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RESÜMEE in:

Helmut Breidenstein

Mozarts Tempo-System, page 245 - 245

Ein Handbuch für die professionelle Praxis

3. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4316-5, ISBN online: 978-3-8288-7201-1, https://doi.org/10.5771/9783828872011-245

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Mozarts Tempo-System 245 RESÜMEE Mozarts Musik lässt sich nicht in ein simples Schema einpassen: die kombinierten Chiffren (oder Module) für den Vortrag - Taktart+ kleinste Notenklasse+ Tempowort - verlangen eine unendliche Vielzahl feiner Abstufungen. Diese Module haben jedes einen eigenen, speziellen, der Logik der aktuellen Auffüh rung folgenden Bewegungscharakter, einen eigenen Gestus, eigene Metrik, Spielart, Dynamik, Artikula tion, Bogentechnik, eigenes Tempo. Sie sind ein essenzieller Teil der musikalischen Syntax Mozarts und als nicht starr fixierbare ein ideales Darstellungsmittel: gleichzeitig anpassungsfähig, komplex und präzi se. Entschlüsselt helfen sie uns, seine aufs Papier gebannte Musik in reale Schwingungen zu befreien, in wirkliche Zeit, unsere Zeit. Tempo-, Artikulations- und Phrasierungsfragen gehen ja über Handwerkliches hinaus; sie fragen nach dem Sinn einer Musik, sie berühren die Basis ihrer Verkörperung. Jeder Musiker ringt täglich mit ihnen und die Antworten verändern die Werke für den Hörer oft fundamental. Nicht in alle Ewigkeit nach Quantz, nicht durch Bezug der Tempowörter auf Puls, Schritte, Pendelschwingungen, das Ticken der Ta schenuhr, durch Metronomziffern, Zeitdauern oder gar computergestützte Tempomessungen an Tonkon serven können sie beantwortet werden, sondern nur aus der jeweils vorliegenden Partitur und dem Ge samtwerk eines Komponisten vor dem Hintergrund des Epochenstils und in Bezug auf die aktuellen Auf führungsbedingungen. Musikalische Zeit ist menschliche Zeit, sie kann nicht durch unmusikalische Zeit, die kalte Zeit der Sterne, ausgedrücktwerden. „D ie spezifisch musikalische Zeit ist die Zeit, die die Musik ganz für sich allein hat, die Zeit, die mit dem Erklingenden der Musik entsteht und die es sonst nirgends gibt, ein Spiel, in dem die Dauern des Tönenden ein Gewebe von Zeitsetzungen entstehen lassen, weit über alles Gemessene und Meßbare hinaus. Musik ist Befreiung von der Ze it."666 Das ureigene Wesen der klassischen Tempi lässt alle Versuche scheitern, sie auf Vorgaben der realen Welt zu beziehen - und sei es die biologische Uhr. Metronomisierungen verfehlen klassische Musik prin zipiell; wie die Stecknadel dem aufgespießten Schmetterling nehmen sie den Werken ihre eingeborene Verwandlungsfähigkeit. Die Klassiker schaffen ein Reich geistiger Bewegung, und um diese, das „mouve m ent", nicht um die uns so sehr beschäftigende physikalische Geschwindigkeit geht es bei ihren „Tem po"-, oder richtiger: „Vortrags"-Anweisungen. „Man kann im Zeitmaß spielen, ohne in das mouvement zu gelangen, denn das Zeitmaß hängt nur von den Noten ab, das mouvement aber von Genie und Geschmack."— Jede Änderung des mouvement - sei es in Taktart, Notenklasse oder verbaler Bezeichnung - ist verursacht durch einen neuen Gedanken, eine neue Stimmung, eine neue dramatische Situation, einen neuen Teil der musikalischen Architektur. Im Gegensatz zur Affekt-Einheit des Barock ist in Haydns, Mozarts und Beethovens Sätzen und Satzfolgen Diskontinuität das Gestaltungsmittel - bis in die Struktur- und virtuel len Taktwechsel hinein; Zusammenhang, Gleichgewicht, stellen sie auf höherer Ebene her. Die Unterstel lung einer einfachen Proportion zwischen verschiedenen Tempi, bei der sich ja lediglich die Notations weise ändert, nivelliert dies in künstlerischer Selbstblockade zugunsten einer papierenen Maschinerie.— Perfektion des Zusammenspiels bei Übergängen, die damit garantiert wird, ist eine Obsession des mo dernen Dirigenten; im 18. Jahrhundert hatte man damit ebenso wenig Probleme wie Solisten und Kam mermusiker heute, den Sinn der Musik betrifft sie in keiner Weise. Wie alle große Kunst erinnert große klassische Musik daran, dass fern vom rationalen 1 =1 die Fülle des Lebens auf 1^1 beruht. 666 Kompiliert aus: Hans Heinrich Eggebrecht, „Zeit", in: Die Musik und das Schöne, 1997, S. 172-180. — Jean Rousseau: „On peut joüer de mesure sans entrer dans le mouvement, parce que la mesure depend seulement de la Musique; mais le mouvement depend du genie & du bon goüt." (Traite de la 'Viole, 1687, S. 66.) — „The exclusive search for unity (which is fundamentally a theological rather than a purely musical concern) may blind the analyst to the many .irrational' factors that seem to be fighting against unity." (Neal Zaslaw, Mozart's Symphonies, 1989, S. 532).

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Zusammenfassung

Als Nachschlagewerk für die praktische Interpretationsarbeit von Musikern gedacht, bietet das Werk nach einer allgemeinen Darstellung der Tempobestimmung im 18. Jahrhundert ein Kompendium aller autograph bezeichneten Sätze Mozarts in 420 kommentierten Listen von Stücken gleicher Charakteristik, die einen Vergleich mit langsameren und schnelleren Sätzen ermöglichen, anschaulich gemacht durch 434 typische Notenbeispiele, sowie eine umfangreiche Sammlung aller relevanten Texte historischer Quellen.

Das Buch behauptet nicht, „die einzig richtigen Tempi“ für Werke Wolfgang Amadeus Mozarts zu kennen. Es möchte eine Hilfe sein beim unerlässlichen eigenen Suchen des Interpreten nach dem sowohl für das jeweilige Werk als auch für ihn selbst, sein Instrument, sein Ensemble, den Raum, das Publikum, den Charakter der Veranstaltung richtigen „wahren Mouvement“. Es geht davon aus, dass es einerseits kein absolutes „authentisches“ Tempo für Werke Mozarts geben kann, andererseits aber seine Tempobezeichnungen, da er sie mit großer Akribie vornahm, ebenso ernst zu nehmen sind wie die anderen Parameter seiner bekannt präzisen Notation.

Alfred Brendel nennt es in seinem Geleitwort „ein erstaunliches Werk“ und „eines jener seltenen und wichtigen Bücher, in denen Musik und Musikwissenschaft eine lebendige Verbindung eingehen, eine Lebensarbeit, die ein wenig beachtetes Feld erst wirklich zum Bewußtsein bringt. Sie tut dies unter Einsatz eines Verstandes, der nie den musikalischen Boden unter den Füßen verliert, einer kritischen Intelligenz, die sich nicht scheut, Fragliches beim ­Namen zu nennen, ohne sich dabei selbst für unfehlbar zu halten.“ – „Man kann Helmut Breidenstein nicht genug dankbar sein für die methodische Genauigkeit, die uns Mozart-Interpreten gestattet, sich leicht und mit Vergnügen zurechtzufinden.“ – „Sein Buch schärft die Wahrnehmung, es vermittelt den Überblick und sensibilisiert uns zugleich für den Einzelfall. Bewunderung und Dank.“