vollkommenheit auferlegt, die über seine Kräfte geht." (Alfred Brendel669). Dem Forscher geht es nicht anders und die Herausgeber der Neuen Mozart Ausgabe können ein Lied davon singen. Ihnen kann nicht genug für ihre jahrzehntelange hingebungsvolle Arbeit gedankt werden; sie war die Grundlage meiner eigenen Untersuchungen. Mögen sie verzeihen, wenn ich mich dennoch verpflichtet fühlte, auf einige der unvermeidlich vorgekommenen Fehler hinzuweisen. In der so verdienstvoll digitalisierten Ausgabe, die online jede Partiturseite und ihren Kritischen Bericht nebenein ander kostenlos präsent hält, w ird es auch nach der unveränderlichen Drucklegung noch möglich sein, die Errata und fehlenden Angaben nach und nach aufzuarbeiten. Größere Aufmerksamkeit für die Takt sigel und Tempowörter würde der Praxis einen großen Dienst erweisen, die noch in allzu vielen Fällen Angaben fremder Hand für autograph halten muss. Gleichermaßen bitte ich um Nachsicht für meine eigenen Fehler. Von den 1.576 Sätzen mit autographer „Tempo"-Bezeichnung , die ich hier in 420 Modulen sortiert vorlege, habe ich sicher nicht wenige falsch eingeordnet; Leserinnen und Leser werden sie schon rot angestrichen haben. Die Listen sollten trotzdem gute Vergleichsmöglichkeiten bieten. Mein Ausgangspunkt auf einem seit 200 Jahren wenig bearbeiteten Feld war ein noch nicht als Datei erfasstes Puzzle von 2.727 Sätzen oder Satzteilen, die - bezeichnet oder unbezeichnet - ein neues Tempo haben. Meine erarbeitete Datenbank von über 100.000 Feldern mit al len relevanten Angaben zu jeder einzelnen Stelle hat sich als sehr brauchbares Werkzeug erwiesen. In fünf Jahrzehnten Forschens an diesem Thema mit ständiger Überprüfung der Ergebnisse in der Arbeit als Dirigent in Oper und Konzert mit Solisten, Orchestern und Chören, mit neuen Einsichten aus der Litera tur sowie schließlich Durchsicht des aktuellen Standes aller Kritischen Berichte der NMA online im Mai 2009 änderten sich manche meiner Einschätzungen, sodass sich die - ohnehin nebensächlichen - Anga ben zur Häufigkeit gewisser Tempobezeichnungen von denen in meinen Aufsätzen gelegentlich unter scheiden. Ein Team wäre nötig, die begonnene Arbeit zu konsolidieren, denn sicher ist klar geworden, dass dies erst der Anfang sein kann. 557 ,Tempo'-Bezeichnungen fremder Hand - anonym oder von Her ausgebern der NMA - harren einer vergleichenden Untersuchung m it dem hier vorgelegten autographen Material. Im riesigen Feld der Literatur über Mozart ebenso wie in den einschlägigen Fachkongressen wurde um das für die Praxis so außerordentlich wichtige Thema der Tempi mit seltenen Ausnahmen ein großer Bo gen gemacht— . Die z u s a m m e n g e s e t z t e n T a k t e , d e r , g r o ß e ' 4 / 4 wie der, s c h w e r e ' 3 / 4 , der R e z i t a t i v - T a k t und die v i r t u e l l e n T a k t w e c h s e l blieben unerörtert. Die umfangreiche Spezial-Li teratur zum M e n u e t t begnügte sich mit schlichtesten, auch falschen, Antworten auf die Frage seiner Tempi. Zum Thema der für einen „(logisch) richtigen Vortrag" so wesentlichen S p i e l a r t e n in ihrem Ver hältnis zu den übrigen Parametern des Vortrages gibt es fast gar keine Untersuchungen; der Interpret ist noch immer dem eigenen Gefühl, eigenen Experimenten und der von einer überwältigenden Fülle schon vorliegender Interpretationen beeinflussten „Intu ition" ausgeliefert. Natürlich sind Spielarten in keiner Weise systematisierbar; aber interessant wäre es schon, herauszufinden, welchen Vortrag einer Komposi tion Mozart im Sinn hatte, wenn er so sorgfältig, wie beschrieben, unter den Tausenden möglichen M o dulen aus Taktart+Notenklasse + Tempowort das geeignetste zur Bezeichnung wählte. Die Kenntnis ihrer Eigenschaften müsste Voraussetzung sein, um in Mozarts Tempo-System für das je weils vorliegende Stück, das vorhandene Ensemble und das eigene Temperament an diesem Tag in diesem Raum für dieses Publikum das richtige mouvement, die im weitesten Sinn richtige Bewegung zu finden. „The unending study of cross-relations between all types of composition w ill eventually bear fru it in performances of authenticity, w ithout any dry rot or pedantic historism."671 S Eventuelle Fragen beantwortet der Autor gerne im Gästebuch seiner homepage www.mozarttempi.de, in deren Impressum auch seine Kontaktdaten zu finden sind. 669 Alfred Brendel, „Ermahnungen eines Mozartspielers an sich selbst" (1985), in: Musik beim Wort genommen, 21995, S. 19. — Auf den über 500 Seiten des Standardwerks „Performance Practice. Music after 1600“ (Howard Mayer Brown and Stanley Sadie, London 1989) gibt es kein Stichwort „Tempo" (geschweige ein Kapitel); der sechstägigen Konferenz „Performing Mozart's Music" 1991 in New York war das für die Aufführung Wichtigste ebensowenig Thema wie den Mozart-Kongressen des Jubiläumsjahres 2006. 671 Erich Leinsdorf, The Composer's Advocate, 1981, S. 126.

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Zusammenfassung

Als Nachschlagewerk für die praktische Interpretationsarbeit von Musikern gedacht, bietet das Werk nach einer allgemeinen Darstellung der Tempobestimmung im 18. Jahrhundert ein Kompendium aller autograph bezeichneten Sätze Mozarts in 420 kommentierten Listen von Stücken gleicher Charakteristik, die einen Vergleich mit langsameren und schnelleren Sätzen ermöglichen, anschaulich gemacht durch 434 typische Notenbeispiele, sowie eine umfangreiche Sammlung aller relevanten Texte historischer Quellen.

Das Buch behauptet nicht, „die einzig richtigen Tempi“ für Werke Wolfgang Amadeus Mozarts zu kennen. Es möchte eine Hilfe sein beim unerlässlichen eigenen Suchen des Interpreten nach dem sowohl für das jeweilige Werk als auch für ihn selbst, sein Instrument, sein Ensemble, den Raum, das Publikum, den Charakter der Veranstaltung richtigen „wahren Mouvement“. Es geht davon aus, dass es einerseits kein absolutes „authentisches“ Tempo für Werke Mozarts geben kann, andererseits aber seine Tempobezeichnungen, da er sie mit großer Akribie vornahm, ebenso ernst zu nehmen sind wie die anderen Parameter seiner bekannt präzisen Notation.

Alfred Brendel nennt es in seinem Geleitwort „ein erstaunliches Werk“ und „eines jener seltenen und wichtigen Bücher, in denen Musik und Musikwissenschaft eine lebendige Verbindung eingehen, eine Lebensarbeit, die ein wenig beachtetes Feld erst wirklich zum Bewußtsein bringt. Sie tut dies unter Einsatz eines Verstandes, der nie den musikalischen Boden unter den Füßen verliert, einer kritischen Intelligenz, die sich nicht scheut, Fragliches beim ­Namen zu nennen, ohne sich dabei selbst für unfehlbar zu halten.“ – „Man kann Helmut Breidenstein nicht genug dankbar sein für die methodische Genauigkeit, die uns Mozart-Interpreten gestattet, sich leicht und mit Vergnügen zurechtzufinden.“ – „Sein Buch schärft die Wahrnehmung, es vermittelt den Überblick und sensibilisiert uns zugleich für den Einzelfall. Bewunderung und Dank.“